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Dieses Thema hat 104 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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Gubanov Online




Beiträge: 14.848

28.02.2016 13:50
#46 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten




Das letzte Weekend (Desyat negrityat)

Thriller, SU 1987. Regie und Drehbuch: Stanislav Govorukhin (Buchvorlage „Ten Little Niggers“, 1939: Agatha Christie). Mit: Aleksandr Kaydanovskiy (Captain Philip Lombard), Tatyana Drubich (Vera Elizabeth Claythorne), Vladimir Zeldin (Richter Lawrence John Wargrave), Aleksey Zharkov (William Henry Blore), Anatoliy Romashin (Dr. Edward George Armstrong), Lyudmila Maksakova (Emily Caroline Brent), Mikhail Gluzskiy (General John Gordon Macarthur), Aleksey Zolotnitskiy (Thomas Rogers), Irina Tereshchenko (Ethel Rogers), Aleksandr Abdulov (Anthony James Marston) u.a. Uraufführung (SU): 1987. Eine Produktion der Odessa Film Studios.

Zitat von Das letzte Weekend
Die zehn Fremden, die auf die einsame Negerinsel reisen, um dort ein Wochenende mit alten Freunden zu verbringen, treffen keinen der versprochenen Gastgeber an. Stattdessen werden sie mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert: Für Verbrechen, die sie vor dem Gesetz bislang verbergen konnten, sollen sie nun büßen. Ohne Verbindung zum Festland hilflos einem kaltblütigen Scharfrichter ausgeliefert, der seine Urteile nach Vorbild eines bekannten Kinderlieds vollstreckt, verliert einer nach dem anderen Gesicht, Verstand und Leben. Solange, bis kein Sünder mehr übrig ist ...


Die unabänderliche Vollstreckung einer überhöhten Gerechtigkeitsfantasie macht Agatha Christies „Zehn kleine Negerlein“ zu einem der spannendsten Thriller, die jemals zwischen zwei Buchdeckel gebunden wurden. Die Geschichte lebt von einer Kombination der tödlichen Konsequenz des Täters mit der ausweglosen Falle, in die er seine Opfer gelockt hat: Mag man Christie auch unterstellen, den modus operandi eines beschränkten Schauplatzes ohne Fluchtmöglichkeiten zu einem Standardkniff ihrer Geschichten gemacht zu haben, so erweist sich dieses Merkmal doch nirgends sonst als so zentral und plotrelevant wie im Fall der von der Außenwelt abgeschnittenen Negerinsel. Dieser verleiht die russische Produktion eine bizarre, beinah außerweltliche Anmutung: Weit von den gemäßigten Gefilden einer südenglischen Küstenlandschaft entfernt, erhebt sich die Insel schroff und unheilvoll über dem platten Meer – dieser Inbegriff der Abgeschiedenheit und Unheimlichkeit bedarf keiner andauernden wilden Stürme; schon ein Blick auf den in die blanken Felsen gehauenen Treppenpfad und das schräg auf den Klippen thronende Anwesen sagt mehr als genug. In Anlehnung an den Wettbewerb der „Hund von Baskerville“-Filme, möglichst gruselige Hunde aufzubieten, scheint „Das letzte Weekend“ im Wettbewerb der gruseligsten Negerinsel schon uneinholbar vorn zu liegen.

Es sollte zu denken geben, dass die einzige originalgetreue Filmproduktion, die im ersten Dreivierteljahrhundert nach Veröffentlichung des weltberühmten Romans entstand, weder den Engländern noch den Amerikanern zuzusprechen ist. Die in den 1980er Jahren auch mit einer vielbeachteten Sherlock-Holmes-Serie aufwartenden Russen sind es, die sich der Vorlage zum ersten Mal wirklich ernsthaft annehmen – und im Gegensatz zu Vasily Livanovs Baker-Street-Abenteuern stört das exotisch Fremde der osteuropäischen Dramaturgie bei den „Negerlein“ keineswegs. Es ist gerade jene rauhe, direkte Art des Filmens, die in ihrer Sachlichkeit die Härte des Stoffes ungeschönt erfasst. Zugleich traut Regisseur Govorukhin der stabilen Story so weit über den Weg, sie nicht auf Windschnittigkeit und die Anbiederung an herkömmliche Sehgewohnheiten zu trimmen – sperrige, überlange Einstellungen lassen den Zuschauer förmlich in die angespannte Atmosphäre eintauchen; dass auch Unwesentlichkeiten in aller Ausführlichkeit gezeigt werden, bewirkt ein im Rahmen dieses Stoffes besonders beunruhigendes Gefühl der Realitätsnähe und Authentizität.

Zugleich kann man den Russen nicht vorwerfen, sie hätten das britische Material in der sich dem Ende neigenden Phase des Kalten Krieges mit politischen Motiven durcheinandergebracht. Die durchaus zahlreich vorhandenen Möglichkeiten, die Geschichte zu einem anti-englischen Lehrstück auszubauen (Selbstjustiz als einzige Option der Gerechtigkeit, wenn die staatlich organisierte Strafverfolgung und Justiz so dramatisch versagen), werden nicht einmal eines Blickes gewürdigt. Stattdessen bemüht sich Govorukhin um eine beispielhafte Charakterisierung der zehn Verfolgten, die unter seiner Ägide plastisch und individuell perfekt abgestimmt erscheinen. Es erübrigt sich daher, einzelne Schauspieler gesondert hervorzuheben: Der Cast – sozusagen wie aus einem Guss – entspricht genau den Anforderungen des Buches.

In die sachliche Studie der enormen Drucksituation schleicht sich gen Ende dann doch noch eine Prise jener erwarteten russischen Schwermut ein: Das Duell der verbliebenen zwei Negerlein, der Strick auf dem Zimmer und die von Pathos durchtränkten Erläuterungen des Täters setzen den Schlusstrich unter diese Produktion auf eine beinahe feierliche Art und Weise. Der Film entlässt den Zuschauer ohne musikalischen Ausklang und damit völlig ohne jeden emotionalen Ausgleich aus seinem unvergleichlich spannenden Finale. Eine sehr enge Annäherung an eine perfekte Adaption des Christie-Meisterwerks!

Die am schwersten zu verdauende und damit dem finsteren Roman am nächsten liegende Adaption „Das letzte Weekend“ weist fast schon epische Ausmaße auf. Die sehr eigene, in gemäßigtem Tempo vorgenommene Schilderung der Ereignisse erlaubt eine kontinuierliche Steigerung von Suspense und Verderben, ohne je theatralisch zu wirken. Die unaufgeregte Umsetzung der Spielzeit in den 1930ern macht die eher unenglischen Einflüsse dieser russischen Produktion wieder wett. 5 von 5 Punkten.



[ Weitere Besprechungen des Films finden sich in diesem Thread. ]

Fakten und Trivia zu „Das letzte Weekend“

* Als prominent besetzte Großproduktion regte „Desyat negrityat“ ähnlich wie die britischen Poirot-Verfilmungen der 1970er Jahre weiteres cineastisches Interesse an den Stoffen der Kriminalautorin im Herstellungsland an. 1990 wurden Adaptionen von „Das Haus an der Düne“ (Zagadka Endkhauza) und „Die Mausefalle“ (Myshelovka) aufgeführt.

* Bei der deutschen Fassung unter dem Titel „Das letzte Weekend“ handelt es sich um eine DEFA-Synchronisation, die den Film in Anbetracht seiner überbordenden Länge um verschiedene Szenen kürzt. Hiervon sind einfache Dialogszenen (z.B. während des russischen Vorspanns) ebenso betroffen wie inhaltlich und vor allem inszenatorisch bedeutsame Traumsequenzen, in denen Philip Lombard und Emily Brent vom „Fluch ihrer bösen Taten“ heimgesucht werden.

* Der Schauspieler Vladimir Zeldin feierte 2015 seinen 100. Geburtstag und trat im selben Jahr in der russischen Komödie „Run Away, Catch, Fall in Love“ auf. Mittlerweile ist er 101 Jahre alt. In „Das letzte Weekend“ wird Zeldin von Rathbone-Holmes-Sprecher Walter Niklaus synchronisiert.

patrick Online




Beiträge: 2.773

28.02.2016 13:51
#47 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Desyat Negrityat (Das letzte Weekend, 1987)



Desyat Negrityat
Directed by Stanislav Govorukhin
Written by Novel: Agatha Christie
Screenplay: Stanislav Govorukhin

Starring: Vladimir Zeldin, Tatyana Drubich, Alexander Kaidanovsky, Aleksei Zharkov, Anatoli Romashin, Lyudmila Maksakova, Mikhail Gluzsky, Aleksei Zolotnitsky, Irina Tereshchenko, Aleksandr Abdulov, Igor Yasulovich

Music by Nikolai Korndorf
Cinematography: Gennadi Engstrem
Edited by Valentina Olejnik
Release date: 1987
Running time: 137 min
Country: Soviet Union
Language: Russian


Ich muss gestehen, dass sich seit der ersten Sichtung 2014, worüber ich im Thread "Desyat Negrityat" berichtet habe, an meiner Bewertung des Films nicht wirklich was verändert hat, weshalb mir an dieser Stelle nicht mehr einfällt, als mich selbst zu zitieren:

Handlung:

10 Personen werden aus unterschiedlichen Gründen von einem mysteriösen Mr.Owen zu seinem, in einen Felsen hineingebauten, Haus auf der verlassenen „Negerinsel“ beordert. Nach ihrer Ankunft müssen die einander Unbekannten feststellen, dass Mr.Owen gar nicht anwesend ist, sondern lediglich ein als Hausdiener engagiertes Ehepaar, das vor den anderen angekommen ist und ebenfalls zum erlesenen Kreis gehört. Plötzlich ertönt eine krächzende Stimme aus einem Lautsprecher, die alle Anwesenden eines schweren Verbrechens anklagt. Bald darauf werden die ersten Ankömmlinge von einem Unbekannten ermordet und die noch Lebenden müssen erkennen, dass der Täter sich dabei an den Kinderreim „Zehn kleine Negerlein“ hält und offenbar einer von ihnen selbst ist, nur wer? Angst und gegenseitige Verdächtigungen machen sich daraufhin breit…

Umsetzung:

Da ich den Roman nie gelesen habe, war ich an der kompromisslosen russischen Umsetzung besonders interessiert. Ich muss sagen, dass diese Sichtung für mich eine große Bereicherung war. Hier gibt es keinen Helden und keinen Strahlemann, vor allem aber kein Happy-End. Die Aussage "And then they were none" ist wörtlich zu verstehen.

Lombard ist, im Gegensatz zu seinen Kollegen aus diversen früheren Verfilmungen, ein finsterer, wenig attraktiver Typ. Die Besetzung der Vera Claythorne durch die hübsche Tatyana Drubich (geb.1960) finde ich, neben jener durch Maeve Dermody in der jüngsten BBC-Miniserie von 2015 und jener durch die hervorragende Shirley Eaton, die beste Interpretation dieser Rolle und natürlich um Welten besser als die farblose 1974er-Performance von Elke Sommer. Die Beziehung zwischen Lombard und Claythorne ist hier weniger romantischer Natur. Lombard verführt Vera anfangs mit Gewalt und diese unterwirft sich ihm schließlich aufgrund ihres Schutzbedürfnisses. Ein Knistern zwischen beiden ist nie spürbar.

Dass sich die bisherigen Verfilmungen alle eines beschönigten Happy Ends bedienten ist wohl daraus verständlich, dass bei einer so kompromisslosen Umsetzung zwangsläufig einiges gezeigt wird, was für viele, vor allem in früherer Zeit, zu starker Tobak gewesen sein dürfte. Präsentiert werden als „Leading-Characters“ keine moralisch untadeligen Helden, dafür aber ein waschechter Verbrecher und eine von großen Schuldgefühlen geplagte Schönheit, deren Untat im Rückblick gezeigt wird. Wir sehen einen netten Jungen, der mit seinem Hund spielt, bevor er von Vera bewusst in den Tod geschickt wird. Diese Szene ist dazu angetan große Trauergefühle zu erwecken. Damit ist der Film für ein Kinopublikum, das zumindest am Schluss schöne heile Welt mit Happy-End sehen will, wenig geeignet. Die Stimmung selbst ist sehr düster, wobei ich sagen muss, dass die Inszenierung und die Bilder etwas dunkler und gruseliger hätten ausfallen können, was allerdings Geschmackssache ist. Die Insel selbst ist recht gut eingefangen. Die mittlerweile erschienene BBC-Miniserie von 2015 hat das Thema allerdings noch weiter ausgebaut und nochmal deutlich attraktiver umgesetzt. Der aufmerksame Betrachter kann übrigens ganz zu Beginn des Films das Gesicht des Täters erkennen, dass sich auf der Unterlage spiegelt, als er die Negerfiguren aufstellt.

Fazit:

Als recht gelungene und absolut werkgetreue, aber nicht sehr bekannte, Verfilmung des Stoffes ein klarer Geheimtipp. 4 von 5.

Gubanov Online




Beiträge: 14.848

03.03.2016 21:10
#48 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten



And Then There Were None (Teile 1 bis 3)

@patrick und ich haben die Episoden 1 bis 3 des BBC-Mehrteilers von 2015 im Thread Agatha-Christie-Projekte zum 125. Geburtstag 2015 (3) besprochen. Als TV-Produktion gehört diese Neuverfilmung zwar zum „Negerlein“-Universum, aber nicht in diesen Kinofilm-Thread, weshalb wir uns für externe Berichte entschieden haben. Hier nur der Hinweis zwecks Vollständigkeit.

„And Then There Were None“ besticht durch eine düstere, romannahe Atmosphäre und eine exzellente Besetzung, wobei die Negerlein nicht nur als Gäste auf der Insel auftreten, sondern auch ihre Verbrechen der Vergangenheit in Rückblenden geschildert werden. Das Drehbuch nimmt es hier und da nicht besonders genau mit der Vorlage, als Gesamtpaket bietet der Mehrteiler aber spannende und aufrüttelnde Unterhaltung bester britischer Fernsehmanier.

Prisma Offline




Beiträge: 7.468

06.03.2016 14:47
#49 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten


MORD IM SPIEGEL

● THE MIRROR CRACK'D / MORD IM SPIEGEL (GB|1980)
in den Hauptrollen: Angela Lansbury, Geraldine Chaplin, Tony Curtis, Edward Fox, Rock Hudson, Kim Novak und Elizabeth Taylor
mit Wendy Morgan, Margaret Courtenay, Charles Gray, Anthony Steel, Marella Oppenheim und Maureen Bennett
eine Produktion der EMI Films | G.W. Films | im Verleih der Neue Constantin Film
nach dem Kriminalroman von Agatha Christie
ein Film von Guy Hamilton





»Weißt du dass nur zwei Dinge existieren, die ich nicht an dir mag? ...Dein Gesicht!«


In dem kleinen englischen Ort St. Mary Mead findet ein wahrhaftiges Happening statt. Ein Filmteam aus Hollywood hat sich angemeldet um einen Film über das Leben der Maria Stuart abzudrehen. Die Hysterie ist groß und der Empfang der Filmdiva und Hauptdarstellerin Marina Gregg (Elizabeth Taylor) ist furios. Schon beim Gala-Empfang kommt es zu kleineren Zwischenfällen, als Marina und ihre Erzfeindin und Schauspiel-Kollegin Lola Brewster (Kim Novak) aufeinandertreffen und sich am liebsten die Augen auskratzen würden. Plötzlich aber hält jeder der Gäste den Atem an, denn es ist ein rätselhafter Mord an einer völlig unbeteiligten Frau geschehen. Sie wurde vergiftet. Hat es das richtige Opfer getroffen, oder galt der Anschlag eigentlich Marina Gregg? Um den nebulösen Fall zu klären, taucht Inspektor Craddock (Edward Fox) von Scotland-Yard auf der Bildfläche auf, doch schnell muss er bemerken, dass er allseits auf hohe Widerstände trifft. Zum Glück kann er auf die Kombinationsgabe seiner Tante Jane Marple (Angela Lansbury) bauen, die die Zusammenhänge langsam entwirren kann...

In der Liste der persönlichen Lieblingsfilme kriminalistischer Natur darf Guy Hamiltons Agatha Christie-Adaption selbstverständlich nicht fehlen. Eine solche, ganz persönliche Liste ist mitunter geprägt von Filmen, die eigentlich keine großen Meisterwerke oder Klassiker darstellen, zu denen man aber einen ganz besonderen Draht verspürt, und das von Anfang an. "Mord im Spiegel" ist so ein klassischer Fall. Zwar ist die Inszenierung vielleicht lediglich als ambitioniert zu bezeichnen, aber im Grunde genommen hervorragend aufgebaut, wenngleich es sicherlich genügend Luft nach oben gegeben hat. Der Haupt-Knackpunkt ist vermutlich die Präsentation der Titelrolle, die neben der dominierenden Interpretation einer Elizabeth Taylor eher zur Nebenrolle abqualifiziert wirkt, was selbst mich anfangs eher gestört, und gleichzeitig insofern entlarvt hat, dass Vergleiche zu den Verfilmungen mit Margaret Rutherford gezogen wurden, was man sich hier unbedingt, oder eher generell sparen sollte. Der Film war gleich bei der ersten Ansicht sehr faszinierend, da es verborgene Höchstleistungen in nahezu allen Bereichen zu finden gibt. Da wären natürlich die beteiligten Interpreten zu nennen, vor allem aber wirken die scharfzüngigen Dialoge und die brillanten Charakterzeichnungen restlos überzeugend, überhaupt ist es bei jeder neuen Ansicht so, dass es immer wieder etwas Neues entdecken kann. Die Ausstattung und das Setting wirken recht klassisch, die handwerkliche Verarbeitung hält Kniffe bereit, die für breite Zustimmung sorgen und bei der ersten Konfrontation mit dieser mysteriösen Geschichte tappt man im Dunkeln, obwohl es einem so vorkommt, als könne man den Mörder direkt beim Namen nennen. Das Raffinierte an der Erzählung ist, dass sich die Hintergründe nur langsam erschließen, was einen gelungenen Spannungsbogen inmitten der eigentlichen Idylle offeriert und im Endeffekt ist diese straffe Assoziationskette daher als beinahe perfekt zu bezeichnen.

Das Konzept, wenn Schauspieler im selben Film auch Schauspieler zu interpretieren haben, bietet hier einen besonders starken Reiz. Im besten Fall sieht man somit nämlich eine wesentlich höhere Präzision bei erschwerter, weil doppelter Anforderung, und das ist in "Mord im Spiegel" definitiv ausfindig zu machen. So ist es vollkommen logisch, mit der eigentlichen Hauptrolle des Szenarios zu beginnen, nämlich mit Elizabeth Taylor. Sie bekommt die große Bühne gleich im zweifachen Sinne geebnet und es bleibt anzumerken, dass ich sie vor dieser Rolle immer als ziemlich uninteressant empfunden hatte, was sich hier allerdings schlagartig änderte. Als Marina Gregg jongliert sie nämlich mit ihrem eigenen, hinlänglich bekannten Image und lässt die Schauspielerinnen Taylor/Gregg ineinander übergehen. Die allerbesten Zeiten liegen bei der einen weit, und bei der anderen noch weiter zurück, das Thema Konstitution und Comeback werden hemmungslos angeschnitten, Allüren, wütende und temperamentvolle Ausbrüche, aber auch zerbrechliche und labile Tendenzen sind an der Tagesordnung, ja, und was wäre eine richtige Diva, wenn sie ihrem jeweiligen Gegenüber nicht auch im Alltag ihre Rollen von einst aufzutischen versuchte? Elizabeth Taylor löst diese Aufgabe einfach nur großartig. Ihre Auftritte wurden ab Mitte der Siebziger Jahre sporadischer, 1980 war "Mord im Spiegel" sogar ihre einzige Arbeit fürs Kino. Bei Marina Gregg liegt dies alles schon ein bisschen weiter zurück. Sie fürchtet sich insgeheim vor einem Comeback das missglücken könnte, man sieht ihr die große Angst an, dass die Leute sie vergessen und abgeschrieben haben könnten, aber es wird mit perfekter Gestik und Mimik überspielt. Als Zuschauer ist man jedenfalls hin- und hergerissen wegen ihrer launischen und undurchsichtigen Performance, was allerdings heißt, dass man haufenweise große Momente serviert bekommt und darauf wartet, dass ihre Maske irgendwann fällt.

Das ist vor allem der Fall wenn sie Lola Brewster alias Kim Novak in die Hände fällt. Bereits die erste Begegnung ist ein herrlicher Schlagabtausch der die Luft zum brennen bringt, und sie nach Gift und Galle riechen lässt. Die beiden Rivalinnen hassen sich wie die Pest und untermauern dies mit überaus zynischen Kommentaren, die bevorzugt unter die Gürtellinie der anderen gehen. Novak spielt ebenfalls ausgezeichnet, da sie das Kunststück hinbekommt, eine durchschnittliche Schauspielerin und eine affektierte, oberflächliche und recht einfältige Frau darzustellen, die als Waffen ihre weiblichen Attribute gewinnbringend einsetzen konnte. Wo sie noch über die mittlerweile schwerfällige Verfassung ihrer Kontrahentin lästert, sieht sie noch etwas frischer aus, weil sie dem Vernehmen nach den Zahn der Zeit immer wieder hat korrigieren lassen. Da sie mit einem bekannten Produzenten verheiratet ist, hat sie schließlich noch eine Karriere, auch dass sie offenbar ein Flittchen ist, wird des Öfteren (sogar von ihr selbst) angedeutet und in manchen Situationen, insbesondere bei der Befragung durch die Polizei, verliert sie die Kontrolle und zeigt ihr ordinäres, und eigentlich wahres Gesicht. Klasse! Geraldine Chaplin wirkt wie eine graue Maus zwischen all dem Glamour und hemmungslosen Selbstinszenierungen, aber sie stellt ein offenes und ehrliches Sprachrohr in dieser Scheinwelt dar. Im Film selbst fällt ein Kommentar über sie, das den Nagel absolut auf den Kopf trifft, sie sei »attraktiv in einer Art die unberechenbar ist«. Warum hat sie ihre besten Jahre als Assistentin des Regisseurs Rudd und Marina Greggs Mann verschenkt? Es ist die Hoffnung auf mehr, die sie Durchhalten lässt, denn ganz offensichtlich besteht eine intimere Beziehung zwischen den beiden. Die schön voneinander differenziert wirkenden Charaktere machen jedenfalls ein Spektakel aus dem ohnehin hochinteressanten Verlauf, der das mehrmalige Anschauen stets rechtfertigt.

Angela Lansburys Darstellung der Miss Marple soll relativ nahe an der Romanvorlage sein, was sich allerdings meiner Kenntnis entzieht. Lansbury ist eine besonders qualifizierte und überzeugende Interpretin und darüber hinaus eigentlich nahezu perfekt für die Darstellung der Miss Marple. Auch holt sie das Optimum aus ihrer zugegebenermaßen, vom Drehbuch stiefmütterlich behandelten Rolle heraus. In St. Mary Mead ist sie ganz offensichtlich eine Instanz die von den Bewohnern geschätzt und respektiert wird, was sich gleich zu Beginn des Films deutlich zeigt. Dieser ist übrigens sehr originell, da er in Schwarz/Weiß, und in einem Kriminalfilm im örtlichen Kino beginnt und Miss Marple den Zuschauern mit ihrer wachen Kombinations- und Auffassungsgabe auf die Sprünge helfen muss. Zu kritisieren ist, dass sie den Fall quasi aus dem Off, sprich, dem "Krankenbett" lösen wird, daher nur wenig oder gar keinen Kontakt mit den Hauptverdächtigen hat. Ansonsten ist ihre alternative Interpretation der Hobby-Detektivin sehr gelungen und empfiehlt sie für ihren späteren Dauerbrenner "Mord ist ihr Hobby". Die Herren der Schöpfung wirken insgesamt ziemlich untergeordnet und haben dementsprechend die vermeintlich schwächeren Parts erwischt, was man allerdings bei diesem Star-Aufgebot relativ sehen sollte. Edward Fox' ebenfalls gänzlich alternative Interpretation des Inspektors benötigt vielleicht eine längere Anlaufzeit, um im Endeffekt zu funktionieren, doch man lernt die sehr gelungene Zeichnung des, im wahrsten Sinne des Wortes Fuchses, schätzen. Er ist durch und durch ein Gentleman mit allen dazugehörigen Attributen, er behandelt seine Verdächtigen höflich und mit Respekt, daher wird der von ihnen und vom Zuschauer auch lange unterschätzt, bis er mit den besten Manieren zuschnappt und teils heftige Reaktionen hervorruft, wie beispielsweise von Lola Brewster, die ihm nur noch hinterher brüllt: »Ich scheiß auf Scotland-Yard!«. Das internationale Star-Karussell dreht sich mit Rock Hudson und Tony Curtis natürlich weiter, wenn auch nicht ganz so spektakulär. Insbesondere Curtis' Rolle geht ein wenig inmitten der übermächtig wirkenden Konkurrenz unter, dennoch bringt er eine Zeichnung des Produzenten zustande, wie man ihn sich mit all den dazu gehörenden Klischees vorstellt. Hudson als Regisseur wirkt weitgehend ambivalent. Man nimmt ihm die tiefe Zuneigung zu seiner Frau unbedingt ab, aber eben nicht die bedingungslose Treue. Insgesamt sind alle Beteiligten, besonders aus der Hollywood-Clique, undurchsichtig, aber offensichtlich miteinander verstrickt, und es entstehen versteckte Hinweise, die den Täter dort ausmachen könnten.

So muss man schon sehr genau zuhören, um die Bruchstücke dieses Spiegels zusammensetzen zu können. Dass eine unbeteiligte Frau ermordet wurde, zwingt einen diffusen Verdacht in jede Himmelsrichtung, später wird es präziser, aber man kann das Puzzle ohne Miss Marples' Hilfe zunächst unmöglich deuten. Es bekommt der Inszenierung sehr gut, dass das finale Puzzlestück in diesem Cluedo bis zum bitteren Ende hinausgezögert wird. Selbst dass letztlich immer wieder sehr melodramatische Komponenten zusammenkommen, kleidet die Geschichte angemessen, denn der recht tragische Fall von Mord als erstes Mittel der Wahl wirkt auch nicht gerade herkömmlich. Es entsteht zugegebenermaßen eine ganz eigenartige Variante der Vorhersehbarkeit im Rahmen eines Mordes ohne Motiv, der klare Aufbau trägt zum späten Verständnis bei und sorgt für einen Twist, der eigentlich keiner ist, aber dennoch als solcher wahrgenommen wird. Begrüßenswert bei Hamiltons Beitrag ist, dass überaus klassische Elemente eine ansprechende Symbiose mit modernen, oder vielleicht eher zeitgemäßen Inhalten eingehen konnten. Englische Ruhe und provinzielles Flair werden durch eine Horde Hollywood-Vandalen gestört, was in jeder Hinsicht gut eingefangen wurde. Die Bildkomposition ist hervorragend, sie hebt Edles und Gewöhnliches nach Herzenslust vor, was nicht nur für die Settings gilt, sondern auch für die Charaktere. Musikalisch gesehen gibt es sehr Einprägsames und es ist in jedem Moment ein Genuss, zuzuhören, vor allem auch im akustischen Bereich wenn besonders wichtige Momente eingefangen werden. Insbesondere die Schlüsselszene dieser Produktion gehört zu meinen persönlichen Favoriten der großen Film-Momente. Die stechende Akustik, die Blitzmontage der Bilder und der Personen sorgt für einen atemberaubenden Moment, der sich in den umher stehenden Beteiligten widerspiegelt. Großartig! "Mord im Spiegel" ist immer wieder gerne gesehen, im Szenario lässt sich alles zwischen Durchschnitt und großem Kino ausfindig machen, aber einer der persönlichen Lieblingsfilme muss wohl stets etwas Großartiges an sich haben, egal ob Luft von unten oder von oben geschnuppert werden kann. Eines bleibt jedoch unbestritten, dass diese Produktion kleine Lehrstunden in Sachen Dialoge wie Peitschenhiebe, Star-Kino der Extraklasse und besonderer Unterhaltung mit Whodunit-Bonus liefert.

Gubanov Online




Beiträge: 14.848

06.03.2016 15:45
#50 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Zitat von Prisma im Beitrag #49
Lansbury ist eine besonders qualifizierte und überzeugende Interpretin und darüber hinaus eigentlich nahezu perfekt für die Darstellung der Miss Marple. Auch holt sie das Optimum aus ihrer zugegebenermaßen, vom Drehbuch stiefmütterlich behandelten Rolle heraus.

Dieser Meinung bin ich als bekennender Angela-Lansbury-Fan auch, wenngleich unter Agatha-Christie-Anhängern die einhellige Meinung zu bestehen scheint, dass sie eine eher schwache Miss Marple war. Das kann an der relativ kurz nach "Mord im Spiegel" begonnenen BBC-Serie mit Joan Hickson, die der Originalfigur naturgemäß noch einmal deutlich ähnlicher ist (denn während Lansbury ein passendes Naturell hat, ist sie optisch alles andere als miss-marple-typisch), liegen. Andererseits aber eben auch an dem erwähnten Umstand, dass "Mord im Spiegel" eher ein Elizabeth-Taylor-Vehikel als ein vollwertiger Miss-Marple-Film ist. Das ist vielleicht ein Grund dafür, warum ich noch nie ein besonderer Freund dieses Films war. Basierend auf einem Christie-Spätwerk fällt die Rolle der Detektivin naturgemäß kleiner aus als bei ihren Büchern aus den 1930ern bis 1950ern.

schwarzseher Offline



Beiträge: 339

06.03.2016 18:57
#51 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Ich finde Angela Lansbury auch nicht besonders überzeugend, glaube aber, dass nicht die Hickson-Serie das Problem war, sondern evtl. eher "Mord ist ihr Hobby". Ich sehe sie immer irgendwie in dieser Rolle (und sie kann da wohl auch nicht aus ihrer Haut raus). Wie z.B. auch Roger Moore mit Simon Templar und 007 - bloß dass diese Rollen passen wie die Faust aufs Auge.

Count Villain Offline



Beiträge: 3.846

06.03.2016 19:19
#52 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Mir gefällt Angela Lansbury in der Rolle, ich finde sie nur etwas zu offensichtlich auf älter geschminkt.

Gubanov Online




Beiträge: 14.848

06.03.2016 20:30
#53 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Da J.B. Fletcher in „Mord ist ihr Hobby“ nichts anderes als ein Miss-Marple-Verschnitt ist, stört mich die Vorprägung in diesem Fall überhaupt nicht (zumal „Mord ist ihr Hobby“ erst nach „Mord im Spiegel“ gedreht wurde). Vielleicht sollte man Lansbury 2016 nochmal als Miss Marple besetzen. Mittlerweile würde es alterstechnisch noch besser passen. – Doch zunächst wieder zurück zu den Negerlein:



Geheimnis im blauen Schloss (Ten Little Indians)

Thriller, GB 1965. Regie: George Pollock. Drehbuch: Peter Yeldham, Peter Welbeck (d.i. Harry Alan Towers) (Vorlage „Ten Little Niggers“, 1943: Agatha Christie). Mit: Hugh O’Brian (Hugh Lombard), Shirley Eaton (Ann Clyde), Wilfrid Hyde-White (Richter Arthur Cannon), Stanley Holloway (William Blore), Dennis Price (Dr. Edward Armstrong), Daliah Lavi (Ilona Bergen), Leo Genn (General Sir John Mandrake), Mario Adorf (Joseph Grohmann), Marianne Hoppe (Elsa Grohmann), Fabian (Michael Raven) u.a. Uraufführung (GB): Juni 1965. Uraufführung (BRD): 10. September 1965. Eine Produktion der Tenlit Films für Warner-Pathé.

Zitat von Geheimnis im blauen Schloss
Ein Schloss hochoben auf einem Alpengipfel ist das Ziel einer Reisegruppe, die von dem mysteriösen I.R. Gendwer auf ein gemütliches Wochenende eingeladen wurde. Spätestens als den Anwesenden ein Tonband mit Anschuldigungen ungesühnter Morde vorgespielt wird, ist es mit der Gemütlichkeit dahin. Auch lässt sich Herr Gendwer nirgends finden, was ihn nicht davon abhält, seine Hand zum ersten Schlag zu erheben: Der Sänger Michael Raven überlebt nicht einmal den ersten Abend. Er musste für seine Schuld bezahlen – und die anderen sollen ihm folgen ...


Wie alle anderen Filme, bei denen am Ende zwei der zehn Negerlein übrig bleiben, nimmt sich „Geheimnis im blauen Schloss“ nicht Agatha Christies berühmten Roman, sondern vielmehr das darauf basierende Theaterstück zum Vorbild. Die Leistung dieser 1965er-Version besteht darin, die Theaterherkunft mit einem Schauplatzwechsel und abwechslungsreichen Kulissen zu verschleiern und ihr zudem eine gewisse ironische Kaltblütigkeit zu verleihen, mit der ein insgesamt erstaunlich gelungener Bogen zwischen dem harten Ausgangsmaterial und dem betulichen Unterhaltungskino der Sechzigerjahre gespannt wird. Warum das Schloss blau sein soll, erschließt sich dem Zuschauer dieses Schwarzweißfilms nicht – wohl aber überzeugt Towers’ Idee, die Geschichte in die Alpen zu verlagern, in der eine ausweglose Situation ebenso glaubwürdig geschildert werden kann wie auf einer Insel. Durch das in Schnee getauchte Setting erhält der Film ein eigenständiges Flair, das ihn von seinen Mitstreitern deutlich abhebt und das durch österreichische Außenaufnahmen sogar authentisch wirkt. Man ist sogar geneigt, die Frage, warum ein englischer Mörder im Zillertal auf seine englischen Opfer lauert, zugunsten der Schauwerte und der dadurch ermöglichten Mordmethoden hintanzustellen.

Im Gegensatz zu den vorangegangenen „schweren Brocken“, dem etwas ungelenken 1987er-Kinofilm und der ausufernden 2015er-TV-Fassung, besticht das von Towers in Zusammenarbeit mit dem bis dato fast ausschließlich als Fernsehautor in Erscheinung getretenen Peter Yeldham verfasste Drehbuch mit einer Kürze und Präzision, die Filmen der damaligen Periode eigen sind. Die Handlung, die hier in knapp 86 Minuten erzählt wird, weist weder Lücken noch Längen auf, geht zwar galant über einige Nebenrollen hinweg und macht die zurückliegenden Morde der Negerlein nicht wirklich glaubhaft, erweist sich dafür im Bereich der psychologischen Spannung, der Einbindung des Kinderreims und der von allen Betroffenen gemeinsam festgelegten Überlebensstrategien als überaus wirksam. Man könnte von einem vorbildlichen Drehbuch sprechen, wenn es nicht auf den letzten Metern den Konventionen eines konfliktvermeidenden Zeitgeistes nachgegeben und auf die leichte Unterhaltungsschiene abgebogen wäre.

Während Hugh O’Brian und Shirley Eaton gemäß dieser „Korrektur“ eher seichte und im Rahmen der Handlung sowohl unlogische als auch weitgehend unbeteiligte Rollen zugedacht bekommen (die sie folglich nicht unbedingt zu herausragenden Leistungen anspornen), überzeugt „Geheimnis im blauen Schloss“ vor allem bei der Besetzung der Nebenrollen. Zwar ist es schade, dass einige Charaktere und Vorfälle durch das Script stark gegenüber der Vorlage verändert werden, dennoch muss man auch als Purist eingestehen, dass dies z.B. im Fall von Daliah Lavis Part als eigenwilligem Filmstar Ilona Bergen oder Frau Grohmanns Tod in der Seilbahngondel nicht zwangsläufig eine Abwertung des Stoffs darstellt. Lavis Auftritt gelingt ebenso bestechend wie der des routinierten Grandseigneurs Leo Genn. Die Haushälter wirken durch Besetzung mit deutschen Stars recht vertraut, was ihren kleinen und eher undankbaren Rollen zugute kommt. Selbst Fabian verleiht seinem Miniauftritt Nachdruck. Besonders zu loben ist allerdings Wilfrid Hyde-White, das englische Pendant zu Hans Paetsch, der mit seiner typischen Mischung aus Verschmitztheit und Verschlagenheit perfekt zu den Anforderungen der Richterrolle passt.

Die elegante, manchmal auch unheimliche Aura des Schlosses kommt vor allem in den Keller- und Nachtszenen gut zur Geltung. Weniger ansprechend geraten die hilflosen Versuche, wenigstens zwei der Anwesenden in ein zweifelhaftes Licht zu rücken, indem man ihren Hang zur Trinkerei bzw. zu körperlicher Gewalt etwas zu ausgiebig unterstreicht. Immerhin versuchte man nicht, diesen Schattenseiten mit unnötigem Humor zu begegnen. Der Film fällt für einen Nachfolger der Rutherford-Marple-Filme erstaunlich ernst aus. Schmunzeln möchte man eigentlich nur über den Dissens zwischen Bild und Ton, wenn auf dem Tisch die Skulpturen der Indianer zu sehen sind und die deutsche Synchronfassung beharrlich von Negerlein spricht.

Die Erörterung der Frage, ob der Zeitgeist vornehmlich positive oder negative Auswirkungen auf diese Sixties-Version des Christie-Klassikers hatte, dürfte wohl zu keinem eindeutigen Urteil führen. Als leichtfüßige, aber nicht gedankenlose Umsetzung überzeugt „Geheimnis im blauen Schloss“ mit dramaturgischem Geschick, schauspielerischer Routine und der Fähigkeit, Unwichtiges auszublenden. Ausgeblendet wird aber leider auch das, was das Publikum überfordern könnte. 3,5 von 5 Punkten.



[ Weitere Besprechungen des Films finden sich in diesem Thread. ]

Fakten und Trivia zu „Geheimnis im blauen Schloss“

* Der Zuschauer der deutschen Fassung wird um zwei besondere Vergnügen „betrogen“: Erstens spricht niemand Geringerer als Christopher Lee im englischen Original die Anklagen vom Tonband; zweitens wurde nach dem Fund von Armstrongs Leiche eine Zusammenfassung des Geschehens eingeschnitten, die den Zuschauer zum letzten Tipp auf die Identität von I.R. Gendwer veranlassen soll. Diese Unterbrechung der laufenden Handlung wurde als Whodunit Break bekannt.

* Harry Alan Towers, der für seine Filme oft Einweg-Produktionsfirmen gründete, benannte seine nur bei diesem Film fungierende Gesellschaft Tenlit Films. „Tenlit“ ist ein Portmanteauwort, das sich aus dem Titel „Ten Little Indians“ ableitet.

* Die Zillertalbahn und deren Endpunkt, der Bahnhof Mayrhofen, begrüßen die zumeist englischen Negerlein am Schauplatz der Handlung in Tirol. Innenaufnahmen des Schlosses wie z.B. das Haupttreppenhaus wurden weit davon entfernt auf dem 1978 abgerissenen Anwesen Kenure House in Rush bei Dublin angefertigt. Auch die Studioaufnahmen entstanden in Irland – angeblich weil gegen Towers zu dieser Zeit in England ein Haftbefehl vorlag.

patrick Online




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06.03.2016 20:31
#54 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Ten Little Indians (Geheimnis im blauen Schloss, 1965)



Filmdaten:
Deutscher Titel: Geheimnis im blauen Schloß
Originaltitel: Ten Little Indians
Produktionsland: Großbritannien
Originalsprache: Englisch
Erscheinungsjahr: 1965
Länge: 91 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16
Stab:
Regie: George Pollock
Drehbuch: Peter Yeldham
Peter Welbeck
Produktion: Harry Alan Towers
Musik: Malcolm Lockyer
Kamera: Ernest Steward
Schnitt: Peter Boita

Besetzung:

Hugh O’Brian: Hugh Lombard, Shirley Eaton: Ann Clyde, Fabian: Mike Raven, Leo Genn: General Sir John Mandrake V.C., Stanley Holloway: Detektiv William Henry Blore, Wilfrid Hyde-White: Richter Arthur Cannon, Daliah Lavi: Ilona Bergen, Dennis Price: Dr. Edward Armstrong, Marianne Hoppe: Elsa Grohmann, Mario Adorf: Joseph Grohmann, Christopher Lee: Stimme von I. R. Gendwer im englischen Original (nicht im Abspann genannt)


Umsetzung:

Gegenüber der angestaubten 1945er-Version ist dieser Spät-Schwarzweiß- Film mit typischen Charakteristika der 60er-Jahre angereichert, was bereits bei der schmissigen Titelmelodie beginnt. Zahlreiche Namen der Charaktere wurden verändert und den Part des ersten Opfers, das durch seinen Drink vergiftet wird, spielte der junge Rock-Star Fabian (geb.1943), der sich nach Verblassen seiner musikalischen Karriere der Schauspielerei zuwandte. Durch die Mitwirkung von Daliah Lavi (geb. 1940 oder 1942) und der wunderschönen Shirley Eaton (geb. 1937) wurde dem Streifen eine gehörige Portion Sex-Appeal verpasst. Die Geschichte spielt sich nicht, dem Original entsprechend, auf einer englischen Insel ab, sondern in einem Schloss in den Zillertaler Alpen in Tirol, wobei sich die verschneite Winterlandschaft als Hintergrund für die Geschichte bemerkenswert gut eignet und in schwarzweiß passend und hinreichend düster eingefangen ist. Daliah Lavis Rolle als attraktiver Filmstar weicht von der bigotten alten Jungfer der Vorlage deutlich ab. Goldfinger-Aufputz Shirley Eaton als Ann Clyde (in der Vorlage Vera Claythorne) ist wohl zweifellos eine der reizendsten Darstellerinnen dieser Rolle und findet in dem gutgebauten und strahlenden Vorzeige-Hollywood-Star Hugh O’Brian als Hugh Lombard (in der Vorlage Philipp. Er konnte sich wohl nicht von seinem Vornamen trennen ) das passende „love interest“.

Auch wurde der Film im Gegensatz zu zahlreichen anderen Versionen durch etwas Action aufgepeppelt. Es ist ein dramatischer, durch den Mörder verursachter, Absturz in einer Seilbahn zu sehen, ein weiterer beim Abseilen und auch eine harte Schlägerei zwischen Mario Adorf und Hugh O’Brian, auf den natürlich die Aufmerksamkeit gleich beider Damen gerichtet ist. Einen sehr passenden Richter Cannon (in der Vorlage Wargrave) gibt der Vorzeige-Brite Wilfrid Hyde-White (1903-1991) ab. Typisch britischem Humor entsprechen seine letzten Worte „Never trust a woman“, nachdem er sich selbst vergiftet hat und noch erkennen muss, dass Ann und Hugh ihn ausgetrickst haben. Dies ist auch in der 1945er-Verfilmung so dargestellt. Wenn man sich die Originalversion ansieht, kann man Mario Adorf und Marianne Hoppe als Ehepaar Grohmann mit ihren eigenen Stimmen englisch sprechen hören, wobei sie hin und wieder auch mal in deutsch verfallen. Den anklagenden Worten auf dem Tonband verleiht Christopher Lee seine markante Stimme.

Im Wesentlichen ist diese Umsetzung des Stoffes unterhaltsam und spannend, wenn auch nicht allzu gruselig, geraten. Es wurde dabei mehr auf eine schillernde, als der Vorlage entsprechende, Interpretation der Charaktere Wert gelegt. Nachdem uns die Filmindustrie mittlerweile die hervorragende BBC-Version von 2015 geschenkt hat, muss ich im Nachhinein immer wieder den beschönigten, von der Vorlage abweichenden, Schluss der älteren Filme kritisieren. Doch war für eine kompromisslose Umsetzung der Originalgeschichte wohl die Zeit noch nicht reif. Der deutsche Titel ist einmal mehr eher unpassend und deutet nicht an, dass es sich um den Christie-Klassiker handelt.

Fazit:


Eine der besseren Verfilmungen des Stoffes in gelungener Alpen-Atmosphäre. 4 von 5.

Gubanov Online




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09.03.2016 21:15
#55 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten



Five Dolls for an August Moon (Cinque bambole per la luna d’agosto)

Zusätzlich zu den regulären „Zehn kleine Negerlein“-Verfilmungen sollen auch einige Varianten berücksichtigt werden, die dem grundlegenden Handlungsschema von Christies Roman eindeutig entsprechen, die Buch- oder Theatervorlage aber nicht als Ausgangspunkt des Drehbuchs angeben – inoffizielle Verfilmungen sozusagen. Ein solcher Fall ist der vorliegende Frühgiallo von 1970, den ich im Thread Five Dolls for an August Moon (1970) besprochen habe.

„Five Dolls for an August Moon“ kann zwar mit einer ausgesprochen soliden Inszenierung punkten, versagt aber als Spannungsfilm fast auf ganzer Linie. Immerhin wird der Erstseher bei dieser Verfilmung nicht wissen, wer hinter welchem Verbrechen steckt; der Vorteil ist jedoch nur eingeschränkt zu verbuchen, da erst eine zweite Sichtung Klarheit über die Charaktere und ihre Beziehungen untereinander bringt und die Morde zudem (freundlich formuliert) weniger Sinn ergeben als in Christies Buch. Ein interessanter Vorstoß ist es, dass eines der Negerlein nach ordentlicher Dezimierung der Anwesenden versucht, sich mit einer Bandaufnahme mit Beschreibung der Situation und der übriggebliebenen Verdächtigen eine gewisse Sicherheit zu verschaffen.

Gubanov Online




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13.03.2016 18:50
#56 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten



Ein Unbekannter rechnet ab (Ten Little Indians)

Thriller, IT / BRD / FR / ES / GB 1974. Regie: Peter Collinson. Drehbuch: Peter Welbeck (d.i. Harry Alan Towers) (Vorlage „Ten Little Niggers“, 1943: Agatha Christie). Mit: Oliver Reed (Hugh Lombard), Elke Sommer (Vera Clyde), Richard Attenborough (Richter Arthur Cannon), Gert Fröbe (Wilhelm Blore), Herbert Lom (Dr. Edward Armstrong), Stéphane Audran (Ilona Morgan), Adolfo Celi (General André Salvé), Alberto de Mendoza (Otto Martino), Maria Rohm (Elsa Martino), Charles Aznavour (Michel Raven) u.a. Uraufführung (BRD): 24. September 1974. Uraufführung (GB): 6. Juni 1975. Eine Produktion der Comeci, Corona, Coralta, Oceania und Talía Films.

Zitat von Ein Unbekannter rechnet ab
Der Unbekannte U.N. Owen klagt zehn durch die Maschen des Gesetzes geschlüpfte Mörder ihrer Taten an und zieht sie dafür während eines Aufenthalts in einem iranischen Wüstenschloss zur Rechenschaft. Die zehn in die Enge Getriebenen werden einer nach dem anderen im Namen der ausgleichenden Gerechtigkeit ermordet – so wie es im Lied von den „Zehn kleinen Negerlein“ vorgeschrieben ist. Niemand weiß zuvor, wer als nächster das Zeitliche segnen wird. Doch alle sollen an die Reihe kommen, das ist unheimliche Gewissheit ...


Sieht man „Ein Unbekannter rechnet ab“ unmittelbar nach „Geheimnis im blauen Schloss“, stechen die Parallelen der beiden klassischen Harry-Alan-Towers-Produktionen ins Auge. Man merkt in diesem Fall, dass der immer auch fürs Drehbuch verantwortliche Towers gern die Chance ergriff, aus seinem Script von 1965 unter der Vornahme einiger kosmetischer Änderungen ein zweites Mal Profit zu schlagen. Diese nicht leugbare Faulheit verwundert allerdings unter produktionshistorischer Sichtweise: Während Towers 1965 in einem Jahr noch fünf Filme herausgab, war der „Unbekannte“ 1973 und 74 sein einziges Projekt, sodass man meinen sollte, es hätte genug Vorlauf für eine sorgfältigere und auch weniger logische Schwächen aufweisende Aufarbeitung des Christie-Stoffs bestanden.

Eine reine Kopie stellt der vorliegende Film dennoch nicht dar. Neben dem charakteristischen Drehortwechsel hebt sich vor allem der Stil der Inszenierung massivst von der Vorgängerproduktion ab. Das in „Ein Unbekannter rechnet ab“ zu sehende Abbasi-Hotel im iranischen Isfahan ist nicht nur der edelste Schauplatz aller „Zehn kleine Negerlein“-Verfilmungen, der von Fernando Arribas kreativ in würdevollen Gold-, Rot- und Blautönen in Szene gesetzt wird; auch künden die Dreharbeiten in einem solchen Nobelhotel und in der iranischen Wüste von einem deutlich höheren Produktionsaufwand und (durch die Koproduktion bedingten) Budget als ein Schloss in den Alpen. Einem Christie-Freund wird Persien als Schauplatz deutlich vertrauter vorkommen als das Zillertal, da gerade Hercule Poirot häufig im arabischen Raum ermittelte. Der Film sammelt seine größten Pluspunkte allerdings dadurch, dass sein siebzigerjahretypisches Flair besser zum Stoff passt als die schwarzweiße Gemütlichkeit früherer Herangehensweisen: Peter Collinson arbeitet erstmals mit einem Negerlein-Team, bei dem man sich vorstellen kann, dass die Anklagen gegen die einzelnen Personen nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. Zudem gelingen ihm bedrohliche Außen- und lichttechnisch hervorragend komponierte Innenaufnahmen. Besonders stark gerät die Inszenierung der Morde, die zwar kurz, aber drastisch gezeigt werden und in ihren Anlagen fast schon gialloesk wirken.

Von der großzügigen Weite des Palasts geht eine ganz eigene Form des Grusels aus, die sich vor allem an der wie eine Sisyphusarbeit anmutenden Durchsuchung des Anwesens, aber auch an der andauernden Verletzbarkeit aller Anwesenden zeigt, die in der offenen, überlebensgroßen Halle wie auf einer Zielscheibe auf ihren Tod warten. Dass Collinson die Spannung schonungsloser ausreizt als Pollock, zeigt sich exemplarisch in der Generatorenraum-Szene, die anno 1965 für einen Witz Stanley Holloways weggeworfen wurde, während Gert Fröbe 1974 ordentlich Paranoia schüren darf. Auch das Finale wirkt schonungsloser und düsterer – der wie ein Fremdkörper an die letzte Szene angeklebte Hubschrauber verspricht zwar einen Funken Hoffnung, aber gleichzeitig auch bohrende Fragen und Verdächtigungen, denen Lombard und Clyde vor der iranischen Polizei wohl mehr entgegensetzen müssen als ihre Pendants im wohlig-rechtsstaatlichen Österreich.

Der britisch-italienisch-deutsch-französische All-Star-Cast liefert im Rahmen des Möglichen (Drehbuch mit softem Ende und verschiedenen inhaltlichen Patzern) solide bis gute Leistungen. Oliver Reed, der als Lombard den Vornamen seines Vorgängers Hugh O’Brian übernimmt, distanziert sich wirkungsvoll von dessen Strahlemann-Image und lässt folglich tatsächlich einen berechtigten Verdacht aufkommen, er habe schon einmal einen Mord begangen. Als kaltblütiger Killer der Romanvorlage wäre Reed eine äußerst stimmige Besetzung gewesen; leider schiebt auch die 1974er-Version ihn am Ende in die – natürlich eher unpassende – Richtung eines romantischen Helden. Elke Sommer gelingt eine der nachdrücklichsten Vera-Claythorne-Verkörperungen. Trotz ihrer nur 34 Jahre hat sie einerseits etwas Abgehalftertes, andererseits etwas Herabblickendes an sich, das für die bis zum Schluss verdächtige Rolle mehr Substanz bietet als Shirley Eatons hübsches Gesicht. Aufgrund der starken Pärchenleistung von Reed und Sommer bleiben andere bis zum Schluss agierende Darsteller wie Attenborough und Lom allerdings eher blass.

Von allen Verfilmungen der Theatervorlage wirkt „Ein Unbekannter rechnet ab“ am stimmigsten. Die Zurückhaltung der früheren Versionen ist über Bord geworfen, die Siebzigerjahre lassen die düsteren Seiten der Negerlein zum Vorschein kommen. Herrliche Vor-Ort-Aufnahmen im Iran lassen über ein paar logische Fehler hinwegblicken, zumal diese sicher dem manchmal etwas ungeschickten Schnitt der gekürzten Fassung anzulasten sind. Verdiente 4,5 von 5 Punkten.



[ Weitere Besprechungen des Films finden sich in diesem Thread. ]

Fakten und Trivia zu „Ein Unbekannter rechnet ab“

* Ähnlich wie in „Geheimnis im blauen Schloss“ trickste Towers sein Publikum bezüglich der Schauplätze aus: Verlegte er dort ein österreichisches Interieur kurzerhand nach Irland, so steht der hier zu sehende Palasteingang gar nicht mitten in der Wüste. Durch geschickte Schnitte und Kunstaufnahmen wird verschleiert, dass für die Außenaufnahmen eigentlich die Schah-Moschee auf dem Meidan-e Naghsh-e Jahan, dem Hauptplatz mitten in Isfahans Innenstadt, verwendet wurde. Außerdem liegen die angeblich genau neben dem Palast befindlichen Ruinenanlagen (Ruinen von Persepolis) mehr als 400 Kilometer südlich von Isfahan.

* Obwohl Rik Battaglias Name auch im englischen Vorspann auftaucht, ist er nur in der spanischen Schnittfassung des Films zu sehen, in der er parallel zum üblichen Geschehen als Inspektor Ermittlungen über die Negerlein und ihr Schicksal anstellt.

* Agatha Christie beschrieb den Roman als das am schwierigsten zu planende Buch, das sie je geschrieben habe. In ihren anfänglichen Skizzen sind noch zwölf statt zehn Personen vorgesehen – vielleicht ebenfalls unter der Prämisse, dass am Ende des Reims noch zwei Überlebende übrig bleiben sollen?

patrick Online




Beiträge: 2.773

13.03.2016 18:51
#57 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

And Then There Were None/Ten Little Indians (Ein Unbekannter rechnet ab, 1974)



Filmdaten:

Deutscher Titel: Ein Unbekannter rechnet ab
Originaltitel: And Then There Were None
Produktionsland: Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien
Originalsprache: English
Erscheinungsjahr: 1974
Länge: 92 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16

Stab:

Regie: Peter Collinson
Drehbuch: Erich Kröhnke
Enrique Llovet
Harry Alan Towers
(als Peter Welbeck)
Produktion: Alain Dahan
Harry Alan Towers
Musik: Bruno Nicolai[1]
Kamera: Fernando Arribas
Schnitt: Gabrielle Reinecke (Deutsche Fassung)
John Trumper

Besetzung:

Charles Aznavour: Michel Raven, Maria Rohm: Elsa Martino, Adolfo Celi: Gen. André Salvé, Stéphane Audran: Ilona Morgan, Alberto de Mendoza: Otto Martino, Richard Attenborough: Richter Arthur Cannon
Gert Fröbe: Wilhelm Blore, Herbert Lom: Dr. Edward Armstrong, Oliver Reed: Hugh Lombard, Elke Sommer: Vera Clyde, Orson Welles: Stimme von Mr. Owen


Umsetzung:


Der Film ist (zumindest im Originalton) ein nahezu wortgetreues Remake der Version von 1965. Wer die ältere Verfilmung gut kennt, kann den Text praktisch mitsprechen. Was jedoch abweicht ist die Location. Das Setting macht einen Sprung von den österreichischen Alpen in die iranische Wüste. Die Protagonisten werden per Hubschrauber zu einem verlassenen Hotel gebracht, das 200 Meilen vom nächsten Ort entfernt gelegen ist, wobei sich die Frage stellt, für welche Art Gäste dieses überhaupt gebaut wurde.

Trotz der exotischen Gegend gelingt es dem Film jedoch leider nicht, eine wirklich eindrucksvolle Atmosphäre zu schaffen. Das bisschen Gewitter, das kurz vorbeiziehen darf, ändert daran auch nicht viel. Kleine Veränderungen wie die Schlange, welche hier als „Bumblebee-Ersatz“ dient, haben praktisch keinerlei aufwertende Wirkung. Es wird nur ganz kurz gezeigt, wie das offensichtliche Gummitier totgeschlagen wird. Was hätte man aus dieser Szene doch nur alles machen können, wenn man sich ein bisschen Mühe gegeben hätte. Mir drängt sich der Vergleich mit der wesentlich effektvolleren Schlangenszene in "Der Tod auf dem Nil" auf. Auch der Verdurstende in der Wüste und die Strangulierung von Elsa Martino sind nur halbherzig inszeniert. Gerade bei letzterer Szene ist es wohl etwas zu großzügig, dass das Drehbuch gleich 3 Personen ein Alibi schenkt - Ein Lapsus, der an anderer Stelle hier im Forum bereits angesprochen wurde.

Da der Streifen eine geradezu wunderbare Besetzungsliste aufweist, ist es umso bedauerlicher, dass er diesbezüglich nicht hält, was er zu versprechen scheint. Praktisch alle Schauspieler halten ihr Potential, das sie in vielen anderen Filmen doch so eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben, zurück. Ich möchte nicht sagen, dass die Darstellung schlecht oder unglaubwürdig ist. Das ist größtenteils beides nicht der Fall, man erkennt nur, dass keiner der Stars besonders aus sich herauskommt und viel für seine Rolle tut. Vielmehr wird einfach eine Routinedarbietung geboten. Als Ausnahme möchte ich Richard Attenborough herausheben, dessen Abgang wirklich grandios gespielt ist und der damit großes Lob verdient. Ansonsten sind nur punktuell eindrucksvolle Performances zu erkennen. Ich denke da mal an die Szene mit Gerd Fröbe und Oliver Reed im Maschienenraum, oder an Fröbes Wutanfall, ebenfalls Oliver Reed gegenüber. Eine eindeutige Fehlbesetzung ist Elke Sommer, die hier als Vera Clyde die wohl schwächste, fadeste und profilloseste mir bekannte Verkörperung dieser Rolle zum Besten gibt. Auch optisch wird sie ihrer Schönheit aus früheren Filmen wie „Ein Schuß im Dunkeln“ (1964) und „Unter Geiern“(1964) nicht mehr gerecht.

Die Farben sind kräftig und attraktiv, die immer wieder erklingende typische 70er-Jahre Musik gefällt mir allerdings überhaupt nicht und ist meiner Meinung nach auch unpassend eingesetzt. Gelungen ist wiederum die Stimme aus dem Lautsprecher, der im Originalton Orson Welles (1915-1985) sein eindrucksvolles Organ verleiht.

Alles in Allem möchte ich betonen, dass der Film, allein schon bedingt durch die starke Vorlage, keineswegs schlecht ist und durchaus seinen Unterhaltungswert besitzt. Wenn man aber das gesamte Spektrum der Negerlein-Verfilmungen im Auge hat, fällt er gegen die Top-Versionen markant ab. Auffallend ist, wie wenig man sich nur 9 Jahre nach der 1965er-Inszenierung bemüht hat, diese zu übertreffen. Ein bisschen Farbe, ein anderer, nicht übermässig gut eingefangener, Schauplatz, eine Schlange, die kaum zu sehen ist und dazu noch unecht, gute Schauspieler, die nicht wirklich ihr bestes geben…….nun ja, ein bisschen wenig um ein Remake zu rechtfertigen, nachdem man ja sonst fast alles beibehalten hat.

Fazit:

Unterhaltsame Negerlein-Version, aus der jedoch viel mehr hätte werden können. 3,5 von 5.


Count Villain Offline



Beiträge: 3.846

14.03.2016 12:33
#58 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Ich habe anlässlich meiner Sichtung der BBC-Verfilmung auch wieder alle anderen Verfilmungen angeschaut. Und jede macht definitiv irgendetwas richtig, dafür an anderer Stelle auch immer etwas falsch. Selbst die russische Version ist nicht perfekt, wenn auch - zusammen mit dem deutschen Fernsehspiel - am nächsten dran. Was die Harry-Alan-Towers-Produktionen angeht, bin ich übrigens wieder ganz bei Gubanov. "Ein Unbekannter rechnet ab" ist von den dreien auch meine meistgeschätzte Version.

patrick Online




Beiträge: 2.773

14.03.2016 19:34
#59 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Das deutsche Fernsehspiel von 1969 ist die einzige Version, die ich noch nie gesehen habe.

Gubanov Online




Beiträge: 14.848

16.03.2016 20:30
#60 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten



Zehn kleine Negerlein

Wo hier gerade zum deutschen Fernsehspiel von 1969 geschrieben wird, möchte ich mich mit einer aktualisierten Besprechung im Thread Deutsche Fernsehproduktionen nach Agatha Christie (3) einklinken. Als TV-Produktion ist Hans Quests Adaption nicht Bestandteil des hiesigen Kinofilm-Threads, sollte aber dennoch nochmal genauer beleuchtet werden.

Leider kann ich die Einschätzung meiner Erstsichtung von 2011 nur bestätigen. Man bekommt es hier zwar mit einer beinah unveränderten Abfilmung der Theaterfassung zu tun, diese ist jedoch so angestaubt und betulich, dass man bald schon jede Begeisterung für den Plot verliert, was auch an eher schwachen Darstellungen liegt, denen man das Künstliche und Theatralische schon von Weitem anmerkt. Hier wäre es angebracht gewesen, einige auflockernde Eingeständnisse ans Medium Fernsehen einzubringen, um die Handlung zu kürzen, aufzulockern oder den einzelnen Charakteren mehr Glaubwürdigkeit und Tragik zu verleihen.

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