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Dieses Thema hat 104 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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kaeuflin Offline




Beiträge: 1.259

28.03.2016 21:24
#76 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Ich bin sicher niemand, der eine wortgetreue Umsetzung erwartet. Ein Film muss immer als Film funktionieren. Ich habe nur dann ein Problem, wenn die Änderungen der Vorlage in sich nicht stimmig sind. "Poirot: Der Tod wartet" wäre so ein Fall. Während ich mit manchen umgeschriebenen "Marple"-Folgen durchaus meinen Spaß hatte ...

Happiness IS the road! (Marillion)

patrick Offline




Beiträge: 2.754

28.03.2016 21:33
#77 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Zitat von kaeuflin im Beitrag #76
Ich bin sicher niemand, der eine wortgetreue Umsetzung erwartet. Ein Film muss immer als Film funktionieren.

Genau so sehe ich es auch, was nicht zuletzt daran liegt, dass ich kein Leser von Kriminalromanen bin und mit Ausnahme einiger Wallace- und Holmes-Romane auf diesem literarischen Gebiet eigentlich gar nichts kenne.

Markus Offline



Beiträge: 606

20.04.2016 11:14
#78 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Auf einem großen Onlineportal hat jemand gerade die spanische Fassung der 1974-Negerlein eingestellt, die im Vergleich zu den anderen internationalen Versionen eine Rahmengeschichte enthält. Dort einfach mal nach "Película Diez Negritos_ 1974 español Agatha Chistie" suchen.

Gruß
Markus

Peter Offline




Beiträge: 2.780

20.04.2016 12:28
#79 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Vielen Dank für den Hinweis! Dieser Prolog ist zwar dramaturgisch eine klare Spannungsbremse zum Einstieg, wahrscheinlich daher geschnitten und in den bekannten Versionen bzw. Ausstrahlungen nicht mehr aufgetaucht, aber auf jeden Fall höchst interessant zu sehen ...

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.397

07.08.2016 14:22
#80 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

BEWERTET: "16 Uhr 50 ab Paddington" ("Murder, she said", Großbritannien 1961)
mit: Margaret Rutherford, Arthur Kennedy, Muriel Pavlow, James Robertson-Justice, Thorley Walters, Charles Tingwell, Conrad Phillips, Ronald Howard, Ronnie Raymond, Stringer Davis, Joan Hickson, Gerald Cross, Michael Golden, Barbara Leake, Gordon Harris, Richard Briers u.a. | Drehbuch: David Pursall und Jack Seddon nach dem Roman "4.50 from Paddington" von Agatha Christie | Regie: George Pollock

Von ihrem Abteil aus beobachtet Miss Marple einen Mord im vorbeifahrenden Zug. Doch die Polizei glaubt ihr nicht, weshalb sie selbst einige Untersuchungen anstellt. Tatsächlich entdeckt sie am Bahndamm eine Spur, die zum abgelegenen Anwesen des wohlhabenden Einzelgängers Luther Ackenthorpe führt....



"Marple her name - and marble her nature!"

Der MGM-Klassiker guter alter Schule orientiert sich in den Grundzügen am vier Jahre vorher veröffentlichten Roman von Mrs. Christie, nimmt sich jedoch die künstlerische Freiheit, einige wesentliche Änderungen zugunsten der Hauptfigur vorzunehmen. Ist es in der Buchvorlage die wenig intelligente Schottin Mrs. McGillicuddy, welche die Erdrosselung einer Frau im Zug beobachtet, so ist es im Film Jane Marple selbst, der dieses Erlebnis widerfährt. Selbstredend benötigt die kräftige Dame auch keine Unterstützung einer jüngeren Bekannten namens Lucy Eyelesbarrow (deren Anwesenheit für unnötige romantische Verstrickungen sorgt wie in der Joan-Hickson-Verfilmung), sondern tritt kurzentschlossen die Stelle einer Wirtschafterin im Haus Ackenthorpe an. Dadurch erhält der Film mehr Dynamik und Verve, weil das Publikum eben Miss Marple und nicht eine Bekannte von ihr ermitteln sehen will. Gleichzeitig bildet die Figur ein Gegengewicht zu den populären Frauenrollen der Sechziger Jahre, die meist jung, sexy und vordergründig an Liebesdingen interessiert daherkommen.

In Margaret Rutherfords Jane Marple sehen wir eine finanziell und familiär unabhängige Frau voller Tatendrang, Grips und Witz, deren Energie und Willenskraft sie immer das tun lässt, was sie für richtig hält. Weder die Schicklichkeit, noch Autoritäten der Gesellschaft können sie davon abhalten. Körperlich aktiv - Miss Marple reitet, spielt Golf, tanzt und übt sich im Schießen und Fechten - kann sie in den höchsten Kreisen verkehren. Von weiblicher Zurückhaltung hält sie wenig, erreicht ihr Ziel jedoch auch mit Charme, wenn er von Nöten ist. Ihre Schlagfertigkeit ermöglicht es ihr, auf Formen bedachte Denker durch blitzschnelle Argumente schachmatt zu setzen und alternative Möglichkeiten miteinzubeziehen. Wer identifiziert sich schon mit den meist blassen jungen Frauen der Reihe, wenn eine kraftvolle Jane Marple in der Nähe ist? Ihre Freundschaft zum Bibliothekar Jim Stringer gründet sich auf das gemeinsame Interesse für gute Kriminalstoffe. Der ruhige und bescheiden lebende Mann lässt Miss Marple gern den Vortritt, weil er weiß, dass er sich vor ihr nicht in Szene setzen muss, um sie zu beeindrucken. Sie schätzt sein Fachwissen und die Diplomatie, die er im Umgang mit Behörden zeigt.

Die Stilmittel, mit denen die Produktion arbeitet, entsprechen den Erwartungen, die man an good old "Hammer"-England hat. Stattliche, verwitterte Ansitze; verschrobene Charaktere; traditionelle Tagesabläufe (z.B. die Teestunde) und die unheimliche Atmosphäre, die durch das englische Wetter noch begünstigt wird. Der Kreis der Verdächtigen ist überschaubar und macht das Miträtseln deshalb zum gemütlichen Vegnügen. Die kühle Distanz innerhalb der Familie, die nur in Geldangelegenheiten in hitzige Vorwürfe umschlägt, bietet neben der Ermittlerin keine weitere Identifikationsfigur. Nur der Neffe Alexander - die neue Generation - zeigt Offenheit und dennoch ausgezeichnete Manieren. Die beunruhigende, aber gleichzeitig anregende Gewissheit, dass eine Leiche auf dem Grundstück ist und einer der Hausbewohner vermutlich ein Mörder, nährt die Spannung und verleiht der Umgebung eine Aura der Fäulnis. Die Glanzzeit der Familie liegt in der Vergangenheit, in der das große Vermögen durch Teegebäck erworben wurde; vom Großvater, einem strengen und disziplinierten Mann. Alles, was sein Sohn tat, war zu reisen und weitere Dinge aus der Vergangenheit heranzuschaffen, die nur den Abgesang einer goldenen Zeit betonen.

Wer den Film bereits mitsprechen kann, weil er ihn so oft gesehen hat, dass er glaubt, jede Nuance zu kennen, dem sei empfohlen, einmal zur englischen Tonspur zu greifen. Allein der Wechsel der deutschen Synchronstimme von Margaret Rutherford (in "16 Uhr 50 ab Paddington" Agnes Windeck, in den anderen drei Filmen Ursula Krieg) zeigt, wie sehr der Humor in der deutschen Fassung betont wird. So schnippisch wie im Deutschen kommt Miss Marple im Original nicht daher, sondern belässt es oft bei einem wissenden und vielsagenden Kommentar. Große Freude bereitet das Buch "Der klassische Kriminalfilm Band 3 - Miss Marple" von Thorsten Winter, das überaus detailverliebt alle Fragen beantwortet, mit denen man sich als kindlicher Fan seine Zeit vertrieben hat (Welche Bücher liest MM in den Filmen? Wo steht ihr Haus? Wo wurde sonst noch gedreht? Was bedeuten die Schilder auf den Fahrzeugen im Abspann?). Wer sich jedoch von den Filmplakaten leiten lässt, erwartet einen Giallo mit den üblichen Versatzstücken....

"Der Film ist so altmodisch wie die Dame Rutherford und dennoch höchst liebenswert und amüsant." (Süddeutsche Zeitung) ZDF-Erstausstrahlung am 17. Januar 1970 mit einer Sehbeteiligung von 54%. Atmosphärische Umsetzung eines der schwächeren Romane von Agatha Christie, die die Vorlage locker in den Schatten stellt. 5 von 5 Punkten

Prisma Offline




Beiträge: 7.468

07.08.2016 14:53
#81 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten


Margaret Rutherford   Ron Moody   in
VIER FRAUEN UND EIN MORD

● MURDER MOST FOUL / VIER FRAUEN UND EIN MORD (GB|1964)
mit Charles Tingwell, Stringer Davis, Andrew Cruickshank, Francesca Annis, Alison Seebohm, Ralph Michael und Dennis Price
eine Produktion der Metro-Goldwyn-Mayer | Lawrence P. Bachmann Productions | im Verleih der Metro-Goldwyn-Mayer
ein Film von George Pollock




»Ich habe ja gewusst, dass so etwas passieren würde«


Die Bardame und ehemalige Schauspielerin Margaret McGinty wird von einem Polizisten erhängt in ihrer Wohnung aufgefunden. Der Fall scheint auf der Hand zu liegen, da der mögliche Täter direkt mit am Tatort vorgefunden wird. Bei der Gerichtsverhandlung kommt es allerdings zu einem Eklat, da Miss Marple (Margaret Rutherford) unter den Geschworenen ist und sich gegen den einheitlichen Willen der anderen sperrt, sodass die Verhandlung ergebnislos abgebrochen werden muss. Eigene Nachforschungen in diesem Fall führen Miss Marple zu der Theatergruppe rund um Driffold Cosgood (Ron Moody), der die Hobbydetektivin beitritt. Doch bereits während des ersten Treffens mit Cosgood im Theater bricht einer der Darsteller tot vor beiden zusammen...

Morde im Schauspieler-Milieu stellten seit jeher eine sehr interessante Variante der kriminalistischen Unterhaltung dar, muss der aufmerksame Zuschauer doch davon ausgehen, dass sich der Täter im Schutze einer eingeschworenen Clique verbirgt. Außerdem kommt hinzu, dass es sich eben um Darsteller handelt, die im Zweifelsfall eine Rolle spielen können, um Ermittler und Publikum zusätzlich an der Nase herumzuführen. George Pollocks dritte von vier "Miss-Marple"-Adaptionen mit Margaret Rutherford in der Titelrolle führt die Tradition der bereits erschienenen Teile stilsicher fort und es kommt zu interessanten Erweiterungen, die der Routine und Erfahrung entsprechen. Stilbrüche wird man in der vierteiligen Reihe keine finden, vielleicht kann man sogar sagen, dass dieses strikte Beibehalten des charakteristischen Profils eigens für die treuen Zuschauer gemacht zu sein scheint. Also fallen der quirligen Hobbydetektivin die Mordfälle wie üblich in den Schoß, hier sieht man sie zunächst als Geschworene vor Gericht, die das Urteil verhindert, da sie sich gegen die Meinung der andren elf sperrt. Bereits hier entstehen herrliche Szenen, die nicht nur einen gelungenen Start ebnen, sondern auch feinen Humor transportieren. Selbstverständlich lässt "Miss Marple" den Vorwurf, sie habe falsch entschieden nicht auf sich sitzen, außerdem möchte sie einen Unschuldigen vor dem Galgen bewahren, und startet ihre Welle an eigenen Ermittlungen, die sie schließlich ans Theater führen, wo es Schlag auf Schlag geht. Nachdem ihr Vorsprechen auf der Bühne, nach Driffold Cosgoods Einschätzung ein totaler Reinfall war, wird sie dennoch aus dem Stand engagiert, nicht zuletzt weil sie erwähnte, dass sie finanziell unabhängig sei. Solche Szenen zwischen Margaret Rutherford und Ron Moody sind nicht nur welche der vielen Prunkstücke der Veranstaltung, sondern machen immer wieder aufs Neue einen mörderischen Spaß, was das nächste Stichwort wäre.

Kaum ist der Deal perfekt, bricht auch schon ein Mitglied des Ensembles tot auf der Bühne zusammen und alles nimmt seinen forcierten Lauf. Gleichzeitig werden die anderen Personen des Theaters vorgestellt und man bekommt es mit einer sehr ungleichen Truppe zu tun, in der es nicht nur von Verdächtigen wimmelt, die sich auch gerne gegenseitig in der Luft zerreißen. In diesem Zusammenhang ist die hochwertige Dialogarbeit zu erwähnen, die für die deutsche Version eine ausgezeichnete Synchronisation erfahren hat, man wird hautnah Zeuge von Emotionen, Allianzen oder Feindschaften. Die besonderen darstellerischen Fähigkeiten lassen sich nicht nur beim Stamm-Personal ausfindig machen, Margaret Rutherford, Stringer Davis und Charles Tingwell laufen erneut zu Höchstleistungen auf, sondern es sind ebenfalls die exzellent aufspielenden Gäste, wie insbesondere ein Ron Moody, der sich in bestechender Schauspiellaune präsentiert, Andrew Cruickshank als mürrischer Richter oder beispielsweise Alison Seebohm als personifiziert-mysteriöse Aura, und es wird für ein Fließband an tollen Momenten gesorgt, in denen der Zuschauer durchweg auf seine Kosten kommt. Der Fall wird immer weiter aufgerollt, mit Fragmenten aus der Vergangenheit sehr nachvollziehbar rekonstruiert, natürlich auch adäquat gelöst, jedoch stellt sich das Motiv ein wenig selbst in Frage, wenngleich es eine einfache Faustregel bei Verbrechen und Mord gibt die besagt, dass es sicherlich schon für weniger gereicht hat. Aber der klare Aufbau, die vielen spannenden, sehr abwechslungsreichen und geistreichen Phasen würzen den Verlauf sehr angenehm, der erneut von seiner Titelfigur nach belieben dominiert wird. "Vier Frauen und ein Mord" ist immer wieder gerne gesehen und besitzt eine klassische Färbung sowie einen unumstößlichen Unterhaltungswert ohne Verjährungsfrist, sodass er es in den erlesenen Kreis der Filme schafft, die schon unzählige Male mit der gleichen Begeisterung gesehen werden konnten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.397

14.08.2016 14:00
#82 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

BEWERTET: "Der Wachsblumenstrauß" ("Murder at the Gallop", Großbritannien 1963)
mit: Margaret Rutherford, Robert Morley, Flora Robson, Charles Tingwell, Katya Douglas, Robert Urquhart, Stringer Davies, James Villiers, Duncan Lamont, Gordon Harris, Noel Howlett, Kevin Stoney, Finlay Currie u.a. | Drehbuch: David Pursall und Jack Seddon nach dem Roman "After the Funeral" von Agatha Christie | Regie: George Pollock

Im Landstädtchen Milchester sind Miss Marple und Mr. Stringer unterwegs, um für wohltätige Zwecke zu sammeln. Als sie zum Herrensitz des exzentrischen Enderby kommen, bricht dieser vor ihren Augen tot zusammen. Bald darauf erwähnt seine Schwester Cora Lansquenet bei der Testamentseröffnung, dass ihr Bruder ermordet worden sei und findet kurz darauf ein gewaltsames Ende....



"Fortune favours the brave!"

Nachdem sich die anpackende Miss Marple im Jahr 1961 als Erfolgsfaktor etabliert hatte, wurde die nächste Romanumsetzung in die Hand genommen und kurioserweise entschied man sich nicht für einen der reichlich vorhandenen Miss-Marple-Stoffe, sondern schrieb kurzerhand einen Hercule-Poirot-Roman um. Angeblich, um ein ähnliches Handlungsgerüst zu haben wie im ersten Film der Reihe. Zu diesem Zweck wurden einige Figuren aus der Buchvorlage gestrichen und der Mord mit dem Beil in einen weitaus eleganteren Kniff mit der Hutnadel umgewandelt. Auf die titelgebenden Wachsblumen vergaß man ganz, obwohl diese ein wichtiges Indiz zur Überführung des Täters sind. In der deutschen Synchronfassung verweist die Hobbydetektivin auf den Roman von Mrs. Christie, in dem das Unglück in Gestalt einer todbringenden Katze auftritt. In der Tat gibt es im Film mehrmals Begegnungen mit einer plötzlich auftauchenden Katze. Miss Marple meistert diese ebenso souverän wie ihren Ausritt im Damensattel mit Hector Enderby und zeigt einmal mehr, was von einer Engländerin auf dem Lande erwartet wird.

Die Ermittlungen laufen im überschaubaren Rahmen des Reiterhotels ab, wo Miss Marple als Gast auftritt und so die Gelegenheit wahrnimmt, die Verwandtschaft der beiden Toten zu beobachten. Die Abgeschiedenheit und Ruhe fördern die Konzentration auf die wesentlichen Elemente der Recherche, die sich im Sammeln von Informationen und Motiven beschränkt. Erneut ist der Täter im kleinen Kreis der Anwesenden zu finden, was den Reiz der Geschichte erhöht, weil jede Person in kleinen Skizzen vorgestellt wird. Wie in "16 Uhr 50 ab Paddington" findet man vor allem negative Gefühle wie Neid, Hass, Eifersucht und Gier; menschliche Wärme sucht der Zuschauer vergebens. Dieser Mangel wird durch die freundschaftlichen Beziehungen, die Miss Marple zu Inspektor Craddock und Mister Stringer pflegt, ausgeglichen und verleiht ihr einen Schutzschild gegen die Bösen, die jederzeit Gefahr laufen, unbetrauert aus dem Leben zu scheiden. Das Familienoberhaupt Hector Enderby wahrt den Schein und hält das brüchige Konstrukt des Clans zusammen, bei dem jedes Mitglied eigene Wege geht und dem anderen misstraut.

Die stimmungsvolle Kameraarbeit von Arthur Ibbetson schafft eine atmosphärische Dichte, die sich vor allem in den Abendszenen auf dem Gut äußert. Ein besonders gelungenes Beispiel ist die geheime Unterredung von George Crossfield und dem Mörder im Kaminzimmer, der Miss Marple vor dem Fenster beiwohnt. Die greifbare Anspannung, der Suspense und die Unruhe, die sich im flackernden Feuer äußern, das als einzige Lichtquelle den Raum erhellt, bestätigen zusammen mit dem Einsatz der Kesselpauken, dass Miss Marple wieder einmal für Sekunden zu spät gekommen ist. Das Tempo wird angezogen und lässt die Ereignisse Schlag auf Schlag folgen, wobei sich amüsante Szenen (der Ausritt, das Tanzvergnügen) mit dramatischen abwechseln. Im Finale wird erneut das Unheimliche betont, das sich in so vielen Momenten mit einem grotesken Realismus mischt (der Todessturz des alten Enderby auf der Treppe, die verschleierte Leiche im Schaukelstuhl). So sind es vor allem diese Bilder, die sich ins Gedächtnis des Zuschauers brennen und als Aushängeschild der Reihe dienen. Morde auf der Leinwand müssen saftig inszeniert werden, ein todbringender Schlaftrunk ist weitaus weniger spektakulär.

Nachfolgender Absatz enthält Spoiler!

Wieder einmal gibt es in der Originalfassung einen markanten Unterschied. Miss Marple trifft sich mit Cora nach telefonischer Vereinbarung eines Termins für ein Porträt. In der deutschen Version äußert sie anscheinend spontan den Wunsch, sich malen zu lassen und fährt mit dem Rad zum Häuschen der Lansquenet. Mit wem hat sie wirklich am Telefon gesprochen? Mit Mrs. Lansquenet selbst oder mit Miss Milchrest? Im Roman wurde diese betäubt, um nicht zur Testamentseröffnung gehen zu können. Ist es aufgrund der Tatsache, dass Miss Milchrest fürchtet, die alte Dame könnte sie bereits in Verdacht haben, dass sie in ihrem Zimmer das Gas aufdreht? Objektiv betrachtet gab es damals noch keinen Grund, die Detektivin aus dem Weg zu räumen.

Ende des Spoilers

Die Darstellerleistungen sind von feinsinniger Genauigkeit, so vor allem bei Katya Douglas und Robert Urquhart, denen man mehr gemeinsame Szenen gegönnt hätte, um ihre brisanten Wortgefechte zu verfolgen. Flora Robson stattet ihre Hausdame mit einer Mischung aus anbiedernder Unterwürfigkeit, lustloser Resignation und aufkeimender List aus und nimmt sich zugunsten einer großen Szene sehr zurück. Robert Morley sieht sich als Sparringspartner einer gut aufgelegten Margaret Rutherford und zeigt einen Mann, der seine Hemmungen und Schwächen gut hinter einer blasiert-beherrschten Fassade versteckt, während er das Leben eines Landedelmannes führt.

Die authentischen Schauplätze atmen die Frischluft der englischen Kleinstädte und verbinden sich mit einer klassischen Erbschaftsgeschichte zu einem unterhaltsamen Mörder-Puzzle. Die Beweggründe des Täters hätten am Ende deutlicher ausgeführt werden können, auch die eine oder andere Frage bleibt offen. 4,5 von 5 Punkten

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.397

21.08.2016 14:28
#83 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

BEWERTET: "Vier Frauen und ein Mord" ("Murder most foul", Großbritannien 1964)
mit: Margaret Rutherford, Ron Moody, Charles Tingwell, Stringer Davis, Ralph Michael, Francesca Annis, James Bolam, Megs Jenkins, Maurice Good, Neil Stacey, Pauline Jameson, Annette Kerr, Alison Seebohm, Dennis Price, Andrew Cruickshank, Stella Tanner u.a. | Drehbuch: David Pursall und Jack Seddon nach dem Roman "Mrs. McGinty's Dead" von Agatha Christie | Regie: George Pollock

Miss Marple ist Geschworene in einem Mordprozess. Die Bardame Margaret McGinty war erdrosselt worden, des Verbrechens angeklagt ist ihr Untermieter, der von einem Polizisten am Tatort festgenommen wurde. Miss Marple ist davon überzeugt, dass es sich um einen Erpressungsfall handelt und ermittelt nach Abbruch der Verhandlung wegen Uneinigkeit der Geschworenen auf eigene Faust. Die Spur führt an ein Provinztheater....



"Nothing ventured - nothing gained!"

Von dem 1952 veröffentlichten Roman "Vier Frauen und ein Mord" blieben bei der Umsetzung durch MGM nur Fragmente, die jedoch zweifellos auf angenehme und geheimnisvolle Weise in den Film integriert wurden. Und wieder einmal geht die Autorin in ihrem Roman blutrünstiger ans Werk als die Filmemacher. Mrs. McGinty wird mit einer Fleischhacke erschlagen und die Folgen davon sind überall im Zimmer zu sehen. Wie gruselig erscheint dagegen die Szene mit den Umrissen der an einem Strick baumelnden Leiche, die im Windschatten des Pubs "The Hangman's Rest" gefunden wird! Die Gerichtsverhandlung - oft eine langwierige und zähe Angelegenheit - wird durch den Vorspann gerafft und unterstreicht das gute Gespür für Timing, das sich auch in der anschließenden Szene aus Milchester zeigt. Ein Mann, dem das Todesentsetzen ins Gesicht geschrieben steht, wird mit einem Messer erstochen. Sekunden später erkennt der Zuschauer, dass er nur Zeuge einer Theaterprobe geworden ist. Solche Kniffe im Szenenwechsel wendet die Produktion öfters an und betont damit den Charakter des Films, der dem Theatermilieu eine liebevolle, wenn auch entlarvende Hommage zuteil werden lässt.

Erneut kann sich Miss Marple mit mehreren Talenten einbringen, die man ihr ohne Weiteres zutraut, die aber nicht jedermann für damenhaft hält. So haftet dem Beruf der Schauspielerin laut den Aussagen konservativer Figuren noch etwas Ruchhaftes an, wobei auch die Motive, aus denen die Personen Theater spielen, teilweise zweifelhaft sind. Da gibt es die verwöhnte Millionärstochter, den alternden Schürzenjäger, die lustlose Esoterikerin und den genervten Jungspund ohne große Spielambitionen. Die größte Energie geht vom Leiter der Truppe, dem schrulligen Driffold Cosgood aus, dessen Ehrgeiz größer als sein Budget ist. Das Mordmotiv, das in der Vergangenheit fußt, verleiht der Handlung einen reizvollen Nervenkitzel, da nur einzelne Elemente aus dem Roman eingebaut wurden und das titelgebende Frauenquartett gar nicht berücksichtigt wurde. Das Spiel mit den Identitäten wurde vereinfacht und die Erklärung, die Miss Marple am Ende für die Taten gibt, untermauert nur den labilen Charakter des Mörders. So fügt sich der Fall zu einem runden großen Ganzen und lässt die Abgründe, die sich hinter den Personen auftun, auf anregende Weise erahnen.

Die gewählten Schauplätze, vor allem das Boardinghouse der katzenliebenden Mrs. Florrie, schaffen ein düsteres Ambiente, das von der heute weit verbreiteten Ansicht abweicht, die Filme wären reine Familienunterhaltung. Die komödiantische Note zeigt sich im Original in der geistigen Überforderung der Polizeibeamten, die für die Reihe zum Prinzip erhoben wurde und in manchem unpassenden Musikeinsatz (siehe: die Auffindung der ersten Leiche bei beschwingten, heiteren Tönen). Im Übrigen wurden jene Stilmittel gewählt, die bereits andere Krimi- und Horrorklassiker mit einer zum Greifen nahen Spannung ausstatteten: nächtliche Gewitter, unheilvolle Musikklänge und überraschende Twists. So bleiben vor allem Miss Marples Wache mit dem umfunktionierten Regenschirm und der Zyanidtod in der Küche im Gedächtnis. Brillant inszeniert und stichhaltig erläutert! Selbst Miss Marples Cottage verströmt diesmal eine bedrohliche Atmosphäre, als Inspektor Craddocks Schatten ums Haus schleicht, während drinnen Zeitungsausschnitte zu einer kryptischen Botschaft zusammengesetzt werden.

Die Darsteller ergänzen sich als Ensemble harmonisch, da jede Figur ihre Chance erhält, sich zu präsentieren. Die Zweckgemeinschaft der Theaterleute, deren Tagesablauf von den Anweisungen und spontanen Einfällen ihres Spielleiters abhängt, präsentiert zwei Generationen, die durchaus gleiche Ziele verfolgen. Selten kommt die Leidenschaft für die gewählte Profession zum Ausdruck; weitaus größer sind die privaten Motive, die die Figuren antreiben. Neid und Rivalität, Liebe und Hass, sowie Misstrauen und Eifersucht spielen im Tun und Denken der Akteure eine große Rolle. Neben dem spleenigen Ron Moody fallen besonders die spirituelle Alison Seebohm und der zynische James Bolam ins Auge, der in der deutschen Synchronisation mehr Tiefe und Stringenz erhält. Ebenso gelungen und ausdrucksstark klingt die deutsche Zunge bei Ron Moody. Zwei seltene Fälle, wo ich den Originalton als schwächer betrachte. Dennis Price als Theateragent Tumbrill hat einen kurzen, aber sehr charmanten Auftritt, der eine Brücke zu seiner Paraderolle in "Adel verpflichtet" schlägt. Francesca Annis sollte zwanzig Jahre später in der "Detektei Blunt" die Zügel in die Hand nehmen und als Tuppence Beresford erneut in einer Agatha-Christie-Produktion mitwirken.

"Mit allen Mitteln und Maschen einer routinierten Stimmungsmache arbeitet Regisseur Pollock. Ein spannender, vergnüglicher Krimi mit viel Grips und einem Schuss Arsen zusammengebraut." (Düsseldorfer Nachrichten) ZDF-Erstausstrahlung am 28. Februar 1970 mit einer Sehbeteiligung von 56%. Agile und geradlinige Performance von Margaret Rutherford, die von ihrer Gestik, Mimik und Aura lebt und ihre Partner zum Agieren bringt. 5 von 5 Punkten

Count Villain Offline



Beiträge: 3.832

21.08.2016 16:50
#84 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Zitat von Percy Lister im Beitrag #83
(...) und das titelgebende Frauenquartett gar nicht berücksichtigt wurde.

Vier Frauen haben wir dennoch: Die vier Schauspielerinnen Sheila, Eva, Dorothy und Maureen.

Lord Peter Offline




Beiträge: 397

21.08.2016 20:11
#85 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Nur, daß irgendwie keine von denen mit den Morden zu tun hat - bis auf Dorothy, die an Miss Marples Stelle stirbt.

Count Villain Offline



Beiträge: 3.832

21.08.2016 22:11
#86 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Das weiß man allerdings erst hinterher. Und eine der Damen wird immerhin in besonderem Maße als roter Hering präsentiert.

Jan Offline




Beiträge: 1.213

22.08.2016 00:25
#87 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Zitat von Percy Lister im Beitrag #82
BEWERTET: "Der Wachsblumenstrauß" [...] Drehbuch: David Pursall und Jack Seddon

Interessanterweise haben die beiden mit diesem Rutherford-Marple-Film nichts zu tun. Entgegen der drei anderen Teile verfasste das Drehbuch hier einmalig der US-Amerikaner James Cavanagh, der bis dahin vor allem für das amerikanische Fernsehen schrieb (z.B. "Alfred Hitchcock präsentiert"), einen wie auch immer gearteten Anteil an "Psycho" hatte und hier wohl von MGM beigesteuert wurde. Interessant vor allem deswegen, weil man m.E. kaum einen Bruch zu den drei Büchern der Autoren Pursall und Seddon ausmachen kann.

Gruß
Jan

Gubanov Online




Beiträge: 14.752

22.08.2016 21:25
#88 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Zitat von Jan im Beitrag #87
Interessant vor allem deswegen, weil man m.E. kaum einen Bruch zu den drei Büchern der Autoren Pursall und Seddon ausmachen kann.

Gerade das macht mich skeptisch, ob die alleinige Nennung von Cavanagh im Vorspann wirklich ganz akkurat ist. Die Rutherford-Serie fühlt sich, wie du schreibst, zu sehr „wie aus einem Guss“ an, als dass man zwischendurch ’mal eben das Drehbuch eines anderen hätte zwischenmogeln können. Mehrere Quellen nennen zudem die Namen von Pursall und Seddon auch im Crew des „Wachsblumenstraußes“; in seiner Agatha Christie Encyclopedia (S. 385f) führt Matthew Bunson sogar explizit an: „The second MGM film featuring Margaret Rutherford as Miss Marple, Murder at the Gallop, was adapted for the screen by David Pursall and Jack Seddon, with assistance from James Cavanagh, from the original Christie novel After the Funeral (1953)“. Pursall und Seddon scheinen Hausautoren gewesen zu sein (man verpflichtete sie ja auch gleich für „Die Morde des Herrn ABC“), die vielleicht einfach nicht immer in den Credits auftauchten.

Was die Diskussion zu den Titelfrauen aus „Vier Frauen und ein Mord“ angeht: Der Titel des Films nimmt ohnehin nur eine prinzipielle Funktion ein und wurde sicher nicht mit Rücksicht auf die vier genannten Ensemblemitglieder ausgewählt. Schaut man sich die deutsche Kinoauswertung der Rutherford-Marples (und des darauffolgenden ABC-Films aus dem gleichen Stall) an, so bemerkt man, wie der deutsche Verleih unter allen Umständen die englischen Titeleigenkreationen wieder in originale Christie-Buchtitel zurücktransformieren wollte. Bei „16 Uhr 50 ab Paddington“ funktionierte das auch noch ganz hervorragend (und ist sehr viel präziser als das nichtssagende „Murder, She Said“). Doch sowohl bei den „Vier Frauen“ als auch – noch augenfälliger – beim „Wachsblumenstrauß“ wurde die Umbenennung auf Biegen und Brechen durchgezogen, egal ob sie dem Inhalt des Films entsprach oder nicht. Dass bei den „Vier Frauen“ tatsächlich vier verdächtige Schauspielerinnen vorkommen, ist zudem völlig sekundär, da im zitierten Bericht offensichtlich die vier Frauen aus dem Zeitungsartikel über Mörderinnen gemeint sind, die in Christies Buch das „titelgebende Frauenquartett“ darstellen. Und die kommen im Film so nicht vor – da beißt die Maus keinen Faden ab.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.397

28.08.2016 14:38
#89 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

BEWERTET: "Mörder ahoi!" ("Murder ahoy", Großbritannien 1964)
mit: Margaret Rutherford, Lionel Jeffries, Charles Tingwell, William Mervyn, Joan Benham, Derek Nimmo, Norma Foster, Francis Matthews, Gerald Cross, Stringer Davis, Terence Edmund, Nicholas Parsons, Henry Oscar, Miles Malleson, Henry Langhurst, Edna Petrie, Lucy Griffiths u.a. | Drehbuch: David Pursall und Jack Seddon aufgrund ihrer Interpretation von Agatha Christies Miss Marple | Regie: George Pollock

Miss Marple wird in den Stiftungsausschuss für das Schulschiff "HMS Battledore" berufen. Als das Kuratoriumsmitglied Cecil Folly-Hardwicke vor seiner Wortmeldung tot zusammenbricht und seine Schnupftabakdose kurz darauf von einem Eindringling geleert wird, vermutlich Miss Marple richtig: Es handelt sich hier nicht um Tod durch Herzinfarkt, sondern um einen Giftmord....



"Rule Britannia, Britannia rule the waves....!"

Es wurde viel diskutiert, ob es besser gewesen wäre, einen weiteren Film nach einem Originalroman der Erfolgsautorin zu drehen, statt sich die Freiheit zu nehmen, der beliebten Darstellerin Margaret Rutherford einen maßgeschneiderten Fall auf den Leib zu schreiben. Mittlerweile hatte sich die populäre Figur der Amateurdetektivin zu einem Selbstläufer entwickelt, der das enge Korsett der literarischen Vorlage sprengte und wesentlich mehr Platz beanspruchte, als die Autorin ihrer ruhigen, aber scharfsinnigen alten Jungfer in den Büchern zugestanden hatte. Statt ihre Kombinationen beim Beobachten der Vögel oder der Pflege ihres Gartens zu ziehen - wie es die bescheidene Miss Marple in den Romanen tat - zog die matronenhafte Jane Marple der Filme hinaus aufs Land und nun auch auf See, um sich dort tatkräftig in Situationen einzumischen, deren Hintergrund Mord war. Das Publikum liebte die vollschlanke Dame für ihr Engagement und ihren herzhaften Mut, der eine unbezahlbare Werbung für England war und gerade in Deutschland das Bild der Inselbewohner prägte. Immer wieder gibt es Anspielungen auf die Stärke des Albions, der in der unverwechselbaren Margaret Rutherford eine selbstbewusste Botschafterin fand. Und wo äußert sich der Stolz der ehemaligen Weltmacht besser als in seiner Flotte?

Die Abgeschiedenheit des Schauplatzes ist ein Merkmal der Serie und wurde hier in pittoresker Weise umgesetzt. Miss Marple fühlt sich auch auf diesem Terrain zuhause, da sie auf eine Reihe von Seefahrern in ihrer Familie zurückblicken kann. So ist sie mit einigen Aspekten der Marine durchaus vertraut und steuert ein Ruderboot ebenso wie sie erfolgreich das Morsealphabet anwendet. Ihre Kenntnisse der Chemie stellt sie in einer eindrucksvollen Szene in ihrem Cottage unter Beweis. Die umfassende Bildung, die ihr als Mädchen schon früh zuteil wurde, wird immer wieder durch Beweise ihrer Eignung für sportliche oder geistige Herausforderungen betont. Die starke Frau, die durch Alter und Figur nicht dem zeitgenössischen Prototyp der Werbung entspricht, behauptet ihren Platz und ist gerade deshalb ein wichtiges Vorbild für den Zuschauer. Der Umgangston zwischen Miss Marple und dem Inspektor hat sich verschärft und ist aggressiver geworden, was in der Inhaftierung der alten Dame gipfelt. Der Polizeibeamte scheint zunehmend genervt von der Eigenmächtigkeit und dem Vorsprung der Hobbydetektivin. Durch ihre Anwesenheit an den Tatorten bzw. ihrem gesellschaftlichen Umgang mit den Personen der Handlung, kann sie inoffiziell viel mehr Informationen sammeln als ein Vertreter der Rechtsstaatlichkeit.

Die Charaktergesichter der Darsteller geben dem Film Authentizität, was bereits bei der ersten Sitzung des Kuratoriums ersichtlich wird. Der knorrige Folly-Hardwicke und seine drei Kollegen stehen für das steife Establishment, für Tradition und Abgeschlossenheit, was sie anfällig für Nachlässigkeit macht. Die Kontinuität, für die sie eintreten, wurde durch einen cleveren Betrüger unterwandert und bereitete zudem den Boden für eine neue Generation von Verbrechern. Lionel Jeffries als launiger Kapitän ist mehr mit seiner Eitelkeit, seinen Manierismen und dem Verbergen privater Verbindungen beschäftigt als mit der Führung eines Schiffs. Er delegiert seine Aufgaben an die ihm untergeordneten Mitglieder der Besatzung, wobei keinerlei Wertschätzung erkennbar ist. Alles läuft nach einem Schema ab, das in seiner Abgedroschenheit anfällig für Angriffe ist. Der Blick auf die Welt von gestern ist unverkennbar. Zukunft erhält die Gemeinschaft erst, als die Karten offengelegt werden und die kriminellen Mitglieder das Schiff verlassen. Mehr Spielzeit hätte man Francis Matthews gegönnt, der seinen Leutnant Compton interessant skizziert und im Zusammenspiel mit Nimmo und Foster für eine lebendige Dreieckssituation sorgt.

Die Kriminalhandlung profitiert von ihrem räumlichen Umfeld, das mit offenen Schauplätzen eine buchstäblich frische Brise in den Film bringt. Durch die diesmal nur verhalten eingesetzte Musik, die Ereignisse sehr dezent kommentiert, wird vermieden, dass der Humor als unpassend empfunden wird. Leider kompensiert die Figur des Kapitäns diese Lücke durch Jammern und Klagen. Die einzelnen Bereiche des Schiffs bieten Miss Marple eine passende Bühne für nächtliche Nachforschungen. Mister Stringer kann sich ebenfalls tatkräftig einbringen und beweisen, dass er über Ausdauer und Mut verfügt. Er dient nicht nur als Beschaffer von Dokumenten - wie immer - sondern auch als Ablenkungsmanöver und loyaler Freund. Da die Detektivin nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann, erfüllt er eine wichtige Funktion als Beobachter von außen.

"Der Spielfilm hat nur stellenweise mit Motiven aus Christie-Geschichten zu tun. Dennoch amüsiert der Mord und Totschlag auf dem Schiff dank der köstlich schrulligen Protagonistin wie gewohnt." (Berliner Zeitung) Originelle Versatzstücke machen das maritime Abenteuer für das Publikum zum kurzweiligen Vergnügen, wobei durch den exaltierten Lionel Jeffries Abstriche gemacht werden müssen. 4 von 5 Punkten

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Beiträge: 7.468

28.08.2016 14:47
#90 RE: Mord auf Zelluloid: Agatha-Christie-Kinofilme Zitat · antworten

Zitat von Percy Lister im Beitrag #89
"Rule Britannia, Britannia rule the waves....!"

Ist aber auch wirklich eine der besten Szenen des Films, sehe ich immer wieder gerne.


Encore! Encore!

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