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Dieses Thema hat 482 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

10.05.2012 21:09
#121 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten

Zitat von Percy Lister
@Jack_the_Ripper: Ich überlege derzeit, ob ich mir "Die Spur des Fremden" (The Stranger) bestellen soll, da mir Edward G. Robinson in "Frau ohne Gewissen" und "Gefährliche Begegnung" so gut gefallen hat. Du hast den Film bereits im Herbst 2011 hier besprochen und auf gewisse Minuspunkte hingewiesen. Da auch mir eine eher negative Kritik (in der Monographie "Orson Welles" des Rowohlt-Verlags) vorliegt, wollte ich Dich bitten, kurz einzuschätzen, ob er für "Noir"-Liebhaber ein "must have" ist oder im Endergebnis als überholt gilt.


Tatsächlich tu ich mich mit An- und Abraten immer etwas schwer, Percy, eigene – manchmal der Tagesverfassung geschuldete - positive wie negative Betrachtungen sind – wie ich gemerkt habe - auch für einen selbst nicht immer in Stein gemeißelt. Bei „Spur“ find ich nun schon, dass seine große Stärke in der formalen Machart liegt, einem das Talent des „Wunderkindes“ Orson Welles auf Schritt und Tritt begegnet, dem es gelingt, eine sehr intensive kleinstädtische, spätherbstliche Noirstimmung aufzubauen. Das Problem des Films liegt eher in seiner unglaubwürdigen Geschichte, deren morbider Ausgangspunkt faszinierend ist, dieses ernste und düstere Thema sich jedoch nur bedingt für die recht konventionelle Kriminalgeschichte eignet. Vielleicht hätte der Film sogar geschlossener gewirkt, wenn man aus dem Naziverbrecher einen „gewöhnlichen“ Kriminellen, Psychopathen, Killer oder was auch immer gemacht hätte. Darstellerisch ist der Film solide, aber nicht überragend, Orson Welles wirkt gelegentlich etwas hölzern, E.G. Robinson spielt, wie wir ihn kennen und lieben, wirkliche Akzente setzt er als verschmitzter Ermittler allerdings auch nicht und auch Loretta Young, die ich seit „Frau in Notwehr“ sehr verehre, bleibt unter ihren Möglichkeiten. Trotzdem möchte ich dir eigentlich zur Anschaffung raten (falls es sich nicht um einen unverschämten Preise handelt), einerseits, weil ich auf deine Kritik sehr gespannt bin und zum zweiten, weil „Die Spur des Fremden“ im Gegensatz zu vielen anderen Filmen in den letzten Jahr(zehnten) immer mal wieder den Weg in meinen Videorekorder bzw. DVD-Player gefunden hat. Als überholt oder verstaubt seh ich den Film nicht, im Gegenteil, er hat sich sogar eine gewisse Faszination und Zeitlosigkeit bewahrt.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

13.05.2012 13:38
#122 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten

Vielen Dank für Deine Meinung. Ich werde den Film auf meine Liste setzen. Hier noch ein Beitrag aus einem meiner Bücher:

Eckhard Weise schreibt in seiner Monographie "Orson Welles", die im Jahr 1996 im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen ist, folgendes zur Entstehung von "Die Spur des Fremden" (The Stranger):

Zitat von Eckhard Weise: Orson Welles, S. 64-66
Es ist die Gunst des Kinopublikums (Anmerkung: nach dem Kassenerfolg von "Jane Eyre"), die dem Darsteller Welles ermöglicht, auf den Regiestuhl eines Filmstudios zurückzukehren. Die Produzenten Sam Spiegel und Bill Goetz planen einen Film über einen hochrangigen Nazi, dem es gelingt, in den USA unterzutauchen. John Huston soll diesen Kinobeitrag zum Entnazifizierungsprogramm der Vereinigten Staaten inszenieren, Welles ist vorgesehen für die Rolle des Naziverbrechers. Spiegel und Goetz sind von der Zugkraft dieses Schauspielers durchaus überzeugt, weniger von der des Regisseurs. Eher aus Verlegenheit (Huston wird zum Armeedienst eingezogen) übertragen sie Welles die Regie - unter der Auflage freilich, dass ein detaillierter Produktionsplan strengstens eingehalten werde; das Drehbuch dürfe nicht mehr verändert werden, und Welles habe mit den Schauspielern des Studios zu arbeiten, also ohne sein vertrautes Mercury-Ensemble. Er willigt ein. Im September 1945 beginnen die auf 35 Tage festgelegten Dreharbeiten zu "The Stranger", ab Mai 1946 wird der Film in den Kinos gezeigt: alles läuft wie geplant. [...]

Orson Welles ist unzufrieden. Er wird seinen Vertrag erfüllen, verliert jedoch jegliches Interesse am Film, als er erkennt, dass ihm diese Auftragsarbeit keinerlei schöpferische Freiheit lässt. Ein übriges leistet ein von Spiegel beauftragter Cutter, der den Film in der Endmontage so weit wie möglich von seinen sozialpolitischen Elementen zu befreien hat. [...] Der Film enthält dennoch sehenswerte Passagen; in atmosphärisch dichten Szenen kündigt sich die Meisterschaft späterer Kriminalfilme an. [...] Gewürdigt wird der Film heute zumeist als gelungener Beitrag zu Hollywoods Schwarzer Serie. Eine dieses Genre kennzeichnende Differenziertheit der Charakterzeichnung bleibt jedoch in "The Stranger" die Ausnahme, denn zur Regel wird in diesem Welles-Film die bloße Typisierung der Personen. [...] Solch ein Rückgriff auf die überkommenen Muster des moralisierenden Kriminalfilms wiederum ist zu verstehen vor dem Hintergrund des amerikanischen Verständnisses der Kriegsschuld.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

18.05.2012 16:59
#123 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten

HOLLYWOOD-STORY
(USA 1955, Original: The Big Knife)




Der Film erzählt die Geschichte eines desillusionierten Hollywoodstars, der verzweifelt versucht, sich aus der Umklammerung seines übermächtigen Produzenten und aus den Klischees jener Rollen, zu denen er verdammt scheint, zu befreien, um sich einen Rest seiner einstigen Ideale zu erhalten, der um seine Ehe kämpft und gleichzeitig mit einem lange verdrängten Geheimnis aus seinem Leben konfrontiert wird. Jack Palance verkörpert diesen Star mit einer erstaunlichen Kraft und Wandlungsfähigkeit, er trägt das kammerspielartige Drama, dessen Schauplatz praktisch nur aus dem Wohnzimmer seiner Hollywoodvilla besteht, wo die Tragödie unaufhaltsam ihren Lauf nimmt. Momente der Erleichterung, der Erneuerung und des Aufbruchs werden immer wieder von Enttäuschungen und Rückschlägen, von Zusammenbrüchen und Abstürzen begleitet, bis Verzweiflung und Resignation schlussendlich übermächtig werden und ihren Protagonisten in den Abgrund reißen. Die harte Anklage gegen die alles verschlingende Filmindustrie, in der nur Geld und der nächste Erfolg zählen, in der Erpressung und Einschüchterung alltäglich scheinen, in der sogar Mord nur Mittel zum Zweck ist, wirkt auch heute noch erstaunlich intensiv und aktuell, Ida Lupino – Spezialistin für ambivalente Frauenrollen jenseits von Aufputz und schönem Schein – überzeugt als Ehefrau zwischen Auflehnung und Liebe, negativ könnte man die etwas zu stereotype, bühnenhafte Studioatmosphäre kritisieren sowie Rod Steigers überzeichneter Rumpelstilzchen-Auftritt als Studiotycoon, der mit Zuckerbrot und Peitsche versucht, seine Interessen durchzusetzen.



DAS UNBEKANNTE GESICHT / DIE SCHWARZE NATTER
(USA 1947, Original: Dark Passage)




Enthält Spoiler!

Das Außergewöhnliche an „Dark Passage“ ist die Gestaltung durch die sogenannte subjektive Kamera im ersten Drittel des Films, in dem man die Handlung praktisch nur durch die Augen des Hauptdarstellers – eines aus dem Gefängnis geflohenen Gattenmörders, der versucht, seine Unschuld zu beweisen und der von verschiedenen Seiten Hilfe erfährt – erlebt. Diese Machart erzeugt Interesse, zumal die Umsetzung recht fantasievoll und atmosphärisch gelungen ist, hat auch ihre Bedeutung für den Handlungsverlauf, da sich der Flüchtling schließlich einer Gesichtsoperation unterziehen muss, um sein Äußeres zu verändern und dann nach gut der Hälfte und dem Entfernen der Bandagen wie Humphrey Bogart aussieht, beschäftigt den Zuschauer allerdings zum Teil zu sehr mit rein film- und kameratechnischen Kniffen, sodass man die Geschichte etwas aus den Augen verliert. Das Handlungsgerüst zeigt sich ohnehin bei kritischer Betrachtung und trotz spannender und überraschender Entwicklungen insgesamt zu konstruiert, zu sehr auf Zufälle verlassend, beschädigt mit dem kitschigen Happy End etwas die vorher geschickt aufgebaute Perspektivlosigkeit, die es dem gejagten Protagonisten andichtet. Ein kleines Problem hab ich außerdem auch hier wieder mit Bogarts darstellerischer Präsenz, die nie ganz den Eindruck des coolen Privatdetektivs bzw. Gangsters oder des zynischen Nachtclubbesitzers ablegen kann, sodass er als unschuldig Gejagter zwischen allen Stühlen auf mich zu rollenfixiert wirkt. Trotzdem ist die Besetzung mit das Stärkste des Films, Lauren Bacall überzeugt mit einer Mischung aus Verletzlichkeit, Stärke und Attraktivität als idealistische junge Frau, die zunächst aus Überzeugung, später aus Liebe dem Sträfling hilft und Agnes Moorehead zeigt als intrigante, besitzergreifende Verdächtige Angst und Entschlossenheit gleichermaßen. Die Noir-Gestaltung bleibt trotz beeindruckender, oft lebendiger San Francisco-Bilder und einem über weite Strecken sehr eleganten Stil insgesamt etwas unter ihren Möglichkeiten, so wie auch das oben schon erwähnte Doppel-Happy End – die Amorszene im Busbahnhof wie auch das Wiedersehen im mittelamerikanischen Flüchtlingsort - dem Film und der aufgebauten Atmosphäre bzw. Charakterisierung keinen wirklich guten Dienst tut. "Dark Passage" firmiert unter verschiedenen deutschen Titeln, die alle nicht so recht treffsicher sind.

kaeuflin Offline




Beiträge: 1.259

27.05.2012 18:59
#124 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten

Blonder Lockvogel / Decoy / Die gefährlichste Frau der Welt

Herstellungsland: USA
Erscheinungsjahr: 1946
Drehbuch: Nedrick Young, Stanley Rubin
Kamera: L. William O'Connell
Schnitt: Jason H. Bernie
Musik: Edward J. Kay
Länge: ca. 76 Minuten
Regie: Jack Bernhard
Cast: Jean Gillie, Edward Norris, Robert Armstrong,
Herbert Rudley, Sheldon Leonard, Marjorie Woodworth,
Philip Van Zandt, Carole Donne, John Shay, Bert Roach


Ein Verwirrt erscheinender Mann begibt sich in die Wohnung einer jungen Frau. Diese Scheint Angst vor ihm zu haben. Bald ertönen Schüsse. Sergeant Portugal, der vor dem Gebäude gewartet hatte kommt zu spät. Der Mann liegt tot am Boden, die junge Frau liegt in sterben und fantasiert hysterisch. Dabei beginnt sie „JoJo“ wie sie Portugal nennt, ihre Geschichte zu erzählen.

Margots Lover, Frankie Olins beging einen Raubüberfall, bei welchem ein Mensch getötet wurde. Dafür wurde er zum Tode verurteilt. Nur Frankie kennt das Versteck des Geldes. Sollte es niemandem gelingen ihn zu befreien, so wird er das Geheimnis mit ins Grab nehmen. Doch die geldgierige Margot hat bereits eine Plan. – dabei benötigt sie sowohl die Hilfe des Gangsters Vincent, als auch die Unterstützung des Gefängnisarztes Craig. Mühelos gelingt es ihr die beiden Männer um den Finger zu wickeln, doch keiner der Beteiligten hat vor, das Geld mit jemandem anders zu Teilen.

Decoy – der Geheimtipp schlechthin – Jahrelang war keine Kopie zu bekommen, Kritiker lobten den Film in den Himmel, die Bosheit von Margot (Jean Gillie) gilt als Legende… Und doch ist es wie so oft, wenn der Film dann auftaucht, merkt man, man hatte nichts verpasst wenn man ihn nie zu Gesicht bekommen hat…. Den Decoy lebt von der Legende.

Ich mag durchaus recht billig Produzierte Film Noirs – DOA oder Detour finde ich richtig genial aber diese Filme habe 2 Dinge, die Decoy schmerzlich fehlen ... Das erste wäre eine Außergewöhnlich Idee – die auch weiter reicht wie unsere Femme Fatal ist böser als alle vor ihr – Das ist zwar schon richtig so, aber dadurch wirkt Margot nicht wie ein Mensch sondern wie eine Karikatur. Hinzukommt das übertriebene Spiel von Jean Gillie, die mich persönlich schon während des Prologs genervt hatte. Das zweite wäre eine Person, selbst wenn es eine Gebrochen Figur ist, deren Schicksal den Zuschauer in irgendeiner Weise interessieren würde… JoJo ist dabei genauso Unbrauchbar wie Margot, Craig oder Vincent… Die Leistungen der Darsteller passen zu ihren Rollen… Tiefe such man da Vergeblich, alles wirkt hölzern, aufgesetzt, unecht.

Optisch fängt der Film gut an – Der Prolog ist durchaus Effektiv. Danach allerdings solide abgefilmtes Geschehen, ohne eigen Handschrift.
Dem Drehbuch fehlt ebenfalls ein wenig der Feinschliff nicht nur bei den Figuren. Vieles wird unfertig. Die Widererweckungssequenz erscheint dabei eher aus einem Frankenstein Film entnommen.

Immerhin hat Warner USA hat den Fans des Films eine Freude gemacht und ihn in die Film Noir Box 4 gepackt, wo er sich eine Scheibe mit "Crime Wave" teilt. Wenn man bedenkt wie rar der Film über Jahre war, ist die Qualität auf der DVD fantastisch. Sehr gutes, scharfes Bild, gut verständlicher Ton, Englische Untertitel. Für den der e braucht gibt es noch nen Audiokommentar zum Film.

Es gibt sicher schlechtere Filme als Decoy. Aber es gibt aus so viele bessere Film Noirs selbst von den kleinen Studios, dass Decoy da eher im hinteren Mittelfeld rangiert ... Kann man Ansehen, muss aber wirklich nicht sein.

2,5 von 5

Mag der Buchswald tot sein, der Buchsgeist lebt weiter!

Happiness IS the road ! (Marillion)

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

28.05.2012 12:24
#125 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten

GEHEIMRING 99
(USA 1955, Original: The Big Combo)




„Geheimring 99“ ist ein bestechendes Beispiel für die Kamerakunst John Altons, der die brutale Geschichte um den Zweikampf zwischen einem idealistischen jungen Polizisten und einem smarten, aalglatten Gangsterboss in ebenso düstere wie mitreißende Bilder kleidet. Den ganzen Film beherrscht eine dunkle Aura, eine Stimmung von immerwährendem Zwielicht, ewiger Nacht, die ausgeklügelte Gestaltung, das jedes Mal wieder neu variierte Spiel mit den Möglichkeiten von Schatten, Licht und Nebel erzeugt eine Unsicherheit und Zerrissenheit, ein Gefühl des sich blind herumtasten müssen, das man auch als Spiegelbild für die Befindlichkeiten, die Störungen, Beweg- und Antriebsgründe der Protagonisten – der Guten, der Bösen und der dazwischen - interpretieren könnte. Die auf klassisch stringente Weise erzählte Geschichte ist eher Dutzendware, ein junger Polizist überschreitet seine Kompetenzen bei der Jagd auf einen stadtbekannten Gangsterboss und dessen Handlanger, einem eleganten Gentleman, seinem Chef nicht unähnlich, aber durch gewisse Skrupel und eigenes Unvermögen halt nur die Nummer 2, sowie ein – und auch das ist ein Beispiel für die gestalterische Unkonventionalität des Films, auch was sexuelle Anspielungen und Obsessionen anbelangt – auf unverblümt offene Weise als schwul erkennbares Killerpärchen, gewinnt aber durch die außergewöhnliche Fotografie und die sich im Verlauf immer weiter steigernde Brutalität eine besondere Note, die ihn weit über übliche Filme dieser Art hinaushebt. Erster „Höhepunkt“ – auch was die zunehmende Gewalttätigkeit betrifft – ist die Folterszene mit dem Hörgerät, die eine erschreckendere Intensität ausstrahlt als mancher der Morde. Darstellerisch bedient sich der Film – wenn man so will - mit Stars aus der zweiten Reihe, was keine Abwertung bedeuten soll, Cornel Wilde wirkt als Jäger vielleicht etwas bieder, trotz gewisser ambivalenter Eigenschaften bleibt es doch die Rolle eines Mannes für Gesetz und Ordnung, Richard Contes „Mr. Brown“ ist eine faszinierende Gangsterboss-Studie, alle Merkmale eines solchen Verbrechers, Kaltblütigkeit, mörderische Entschlossenheit, Verschlagenheit und Umsicht, Führungsqualität, rauer Umgang mit Frauen finden in seiner Darstellung Raum, der distinguierte Brian Donlevy scheint in der Gangsteransammlung etwas deplatziert, bringt tatsächlich aber eine interessante zusätzliche Note ins Spiel. Die deutsche Bearbeitung aus den 50er-Jahren wirkt durch Sprecher wie Siegfried Schürenberg, Eckart Dux und Margot Leonhard sehr stimmig.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.096

24.06.2012 14:48
#126 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten



Das Haus der Lady Alquist (Gaslight)

Kriminalfilm, USA 1944. Regie: George Cukor. Drehbuch: John van Druten, Walter Reisch, John L. Balderston (Theaterstück: Patrick Hamilton). Mit: Charles Boyer (Gregory Anton), Ingrid Bergman (Paula Alquist), Joseph Cotton (Brian Cameron), Dame May Whitty (Miss Thwaites), Angela Lansbury (Nancy), Barbara Everest (Elizabeth), Emil Rameau (Maestro Guardi), Edmund Breon (General Huddleston), Halliwell Hobbes (Mr. Muffin), Tom Stevenson (Williams) u.a. Uraufführung (USA): 4. Mai 1944. Eine Produktion von Metro-Goldwyn-Mayer.

Zitat von Das Haus der Lady Alquist
Paula Alquist heiratet den ihr erst seit wenigen Wochen bekannten Pianisten Gregory Anton. Dieser schlägt ihr vor, eine Wohnung in London zu beziehen. Paula fühlt sich an ihr altes Heim erinnert und so findet sie sich mit Gregory bald am Thornton Square wieder. Das Haus ist ihr allerdings verhasst – ihre Tante, die sie vergöttert, starb hier. Auch auf Paula scheint sich die Umgebung auszuwirken: Sie zergeht in Selbstzweifeln und Angst.


Die Besprechung zu Das Haus der Lady Alquist (Gaslight) kann im Thread "GASLICHT": Eine Chronologie nachgelesen werden.





Zwölf Monate Bewährungsfrist (Invisible Stripes)

Kriminalfilm, USA 1939. Regie: Lloyd Bacon. Drehbuch: Warren Duff (Buchvorlage: Lewis E. Lawes). Mit: George Raft (Cliff Taylor), William Holden (Tim Taylor), Jane Bryan (Peggy), Flora Robson (Mrs. Taylor), Humphrey Bogart (Chuck Martin), Paul Kelly (Ed Kruger), Lee Patrick (Molly), Henry O’Neill (Bewährungsbeamter), Frankie Thomas (Tommy), Marc Lawrence (Lefty) u.a. Uraufführung (USA): 30. Dezember 1939. Uraufführung (BRD): 20. Juni 1965. Eine Produktion von First National Pictures und Warner Bros.

Zitat von Zwölf Monate Bewährungsfrist
Wegen guter Führung wird Cliff Taylor vorzeitig aus Sing Sing entlassen, muss aber noch ein Jahr unter Bewährungsauflagen zurechtkommen. Für ihn stellt es sich als doppelt schwer heraus, denn nicht nur bricht er mit seiner Braut, auch kann er kaum einen Fuß ins Berufsleben setzen. Sein leicht reizbarer Bruder bemerkt die Schwierigkeiten und hält nicht viel von Cliffs Ehrlichkeit. Er möchte schnell und unkompliziert an Geld kommen.


Während sich zur Mitte der 1940er Jahre der Film Noir zum Luxusschaufenster ausprägte („Laura“, „Frau ohne Gewissen“, „Gaslicht“, „Gefährliche Begegnung“) und dadurch Spannung schuf, dass die Protagonisten neben ihrem eigenen Gesicht vor allem Verantwortung und Vertrauen zu verlieren hatten, waren die frühen Anläufe dieser Filmkunst vor allem auf den Typus Gangsterfilm konzentriert. Mit diesem Schwerpunkt schwang immer ein gesellschaftskritischer Unterton mit, der oftmals die schwierigen Folgen einer Vorverurteilung oder zu großen Nachtragens skizzierte. So auch in „Zwölf Monate Bewährungsfrist“: Anstatt den Fokus auf das kriminelle Treiben ungeläuterter vorbestrafter Berufsverbrecher zu legen, konzentrierte sich Lloyd Bacon in der ersten Hälfte seines Films vor allem auf die vergebenen Versuche eines Entlassenen aus Sing Sing, der sich mit den besten Vorsetzen wieder ins normale Leben eingliedern will. Cliff (verurteilt, weil er eine Registrierkasse aufgebrochen hatte) wird dem Zuschauer als Musterbeispiel der Arbeit verkauft, die amerikanische Gefängnisse in puncto Resozialisierung leisten. Lediglich an den Vorurteilen seiner Arbeitgeber und Kollegen scheitert er – ganz offenbar der Missstand, den „Zwölf Monate Bewährungsfrist“ seinerzeit ins öffentliche Interesse zu setzen gedachte. Selbst in der heutigen Zeit, in denen sich ganze Gemeinden erst einmal prophylaktisch gegen die Niederlassung Vorbestrafter wehren, ist das Thema so aktuell wie nie.

George Raft erinnert in der Rolle des Cliff stark an seinen Auftritt in der Bewährungskomödie „Du und Ich“ von Fritz Lang aus dem Jahr 1938. Es ärgert den Zuschauer sehr, dass Cliff dann plötzlich allen Vorhaben zum Trotz doch wieder umschwenkt – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Besetzung. Raft erwarb sich schließlich ausgerechnet durch seinen starken Glauben an das Gute im Menschen filmhistorische „Berühmtheit“, als er das Angebot, Walter Neff in „Double Indemnity“ zu spielen, aus moralischen Gründen rundheraus ablehnte. Auch inhaltlich wird das Umdenken des überzeugten Idealisten nicht stichhaltig genug vorbereitet. Für Cliffs Wiedereinstieg in dubiose Tätigkeiten mit Humphrey Bogarts Bande (der große Hollywood-Mime nahm 1939 noch Nebenrollen an) reichen die Gründe einfach nicht aus, auch wenn seiner Entscheidung eine der besten Szenen des Films, in der er sich mit seinem Bruder mit Fäusten und mit Worten ausspricht, vorangeht. Diese Szene sorgt auch für ein interessantes Erlebnis hinter den Kulissen, als Tim (der ebenfalls später zu großem Ruhm kommende William Holden) seinem Bruder einen Schlag verpasst. Lewis Yablonsky schilderte das Geschehen am Set aus der Sicht von Holden:

Zitat von Lewis Yablonsky: „George Raft“, McGraw-Hill, Columbus, 1974, zitiert nach TCM.com
In one scene, I square off with George in a fight because I resent his help. When we did the scene I must have still been bobbing and weaving from my fight scenes in Golden Boy because my head hit George’s eye. I remember, when I saw the blood, thinking, „Christ, it’s George Raft. Now I’m really going to get it.“ Well, he was as nice as could be even though his wound needed several stitches later at the hospital. He really was my big brother, in and out of the movie. In fact, if he had not helped me, I might have been thrown out of the picture. However it began, the director, Lloyd Bacon, was always yelling at me. I couldn’t seem to get anything right – my lines or my movements. It was Hell. Then George stepped in with the director and told him to go easy on me. The director finally lightened up on me because of George’s insistence.


Eine enge Beziehung pflegt Cliff / George indes nicht nur zu seinem Bruder, sondern auch zu seiner Mutter. Flora Robson verkörpert die gute Seele des Streifens. Man mag nicht über sie urteilen, sie habe in ihrer Erziehung der beiden Jungen versagt, sondern möchte Cliffs Vorgeschichte und Tims Temperament lieber einfach „den Umständen“ zuschieben, was natürlich zu kurz gedacht ist. Selbst eine schnelle Recherche wird Filmfreunde übrigens auf die interessante und verblüffende Information stoßen lassen, dass Flora Robson ganze sieben Jahre jünger (!) als George Raft war und nur „auf alt“ geschminkt wurde. „Make-up“, so möchte man ausrufen, „funktioniert also immerhin in diese Richtung.“

Auch wenn der Sinneswandel Cliffs das große Manko des Films bleibt, so führt er doch zu einigen spannenden Szenen, die die kritische, dialoglastige Ader von „Zwölf Monate Bewährungsfrist“ aufbrechen und ihn in der zweiten Hälfte zu einem echten Gangsterkrimi machen. Das Finale in Chuck Martins Apartment sorgt erst für den Bodycount des Films, der sich bis dahin eher in Erwägungen und dem Abschätzen von Möglichkeiten übt.

Ein typischer früher Noir-Vertreter, der das Knast- und Gerechtigkeits-Thema der 1930er-Jahre-Vertreter der Schwarzen Serie aufgreift, ohne so düster und emotionslos zu wirken wie ähnlich gelagerte Filme der 1950er Jahre. Trotz viel Dramas kommt es zu einer Art Happy End, bei dem jedoch eine bittere Note mitschwingt. 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.096

27.06.2012 21:25
#127 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten



Die Lady von Shanghai (The Lady from Shanghai)

Kriminalfilm, USA 1947. Regie: Orson Welles. Drehbuch: Orson Welles (Buchvorlage: Sherwood King). Mit: Rita Hayworth (Elsa Bannister), Orson Welles (Michael O’Hara), Everett Sloane (Arthur Bannister), Glenn Anders (George Grisby), Ted de Corsia (Sidney Broome), Erskine Sanford (Richter), Gus Schilling (Goldie), Carl Frank (Staatsanwalt Galloway), Louis Merrill (Jake), Evelyn Ellis (Bessie) u.a. Uraufführung (USA): 9. Juni 1948. Uraufführung (BRD): 24. Februar 1950. Eine Produktion von Mercury Productions und Columbia Pictures.

Zitat von Die Lady von Shanghai
Als der irische Seemann Michael O’Hara im New Yorker Central Park eine schöne Blondine vor Dieben beschützt, kann er nicht ahnen, dass diese Begegnung fatale Konsequenzen nach sich ziehen wird. Elsa Bannister, seine Bekanntschaft, kann ihn überzeugen, für eine Karibikkreuzfahrt auf der Jacht ihres Mannes, des Staranwalts Arthur Bannister, anzuheuern. Michael leidet während der Fahrt unter dem Zynismus der reichen Leute. Wieder in den USA angekommen, macht Mr. Bannisters Geschäftspartner ihm sogar das Angebot für einen Auftragsmord ...


Man mag kaum glauben, was man liest und hört, wenn man die Entstehungsgeschichte von „Lady from Shanghai“ rekapituliert. Ein Zufall in der Entstehung, ein Problem in der Realisierung, ein Flop in den US-Kinos – und trotzdem ein Ergebnis, das cineastisch über jeden Zweifel erhaben ist? Nach „The Third Man“ von Carol Reed ist „Lady from Shanghai“ meine zweite Begegnung mit Orson Welles und ich ziehe „Lady from Shanghai“ seinem Wiener Pendant in jeder Hinsicht vor. Nicht nur sorgt der amerikanische Produktionshintergrund für eine viel düsterere, schmutzigere Fassade, auch sind die Bildeindrücke, über die sich beide Produktionen schließlich definieren, im Falle des von Welles selbst gedrehten Films weit weniger archaisch und künstlich.

Inhalt und Form fügen sich unter Welles Fittichen in Perfektion zusammen: ein überladener, komplizierter, mehrfache Sichtungen erfordernder Plot, der – erst einmal durchschaut – immer mehr an Reiz gewinnt, durchgedrehte Charaktere und geradezu auf den Zuschauer einhagelnde Bildeindrücke, Nahaufnahmen, Trickshots, Schattenwürfe, Spiegelungen, Anspielungen – was „Lady from Shanghai“ aufbietet, ist nichts anderes als ein Noir-Feuerwerk! Der Film besticht durch Kompaktheit und bedeutungsschwangere Details. Breites Auswelzen von Gedanken und Gefühlen nicht nötig. Das Verständnis funktioniert auch so. Man kann beinah von Glück sprechen, dass sich das Studio der von Welles präsentierten Rohfassung von 155 Minuten annahm und diese auf 86 (in PAL 84) kondensierte. Das Ergebnis ist ein intensives Konzentrat: jede Szene ein Schritt (manchmal ein Sprung) in Richtung unausweichliches Ende.

Ohne abgegriffen zu wirken, spielt „Lady from Shanghai“ mit allen nur erdenklichen Merkmalen des Genres: ein leicht verführbarer, etwas beschränkter Held, den Orson Welles umso hervorstechender gestaltete, als er ihm einen unverkennbaren irischen Akzent verpasste („that’s a big word: innocence – stupid’s more like it“), und dem die „Film Noir Encyclopedia“ einen diesem Rollentypus eigenen Masochismus unterstellt; die berühmte Rita Hayworth in einer femme-fatale-Rolle erster Güte (mit derselben Haarfarbe und Zwielichtigkeit ausgestattet wie einst ihr Vorbild Mrs. Dietrichson); ein Krüppel darf ebenso wenig fehlen wie ein Gerichtsprozess (dieses Mal aufgrund Welles’ Abneigung gegen Anwälte und Richter in das sich immer weiter auswachsende Kuriositätenkabinett des Films integriert) und die Bedrohung durch exotische Einflüsse. Außenaufnahmen wurden außer in San Francisco deshalb auch in Acapulco gedreht, eine weitere wichtige Szene bildet ein Ausflug nach Chinatown.

Optisch können nur wenige Filme „Lady from Shanghai“ das Wasser reichen. Orson Welles, der später sagte, er habe nur so gedreht, wie er Szenen für ganz natürlich gehalten habe, wartet mit einer Nebelszene im Central Park, diversen raffinierten Kameraeinstellungen auf der Schifffahrt durch Mittelamerika – darunter einem auf einem Felsen gedrehten Gespräch über den Weltuntergang, aus dem sich ein Gesprächsteilnehmer wie durch einen Sturz von den Klippen verabschiedet –, einem spitzzüngigen Zusammenschnitt aus Schachbrett und Gerichtssaal sowie vor allem der crazy house sequence auf. Letztere endet in einem Spiegelkabinett, das den berühmten Schauplatz für den Höhepunkt des Films bildet. Und was macht der Held währenddessen? Er steht daneben. „I start out in this story a little bit like a hero, which I most certainly am not.“

Ein Noir-Meisterwerk. So gut wie ebenbürtig mit „Frau ohne Gewissen“. Leider oft enorm verkannt. Mir macht die „Lady“ Appetit auf mehr Orson Welles. 5 von 5 Punkten.

Auf Ausführungen über die Produktionshintergründe habe ich verzichtet in der Sicherheit, dass sie den Rahmen sprengen würden. Wer etwas über dieses Thema lesen möchte, sollte – wie immer bei US-Klassikern – TCM.com konsultieren. Ebenfalls zu empfehlen: die schicken Stills und Poster bei Doctor Macro.



Die DVD von Columbia Tristar / Sony ist ein Genuss für jeden Filmfreund. Nicht nur liegt „Lady from Shanghai“ in einer hervorragenden Bildqualität vor, auch verrät der Rest des Pakets den großen Aufwand, den sich auch Major-Labels bei alten Titeln im Jahr 2003 noch gaben. Deutscher und englischer Ton, diverse andere europäische Synchronisationen und Untertitel, ein Audiokommentar von Peter Bogdanovich, eine Featurette, Trailer, Werbematerial, Filmografien. Perfekte Umsetzung.

Synchronfreunden wird auffallen, dass Peter Pasetti auf Orson Welles zu hören ist und damit die größte Sprecherrolle des Films (u.a. auch als noir-typischer Off-Erzähler) erhalten hat. Da die Übertragung aber schon aus dem Jahr 1949 stammt, irritiert sie auch in einigen Punkten (deutsche Aussprache von Namen, teilweise übermäßige Klamaukisierung, einige Schnitte in politischen, philosophischen oder einfach unangenehmen Gesprächen). Trotz der Besetzung, die u.a. auch Richard Münch auf Everett Sloane umfasst, empfehle ich also ab Sichtung Nummer 2 den O-Ton.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.096

06.07.2012 16:55
#128 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten



Gardenia: Eine Frau will vergessen (The Blue Gardenia)

Kriminalfilm, USA 1953. Regie: Fritz Lang. Drehbuch: Charles Hoffman (Buchvorlage: Vera Caspary). Mit: Anne Baxter (Norah Larkin), Richard Conte (Casey Mayo), Ann Sothern (Crystal Carpenter), Raymond Burr (Harry Prebble), Jeff Donnell (Sally Ellis), Richard Erdman (Al), George Reeves (Captain Sam Haynes vom Morddezernat), Ruth Storey (Rose Miller), Ray Walker (Homer), Nat „King“ Cole (Nat „King“ Cole) u.a. Uraufführung (USA): 23. März 1953. Uraufführung (BRD): 20. November 1953. Eine Produktion von Blue Gardenia Productions und Warner Bros.

Zitat von Gardenia: Eine Frau will vergessen
Hätte Norah den Brief ihres Verlobten nur nicht an ihrem Geburtstag geöffnet! Der in Korea stationierte Soldat hat im Lazarett eine Krankenschwester kennengelernt und sich in sie verliebt. Für Norah bricht eine Welt zusammen. Kurzsichtig lässt sich die naive Frau auf ein Dinner mit dem Hallodri Harry Prebble ein und geht nach einigen Drinks sogar mit in seine Wohnung. Als Prebble zudringlich wird, nimmt Norah einen Schürhaken und schlägt zu! Am nächsten Morgen beginnt die Polizei die Suche nach Prebbles Mörderin.


Fritz Lang war nicht gerade stolz auf „The Blue Gardenia“. Der Film, der in nur zwanzig Tagen gedreht wurde, war eine Auftragsarbeit für Warner Bros., wobei das Studio Lang weder finanzielle noch planerische Freiheiten zugestand. Das Ergebnis, darüber sind sich Noir-Experten einig, sei eindeutig nicht so beeindruckend wie Langs berühmtere und bahnbrechendere Experimente, habe aber den Charme des Unvollkommenen, fast schon eines B-Pictures. Langs inszenatorische Exzellenz verschluckten die Produktionsumstände zudem keineswegs: Viel gerühmt wird auch in „Gardenia“ sein Umgang mit Nah- und Panoramaaufnahmen, Licht und Schatten. Ihm zur Seite stand der verdiente Noir-Kameraexperte und gebürtige Italiener Nicholas Musuraca (auch „Stranger from the Third Floor“, „The Fallen Sparrow“, „Die Wendeltreppe“, „Goldenes Gift“, „Where the Danger Lives“ u.a.). Gelobt werden von Robert Porfirio vor allem zwei Szenen:

Zitat von Robert Porfirio: „The Blue Gardenia“, in Alain Silver et al.: „Film Noir: The Encyclopedia“, Overlook Duckworth, New York / London 2010, S. 53
the image of Prebble screaming in the broken mirror as Norah is about to strike him; and, especially, the extreme deep focus shot from inside the darkened press room entrance and across the vestibule to show Norah emerging from the elevator and slowly entering the room wile the word „Chronicle“ is silhouetted on the walls, presumably motivated by an exterior light blinking through the lettered windows of the building


„The Blue Gardenia“ wird auch durch die Ansprache einiger ungemütlicher Themen über den Status eines unbedeutenden Nebenwerks hinausgehoben. Alkoholkonsum, versuchte Vergewaltigung und die Frage nach der Schuld von Mann und Frau fallen ebenso aus dem Raster eines typischen 1953er-Films wie der Umstand, dass Norah „von ihrer Umwelt ausgegrenzt wird“, wie es Arthaus auf der Rückseite des DVD-Keepcase beschreibt und damit „die Abhängigkeit von Frauen in patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen schildert“ (Film-Dienst). Als wichtigster Seitenwink dürfte aber das nicht ganz legale Wetteifern zwischen Polizei und Presse auf der Suche nach der Gardenien-Mörderin gelten: Nur dem halbseidenen, moralisch fragwürdigen Brief des Reporters Casey Mayo (Richard Conte, der spätere TV-„Gerechte“ in der Wallace-Serie „The Four Just Men“) ist die Auffindung der Täterin zu verdanken. Dass im Gerichtsgebäude am Ende eine Bodenplatte trotzdessen vor Stolz berstend „justitia semper triumphat“ proklamiert, dürfte vor diesem Hintergrund Beispiel für Langs bissigen Humor sein.

Anne Baxter, deren Rolle anfangs ein wenig arg spröde angelegt ist, geht im Laufe der Filmhandlung immer mehr auf und meistert gerade die wachsende Angst, die Norah Larkin verfolgt, mit Bravour. Wie auch in „Ich beichte“ wird sie von Tilly Lauenstein in einer Fassung der Mondial-Film synchronisiert. Die verhältnismäßig alte deutsche Fassung sorgt dafür, dass die humoresken Szenen zwischen Norah und ihren Mitbewohnerinnen gut zur Geltung kommen und die Stimmung merklich auflockern. Trotz noiriger Problemorientierung geht es also nie übermäßig düster zu – Lang bleibt sich treu.

Perry Mason als Bad-Boy, die Columbo-Mörderin Anne Baxter in jungen Jahren und ein seine Verstimmung immerhin gut kaschierender Fritz Lang. Für mich reichen diese Faktoren für gute 4 von 5 Punkten.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

19.07.2012 17:23
#129 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten

KONFLIKT
(USA 1945, Original: Conflict)




Enthält Spoiler!

Humphrey Bogart begegnet uns in diesem einfach gestrickten, aber formal durchaus reizvollen Kriminalfilm einmal mehr als von Obsessionen gepeinigter Gattinnenmörder, in einer Rolle also, auf die er in diversen Varianten eine zeitlang abonniert schien. Und leider hat er mich auch diesmal trotz aller szenenbeherrschender Präsenz und darstellerischer Wucht nicht wirklich von seiner Getriebenheit und Motivation überzeugt, überwiegt auch hier diese Abgehobenheit und Abgeklärtheit, eine entschlossene Coolness, die ihn – so scheint es wenigstens – unangreifbar macht und ihn über gewöhnliche, menschliche, alltägliche Empfindungen und Reaktionen erhebt. In „Konflikt“ wurde er zudem vom eher oberflächlichen Buch, das weder die emotionale noch kriminalistische Ebene wirklich auslotet, im Stich gelassen. Der Film beginnt mit Szenen einer Ehe, einer nach außen glücklichen Verbindung, die von der Leidenschaft des Gemahles (Bogart) für seine junge Schwägerin vergiftet wird. Bogart nutzt schließlich günstige Umstände, um sich seiner Frau zu entledigen. Das Gelingen des raffinierten Mordplanes wird in Frage gestellt, als die Leiche verschwunden bleibt und sich mysteriöse Anzeichen mehren, die dafür sprechen, dass seine Ehefrau noch lebt … Auch der wenig krimigeübte bzw. unaufmerksame Zuschauer merkt relativ schnell, auf welches Ende hin sich die Geschichte zuspitzt, sodass Überraschungen ausbleiben, eher ein leicht unbefriedigendes Gefühl über manch lose gebliebenen Handlungsfäden bleibt. Die knackige Laufzeit von rund 80 Minuten lässt einen die unspektakuläre Fernsehfilmhandlung gnädiger akzeptieren, zumal die formale Gestaltung durchwegs überzeugt und viele eindrucksvolle Szenen bietet, die auch den Geist einer vergangenen, vielleicht eleganteren Epoche lebendig werden lassen: die vornehm und detailliert gestalteten, einen nicht zur Schau getragenen Luxus zeigenden Innenaufnahmen aus Wohnungen, Suiten oder Pfandhäusern, die lebendigen, im Alltag pulsierenden Stadtbilder, immer wieder die majestätischen Limousinen, die wie geheimnisvolle, Unheil verkündende Boten durch die Gegend gleiten und für einige handlungsrelevante Entwicklungen unerlässlich sind, gleichzeitig ein unübersehbares Zeichen für die zunehmende Motorisierung und Modernisierung, letztendlich die sehr realistisch gestaltete, spektakuläre Unfall/Mordszene auf der kurvigen Bergstraße. Auch die Darsteller verleihen der Handlung einen nicht abzusprechenden Glanz: neben Bogart, der auch als „Fehlbesetzung“ zu überzeugen weiß und jeden Film trägt, erlebt man Sydney Greenstreet als Freund der Familie und medizinischen Ratgeber, für mich bewusst seine erste durchwegs gute Rolle, die er aber mit seiner Leibesfülle ebenso perfekt und charmant auszufüllen vermag, wie all die zwielichtigen, kriminellen Typen vorher und nachher. Alexis Smith bleibt als umworbenes Mädchen hübsch anzuschauen, aber etwas blass (ihr Vamp in „Die zwei Mrs. Carrolls“ war da viel überzeugender), während Rose Hobarth in der vergleichsweise kleinen Rolle als Bogarts Ehefrau durch Gelassenheit und Entschlusskraft überzeugt, durchsetzt von Verzweiflung über eine verpfuschte Ehe und vielleicht auch ein verpfuschtes Leben.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

31.07.2012 10:23
#130 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten

DER UNBEKANNTE GELIEBTE
(USA 1946, Original: Undercurrent)




Der Film entpuppt sich als schwerfälliges, fehlbesetztes Psychodrama, das seine dünne, vorhersehbare Geschichte – alte Jungfer heiratet charmanten, attraktiven Geschäftsmann mit dunkler Vergangenheit – auf fast zwei Stunden auswalzt. Dabei bleiben Thrillermomente fast bis zum Schluss Mangelware, herrscht Vorhersehbarkeit, wo man auf Überraschungen hofft, überwiegen gerade auch in der Charakterisierung unausgegorene Entwicklungen bis hin zum gänzlich unglaubwürdigen Happy-End, wird die Handlung immer wieder durch unnötige, gelegentlich sogar unfreiwillig komische Szenen ausgebremst. Zudem erweist sich Katharine Hepburn in der ohnehin undankbaren Hauptrolle als schwere Fehlbesetzung, wirkt sie in ihrer albernen Burschikosität zu Beginn ebenso deplatziert wie später als gesellschaftlich unerfahrene Ehefrau, strahlt sie sogar bedroht, verunsichert und verängstigt die für die spätere Hepburn typische patente, emanzipierte Entschlossenheit aus, diesen Eindruck, trotz mancher Tiefschläge immer Herrin der Situation zu sein. Für mich eines der eklatantesten Beispiele, wie eine großartige Schauspielerin an einer Rolle scheitert. Die beiden männlichen Hauptdarsteller schlagen sich besser, Wolf im Schafspelz ist Robert Taylor, der zwielichtige Geschäfts- und Ehemann, dessen Haar so dunkel ist wie seine Vergangenheit, ein gelegentlich vom Gewissen geplagter Latin Lover-Typ, während der junge Robert Mitchum die Schlüsselfigur des Dramas bildet, dabei jedoch nur vergleichsweise wenige Szenen zu bestreiten hat, zu wenige, um groß Eindruck zu hinterlassen. Eine Teilschuld hat auch Regisseur Vincente Minelli, dessen Handschrift sich hauptsächlich in filmischen Äußerlichkeiten bemerkbar macht, in der elegant gestalteten Atmosphäre, in der üppigen, fast verschwenderischen Ausstattung, die auch vor den Außenszenen nicht halt macht. Dagegen fehlt das Gespür für die Visualisierung der dunklen, grausamen (Noir-)Momente, die mit ein paar Nahaufnahmen und dem unvermeidlichen, laubaufwirbelnden Sturm abgehandelt werden, eine Ausnahme bildet das Ende, das den Höhepunkt auf dramatisch geschickte, wenn auch vielleicht etwas theatralische Weise hinauszögert.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

09.08.2012 16:44
#131 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten

AKT DER GEWALT
(USA 1948, Original: Act of Violence)




Enthält Spoiler!

Der Film schildert auf harte, kompromisslose Weise das Schicksal zweier Männer, die durch ein schreckliches Ereignis aus dem Krieg – diesem alles verschlingenden Monster, das jeden, der damit in Berührung kommt, für immer verändert – verbunden sind, der eine als Opfer, körperlich und seelisch ein Krüppel, der andere als Verräter wider Willen, der eine getrieben vom Gedanken der Rache, der andere in die vermeintliche Sicherheit einer behaglichen kalifornischen Kleinstadt geflüchtet, wo er Existenz und Familie gegründet hat. Dort spürt ihn sein Verfolger auf, fordert sein Leben für das Leben seiner Kameraden. Es folgt eine verzweifelte Flucht, die über Los Angeles schließlich wieder zurück in das Städtchen führt, während dieser Jagd kommen Wahrheiten und Hintergründe ans Licht, wird allen Beteiligten klar, dass sie nicht mehr an ihr altes Leben anknüpfen können … Die große Stärke von „Akt der Gewalt“ liegt in der sehr differenzierten Zeichnung seiner Charaktere, besonders der beiden Hauptfiguren, Robert Ryan als einzig vom Gedanken der Vergeltung getriebener Kriegsveteran, der meint, mit einer Pistole seine Dämonen und quälenden Gedanken besiegen zu können und Van Heflin als etablierter Unternehmer und Familienvater, der möglicherweise gehofft hat, ungeschoren die Schlingen der Vergangenheit abgestreift zu haben, ein glückliches Leben abseits seiner Erinnerungen führen zu können. Sein Verrat war nicht die Tat eines skrupellosen Opportunisten, sondern ein auf grauenhafte Weise gescheiterter Versuch, sein und das Leben der Mitgefangenen im Nazi-Lager zu retten, der falsche Ausweg aus einer mörderischen Zwickmühle. Vieles an Gestaltung und Rollenanlage lässt den Zuschauer Assoziationen zu klassischen Westerngeschichten ziehen, wobei das dramatische Finale auf dem nächtlichen, windgepeitschten Bahnhof der Kleinstadt den künstlerischen Höhepunkt in dieser Hinsicht und auch im Blick auf die gesamte Noir-Stimmung darstellt, drei einsame Gestalten zwischen Nebelfetzen, Schatten und aufwirbelndem Laub, gekommen, um eine endgültige Entscheidung herbeizuführen. Man weiß, dass Blut fließen muss, trotzdem hätte ich mir ein etwas weniger moralisierendes, unkonventionelleres Ende gewünscht. Äußerst intensiv gestaltet präsentieren sich auch die urbanen Fluchtszenen im nächtlichen Los Angeles, man meint, der Protagonist sei in eine von zwielichtigen Gestalten bevölkerte Schattenwelt hinabgestiegen.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

15.08.2012 10:20
#132 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten

DAS TÖDLICHE NETZ
(USA 1959, Original: The Man in the Net)




Obwohl „Das tödliche Netz“ kein klassisches Beispiel für einen Film noir abgibt, hab ich die Besprechung – mehr der Not gehorchend – in diesen Thread gepackt. Namhafte Leute findet man im Vorspann, Alan Ladd in der Hauptrolle, Reginald Rose als Autor, Michael Curtiz als Regisseur, und trotzdem macht sich ein Gefühl der Zweitklassigkeit und Fadenscheinigkeit breit, fast, als wären alle Beteiligten nur mit halbem Herz bei der Sache gewesen. Alan Ladd wirkt sichtlich gealtert und nicht gesund, bemüht sich tapfer, seiner Rolle des unschuldig in Verdacht Geratenen Schwung und Glaubwürdigkeit zu verleihen, was ihm aber nicht durchgehend gelingt, die Story hat durchaus psychologisch glaubwürdigen Unterbau, verwässert diesen jedoch in der zweiten Hälfte mit einer zu konstruierten und lang hingezogenen – wenn auch überraschenden – Auflösung und dem eher in einen Abenteuerfilm für Jugendliche passenden Abschnitt rund um die Kinder der Kleinstadt, die dem Flüchtigen in einer Berghöhle Unterschlupf gewähren und ihm beim Beweis seiner Unschuld behilflich sind. Und auch der Regie muss man eine gewisse Eintönigkeit und für kaum Atmosphäre sorgende Abfilmerei der Szenen zwischen Studio und sonnig-sommerlicher Landschaft ankreiden. Dabei schafft man im ersten Teil des Films eine interessante Ausgangssituation: der gescheiterte Künstler, mit seiner neurotischen, trunksüchtigen Ehefrau in eine gemächliche Kleinstadt vor den Toren New Yorks geflüchtet, die Momentaufnahmen dieser Ehe zwischen Langeweile, selbstquälerischen Vorwürfen, sexueller Frustriertheit, die erstickende Enge der Provinz, Hitze und Ereignislosigkeit, gemütlich vor sich hin plätscherndes Landleben, gekünstelte Cocktailparties und Geburtstagsfeiern, unter deren Oberfläche Hass und Konflikte brodeln. Nach dem Verschwinden der Frau (Linda Hamilton überzeugt als gelangweilte, nervlich belastete Ehefrau mit einer sehr vielschichtigen Darstellung) kippt der Film dann leider in ein zusammengeschustertes Geflüchteter-will-seine-Unschuld-beweisen-und-den-wahren-Täter-stellen-Abenteuer ohne Originalität. Hohe Authentizität muss man übrigens auch den Kinderdarstellern zugestehen, die z.T. die gestandenen „Stars“ an die Wand spielen. Auch die deutsche Synchronbearbeitung macht Freude, wartet sie doch mit den Stimmen von Heinz Drache, Eva Pflug und – allerdings nur für ein paar Sätze - Siegfried Schürenberg auf, das „tödlich“ im deutschen Titel ist irreführend und dient wohl nur der Effekthascherei.

kaeuflin Offline




Beiträge: 1.259

21.08.2012 12:50
#133 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten

Crossroads

Herstellungsland: USA
Erscheinungsjahr: 1942
Drehbuch: Guy Trosper, John H. Kafka, Howard Emmett Rogers
Kamera: Joseph Ruttenberg
Schnitt: George Boemler
Musik: Leonid Raab, Bronislau Kaper
Länge: ca. 83 Minuten
Regie: Jack Conway
Cast: William Powell, Hedy Lamarr, Claire Trevor, Basil Rathbone,
Margaret Wycherly, Felix Bressart, Sig Ruman,
H.B. Warner, Philip Merivale, Enrique Acosta
David Talbot (William Powell) ist ein erfolgreicher Diplomat in Frankreich, dem man mit Vertrauen und Respekt begegnet. Zunächst nimmt der Frischverheiratete die Erpressungsversuche auch überhaupt nicht erst, scheint er doch nicht zu verbergen zu haben und ein tadelloses Leben zu führen. Doch in seiner Vergangenheit gibt es einen Dunklen Fleck, einen Zeitraum ohne Erinnerungen, Hervorgerufen durch eine Kopfverletzung. Ist er am Ende gar nicht die Person für die er sich hält und noch schlimmer – Hat er vor vielen Jahren einen Raubmord begangen? Henri Sarrou (Basil Rathbone) scheint genau bescheid zu wissen,
doch was Plant der undurchsichtige Fremde der David erst hilft und dann seinerseits unter Druck setzte.

Zuersteinmal musss ich sagen, ich liebe Willam Powell in den Dünner Mann Filmen und ich Liebe Basil Rahthbone als „Symphatischen“ Sherlock Holmes. Der Gedanke diese Beiden als Gegenspieler in einem Ernsthaften Noir Mystery – das zumindest versprach der Trailer ... - zu sehen war einfach zu verlockend. Einen Möchte ich gleich vorwegnehmen, an den Darstellern liegt es nicht, das leider nur ein Halbgares Mistery daraus wurde. Den Schuh muss sich Regie und Drehbuch anziehen.

Den gerade in den ersten 45 Minuten ist von Ernsthaft, Bedrohlich und Düster überhaupt nicht zu merken. Mein meint beinahe sich in einer Krimi Komödie zu befinden. Leider er-reichen trotz Powells Einsatz die Gags nur selten bis nie Dünner Mann Qualität. In der 2. Hälfte zieht die Spannung dann deutlich an, wird der Film tatsächlich düstere, was einen Heftigen Stielbruch bedeutet. Hier kann Rahbone zeigen wie eklig er sein kann. Nur um sich dann nach 2 oder 3 Twists in ein Happy End aufzulösen.

Noir Stimmung kommt nur ganz vereinzelt auf, wenn in der Mitte des Films mal mit den Schatten gespielt wird. Insgesamt wirk das ganze aber zu unausgegoren um eine wirkliche Atmosphäre zu erzeugen. Schade eigentlich, der Cast ist Gut und die Idee hinter dem Ganzen hätte einen interessanten Film abgegeben.

Verschenkte Chance. 2,5 von 5

Mag der Buchswald tot sein, der Buchsgeist lebt weiter!

Happiness IS the road ! (Marillion)

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

21.08.2012 17:40
#134 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten

DAS WAR MORD, MR. DOYLE
(USA 1957, Original: Crime of Passion)




Enthält Spoiler!

Barbara Stanwyck spielt die zentrale Rolle dieses verhaltenen Kriminalmelodrams, eine Frau, die im Lauf der Handlung einige Stadien emotionaler Veränderung hin bis zum Abgrund durchmacht, Entwicklungen, die mir aber zu oberflächlich ausgelotet werden, so dass – beabsichtigt oder nicht – ihre Figur bis zum Abspann auf eine gesichtslose, kühle Weise geheimnisvoll bleibt. Dadurch erscheinen auch ihre plötzliche kriminelle Motivation, die Gründe für ihren Absturz viel mehr konstruiert denn interessant und nachvollziehbar, ein Mangel, dem ich nicht der üblich kraftvollen Darstellung der Stanwyck zuschreiben möchte, sondern eher dem Drehbuch und der Regie. Zunächst erleben wir sie als relativ (im Sinne der 50er-Jahre) emanzipierte, selbständige Journalistin in der Männerwelt eines San Franciscoer Revolverblattes, bei dem sie für Kriminalfälle ebenso zuständig ist wie für die tägliche Herz-Schmerz-Kolumne, der Liebe zu einem bodenständigen, prinzipientreuen Polizeibeamten (Sterling Hayden) wegen verzichtet sie auf eine Karriere in New York und wandelt sich zu einem Vorort-Hausmütterchen, merkt dabei aber bald, dass ihr dieses bescheidene, langweilige Leben keine Erfüllung bietet. Durch Intrigen und Ränkespiele versucht sie, ihre und die Position ihres ehrgeizlosen Mannes zu verbessern, verstrickt sich dabei jedoch immer mehr in Machenschaften, die schließlich in einem Mord explodieren … Dem Film wohnt eine sterile Fernsehfilmatmosphäre inne, die kaum durchbrochen wird und das langweilige Vorstadt-Leben der gemütlichen, eleganten und doch so engen, konventionellen 50er-Jahren dokumentiert, einer Zeit, die auch aus ihren Protagonisten eindimensionale Abziehbilder zu machen scheint. Kein Wunder, dass eine Frau wie die Stanwyck in dieser Atmosphäre kaum atmen kann, doch am Ende muss auch sie einsehen, dass ihre Ausbruchsversuche gescheitert sind, sie sich nicht gegen ihr Schicksal wehren kann – emotionslos, fast wie erlöst lässt sie sich von ihrem Mann ins Zuchthaus bringen. Sterling Haydens Darstellung eines Polizisten mit Leib und Seele überzeugt, leicht hölzern, unbeirrbar und hilflos weiblichen Emotionen gegenüber, wahrhaft gewichtig Raymond Burrs szenenbeherrschende, dynamische Interpretation des Polizeichefs, eines Mannes, der auf alle Lebenssituationen die richtige Antwort weiß, bezeichnend, dass ein emotionaler Ausrutscher zu seinem Verhängnis wird. Der deutsche Titel ist theatralisch und verräterisch, die deutsche Bearbeitung jedoch von hörenswerter Güte und Qualität.

Jack_the_Ripper Offline




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23.08.2012 16:50
#135 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · Antworten

DIE DAME IM SEE
(USA 1947, Original: Lady in the Lake)




„Die Dame im See“ arbeitet ähnlich wie der Bogart-Film „Das unbekannte Gesicht“ mit der subjektiven Kamera, man erlebt das ganze Geschehen durch die Augen und das Blickfeld des Hauptdarstellers, des zynischen Privatdetektivs Philip Marlowe, der sich – kurz vor Weihnachten – einmal mehr auf einen verworrenen Fall einlässt. Das mag ein interessanter filmtechnischer und meinetwegen –historischer Kniff sein, der Stimmung und Atmosphäre des Films tut man damit keinen guten Dienst. Zu statisch präsentiert sich das Endergebnis, zu eingeengt wirkt es über weite Strecken wie abgefilmtes Sprechtheater, gelegentliche Versuche, Noirstimmung oder Action aufzubauen, scheitern weitgehend an der technischen Vorgabe. Und auch die Intention, durch die Handlung eine abgründige Note ins Spiel zu bringen, gelingt nicht wirklich, man hat eher den Eindruck, hier wurden zwar brav alle Regeln aus dem Handbuch „Wie mach ich einen original Film Noir“ beachtet - ein kaltschnäuziger Privatdetektiv, eine möglichst unübersichtliche Geschichte, einige geheimnisvolle Frauen, die lügen und ihre Netze spinnen, schmierige Schönlinge, die entweder als Aufputz dienen oder ins Gras beißen müssen, mehr oder weniger gesetzestreue Polizeibeamte - , aber der fertige Film wirkt eher eindimensional und bei großen Vorbildern abgeschaut, ohne jemals deren Intensität zu erreichen. Nun hab ich viel kritisiert, möchte aber nicht verhehlen, dass mir der Film erstaunlicherweise doch Spaß und Kurzweil bereitet hat, er bietet eine unterhaltsame Kriminalgeschichte mit ebenso unterhaltsamer Auflösung, wenn man sich an die eintönige Herstellungsweise gewöhnt hat, entwickelt auch die ihre Reize, die Ausstattung besticht durch dieses spezielle 40er-Jahre-Flair, das auf mich immer eine außergewöhnliche Anziehungskraft ausübt und das durch die eingeschränkte Aufnahmeweise noch detailverliebter zur Geltung kommt. Darstellerisch möchte man von Routine sprechen, Robert Montgomery, der auch Regie führte und als „Hauptdarsteller“ nur in ein paar Spiegelszenen sowie als auftretender Erzähler präsent ist, bringt eine witzig-satirische Note ins Spiel, was bereits beim von Weihnachtsliedern ummalten romantischen Vorspann beginnt, Audrey Totter wirkt als Noir-Femme Fatale etwas zu bieder und gewöhnlich.

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