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Dieses Thema hat 397 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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Gubanov Offline




Beiträge: 14.376

13.08.2011 13:40
#46 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

Ja, einige Filmhistoriker scheinen das als Hinderungsgrund anzusehen. Ich glaube aber, mit Fritz Lang als Regisseur, Entstehungsland und -jahr, einem unschuldig Verdächtigten, der aus Liebesgründen in das Verbrechen hineingezogen worden ist, und düsteren Settings dürfte der Film genug Noir-Charakteristika erfüllen. - Danke natürlich in erster Linie für den schönen Bericht, diese Aufmerksamkeit ist mir beim ersten Post völlig durch die Lappen gegangen.

Editiert von Gubanov am 13.08.2011, 13.42 Uhr - Beiträge bis hier in passendes Thema verschoben

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

13.08.2011 14:25
#47 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

Danke für die Umlegung und das Kompliment , die Noir-Grenzen sind sicher fließend und deine Argumente absolut schlagend, tatsächlich dürfte beim "Todeshaus" einzig der (für die Geschichte nicht einmal zwingende) Jahrhundertwende-Hintergrund diskussionswürdig sein, der vermutlich aus der literarischen Vorlage entnommen wurde, ev. hat sich Lang auch an der "Wendeltreppe" orientiert. Und ich verbinde den Film Noir halt automatisch immer auch mit diesem amerikanischen 40/50er-Jahre-Lebensgefühl.

Inzwischen hab ich im Zuge meines momentanen "Revivals" noch einen Film gesehen, von dem ich nicht recht weiß, wo ich ihn unterbringen soll: "Unter Verdacht" (1944) mit dem großartigen Charles Laughton, Regie: Robert Siodmak. Der dürfte sich aber nur mit viel gutem Willen in diesem Thread integrieren lassen. Eine kleine Besprechung dazu muss ich mir aber ohnehin noch aus den Fingern saugen.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

17.08.2011 16:28
#48 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

IM KREUZFEUER
(USA 1947, Original: Crossfire)




Antisemitismus, Intoleranz, Gewalt gegen Andersdenkende – heiße Eisen, denen sich dieser Film in Form eines bestechend fotografierten Noir-Thrillers annimmt und der seine atmosphärische Szenerie mit einer fast auf die Spitze getriebenen, faszinierenden Licht- und Schattengestaltung intensiviert. So stimmig gelang Regisseur Edward Dmytryk die Vermischung der engagierten und für damalige Verhältnisse sicher außergewöhnlichen Kritik an gesellschaftlichen Missständen und tot geschwiegenen Ressentiments mit der etwas umständlich erzählten und unnötig verkomplizierten Kriminalstory nicht. Die Gesellschaftskritik wirkt manchmal etwas plump und plakativ (was sicher auch der Produktionszeit geschuldet ist, dass das Thema der Romanvorlage Homophobie war, spielt dabei im Prinzip keine Rolle, hätte aber ev. vor dem Handlungshintergrund strenger militärischer Hierarchien folgerichtiger gegriffen), die Geschichte um das Verbrechen an einem Mann, der kurz vor seinem Tod mit einer Gruppe Soldaten gesehen wurde, scheint nicht ganz ausgereift – weshalb man zu Beginn mit verwirrenden Rückblenden, im Grunde unnötigen Heimlichtuereien und einer fast unübersichtlichen Anzahl handelnder Personen konfrontiert wird. Vielleicht hätten da ein paar zusätzliche Handlungsminuten Ordnung hineinbringen können, zumal der Kriminalfall danach durchaus Fahrt aufnimmt, mit Spannung und Raffinesse überzeugt. Das überzeichnete Flucht-„Hinrichtungs“ende hätte es meinetwegen nicht gebraucht, ich empfinde eine einfache Verhaftung in der Regel als den dramatischsten, glaubwürdigsten und in gewisser Weise endgültigsten Schlusspunkt.

Auf einer dritten Handlungsebene funktioniert der Film ausgezeichnet, nämlich bei der Darstellung und Charakterisierung der mit dem Drama verquickten Protagonisten: die Militärs lassen sich nach den entsetzlichen Kriegserlebnissen treiben, scheinen unfähig, in einen geordneten Alltag, zu Frau und Heim zurückkehren zu können, ihr altes Leben wieder aufzunehmen, suchen immer wieder den Kontakt zu ihresgleichen – Robert Mitchum als väterlicher, verständnisvoller Vorgesetzter beeindruckt ebenso wie Robert Ryan als harter, kalter, berechnender Charakter; der abgeklärte, engagierte Ermittler, mit einem abstoßenden Verbrechen konfrontiert, das ihn an sein eigenes Schicksal, seine eigene Ausgegrenztheit erinnert (Robert Youngs Darstellung und sein Monolog gehört mit zu den intensivsten Szenen des Films); die verzweifelte Hure, die sich Nacht für Nacht in schmierigen Kaschemmen herumtreibt, während ihr Mann zuhause wartet (Gloria Graham). Über die wirkliche Motivation des Täters erfährt man nichts – jeder Erklärungs- oder gar Entschuldigungsversuch hätte hier nur aufgesetzt und abwertend wirken müssen.

Die deutsche Bearbeitung stammt aus den 70ern, als Sprecher hört man u.a. Harald Leipnitz und Werner Bruhns, manche grammatikalische Schlampereien und das inflationär verwendete „’ne“ stören.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

20.08.2011 23:18
#49 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

ENTSCHEIDUNG IN DER SIERRA
(USA 1940, Original: High Sierra)




Der Film entstand in einer Übergangszeit vom Gangsterfilm der 30er Jahre mit seinen strahlenden, einzelgängerischen, oft verklärten oder heimlich bewunderten Ikonen zu dem Anfang der 40er Jahre aufkommenden Film Noir mit den kleinen, schmutzigen, intimen Verbrechen, mit der Auslotung seelischer Abgründe und mit starken, emanzipierten Frauen. Dabei bleibt „Entscheidung in der Sierra“ in seinem Grundtenor und vielen Merkmalen noch den Gesetzen dieses klassischen Gangsterfilms treu und lässt zugleich ansatzweise bereits den bevorstehenden Wandel erahnen. Humphrey Bogart fungiert als eine Art Wandlungsträger, einst eine große Nummer in der Szene, kommt er nach acht Jahren Zuchthaus in eine neue, veränderte Welt, deren noble, noch nicht vom Schrecken des aufziehenden Krieges infizierte Eleganz trotzdem nur Fassade ist. Die stimmungsvollen kalifornischen Schauplätze suggerieren eine heimelige Behaglichkeit, die endlose Weite der Wüste mit den majestätischen Gebirgszügen im Hintergrund gibt ihm endlich das Gefühl lang ersehnter Freiheit und Beweglichkeit nach der Enge der Gefängniszelle.

Bogart zeigt die Ambivalenz seiner Rolle mit einer unaufgeregten, wortkargen, glaubwürdigen Coolness, die ein Grundstein für seine Karriere war und ihn ein Jahr später im „Malteser Falke“ endgültig zum Star machte. Der verständnisvolle Helfer und Tierfreund, der sich fast rührend eines Hundebastards annimmt (was ihm schlussendlich zum Verhängnis werden wird) und der einer jungen Frau den Hof macht, ihr – nicht nur aus ehrlichem Gefühl, auch aus einem bestimmten „geschäftlichen Interesse“ heraus - eine Operation finanziert, die sie von ihrem Klumpfuß befreit, ein Mann, der noch den eisernen Gesetzen einer vergangenen Zeit gehorcht, sich auch deshalb bei seinem letzten, entscheidenden Coup auf unzuverlässige, unsichere Komplizen einlässt, ist gleichzeitig der kompromisslose Verbrecher, der kaum entlassen schon wieder neue Raubpläne schmiedet und mit dem Schießeisen schnell und ohne Skrupel zur Hand ist, jedem misstraut und auch deshalb unweigerlich dem Untergang geweiht ist. Ida Lupino ist schon ein Kind der neuen Zeit, kein geistloses Gangsterliebchen mehr, sondern eine Frau, die trotz mancher Unsicherheiten weiß, was sie will.

Der Film nimmt sich Zeit, seine Kriminalgeschichte zu entwickeln, lässt den Protagonisten Raum zur Entfaltung, verweilt oft in friedlich-stimmungsvollen, jedoch nie überflüssigen Szenen, bleibt dadurch interessant. Erst nach dem misslungenen Überfall, der die Welt aller Beteiligten aus den Fugen reißt, entwickelt sich ein hohes Tempo, bis das atemlose Fluchtdrama in einem blutigen, bitteren, fast westernmäßigen Ende in den Bergen kulminiert.

Roman1982 Offline



Beiträge: 4

21.08.2011 10:25
#50 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

Zitat von Jack_the_Ripper
DAS TODESHAUS AM FLUSS
(USA 1950, Original: House by the river)



Gibt es den Film auch in deutscher Sprache auf DVD bzw. lief er mal im deutschen Fernsehen?
Grüße und danke vorab.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

21.08.2011 11:51
#51 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

Zitat von Roman1982
Gibt es den Film auch in deutscher Sprache auf dvd, bzw. lief er mal im deutschen Fernsehen?
Grüße und danke vorab.


Auf DVD gibts laut Gubanov wohl nur eine frz. Veröffentlichung, die deutsche Erstausstrahlung fand Mitte der 80er-Jahre im ZDF statt, das auch die Synchronisation in Auftrag gab. Ich hab eine qualitativ sehr bescheidene Aufnahme aus 3sat von Ende der 80er-Jahre, ob der Film danach nochmal im deutschen Fernsehen lief, kann ich leider nicht sagen.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.376

21.08.2011 15:24
#52 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

„Das Todeshaus am Fluss“ kam, weil es zu Fritz Langs unbekannteren Werken zählt, wie von Jack erwähnt, erst im August 1986 zu seiner deutschen Erstausstrahlung als Fernsehfilm. Wiederholungen lassen sich leider nicht durch sichere Daten im Netz belegen. Eine deutsche DVD gibt es nicht, dafür lassen sich auf folgenden Seiten Infos zur französischen DVD (englischer Ton, französische Untertitel) finden:

http://www.wildside.fr/video/fiche,housebytheriver,1315
http://www.dvdbeaver.com/film/dvdreviews..._dvd_review.htm

Auch spanische und amerikanische Auswertungen existieren, letztere ist aber offensichtlich qualitativ unterlegen.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.376

22.08.2011 20:41
#53 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

Koch Media hat für den November 2011 zwei weitere Veröffentlichungen im Rahmen der „Film Noir Collection“ angekündigt. Es handelt sich um:



#8: Der Mann mit der Narbe (Hollow Triumph, USA 1948)
Kleinganove John Muller wurde gerade erst aus dem Gefängnis entlassen und plant bereits seinen neuesten Coup: Er will ein illegales Spielcasino ausrauben, das von der Mafia betrieben wird. Der Diebstahl schlägt fehl – Muller flieht. Doch die Mobster wissen genau, wer hinter ihrem Geld her war, und machen Jagd auf ihn. Aber das Glück ist auf Mullers Seite: Als er dem Arzt Dr. Bartok begegnet, der ihm fast bis auf das Haar gleicht, wittert Muller eine Chance. Der einzige Unterschied: Bartoks Gesicht wird von einer großen Narbe entstellt.
Regie: Steve Sekely. In den Hauptrollen: Paul Henreid, Joan Bennett, Eduard Franz u.a.
Laufzeit: 80 Minuten. Sprachen: Deutsch, Englisch. Untertitel: Keine. FSK: Ab 16 Jahren. Extras: Booklet, Bildergalerie. Erscheinungstermin: 25.11.2011.

#9: Ausgestoßen (Odd Man Out, UK 1947)
Schon seit einer Weile plant Johnny mit seiner Bande einen Überfall, doch das Vorhaben geht gründlich schief: In Notwehr muss er einen Menschen töten und wird selbst schwer verwundet. Mit Mühe schleppt er sich durch die Straßen der Stadt – gehetzt von der Polizei und seinen ehemaligen „Freunden“. Seine letzte Hoffnung ist Kathleen, die einzige Frau in Johnnys Leben …
Regie: Carol Reed. In den Hauptrollen: James Mason, Robert Newton, Cyril Cusack u.a.
Laufzeit: 111 Minuten. Sprachen: Deutsch, Englisch. Untertitel: Deutsch. FSK: Ab 16 Jahren. Extras: Booklet, Bildergalerie. Erscheinungstermin: 25.11.2011.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

23.08.2011 17:07
#54 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

NIAGARA
(USA 1952, Original: Niagara)




Der Titel des Films ist gewissermaßen Programm: das majestätische Naturschauspiel der tosenden Niagarafälle mit ihrer näheren städtischen und touristischen Umgebung bildet den beeindruckenden, außergewöhnlichen, fast durchwegs präsenten Schauplatz für einen unterhaltsamen, wunderschön fotografierten Thriller um misslungenen Gattenmord und blutige Rache, der die Klaviatur der Spannung perfekt beherrscht und mit einer abwechslungsreichen Story für unterhaltsame Action und Thrill sorgt. Dabei mischt Regisseur Henry Hathaway in die ganze fröhliche, helle, bunte Urlaubsatmosphäre sehr subtil dunkle Noir-Momente (ein durch Licht, Schatten, Kamera und Schnitt gestalterischer Höhepunkte die Mordszene im Glockenturm) und schweißtreibende Actionszenen, für deren Hintergrund die stürmenden Wasserfälle wie geschaffen sind. Wie meist bei solchen mehr vordergründig und auf visuelle Effekte angelegten Filmen darf man bei Logik und der tiefer gehenden psychologischen Charakterisierung der verstrickten Personen keine hohen Maßstäbe anlegen, man sollte sich aber von der unglaubwürdigen Konstruktion und manchen schnulzigen Klischees nicht abschrecken lassen.

Marilyn Monroe beweist mit der nicht einmal besonders raffinierten oder künstlerisch wertvollen Darstellung einer Femme fatale eine spezielle Klasse und Ausstrahlung, die sie nicht umsonst zu einem der Sexsymbole und einem wahrhaftigen Star ihrer Zeit machte und deren Babydoll-Interpretation auch heute noch einen hohen erotischen Reiz hat, zumal die Inszenierung genüsslich mit ihrem Image spielt – nachvollziehbar, dass die Werbung für den Film damals von einem Naturereignis sprach. Ihr bodenständiger Gegenpart ist die durchaus attraktive Jean Peters, deren weibliche Reize durch ihre vernünftige Haltung und einen farblosen, frisch angetrauten Ehemann, der etwas von einem jungen, tollpatschigen, ehrgeizigen Hund hat, neutralisiert werden. Der Liebhaber bleibt erstaunlich konturen-, fast gesichtslos und Joseph Cotten als betrogener, vom (Korea)-Krieg traumatisierter Ehemann – Opfer und Täter zugleich – darf zwar groß aufspielen und schön unheimlich und wahnsinnig schauen, seine Rolle bleibt aber alles in allem zu eindimensional.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

24.08.2011 22:40
#55 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

DER TIGER
(USA 1950, Original: The enforcer)




Ein harter, kompromissloser Thriller aus der Reihe der so genannten Polizeifilme, der jedoch auch auffällig Motive, Stimmungen und Elemente des Gangsterfilms der 30er-Jahre variiert – was wohl auf Raoul Walshs Regie zurückzuführen ist, der für den erkrankten Bretaigne Windust einsprang. Mit hohem Tempo und einer durch ineinander übergreifende Rückblenden die Spannung geschickt vorantreibenden Erzählweise schildert er die verzweifelten Versuche eines Inspektors, Beweise gegen einen skrupellosen Auftragskiller zu finden, der gemeinsam mit einer bunt zusammengewürfelten Truppe Outlaws für eine ganze Reihe von kaltblütigen Morden verantwortlich ist. Die Regie erzeugt – im lebensgefährlichen Großstadtdschungel ebenso wie auf staubigen Landstraßen und in schäbigen Schuppen - eine latent bedrohliche, fast anarchistische Stimmung, hochgepeitscht durch immer neue, noch grausamere Enthüllungen, blutige Details und menschenverachtende Verbrechen, wobei der Unterschied zwischen Täter und Ermittler gelegentlich verwischt, die Grenzen fließend sind, viele Protagonisten umgibt ein Hauch von Wahnsinn und Verzweiflung, Lebensgier und Hoffnungslosigkeit. Ein geschickter Schachzug ist, dass der „Mann im Hintergrund“ erst am Ende ein – erstaunlich sympathisches – Gesicht bekommt und dass der kriminalistische Schlusstwist durchaus noch eine – logische – Überraschung bereithält. Humphrey Bogart – in der deutschen Version mit einer schrecklich unpassenden Synchronstimme gestraft – zeigt, dass seine trockene, spröde Spielweise auch für knallharte Polizisten geeignet ist.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

25.08.2011 16:36
#56 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

DAS GEHEIMNIS VON MALAMPUR
(USA 1940, Original: The Letter)




Ein von William Wyler sehr kunstvoll und elegant, zum Teil kammerspielartig inszeniertes Melodram, dem es trotz seiner einfachen und stringent erzählten Geschichte gelingt, eine fast durchgehende, düstere Spannung und Unruhe zu erzeugen, die sich weniger aus der Krimihandlung ergibt, sondern durch differenzierte Figurenzeichnung, der Austragung psychologischer Konflikte und eine überragende Hauptdarstellerin entsteht. Die Stimmung, die der Film beschwört, ist einengend und bedrohlich, nur spärlich dringt von Jalousien gefiltertes Tageslicht in die Räume, auch die wenigen Außenaufnahmen verströmen ein fremdes, exotisch-unheimliches Flair, es scheint, die Protagonisten können in der drückenden fernöstlichen Tropenschwüle kaum atmen, sodass auch alle Gefühle und Leidenschaften nur im Inneren brodeln. Das im deutschen Filmtitel etwas dramatisch beschworene „Geheimnis“ ist so geheimnisvoll nicht, man ahnt natürlich bald, dass die Vergewaltigungs- und Notwehrgeschichte so nicht stimmen kann, eigentlich bereits, als man Zeuge des Mordes wird, der unmittelbar nach dem Vorspann geschieht, spätestens aber dann, als der belastende Brief auftaucht. Auch in diesem Film dient eine Gerichtsverhandlung als Story-Break, sehr pragmatisch inszeniert und glücklicherweise ohne die typischen Gerichtssaal-Klischees auskommend, die nur für eine unnötige Theatralik gesorgt hätten. Von hoher Dichte und darstellerischem Glanz die fast wortlose Konfrontationsszene zwischen den beiden Frauen, während der es zur Übergabe des verhängnisvollen Briefes kommt – ein Höhepunkt des Films.

Bette Davis’ beherrschter, über weite Strecken fast gleichmütiger Darstellung ist es zu verdanken, dass ihre Figur trotz außergewöhnlicher Gefühlsregungen und einer extremen psychischen Belastung nie in Sentimentalität oder Kitsch abgleitet, dass ihr Handeln mit all der mühsam aufrecht erhaltenen Disziplin glaubwürdig bleibt. Ihre innere Anspannung zeigt sie in kleinen Gesten, schnellen Bewegungen, wenn sie nervös zu Brille und Häkelarbeit greift. Während Herbert Marshall als gehörnter Ehemann wenig aus seiner etwas stereotypen Rolle herausholen kann, überzeugt der leider früh verstorbene James Stephenson als Anwalt und Freund der Familie, hin- und hergerissen zwischen Loyalität und Berufsverständnis, vielleicht sogar mit unterdrückten, uneingestandenen Gefühlen seiner Mandantin gegenüber, ebenso Charlie Chan-Sohn Keye Luke als verschlagener, vielseitiger Anwaltsgehilfe. Unverdienterweise ist dieses eindringliche Kriminalmelodram etwas in Vergessenheit geraten, konnte sich wohl auch nie seinen verdienten Platz in der Filmhistorie erkämpfen.

Spoiler!

Die eisernen Filmgesetze der damaligen Zeit ließen es nicht zu, dass eine Ehebrecherin und Mörderin ihrer verdienten Strafe entgeht - wobei das langweilige Leben mit einem ungeliebten Mann auf einer einsamen Plantage auch eine hartes Urteil abgeben hätte können. Wie auch immer, fügt sich jedenfalls die „Hinrichtung“ durch die geheimnisvolle Gale Sondergaard und ihrem Handlanger als erstaunlich folgerichtiger Schlusspunkt ein, zumal angedeutet wird, dass dieser Rachemord wohl nicht ungesühnt bleiben dürfte. Abschließend hätte ich noch gerne erfahren, was nach dem Tod Bette Davis’ aus den 10.000 Dollar geworden ist und ob sich der so arg gebeutelte Herbert Marshall damit wenigstens die ersehnte und verdiente Zukunft erkaufen konnte.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

27.08.2011 23:26
#57 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

DIE SPUR DES FREMDEN
(USA 1946, Original: The Stranger)




Ein Naziverbrecher ist in der Idylle einer amerikanischen Kleinstadt untergetaucht, lebt dort als respektabler Lehrer, steht kurz vor der Hochzeit mit der Tochter eines der Stadthonoratioren. Doch die Vergangenheit holt ihn ein … Ungewöhnlich, dass man das bittere Thema um geflüchtete Nazigrößen bereits ein Jahr nach Kriegsende dem Publikum in Form eines durchaus spannenden Thrillers nahe gebracht hat, schade, dass es unterm Strich auf eine ziemlich konventionell erzählte, z.T. sentimentale Verbrecherhatz hinausläuft, für die diese ernste Thematik nur als etwas oberflächlicher Aufhänger dient. Sowohl was die Vorgeschichte als auch die Jagd nach dem gesuchten Franz Kindler betrifft, leidet der Film unter Unlogik, einerseits soll Kindler einer der heimlichen Terror- und Vernichtungsorganisatoren des Dritten Reiches gewesen sein, von dem aber weder Fotos existieren, noch Zeugen, die ihn identifizieren könnten, andererseits hat er sich scheinbar in kurzer Zeit fast nahtlos, ohne Akzent (?, im Original spricht Orson Welles wohl mit einer Art Akzent, es wird auch recht nebulös eine Schweizer Verbindung angedeutet) und ohne Verdacht zu erregen in das Gefüge einer überschaubaren US-Kleinstadt eingefügt, in der jeder jeden kennt. Schwer zu beurteilen, wieviel von diesen Ungereimtheiten aus dem fehlenden und wohl recht ausführlichen Filmbeginn resultieren, der in Südamerika spielt und einige Erklärungen hätte liefern können.

Während der Film handlungstechnisch nicht wirklich überzeugen kann – eine unausgegorener Hintergrund und eine zu herkömmliche Kriminalstory -, hat er darstellerisch und noch mehr in seiner formalen Gestaltung durchaus hohes Potential. Wunderkind Orson Welles beweist als Regisseur, dass er seine Film Noir-Lektion gelernt hat, schafft durch eine ausgeklügelte Schwarzweiß-Gestaltung und eine ungewöhnliche Kameraführung vor dem Hintergrund einer kleinen Stadt im Spätherbst mit einer eingeschworenen Bewohnerschaft ein behagliches Umfeld, das durch einen bösartigen Fremdkörper immer mehr vergiftet wird. Der die Stadt und die Filmszenerie beherrschende Uhrturm mit seinen dunklen Winkeln und hohen Leitern bildet einen vortrefflichen Schauplatz, auch für den hochdramatisch gestalteten Schlusskampf. Dass die Stadt in dieser Entscheidungsnacht der erste, jungfräulich weiße Schnee überzieht und gewissermaßen „reinigt“, ist eine durchaus subtile Metapher. Orson Welles übernahm auch die Rolle des Bösewichts, ein nicht unsympathischer, wenn vielleicht etwas zu steifer Lehrer mit grauen Schläfen, von dem eine unbestimmte, mühsam unterdrückte Aggression ausgeht und der, je weiter die Handlung fortschreitet, immer nervöser und hemmungsloser reagiert, dessen wahrer Charakter, der ihn zu einem Massenmörder hat werden lassen, durchbricht. Edward G. Robinson als sein Jäger legt eine unkonventionelle Vorgehensweise an den Tag, Loretta Young als Ehefrau macht eine glaubhafte psychologische Wandlung durch, als sie feststellen muss, in welches Monster sie sich verliebt hat, leider ist ihre Rolle nicht ganz frei von Kitsch und Theatralik.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

29.08.2011 15:55
#58 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

DIE SELTSAME LIEBE DER MARTHA IVERS
(USA 1946, Original: The strange love of Martha Ivers)




Hintergrund des psychologischen Melodrams um Liebe, Obsession, Verbrechen, Abhängigkeit und Hass ist ein kompliziertes Dreiecks-, später Vierecksverhältnis, dessen Grundstein in einem vertuschten Verbrechen liegt, das der Prolog schildert und das den weiteren Lebensweg der darin verwickelten Jugendlichen entscheidend beeinflusst, bis das unerwartete Wiedersehen mehr als fünfzehn Jahre später das filigrane Gleichgewicht und Sicherheitsgefühl der Protagonisten endgültig zum Einsturz bringt. Unterdrückte Gefühle und geheime Leidenschaften brechen sich fast gewalttätig Bahn und führen geradewegs in die Katastrophe. Alle Protagonisten sind auf ihre Art gescheitert, unfähig, ein normales Leben zu führen – Barbara Stanwyck, deren auf Lüge und Tod aufgebauter Reichtum und wirtschaftlicher Erfolg die emotionale Leere in ihrem Leben nicht kompensieren kann, Kirk Douglas in seinem Filmdebüt als gefügig gemachter Ehemann, der im Alkohol Trost und Vergessen sucht und mit Gewalt und Druck reagiert, um der aufziehenden Gefahr Herr zu werden, letztendlich doch (vermeintlich) zu schwach ist, um seinem Schicksal zu entgehen, Van Heflin als verkrachte Existenz, ein Spieler, der sich treiben lässt und der noch am unbeschadetsten, weil am unschuldigsten aus der Konfrontation hervorgeht. Die Plänkelei mit einer jungen Diebin auf der Flucht, der melancholisch-erotischen Lizabeth Scott, ist ein Paradebeispiel für Filmnoir-Beziehungen und strotzt vor unterdrückter sexueller Spannung.

Leider krankt der Film an manchen Punkten, die ihn insgesamt zu einem etwas unbefriedigenden Erlebnis machen: die Geschichte trägt die fast zweistündige Laufzeit nur bedingt, was zu gelegentlichen Ausschmückungen, überflüssigen Verkomplizierungen und in die Länge gezogenen Szenen führt, die den Zuschauer auf eine Geduldsprobe stellen und vor allem für den Spannungsfluss eher abträglich sind, da auch Lewis Milestones Regie insgesamt zu konservativ und unentschlossen bleibt. Klassisches Noir-Feeling kommt eher in den Gefühlstürmen und ambivalenten Verstrickungen der Protagonisten untereinander denn durch die formale Machart auf. Und obwohl die Darsteller ihre emotionalen Ausnahmezustände durchaus glaubwürdig und intensiv präsentieren, macht sich auch hier gelegentlich eine gewisse Bemühtheit breit. Unlogisch schien mir, dass die wieder auflodernde Leidenschaft zwischen Stanwyck und Heflin in deren Jugendzeit begründet liegen soll, wo sie in der Einleitungsszene doch mehr wie abenteuerlustige, kumpelhafte und störrische Halbwüchsige dargestellt werden. Hier hat übrigens auch die immer vergnügliche Judith Anderson ihren großen Auftritt als verhasste Tante (eine – natürlich unmögliche - Konfrontation mit der erwachsenen Barbara Stanwyck hätte einen durchaus hohen filmischen Reiz gehabt).

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

31.08.2011 15:32
#59 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

DER VIERTE MANN
(USA 1952, Original: Kansas City Confidential)




Dieses B-Gangstermovie von Allrounder Phil Karlson zeigt eine harte, gesetzlose Männerwelt, in der jeder der handelnden Akteure Dreck am Stecken und Blut an den Händen hat, heimliche Ziele verfolgt, Rachegedanken hegt und auf der Jagd nach dem großen Geld ist – die skrupellosen Gangster ebenso wie die kompromisslosen, korrupten Polizeibeamten. Inneren Wandel und psychologisch entwickelte Veränderungen sucht man bei solchen Figuren vergebens, erwartet man auch nicht zwingend, die etwa nach der Hälfte des Films auftretende Frau bleibt im weiteren Verlauf ebenfalls mehr hübscher Aufputz denn geheimnisvolle Femme Fatale. Die durchaus ungewöhnlich und einfallsreich konstruierte Story teilt sich in zwei Handlungshälften und -orte – zunächst der von vier Männern ausgeführte Überfall auf einen Geldtransporter in Kansas City, verknüpft mit dem Schicksal eines unschuldig in Verdacht geratenen Blumenausfahrers, dazwischen der für den weiteren Verlauf entscheidende Mexikoteil, übergehend in das neuerliche Aufeinandertreffen der Räuber in einem zweitklassigen Badeort, bei dem es an die Verteilung der Beute gehen soll - was unweigerlich in Verrat und Tod münden muss. Schade, dass man beim Schluss den Konventionen und Vorschriften der damaligen Zeit so treu gefolgt ist, zumal man diese während des Films – besonders in der Darstellung von Brutalität und Korruption – gelungen umschifft hat. Manchmal gleitet der Thriller leider in recht brav abgefilmte Studioszenen ab, die zusammen mit auffälligen Rückprojektionen und der sonnig-sterilen Urlaubsumgebung des zweiten Teils der im ersten Teil aufgebauten Noir-Stimmung einige Dämpfer versetzt, vielleicht hätte ein bisschen wohldosierter Trash als Auflockerung auch nicht geschadet. Große Namen sucht man in der Besetzungsliste vergebens, was bei der darstellerisch sehr soliden Ensembleleistung aber kein Manko ist und einem die Gesichter, weniger die Namen (John Payne, Preston Forster, Lee van Cleef, Jack Elam) ohnehin vertraut sind.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

02.09.2011 16:59
#60 RE: Sammelthread "Film Noir" Zitat · antworten

LEB WOHL, LIEBLING
(USA 1944, Original: Murder, my Sweet)




Dick Powell als Raymond Chandlers Privatdetektiv Philip Marlowe - auf den ersten Blick eine gewöhnungsbedürftige Besetzung, assoziiert man diese Rolle doch immer mit Humphrey Bogarts zynischer, kaltschnäuziger Interpretation von 1946. So schlecht schlägt sich bei Licht betrachtet der vorher wohl nur in Musicals und Revuefilmen aufgetretene Schauspieler allerdings nicht, die Mischung aus schnoddrigem Charme, coolen Sprüchen und knallharten Reaktionen mit dem Typus „idealer Schwiegersohn“ verträgt sich erstaunlich gut und ist eine interessante und weitgehend glaubwürdige Rollenvariation, bei der man sich sogar das Happy End gefallen lässt. Edward Dmytryks Regie fehlt hier noch etwas diese außergewöhnliche Licht- und Dunkel-Gestaltung, die er zwei Jahre später in „Im Kreuzfeuer“ so kunstvoll eingesetzt hat, zeigt aber Phantasie und Gespür für Atmosphäre, fasziniert besonders in den Szenen, die die Drogen- und Wahnphantasien des Privatdetektivs visualisieren. Die recht komplexe, verwirrende Geschichte beginnt mit dem Auftrag eines schwerfällig-beschränkten Ex-Knackis, eine ehemalige Nachtclubtänzerin zu suchen und weitet sich in der Folge in ein unübersichtliches Geflecht aus Mord, Erpressung, Juwelendiebstahl, sexuelle Hörigkeit und Gewalt aus, das in seinen Zusammenhängen unübersichtlich und verworren wirkt. Das hat aber seinen filmischen Reiz, verstärkt doch diese Unsicherheit die Grundstimmung des Films und die Charakteristika der handelnden Personen, des durchtriebenen Privatdetektivs zwischen allen Stühlen ebenso wie der rätselhaften Frauen (Claire Trevor und Ann Shirley als eine spezielle, sehr erotische Mischung) und den von ihnen abhängigen Männern, der ratlosen Polizisten und des einfältig-brutalen Gangsters, dessen unbestimmte Spurensuche den ersten Akt der Tragödie einläutet. Dialoge und Off-Texte bilden eine großteils gelungene Mischung aus Witz (der allerdings – zumindest in der dt. Synchronisation – gelegentlich leicht klamaukig wird) und Poesie und Tiefgründigkeit.

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