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Dieses Thema hat 976 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

13.05.2012 14:27
#346 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Das dritte Opfer" (Folge 62)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Lambert Hamel, Jutta Speidel, Eva Christian, Heinz Drache, Gudrun Genest, Olga von Togni, Guido Hoegel, Bruno Dallansky, Claudia Höhn, Otto Bolesch, Willy Schultes u.a. - Regie: Alfred Vohrer

Oberinspektor Derrick verbringt ein paar Tage im Mangfallgebirge in Oberbayern. Er macht dort Urlaub und sucht die Ruhe des ländlichen Raums. Lange bleibt er nicht ungestört, denn er wird in der Seilbahn von einem Wanderer angesprochen, der Gesellschaft sucht und sie in dem gutmütigen und freundlichen Kriminalbeamten auch findet. Die beiden Männer besuchen zusammen ein Kurkonzert und das Spielcasino in Bad Wiessee. Als Derrick in sein Hotel zurückkehrt, erhält er einen Anruf. Es ist Albert Grosser, dem offenbar etwas zugestoßen ist. Bei Eintreffen der Polizei ist der Mann bereits tot. Erschossen durch das Fenster seines Hotelzimmers. Was hat es mit Grossers Freundin auf sich, die von ihm mit Geschenken überschüttet wurde? Und warum interessierte sich Grosser vor allem für das Thema Mord?

Stephan Derrick steht aufgrund seiner Bekanntschaft mit dem Mordopfer diesmal in besonderem Maße im Mittelpunkt der Episode. Vohrer lässt der Geschichte viel Zeit, sich zu entwickeln und dehnt die Einzelheiten des Kuraufenthaltes Grossers genüßlich aus. Lambert Hamel wirkt dabei zunächst wie die Karikatur des typischen Single-Urlaubers, der das Gespräch mit Fremden sucht und dabei in erster Linie detailreich von eigenen Erlebnissen berichtet. Man beobachtet amüsiert die Gelassenheit des Oberinspektors, der dem Mann zuhört und ihn gewähren lässt. Dennoch wird Derrick hellhörig, als er merkt, dass Grosser sich in auffallender Weise in Theorien über Mord und seine Außenwirkung ergeht. Besonders die junge Frau, die Grosser in Rottach kennengelernt hatte, fesselt die Phantasie des Oberinspektors. Warum zeigt sie nach Grossers Tod so wenig Trauer und wird sofort in die Familie ihres toten Freundes aufgenommen? Jutta Speidel erhält Gelegenheit, eine breite Palette von der fröhlichen Haushaltungsschülerin über die schnell entschlossene Hinterbliebene bis zur Verschwörerin auszuspielen, gestaltet diese Wandlung jedoch unmerklich, weshalb die Figur ein wenig schwammig bleibt. Weitaus geheimnisvoller wirkt die resche Olga von Togni, der man gern noch mehr Spielraum einräumen hätte können. Spätestens als sich herausstellt, dass Grossers Schwager ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Frau erneut geheiratet hat, klingelten bei mir die Alarmglocken und der weitere Verlauf der Geschichte bestätigte den Verdacht. In schönster Wiederholung der "Kriminalmuseums"-Folge "Die Nadel" laufen die Rückblenden auf den Charakter der ersten Frau Dorp ab und suchen eine Rechtfertigung für den Mord. Ist es Zufall oder Absicht, dass Eva Christian erneut in der Warteschleife steht - diesmal kann sie der gequälte Ehemann jedoch "heimführen". Das Ambiente im Hause Dorp verströmt ausgesuchte Eleganz; helle Möbel, viel Marmor und ein Tennisplatz hinter dem Haus. Eben jener Tennisplatz, der in der gleichnamigen "Kommissar"-Folge seine unheilvolle Wirkung entfalten konnte. Mittlerweile scheint er reingewaschen; das fröhliche Match der jungen Frauen steht im krassen Gegensatz zum bösartigen Kreischen der früheren Hausherrin. Es stellt sich die Frage, inwiefern der Hausarzt in die Mordaffäre verwickelt ist, immerhin stellte er den Totenschein aus. Die Antwort auf die Frage nach der Bedeutung des Episodentitels folgt in buchstäblich letzter Minute.
Insgesamt eine Folge im guten Mittelfeld, bei der Vohrer jedoch weniger Weichspüler, sondern mehr Pfeffer verwenden hätte sollen.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

13.05.2012 20:00
#347 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Anschlag auf Bruno

Episode 54 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Peter Ehrlich (Oskar Kerk), Doris Schade (Martha Kerk), Dieter Schidor (Bruno Kerk), Volker Eckstein (Helmut Kerk), Michaela May (Gerda Henk), Herbert Stass (Walter Henk), Gunther Beth (Ernst Weise), Heiner Lauterbach (Herr Schraudolf) u.a. Erstsendung: 2. Februar 1979, ZDF.

Zitat von Derrick: Anschlag auf Bruno
Im Eifer einer Diskonacht eskalieren bei Helmut Kerk die Gefühle: Die schöne Nachbarstochter Gerda wird Opfer seiner Begierde – er lässt sie tot auf dem Parkplatz zurück. Schockiert beichtet er seine Tat seinen Eltern. Sein Vater sieht nur eine Möglichkeit: An seiner statt soll sein Bruder Bruno für das Verbrechen verantwortlich gemacht werden. Bruno ist zurückgeblieben und erhielte im Falle eines Falles kein Zuchthaus, sondern ärztliche Pflege.


Innovativ ist es nicht, was Herbert Reinecker für „Anschlag auf Bruno“ zu Papier brachte. Ersticken durch Zuhalten von Mund und Nase kennen wir aus nicht weniger als drei Folgen, in denen es immer gleichfalls um sexuelle Gelüste der jeweiligen männlichen Mörder ging: „Stiftungsfest“, „Hoffmanns Höllenfahrt“ und „Tote im Wald“ bildeten auch insofern ein Vorbild für „Anschlag auf Bruno“, als auch in dieser Folge – wie in den beiden zuerst genannten auch – der Mörder bei seiner Tat wieder einmal vom Zuschauer beobachtet werden kann. Einen Whodunit sucht man vergeblich, dafür darf man wieder einmal einen Blick auf die Psyche des Verantwortlichen werfen. Diese ist so einfach, dass sie sich in die Worte „Ich bin scharf auf dich“ fassen lässt.

Den Behinderten, dem zu Unrecht eine Tat angehangen werden soll, wiederum gab es bereits in der ersten jemals gedrehten Episode, „Mitternachtsbus“. Auch dort hieß er Bruno. Freilich schlägt die Thematisierung in eine nicht unrelevante Kerbe: Reinecker, dem offensichtlich daran gelegen ist, zu zeigen, dass eine allein nüchtern-realistische und gleichfalls relativistische Betrachtung der Geschehnisse unzureichend ist, weist auf Gewissenskonflikte, auf religiöse, soziale, rechtliche und vor allem moralische Verpflichtungen hin. Trotzdem scheinen alle Argumente auf der Seite der Leugner einzuleuchten. „Wirtschaftlich“ wäre die von Vater und Sohn verfolgte Taktik ohne Frage effizienter und auch das Leid für Bruno unterm Strich geringer als für Helmut. Beide vergessen jedoch, dass das Leid derjenige ertragen sollte, der es sich eingebrockt hat.

In dieser Beziehung tritt die Figur der Mutter als die charakteristischste der Folge auf. Sie personifiziert Reineckers Ansichten, leidet unter der angespannten Familiensituation merklich. Hin und her gerissen ist sie zwischen zwei Fronten. Im Gegensatz zu Percy Lister möchte ich ihre Liebe zu den zwei Söhnen nicht unterschiedlich bemessen oder gar gegeneinander ausspielen. Dass sie so weit geht, ist schließlich nicht allein der Folgsamkeit gegenüber ihrem Mann zu verdanken. Schließlich löst sich der Knoten der Anspannung auch nicht von der Seite der Mutter her, sondern aus einer anderen, am Ende doch unerwarteten Richtung.

Abgesehen von diesen Betrachtungen über das Familiendrama Kerk bleibt „Anschlag auf Bruno“ eine relativ unscheinbare Angelegenheit. Derrick löst den Fall wieder einmal durch pures Ansehen des Mörders Helmut – leichter wurde es ihm bisher selten gemacht. Entsprechend sicher und selbstherrlich sein Auftreten, wenn er ihm ohne rechtliche Handhabe ins Gesicht sagt, er halte ihn für den Täter; wenn er sich vor ihm aufbäumt und den kleinen Volker Eckstein unter seiner, d.h. der Macht des Gesetzes, zu begraben droht.

Ein Standard-Reinecker-Plot mit einer soliden, etwas langwierigen Grädler-Regie, deren Akzent auf die Betrachtung der Schauspieler vor allem bei Mutter Martha und Sohn Bruno glückt. Einzig das Wort „Anschlag“ im Titel verstehe ich nicht. Von einem solchen zu sprechen, erscheint in Anbetracht der großen Überlegungen und Diskussionen, die vor und während seiner Anschuldigung stattfinden, gewagt. Auch um die Folge etwas aufzupeppen, hätte eine Handgreiflichkeit Herrn Henks gegenüber Bruno der Folge nicht schlecht getan. 4 von 5 Punkten.

Georg Offline




Beiträge: 3.224

13.05.2012 20:36
#348 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #347
Ein Standard-Reinecker-Plot mit einer soliden, etwas langwierigen Grädler-Regie, deren Akzent auf die Betrachtung der Schauspieler vor allem bei Mutter Martha und Sohn Bruno glückt. Einzig das Wort „Anschlag“ im Titel verstehe ich nicht.

Was Titel betrifft, da neigte Reinecker ja oft zu übertreibungen, hier ist der "Anschlag" ja sicherlich metaphorisch zu verstehen. Schön, dass Du auch mal Grädlers Regie als etwas langwierig bezeichnest ;-), letztes Jahr hatten wir ja mal anständig darüber diskutiert (wobei diese Folge hier durchaus ganz gelungen ist!). Dieser Reinecker-Plot kam dann ja dann später auch noch vielfach vor, etwa in Tod am Waldrand (1989, grandiose Folge mit Rufus Beck, während der Regisseur Wolfgang Becker seinen 80er feierte) und in Abendessen mit Bruno (1994), wo Philipp Moog den "Bruno" ganz gut spielte (Regie: Alfred Weidenmann, irgendwie heißen die "Deppen" bei Reinecker immer Bruno!). Auch im "Kommissar" gab's ja bei Mord nach der Uhr schon mal eine ähnlich gelagerte Folge. Reinecker hatte eben ein paar Standardthemen, die er auch immer wieder mal variierte.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

14.05.2012 20:25
#349 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Georg im Beitrag #348
Schön, dass Du auch mal Grädlers Regie als etwas langwierig bezeichnest ;-) ...

Es wird nicht wieder vorkommen.



Derrick: Schubachs Rückkehr

Episode 55 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Udo Vioff (Willi Schubach), Christine Buchegger (Helga Homann), Claus Biederstaedt (Dr. Richard Homann), Christian Reiner (Gerhard Schubach), Rudolf Wessely (Frank), Hanna Stadler (Frau Scheibl) u.a. Erstsendung: 9. März 1979, ZDF.

Zitat von Derrick: Schubachs Rückkehr
Verurteilte, die ihren gescheiterten Rechtsanwälten Rache für einen vergeigten Prozess androhen, gibt es häufig. Willi Schubach hat zusätzlich zu diesem einleuchtenden Motiv noch einen weiteren Grund, seinem Strafverteidiger Homann die Pest an den Hals zu wünschen: Dieser heiratete wenige Monate nach Schubachs Haftantritt dessen Frau Helga. – Nun wird Schubach wieder entlassen, und Homann wendet sich beunruhigt an seinen Freund Derrick.


Auch die Entlassung eines rachlüsternen Sträflings ist keine neue Situation für einen Krimi im Allgemeinen und einen „Derrick“ im Besonderen. Zbynek-Anbeter werden sich in dieser Hinsicht z.B. an „Alarm auf Revier 12“ erinnern, wobei Udo Vioff natürlich ungleich vielschichtiger und raffinierter ans Werk geht als Gerd „Haudrauf“ Haucke. Vioff wirkt nicht feist, sondern ausgezehrt von seinem Gefängnisaufenthalt; man glaubt ihm sofort, als er verkündet, er erlebe die Eindrücke, die sich ihm in Freiheit nun bieten, viel intensiver als zuvor. Neben der Tristesse des Knasts, mit der er sich über eine tägliche Kreuzchenliste und ein bitteres Intrigenspiel arrangierte, tragen dazu die Erfolgserlebnisse bei, die er durch ausgefeilte und lang einstudierte Planung erreicht. Sie drehen sich vor allem um Helga und seine noch immer vorhandene, aber vor Jahren bitter enttäuschte Liebe zu ihr.

Am Horizont deutet sich blass ein Happy End an. Gab es am Ende viel Geschrei um nichts? Nein, es ist ja ein Fernsehkrimi, diesen Ansatz können wir also verwerfen! Ist seine Rache an Homann die Wiedereroberung seiner ehemaligen Frau? Nein, er sprach schließlich eindeutig von Mord. Was also geht in seinem Kopf vor und was bezweckt er mit seinem eleganten, „geläuterten“ Auftreten? Diese Fragen beschäftigten mich während der Sichtung von „Schubachs Rückkehr“, sodass man Reineckers Experiment, eine „Derrick“-Folge quasi auf den Kopf zu drehen, als ganz und gar gelungen betrachten kann. Auf den Mord wird hingearbeitet, anstatt ihn gleich auf dem Silbertablett zu präsentieren. Derrick erhält sogar die Gelegenheit, präventiv einzugreifen, die er beschwörend nutzt, bei der er aber an seine eigenen Grenzen stößt. Die Überzeugung Schubachs besiegt sein Zureden. In diesem Aspekt gerät die Folge düsterer als viele andere Episoden. Sie bedient nicht das gewöhnliche Gut-verbannt-Böse-Schema, wie es für „Derrick“ typisch ist – auch hier also verkehrt Reinecker seine gewöhnliche Gangart in ihr zynisches Gegenteil.

Claus Biederstaedt fungiert als Unsympath der Folge. Man missgönnt ihm, dem klein gewachsenen, eingeschüchterten, eifersüchtigen und in unbeherrschten Momenten brutal aufbrausenden Mann, eine Schönheit wie Christine Buchegger, mit ihrer wankelmütigen, völlig unberechnenden Art ein perfektes Gegenstück zu Vioffs Schubach bildet. – Harry geht wieder einmal undercover, was für eine schnelle, sichere und ziemlich galante Überführung Schubachs sorgt. Recht und Gesetz sitzen im Nachhinein am längeren Hebel, haben an erster Stelle aber nicht die Möglichkeit, fest Vorgenommenes zu verhindern.

5 von 5 Punkten für böse Gedanken, die unbeirrt realistische Formen annehmen und sich wohltuend von üblichem Knastbrudermief abheben. Teddy Grädler bittet zum Tanz und brilliert wie immer dann, wenn er faszinierende Charaktere sowie ihre schillernden und bedrückenden Träume schildern darf.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

14.05.2012 20:55
#350 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Ein unheimliches Haus

Episode 56 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Eva Kotthaus (Frau Schlör), Sascha Hehn (Martin Schlör), Paul Hoffmann (Georg Kamenoff), Nora Minor (Elvira Kamenoff), Wolfgang Büttner (Oskar Sobak), Lisa Kreuzer (Annie), Ute Willing (Anita), Alf Marholm (Dr. Beck) u.a. Erstsendung: 30. März 1979, ZDF.

Zitat von Derrick: Ein unheimliches Haus
Giftmord in einer Pension im Umland von München: Die Besitzerin wurde mit Blausäure in ihrem nachmittäglichen Tee gemeuchelt. In der Pension verbleiben ein altes Ehepaar, ein ehemaliger Justizbeamter und zwei Angestellte. Gründe und Gelegenheiten, das Gift in den Tee zu mischen, gab es für jeden der Bewohner. Kein Wunder, dass in der ersten Nacht nach dem Geschehen kaum jemand in dem unheimlichen Haus schlafen kann ...


Auch wenn meine Inhaltsangabe es nahelegt: Unheimlich ist am unheimlichen Haus nicht viel. Etikettenschwindel ist das also, was Vohrer betreibt (manche unken, er wäre nicht zum ersten Mal an so etwas beteiligt). Am ehesten mit dem Titel in Übereinklang zu bringen ist noch die Synthie-Spannungsmusik von Frank Duval, die Vohrer so effizient und pointiert einsetzt, wie es eben seine Art ist. In den meisten anderen Aspekten erscheint er beim „unheimlichen Haus“ jedoch nicht so konzentriert bei der Sache gewesen zu sein. Abgesehen davon, dass ein Giftmord bei „Derrick“ eine verhältnismäßig seltene Angelegenheit und deshalb eine angenehme Abwechslung darstellt, bietet seine Umsetzung keine nennenswerten Ansätze, die aus einer als Kammerspiel angelegten Folge ein wirklich gutes Kammerspiel oder gar mehr als ein solches machen würden. Viele Szenen sind gestreckt und in die Länge gezogen, nicht alle Charaktere handeln logisch. Dass Annie in Ohnmacht fällt, ist zum Beispiel ebenso unnötig wie ihr stereotypes Fallenlassen des Bestecks, als sie von dem Tod der Pensionswirtin erfährt. Die Kamenoffs wären mit ihrer Erpressung fraglich besser durchgekommen, wenn sie nicht ständig in Gegenwart von Stephan und vor allem Harry Anspielungen und Halbwahrheiten verbreitet hätten. Und inwiefern sich das Verhalten des sehr blassen Täters mit dem noch blasseren Motiv im Finale wirklich rechtfertigen lässt, sei auch einmal dahingestellt. Wahrscheinlich war Vohrer und Reinecker ausschließlich daran gelegen, in eine recht dröge Episode ein actionbetontes Finale hineinzubringen.

Ein wichtiges Problem vor der recht einseitigen Szenerie von „Ein unheimliches Haus“ ist, dass die Besetzung allein aus Theaterschauspielern und TV-Mimen zweiten Ranges besteht. Ein Star, der als Gegengewicht zu Derrick auftrumpfen könnte, fehlt. Ersatz soll Wolfgang Büttner bieten. Dass ein unausstehlicher Nörgler aber nicht allein dadurch sympathischer wird, dass er im Rentenalter ist, übersah er bei seiner Darstellung, die dementsprechend einerseits künstlich anmutet und andererseits noch am ehesten an die Maßregelungen, Selektierungen und Überheblichkeiten dunkelbrauner Zeiten erinnert.

Auf der Haben-Seite stehen vor allem die reizvollen Herbstaufnahmen am See sowie Derricks Arbeit mit Namenskärtchen der Verdächtigen. Derartige Spielchen wirken allerdings am Ende direkt lächerlich, wenn er als Ermittler (unnötigerweise) in eine lebensgefährliche Situation gebracht wird, die ihn zum ersten Mal auch körperlich ernsthaft mitnimmt. In der nächsten Folge wird diese Verwundbarkeit des eigentlich starken Mannes weitergeführt werden, sodass sich uns ein neuer Blick auf Derrick und die Natur seiner Unentbehrlichkeit eröffnet.

Wenig Substanzielles bietet „Ein unheimliches Haus“ gegenüber Spitzenfolgen dieser Kollektion. Die Inszenierung pendelt bieder zwischen kammerspielartigem Standardkrimi und Alte-Leute-Komödie, was in sich nicht stimmig wirkt und mir nicht mehr als 3 von 5 Punkten wert ist.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

15.05.2012 00:40
#351 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Die Puppe

Episode 57 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Werner Schulenberg (Adi Dong), Siegfried Wischnewski (Herr Gerdes), Karl Walter Diess (Johann Gall), Alwy Becker (Frau Borsich), Eva Brumby (Frau Sebald), Claudia Butenuth (Luise Staller), Erland Erlandsen (Dr. Schneider), Angela Hillebrecht u.a. Erstsendung: 11. Mai 1979, ZDF.

Zitat von Derrick: Die Puppe
Adi Dong ist Manikeur. „Sagt man wirklich Manikeur?“, vergewissert sich Derrick. Nun, in jedem Fall pflegt Dong gut betuchten Kundinnen nicht nur die Nägel, sondern auch die Seele. Sein sanftes Auftreten inklusive Handkuss, Blumenstrauß und netten Worten ist zu seinem Markenzeichen geworden. Mit der harten Realität wird er erst konfrontiert, als eine seiner „Damen“ tot aufgefunden wird. Der Verdacht fällt auf Adi, aber er hat ein Alibi ...


Geschuldet der Zeit, in der er aufwuchs und seine „besten Jahre“ verbrachte, den Organisationen, denen er als Heranwachsender und Erwachsener angehörte, pflegte Herbert Reinecker einen Hang zur und eine Rechtfertigung der Führerfigur.

Zitat von Andreas Quetsch: Der Mensch und die Moral, in „Augenblick 30: Gesetz & Moral – Öffentlich-rechtliche Kommissare“, Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, 1999, S. 62
In seiner Autobiografie gibt es denn auch zahlreiche Stellen, an denen eine gewisse Bewunderung für Hitler zum Ausdruck kommt: „Der Mann war in der Tat ein Kraftpaket.“ Dennoch verachtet er Hitler letzlich natürlich. Denn dieser war leider nicht vollkommen: Es „hätte eines Menschen bedurft, der [...] mehr hätte mitbringen müssen: innere Größe, Bescheidenheit, er hätte eine Ausnahmeerscheinung sein müssen als Mensch, als besonderer Mensch, als elitärer Mensch, als Weiser womöglich.“ Die positiven Attribute in den hier genannten Zitaten treffen allesamt auf Derrick zu.


Derrick als eine Art Lichtgestalt wird durch eine Profanität wie eine Beinverletzung im Rahmen des Möglichen natürlich nicht von der Pflicht ferngehalten, die sein Leben nicht nur dominiert, sondern in Gänze ausmacht; er muss sich trotzdem Einschränkungen fügen, die ihn ärgerlich machen. In der Charakterzeichnung des Oberinspektors ist eine derartige Abweichung natürlich eine Ausnahme von der Regel, die kein Optimum für den Mythos eines „elitären Menschen“ darstellt. Entsprechend wurde sie nicht freiwillig in die Serie hineingeschrieben, sondern aus einem externen Grund, der mit Derrick an sich nichts zu tun hat.

Zitat von Andreas Quetsch, 1999, S. 52
[Es gibt] einige Episoden, in denen Harry in die Ermittlerrolle schlüpft: Erstmals in „Die Puppe“ (57/1979), weil Derrick beim Sandstreuen ein Opfer des Glatteises geworden und mit Gipsbein gehandicapt ist. Der tatsächliche Hintergrund ist, dass Horst Tappert sich das Privileg gelegentlicher Theatertourneen herausgenommen hat.


Wie es Führerpersonen, die sich um die Rettung der Menschheit und um deren Selektierung – sei es von Verbrechen oder von gewissen Rassen – sorgen, nun einmal an sich haben, kann auch Derrick mit androgyn-verweiblichten Männern, mit Homosexuellen nichts anfangen. Hart und taktlos pakt er Adi Dong bei dem Verhör im Revier an. Das Thema der Liebe zwischen Männern klingt in „Die Puppe“ zwar nur sehr leise an, aber die Abneigung Derricks gegen Dong dürfte sich nicht ausschließlich auf seinen Gesundheitszustand, sondern auch auf die recht eindeutige Natur der Beziehung zwischen Dong und Gall zurückzuführen sein. Aus Galls Zuwendung, seinen Äußerungen, seinen Blicken und nicht zuletzt Dongs tief verletzter Reaktion auf die Wahrheit geht klar hervor, dass Adi neben seinen Kundinnen auch den „väterlichen Freund“ auf der Matratze begrüßte.

Dies sind die Abgründe und Besonderheiten, die dafür sorgen, dass „Die Puppe“ nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Wenn man sie weniger ernst betrachtet und stattdessen die komischen Momente aufzählt, die aus Derricks Kurzzeitbehinderung (allein Tapperts und Weppers Mienen sind herrlich, als Harry ihm versehentlich auf den Schenkel schlägt ) und Dongs „Ausgefallenheit“ hervorgehen, kommen viele zu der simplen Schlussfolgerung: „Die Puppe“ ist Kult.

Ich sage: Ja, aber – Humor allein macht noch keinen Super-„Derrick“. Vor allem der Plot ist in dieser Beziehung entscheidend, und der definiert sich wieder einmal vordergründig über skurrile, zu eindeutig am Reißbrett skizzierte Charaktere anstatt über Vorgänge, wie sie sich im tatsächlichen München des Jahres 1979 ereignet hätten. Abmildernd tritt hier Grädler in Erscheinung. Hätten Vohrer oder Brynych bei „Die Puppe“ vielleicht Exzesse aus dem Panoptikum geboten, bleibt die vorliegende Inszenierung weitgehend neutral, übernimmt auch nur in Maßen die vorgegebenen Gut-Böse-Suspekt-Trennungen des Reinecker-Drehbuchs.

Was letztlich aber wirklich als Kritikpunkt verbleibt, ist, dass Harry in dieser Drehbuchkonstellation kein würdiger Ersatz für Derrick ist. Wenn er sogar von Beteiligten des Dramas beim Vornamen genannt wird (so geschehen vor dem Haus von Herrn Gerdes), fehlt ihm die nötige Autorität. Es ist die Autorität einer Führerfigur, wie sie allein auf dem Gebiet der Fiktion, wo Elitäre und Weise vorkommen dürfen und sollen, ihren festen Platz hat.

Tiefgründig und kultig zugleich – „Die Puppe“ vereint zwei Sujets, die normalerweise an den Extrempunkten der „Derrick“-Skala stehen. Punktetechnisch bin ich deshalb relativ unentschlossen. Obwohl ich nach dem reinen Bauchgefühl nur 4 verteilt hätte, merke ich, dass man nirgends wirklich kritisch ansetzen kann. 4,5 von 5 Punkten sind deshalb ein sauberer Kompromiss.

Gubanov ( gelöscht )
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16.05.2012 20:30
#352 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Tandem

Episode 58 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Stefan Behrens (Ewald Bienert), Elisabeth Wiedemann (Charlotte Nolde), Raimund Harmstorf (Rudolf Nolde), Dirk Galuba (Euler), Karl-Maria Schley (Rottmann), Dirk Dautzenberg (Wirt), Ulrich Beiger, Hans Zander u.a. Erstsendung: 8. Juni 1979, ZDF.

Zitat von Derrick: Tandem
Dass Ewald Bienert einmal eine Haftstrafe wegen Todschlags verbüßen musste, erfuhr seine zwölf Jahre ältere Ehefrau bis zu ihrem Ableben nicht. Als Bienert in einer Kneipe Billard spielt, erreicht ihn ein Anruf von zu Hause, bei dem er einen Kampf in seiner Wohnung mitanhören kann. Bienert lässt sich sofort dorthin fahren. Seine Frau liegt leblos auf dem Boden, doch in große Trauer bricht der Mann nicht aus ...


Die Besprechung enthält Spoiler.

Einen Mord „über Kreuz“ auszuführen, ist eine gern verwendete Taktik, die für gewöhnlich der Beschaffung eines Alibis für den Hauptverdächtigen sowie der Verschleierung des Mordmotivs dienen soll. Letzteres trifft auf „Tandem“ nicht zu, das zweisitzige Gefährt gleichen Namens schweißt die ehemaligen Verbündeten – sie Freunde zu nennen, wäre nach all dem, was Reinecker im Laufe der Geschichte über ihre Charaktere aufdeckt, verfehlt – aber trotzdem nach wie vor unabdingbar aneinander. Auch wenn ein Hinweis darauf gestattet sein muss, dass aus dem Tandem schnell ein Tridem geworden ist, stehen natürlich vor allem Ewald Bienert und Rudolf Nolde im Blickpunkt der Aufmerksamkeit. Sie sind sich durch die gemeinsame Zeit im Gefängnis näher gekommen, wobei es sich als interessant erweist, die Gründe für ihre enge Bekanntschaft genauer zu beleuchten. Bei beiden zeichnen nicht charakterliche Gemeinsamkeiten oder Interessen für das gemeinsame Verkehren verantwortlich, sondern die Entbehrungen und Missstände, die in den Gefängnissen für ihre jeweiligen Wesensarten herrschen: Bienert, der als kaltblütig und waghalsig beschrieben wird, vermisste im Gefängnis die Gelegenheit, seinen Übermut auszuspielen, und nutzte die Zeit deshalb, um kühne Strategien für die Freiheit zu entwickeln; Nolde – sensibel, weich und anfällig für böse Gedanken – wurde, von der Knastatmosphäre gebrochen, zur Teilnahme an einem Komplott wie dem vorliegenden richtiggehend überredet.

Dementsprechend muss es auch Nolde, der nur ein Mitläufer war, gelingen, sein Leben am Ende gegen die Machenschaften Bienerts zu verteidigen, was er allerdings natürlich nicht selbst in die Hand nimmt. Kläglich gescheitert wäre er an dem starken Widerstand, für den hauptsächlich seine neue Ehefrau verantwortlich zeichnet. Entsprechend liegen die stärksten und prägnantesten Rollen bei den Schauspielern Stefan Behrens (mich wundert immer seine Verpflichtung als bad guy, denn eigentlich wirkt er recht harmlos), Raimund Harmstorf (bei dem der Besetzung eben durch die Diskrepanz aus Aussehen und Charakter ein echter Clou gelang) und Elisabeth Wiedemann, der alle Sympathien gebühren, wenngleich ihre Haltung zu mehreren Punkten in der Geschichte ein wenig naiv anmutet.

Brynych, sonst als Krakeeler bekannt, nahm „Tandem“ in völliger Ernsthaftigkeit und Abwesenheit aller albernen Elemente in Angriff, wobei es ihm auch gut gelingt, kleine Anmutungen von Action geschickt einzubauen. Ähnlich wie Blap lobe ich auch den Einsatz der düsteren Duval-Musik, die auf die Abgründe von Bienerts Seele sowie die dunkle Vergangenheit der ehemaligen Gefängnisinsassen anspielt.

Die ungewöhnlich vielschichtige Arbeit Reineckers und die ungewöhnliche unzweifelhafte Arbeit Brynychs ergänzen sich hervorragend mit der kreativen Verpflichtung Harmstorfs. Die Folge ist mehr als solide, und weil es sich fraglos für mich um Brynychs beste Arbeit bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt handelt, verteile ich wie auch für „Tod des Wucherers“ 5 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
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16.05.2012 22:02
#353 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Lena

Episode 59 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Ursula Lingen (Lena), Rolf Becker (Wolfgang Horn), Beatrice Norden (Anita Horn), Heike Goosmann (Agnes Horn), Romuald Pekny (Rechtsanwalt Dr. Voss), Thomas Braut (Mesmer), Joachim Wichmann (Weyrich), Paul Muller (Herr Witte) u.a. Erstsendung: 20. Juni 1979, ZDF.

Zitat von Derrick: Lena
Lena ist taubstumm. Dass aber auch sie nicht schweigt, beweist sie, als sie ihren Schwager aus der Untersuchungshaft befreit. Sie hat den Mörder ihrer Schwester gesehen, kann ihn genau beschreiben. Und es war nicht Wolfgang Horn. Macht sie diese Aussage nur, um sich Horns Dankbarkeit zu sichern? Derrick ist überzeugt, dass Lena aus eigensinnigen Motiven handelt – doch selbst er hat nicht immer Recht!


„Lena“ ist eine wundervolle, poetische „Derrick“-Episode, die in aller Seelenruhe Fantasien von kleinbürgerlicher Ruhe und Glückseligkeit skizziert. Die aufgrund ihrer Behinderung nie richtig wahrgenommene und bisher stets als Klotz am Bein angesehene Lena steht in ihrem Mittelpunkt, obschon die Geschichte sich anfänglich auf Wolfgang Horn und sein Schicksal konzentriert. Beginnen wir deshalb auch an dieser Stelle: Horn hat sein Kind nach der Scheidung von seiner Frau Anita weitgehend abgesprochen bekommen. Ihm erging es wie vielen Vätern: Lediglich an einem Wochenende im Monat darf er seine Agnes sehen, weil Gerichte in derlei Verhandlungen in einem überwiegenden Anteil der Fälle – häufig eher aus Prinzip als aus sinnvollen Erwägungen heraus – den Anspruch der Mutter durchpeitschen. Anita, die hysterisch, vereinnahmend, nörgelnd, aufplusternd und selbstverliebt gezeichnet wird, weint man keine Träne nach. Zu eindeutig positionieren sich Script und Kamera auf der Seite von Wolfgang, der durch die Verdächtigung, den Mord an Anita begangen zu haben, zusätzlich an Sympathien (oder ist es Mitleid?) gewinnt. Rolf Becker war für derlei in die Enge getriebene Parts prädestiniert, spielte er doch eine ähnliche Rolle 1988 als Armin Denzel im Bülow-Tatort mit der auch zu „Lena“ passenden Titelfrage „Schuldlos schuldig?“.

Nachdem Becker wieder auf freien Fuß gesetzt wird, entwickelt sich eine biedermännisch-reizende Atmosphäre im Hause Horn. Jetzt, da der Hausdrachen verschwunden ist, gelingt allen Verbliebenen ein Leben in Ruhe und – nicht zuletzt durch die Schrecken der Verhaftung geläuterter – Eintracht. Herr Horn wirkt beinahe demütig, während Lena, nun, da sie einen Stellenwert im Leben ihrer Mitmenschen einnimmt, wie eine Blume aufblüht. Mit Ursula Lingen hat man die schwierige Darstellung perfekt an die richtige Frau gebracht – sie schafft es, Lena mit Lebendigkeit und Offenherzigkeit auszustatten, wie man sie in kerngesunden Figuren nie antreffen könnte. Allein, dass sie ihre Zustimmung nicht mit einem knappen Ja, sondern immer und immer wieder mit einem Lächeln bekundet, ist Beweis genug für die Besonderheit von Lena. „Du siehst hübsch aus, wenn du lächelst“, befindet nicht nur Wolfgang Horn.

Friedliche, unschuldige Szenen wie der Kauf eines Brennofens, die erste Vermarktung der Töpferware oder ein Radausflug mit der Familie werden von Derricks besonderer Bissig- und Halsstarrigkeit kontrastiert. Der Oberinspektor tritt zum ersten Mal als ein richtiger Antiheld auf. Nicht nur, dass er mit seinen Mutmaßungen über Lena falsch liegt, auch muss man sich fragen, ob seine Vorbehalte sich eventuell gegen ihre Taubstummheit per se richten. Wiedergutmachung leistet er bei der Verhaftung des Täters, dessen Mordmotiv ungewöhnlich ist, aber erneut den Unterschied zwischen der Kälte Anitas und der Wärme Lenas verdeutlicht.

Noch einmal hagelt es 5 von 5 Punkten, obwohl das Wort „hageln“ für „Lena“-Verhältnisse eigentlich viel zu hart und aggressiv tönt. Die Folge scheint, obschon nicht visuell erfassbar, mit Plüsch und Watte ausgestattet zu sein, weil sie die Idylle privater Ungestörtheit der Macht polizeilicher oder anwaltlicher Eingriffe gegenüberstellt. Passend dazu wehmütig-romantische Melodien von Ernst Ferstl, die Grädlers Regiestil bestens untermalen.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

16.05.2012 22:05
#354 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Besuch aus New York

Episode 60 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Leonie Thelen (Anna Born), Bruno W. Pantel (Oskar Megassa), Grete Zimmer (Frau Megassa), Volker Eckstein (Heinz Megassa), Thomas Astan (Domnik), Brad Harris (Bob Dryer), Til Erwig (Rechtsanwalt Dr. Henz), Wolfgang Köpke (Holger Schenk) u.a. Erstsendung: 27. Juli 1979, ZDF.

Zitat von Derrick: Besuch aus New York
Amerikanische Verhältnisse in München: Ein Motorrad und ein PKW liefern sich eine Verfolgungsjagd auf den abendlichen Straßen. Schließlich erwischt das Auto das Zweirad und bringt zwei junge Leute zum Sturz. Einer ist tot. Der falsche. Abgesehen hatte der mysteriöse Unbekannte es auf Anna Born, die eine Erbschaft in Höhe von mehreren Millionen Dollar gemacht hat. Das erfährt sie erst später, und lässt sich dann auf Schritt und Tritt von der Polizei überwachen.


Nach einer feinsinnigen Episode wie „Lena“ macht der „Besuch aus New York“ freilich einen reichlich plumpen Eindruck. Man hat das Gefühl, als habe Reinecker vor Verfassen des Plots einige Jerry-Cotton-Heftromane gelesen, um sich genretypischer Elemente zu versichern. Der Schlüssel zu einer Gangster-Geschichte: die Unsicherheit über Gut und Böse. Eine Figur, die von C-Film-Star Brad Harris in einer Nebenrolle gespielt wird, macht gleich mehrfach einen Wechsel in der Wahrnehmung des Zuschauers durch; ähnlich ergeht es Ringelmann-Liebling Thomas Astan, der als Privatdetektiv jedoch eine Enttäuschung ist (damit aber gut zu dem Eindruck passt, den die gesamte Folge hinterlässt).

Die amüsante Großspurigkeit der Geschehnisse beginnt bereits in der ersten Einstellung, in der eine beliebige Münchner Straße zu sehen ist, in der nichts von Interesse geschieht, als plötzlich – stolz, als handele es sich um einen Panorama-Shot des Big Apple – die „Derrick“-Fanfare ertönt. Weiter geht die Unzulänglichkeit des Drehbuchs mit der Frage (oder vielmehr deren Fehlen), warum der schurköse Onkel mit der wüsten Verwandschaft ausgerechnet der entfernten deutschen Nichte sein Geld vererbt, die er nie im Leben kennengelernt hat. Zumal ihm die Bestrebungen der gierigen Angehörigen und der somit mit der Hinterlassenschaft verbundene Bärendienst bekannt gewesen sein mussten. Alles mag vorn und hinten nicht zusammenpassen, was auch durch die größere Rolle für Harry nicht wett gemacht wird. Zu frisch ist noch der Schmerz über den verblichenen Lover, als dass Anna Harry als attraktive Partie wahrnehmen könnte. Entsprechend blass und unbeteiligt bleibt Leonie Thelen – gerade, wenn man einen Vergleich mit Harrys Liaison mit Beate zieht. Es ist, als würde es keinen Unterschied machen, ob die Polizei Anna oder etwa eine brisante Formel zu bewachen hat.

Die zusätzliche Ebene der skrupellosen Familie Megassa erfreut vor allem insofern, als sich Herbert Reinecker wieder einmal mit seiner eigenen Namensgebung übertrifft. „Megassa“ schreit nur so nach der Feder des Super-Autors – wie auch das doch recht spannend gemachte Finale, in dessen Verlauf zum ersten Mal ein echtes Gefühl der Bedrohung Einzug hält. Trotzdem war der Plot einfach nicht für „Derrick“ geeignet. Ähnlich wie bei „Mord im TEE 91“ liegt die Vermutung nahe, dass eine ältere Storyline von Reinecker für die Serie umgearbeitet werden musste, um das Kontingent des geforderten outputs zu erreichen. In der Tat hätte man diese Unebenheit mit einem gewagteren, „durchgedrehteren“ Regiestil ein wenig glätten können: Brynych höchstselbst wäre wohl in Nebensächlichkeiten hängen geblieben, Vohrer jedoch hätte aus der Geschichte sicher noch ein wenig mehr herausholen können.

Ich beginne, an den Fluch der letzten Episoden zu glauben. „Alarm auf Revier 12“, „Yellow He“, „Klavierkonzert“ und „Ein Besuch aus New York“ – alle belegen sie einen Platz nahe dem Ende meiner jeweiligen Episodenranglisten. Über 2,5 von 5 Punkten reicht Ashleys etwas verunglückte München-New-York-Connection nicht hinaus; im Rahmen der sehr starken vierten Collector’s Box ist das ein Garant für Platz 14.



Wie bereits angedeutet und sicher auch aus den Wertungen ersichtlich, ist nicht nur Percy Lister mit Box 4 vollauf zufrieden. Auch ich habe einige echte Highlight-Folgen sowie vor allem eine große Palette sehr gelungener verschiedener Herangehensweisen an „Derrick“ kennengelernt. Von der komisch-verrückten Episode „Kaffee mit Beate“ über Psycho-Spiele in „Schubachs Rückkehr“ bis hin zu anrührenden Gefühlsmomenten in „Lena“ ist für jeden Geschmack gute Unterhaltung dabei.

Platz 01 | ★★★★★ | Folge 046 | Kaffee mit Beate (Vohrer)
Platz 02 | ★★★★★ | Folge 059 | Lena (Grädler)
Platz 03 | ★★★★★ | Folge 055 | Schubachs Rückkehr (Grädler)
Platz 04 | ★★★★★ | Folge 052 | Abitur (Grädler)
Platz 05 | ★★★★★ | Folge 058 | Tandem (Brynych)

Platz 06 | ★★★★☆ | Folge 051 | Ute und Manuela (Ashley)
Platz 07 | ★★★★☆ | Folge 048 | Lissas Vater (Vohrer)
Platz 08 | ★★★★☆ | Folge 050 | Die verlorenen Sekunden (Vohrer)
Platz 09 | ★★★★☆ | Folge 057 | Die Puppe (Grädler)

Platz 10 | ★★★★★ | Folge 053 | Der L-Faktor (Ashley)
Platz 11 | ★★★★★ | Folge 054 | Anschlag auf Bruno (Grädler)

Platz 12 | ★★★☆★ | Folge 049 | Der Spitzel (Brynych)

Platz 13 | ★★★★★ | Folge 056 | Ein unheimliches Haus (Vohrer)

Platz 14 | ★★☆★★ | Folge 060 | Besuch aus New York (Ashley)

Platz 15 | ★★★★★ | Folge 047 | Solo für Margarete (Braun)

Gubanov ( gelöscht )
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17.05.2012 20:00
#355 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

DERRICK Collector’s Box 5 (Folgen 61 bis 75, 1979-80)





Derrick: Ein Kongress in Berlin

Episode 61 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Thomas Braut (Jaschke), Rolf Bogus (Mierich), Will Quadflieg (Professor Braun-Gorres), Angela Salloker (Frau Braun-Gorres), Judy Winter (Dr. Maria Meinrad), Bernd Herzsprung (Dr. Hauk), Claudia Dermarmels (Pia Jurek), Ullrich Haupt (Hans-Martin Jurek) u.a. Erstsendung: 24. August 1979, ZDF.

Zitat von Derrick: Ein Kongress in Berlin
Ein pharmazeutisches Forschungsinstitut in München beklagt einen mit Industriespionage in Zusammenhang stehenden Mord. Die heiße Spur führt in die Grenzstadt Berlin, denn auch dort wird ein Bekannter des Professors Braun-Gorres tot aufgefunden. Stephan, Harry und die Institutsleitung begeben sich auf eine Berlin-Reise, in deren Verlauf sie nicht nur die Wahrzeichen, sondern auch die Abgründe der Stadt kennenlernen.


Einen besonderen Platz im „Derrick“-Kanon nimmt der „Kongress in Berlin“ aus verschiedenen Gründen ein. Formal fällt er bereits aus dem Raster, weil es sich um den einzigen „Derrick“ mit Überlänge, d.h. einer Laufzeit von 75 statt nur 60 Minuten, handelt. Grund hierfür war der Sonderstatus der Episode, die Derrick und Harry anlässlich der Eröffnung der 32. Internationalen Funkausstellung in Berlin am 24. August 1979 zum ersten Mal auf große Fahrt schickte. (Dass die IFA jenes Jahres mit bahnbrechenden Neuerungen wie CDs oder dem Video-2000-System aufwartete, sei nur am Rande erwähnt.)

Natürlich hebt sie sich aber auch durch ihren Schauplatz an sich hervor. Derrick ermittelt in Berlin – eine Kombination, die mich fast wunschlos glücklich macht. Natürlich merkt man der Episode an, dass sie eine Art Touristenführer ist, d.h. dass die Aufnahmen nicht so frei und natürlich wie in München entstanden. Vielmehr versucht „Ein Kongress in Berlin“, möglichst viele Wahrzeichen der Exklave ins rechte Licht zu rücken, sie auch teilweise auf Teufel komm raus miteinander zu kombinieren. Trotzdem oder gerade deshalb fühlen sich die Ergebnisse der Dreharbeiten besonders hochwertig an – eben einem solchen Special angemessen.

Für Berlin-Freunde sei anbei auf ein liebenswertes Zeitdokument hingewiesen: Bei der Verfolgung Maier-Ollendorfs sucht Harry den Flohmarkt am Nollendorfplatz auf. Ausrangierte U-Bahnwaggons mit Marktstandeinbauten füllten zwischen 1973 und 1992 die Bahnsteighalle des heutigen U2-Bahnsteigs am Nollendorfplatz, da die Strecke wegen der durch die Mauer gekappten Verbindung zum Potsdamer und Alexanderplatz stillgelegt wurde (auf dem Abschnitt Nollendorfplatz oben – Bülowstraße – Gleisdreieck hätte sonst nur ein Parallelverkehr zum Hauptast Nollendorfplatz unten – Kurfürstenstraße – Gleisdreieck bestanden). Der aufgelassene U-Bahnhof Bülowstraße erlebte eine ähnliche Zwischennutzung als türkischer Basar, während die Auswirkung der Streckengestaltung außerdem in den Aufnahmen des U-Bahnhofs Deutsche Oper zu sehen sind. Hier verkehrte zu „West-Zeiten“ die legendäre Linie 1 zwischen Ruhleben und dem ebenfalls in der Episode zu sehenden Schlesischen Tor in der Nähe der Oberbaumbrücke, während der Ruhlebener Ast heute wieder wie in den 1930ern der U2 nach Pankow zugerechnet wird.

Vom Bahnkauderwelsch zurück zu Derrick: Viele Kritiken äußern sich enttäuscht über Spannungs- und Tempoarmut. Ich bin geneigt, diesen Ausführungen zu einem gewissen Grad zuzustimmen, habe die Folge aber nicht als übermäßig gedehnt oder gar langweilig empfunden. Lediglich die Rolle der bösen Ehefrau erhält an einigen Stellen zu großes Gewicht zugesprochen. Stellenweise erinnerte mich „Ein Kongress in Berlin“ wegen seiner politischen und dynamischen Ausstrahlung sogar an einen der Reinecker-Dreiteiler, die das ZDF zwischen 1967 und 1969 ausstrahlte. Wenn ich mich also den Aufrufen zum Austausch des Regisseurs anschließe, dann allerhöchstens mit einem wehmütigen Blick auf den zu lang von der Reihe abwesenden Wolfgang Becker.

Die Besetzung wiegt viele der dramaturgischen Unebenheiten wieder auf. In Gegenwart von Claudia Dermamels oder Rainer Hunold fühlt man sich sogleich berlinerisch, wenngleich Haupts Auftritt leider zu kurz ausfällt. Andere Schauspieler wie Judy Winter (überraschend freundlich und selten so offen und gefühlsgeleitet wie hier), Karl Walter Diess (schurkisch wie immer), Bernd Herzsprung (eher die Großspurigkeit als die Verlässlichkeit eines Akademikers betonend) oder Thomas Braut und Dirk Galuba (nach einer Pause von je nur einer oder zwei Episoden) festigen mit ihren x-ten „Derrick“-Performances das Gesicht der Reihe. Zum ersten Mal zu sehen: Will Quadflieg, dem der Spagat zwischen wissenschaftlicher Untadeligkeit und privater Instabilität glänzend gelingt. Wie es seinem Professor Braun-Gorres wohl nach dem Ausblenden des Abspanns weiter ergehen mag?

Optisch fegt „Ein Kongress aus Berlin“ viele seiner inhaltlichen Schwächen unter den berühmt-berüchtigten Flohmarkt-Teppich. Neben den Berlin-Shots überzeugt schließlich auch die anfängliche Architekturinszenierung im Chemielabor. Einmalige zeithistorische Aufnahmen im geteilten Berlin machen die Folge ungeheuer wertvoll, sodass ich mich erwartungsgemäß gegen die hier bereits getätigten Verrisse stelle. Solide 3,5 von 5 Punkten mit dem Hinweis auf unzählige „Wohlfühlpunkte“ (© by Blap).

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

18.05.2012 12:25
#356 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Das dritte Opfer

Episode 62 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Jutta Speidel (Gabriele Voss), Lambert Hamel (Albert Grosser), Eva Christian (Hella Dorp), Heinz Drache (Martin Dorp), Gudrun Genest (Frau Karges), Gudo Hoegel (Alfred Dorp), Bruno Dallansky, Otto Bolesch u.a. Erstsendung: 28. September 1979, ZDF.

Zitat von Derrick: Das dritte Opfer
Während seines Urlaubs trifft Derrick in Miesbach auf den Kurgast Albert Grosser. Grosser verwirrt Derrick, weil er zu großes Interesse an dessen Beruf zeigt und außerdem über einige merkwürdige Ansichten bezüglich Mord verfügt. Einem solchen fällt er in der selben Nacht dann allerdings zum Opfer – und Derrick hat nur einen Strohhalm: Grossers zwanzig Jahre jüngere Urlaubsbekanntschaft Gabriele Voss.

Zitat von Andreas Quetsch: Der Mensch und die Moral, in „Augenblick 30: Gesetz & Moral – Öffentlich-rechtliche Kommissare“, Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, 1999, S. 57
Derrick privat ...
... gibt es nicht. Seine Figur wird nicht wie bei anderen Fernseh-Kommissaren (z.B. diverse „Tatort“-Kommissare) durch den Einbezug privater Dimensionen charakterisiert. Derrick lebt voll und ganz, rund um die Uhr, ohne Rücksicht auf ein eventuelles Privatleben, für die Mödersuche und seinen moralischen Auftrag. „Sein Diensteifer kennt weder Grenzen noch Überstundenabrechung“.


Deshalb erscheint es mir als Zuschauer befremdlich, Derrick auf einer Urlaubsreise bei persönlichen Unternehmungen, einer Bergwanderung und – ausgerechnet – einem Casinobesuch, zu beobachten. Diese Szenen dienen freilich weniger dazu, das Privatleben des Oberinspektors vor der Öffentlickeit auszubreiten – wahrscheinlich packte ihn schlicht in Berlin das große Reisefieber; er wäre nicht der erste. Sie erfüllen vielmehr den Zweck, ihn mit der faszinierenden Gestalt des Albert Grosser in Verbindung zu bringen. Das wäre aber auch zügiger gegangen! Grosser, hervorragend gespielt von Lambert Hamel, prägt sich von Anfang an in das Gedächtnis des Zuschauers ein, sodass die ausführliche Wiederholung aller seiner Worte im späteren Gespräch zwischen Stephan und Harry, außerdem sämtliche Fahrten von und zu der irrelevanten Haushaltsschule sowie, in gewissem Umfang, das erste Verhör mit Jutta Speidel am Tatort samt und sonders gekürzt, wenn nicht gar gestrichen werden könnten.

Vohrer verliert in diesen Minuten zu viel Schwung, sodass man erst in der zweiten Hälfte der Folge erst begreift, worum es in „Das dritte Opfer“ eigentlich geht – nämlich um die nicht minder beeindruckende Familie Dorp, in der sich Schwager Grosser wie eine Wanze eingenistet hat. Im Rahmen der Familie sticht rollen- und besetzungsbedingt Heinz Drache hervor, der eine famose Metamorphose von einem unverbindlich freundlichen hin zu einem geheimnisvoll belasteten Mann durchmacht. Er sorgt im Wesentlichen für die unheilschwangere Atmosphäre, die in den Münchner Szenen von „Das dritte Opfer“ mitschwingt. Auch Speidel ist hieran nicht unbeteiligt, unterläuft sie doch einen ganz ähnlichen Prozess wie Drache. Man meint beinahe, dass beide Charaktere – Dorp und Gabriele Voss –, hätte Reinecker sie nicht zu Antagonisten gemacht, perfekt miteinander ausgekommen wären, ja wirklich Vater und Tochter hätten sein können.

Die spannende Geschichte um die vergangenen Geschehnisse im Hause Dorp muss durch die Verzettelungen des Anfangs in einer unangemessenen Kürze durchgebracht werden, um die Geschichte im Rahmen der wiederaufgenommenen Standardlaufzeit beenden zu können. Ein positiver Nebeneffekt dieser Eile ist, dass man die alte Frau Dorp niemals lebendig zu Gesicht bekommt, sondern nur ihre Stimme – wahrhaftig eine schreckliche Stimme – hört. Man fragt sich sogleich, warum Grosser zu dieser Schwester überhaupt ein so enges Verhältnis pflegte. Nun, genutzt hat es ihm am Ende auch nur kurzfristig.

Geschickte Ansätze, die sich im Verlauf von „Das dritte Opfer“ auftun, werden durch den drögen Anfang leider aufgewogen. Es handelt sich um eine Folge der vergebenen Möglichkeiten, die noch mehr aus ihrer fantastischen Besetzung hätte herausholen können. Deshalb nur 3 von 5 Punkten.

PS:

Zitat von Blap im Beitrag #124
Jetzt ist mir endlich und unmißverständlich klar, warum der Oberinspektor so selten in den Urlaub fährt. Während im Dienst ein flotter BMW als Gefährt dient, reicht es für den Privatmann Derrick nur zu einem klapprigen VW. Ob Vohrer damit die Unterbezahlung unserer Staatsdiener an den Pranger stellen wollte? Doch vielleicht war das traurige Vehikel nur ein Leihwagen, wir werden es wohl nie erfahren.

Herrlich. Meine Nominierung für den Foren-Pulitzer geht an dich!

Gubanov ( gelöscht )
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18.05.2012 21:18
#357 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Die Versuchung

Episode 63 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Erik Ode. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Peter Fricke (Rolf Sossner), Dany Sigel (Ingrid Möbius), Klaus Wildbolz (Walter Möbius), Heinz Moog (Oswald Demmer), Andrea Dahmen (Vera Schneider), Karlheinz Lemken (Roland Schneider), Wilfried Blasberg (Pförtner) u.a. Erstsendung: 26. Oktober 1979, ZDF.

Zitat von Derrick: Die Versuchung
Betrüger haben ihn hereingelegt. Mit 900.000 DM Schulden und damit dem drohenden Bankrott seiner Firma konfrontiert, sieht Walter Möbius keinen anderen Ausweg, als sich unter Hilfe seines Kompagnons Sossner selbst zu entführen und von seinem so reichen wie geizigen Onkel 1 Million Mark zu erpressen. Sossner, zu allem Überfluss in Frau Möbius verliebt, trägt zuerst Bedenken, erliegt dann der Versuchung und gerät schließlich in Schwierigkeiten ...


Die Besprechung enthält leichte Spoiler.

Das ist sie also: die erste der beiden „Derrick“-Episoden, die von Erik „Kommissar Keller“ Ode persönlich inszeniert wurden. Woran bemerkt man diesen prominenten und geschulten Kenner hinter der Kamera? Einige Fans behaupten, in seinen zwei „Derrick“-Ausflügen würde – logisch – besonders viel gebechert und geschmaucht ; außerdem aber ist Ode eine routinierte, flüssige und beinahe ungewohnt natürliche Einbindung des Polizeirevier-Studiosets gelungen, das in anderen Folgen manchmal wie ein Klotz am Bein der Derrick’schen Realitätsnähe hängt. Auch ansonsten kann man nichts gegen Odes Arbeit einwenden: Er erweist sich als Regisseur zwar als ähnlich konservativ wie als Serienheld, doch dies gereicht der „Versuchung“ nur zum Besten. „Keine Experimente“, lautete wohl sein Motto. Ich freue mich schon auf sein zweites Outing „Eine unheimlich starke Persönlichkeit“, was seine fehlenden Darstellerauftritte in der Nachfolgerserie – Ringelmann achtete in dieser Frage wohl auf uneingeschränkte Stringenz – mehr als ausgleicht.

Wenn „Die Versuchung“ nicht durch Innovationen hervorsticht, so durch eine sehr stimmige, sommerliche Wirkung, die von Anfang bis Ende durchhält. Als besondere Highlights stellen sich das anfängliche Gespräch der Geschäftspartner, die Lösegeldübergabe, deren Nachstellung auf der Brücke sowie die Auftritte des immer willkommenen Heinz Moog heraus. Moog spielt dieses Mal den unausstehlichen Geldsack, der sich erst im letzten Moment bereiterklärt, seiner Verwandtschaft finanziell unter die Arme zu greifen. Seine Skepsis dem Schwiegersohn gegenüber ist zwar angebracht, Demmer selbst dürfte aber keinen Schimmer davon gehabt haben, wie sehr seine Antipathien der Wahrheit entsprechen.

Am stärksten wird die Folge indes durch Peter Fricke getragen, den ich sonst eigentlich lieber höre als sehe. Fricke ist stets auf verzweifelte, verängstlichte Rollen gebucht, weshalb er auch diesmal einen routinierten Auftritt hinlegt. Selten gelang es ihm, wie hier, dabei ein wenig Sympathie für ihn aufkommen zu lassen. Der Titel trifft gleich in mehrfacher Sicht auf ihn zu und agiert in gewisser Weise auch als Spoiler. Man ist sich zwar bis zum Schluss unsicher, ob er oder der unbekannte angeheuerte Mithelfer für den Mord an Möbius verantwortlich zu machen ist, doch die fehlende Besorgnis Sossners über das verschwundene Geld verrät vieles.

Überdurchschnittliche „Derrick“-Premiere von „Kommissar“-Altvater Erik Ode. 4 von 5 Punkten, auch weil Entführungsszenarien und Lösegeldüberbringungen immer für kurzweilige Unterhaltung gut sind. Ein wenig mangelt es der „Versuchung“ an Mut, aber durch ihre saubere und ansprechende Machart ist sie bislang das Highlight der fünften Box.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

20.05.2012 13:44
#358 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Die Versuchung" (Folge 63)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Peter Fricke, Klaus Wildbolz, Heinz Moog, Andrea Dahmen, Dany Sigel, Karlheinz Lemken, Willy Schäfer u.a. - Regie: Erik Ode

Rolf Sossner ist empört: Sein Freund und Kompagnon Walter Möbius hat rund 800.000 Mark an Firmengeldern verloren, weil er sich von einem Betrüger reinlegen lassen hat. Was ist nun zu tun? Wie soll die Firma vor dem sicheren Konkurs bewahrt werden? Walter Möbius hat sich bereits Gedanken dazu gemacht: Er will seinen vermögenden Schwiegervater erpressen. Zu diesem Zwecke täuscht er seine eigene Entführung vor. Alles klappt soweit, doch nach der Lösegeldübergabe bleibt Möbius verschwunden....

Erik Ode inszeniert diese "Derrick"-Folge ohne Umschweife und Schnörkel. In Inhalt und Charakterisierung der Figuren ähnelt der Plot der Folge "Konkurs" aus der Reihe "Der Alte", in der ebenfalls eine fingierte Entführung und ein wohlhabender Familienpatriarch im Mittelpunkt stehen. Freilich macht Heinz Moog einen weniger feudalen Eindruck als O.E. Hasse; Moog assoziiere ich immer mit Fischkuttern und dem Beobachten der Gezeiten. Ein brummiger alter Seebär, dem Guernsey-Pullover und Pfeife gut zu Gesicht stehen. Peter Fricke nimmt man die Rolle des skeptischen Geschäftsmanns uneingeschränkt ab; die Affäre mit der trockenen Dany Sigel hätte man sich jedoch sparen können. Sie wirkt aufgesetzt und dient wohl nur dem Zweck der Komplizenschaft. Durch geschickt gestreute Zweifel wird das Misstrauen des Zuschauers geweckt, der an das Scheitern des ausgeklügelten Plans glauben soll. Den Spannungshöhepunkt erleben wir bei der Übergabe des Lösegelds, dessen Anblick selbst Derrick und Klein zum Strahlen bringt. Die Überlegung, dass man einen schweren Koffer nicht aus einem Auto über ein Brückengeländer stemmen kann, bringt das Sicherheitsgefühl von Rolf Sossner zu Fall. Die Frage, was mit dem Geld und der Firma im Erfolgsfall passieren sollte, wird jedoch nicht überzeugend beantwortet. Wie den Umstand des persönlichen Reichtums rechtfertigen? Wie die Firmenpleite in Kauf nehmen, ohne Erklärungen abzugeben? Denn, dass die Million nicht zur Sanierung des Unternehmens benutzt worden wäre, liegt schließlich auf der Hand. Die Tatsache, dass Möbius seine Sekretärin in den Plan eingeweiht hat, spricht bereits für ein latent vorhandenes Misstrauen gegenüber Sossner. Im Vertrauensverhältnis zwischen Möbius und der Angestellten zeigt sich die emotionale Stütze, die sich sonst in keiner der menschlichen Beziehungen dieser Folge sehen lässt - mit Ausnahme der Bruder-Schwester-Freundschaft.
Fazit: Eine recht gute Folge, die sich auf klassischem Terrain abspielt und dabei mit der Erwartungshaltung des Publikums spekuliert.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

20.05.2012 21:30
#359 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Ein Todesengel

Episode 64 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Sabine von Maydell (Anita Glonn), Christian Quadflieg (Arthur Tobbe), Brigitte Mira (Frau Tobbe), Dirk Dautzenberg (Herr Tobbe), Thomas Fritsch (Martin Elsner), Peter Lühr (Dr. Kirchhoff), Paula Braend, Johanna Elbauer u.a. Erstsendung: 23. November 1979, ZDF.

Zitat von Derrick: Ein Todesengel
Auf Arthur Tobbe wird ein Mordanschlag verübt. Das namenlose Mädchen, das ihn bis zu jenem Vorfall begleitete und dann flüchtete, stellt sich Tobbe erst einige Tage später als Anita Glonn vor. Obwohl Tobbe ahnt, dass Anita an dem Anschlag nicht unbeteiligt war, umgibt er sich weiterhin gern mit dem stillen Mädchen. Er begibt sich damit erneut in Gefahr ...


@Percy Lister schrieb anlässlich „Kaffee mit Beate“ über Christian Quadflieg: „[Ich konnte] ihn noch nie leiden [...] – ob mit oder ohne Arztkittel. Überheblichkeit spricht aus allen seinen Gesten.“ – Ich habe bei der berühmten „Beate“ Percys Antipathie noch als eine ganz persönliche Abneigung abgetan, sehe aber nach „Ein Todesengel“ ziemlich genau, in welche Richtung die Worte zielen. Ob nun Reinecker, Vohrer oder Quadflieg selbst für den Ausgang verantwortlich sind – aus Arthur Tobbe ist einer der abstoßendsten Charaktere der Serie geworden. Erinnerungen an „Pfandhaus“ werden wach, wenngleich Quadflieg natürlich nicht die Klasse von Brandauer hat. Gewichtig fallen für den Eindruck nicht etwa Tobbes Wutanfälle oder Handgreiflichkeiten aus, sondern vielmehr die schiere Dummheit und Selbstverliebtheit, die von dem jungen Mann ausgeht. Er, in „sonderbaren“ Verhältnissen aufgewachsen, bezeichnet sich selbst als „bunten Hund“, ist von seiner Wirkung auf Frauen felsenfest überzeugt, reagiert dabei schon in den ersten Minuten plump, platt und durchschaubar.

Geheimnisvoller fällt der Part von Sabine von Maydell aus, die wir bereits aus „Tod des Trompeters“ (und „Eine Nacht im Oktober“) kennen. Während sie in der ersten Produktion durch hübsches Auftreten und Peter Thomas‘ tollen Song „Ohne dich ist es Nacht“ Pluspunkte sammeln konnte, fällt ihr Auftritt in „Ein Todesengel“ trotz aller Geheimniskrämerei weniger begeisternd aus. Gerade optisch macht sie bei weitem nicht so viel her, wie alle (männlichen) Protagonisten gern betonen: Dank der zeitgenössisch angehauchten Maske von Peter Krebs und Angelika Ronge sieht sie hier, spitzzüngig beurteilt, eher wie Martin Lüttge auf drag aus. Auch inhaltlich beginnen die länglichen, sich regelmäßig wiederholenden Treffen mit Quadflieg schon in der ersten Hälfte der Spielzeit, zu ermüden.

Der bodycount erreicht in „Ein Todesengel“ einen neuen Rekordwert , was auch Raum für allerlei moralische Insignien der Reinecker-Schmiede liefert. Der gesamte Drogen-Subplot gerät so verquastet, als stamme er aus tiefsten „Der Kommissar“-Zeiten; Zeigefinger-Predigten von Ärzten, Schreckensbilder von Kranken und Harrys völlig überflüssiger Kommentar, es nehme einen mit, sich solche Menschen anzusehen, sprechen eine (zu) deutliche Sprache. Doch Reinecker teilt auch anderweitig aus: Was könnten die Gründe für den Verfall der Jugend sein? Verblendete Erzeuger bieten sich für das einfache Weltbild eines 60-Minuten-Krimis an. Brigitte Mira und Dirk Dautzenberg brillieren folglich in ihren abstrusen Elternrollen, an denen Vohrer sichtlich Spaß hatte.

Tragkraft verlieh der Folge überdies vor allem Hauskomponist Frank Duval. Seine Ballade „Todesengel“ schwingt gemächlich und sich ins Schunkelbewusstsein einbrennend in bester Schlagermanier dahin. Sie unterstreicht damit alle Phasen der unbefriedigenden „Freundschaft“ zwischen Arthur und Anita, erhielt entsprechenden Fokus bei der Ausstrahlung und wurde in Folge zu Duvals erstem Chart-Hit. Insgesamt zwölf Titel aus „Derrick“ und „Der Alte“, so berichten Experten, platzierte Duval in den Hitlisten der deutschen Top-75 – zwei Lieder, darunter „Angel of Mine“ aus „Dem Mörder eine Kerze“, sogar in den Top-3.

Allein ein einprägsamer Score macht einen „Derrick“ noch nicht besonders – dafür gibt es in diesem Bereich zu viele herausragende Arbeiten. In jeder anderen Beziehung lässt sich „Ein Todesengel“ sehr dröge an. Die Hauptdarsteller agieren unsympathisch, was der Folge Reiz und Stimmung nimmt. 2,5 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

21.05.2012 23:45
#360 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Karo As

Episode 65 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Günther Maria Halmer (Jochen Karo), Klausjürgen Wussow (Bernhard Demmler), Joana Maria Gorvin (Agnes Demmler), Katerina Jacob (Luisa Demmler), Henry Gregor (Roman Schulz), Sepp Wäsche (Wirt), Heinz Herki, Leopold Gmeinwieser u.a. Erstsendung: 21. Dezember 1979, ZDF.

Zitat von Derrick: Karo As
Weil er trinkt, muss er ein williges Werkzeug sein. Das denkt sich Bernhard Demmler, der sich seiner Ehefrau entledigen will, und besticht einen Säufer mit der Aussicht auf Geld und Schnaps. Wer hätte gedacht, dass der Mordanschlag – Frau Demmler wird nur verletzt, nicht getötet – die gebrochene Psyche des gedungenen Mörders Jochen Karo wieder auf Vordermann bringt?


Obwohl er von einem schauspielerischen Schwergewicht wie Klausjürgen Wussow unterstützt wird, dominiert der damals 36-jährige Günther Maria Halmer klar die Folge „Karo As“. Ähnlich „Lena“ widmet Reinecker die Folge der Charakterstudie einer Figur, die sich zu einer gesellschaftlichen Randgruppe zählen muss. Die Auswirkungen dieses Daseins gestalten sich hier aber eindeutig problematischer, zerstörerischer. Es gelingt Halmer auf erdrückende Art und Weise, die Anfälle und Schwächen eines Trinkers realistisch und nachhaltig auf die Fernsehbildschirme zu bringen – eine Rolleninterpretation, wie sie nicht nur die ganze Aufmerksamkeit des Zuschauers beansprucht, sondern auch für die Verhältnisse der späten Siebzigerjahre recht gewagt und offenherzig war. Vor diesem Hintergrund macht es wenig bis gar nichts aus, dass Halmer für einen verkrachten Studenten schon ein paar Jahre zu viel auf dem Buckel hat – man darf diese „körperliche Überreife“ wohl auch den Folgen des Schnapsgenusses zuschreiben.

Auch wenn „Karo As“ die Frage vernachlässigt, ob sich ein Auftraggeber für einen Mord tatsächlich so wenig von der Frage nach der Verlässlichkeit seines künftigen Killers beeindrucken lassen würde wie Bernhard Demmler, ist der knapp, aber präzise gehaltene Krimiplot weitgehend überzeugend gelungen. Der Blitzentzug Karos wird Reineckers Script als Hemmschuh für Glaubwürdigkeit angekreidet – berücksichtigt haben die Kritiker aber nicht, wie einschneidend und gegen den eigenen Willen die Ausführung des Plans für den Trinker war. Wie auch für Hypnotisierte gilt für Alkoholiker: Was der Mensch an sich ablehnt, tut er auch im Zustand der geistigen Abwesenheit nicht freiwillig. Die urplötzliche innere Auflehnung dürfte zweifelsohne für ein Gefühlschaos und dann gleich für ein Überdenken des Lebenswertes sorgen, der Auswirkungen wie die gezeigten nicht gerade aus der Luft gegriffen erscheinen lässt.

Starke emotionale Momente setzte Haugk – endlich zum ersten Mal seit „Portofino“ wieder an Bord – in den Dialogen zwischen Gorvin und Halmer. Joana Maria Gorvin, die zum ersten Mal in Potsdam Theater spielte, war nur verhältnismäßig selten im TV oder Film zu sehen – umso wertvoller geraten ihre Szenen. Ihre Agnes Demmler, ein ernsthaft karikatives Abbild personifizierter Güte, bestimmt den Wandel, der in Karo vorgeht, in besonderem Maße mit. Täter und Opfer werden zu Freunden, die sich schätzen und helfen. Haugk instruierte Cutterin Margot von Oven auch, Karos weichen Charakter mittels harter Schnitte, die ihn zum hin- und hergeworfenen Spielball machen, zu verdeutlichen. Zwischen den zwei Karos, dem Trinker und dem Kümmerer, verschwindet sein Spiegelbild sogar für ein paar Sekunden – wir merken, dass es sich um eine neue Person handelt, die das Krankenhaus betritt.

Für die Auflockerung des schweren Stoffs sorgen Stephan und Harry, die einige hervorragend komische Momente haben. Doch zwei wichtige Weiterentwicklungen unterlaufen auch sie: Derrick – in weiser Voraussicht, dass er sich um ein Privatleben erst nicht zu bemühen braucht – näht im Büro einen Knopf an ein Jackett an; Harry – in einem Versuch, ihn als mehr denn als ewigen Handlanger zu skizzieren – gerät gen Ende in ernsthafte Lebensgefahr.

Mitfühlfolgen müssen von Zeit zu Zeit sein, auch wenn sie kriminalistische Aspekte unwichtig machen und Derrick und sein Team in die zweite Reihe katapultieren. Sie machen aber die Vielschichtigkeit und den Zeitgeist von Reineckers Arbeit aus – in so sauberer Ausführung wie hier verdienen sie sich 4,5 von 5 Punkten. Abschließend – vorher fanden sie noch keinen Platz – möchte ich auf die wieder treffsicher, wenngleich in einer (zu) kleinen Rolle besetzte Katerina Jacob und auf Frank Duvals träumerischen Abspann-Score hinweisen. Thumbs up.

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