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Dieses Thema hat 976 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

08.04.2012 14:50
#331 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Schubachs Rückkehr" (Folge 55)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Udo Vioff, Claus Biederstaedt, Christine Buchegger, Christian Reiner, Rudolf Wessely u.a. - Regie: Theodor Grädler

Der Rechtsanwalt Dr. Homann fürchtet die Haftentlassung seines ehemaligen Klienten Schubach. Dieser hat während seines Gefängnisaufenthalts mehrmals damit gedroht, den Verteidiger zu töten. Dr. Homann hatte nämlich zwei Monate nach dem Urteil Schubachs Frau Helga geheiratet.....

Das Wiedersehen mit Claus Biederstaedt macht richtig Freude und hebt das Niveau der Folge um ein Vielfaches. Der 1928 geborene Schauspieler und Synchronsprecher strahlt als Anwalt Würde und Weitsicht aus; beides Eigenschaften, die ihm helfen werden, seinem teuflischen Gegenspieler, dem berechnenden Udo Vioff, zu widerstehen. Die Frage, welcher Mann zuerst das Gesicht verliert, steht im Raum und sorgt beim Publikum für teilnahmvolle Aufmerksamkeit. Die Todesdrohung hängt von Beginn an in der Luft, verflüchtigt sich jedoch mit zunehmender Intimität zwischen den früheren Eheleuten Willi und Helga. Dennoch bleiben Derrick und seine Zuschauer wachsam, da sie einem fröhlichen und großzügigen Udo Vioff grundsätzlich misstrauen. Zu abgeklärt, zu hart wirkt der Mime in seinen Rollen, wobei er immer nur seinen Willen durchsetzt. Seine Rolle bietet diesmal ein breites Spektrum, wobei Küssen und Händchenhalten ungewohnt und verdächtig zugleich wirken. In fast poetischer Weise rollt Theodor Grädler die neu entflammte Liebesbeziehung zwischen Schubach und Helga Homann ab und spart dabei nicht mit kommentierenden Reaktionen der Umwelt. Auf der einen Seite steht Gerhard Schubach, der Bruder des ehemaligen Häftlings; auf der anderen Seite Dr. Homann, der früh ahnt, dass ihm seine Frau entgleiten wird. Das Tempo ist gemächlich, unterstreicht aber den tückischen Plan, den Schubach minutiös ablaufen lässt. Derrick bleibt als Beobachter am Ball, kann aber nicht verhindern, dass die in der Haft ersonnene Rache in die Tat umgesetzt wird. In einer beschaulichen Nebenszene klingelt er nachts bei Harry, der trotz strömenden Regens - und einer Besucherin - zu Stephan ins Auto steigt, um mit diesem den Fall zu besprechen.
Das Ende verblüfft den Zuseher doch ein wenig, auch wenn er geglaubt hat, bereits zu wissen, was Schubach im Schilde führt.
Fazit: Ein ungewöhnliches Dreiecksverhältnis, das von Theodor Grädler mit dem ihm eigenen Ernst inszeniert wird. Einschmeichelnde Bilder mit großer Aussagekraft hallen noch lange nach, auch wenn die Bildqualität nur durchschnittlich ist und die Geschichte wie durch einen Nebelschleier "milchig" daherkommt.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

08.04.2012 15:12
#332 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Ein unheimliches Haus" (Folge 56)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Eva Kotthaus, Wolfgang Büttner, Lisa Kreuzer, Paul Hoffmann, Nora Minor, Ute Willing, Sascha Hehn, Alf Marholm u.a. - Regie: Alfred Vohrer

Der Arzt Dr. Beck wird in eine Ferienpension gerufen. Die Besitzerin winde sich in Krämpfen, wird ihm mitgeteilt. Als er eintrifft, kann er nur mehr den Tod der alten Dame feststellen. Der Geruch nach bitteren Mandeln erregt seinen Verdacht und er ruft die Kriminalpolizei, die ihm bestätigt, dass Frau Ambach an einer Blausäurevergiftung gestorben ist. Wer profitiert vom Tod der wohlhabenden Frau? Was führen die Pensionsgäste im Schilde?

Die Stimmung im abgelegenen Haus am See erinnert an den Besitz "Abendfrieden", der ebenfalls von vermögenden Senioren bewohnt wird; unheimlich wirkt das Anwesen nicht. Kantige Figuren bevölkern die Szene, wobei der Giftmord und die betont gelassene Vorgangsweise von Oberinspektor Derrick an die klassischen Fälle einer Agatha Christie erinnern. Rekonstruktion des Tatablaufs, Einzelverhöre und die Suche nach Augenzeugen füllen die Zeit aus und betonen den bühnenhaften Charakter der Inszenierung von Alfred Vohrer, der sich keinerlei Späße erlaubt. Seriös und überaus elegant tritt Derrick nach Feierabend ab und überlässt das Feld seinem Kollegen Klein, der sich als Beschützer und Überwacher zugleich am Mordschauplatz umsehen soll. Herr Sobak, der von Wolfgang Büttner ("Das Rätsel der roten Orchidee") mit messerscharfer Ironie gezeichnet wird, schießt jede Menge Giftpfeile in Richtung seiner Mitbewohner ab und biedert sich mit seinem Fachwissen bei der Polizei an. Jede Szene mit ihm bereitet dem Zuseher Freude, versteht er es doch, seine bösen Bemerkungen analytisch anzuwenden. Wie in einem spannenden Kriminalschmöker obliegt ihm die Aufgabe, der Polizei Charakterbilder seiner Mitmenschen zu liefern und mit seinen Kommentaren überall anzuecken.
Die Leitung des Ferienheims, Frau Schlör und ihre Angestellte Annie, kämpft schwach gegen die aufbegehrenden Gäste an und scheint die Souveränität schon teilweise abgegeben zu haben. So ist von Anfang an klar, dass säumige Mieter wie Herr und Frau Kamenoff nur durch Erpressung weiterhin geduldet werden. Hier setzt Derrick an und durchbricht das Schweigen. Unnötigerweise verliert sich Vohrer im Finale im Melodrama, dem sein jugendlicher Held Sascha Hehn nicht gewachsen ist. Zu aufgesetzt wirkt nicht nur die Feuerwaffe, sondern auch das Ende.
Fazit: Eine starke Folge mit hohem Gemütlichkeitsfaktor, der ein schlüssigeres Tatmotiv bzw. ein raffinierterer Täter mehr Tiefgang verliehen hätte.

Blap Offline




Beiträge: 1.128

09.04.2012 22:20
#333 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 8 (Folgen 106-120)

Folge 119 - Gangster haben andere Spielregeln (Deutschland 1984)

Naiv, gierig, tot

Roland Lieboth (Jan Niklas) arbeitet als studentische Aushilfskraft in einem Forschungslabor. Eines Tages gabelt Dr. Blunk (Klaus-Jürgen Wussow) den jungen Mann auf, man kennt sich aus dem Labor, Blunk war dort vor einiger Zeit ebenfalls beschäftigt, schon damals wurde die Einrichtung von Professor Balthaus (Hans Korte) geleitet. Lieboth sieht sich mit einem ungewöhnlichen Angebot konfrontiert, gegen gute Bezahlung soll er Unterlagen aus dem Privatanwesen des Professors entwenden, die Papiere anschliessend an einen Burschen namens Bools (Günther Ungeheuer) übergeben. Zunächst läuft alles nach Plan, professionelle Einbrecher haben das Haus für den Studenten vorbereitet, die Eheleute Balthaus sind unterwegs. Nach kurzer Suche findet der Eindringling die Unterlagen, doch plötzlich steht ihm Ruth Balthaus (Evelyn Opela) gegenüber, die Gattin des Professors ertappt den Dieb auf frischer Tat. Wenige Stunden später bekommt Maria Tobler (Sissy Höfferer) Besuch von Derrick und Klein, ihr Lebensgefährte Roland Lieboth wurde erschossen in einer Tiefgarage aufgefunden. Maria Tobler berichtet von mehreren Anrufen ihres Freundes, in denen er sich für seine Verspätung entschuldigte und von einem interessanten Angebot berichtete...

Jan Niklas mag für die Rolle des Studenten bereits zu alt sein, er spielt den von Geldgier und erstaunlicher Naivität angetriebenen Charakter dennoch überzeugend. Klaus-Jürgen Wussow gefällt mir als alkoholabhängiger Fiesling ausserordentlich gut, vor allem Bösewichte und abgründige Gestalten stehen im bestens zu Gesicht. Hans Korte und Evelyn Opela stolpern durch das Trümmerfeld ihrer Ehe. Hier der unscheinbare und dickliche Korte, in der Rolle des elitären Forschers mit ausgeprägtem Hang zu Arroganz und Kaltherzigkeit, dort die strahlend schöne Evelyn Opela, vom ihrem Gatten gedemütigt und nicht ernst genommen. Gegenseitiges Unverständnis führt auf gefährliche Pfade, plötzlich steht viel mehr als eine Ehe auf dem Spiel. Neben Evelyn Opela mutet die gewohnt solide aufspielende Sissy Höfferer unscheinbar an, Günther Ungeheuer stellt einen skrupellosen Kriminellen dar, er wird seinem knuffigen Nachnamen gerecht. Udo Thomer taucht mal wieder in einer kleinen Rolle auf, Willy "Sklave Berger" Schäfer darf die niederen Tätigkeiten wie z. B. Beschattung übernehmen. Horst Tappert und Fritz Wepper beschränken sich weitgehend auf seriöse Ermittlungsarbeit, das gute Drehbuch benötigt keine Rettungsanker aus Popanz und Kalauern (fast ein wenig schade).

"Gangster haben andere Spielregeln" zieht weitere Kreise als zunächst vermutet. Das Mordopfer gerät durch eigene Dummheit zwischen mächtige Mühlsteine, die anderen beteiligten Charaktere und ihre Beziehungen zueinander sind weitaus interessanter. Besonders Evelyn Opela hat mich fasziniert, dies gilt für ihre Rolle und ihre Attraktivität. Opela heiratete 1986 den Produzenten Helmut Ringelmann (Derrick, Der Alte, Siska etc.), der Mann hatte offenbar Geschmack. Alfred Vohrer lässt die Wildsau erneut im Käfig, mit der Seriösität der späten Arbeiten des leider 1986 verstorbenen Regisseurs habe ich mich inzwischen abgefunden. Lediglich das Finale wirkt ein wenig schludrig aus dem Ärmel geschüttelt, was mich freilich mehr erfreut als ärgert. Grosses Lob für die Musik von Frank Duval! Nicht immer trifft der Komponist und Musiker in seinen zahlreichen Beiträgen zur Reihe den richtigen Ton. In diesem Fall verlässt sich Duval zwar auf Klischees, diese scheinbare Mutlosigkeit erweist sich jedoch als perfekte Wahl, in meinen Ohren eine seiner besten Arbeiten, absolut treffsicher, punktgenau, extrem stimmungsvoll! Nun neigt sich bereits die achte Derrick-Box dem Ende zu, lediglich Folge 120 - Das seltsame Leben des Herrn Richter wartet noch auf die Sichtung. Klar, die nächste Box steht längst im Regal, ist doch Ehrensache.

7,5/10 (gut bis sehr gut)

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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

15.04.2012 13:48
#334 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Die Puppe" (Folge 57)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Werner Schulenberg, Siegfried Wischnewski, Alwy Becker, Karl Walter Diess, Eva Brumby, Claudia Butenuth, Angela Hillebrecht, Erland Erlandsen, Emely Reuer u.a. - Regie: Theodor Grädler

Als das Hausmädchen von Einkäufen zurückkehrt, findet sie Frau Gerdes tot in ihrem Schlafzimmer vor. Die vermögende Frau war offenbar von einem Einbrecher oder dem letzten Besucher, der ihr einen Blumenstrauß mitgebracht hat, ermordet worden. Kurze Zeit später wird Adi Dong, der in einem Friseursalon Damen der Gesellschaft manikürt, als potenzieller Verdächtiger ausfindig gemacht. Er hat jedoch ein Alibi. Ebenso der Ehemann, der nichts vom Verhältnis seiner Frau zu dem jungen Mann gewusst haben will. Wer ist dieser Kavalier, der offen zugibt, seine Kundinnen zu verehren und nähere Kontakte mit ihnen zu pflegen? Kommt er für den Mord in Frage?

Oberinspektor Derrick ermittelt diesmal von seinem Büro aus, da er sich im winterlichen München das Bein gebrochen hat. Deshalb darf Harry die Ermittlungen aufnehmen und sich den jungen Mann ansehen, der an seinem Arbeitsplatz so große Wertschätzung genießt. Werner Schulenberg, über den keine biografischen Daten zu finden sind und der selbst im Forum des "Derrick"-Fanclubs als unbeschriebenes Blatt gehandelt wird, ist durch Auftreten und Sprache für die Rolle des unkonventionellen Angestellten eines Schönheitssalons prädestiniert, spielte er doch bereits in "Tod eines Fans" einen Mann, der sich um die Pflege und Auswahl von Kostümen kümmert. Er reizt seine "männlichen" Gegenspieler anscheinend bis aufs Blut - selbst den vornehmen Oberinspektor.
Durch das Gipsbein in seinem Bewegungsdrang eingeschränkt, knurrt Derrick sein Gegenüber an und fixiert ihn ungewöhnlich scharf. Für romantische Schmonzetten fehlt ihm der Sinn, weshalb er gleich auf den Punkt zusteuert, der auch die Phantasie des Publikums beschäftigt: Hat er oder hat er nicht (mit seinen Kundinnen geschlafen)? Doch auch in diesem Punkt erweist sich der Tatverdächtige als diskret und unerschütterlich, ohne seine sanfte Ausstrahlung nur für einen Moment zu verlieren. Wieder einmal ist das Mordmotiv in der Kluft zu finden, die sich zwischen Sein und Schein auftut; den seelischen Abgründen, in denen die Polizei gerne herumstochert. Auf der einen Seite die wohlgeordnete Welt der reichen Ehefrauen, denen in Kriminalfilmen gerne die Existenzberechtigung abgesprochen wird (siehe: "Im Schatten des Zweifels", Regie: Alfred Hitchcock), die aber ein nicht zu unterschätzender (Geld)Motor sind, der die Wirtschaft durch ihre Konsumfreude am Laufen hält. Für wen wird dieser Aufwand eigentlich betrieben? Doch nicht für die Ehemänner, die sich entweder nur auf ihre Geschäfte konzentrieren oder ihre Freizeit schon lange außer Haus verbringen. In erster Linie ist es wohl Geltungssucht, Selbstachtung und Beschäftigungszwang, der einhergeht mit dem Wunsch, etwas darzustellen und andere von ihrem Wert zu überzeugen. Wenn dann der Faktor Romantik in Form eines etwas schüchtern wirkenden Jünglings dazukommt, werden Vorsichtsregeln und angeborenes Misstrauen über Bord geworfen. Alwy Becker (geb. 1937), die über eine abgeschlossene Ballettausbildung verfügt und als freischaffende Schauspielerin des öfteren an Bühnen in ganz Europa zu sehen war, porträtiert hier eine sympathische Frau mit Stil, deren Fältchen um Augen und Mund von der Kamera zwar betont werden, gleichzeitig aber auch ihr fröhliches Naturell unterstreichen und zeigen, dass hier eine Frau sitzt, die im Gegensatz zu Ad(albert) Dong (keinesfalls Adolf!), mit dem Leben gekämpft, gerungen und es kritisch hinterfragt hat. Auch Emely Reuer, die zwei Jahre später starb, hinterlässt den Eindruck einer Frau, die sich über die unerwarteten Aufmerksamkeiten freut. Wer ist in dieser Folge eigentlich Opfer, wer Täter? Die Auflösung der Episode entlarvt beide Seiten als Objekte, die ausgenutzt werden; hier die Frauen, die vom Täter wegen ihrer "Entgleisungen" erpresst werden, dort der ahnungslose Mann, der von seinem väterlichen Freund für dessen Zwecke eingespannt wird und durch seine Naivität und den Glauben an das Gute im Menschen bitter enttäuscht wird. Der Titel dieser "Derrick"-Folge erschließt sich dem Zuseher nicht sofort, da der unvoreingenommene Betrachter einen Menschen niemals als "Puppe" bezeichnen würde, weder Mann noch Frau. Da Adi Dong selbständig agiert, also nicht an den Fäden seines Vorgesetzten hängt, könnte man allenfalls das geschlechtsneutrale Gesicht des Hauptdarstellers mit einer klassischen Puppe für Kleinkinder assoziieren.
Wie des öfteren bei "Derrick" der Fall, spinnt man die Geschichte nach dem Abspann weiter. Im Gefängnis wird Adi Dong mit jenen Männern in Kontakt kommen, die als Gegenpol zu seinem kultivierten Auftreten und Gebahren Angst in sein Leben bringen werden: Berufsverbrechern, Ganoven aus dem Milieu und Süchtigen. Ich prophezeie schon jetzt, dass er diese Zeit nicht unbeschadet überstehen wird.

Blap Offline




Beiträge: 1.128

15.04.2012 13:53
#335 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 8 (Folgen 106-120)

Folge 120 - Das seltsame Leben des Herrn Richter (Deutschland 1984)

Das schöne neue Leben

Martin Richter (Klaus Behrendt) sitzt die nackt Angst im Nacken. Panisch sucht er die Kneipe seiner Bekannten Berta Haginger (Christa Berndl) auf, versteckt sich kurzzeitig in deren im gleichen Gebäude gelegenen Wohnung. Der Gehetzte setzt seine Flucht fort, in einem Park trifft er auf seinen telefonisch verständigten Sohn Manfred (Edwin Noël). Die letzten Meter führen Martin Richter über eine Brücke, sein Sprößling wartet auf der anderen Seite des Kanals, doch nun schlagen die Häscher zu, strecken ihre Beute mit mehreren Schüssen nieder. Manfred hört die peitschenden Schüsse, als er seinen Vater findet ist dieser bereits tot. Wer trachtet einem unscheinbaren Versicherungsmitarbeiter nach dem Leben? Berta Haginger berichtet Derrick und Klein von einem merkwürdigen Besucher (Peter Bertram), der ihre Gaststätte angeblich für eine Feier mieten wollte und die Räume genau unter die Lupe nahm, sogar darauf bestand einen Blick in die Küche zu werfen. Weitere Ermittlungen führen schnell erstaunliche Begebenheiten ans Tageslicht, offenbar führte das Mordopfer seit ungefähr einem halben Jahr unerkannt ein Doppelleben, hatte sich mit gefährlichen Kriminellen eingelassen...

Klaus Behrendt trumpfte bereits mehrfach in der Reihe auf, in "Der Spitzel" (49) glänzte er als schleimiger Zuträger. In "Am Abgrund" (80) taumelte er als alkoholkrankes Wracks durch die Kulissen, während "Via Genua" (99) zeigte er sich als geldgieriger Spiessbürger. Erneut liefert Behrendt eine erstklassige Vorstellung ab, zwar ist er diesmal lediglich in der frühen Phase der Folge zu sehen, diese dominiert er mit seiner hektischen Präsenz jedoch unangefochten. Edwin Noël darf einen modernen Lehrer und erstaunten Sohn geben, der nicht durch den gewaltsamen Tod seines Vaters geschockt wird, er muss sich zu allem Überfluss mit dem ihm bisher völlig unbekannten Doppelleben des Erzeugers auseinandersetzen. Erstaunen auch auf der anderen Seite des Doppellebens, Christa Berndl gewinnt mühelos die Symphatie des Zuschauers, eine Kneipenwirtin mit Herz und Verstand. Klaus Höhne spielt einen Freund aus dem neuen Umfeld des Opfers, für meinen Geschmack mutet seine Darbierung hier und da eine Spur zu theatralisch an, wirklichen Anlass zur Kritik bietet sie allerdings nicht. Peter Bertram gefällt mir als eiskalter Ganove sehr gut, für die hübsche Mijou Kovacs bleibt leider wenig Raum.

"Das seltsame Leben des Herrn Richter" lebt zunächst von Klaus Behrendts toller Leistung, die folgende Aufdeckung seines Doppellebens leidet unter der auf eine Stunde beschränkten Spielzeit der TV-Serie. Klar, die Stoff funktioniert auch in diesem Format, doch vor allem das letzte halbe Lebensjahr des Opfers hätte vermutlich jede Menge interessante Einblicke geboten. Weniger in reisserischer Hinsicht, sondern mit Blick auf die schauspielerischen Möglichkeiten von Klaus Behrendt. Darsteller und Drehbuch begegnen dem überschaubaren Zeitfenster mit gelegentlichen Übersteigerungen, in den meisten Momenten auf gelungene Art. Schemenhaftes trifft auf Eindringliches, Derrick und Klein beschränken sich auf seriöse Polizeiarbeit, bleiben deutlich blasser (fast austauschbar) als üblich, für Popanz und/oder Griffigkeit war hier schlicht kein Platz, schade. Theodor Grädler inszeniert nach dem Ableben der namensgebenden Episodenfigur unaufgeregt, ergo kommt das Finale mit kurzer Boots-/Hubschrauberverfolgung fast wie ein Fremdkörper daher, aus meiner Sicht ein willkommener Fremdkörper. Max Greger Jr. steuerte die Musik bei, eine Abwechslung zu den Arbeiten von Frank Duval, solides Handwerk ohne Höhepunkte. Nach dem packenden Auftakt bietet "Das seltsame Leben des Herrn Richter" routinierte Krimikost, ein ordentlicher Abschluss für die achte Box.

7/10 (gut)



Meine Lieblinge aus dem Kreis der Folgen 106-120:

• Folge 107 - Die Schrecken der Nacht (Zbyněk Brynych)
• Folge 108 - Dr. Römer und der Mann des Jahres (Theodor Grädler)
• Folge 114 - Keine schöne Fahrt nach Rom (Alfred Weidenmann)
• Folge 115 - Ein Spiel mit dem Tod (Theodor Grädler)
• Folge 119 - Gangster haben andere Spielregeln (Alfred Vohrer)

Folge 107 zählt für mich zu den bisher stärksten Beiträgen überhaupt, danach haut uns Folge 108 herrlich irre Momente um die Ohren.

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Vom Ursprung her verdorben

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

15.04.2012 19:43
#336 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Tandem" (Folge 58)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Stefan Behrens, Elisabeth Wiedemann, Raimund Harmstorf, Dirk Galuba, Karl Maria Schley, Dirk Dautzenberg, Ulrich Beiger u.a. - Regie: Zbynek Brynych

Ewald Bienert hat sich beim Billardspielen vertrödelt und ruft deshalb seine Frau an. Während er mit ihr spricht, wird sie anscheinend überfallen und die Verbindung bricht ab. Daraufhin verlässt der Mann seine Stammkneipe und eilt nach Hause. Es ist zu spät. Seine Frau ist erschossen worden. Durch ihren Tod wird er ein vermögender Mann. Als Derrick herausfindet, dass Bienert zehn Jahre wegen Totschlags im Gefängnis saß und zugibt, seine Frau nur wegen ihres Geldes geheiratet zu haben, wird er hellhörig....

Zbynek Brynych verzichtet in dieser Folge auf seine üblichen Späße und konzentriert sich dafür auf sein Ensemble, das sich redlich ins Zeug legt, um den Charakteren Tiefe zu verleihen. Selbst Raimund Harmstorf, der in "Zeichen der Gewalt" noch polternd daherkommt, schlägt leise Töne an und jagt mit seiner Lebensbeichte nicht nur seiner Ehefrau Schauer über den Rücken. Selten hörte man einen ehemaligen Häftling so offen über die Gefängniszeit reden. Er beschönigt nichts, noch zeigt er Bitterkeit aufgrund der langen gesellschaftlichen Isolation. Anders sein Kollege Behrens, der Derrick frech herausfordert - jeden Augenblick wartet man darauf, dass der Oberinspektor den Tatverdächtigen am Schlafittchen packt. In einer hübschen Nebenrolle als Gefängnisdirektor sehen wir einen gealterten Ulrich Beiger, der ein wenig seiner Boshaftigkeit eingebüsst hat, dessen Lächeln dafür offener und nicht so listig wie zu Wallace-Zeiten wirkt.
Bald schon ahnt nicht nur Derrick, dass hier zwei Morde über Kreuz ausgeführt werden sollen und sich - siehe Patricia Highsmiths "Der Fremde im Zug" - Schwierigkeiten bei der Durchführung des zweiten Mordes ergeben. Elisabeth Wiedemann kämpft tapfer. Zunächst gegen den aufkeimenden Zweifel, dann um ein Geständnis und zuletzt mit ihrem Mann um ihrer beider Leben. Harmstorf erhält eine zweite Chance; nicht nur vom Leben, sondern vor allem von seiner Frau, die es gut mit ihm meint und die seine Offenheit anerkennt. Durch dezenten Musikeinsatz und eine kluge Ausleuchtung der Innenszenen wird eine angespannte Atmosphäre geschaffen, die den Zuseher zunächst in seinem Verdacht bestätigt, ihn dann jedoch wieder überrascht. Wer sich jedoch auf die Mordmethode konzentriert, kann den Täter relativ schnell entlarven. Diese Vorgangsweise hat mich schon des öfteren auf die richtige Spur gebracht.
Eine interessante Geschichte, nicht neu, aber schonungslos offen inszeniert. Klassisch auch die empörte Zurückweisung des 32-jährigen Mannes, der eine zwölf Jahre ältere Frau als Zumutung empfindet. Mittlerweile kann man über diese Engstirnigkeit nur mehr schmunzeln. Und den Frauen ein recht langes Leben wünschen....

Gubanov ( gelöscht )
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18.04.2012 18:11
#337 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Der L-Faktor

Episode 53 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Herbert Mensching (Professor Waldhoff), Gisela Peltzer (Agnes Waldhoff), Katja Rupé (Dr. Irmgard Minz), Matthieu Carriere (Heinz Bruhn), Wolfgang Müller (Michael Bruhn), Amadeus August (Dr. Klemm), Willy Schäfer (Berger) u.a. Erstsendung: 5. Januar 1979, ZDF.

Zitat von Derrick: Der L-Faktor
In dem Labor von Professor Waldhoff brodeln nicht nur chemische Substanzen vor sich hin. Auch der Leiter der Forschungsanstalt hegt Gefühle für die effektive, streb- und arbeitsame Mitarbeiterin Irmgard Minz – obwohl er eine Ehefrau zu Hause hat. Es trifft sich gut, dass diese eines Tages ermordet im Wohnzimmer liegt – auch wenn sich bei den sich anschließenden Ermittlungen herausstellt, dass die beiden Eheleute kaum mehr ein gemeinsames Leben führten.


Unterlegt mit einer der markanteren Kompositionen des im Allgemeinen doch sehr wattig und sanft klingenden Frank Duval, wickelt sich in „Der L-Faktor“ eine der sanfteren Herbert-Reinecker-Geschichten ab. Während man noch in „Abitur“ mehrere Schwerpunkte erkennen konnte, geht die Handlung in „Der L-Faktor“ geradlinig und emotionsorientiert, faktisch nicht allzu ausgeklügelt voran. Trotzdem verbindet sie zwei in sich absolut unterschiedliche Welten: die des Labors, also des kalten wissenschaftlichen Strebens, und die der Ehefrau, die sich nach familiärer Wärme sehnt und deshalb keine Seitensprungaffäre sucht, wie sie für Eifersuchtsgeschichten üblich ist, sondern einen Ersatzsohn, um ihre Mutterinstinkte zu befriedigen.

Wolfgang Müller ist in diesem Part sehr überzeugend. Man sieht seinem Spiel den vor allen Dingen kindlichen Charakter des vorbestraften jungen Mannes an, der sich in eher unterdurchschnittlicher Intelligenz und schwarzweißer Vertrauensseligkeit, aber auch in Liebenswürdigkeit und einem völligen Fehlen böshafter Bedrohung äußert. Zwei weitere nennenswerte Auftritte kommen von Herbert Mensching – in seiner Entschlossenheit einmal gegen das übliche Klischee besetzt und endlich kein typischer Verlierer – sowie Matthieu Carriere. Carriere spielt sich im Grunde genommen selbst: einen rechthaberischen, jeden von seiner Sicht der Dinge zu überzeugen suchenden Großsprecher – kämpferisch, angriffslustig und nicht den schmalen Grat bemerkend, der zwischen Engagement und Verbohrtheit steht. So kennt man ihn auch privat, wie er Anfang 2011 unfreiwillig in einer übel beleumundeten Privatfernsehsendung offenbarte.

Die letzte Meldung betrifft das Stammpersonal. Horst Tappert sagte einmal freimütig über Derrick:

Zitat von Inge Treichel: Derrick wäre gern mal wieder Ganove, Nordwest-Zeitung Oldenburg, 22. Mai 1993
„Er hat keinen Unterleib und keine Bedürfnisse außer einem Glas Wasser.“


Entsprechend amüsant fällt eine Szene aus, in der ausgerechnet er es ist, der Dr. „Katja Rupé“ Minz über die soft skills in der Ehe belehren muss: „Könnte sie vielleicht etwas vermisst haben? Das, was zu einer normalen Ehe gehört“, manövriert er sich um ein Wort mit drei Buchstaben herum, „das ganz Übliche? Das ganz Einfache, das ganz Bedeutungslose?“ Immer weiter steigt mein Respekt für Reineckers Synonym-Kenntnisse – und erreicht eine vorläufige Spitzenposition angesichts der herrlich verquasteten Umschreibung „Alles, was eben verbunden ist mit menschlicher Wärme“. Tappert ist in seiner Seriösität genau der richtige Mann für diese Runde „Tabu“.

Man merkt, dass die Serie langsam, aber sicher ausgereift ist und sich in einer Hochphase befindet, in der es einfach „läuft“. Derrick bekommt einen guten Fall nach dem anderen und trotz (oder aber wegen) immer weniger abwechslungsreichen Crew-Verpflichtungen entstehen nach und nach ausgefeiltere, solidere Episoden. „Der L-Faktor“ ist kein Pracht-„Derrick“, aber immerhin unterbricht er mit 4 von 5 Punkten diese Erfolgsstrecke auch nicht ansatzweise.

Blap Offline




Beiträge: 1.128

21.04.2012 23:29
#338 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 9 (Folgen 121-135)

Folge 121 - Der Klassenbeste (Deutschland 1984)

Was vom Apotheker übrig blieb

Nach einem Klassentreffen setzt sich Dr. Wolfgang Anders (Ralf Schermuly) unter Alkoholeinfluss ans Steuer, auf der Heimfahrt nach München gabelt der Apotheker die beiden Anhalterinnen Uschi (Helga Anders) und Grit (Anne Bennent) auf. Auf einer dunklen Nebenstrecke kommt es zu einem fürchterlichen Unfall, der unachtsame Anders überfährt einen auf der Strasse stehenden Mann. Das Trio ist vom Tod des Überfahrenen überzeugt, Anders und seine Mitwisserinnen begehen Unfallflucht. Die jungen Frauen nutzen ihre Chance, sie quartieren sich in der luxuriösen Wohnung des offensichtlich wohlhabenden Herrn ein. Uschi weist den Apotheker auf die verdächtigen Unfallschäden hin, sie stellt über ihren Bekannten Willi Anholt (Volker Eckstein) den Kontakt zu Hugo Lossmann (Til Erwig) her, wenig später sind verräterischen Spuren am PKW professionell beseitigt. Derweil haben sich Derrick und Klein in die Ermittlungen eingeklinkt, das Opfer war ein befreundeter Kollge, die Witwe (Ilse Neubauer) bittet den Oberinspektor verzweifelt um Hilfe. Für Dr. Anders wird die Luft zunehmend dünner, die lästigen Anhalterinnen verlassen seine Wohnung nicht, seine Verlobte Dita Mahler (Claudia Butenuth) darf nichts erfahren, Lossmann tritt mit gierigen Forderungen an ihn heran...

Ralf Schermuly taumelt in sein Verderben, unter Druck offenbart sich der tatsächliche Charakter des angesehenen Bürgers und Apothekers Dr. Anders. Die eigene Schuld wird zur Seite geschoben, für jegliche Schweinerei lässt sich eine Rechtfertigung finden. Vielleicht wurde der Apotheker überzeichnet, fraglos gelingt Schermuly eine gelungen ekelhafte Darstellung. Helga Anders gehört bekanntlich zu meinen Lieblingen, unvergessen die grandiose Folge "Kaffee mit Beate" (46). Anders kommt wieder in einer typischen Rolle daher, macht uns die verdorbene Göre unter der naiven Tarnkappe. Sonst eher in tragischen und verstörten Rollen zu sehen, mutet der Auftritt von Anne Bennent erfrischend an, obschon Grit ihrer Freundin Uschi meist das Ruder überlässt. Volker Eckstein steht der schleimige Widerling prächtig, Til Erwig treibt seine kriminellen Machenschaften konsequent voran. Dieter Eppler überlässt seinen Kollegen Tappert und Wepper gern das Feld, Ilse Neubauer darf kurzzeitig Trauer verbreiten, Claudia Butenuth wundert sich über ihren Verlobten.

Zunächst führt der Episodentitel "Der Klassenbeste" den Zuschauer auf eine falsche Fährte. Man gewährt uns einen Blick auf das Treffen der ehemaligen Abiturklasse, die alten Schulkameraden überschütten ihren Primus mit Lob, aus jeder Zeile quillt Eifersucht und Neid hervor. Als ich mich gerade auf einen Mord eingestellt hatte, dessen Motiv in der länger zurückliegenden Vergangenheit zu suchen ist, nimmt die Folge mit dem Unfall und der anschliessenden Flucht einen völlig anderen Kurs auf, geschickt gelöst. Der Apotheker bleibt stets im Mittelpunkt der Ereignisse, verstrickt sich immer tiefer in einen Sumpf aus düsteren Machenschaften, schreckt letztlich vor keiner Schweinerei zurück. Theodor Grädler streut ein paar überdrehte Momente ein, gewährt Helga Anders und Anne Bennent Möglichkeiten sich von ihrer erotischen Seite zu präsentieren (Bennent wirkt auf mich allerdings keinesfalls erotisierend, passt nicht in mein primitives Beuteschema. Das tut nichts zur Sache, doch ich musste es loswerden). Übrigens stellt sich sehr früh heraus -daher keine Spoilergefahr- dass das Unfallopfer keinesfalls sofort tot war, die Flüchtenden liessen also einen Schwerverletzten im Strassengraben liegen. Dem Hauptcharakter mag dies einen kleinen Stich versetzen, es bringt ihn aber nicht vom eingeschlagenen Weg ab. Unfallflucht, Erpressung, Drogen und schlimmere Taten, hier glüht das StGB vor Zorn, passenderweise ertönt "Lucifer" von The Alan Parsons Project über dem Abspann. Box 9 startet mit einer unterhaltsamen Folge, Ralf Schermuly glänzt, Helga Anders sowieso.

7/10 (gut)

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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

22.04.2012 20:11
#339 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Lena" (Folge 59)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Ursula Lingen, Rolf Becker, Beatrice Norden, Romuald Pekny, Heike Goosmann, Paul Muller, Rudolf Schündler, Maria Singer, Thomas Braut, Joachim Wichmann u.a. - Regie: Theodor Grädler

Bei der Scheidung des Ehepaares Horn wurde vereinbart, dass die gemeinsame Tochter bei der Mutter bleiben soll und der Vater sie einmal im Monat für einen Tag zu sich nehmen kann. Mit dieser Regelung ist Herr Horn jedoch nicht einverstanden. Immer wieder steht er vor der Schule und will das Mädchen abholen.
Eines Tages kommt es auf der Straße zu Handgreiflichkeiten. Wolfgang Horn schlägt seine Frau und bedroht sie. Am Nachmittag des selben Tages bestellt Frau Horn ihren Ex-Mann zu sich, um mit ihm in Anwesenheit ihres Rechtsanwalts eine Einigung zu erzielen. Als Herr Horn zur vereinbarten Zeit ins Haus kommt, liegt seine Frau erwürgt auf dem Boden. Die einzige Zeugin ist Lena, die taubstumme Schwester der Ermordeten. Auf ihre Aussage kommt es nun an.....

Die Thematik der Scheidungskinder ist nicht neu, wird hier aber als angeblicher Auslöser eines Mordes ins Spiel gebracht. Das buchstäbliche Ringen um die Tochter lässt beide Elternteile egoistisch und unerbittlich erscheinen und betont einmal mehr, dass es nicht primär um das Wohl des Kindes, sondern um Rechthaben, persönliche Kränkung und Demütigung des Partners geht. Der Zankapfel Kind bindet Paare aneinander, die sich eigentlich längst nichts mehr zu sagen haben und die durch den Nachwuchs auf Gedeih und Verderb weiterhin miteinander verbunden sind - auch wenn alle Beteiligten dadurch Schaden nehmen.
Diese Konstellation ebnet den Weg für dauerhafte Unsicherheit, Angst und Unbehagen. Der Tod von Frau Horn gibt der Geschichte jedoch eine neue Wendung und weist auf eine Person hin, die bisher ein Schatten-Dasein geführt hat: Schwägerin Lena, deren Unfähigkeit, mit ihren Mitmenschen verbal kommunizieren zu können, ihr das Recht auf ein eigenes Leben abgesprochen hat. Erst ihre Beobachtung am Mordnachmittag rückt sie in den Mittelpunkt, ihr wird Aufmerksamkeit geschenkt und zum ersten Mal scheint sie wirklich ernst genommen zu werden. Derrick, der sachliche Kriminalist, vermutet nicht zu Unrecht, dass hier mit Hoffnungen und Träumen eines Menschen gespielt wird und überlegt, wie er dem Ehemann eine Falle stellen kann. Wiederum wird Lena unterschätzt und der Wert ihrer Aussage erweist sich erst in den letzten Minuten der Folge als Schlüssel zum Täter. Ursula Lingen gelingt es sehr gut, sich in die schwierige Situation ihrer Filmfigur einzufühlen, wobei sich das Publikum natürlich mit ihr freut, wenn ihre Arbeit Erfolg hat oder sie zum ersten Mal seit Jahren zum Abendessen ausgeführt wird. Dennoch: Zu einfach macht sich das Drehbuch die Begründung für die Tat, zu leichtfertig stempelt man eine schreiende Frau als willkommenes Mordopfer ab. Zu sicher fühlt sich der Täter, zu sorglos ist er selbst nach der Erkenntnis, dass er gesehen worden ist. In zwei Nebenrollen sehen wir Paul Muller und Maria Singer, die es jeweils mit Wolfgang Horn gutmeinen, aber zur Aufklärung der Tat nichts beitragen können. Interessanter ist hier die Besetzung des Anwalts mit Romuald Pekny, dessen Erscheinung Ruhe ins Szenario bringt und der gleichzeitig wichtige Hinweise geben kann. Derrick ist in dieser Episode als Zweifler zu sehen, als Mann, der dem neuen häuslichen Frieden nicht traut und der sich ärgert, dass er nicht schneller zugreifen kann.

Blap Offline




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29.04.2012 13:11
#340 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 9 (Folgen 121-135)

Folge 122 - Stellen Sie sich vor, man hat Doktor Prestel erschossen (Deutschland 1984)

Tödliche Liebe/Tödlicher Hass

Seit einem Unfall leidet Alexander Kolberg (Armin Müller-Stahl) unter einer schweren Gehbehinderung. Gattin Dora (Ursula Lingen) hat sich einen Liebhaber angelacht, am Abend soll sie der Rechtsanwalt Dr. Gerhard Prestel (Peer Augustinski) auf ein Empfang der feinen Gesellschaft begleiten. Zuvor sucht Kolberg das Gespräch mit dem lästigen Revierwilderer, mit seiner vordergründig souveränen Art verunsichtert und beeindruckt er den unliebsamen Kontrahenten. Stunden später wird Prestel auf dem Weg in die Tiefgarage seines Hauses erschossen, verstirb hinter dem Steuer seines Fahrzeugs. Dora Kolberg ist geschockt, sie bringt ihren Ehemann sofort mit der Tat in Verbindung, weist die Ermittler Derrick und Klein ausdrücklich auf ihren Verdacht hin. Alexander Kolberg verbrachte einen gemütlichen Abend mit der Haushälterin Frau Wilmers (Jutta Kammann) und deren Nichte Lisbeth (Verena Peter), sein Fahrer Herr Soskind (Klaus Herm) hatte sich längst in den Feierabend verabschiedet, Kolberg kann aufgrund seiner körperlichen Einschränkung kein Auto bewegen. Trotz dieser Fakten ist Dora Kolberg von der Täterschaft ihres Ehegatten überzeugt, Derrick fühlt dem Verleger auf den Zahn...

Armin Müller-Stahl steht im Zentrum dieser Folge. Die Rolle des verbitterten und zielstrebigen, verzweifelt Liebenden bietet jedem halbwegs fähigen Schauspieler eine prächtige Bühne, Müller-Stahl agiert erwartungsgemäß überzeugend. Peer Augustinski hat trotz Opferrolle zumindest in den ersten zwanzig Minuten Raum zur Entfaltung, auf den ersten Blick ein kerniger Rechtsanwalt, auf den zweiten Blick ein kleines Würstchen, eine Figur die vortrefflich zu Augustinskis Erscheinung passt. Ursula Lingen zeigt uns eine Ehefrau, die sich offenbar bereits sehr weit von ihrem Mann entfernt hat, ihrem Liebhaber weitaus stärker zugeneigt war. Lingen prallt mit bedrückender Kälte auf den verzweifelt kämpfenden Müller-Stahl, grosses Drama. Jutta Kammann ergreift eindeutig Partei, tpyisches Haushälterinnen-Klischee, gut gespielt. Verena Peter darf sich auf brav-harmlose (etwas langweilige) Art um die Gunst des Arbeitgebers ihrer Tante bemühen, der gewohnt unscheinbare Klaus Herm mutet wie die Idealbesetzung für den Part des treuen Fahrers an. In kleinen Rollen tauchen vertraute Gesichter auf, z. B. Hans Quest und die damals noch unbekannte Christine Neubauer.

Starkes Ensemble trifft auf mittelprächtiges Drehbuch. Viel gibt der Kriminalfall tatsächlich nicht her, der flotte Auftakt im Gerichtsgebäude (Augustinski und Tappert liefern sich einen herrlichen Schlagabtausch, hektischer Anwalt trifft auf tiefenentspannten Kriminalbeamten) bildet einen deutlichen Konstrast zu den weiteren Ereignissen, bietet darüber hinaus die Grundlage für die folgende "Schrumpfkur" des Rechtsverdrehers. Vom engagierten Anwalt bleibt ein Muttersöhnchen ohne Arsch in der Hose, unter den treffsicheren Wortpeitschen des gehörnten Ehemanns knickt er wie ein Stäbchen ein, Luftpumpe, Dünnbretbohrer. Drängt das Drehbuch den Zuschauer dazu dem Opfer mit Antipathie zu begegnen? Ehebrecher in den Sarg? So weit würde ich nicht gehen, doch zumindest bewirkt Herbert Reinecker ein gewisses Verständnis für den Täter, wohlwollend betrachtet mahnt er zu mehr Aufmerksamtkeit für die Befindlichkeiten des Partners. Der von Müller-Stahl dargebotene Verleger rührt den Betrachter an, die sektenartige Verehrung durch seine Mitarbeiter mag vielleicht eine Spur zu dick aufgetragen sein. Das Finale klatscht dem Fall zusätzlich den fetten Tragödienstempel auf, hier hätte ich mir ein wenig mehr Mut gewünscht, eventuell eine überraschende Demaskierung. Während Horst Tappert zumindest immer wieder kleine Glanzpunkte setzen kann/darf, bleibt für Fritz Wepper nur wenig Raum, so unscheinbar und uninteressant war Harry nur selten. Zbyněk Brynych gehört zu meinem bevorzugten Regisseuren innerhalb der Reihe, aus dem durchschnittlichen Drehbuch holt er nahezu das Maximum heraus, eine Prise "Siebziger-Popanz" wäre aus meiner Sicht reizvoll.

6,5/10 (oberste Mittelklasse)

***

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Percy Lister Offline



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29.04.2012 13:31
#341 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Besuch aus New York" (Folge 60)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Leonie Thelen, Thomas Astan, Bruno W. Pantel, Volker Eckstein, Grete Zimmer, Brad Harris, Til Erwig, Wolfgang Köpke u.a. - Regie: Helmuth Ashley

Die Tanzlehrerin Anna Born wird nach Arbeitsende von ihrem Freund mit dem Motorrad abgeholt. Zur gleichen Zeit erkundigen sich zwei Männer bei ihrem Vermieter nach ihrem Verbleib; der eine ist ein Rechtsanwalt, der andere gibt sich nicht zu erkennen. Ein Wagen folgt dem Motorrad mit mörderischen Absichten und bringt es nach einer wilden Jagd durch München tatsächlich zu Fall. Holger Schenk stirbt, Anna trägt nur einige Prellungen davon. Am nächsten Morgen erfährt sie, dass ihr ein nach Amerika ausgewanderter Onkel mehrere Millionen vererbt hat, allerdings stammt das Geld aus illegalen Wettgeschäften und die New Yorker Familie des Onkels will sich das Geld um jeden Preis unter den Nagel reißen....

Leonie Thelen gibt eine angenehme Vorstellung als bodenständige Frau ohne Allüren. Die Aussicht auf ein großes Vermögen macht sie weder hippelig, noch hysterisch oder übermütig. Sie sorgt sich in erster Linie um die Sicherheit ihres Umfeldes und die Herkunft des Geldes. Pragmatisch sieht sie den Folgen des Mordanschlags entgegen und ändert nicht das Geringste an ihrem Tagesablauf - mit oder ohne Millionen. Fritz Wepper als Harry Klein wird immer dann gebraucht, wenn eine junge Frau von Unbekannten bedroht wird und so steht er auch diesmal an Annas Seite, während Derrick an seinem Zigarillo zieht und finstere Kommentare über die Zunft der Privatdetektive abgibt. Und fast ist man geneigt "Volker Eckstein, die Vierte!" auszurufen. Der missmutig dreinblickende junge Mann betätigte sich schon dreimal als Löscher des Lebenslichts und ist auch diesmal an einer dunklen Tat beteiligt - wenn auch nur durch seine Billigung. Umso energischer tritt Thomas Astan für das Gute ein und wird dabei mehrmals unsanft angefasst. Derrick scheint in dieser Episode ohnehin ein tiefer liegender Groll zu plagen; umso herzhafter sein Zugriff auf den Gangster am Ende der Folge. Die amerikanische Komponente bestätigt die Klischeevorstellungen, die der einfache Münchner über die Bürger der Vereinigten Staaten hat. Brad Harris betritt die Halle des Hotels, als stecke ein Colt in seinem Gürtel.
Fazit: Die Grundstory ist solide, aber irgendwie springt der Funke nicht über, weder beim Tanz, noch in der trostlosen Jammeratmosphäre der arbeitslosen Familie Megassa.

Percy Lister Offline



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29.04.2012 14:08
#342 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Rangliste "Derrick"-Collection 4:

Platz 01 (Folge 46): Kaffee mit Beate - 5 Punkte
Platz 02 (Folge 48): Lissas Vater - 5 Punkte
Platz 03 (Folge 52): Abitur - 5 Punkte
Platz 04 (Folge 57): Die Puppe - 5 Punkte
Platz 05 (Folge 55): Schubachs Rückkehr - 5 Punkte
Platz 06 (Folge 58): Tandem - 5 Punkte
Platz 07 (Folge 50): Die verlorenen Sekunden - 4,5 Punkte
Platz 08 (Folge 56): Ein unheimliches Haus - 4,5 Punkte
Platz 09 (Folge 53): Der L-Faktor - 4 Punkte
Platz 10 (Folge 54): Anschlag auf Bruno - 4 Punkte
Platz 11 (Folge 59): Lena - 4 Punkte
Platz 12 (Folge 51): Ute und Manuela - 3,5 Punkte
Platz 13 (Folge 47): Solo für Margarete - 3,5 Punkte
Platz 14 (Folge 60): Besuch aus New York - 3,5 Punkte
Platz 15 (Folge 49): Der Spitzel - 2,5 Punkte

Gubanov ( gelöscht )
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29.04.2012 14:14
#343 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Das nenne ich eine großzügige Bewertung. Natürlich muss man anmerken, dass Collector's Box 4 eine solche auch voll verdient hat. Der erste Platz ist keine Überraschung, aber gerade die Einschätzung der Folgen 55, 57 und 58 macht mich sehr gespannt auf die Folgen, die für mich noch ausstehen.


Edith merkt noch an: Da die Ranglisten immer besonders interessant für den schnellen Überblick sind, könntest du vielleicht deine Punktwertung zu Box 1 noch nachträglich in eine solche Rangfolge umarbeiten?

Blap Offline




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01.05.2012 23:39
#344 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 9 (Folgen 121-135)

Folge 123 - Der Mann aus Antibes (Deutschland 1985)

Höllentrip

Todesschreie gellen durch den nächtlichen Münchener Hofgarten! Besucher einer Veranstaltung finden die Leiche einer jungen Frau im Pavillion der Parkanlage, der Täter entkommt jedoch unerkannt. Die Identität des Opfers ist schnell geklärt, die Todesursache ebenso, Irene Maurer (Irina Wanka) wurde durch einen Stich ins Herz getötet. Derrick sucht zunächst die Eltern Maurer auf, die kränkliche Mutter ist nicht vernehmbar, der Vater (Edwin Marian) berichtet vom labilen Zustand seiner Tochter. In den letzten Monaten lebte Irene -laut Angaben ihres Vaters- bei einem gewissen Herrn Limbach (Sky Dumont). Besagter Limbach gibt sich betont kühl, Irene lebe schon seit einiger Zeit nicht mehr in seiner Wohnung, man habe sich getrennt. Ermittlungen führen dunkle Flecken in der Vergangenheit Limbachs zum Vorschein, der Besitzer eines Reisebüros geniesst offenbar nicht den besten Ruf und zeigt sich wenig zugänglich. Kurze Zeit später trifft der ehemalige Lebensgefährte der Getöteten in München ein, Bondeck (Christian Kohlund) lernte Irina einst in Afrika kennen, sie wurde ihm von Limbach ausgespannt. Momentan liegt Bondecks Segelboot in Antibes, per Flugzeug eilt er aus Frankreich herbei. Für Bondeck ist der Fall längst geklärt, nur Limbach kommt für ihn als Täter in Betracht. Er präsentiert Derrick Briefe von Irene, Briefe die Limbach anklagen. Weitere Erkenntnisse belasten den Hauptverdächtigen schwer, der Reisekaufmann kann kein Alibi für den Zeitpunkt der Bluttat vorweisen...

Sky Dumont hält als außerordentlich unsympathischer Bursche her. Schon fast eine Spur zu aufdringlich drängt das Drehbuch den Zuschauer in eine bestimme Richtung, befremdliche Vorstrafen kommen zur Sprache, Limbach verhält sich mit grosser Ausdauer wie ein Kotzbrocken, sogar der sonst so souveräne Derrick macht kaum einen Hehl aus seiner Verachtung (was zu herrlichen Dialogen führt), nach und nach schrumpft Schlange Limbach zur Blindschleiche. Christian Kohlund wird als Gegenpol ins Spiel gebracht, der knuffige Frauenversteher mit Herz, ein romantischer Typ. Dumont und Kohlund prallen unter der Moderation Tapperts aufeinander, letztlich kann niemand den Oberinspektor täuschen, klare Sache. "Der Mann aus Antibes" baut grösstenteils auf das Trio Horst Tappert, Sky Dumont und Christian Kohlund, für Fritz "Harry" Wepper bleibt kaum Raum, gleiches gilt für die übrigen Mitwirkenden. Edwin Marian irrt unter Schock durch die Kulissen, Henry Stolow macht uns den Nebenekel, die hübsche Irina Wanka hat nur wenige Momente.

Was bleibt neben Tappert, Dumont und Kohlund? Die Wohnung des Schweinebratens Limbach, für mich der vierte Star der Folge! Ein geschmacklos-schöner Miniaturtempel der Gelüste, diese Bleibe würde sich gut in einem Giallo machen (selbstverständlich auch in dieser Derrick-Folge). Ab in die Zeitmaschine, Edwige Fenech im Gepäck und im Schatten der blauen Tapete eindringliche Leibesübungen vollführen (Gnade, meine Wahnvorstellungen haben Besitz von mir ergriffen). Regisseur Jürgen Goslar kann sich auf seine Schauspieler verlassen, setzt die charaktervollen Gesichter in perfekter Dosierung ein. Die Lösung wird der aufmerksame Zuschauer erahnen, ein wenig holprig konstruiert, dennoch gelungen. Sehr schön Eberhard Schoeners Musik, die hier eine deutliche Nähe zu Tangerine Dream aufweist. Damit kann ich meine Ausführungen beschliessen, der Derrick-Fan wird mit dieser Folge zufrieden sein, trotz des zur Nebenfigur degradierten Harry.

7/10 (gut)

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Vom Ursprung her verdorben

Percy Lister Offline



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13.05.2012 13:55
#345 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Ein Kongress in Berlin" (Folge 61)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Will Quadflieg, Judy Winter, Bernd Herzsprung, Angela Salloker, Claudia Demarmels, Thomas Braut, Ullrich Haupt, Karl Walter Diess, Wolfried Lier, Evelyn Palek, Dirk Galuba u.a. - Regie: Helmuth Ashley

Bei einem nächtlichen Einbruch in das pharmakologische Labor von Professor Braun-Gorres wird der Wachmann getötet. Allerdings wurde der Forschungsbericht, auf den es der Dieb abgesehen hatte, nicht - wie zunächst angenommen - entwendet. Kurz darauf geschieht in Berlin ein Mord, der mit dem Tötungsdelikt in München zusammenhängt. Für das Forschungsteam und Oberinspektor Derrick heißt es deshalb: Auf nach Berlin!

Beginnt die Folge durchaus spannend, was - an sich schon ein Anachronismus - gerade dem sonst stets für Magendrücken sorgenden Wolfried Lier zuzuschreiben ist, flacht die Faszination, die in den ersten Minuten zu spüren ist, bald ab. Der Kameraschwenk nach Berlin, das mit einem besoffenen Ullrich Haupt, einem schlanken Busfahrer Rainer Hunold und einer neutralen Claudia Demarmels aufwartet, deutet wie in "Mord im TEE 91" auf internationale Spionage und finstere Hintermänner, was die Episode irgendwie ausgelutscht erscheinen lässt. Auch das Forschungstrio wirkt bei weitem nicht so überzeugend wie jenes in "Der L-Faktor" (Folge 53). Bernd Herzsprung sehe ich nicht als wissenschaftlichen Angestellten, da helfen auch seriöse Brille und heller Anzug wenig. Er wirkt zwar weitaus sympathischer als der grimmige Will Quadflieg, der als Liebhaber von Judy Winter gänzlich ungeeignet erscheint, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Figuren hölzern und statisch wirken. Einzig die Gift versprühende Angela Salloker, die immer für eine Intrige gut ist, begleitet die Handlung mit Sarkasmus. Die lockeren Berliner, denen sich Derrick in dieser Episode optisch anpasst, schicken mit Thomas Braut und Rolf Bogus zwei Routine-Ermittler ins Rennen, die gut in ihr Umfeld passen. Die Handlung springt von einem Verdachtsträger zum nächsten, so kann Karl Walter Diess wieder einmal seine Abgebrühtheit zeigen; Dirk Galuba das Messer zücken und Will Quadflieg sein Gewicht in die Waagschale werfen. So sehr es mich immer freut, die Weltstadt Berlin zu sehen, wo man an jeder Ecke Geschichte atmet (schon der Anblick der U-Bahn-Station "Deutsche Oper" sorgte bei mir für Entzücken), so froh ist man, dass Derrick für die nächste Folge wieder nach Bayern zurückkehrt. Zuviele Köche verderben den Brei. Und das Ende an der Berliner Mauer wirkt theatralisch und wie der verzweifelte Versuch, dem dahinsiechenden Patienten eine stärkende Bluttransfusion zu verpassen.

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