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 Film- und Fernsehklassiker national
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DanielL Offline




Beiträge: 4.142

23.05.2012 16:20
#361 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Vorschlag: Würde man den jeweiligen Folgentitel im Betreff des Beitrags bereits angeben, könnte man über die Threaded-Ansicht bequem zur gesuchten Folge springen!

Gruß,
Daniel

Georg Offline




Beiträge: 3.228

23.05.2012 16:23
#362 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Das ist eine gute Idee, die auch für andere viele Folgen umfassende Serie gelten sollte. Der Serientitel sollte aber unbedingt mit im Betreff genannt werden.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

26.05.2012 15:45
#363 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

@DanielL: Theoretisch eine ganz sinnvolle Idee, praktisch halte ich davon aber eher wenig. Die Erfahrung hat gezeigt, dass hier niemand wirklich konsequent auf die korrekte Benennung der Betreffzeilen achtet. Am Ende würde es auf ein großes Kuddelmuddel mit lauter falsch zugeordneten Besprechungen hinauslaufen. Da ist die Benutzung der Suchfunktion doch deutlich einfacher. Außerdem erfasst die Threaded-Ansicht bei großer Zahl von Antworten gar nicht mehr alle Beiträge.



Derrick: Hanna, liebe Hanna

Episode 66 der TV-Kriminalserie, BRD 1980. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Ute Christensen (Magda Klein), Herbert Fleischmann (Ernst Windorf), Christine Wodetzky (Hanna Windorf), Jürgen Goslar (Ewald Balke), Volker Eckstein (Hugo Gresko), Rudolf Wessely (Bächler), Gaby Herbst (Elisa), Rolf Castell (Inspektionsleiter) u.a. Erstsendung: 4. Januar 1980, ZDF.

Zitat von Derrick: Hanna, liebe Hanna
Ihr Vater holt Magda Klein nicht vom Bahnhof ab. Im Hotel erfährt sie, dass er seit dem Vorabend verschwunden ist. Herr Klein war von Kassel nach München gefahren, um dort von seiner geschiedenen Frau Geld zur Abzahlung seiner Schulden zu leihen. Just diese Frau, die erneut verheiratete Hanna Windorf, steht nun im Fokus der polizeilichen Ermittlungen, denn das Auftauchen ihrer Tochter macht sie sehr nervös.


Ausgesprochen selten kommt es vor, dass in einem Film oder einer Serienfolge zwei Personen, die nicht miteinander verwandt sind, denselben Namen tragen. Es schade, so die allgemein vertretene These, der Übersichtlichkeit und Verständlichkeit, wenn ein Harry Klein plötzlich auf einen Herrn Klein aus Kassel träfe. Reinecker, dennoch voller Bestimmtheit, den Charakter so zu nennen, umging jegliche Schwierigkeiten, indem er Herrn Klein nur als Leiche präsentierte – es ist übrigens direkt wieder einmal eine Erleichterung, eine solche zu sehen: Derrick wird also doch nicht bald arbeitslos. Wobei man ihm anmerkt, dass er nach den Erfahrungen aus „Ein Todesengel“ und „Karo As“ nun schon so versessen auf neue Arbeit ist, dass er sich sogar eines Vermisstenfalls annimmt. Seine Nase trügt ihn ja auch nicht.

Konventionell ging Grädler bei der Umsetzung ans Werk: Während man Anspielungen auf die Psyche der Frau Windorf nur sehr dezent, ja beinahe distanziert erhält, konzentriert sich der Plot weniger auf ihren nicht uninteressanten Charakter als vielmehr auf den relativ gewöhnlichen Krimianteil der Geschichte. In diesen stolpert die junge Magda unbedarft hinein. Nachdem sie über Jahre nur eine Seite des Beziehungsendes ihrer Eltern aufgetischt bekommen hat, tritt sie ihrer Mutter nach über zehn Jahren Abwesenheit nach wie vor mit der Naivität einer Zehnjährigen entgegen. Zorn hat sich in ihr aufgeladen, der zu allem anderen als einer klaren Sicht auf die Dinge führt, sie aber instinktiv vor weiteren Ränkespielen bewahrt. Das hilft ihr auch bei anderen Personen, die Magda ihre Unterstützung anbieten. Sie trifft immer die richtige Entscheidung: dem Pensionswirt zu vertrauen, dem Pensionsgast hingegen nicht (kein Wunder, wahrscheinlich hatte sie die letzten „Derrick“-Folgen schon im ZDF gesehen und wusste, was von Volker Eckstein zu erwarten ist).

Da wären wir bei der Besetzung: Christine Wodetzky hat es generell an sich, ihre Figuren unterkühlt und keinesfalls überzeichnet anzulegen. Sie behält diese Tradition hier bei, was allerdings ein wenig den wichtigen Blick auf ihre Hanna Windorf verbaut. Umso offensichtlicher gestrickt ist der Part, der Herbert Fleischmann zufällt. Für gewöhnlich ist dieser auf Lüstlinge, Simpelmänner oder böse Patriarchen abonniert; in „Hanna, liebe Hanna“ hat er dagegen durch und durch gute Absichten. Es ist angenehm, ihn einmal fürsorglich und liebenswert und damit die üblichen Klischees eines Schwiegervaters durchbrechen zu sehen. Zu Eckstein muss wohl kein Wort verloren werden, auch Goslar hatte schon mehrfach mitgespielt und übernahm nicht zum ersten Mal den düsteren Mann mit Vergangenheit.

Der erste „Derrick“ der Achtziger regt nicht zu Jubelstürmen an, zeichnet aber auf der anderen Seite auch kein Schreckensbild, das manche mit der Serie in diesem Jahrzehnt verbinden. Während der Anfang mit den sterilen, unbequemen und dunklen Hotelaufnahmen nicht ansprechend ausfällt (vielleicht liegt es auch am vergilbten DVD-Transfer), bessert sich die Lage, sobald die Windorfs ins Visier der Kripo rücken. 3,5 von 5 Punkten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

27.05.2012 15:11
#364 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Derrick - Ein Todesengel" (Folge 64)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Sabine von Maydell, Christian Quadflieg, Thomas Fritsch, Johanna Elbauer, Brigitte Mira, Dirk Dautzenberg, Michael Maien u.a. - Regie: Alfred Vohrer

Der Anzeigenvertreter Arthur Tobbe sitzt in seiner Stammkneipe und spielt mit zwei Freunden Skat, als er bemerkt, dass eine junge Frau ihn ununterbrochen mit Blicken fixiert. Er lädt sie zu sich nach Hause ein, doch während sie sich noch auf der Straße unterhalten, wird er aus einem wartenden Auto heraus angeschossen. Da die junge Frau sich vom Tatort entfernt, vermutet nicht nur der ermittelnde Harry Klein, dass Tobbe in eine Falle gelockt wurde. Überraschenderweise besucht ihn die Frau einige Tage darauf in seiner Wohnung....

Die Geschichte mit dem Lockvogel gestaltet sich insofern als schwierig, da man es mit keinem Sympathieträger zu tun bekommt. Ob Tobbe nun tot oder lebendig ist - wen kümmert's? Christian Quadflieg zieht alle Register, um seinem Image als schleimiger, selbstgefälliger Schönling gerecht zu werden. In fataler Selbstüberschätzung währt er sich zu keinem Zeitpunkt in Gefahr, was wohl beweisen soll, dass "ein echter Mann" keine Angst kennt. In krassem Widerspruch dazu stehen die Tatsachen, dass sich Tobbe nur mäßig beruflich betätigt und immer noch unter der Fuchtel seiner Eltern steht. Brigitte Mira und Dirk Dautzenberg geben sich reichlich Mühe, spießbürgerliche Moralvorstellungen aus finsteren Zeiten zu vertreten, wirken jedoch wie ein Durchschlag eines bereits reichlich benutzten Kohlepapiers. Einzig bei der trockenen Feststellung der Mutter, dass sie nicht überrascht sei, dass man auf ihren Sohn geschossen hat, klopft sich der geneigte Zuseher auf die Schenkel (O-Ton: Blap).
Schade, dass das bayerische Urgestein Paula Braend, die uns u.a. in der Serie "Funkstreife Isar 12" mit übler Nachrede und geiferndem Zorn erfreut, hier nur eine marginale Rolle erhält. Selbst Stephan Derrick bleibt anfangs nur eine Randfigur. Da es sich nicht um Mord, sondern nur um einen missglückten Anschlag handelt, eilt Harry allein zum Tatort. "Ich les' nicht nur in der Bibel", kontert er frech, als ihm Model Anita Glomm von ihren Fotoaufträgen für Lifestyle-Magazine erzählt.
Die Hintergründe der Tat lassen den "Kommissar"-erprobten Zuschauer freilich nicht im Unklaren, obwohl -das sollte man vermutlich berücksichtigen- Episode 82 "Traumbilder" für lange Zeit gesperrt war. Sabine von Maydell hat dort eine ähnliche Rolle inne und die Umstände gleichen sich in frappierender Weise. Wenn die ergraute Johanna Elbauer einen hysterischen Ausbruch erleidet, ist man momentan darauf gefasst, sie werde "The band! The speckled band!" rufen und wünschte, der kühle Sherlock Holmes würde sie zur Räson bringen. Leider stehen Derrick und Klein nur mitleidig daneben und scheinen zu vergessen, dass die junge Frau -die doch angeblich so harmonisch verlobt ist- den LSD-Trip auf eigenes Risiko unternommen hat, obwohl man in jedem Lexikon lesen kann, dass das Rauschgift zu "schizophrenieähnlichen psychotischen Zuständen mit optischen und akustischen Halluzinationen" führt. Endstation Sehnsucht? Wohl kaum. Die psychiatrische Klinik, die diesmal leider ohne Harry Meyen auskommen muss, bietet den letzten Hafen für exaltierte Persönlichkeiten jeder Art.
Alfred Vohrer stellt von Maydell ins Zentrum seiner Geschichte, leistet sich jedoch im Finale einen Ausrutscher, den man ihm nicht hoch genug ankreiden kann. So einen Schmalz erwartet man sich unter seiner Regie nicht - entfernt sich die Kamera deshalb in luftige Höhen?
Fazit: War "Traumbilder" ein vakuumverpackter Höhepunkt in der "Kommissar"-Spätphase, so stellt "Ein Todesengel" den bisherigen Tiefpunkt der "Derrick"-Serie dar.

Mark Paxton Offline




Beiträge: 347

27.05.2012 16:53
#365 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Percy Lister im Beitrag #364
... so stellt "Ein Todesengel" den bisherigen Tiefpunkt der "Derrick"-Serie dar.

Na na na, das ist wohl leicht übertrieben. So schlecht wie die Folge hier besprochen wird, ist es sie ja wohl wirklich nicht. Außerdem beinhaltet sie eines der Reineckerschen Standardthemen, die so oder in ähnlicher Form noch in vielen anderen Folgen wiederholt werden.

Giacco Offline



Beiträge: 2.322

27.05.2012 18:38
#366 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Das mit dem "Tiefpunkt" find ich auch übertrieben.
Allein die tolle Musik von Frank Duval ist schon mal ein dicker Pluspunkt.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

27.05.2012 20:30
#367 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Ich achte immer sehr auf die Musik, finde aber selbst diese in "Ein Todesengel" weitaus weniger einprägsam als andere Stücke, die in der Serie bisher Verwendung fanden. Zudem stellt die Folge in meinen Augen den bisherigen Tiefpunkt dar - ich bin mir sicher, dass - bei dem Umfang der Reihe ganz natürlich - noch weitere folgen werden.

Umso mehr freut man sich auf die Perlen der Serie.

Blap Offline




Beiträge: 1.128

28.05.2012 10:32
#368 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 9 (Folgen 121-135)

Folge 124 - Gregs Trompete (Deutschland 1985)

Ekkehardt Belle - Ein Männlein für alle (fast) Fälle

Der Musikstudent Joachim Lutze (Ekkehardt Belle) fährt gemütlich mit seinem alten Bully durch die Nacht. Auf der Landstrasse hat sich ein Unfall mit mehreren Fahrzeugen ereignet, sofort hält der hilfsbereite Student an, transportiert eine verletzte junge Frau (Jeanette Mühlmann) ins nächste Krankenhaus. In der Klinik bittet ihn das Unfallopfer um einen weiteren Gefallen, der junge Mann soll eine Sporttasche an einen gewissen Herrn Berkhahn (Karl Renar) übergeben. Lutze macht sich umgehend auf den Weg, Berkhahn nimmt die Tasche an sich, wirkt allerdings äussert verstört. Cornelia (Carolin Ohrner) erwartet ihren Freund Joachim bereits ungeduldig, sie berichtet ihm von einem merkwürdigen Anruf. Plötzlich geht dem Nachwuchsmusikus ein Licht auf! Die von ihm ins Krankenhaus gefahrere Frau ist die Sängerin Sussanne Loon, welche gemeinsam mit dem Trompeter Norman Greg (Dieter Schidor) in einer Band spielte, zwei Schallplatten der Musiker stehen im Regal des Studenten. Joachim und Cornelia möchten Sussanne im Hospital besuchen, treffen dort allerdings auf Derrick und Klein. Die Kriminalbeamten ermitteln in einem Mordfall, die Sängerin wurde in der vergangenen Nacht in ihrem Krankenbett erstickt. Angetrieben von Neugier und Mitgefühl sucht das junge Paar die Band um Greg auf, den Hochschülern bietet sich ein erschreckender Anblick...

Ekkehardt Belle taucht immer wieder in der Reihe auf, mal als Luftikus, mal als kleiner Schmierlappen. Hier hat man (recht erfolgreich) versucht Belle als als Sympathieträger zu installieren, ein hilfsbereiter und mitfühlender Student, garniert mit einer Prise Naivität. Carolin Ohrner kommt als energischer Rückhalt daher, für Jeanette Mühlmann bleibt nur wenig Raum. Karl Renar gehört wie Ekkehardt Belle zu den "Stammgästen" der Reihe, seine Darbietung als zunehmend panischer Kleinkrimineller gefällt. Sieghardt Rupp agiert zuverlässig als aalglatter Obergauner, seine kantige (und dennoch schleimige) Erscheinung passt vortrefflich ins Bild. Dieter Schidor, Pierre Franckh und Wolfgang Müller geben die ehemals erfolgreichen Musiker, von Drogen zerfressen und bereits mit einem Bein in der Kiste. Schidor liegt als Häufchen Elend in der Ecke herum (gute Arbeit der Maske), Franckh bleibt für seine Verhältnisse unscheinbar, der biedere Müller bemüht sich nach Kräften gegen die eigene Unscheinbarkeit anzuspielen. Horst Tappert und Fritz Wepper gewohnt routiniert, Tappert einmal mehr mit "Väterlicher-Freund-Schlagseite".

Drogen, Drogenhandel und drogensüchtige Musiker. Die Musikerwracks mögen klischeehaft anmuten, doch die völlig unromantische Darstellung des tristen Sterbens talentierter Menschen berührt. Auf den ersten Blick kommt das Drehbuch nicht allzu kreativ daher, der finale Twist setzt jedoch ein dickes Ausrufezeichen (und wirft aus meiner Sicht Fragen hinsichtlich der Ermittlungstaktik auf). Ekkehardt Belle und Carolin Ohrner stehen zunächst im Mittelpunkt, verstricken sich tiefer und tiefer in die Ereignisse, werden aber irgendwann in den Hintergrund gedrängt. Vielleicht wäre eine konsequentere Marschrichtung angesagt gewesen, wozu baut man Charaktere im Rahmen der überschaubaren Spielzeit auf, wenn man diese dann letztlich doch im Sande verlaufen lässt? Die oft düster tönende Musik von Eberhard Schoener gefällt mir sehr gut, eine stimmungsvolle Abwechslung vom teils zu braven Gesäusel des Herrn Duval. Dank des überraschenden Endes bleibt "Gregs Trompete" in Erinnerung, rettet die Folge vor dem Sturz ins Unterhaus der Reihe.

6,5/10 (oberste Mittelklasse)

***

Vom Ursprung her verdorben

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

28.05.2012 15:06
#369 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Derrick - Karo As" (Folge 65)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Günther Maria Halmer, Joana Maria Gorvin, Klausjürgen Wussow, Katerina Jacob, Henry Gregor, Sepp Wäsche u.a. - Regie: Dietrich Haugk

Der Ehemann der vermögenden Agnes Demmler plant, der eingereichten Scheidung zuvorzukommen und seine Frau zu ermorden. Um ein Alibi zu haben, sucht er unter den Stadtstreichern und Süchtigen beim Monopteros im Englischen Garten nach einem Mann, der die Tat für ihn ausführen soll.
Jochen Karo, ein Alkoholiker, der sein Studium abgebrochen hat, willigt schließlich widerstrebend ein, auf die Frau zu schießen. Der Anschlag scheitert und Karo besucht Frau Demmler im Krankenhaus, wo er sich mit seinem Opfer anfreundet. Sehr zum Missfallen seines Auftraggebers......

Ein torkelnder Betrunkener an den Ufern der Isar: Was wie eine Szene aus einer "Kommissar"-Folge anmutet, entpuppt sich als Porträt eines Mannes am Rande der Gesellschaft, der durch ein Verbrechen geläutert wird und dessen Leben wieder einen Sinn erhält.
Den Gedankengängen von Klausjürgen Wussow kann man zwar folgen, sie jedoch nicht verstehen. Auf die Zuverlässigkeit eines Alkoholabhängigen zu vertrauen; auf eine ruhige Hand zu hoffen, obwohl der Mann bereits am Vormittag aufgrund Entzugserscheinungen zittert wie Espenlaub - soviel Blauäugigkeit passt nicht zu dem kühlen Rechner Wussow, dessen Entschlüsse ohne Rücksicht ausgeführt werden. Günther Maria Halmer überzeugt bei allen Schritten, die ihn vom legendären Suchttreffpunkt Monopteros über sein Badezimmer bis in die klinisch reine Atmosphäre eines Krankenhauses führen. In der liebenswürdigen Joana Maria Gorvin findet er eine Freundin, eine Vertraute, wobei der Zuseher bitter auf das Ende wartet, das unvermeidbar eintreten wird. Während sich Stephan Derrick über die Freundschaft zwischen dem Studenten und der Dame wundert, sinnt Herr Demmler bereits auf Vergeltung für die vertane Chance auf finanzielle Freiheit. Harry Klein muss fast daran glauben, als er einen letzten Fluchtversuch unternimmt. Es ist jedoch weniger die Verhaftung des Ehemanns, die das Publikum interessiert, sondern mehr das Schicksal von Jochen Karo. Eben freute man sich noch über seine Gesundung und die neue Aufgabe in der Bibliothek des Hauses, da wird er bereits abgeführt. Nun ist es Agnes Demmler, die ihn besuchen kommt. Trotz der Tränen, die Karo über die Wange laufen, bleibt die Stimmung zwar traurig, aber dem harten Realismus des Drehbuchs verpflichtet.
Man ahnt, dass der Häftling mit weiterer (moralischer) Unterstützung der guten Freundin rechnen kann; in einer seltenen Geste küsst ihr Derrick ehrerbietig die Hand.
Der Rest ist Schweigen.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

02.06.2012 13:07
#370 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Derrick - Hanna, liebe Hanna" (Folge 66)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Ute Christensen, Christine Wodetzky, Herbert Fleischmann, Volker Eckstein, Jürgen Goslar, Rudolf Wessely u.a. - Regie: Theodor Grädler

Magda Klein kommt nach München, um ihren Vater zu besuchen, der dort seit einigen Tagen weilt, um sich Geld zu besorgen. Er reiste mit der Absicht aus Kassel ab, seine geschiedene Frau Hanna, die mittlerweile mit einem vermögenden Geschäftsmann verheiratet ist, um eine größere Summe zu bitten.
Doch Herr Klein holt seine Tochter weder am Bahnhof ab, noch ist er in seinem Hotel. Magda ist verzweifelt, findet aber in Oberinspektor Derrick einen hilfsbereiten Vertrauten. Dieser ermutigt sie, ihre Mutter zu besuchen, die sie seit fast zehn Jahren nicht mehr gesehen hat....

München wirbt gern mit dem Slogan "Weltstadt mit Herz". Für die junge Magda Klein aus Kassel bewahrheitet sich dies in Gestalt von zwei Menschen, die ihr vorbehaltlos freundlich und gutgesinnt entgegen treten: Oberinspektor Stephan Derrick und Herr Windorf. Beide Männer stehen ihr von Anfang an mit Rat und Tat zur Seite und vermitteln ihr ein Gefühl von Zuverlässigkeit und Loyalität. Obwohl der Vermisstenfall nicht in sein Ressort fällt, nimmt sich Derrick der jungen Frau an und untersucht das Verschwinden von Herrn Klein ruhig und methodisch. Die "Belohnung" erfolgt in Form einer Leiche im Wald - Herr Klein wurde vergiftet und zwischen Föhren und Lärchen "entsorgt". Christine Wodetzky steht als undurchsichtige Mutter ein wenig abseits; nicht, weil sie zu wenig Szenen hätte, sondern weil ihr seltsames Verhalten im krassen Gegensatz zum offenen und - endlich einmal positiv besetzten Herbert Fleischmann steht. Wodetzky wurde mit dunklen, dramatischen Farben auf alt geschminkt, um die Mutterschaft glaubwürdig erscheinen zu lassen und verliert sich bei einem Essen mit ihrer Filmtochter in nebulösen Andeutungen. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass sie es ist, die Kim Novak in "Vertigo - Aus dem Reich der Toten" ihre Stimme leiht. Geheimnisvoll und sinnlich verstärkt sie durch die akustische Präsenz das Bild von Madeline Elster.
Der Schrecken aus der Nachbarschaft tritt dem misstrauischen Zuseher mit Volker Eckstein entgegen. Wenn er durchs nächtliche Stiegenhaus schleicht, gruselt sich selbst der hartgesottene Krimifreund. Dunkle Wolken ziehen mit dem Auftreten Jürgen Goslars auf, dem der Fabio-Testi-Bart ausgezeichnet zu Gesichte steht, dessen Rolle diesmal jedoch drehbuchgerecht blass bleibt. Im Mittelpunkt stehen Magda und ihre alten/neuen Eltern. Das Ende ist von einer liebenswerten Natürlichkeit und zeigt, dass Familienbande nicht primär auf genetischen Gemeinsamkeiten beruhen, sondern auf einer Verbindung der Herzen - um einmal den Ton dieser Episode aufzugreifen.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

02.06.2012 14:44
#371 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Derrick - Unstillbarer Hunger" (Folge 67)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Maria Wimmer, Peter Fricke, Diana Körner, Pierre Franckh, Wolfgang Wahl, Veit Relin, Sascha Hehn, Klaus Wildbolz, Helma Seitz u.a. - Regie: Helmuth Ashley

Helga Wichmann sitzt allein an der Bar und wartet auf einen Mann, der nicht kommt. Nach einer Weile verlässt sie das Lokal, um nach Hause zu gehen. Dort wird sie jedoch nie ankommen; ein Mann stößt sie auf die Straße, wo sie von einem herannahenden Auto überfahren wird. Sie ist sofort tot.
Eberhard Wichmann ist über den Tod seiner Frau nicht traurig, im Gegenteil: Erleichterung spricht aus all seinen Worten. Seine Mutter vermutet nicht zu Unrecht, dass das Motiv für den Tod ihrer Schwiegertochter im Verhalten ihres Sohnes aus erster Ehe zu finden ist....

Peter Fricke, der eben erst in Folge 63 zu sehen war, erhält hier erneut Gelegenheit, sein kriminelles Potential auszuspielen. Dabei fällt die Temperatur seiner Ausstrahlung mit jeder Rollenbesetzung. War er in "Der Kommissar" noch der leichtlebige Sonnyboy, der sein eigenes Vergnügen über das Wohl der anderen stellte, so entwickelte er sich unter dem Druck einer beruflichen Verpflichtung und gesellschaftlicher Erwartungen zum eiskalten Egomanen, der sich nicht mehr damit begnügt, andere zu foppen, sondern sie zu quälen. Die Frage nach dem Mörder konnte ich innerhalb weniger Minuten beantworten. Und wie schon in Folge 66 erweisen sich Familienbande hier als äußerst fragwürdig, wenn nicht gar lebensbedrohlich. Unterschiedliche Lebensanschauungen und Charaktere entwickeln sich in einer Zwangs- bzw. Notgemeinschaft zum Pulverfass, das jederzeit explodieren kann. Selbst Derrick und Klein wissen nicht recht, was sie vom Mordopfer und seinem Umgang halten sollen. In pathetischer Weise ergreift Maria Wimmer für Diana Körner Partei und steuert das Schiff dabei gefährlich nahe an den Klippen des Kitsches vorbei. Nicht weniger feierlich klingt Peter Fricke, wenn er die Unauflöslichkeit der Ehe proklamiert und dabei zeigt, wie menschenfeindlich Fundamentalisten denken und handeln - seien sie nun im Orient oder im Okzident zu Hause. Inmitten dieser Zwistigkeiten entspinnt sich eine Geschichte, in der Derrick und Klein vor allem Beobachter und Zuhörer sind.
Besonders Derricks Miene wirkt wie eingefroren. Helga Wichmanns Liebhaber erweisen sich als oberflächlich und wenig loyal. Wieder einmal hört man den berühmten (Männer)Satz, dass man(n) eben mitnimmt, was angeboten wird. Aber bitte mit Diskretion! Die Fragen der Kriminalpolizei bringen die Herren stets in Verlegenheit und man gähnt bei der Vorstellung von Wolfgang Wahl und Veit Relin als aufregende Liebhaber.
Diana Körner schafft es, trotz ihrer Suche nach Kontakten, unnahbar zu bleiben, was die Kamera noch einmal unterstreicht, indem sie sie durch Glas oder Wasserfontänen filmt oder sie mit leerem Blick und schüchternem Lächeln zeigt. Weshalb Helga und Eberhard geheiratet haben, wird wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

02.06.2012 15:06
#372 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Auf vielfachen Wunsch hier nun nachträglich die Rangliste der "Derrick"-Box Nummer Eins:

Platz 01 (Folge 09): Paddenberg - 5 Punkte
Platz 02 (Folge 07): Madeira - 5 Punkte
Platz 03 (Folge 03): Stiftungsfest - 5 Punkte
Platz 04 (Folge 01): Waldweg - 5 Punkte
Platz 05 (Folge 04): Mitternachtsbus - 5 Punkte
Platz 06 (Folge 05): Tod am Bahngleis - 5 Punkte
Platz 07 (Folge 06): Nur Aufregungen für Rohn - 5 Punkte
Platz 08 (Folge 12): Ein Koffer aus Salzburg - 5 Punkte
Platz 09 (Folge 02): Johanna - 4 Punkte
Platz 10 (Folge 13): Kamillas junger Freund - 4 Punkte
Platz 11 (Folge 14): Der Tag nach dem Mord - 4 Punkte
Platz 12 (Folge 08): Zeichen der Gewalt - 3 Punkte
Platz 13 (Folge 10): Hoffmanns Höllenfahrt - 3 Punkte
Platz 14 (Folge 15): Alarm auf Revier 12 - 3 Punkte
Platz 15 (Folge 11): Pfandhaus - 2 Punkte

Blap Offline




Beiträge: 1.128

02.06.2012 23:46
#373 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 9 (Folgen 121-135)

Folge 125 - Raskos Kinder (Deutschland 1985)

Dummheit, Naivität, Geldgier

Michael Rasko (Volker Eckstein) und seiner Schwester Anja (Anja Jaenicke) steht der Sinn nach Geld, viel Geld. Ihr Vater Albert (Peter Ehrlich) ist als Geldbote beschäftigt, regelmäßig transportiert er die Tageseinnahmen eines Supermarktes zum Nachttresor der nächsten Bank. Michael hat einen scheinbar cleveren und leicht durchführbaren Plan ausgeheckt, der Gauner Alwin Docker (Peter Kuiper) soll Albert Rasko überfallen, die reiche Beute will man später teilen. Momentan ist Albert Raskos Kollege erkrankt, der pflichtbewusste Mann erledigt den Job folglich ohne Begleitung. Docker startet den Überfall auf Rasko, doch der Geldbote lässt sich nicht überrumpeln, es kommt zum Kampf. In seiner Verzweiflung sticht der Räuber mit einem Messer zu, Albert Rasko überlebt die Attacke nicht, Docker entkommt unerkannt. Zunächst ahnen Michael und Anja nichts von dem katastrophalen Ausgang des Beutezugs. Derrick und Klein überbringen den Geschwistern die traurige Nachricht, der Oberinspektor wundert sich über kleine Merkwürdigkeiten. Viel Arbeit für die Mordkommission, das dynamische Duo muss sich wenig später mit einem weiteren Tötungsdelikt befassen, Alwin Docker wurde erschossen...

"Raskos Kinder" erfreut den Zuschauer mit einigen bekannten Gesichtern, Namen wie Peter Kuiper, Volker Eckstein und Lisa Kreuzer sprechen für sich. Volker Eckstein schaut (wie meist) neurotisch aus der Wäsche, Anja Jaenicke zeigt eine in Depressionen verfallende junge Frau. Getrieben von unfassbarer Dummheit bringen die Geschwister ihren Vater in eine lebensgefährliche Situation, aus ihrer Sicht scheint ein Raubüberfall ein Spaziergang ohne Risiken zu sein. Der Sohn geht sogar soweit seinem Vater die Munition aus der Schusswaffe zu entwenden (was letztlich nichts am Ausgang des Überfalls geändert hätte, allein der Gedanke an die Umtriebe der "lieben Kinder" ist zutiefst erschreckend). Das Drehbuch zeichnet Albert Rasko als Sympathieträger durch und durch, er sucht als besorgter Vater das Gespräch mit seinen Kindern, geniesst bei seinem Arbeitgeber einen absolut zuverlässigen Ruf. Umso härter trifft uns das tragische und völlig unnötige Ende des freundlichen Herrn, Autor Herbert Reinecker drückt die richtigen Knöpfe. Sicher leicht durchschaubar, fraglos effektiv, dazu passt Peter Ehrlich vortrefflich in diese Rolle. Die grösste Vorfreude löste Peter Kuiper bei mir aus, auf sein Konto gehen grandiose Vorstellungen innerhalb der Reihe! In "Tod am Bahngleis" (5) schleicht Kuiper als irrer Frauenmörder durch die Nacht, "Tod des Wucherers" (34) lässt ihn als cholerischen Kredithai von der Leine, in "Der Untermieter" (87) macht er als entlassener Strafgefangener seiner ehemaligen Frau das Leben zur Hölle. Wo Kuiper auftauchte brannte die Luft, interessanterweise ist der diesmal von ihm dargestellte Charakter vielschichtiger gestrickt. Zunächst kommt Kuipers Alwin Docker als abgebrühter Ganove daher, lässt gegenüber seinen "Auftraggebern" den kühlen Profi raushängen, herrscht seine Lebensgefährtin mehrfach an. Schnell bröckelt die Fassade, Docker ist völlig überfordert, Kuiper gelingt die Darstellung dieses rasanten Zerfalls sehr glaubwürdig. Lisa Kreuzer gehört wohl zu den häufigsten Gästen der Reihe, ihr Schauspiel ist ohne Fehl und Tadel, hin und wieder wurde sie allerdings nicht ideal besetzt (was nicht auf die hier vorgestellte Folge zutrifft). Kreuzer agiert zurückhaltend, füllt das Ensemble mit "solider Unscheinbarkeit" auf. Andreas Seyferth soll nicht ungenannt bleiben, das interessante Dreieck Kuiper, Kreuzer und Seyferth hätte gern mehr Raum erhalten dürfen, die auf eine knappe Stunde beschränkte Spielzeit gibt dies leider nicht her.

Ein Teil der Handlung spielt sich in einem Motel ab, Kuiper und Kreuzer betreiben den Schuppen, nebenbei sorgen dort abgewickelte Autoschiebereien für eine stimmungsvolles Umfeld. Der Stoff hat ganz klar genug Potential für einen abendfüllenden Spielfilm, allzu gern wäre ich noch tiefer in den Fall eingetaucht. Derrick und Klein geben den Gefühlen des Betrachters ein Gesicht, die Kriminalisten können kaum glauben mit welch ungesunder (tödlicher) Mischung aus Dummheit und Gier manche Zeitgenossen agieren. So beschliesst Tappert die Folge punktgenau mit den Worten "Dummheit, Naivität, Geldgier", mehr braucht es nicht zum allumfassenden Fazit. Regisseur Theodor Grädler hatte ein leichtes Spiel, gutes Drehbuch und tolle Schauspieler, Ausritte in Richtung Albernheit oder Krawall sind nicht nötig. "Raskos Kinder" schafft es zwar nicht auf Anhieb in meine Spitzengruppe, mit jedem Gedanken an die Folge wächst meine Zuneigung, nicht nur (aber auch) wegen Peter Kuipers Darbietung.

7/10 (vermutlich ein halbes Pünktchen mehr)

***

Vom Ursprung her verdorben

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

04.06.2012 20:01
#374 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Danke dir, @Percy Lister, für das Nachreichen der Rangliste.



Derrick: Unstillbarer Hunger

Episode 67 der TV-Kriminalserie, BRD 1980. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Maria Wimmer (Elisabeth Wichmann), Peter Fricke (Eberhard Wichmann), Diana Körner (Helga Wichmann), Pierre Franckh (Ralf Gebhardt), Wolfgang Wahl (Werner Hess), Sascha Hehn (Robert Berger), Helma Seitz (Frau Kehler), Klaus Wildbolz (Barbesitzer) u.a. Erstsendung: 25. Januar 1980, ZDF.

Zitat von Derrick: Unstillbarer Hunger
Nach einem Abend in ihrer Stammkneipe wird Helga Wichmann von einem Mann, den mehrere Zeugen nur ungenau beschreiben können, vor einen Wagen auf die Straße gestoßen. Sie ist sofort tot. Für Ehemann Eberhard ein Glücksfall. Er verabscheute die Eskapaden seiner Gemahlin, sah aber eine Scheidung als völlig inakzeptabel an. Nun darf er sich der Mordkommission erklären.


Wer hätte gedacht, dass Peter Fricke sich so überzeugend wandeln würde? Wie schon zu „Die Versuchung“ angemerkt, bestand seine Stärke als Akteur im Allgemeinen darin, sich sehr glaubhaft schwach stellen zu können. Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten und schon verurteilt sind, bevor sie ihre Tat überhaupt ausführen – das ist sein erprobtes Fach. In „Unstillbarer Hunger“ ist davon nichts zu sehen. Wichmann ist sarkastisch, eisern in seinen Grundsätzen, menschenverachtenden Grundsätzen. Ich applaudiere Blap für die Metapher der „(un)menschlichen Tiefkühltruhe“, die charakterisiert, wie fern von jeder Lebensrealität Eberhard Wichmann denkt und handelt. Er ist die prädestinierte Anti-Figur und dient Reinecker in Form einer Marionette zur Verdeutlichung, wozu Macht und fehlendes Gewissen einen Menschen führen können. „Wie gut, dass es Derrick gibt“, möchte man meinen. Schaut man sich das Ende jedoch genauer an, so erkennt man nicht nur die Verachtung des Oberinspektors gegenüber Wichmann, sondern zugleich seine Hilflosigkeit, weil zwar alles Unheil von dem von Fricke gespielten Familientyrann ausgeht, ihm zugleich aber keine direkte Schuld an einem Verbrechen nachgewiesen werden kann.

„Unstillbarer Hunger“ ist ein sehr smartes, wenngleich in seiner Auflösung nicht sonderlich überraschendes Familiendrama, das sich eindeutig auf die Seite der lebenslustigen, experimentierfreudigen Frauen schlägt. Diana Körner (im Übrigen wieder ein Beispiel dafür, dass ich „Schauspieler von früher“ oft bis zum Abspann nicht wiedererkenne) obliegt die traurige, richtiggehend tragische Opferrolle. Man fühlt sich durch Frickes abstoßende Übermacht einmal nicht von der Frau um Mitleid gebeten, was in solchen Fällen oft passieren kann, sondern nimmt ganz automatisch und ohne diese Regung zu hinterfragen Anteil an ihrem Schicksal. Helga Wichmann hatte sich in Affären einen Ausweg aus ihrer Lebenshölle gesucht, diesen aber auch mit fremden Männern nie wirklich gefunden. Derrick konstatiert trocken „Die Herren, die wir da kennengelernt haben, die waren ja wohl nicht so besonders“, maßregelt in derselben Szene allerdings Harry, „vorsichtig mit Meinungen über Menschen“ zu sein.

Harry, wenngleich er Helgas Lebenswandel nicht nachvollziehen kann, hat sich zumindest optisch einer Auffrischungskur unterzogen und offenbar wieder einmal einen Friseur besucht. Dasselbe gilt für Pierre Franckh, der diesmal – Premiere! – direkt manierlich aussieht, seine Unterwürfigkeit jedoch nicht ablegt: Kurz nach dem Mord brät er seinem Bruder Eier mit Speck (oder ein Steak, man weiß es nicht so genau). Den „unstillbaren Hunger“ sollte man damit aber nicht befriedigen können, egal ob damit der Hunger der Toten nach menschlicher Wärme oder der ihres Mannes nach Rang und Geltung gemeint ist.

Für Ashley-Verhältnisse ist „Unstillbarer Hunger“ sehr ergreifend und tiefgründig geworden. Man kann die Folge in der Tat als einen seiner bisher gelungensten Beiträge zur Serie bezeichnen. Ich verteile für sie 5 von 5 Punkten, weil ich zum ersten Mal in Box 5 das Gefühl habe, eine uneingeschränkt empfehlenswerte Episode gesehen zu haben.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

06.06.2012 12:55
#375 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Ein Lied aus Theben

Episode 68 der TV-Kriminalserie, BRD 1980. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Mijou Kovacs (Inge Bruckmann), Werner Schulenberg (Ulrich Hemp), Inge Birkmann (Irma Munch), Siegfried Wischnewski (Dr. Munch), Michael Boettge (Robert Munch), Maria Sebaldt (Frau Döbel), Eckhard Heise (Hans Machnow), Edith Schneider (Frau Machnow) u.a. Erstsendung: 7. März 1980, ZDF.

Zitat von Derrick: Ein Lied aus Theben
Tanzen ist ihr Leben. Die grazile Inge Bruckmann macht sich damit mehr Freunde, als ihr lieb ist. An einem Abend muss sie einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen ihrem Freund Hans und dem Nebenbuhler Ulrich Hemp beiwohnen. Hans wird wenige Stunden später erschlagen aufgefunden. Für Derrick ist die Sache klar – Ulrich wandert in Untersuchungshaft. Er muss aber schon bald wieder entlassen werden. Ulrich ist versessen darauf, Inge dies mitzuteilen.


Werner Schulenberg ist Adi Dong. Daran wird sich in näherer Zukunft wohl nichts in meiner Wahrnehmung ändern. Es passt mir also recht gut ins Konzept, dass er in „Ein Lied aus Theben“ erneut einen merkwürdigen Sonderling spielt, der jedoch dieses Mal nicht durch seine ausgesuchte Höflichkeit, sondern durch erpresserische Härte geprägt ist. Wenn er sein Ziel – Inge – nicht auf normalem Wege erreichen kann, so bedient er sich eben unkonventioneller Methoden, die ihn sogar eine Nacht in U-Haft überstehen lassen. Nach „Lena“ handelt es sich hier um einen weiteren großen Ermittlungsfehler Derricks, was wir ihm in diesem Fall leichter nachsehen können.

Als Schulenbergs Gegner wird Siegfried Wischnewski in den Ring geschickt – wesentlich erprobter und routinierter als der Jungspund gestaltet der gesetzte Mime seine Rolle des Ägyptologen. Bezüge auf das Land der Pyramiden und Pharaonen erfreuen mich immer ganz besonders, sodass es für mich der abschließenden Feststellung des Oberinspektors nicht bedurft hätte, wenngleich er offensichtlich der Wahrheit entspricht. Der Kommentar zeigt auch, dass Derrick an seinen schlechten Tagen eine ganze Spur desillusionierter und realistischer ist, als es sich für einen Held und eine Lichtgestalt, als die ihn Analysten der Serie verstehen, eigentlich gehören würde. Ich muss zum Schluss der Folge auch ganz ehrlich sagen, dass ich den Twist im Gegensatz zu mehreren anderen Stimmen nicht als absehbar bezeichnen kann – die Situation „Familie schützt aus Leidenschaft zum Mörder gewordenen Sohn“ ist eine zu gewohnte und deshalb glaubhafte Ablenkung. Man fühlt sich zum Beispiel in den Szenen, in denen die Munchs voller Unsicherheit im Treppenhaus stehen, sowie bei dem Dialog zwischen Wischnewski und Boettge im Bad eins zu eins an „Anschlag auf Bruno“ erinnert.

„Ein Lied aus Theben“ markiert die kurzzeitige Rückkehr von Alfred Weidenmann zur Serie. Der in der Anfangsphase der Serie mit vier Folgen vertretene Regisseur gehört nicht wirklich zu meinen liebsten Spielleitern der Serie. Lediglich „Tod am Bahngleis“ vermochte mich von seinen „Derrick“-Beiträgen bisher im Großen und Ganzen zu überzeugen. So ist auch die Grundstimmung von „Theben“ nur logisch: Alles läuft zu stockend, wenig dynamisch und langwierig an. Das Familiendrama erreicht zugleich nicht dieselbe Faszination wie das in der Episode zuvor. Mir wird Weidenmann bis zu seiner nächsten Verpflichtung für Episode #96, „Hausmusik“, erst einmal nicht fehlen.

Alles in allem bleibt das „Lied aus Theben“ relativ unscheinbar. „Mittelfeld“ lautet der Ausdruck für Folgen, die einen nicht so recht zu packen vermögen und, wenn man ganz ehrlich ist, eigentlich unter dem Durchschnitt rangieren. Es reicht zu 3 von 5 Punkten für eine Reihe von guten, aber nicht zugkräftigen Darstellerleistungen.

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