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Dieses Thema hat 976 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Georg Offline




Beiträge: 3.228

12.03.2012 21:38
#316 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

In dem DVD-Interview, das ich mit Herrn Goslar geführt habe und in dem wir ca. 30 Minuten auch über die Zusammenarbeit mit Helmut Ringelmann sprachen, sagte er diesbezüglich:

"Jeder Stoff ist 'ne neue Herausforderung und durch das erste Durchlesen, durch die erste Besetzung manipuliert man den Stoff. Wenn man nur den und den kriegt, dann muss man sich entsprechend auch wieder mit den Motiven anpassen usw. [...] und wenn eine Sache gewisse Schwächen hat an einer Stelle, dann muss man versuchen, wie man die durch andere Stärken ausgleichen kann. Wenn ich natürlich das Buch zu lesen kriege und erkenne auf der 3. Seite "der oder der ist die Mörderin!", dann hab ich das natürlich Ringelmann gesagt, dass da überhaupt kein Verdacht aufkommt, wir müssen andere Figuren einführen, auf die der Verdacht kommt. Oder man hat mit dem Kameramann auch gesprochen, z. B. "Ich will das alles nur düster haben" [...]".

Blap Offline




Beiträge: 1.128

13.03.2012 20:07
#317 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Danke für diese interessanten Hintergrundinformationen!

***

Vom Ursprung her verdorben

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

16.03.2012 19:13
#318 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Der Spitzel" (Folge 49)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Klaus Behrendt, Götz George, Ute Willing, Stefan Behrens, Kornelia Boje, Karl Maria Schley, Ulli Kinalzik, Horst Sachtleben, Kai Fischer, Willy Schäfer u.a. - Regie: Zbynek Brynych

Ein Kaufmann und seine Tochter werden spätnachts von Geräuschen geweckt. Jemand befindet sich in den Räumen im Parterre, wo sie einen Antiquitätenladen betreiben. Als die Tochter hinunter geht, um nachzusehen, fliehen die Einbrecher und töten einen Polizeibeamten in Zivil, der ihnen gefolgt war. Dieser hatte zuvor im Revier Bescheid gegeben, dass er einem gewissen Georg Lukas auf der Spur sei, einem vorbestraften Räuber. Als Derrick ihn aufsucht, streitet er natürlich alles ab. Doch da erhält der Oberinspektor den Tipp, einen kleinen Ganoven als Spitzel heranzuziehen. Was er nicht weiß: Der Mann ist selbst in den Fall verwickelt.....

Klaus Behrendt, der die Folge fast im Alleingang trägt, variiert seine Rolle als Gelegenheitsgauner, der sich mit einer Prostituierten eine Wohnung teilt, fünf Jahre nach "Ein Funken in der Kälte" (aus: "Der Kommissar"), indem er seine Figur charakterfester, fürsorglicher und verantwortungsbewusster zeichnet. Seine Sorge gilt der Tochter seiner Vermieterin; er will die junge Frau im Sport stärken, um sie resistenter gegen die Gefahren zu machen, die ihr in ihrem Lebensumfeld drohen. Die Ertüchtigung des Körpers ist zugleich auch eine Festigung des Willens, sich durchzusetzen und gegnerische Angriffe abzuwehren. Fürwahr umgeben sich die Frauen dieser Episode mit sinistren Gestalten: Muskelprötzen, die jederzeit gewaltbereit auf den großen Reibach warten. Ulli Kinalzik, Stefan Behrens und vor allem Götz George brauchen nur ein breites Grinsen aufsetzen, um ihre Mitmenschen einzuschüchtern. Wie gut, dass Derrick hier mithalten kann. Seine imposante Größe und seine Fingerfertigkeit im Umgang mit Waffen beeindrucken die Bande, obwohl sich der große Zampano George bis zum letzten Moment wacker hält. Er bekommt reichlich Gelegenheit, sich als männliches Gegenstück zu Behrendt zu präsentieren und zeigt sich extrovertiert mit Badetuch um die Lenden und mafiös elegant in bürgerlichen Kneipen. Die Frage, welche die Episode wie ein roter Faden durchzieht, lautet also: Welches "Bild von einem Mann" wird sich durchsetzen? Der sanfte Behrendt, der abspült, bei Schularbeiten hilft und sich um Andere sorgt? Oder der Machotyp, der Frauen für sich malochen lässt und selbst das große Geld einsteckt?
Der Sieger am Ende bleibt Oberinspektor Derrick, der sich als oberste moralische Instanz zeigt: Die Bösen zu bestrafen und die Schwachen zu beschützen.
Zbynek Brynych dirigiert eine vielschichtige Folge, die mit den Attributen des Genres spielt, um eigentlich eine ganz andere Geschichte zu erzählen. Ein wenig langatmig kommt sie daher und muss sich deshalb den Vorwurf gefallen lassen, den Hauptpfad des kriminellen Weges immer wieder zu verlassen.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

16.03.2012 22:33
#319 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Die verlorenen Sekunden" (Folge 50)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Hans Korte, Louise Martini, Elfriede Kuzmany, Herbert Hermann, Maria Sebaldt, Renate Grosser, Uwe Dallmeier, Karin Hardt, Eduard Linkers, Erna Sellmer, Michael Maien, Lilian Rack, Erland Erlandsen, Willy Schäfer u.a. - Regie: Alfred Vohrer

Frau Leubel, Angestellte eines Modesalons, erhält von ihrer Chefin den Auftrag, ein Kleid bei einer betuchten Kundin abzuliefern. Als sie bei Frau Kwien klingelt, wird sie von einer barschen Männerstimme angewiesen, zu verschwinden. Sie lässt sich nicht abwimmeln und wird deshalb von dem Mann in die Wohnung gezerrt und gewürgt. Die von den Nachbarn alarmierte Polizei stellt fest: Frau Kwien wurde im Wohnzimmer erwürgt und beinahe hätte auch Frau Leubel daran glauben müssen.
Wer profitiert vom Tod der vermögenden Frau? Wird sich die Augenzeugin von ihrem Schock erholen und den Täter identifizieren können?

Spielte Folge 49 noch in der Unterschicht, ermittelt Derrick diesmal zwischen fließenden Seidenstoffen, weitläufigen Büroräumen und vom Grün umrahmten Glaspalästen. Selbst die Disko-Rhythmen wurden klassisch gefiltert. Nach dem spannenden Einstieg gelingt es Alfred Vohrer durch geschickt plazierte Schreckensmomente, das Publikum bei Laune zu halten. Jedes Mal, wenn sich der Zuseher aufgrund des gepflegten Ambientes und seiner harmlos wirkenden Akteure in Sicherheit wähnt, gibt es einen beunruhigenden Telefonanruf, einen Hilfeschrei oder einen neuen Verdacht. Eigentlich traut man das schmutzige Mordgeschäft keinem der Anwesenden zu: Hans Kortes düstere Ausstrahlung wird durch die markante Brille stets verstärkt - er kann jedoch auch anders, wie er in "Titanic - Nachspiel einer Katastrophe" (1984) eindrucksvoll beweist. Herbert Hermann ist in seinem sonnengebräunten Auftreten der ewig junge nette Bursche von nebenan und Uwe Dallmeier vom Alkohol so benebelt, dass er auf dem Weg zum Tatort in der ersten Eckkneipe hängen bleiben würde. Auch die Damen decken ein breitgefächertes Spektrum ab. Von der mondänen Maria Sebaldt, die souverän über den Dingen steht und die selbst einem Gespräch über die Scheidungsgründe ihrer Kundin bedeutsame Tiefe verleihen kann; über die immer ein wenig misstrauisch dreinblickende Louise Martini bis zur verhuschten Elfriede Kuzmany, deren Welt durch ein Flüstern aus dem Gefüge gebracht werden kann. Auch die Randfiguren sind originell: Renate Grosser als resolute Polizistin mit gezückter Waffe und Erna Sellmer als patente Tante der Zeugin - sie verbreitete bereits in Folge 25 ("Das Bordfest") gute Laune. Nur Michael Maien sieht immer noch so aus, als müsse er von Lukas Ammann in Schutz genommen werden ("Der Kommissar" - Das Messer im Geldschrank, 1968). Stephan Derrick spielt geschickt mit der Phantasie der Verdächtigen und sorgt gleichzeitig für die Abschirmung der Kronzeugin, auf deren Aussage er baut. Wieder einmal spannt er ein Mitglied des Kreises der Hauptbelasteten für seine Zwecke ein, um einen zweiten Mordanschlag zu provozieren.
Im Grunde genommen gab es für den Mörder von Frau Kwien keinen Grund, die klingelnde Frau Leubel in die Wohnung zu lassen und zu würgen. Er hätte schlicht durch die Terrassentür fliehen können. Der Episodentitel lässt sich somit auch in seinem Sinn deuten: Er hat wertvolle Zeit verloren, indem er sich mit Nebensächlichkeiten aufgehalten hat. Frau Leubel sollte sich folgenden Rat von Loriot zu Herzen nehmen: "Die Unsitte, Einbrecher zu erschrecken, ist nicht nur unschicklich, sie führt auch häufig zu psychischen Schäden der Erschreckten und kann in schweren Fällen dauernde Berufsuntauglichkeit zur Folge haben. Merke: Einbrecher sind Menschen wie Sie und ich."

Prisma Offline




Beiträge: 7.574

17.03.2012 19:05
#320 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



MITTERNACHTSBUS (Folge 4)

mit Horst Tappert, Fritz Wepper
Gäste: Werner Kreindl, Christiane Schröder, Hartmut Becker, Rudolf Platte, Hans Quest, Bruni Löbel u.a.




Die Folge "Mitternachtsbus" schildert eine weitere grausame Tat im Rahmen des bürgerlichen Milieus, dieses Mal in der Kategorie: Beseitigen von unbequemen Problemfällen. Bemerkenswert hier ist, dass es eine leichte Abkehr vom Effekt gibt, und man das Szenario mit befremdlicher Tragik ausstattete. Ich möchte gar nicht behaupten, dass es anderenorts nicht ebenso war, doch hier blieb mir persönlich der Eindruck, von einer der erschreckendsten Facetten in diesem breiten Spektrum. Vorab ist wieder einmal zu bekennen, dass die Vielfältigkeit der Hintergründe und der Mordmotive dieser Serie ein unverwechselbares und spannendes Gesicht geben konnte, es kommt ein leichtes Gefühl von zurückhaltender Extravaganz auf, trotzdem sieht man grundsolide Ermittlungsarbeiten. Was hier in der Ermordungssequenz gezeigt wird ist sicherlich optisch gesehen nicht schockierender als die beunruhigenden Momente mit Wolfgang Kieling aus der Pilotfolge, allerdings entstehen erschreckende Folgen an Szenen, die einen schwer zu verbalisierenden Charakter hinterlassen, und daher wesentlich brutaler wirken, als die vorhergegangenen Konzepte: ein Opfer, das um ihr Leben betteln wird, aber nichts gegen Selbstzweck ausrichten kann. Als persönlicher Verstärker fungiert hierbei Christiane Schröder ganz außerordentlich, deren bemitleidenswertes, privates Schicksal sich mit ihrer Rolle zu vermischen scheint. Die Episode verteilt insgesamt einen schmerzlichen Seitenhieb an über- oder unterschätzte Gefühle, an überbewertete oder wertlose Beziehungen und an den zweifelhaften Zusammenhalt, außerdem spielt sie gekonnt mit Verhältnislosigkeiten, die bei Mord und Verbrechen zwar an der Tagesordnung sind, aber oftmals zu sehr im Hintergrund abgehandelt werden.

Das Verbrechen ereignet sich in einem unscheinbaren Dorf, wo sich scheinbar Fuchs und Hase gute Nacht sagen könnten, bis in jener Nacht der Mitternachtsbus vorfährt. Schnell bekommt man Christiane Schröder als Helga zu Gesicht, die trotz Nervosität und offensichtlicher Hektik noch ein paar gute Worte und Gesten für den wartenden Bruno hat, der sie stets vom Bus abholt um ihren Koffer zu tragen. Persönlich mag ich das Integrieren oder damit das Verheizen von Oligophrenen ja überhaupt nicht, da diese im Film viel zu oft überzeichnet dargestellt werden und daher ein sehr ungerechtfertigt verzerrtes Bild vermitteln, jedoch ist die Figur des Bruno für das Gesamtgeschehen ja nicht unwichtig. Helga jedenfalls scheint in der kleinen Gemeinde kein unbeschriebenes Blatt zu sein und pflegt diverse Bekanntschaften. Der Hinweis, dass selbst oder gerade auf dem Land "Standesunterschiede" sehr streng berücksichtigt werden, lässt erahnen, wie das Gerede der Leute ausgesehen hat und ohne ihren Tod, also bei einem normalen Lauf der Dinge hätte aussehen können. In diesen Fällen ist es angeblich stets die Frau, die alle zur Verfügung stehenden Verführungskünste einsetzen wird, um eine gute Partie in ihre gierigen Krallen zu bekommen. Christiane Schröder verkörpert hier alles andere als rücksichtsloses Kalkül und eiskalte Berechnung, ganz im Gegenteil, sie wirkt im Gegensatz dazu fast schon einfältig, mit einer naiven Sicht auf die Dinge. Helga erwartet ein Kind vom Sohn ihres Chefs Holler, in dessen Gasthof sie Kellnerin ist. Sie stellt für viele also ein geheimes und gerne in Anspruch genommenes Vergnügen dar, und wenn das so bleiben würde, wäre die Welt auch morgen noch in Ordnung. Da das nicht mehr der Fall ist, muss also schnellstens gehandelt werden. Die Angebote in Form von Geld und Abtreibung werden von der jungen Frau jedoch ausgeschlagen und somit unterschreibt sie ihr Todesurteil, sie provoziert eine Affekthandlung. Hartmut Becker interpretiert einen unsicheren und weichen Charakter, den Schürzenjäger der kleinen Verhältnisse. Was das Verhältnis zu Frauen angeht, spielte er eine sehr ähnliche Rolle bereits in dem Film "Als Mutter streikte" und er kommt mir sehr günstig für derartige Rollen vor, wenn seine Darbietung auch nicht besonders nachhaltig erscheint. Er wird von seinem Vater zwar an der langen Leine gelassen, hat jedoch immer zu spuren, wenn dieser pfeift. Wie könnte es anders sein, dass ihm auch dieses Mal der Vater zur Hilfe kommen muss. Werner Kreindl als Oscar Holler zeichnet seine Figur überaus glaubhaft und hochklassig, der schmierige wie auch gerissene Wirt bekommt von ihm eine sehr widerwärtige Aura. Er wird schließlich alles tun, um die Karre aus dem Dreck zu ziehen und ist zu jedem Bauernopfer bereit, welches sich auch schnell ausfindig machen lässt. Dabei setzt er unerbittlich auf Abhängigkeiten und Schwächen anderer Leute. Der ungebetene Gast in seinem Haus namens Wollweber, den Rudolf Platte bemerkenswert formt, wird mit Vergünstigungen in Form von Alkohol angelockt. Zuvor wurde er stets in eindeutiger Manier des Hauses verwiesen und wie ein Aussätziger behandelt. Auf seinen oligophrenen Sohn Bruno (der einer der wenigen ist, der [naive] Aufrichtigkeit verkörpert) soll die Tat einfach aber sicher abgeschoben werden. Holler legt falsche Fährten und schmiedet Pläne, er spielt seine Überredungskünste aus und biedert sich Derrick förmlich an und sein Plan könnte gelingen, wenn es sich tatsächlich um ein Dorf ohne Gewissen und die Initiative Einzelner handeln würde.

Mit "Mitternachtsbus" schickte man wieder eine sehr starke und beeindruckende Episode ins Rennen, die besonders durch ihre, auf der einen Seite Hinterhältigkeit, und auf der anderen Seite Hilflosigkeit hervorsticht. Besonders bestürzend erscheint hier nicht nur die perfide Tat, sondern auch die Ausweglosigkeit der Situationen, in denen sich viele Beteiligte befinden. Zurück bleibt eine unbehagliche und nachdenkliche Grundstimmung. Im Tauziehen zwischen "Not" und "Tugenden" scheint erstgenanntes die große Übermacht zu sein, doch Derrick setzt schließlich auf menschliche oder soziale Kompetenzen und lässt die Falle zuschnappen. Manche mögen das Finale am See vielleicht beeindruckend gefunden haben, mir hat dieses Gebräu aus Impulsivität, Aggression und Verachtung, das Derrick an den Tag gelegt hat, jedenfalls nicht sonderlich geschmeckt, beziehungsweise imponiert. Die Gerechtigkeit wird schließlich auch in dieser Episode siegen, weil der Wirt die Rechnung ohne Derrick gemacht hat.

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.514

17.03.2012 22:56
#321 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Hier meine Rangliste zur dritten Collector's Box:

1. Das Kuckucksei - 4,5 von 5 Punkten
2. Hals in der Schlinge - 4,5 von 5 Punkten
3. Tod des Wucherers - 4,5 von 5 Punkten
4. Eine Nacht im Oktober - 4,5 von 5 Punkten
5. Abendfrieden - 4,5 von 5 Punkten
6. Tote im Wald - 4 von 5 Punkten
7. Offene Rechnung - 4 von 5 Punkten
8. Ein Hinterhalt - 4 von 5 Punkten
9. Tod eines Fans - 4 von 5 Punkten
10. Stein's Tochter - 4 von 5 Punkten
11. Klavierkonzert - 3,5 von 5 Punkten
12. Mord im TEE 91 - 3,5 von 5 Punkten
13. Der Fotograf - 3,5 von 5 Punkten
14. Inkasso - 3 von 5 Punkten
15. Via Bangkok - 2,5 von 5 Punkten

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

23.03.2012 20:50
#322 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Ute und Manuela" (Folge 51)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Cornelia Froboess, Monika Baumgartner, Werner Asam, Gisela Uhlen, Martin Semmelrogge, Thomas Braut, Louis Potgieter u.a. - Regie: Helmuth Ashley

In einer Münchner Disko steppt der Bär. "Blacky" Sebald, der vor einer Stunde seine Freundin Manuela verprügelt hat, legt eine heiße Sohle aufs Parkett.
Da meldet ihm der Kellner, dass eine Frau angerufen habe. Er solle in die Tiefgarage kommen, da die Lichter an seinem Wagen noch brennen.
Allerdings war dies nur ein Trick, ihn hinunter zu locken: Der Mann wird erschossen. Als Manuela aufgeregt zu ihrer Betreuerin, der Sozialarbeiterin Ute kommt, besteht diese darauf, vor der Polizei auszusagen, sie wären zur Tatzeit zusammen gewesen. Wird Oberinspektor Derrick das falsche Alibi akzeptieren? Und was hat es mit Russa auf sich, dem besten Freund des Mordopfers?

Zwei unterschiedliche Frauen sind Namenspatinnen dieser "Derrick"-Folge. Cornelia Froboess als überaus engagierte Sozialhelferin, die wie eine Löwin um ihren Schützling kämpft und Monika Baumgartner (mit unsäglicher Wuschelfrisur und typischem Siebziger-Jahre-Neon-Blouson) als Prügelopfer.
Während die Erstgenannte in geordneten Verhältnissen aufgewachsen ist und sich täglich nicht nur im Umfeld ihrer "Kundschaft" beweisen muss, sondern auch ihre skeptische Mutter besänftigen muss, die sich -wie sich herausstellen wird- zu Recht um ihre Tochter sorgt, läuft die andere Frau aufgrund ihrer niedrigen Herkunft Gefahr, noch weiter abzurutschen. Der Vater trinkt, der Bruder hängt in Spielhallen herum und der Freund will Manuela durch Schläge dazu bringen, für Geld mit seinen Bekannten zu schlafen. Den Tod von Blacky bedauert niemand, nicht einmal seine Freunde, die sich nur wieder ihren eigenen Vorteil ausrechnen.
Waldschrat Werner Asam stellt sich als besonders zäh und hinterlistig heraus, obwohl er besser auf einen Dorfplatz zum "Schuahplattlen" passen würde, als mit Lederjacke breitbeinig durch betonierte Garagengänge zu laufen. Auch der Sprachgebrauch lässt auf eine ländliche Herkunft schließen: "scheuern" und "(ver)dreschen" als kernige Umschreibung für Gewaltanwendung.
Cornelia Froboess erweist sich in ihrer Rolle ein wenig naiv, obwohl ihr die Auswüchse von Gewalt, Alkoholexzessen und sexueller Protzerei als Sozialarbeiterin bekannt sein müssten. Sie ist durch ihre Identifikation mit den Schwachen selbst gefährdet und setzt auf Alleingänge, anstatt Hilfe hinzuzuziehen. Der Zuseher ahnt deshalb bald, wie der Mord abgelaufen ist und, dass Manuela verloren ist. Froboess zeichnet ein Bild von einer Frau, die nicht nur selbstlos handelt, sondern die durch ihren Gegner angestachelt wird und nach eigenen Worten mit diesem gekämpft hat. Es geht auch um das Ausüben von Macht: Der Mann will es durch körperliche Überlegenheit in Form von Prügeln erreichen, während die Frau auf Argumente und Einfühlsamkeit setzt. Das Problem wird schlussendlich mit den Mitteln des Mannes gelöst, auch wenn eine Frau diese Lösungsform anwendet. Ein Rückschritt oder ein Befreiungsschlag? Beide Machtdemonstrationen (sexuelle Nötigung / Körperverletzung und Mord) sind strafbar (auch wenn der Familienvater darüber staunt, dass Prügeln angeblich nicht zum guten Ton gehört) und werden mit Freiheitsentzug bestraft.
Fazit: Realistisches Porträt aus dem geistig, finanziell und ethisch unterbemittelten Kleinbürgertum mit einer starken Cornelia Froboess und einem angesichts der Verhältnisse hilflosen Derrick.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

23.03.2012 22:07
#323 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Abitur" (Folge 52)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Agnes Dünneisen, Michael Wittenborn, Hans Quest, Peter Dirschauer, Friedrich Georg Beckhaus, Josef Fröhlich, Dietlinde Turban, Volker Eckstein, Wilfried Klaus u.a. - Regie: Theodor Grädler

Robert Becker soll nach dem Studium die Landarztpraxis seines Vaters übernehmen. Um ein Einser-Abitur zu erreichen, soll sein Nachhilfelehrer die Prüfungsaufgaben vorab besorgen. Als dieser sich nicht darauf einlässt und auf der Heimfahrt mit seinem Wagen einen Jugendlichen anfährt und Fahrerflucht begeht, erpresst ihn Roberts Schwester Heidi als sie erfährt, dass der Jugendliche tot an der Unfallstelle aufgefunden wurde. Der Obduktionsbericht deutet jedoch auf einen Mord hin und so ermittelt Derrick in diese Richtung. Wird Assessor Hofer auf die Erpressung eingehen? Und wer sind die jungen Leute, die dem Toten kurz vor dessen Unfall nachgelaufen sind?

Die Basler Schauspielerin Agnes Dünneisen (geb. 1955) bewies bereits in "Die Kusine" ("Der Kommissar"), dass ihr starrköpfige Frauen besonders gut liegen. Hier versucht sie mit perfiden Mitteln, einen gutmütigen Lehrer in die Enge zu treiben, um ihn für ihre Zwecke einzuspannen. Sie ist die treibende Kraft im Hause Becker, ihr Vater weiß nichts von den unlauteren Absichten seiner Tochter und Bruder Robert zeigt einen passiven Widerwillen gegen diese Form der Karriere-Beschleunigung.
Wir haben es in dieser Folge mit latenten Abhängigkeiten, Versagerängsten und hohen Erwartungen zu tun. Der Einzige, der über den Dingen steht, ist Hans Quest als seriöser Landarzt. Unbeirrt äußert er seinen Verdacht, obwohl es ein Leichtes gewesen wäre, die Kopfwunde dem Verkehrsunfall zuzuschreiben. Die beiden weiblichen Figuren sind entweder aggressiv fordernd (Dünneisen) oder duldend schweigsam (Turban). Beide gefährden damit das Leben eines Dritten und machen sich (mit)schuldig. Weshalb sich eine zarte Person wie die kindlich wirkende Turban mit einem rabiaten Schläger abgibt, liegt -wie in "Ute und Manuela"- im Bereich des Unverständlichen und verdeutlicht wieder einmal die Gefahr, in die sich viele Mädchen unbedacht begeben.
Oberinspektor Derrick steht in dieser Episode nicht nur auf der Kegelbahn abseits, sondern auch bei der Klärung des Falles. Es "schnackelt" nicht einmal, als ihm die Phantomzeichnung der rothaarigen Arzttochter gezeigt wird und am Ende scheint es fraglich, ob die Hintergründe ohne den tragischen Abschluss des Falles geklärt worden wären. So friert das Bild am Schluss auf dem Gesicht des Abiturienten ein, den die Ereignisse wohl noch länger verfolgen werden.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

24.03.2012 20:58
#324 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Nachtrag zu "Mord im TEE 91" (Folge 36)

Der TEE 91 "Blauer Enzian" verkehrte von Hamburg-Altona über Hannover, Würzburg, München nach Klagenfurt Hauptbahnhof. Die Fahrtzeit für diese Strecke betrug im Winterfahrplan 1974/75 12 Stunden und 24 Minuten. Seit Mai 1965 wurden DB-TEE Wagenzüge eingesetzt, zum letzten Mal verkehrte der "Blaue Enzian" im Mai 1979. Mit dem Slogan "...von den Alpen an die Nordsee - mit dem Trans-Europ-Express "Blauer Enzian": sicher + bequem" warb die Deutsche Bundesbahn 1965 für den TEE, der die Strecke Augsburg-Hamburg in siebeneinhalb Stunden zurücklegte. Der "Blaue Enzian" war ursprünglich ein sogenannter F-Zug (Fernschnellzug). Da der TEE das Aushängeschild der Bahngesellschaften war, wurden Mitte der Sechziger Jahre einige Züge zum TEE aufgestuft, u.a. eben der "Blaue Enzian". Interessante Informationen zu diesem Thema findet man im Buch "Vom TEE zum InterCity", herausgegeben von Klaus-Jürgen Vetter, Verlag Geramond München 2011.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

24.03.2012 21:24
#325 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Der L-Faktor" (Folge 53)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Katja Rupé, Herbert Mensching, Wolfgang Müller, Gisela Peltzer, Mathieu Carriere, Amadeus August u.a. - Regie: Helmuth Ashley

Der Wissenschaftler Professor Waldhoff arbeitet mit seiner engsten Mitarbeiterin Frau Dr. Minz an einer bahnbrechenden Versuchsreihe, die die Widerstandsfähigkeit von Antibiotika verlängern soll. Seine Frau Agnes hat sich vor einiger Zeit mit einem ehemaligen Häftling, dem jungen Michael Bruhn angefreundet. Als der Professor eines Abends mit Frau Dr. Minz nach Hause kommt, liegt Agnes tot im Flur. Sie wurde ermordet. Nachdem nicht nur der Professor, sondern auch der junge Schützling von Frau Waldhoff ein Alibi hat, versucht Derrick den Täter durch die Analyse ihrer Beziehungen zur Toten aus der Reserve zu locken....

Die Rollen sind sehr angemessen besetzt, angefangen beim trockenen Herbert Mensching als pflichtbewusstem Biochemiker bis zum unangepassten Mathieu Carriere, der sich wie immer seinen Weg durch die steifen Konventionen der herrschenden Klasse bahnt - diesmal angriffslustig aus einem Rollstuhl heraus.
Das Drehbuch spielt mit den Vorurteilen des Publikums, indem es einen jungen Mann präsentiert, der vorbestraft und gänzlich ohne Freunde dasteht; was läge da näher, als die Möglichkeiten auszunutzen, die eine Bekanntschaft mit der wohlhabenden und ihm wohlgesonnenen Ehefrau eines Wissenschaftlers bietet?
Derrick bleibt wenig mehr als auf den Alibis der Betroffenen herumzureiten und er tut dies bis zum bitteren Ende. Obwohl er kaum Anhaltspunkte findet, denkt er an das Naheliegende und zerrt den Täter hinter dem abgeschmackten, aber immer wieder gern genommenen Mordmotiv hervor.
Die herzliche Zuneigung, die Agnes Waldhoff mit Michael Bruhn verbindet, ist frei von zweideutigen Absichten und deshalb eine angenehme Ausnahme.
In Frau Dr. Irmgard Minz hat Prof. Waldhoff eine Schwester im Geiste gefunden, die sich im Dienste der Firma ebenso kompromisslos verhält wie er. Wie es auch gehen kann, zeigt der von Amadeus August gespielte Forscher: fleißig, zuversichtlich und voller Elan, aber dennoch den Sinn für Realitäten nicht verloren. Um den Fortbestand der Firma braucht man sich also keine Sorgen machen.
Eine getragene Folge, die fast schon kammerspielartig daherkommt und vor allem auf das routinierte Ensemble baut.

Blap Offline




Beiträge: 1.128

24.03.2012 22:11
#326 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 8 (Folgen 106-120)

Folge 118 - Ende einer Sehnsucht (Deutschland 1984)

Schaulauf der Karikaturen

Der Kriminalbeamte Merck (Norbert Kappen) sucht die schäbige Pension Flora auf, erkundigt sich an der "Rezeption" nach einem Burschen namens Pocher. Tatsächlich findet Merck den Gesuchten, allerdings liegt Pocher tot auf dem Boden des Zimmers, offenbar wurde er mit einer vollen Whiskyflasche erschlagen. Da er selbst nicht bei der Mordkommission tätig ist verständigt Merck Derrick, zu dem er seit Jahren einen nahezu freundschaftlichen Draht hat. Sofort fällt Harry das merkwürdige Verhalten des Kollegen auf, überdies war dessen Tochter Irene (Marion Martienzen) eng mit dem Mordopfer befreundet, Merck weist Derrick freimütig darauf hin. Pocher und Irene waren gemeinsam im Ausland unterwegs, Irene kehrte vor einigen Wochen in die Wohnung ihres Vaters zurück. Wenig später traf auch Pocher in München ein, völlig pleite und von seiner schweren Drogenabhängigkeit gezeichnet...

Abseits der gewohnt starken Stammbesetzung ragen zwei weitere Schauspieler aus dem Ensemble dieser Folge hervor, Norbert Kappen und András Fricsay (im Abspann als Andreas Fricsay aufgeführt). Kappen taumelt wie ein angeschlagener Ochse durch das Szenario, ein herrlich schrulliger Auftritt. András Fricsay kommt erst spät zum Zuge, doch sein Auftritt als rockender Gitarrist trieb mir fast Lachtränen in die Augen. Keine Ahnung ob Autor Herbert Reinecker ein derartig klischeebeladenes Bild von Rockmusikern im Hirn abgespeichert hatte. Lustige Klamotten, coole Schnauze und ständig bekifft, so sind sie, die Herren von der Rockfraktion (zumindest im Kosmos des Herrn Reinecker). Marion Martienzen scheint ebenso in anderen Sphären zu schweben, bleibt im Vergleich zu Kappen und Fricsay aber eher blass, ihr von Pascal Breuer gespielter Bruder wirkt auf mich völlig austauschbar, seine Rolle gibt aber sowieso (dies muss faierweise betont werden) nicht viel her. Gaby Dohm und Karl Renar sind in Nebenrollen am Start, Renar überzeugt als knarziger Pensionswirt.

Als Kriminalfall versagt "Ende einer Sehnsucht" nahezu auf ganzer Linie, verläuft in dieser Disziplin ohne Höhepunkte und/oder Überraschungen, bleibt jederzeit vorhersehbar. Dennoch hat diese Folge ihre Reize, sofern der Betrachter die übliche "Krimi-Erwartungshaltung" ausblenden kann. Breit ausgewalzte Klischees, es erwischt nicht nur den "Rocker", nebenbei gibt es Seitenhiebe auf "Neo-Hippies", herrlich! Während Kappen und Fricsay munter chargieren, spielen sich Tappert, Wepper und Sklave Schäfer (Willy Berger) fröhlich die Bälle zu. Derrick kommentiert Harrys Befremden über den Kollegen Merck mit einen süffisanten Lächeln, nimmt den schrulligen Merck aufs Korn, Berger darf Berichte tippen und wird zu geringerem Zigarettenkonsum angehalten. Regisseur Michael Braun hat das "krimitechnisch schwache" Drehbuch ansprechend umgesetzt, kann sich auf seine hochklassigen Schauspieler verlassen. Lediglich die Pension Flora hätte gern ein wenig näher beleuchtet werden dürfen, hier wurde die Möglichkeit zur Sleaze-Suhle nicht konsequent genutzt, der "Alfred Vohrer der frühen siebziger Jahre" hätte vermutlich ordentlich auf den Putz gehauen. Für die musikalische Untermalung sorgte diesmal Michael Goltz, sein Sound klingt wie Frank Duval mit grösseren Eiern. Fazit: Einsteiger sind mit dieser Folge nicht gut beraten, tolerante Fans dürfen sich auf einige liebenswerte Momente freuen.

6/10 (obere Mittelklasse)

***

Vom Ursprung her verdorben

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

30.03.2012 14:06
#327 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Die verlorenen Sekunden

Episode 50 der TV-Kriminalserie, BRD 1978. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Elfriede Kuzmany (Frau Leubel), Louise Martini (Hanna Schenk), Herbert Herrmann (Harro Brückner), Hans Korte (Herr Kwien), Karin Hardt (ältere Ehefrau), Eduard Linkers (älterer Ehemann), Maria Sebaldt (Cornelia Haupt), Uwe Dallmeier (Herr Leubel) u.a. Erstsendung: 20. Oktober 1978, ZDF.

Zitat von Derrick: Die verlorenen Sekunden
Als die Näherin Frau Leubel ein Kleid zu ihrer Kundin Frau Kwien bringt, wird sie Zeugin des Mordes an der Frau. Sie hat den Mörder gesehen, als er sie würgte, kann aber aufgrund ihres Schockzustands keine Angaben machen. Ein paar Sekunden Erinnerung sind ihr verloren gegangen. Zunächst konzentrieren sich Derricks Ermittlungen deshalb auf die Menschen, die vom Tod der Frau Kwien profitieren. Waren wertvolle Juwelen das Mordmotiv – oder doch eher Geschäftsinteressen?


Die Besprechung enthält Spoiler.

Wenn dasselbe Team wie bei „Kaffee mit Beate“ noch einmal an die Arbeit geht, um Derrick zur Mordermittlung zu schicken, kann nur ein Highlight dabei herauskommen. – Mit dieser Logik entschied man sich höchstwahrscheinlich für „Die verlorenen Sekunden“ als Jubiläumsfall, der auch wieder über alle spannungssteigernden und rätselaufgebenden Ingredienzien verfügt, die Reineckers Drehbücher so beliebt machen. Familiär geht es vor – ob der Nachname nun Kwien, Leubel oder Schenk heißt (vergleichende Sichtungen mit „Der Alte“ ergaben für mich übrigens das klare Fazit, dass kein anderer Autor sich so schöne und passende Namen ausdenken konnte wie unnens Herbert). Liebenswerte Figuren machen ihre Auftritte: Das ältere Ehepaar, das auf Presse- und andere Anfragen wie blutige Anfänger hereinfällt und die ganze Geschichte folgenschwer hinausposaunt; Erna Sellmer beschützt als Tante ihre zerbrechliche Nichte und als Leichtfuß mit Potenzial für verdächtige Unauffälligkeit treibt Herbert Herrmann sein Unwesen. Hier hilft er dabei, das Verbrechen aufzuklären, während er acht Jahre später – herangewachsen von der Nebenrolle zum Mörder höchstselbst – Kommissar Drache in der ungewöhnlichen Berliner „Tatort“-Episode „Die kleine Kanaille“ ein Schnippchen schlagen konnte.

Ungewöhnlich gestaltet sich auch die Täterfrage in „Die verlorenen Sekunden“, die Derrick am Ende in einer spannenden Nachtszene klären kann. Es muss als die größte (und vielleicht einzige) Schwäche der Folge angesehen werden, dass sie nicht einen der handlungsrelevanten Charaktere als Mörder ausweist, sondern einen Auftragsmörder aus dem Hut zieht, der vorher keine Sekunde zu sehen war. Einerseits beißt sich diese Herangehensweise mit den Konventionen eines gewöhnlichen whodunits, andererseits verliert bei genauem Nachdenken auch die Frage nach den verlorenen Sekunden an Brisanz. Wenn der Täter niemand aus dem Bekanntenkreis der Frau Kwien ist, dem Stephan und Harry schon einmal begegnet sind und den sie der Schneiderin ohne Weiteres gegenüberstellen können, ist ihre Aussage für den Mörder weit weniger gefährlich, weil sie nicht unmittelbar zu dessen Identifizierung, sondern nur zu einer – wahrscheinlich als reichlich vage angesehenen – Personenbeschreibung führen würde.

Hans Korte spielt mit aller Kraft gegen die Auflösung an, als würde er schreien wollen: „Seht her, ich bin der wahre Täter!“ Nachdem sein Gangsterboss Malenke in „Tote Vögel singen nicht“ bei mir eher für ein laues Lächeln als für Begeisterungsstürme gesorgt hatte, gewinnt er hier seinen altgewohnten Biss wieder zurück, ohne albern überzeichnet zu wirken. Wenn Herr Kwien nicht einmal Derricks Namen wissen will, sondern ihn gleich wegen angeblicher Taktlosigkeit anfährt, merkt man genau, warum die Tote ihrer „Modetante“ (O-Ton Derrick) gegenüber ihren Mann als schrecklich und ihre Ehe als Fehler verbucht. – Als schrecklich unterhaltsam verbuche ich dagegen die Musikeinspielung, die mit Walter Murphys „A Fifth of Beethoven“ Vohrers Hang zur Klassik (und seine Fähigkeit, sie spielerisch und sinnig einzubauen) thematisiert und außerdem wieder eine getragene Schlussmelodie von Frank Duval umfasst. Der Song, „Skytrain“, ist sogar zusammen mit zehn anderen Kompositionen aus seiner Feder auf der CD „Die schönsten Melodien aus Derrick & Der Alte erschienen.

Ein illustrer Personenkreis gruppiert sich um ein Verbrechen, das zwar in sich nicht wirklich logisch ist, aber seine Wirkung auf den Zuschauer nicht verfehlt. Nach 50 Folgen „Derrick“ kann ich noch keine echten Abnutzungserscheinungen erkennen. Im Gegenteil: Horst Tappert – davon bin ich jetzt schon überzeugt – gebührt ein Denkmal für seine Rolle. 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

30.03.2012 23:26
#328 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Ute und Manuela

Episode 51 der TV-Kriminalserie, BRD 1978. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Cornelia Froboess (Ute), Monika Baumgartner (Manuela), Gisela Uhlen (Frau Bilser), Werner Asam (Russa), Martin Semmelrogge (Hans Stroppe), Thomas Braut (Herr Stroppe), Louis Potgieter (Blacky), Berndt Kaiser (Hugo) u.a. Erstsendung: 17. November 1978, ZDF.

Zitat von Derrick: Ute und Manuela
Manuela stammt aus schlechtem Hause. Ihr Vater ist Alkoholiker, ihr Bruder spielt. Von ihrem Liebhaber Egon Sebald wird sie geschlagen, als sie sich weigert, mit dessen Freund zu schlafen. Am Abend dieses Streits findet man Sebald erschossen in einer Tiefgarage. Der Verdacht richtet sich gegen Manuela, doch ihre Sozialarbeiterin Ute engagiert sich vollen Herzens für sie.


Machen wir dort weiter, wo der letzte Text aufhörte: bei der Musik. Dass „Ute und Manuela“ für Freunde der Siebzigerjahre-Diskobeschallung einige Schmankerl aufbietet, möchte ich nicht genauer auseinandernehmen, wohl aber auf den Darsteller des Mordopfers hinweisen, der für den längsten Teil seines Kurzauftritts tanzend zu sehen ist. Louis Hendrik Potgieter heißt er und nachdem er Ende 78 in diesem Derrick zu sehen war, trat er im Folgejahr als Teil der Ralph-Siegel-Kombo Dschinghis Khan beim Eurovision Song Contest mit dem gleichnamigen Gassenhauer auf. Dschinghis Khan löste sich ein Jahr später wieder auf – sicher kein Verlust für die Musikwelt, doch Potgieter, geboren in Pretoria, kehrte wieder nach Südafrika zurück, wo er 1994 im Alter von nur 43 Jahren an AIDS starb.

Was nun die eigentlichen Vorkommnisse um „Ute und Manuela“ betrifft, ist das lediglich von untergeordneter Bedeutung. Conny Froboess stiehlt hier wieder einmal allen die Schau. Anhand ihrer Rolle der Ute durchleben wir hautnah mit, wie schädlich es sein kann, zu motiviert, zu involviert zu sein. Falschaussagen gegenüber der Polizei sind noch das Geringste, wenn es darum geht, die Früchte der eigenen Arbeit zu schützen. Als Sozialarbeiterin hat sie die Verantwortung für Manuela Stroppe und agiert mehr als entsprechend: Sie lehnt sich gegen das Milieu auf, aus dem ihr Schützling stammt, bekämpft es mit allen Mitteln, die sie aufbringen kann, ohne zu erkennen, dass es ihr allein nicht gelingen wird und kann, Manuela aus der Hoffnungslosigkeit ihres Daseins zu befreien. Hilflos ist Ute deshalb ebenso. Doch während Manuela resigniert, steigert sie sich in die Vorstellung hinein, jeden ein Stückchen nach ihren Vorstellungen tanzen zu lassen.

Ute bemerkt nicht, dass in Wahrheit sie es ist, die an Fäden hängt. Conny Froboess bemerkt es umso mehr. Ihr Spiel verrät, dass die Mimin sich aller Facetten ihres Charakters bewusst ist. Sie tritt gegenüber verschiedenen Personen völlig unterschiedlich auf, wählt Stimmfarben von drastisch-resolut über klagend-quengelnd bis unsicher stotternd. Weitgehend offen lässt „Ute und Manuela“ die Frage nach Utes spezifischem Gegenspieler. Derrick nimmt sich sehr zurück, umso stärker hat sie mit Russa zu kämpfen, der von Werner Asam in erstklassiger Widerwärtigkeit zum Besten gegeben wird. Der Titel der Folge könnte gut auf seine Fantasien abzielen, gleichsam aber auch ein ganz anderes, weit verhaltener angedeutetes Verlangen illustrieren: Liegt Ute etwa mehr an Manuela, als man sich 1978 zuzugeben wagte? Nur mit diesem Gedanken lässt sich ein einleuchtendes Motiv für den Mord konstruieren.

Starke Charakterstudie, deren Plausibilität einiger zusätzlicher Überlegungen bedarf. Reineckers Zeigefinger schimmert stellenweise deutlich durch, doch daran gewöhne ich mich langsam offenbar. Schon wieder werden es 4,5 von 5 Punkten, denn ich begeistere mich sowohl für Conny Froboess als auch für die gelungene Retro-Optik.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

31.03.2012 12:15
#329 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Abitur

Episode 52 der TV-Kriminalserie, BRD 1978. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Peter Dirschauer (Werner Hofer), Agnes Dünneisen (Adelheid Becker), Michael Wittenborn (Robert Becker), Hans Quest (Dr. Becker), Dietlinde Turban (Lisa Klose), Friedrich Georg Beckhaus (Ross), Volker Eckstein (Rolf Bucke), Wilfried Klaus u.a. Erstsendung: 15. Dezember 1978, ZDF.

Zitat von Derrick: Abitur
Robert Becker steht kurz vor dem Abitur. Er bemüht sich redlich, soll er doch unbedingt die Landarztpraxis seines Vaters übernehmen. Wenn da nur nicht die Nervosität wäre! „Es wäre ein Wunder“, konstatiert Assessor Hofer, der ihm beim Lernen behilflich ist, „wenn er den Notendurchschnitt schafft.“ – Heidi, seine Schwester, ist überzeugt, dass der Lehrer etwas tun kann, um für dieses Wunder zu sorgen. Sie findet einen Weg, ihn zu erpressen.


Die Besprechung enthält leichte Spoiler.

Selten kommt es vor, dass in einer „Derrick“-Folge drei Fälle miteinander kombiniert werden. Umso klarer die Reaktion der geschätzten Fans: „ein Highlight der Reihe“, schreiben sie, „klare Top 20“. Nachdem ich meine kleine Enttäuschung über die verhältnismäßig geringe Anzahl an Schulaufnahmen sowie die existenzielle Frage, warum nicht eigentlich Heidi Becker die Praxis übernimmt, wenn sie doch so blitzgescheit ist, überwunden habe, bin ich geneigt, dem zuzustimmen. Ähnlich der Palette an Gesetzesübertretungen gestaltet sich auch die Varianz der Gefühle: Sieht man Stephan, Harry und Berger zunächst in einer urkomischen Szene beim Kegeln, wo Stephan als Kegelaufsteller missbraucht wird und sich zu dem nicht uninteressanten Kommentar hinreißen lässt, beim nächsten Mal solle man doch den Polizeipräsidenten dafür mitnehmen (ob er Ambitionen auf eine Beförderung hegt?), so endet „Abitur“ mit einem wahrhaftigen Schlag in die Magengrube. Ein derartiger Ausgang der Handlung kam für mich unerwartet, obwohl im Nachhinein festzustellen ist, dass die Inszenierung mit ihren Rückblenden und Gesprächen eindeutig in eine fatale Richtung steuert.

Die zentralen Rollen spielen Peter Dirschauer und Agnes Dünneisen. Beide Akteure verfügen nicht gerade über eine ausgiebige Filmografie, spielen ihre Parts aber umso außergewöhnlicher. Von Routine ist weder bei der kalt berechnenden Heidi noch bei dem in die Enge getriebenen Junglehrer etwas zu merken, was durch ein Skript von Herbert Reinecker unterstützt wird, das so frisch ist, als stamme es aus der ersten „Derrick“-Stunde. Die Andeutungen, dass mit dem Autounfall nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein kann, erregen immer mehr Interesse, und der aufmerksame Zuschauer fragt sich von Anfang an, wer denn auf dem Motorrad saß, das Hofer folgte. Dass Motiv und Charakter des Mörders ein wenig hanebüchen wirken, tut dem Geschehen keinen Abbruch, denn er ist nur eine Randfigur in einem viel perfideren Spiel.

Auch auf die Gefahr hin, mich gebetsmühlenartig zu wiederholen, kann ich nur noch einmal unterstreichen, dass das Gelingen der Episode maßgeblich mit der Wahl des Regisseurs zusammenhängt. Theodor Grädler (diesmal nicht mit Sohn Thomas als Regieassistent) hat sowohl ein Händchen für Schulthemen („Der Kommissar: Tod eines Schulmädchens“, „Derrick: Der Tag nach dem Mord“) als auch für subtil bedrückende Folgen, die sich weniger auf Effekte oder Augenscheinlichkeiten als vielmehr auf die Vorgänge, die sich unter der Oberfläche abspielen, setzen. Langweilig gerät auch „Abitur“ deswegen nicht für eine Sekunde, wohl aber nachdenklicher als Vohrer- und ausgereifter als Brynych-Kost.

Der Notendurchschnitt in diesem Fall würde 1,0 lauten. Alle Beteiligten haben bestanden. Das soll nicht heißen, dass Grädler und Co. nun in einer Landarztpraxis versauern sollen. In Punkten: 5 von 5 Punkten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

01.04.2012 13:46
#330 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Anschlag auf Bruno" (Folge 54)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Peter Ehrlich, Volker Eckstein, Doris Schade, Dieter Schidor, Michaela May, Herbert Stass, Günther Beth, Heiner Lauterbach, Erni Singerl, Udo Thomer u.a. - Regie: Theodor Grädler

Bruno Kerk, ein junger Mann, der an Oligophrenie leidet, wartet jeden Tag um 17 Uhr auf seine Bekannte Gerda Henk, die im selben Haus wohnt wie er. Er will sie von der Arbeit abholen und nach Hause begleiten. In unverbrüchlicher Treue steht er auch noch zu ihr, als sie mit einem anderen Mann ausgeht. Für ihn ist sie das Traummädchen seiner Kindheit. Auch sein Bruder Helmuth schwärmt für Gerda, doch er wendet andere Mittel an, um die Nachbarstochter für sich zu gewinnen. Als er versucht, sie mit Gewalt zu küssen und ihr dabei Mund und Nase zuhält, stirbt Gerda. Helmuth gerät in Panik und lässt die Leiche der jungen Frau auf dem Parkplatz zurück. Als er dort von einem Zeugen gesehen wird, beschließt sein Vater, Bruno für die Tat verantwortlich zu machen......

Die Geschichte wartet mit keinerlei Überraschungen auf, ist sie doch ein Konglomerat aus mehreren "Derrick"-Folgen ("Stiftungsfest", "Mitternachtsbus"), weshalb der Zuseher sich weder über den bereits zum dritten Mal als Mörder agierenden Volker Eckstein, noch über das Verhalten seiner Familie oder die Reaktionen aus dem Umfeld der Toten wundert. Es kommt deshalb einzig und allein darauf an, die Umsetzung der Vertuschungs- und Ermittlungsarbeiten zu beobachten und dem gut aufgelegten Oberinspektor Derrick bei seiner Sympathie für den sanften Bruno über die Schultern zu blicken. Der Kriminalbeamte, der von Berufs wegen mit gewaltbereiten Menschen zu tun hat, genießt es (wie bereits in "Paddenberg"), einmal einem zartfühlenden Mann zu begegnen, dem jede Aggression fremd ist und der aufgrund seines Charakters in Gefahr ist, von seinen weniger gutmütigen Mitmenschen an die Wand gedrückt zu werden.
Psychologisch interessant sind die Zwiegespräche im Schlafzimmer des Ehepaars Kerk, wobei der Vater versucht, die Mutter zu überzeugen, Bruno zu "opfern". Frau Kerk, eine gottesfürchtige Frau, klammert sich an ihren geistig zurückgebliebenen Sohn, dessen Lächeln und Dankbarkeit ihr mehr bedeuten als das finstere Gesicht ihres zweiten Sohnes. Der Gedanke, künftig auf Brunos Wesen verzichten zu müssen, um ihren unbeherrschten Sohn Helmuth zu decken, ist ihr unerträglich. Dies weiß der Oberinspektor, weshalb er gelassen auf den Moment der Wahrheit warten kann.

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