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Dieses Thema hat 976 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

06.11.2011 13:11
#181 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Risiko" (Folge 27)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Christian Reiner, Wolfgang Müller, Günther Ungeheuer, Kristina Nel, Werner Bruhns, Maria Sebaldt, Michaela May, Wilfried Klaus, Günther Stoll u.a. - Regie: Franz Peter Wirth

Landstraßen in der Nähe von München. LKW-Fahrer werden von einer jungen Blondine angehalten, die angeblich eine Autopanne hat. Als sich die Männer um den Wagen kümmern wollen, werden sie hinterrücks chloroformiert. Anschließend flieht die Bande mit dem Lastwagen der Bewusstlosen. Bei einem dieser Überfälle kommt es jedoch zu einem ungeplanten Vorfall: Ein im Heck des LKWs schlafender Mann wacht auf und reißt einem der jugendlichen Räuber die Maske vom Kopf, weshalb er von dessen Komplizen erschossen wird. Wenig später wird auch der junge Mann getötet.
Eine sehr gute Episode bahnt sich hier an. Die Konflikte eines 18jährigen Schülers, der aus reiner Langeweile und Abenteuerlust an bewaffneten Überfällen teilnimmt und dabei auf der Strecke bleibt. Seine distinguierte Familie, die die Früchte ihrer Arbeit bei Abendgesellschaften in gehobenen Kreisen genießt, während der Jüngste mit seinem Schulfreund Motorradtouren unternimmt, bleibt ohne pädagogische Einflussnahme. Auch der "Arzt, dem Frauen vertrauen", der sinnigerweise vom spröden Günther Ungeheuer gespielt wird, hat keine Moralpredigten in petto. Sein Sohn sei volljährig und er überwache ihn nicht. Wo beim "Kommissar" von der Verrohung der Jugend die Rede gewesen wäre, beschränkt sich Oberinspektor Derrick auf einen dezenten Hinweis auf die Witwe des Getöteten, der zwei Kleinkinder hinterlässt. Leider erweist sich die Überführung des Täters als zäher als zunächst angenommen. Man möchte den Bubi schütteln, damit er endlich zu seinen Handlungen steht. Stattdessen sitzt er gemütlich im Ohrensessel und hört sich über Kopfhörer Rockmusik an. Und Derrick erzählt von seinem Motorrad, das er sich Anfang der Fünfziger Jahre gekauft hat. So versandet die Folge leider in einem Zwiegespräch zwischen Täter und Kriminaler; der Mörder des Schülers bleibt im Dunkeln. Man sieht ihn in der letzten Spielminute kurz in einem Kleinlaster und das war es auch schon. Die vielbeschworenen Hintermänner sind also doch nicht so interessant wie die Mitläufer. "Mitgefangen, mitgehangen!" würde der Blinde Jack hier sagen. Die Polizeiakte bekommt der Jugendrichter und Oberinspektor Derrick muss sich nicht mehr fragen lassen, ob er Kinder habe, was er fast entschuldigend verneint - und insgeheim erleichtert aufatmet, dass es so ist. Hat er mit diesen Lümmeln doch bereits beruflich mehr als genug Ärger....

Gubanov ( gelöscht )
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06.11.2011 21:02
#182 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

DERRICK Collector’s Box 2 (Folgen 16 bis 30, 1976-77)





Derrick: Tod der Kolibris

Episode 16 der TV-Kriminalserie, BRD 1976. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Günther Stoll (Schröder), Sylvia Manas (Anita), Ernst Schröder (Dr. Scheibnitz), Edith Heerdegen (Frau Kulm), Paul Bürks (Herr Judix), Heinz Ehrenfreund (Scheppmann), Michael Gahr (Kriminalbeamter Wilmers), Benno Sterzenbach (Birkmann) u.a. Erstsendung: 11. Januar 1976, ZDF.

Zitat von Derrick: Tod der Kolibris
Das Ehepaar Gubeck findet ein junges Thai-Mädchen erstochen im Kofferraum seines Wagens. Offenbar hat man ihnen die Leiche unbemerkt ins Auto gelegt, als sie in der Robert-Koch-Straße auf einer Party waren. Stephan und Harry hilft der Zufall, denn ein anonymer Anruf mit einem Hinweis auf den Bauunternehmer Dr. Scheidnitz geht kurz darauf im Revier ein ...


Mit Beginn der zweiten „Derrick“-DVD-Box von more wirbelt ein neuer Wind die Serie auf: Auch wenn in Folgen wie „Tod am Bahngleis“ oder „Alarm auf Revier 12“ bereits die Identität der Mörder bis zu relativ späten Zeitpunkten nicht bildlich bestätigt wurden, so hegte man unterm Strich doch in keiner der ersten 15 Episoden Zweifel an der Whodunit-Frage. „Tod der Kolibris“ ist nun der erste Fall, in dem die Verantwortlichkeiten für die Morde im Dunkeln liegen und der Zuschauer Derrick und seine Kollegen auf Tätersuche begleitet. Grund für das Umdenken und das Abwenden vom offenen „Columbo“-Schema soll damals fehlende Akzeptanz beim Publikum gewesen sein. Diverse Schilderungen belegen, dass Herbert Reinecker und Helmut Ringelmann eher bereit waren, die Konzeption zur Serie um 180 Grad zu drehen, als „Derrick“ ganz und gar fallen zu lassen.

Die Begründung, dass die Ausstrahlungsreihenfolge der ersten 30 Folgen dem Publikumsgeschmack angepasst und Non-Rätsel- mit Whodunit-Folgen vermischt worden sind, erschließt sich mir trotzdem nicht ganz. Erstens wurde bereits vor der Möglichkeit der Erhebung eines Zuschauerurteils geschoben und gerückt, was das Zeug hielt (die zuerst gedrehte Folge „Mitternachtsbus“ erhielt Episodennummer 4, der Pilot „Waldweg“ dagegen wurde als vierter Fall aufgenommen, „Johanna“ gar als achter); zweitens finden sich bislang kaum Vorverschiebungen von Ermittlungen nach neuem Muster, wohingegen umgekehrt die relativ klare Folge „Alarm“ faktisch sogar nach „Kolibris“ entstand. Derrick würde scharfsinnig schlussfolgern, dass der Übergang vom experimentellen zum konventionellen Krimischema ein fließender war, der vielleicht auch noch andere Gründe als die reine Publikumsmeinung hatte.

Was nun „Tod der Kolibris“ angeht, so fallen die Schauwerte auf, die Regisseur Haugk im Gegensatz zu Brynychs #15 ins Spiel bringt: Die anfängliche fußläufige Verfolgungsjagd bestimmt den Ton des erbarmungslosen Kontexts, in dem das Geschehen angesiedelt ist, und bietet weniger durch die Asiatin als vielmehr durch die raffinierte Kameraführung (teils POV) und die Farbkombinationen aus schwarzer Nacht, grünem Seidenkleid, blauer Straßenbahn, rotem Andreaskreuz und gelber Telefonzelle wie auch der Rest der Spielzeit optische Reize im Überfluss – man denke weiterhin an das einfach stumm herumliegende Überbleibsel der Feier bei Hiebach. Schauplatz eines Großteils der Folge ist die Robert-Koch-Straße in Grünwald, die mit ihren Villen und der malerischen Tram-Strecke mit dem zugehörigen Haltepunkt Grünwald-Parkplatz erfreut.

Die Spannungskurve hält sich über die gesamte Laufzeit gut aufrecht, was an dem neuen, aber auch weniger ausgefallenen Handlungsmuster liegt. Was Dietrich Haugk allerdings angelastet werden muss, ist, dass er, wie es auch im „Kommissar“ schon häufiger seine Art war, trotz einigem Humor den Zeigefinger Reineckers zu offensichtlich durchschimmern lässt: Die Thematik der hilflosen Frauen aus Fernost, die sich in Deutschland Wohlstand erhoffen und stattdessen zur Prostitution gezwungen sind, sowie die Behinderung und die daraus resultierende psychische Störung Anitas erhalten gegenüber kriminalistisch interessanteren Aspekten zu großen Raum. Ein Kabinettstück an biedermännischer Verlogenheit gibt demgegenüber Paul Bürks als Herr Judix ab, der Derrick euphorisch begrüßt und dann von Satz zu Satz kleinlauter wird.

Mit dem neuen Ermittlungsmuster begeben sich die Derrick-Macher auf erprobteres, aber zugleich auf ausgetreteneres Terrain. Ich kann mir vorstellen, dass dies einer der Gründe ist, warum, wenn ich mir andere Einschätzungen zu Box 2 anschaue, die Quote der hochbejubelten Folgen jetzt sinkt. Als Nachteil möchte ich den Whodunit-Faktor aber keinesfalls auslegen, weshalb ich an der geschliffenen und effektiven Folge „Tod der Kolibris“ außer einigen moralischen Betrachtungen nichts auszusetzen habe: gute 4 von 5 Punkten und eine der besten Prä-Titelsequenzen!

Gubanov ( gelöscht )
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06.11.2011 21:20
#183 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Tod des Trompeters

Episode 17 der TV-Kriminalserie, BRD 1976. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Sabine von Maydell (Hilde Werner), Bernd Herberger (Robert Lammers), Bernd Herzsprung (Achim Bielek), Alexander Stephan (Heinz Sorek), Wolfgang Büttner (Herr Sorek), Herbert Tiede (Johannes Schrahl / Georg Schrahl), Sky Dumont (Brinkmann), Aldo Rendine (Banderi) u.a. Erstsendung: 8. Februar 1976, ZDF.

Zitat von Derrick: Tod des Trompeters
Kurz vor Feierabend erreicht Derrick ein Anruf aus einem nahegelegenen Revier: Ein sehr erregter Mann möchte mit einem vertrauensvollen Beamten sprechen – und wer läge da näher als er? Derrick verabredet sich mit dem Unbekannten am Armeemuseum, doch als er ankommt, hört er nur noch einen Schuss!


Ich möchte „Tod des Trompeters“ fast schon als Beweis dafür ansehen, dass Brynych auch recht „normal“ kann. Seiner zweiten „Derrick“-Inszenierung merke ich jedenfalls seine Eigenheiten nur mehr in einem geringen, durchaus vertretbaren Maße an. Dazu zählt vor allem der häufige Musikeinsatz, der allerdings diesmal nach einer viel zu langen Pause zum ersten Mal nach „Waldweg“ wieder von Peter Thomas stammt und dementsprechend für mich gar nicht exzessiv genug ausfallen kann. Thomas hat sich nicht lumpen lassen und für die schon laut Titel musikaffine Episode einen eigenen Song namens „Ohne dich ist es Nacht“ komponiert. Welch eine bescheidene Geste, dass er die Leistung durch Reinecker dem verstorbenen Trompeter zuweisen ließ!

Leider wird durch die Konzentration auf die Musikalität und das mehrfache Abspielen des Lieds, in dem Schauspielerin Sabine von Maydell durch Profisängerin Sabrina synchronisiert wurde, die eigentliche Handlung, die sich hauptsächlich um eine Entführung und die erpresste Lösegeldsumme von acht Millionen Mark dreht, arg gedehnt, sodass es eines bleigewürzten Finales bedarf, um den Ablauf wieder etwas anzukurbeln. Zwischendurch kann man den Tempoverlust auch den unbedarften Jungdarstellern ankreiden: Von Maydells Entschlossenheit bleibt im ausbaufähigen Stadium, Bernd Herberger mit Hippie-Haarband scheint auch mit 18 Jahren noch nichts vom Tod gehört zu haben und Namensvetter Bernd Herzsprung, der eigentlich den ausgebufften Teil der Clique geben soll, wirkt mit seiner Führungsrolle und den gelegentlichen Schreiversuchen noch etwas überfordert. Sky Dumont ist in einer winzigen Rolle als V-Mann zu sehen, Herbert Tiede dagegen erhält wie einst Lilli Palmer gleich zwei Geschwisterrollen – der Kritikpunkt bleibt derselbe wie in „Johanna“.

Mehr gibt es eigentlich nicht zu jammern über „Tod des Trompeters“. Vor allem die anfängliche Szene am ehemaligen Armeemuseum, das heute passenderweise die Bayerische Staatskanzlei beherbergt, hat Brynych lobenswert in Szene gesetzt. Man fühlt sich wie mittendrin, als es dem Trompeter Sorek an den Kragen geht, man durchs Dunkel Schüsse peitschen hört und zu allem Übel auch noch Harry verwundet wird. Eigentlich wollte er schon seit drei Wochen mit Stephan essen gehen, aber diesen nächtlichen Diensttermin zieht sein Vorgesetzter vor. Passenderweise schreibt Katrin Hampel:

Zitat von Katrin Hampel: Das große Derrick-Buch, Henschel Verlag Berlin, 1995, S. 37ff
Derricks einziger Freund ist Assistent Harry Klein. Mit ihm löst er jeden Fall. [...] Er ist ein wichtiger, ein akzeptierter Partner für den Oberinspektor, der den Gedankengang seines Chefs fortsetzt. [...] Die Beziehung zu seinem einzigen Freund geht also nicht über das Berufsleben hinaus.


So ist es kaum verwunderlich, dass Derrick über den Unfall zwar betroffen ist, aber nie auf die Idee kommen würde, Harry zum Arzt zu begleiten oder gar im Krankenhaus zu besuchen. Der zähe Mitarbeiter wirkt der Unnahbarkeit seines Chefs einfach entgegen, indem er mit Krückstock im Büro erscheint.

Milieu und sämtliche Aufnahmen einschließlich mehrerer Rückblenden sind Brynych gut gelungen. Allerdings war er nicht in der Lage, über die Längen des Drehbuchs und die fehlende Erfahrung von Teilen der Besetzung „hinwegzuinszenieren“, was aus „Tod des Trompeters“ trotz Shots am Hofgarten, in Schwabing und am Olympiazentrum eine etwas zähe Angelegenheit macht. 3,5 von 5 Punkten.

Blap Offline




Beiträge: 1.128

06.11.2011 22:59
#184 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 6 (Folgen 76-90)

Folge 89 - Die Stunde der Mörder (Deutschland 1981)

Herr Bonna (Rolf Becker) leitet ein Altersheim der gehobenen Güteklasse. Momentan muss er sich dem Urteil des Gerichts stellen, er soll drei Bewohner des Heims ermordet haben. Glück für Bonna, er wird aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Herr Mahler (Horst Caninenberg) ist alles andere als zufrieden mit diesem Urteil, der rüstige Rentner sitzt während vieler Verhandlungen als Zuhörer im Gerichtssaal. Nach dem Freispruch übernimmt Bonna sofort wieder die Leitung des Seniorentempels, wird von den Bewohnern freundlich begrüßt und beglückwunscht. Mahler taucht auf, gibt vor sich für ein Zimmer in Bonnas Wohnheim zu interessieren, einige Stunden später liegt Bonna erschossen im Hausflur des Gebäudes. Frau Dederich (Luitgard Im), die wichtigste Mitarbeiterin des Getöteten, kann sich an keine besonderen Vorkommnisse erinnern, lediglich ein gewisser Herr Mahler ist ihr im Gedächtnis geblieben. Derrick fühlt Mahler auf den Zahn, der kann jedoch ein wasserdichtes Alibi vorweisen, er war zum Zeitpunkt der Tat mit seinem Enkelkind Inge (Irina Wanka) in der Oper. Eine weitere Person kommt zu Tode, ein ebenfalls aus Mangel an Beweisen freigesprochener Bursche, der vermutlich trotz seiner Schuld nicht verurteilt werden konnte. Auch das zweite Opfer hatte zuvor Kontakt zu Herrn Mahler, der jedoch erneut über ein bombensicheres Alibi verfügt. Derrick fällt zunehmend die regelrechte Besessenheit des älteren Herrn auf, die Ermittlungen werden in Richtung Mahler und Umfeld gelenkt...

Horst Caninenberg sehen wir als offensichtlich gut situierten Rentner, der sich in ein trügerisches Netz verstrickt hat, Selbstjustiz mit Gerechtigkeit verwechselt. Derrick hat dazu (wie könnte es anders sein) die passenden Worte parat, die er dem selbsternannten "Gesetzeshüter" eindringlich ins Gehör massiert. Caninenberg spielt seine Rolle mit "nüchterner Konsequenz", nur ansatzweise droht sein Herr Mahler die Contenance zu verlieren. Rolf Becker steht der glatte Fiesling gut zu Gesicht, seine Motive bleiben teils ungeklärt, was die Fragwürdigkeit seines gewaltsamen Ablebens unterstreicht. Irina Wanka gibt das wohlerzogene Enkelchen des Hauptverdächtigen Mahler, Beatrice Norden ihre Mutter. Wie auch Luitgard Im kann man den Damen ein gutes Zeugnis ausstellen, obwohl ihre Auftritte lediglich in die Kategorie "solides Schauspiel" fallen (viel mehr geben diese Rollen sowieso nicht her). Rudolf Fernaus Auftritt gerät einprägsamer, er scheint hinter die Fassade des ersten Opfer zu blicken. Eine Aufzählung der weiteren Nebendarsteller würden den Rahmen sprengen, Hans Caninenberg ist (neben Tappert) ganz klar der Dreh- und Angelpunkt dieser Folge. Fritz Wepper beeindruckt mit einem extrem "eigenwilligen" Sakko, welches mit seinem sehr "speziellen" Design die Augen des Zuschauers drangsaliert (Schmunzelgarantie inklusive!).

"Die Stunde der Mörder" ist sicher kein besonders raffiniert angelegtes Stück Krimiunterhaltung. Immerhin gewinnen die Ermittler Erkenntnisse, die den Fall auf eine grössere Tragweite anwachsen lassen, die zumindest über die frühen Gedankenspiele hinausreichen. In erster Linie ist "Die Stunde der Mörder" ein eindringliches Plädoyer gegen Selbstjustiz, ein klares Bekenntnis zu unserer bestehenden Rechtsordnung (Derrick obliegt die Aufgabe die -von mir unterstellten- Ansichten und Absichten des Autors dem Betrachter nahezubringen). Theodor Grädler inszenierte ohne Krawall und Effekthascherei, kein Hauch von Popanz lenkt von der "Message" ab. Frank Duvals Kompositionen neigen oft -spätestens zum Ausklang der Folge- zu angenehmer Melancholie und/oder kitschigem Geschleim, diesmal tönt es während des Abspanns überraschend kantig aus den Lautsprechern. Interessantes Detail am Rande: Das "Altersheim" dient heute als "Fürstenhof" in der ARD-Daily "Sturm der Liebe". Ich war mir zunächst nicht sicher, aber ein Blick auf die deutsche Derrick-Fanseite #1 bestätigte meine Vermutung. "Die Stunde der Mörder" bietet angenehme Derrick-Kost, knapp unterhalb des Durchschnitts. Nicht mehr, nicht weniger.

6,5/10 (oberste Mittelklasse)

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Vom Ursprung her verdorben

Gubanov ( gelöscht )
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10.11.2011 19:45
#185 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Angst

Episode 18 der TV-Kriminalserie, BRD 1976. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Heidelinde Weis (Franziska Hertel), Hans Dieter Zeidler (Dr. Hertel), Uschi Glas (Irene Kronach), Bernd Herzsprung (Jürgen Kerwin), Beatrice Norden (Helene Thimm), Hans Kaetner (Herr Schröder), Jean Pierre Zola (Herr Thalmeier) u.a. Erstsendung: 7. März 1976, ZDF.

Zitat von Derrick: Angst
Dr. Hertels unangenehmes Wesen lässt sich nicht nur daran erkennen, dass er sich als verheirateter Mann eine Geliebte hält. Als diese sich weigert, die Beziehung mit ihm fortzusetzen, erwürgt er sie und verlangt zu allem Überfluss von seiner Ehefrau, sie solle ihm ein Alibi für die Tatzeit geben. Franziska Hertel willigt ein – aber nur, weil sie eine Heidenangst vor ihrem Gatten hat ...


Dass die bisher gelungenste Folge der zweiten Box von Theodor Grädler stammt, ist für mich keine große Überraschung. Mit zurückhaltender Handschrift und psychologischer Stichhaltigkeit inszenierte er eine Geschichte, in der sich Reineckers mitreißendes Drehbuch mit den darstellerischen Leistungen von Zeidler und Weis ergänzt. Es beweist sich: Die gute, alte Dreiecksgeschichte zählt noch immer zu den besten Ausgangssituationen für einen passablen Krimi, auch wenn Uschi Glas als Schätzchen Irene Kronach recht früh die Bühne räumt und in ihrer einen Szene eher gestelzt als realistisch daherkommt. Ihre Auftritte in den 1971er Wallace-Produktionen waren dieser „Derrick“-Performance also weit voraus, was aber dem Gesamteindruck, der vor allem durch die Interaktion der Eheleute Hertel bestimmt wird, gar nicht abträglich ist.

Blaps Lob für Hans Dieter Zeidler kann ich mich folglich voll und ganz anschließen. Dessen verhältnismäßig kurze Filmografie und intensives Spiel lassen darauf schließen, dass er hauptsächlich am Theater tätig war. Er ist sich in seiner Rolle als reicher Egoist darüber im Klaren, dass ihm Zuneigungen nicht aufgrund seines Charakters, sondern seiner finanziellen Situation entgegengebracht werden, und verhält sich entsprechend gefühlskalt und abgeklärt. Jeder hat seiner Unterhaltung zu dienen und sich seinen Wünschen zu beugen, andernfalls hat es für die betreffende Person tödliche Folgen. Hertels Frau lebt in Angst vor ihrem brutalen Ehemann, doch Reinecker versteht es, die Situation geschickt mehr und mehr zu drehen. Es kommt so plötzlich zu dem Punkt, an dem sich Dr. Hertel vor den Absichten Franziskas fürchtet, was den schlussendlichen Ausgang, in dem auch Horst Tappert noch einmal besonders „aufdrehen“ kann, folgerichtig und notwendig erscheinen lässt. Heidelinde Weis hinterlässt einen bleibenden Eindruck als zerbrechliche Dame und komplettes Gegenteil Zeidlers.

„Angst“ (ein schöner, treffender und prägnanter Titel) gehört zu den „Derrick“-Folgen, bei denen im Abspann kein separater Musik-Credit abgesehen von der Les-Humphries-Titelmelodie angegeben wird. Trotzdem beeindruckt vor allem die Untermalung der verzweifelten Suchaktion Hertels in der Schlussszene mit dem immer wieder einsetzenden und abbrechenden Dauerthema. Aufgelöst werden Spannung und Angst schließlich durch einen Beweis, der an Überzeugungskraft jedes Geständnis toppt.

„Intensiv“ ist das Wort, das die Folge „Angst“ im Kurzen recht akurat beschreibt. Ich gebe 5 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
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11.11.2011 15:10
#186 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Tote Vögel singen nicht

Episode 19 der TV-Kriminalserie, BRD 1976. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Günther Stoll (Schröder), Doris Kunstmann (Gerti Hager), Hans Korte (Ewald Malenke), Hans Caninenberg (Dr. Schöne), Lola Müthel (Frau Kissler), Harald Leipnitz (Wirt Schermann), Tilly Lauenstein (Frau Hager), Wolfgang Stumpf (Joseph Rothe) u.a. Erstsendung: 4. April 1976, ZDF.

Zitat von Derrick: Tote Vögel singen nicht
Die Leiche eines jungen Mädchens wird auf einer Müllkippe gefunden. Sie scheint in die Machenschaften des skrupellosen Nachtklubkönigs Malenke verstrickt gewesen zu sein. In solchen Kreisen herrscht blutige Entschlossenheit: Alle Quertreiber werden erledigt. So stolpern Stephan und Harry bald über Leichen, als würden sie im wilden Westen ermitteln ...


Gemessen an den ungeheuren Vorschusslorbeeren, die die Folge „Tote Vögel singen nicht“ sowohl in „Derrick“-Fankreisen als auch vor allem hier im Forum genießt, war mein Letdown bei der ersten Sichtung erschreckend groß. Ich habe mir die Episode deshalb ein zweites Mal angesehen und wurde mit einigen Punkten versöhnt, halte den Enthusiasmus, der diesem Vohrer-Spätwerk entgegengebracht wird, aber nach wie vor für teilweise unverständlich. Vohrer eröffnet das Mörderspiel auf einer Müllkippe, wo sich selbstverständlich ein lebloser Körper unter allerlei Unrat gemischt hat, nimmt dann Nachtklubs, Nutten und Neandertaler, wie man die mechanisch agierenden Mann-Gorilla-Mutationen, derer sich Malenke bedient, getrost bezeichnen kann, in den Fokus, um sich schließlich an einer Reihe harter Schießereien und Morde zu erquicken. Das alles mag für sich genommen sehr unterhaltsam sein, doch ob es sich wirklich und gerade in dieser konzentrierten crazy Form für „Derrick“ eignet, zweifle ich eindeutig an. So liegt die von Georg an anderer Stelle geäußerte Vermutung, Reinecker habe ein ungenutztes Script für eine andere Produktion wieder aus der Schublade genommen und ohne viel Federlesens auf „Derrick“ umgemünzt, durchaus nahe, insbesondere an der Stelle, an der der sonst meist besonnene, aber zumindest seine Grenzen gut kennende Derrick dem (danke an Percy Lister für die treffende Beschreibung) „schleimig-tuntigen Hausdiener“ Bubi für eine lapidare Beleidigung die Faust gerade auf die Zwölf setzt. Hätte das sein müssen? „Perrak“ gewinnt hier wie auch in vielen anderen Szenen die Oberhand über das eigentliche „Derrick“-Konzept, dessentwegen ich ursprünglich eingeschaltet hatte ...

Die zeitgenössischen Reaktionen der Zuschauer waren ebenfalls nicht sonderlich freudig und bemängelten vor allem die overte Zurschaustellung von Gewalt. Fünf Leichen gab es für die MoKo zu untersuchen – für künftige Produktionen setzte man drei als Obergrenze für leicht zumutbare Unterhaltung an. Heute sehen wir uns die Folge freilich weniger unbedarft an als die Menschen in den Siebzigern, sodass man vor allem den Einfallsreichtum bemerkt, den der durch Wallace-Filme geübte Vohrer beim Um-die-Ecke-bringen der Bandenmitglieder walten ließ: Ein Ertränken im Moorbad gehört definitiv zu stylishsten Mordmethoden der Serie.

An Edgar Wallace fühlte ich mich trotzdem insgesamt nur an wenigen Stellen erinnert: Neben den offensichtlichen Parallelen des Fotostudios zu „Der Gorilla von Soho“ (bemerkenswert züchtig, dass nichts weiter ausgezogen werden darf, weil man genau auf die Einhaltung der Konzessionsregeln achtet) kam mir – wohl untypischerweise – vor allem „Die Bande des Schreckens“ in den Sinn, weil mir als Parallele zwischen diesem Film und den „toten Vögeln“ auffiel, wie sehr sich eine hohe Action- und Szenenwechseldichte zulasten der Charakterzeichnung auswirken kann. Kaum ein Charakter aus diesem 19. „Derrick“ bleibt wirklich als Unikat im Hinterkopf. Die ingesamt leisere und unspektakulärere Vorgängerfolge „Angst“ weist eine eklatant bessere Ausarbeitung der Figuren auf als „Tote Vögel singen nicht“, was dazu führt, dass im Vergleich selbst Gangsteroberhaupt Malenke, obwohl ich Hans Korte für gewöhnlich überaus schätze, eine blasse Randerscheinung bleibt. Einen Beitrag dazu steuert nicht zuletzt auch die automatische Selbstzersetzung der Verbrecherkreise bei, die Malenke schon fast als überfordert mit allen Zeugen, Erpressern und Versagern erscheinen lässt.

Der Plot läuft mir hier etwas zu oberflächlich cool, gesetzlos und schnodderig ab. Ich bin mir bewusst, dass sich meine Besprechung wie ein Totalverriss anhört, was der Episode sicher Unrecht täte, bin aber andererseits erstaunt über die enorme Wertschätzung, die viele für sie hegen, weshalb ich glaube, dass alles Positive über Kultfaktor und Vohrer-Handschrift nicht noch einmal gesondert hervorgehoben werden muss. 3 von 5 Punkten.

Blap Offline




Beiträge: 1.128

12.11.2011 23:32
#187 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 6 (Folgen 76-90)

Folge 90 - Eine Rose im Müll (Deutschland 1982)

Marion Diebach (Beatrice Richter) trampt ohne festes Ziel vor Augen durch die Gegend, der freundliche LKW-Fahrer Michael Rothaupt (Bernd Herberger) sammelt die junge Frau am Rand einer spätabendlichen Landstrasse ein, sofort entsteht eine auf Gegenseitigkeit beruhende Zuneigung. Rothaupt verdient als Fahrer ein paar Mark dazu, in erster Linie geht er seinem Studium nach. Plötzlich nimmt Rothaupt einen merkwürdigen Funkspruch entgegen, der ihn zu einem kurzen Zwischenstopp in einer Gaststätte zwingt. Er bittet Marion darum zu Fuss vorzugehen, da es seitens des Auftraggebers nicht erwünscht ist aussenstehende Personen mitzunehmen. Marion Diebach soll ihre sympathische Bekanntschaft nie wieder sehen, Michael Rothaupt verschwindet spurlos von der Bildfläche. Für die Tramperin ist die Situation nicht nur traurig, zu allem Überfluss ist nun auch ihr im LKW zurückgelassenes Gepäck verschwunden. Ratlos sucht Marion das Wirtshaus auf, der freundliche Inhaber (Uwe Dallmeier) gewährt der mittellosen Reisenden freie Kost und Logis für die Nacht. Immerhin taucht der vermisste Rucksack wieder auf, der Wirt findet das Gepäckstück vor der Tür. Zwei Wochen später trifft Marion zufällig auf Derrick, umgehend konfrontiert sie den Kriminalbeamten mit ihrer Geschichte. Freilich nimmt sich der stets hilfsbereite Oberinspektor des Falles an, bald ergeben sich tatsächlich Hinweise auf eine Straftat, eine Mülldeponie und ihr Chef Andreas Minge (Hans Häckermann) rücken ins Zentrum der Ermittlungen...

Beatrice Richter wurde vor allem als Ulknudel bekannt, an der Seite von Rudi Carrell und Diether Krebs gelang ihr in den achtziger Jahren der grosse Durchbruch. In dieser Derrick-Folge kann Richter eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass sie weitaus mehr als debilen Unfug auf die Reihe bringt. Sie verkörpert Marion Diebach als eine aufgeweckte und lebenslustige Frau, die hinter ihrer hübschen Fassade ein grosses Herz im Leib und auf der Zunge trägt. Ihre philosophisch anmutenden Ausführungen beim trostlosen Anblick einer Müllkippe rühren an, gleiten zu keiner Sekunde in kitschige Gefilde ab, diese Szene fängt den Charakter Marion Diebach gekonnt ein. Bernd Herberger kommt nur in den ersten Minuten zum Zuge (sowie gegen Ende der Episode in Rückblenden), Herberger und Richter funktionieren als "Minuten-Traumpaar" vortrefflich, bringen echte Gefühle abseits von plumper Anmache und unangenehmer Schleimerei rüber. Hans Häckermann gerät ins Blickfeld Derricks, überzeugt als überforderter Krimineller, der dem stetig ansteigenden Druck nichts entgegenzusetzen vermag. Renate Grosser sehen wir als Häckermanns Ehefrau, die für ihren Gatten offenbar nur noch Verachtung übrig hat. Zu Häckermann gesellen sich weitere "Bösewichte", Diana Körner und Charles Brauer mimen fischkalte Kriminelle, denen ihre widerwärtigen Machenschaften weitaus weniger Kopfzerbrechen bereiten, als ihrem in Angstschweiss gebadeten und zunehmend panischen Erfüllungsgehilfen Häckermann. Uwe Dallmeier bricht das Klischee des unfreundlichen Gastwirts auf, verleiht dem Gewerbe ein ungewonht herzliches Erscheinungsbild. Für Ulli Kinalzik bleibt wieder nur ein kleiner Part als Hilfsekel, Hans Stadlbauer ist in einer Nebenrolle als Staatsdiener zu sehen. Übrigens wirkt Stadlbauer momentan in der Daily "Herzflimmern" mit, die von Montags bis Freitags ab 16:15 Uhr im ZDF läuft. Eine sehr unterhaltsame und handwerklich solide gemachte Serie, fernab von den Peinlichkeiten diverser "Privatsender".

Dass Derrick auf ein Hilfegesuch reagiert, welches ihn ohne offziellen Ermittlungsauftrag seitens eines Bürgers/einer Bürgerin erreicht ist keine Neuigkeit. "Eine Rose im Müll" verläuft in -auch das nicht nicht unüblich- recht vorhersehbaren Bahnen, dennoch mangelt es der Folge keinesfalls an Substanz. Im Gegenteil, mit dem Stoff hätte man locker einen kurzweiligen Spielfilm füllen können! Eine im Keim erstickte Liebesgeschichte, Verstrickungen fieser Gesellen in Mord und die illegale Entsorgung von Giftmüll, obendrauf ein erschreckendes Ehedrama. Hier erweist sich die Laufzeit von einer knappen Stunde als Hemmschuh, sehr gern würde ich die Handlung in einer entschleunigten Variante geniessen dürfen. Zwischen Romantik, Tragik und Schwerverbrechen bleibt Raum für eine Prise gelungenen Humor. Berger muss wieder als Sklave herhalten, Derrick und Klein hauen sich gekonnt und locker ein paar kleine Kalauer um die Ohren. Meist schwärme ich von der Klasse der Schauspieler, in diesem Fall muss ich in besonderem Maße darauf hinweisen! Beatrice Richter ist großartig, Hans Häckermann ebenfalls! Horst Tappert unterstreicht einmal mehr seine Sonderstellung! Er verkörpert Derrick mit unglaublicher Lässigkeit, schaltet bei Bedarf auf harsche Ernsthaftigkeit um, philosophiert ohne zu nerven, phänomenal! Über den Abspann hat Frank Duval eine nette Kompostion gelegt, Günter Gräwerts Inszenierung gewährt den Charakteren Raum, verstrickt sich nicht in Effekthaschereien oder Popanz. Noch gelingt "Eine Rose im Müll" nicht der Sprung an die Spitze, die Episode rangiert allerdings nur knapp hinter den Platzhirschen, vielleicht bringt die nächste Sichtung sie weiter nach vorn. Im Rahmen der sechsten Box zählt sie bereits jetzt zu den Highlights!

7,5/10 (gut bis sehr gut)



Damit ist bereits die sechste Derrick-Box abgeschlossen, ich freue mich auf die bereits im Regal wartende Box 7. Zum Abschluss meine Lieblingsfolgen aus Box 6 (in chronologischer Reihenfolge):

• Folge 77 - Dem Mörder eine Kerze (Dietrich Haugk)
• Folge 82 - Eine ganz alte Geschichte (Zbynek Brynych)
• Folge 83 - Die Schwester (Helmuth Ashley)
• Folge 90 - Eine Rose im Müll (Günter Gräwert)

Sechs Folgen bewegen sich auf dem guten Durchschnittsniveau der Reihe (7/10), drei Folgen knapp darunter (6,5/10). Zwei Ergüsse bilden mit 6/10 den Bodensatz, beide wurden erstaunlicherweise von Alfred Vohrer inszeniert, der ansonsten eher für die Knüller verantwortlich zeichnet.

Box 6 bietet gewohnt solide Kost, die wenigen schwächeren Folgen werden locker durch die tollen Höhepunkte aufgefangen. Beide Daumen hoch!

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Vom Ursprung her verdorben

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

13.11.2011 14:35
#188 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Schock

Episode 20 der TV-Kriminalserie, BRD 1976. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Günther Stoll (Schröder), Johanna von Koczian (Renate Konrad), Christine Wodetzky (Helga Hoffmann), Vadim Glowna (Alfred Recke), Karin Baal (Frau Recke), Jürgen Draeger (Herr Hiebler), Dirk Galuba (Lusseck), Jan Hendriks (Schlott) u.a. Erstsendung: 5. Mai 1976, ZDF.

Zitat von Derrick: Schock
Zwei Halunken wollen ein Auto aufbrechen, werden jedoch von dessen Besitzer überrascht. Alfred Recke, einer der Ganoven, verliert den Kopf und schießt den Mann vor den Augen seines Sohnes nieder. Der Zehnjährige steht unter Schock, spricht bis zum nächsten Tag nicht. Dabei könnte er Derrick den entscheidenden Hinweis zur Überführung geben.


Endlich und leider auch zum letzten Mal taucht Derricks bessere Hälfte Renate Konrad auf, was ich dadurch noch zusätzlich begrüße, dass Herbert Reinecker ihr nun wirklich etwas zu tun gab und sie als Kinderpsychologin für den aus dem Gleichgewicht gebrachten Jungen eingesetzt wird. Sie kommt, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, mit Derrick gemeinsam an den Tatort, nachdem dieser seinen Ausflug in die Oper unterbrechen musste. Zwar freut er sich darüber, findet er doch, dass dort zu viel gesungen wird, doch manchmal muss man Menschen zu ihrem Glück zwingen – Derrick tut eine der seltenen Ruhepausen sicher auch einmal gut ...

„Schock“ überzeugt auch in anderen Punkten durch Reineckers unkonventionelle Geschichte: Das Verbrechen, eigentlich ein harmloser Autoklau, geht völlig schief und offenbart einen Blick auf die schrecklichen Folgen, die Gefahreninstinkt und Affekt hervorrufen können. Das Kind, das Zeuge ist und eine Sprachhemmung davonträgt, verdeutlicht die tragischen Züge von „Schock“. Es verliert den Vater und gibt Anlass zu einem zweiten Mord, der glücklicherweise nicht sein Ziel trifft, aber andererseits einen bedrückenden Twist hervorruft. Ich wäre fast geneigt, über den Tod von Heinz Recke als „ausgleichende Gerechtigkeit“ zu schreiben, wenn sich das, was man zu sehen bekommt, nicht wie ein Schlag in die Magengrube anfühlen würde.

In Übereinstimmung mit dem Script stehen die besten Darstellerleistungen, die bei Koczian und dem jungen Jörg Matthias Förster (endlich besetzte man einmal nicht Pierre Franckh als Zehnjährigen!), aber auch in Vadim Glownas Entsetzen übers eigene Tun sowie Karin Baals Porträt fataler Loyalität zu verorten sind. Baals Auftritt und eine Geheimtür im Schrank lassen zeitweise Assoziationen zum ebenfalls von Vohrer stammenden „Hund von Blackwood Castle“ aufkommen.

Etwas weniger schwer hätte die Gewichtung der düsteren Autogeschäfte von Lusseck ausfallen dürfen, auch wenn sie den Anhaltspunkt für Derricks Aufrollen des Falles bilden. Das Finale erhält in Vohrer-Manier diesbezüglich vordergründig eine Schlag-drauf-und-Schluss-Note, die die feinen Zwischentöne leider ein wenig überlagert. Angemerkt werden in Hinblick auf Derricks Zwiegespräche mit Lusseck muss Reineckers Vorliebe für Namen, die auf K enden oder deren letzte Silbe mit K beginnt. Auch anderweitig kreuzt man gern die Wege von Malenke, Laganke, Gerke, Rudek, Babeck, Schubelik, Karruska, Lansky, Bark und Co.

Ausgefallene Folge, die zeigt, dass man auch auf weniger plakative Weise als in „Tote Vögel singen nicht“ die harte Schiene bedienen kann. Der Tatsache, dass die Folge aufgrund des Kindermordes lange Zeit nach der Erstsendung nicht mehr ans Tageslicht geholt wurde, verdanken wir wohl die etwas muffige Bildqualität. Bei glasklarer Optik wie bei „Angst“ hätte mir Vohrers Drittling wahrscheinlich noch einen Tick besser gefallen und in dieser Hinsicht tun 5 von 5 Punkten trotz minimaler Abstriche nicht weh.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

13.11.2011 14:51
#189 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Pecko" (Folge 28)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Pierre Franckh, Karl Walter Diess, Stefan Behrens, Alexander Malachowsky, Jane Tilden, Harald Juhnke, Günther Stoll u.a. - Regie: Zbynek Brynych

Pecko, ein achtzehnjähriger Junge aus einfachen Verhältnissen, übt mit seinen Freunden im Hinterhof eines Hauses Radball. Als sein Ball aufs Nachbargrundstück springt, klettert er über die Mauer und sieht eine junge Frau aus einer Haustür stürzen. Sie ruft um Hilfe und bricht dann vor seinen Augen tot zusammen. Sie wurde hinterrücks mit einem Messer ermordet. Oberinspektor Derrick glaubt Pecko nicht, als dieser angibt, er habe den Mann im Hausflur nicht gesehen.
Pierre Franckh, der bereits in vier "Kommissar"-Folgen mitwirkte, gibt hier seinen "Derrick"-Einstand. Abweisend, teilweise rotzfrech fordert er den beharrlichen Oberinspektor heraus, der einfach nicht locker lässt und immer wieder dort auftaucht, wo der Junge seinen Tag vertrödelt. In bester Darstellung eines sich im Gefühlsaufruhr befindlichen Burschen, holt Franckh alles aus sich heraus und gibt sich je nach Situation unterwürfig-anbiedernd (bei seinem Bruder), überlegen (bei einem Lieferanten), konternd (bei Derrick) oder schüchtern-leutselig (bei der Freundin der Toten). Die Klaviatur der Stimmungen rauf und runter - so spielt Franckh und sorgt damit dafür, dass ein Mann wie Harald Juhnke nur Randfigur bleibt und erst am Ende der Geschichte für ein paar Minuten auftrumpfen kann.
Selbst Brynych hält sich zurück und konzentriert sich ganz auf seinen Jungschauspieler. Musikalische Beiträge wie "Für Elise" von Ludwig van Beethoven und Michael Holms "Tränen lügen nicht" unterstreichen die Atmosphäre aus falschen Versprechungen, kühnen Karriereträumen junger Menschen und knallharten Geschäften im Illegalen seitens zynischer Geschäftsmänner. Hier treten mit dem finsteren Alexander Malachowsky als abgeklärtem Ballettmeister (der sich die Zeiten zurückwünscht, in denen Elevinnen mit dem Stock gezüchtigt werden konnten) und dem ganz im Entertainer-Stil verhafteten Harald Juhnke zwei Männer auf, die mit Menschen handeln und sie -wie beim Ballett- biegen wollen. Und wer sich nicht biegt, der bricht.
Stefan Behrens als unrasierter Hausmeister sorgt nicht nur dafür, dass keine Unbefugten herumlungern, sondern übt auch brachiale Gewalt aus, wenn er dazu den Auftrag erhält. Einzig Jane Tilden als hysterische Mutter nervt und lässt den Brynych-schen "wilden Wust" (treffende Bezeichnung des Kritikers Blap) von der Leine.
Harry Klein erhält durch Kombinationen á Sherlock Holmes die Möglichkeit, seine Geistesblitze leuchten zu lassen, wird aber von dem im Büro ständig dazwischenfunkenden Beamten Schröder (Günther Stoll) unterbrochen. Interessanterweise tritt Stoll in jeder Folge des böhmischen Regisseurs auf, vermutlich rauchte man die selbe Marke.....

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

13.11.2011 14:55
#190 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Percy Lister im Beitrag #189
Pierre Franckh, der bereits in vier "Kommissar"-Folgen mitwirkte, gibt hier seinen "Derrick"-Einstand.

Denke an "Hoffmanns Höllenfahrt".
http://4.bp.blogspot.com/_vhHRdFxfumk/Su.../s1600-h/10.jpg

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

13.11.2011 21:15
#191 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Kalkutta

Episode 21 der TV-Kriminalserie, BRD 1976. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Hermann Lenschau (Harder), Karl-Michael Vogler (Herr Keppler), Eva Christian (Irene Wiloff), Pinkas Braun (Dr. Bergmann), Cornelia Boje (Anita Wenger), Josef Fröhlich (Herr Wenger), Walter Bluhm (Herr Bleiche), Richard Münch (Konsistorialrat) u.a. Erstsendung: 30. Mai 1976, ZDF.

Zitat von Derrick: Kalkutta
Vor einem todschicken Klub im Herzen Münchens geschieht ein Mord – eine Frau wird von einem Auto überfahren. Bei ihren Ermittlungen stoßen Stephan und Harry darauf, dass im Keller des Etablissements ein illegaler Spielklub betrieben wird. Doch die Leute, die dahinterstehen, haben noch anderen Dreck am Stecken ...


Sehr gefreut hatte ich mich auf die erste Begegnung zwischen Pinkas „Krimigesicht“ Braun und Horst „Derrick“ Tappert im Rahmen der Serie. Nun bleibt mir, zu hoffen, dass ihre späteren Begegnungen, so zum Beispiel in Tapperts erster Regiearbeit „Entlassen Sie diesen Mann nicht!“ (Folge 147), fruchtbarer ausfallen werden als in „Kalkutta“, wo Braun – welch eine Verschwendung – zu keinem Zeitpunkt im Verdacht des Zuschauers steht und zur Hälfte der Spielzeit plötzlich von der Bildfläche verschwindet. Mit diesem Bruch in der Handlung, der bei der Einführung der Seniorenresidenz im verschlafenen Örtchen Elsting anzusiedeln ist, werden wichtige Personen entweder fallengelassen, neu eingeführt oder so wackelig von A zu B überbrückt, dass ich nicht umhin komme, die Geschichte als arg konstruiert abzutun.

Zu den netten Momenten der Episode zählen alle Einstellungen, in denen Harry an Profil gewinnt, was hier tatsächlich überdurchschnittlich oft der Fall ist: Er darf tanzen (nach Derricks Ausflügen in „Pfandhaus“ und „Schock“ sei es ihm gegönnt), den Lauschangriff in der Bar durchführen, mit Berger rauchend und Kaffee trinkend die Nacht im Revier hocken und mit dem Kinderdarsteller, der im Abspann nicht zugeordnet wird, eins, zwei Sätze wechseln. Wäre die Rolle des Jungen stärker besetzt – erneut verweise ich auf den Vorgänger „Schock“ –, so würde der Subplot um das Versteck des belastenden Briefes auch noch einmal besondere Freude bereiten, wenngleich der Aufbewahrungsort für den geübten Konsumenten kein großes Rätsel darstellt.

Ansonsten lässt sich leider nicht viel Gutes über „Kalkutta“ sagen. Nach einem erstaunlich starken Einstieg mit „Tod am Bahngleis“ lieferte Alfred Weidenmann, der seine besten Zeiten im Kino der Fünfziger feierte und bei dem man sich fragen muss, ob er sich seitdem weiter- oder rückentwickelt hat, bereits mit „Ein Koffer aus Salzburg“ das Schlusslicht meiner Derrick-Box-1-Wertung ab. „Kalkutta“ unterbietet dieses Seherlebnis noch einmal, was nicht nur an der zweigeteilten Handlung, sondern auch an der gedehnten, Längen offenbarenden Inszenierung (die dann wiederum am Schluss nicht mehr genug Zeit hatte und hetzte) sowie der bedenklichen moralischen Schlagseite der Folge liegt. Wie viel Verantwortung dafür Reinecker und wie viel Weidenmann trägt, ist eine schwierige Frage, sicher ist jedoch, dass Weidenmann als Regisseur bei der Filmvorführungsszene im Altenheim den Karren höchstselbst in den Dreck gefahren hat: Die geschmacklose Zurschaustellung der Leiden senkt das Niveau der Folge noch einmal beträchtlich und hinterlässt nicht um des Gezeigten, sondern um der Zeigefreudigkeit willen einen schalen Beigeschmack. Um darauf aufmerksam zu machen, dass solche ewigen Weltprobleme existieren, braucht es keine fehlplatzierte und anbiedernde Werbung in einer ZDF-Sonntagabendserie. Symptomatisch für internationale Problembetrachtungen, wie sie „Kalkutta“ allein schon des Titels wegen dominieren, ist gleichfalls, dass Tragödien, die vor unserer eigenen Haustür geschehen, völlig übergangen werden. Reinecker und Weidenmann haben es sich also zur Aufgabe gemacht, Hunger und Elend in der damaligen dritten Welt zu thematisieren und ignorieren dabei geflissentlich, dass der Junge, der die Überführung der Täter sichert, zum Vollwaisen wird. Irgendwie pervers, diese Prioritätensetzung.

Pinkas Braun und Karl-Michael Vogler rufen gute Standardleistungen, aber zu keinem Zeitpunkt Glanzvorstellungen ab. Dazu bieten Drehbuch und Regie auch nicht genug Spielraum. Sie haben nur im Kopf, was nicht in den Korpus einer Serie wie „Derrick“ passt. Vielleicht hätte Reinecker das Script lieber beim „Kommissar“ unterbringen sollen. 2,5 von 5 Punkten.

Blap Offline




Beiträge: 1.128

14.11.2011 14:00
#192 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 7 (Folgen 91-105)

Folge 91 - Eine Falle für Derrick (Deutschland 1982)

Nach Dienstschluss erreicht Derrick ein anoymer Anruf, eine junge Frau bestellt ihn in ein Lokal vor den Toren Münchens. Angeblich hat sie wichtige Informationen zu einem brisanten Fall, Derrick und Klein ermitteln momentan gegen den Sohn (Hans-Georg Panczak) des berüchtigen "Gastronomen" Ludenke (Traugott Buhre). Nach einer längeren Wartezeit taucht niemand auf, der Oberinspektor fährt mit seinem PKW zurück nach Hause. Der nächste Morgen hält eine unangenehme Überraschung bereit, ein Radfahrer wurde angefahren und tödlich verletzt, die am Unfallort aufgefundenen Splitter lassen sich eindeutig dem Fahrzeug Derricks zuordnen. Tatsächlich war Derrick auf der Strasse des Unfalls unterwegs, lag zum Zeitpunkt des Vorfalls aber bereits friedlich schlummernd im Bett. Harry glaubt seinem Freund und Kollegen ohne Vorbehalte, der zuständige Staatsanwalt (Werner Kreindl) scheint jedoch von der Schuld des Kriminalbeamten überzeugt. Derrick und Klein stellen auf eigene Faust Nachforschungen an, treffen während ihrer Ermittlungen auch auf die bettlägerige Witwe des getöteten Radfahrers, sowie deren fürsorgliche Tochter Maria (Cornelia Froboess). Das tragische Schicksal der Familie nagt an der Substanz des Oberinspektors, erstaunlicherweise scheint der kernige Journalist Mühlau (Tommi Piper) an einer fairen Berichterstattung interessiert zu sein. Maria nimmt an den Recherchen der Kriminalisten teil, die Hinweise in Richtung Ludenke verdichten sich...

Horst Tappert darf diesmal eine verletztbare Seite Derricks aufzeigen, dem die Vorwürfe gegen seine Person zwar zusetzen, der aber in erster Linie Mitgefühl für die Hinterbliebenen des angeblichen Unfalls aufbringt. Tappert bringt sämtliche Facetten des Oberinspektors gekonnt rüber, Autor Reinecker legte seinem besten Pferd im Stall wieder einige philosophische Ausführungen in den Mund. Diese Folge untermauert die Stärke der Freundschaft zwischen Stephan Derrick und Harry Klein, Tappert und Wepper ergänzen sich perfekt. Joachim Wichmann und Werner Kreidl stellen die kalte Fratze der Ermittlungsbehörden dar, die selbst auf das Wort eines seit vielen Jahren absolut zuverlässigen Beamten pfeifen, teils sogar mit Anflügen von Zynismus reagieren. Cornelia Froboess hatte in den Folgen 37 (Via Bangkok) und 51(Ute und Manuela) denkwürdige Auftritte, auch als Tochter des Unfall/Mord(?)-Opfers lässt sie sich nicht lumpen. Tommi Piper tritt als harter aber fairer Journalist auf, der Derrick klar die Meinung sagt, ihn aber gleichzeitig mit wichtigen Informationen versorgt. Die Ambivalenz macht diesen Charakter interessant, Piper spielt gewohnt solide. Traugott Buhre und Hans-Georg Panczak überzeugen als widerliches Vater-Sohn-Gespann, eine reizvolle Konstellation, denn Buhre und Panczak waren bereits in Folge 43 (Ein Hinterhalt) als Vater & Sohn zu sehen. Buhre kann hier zwar nicht so großartig wie in Folge 32 (Eine Nacht im Oktober) auftrumpfen, geht aber dennoch locker als perfekt besetzter Fiesling durch. Inge Birkmann sehen wir als ängstliche Zeugin, über deren Ecken und aufkeimenden Mut sich einige finstere Gestalten nicht freuen, Walter Doppler gerät als ihr Sohn in die Fänge des Verbrechens. Diese Episode bietet erneut Schauspiel auf hohem Niveu, Tappert und Wepper sind überragend!

Derrick geht es an den Kragen. Wie verhält sich ein -offensichtlich unschuldiger- Diener des Gesetzes, wenn ihm plötzlich eine verabscheuungswürdige Straftat unterstellt wird, wenn zunächst kein Licht am Ende des Tunnels erkennbar scheint? Herbert Reinecker nutzt clever die Chance/Eigenvorlage, hängt seinem Helden noch mehr Fleisch auf das Charaktergerüst, hält ihm mit dem von Tommi Piper dargebotenen Pressefritzen einen ironisch gefärbten Spiegel vor die Nase. Tappert unterstreicht sehr, sehr eindrucksvoll, warum er die beste Wahl für die Rolle des Serienermittlers darstellt, fügt dem "typischen Derrick" weitere Tiefe hinzu, lässt ihn aber nicht zu einem weinerlichen Waschlappen verkommen. Vielleicht ist die Tragik um die Familie des Getöteten fast eine Spur zu dick aufgetragen, doch sie passt ohne Zweifel zum Tenor von "Eine Falle für Derrick". Wie schon die vorherige Folge (Eine Rose im Müll), hätte auch die Mausefalle für Derrick gut und gern den Stoff für einen abendfüllenden Spielfilm hergegeben. Mich hätte durchaus interessiert, wie die Herren von der internen Ermittlung und Staatsanwaltschaft ihrem besten Mann nach dessen Entlastung begegnet wären. Naja, man kann es sich lebhaft vorstellen, schleimige Entschuldigungen und Ausreden wären aus ihren Mündern gequollen. Box 7 legt einen guten Start hin, ich freue mich auf die weiteren Folgen (das schreibe ich wohl immer, aber so ist es eben). Am Rande: Derrick fährt diesmal einen fetten Ford Mustang, diese maßlose Dekadenz kann nur in Schwierigkeiten münden...

7/10 (gut)

***

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Blap Offline




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15.11.2011 08:26
#193 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Der Fehlersatan war unterwegs: Niveu = Niveau

***

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Blap Offline




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20.11.2011 16:16
#194 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 7 (Folgen 91-105)

Folge 92 - Nachts in einem fremden Haus (Deutschland 1982)

Werner Stettner (Stefan Behrens) und seine Gattin Hilde (Susanne Beck) sind nach einer Party auf dem Heimweg. Das Ehepaar wird durch eine lästige Reifenpanne ausgebremst, zu allem Überfluss erweist sich auch der Ersatzreifen als unbrauchbar. Sie haben vor einem Privatgrundstück angehalten, sehen im Haus noch Licht brennen, die Haustüre steht offen. Obwohl sich seine Frau zunächst ziert, betritt Werner Stettner das Gebäude, der junge Mann macht sich mehrfach bemerkbar, erhält aber keinerlei Antwort. Eine unerwartete Entdeckung schockt die Eheleute, auf dem Fußboden liegt ein toter Mann, auf dem Weg nach draussen sehen sie einen PKW hektisch davonrasen, ihr eigenes Auto wird durch ein unglückliches Manöver des anderen Fahrers leicht beschädigt. Endlich auf der nächsten Polizeiwache angekommen, erwischen die Stettners dort noch Derrick und Klein, die die aufgeregten Zeugen umgehend zum vermutlichen Tatort begleiten. Dort öffnet ihnen die mürrische Haushälterin Frau Baum (Marilene von Bethmann), die nichts von den geschilderten Vorfällen bemerkt haben will, auch der wenig später auftauchende Hausherr Dr. Stoll (Heinz Bennent) und dessen Verwandter Erich Steuber (Thomas Astan) sind ratlos. Tatsächlich ist keine Leiche auffindbar, Spuren sind ebenfalls Mangelware. Dennoch glaubt Derrick nicht an einen üblen Scherz der Eheleute Stettner, das seltsame Verhalten Dr. Stolls weckt den Spürsinn des Ermittlers...

Heinz Bennent war schon mehrfach in der Reihe zu sehen, diesmal darf er ganz groß aufspielen. Seine Darbietung ist unglaublich exzentrisch, regelrecht bizarr, Bennent hat herrliche Szenen mit Horst Tappert, bei denen mich seine wirren Ausführungen -und der daraus resultierende Gesichtsausdruck Tapperts- fast vom Sofa gehauen haben, großartig, gigantisch, galaktisch! Vor allem unbeschreiblich, ich rate dringend zur Sichtung! Überhaupt mutet diese Folge wie ein Treffen der "Derrick-Veteranen" an, Thomas Astan spielte bereits in "Lissas Vater" (48) an der Seite von Heinz Bennent, in "Besuch aus New York" (60) überzeugte er als grenzdebiler Privatschnüffler. Hier bleibt Astan ein wenig im Hintergrund, wird (wie fast alle anderen Beteiligten) von Bennent an die Wand gespielt. Susanne Beck und Stefan Behrens sind ebenso "alte Bekannte", als offenbar glückliches Ehepaar fallen ihnen ungewonht zahme, normale Rollen zu. Marilene von Bethmann gruftet die freundlichen Beamten mit Ausdauer an, Ullrich Haupt gibt sich undurchsichtig, Hans Quest und Edith Schneider sind in kleinen Nebenrollen zu sehen. Wie immer eine starke Truppe, angeführt von Heinz Bennent, veredelt durch Horst Tappert!

Zunächst kommt "Nachts in einem fremden Haus" sehr mysteriös daher, bietet kaum einen greifbaren Ansatz für eigene Ermittlungen des Zuschauers. Nach und nach wird der Nebelschleier dünner, durchschaubarer, das Ende setzt jedoch mit einer kleinen und gelungenen Überraschung ein erneutes Ausrufezeichen. Der aufmerksame Zuschauer wird eventuell kleine Logikfehler bemängeln, mich stören diese vermeintlichen Ungereimtheiten freilich nicht, Logik ist eine "phantasiehemmende" Seuche. Ich verrate sicher nicht zu viel, Gier, Gier und Gier treibt die "Bösewichter" mit fatalen Folgen an. Helmuth Ashley sitzt inzwischen fest im Sattel, schon seit einiger Zeit habe ich nichts mehr an den von ihm inszenierten Folgen zu bemängeln. Auch hier lässt sich der Regisseur nicht lumpen, lässt seine Trümpfe Heinz Bennent und Horst Tappert gewähren, das grandiose Ergebnis wird mir nachhaltig im Gedächntnis bleiben! Über den Abspann hat Hans Hammerschmid eine hübsche ("irgendwie grotesk") tönende Komposition gelegt, die wie die berühmte Faust aufs Auge zu dieser Episode aus dem "Derrick-Universum" passt. Mindestens eine gute Folge, mein massiver Lachanfall sorgt für eine weitere Aufwertung, vielen Dank dafür!

7,5/10 (gut bis sehr gut)

***

Vom Ursprung her verdorben

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

20.11.2011 20:10
#195 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Der Mann aus Portofino" (Folge 29)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Kurt Meisel, Eva Rieck, Alexander Golling, Maresa Hörbiger, Reinhard Kolldehoff, Ursula von Reibnitz, Amedeo Nazzari, Günther Stoll, Karl Tischlinger u.a. - Regie: Dietrich Haugk

Einem Häftling gelingt es durch eine eingeschleuste Pistole aus der Strafanstalt zu entkommen. Kaum in Freiheit, wird er erschossen. Er hatte ein Auto geklaut, dessen Besitzer seitdem verschwunden ist. Derrick versucht, den Mord an dem Häftling auf diese Weise aufzurollen und ermittelt in dem Hotel, in dem Dr. Pinaldi, der Besitzer des gestohlenen Wagens, abgestiegen ist.
Harry Klein erhält in dieser Folge Gelegenheit, seinem Vorgesetzten Derrick die Gepflogenheiten seiner bayrischen Heimat nahezubringen. Im Luftkurort Murnau, der zwischen Staffel- und Riegsee südlich des Starnberger Sees liegt, treffen die beiden Kriminalbeamten aus München auf urige Landwirte; wettergegerbte Polizisten, die es gemütlich angehen lassen und feudale Gutsbesitzer, die edle Pferde ihr Eigen nennen. Oberinspektor Derrick macht bald mit dem allgegenwärtigen Schnupftabak Bekanntschaft; eine Entdeckung, die er zunächst ablehnt, worauf man ihn als "Zuagroaster" betitelt. Bald führt er jedoch sein eigenes Döschen mit sich und nimmt immer wieder eine Prise des schwarzen Nasenkitzlers, was für humorige Momente sorgt. Durch den Lokalbonus hat Harry diesmal mehr Bewegungsfreiheit als in München. Weniger Spielraum haben dagegen die beiden weiblichen Darstellerinnen Maresa Hörbiger und Eva Rieck. Während die Erstgenannte auf dem Bauernhof von Onkel und Tante schuften muss und Prügel bezieht, wenn sie mit Fremden spricht, genießt die Gutsbesitzertochter zwar größeren Komfort, doch die Grenzen ihres vornehmen Reichs sind ebenso eng gesteckt wie der Parcours, den sie mit ihrem Reitpferd bewältigt. Gegen die Verschwiegenheit ihres Vaters und des Gutsverwalters ist sie ebenso machtlos wie Derrick im Gespräch mit dem sturen vorbestraften Bauern, den Alexander Golling in seiner unbeherrschten, grantigen Art bestens verkörpert. Das Verschwinden des italienischen Arztes Dr. Pinaldi verbindet die Welt des Ackerbaus und der Viehzucht mit dem herrschaftlichen Ambiente des Adels. Dazwischen steht mit Reinhard Kolldehoff ein ungeschliffener Grobklotz, von dem man jede Minute erwartet, dass er seine Hacken zusammenschlägt und die Hand zum Hitlergruß hebt. Anspielungen darauf gibt es im Finale, als Derrick ihn bittet, "bequem" zu stehen. Ein weiterer Pluspunkt ist der Gastdarsteller Amedeo Nazzari als Dr. Pinaldi. Ein Mann, der eine Wandlung durchläuft und dessen Person geheimnisumwittert bleibt, da er immer nur in Rückblende zu sehen ist. Er sieht direkt in die Kamera und wird aus der Perspektive seines Gegenübers gefilmt - nie zeigt man ihn mit der Person, mit der er gerade redet. Die Beweggründe für seine Ermordung und die Beseitigung der Leiche im Ried (Moor) werden dezent und behutsam aufgearbeitet, wobei sich der Zuseher fragen darf, wen er verurteilen soll: die Mörder oder den Auftraggeber.
Spannende Folge mit hübschen Motiven, die Derrick und dem Publikum frische Luft und Abwechslung gönnt.

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