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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Offline




Beiträge: 15.315

07.04.2018 15:50
#586 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Der Mord an Frau Klett

Zitat von Der Kommissar: Der Mord an Frau Klett
Man hat sie weggeworfen wie eine alte Puppe: Die arbeits- und antriebslose Frau Klett, die zur Untermiete bei Nachtklubkellner Wachsner wohnte, wurde zunächst mit mehreren Messerstichen getötet und dann in einem Abfallcontainer entsorgt. Es zeigt sich, dass Wachsner und seine andere Mieterin, Frau Schilp, nach Frau Kletts Tod nun eine Heidenangst haben und falsche Angaben machen. Was ist ihr Geheimnis? Ein zweiter Weg zum Mörder führt über die Familie von Frau Klett, die sich in den letzten Jahren völlig auseinandergelebt hatte. Während ihr Mann sich mit dem Nachahmen von Tierstimmen über Wasser hält, sinnt ihr Sohn nach Rache für den Tod seiner Mutter ...


Es wird dem Zuschauer dieser Folge schwer gemacht, Mitleid für die Personen des gezeigten schäbigen Milieus zu entwickeln, da diese ihren Platz am unteren Ende der Gesellschaft nicht zu Unrecht einnehmen. Ihnen ist kein höheres Unrecht widerfahren; es ist ihre eigene Kraft- und Charakterlosigkeit, die sie in einem Ellenbogensystem nach unten „durchrutschen“ lässt. Frau Klett, ihr Mann und ihr Sohn gehören zu jenen Menschen, die bass erstaunt sind, wenn man ihnen die Frage stellt, warum sie eigentlich nicht arbeiten – weil sie auf diese Idee aus reiner Bequemlichkeit nie gekommen wären. So schlagen sie sich eher schlecht als recht durchs Leben und finden ihre „Endstation“ entweder auf dem Parkplatz des Tierparks Hellabrunn, unter der Wittelsbacher Brücke oder in der Wohnung von Kellner Wachsner, den Alfred Balthoff derart schmierig-wehleidig und dabei zugleich hinterhältig-verschlagen porträtiert, dass man ihm noch 40 weitere Leidensjahre als Kellner an den Hals wünscht.

Die tristen Lebensumstände werden leider in einer etwas provokanten Art vor die Kamera gehalten, sodass sie wie gewolltes Beiwerk wirken, was vor allem in den langen Monologen deutlich wird, die Balthoff auf dem Revier vor der Pensionsempfängerin in spe Rehbein hält. Sie bringen weder den Fall voran, noch tragen sie auf positive Weise zum Ausbau bestimmter Figuren bei. Was hingegen gut gelungen ist, ist die Verdeutlichung der Angst, die sich nach Frau Kletts Tod bei Herrn Wachsner und Frau Schilp bemerkbar macht. Schon das dreimalige Klingeln an der Tür – ein untrügliches Zeichen dafür, dass jemand zu Frau Klett will – versetzt sie in Aufruhr. Die Fragen der Polizei beantworten sie fahrig und ausweichend, greifen zu offensichtlichen Lügen und Verschleierungen. Hier wird ein solides Mysterium aufgebaut, das allerdings letztlich in eine Thematik mündet, die man beim „Kommissar“ zu häufig gesehen hat und die hier – auch dank schwacher Hintermänner – wenig beeindruckend wirkt.

Ebenso wie in „Das Ende des Humoristen“ spielt neben Balthoff auch hier bereits Hanns-Ernst Jäger eine tragisch-abgewrackte Rolle, die der des depressiven Komikers nicht unähnlich ist. Auch diesmal schreckt Jäger vor totaler Selbsterniedrigung nicht zurück und reist schon in seiner ersten Szene weit den Mund auf, um das Schreien eines Esels nachzumachen. Filmsohn Vadim Glowna spult eher unmotiviert das typische Sohn-will-Tod-des-Verwandten-rächen-Programm ab; seine Glanzstunde früher „Kommissar“-Tage ist eindeutig eher in „Auf dem Stundenplan: Mord“ zu verankern. Im Vergleich dazu prägt sich Mordopfer Ursula Klett, gespielt von Else Knott, deutlich mehr ein, weil ihre Fotografie immer wieder gezeigt wird und sie auch ein paar herbe, nicht wirklich vorteilhafte Kurzauftritte in Rückblenden hat.

Inmitten der Trostlosigkeit sucht das Team um Kommissar Keller nach Zerstreuung und Aufheiterung, nachdem ihnen die übel zugerichtete Leiche im Müllcontainer auf den Magen geschlagen ist. Vielleicht etwas zu verspielt, machen sie aus der Wahrheitsfindung diesmal einen Wettbewerb, in dem der Senior gegen seine Assistenten um den schnellsten Weg zur Lösung antritt. Stellenweise wähnen sich Walter, Robert und Harry uneinholbar weit im Vorsprung – Harry versteigt sich sogar zur Aussage „Es sieht ganz so aus, als sitzt der Chef auf dem falschen Dampfer“, was von Rehbein mit dem Kommentar „Das wäre das erste Mal“ abgebügelt wird. Am Ende müssen die jungen Büßer reuig feststellen, dass die Weisheit ihres Chefs wie üblich keine Grenzen kennt und viele Wege zur gleichen Zeit nach Rom – oder vielmehr in den Nachtklub „Remise“ – führen.

Die Geschichte einer Verliererin, die ihr Leben verwirkte, als sie an das große Geld kam, wird von Dietrich Haugk erstaunlich unrund präsentiert. Zwar liefert er am Ende ein temporeiches Finale, doch die Folge erweckt in Gänze wenig Anteilnahme oder Mitfiebern. Ein möglicher Grund hierfür ist der eher höhepunktslose Cast, dessen einzelne Mitwirkende man in anderen Folgen eindrucksvoller sah. Die markanten Klänge aus Peter-Thomas-Feder reichen nicht, um dem drögen Plot genug Leben einzuhauchen.

(3 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein, der ob der Kaltblütigkeit des Mörders Trost bei Rehbein und einem großen Bier sucht
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 73: Episode 25 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Alfred Balthoff, Hanns-Ernst Jäger, Vadim Glowna, Else Knott, Hilde Volk, Laurence Bien, Siegfried Kretschmer, Ursula Barlen u.a. Erstsendung: 9. Oktober 1970.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.315

07.04.2018 20:35
#587 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar-Countdown: Zwischenwertung Box 2

Ich kann nur ein wenig entgeistert auf die Zahlen blicken, wenn ich bedenke, dass ich geschlagene dreieinhalb Jahre gebraucht habe, um mich durch die „Kommissar-Kollektion 2“ durchzuackern (Beginn im September 2014). Mehrfach hatte ich die Serie über lange Zeiträume aus der Hand gelegt, um sie dann wieder mit positiver Überraschung zur Hand zu nehmen. Das, was Ringelmann und Reinecker präsentieren, ist nämlich fast durchweg gute Krimi-Unterhaltung mit einigen absoluten Highlights („Der Moormörder“, „Traum eines Wahnsinnigen“), wobei sich in dieser Kollektion stärker als in ihren Vorgängern auch einige wenige wirklich schwache Folgen bemerkbar machen. Meine Rangliste bildet folglich das komplette Spektrum ab – jede mögliche Punktzahl habe ich in den 25 letzten „Kommissar“-Ermittlungen mindestens einmal vergeben. Meine zeitliche Prognose bezüglich eines möglichen „Kommissar“-Grandprix – vom Juni 2013! – muss ich allerdings selbst ob des Vorhabens, mir mit Kollektion 1 nicht so viel Zeit zu lassen, deutlich nach hinten korrigieren:

Zitat von Gubanov im Beitrag #416
Mit 97 Folgen? Ein Grandprix-Marathon wäre das. Und bitte erst, wenn ich mit der Serie durch bin. Dürfte so in zirka eins, zwei Jahren der Fall sein.



Dies ist meine persönliche Hitliste für die Fälle der zweiten Kollektion (Hut ab, Herr Becker!):

Platz 01 | ★★★★★ | Folge 43 | Traum eines Wahnsinnigen (Becker)
Platz 02 | ★★★★★ | Folge 29 | Der Moormörder (Becker)
Platz 03 | ★★★★★ | Folge 34 | Der Tote von Zimmer 17 (Becker)

Platz 04 | ★★★★☆ | Folge 32 | Die Anhalterin (Staudte)
Platz 05 | ★★★★☆ | Folge 49 | Ein Amoklauf (Becker)
Platz 06 | ★★★★☆ | Folge 40 | Der Tod des Herrn Kurusch (Grädler)
Platz 07 | ★★★★☆ | Folge 45 | Schwester Ignatia (Haugk)

Platz 08 | ★★★★★ | Folge 26 | Die kleine Schubelik (Tressler)
Platz 09 | ★★★★★ | Folge 42 | Ein rätselhafter Mord (Staudte)
Platz 10 | ★★★★★ | Folge 27 | Anonymer Anruf (Käutner)
Platz 11 | ★★★★★ | Folge 39 | Als die Blumen Trauer trugen (Haugk)
Platz 12 | ★★★★★ | Folge 46 | Überlegungen eines Mörders (Haugk)

Platz 13 | ★★★☆★ | Folge 35 | Lisa Bassenges Mörder (Staudte)
Platz 14 | ★★★☆★ | Folge 30 | Besuch bei Alberti (Staudte)
Platz 15 | ★★★☆★ | Folge 28 | Drei Tote reisen nach Wien (Haugk)
Platz 16 | ★★★☆★ | Folge 41 | Kellner Windeck (Ode)

Platz 17 | ★★★★★ | Folge 44 | Die Tote im Park (Staudte)
Platz 18 | ★★★★★ | Folge 25 | Der Mord an Frau Klett (Haugk)
Platz 19 | ★★★★★ | Folge 33 | Lagankes Verwandte (Becker)
Platz 20 | ★★★★★ | Folge 47 | Tod eines Schulmädchens (Grädler)

Platz 21 | ★★☆★★ | Folge 36 | Tod eines Ladenbesitzers (Staudte)
Platz 22 | ★★☆★★ | Folge 48 | Toter gesucht (Grädler)

Platz 23 | ★★★★★ | Folge 38 | Grau-roter Morgen (Grädler)

Platz 24 | ★☆★★★ | Folge 31 | Ende eines Tanzvergnügens (Staudte)

Platz 25 | ★★★★ | Folge 37 | Die andere Seite der Straße (Grädler)

Jan Offline




Beiträge: 1.308

09.04.2018 22:52
#588 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Dieser Gesamtschau auf die zweite Box kann ich ziemlich zustimmen. Nur wenige Episoden stufe ich anders ein. Hierzu zählen "Drei Tote reisen nach Wien" und "Der Tod des Herrn Kurusch" ebenso wie "Das Ende eines Tanzvergnügens".

So sieht meine Liste aus:

Platz 01 Traum eines Wahnsinnigen (Becker)
Platz 02 Ein Amoklauf (Becker)
Platz 03 Der Moormörder (Becker)
Platz 04 Der Tote von Zimmer 17 (Becker)
Platz 05 Drei Tote reisen nach Wien (Haugk)
Platz 06 Die Anhalterin (Staudte)
Platz 07 Schwester Ignatia (Haugk)
Platz 08 Die kleine Schubelik (Tressler)
Platz 09 Anonymer Anruf (Käutner)
Platz 10 Ende eines Tanzvergnügens (Staudte)
Platz 11 Ein rätselhafter Mord (Staudte)
Platz 12 Kellner Windeck (Ode)
Platz 13 Die Tote im Park (Staudte)
Platz 14 Lisa Bassenges Mörder (Staudte)
Platz 15 Besuch bei Alberti (Staudte)
Platz 16 Überlegungen eines Mörders (Haugk)
Platz 17 Der Mord an Frau Klett (Haugk)
Platz 18 Lagankes Verwandte (Becker)
Platz 19 Tod eines Schulmädchens (Grädler)
Platz 20 Der Tod des Herrn Kurusch (Grädler)
Platz 21 Tod eines Ladenbesitzers (Staudte)
Platz 22 Als die Blumen Trauer trugen (Haugk)
Platz 23 Toter gesucht (Grädler)
Platz 24 Die andere Seite der Straße (Grädler)
Platz 25 Grau-roter Morgen (Grädler)

Gruß
Jan

Gubanov Offline




Beiträge: 15.315

10.04.2018 19:08
#589 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Hey, da sind wir ja wirklich ziemlich d'accord - mit Ausnahme der wenigen genannten Folgen und vielleicht auch "Als die Blumen Trauer trugen". Ganz klar ist hier Wolfgang Beckers Stärke und eine vergleichsweise schwache Phase für Theodor Grädler.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.315

21.04.2018 15:15
#590 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Eine Kugel für den Kommissar

Zitat von Der Kommissar: Eine Kugel für den Kommissar
Schüsse peitschen über die abendliche Straße mitten in den Vorgarten des Ehepaars Keller hinein. In der Schusslinie: der Kommissar selbst. Mit einer leichten Verletzung am Arm geht die Sache für den Kriminaler glimpflich aus, aber auf das missglückte Attentat folgt bald ein einschüchternder Anruf, der einen weiteren, diesmal tödlichen Anschlag ankündigt. Weil die Polizei zunächst ratlos scheint, sucht die Kommissarsgattin rasch Unterstützung beim hilfsbereiten Spitzel Diebach. Diebach merkt, dass mit den Gaunern, die die Kugel für den Kommissar abfeuerten, nicht zu spaßen ist – doch da gibt es für ihn und Franziska Keller schon keinen Weg mehr zurück ...


Dass es Schurken gibt, die es aus Rache auf das Leben von Kommissar Keller abgesehen haben, ist bei dessen autoritärer, bisweilen selbstgerechter Art wenig verwunderlich. Wie schnell es in „Eine Kugel für den Kommissar“ jedoch ans Eingemachte geht, kommt schon überraschend, denn das Attentat erfolgt noch vor der Titeleinblendung der Folge. Dadurch dass die Unbekannten ihre Schießübungen unmittelbar vor Kellers Haustür durchführen, gerät der Fall von Anfang an sehr persönlich. Die erste Lagebesprechung findet prompt im heimischen Wohnzimmer statt und der Verletzte fürchtet in Anbetracht des Ansturms seiner Bürokollegen, anbauen zu müssen. Bemerkenswert in dieser Szene ist, dass die vier geschulten Ermittler alle nicht auf die Idee kommen, die Rolläden zu schließen, worauf erst Helga die Herren hinweisen muss. Auch später legt Herbert Keller eine wagemutige, ja selbstmörderische Gleichgültigkeit gegenüber den Schützen an den Tag, als er sich am helllichten Tage allein auf offener Straße bewegt. Bestünde die Bande um die Rosse-Brüder nicht aus elenden Dilettanten, wäre nach 24 Folgen „Kommissar“ wohl Schluss gewesen ...

Die langen Szenen im Haus der Kellers sowie die offensichtlich konstruierten Telefonanrufe mit diversen verräterischen Geräuschen im Hintergrund tragen nach dem fixen Intro leider nur wenig zur Spannungssteigerung bei. Auch Franziska Kellers erste Kontakte zum Spitzel Diebach ziehen sich ein wenig. Es wird sich gegenseitig beschnüffelt und soziale Unterschiede gewinnen die Oberhand gegenüber dem eigentlichen Anliegen der Hobbydetektivin. Das wird später ausgebügelt, weil sowohl die Szenen im Billardraum der verdächtigen Kneipe als auch beim Einbruch in die Wohnung des Unterweltlers Leppich sehr stimmige Momente der Bedrohung kreieren. Alles in allem gestalten sich Plot und Inszenierung dennoch nur durchschnittlich, weil sowohl Realitätssinn als auch starke Verbrecherfiguren weitgehend fehlen. Löwitsch darf als prolliges Alphatier zwar sein Revier am Billardtisch markieren, die Rückbezüge zum „Fall Helga König“ wirken aber pflichtschuldig und wenig überzeugend, sodass die Rosses und ihr Komplize Leppich letztlich wenig Substanz aufweisen. Den eigentlichen Schützen sieht man sogar erst in der letzten Szene – seine stumme Rolle, die sich darauf beschränkt, eine Pistole in Händen zu halten und am Ende tot aus dem Fenster zu baumeln, übernahm pragmatischerweise Aufnahmeleiter Harald Vohwinkel (der Kenner fühlt sich an ähnliche in Mörderkostüme gesteckte Crewmitglieder bei den Edgar-Wallace-Filmen erinnert).

Für Rosemarie Fendel bedeutete „Eine Kugel für den Kommissar“ den Abschied aus der Serie. In sieben anderen Folgen war sie als eher unauffällig-untertänige Ehefrau des paternalistischen Ermittlers zu sehen – für „Eine Kugel für den Kommissar“ gestattete ihr der ähnlich traditionell gesinnte Herbert Reinecker einen etwas umfangreicheren, selbstbestimmten Schwanengesang. Während Fendel im Gespräch mit ihrem Gatten aufdringlich naiv wirkt, entfaltet sie im Zusammenspiel mit Harald Juhnke im Laufe ihrer gemeinsamen Szenen eine gewisse komödiantische Chemie, die sich nicht zuletzt aus der Unglaubwürdigkeit der Situation und beider Rollen speist. Für die Serienlogik war das plötzliche Ausscheiden und Verleugnen der Fendel-Rolle vielleicht ein empfindlicher Schnitzer (man hätte sie wenigstens hier und da erwähnen können); aus rein erzähldramaturgischer Sicht heraus muss man Franziska Keller hingegen keine Tränen nachweinen.

Action und Emotionen gehen in „Eine Kugel für den Kommissar“ vor Logik und Wahrscheinlichkeit. Die Episode hält schöne Rollen für alle regulären Teammitglieder bereit, vergisst darüber aber stellenweise die stringente Entwicklung der Handlung, die letztlich als etwas lapidar enttäuscht, wenngleich Spannung und fiese Typen, Angst- und Trinkanlässe reichlich vorhanden sind.

(3,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller behandelt seine überengagierte Frau wie Luft
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 74: Episode 24 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Erik Ode. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz, Rosemarie Fendel. Unter Verdacht: Harald Juhnke, Klaus Löwitsch, Horst Michael Neutze, Gert Günter Hoffmann, Angelika Zielke, Helga Endler, Johannes Buzalski, Harald Vohwinkel u.a. Erstsendung: 18. September 1970.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.315

23.04.2018 18:00
#591 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Tödlicher Irrtum

Zitat von Der Kommissar: Tödlicher Irrtum
Mitten in der Nacht will ein Mann bei Pfarrer Krüger beichten: Er habe einen Mord auf dem Gewissen – den an der Unternehmerin Maria Dönhoff. Der Haken: Frau Dönhoff lebt, aber ihre Näherin wurde erwürgt ... ein tödlicher Irrtum! Da der Pfarrer zum Schweigen verpflichtet ist, bleibt die Aufgabe, den Mörder zu finden, an Kommissar Keller hängen. Er und sein Team begegnen den Schmarotzern, die Frau Dönhoff um sich schart, mit äußerstem Misstrauen. Einer von ihnen ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der gesuchte Killer. Und er könnte seine Tat wiederholen ...


Reinecker entwarf mit „Tödlicher Irrtum“ eine Blaupause für diverse später folgende Krimi-Episoden ähnlicher Färbung, in denen Mördersuche und Beichtgeheimnis gegeneinander ausgespielt werden. Seine Inspiration dazu dürfte aus dem Alfred-Hitchcock-Universum mit dessen Film „I Confess“ von 1953 entlehnt sein. Im Gegensatz zu Hitchcocks Drama gelang es Reinecker und Regisseur Wolfgang Becker jedoch, den Fall trotz anfänglich gezeigter Nachtbeichte als Whodunit aufzubauen, was der Auftaktszene einiges an Kamera- und Beleuchtungsraffinesse abforderte. Die düsteren Bilder, die Rolf Kästel durch geschlossene Fensterläden und Beichtstuhlvorhänge schoss, schaffen eine faszinierende Stimmung, die im Hause Dönhoff leider nicht ganz lückenlos aufrechterhalten werden kann. Dort, in Agnes Finks Refugium, herrschen Misstrauen und Anspannung, aber es machen sich eben auch einige Längen bemerkbar. Unter den frühen Wolfgang-Becker-Inszenierungen muss „Tödlicher Irrtum“ deshalb schlussendlich als eine der durchschnittlicheren Folgen gelten.

Agnes Fink schafft es, einigen Leerlauf in der Folge allein mit ihrer nonchalanten Art, eine Zigarettenspitze zwischen den Zähnen zu balancieren, auszugleichen. Ihr Charakter Maria Dönhoff wird von anderen als eine Frau mit herber Ausstrahlung und unterkühlten Umgangsformen beschrieben – die Vorurteile altvorderer Besserwisser gegenüber arbeitenden Frauen brechen sich in einigen Bemerkungen, die Reinecker den Figuren in den Mund legte, Bahn. Aber gerade in dieser Hinsicht ist der gescheiterte Mord ein willkommener Anlass zur Offenheit: Die Beteiligten legen das Arrangement mit dem Alltag und die routinierte Höflichkeit einander gegenüber ab und beginnen in dem gleichen Maße, in dem Maria Dönhoffs Angst steigt, Tacheles zu reden. Gerade weil die Herren, welche die Todgeweihte umgeben, wenig eigene Lebensleistung vorzuweisen haben, wirken ihre Trotzreaktionen im Wesentlichen unsympathisch und tragen folglich bestens dazu bei, Verdachtsmomente zu nähren. Dabei bringen sich vor allem Anton Diffring und Thomas Astan auf zwielichtige Weise ein, während Konrad Georgs Figur eher Füllcharakter besitzt und es in Ermangelung eines fahrbaren Untersatzes nächtens kaum bis zu Pfarrer Krügers abgelegener Dorfkirche geschafft hätte. Tony Stahls interessanter Hausbursche steht leider nicht auf Augenhöhe mit den anderen Bewohnern. Das absolut herausragendste Kabinettstück wird im Gegenzug von Kurt Ehrhardt präsentiert, der den greisen und schwerhörigen, aber absolut listigen Steuerberater, der von allen unterschätzt wird, mit verschmitzter Verachtung spielt. Kurioserweise nistet sich so gerade eine weitere Person, die als potenzieller Täter sehr unwahrscheinlich gilt, besonders nachhaltig in den Hinterkopf der Zuschauer ein.

Das Kommissar-Team braucht diesmal seine eigenen Köpfe nicht sonderlich zum Rauchen zu bringen, weil es einfach immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Durch die Konstruktion mit der vorgelagerten Beichte sind Walter und Robert sogar schon beim Leichenfund persönlich anwesend – eine interessante Abwechslung. Die beiden scheinen zudem einen Clown gefrühstückt zu haben, ziehen sie Harry doch äußerst genüsslich mit dessen verspätetem Erscheinen im Büro auf. Wenig logisch kombinieren die Ermittler dagegen, als es um die Wiederholung des Attentats auf Frau Dönhoff geht: Obwohl der Pfarrer ausführlich von aufrichtiger Reue und Ekel vor der eigenen Schandtat beim Mörder berichtet, zweifeln die Polizisten keine Sekunde daran, dass er noch einmal zuschlagen wird – das passt nicht ganz zusammen und passiert am Ende ja auch nicht. Dadurch dass es dennoch ein rasantes Finale gibt, bleibt ein insgesamt positiver Eindruck zurück, in dem glücklicherweise untergeht, dass das Tatmotiv des Würgers gelinde gesagt hanebüchen ist.

Unter den vielen Beicht-Krimis von Herbert Reinecker nimmt „Tödlicher Irrtum“ die vielleicht nicht inhaltlich stärkste, aber wohl atmosphärisch am meisten an Hitchcocks „I Confess“ erinnernde Position ein. Das schwarzweiße Gewand steht der Folge ausgesprochen gut. Die Besetzung ist zwar nicht übermäßig prominent, bleibt aber als passend und stimmungsfördernd markant in Erinnerung, was über manche Länge und Unebenheit hinwegblicken lässt.

(4 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines – er durchsucht nicht, er orientiert sich nur
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 75: Episode 23 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Agnes Fink, Anton Diffring, Ullrich Haupt, Kurt Ehrhardt, Konrad Georg, Dieter Kirchlechner, Thomas Astan, Tony Stahl u.a. Erstsendung: 26. Juni 1970.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.315

25.04.2018 20:15
#592 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Tod eines Klavierspielers

Zitat von Der Kommissar: Tod eines Klavierspielers
In panischer Aufregung rennt Werner Fellner auf sein Pensionszimmer, um die Polizei anzurufen. Damit scheint sein Verfolger ganz und gar nicht einverstanden zu sein – durch die geschlossene Tür hindurch erschießt er Fellner. Obwohl der Pensionswirt angibt, niemanden gesehen zu haben, führt die Spur über eine andere Mieterin, die Kellnerin im Nachtlokal Pacific ist, in eben jene Spelunke, in der sich auch der Berufsverbrecher Harro Bosche aufhält. Hat Fellner vor seinem Tod gemeinsame Sache mit Bosche gemacht? Und was führt der nonchalante Schurke jetzt im Schilde?


Die Besprechung enthält leichte Spoiler.

Michael Kehlmanns einziger „Kommissar“ beginnt mit großem Paukenschlag mit einer der einprägsamsten Prä-Titelsequenzen, in der der verfolgte Werner Fellner durch Münchens geschäftige Straßen rennt und auf sein Pensionszimmer flüchtet. Man wähnt ihn in Sicherheit, sobald er die Tür hinter sich zugeschlossen hat; doch gerade diese trügerische Erleichterung macht die Schüsse, die dann urplötzlich durch das Holz hindurchgefeuert werden, umso dramatischer. In einer hinreißend geschickten Aufnahme zeigt Kehlmann zunächst die unversehrte Tür, an die Fellner seinen Kopf legt, und dann – ohne Schnitt! – das Absacken des leblosen Körpers mit plötzlich aufgetauchter Wunde an der Schläfe und Schusslöchern im Furnier. Auch in späteren Szenen demonstriert Kehlmann Kunstfertigkeit, wenngleich er sich andererseits leider nicht als Spannungsregisseur empfiehlt. Im Gegenteil: Nach dem dynamischen Auftakt driftet das Geschehen sehr bald in einen unambitionierten Dämmerschlaf ab, was vor allem dem wenig einfallsreichen Script von Herbert Reinecker anzulasten ist. Alles, was dem Autor zum Fall des toten Klavierspielers einfiel, sind stereotype Halbwelt-Charaktere, die man anderweitig überzeugender präsentiert bekam.

Schnell als besonders nervig entpuppt sich Dauer-Schmollerin Ingrid Andree, deren Kellnerin Sabine Körner sich so offenkundig deprimiert gibt, dass ihre Weigerung, Auskunft über ihre Beziehung zu Fellner zu geben, wie ein aufgesetztes Kokettieren wirkt. Andree war meist sehr speziell und überspannt den Bogen des guten Geschmacks auch hier wieder ein bisschen zu sehr, sodass man sich gedanklich schon ein wenig aus dem Reigen der übertriebenen Gefühle verabschiedet hat, bevor der große Zampano Günther Ungeheuer nach über 20 Minuten überhaupt die Bühne betritt. Wenn Ungeheuer eines bis zur Perfektion gebracht hat, dann halbseidene Oberschurken – aber sein Harro Bosche trägt (abseits seines kuriosen Namens) kaum Merkmale, die ihn von anderen Unterweltkönigen beliebiger ZDF-Serienfolgen abgrenzen. Aus eben jenem Grund erscheint auch seine menschelnde Anwandlung in der Auflösungsszene, in der er sich für jemand anderen in die Bresche wirft, unglaubwürdig. Ein typischer Fall flacher und uninteressanter Charakterisierung, in dem auch die agatha-christie-ähnliche Täterkonstruktion (nicht der von Anfang an schuldig geglaubte Verfolger war der Mörder) sang- und klanglos untergeht.

Da auch Sujet und Settings der Folge weitgehend unspektakulär sind, liegt es an den Nebenrollen, für gelegentliche Abwechslung und Erheiterung zu sorgen. Dies schaffen vor allem Georg Lehn als „Angsthase vom Dienst“ und Berta Drews als energische Mutter eines Verdächtigen. Auch Helgas kurze Intermezzi am Klavier sollten erwähnt werden. Nachdem diese Elemente aber nur einen Bruchteil der Spielhandlung einnehmen, bleibt „Tod eines Klavierspielers“ unterm Strich einer der besonders harm- und reizlosen „Kommissar“-Ausflüge. Da hilft auch die nächtliche „Unterwelt“-Verfolgung nicht, die Robert in der Kanalisation und einem auf mysteriöse Weise damit verbundenen Fabrikgebäude aufnimmt. Umso verwunderlicher erscheint es, dass Reinecker für die Verschriftlichung einiger Folgen des 1970er-Jahrgangs im Rahmen von fünf Fortsetzungsromanen für die Zeitschrift „TV Hören und Sehen“ unter anderem „Tod eines Klavierspielers“ auswählte.

Ein blutleerer Fall mit wenig interessanten Verdächtigen. Harro Bosche bleibt trotz „ungeheu(r)er“ Besetzung ein reines Abziehbild anderer Gangsterfiguren. Der Nachtklub Pacific und die Pension in der Goethestraße taugen nicht als Hintergrund für große Dramen, sodass Ingrid Andrees Darstellung überkandidelt wirkt und eher auf die Nerven fällt. Man muss hier nach den kleinen Alternativbefriedigungen suchen und hätte Michael Kehlmann deshalb gern einen zweiten Versuch mit besserer Drehbuchgrundlage gewünscht.

(2,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines auf Einbrecherjagd in dunklen Treppenhäusern
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 76: Episode 22 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Michael Kehlmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz. Unter Verdacht: Ingrid Andree, Günther Ungeheuer, Berta Drews, Karin Heym, Manfred Spies, Wolfgang Zerlett, Felix Franchy, Georg Lehn u.a. Erstsendung: 5. Juni 1970.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.315

01.05.2018 00:00
#593 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: ... wie die Wölfe

Zitat von Der Kommissar: ... wie die Wölfe
Dass die alte, gebrechliche Frau Kluge 3’000 Mark im Lotto gewann und dies jeden in ihrem Mietshaus wissen ließ, war ihr Todesurteil. Denn die Nachbarn, die allesamt knapp bei Kasse sind, lauerten wie die Wölfe auf das Geld der Rentnerin. Nun hat ihr jemand den Kopf mit einem Hammer eingeschlagen. Ein Hausbewohner, Herr Gassner, steht unter besonderem Verdacht: Er war in der Tatnacht betrunken und findet am nächsten Morgen einen 500-Mark-Schein in seiner Tasche. Führte er den Schlag? Oder gibt es eine komplexere Erklärung für den Mord an Frau Kluge? Nach und nach taucht auch bei anderen Bewohnern Geld auf ...


Das Bild der Wölfe, die es blutdürstig auf den – eigentlich recht mickrigen – Lottogewinn von Frau Kluge abgesehen haben, mag für die Charakterisierung die Hinterhausbewohner, denen man in dieser Folge begegnet, ein wenig zu krass gewählt sein: Nicht aus hinterhältiger Habgier stehen sie unter Mordverdacht, sondern weil jeder von ihnen eine Leidensgeschichte zu erzählen hat, die ohne eine Finanzspritze in die Ausweglosigkeit einer sozialen Endstation mündet. Nicht um des Besitzes des Geldes wegen wurde gemordet, sondern um sich einen Traum, die Vision eines besseren Lebens zu erfüllen. Man sieht folglich keine kaltblütigen Killer vor sich, sondern Umstandsopfer, deren Lebensmut so weit abgenommen hat, dass sie nur mehr auf eine Hilfe von außen – wie es eben das Geld von Frau Kluge sein könnte – vertrauen. Die vereinsamte Frau Beilke, deren Ohren bis in die hintersten Winkel aller Mietswohnungen reichen; der mit dem Teufel Alkohol kämpfende Fotograf, der seine Wertgegenstände im Leihhaus versetzt hat, um sich Fusel leisten zu können; der von Kopfschmerzen geplagte Uhrmacher; der fahrende Händler mit seinem vorsintflutlichen Obstkarren und einer kranken Frau; die Kellnerin, der sich bisher keine große Chance zum Aufstieg aufgetan hat, und der faule Lehrjunge, dem das Schnorren und Anpumpen zur Lebenseinstellung geworden ist – sie bestimmen das Bild einer trostlosen, aber deshalb keineswegs reizlosen „Kommissar“-Folge, die sich milieubewusst gibt und dennoch die Feingliedrigkeit des Mordfalles zu keinem Moment aus den Augen verliert.

Indem Reinecker das Motiv unverzüglich ans Tageslicht brachte und mit dem Tagebuch der Ermordeten untermauerte, machte er den Weg frei für eine gleichwertige, schonungslose Examinierung der Verdächtigen, die mit ihren Problemen, Macken und Wehwehchen im Mittelpunkt der Episode stehen. Sie werden lückenlos überzeugend dargestellt, wobei vor allem der verlotterte Pierre Franckh, der authentisch abgewrackte Horst Tappert und die schnippisch-neugierige Grete Monheim bleibende Eindrücke hinterlassen. Letztere ist der gute, aber auch aufdringliche Geist des Hauses und wandelt sich von einer willkommenen Informationsquelle für das Kommissar-Team zu einer Schwätzerin, deren vehemente Omnipräsenz den Chefermittler bald auf dem Zahnfleisch gehen lässt. Dadurch dass die Gastdarsteller so kompromisslos in den Fokus gerückt werden, erreicht „... wie die Wölfe“ zwei wichtige Ziele: Einerseits werden die Rollen der Polizisten auf ein zurückhaltendes Zuhörer-Maß reduziert, andererseits gestalten die mit den Verhältnissen vertrauten Verdächtigen das soziale Interaktionsgefüge des abgewrackten Mehrparteienhauses plastisch aus. Die gegenseitigen Vertauensseligkeiten wirken in diesem Umfeld nicht aufgesetzt, sondern werden zum Teil einer Strategie, die eigenen Probleme zu vergemeinschaften, um sie leichter aushalten zu können.

Staudte findet ansprechende Motive im Treppenhaus und in den kargen Wohnungen und durchmischt diese mit kurzen Ausflügen aufs Revier, in die Kneipe und in den Innenhof, auf den auch gern die ganze Hausgemeinschaft durchs Fenster hinausblickt. Die klare Struktur der Folge (Leichenfund – Befragungen vor Ort – Auftauchen des gestohlenen Geldes – Nachstellung des Tatabends – Lösung) treibt die Geschehnisse ohne Unterbrechung voran, was auch von der unaufdringlichen, aber stimmungsvollen Musik von Peter Thomas unterstrichen wird. Nicht einmal das etwas abrupte Ende stört: Wenn der Täter schließlich – von seiner Schuld übermannt und der Rekonstruktion der Hergänge eingeschüchtert – stumm und doch so vielsagend am Strick im Hof baumelt, so ist dies ein drastisches Signal für die Unsinnigkeit des Mordes an Frau Kluge und die erneut bestätigte Hoffnungslosigkeit der Protagonisten. Sie werden die 3’000 Mark nicht behalten dürfen und weiterhin in ihren individuellen Teufelskreisen feststecken – also alles auf Anfang!

Die sauber aufgebaute Hintertreppengeschichte fesselt mit spröden, aber gut ausgearbeiteten Charakteren, die beim Publikum Mitleid und Verachtung gleichermaßen ansprechen. Atmosphärisch dicht inszeniert und gespielt, hinterlässt „... wie die Wölfe“ den Eindruck einer engagierten Folge, die über ihr Anliegen ihre Prioritäten nicht vergisst. Und nebenbei darf man über Frau Beilkes Einmischungen angeregt schmunzeln.

(5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller macht der neugierigen Frau Beilke eine klare Ansage
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 77: Episode 21 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz. Unter Verdacht: Grete Mosheim, Horst Tappert, Hilde Brand, Ann Höling, Volkert Kraeft, Wolfgang Engels, Heinz Meier, Pierre Franckh u.a. Erstsendung: 15. Mai 1970.

Gubanov Offline




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04.05.2018 18:15
#594 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Messer im Rücken

Zitat von Der Kommissar: Messer im Rücken
Auf dem Rücksitz des herbeigerufenen Taxis stirbt er endlich: Herr Heynold war mit Messer im Rücken noch eine Weile umhergetorkelt. Allzu weit kann er aber nicht gekommen sein – die Mordkommission nimmt deshalb die nahegelegene Kneipe und die darüber gelegene Wohnung des Trinkers Blasek in der Gollierstraße in Augenschein. Und sie erleben eine Überraschung: Frau Heynold hatte bereits seit geraumer Zeit ein Verhältnis mit Blaseks Sohn! Zu allem Überfluss benimmt sich auch Herr Traufer, der Schwager des Toten, äußerst verdächtig. Kennt er die Verhältnisse in der Gollierstraße? Kommissar Keller steht vor einer Mauer des Schweigens ...

Zitat von Herbert Reinecker: Der Kommissar und das Messer im Rücken, Fischer Verlag, 2015 (E-Book), Quelle
Es begann sonderbar, fast gespenstisch. Der Taxifahrer hielt am Straßenrand, denn ein Mann hatte gewinkt. Der Mann war etwa fünfzig Jahre alt und hatte ein trauriges Gesicht. Der Taxifahrer sagte später: „Ich dachte, der Mann hat irgendeinen Kummer. Ich hielt jedenfalls, und der Mann stieg etwas schwerfällig ein. Er setzte sich in den Fond und schwieg. Ich wartete ‘ne Weile, dann fragte ich: ‚Na, wohin wollen Sie denn?‘ Der Mann sagte nichts. ‚Sie‘, sagte ich und drehte mich um. Und soll ich Ihnen was sagen? Der Mann war tot. Er sah mich mit weitaufgerissenen Augen an, aber ich sah sofort, der Mann war tot. Er war gestorben, nachdem er sich in meinen Wagen gesetzt hatte.“


Mit dieser passgenauen Schilderung der entsprechenden Filmszene beginnt die Romanfassung von „Messer im Rücken“. Gemeinhin gilt „Der Kommissar“ aufgrund seiner Frühsiebzigerstimmung als atmosphärisch besonders stimmig. Nur wenige Folgen sind jedoch (im wahrsten Sinne des Wortes) so flairgetränkt wie „Messer im Rücken“ – eine Episode, die sich über weite Strecken in einer merkwürdigen Bar abspielt, welche neben dem Kommissar-Team nur einen Besucher zu haben scheint, aber trotzdem sehr zufriedenstellende Umsätze macht. Nicht nur antwortet Kommissar Keller auf die Frage, ob er rauche, „Ja, gern“; auch geht er ein regelrechtes Wetttrinken mit dem Alkoholiker Blasek ein, dem Regisseur-Schauspieler-Crossover Helmut Käutner ein unterhaltsames Gesicht verleiht. „Geben Sie mir noch einen Schnaps; und zwar von der Sorte, die Blasek trinkt“, fordert Keller den Wirt auf. Dessen Nachfrage „So stark, so viel?“ bejaht der Kriminaler eiskalt. Hier macht sich der Profi bemerkbar – in der ewigen Serien-Trinkrangliste (allein dass eine solche geführt wird, sollte aufhorchen lassen) nimmt Serienvater Ode jedenfalls mit 33 Bier, 22 Whisky, 10 Cognac, 43 Rotwein, 2 Weißwein, 1 Sekt und 14 Schnaps die unangefochtene Spitzenposition ein. Sein Pendant Käutner bringt es allein in dieser Folge aber auch auf solide 10 Schnapsgläser.

Neben Käutner zeigt sich eine ganze Reihe anderer Darsteller von ihrer versierten Seite: Besonders sein „Gegenspieler“ Herbert Bötticher, der die herablassende Art des Villenbesitzers ganz nebensächlich in sein Spiel einfließen lässt, überzeugt mit einem Wechselspiel aus teilnehmendem Feuereifer und peinlich berührten Windungen. Als seine Filmfrau kommt Ursula Lingen leider über die Rolle der Stichwortgeberin nicht hinaus, während für Christiane Krüger ein dankbarer Plot als fremdgehende Ehefrau des Mordopfers übrigblieb – eine Rolle, die Rehbein zu einer ungewohnten Moralpredigt veranlasst, weil die gute Büroseele, die ihrem vorgesetzten Trunkenbold über all die Jahre trotz mancher Machomanieren treu ergeben blieb, Maria Heynolds Mangel an Loyalität in keiner Weise nachvollziehen kann. Das Ensemble wird vom verlässlichen Werner Kreindl in einer redseligen Wirtsrolle und von Jörg Pleva als zornigem Jungspund vervollständigt. Eine ideale Mischung, die selbst in die Bierstube frischen Wind bringt.

„Messer im Rücken“ schließt einen perfekten Rahmen zwischen der ersten und der letzten Szene, die beide das gleiche Geschehen zeigen; einmal aus herkömmlichen Sichtweise eines zufälligen Szenenbeobachters, einmal direkt aus dem Blickwinkel des Toten. Durch den zackigen Einstieg, die Lagebesprechung am Tatort und die kurzweilige Befragung der Zeugen in der beliebten Gereutvilla wird der Spannungsbogen von Anfang an hoch gehalten und bleibt auch bis zum Schluss aufrecht und stabil. Dazu trägt zum Beispiel der Umstand bei, dass Blaseks Wohnung nicht abgeschlossen werden kann oder dass Herr Traufer eine offensichtliche Lüge nach der anderen auftischt. Wenn man der Folge eine Sache vorwerfen muss, dann eine nicht bis zum Letzten überzeugende Auflösung. Gerade das Geständnis des Messerstechers kommt wie aus dem Nichts und wirkt eher wie eine Notlösung, um die Folge nach genau einer Stunde Laufzeit pünktlich beenden zu können. Da sie jedoch in eine sehr befriedigende Auflösungssequenz im Rahmen aller Beteiligten eingebettet ist, mag man Reinecker für diesen Mangel nicht allzu böse sein.

Gegen winterliche und emotionale Kälte hilft in „Messer im Rücken“ ein Schnaps noch am besten. Die stimmungsvolle „Kommissar“-Episode zeichnet ein ungewöhnliches und spannendes Verbrechen nach, das zwei sehr unterschiedliche Milieus auf verblüffende Weise miteinander verbindet. Aufgrund der guten Darstellerleistungen vor allem von Käutner und Bötticher sowie der versierten Staudte-Regie (und das in seinem Seriendebüt) greifen die allermeisten Zahnrädchen perfekt ineinander.

(4,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Walter Grabert „has received an invitation to a ball for tonight, but he can’t go“
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 78: Episode 20 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz. Unter Verdacht: Helmut Käutner, Ursula Lingen, Herbert Bötticher, Christiane Krüger, Werner Kreindl, Jörg Pleva, Albert Hehn, Otto Friebel u.a. Erstsendung: 24. April 1970.

Gubanov Offline




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08.05.2018 21:00
#595 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: In letzter Minute

Zitat von Der Kommissar: In letzter Minute
Sechs Jahre ist es her, dass Albert Kossitz für den Totschlag an seinem Kumpanen Lenk ins Zuchthaus wanderte. Nun wird er wieder entlassen, was den Frauen Kossitz und Lenk sowie dem befreundeten Barbesitzer Leo Limpert das Blut in den Adern gefrieren lässt. Nur sie und der Verurteilte wissen, ob damals in der Verhandlung die Wahrheit gesagt wurde. Falls Kossitz unschuldig im Gefängnis saß, steht zu befürchten, dass er sich an den wahren Verantwortlichen bitter rächen wird. Und tatsächlich scheint tiefer Hass ihn anzutreiben, als er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf seine alten Weggefährten trifft ...


Die Besprechung enthält leichte Spoiler.

Mit jedem Mal, in dem Herbert Reinecker die mehr oder weniger finsteren Pläne eines entlassenen Sträflings in den Mittelpunkt einer „Kommissar“- oder „Derrick“-Folge stellte, ließ er das Publikum gewissermaßen über seinen Glauben daran rätseln, ob Gefängnisaufenthalle eher reuig machen oder eher entsozialisieren. Im Falle des Ex-Knackis Albert Kossitz kann keine Reue aufkommen, weil ziemlich klar ist, dass Kossitz der Tat, deretwegen man ihn verurteilte, nicht einmal schuldig ist. Wenn schon Kommissar Keller selbst Zweifel an der Richtigkeit des Urteils hegt, weiß man, dass es damit nicht weit her sein kann. Die Spannung ergibt sich hier eher aus der Frage, wer stattdessen die schwerwiegende Verantwortung trägt (leider wählte Reinecker diesbezüglich den Weg des geringsten Widerstands, was das Täterrätsel weniger komplex macht als idealerweise möglich) und ob sich Kossitz an demjenigen bitter rächen wird. Gerade die zweite Frage entpuppt sich als recht faszinierend, weil an sie eine dauerhafte fiebrige Angst der anderen Beteiligten geknüpft ist, während Kossitz mit gefährlicher Selbstzufriedenheit den direkten Fragen des Kommissars ausweicht.

Der Einstieg in die Folge geschieht ohne Ausschmückungen unmittelbar im Polizeipräsidium, wo Ode, Glemnitz und Seitz als „alte Hasen“ die „Neulinge“ Schramm und Wepper, die 1964 noch nicht Mitglieder der Mordkommission waren, über den Fall Kossitz ins Bild setzen. Dies ist nicht nur eine schöne teambildende Maßnahme, sondern gibt vor allem auch Helma Seitz die Gelegenheit, sich mit einigen provokanten Zeilen („Manchen Leuten sieht man den Mörder direkt an“) stärker als in späteren Folgen in Erinnerung zu rufen. Vom Büro verlegt sich der Fall dann auf winterliche Münchner Straßen rund um die Maximilianstraße, in den von Leo Limpert betriebenen Nachtclub sowie die Wohnungen Lenk und Kossitz. Wolfgang Becker gelingt es an diesen Orten, ein außerordentlich dichtes Flair zu schaffen, wobei Eis und Schnee auf Münchens Prachtachse die Gefühlskälte der Protagonisten angemessen unterstreichen.

Dies gilt erstaunlicherweise sowohl für Heinz Reincke als auch für dessen Gegenspieler. Erstaunlicherweise deshalb, weil Reincke, der oft eher auf gutmütig-dumme Kumpelrollen im Seemannsmilieu abonniert war und bei seinem letzten Gang durch die Haftanstalt Landsberg tatsächlich eher freundlich-tüttelig als ernstlich bedrohlich wirkt, diese Harmlosigkeit bald glaubhaft ablegt. Sein Kossitz ist zwar ein Mann, dem Ungerechtigkeit am eigenen Leibe widerfahren ist; doch man ist sich deshalb keineswegs sicher, dass er deshalb vor blutiger Vergeltung zurückschrecken würde. Davor fürchten sich Gisela Uhlen, Maria Sebaldt und Peter Eschberg äußerst kamerawirksam. Die drei hochwertigen Schauspieler bereichern die Folge ungemein, weil sie mit Uhlens knallharter Gefühllosigkeit, Sebaldts zittriger Unruhe und Eschbergs schleimigen Selbstrettungsversuchen die Darsteller in für sie typische Rollen schlüpfen lässt. Eschberg erinnert als Leo Limpert stark an seinen Mark Paxton aus „Wie ein Blitz“, wobei Fernsehzuschauer des Jahres 1970 die beiden Parts in umgekehrter Reihenfolge kennenlernten – ein beinahe skandalträchtiger Schachzug des ZDF:

Zitat von Silberblond ist sehr gefragt, Hamburger Abendblatt, 03.04.1970, S. 16
[S]chon heute Abend [3. April 1970, Anm. d. Aut.] wird der silberblonde Mime vom Kölner Stadttheater an der Seite von „Kommissar“ Erik Ode sein Mattscheiben-Debüt geben – sozusagen als Vorbereitung für eine Traumrolle: Am 9., 11. und 12. April wird er als Mark Paxton großen Anteil daran haben, wenn sich Durbridge mit seinem dreiteiligen Krimi „Wie ein Blitz“ wieder einmal als Straßenfeger betätigt. Dazu Peter Eschberg [...]: „Das war eigentlich gar nicht geplant: Der ‚Durbridge‘ sollte mein Fernseh-Image zuerst aufbereiten.“


Tatsächlich hält sich die Spannung des kleinen „Kommissar“-Straßenfegers wortwörtlich bis „In letzter Minute“. Ein sehr beeindruckend gefilmtes und untermaltes Duell zwischen Kossitz und seinem Demütiger schließt die Folge so rund ab, dass man jene Szenen, in denen eine gekünstelt-affektierte Eva Kinsky den moralischen Zeigefinger wild in die Runde hält, fast vergisst. Dennoch muss man leider konstatieren, dass ihre Rolle dem sonst zielgerichteten Krimi einen unangenehmen Beigeschmack verleiht.

Der ungewöhnliche Aufbau (Tat in der Vergangenheit, starke Anspannung über einen möglichen zweiten Toten) sichert „In letzter Minute“ eine angenehme Grundspannung, die von einem versierten Schauspielerquartett (Reincke – Uhlen – Sebaldt – Eschberg) mühelos gestützt wird. Wolfgang Becker war als Regisseur darüber hinaus ein Glücksfall für diesen Stoff, wie sich auch an dem nicht unähnlich gelagerten „Amoklauf“ aus dem Jahr 1972 zeigte. Nur einige Eskapaden im Mittelteil, welche die neunmalkluge Tochter Lenk betreffen, hätte man sich gern sparen dürfen.

(4 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller will doch nur helfen (wird aber schmerzlich verkannt)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 79: Episode 19 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Heinz Reincke, Gisela Uhlen, Maria Sebaldt, Peter Eschberg, Eva Kinsky, Gerd Vespermann, Eric Pohlmann, Horst Sachtleben u.a. Erstsendung: 3. April 1970.

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24.05.2018 08:45
#596 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Dr. Meinhardts trauriges Ende

Zitat von Der Kommissar: Dr. Meinhardts trauriges Ende
Jemand hat Dr. Meinhardt durch die Balkontür seines Schlafzimmers und über die Brüstung hinweg in den Tod gestoßen. Die Haushälterin kann nur wenige Angaben machen, denn sie war die Nacht über abwesend. Am Vorabend hatte sich der Doktor mit seinen Freunden Bibeina und Crantz getroffen, aber die Herren wollen schon vor dem Tatzeitpunkt nach Hause gegangen sein. Was war also der Grund für den fatalen Streit zwischen Meinhardt und seinem Mörder? Keller, Grabert und Heines kommen einen Schritt weiter, als sie erfahren, dass der Tote eine Beziehung zu einer blutjungen Frau unterhielt und sowohl sie als auch ihre Freunde aushielt ...


In vielerlei Beziehung fühlt man sich an „Toter Mann im Regen“ erinnert, wenn sich in „Dr. Meinhardts trauriges Ende“ ein typischer Reinecker-Plot routiniert abwickelt – im etwas weiter abstrahierten Sinne kann man die Thematik des Herrn im dritten Frühling, dessen wiedererweckte Balzhormone seine Würde und soziale Stellung ausstechen, sogar als eines der omnipräsenten Serienleitmotiv bezeichnen (vgl. „Drei Tote reisen nach Wien“, „Rudek“, „Ein Mädchen nachts auf der Straße“ etc.). Neben dem Schauplatz und der Opferkonstellation verweist auch die Auflösung stark auf die von Wolfgang Becker inszenierte Erstlingsfolge – ein typischer Beleg dafür, wie Reinecker zwar nicht unbedingt Stoffe, aber konkrete Themen immer wieder aufs Neue aufgriff und nur in Details modifizierte. Auch anderweitig entspricht das „traurige Ende“ vielen Serientraditionen – vom schnellen Fund der Leiche über die Verdächtigenpersonalia, die zwei Generationen und Lebensentwürfe harsch aufeinandertreffen lassen, bis zu der Enttarnung des Täters im Kreise aller Verdächtigen. Umso willkommener bei inhaltlicher Durchschnittlichkeit – ja, man möchte fast sagen: Einfallslosigkeit – ist Michael Verhoevens Inszenierung, die sich von denen des „Kommissar“-Stammpersonals vor allem durch bildliche Dynamik abhebt. Der auffallend häufige Einsatz von Handkameras, aber auch der anderweitig immer in Bewegung bleibende Bildausschnitt suggeriert Dynamik auch dort, wo sie zwischenzeitlich inhaltlich verlorengeht. Verhoeven akzentuiert darüber hinaus sehr stimmig den Kontrast zwischen den verknöcherten Grünwaldlern und der heimtückischen Jugendgruppe, ohne dem Drang, mit allzu vielen Klischees oder Fingerzeigereien zu arbeiten, zu erliegen.

Das „Kommissar“-Team agiert personell geschwächt, denn Harry ist für die Folge abwesend und der Kommissar postuliert gleich zu Beginn der Folge, er werde „die Jungs“ den Fall lösen lassen. Sein Versprechen, das mit seinem und Franziskas Hochzeitstag zusammenhängt, erfüllt er jedoch nur teilweise, denn während Walter Grabert tatsächlich einen größeren Part erhält, kann die alte Ode-Spürnase das Ermitteln doch nicht ganz abstellen – was dazu führt, dass der vergessliche Gatte fürs gemeinsame Abendessen aus dem Revier abgeholt werden muss und die Feier dann auch eher zu einer Reflexion des Meinhardt-Mordes gerät. In den Szenen, in denen es zwischen den Ehepaardarstellern eigentlich wenigstens unterschwellig funken sollte, lässt sich nicht viel Romantik bemerken, was von Verhoeven wie folgt erklärt wird:

Zitat von Michael Verhoeven, Capella.Hooffacker.de, 13.06.2003, Quelle
Diese Folge ist eine der wenigen Episoden, in der die Frau des Kommissars, Franziska Keller (Rosemarie Fendel), eine größere Rolle spielt. [...] Beim Dinner [mit ihr] fällt dann der Groschen, und der Kommissar lädt alle Beteiligten zu einem spätabendlichen Finale in die Meinhardtsche Villa vor. Auch Franziska Keller nimmt daran teil und fällt durch nölende, vorlaute Bemerkungen auf. Laut Verhoeven wurde damals mit Fendels Part noch experimentiert. Man dachte darüber nach, ihr größeres Gewicht zu geben und sie sogar einmal einen Fall lösen zu lassen. Allerdings war die Atmosphäre zwischen Erik Ode und Rosemarie Fendel nicht besonders gut, und das war vielleicht auch einer der Gründe, warum Franziska Kellers Part auslief.


Eher getragen als von Fendel wird „Dr. Meinhardts trauriges Ende“ vom Schauspielerdreigestirn Luise Ullrich – Richard Münch – Michael Verhoeven. Während bei Ullrich zwischen vielen unsicheren Momenten gelegentlich erstaunliche Entschlossenheit durchblitzt, ist es bei Münch eher umgekehrt – er empfiehlt sich von Anfang an als Lügner und Unsympath, der Informationen zurückhält, um seine Haut zu retten. Ein Problem an „Dr. Meinhardts trauriges Ende“ ist, dass neben diesen übersättigten Platzhirschen (ergänzt wird die Runde von Karl John) auch die jugendlichen Taugenichtse (auch: Ilona Grübel, Monika Lundi, Christof Wackernagel) wenig Empathie zeigen und man deshalb kaum Anknüpfungspunkte an den Charakteren der Episode findet. Wenn am Ende der Abspann zur Musik von Improved Sound Ltd. läuft, beschleicht einen das Gefühl, hier soeben einen eher austauschbaren „Kommissar“ gesehen zu haben.

Neben einigen Logikfehlern verhindert vor allem die wenig einfallsreiche Geschichte, dass „Dr. Meinhardts trauriges Ende“ bei den großen Fischen der „Kommissar“-Serie mitschwimmt. Verhoeven gelang ein anständiger, aber auch etwas oberflächlicher Krimi mit guter Besetzung, wobei der Fokus zugunsten der Vielschichtigkeit der Rollen gern vom Privatleben des Kommissars in Richtung der Gastdarsteller hätte verschoben werden dürfen.

(3 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Walter Grabert nimmt seinem Chef zu dessen Hochzeitstag den Löwenanteil der Arbeit ab
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 80: Episode 18 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Michael Verhoeven. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Helma Seitz, Rosemarie Fendel. Unter Verdacht: Luise Ullrich, Richard Münch, Karl John, Ilona Grübel, Michael Verhoeven, Monika Lundi, Christof Wackernagel, Hanna Burgwitz u.a. Erstsendung: 13. März 1970.

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26.05.2018 21:15
#597 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Parkplatz-Hyänen

Zitat von Der Kommissar: Parkplatz-Hyänen
Auf einem Autobahnrastplatz fallen Schüsse, als ein Reisender sich nicht so einfach von einer Bande maskierter Hitzköpfe ausrauben lassen will. Dummerweise bleibt das Nummernschild der sogenannten „Parkplatz-Hyänen“ am Tatort zurück, sodass es Kommissar Keller noch in der gleichen Nacht gelingt, mit Jürgen und Karl Boszilke die Hauptverdächtigen in Untersuchungshaft zu nehmen. Während diese auf dem Revier befragt werden, kommt es allerdings zu einem weiteren Überfall der „Hyänen“. Nun muss Kellers Team rasch arbeiten, denn Mutter Boszilke kann sehr unangenehm werden ...


Bei allem Rabatz, den Zbynek Brynych auch in seiner vierten und letzten Arbeit für den „Kommissar“ veranstaltete, gelangen ihm mit den beiden Rastplatz-Überfällen zwei besondere atmosphärische Leckerbissen, die sich stimmig in eine anhaltende, ebenfalls düster-unwirkliche Grundstimmung einfügen – sein Blick für eine „spezielle“ Atmosphäre, der diesmal weder in Klamauk noch in totale Abgeranztheit ausartet, macht „Parkplatz-Hyänen“ zu seinem überzeugendsten Krimi der Reihe. Die mit Strumpfmasken, Pistolen und offenkundig heißblütigem Temperament ausgestatteten „Hyänen“ sorgen durchaus für Nervenkitzel, bevor die Folge in einem kuriosen, aber auch irgendwie anrührenden Hinterhof-Milieu versinkt, dessen WG-Charme an spätere ungewöhnliche Wohnungs-Zweckbündnisse aus Reinecker-Feder erinnert, wie z.B. in Derricks „Kaffee mit Beate“.

Hauptbestandteil dieser WG ist mit den Boszilkes ein eingeschworener Clan von Vorbestraften und Nichtstuern, die durch Brynychs Linse gesehen ein sehr unterhaltsames Eigenleben entwickeln. An der Schuld der Söhne gibt es zunächst eigentlich keine Zweifel, da sich deren geistige Fähigkeiten in einem eng abgesteckten Rahmen bewegen. Erst eine spätere Wendung verleiht den Rollen von Werner Pochath und Fred Haltiner eine zweischneidige Qualität. Bei ihrer Entlassung erfreuen sie sich ausgiebig an der neugewonnenen Freiheit („Kein Karussell mehr. Wir hauen ab – ohne Mama!“), überhören dabei jedoch, dass im Hintergrund unheilschwanger Freddy Quinn seinen Seemannsschlager „Junge, komm bald wieder“ anstimmt. Frau Mama in Gestalt von Marianne Hoppe ist nämlich nicht so leicht abzuschütteln – obwohl Hoppe in ihren vier „Kommissar“-Auftritten immer wieder Mut zu unschmeichelhaftem Seelenstriptease unter Beweis stellte, darf sie hier besonders beeindruckend vom Leder ziehen. Als polizeifeindlicher Übermutterdrachen umklammert sie nicht nur ihren Nachwuchs bis in die U-Haft-Zellen hinein, sondern macht Keller und Co. für die Verhaftung ihrer beiden Sonnenscheine auch gebührend die Hölle heiß. Dies führt zu einigen abseitig humoresken Szenen in Kellers Büro, die oft von bestechend subversiver Art sind, manchmal aber auch einfach nur zum Grinsen, so zum Beispiel ihre handgreifliche Auseinandersetzung mit der armen Frau Rehbein, die einem in Generalin Boszilkes Gegenwart geradezu leid tun kann. Die infernalische Familie wird von niemand Geringerem als Johannes Heesters vervollständigt, der sich wohl auch nur über den Wandel der Film- und Fernsehbranche seit seiner großen Operettenfilmzeit gewundert haben kann. Wahlweise humpelnd oder Fußbad nehmend bläkt er mit polnischem Akzent durch die Wohnung, die darüber hinaus u.a. von einer stummen Eva Mattes, dem dauernd auf der Klampfe zupfenden Roul Fernandez und einem Mann, der sich mitten im Raum als Frisör verdingt, bevölkert wird ...

Mit dieser Mischpoke hält Brynych genug Stoff zum Kopfschütteln und sich Wundern bereit. Ganz ähnlich seinem Konzept zu „Tod einer Zeugin“ wird das Gesamtbild jedoch auch durch eine Rolle mit Hang zu stiller, bemitleidenswerter Tragik komplettiert – was für die „Zeugin“ der querschnittgelähmte Herr Höfer war, ist für „Parkplatz-Hyänen“ die nicht weniger einsame Erika Kusat, die sich ernstlich in den undercover ermittelnden Walter verguckt, nur um aus allen Wolken zu fallen, als dieser sich ihr gegenüber als Polizist outet. Wie so oft für solche „Seelchen“-Rollen setzt Brynych Ida Krottendorf geschickt in Szene; dieser gelingt ein Spagat aus undurchsichtiger Kronzeugin und bemitleidenswerter alter Jungfer. Weniger überzeugend, da auf eine stumme Rolle angelegt, die in Anbetracht seines nicht besonders variablen Griesgramgesichts ziemlich einseitig ausfällt, ist schließlich Wirt Günther Neutze („wer nichts wird, wird Wirt“).

Über sein Figurenfeuerwerk vergisst Brynych in „Parkplatz-Hyänen“ nie den eigentlichen Fokus, den Kriminalfall. Auch wenn einige seiner Kinkerlitzchen – so zum Beispiel das fast schon westernartige stumme Duell, das sich Herbert, Walter und Robert in Gierkes Kneipe mit deren Besitzer liefern – den Ablauf der Handlung ein wenig verzögern, so bleibt in der Folge doch immer genug Schwung drin, um leicht und angenehm ansehbar zu bleiben. Mit Tom Jones’ „Ghost Riders in the Sky“ wählte Brynych zudem einen entsprechend drängenden, vorwärtspreschenden Soundtrack, der einige schnapsselige Lücken zu überbrücken versteht. Leider entbehrt die Auflösung eines echten Überraschungsmoments, was aber durch eine solide Action-Konfrontation mit dem Täter ausgebügelt wird. Dies trägt auch dazu bei, dass der solide Spannungsrahmen um die brynych-typisch eher schwafelig geratene Folge zufriedenstellend geschlossen wird. Der prekäre Hausfrieden in der Boszilke-Butze ist damit wiederhergestellt ...

Brynychs Wunsch, auf Teufel-komm-raus alles anders machen zu wollen als seine Regie-Kollegen, konnte in „Parkplatz-Hyänen“ in akzeptable Bahnen kanalisiert werden, die seinen Ausnahmestatus deutlich werden lassen, aber dennoch eine einigermaßen normale Entwicklung von Plot, Ermittlungen und Verdächtigungen ermöglichen. Was der Folge außerdem zugute kommt, ist die zumeist passgenaue Besetzung – vor allem Marianne Hoppe und Johannes Heesters ragen als Kuriosa heraus.

(3,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Walter Grabert, der zum ersten Mal seit dem Fall Brynych wieder stottert
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 81: Episode 17 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Marianne Hoppe, Johannes Heesters, Werner Pochath, Fred Haltiner, Ida Krottendorf, Eva Mattes, Günther Neutze, Michael Jakubeck u.a. Erstsendung: 27. Februar 1970.

Gubanov Offline




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29.05.2018 13:00
#598 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Tod einer Zeugin

Zitat von Der Kommissar: Tod einer Zeugin
Hausmeister Seuke und der polizeibekannte Tunichtgut Wolfgang Karass werden vor der Tür der Edelprostituierten Erika Nagold Zeugen, wie in der Wohnung Schüsse abgegeben werden. Erika wird tot aufgefunden. Zunächst konzentriert sich die Mordkommission ganz auf Karass und dessen Bruder, weil sie die beiden für hinterlistige Erpresser hält. Doch auch die Kunden der Ermordeten könnten Grund haben, ihren Tod herbeizuführen. Als Schlüssel zur Lösung erweist sich der querschnittgelähmte Herr Höfer aus der Wohnung gegenüber, der seine Tage wachsam am Fenster zum Hof verbringt. Doch seine Aussage überrascht und verärgert den Kommissar ...


Der Beitrag enthält leichte Spoiler.

Die absolute Skurrilität, die man dem frühen Brynych gern pauschal bestätigt, bricht sich in der Folge „Tod einer Zeugin“ ungehindert Bahn. Natürlich ist dies dem Inhalt des eigentlich als ernsthafte Krimiserie konzipierten „Kommissars“ nicht unbedingt zuträglich – und in der Tat könnte man glauben, dass Herbert Reinecker sich im Vorfeld einen Monat freigenommen und Brynych das Skript selbst zusammengedengelt hat. Vermutlich sind jedoch die Freiheiten, die sich der Regisseur gegenüber dem Originaldrehbuch herausnahm, um der Geschichte seinen ganz eigenen Stempel aufzudrücken, für die verschiedenen Logiklücken und Popanzmomente verantwortlich. Man lässt sie allerdings wohlwollend über sich ergehen – gerade wenn man das Gebotene mit der vorherigen, bierernsten Folge „Der Papierblumenmörder“ vergleicht. Im Gegensatz zu Bonnies Hippie-Problemen darf man sich von „Tod einer Zeugin“ nämlich ohne lästige Hintergrundgedanken berieseln und stellenweise eben auch von Brynychs Einfallsreichtum beeindrucken lassen. Dazu zählen vor allem die abgefahrenen Gestalten von Wolfgang Karass und seinem Bruder Harro (für Götz-George-Fans ein Fest), das stellenweise völlig sinnbefreite Auftreten der Kripo (Drehsessel-Szene, Badezimmer-Szene, Bar-Szene, Kellers Wutausbruch) und der dauerhafte Einsatz jenes Herb-Alpert-Stücks, das von France Gall als „Zwei Apfelsinen im Haar“ vertont wurde. Auch diese besungene Version hätte ohne Weiteres zu „Tod einer Zeugin“ gepasst ...

Vom handwerklichen Standpunkt aus betrachtet, liegt natürlich einiges im Argen: Die Leiche blinzelt und dreht sich zwischenzeitlich auf den Bauch, die Ermittlungen schleppen sich zumeist von Füllszene zu Füllszene und der Auflösung kann man eigentlich nur maximale Beliebigkeit attestieren. Doch Brynych wuchert in den Bereichen, die er beherrscht: dem Inszenerücken außerordentlich ansehnlicher Bildkompositionen und der Schauspielerführung. Vor allem Joseph Vinklar und Werner Bruhns spornt er zu einprägsamen Leistungen an, die (naheliegenderweise) von den körperlichen Defiziten der Charaktere und deren heimlichem Gieren nach Frischfleisch geprägt sind. Inwiefern das für den Fall nun sachdienlich von Bedeutung ist, sei großzügig dahingestellt; aber es formt einen insgesamt stimmigen Schwerpunkt. Auch die kecke Renate Roland setzt Brynych in diesem Zusammenhang wirkungsvoll in Szene, wenngleich sich deren darstellerisches Talent als ungefähr so überschaubar erweist wie der Bewegungsspielraum des Rollstuhlfahrers Herr Höfer. Ähnlich wie in „Parkplatz-Hyänen“ tut sich schließlich vor allem Walter als scheinbarer Brynych-Liebling mit markigen Auftritten hervor – der sonst so wohlerzogene und überlegte Pfeifenraucher legt unter böhmischer Ägide seine Zurückhaltung mit verblüffendem Mut zur Blamage ab. Da sieht man es: Stille Wasser sind tief!

Der Trick mit dem Einsatz eines mit Schüssen bespielten Tonbands sorgt für einen spannenden Einstieg und erinnert an „Neues vom Hexer“ sowie die spätere „Kommissar“-Folge „Noch zehn Minuten zu leben“, funktioniert hier aber besser als unter Grädler 1975, weil „Tod einer Zeugin“ ohnehin eine recht realitätsferne, konstruierte Route einschlägt. Das erkennt man nicht zuletzt daran, wie Helga und Rehbein plötzlich Make-up und Frisuren richten, als die beiden schmierigen Karass-Brüder im Büro aufschlagen – ebenso wie Harros Kuchenfress-Orgie oder Wolfgangs Barbesuch im Schlafanzug ein Fremdschämmoment erster Güte. Oder wie das Publikum wetterte:

Zitat von Karnevals-Kommissar, unbekannte TV-Zeitschrift, o.D., Quelle
Meine Familie und ich sind uns nicht einig, ob das eine Faschingssendung sein sollte, eine Persiflage auf die eigene Sendung oder ob sie nur schlicht und einfach so schlecht war.


Hirn aus, Augen auf – wer konventionelle Kost satt hat oder mit Brynych über Konventionen von TV-Krimis ablästern will, ist bei „Tod einer Zeugin“ perfekt aufgehoben. Wer jedoch einen vollwertigen „Kommissar“-Fall erwartet, wird enttäuscht werden. Auf halbem Wege zwischen verrückter Genialität und formalem Vollversagen pendelt sich der 16. Fall der Reihe als sonderbares Unikum ein.

(3 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Walter Grabert und sein unfreiwilliger Ausflug in eine ohnehin schon voll besetzte Badewanne
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 82: Episode 16 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz. Unter Verdacht: Götz George, Werner Bruhns, Joseph Vinklar, Wolfgang Spier, Klaus Dahlen, Renate Roland, Hans Elwenspoek, Claudia Bethge u.a. Erstsendung: 6. Februar 1970.

Gubanov Offline




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10.06.2018 21:10
#599 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Der Papierblumenmörder

Zitat von Der Kommissar: Der Papierblumenmörder
„Bitte, schieß doch“ sind die letzten Worte von Sibylle Hohner, bevor ihr eine Kugel mitten ins Herz gejagt wird. Das Mädchen wohnte in einem Fürsorgeheim, in dem Kommissar Keller die Bekanntschaft ihrer guten Freundin Bonnie macht. Bonnie macht sich sehr für die Bestrafung des Verantwortlichen stark und verrät dem Ermittler den Namen von Sibylles Verehrer – des angesehenen Geschäftsmannes Dr. Winkelmann. Ist der Saubermann, der unter allen Umständen versucht, sich von den Fürsorgemädchen zu distanzieren, wirklich der Täter? Die Lösung des Falles führt die Beteiligten tiefer und tiefer ins Hippie-Milieu ...


Wer in erster Linie den Zeitgeist der Jahrzehntwende 1969/70 spüren und dabei in abgespacete Schwabinger Kneipen, ein latent dauerbekifftes Hippie-Milieu und mittlerweile gentrifizierte Schrottplätze abtauchen möchte, ist mit „Der Papierblumenmörder“ gut bedient, denn Zbynek Brynych setzt alle diese Elemente mit ausladender Geste in Szene. Wem der Sinn jedoch eher nach einem guten Krimi steht, der wird in der Hexenjagd der aufdringlichen Bonnie gegen den nicht weniger abstoßenden Dr. Winkelmann kein Meisterwerk der Rätsel- und Kombinationskunst finden. Während es andere Brynych-Arbeiten schaffen, diese Diskrepanz aus Inhalt und Inszenierung zu kaschieren, klafft sie bei „Der Papierblumenmörder“ weit auseinander – auch und gerade weil die exaltierte Christiane Schröder jede Filmminute, in der sie zu sehen ist (und das ist der überwiegende Anteil), doppelt so lang erscheinen lässt. In ihrer Rolle konzentrierte Herbert Reinecker die Abrechnung des „jungen“ Zeitgefühls mit dem Establishment, wobei jedoch keine der betroffenen Seiten gut davonkommt. Einerseits hinterlässt Herbert Tiede als Dr. Winkelmann einen selten schmierig-gierigen Eindruck, der klar von moralischer Verkommenheit und dem verzweifelten Kampf um einen guten Ruf bei gleichzeitigem Nachgeben seiner primitivsten Gelüste geprägt ist. Andererseits zieht Christiane Schröder ihn so erbarmungslos durch den Kakao wie sie gleichzeitig die Nerven des Zuschauers mit ihrer kindischen Intonation, geltungssüchtigen Penetranz und abgebrühten Verächtlichkeit strapaziert. Die Luft des Neuen, Aufrührerischen verkommt hier zu einer Anti-Stimmung, die genau das Gegenteil von dem erzielt, was sie vermutlich beabsichtigte.

Bonnie wird meist auf Schritt und Tritt von einer Psychologin verfolgt (ein Schelm, wer Böses denkt), der Gisela Fischer ein glaubwürdig verhärmtes Gesicht verleiht. Außer dass dieser Kniff die Szenen noch wortreicher und sperriger macht, bewirkt er dramaturgisch gesehen eigentlich nicht viel; doch man muss lobend anerkennen, mit welch stoischer Gleichmut Fischer in der Dauergegenwart von Schröder ihre Zeilen aufsagen konnte. Das abseitige Gastdarsteller-Quartett wird schließlich noch von einem stumm durch die Kulissen wandelnden Thomas Fritsch komplettiert, dessen unfreiwillig komische Rolle „Teekanne“ deutlich vor Augen führt, welche Schäden unbedachter Drogenkonsum nach sich ziehen kann ... Unterm Strich sorgen diese wenig einladenden Charaktere weder für einen leichten Zugang zum Stoff noch für kurzweilige Unterhaltung, wie man sie in den anderen „Kommissar“-Brynychs vorfindet, sodass „Der Papierblumenmörder“ als ein vergleichsweise deutliches Ärgernis mit überdeutlicher Moralkeule heraussticht.

Überhaupt macht sich die charakteristische Handschrift des Böhmen vergleichsweise wenig bemerkbar. Der in „Kommissar“-Signet, Pre-Titelsequenz und separate Titeleinblendung getrennte Episodenauftakt spricht zwar für Zbynek Brynych im Regiestuhl; der Rest der schleppenden und nicht übermäßig einfallsreich erzählten Episode hätte jedoch auch von Wolfgang Staudte oder Theodor Grädler an einem ihrer schlechteren Tage stammen können. So sieht man, dass selbst der unkonventionelle Popstar unter den „Kommissar“-Regisseuren nicht durchweg auf hochkreativem Niveau ablieferte. Dazu gehört auch, dass der ausgewählte Peter-Thomas-Score die Jahre eher schlecht überstanden hat und heute höchstens noch als lärmende Untermalung der Hippie-Atmosphäre taugt.

Dadurch dass sich Keller, Grabert, Heines und Klein von Anfang an auf Bonnie als eine Art Kronzeugin einschießen, gestalten sich leider die meisten Szenen mit den Ermittlern ebenfalls recht lästig. Berufsbedingt eigentlich erforderliche Erwägungen bezüglich der Glaubwürdigkeit ihrer Zeugin fechten die Polizisten nicht dabei nicht an. Den Vogel schießt Kommissar Keller ab, als er Bonnie einlädt, kurzzeitig bei sich zu Hause zu wohnen. Reineckers frühserielles Bemühen, das Privatleben der Kellers unter allen Umständen immer wieder in die Folgen zu integrieren, wirkt ein ums andere Mal eher hinderlich, wie sich z.B. auch in „Eine Kugel für den Kommissar“ zeigt. So bleibt „Der Papierblumenmörder“ ein in jeder Hinsicht schwacher „Kommissar“, der Brynychs Stärken ignoriert und deshalb unangenehm dröge daherkommt.

Wie so oft in ihren TV-Auftritten reißt Christiane Schröder in einer Art One Woman Show alle Szenen rücksichtslos an sich und erhält zu allem Überfluss von Zbynek Brynych freie Hand, ihre Nervigkeit in vollem Ausmaß auszuspielen. „Der Papierblumenmörder“ ist ein entsprechend strapaziöses und fragwürdiges „Vergnügen“, bei dem trotz eines gewissen Kult-Faktors einfach Langeweile und Zeitschinderei die Oberhand gewinnen.

(1,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein, der sich nicht traut, das Mädchenheim ohne seinen „Vater“ aufzusuchen
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 83: Episode 15 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz, Rosemarie Fendel. Unter Verdacht: Christiane Schröder, Gisela Fischer, Thomas Fritsch, Hilde Weissner, Herbert Tiede, Kurt Horwitz, Eva Mattes, Christina Kuon u.a. Erstsendung: 16. Januar 1970.

Lord Peter Offline




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11.06.2018 17:26
#600 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Folgen wie "Der Papierblumenmörder" und "Grauroter Morgen" waren es, die mir den "Kommissar" so ziemlich komplett verleidet haben.

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