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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Offline




Beiträge: 15.359

19.06.2018 21:00
#601 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Ich kann dir insofern nur zustimmen, @Lord Peter, als ich auch schnell das Interesse am „Kommissar“ verloren hätte, wenn alle Folgen so aussähen wie „Der Papierblumenmörder“ oder „Grauroter Morgen“. Gott sei Dank ist das für die Mehrzahl der Episoden nicht der Fall. Dass aber auch solche Leidensdramen mit überbordenden Schreckschrauben à la Schröder oder Palmer ihre Fans haben, zeigt eine am gleichen Tag wie mein Review im „Kommissar“-Forum erschienene Besprechung, die die Folge als „genial“, „perfekt“ und „herausragend“ bezeichnet. So kann man dem „Papierblumenmörder“ wenigstens nicht absprechen, dass er polarisiert und – in welche Richtung auch immer – Emotionen weckt.

Ich bin jedenfalls froh, die Folge hinter mich gebracht zu haben, und mache mit einer erbaulicheren (wenngleich ebenfalls keinem uneingeschränkten Glanzlicht) weiter:



Der Kommissar: Das Ungeheuer

Zitat von Der Kommissar: Das Ungeheuer
In einem Waldstück tötet ein Mann eine junge Frau. Er wird, beinahe in flagranti, von einem Pärchen ertappt, das ihn bis in eine nahe Einfamilienhaussieldung verfolgen kann, ohne ihn jedoch genau zu erkennen. Nun stehen die männlichen Einwohner einer ruhigen Vorortstraße – vom Lehrer über den Nachtkellner bis zum geistig Verwirrten – plötzlich alle unter Mordverdacht. Dies fördert sowohl Eifersüchteleien als auch offene Feinschaften zu Tage und führt der Kripo und den Anwohnern vor Augen, dass sie sich auf oberflächliche Eindrücke nicht verlassen können. Wer ist das Ungeheuer, welches das Mädchen auf dem Gewissen hat?


Dietrich Haugk erlaubt sich einen kleinen Scherz, als er in der ersten Einstellung der Episode die Kamera zu unheilvoller Musik auf die aus einer Autotür baumelnden Beine eines Mädchens schwenken lässt, von denen man automatisch annimmt, dass sie zu einer Leiche gehören (passen würde das zum Stil der frühen „Kommissar“-Folgen jedenfalls bestens). Tatsächlich entpuppt sich Claudia Golling jedoch als sehr lebendig, wenngleich ihre prominente Nennung unter den Gastdarstellern direkt hinter Volker Lechtenbrink für ihren wenig substanziellen Part als Freundin des Hauptzeugen in dieser von unzähligen Gaststars bevölkerten Episode ein wenig übertrieben wirkt. Das Pärchen Lechtenbrink / Golling sorgt für einen flotten Einstieg in die Episode, indem es ebenso unvorhergesehen wie der Zuschauer in den Strudel der Ereignisse hineingerissen wird. Es entwickelt sich aber in keiner Weise weiter, sobald der Fokus auf die Bewohner der Feldsiedlung (Drehort: Landrichter- und Grenzstraße am Fasangarten nahe der südlichen Stadtgrenze) verschoben wird.

Die ländlich-harmlose Umgebung entpuppt sich als Trugbild, denn hinter den Türen der kleinbürgerlichen Häuschen spielt sich ein Drama nach dem anderen ab. In ihrer episodenhaften Darstellung kaputter Typen und dysfunktionaler Beziehungen ähnelt „Das Ungeheuer“ der in einem Mietshaus angesiedelten Episode „Ein rätselhafter Mord“, denn die einzelnen Paare bzw. Familien haben wenig miteinander zu tun, außer sich gegenseitig der Täterschaft zu bezichtigen oder der Polizei aufdringliche Fingerzeige zu geben, wer denn schuldig sein könnte (in dieser Beziehung tun sich besonders Klaus Höhne und Camilla Spira negativ hervor). Wie die Geier äugen sie von vorm Maschendrahtzaun auf die Vorgärten derer, über die sich die (unvollständige) Mordkommission gerade her macht. Das Gerede und die wilden Spekulationen darüber, wer „das Ungeheuer“ sein könnte, beschäftigen die sonst wenig Abwechslung gewöhnten Landeier.

Reinecker verwurstete bei den Verdächtigen mehrere seiner typischen Rollenkonstellationen: Der von der eigenen Frau malträtierte Weichei-Pädagoge, der proletenhafte Kellner und sein vorbestrafter Bruder, der geistig Behinderte, der zum Sündenbock gemacht werden soll, und die Mutter bzw. Schwester, die für unschuldig verdächtige Tunichtgute wie Löwinnen kämpfen, gehören zu seinem Standardrepertoire, werden aber – da Reinecker und Haugk sich hauptsächlich auf die kleinen Dramen der Figuren und weniger auf die indizienbasierte Aufklärung des Mordfalles konzentrieren – sehr überzeugend gezeichnet. Auf Darstellerseite gibt es folglich hauptsächlich Lorbeeren zu ernten, wobei sich vor allem Paul Edwin Roth, Inge Langen, Hannelore Elsner, Camilla Spira, Rainer Basedow und Manfred Spies plastisch hervortun, während Signe Seidel und Klaus Höhne ihre Figuren allzu einseitig verkniffen anlegen, um realistisch zu wirken, und Jochen Blume einfach kaum Gelegenheit erhält, sich zu profilieren. Eine interessante Person „am Rande der Ereignisse“ stellt Erne Seder dar, deren kleinlautes Auftreten in Anbetracht der übereifrigen Wortführerschaft ihres Filmehemanns wenig verwundert.

Während die Szenen in der zweiten Hälfte der Folge sich meist eher schleppend gestalten, sticht sowohl optisch als auch inhaltlich die nächtliche Begegnung von Inge Langen und Hannelore Elsner vor dem Gasthaus hervor. Die beiden Frauen, die beide nicht dem angepassten Muttchen-Ideal einer Vorstadtsiedlung entsprechen und deshalb Zweifel und Anschuldigungen seitens ihrer konservativen Nachbarn ernten, versuchen einerseits, Verständnis für die Situation der jeweils anderen zu zeigen, und dennoch einander ganz subtil und ohne böses Blut die Tat in die Schuhe zu schieben. Im fahlen Schein der Straßenlampen und Wirtshausfenster gibt es sogar eine Einstellung, in der Manfred Ensinger eine körperliche Anziehungskraft zwischen den beiden Frauen suggeriert, die Elsner mit einem stummen, kaum zu sehenden Kopfschütteln aufbricht. Ein intensiver Moment, der ungleich stärker ausfällt als die laute Lamentiererei im Inneren des verrauchten Lokals.

Dass man an einem von Reineckers 08/15-Mädchenmorden trotz riesiger Verdächtigenschar und schöner Schauplätze bald das Interesse verliert, liegt an einem etwas zu offensichtlichen Täter sowie an polizeilichen Befragungen, bei denen – wie die Hörzu anlässlich der Erstsendung schrieb – der Kommissar „immer wieder [...] nur Gezänk und Klatsch [hört]“. Immerhin werden diese schwatzhaften Szenen von einem starken Ensemble getragen und Haugk lüftet zwischenzeitlich ordentlich durch. Unterm Strich reicht es, auch dank des temporeichen Auftakts, für eine Platzierung im oberen Mittelfeld.

(3,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller mag keine Zeugen, die ihm unablässig mögliche Mörder präsentieren
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 84: Episode 14 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Emely Reuer. Unter Verdacht: Volker Lechtenbrink, Claudia Golling, Signe Seidel, Paul Edwin Roth, Inge Langen, Hannelore Elsner, Camilla Spira, Klaus Höhne u.a. Erstsendung: 19. Dezember 1969.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.508

20.06.2018 14:00
#602 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Ich möchte ebenfalls eine Lanze für "Der Papierblumenmörder" und die renitente und erfrischend unkonventionelle Christiane Schröder brechen. Ihr aggressives Spiel hält nicht nur dem falschen Biedermann Herbert Tiede den Spiegel vor, nein, sie zertrümmert ihn auch verbal auf seinem Kopf. Sie reizt die Menschen ihrer Umgebung bis aufs Blut und testet aus, wie weit sie gehen kann. Dadurch ist sie ein klassisches Kind ihrer Zeit, das alles infrage stellt, die Realitäten negiert und sich wie eine Hippie-Pippi-Langstrumpf die Welt so macht, wie sie ihr gefällt. Sie ist sich dabei jede Minute ihrer Machtlosigkeit bewusst, was ihre Aktionen noch befeuert, weil sie merkt, dass die Welt der Erwachsenen sie nicht ernst nimmt - oder erst, wenn sie einen respektablen Beruf oder einen gesellschaftlich anerkannten Status vorweisen kann. Ich sehe in Brynychs Regie sehr viel Poesie; es gibt immer wieder Momente der Stille, des Verharrens in Emotionen und Melancholie, die kurz davor steht, sich zu einer lähmenden Trauer auszuwachsen. Bonny ist der Katalysator; es spricht Bände, wie die Personen auf sie reagieren und sagt auch viel über ihre Kritiker aus. Jedenfalls scheint sie niemanden kalt zu lassen, weswegen sie ihr wichtigstes Ziel bereits erreicht hat.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.359

20.06.2018 14:05
#603 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Zitat von Percy Lister im Beitrag #602
... Melancholie, die kurz davor steht, sich zu einer lähmenden Trauer auszuwachsen ...

Kurz davor stehen? "Lähmend" ist eigentlich genau das richtige Wort für die Folge. Dank Schröder passiert ja nichts außer Gekeife und Gezeter.

Ich habe gerade "Auf dem Stundenplan: Mord" gesehen und konnte da erneut feststellen, wie begabtere Jungdarsteller unter der Führung eines versierteren Regisseurs wesentlich gelungenere Akzente setzen, auf die deine Beschreibung vom Infragestellen der Autoritäten und vom imaginären Kampf einer Jugend- gegen eine Erwachsenenwelt ebenso passt.

Lord Peter Offline




Beiträge: 462

20.06.2018 18:54
#604 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #601
Ich kann dir insofern nur zustimmen, @Lord Peter, als ich auch schnell das Interesse am „Kommissar“ verloren hätte, wenn alle Folgen so aussähen wie „Der Papierblumenmörder“ oder „Grauroter Morgen“. Gott sei Dank ist das für die Mehrzahl der Episoden nicht der Fall. Dass aber auch solche Leidensdramen mit überbordenden Schreckschrauben à la Schröder oder Palmer ihre Fans haben, zeigt eine am gleichen Tag wie mein Review im „Kommissar“-Forum erschienene Besprechung, die die Folge als „genial“, „perfekt“ und „herausragend“ bezeichnet. So kann man dem „Papierblumenmörder“ wenigstens nicht absprechen, dass er polarisiert und – in welche Richtung auch immer – Emotionen weckt.


Tja, vielleicht habe ich einfach Pech gehabt mit den Folgen, die ich sah. Mein Erstkontakt war eine "Kommissar"-Nacht im ZDF (die ich in Longplay auf VHS aufzeichnete), die zu irgendeinem Serienjubiläum ausgestrahlt wurde. Gezeigt wurden die Folgen:

"Toter Herr im Regen" - Die Pilotfolge, passabel, aber nicht überragend.
"Der Papierblumenmörder" - Kein Kommentar.
"Grauroter Morgen" - Erst recht kein Kommentar.
"Spur von kleinen Füßen" - Sabine Sinjen starb zum zweiten Mal in dieser Nacht. Ansonsten ein typischer belangloser Mädchenmord-Plot von Reineckers Reißbrett, vermutlich für diesen Anlaß nur wegen Fritz Weppers Abschied ausgewählt.
"Traumbilder" - Die zweite moralinsaure Keule (nach dem "Grauroten Morgen"), die den eigentlich interessanten Plot leider erdrückt.
"Tod im Transit" - Die letzte Folge, doch danach sieht sie gar nicht aus, und der Ausklang ist ebenso schlapp wie der Plot belanglos.

Offenbar war man eher darum bemüht, "Marksteine" auszuwählen, als qualitativ hochwertige Folgen. Auftakt und Ausklang, Abschied einer Hauptfigur nebst Einführung des Nachfolgers sowie ein paar "Problemfolgen mit Botschaft".

Wolf Roth und Josef Meinrad zuliebe habe ich mir dann auch mal "Der Tod des Apothekers" angesehen, als ich bei Youtube darüber gestolpert bin. Zwar durchaus passabel, aber auch kein wirklicher Anreiz, weitere Folgen zu sichten.

Gelegentlich bin ich mal beim Zappen trotzdem bei Keller & Co. gelandet (keine Ahnung, welche Folgen), aber das meiste davon hat mich einfach nur genervt.

@Gubanov: Hast Du vielleicht eine "Top 10"-Liste zur gesamten Serie, wo ich mal reinschauen könnte? Ich bin zwar skeptisch, aber die Begeisterung mancher Forumsmitglieder macht doch irgendwie neugierig...

Gubanov Offline




Beiträge: 15.359

20.06.2018 20:00
#605 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Zitat von Lord Peter im Beitrag #604
Offenbar war man eher darum bemüht, "Marksteine" auszuwählen, als qualitativ hochwertige Folgen. Auftakt und Ausklang, Abschied einer Hauptfigur nebst Einführung des Nachfolgers sowie ein paar "Problemfolgen mit Botschaft".

Diese Auswahl ist in der Tat bedauerlich, weil sie zeigt, dass der Sender die Serie von der inhaltlichen Warte aus schon lange nicht mehr ernst nimmt. Sie sollte dann aber andererseits auch nicht unbedingt als repräsentativ angesehen werden, wie du schon richtig vermutest. Von den von dir genannten Folgen steht mir "Toter Herr im Regen" in meinem "Kommissar"-Countdown noch aus (Erstsichtung 2008 führte zum Urteil 4 Punkte), die übrigen habe ich wie folgt bewertet:
  • Der Papierblumenmörder (1,5 von 5 Punkten)
  • Grau-roter Morgen (2 von 5 Punkten)
  • Spur von kleinen Füßen (3 von 5 Punkten)
  • Traumbilder (3 von 5 Punkten)
  • Der Tod des Apothekers (4 von 5 Punkten)
  • Tod im Transit (4,5 von 5 Punkten)
Eine Serien-Gesamt-Top-10 kann ich augenblicklich noch nicht vorlegen, werde dies aber tun, sobald ich mit meiner Besprechungsreihe fertig bin, was nicht mehr lang dauern sollte. Bisher würde ich dir als große Serien-Highlights "Der Moormörder", "Traum eines Wahnsinnigen", "Der Geigenspieler" und "Mit den Augen eines Mörders" empfehlen.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.359

21.06.2018 18:15
#606 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Auf dem Stundenplan: Mord

Zitat von Der Kommissar: Auf dem Stundenplan: Mord
Nach einer merkwürdigen Unterrichtsstunde, die der Berufsschullehrer Dr. Dommel nur zitternd abhalten konnte, findet sich in dessen Vorbereitungszimmer die Leiche der Schülerin Inge Maaß. Das Mädchen ist erwürgt worden. Sowohl Lehrer- als auch Schülerschaft scheinen sich einig zu sein, dass nur Dr. Dommel als Täter in Frage kommt – schließlich pflegte der unsichere, von seiner Klasse geschasste Lehrer eine private Beziehung zu seiner Schülerin. Vor allem Inges Ex-Freund Palacha macht keinen Hehl aus seiner Verachtung für Dr. Dommel. Wird der Streit zwischen Schüler und Lehrer eskalieren, bevor der Kommissar den wahren Schuldigen ermittelt?


Bekanntheit hatten die Räumlichkeiten, in denen Dr. Dommel seinen Deutschunterricht abhält, bereits eher im Jahr 1969 erlangt, als sie den Hauptschauplatz des dritten „Lümmel von der ersten Bank“-Films „Pepe, der Paukerschreck“ bildeten. Gänzlich anders als in der beschwingten Lausejungen-Komödie stellt sich jedoch die Stimmung dieser „Kommissar“-Folge. Reineckers Pädagogenfiguren teilen zwar üblicherweise mit denen der Franz-Seitz-Filmreihe die Eigenschaft, für ihren Beruf gänzlich ungeeignet zu sein; im Gegensatz zu Pepe Nietnagels Abenteuern setzen sich die Schüler jedoch nicht mit harmlosen Streichen, sondern mit einem Rachefeldzug in Form belastender Aussagen in einem Mordfall gegen die tägliche Schultortur zur Wehr. Dabei haben Palacha und seine Mitschülerin Heike Stein zumindest den Vorteil gegenüber den Lümmeln, die Berufsschule aus freien Stücken zu besuchen – auch wenn sie es in brillanten Darstellerleistungen von Vadim Glowna und Eva Kinsky wie eine immense Bürde aussehen lassen. Die Schüler des Jahres 1969 geben sich nicht eigenständig, sondern eigensinnig und verhärten mit ihrem Protest gegen Dommel die Fronten auf erbitterte Weise. Glowna redet sich mehrere Male in eine wütende Rage, während Kinsky den kalten Fisch mit den verschlagenen Augen verkörpert.

Unter der Last ihrer Anklage klappt ein widerstandsloser Thomas Holtzmann immer bedrohlicher zusammen. Der Pädagoge entwickelt sich schon in der Szene vor dem Vorspann zum mitleiderregenden Hauptverdächtigen, der so hilflos wie ein kleines Kind erscheint, während sowohl Schüler, Kollegen als auch Polizisten großspurig über ihn urteilen. Dabei ist Dr. Dommel selbst keine integre Figur – was wir über ihn erfahren, ist je nach Befragtem sehr unterschiedlich gefärbt und reicht von Hingabe zum Beruf über Versagen auf sozialer Ebene bis zu pädophilen Tendenzen. Mit Holtzmann wählte Ringelmann einen Schauspieler, der alle Facetten vom unschuldig Verfolgten bis zum übermannten Gefühlsmörder überzeugend darzustellen in der Lage war. Dadurch erhält sich „Auf dem Stundenplan: Mord“ bis zum Ende eine willkommene Zweideutigkeit, die einen Ausgang in beide Richtungen – Dommel oder Palacha als Lügner? – ermöglicht. Auch weitere Figuren werden eifrig in den möglichen Täterdunstkreis mit einbezogen, sodass „Auf dem Stundenplan: Mord“ darüber hinaus auch noch als erstklassiger Whodunit-Krimi überzeugt, der mindestens beim ersten Sehen mit seiner geschickten Konstruktion überzeugt.

Der Fan, der zu wiederholten Sichtungen neigt, wird hingegen seine Freude an Theodor Grädlers bodenständiger Inszenierung haben. Ohne Kinkerlitzchen fühlt sich die Folge in das typische Schulklima früherer Jahre ein und vertieft dieses mit authentischen Szenen außerhalb des Klassenzimmers (Flure, Fahrradkeller, Wohnung des Pedells etc.). Gerade im Fahrradkeller gelingen auch mehrere unheimliche Momente im (Halb-)Dunkel, die der Folge bei all ihrer reineckeresken Auslegung doch auch eine klassische Gruselstimmung verleihen. Apropos Reinecker: Die Fantasie des Autors erwies sich bei den frühen „Kommissar“-Folgen ähnlich wie bei den ersten „Derricks“ als besonders flexibel, sodass man es hier mit einem weit überdurchschnittlich konzipierten Plot zu tun bekommt. Auffällig dabei ist vor allem, dass Reinecker nicht wie später so oft der Versuchung erlag, eine belanglose Nebenrolle zum Täter zu machen, was der Auflösung in Kombination mit der beeindruckenden letzten Szene mit Glowna im Heizungskeller eine besonders markante Note verleiht.

Nicht unerwähnt bleiben soll schließlich auch Renate Grosser, deren Auftritt vor selbstgerechter Hochnäsigkeit geradezu trieft. Als sittenstrenge Schwester des unbeliebten Lehrers dürfte sie für dessen katastrophales Image mindestens mitverantwortlich sein („Diese Lehrer mag man, jene nicht. Zweifellos gehört der Kollege Dommel zu jenen, die man nicht mag“). Solche urigen, aber geschmackvoll abgestimmten Nebenrollen bereichern das „Kommissar“-Universum ungemein und sorgen für zusätzlichen Sprengstoff abseits der hauptsächlichen Kriegsschauplätze.

Das Kommissar-Team und sein Autor wirken nach 13 Folgen noch herrlich unverbraucht und liefern eine Ausnahmefolge in einem bei Reinecker dauerhaft beliebten Milieu ab. Schauspielerisch erstklassig (Glowna, Holtzmann, Grosser, Kinsky, Quest) und inszenatorisch stark, gehört „Auf dem Stundenplan: Mord“ zu den überzeugendsten Folgen der Serie.

(5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines schießt sich schnell auf die einfachste Lösung ein
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 85: Episode 13 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz. Unter Verdacht: Thomas Holtzmann, Vadim Glowna, Renate Grosser, Eva Kinsky, Hans Quest, Herwig Walter, Liselotte Quilling, Sigfrit Steiner u.a. Erstsendung: 28. November 1969.

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