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Dieses Thema hat 18 Antworten
und wurde 5.896 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
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Georg Offline




Beiträge: 3.224

27.12.2011 14:52
Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

Zwar bin ich noch bei OI Marek, aber die heutige Ausstrahlung einer „Tatort“-Folge um 20.15 auf SWR bewegt mich dazu, hier schon den nächsten „Tatort“-Ermittler der 1970er zu erwähnen.
Wer Hauptkommissar Lutz alias Werner Schumacher in Aktion erleben will, kann das also heute tun. Noch dazu in einer äußerst prominent besetzten Episode: in „rot.. rot.. tot“ spielt nämlich Curd Jürgens die Hauptrolle! Zwar ist der Fall an sich nicht der beste, aber die schauspielerische Qualität des großen Akteurs und der Ermittler sind allenfalls sehenswert.
Hauptkommissar Lutz, dessen Vorname Eugen erst in der letzten Episode verraten wird, ermittelt u. a. in Stuttgart, Karlsruhe und Ulm, und das über 16 Jahre lang in 16 Fällen (1971-1986). Assistiert wurde er dabei u. a. von Frank Strecker (später als ganz guter Regisseur aktiv, früher als Regieassistent u. a. bei „Familie/ Firma Hesselbach“) und dessen Vater Max Strecker (Herr Münzenberger aus „Familie/ Firma Hesselbach“). Als Autor war unter anderem „Oberinspektor Marek“ Fritz Eckhardt aktiv. Als Regisseur gab es – wie bei anderen „Tatort“en jener Zeit (z. B. Finke: Wolfgang Petersen, Trimmel: Peter Schulze-Rohr) auch nur einen Regisseur: Theo Mezger, der alle bis auf eine Folge (Nr. 11: Nebengeschäfte) inszenierte.
Folgende „Lutz“-Fälle gibt es:

1 | Tatort# 4 | Auf offener Straße | 07.02.1971 | Regie: Theo Mezger
2 | Tatort# 17 | Kennwort Fähre | 03.04.1972 | Regie: Theo Mezger
3 | Tatort# 28 | Stuttgarter Blüten | 01.04.1973 | Regie: Theo Mezger
4 | Tatort# 43 | Gefährliche Wanzen | 29.09.1974 | Regie: Theo Mezger
5 | Tatort# 54 | Schöne Belinda | 31.08.1975 | Regie: Theo Mezger
6 | Tatort# 59 | Augenzeuge | 18.01.1976 | Regie: Theo Mezger
7 | Tatort# 71 | Himmelblau mit Silberstreifen | 30.01.1977 | Regie: Theo Mezger
8 | Tatort #83 | rot..rot..tot | 01.01.1978 | Regie: Theo Mezger
9 | Tatort# 102 | Zweierlei Knoten | 29.07.1979 | Regie: Theo Mezger
10 | Tatort# 108 | Kein Kinderspiel | 13.01.1980 | Regie: Theo Mezger
11 | Tatort# 120 | Nebengeschäfte | 11.01.1981 | Regie: Bruno Voges
12 | Tatort# 132 | Blinde Wut | 10.01.1982 | Regie: Theo Mezger
13 | Tatort# 144 | Mord ist kein Geschäft | 09.01.1983 | Regie: Theo Mezger
14 | Tatort# 155 | Verdeckte Ermittlung | 26.02.1984 | Regie: Theo Mezger
15 | Tatort# 169 | Miese Tricks | 26.05.1985 | Regie: Theo Mezger
16 | Tatort# 178 | Einer sah den Mörder | 23.02.1986 | Regie: Theo Mezger

Einige der Folgen wurden hier im Forum schon sehr kompetent besprochen:

Fall 3: "Stuttgarter Blüten" von Jack the Ripper:
topic-threaded.php?board=1686&forum=2290151&threaded=1&id=61778&message=7306241

Fall 8: "...rot ...rot ...tot" von Gubanov:
topic-threaded.php?board=1686&forum=2290151&threaded=1&id=61778&message=7296904

Fall 13: "Mord ist kein Geschäft" von Jack the Ripper:
topic-threaded.php?board=1686&forum=2290151&threaded=1&id=61778&message=7306092

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

27.12.2011 17:02
#2 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

Ich hoffe, Georg ist nicht böse, dass ich ihm hier ein bissl ins Besprechungshandwerk pfusche, bin schon gespannt auf seine Beurteilung der jeweiligen Episoden.


Kein Kinderspiel (Folge 108, 13. Jänner 1980)



Ich hab an anderer Stelle schon die Krise erwähnt, in die der „Tatort“ zu Beginn der 80er-Jahre geschlittert ist, Folgen wie diese dürften zu der damaligen Negativstimmung einen nicht unwesentlichen Beitrag geleistet haben und Wasser auf die Mühlen jener gewesen sein, die der Reihe ein baldiges Ende prophezeiten - die Story um den Tod eines 10jährigen Mädchens, die höchstens Material für eine lahmere Episode einer 25-Minuten-Vorabendserie geboten hätte, wird auf über 80 langweilige Minuten aufgebläht, an dessen Ende man ratlos dasteht. Weder funktioniert dieser „Tatort“ als Kriminalfilm - dazu kommt die Sache viel zu langsam in Gang, werden danach aber Verdachtsmomente und Verdächtige zu schnell abgehandelt, sodass bald mehr oder weniger klar wird, was die wirklichen Hintergründe des tragischen Todesfalles sind – und auch nur sehr bedingt als Familienstudie, alle Ansätze, das Thema um die ungeliebte Stiefmutter, die rebellische, im Grunde verzweifelte und nach Aufmerksamkeit heischende Tochter und den zwischen den Stühlen sitzenden Vater, der mehr eine Hausfrau und Mutter denn eine Begleiterin und Freundin gesucht hat, zu vertiefen, werden schnell im Keim erstickt oder nur oberflächlich angerissen. Angelika Bender meistert dabei die Rolle der ungeliebten Ehefrau, gefangen in der biederen Vorstadthölle (die, das muss man der Folge zugute halten, sehr glaubwürdig einfangen wurde), noch am besten, ist mit ihrer spröden, unaufgeregten Darstellungsweise für derlei Rollen prädestiniert, Karl Heinz von Hassel als ihr Ehemann bleibt blass. Man darf sich immerhin über ein Wiedersehen mit Friedrich Georg Beckhaus als verdächtigen Müllfahrer, Rolf Schimpf als Gerichtsmediziner und Dieter Eppler als Staatsanwalt freuen, Lutz und Wagner ermitteln diesmal – ohne weitere Erklärung, warum – in und um Heilbronn, können sich in diesem langatmigen Fall, der keiner ist, aber wenig profilieren – da seh ich für Wagners angestrebte Beförderung schwarz.

Georg Offline




Beiträge: 3.224

27.12.2011 17:24
#3 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

Zitat
Ich hoffe, Georg ist nicht böse, dass ich ihm hier ein bissl ins Besprechungshandwerk pfusche


Im Gegenteil, dazu ist der Thread ja da ;-)!

Georg Offline




Beiträge: 3.224

31.12.2011 11:27
#4 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

TATORT SÜDDEUTSCHLAND – Lutz' Fälle (1):
Auf offener Straße

(Tatort Nr. 4)
Erstsendung (ARD): 07.02.1971
Buch: Leonie Ossowski, Gunther Solowjew
Kamera: Willy Pankau
Produktion: Werner Sommer
Regie: Theo Mezger
Dauer: 69‘19‘‘
Darsteller: Werner Schumacher (Lutz), Peter Weis (Hubert), Irmgard Rießen (Milly), Ursula Köllner (Erna), Renée Hepp (Frau Subireit), Karl-Heinz von Hassel (Menges), Ingeborg Solbrig (Monika), Dorothea Carrera (Anni), Wolfgang Hepp (Schroth), Horst Werner Loos u. v. a.

Mannheim. Hubert, ein Matrose, geht an Land und kassiert 100 Mark Vorschuss. Er hat jedoch nicht vor, zurückzukommen. Er begibt sich ins Nachtlokal Cha Cha Cha, wo er dem Barmädchen Milly einen Heiratsantrag macht. Diese will jedoch nicht, ist Hubert doch nur einer von vielen Kunden. Hubert, der sein letztes Geld für ein Geschenk für Milly ausgegeben hat, irrt planlos durch die Stadt, schlägt ein Schaufenster ein und entwendet ein Messer. Quasi obdachlos wandert er den gesamten nächsten Tag umher. Als es am Abend zu einem Disputs wegen eines Hundes kommt, bedroht er ein älteres Ehepaar und flüchtet. Ein Passant beobachtet dies, verfolgt Hubert und hält ihn fest. Hubert sticht den Mann nieder, der wenig später darauf verstirbt. Kommissar Lutz ermittelt …

Wie viele „Tatort“-Ermittler der ersten Stunde (Liersdahl, Konrad, Veigl) ereilte auch Lutz (Werner Schumacher) das Schicksal, nur zufällig in einem halbwegs zum Krimi passenden Dokumentarspiel mitgewirkt zu haben, das man schnell in den „Tatort“ hieven konnte. Der SDR wählte also dieses halbdokumentarische Fernsehspiel aus, das nur 69 Minuten dauert und in dem Lutz erst ungefähr bei Minute 40 ins Bild kommt und – zu allem Überfluss – eigentlich völlig überflüssig für die Handlung ist. Denn der Täter stellt sich am Ende selbst der Polizei. Würde man alle Lutz-Szenen entfernen, dem Film ginge nichts ab. Das Schicksal hat es jedoch gut für den „Tatort“ gemeint, denn Lutz war einer der am längst dienenden Ermittler der Reihe, immerhin agierte er bis 1986 in unterschiedlichen Städten des süddeutschen Raumes, später dann natürlich auch mit anderen Kollegen und Assistenten.
Die Geschichte selbst ist von Theo Mezger – wenn man den Anspruch Krimi weglässt – als dramatisches Dokumentarspiel um einen jungen entgleisten Mann, der das Glück sucht und das Unglück findet, recht realistisch inszeniert, die Hauptfigur ist zweifellos Hubert (Peter Weis). Insgesamt durchschnittliche Unterhaltung, als Lutz-Fall allerdings völlig unbrauchbar.

Georg Offline




Beiträge: 3.224

01.01.2012 14:47
#5 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

TATORT SÜDDEUTSCHLAND - Lutz' Fälle (2):
Kennwort Fähre

(Tatort Nr. 17)
Erstsendung (ARD): 03.04.1972
Buch: Wolfgang Menge
Kamera: Willy Pankau
Produktion: Reinhart Müller-Freienfels
Regie: Theo Mezger
Dauer: 102'29''
Darsteller: Werner Schumacher (Kommissar Lutz), Siegfried Rauch (Robert Reiser), Inge Bahr (Edith, seine Frau), Ulla Berkewicz (Vera), Harry Kalenberg (Pfisterer), Karin Frey (Angelika), Renate Heilmeyer (Agnes), Frank Strecker (Herr Breilmeier), Max Strecker (Brauchle, Hauptkommissar), Robert Naegele (Staatsanwalt), Thomas Reiner (Geschäftsführer im Casino), Wolfgang Bieger, Peter Kner, Wolfgang Hepp, Oscar Müller u. v. a.

Frau Reiser begleitet ihren Mann zur Messe nach Friedrichshafen. Als sie ihre Schwester in St. Gallen besucht, nimmt sie auf dem Rückweg die Fähre über den Bodensee. Dabei verschwindet sie spurlos. Es wird angenommen, dass sie im See ertrunken ist. Als Kommissar Lutz davon erfährt, interessiert ihn die Sache und er geht ihr nach. Immer mehr Ungereimtheiten treten zu Tage und er fragt sich: hat Herr Reiser ein perfektes Alibi konstruiert und seine Frau getötet?

Mit "Kennwort Fähre" bekommt Kommissar Lutz endlich seinen ersten richtigen Fall. Und er erweist sich darin als alter Fuchs, als hartnäckiger Ermittler, der über Vorschriften und (im wahrsten Sinne des Wortes) Grenzen hinweg seinen Sturkopf durchsetzt, um einen mysteriösen Fall aufzuklären. Dabei scheut er weder Kosten noch Mühen, fährt dem einzigen Verdächtigen Herrn Reiser (wunderbar gespielt von Siegfried Rauch) nach Stuttgart nach und fliegt auf eigene Kosten nach Frankfurt und nach Zürich. Seine Hartnäckigkeit hat Erfolg, zwar geht seine Theorie nicht auf, aber dennoch kann er Reiser verhaften. Ohne Befugnisse wendet er in Zürich einen Trick an, um den Mann dann doch noch nach einer abenteuerlichen Verfolgungsjagd durchs Stadtgebiet dingfest zu machen. In einer Nebenrolle taucht Hauptkommissar Brauchle (Max Strecker) auf, von dem wir erfahren, dass er früher Lutz' Chef war und der sein unbefugtes Vorgehen zwar nicht billigt, aber auch nichts dagegen unternimmt.
Von Lutz als Kommissar erfahren wir, dass er nun in Friedrichshafen arbeitet und sich langweilt. Er ist froh, dass er endlich einen Fall hat und berät sich ständig mit einem Freund von der Fähre.
Das Drehbuch von Wolfgang Menge ist stark, er konstruiert einen Fall und einen Ermittlertyp, die stark an "Columbo" erinnern und tatsächlich hätte man diese Episode auch für den beliebten Inspektor mit dem Trenchcoat verwenden können. Die Auflösung ist zwar vorhersehbar, aber dennoch kommt in dem 100-Minuten-Film keine Sekunde Langeweile auf. Menge war eben ein Könner auf seinem Gebiet.
Regisseur Theo Mezgers Inszenierung des Films ist ebenfalls akzeptabel, sind seine Regiearbeiten doch nicht immer von überragendem Tempo geprägt. Hier passt es.
Insgesamt gute bis sehr gute Krimiunterhaltung!

Georg Offline




Beiträge: 3.224

02.01.2012 11:24
#6 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

TATORT SÜDDEUTSCHLAND - Lutz' Fälle (3):
Stuttgarter Blüten

Tatort Nr. 28
Erstsendung (ARD): 01.04.1973
Buch: Wolfgang Menge
Kamera: Horst Schalla
Produktion: Werner Sommer
Regie: Theo Mezger
Dauer: 92'49''
Darsteller: Werner Schumacher (Kommissar Lutz), Willy Reichert (Herr Eckstein), Max Strecker (Hauptkommissar Brauchle), Frank Strecker (Kriminalbeamter Glöckle), Manfred Seipold (Hoyer), Claudia Amm (Gaby), Rainer Basedow (Hepp), Wernher Buck (Jauch), Imo Heite (Wildner), Conny Palme (Geiger), Rosel Zech, Nikolaus Schilling, Dietz-Werner Steck v. a. und Gustl Bayrhammer (Oberinspektor Veigl)

In Süddeutschland geht eine Geldfälscherbande um. Durch einen Verkehrsunfall kommt die Kriminalpolizei den Ganoven auf die Spur, kann aber nicht deren Hintermänner ausfindig machen. Verschiedene Druckereien stehen auf Kommissar Lutz‘ Verdächtigenliste. Außerdem gibt es noch einen zweiten Fälscher, der nur 200 Mark pro Monat für den „Hausgebrauch“ herstellt.

Zitat von Jack the Ripper
Wie schon der Titel ahnen lässt, stehen in dieser Folge die Aktivitäten von Geldfälschern im Mittelpunkt, denen die Polizei durch den Verkehrsunfall eines Bandenmitglieds auf die Spur kommt. Wolfgang Menges Drehbuch ist einfallsreich und vielschichtig, der Autor kreiert eine abwechslungsreiche Verbrecherhatz, die bei aller spannender kriminalistischer Turbulenz nicht nur an der Oberfläche bleibt. Sowohl die eingebundene Figur des alten, spitzbübischen Fälschertalents, vom schwäbischen Original Willy Reichert mit einer lebensechten Mischung aus Alltäglichkeit, vorgetäuschter Unwissenheit und charmantem Gaunertum verkörpert, als auch der doppelbödige Schlusstwist um den Ort, an dem das Falschgeld gedruckt wird, verleihen der Story eine zusätzliche Nachhaltigkeit. Theo Mezgers flotte Regie, die mit vielen wechselnden Schauplätzen und einer lebendigen, wendigen Kamera den Schauplatz Stuttgart in den frühen 70ern erstehen lässt, trägt zusätzlich zum guten Eindruck bei.
Der bezüglich Einsatzort und Einsatzgebiet flexibel agierende Kommissar Lutz darf hier zwar schon in seinem späteren Stammrevier Stuttgart ermitteln, tritt aber noch als Experte für Falschgeldkriminalität auf, an seiner Seite bereits Frank Strecker, der auch noch nicht seinen Stammplatz innerhalb der Reihe gefunden hatte: war er in der vorhergehenden Folge noch in einem Gastauftritt dabei, spielt er hier zwar den Assistenten, heißt aber noch nicht Wagner. Werner Schumachers Kommissar Lutz wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer landläufiger Beamter, etwas stur und farblos, erst bei näherer Betrachtung offenbart sich eine durchaus ambivalente Figur mit Reibungsflächen, die zwar oft schroff, unfreundlich, spröde wirkt, im gleichen Moment aber einen subtilen Witz, großes Verständnis und eine zähe Bissigkeit an den Tag legt. Mit Frank Strecker (der später auch als talentierter Krimiregisseur auffiel und leider früh verstarb) wurde ihm dabei ein passendes Gegenstück an die Seite gestellt, der mit schwäbischer Mundart, manchmal etwas unbeholfen, aber immer engagiert und mit einer eigenen Meinung auftritt. Streckers Vater Max, ein weiteres schwäbisches Original, muss diesmal als Lutz’ Vorgesetzter die üblichen Klischees solcher Krimifiguren erfüllen, wichtigtuerisch, von sich eingenommen, mit aufdringlicher Einmischung, abkanzelnd. Ich konnte mich – trotz allem darin enthaltenen humoristischen Wert - mit diesen Chefs des deutschen Fernsehkrimis nie wirklich anfreunden, lassen sie doch ihre Untergebenen – in der Regel immerhin Haupt- und Identifikationsfigur der jeweiligen Reihe – meist wie unfähige Lehrlinge und Praktikanten dastehen. Das weitere Personal der Folge – u.a. Manfred Seipold und Rainer Basedow – agiert routiniert, am ehesten verdient Claudia Amms Erwähnung, ebenso wie Gustl Bayrhammers Auftritt als Gastkommissar.


Jack hat in einem anderen Thread diese Folge schon ausführlich, kompetent und vorzüglich evaluiert. Hier noch einige Ergänzungen:
Am „Tatort“ jener Jahre war es offenbar Mode große Zugpferde als Autoren hinzuziehen, um die Fälle besser und spannender zu machen. Bediente man sich etwa am „Tatort“ Frankfurt Herbert Lichtenfelds, so engagierte man nunmehr für den „Tatort“ Stuttgart Wolfgang Menge, der bereits den vorhergehenden Fall von Kommissar Lutz geschrieben hatte. Er hat erneut ein spannendes Drehbuch abgeliefert, in dem es zwar hauptsächlich um Geldfälscherei geht, in dem es aber auch einen Mord gibt. Zwar wird die Leiche erst bei Minute 66 gefunden, das tut der Spannung aber keinen Abbruch. Sehr nett wird erstmals ein Gastkommissar eingewebt, hier Oberinspektor Veigl (Gustl Bayrhammer) aus München, der ja der aktivste Gastkommissar unter den „Tatort“-Ermittlern war.
Kommissar Lutz ist in seinem 3. Fall nunmehr beim LKA tätig und auf Falschgeld spezialisiert, nachdem er in Fall 1 in Mannheim und in Fall 2 in Friedrichshafen agierte. Bereits in Fall 2 tauchte Max Strecker als Hauptkommissar Brauchle auf und war dort glücklich, nicht mehr sein Chef zu sein. Nun, in Fall 3, ist er plötzlich wieder sein Vorgesetzter und stellt Lutz, der nach eigener Aussage auch in Hamburg und Frankfurt arbeitete, als „Pokal vor, der umherwandert, bei dem man aber nichts gewinnt“. Mehrfach ist er über seinen Chefermittler erzürnt und hat auch nichts dagegen, so sagt er, wenn er wieder nach Friedrichshafen zurückversetzt würde. Lutz hingegen gibt sich weiter als stur und geht seine eigenen Wege.
Der große Pluspunkt des Films ist natürlich Willy Reichert, der als humorvoller Geldfälscher alle Monate zwei 100 DM-Scheine in Umlauf bringt, die er absichtlich nicht 100%ig fälscht. So sind auf manchen Scheinen „100 falsche Mark“ statt „100 Deutsche Mark“ oder „Deutsche Bundesbahn“ statt „Deutsche Bundesbank“ zu lesen. Charmant auch, wie er die Polizisten auf die richtige Spur bringt und wie Lutz (in Übereinstimmung mit Brauchle übrigens!) ihn wegen „Personalmangels bei der Kripo“ weiterhin seine Fälschungen machen lässt. So sieht man auch im Abspann, wie der alte Mann vergnüglich in seine Laube geht, um die monatlichen Scheine zu fälschen.
Insgesamt nicht so gut wie der Vorgänger „Kennwort Fähre“, aber dennoch überaus gelungene Krimiunterhaltung.

Georg Offline




Beiträge: 3.224

04.01.2012 17:17
#7 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

TATORT SÜDDEUTSCHLAND - Lutz' Fälle (4):
Gefährliche Wanzen

(Tatort Nr. 43)
Erstsendung (ARD): 29.09.1974
Buch: Wolfgang Menge
Kamera: Willy Pankau
Produktion: Reinhard Müller-Freienfels
Regie: Theo Mezger
Dauer: 95 Min.
Darsteller: Werner Schumacher (Lutz), Werner Kreindl (Wöhrle), Günther Ungeheuer (Witkowsky), Claus Theo Gärtner (Scholl), Margot Leonard (Frl. Melchinger), Rolf von Sydow (Dr. Benz), Elert Bode, Manfred Boehm, Dietz Werner Steck, Helmut Stange, Karl-Heinz von Hassel sowie Willi Semmelrogge (Kreutzer) und Walter Richter (Trimmel)
Zwei Ganoven brechen aus der Justizanstalt aus. Auf der Flucht verunglückt einer der beiden tödlich, der andere kommt weiter. In einer dubiosen Kneipe verliert sich seine Spur. Am Tag darauf liegt der Mann tot vor einem Polizeirevier in Karlsruhe. Kommissar Lutz ermittelt und kommt einem Fall von Industriespionage auf die Spur.

Erneut ein spannender Fall aus der Feder von Wolfgang Menge, der geschickt alle paar Minuten ein neues Szenario entwickelt, so dass man anfänglich nie genau weiß, mit was für einer Art von Kriminalfall man es eigentlich zu tun hat. Das Milieu der Industriespionage ist sicherlich originell für einen Krimi und lässt diesen Mordfall nicht zum 08/15-Krimi werden. Gediegen ist natürlich die absolut geniale Besetzung bis in die kleinsten Rollen: Wolfgang Preiss spielt den Chef eines Industriebetriebs, Werner Kreindl einen ehemaligen Polizeibeamten, Claus Theo Gärnter einen Ausbrecher (eine Rolle, auf die er anscheinend Mitte der 70er abonniert war) und Günther Ungeheuer einen mysteriösen Wirt. Für die Rolle des undurchsichtigen, Maßanzüge tragenden und schnelle Wagen fahrenden Chemiker Dr. Benz gab es eine äußerst überraschende, aber dennoch passende Besetzung: den renommierten Regisseur Rolf von Sydow, der darüber in seiner Biographie schreibt:

"[...] mir ist im Augenblick alles recht, was mich von der Verantwortung der Regie in die leichtfüßige Freiheit der Schauspieler führt [...]. Und wie es der Teufel will, bietet mir der Süddeutsche Rundfunk eine Hauptrolle in seinem nächsten "Tatort" an. [...] Es scheint mir eine große Verlockung. Zu diesem Angebot bin ich in einer sehr amüsanten Weise gekommen. Der Regisseur hatte den Autor angerufen, wen er sich denn in der Rolle des "Dr. Benz" vorstellen können. Und der Autor, Wolfgang Menge, von dem ich einige Werke inszenieren durfte und der durch sein "Millionenspiel" den ganz großen Durchbruch hatte, meinte am Telefon: er müsse genau so sein wie ich. Das ist weniger ehrend, wenn man weiß, dass dieser "Dr. Benz" fast so etwas wie ein Hochstapler ist, der ältere, alleinstehende Damen abzukochen versteht [...]. Wie auch immer, ich habe diese Rolle mit großer Lust gespielt und auch ein Handgemenge mit einem viel stärkeren Gegner bravourös beendet. Die Zusammenarbeit mit dem Nachwuchsregisseur Theo Mezger, war wunderbar leicht, vor allem, weil ich aus eigener Erfahrung zu genau weiss, wie renitente und widersprechende Schauspieler auf Nerven zu gehen pflegen. Meine mir zugedachte Partnerin war ausgerechnet eine Freundin der Schwester meiner Frau Jery, durch die ich sie damals kennengelernt hatte." (Rolf von Sydow (2011): Der Regisseur. Berlin: Rotation, pp. 143-145)

Kommissar Lutz ist in dieser Folge nach Karlsruhe versetzt und macht es seinem Vorgesetzten wieder mal nicht recht. In dieser Folge stört aber die ständige Nörgelei des Chefs, der immer alles besser weiß, extrem. Und Lutz hat die Unsitte, im Büro des Chefs seinen Jausenbrote zu essen. Ansonsten erweist sich Lutz als Könner, in Gastrollen von anderen "Tatort"en sind Kreutzer (Willy Semmelrogge) als Wanzenexperte und Trimmel (Walter Richter) zu sehen. Tolle Stimmungsmusik von Jonas C. Haefeli.
Insgesamt eine recht gelungene Folge mit überraschender Auflösung.

Georg Offline




Beiträge: 3.224

04.01.2012 21:55
#8 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

TATORT SÜDDEUTSCHLAND – Lutz' Fälle (5):
Schöne Belinda

(Tatort Nr. 54)
Erstsendung (ARD): 31.08.1975
Buch: Urs Aebersold
Kamera: Justus Pankau
Regie: Theo Mezger
Dauer: 95'06''
Darsteller: Werner Schumacher (Lutz), Frank Strecker (Wagner), Werner Bruhns (Horst Lippens), Monika Gabriel (Belinda), Annette Kluge (Andrea), Robert Naegele, Volker Eckstein, Ludwig Haas sowie Dieter Eppler (Liersdahl)

Der Chauffeur des Ulmer Geschäftsmanns Lippens verschwindet spurlos aus seinem Wagen. Kommissar Lutz ermittelt, taucht dabei in die Ulmer Unterwelt, die ein Drogenumschlagplatz ist, ein und bekommt es später mit einer Leiche zu tun. Chauffeur Walter wird nämlich tot aus dem Fluss geborgen ...

Nach den drei starken Beiträgen von Wolfgang Menge enttäuscht der erste "Tatort"-Beitrag von Urs Aabersold sehr. Wenig Spannung, viele Klischees und einiges, das an den (blonden) Haaren (von Belinda) herbeigezogen ist (so wie jene Szene, in der Lutz aus dem Fenster sieht und den Mörder ausgerechnet am Turm des Ulmer Münsters erblickt). Die Rolle bzw. die Wichtigkeit der titelgebenden schönen Belinda ist ebenfalls nicht ganz klar. Positiv fällt auf, dass Lutz – diesmal in Ulm agierend – nun mal keinen nervigen Vorgesetzten abzuwimmeln hat. Robert Naegele gibt den Polizeidirektor recht angenehm und Frank Strecker – später als kompetenter Krimiregisseur v. a. bei "Ein Fall für zwei" im Einsatz – ist erneut als Assistent, diesmal allerdings mit anderem Rollennamen mit dabei. Dieter Eppler absolviert einen Gastkommissarauftritt, obwohl er schon selbst zwei Jahre keinen Fall mehr gelöst hat (und auch keinen mehr lösen sollte).
Insgesamt vermag diese Episode nicht wirklich zu überzeugen und ist mit 95 Minuten auch zu lang. Kommissar Lutz kann das besser ...

Georg Offline




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05.01.2012 12:02
#9 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

TATORT SÜDDEUTSCHLAND - Lutz' Fälle (6):
Augenzeuge

(Tatort Nr. 59)
Erstsendung (ARD): 18.01.1976
Buch: Urs Abersold
Kamera: Justus Pankau
Regie: Theo Mezger
Dauer: 86'46''
Darsteller: Werner Schumacher (Lutz), Frank Strecker (Wagner), Henning Venske, Kornelia Boje, Gundy Grand, Harry Wüstenhagen, Ulli Kinalzik, Heinz Meier, Elisabeth Twiesselmann, Oskar Müller, Wolfgang Mehr, Christiane Timerding, Rolf Schimpf, Peter Schiff und Heinz Schimmelpfennig (Gerber)

Jürgen Santner wird Augenzeuge eines Raubmords auf einer Tankstelle. Er erkennt die Täter und beschließt, diese zu erpressen. Er plant nämlich einen ganz großen Coup, bei dem er 300.000 D-Mark Beute ergattern will. Kommissar Lutz ermittelt in der Zwischenzeit und traut dem seltsamen Santner nicht ganz ...

Nach dem etwas zähen Fall "Schöne Belinda" ist dieser Beitrag von Urs Abersold um Klassen besser. Keine Whodunitgeschichte, aber eine Story, die trotzdem recht schlüssig und spannend ist. Der "Augenzeuge" wird dabei selbst zum Haupttäter, durch seine Beobachtung einer Tat kommt ihm die Idee, die Täter, die er erkennt, dazu zu erpressen, seine Komplizen bei einem großen Geldraub werden zu lassen. Die Rollen sind dabei sehr klischeehaft gewählt, Harry Wüstenhagen (stark gealtert und mit Haarmatte) spielt dabei den "klugen" Verbrecher, Ulli Kinalzik den "Prügelknaben", der mangelnde Intelligenz stets mit Gewalt kompensieren will und natürlich den fast schon obligatorischen Namen Bruno trägt. In Nebenrollen erfreuen Kornelia Boje, Peter Schiff, Heinz Meier und Rolf Schimpf als Geldtransportfahrer, der ordentlich verprügelt wird. Kommissar Gerber (Heinz Schimmelpfennig) absolviert einen kurzen Gastauftritt.
Kommissar Lutz ist diesmal nach Heidelberg versetzt, gemeinsam mit seinem Assistenten Wagner, der nun zu einem Fixpunkt in der Reihe geworden ist. Positiv fällt auch auf, dass es diesmal keinen nörgelnden Vorgesetzten gib. Die Musik von Jonas C. Haefeli passt hervorragend.
Insgesamt ein doch recht gelungener Fall für Lutz, auch wenn er mit den von Wolfgang Menge geschriebenen Vorgängern nicht wirklich mithalten kann.

Georg Offline




Beiträge: 3.224

07.01.2012 20:42
#10 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

TATORT SÜDDEUTSCHLAND - Lutz' Fälle (7):
Himmelblau mit Silberstreifen

(Tatort Nr. 71)
Erstsendung (ARD): 30.01.1977
Buch: Fritz Eckhardt
Kamera: Justus Pankau
Produktion: Werner Sommer
Regie: Theo Mezger
Dauer: 90'28''
Darsteller: Werner Schumacher (Lutz), Frank Strecker (Wagner), Günter Strack, Claudia Wedekind, Louise Martini, Rolf Bogus, Klaus Herm, Edda Pastor, Max Strecker v. a. und Fritz Eckhardt (Marek)

Weilerberg ist eine (fiktive) Kleinstadt in Süddeutschland. In seinem Bungalow wird ein Mann erschlagen. Zeuge ist zufällig Oberinspektor Marek aus Wien, der vor Ort weilt, weil er Ehrenmitglied des Gesangsvereins ist und zu Kriegszeiten mehr als ein Jahr hier verbracht hat. Der Täter entkam mit einem himmelblauen Wagen mit einem Silberstreifen in der Mitte. Auch die Tatzeit kann Marek eingrenzen. Lutz ermittelt im Umfeld des Toten ...

Diese Folge stammt von "Oberinspektor Marek" Fritz Eckhardt, der für den SDR häufig Drehbücher schrieb und für sich selbst einen Gastauftritt in die Episode einbaute. Anders als seine Wiener "Tatort"e weist "Himmelblau mit Silberstreifen" fast keinen Humor auf (eigentlich nur in jenen Szenen, in denen Marek vorkommt). Die Geschichte ist auch stimmiger als die Wiener Storys, dennoch lässt es sich Eckhardt nicht nehmen, irreführende Linien einzubauen wie die Erpressung des Apothekers durch einen Schuljungen, die man auch aus der Handlung streichen könnte, ohne das etwas verloren geht. Hier wollte man wohl einfach Zeit gewinnen. Auch dass ausgerechnet Marek als erfahrener Ermittler sich in der Tatzeit irrt, stört und ist beinahe unglaubwürdig.
Großer Pluspunkt der Episode ist natürlich die Besetzung, in erster Linie selbstverständlich Günter Strack, der zu jener Zeit gerngesehener Gast am "Tatort" war, danach sind aber auch Louise Martini und vor allem auch Max Strecker sehenswert, der in zwei Lutz-Folgen dessen Chef verkörperte, hier aber einen findigen Rechtsanwalt spielt.
Lutz selbst scheint nun in Stuttgart zu arbeiten, wohnt aber für die Dauer der Ermittlungen im fiktiven Weilerberg. Sämtliche Zeugen und Befragungen führt er seltsamer Weise in einem Hinterzimmer einer Wein- und Backstube durch.
Insgesamt ein ganz sehenswerter Fall, auch wenn er nicht an die Folgen 2-4 von Wolfgang Menge heranreicht.

Georg Offline




Beiträge: 3.224

11.01.2012 16:47
#11 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

TATORT SÜDDEUTSCHLAND – Lutz' Fälle (8):
rot.. rot.. tot

(Tatort Nr. 83)
Erstsendung (ARD): 01.01.1978
Buch: Karl Heinz Willschrei
Kamera: Justus Pankau
Produktion: Werner Sommer
Regie: Theo Mezger
Darsteller: Werner Schumacher, Frank Strecker, Curd Jürgens, Renate Schroeter, Christian Berkel, Robert Freitag u. v. a.
Dauer: 90'34''

Am Kinnesberg in Stuttgart geht anscheinend ein Serienmörder um, der ausgerechnet rothaarige Frauen ermordet. Die Spur führt in das Haus eines promovierten Mathematikers. Ein Fall für Kommissar Lutz …

„Rot.. rot.. tot“ ist bis heute jene „Tatort“-Folge, die die höchste gemessene Einschaltquote erzielte. Das dürfte weniger mit dem absolut mittelmäßigen Plot zusammenhängen, als mit der Tatsache, dass hier ein absoluter Weltstar – Curd Jürgens – die Hauptrolle spielte (der – ungewöhnlich – bereits vor der Hauptfigur Kommissar Lutz im Abspann erwähnt wird). Karl Heinz Willschrei wurde für diese Folge als Autor verpflichtet, nachdem man mit Wolfgang Menge und Fritz Eckhardt zuvor bereits zwei erfahrene und erfolgreiche „Tatort“-Autoren gewinnen konnte und dieses Rezept hier konsequent fortsetzte. Leider gehört die Geschichte eher zu den typischen Willschrei-Psychokrimis, die im Gegensatz zu den zahllosen wirklich spannenden, rasanten und gut konstruierten Kriminalfällen, die dieser vorzügliche Autor für den „Tatort“, für „Ein Fall für zwei“ und „Wolffs Revier“ aber auch für die Vorabendserien à la „Die seltsamen Methoden des Franz Josef Wanninger“, „Graf Yoster gibt sich die Ehre“, „Okay S.I.R.“ oder „Der Nachtkurier meldet“ geschrieben hat, eher zu den biederen verstaubten und langatmigen Fällen. Ich möchte behaupten, dass es der Regie in Form von Theo Mezger nicht gelingt, alles aus Curd Jürgens herauszuholen. Natürlich ist dieser geniale Schauspieler überpräsent und allein sein Auftreten ist schon sehenswert. Ansonsten hat man bei dieser 08/15-Geschichte nicht wirklich etwas versäumt, wie auch Gubanov in einem anderen Thread richtig schreibt:

Zitat von Gubanov
Die Folge […] schildert wenig innovativ eine aus drei, vier altbekannten Kniffen zusammengesetzte Frau-betrügt-Mann,-Mann-tötet-Frau-Geschichte. […]Es ist jedenfalls kein gutes Omen, dass sein Assistent, der breites Schwäbisch schwätzt, wesentlich memorabler ausfällt und schon nach der zwei Dritteln der Spielzeit mit der richtigen Lösung aufwartet: „Mein Gott, ich denk’ halt nach“, seufzt er. Jeder, der das gleiche tut, wird sich über die Schwerfälligkeit der polizeilichen Ermittlungen und der Folge im Ganzen ärgern. (Thread: topic-threaded.php?board=1686&forum=2290151&threaded=1&id=61778&message=7296904)


In der Tat ist Assistent Wagner hier seinem Chef voraus und Lutz (der nun erstmals in Stuttgart ermitteln darf) erscheint – im Gegensatz zu den meisten Vorgängerfolgen, wo er ein starkes eigenes Profil hatte – eher schwach. Wagner wird immerhin mal ein Privatleben gegönnt, zumindest telefoniert er mit seinem „Schätzle“ während des Nachtdiensts. Erwähnenswert sind immerhin noch Christian Berkel (mit Haaren!) als dekadenter, dem Alkohol zugetaner Schwiegersohn sowie Renate Schroeter als „rote“ Gattin und Elke Twisselmann, die in der charmanten Vorabendserie „Kümo Henriette“ von Helga Fedderson die resolute Mutter spielte.
Fazit: Bei „Rot.. rot.. tot“ versäumt man nicht wirklich etwas, außer den – in meinen Augen absichtlich – auf alt getrimmten Curd Jürgens, dem hier in seiner Rolle das gleiche Ende blüht wie als Herr Bubach in der wesentlich besseren „Derrick“-Folge „Madeira“, die Mezgers Namensvetter Grädler dank der guten Vorlage von Herbert Reinecker vorzüglich inszenierte.

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

29.03.2013 16:29
#12 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

“Gefährliche Wanzen”

Bundesrepublik Deutschland 1974

Drehbuch: Wolfgang Menge

Regie: Theo Mezger

Darsteller: Werner Schumacher (Kommissar Lutz), Werner Kreindl (Wöhrle), Günther Ungeheuer (Wittkowsky), Claus Theo Gärtner (Erwin Scholl), Rolf von Sydow (Dr. Alfred Benz), Margot Leonard (Frl. Melchinger), Wolfgang Preiss (Stockinger), Willy Semmelrogge (Kreutzer), Peter Drescher (Bechthold), Walter Richter (Kommissar Trimmel)


“In der Privatindustrie sind Helme Pflicht. Das ist nicht so wie bei der Polizei. Aber da ist der Kopf ja auch nicht so wichtig ...”
(Wöhrle)
“Na, das mußt du ja wissen ...”
(Kommissar Lutz)

“Es wäre doch kriminaltaktischer Schwachsinn, wenn wir bei einem akuten Fall so lange warten würden, bis die frischen Spuren vertrocknet sind.”
(Kommissar Lutz)

“Einen Mercedes kann man sich offenbar auch in der freien Wirtschaft nicht leisten, oder?"
(Kommissar Lutz)
“Was?”
(Wöhrle)
“Na, wolltest du dir nicht immer einen Mercedes kaufen?”
(Kommissar Lutz)
“Na, hab’ ich doch. Ich hab’ ihn nur zum Waschen gegeben.”
(Wöhrle)

“Wollen Sie gar nicht wissen, ob ich was erfahren habe?”
(Bechthold)
“Ich bin sicher, dass Sie nichts erfahren haben. Oder?”
(Kommissar Lutz)
“Nein, nichts.”
(Bechthold)
“Sonst hätten Sie’s ja wohl gleich gesagt.”
(Kommissar Lutz)

“Soll ich das nicht lieber machen?”
(Bechthold)
“Ich will Sie nicht überfordern.”
(Kommissar Lutz)

“Ich dachte, Sie wollen meinen Koffer tragen.”
(Kommissar Lutz)
“Warum?”
(Kommissar Trimmel)
“Es sah so aus.”
(Kommissar Lutz)
“Nee. Ich hatte nicht die Absicht.”
(Kommissar Trimmel)

“Immerhin ist es ja keine Beförderung von Hamburg nach Karlsruhe versetzt zu werden in der gleichen Position.”
(Kommissar Lutz)
“Sowas können Sie am besten beurteilen ...”
(Kommissar Trimmel)

“Nett von Ihnen mit der Musik für mich.”
(Kommissar Lutz)
“Nee, die weihen da was ein.”
(Kommissar Trimmel)

“Was glaubst du, wie lange die Polizei braucht und sie überlegt sich, was gibt es hier in Karlsruhe für andere wichtige Industrieobjekte, wo sich Werkspionage lohnt und dann sind sie da ...”
(Dr. Alfred Benz)

“Schätzchen, da sind Millionenumsätze drin ...”
(Dr. Alfred Benz)

“Ich trau dem Apparat nicht ganz.”
(Kommissar Lutz)
“Dem können Sie mehr trauen als Ihren Augen.”
(Kommissar Kreutzer)

“Du hast den Fall ja wirklich geklärt ...”
(Wöhrle)

“Das ist das erste Mal, dass ich von Ihnen eine angenehme Nachricht höre.”
(Kommissar Lutz)


Zwei Gefangene sind aus der Strafanstalt Bruchsal ausgebrochen. Kurz darauf verunglückt einer der Beiden tödlich mit einem gestohlenen Fahrzeug, während man am nächsten Tag die Leiche des anderen, eines gewissen Erwin Scholl, vor einem Polizeirevier auffindet. Er ist überfahren worden, allerdings schließen die Umstände seines Todes einen Unfall aus.

Kommissar Lutz, den einer seiner Vorgesetzten einmal in Anspielung auf seine zahlreichen Versetzungen einen “Wanderpokal” genannt hat, ist nach Karlsruhe beordert worden, wo er es mit einem besonders ignoranten und übellaunigen Vorgesetzten zu tun hat, was Lutz allerdings mit Gelassenheit und seinem gewohnten Eigensinn kontert.
Dass Lutz seinen Chef nicht im geringsten ernst nimmt, demonstriert er diesem unter anderem damit, dass er in dessen Büroräumen sein Frühstück verzehrt und seine Milch aus dem Tetrapack genießt. Der Oberrat wiederum ist derartig beschränkt, dass er diese Form der Mißachtung nicht einmal mitbekommt oder sie
sich gar verbittet.

In “Gefährliche Wanzen” darf der Zuschauer überdies einen Blick in die bescheidene Junggesellenwohnung von Kommissar Lutz werfen, der seine spärlich bemessene Freizeit wohl am liebsten vor dem Fernseher zubringt, denn er schaltet das Gerät erst zum Sendeschluß aus.

Während seiner Nachforschungen erfährt Lutz, dass Scholl sich kurz vor seinem Tod in der Nähe einer Ölraffinerie aufhielt. Für den Werkschutz dieses Unternehmens ist der ehemalige Kriminalist Wöhrle zuständig, der Scholl damals hinter Gitter brachte, der inzwischen jedoch wegen Gewalttätigkeit auf Druck seiner Vorgesetzten den Polizeidienst quittiert hat.

Durch einen Zufall entdeckt Kommissar Lutz, dass in der Raffinerie Abhörgeräte installiert wurden und kommt einem großangelegten Fall von Industriespionage auf die Spur.

Neben seinem neuen Assistenten Bechthold wird Kommissar Lutz in diesem Fall Willy Kreutzer, der sonst in Essen aktive Mitarbeiter von Oberkommissar Heinz Haferkamp, als Kollege zur Seite gestellt, da dieser sich mit Abhöranlagen bestens auskennt und sogar zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs etwas zur Erfindung des Radars beigesteuert hat. Allerdings wird Kreutzers Glaube in die Allmacht der Technik erheblich erschüttert und Lutz behält mit seiner Einstellung recht, lieber dem gesunden Menschenverstand zu vertrauen.
Ein kurzer dienstlicher Ausflug nach Hamburg läßt Lutz auf seinen Kollegen Paul Trimmel treffen, der mit gewohnter Grantigkeit agiert.

Seine Ermittlungen führen Lutz zu dem zwielichtigen Herrn Wittkowsky, der ein Lokal namens “Rheinterrassen” führt sowie zu dem Chemiker Dr. Alfred Benz, der eindeutig mehr Geld für elegante Garderobe und seinen schnellen Wagen ausgibt als er in seinem Beruf verdient. Dass Fräulein Melchinger, die Geliebte dieses Herrn, im Kernforschungszentrum arbeitet, alarmiert Lutz noch zusätzlich.

“Gefährliche Wanzen” ist eine rundum gelungene Folge. Ein eher ungewöhnliches Sujet, das sehr spannend umgesetzt wurde und mit durchweg ausgezeichneten Darstellern aufwartet.

Als besonderes Kabinettstück hat Regisseur Theo Mezger für die Rolle des Dr. Benz - welch adäquater Name für einen Mann, der gern rasant Auto fährt - seinen renommierten Kollegen Rolf von Sydow besetzt, der mit sichtlichem Vergnügen zu seinen Wurzeln als Schauspieler zurückkehrt und mit solcher Spielfreude agiert, dass man sich sehr wünscht, man hätte ihn häufiger vor die Kamera geholt.

Ganz besonders amüsant ist die Szene, in der er seiner “Herzdame” Fräulein Melchinger (gespielt von Margot Leonard, deren Stimme vielen durch ihre Synchronisation unter anderem für Marylin Monroe, Brigitte Bardot und Diana Rigg in “Mit Schirm, Charme und Melone” bekannt sein dürfte) klarzumachen versucht, was Industriespionage bedeutet.
Während sie “entzückend naiv” (so bezeichnet Benz sein “Schätzchen” selbst) reagiert, manipuliert er sie ganz nach seinen Wünschen. Nach anderthalbjähriger Beziehung weiß er offensichtlich genau, wie er vorgehen muß. Zunächst suggeriert er seiner Geliebten ein zumindest zeitweiliges Ende ihrer Affäre, dann spielt er aufgrund ihrer “haltlosen Verdächtigungen” hin den Beleidigten bis er sie soweit hat, dass sie - um ihn zu besänftigen - bereit ist, alles für ihn zu tun, was er von ihr verlangt.

Mark Paxton Offline




Beiträge: 347

11.12.2014 16:44
#13 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

Wer den meiner Meinung nach nicht besonders berauschenden "Tatort" "Rot - rot - tot" noch nicht kennt, hat bald Gelegenheit dazu: am kommenden Sonntag (14.12.) zeigt SWF um 23.00 diesen Film aus dem Jahr 1977 mit Curd Jürgens, der mit 65% die jemals höchst gemessene "Tatort"-Einschaltquote hatte. Das dürfte jedoch wohl kaum mit dem Ermittler und dem Buch zu tun gehabt haben, sondern viel mehr mit der deutschen Eiche Curd Jürgens ...

Ray Offline



Beiträge: 1.867

12.02.2021 21:19
#14 Die 1970er-Tatort-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

Noch 2 Stunden in der Mediathek abrufbar...

https://www.ardmediathek.de/ard/video/ta...XgvbzEyODQ2MDM/


Tatort: Schöne Belinda

Episode 54, 5. Fall für KK Eugen Lutz

Regie: Theo Mezger

Gaststars: Werner Bruhns, Monika Gabriiel, Volker Eckstein, Dieter Eppler



Recht atmosphärischer Tatort aus den 1970ern. Der immer gern gesehene und leider früh verstorbene Werner Bruhns spielt den zentralen Gastpart und ist wieder einmal in einer zwielichtigen Rolle zu sehen. Monika Gabriel gibt die titelgebende schöne Belinda und hat dem Zeitgeist entsprechend einen Auftritt im Eva-Kostüm. Als Kommissar Liersdahl ist der einmalige Ermittler und Wallace-Veteran Dieter Eppler an Bord.

Beitrag in bestehendes Thema integriert, neuen Thread gelöscht

Der Mönch mit der Peitsche Offline



Beiträge: 476

13.02.2021 17:08
#15 RE: Die 1970er-Tatort-Kommissare: Lutz (Werner Schumacher) Zitat · Antworten

Zitat von Ray im Beitrag #14
Noch 2 Stunden in der Mediathek abrufbar...

https://www.ardmediathek.de/ard/video/ta...XgvbzEyODQ2MDM/


Tatort: Schöne Belinda

Episode 54, 5. Fall für KK Eugen Lutz

Regie: Theo Mezger

Gaststars: Werner Bruhns, Monika Gabriiel, Volker Eckstein, Dieter Eppler



Recht atmosphärischer Tatort aus den 1970ern. Der immer gern gesehene und leider früh verstorbene Werner Bruhns spielt den zentralen Gastpart und ist wieder einmal in einer zwielichtigen Rolle zu sehen. Monika Gabriel gibt die titelgebende schöne Belinda und hat dem Zeitgeist entsprechend einen Auftritt im Eva-Kostüm. Als Kommissar Liersdahl ist der einmalige Ermittler und Wallace-Veteran Dieter Eppler an Bord.

Beitrag in bestehendes Thema integriert, neuen Thread gelöscht



Ein toller Tatort, der auch bei "youtube" unbegrenzt ( falls ihn nicht wieder so ein Depp von der GEMA löscht ) einsehbar ist: https://www.youtube.com/watch?v=r4SQAIeSbJ4

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