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 Film- und Fernsehklassiker national
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Chinesische Nelke Offline



Beiträge: 136

22.09.2014 08:05
#511 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Nicht minder gut ist Regniers Bemerkung, dass er sich in der Kneipe der einsamen Herzen aufhält, weil sie dort gutes Bier haben ...

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

22.09.2014 12:50
#512 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Zitat von patrick ebner im Beitrag #510
Bin echt sehr positiv überrascht. Da kommt wirklich ein bisschen Wallace-Flair auf.

Ich denke nicht, dass man den "Kommissar" schauen sollte, wenn man auf wallace-verwandte Unterhaltung aus ist. Die Serie ist im Großen und Ganzen völlig anders als die übliche Wallace-Unterhaltung. Reinecker legte auf psychologische Kriminalfälle, häufig mit gesellschaftskritischer Note, Wert, die dann entsprechend zeitgeistig umgesetzt wurden. Es lohnt sich sicher, den "Kommissar" zu entdecken, aber nicht wegen der ersten Assoziation, die Schwarzweiß-Bilder hier im Forum vielleicht auslösen.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.587

24.09.2014 20:31
#513 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

@patrick
Folgende Episoden dürften Dir gefallen: "Die Pistole im Park" (Folge 6/1969), "Tödlicher Irrtum" (Folge 23/1970), "Die Anhalterin" (Folge 32/1971) und "Überlegungen eines Mörders" (Folge 46/1972)

patrick Offline




Beiträge: 3.213

24.09.2014 20:34
#514 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Danke für die Tipps. Werd ich mir ansehen.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

08.03.2015 15:10
#515 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Hier eine Folge, die ich mittlerweile mit anderen Augen sehe als bei meiner ersten Sichtung:



Der Kommissar: Tod eines Schulmädchens

Zitat von Der Kommissar: Tod eines Schulmädchens
Warum trägt sie nur diese schreckliche Jacke? Und warum versucht sie immer, mit ihren Lehrern zu diskutieren? Kirsten Benda ist der Schrecken der Anständigen – eine Schülerin, die sich nicht mit Regeln und Autoritäten zufriedengibt, sondern mit konstanter Regelmäßigkeit gegen ihre Umwelt aufbegehrt. Wurde ihr das nun zum Verhängnis? Eines Abends erschießt sie ein Unbekannter auf offener Straße. Klassenlehrer Dr. Gebhardt verhält sich merkwürdig: Hatte er sich zuvor noch von Kirsten zur Weißglut treiben lassen, so rechtfertigt er als einziger posthum ihr aufmüpfiges Verhalten ...


Ständige Nahaufnahmen verbinden den Zuschauer mit den in „Tod eines Schulmädchens“ vorgestellten Charakteren. Das Wort „vorgestellt“ trifft dabei im doppelten Sinne zu, weil hier ganz offensichtlich wird, dass die Figuren sich eben so verhalten, wie es sich Herbert Reinecker vorgestellt hat. Während man also cineastisch geradezu dazu genötigt wird, sich auf Kirsten, Dr. Gebhardt & Co. einzulassen, so setzt das Drehbuch diesem Vorhaben eine gewisse Hemmschwelle in den Weg, indem es Mücken zu Elefanten aufbauscht und sich damit teilweise einer gewissen unfreiwilligen Komik preisgibt. Wie Georg bereits in seiner Auseinandersetzung mit diesem Fall ausführte, krankt die Episode vor allem an der Tatsache, dass Kirsten Bendas Verhalten überhaupt nicht so schlimm ist, wie es dargestellt wird. Hier zeigt sich sowohl die archaische Reinecker-Schule, die alles, was auch nur auf den geringsten Mangel an Disziplin und Folgsamkeit deutet, verteufelt, als auch Helga Anders’ unnötig zurückgenommene Darstellung des Mordopfers. Hätte die Darstellerin weniger ihren hochkünstlerischen Ambitionen nachgehangen und sich eher die Frage nach der Glaubwürdigkeit ihrer Arbeit gestellt, so wäre ihr vielleicht die Fragwürdigkeit ihrer Rolleninterpretation aufgefallen. Einem besonderen Höhepunkt in puncto übertriebener Dramaturgie begegnet man schließlich in der Szene gen Ende, in der der höflichen Teufelin nach einem einzigen urpatriarchalischen Satz völlige Absolution erteilt wird.

Man täte der vorliegenden Episode jedoch Unrecht, sie komplett zu verreißen. Was Reinecker und Anders vermurksen, bügeln andere Beteiligte nach besten Möglichkeiten wieder aus. Theodor Grädlers Inszenierung als Erleichterung für den Einstieg in das überzeichnete Schüler-Lehrer-Drama wurde bereits genannt – als Beispiel sei die Waschraumszene genannt, die die psychologische Konfrontation mit dem Erzfeind auf einen inmitten des ganzen Generationen-Pathos angenehm banal auf den Punkt bringt. Auch diverse kleinere Rollen setzen hier und da Ausrufungszeichen: Wolfgang Preiss zeichnet als Schuldirektor jenen Kasernengeist nach, der die Nazis noch um einige Jahrzehnte überlebte, während Peter Schütte in seinen wenigen Szenen Töne anschlägt, die ihn als Vater wunderbar süffisant disqualifizieren. Nicht er selbst, nur das Hausmädchen darf die Tochter ins Wohnzimmer rufen und wenn er sich für eine 17-Jährige interessiert, dann doch wohl für deren Figur! Simone Rethel und Andreas Seyferth schließlich halten sich angemessen im Hintergrund und agieren schon eher als Anders wie „richtige“ Teenager.

Die gewohnte Rückblendenstruktur funktioniert wie geschmiert, verkommt aber gleichermaßen zum unaufregenden Standard-Repertoire auf der „Kommissar“-Klaviatur. Um der Handlung mehr Schwung zu verleihen, hätte stärker auf Tempo und weniger auf Vorhersehbarkeit gesetzt werden sollen – der Täter ist leider von seinem ersten Auftritt an offensichtlich. Im Team vermisst man die Eigeninitiative der Keller-Untergebenen, die nur in der zweiten Reihe ihrem Chef hinterherdackeln, während dieser die wesentlichen Fragen stellt.

Nur allzu deutlich merkt man dem „Tod eines Schulmädchens“ an, was der Autor mit den einzelnen Figuren und ihrem teilweise sonderbaren Verhalten bezwecken wollte. Die Kernproblematik bleibt unglaubwürdig, doch am Rande entwickeln sich kleinere Lichtblicke. Eine solide Inszenierung schafft einige wenige Höhepunkte in einem Drama, das einfach nicht lebensnah genug ausfällt.

(3 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein kann sich noch am besten in die Dynamik einer Schulklasse einfühlen
||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 51: Episode 47 der TV-Kriminalserie, BRD 1972. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Heinz Bennent, Ella Büchi, Helga Anders, Simone Rethel, Andreas Seyferth, Wolfgang Preiss, Hartmut Reck, Peter Schütte u.a. Erstsendung: 21. April 1972.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

09.03.2015 13:40
#516 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



Der Kommissar: Überlegungen eines Mörders

Zitat von Der Kommissar: Überlegungen eines Mörders
Erika Taveller lebt in Angst und Schrecken. Seit Tagen sieht sie einen Mann ums Haus schleichen, von dem die anderen einfach nichts mitbekommen wollen. In einer Sturmnacht dringt der Unbekannte schließlich in den Salon ein und feuert drei Schüsse auf Frau Taveller ab. Er verfehlt, sie überlebt das Attentat. Doch weder ihr Ehemann Hubert noch die fast gleichaltrige Tochter aus dessen erster Ehe kann Erika beruhigen. Nicht einmal die Anwesenheit der Polizei entspannt ihre strapazierten Nerven ...


Mit einer gewissen Grandezza zog Dietrich Haugk seine ungewöhnlich zurückhaltende Inszenierung von „Überlegungen eines Mörders“ auf. Die Episode erinnert so gar nicht an seine späteren teilweise zu Exzessen ausartenden, auf jeden Fall aber „eigenwilligen“ Regiearbeiten (vgl. etwa die „Derrick“-Episoden „Waldweg“ und „Nachtstreife“). Die „Überlegungen“ würde man vielleicht eher für einen guten Grädler, einen soliden Becker oder einen herausragenden Weidenmann halten – stilistisch wird eher auf eine Hommage an die Krimis der 1960er Jahre und auf absolute Eleganz gesetzt. Nur ganz selten verlässt man die Grünwald-Villa, bei der es sich – was Haugks Ideenreichtum unterstreicht – einmal nicht um die Gereutvilla handelt und in der sich Dinge zutragen, die prompt aus einem Wallace- oder Fantomas-Krimi stammen könnten (Zauberspiegel Online fügt Durbridge und Christie als weitere mögliche Inspirationsquellen hinzu). Haugk setzte ohne Zögern auf Spannungsanstieg, indem er eine der aufregendsten Prätitelsequenzen der Serie inszenierte. Tatsächlich hält sich das rätselhafte Flair bis ganz zum Ende, an dem dann eine recht überraschende Last-Minute-Auflösung präsentiert wird. Nur in den Szenen unmittelbar vor dem Mord tun sich einige Längen auf, die den Wunsch erwecken, die Episode von 59 auf 55 oder 54 Minuten zu kürzen.

Als in mehrfacher Hinsicht problematisch erweist sich der Titel dieses „Kommissars“, „Überlegungen eines Mörders“. Was könnte damit gemeint sein? In der ganzen Episode wird nicht auf besondere Überlegungen abgehoben, die den Täter von anderen der Serie unterscheiden würden. Sie in einem Titel aber so hervorzuheben, bedeutet sie als besonders zu bezeichnen und damit anderen Reinecker-Killern jedes Nachdenken abzusprechen. Das kann kaum die Intention gewesen sein. Ein Kritiker der Hamburger Abendblatts wies zudem darauf hin, dass man es hier genau genommen mit zwei Mördern zu tun hat, wodurch ein Titel, in dem explizit von „einem“ gesprochen wird, gegen die von Whodunits zu verlangende Fairness verstößt.

Das elegante Flair des Falles wird von einer Darstellerriege unterstützt, die man nicht anders als spektakulär nennen kann. Die Kinostars Grit Böttcher, Harry Meyen und Nadja Tiller in einer Produktion versammelt und damit die Ringelmann’schen Eigengewächse auf ein verträgliches Minimum reduziert zu sehen, funktionierte nur in einem so verhältnismäßig frühen TV-Krimi. Gerade Böttcher und Meyen funktionieren hervorragend als ungleiches Paar, das sich aufgrund seiner Hitzköpfigkeit und ihrer ständigen Bedenkenträgerei rasch auseinandergelebt hat. Sympathisch erscheinen sie beide nicht – ebenso wenig wie Meyens Filmtochter, die von der faszinierenden Claudia Butenuth verkörpert wird. Reinecker lässt moralische Belehrungen darüber, dass die Tochter nur sechs Jahre jünger ist als ihre Stiefmutter, dankenswerterweise beiseite, sodass man Butenuths Auftritt als Abwechslung von den üblichen Anders-, Schröder-, Sinjen- oder Peter-Schiffbrüchen vollends genießen kann. Nadja Tiller sehe ich zwiespältig: Einerseits eignet sich ihre Besetzung (noch dazu in einer Nebenrolle) hervorragend als roter Hering für die Mördersuche, andererseits klingen viele ihrer Zeilen hölzern und wenig glaubhaft. Auch erscheint sie in Verbindung der Kostüme von Holger mit den Dialogen Reineckers etwas zu altjüngferlich, um tatsächlich im Jahr 1972 unterwegs zu sein. Immerhin ging die Tiller mit guten Erinnerungen an den „Kommissar“-Dreh:

Zitat von Erinnerungsreicher „Mordanschlag“, Hamburger Abendblatt, 71/1972, S. 12
Nadja Tiller wurde anlässlich der Dreharbeiten zum „Kommissar“ an ein wichtiges persönliches Ereignis erinnert: 1953 hatte sie unter Erik Odes Regie in dem Film „Schlagerparade“ mitgespielt. Ihr Partner war damals Walter Giller, mit dem sie viele Drehbuch-Küsse zu tauschen hatte, und drei Jahre später gab es das Ehepaar Giller / Tiller.


Ganz ohne die üblichen Belehrungen und einige wie in Trance wandelnde Protagonisten geht es zwar auch hier nicht ab, unterm Strich bietet „Überlegungen eines Mörders“ allerdings erfreulich klassische Krimiunterhaltung der gepflegten Sorte. Wegen Meyen, Böttcher und Butenuth sowie des ziemlich gesunden Rätselfaktors empfehlenswert und kurzweilig. Andererseits überrascht die Personalie Haugk, weil man sie eigentlich unkonventioneller kennt und schätzt.

(4 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Walter Grabert, der ausländische Gärtner nicht, Strumpfmasken dafür umso lieber mag
||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 52: Episode 46 der TV-Kriminalserie, BRD 1972. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper. Unter Verdacht: Harry Meyen, Nadja Tiller, Grit Böttcher, Ernst Stankowski, Christiane Rücker, Claudia Butenuth, Panos Papadopoulos u.a. Erstsendung: 24. März 1972.

Peter Ross Offline



Beiträge: 1.416

24.05.2015 15:19
#517 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

An diesem Wochenende vor GENAU 40 Jahren wurde die Kommissar-Folge "Die Kusine" (Folge 88) ausgestrahlt. Um diesem Ereignis gebührend gerecht zu werden, hat man sich bei "ZDF neo" dazu entschieden, zwei lange Kommissar-Nächte auszustrahlen.

Für alle, die zwischendurch schlafen wollen: Die drei sehenswertesten Folgen sind "Ein Playboy segnet das Zeitliche", "Die Kusine" und "Tod im Transit".

Hier eine Auflistung:
Mo 25.05.2015 00.25 Folge 89 Sturz aus großer Höhe (also Nacht von Sonntag auf Montag!!!)
Mo 25.05.2015 01.25 Folge 90 Noch zehn Minuten zu leben
Mo 25.05.2015 02.25 Folge 91 Der Tod des Apothekers
Mo 25.05.2015 03.25 Folge 92 Fährt der Zug nach Italien?
Mo 25.05.2015 04.20 Folge 93 Ein Playboy segnet das Zeitliche
Mo 25.05.2015 05.20 Folge 88 Die Kusine
Di 26.05.2015 00.50 Folge 94 Mord nach der Uhr
Di 26.05.2015 01.50 Folge 95 Eine Grenzüberschreitung
Di 26.05.2015 02.50 Folge 96 Der Held des Tages
Di 26.05.2015 03.50 Folge 82 Traumbilder
Di 26.05.2015 04.50 Folge 97 Tod im Transit

c.n.-tonfilm Offline




Beiträge: 138

08.06.2015 23:34
#518 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Wer hätte gedacht, dass man das je nochmal zu sehen bekommt: Erik Ode als 13-jähriger Jesus mit güldenen Locken in Robert Wienes Stummfilm "I.N.R.I. - Ein Film der Menschlichkeit" (1923; erste 4 Minuten). Es blieb für die nächten sieben Jahre Odes einzige Filmrolle; ab 1930 gings dann gleich weiter mit Tonfilmen.

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Filme im falschen Bildformat sind wie ein Gemälde, aus dem ein Dieb den Teil herausgeschnitten hat, der ihm am wichtigsten erschien, weil das Bild als Ganzes nicht durchs Fenster passte.

Alte Kinofilme nach Jahrzehnten nachträglich neu zu synchronisieren ist wie Süßstoff in einen guten alten Wein kippen: ungenießbar-pappige "Spätlese".

Was wären Jack Lemmon, Danny Kaye, Peter Sellers, Bob Hope und Red Skelton im deutschsprachigen Raum ohne die Stimme von Georg Thomalla ?

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

30.06.2015 10:35
#519 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Anlässlich des Todes von Dietrich Haugk ein Blick auf eine seiner „Kommissar“-Folgen:



Der Kommissar: Schwester Ignatia

Zitat von Der Kommissar: Schwester Ignatia
Als gute Seele der Gemeinde ist Schwester Ignatia auch nachts auf Münchens Straßen unterwegs. Da springt ihr plötzlich eine Gruppe von Jugendlichen vors Rad, die als Einbrecher von einem Tatort fliehen. Nicht nur hatten sich die Jungs Zutritt zur Villa des Millionärs Kroschmann verschafft, auch liegt der Hausherr nun erstochen im Salon. Doch Schwester Ignatia schweigt über ihre Beobachtung aus Gründen der „Barmherzigkeit“. Für Kommissar Keller ist die zielstrebige Frau eine harte Nuss ...


Ein Hoch auf Maria Becker! Es ist ja prinzipiell nicht ungewöhnlich, dass Herbert Reinecker eine Geschichte voll und ganz auf eine Schauspielerin aus der Riege der Grandes Dames ausrichtete – man denke z.B. auch an Auftritte von Inge Birkmann oder Maria Schell –, die titelgebende Schwester Ignatia ist aber schon eine besondere Protagonistin. Ihr wichtigstes und sympathischstes Merkmal: In ihrer resoluten Art gelingt es ihr, den präpotenten Kommissar Keller in die Schranken zu weisen und die sonst so einseitigen Machtdemonstrationen einmal umzudrehen, wenn sie keine Lust hat, nach der Pfeife des Ermittlers zu tanzen, nach dessen Wunsch sonst immer alles verlief. Allein dafür hat sie einen kleinen Orden verdient!

Abstrakter formuliert ist Schwester Ignatia die Personifizierung von Reineckers Religionsverständnis: Als Philosoph scheint ihm die Kirche fremd zu sein und auch Maria Beckers Figur überzeugt kaum im Sinn einer religiösen Übergestalt (nicht einmal im Sinn eines Pater Brown). Hier und da herbeizitierte Schlüsselbegriffe wie das Konzept von Barmherzigkeit oder ein Herbeten des Vaterunser wirken eher pflichtschuldig. Am überzeugendsten verhält sich die Gemeindeschwester dann, wenn sie mit beiden Beinen im ganz profanen Leben steht und den Aufgaben nachgeht, die der Autor unter dem Begriff „Zusammenhalten des sozialen Gefüges“ kategorisiert hätte. Ihre Zugehörigkeit zur katholischen Kirche dient dann nur als Rechtfertigung dafür, dass sich die Schwester so manches herausnehmen kann, was sich andere Leute nicht trauen würden. Natürlich amüsiert es den Zuschauer bestens, dass ihr dabei so wenig zimperliche Sätze über die Lippen kommen wie „Oh Gott, warum hast du zugelassen, dass Schnaps erfunden wurde?“, „Wasch deine Mutter oder ich zeig’ dich an!“ oder „Oh Jesus, ich tu meine Arbeit um Gottes Lohn, aber ein bisschen ’was davon auf Erden wär’ auch nicht schlecht“.

In Anbetracht der ausgedehnten Einblicke, die wir in Schwester Ignatias Tätigkeitsfeld bekommen und die in ihrer Brennpunkt-Mentalität beinahe an „Fährt der Zug nach Italien?“ erinnern, hätte man sich auch Theodor Grädler als Regisseur für diese Episode vorstellen können. Haugk stellt in diesem Fall jedoch zweifelsohne einen Zugewinn dar, schafft er es doch, die Elemente eines pessimistischen Gesellschaftsdramas gut mit Spannungsmomenten und Szenen im Haus des Millionärs aufzuwiegen. Ausgiebige, ausdrucksvolle Kameraschwenks und ein die Nervosität der Beteiligten perfekt verdeutlichender Musikeinsatz („Brainbox: Sea of Delight“) gehören ebenso zu seinem Repertoire wie Figuren, die fast vollständig auf stumm geschaltet werden, weil sie zur Erfüllung ihrer charakterlichen Aufgabe gar keine großen Worte benötigen. Haugk rettet auch ganz nonchalant einiges, was bei Reinecker im Argen liegt: Als schrieben wir nach wie vor das Jahr 1955, lässt der mit Jugendkultur gern etwas überforderte Serienvater Jürgens Bande in Form klassischer Motorrad-Halbstarker auftreten. Ein Klischee, das in seiner Plakativität gut und gern peinlich hätte wirken können, durch Haugks bemerkenswerte Inszenierung der immer hastiger und aufgeregter werdenden Verfolgungsfahrten aber prima aufgeht (Jugendliche auf ihren Kisten, Schwester Ignatia auf ihrem wunderbar pragmatischen Fahrrad, dessen Schicksal sich im Lauf der Folge selbst zu einem kleinen Running Gag mausert).

„Mehr hält besser“, dachte sich wohl Romuald Pekny, der seine ungewöhnliche Hausmeistertype ordentlich überkandidelt anlegte, damit aber das ideale Gegenstück zur wortkargen Ini Assmann bildet und die Ermittlungen deutlich auflockert. Der Mord an Kroschmann steht im Hintergrund, was aber nicht unangenehm auffällt, sondern eher auf die Vielzahl der Erweiterungsmöglichkeiten für den „Schwester Ignatia“-Plot schließen lässt. Vielleicht steckt auch ein Funken ausgleichender Gerechtigkeit in dem Ansinnen, das Verbrechen eher unauffällig zu halten, weil so einerseits die benachteiligten und schnapsgebadeten Randgruppen der Gemeinde einmal ihre 59 minutes of fame bekommen und weil dem Zuschauer andererseits die ausführliche Sezierung aller hier nur leise anklingenden „Geld verdirbt den Charakter“-Theorien erspart wird.

Auch nach längerem Grübeln erschließt sich mir nicht, ob ich „Schwester Ignatia“ für eine typische oder für eine ungewöhnliche „Kommissar“-Folge halten soll. Der absonderlichste und gleichzeitig erfrischendste Umstand dürfte sein, dass sich die Folge trotz ihrer offenkundigen Problemorientierung nicht ganz für voll nimmt und versucht, der häuslichen Gewalt und Gleichgültigkeit eine humoristische Auflockerung gegenüberzustellen. In diesem Unterfangen ergänzen sich Maria Becker und Dietrich Haugk ganz hervorragend. Gut möglich, dass Reinecker überrascht war, was aus seinem sicher bitterernst gemeinten Script letztlich gezimmert wurde.

(4,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Walter Grabert zeigt erneut seine Abneigung gegenüber aufdringlichem Hauspersonal
||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 53: Episode 45 der TV-Kriminalserie, BRD 1972. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper. Unter Verdacht: Maria Becker, Romuald Pekny, Ini Assmann, Berta Drews, Otto Bolesch, Volker Eckstein, Jan Hendriks, Eva-Maria Bayerwaltes u.a. Erstsendung: 10. März 1972.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

02.07.2015 11:30
#520 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



Der Kommissar: Die Tote im Park

Zitat von Der Kommissar: Die Tote im Park
Die Karriere eines leichten Mädchens endet jäh auf einer Parkbank im Englischen Garten. Erika Halonde war gemeinsam mit ihrer Schwester auf den Strich gegangen. Gerti Halonde obliegt nun die Aufgabe, ihren Vater, einen Landschullehrer, aufzuklären, der bis dato nichts von den Einkommensquellen seiner Töchter wusste. Wie wird der prinzipientreue Mann reagieren? Welche Fortschritte machen die Ermittlungen? Tatverdächtige gibt es schließlich sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld ...

Zitat von Leserbrief von Michael Lorenz, Hörzu, 11/1972, S. 50
Was Massenmedien wirklich leisten können, zeigte der im Talmiglanz des Edelnuttenmilieus wirkende „Kommissar“ (ZDF). Sogar ein aktueller Bezug stellte sich (unbeabsichtigt) ein: „Die Tote im Park“ wurde just auf dem Bildschirm entdeckt, als ein Playgirl-Mord in Bonn Schlagzeilen machte! Der psychologische Hintergrund rührte ans Maigret-Vorbild. Exquisite Charakterstudien boten Wischnewski, Lowitz, Heidelinde Weis. Alle jedoch überstrahlte der bis zu den nervös zuckenden Fingerspitzen faszinierende alte Lehrer, dem auf bohrender Suche nach bitterer Wahrheit eine moralische Welt zerbrach: Martin Held. Sein tragisch rührendes Bildschirm-Konterfei machte sogar die nach bewährtem Rezept verschlüsselte Krimi-Mathematik vergessen. Das „Was“ des Geschehens ist nicht so wichtig. Auf das „Wie“ kommt es an. Das war Maigrets Rezept. Regisseur Staudte hat sich daran gehalten.


Alle Vorzüge und Nachteile von „Die Tote im Park“ sind mit dieser zeitgenössischen Zuschauermeinung bereits dargelegt. Wenn keine zwei Minuten nach Beginn der Folge sich schon Kommissar Keller und sein Team um die Leiche einer jungen Frau im Englischen Garten versammeln, weiß man, dass man es mit einer standardisierten „Kommissar“-Folge zu tun hat, wie sie klassischer nicht daherkommen könnte. Natürlich ist dieses Mädchen eine Prostituierte, natürlich hatte sie eine unwiderstehliche Ausstrahlung, natürlich kam sie aus der Provinz und natürlich wurde sie im Münchner Molloch in ihr Verderben gestürzt. Haken hinter alle gewohnten Punkte! Und ebenso selbstverständlich sind es genau diese Aspekte und der Umgang des gefestigteren Vaters mit dem ihm bislang unbekannten Schicksal seiner Töchter, die Wolfgang Staudte im Kommenden umtreiben; nicht etwa die Frage, wer der Mörder ist (die sich im Übrigen allein durch die Besetzung der entsprechenden Rolle sofort verrät).

Dementsprechend muss man der „Toten im Park“ leider deutliche Längen zuschreiben, die auch durch das ordentliche, keinesfalls aber überragende (dafür zu distanzierte) Spiel von Heidelinde Weis und Martin Held nicht aufgefangen werden. Helds Darstellung des Vaters lässt mich mit zwiespältigen Gefühlen zurück: Einerseits ist es erfrischend, zu sehen, dass eine Figur, die als große Moralinstanz eingeführt wird, nicht den Zeigefinger zu ausschweifenden Lektionen erhebt, sondern stille Töne anschlägt und, statt andere zu belehren, erst einmal selbt versucht, mit der Situation umzugehen und sich auf sie einzulassen. Andererseits geht damit der Eindruck einer gewissen fehlenden Teilnahme am Tod der Tochter einher; stärker als Trauer und Verzweiflung sprechen Selbstmitleid und Streitigkeiten zwischen Gerti und ihrem Erzeuger vom Bildschirm.

Die Auflösung kombiniert die häufig als unrealistisch kritisierte Mordmotivation und -methode aus späteren „Derrick“-Folgen wie „Stiftungsfest“ und „Hoffmanns Höllenfahrt“ mit einer Schacherei um den Fundort der Leiche, der die Glaubwürdigkeit ebenfalls ein bisschen zu sehr auf die Probe stellt. Immerhin bemüht sich die Folge, alternative Tatverdächtige anzubieten – und auch wenn dieser Versuch nicht von Erfolg gekrönt ist, so liefern gerade Siegfried Wischnewski und Manfred Spies überzeugende Leistungen in den Nebenrollen ab. Ethel Reschke, Ann Höling und Willi Semmelrogge drücken etwas zu sehr auf die Tube; Siegfried Lowitz bekommt dagegen zu wenig Gelegenheit, sein Können auszuspielen.

Eine interessante Beobachtung kommt diesmal noch aus dem Kommissar-Forum. Dort wurde bemerkt, dass auf die Frage nach dem Dienstausweis zu Beginn der Folge nur Harry Klein sein Identifikationsdokument zückt, nicht aber Kommissar Keller. Die Analyse eines dortigen Mitglieds, warum sich Keller so verhält, beschreibt das Selbstbild des Ermittlers perfekt und stimmt mit meiner Wahrnehmung der Rolle, die vom heutigen Standpunkt aus eher schwierig ist, aber selbst zum Entstehungszeitpunkt schon umstritten gewesen sein dürfte, lückenlos überein:

Zitat von Freundeskreis „Der Kommissar“-Forum: Ausweispflicht, Quelle
Die Rolle des Kommissars ist sehr patriarchisch definiert: Er hat es sich verdient, Kommissar zu sein, während die anderen noch dienen müssen. Das war in den 60ern noch weit verbreitet! Hierarchie geht über Vorbildfunktion! Heute würde man so einem ein T-Shirt mit der Aufschrift kaufen: „Ich Chef, du nix“.


„Die Tote im Park“ ist im soliden Seriendurchschnitt anzusiedeln, regt mich trotz einer guten Besetzung demnach kaum zu Jubelstürmen an. Die Absicht des Drehbuchs, wieder einmal lieber die psychologischen Hintergründe als eine spannende Krimihandlung unter die Lupe zu nehmen, verträgt sich gut mit Wolfgang Staudtes einfühlsamer, aber entsprechend tempoarmer Regie.

(3 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein ist eine wichtige Stütze für Martin Held
||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 54: Episode 44 der TV-Kriminalserie, BRD 1972. Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Martin Held, Heidelinde Weis, Siegfried Lowitz, Siegfried Wischnewski, Ethel Reschke, Ann Höling, Willy Semmelrogge, Manfred Spies u.a. Erstsendung: 18. Februar 1972.

Berthold Deutschmann Offline




Beiträge: 172

03.07.2015 05:25
#521 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #469
Der Kommissar: Schwarzes Dreieck

(3,5 von 5 Schnapsgläsern)

Ich finde, "Schwarzes Dreieck" ist volle 4 von 5 Schnapsgläsern wert, eher noch ein paar Tropfen mehr.

Natürlich bin ich auch "Kommissar"-Fan, habe fast alle Folgen bei der Erstausstrahlung gesehen und später, bei Wiederholungen, auch die, die ich beim erstenmal verpasst hatte. "Der Kommissar" ist ein deutsches Spin-off der britischen Kriminalserie "Kommissar Maigret", die ein paar Jahre zuvor auch vom ZDF gesendet wurde. Leider gab es nur 52 Folgen von "Maigret", so dass es auf der Hand lag, den Krimi-Erfolg fortzusetzen mit einer eigenständigen deutschen Produktion, jedoch in Anlehnung an den Maigret-Erfolg. In Programmzeitschriften wurde Maigret als "Vorbild" für die damals brandneue deutsche Krimiserie bezeichnet. In der HÖRZU gab es sogar einen ausführlichen Artikel darüber, wie sehr sich die Inspektorenriege beim "Kommissar" der des Kommissars Maigret ähnelte (etwa: Walter Grabert entsprach mehr oder weniger dem Inspektor Lucas, Harry Klein dem Inspektor Lapointe).

Wer "Maigret" nie gesehen hat, kann das natürlich nicht nachvollziehen, eingefleischten Maigret-Fans war das aber ziemlich offensichtlich und zugleich amüsant. Auch schien Herbert Reinecker als Vielschreiber in die Fußstapfen von Georges Simenon treten zu wollen, wenn auch nicht als Romancier, wohl aber als Drehbuchautor. Beiden Autoren wurde die gleiche Frage gestellt: Wie machen Sie das nur, so viele Stories in so kurzer Zeit zu Papier zu bringen? Bisweilen wurde Reinecker eine Schreibwerkstatt mit mehreren Co-Autoren unterstellt, der solches jedoch zurückwies. Über Simenon wissen wir, dass er mit seiner damaligen Frau Denise das Glück hatte, sich voll und ganz aufs Schreiben konzentrieren zu können, sie kümmerte sich um die Kontakte zu Verlagen, Film- und Fernsehstationen. Sie ersetzte ihm, nach Simenons eigenen Worten, 6 oder 7 Büroangestellte. Bei Herbert Reinecker war ein so umfangreiches Management nicht nötig, seine "Kommissar"-Drehbücher gingen routinemäßig immer ans ZDF.

In den ersten "Kommissar"-Folgen gibt es eine Frau Keller, die ihrem Herbert zum Feierabend die Hauspantoffeln bereitstellt. Rosemarie Fendel verläßt die Serie schon sehr bald. Maigret hingegen wird die ganze Serie hindurch von seiner Louise begleitet, die ihm immer wieder das Essen aufwärmt. Helen Shingler war auch in dem späteren 90-Minuten-Special "Maigret at Bay" wieder die Madame Maigret.

Alle Folgen von Maigret, inklusive des Zusatz-Specials, und konsequenterweise auch die gesamte Serie "Der Kommissar" wurden in schwarz-weiß aufgezeichnet.

Dennoch waren "Der Kommissar" und seine Mannen eigenständig. Betont demonstrativ raucht Inspektor Grabert Pfeife. Bei Maigret Rupert Davies scheint so etwas gar nicht möglich, denn wenn einer in jener Serie Pfeife raucht, dann nur Maigret selbst. In den Maigret-Romanen ist das jedoch anders: Inspektor Lucas, der Maigret nacheifert, raucht dort bisweilen wie sein "Patron" auch mal Pfeife.

Die Schauplätze sind grundverschieden: Maigrets Revier ist Paris, Kommissar Kellers: München. In beiden Serien werden freiweg Außenaufnahmen gemacht. Es ist nicht notwendig, einen Straßenabschnitt künstlich als Kulisse aufzubereiten, um einen gewissen Zeitgeist zu erzeugen. In beiden Serien befindet man sich ja genau in der Zeit, in der die Handlung ablaufen soll. Jeder Kameraschwenk ist möglich, alles, was optisch eingefangen wird, ist echt.

Die Kriminalfälle sind verschieden. Reinecker ist eben nicht Simenon. Reinecker hat eigene Ideen, und die meisten seiner Ideen sind gut. Wie in allen Serien gibt es sowohl beim "Kommissar", wie auch bei "Kommissar Maigret" mal stärkere und mal nicht ganz so starke Episoden. Das hängt natürlich auch von der subjektiven Sicht des jeweiligen Zuschauers ab: Was der eine gut findet, findet der andere möglicherweise eben gar nicht gut.

Warum hänge ich meinen Beitrag ausgerechnet beim "Schwarzen Dreieck" an? Weil ich hier - wenn überhaupt irgendwo, dann hier - einen für mich auffälligen Berührungspunkt beider Serien sehe. Atmosphärisch gleichen sich "Schwarzes Dreieck" und "Maigret und die Adligen" ("Voices from the Past" bzw. die deutsche Buchausgabe heißt: "Maigret und die alten Leute"). Ein dunkles Rätsel liegt über allem, in beiden Folgen. Alte Menschen scheinen in Verbrechen verstrickt zu sein und rücken mit der Sprache nicht raus. Ein bedrückendes Gefühl überkommt den Zuschauer. Als ich "Schwarzes Dreieck" zum erstenmal gesehen hatte, war ich überzeugt: Hier ist "Der Kommissar" verdammt dicht dran am "Kommissar Maigret"!

Lord Peter Offline




Beiträge: 538

03.07.2015 10:42
#522 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Zitat von Berthold Deutschmann im Beitrag #521
In der HÖRZU gab es sogar einen ausführlichen Artikel darüber, wie sehr sich die Inspektorenriege beim "Kommissar" der des Kommissars Maigret ähnelte (etwa: Walter Grabert entsprach mehr oder weniger dem Inspektor Lucas, Harry Klein dem Inspektor Lapointe).

Und Reinhard Glemnitz gab in den 6 BR-Hörspielen mit Paul Dahlke den Inspektor Lucas.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

03.07.2015 20:00
#523 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



Der Kommissar: Traum eines Wahnsinnigen

Zitat von Der Kommissar: Traum eines Wahnsinnigen
Auf seiner Flucht aus der Irrenanstalt des Dr. Hofstätter ermordet der schizophrene Herr Kabisch zwei Menschen. Der ehemalige Verwandlungskünstler ist auf der Jagd nach seiner Adoptivtochter, die nach zwei Jahren zum ersten Mal wieder in München ist, wo er sie vor seiner Einweisung ebenfalls zu töten versucht hatte. Kommissar Keller steht vor vielen offenen Fragen: Warum hat es Kabisch auf seine Tochter abgesehen? Wo und hinter welcher Maske versteckt er sich? Und weiß der von Kabisch faszinierte Dr. Hofstätter etwa mehr, als er zugibt?


Wer glaubt, dass Herbert Reinecker nie ein Mabuse-Drehbuch schrieb, liegt knapp daneben: Seine Vorlage zu „Traum eines Wahnsinnigen“ bietet alles auf, was eine Produktion benötigt, um als – wenn auch leider inoffizielle – Fortsetzung von Artur Brauners Gruselreihe durchzugehen. Die Inspiration ist klar: Kabisch, der sich ebenso wie Mabuse gern maskiert, um seine wahre Identität zu verbergen, hat in der Nervenheilanstalt seinen Arzt mit seinen perfiden Fantasien infiltriert, sodass sich Dr. Hofstätter ähnlich gebärdet wie seinerzeit Professor Pohland oder, wenn man noch weiter in der Zeit zurückreist, Professor Baum. Auch Spuren von „Die weiße Spinne“ mögen in der Bezugnahme auf den „großen Falconetti“ und der Besetzung der Rolle mit Horst Frank zu erkennen sein. Diese Mischung aus dem besten, was die Wallace-Epigonenschar hervorgebracht hat, ist ein vortreffliches Vergnügen und eine Abwechslung zu den sonst so geerdeten Problemstellungen der Serie.

Größter Pluspunkt ist die am Stil alter Kinoklassiker orientierte, kaum mit einer anderen „Kommissar“-Folge vergleichbare Inszenierung durch Wolfgang Becker, die die hehren Vorbilder in greifbare Nähe rücken lässt. Obgleich die Schauplätze der Folge eher profan aussehen (Hofstätter praktiziert in einem Nachkriegsbau und nicht in einem Spukgebäude von der Qualität eines Hotel Wallgraben), zaubert Becker eine ständige Unsicherheit, eine Doppelbödigkeit und durch die Anwesenheit Franks in verschiedenen Gesichtern genuin bedrohliche Stimmung. Stellenweise fühlt man sich an „Zirkus Capelli“ (1954) erinnert; auch in der beeindruckenden Verbildlichung der immer weiter zunehmenden Wahnvorstellungen der beiden Gaststars. Jürgens und Frank sind aber nur die sprichwörtliche „Spitze des Eisbergs“; tatkräftig unterstützt werden sie von der faszinierend ängstlichen Christine Kaufmann und dem äußerst passend besetzten Günther Stoll.

Zitat von G. Walt: „Traum eines Wahnsinnigen“ bei Zauberspiegel Online, Quelle
Die Zeitungen versprachen damals einen richtigen Thriller. Folge 43 des „Kommissars“ wurde unter großer Geheimhaltung inszeniert. Horst Frank wurde sogar nicht auf der Besetzungsliste genannt. Er spielt den Kabisch, denn man als geübter Zuschauer nur allzu gut erkennt, vor allem an der Stimme. Doch davon abgesehen ist diese Folge tatsächlich mal etwas ganz anderes. Die Nervenheilanstalt scheint einem Wallace-Krimi entsprungen zu sein – und dann gibt es auch gleich zwei Morde zu Beginn. Wolfgang Becker inszenierte künstlerisch anspruchsvoll, indem er die Figur des Kabisch immer im Halbdunkeln erschienen lies, sodass sein Gesicht unerkannt blieb.


Auch hier ziehe ich eine Parallele zur „Spinne“: Genau wie dort Dieter Eppler störte es mich kein bisschen, Frank gleich zu Beginn durch seine markante Stimme identifizieren zu können und dadurch auch einige seiner Verkleidungen zu durchschauen. Ein Verkleidungskünstler ist ein Plotpoint, der eben nur auf abstrakter Ebene funktionieren kann (dafür aber eine enorme Faszination auf mich auswirkt) und besser so wie hier und bei Weinert-Wilton in Szene gesetzt wird, als mit dem Einsatz unterschiedlicher Schauspieler dreist zu schummeln. – Wer genau aufpasst, bemerkt sogar: Der Abspann und die darauf basierenden Cast-Listen übersehen eine Frank-Rolle, nämlich die des Zimmerkellners Jakob in der Artistenpension, der Portier Jensen gegenüber angibt, schon zehn Jahre dort zu arbeiten.

Nicht nur die filmischen Leitbilder, auch andere Aspekte weisen auf klassische Spannung hin: In der weisen Einsicht, dass Siebzigerjahremusik in „Traum eines Wahnsinnigen“ mehr als fehl am Platze gewesen wäre, bediente sich Becker bei Beethoven. Dazu passen auch ganz traditionelle Symbolbilder wie die zerbrochenen Brillengläser, der unbewegliche Schatten hinterm Vorhang und die sich hinter der verschlossenen Tür nähernden Schritte des Mörders sowie der ziemlich ansehnliche Bodycount. Selbst die philosophischen Betrachtungen werden auf ein Minimalmaß zurückgeschraubt: Zwar dient eine typisch reinecker’sche Übermensch-Theorie als Motivation für Kabisch, aber zum gleichen Zeitpunkt wird sie als absurdes Konstrukt eines verwirrten Geistes deklassiert.

Was man in „Traum eines Wahnsinnigen“ zu sehen bekommt, ist kaum „Kommissar“, sondern viel mehr Spannungskino der 60er. Gerade deshalb, weil sich alle Beteiligten auf diesen ungewöhnlichen Exkurs einlassen, geht das Rezept als perfekte Abwechslung innerhalb einer sonst sehr eigenständigen Serie auf. Ohne Stilbrüche, dafür mit viel Nervenkitzel wird eine Atmosphäre wie bei Mabuse persönlich erschaffen. Konsequent wird auf die krude Denkweise der geistig angeschlagenen Protagonisten verwiesen; Nachfragen zweifelnder Realisten, die sich von den anderen 96 Fällen nicht lösen mögen, sollten deshalb lieber zurückgestellt werden.

(5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines beugt Deuteleien vor: „Wer einen Mord verübt, ist ein Mörder“.
||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 55: Episode 43 der TV-Kriminalserie, BRD 1972. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper. Unter Verdacht: Curd Jürgens, Horst Frank, Christine Kaufmann, Günther Stoll, Victor Beaumont, Wera Frydtberg, Alfons Höckmann u.a. Erstsendung: 28. Januar 1972.

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

04.07.2015 00:10
#524 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten








Nach meiner Eloge auf den "Kommissar" ("Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen (12)) hier nun eine bebilderte Hommage

Matze K. Offline



Beiträge: 1.060

04.07.2015 08:10
#525 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

wirklich eine schöne Auswahl !!!

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(Todd Flanders)
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