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Dieses Thema hat 621 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Offline




Beiträge: 15.455

15.09.2018 14:45
#616 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Ratten der Großstadt

Zitat von Der Kommissar: Ratten der Großstadt
In Theo Heinichens Kneipe bekommen Münchens schlimmste Alkis schon am frühen Vormittag ihre nötige Dosis. Zumindest solange, bis Heinichen eines Tages – erschlagen mit einer seiner profitablen Flaschen – tot hinterm Tresen liegt. Die Tochter sagt aus, man solle sich doch einmal den Tagelöhner „Mozart“ genauer anschauen. Dieser, der sich einer Gruppe anderer Stadtstreicher angeschlossen hat, will von nichts wissen. Doch indem sie Walter als angeblichen Ex-Knacki in die Clique einschleusen, finden die Ermittler Hinweise darauf, dass Mozart doch nicht so unbeteiligt gewesen sein könnte. Oder ist das nur ein geschicktes Täuschungsmanöver?


Die Besprechung enthält Spoiler.

Nicht nur hinterlässt dieser frühe „Kommissar“ einen der abgewracktesten Eindrücke aller Serienfolgen, auch beginnt die Spurensuche des Keller-Teams diesmal mit einem Indiz von unübertroffener kriminalistischer Brillanz. Der Wirt hat sich vor seinem Tod mit seinem potenziellen Mörder am Fenster unterhalten, was die Tochter belauschte. Der Wortlaut der Szene, in der sie ihr Wissen der Kripo mitteilt, ist preisverdächtig:

Zitat von Ratten der Großstadt
Harry: „Ihr Vater hat das Fenster aufgemacht, heruntergesehen und hat sogar heruntergerufen.“ – Hanna: „‚Kannst du nicht warten, du Saufkopp?‘“ – Harry: „Sie weiß nicht, wen er damit gemeint haben könnte.“ – Keller: „Na, ‚Saufkopp‘, das ist doch schon etwas. – Harry: „Sie meint, da unten gibt es nur Saufköppe.“


Besagte Saufköppe werden in Gestalt der „Ratten“-Bande anschließend ausführlichst vorgestellt und ausstaffiert. Besetzt wurden sie mit einer illustren Bande bekannter TV-Gesichter, von denen Klaus Schwarzkopf und Horst Frank die größten Vorschusslorbeeren zukommen. Tatsächlich bleibt Schwarzkopf die gesamte Folge über aber sonderbar unbeteiligt und man fragt sich, warum Ringelmann seine Gage überhaupt bezahlte, wenn die Folge letztlich auch ohne ihn den gleichen Effekt gemacht hätte. Horst Frank dagegen trumpft mit diabolischer Präsenz auf und gibt den Anführer der Bande sehr effektiv. Manchmal jovial und manchmal hintergründig aufspielend, ist Franks „Bimbo“ Krass zugleich das Herrchen seines willenlosen Adjutanten „Mozart“ und auch besonders skeptisch, was Walter Graberts Undercover-Identität angeht. Gen Ende obliegt ihm die Aufgabe, beide Umstände subtil zusammenzubringen, indem er dem längst durchschauten Grabert Vertrauen vorgaukelt und ihm gleichzeitig den zurückgebliebenen „Mozart“ als Täter unter die Nase reibt. Beides geschieht auf eine wunderbar doppeldeutige Weise, die den Zuschauer lange im Unklaren lässt.

Der Twist, dass es eben nicht „Mozart“ war, der Heinichen erschlug, sondern dass außer ihm jede andere Ratte an der Tat beteiligt war, ist eine recht lahme Idee und erweckt den Eindruck, als wolle Reinecker ein Pauschalurteil über die asozialen Subjekte aussprechen, die er da in ihrer ganzen Abscheulichkeit erschaffen hat. Kaschiert wird dies durch die enorm spannende Zuspitzung im Finale, das wirklich Sorgen um Walter aufkommen lässt, der enttarnt und scheinbar hilflos am einsamen Isarufer der aggressiven, unberechenbaren Fünfergruppe gegenübersteht. Grädler inszeniert hier mit ordentlich Zug und scheut nicht vor roher Gewalt zurück, die übrigens auch dem trägen Anfang (Mord am Wirt) gut getan hätte.

Neben Frank erweist sich Gerd Baltus als profiliertester Tagedieb. Er spielt Manni Bender, einen Trinker im Endstadium, der alles dafür tun würde, ans nächste Getränk zu kommen. Keller gibt sich ihm gegenüber entsprechend menschlich und füttert ihn mit einem Wasserglas voller Cognac an, bevor er ihm die Aussage abnimmt (konsumiert das gleiche aber ebenfalls in beeindruckender Geschwindigkeit). Diese Szene ist typisch für „Ratten der Großstadt“ – eine Folge voller kurzweiliger Kuriositäten, die fast schon an das spätere Regie-Enfant terrible Zbynek Brynych denken lassen und die zugleich ungeschminkte Blicke auf eine dysfunktionale Gesellschaft werfen. Sie lassen den eher belanglosen Fall in den Hintergrund treten und geben den „Ratten“ sowie der Fake-Ratte Grabert die Gelegenheit, die dicken Maxen zu markieren.

Ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Fall, der nach erster Angewöhnungszeit besser und besser wird. Vergnügen bereitet gerade seine unkonventionelle Art, doch auch geschickte Besetzungsentscheidungen sowie Theodor Grädlers typischer geschickter Umgang mit den Akteuren sprechen für „Ratten der Großstadt“. Man sollte nur tunlichst davon absehen, kriminalistische Ansprüche zu stellen oder gute Einsätze anderer Ermittler als Walter zu erwarten.

(3,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Walter Grabert trägt als Spitzel, der möglichst unerkannt bleiben will, ein Unterhemd von der Polizeischule
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 95: Episode 3 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz. Unter Verdacht: Horst Frank, Klaus Schwarzkopf, Fred Haltiner, Gerd Baltus, Werner Pochath, Hilde Volk, Ilona Grübel, Heini Göbel u.a. Erstsendung: 31. Januar 1969.

Chinesische Nelke Offline



Beiträge: 131

15.09.2018 14:57
#617 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Hallo Gubanov!
Ich freue mich jedes Mal, wenn Du eine neue Folge besprichst. Meistens sehe ich die einzelnen Aspekte ähnlich wenn Du, bei Abweichungen finde ich Deine Sicht der Dinge aber immer ausgesprochen interessant und denke das es vielen anderen Mitgliedern des Forums ähnlich geht.
Ich habe die Komplettbox immer griffbereit und habe mir gestern z.B. noch einmal Walter Ladengast als verrückten Leichenhallen-Beamten angesehen, eine Rolle die die Folge mindestens um 0,5 Punkte aufwertet.
Vielen Dank an Dich, ich bin auf jeden Fall schon auf die nächsten frühen Kommissar Rezensionen gespannt!

Gubanov Offline




Beiträge: 15.455

16.09.2018 14:24
#618 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Vielen Dank für das nette Feedback, @Chinesische Nelke! Das lese ich natürlich gern und es freut mich, wenn meine Besprechungen dazu führen, dass die jeweiligen Folgen wieder angesehen werden.

Die übrigen zwei Reviews zu "Geldschrank" und "Regen" folgen am Montag und Dienstag; dann werde ich den "Kommissar" endlich abgehakt haben. Nicht im Sinne von "endlich kommt nichts mehr", sondern weil sich in die Besprechungsreihe, die dann genau fünfeinhalb Jahre gedauert haben wird, einige überlange Pausen eingeschlichen haben. Dennoch kann ich dem endgültigen Fazit schonmal vorwegnehmen: In den aller-, allermeisten Fällen haben die "Kommissar"-Sichtungen ordentlich Spaß gemacht und ich hoffe, das liest man aus den Berichten auch heraus.

Lord Peter Offline




Beiträge: 475

16.09.2018 14:52
#619 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #614
PS: Zu den ersten fünf Folgen „Der Kommissar“ gibt es im Blog von SoFiFe Berlin ausführliche Podcasts, in denen die altmodischen Krimis von zwei hippen Berliner Stadtpflanzen genüsslich auseinandergenommen werden. Man muss die Zeit investieren wollen, sich ihren Ulk anzuhören, aber es ist ziemlich unterhaltsam. Hier der Link zu „Ein Mädchen meldet sich nicht mehr“.


Hab da mal reingehört. Stellenweise wirklich amüsant (und bei weitem nicht so primitiv wie "Hörspielkammer"/"Hörspielmatrix"), aber auf Dauer wird es doch anstrengend, zumal ich den Eindruck habe, daß die beiden einen beachtlichen (und stetig steigenden) Pegel haben, unter dem die verständliche Aussprache deutlich leidet...

Gubanov Offline




Beiträge: 15.455

18.09.2018 07:50
#620 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Das Messer im Geldschrank

Zitat von Der Kommissar: Das Messer im Geldschrank
Den besten Ruf hat die Sherbini-Bar nicht gerade, aber eine erstochene Animierdame erregt selbst dort die Gemüter. Niemand kann sich erklären, wer Rosa, genannt Nina, ermordet haben und wohin das Messer verschwunden sein könnte. Sowohl der zwielichtige Betreiber Mirko Brandič als auch der Barpianist Benitz scheinen wertvolle Informationen zurückzuhalten. Harry und Kommissar Keller halten sich deshalb an die beste Freundin der Toten, Marion, die ebenfalls im Sherbini angestellt ist und trotz ihrer Trauer über Nina am nächsten Abend schon wieder Gäste beturtelt. Sie ist der Schlüssel zur Lösung, und auch die Tatwaffe taucht auf ungewöhnliche Weise im Laufe der Ermittlungen auf ...


Die Sherbini-Bar ist ein Musterbeispiel für elegante Vergnügungslokale, wie sie in späteren „Derrick“-Folgen zwar zuhauf zu finden, beim „Kommissar“, der lieber Morde in einfachen Gastwirtschaften und Studentenkneipen aufklärte, eher rar sind. In dieser Folge der Freitagabendserie hinterlassen die schwarzweiße Bar und die darin angehäuften deprimierten Charaktere beinah den Eindruck von Maigret-Krimis, denen es manchmal virtuos gelingt, die Fassade des erotischen Amüsierbetriebs mit ernüchternden Bildern davon beeinflusster Beziehungen zu kontrastieren. Nichts anderes tut auch „Das Messer im Geldschrank“, das vor allem für Marion Hinze Mitleid aufkommen lässt. Das für seinen Beruf nicht genügend abgebrühte Nachtgeschöpf darf zunächst gegenüber Harry auf stur schalten und dann später (in den erfahreneren Armen des Kommissars, der prompt seine Frau bzgl. seiner nächtlichen Ermittlungen anlügt) ihren Schutzpanzer eindrucksvoll öffnen.

Dem Frischling Harry soll zu Beginn der Episode Raum für eigenständige Ermittlungen gewährt werden, wozu man Robert und Walter mit einer unerklärlichen anderweitigen Tätigkeit von der Bildfläche fegte und den Kommissar fieberkrank im Bett liegen ließ. Nach seiner Weigerung, während des Unwetters in „Toter Herr im Regen“ Galoschen zu tragen, ist dies nun eine gerechte Strafe für den eigenwilligen Ermittler und stellt eines der wenigen episodenübergreifenden Handlungskonstrukte der Reihe dar. Die Erkrankung hält ihn allerdings nicht davon ab, sich anfänglich per Telefon und später in persona in Harrys Ermittlungen einzumischen und ihm Ratschläge zu geben, weil sie sonst zu wenig führen würden. Die Leine ist für den Assistenten Klein also von Anfang an bewusst kurz gehalten, was sich auch in abschätzigen Kommentaren der anderen beiden Ermittler und darin niederschlägt, dass sich Harry sogar von der braven Helga belehren lassen muss.

Die Geschichte vom „Messer im Geldschrank“ wird in angemessenem Tempo erzählt und da der Whodunit über eine recht hohe Qualität verfügt, lohnt es sich, die Details bis zum Ende mit großer Aufmerksamkeit zu verfolgen. Wolfgang Beckers Regie wirkt noch nicht ganz so ausgereift wie bei späteren Serienfolgen, setzt aber bereits einige dominante Akzente, die diesmal weniger musikalischer als vielmehr bildgestalterischer Natur sind. Das Lichtspiel im Lokal ist atmosphärisch und wurde mit großem Bedacht in Szene gesetzt, weil es sogar über inhaltliche Relevanz verfügt. Auch Momente wie der aus dem Dunkel tretende Benitz mit funkelnden Brillengläsern oder Marions und Kommissar Kellers Spaziergang durch eine menschenleere Parklandschaft im Morgengrauen tragen zum Rätsel- bzw. Gemütsfaktor der Episode bei. Als durchschnittlich erfolgreich muss man Beckers Schauspielführung einschätzen, denn einer der eigentlich interessantesten Verdächtigen (der schweigsame Bruder des Barbetreibers) bleibt in seiner Inszenierung völlig blass und austauschbar. Auch Wolfgang Völz kann sich nicht so recht in seine Rolle einleben, die nach einer schmierigeren, weniger kumpelhaften Interpretation verlangt hätte, als sie der gutmütige Akteur hier ablieferte.

Die übrigen Schauspielerleistungen rangieren von gut bis exzellent. Ann Smyrner schafft es im Rahmen ihrer Möglichkeiten, der zentralen Rolle der Marion einen glaubwürdigen, wechselvollen Anstrich zu verpassen. Auch Lukas Ammann überzeugt in der Rolle des halbseidenen Geschäftsmanns ohne Einschränkungen. Dass man aus ihm einen Jugoslawen machte, ist in Anbetracht der Rollenzeichnung eine nicht unbedingt schmeichelhafte Angelegenheit. Den Vogel schießt aber Herbert Bötticher ab, der als tonlos sprechender, dauerhaft Sonnenbrille tragender und unfassbar mysteriöser Pianist dem Niveau deutscher Fernsehkrimis in jeder Szene direkt zu entwachsen scheint. Selbst beim Entenfüttern stiehlt er dem übrigen Cast die Schau und auch die letzte Szene beherrscht er mit unaufgeregter Präsenz.

Reinecker und Becker schufen eine effektive Mischung aus oldschool-Krimi und modernem Psychogramm, die vielleicht nicht zu den spektakulärsten oder erfindungsreichsten Episoden der Reihe gehört, aber sauber konstruiert und ansprechend umgesetzt ist. Man muss allerdings sagen, dass, obwohl diese Folge zuerst gedreht wurde, „Toter Herr im Regen“ doch die bessere Wahl für den Ausstrahlungsstart war.

(4 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein, denn für ihn ist der Mordfall Sherbini-Bar die Feuertaufe
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 96: Episode 2 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz, Rosemarie Fendel. Unter Verdacht: Ann Smyrner, Lukas Ammann, Wolfgang Völz, Herbert Bötticher, Michael Maien, Trude Breitschopf, Sadi Metzger u.a. Erstsendung: 17. Januar 1969.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.455

18.09.2018 17:25
#621 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Toter Herr im Regen

Zitat von Der Kommissar: Toter Herr im Regen
Dem erschossenen Dr. Steiner weinen nur wenige Leute eine Träne nach. Der reiche, aber skrupellose Industrielle hat nicht nur seinen ebenso willensstarken Schwiegersohn Wolfgang gegen sich aufgebracht, sondern sich am Abend seines Todes auch mit seiner Freundin Marianne Rothe zerstritten. In Familie und Bekanntenkreis finden sich genug Motive für den Mord und selbst einen Drohanruf hatte der Mann zuvor erhalten. Kann sich Kommissar Keller trotz der Abneigungen der Zeugen gegen Dr. Steiner ein vollständiges Bild von den Tatumständen machen und aufklären, wer den Finger am Abzug hatte?


Weil es draußen in Strömen regnet und der respektable Dr. Steiner in einer äußerst unrespektablen Ecke Münchens im nassen Rinnstein liegt, weigert sich Kommissar Keller regelrecht, die häusliche Gemütlichkeit am späten Abend noch einmal zu verlassen, um sich am Tatort einzufinden. Als er es doch tut, weiß er vielleicht noch nicht, worauf er sich einlässt, denn als Hauptfigur einer Herbert-Reinecker-Serie wird er von nun an in 97 Fällen jedes einzelne Mal die Erfüllung der Dienstpflicht ganz oben anstellen, ohne nur noch einmal derlei Widerworte von sich geben zu dürfen. Schließlich erfüllt er als TV-Oberermittler des ZDF auch eine Vorbildfunktion – gerade in Fällen wie dem hier vorliegenden, in denen der Tote sein Ableben vielleicht nicht unbedingt verdient, ganz sicher aber seinem eigenen unrühmlichen Verhalten zuzuschreiben hat. Von den diversen Despoten, Lustgreisen oder Unrechtschaffenden der Serie grenzt sich Keller, der zeitweise durchaus ebenfalls provokant auftritt, vor allem mit seiner hintersinnigen Menschenkenntnis ab – ein nützliches Instrument, um in Verdächtige wie auf einem Röntgenbild hineinzuschauen und so gut wie immer mehr zu wissen als der ahnungslose Zuschauer. Hier betont er diese Empathie vor allem gegenüber dem aufmüpfigen Wolfgang Tillmann, der glaubt, der Polizei Stichworte geben zu müssen, damit diese in ihren Ermittlungen weiterkommt.

Ganz abgesehen davon, dass die Regenszenen dem Fall einen ungemein atmosphärischen Auftakt geben, wird der Zuschauer auch in den übrigen Details mit den für die übrigen 96 Fälle typischen Stimmungslagen vertraut gemacht. „Toter Herr im Regen“ ist unter diesem Blickwinkel gewissermaßen eine kleine Aneinanderreihung wiederkehrender Motive: Wir finden die zerstrittene Familie aus guten Kreisen, den besserwisserischen Studenten, den Moralapostel (in diesem Fall in weiblicher Ausprägung) und auch einen Ausflug ins Prostitutionsmilieu. Dr. Steiner verbindet alle diese Aspekte miteinander, obwohl er selbst dem Publikum höchstens in fragmenthaften Schilderungen vorgestellt wird. Als seine Leiche hat Regisseur Wolfgang Becker einen unkonventionellen Cameo-Auftritt; einen weiteren feiert die sogenannte Grünwalder Gereutvilla, die im „Kommissar“ auch in den Episoden „Dr. Meinhardts trauriges Ende“, „Messer im Rücken“, „Der Moormörder“, „Kellner Windeck“, „Das Ende eines Humoristen“, „Tod eines Hippiemädchens“, „Herr und Frau Brandes“ und „Domanns Mörder“ zu sehen und darüber hinaus aus diversen anderen Krimiserien ebenfalls bekannt ist.

Um den Mordfall in den Mittelpunkt zu rücken, beließ es Autor Reinecker bei recht simpel gezeichneten Figuren, deren Verhalten sich im Laufe der Spielhandlung nicht bedeutend ändert oder weiterentwickelt. Die Verhuschte, die Aufrichtige, die Entrückte, den Aufdringlichen, die Selbstsichere und den Versager spielen Becker, Witthauer, Barth, Grund, Wieck und Penkert in einer qualitativ soliden Ensembleleistung. Der Serienstart wurde nicht nur mit einer guten Besetzung versehen, sondern auch von der Presse ausführlich begleitet, wie „Kommissar“-Kenner Gerald Grote berichtet:

Zitat von Gerald Grote: Der Kommissar. Eine Serie und ihre Folgen. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2010 (3. Auflage). S. 59ff
Hatte die Bild-Zeitung bereits am 2. Januar 1968 mit der superlativischen Überschrift „Jetzt kommt der deutsche Super-Kommissar“ das Interesse der Leser auf einen neuen Fernsehkrimi gelenkt, so begleitete sie die Entwicklung der Serie bis zur Erstsendung am 3. Januar 1969 mit wohlwollenden Artikeln. [... Im Anschluss an die Erstsendung waren d]ie Leserbriefe in den Fernsehzeitungen [...] voll des Lobes: Susanne Ch. aus Köln schrieb beispielsweise an „TV Hören + Sehen“ im Januar 1969: „Ich möchte das ZDF zu dieser neuen Kriminalserie beglückwünschen. Die erste Folge war wirklich spannend und gut durchdacht. Hoffentlich bleibt das so!“ Und Kai L. aus Offenbach meinte an gleicher Stelle: „Das ist endlich wieder einmal eine Serie nach meinem Geschmack.“


Den Zuschauermeinungen ist wenig hinzuzufügen.

Schüsse in düsterer Regennacht – für solch ein krimiwürdiges Ereignis muss man dank „Der Kommissar“ nicht gen Mordmutterland England blicken; auch die Bayernhauptstadt München eignet sich für einen ansprechendes Tötungsdelikt in gehobenen Kreisen. „Toter Herr im Regen“ verdeutlicht, wie nah der Kommissar und sein Ermittlerteam die Finger am Puls der Verdächtigen haben müssen, um ein Dickicht von Falschaussagen und Täuschungsmanövern zu durchdringen. Kritische Betrachter werden allerhöchstens das Mordmotiv „indiskutabel“ finden.

(4,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller, obwohl er seine Frau für „lieb, aber dumm“ hält
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 97: Episode 1 der TV-Kriminalserie, BRD 1969. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz, Rosemarie Fendel. Unter Verdacht: Alwy Becker, Charlotte Witthauer, Susanne Barth, Friedrich Karl Grund, Dorothea Wieck, Rainer Penkert, Ralph Persson, Ursula Grabley u.a. Erstsendung: 3. Januar 1969.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.455

18.09.2018 17:50
#622 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar-Countdown: Zwischenwertung Box 1

Die frühen „Kommisar“-Folgen unterscheiden sich von ihren späteren Pendants vor allem in zweierlei Hinsicht: einerseits durch die erweiterte Ermittlergruppe, in der neben dem üblichen Männer-Vierergespann und Rehbein auch Helga Lauer und Franziska Keller die eine oder andere größere Rolle spielen. Andererseits liegt der Fokus gerade in der ersten Staffel des „Kommissars“ noch stärker auf klassischen Krimi-Konstruktionen, die weniger ins Psychodramatische oder Sozialkritische abgleiten. Dennoch merkt man der Serie von Anfang an den Mut an, auch einmal abwegige Pfade zu beschreiten, was sich in einigen Fällen bezahlt macht, in anderen eher abschreckend wirkt. Die vier Folgen von Zbynek Brynych finden sich zum Beispiel alle in dieser Kollektion, erreichen in meiner Wertung aber tendenziell eher Mittelfeldplätze. Gewohnt stark sind Becker- und Staudte-Inszenierungen; bei Theodor Grädler gibt es eine weite Streuung. Die Top-3-Folgen dieser Box spielen für meine Begriffe in Eisenbahn, Klassenzimmer und Hinterhaus. Viele richtig misslungene Folgen gibt es nicht, was Kollektion 1 einen ziemlich hohen Mittelwert beschert (3,79 Pkt. pro Episode, im Vergleich zu 3,52 Pkt. in Kollektion 2, 3,69 Pkt. in Kollektion 3 und dem knappen Sieger Kollektion 4 mit 3,80 Pkt.).

Im Detail ordne ich die Episoden dieses Sets wie folgt ein:

Platz 01 | ★★★★★ | Folge 08 | Der Tod fährt 1. Klasse (Becker)
Platz 02 | ★★★★★ | Folge 13 | Auf dem Stundenplan: Mord (Grädler)
Platz 03 | ★★★★★ | Folge 21 | ... wie die Wölfe (Staudte)

Platz 04 | ★★★★☆ | Folge 20 | Messer im Rücken (Staudte)
Platz 05 | ★★★★☆ | Folge 07 | Keiner hörte den Schuss (Becker)
Platz 06 | ★★★★☆ | Folge 10 | Schrei vor dem Fenster (Haugk)
Platz 07 | ★★★★☆ | Folge 01 | Toter Herr im Regen (Becker)
Platz 08 | ★★★★☆ | Folge 06 | Die Pistole im Park (Becker)

Platz 09 | ★★★★★ | Folge 19 | In letzter Minute (Becker)
Platz 10 | ★★★★★ | Folge 02 | Das Messer im Geldschrank (Becker)
Platz 11 | ★★★★★ | Folge 11 | Die Schrecklichen (Brynych)
Platz 12 | ★★★★★ | Folge 23 | Tödlicher Irrtum (Becker)
Platz 13 | ★★★★★ | Folge 05 | Ein Mädchen meldet sich nicht mehr (Grädler)

Platz 14 | ★★★☆★ | Folge 14 | Das Ungeheuer (Haugk)
Platz 15 | ★★★☆★ | Folge 17 | Parkplatz-Hyänen (Brynych)
Platz 16 | ★★★☆★ | Folge 04 | Die Tote im Dornbusch (Tressler)
Platz 17 | ★★★☆★ | Folge 24 | Eine Kugel für den Kommissar (Ode)
Platz 18 | ★★★☆★ | Folge 03 | Ratten der Großstadt (Grädler)

Platz 19 | ★★★★★ | Folge 18 | Dr. Meinhardts trauriges Ende (Verhoeven)
Platz 20 | ★★★★★ | Folge 16 | Tod einer Zeugin (Brynych)
Platz 21 | ★★★★★ | Folge 12 | Die Waggonspringer (Grädler)
Platz 22 | ★★★★★ | Folge 09 | Geld von toten Kassierern (Tressler)

Platz 23 | ★★☆★★ | Folge 22 | Tod eines Klavierspielers (Kehlmann)

Platz 24 | ★☆★★★ | Folge 15 | Der Papierblumenmörder (Brynych)

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