Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 622 Antworten
und wurde 115.791 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Seiten 1 | ... 31 | 32 | 33 | 34 | 35 | 36 | 37 | 38 | 39 | 40 | ... 42
Cora Ann Milton Offline




Beiträge: 5.110

04.07.2015 11:13
#526 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Dankeschön, Matze!

Was Kommissar Herbert Keller so überaus sympathisch macht, ist das, was er in der Tat mit seinem französischen Berufskollegen Jules Maigret gemeinsam hat: nichts Menschliches scheint diesen zwar autoritären doch liebenswürdigen Vaterfiguren, die so sehr in sich selbst ruhen, fremd. Sie tauchen in das Milieu ihrer Fälle ein, beobachten sehr genau und sind ausgezeichnete Zuhörer. Bei ihren intensiven Verhören nähern sie sich den zu befragenden Personen häufig sehr dicht.

Gemeinsam ist den Beiden auch der ausgeprägte Hang zu den Genussgiften Tabak und Alkohol.

Einige Anmerkung zu Franziska Keller: sie bringt ihrem Mann Herbert in der ersten Folge "Toter Herr im Regen" nicht die Pantoffeln, sondern nötigt ihm wegen des heftigen Regens Galoschen auf. In "Maigret stellt eine Falle" nimmt Madame Maigret ihrem Gatten ebenfalls die Straßenschuhe ab, nachdem der Kommissar zuvor die ganze Nacht mit seinen Ermittlungen beschäftigt war und überreicht ihm außerdem seine Hausschuhe.
Wie Madame Maigret sorgt auch Franziska Keller für das leibliche Wohl ihres Gatten. Sie nimmt durchaus regen Anteil an den Fällen ihres Mannes, der sie mitunter auch ganz konkret nach ihrer Meinung dazu befragt. Ihr Einsatz für ihren Mann gipfelt darin, dass sie nach einem missglückten Anschlag auf sein Leben auf eigene Faust und in Gesellschaft eines Kleinkriminellen die Täter ausfindig zu machen versucht.







Berthold Deutschmann Offline




Beiträge: 146

05.07.2015 13:08
#527 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Deine fotografische Aufbereitung der Parallelität "Kommissar Maigret" und "Der Kommissar" finde ich ganz toll gelungen. Es ist auch nicht verwunderlich, dass Du Dir den Jean Gabin als Maigret herbeizitierst hast, denn den Rupert-Davies-Maigret gibt's ja erst ab dem 17. dieses Monats auf Pidax-DVDs. Es kann auch sein, dass Du ein großer Jean-Gabin-Fan bist (im Gegensatz zu mir), aber das sehe ich alles im tolerablen Bereich, selbst dann, wenn Du den BBC-Maigret überhaupt nicht kennenlernen möchtest. Die gegenübergestellten Szenenfotos verdeutlichen auf jeden Fall sehr gut die Verwobenheit der beiden Krimistoffe.

3sat wollte ca. 1990 die beiden Serien im Reißverschlusssystem zeigen, also abwechselnd, obwohl "Der Kommissar" ja fast doppelt so viele Folgen hat wie der schwarz-weiße BBC-Maigret. Das wäre auch eine ganz besondere Art der Gegenüberstellung der beiden Serien gewesen. Aus "rechtlichen Gründen" kam es nicht dazu: Maigret durfte letztlich doch nicht gezeigt werden.

Ich selber bin inzwischen fast oder tatsächlich krank von dieser jahrzehntelangen Diskriminierung meiner Lieblings-Krimiserie. Auch jetzt noch, ein paar Tage vor dem 17., bange ich darum, ob das auch wirklich wahr wird mit den DVD-Veröffentlichungen, oder ob es im letzten Moment doch wieder einen Rückzieher gibt.

Um Kommissar Erik Ode mache ich mir hingegen keine Sorgen, der liegt selbstverständlicherweise im Player und taucht auch im Fernsehen immer wieder auf.

Was die Franziska Keller und die Louise Maigret angeht, so war das mit den "Pantoffeln bereitstellen" und "Essen aufwärmen" nur allgemein-symbolisch gemeint, zudem überspitzt. Im Ernstfall setzen sich beide Frauen ja sogar unter Einsatz ihres Lebens für ihre Ehemänner ein. Dabei entpuppen sie sich als findiger, als man es ihnen vielleicht zugetraut hätte. Das weiß ich natürlich und weiß das auch zu schätzen.

Cora Ann Milton Offline




Beiträge: 5.110

05.07.2015 13:48
#528 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Erstmal vielen Dank für das freundliche Feedback!

Ich bin ein sehr großer Fan von Jean Gabin und mag seinen "Maigret" unglaublich gern. Eine Besprechung von mir zu "Maigret stellt eine Falle" findet sich hier: Französische Kriminal- und Gangsterfilme (2)

Da ich allerdings schon sehr viel und ausschließlich positives über Rupert Davis als Maigret gehört habe, werde ich mir auf jeden Fall die DVDs kaufen und bin sehr gespannt darauf.

Ich kann sehr gut nachvollziehen und finde es ausgesprochen sympathisch, dass man - seien es Serien oder Schauspieler - so von Herzen mag, wie du das hier schilderst. Mir geht das mit bestimmten Schauspielern und Serien ebenso.

Was "Der Kommissar" angeht, so hat mir diese Serie auf Anhieb großartig gefallen und ist seither meine liebste deutsche Krimiserie, was natürlich ganz besonders an Erik Odes wunderbarer Darstellung der Titelrolle liegt.



Erik Ode als Kommissar Herbert Keller in "Die Schrecklichen" (1969)

Berthold Deutschmann Offline




Beiträge: 146

05.07.2015 14:07
#529 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Ja, mit Erik Ode hat man einen "glücklichen Fang" gemacht für die "Kommissar"-Serie, so wie man einen "Volltreffer" landete mit Rupert Davies für "Maigret". Was ich besonders interessant daran finde, ist, dass beide vorher noch nie so recht bekannt oder gar berühmt waren und das erst wurden durch diese Krimiserien. Ich finde es immer gut, wenn ein neues Gesicht entdeckt wird und sich dieses dann sogar als Star behaupten kann, anstatt dass vom Casting her immer und immer wieder nur auf längst etablierte Stars gesetzt wird.

Ich wollte damit nicht sagen, dass die beiden Genannten vor ihren berühmten Kommissar-Rollen Niemande gewesen seien. Beide hatten vorher bereits ihre Verdienste, waren aber eben noch keine Stars wie nach ihren Serien.

Georg Offline




Beiträge: 2.973

23.08.2015 20:29
#530 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Eben hochgeladen:

https://youtu.be/uhRHY-vXEzc

Dieses Interview wurde vor Kurzem auf ORF III wiederholt. Es stammt aus dem Jahre 1971. Erik Ode spricht darin über den Kommissar.

Havi17 Offline




Beiträge: 3.048

24.08.2015 22:39
#531 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Danke Georg!

Gruss
Havi17

TV-1967 Offline



Beiträge: 445

24.08.2015 23:08
#532 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Hallo Georg,

hat mir sehr gut gefallen. Informativ und den Zeitgeist getroffen. Super. Danke!

Jan Offline




Beiträge: 1.336

08.10.2015 14:10
#533 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Ich bin mal wieder mit dem altehrwürdigen Kommissar Keller gestartet gestern Abend. In lockerer Folge werde ich hier mal so einige Episoden, bei denen es sich lohnt, erwähnen. Eindrücke verändern sich ja mit den Jahren.

Den Einstieg macht der Erstling:

Aus der Reihe
DER KOMMISSAR
"Toter Herr im Regen"
von Herbert Reinecker
Erstausstrahlung am 03.01.1969 (ZDF)

Darsteller: Erik Ode (Kommissar Keller), Günther Schramm (Walter Grabert), Reinhard Gemnitz (Robert Heines), Fritz Wepper (Harry Klein), Helma Seitz (Rehbeinchen), Emily Reuer (Helga), Rosemarie Fendel (Frau Keller)

Gastdarsteller: Alwy Becker (Marianne Rothe), Friedrich Karl Grund (Wolfgang), Susanne Barth (Inge), Dorothea Wieck (Frau Born, Mariannes Mutter), Rainer Penkert (Herr Rothe, Mariannes Ex-Mann), Ralph Persson (Manfred), Wolfgang Becker (Dr. Steiner), uvm.

Kamera: Rolf Kästel
Titelmusik: Herbert Jarczyk
Musik: Herbert Jarczyk
Bauten: Wolf Englert
Schnitt: Werner Preuss
Regieassistenz: Ilona Juranyi
Aufnahmeleitung: Rudolf Fichtner und Harald Vohwinkel
Produktionsleitung: Gustl Gotzler
Regie: Wolfgang Becker


Inhalt:
Der überaus elegante Dr. Steiner ist ein Mann der besten Gesellschaft. Deutlich weniger elegant ist indes der regenüberströmte Rinnstein, in dem er erschossen sein Ende findet. Die Ermittlungen des Kommissars ergeben schnell, dass Dr. Steiner mehr Feinde als Freunde vorzuweisen hat. Selbst seine erheblich jüngere Flamme Marianne Rothe wurde zu Lebzeiten Steiners von diesem bloßgestellt, erniedrigt, belogen und betrogen. Die Zahl der Verdächtigen will auch dadurch nicht kleiner werden, dass Wolfgang Tillmann, Stiefsohn Steiners, offenkundig seinen Hass gegenüber dem Toten zu Markte trägt. Dennoch haben Walter, Robert und Harry schnell Anlass, sich über ihren Chef zu wundern, denn der hat längst jemand ganz anderen im Visier...


Bewertung:
Zunächst einmal gebührt der Episode "Toter Herr im Regen" eine kleine Sonderbeachtung, denn der Tote Herr im Regen - Dr. Steiner - ist, guckt man genau hin, kein geringerer als der Regisseur himself. Es handelt sich dabei um das einzige (mir bekannte) Mal, dass Wolfgang Becker den Weg vor die Kamera fand. Seine darstellerische Fähigkeiten müssen durch den Regisseur Wolfgang Becker indes nicht überbeansprucht werden: Dr. Steiner ist stets tot, und so lag es wohl überaus nahe, dass der stets (besonders von den Damen) als elegant und vor allem imposant beschriebene Wolfgang Becker hier in die Rolle eines zumindest optischen Pendants schlüpft.

Darüber hinaus kocht die erste Episode in Bezug auf große Namen zunächst auf halber Flamme. Allzu populäre Darsteller sucht man vergeblich auf der Besetzungsliste. Friedrich Karl Grund, als Aufnahmeleiter oder auch späterer Drehbuchautor eine Art Faktotum bei Ringelmann und in vorangegangenen Ringelmann-Fernsehfilmen häufig in Klein- und Kleinstrollen besetzt, übernimmt hier den beträchtlich größeren Part des hassenden Stiefsohnes. Eine Figur ganz nach Reinecker'schem Geschmack und Zuschnitt, wenngleich der Regisseur dem Autoren hier keinen allzu ausufernden Präzedenzfall jugendlicher Psychosen abliefert. Es dürfte sich um eine der umfangreichsten Rollen in Grunds Schauspielkarriere handeln, ehe er zum Ende der 1970er Jahre hin zumindest das Fernseh-Schauspiel ruhen ließ. Recht gekonnt mixt Grund seine bisweilen recht widerstrebenden Handlungen und hält für den Zuschauer das Undurchschaubare dadurch über weite Strecken des Films aufrecht. Grund schafft es, sich mal den Zorn des Kommissars zuzuziehen und ihm mal Anlass zur Bekümmerung zu geben.

Kommen wir zu den weiblichen Hauptpersonen - in Filmen Wolfgang Beckers häufig die viel interessanteren Personen. Trifft Grund den so typischen und in anderen Episoden noch viel deutlicheren Reinecker-Stil des aus der Bahn geworfenen Jungspundes, so dürfen Alwy Becker und Susanne Barth mit Fug und Recht als - im wahrsten Sinne des Wortes - weibliche Verkörperung des Becker'schen Idealtypus gelten. Dunkelhaarig, jung, bildschön und maximal weiblich in der Ausstrahlung. Dieses Frauenbild findet sich häufig unter seinen Heldinnen, und es zieht sich damit durch Beckers Filmografie wie ein roter Faden. Nicht zuletzt die eigene Lebensgefährtin des Regisseurs und, nebenbei bemerkt, seine häufige Darstellerin - Gracia Maria Kaus - steht als lebender Beweis zur Verfügung. Wie so oft gelingt es Wolfgang Becker auch in dieser Episode, die beiden Protagonistinnen ins rechte Licht zu setzen, sie verführerisch aber nicht ordinär erscheinen zu lassen, ihnen Ehrwürdigkeit zu verleihen ohne sie zu steifen Marionetten verkommen zu lassen. Wenn Becker filmt und sich die vom Regen durchnässte Inge in ihrem ultrakurzen Mini, die Beine übereinanderschlagend, auf dem Sofa niederlässt, gestattet der Regisseur mit der minimalsten Einstellung einen maximalen Einblick. Auch diese Art der Kunstfertigkeit darf als generelles Merkmal Beckers gelten und nicht nur die Episode "Toter Herr im Regen" hervorheben.

Das Buch Herbert Reineckers zu dieser Episode darf als gesundes Mittelmaß betrachtet werden. Ehe es zu einer durchaus überraschenden Auflösung kommt, vollziehen sich die üblichen Vernehmungen und - allerdings nur in Grenzen - auch die typischen Reinecker-Philosophien über völlig aus der Bahn geratene junge Menschen. Mit diesem Grundgedanken wird Reinecker den Zuschauer in späteren Episoden der Reihe und schlimmer noch in späteren Derrick-Episoden erheblich einnehmender penetrieren. Hier jedoch werden solche Ansätze schon im Keim dadurch erstickt, dass der Autor dem Publikum diese völlig hilflose Jugend zwar aufschwatzen will, Regisseur Becker jedoch durchaus gefestigte und keineswegs umher taumelnde Gestalten zeigt. Problematisch an der Dramaturgie erweist sich ein wenig, dass der Umgebrachte als ein Mann überaus miesen Charakters vorgestellt wird. Dieser Ansatz findet sich in einigen Herbert-Reinecker-Geschichten, und er trägt auch hier nicht gerade dazu bei, den Mörder an den Galgen gebracht sehen zu wollen. Auch der Autor selbst scheint diesem Gedankengang nachgegangen zu sein, schreibt er doch einer seiner Figuren, Mariannes Mutter Dorothea Wieck, sogar in den Text, ob man denn das Ganze nicht auf sich beruhen lassen könne bei einer quasi derart honorigen Tat.

Interessant an diesem Erstling ist natürlich das junge und vollkommen unverbrauchte Zusammenspiel der vier Ermittler, denen Reinecker, deutlicher als er es in späteren Episoden tun wird, ihren Part zuweist. Während Walter von der schönen Marianne eingenommen ist, poltert sich der steifere Robert über einige kleine Taktlosigkeiten ("Wir kommen gerade von Dr. Stein - der ist tot") hin zu übereilten Schlussfolgerungen. Harry indes agiert etwas zappelig im Hintergrund, seine größeren Auftritte werden erst noch folgen. Den Kommissar selbst umgibt eher die Stille des Grüblers und Denkers. Er hat die Lösung bereits, währenddessen seine Jungs noch alle Hände voll damit zu tun haben, überhaupt einmal die Fakten zu sortieren. Es genügt ihm ein Ölgemälde, um die Zusammenhänge der Vorkommnisse zu durchblicken. Erik Odes Keller ist verschmitzt, wirkt beruhigend oder aufrüttelnd, er kann durchaus laut werden, sich über das Würstchen-Einerlei im Büro beklagen oder mit Robert den "Good Cop / Bad Cop" spielen. Was Reinecker mit dieser Truppe im Schilde führt, ist unübersehbar: Papa Keller formt mitsamt seiner drei Ableger und Mutti Rehbein eine intakte und letztlich unzerstörbare Welt aus Recht und Gerechtigkeit. Lässt diese grundlegende Ausrichtung in Folge z.T. etwas nach, setzt Reinecker hier alles daran, dem Zuschauer diese neue Fernsehfamilie sehr nahe zu bringen. Es bleibt dabei schon in "Toter Herr im Regen" ein Mysterium, dass es neben der eigentlichen Mutter der Familie (Rehbeinchen) auch noch eine echte Frau Keller gibt. Die Beweggründe scheinen unklar, sieht man einmal von der einzig logischen Schlussfolgerung ab, dass Schwerenöter Keller neben dem bekümmernden und stets etwas bekümmerten Rehbeinchen auch noch eine (erheblich jüngere) Nebenbuhlerin in petto hat.


Fazit:
Anständiger Krimi mit Luft nach oben. 3,5 von 5 Punkten


Sonstiges:
Die ausgebildete Tänzerin Alwy Becker spielte unter der Regie von Wolfgang Becker auch in "Der Tod läuft hinterher" und in der TV-Serie "Der Kleine Doktor" an der Seite von Peer Schmidt. Zudem zählte sie zu den bevorzugten Darstellerinnen des Regisseurs Dr. Michael Braun, unter dem sie an die zehn Mal spielte.

Herbert Keller scheint seine Franziska nicht allzu ernst zu nehmen. Lapidar vermerkt er: "Du bist lieb aber dumm!"

Ralph Persson dürfte den allermeisten als Inge Meysels ungehobelt-unsympathischer Schwiegersohn Helmut aus den "Unverbesserlichen" ein Begriff sein. Nach einem Ausflug ins Softsexgewerbe zu Beginn der 1970er Jahre verliert sich allerdings auch seine Spur. IMDB vermerkt die Rolle des Manfred aus "Toter Herr im Regen" als seinen drittletzten Auftritt.


Gruß
Jan

Giacco Offline



Beiträge: 1.638

08.10.2015 19:11
#534 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Vielen Dank für die ausführliche Besprechung. Interessant finde ich vor allem die vielen Hintergrund-Informationen. So wußte ich z.B. gar nicht, dass Becker und Gracia Maria Kaus ein Paar waren. Auch dass Ralph Persson, ein seinerzeit bekannter Fernsehdarsteller, so urplötzlich von der Bildfläche verschwand, war mir gar nicht mehr bewußt. Freue mich schon auf die nächsten Beiträge.

Auch der HÖRZU-Kritiker war damals von der Auftakt-Folge "Toter Herr im Regen" noch nicht so ganz überzeugt. Er schrieb:
Als Dessert gab´s Hausbackenes. Die neue Serie "Der Kommissar" zeigte Absteige und Großmannsvilla. Die Leiche war der Bösewicht, alle anderen, die ihn hassten, Figuren à la Bilderbuch. Nun, das Polizeiteam mit dem sympathischen Erik Ode, kann in zwölf Folgen seine Güte noch beweisen ..."
Und genau das ist ja dann auch passiert.

Jan Offline




Beiträge: 1.336

12.10.2015 17:53
#535 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Zitat von Giacco im Beitrag #534
Vielen Dank für die ausführliche Besprechung.

Gerne. Es macht durchaus wieder einmal Spaß, sich mit dem Kommissar zu beschäftigen. Wenngleich die Serie m.E. etwas braucht, ehe sie an Fahrt gewinnt.

Demnach machen wir weiter mit der nächsten Episode:


Aus der Reihe
DER KOMMISSAR
"Das Messer im Geldschrank"
von Herbert Reinecker
Erstausstrahlung am 17.01.1969 (ZDF)

Darsteller: Erik Ode (Kommissar Keller), Günther Schramm (Walter Grabert), Reinhard Gemnitz (Robert Heines), Fritz Wepper (Harry Klein), Helma Seitz (Rehbeinchen), Emily Reuer (Helga), Rosemarie Fendel (Frau Keller)

Gastdarsteller: Ann Smyrner (Marion), Lukas Ammann (Mirco Brandic), Wolfgang Völz (Sommer, Kellner), Herbert Bötticher (Ben, Pianist), Michael Maien (Juri Brandic, Mircos Bruder), uvm.

Kamera: Rolf Kästel
Titelmusik: Herbert Jarczyk
Musik: Herbert Jarczyk
Bauten: Wolf Englert und Robert Stratil
Schnitt: Werner Preuss
Regieassistenz: Ilona Juranyi
Aufnahmeleitung: Rudolf Fichtner und Harald Vohwinkel
Produktionsleitung: Gustl Gotzler
Regie: Wolfgang Becker


Inhalt:
Barbesitzer Mirco Brandic hat sowieso schon alle Hände voll damit zu tun, seinen guten Ruf aufrecht zu erhalten. Daher kommt ihm äußerst ungelegen, dass es sein eigenes Lokal ist, in dem die Putzfrau eines Morgens seiner toten Hostess Nina um die Füße herum wischt. Kommissar Keller, der sich mit Grippe im Bett liegend sowohl von Ehefrau Franziska als auch von deren Medizin drangsalieren lassen muss, übergibt die ersten Ermittlungen zunächst in die Hände Harrys. Nach erfolgreicher Genesung schafft es Keller sodann, mit Ninas Mitbewohnerin Marion auf Tuchfühlung zu gehen, die ebenfalls für Mirco Brandic in dessen Bar animiert. Keller wittert alsbald, dass das geschäftige Team um den Barbesitzer, zu dem auch der zwielichtige Kellner Sommer und der sonnenbebrillte Pianist Ben gehören, durchaus auch andere Geschäftszweige verfolgt.

Bewertung:
Besonders viel Raum für über die Maßen spektakuläre Bewertungsorgien will die Episode "Das Messer im Geldschrank" nicht recht bieten. Sie ist die zu allererst gedrehte Episode, nachdem das ZDF die von Herbert Reinecker vorgelegte Drehbuchfassung bereits am 20.12.1967 akzeptiert hatte. Es ist davon auszugehen, dass das Team um Regisseur Wolfgang Becker in den Monaten Februar / März an die Arbeit ging und so noch in der Lage war, entsprechend winterliche Szenen einzufangen. Genützt hat das fröstelnde Klima dem Flair des Filmes nicht viel. Zwar müht sich allen voran die nordische Ann Smyrner, ihrer Figur den unter Kellers Vernehmungskünsten dahin schmelzenden Eisblock abzuverlangen, doch gleitet sie dabei nur allzu gerne in die erstarrte Eisprinzessin ab oder verkommt in weiterer Folge der Episode mehr und mehr zu winterlicher Blässe.

Wenn ich in der Bewertung der Vorgängerepisode "Toter Herr im Regen" bereits anklingen ließ, dass bei Regisseur Wolfgang Becker häufig die weiblichen Figuren erheblich schärfer und interessanter gezeichnet sind als die männlichen, so lässt sich hieran bereits ableiten, dass bei einer eher auf Magermischung laufenden Ann Smyrner die männlichen Hauptrollen im Falle des "Messers im Geldschrank" noch etwas dröger ausgefallen sind. Interessanterweise treffen hier Lukas "Graf Yoster" Ammann und sein Chauffeur Wolfgang "Johann" Völz aufeinander. Zu einer recht zündenden Mixtur will aber auch diese Begebenheit nicht wirklich führen. Die Figuren, allen voran die männlichen, bleiben vordergründig und stereotyp. Zwar mag es - bis zu einem gewissen Grad - recht amüsant sein, dass niemand so recht wahrhaben will, dass es sich bei Harry keineswegs um den Kommissar handelt. Ebenso darf Erwähnung finden, dass Kameramann Rolf Kästel einige gelungene Einstellungen vor allem für den Pianisten Ben fand. Alles in allem jedoch trödelt das Ensemble, nicht zuletzt verursacht durch das 08/15-Buch Reineckers, durch das Geschehen und der Zuschauer freut sich zurecht auf das Finale, das hier gefühltermaßen einfach ein wenig länger auf sich warten lässt, als es bei vielen anderen Episoden der Serie der Fall ist.

Trotz seiner Bettlägerigkeit übernimmt Kommissar Keller die Hauptermittlungen. Er steht im Mittelpunkt des Teams, das sich in diesem Falle noch, wie leider in späteren Episoden neben so manch anderen liebgewonnenen Eigenarten aufgegeben, in der Kantine trifft, um über den Fall, das Mittagessen (ganz wichtig!) und allerlei andere Begebenheiten zu sprechen. Dass die Produktion entschied, die Episode nicht auch als erste auszustrahlen, darf als grundlegend richtige Entscheidung gewertet werden. Waren die Reaktionen der Presse bereits bei "Toter Herr im Regen" nicht eben überwältigend, so wären sie bei "Das Messer im Geldschrank" vermutlich noch ärger ausgefallen.

Fazit:
Durchschnittliche Krimikost aus der Konfektion. 3 von 5 Punkten


Sonstiges:
Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei der vorliegenden Episode um die erste, die für die neue Serie "Der Kommissar" gedreht wurde. Interessanterweise verweist der Abspann hier noch darauf, dass in dem vom ZDF erst im Jahr 1966 erworbenen Atelierbetrieb mit dem neuen Namen "Fernsehstudio München" gedreht wurde. In späteren Episoden fiel dieser Hinweis weg.

Neben dem stets im Atelier entstandenen Büro Kellers wurde für den Film auch das gesamte Nachtlokal im "Fernsehstudio München" aufgebaut. In der Szene, in der Kommissar Keller abends das Lokal betritt, schwenkt die Kamera mit ihm mit und erfasst im Hintergrund versehentlich auch einiges an Beleuchtungsequipment der Produktion.


Gruß
Jan

Jan Offline




Beiträge: 1.336

14.10.2015 17:49
#536 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Aus der Reihe
DER KOMMISSAR
"Ratten der Großstadt"
von Herbert Reinecker
Erstausstrahlung am 31.01.1969 (ZDF)

Darsteller: Erik Ode (Kommissar Keller), Günther Schramm (Walter Grabert), Reinhard Gemnitz (Robert Heines), Fritz Wepper (Harry Klein), Helma Seitz (Rehbeinchen), Emily Reuer (Helga)

Gastdarsteller: Horst Frank (Bimbo), Klaus Schwarzkopf (Professor), Fred Haltiner (Palle), Gerd Baltus (Manni Bender), Werner Pochath (Mozart) Hilde Volk (Frau Matusek, Kellnerin), Ilona Grübel (Hanna, Tochter des Ermordeten), uvm.

Kamera: Manfred Ensinger
Titelmusik: Herbert Jarczyk
Musik: keine
Bauten: Wolf Englert und Bruno Monden
Schnitt: Eva-Maria Tittes
Regieassistenz: Ilona Juranyi
Aufnahmeleitung: Rudolf Fichtner und Harald Vohwinkel
Produktionsleitung: Walter Tjaden
Herstellungsleitung: Gustl Gotzler
Regie: Theodor Grädler


Inhalt:
Bimbo, Manni, Palle, Mozart und der Professor: Die fünf obdachlosen Tunichtgute kennen überbordende Anstrengungen eher vom Herumlungern vor der Großmarkthalle. Die Langeweile treibt sie dazu, gutbürgerlich des Weges kommende Passanten zu drangsalieren und den lieben langen Tag eifrig damit zu verbringen, möglichst arbeitsfrei zu bleiben. Der Wirt Heinichen, Betreiber einer etwas in die Jahre gekommenen Großmarktkneipe, sorgt zumeist für die hochprozentige Verpflegung, wird jedoch eines Morgens von Frau Matusek, seiner Kellnerin, erschlagen hinter dem eigenen Tresen aufgefunden. Schnell richtet sich der Verdacht des Kommissars gegen die fünf Herumlungernden, jedoch müht sich der Chef redlich, ihnen etwas nachweisen zu können. Nachdem die Ermittlungen ins Stocken geraten, schlägt Walter dem Chef einen ungewöhnlichen Plan vor: Getarnt als soeben entlassener Sträfling will er sich undercover unter die fünf Verdächtigen mischen. Walter ahnt nicht, dass er sich damit in Lebensgefahr begibt.

Bewertung:
Die als sechstes gedrehte Episode wurde bereits an dritter Stelle ausgestrahlt. Regie führte erstmals der fleißige aber häufig auch recht betulich inszenierende Theodor Grädler, der infolge zur Stammbesatzung unter den Regisseuren der Serie zählen wird. Ihm an die Hand gibt Produzent Ringelmann eine ganze Armada herausragender Darsteller, allen voran der unvergleichliche Horst Frank, hier in seinem ersten von drei "Kommissar"-Einsätzen. Er verkörpert Bimbo, den "Leader of the Pack". Vergleicht man Franks Auftritt in "Ratten der Großstadt" mit anderen Filmen, in denen er über die Jahrzehnte hinweg bisweilen auch recht plakativ zu sehen war, verwundert es ein wenig, wie zurückgenommen und nahezu lautlos er hier agiert. Er ist zwar der unangefochtene König des Ensembles, schwingt sich aber nur selten zu spektakulären Aktionen auf. Franks starke Auftritte in dieser Episode finden sich eher zum Ende hin, nämlich genau dann, wenn es darum geht, wie der undercover eingeschleuste Walter zur Strecke gebracht werden kann. Interessanterweise ähnelt seine Rolle hier der aus der Episode "Drei Brüder", die ebenfalls von Theodor Grädler inszeniert wurde und in der Horst Frank als Anführer einer Bande von drei Brüdern vorsteht, die im Verdacht steht, einen Ladenbesitzer erschlagen zu haben (ebenfalls mit einer Flasche).

An Franks Seite finden sich vier serienerprobte Mimen aus der A-Garnitur der bundesdeutschen Fernsehlandschaft. Werner Pochath darf alle Register seines akrobatischen Könnens ziehen, Gerd Baltus hat stets den alkoholbedingten Tattermann und kippt mit dem offenbar in Trinklaune befindlichen Kommissar zusammen gleich ein ganzes Zahnputzglas voll Cognac hinunter, ehe er sich als vernehmungsfähig betrachtet. Gerade seine Darstellung bleibt neben der von Horst Frank im Wesentlichen im Gedächtnis. Seine Begabung, stets etwas zweideutig und hintergründlich zu verbleiben, passt ganz ausgezeichnet. Nicht viel anders im Falle des "Professors", dargestellt von Klaus Schwarzkopf. Auch er wird in einer späteren Episode einen ganz ähnlichen Part übernehmen und herumlungernd mit seinen Saufkumpanen Hans Schweikart, Walter Kohut und Konrad Georg über's Land ziehen ("Tod eines Landstreichers", Regie: Jürgen Goslar).

Insofern kann es nicht am vorzüglichen Ensemble liegen, dass die Episode in der Endabrechnung dennoch nicht in ausreichendem Maße zünden will. Reineckers Buch greift das Thema der Penner auf, ohne sich ihm jedoch allzu tiefgreifend zu widmen. Die Penner sind Ratten, die auf der einen Seite der Wippe sitzen. Auf der anderen hocken die aufrechten Bürger, die ihr Auto vorbildlich und in Ruhe waschen wollen (vorzüglich: Ringelmann-Urgestein Heini Göbel in kurzen Hosen und mit flottem Hut) oder die einfach nur des Weges kommen und sich von den Ratten anpöbeln lassen müssen. Eine rechte Grauzone zwischen diesen beiden Seiten der Wippe will in Reineckers Vorstellung offensichtlich nicht auftauchen. Das Thema scheint für den Autor aber sowieso abgehakt. Er hat seine Meinung und die tut er mit dem Buch zur vorliegenden Episode umfangreich kund.

In Theodor Grädlers soliden aber kaum sonderlich aufregenden Inszenierung verkommt dieser Haufen dann allerdings recht häufig zu einer clownesken Klischeebombe. Mozart springt auf der Haube eines vorbeifahrenden Autos herum wie der Affe im Urwald oder steht an der Mauer des Großmarktes gleich vollkommen auf dem Kopf. Inmitten der ansonsten - ohne jede Musik unterlegten - Inszenierung wirkt das etwas übereifrig, und es will sich nur mit Mühe in ein stimmiges Gesamtpaket fügen. Immerhin - in dieser ersten Grädler-Episode schaufelt sich der Regisseur nicht bereits dadurch selbst sein inszenatorisches Grab, als dass er, wie in späteren Episoden der Fall, dazu übergeht, lediglich das abzufilmen, was der Autor ihm ins Buch geschrieben hat. Insofern weiß die Episode über einige Strecken hinweg durchaus zu unterhalten und die in den Isarauen gedrehten Schlussszenen lassen sogar noch einmal regelrecht Fahrt aufkommen. Unter'm Strich reicht's dennoch nicht zu sehr viel mehr als zu einer gut-durchschnittlichen Episode.

Fazit:
Rat-Pack-Variation vom jüngst angekurbelten Grädler-Fließband. 3 von 5 Punkten

Sonstiges:
Familienbande: Hilde Volk, die hier die Kellnerin Matusek spielt, war im wahren Leben die Ehefrau von Erik Ode. Einen weiteren Auftritt an der Seite ihres Mannes hatte sie in der Episode "Herr und Frau Brandes". Inge Brauner, die hier beschäftigte Kostümbildnerin, war die Ehefrau von Regisseur Theodor Grädler. Sie war in nahezu allen seinen Filmen ab den 1970er Jahren für die Kostüme zuständig.

Gerd Baltus muss hier einmal nicht das Rollenfach des biederen Kleinbürgers bedienen. Dieses Rollenfach stand in jenen Jahren in einem einigermaßen konträren Verhältnis zu seiner realen Identität, die er allerdings aus Angst vor ausbleibenden Rollenangeboten weitestgehend verbarg, denn Baltus war Anhänger und ausdrücklicher Sympathisant der sog. "Außerparlamentarischen Opposition" um Studentenführer Rudi Dutschke und somit in der Tat vom spießigen Reihenhausbesitzer einigermaßen weit entfernt.

Für die Bauten ist neben dem grundsätzlich beim "Kommissar" beschäftigten Wolf Englert in dieser Episode auch der altgediente Bruno Monden ("Morituri", "Die grünen Teufel von Monte Cassino") engagiert worden. Hierbei handelt es sich in gewissem Maße um die Umkehr der Vorzeichen, denn Bruno Monden (nicht zu verwechseln mit "Sissi"-Kameramann Bruno Mondi) war in den 1940er und 1950er Jahren der Lehrmeister Englerts und stand diesem nun hier zur Seite.



Gruß
Jan

Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

14.10.2015 21:20
#537 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Drei hochwertige Berichte - da will ich auch ’mal wieder zustoßen:



Der Kommissar: Ein rätselhafter Mord

Zitat von Der Kommissar: Ein rätselhafter Mord
Ein ehrenwertes Haus ist das, in dem der Kommissar Ermittlungen wegen des Mordes an einem Studenten anstellt, der auf offener Straße aus einem der Fenster heraus erschossen wurde. Die verschiedenen Mieter verhalten sich nicht gerade kooperativ, haben ihre eigenen Geheimnisse und Laster. Keller trifft auf unangemeldete Gastarbeiter, eine illegitime Liebschaft, einen Waffennarren und ein sonderbares Abhängigkeitsverhältnis. Doch trifft er auch auf den Täter? Die Laufbahn der Kugel kann ihm ein gutes Stück weiterhelfen – ebenso wie die Pistole in der Mülltonne ...


Auch wenn man schon nach dem kurzen Einblick in den vergnügten Abend von Rotraut Schall und Richard Ebinger bei den durch die Münchner Nacht peitschenden Schüssen ein nicht unwesentliches Mitleid mit dem Mordopfer und seiner Freundin aufbringt, so steht die Tat an sich doch nicht im großen Rampenlicht. Sie ist ein Mittel zum Zweck, eine bloße Rechtfertigung für das eigentliche Anliegen der Episode, den Zuschauer ganz als Voyeur über die Schultern der Kriminalpolizei Blicke in verschiedene Mietwohnungen werfen zu lassen, deren Bewohner auf den spontanen Besuch nicht vorbereitet und deshalb allerlei unschöne Geheimnisse unter den Teppich zu kehren bemüht sind. Wie nebeneinander hängende Vogelkäfige erscheinen die Wohneinheiten im „Haus gegenüber“, die alle Fenster zu jener Straße haben, in der Ebinger getötet wurde. Auch ihre Bewohner zeigen die Eigenarten bestimmten Federviehs, präsentieren sich neugierig, verschrocken oder prahlerisch.

Welche Intention hat es, jedem der Hausbewohner eine „Schattenseite“ anzudichten und dies in einer Art überspitztem Überschwang ohne Ausnahme durchzudeklinieren? Der eine entpuppt sich als moderner Sklavenhalter, eine andere als Kontrollfreak, eine dritte als Lauscherin an der Wand, wieder eine andere tanzt auf glühenden Kohlen, weil sie in ihrer Liebelei gesellschaftliche Konventionen missachtet, das Urteil ihres Mannes (oder gar der Nachbarn!) aber zu Tode fürchtet. Wohl soll dem Zuschauer suggeriert werden: Sieh dir dieses Panoptikum der krummen Typen und schrägen Vögel an und erfreue dich an der Erkenntnis, dass du selbst im Vergleich dazu ein recht normaler Mensch bist. Aber, um Himmels Willen, hüte dich vor deinem Nachbarn – er mag unscheinbar wirken, aber hinter seiner Tür brodelt es bestimmt gewaltig!

Bemerkenswert gelungen sind die Charakterisierung der einzelnen Personen, die man trotz ihrer Vielzahl jederzeit problemlos ihren Wohnungen und Spleens zuordnen kann. Hier zeigt sich Reineckers Fähigkeit, viel Substanz auch in Randfiguren hineinzupacken, auch wenn er diese Strategie in „Ein rätselhafter Mord“ so gehäuft anwendet, dass es beinahe schon unrealistisch wirkt. Doch wie sagte Hitchcock? „Drama is life with the dull bits cut out.“ Übertragen müsste man formulieren: „Jahnstraße is life with the boring tenants cut out.“ Das macht sich ja auch in der Besetzung bemerkbar, weil einem beim ersten Sehen meist kleine Ohs entfahren, wenn wieder und wieder gern gesehene Stars die Türen zu „ihren“ Schreckensreichen öffnen. Eva-Ingeborg Scholz spielt die Verunsicherte ganz hervorragend; Herbert Fleischmann steht ihr am entgegengesetzten Ende der Gefühlsskala in nichts nach. Die Rolle für Thomas Astan ist passend schmierig gewählt; und genau so wie sein Zimmer sehen wahrscheinlich auch die Räume einiger hiesiger Forenmitglieder aus.

Vielsagend gerät der Titel: Er behält seine Gültigkeit auch nach der Auflösung. Zwar führen Reinecker und Staudte ihr Publikum so selbstverständlich zum Mörder, dass man sich kaum wagt, noch eine Nachfrage zu stellen, doch in der Frage der Motivation klafft ein großes Loch, für dessen Bezwingung wohl nur Reinecker selbst eine passende Strickleiter parat hatte. Wenn sein Sprachrohr Kommissar Keller am Ende der ungläubigen Frau Rehbein, die als Ersatz für den abwesenden Robert mit am Tatort weilt, vom Grund für das Verbrechen erzählt, kann man gut nachvollziehen, warum sie ein so skeptisches Gesicht aufsetzt. Dieser Schönheitsfehler am Konstrukt der eigentlich sehr unterhaltsamen Episode ist bedauerlich, wird allerdings bis auf die Schlussszene auf der Treppe so gut wie irgend möglich kaschiert.

Ein Ergötzen an der Sonderbarkeit der Anderen steht in „Ein rätselhafter Mord“ an erster Stelle. Der sich dahinter verbergende Krimi wirkt aufgrund seines überzeugenden Personals engagiert und kurzweilig; auch verwebt die Geschichte galant die kriminalistische Zusammenarbeit von Spurensicherung und Labor (Schusskanal, die wissenschaftliche Komponente) mit den Ermittlern vor Ort (Verhöre, die soziale Komponente). Einen so ganzheitlichen Blick auf das Aufklären von Morden erhält man beim sonst meist einzig zur zweiten Kategorie tendierenden Herbert Reinecker selten. Umso bedauerlicher ist es, dass man auf den letzten Metern noch ein paar Abstriche machen muss.

(4 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller, der als einziger versteht, was allen anderen rätselhaft bleibt
||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 56: Episode 42 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Maria Wimmer, Herbert Fleischmann, Dieter Borsche, Jane Tilden, Donata Höffer, Eva-Ingeborg Scholz, Manfred Seipold, Thomas Astan u.a. Erstsendung: 17. Dezember 1971.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

15.10.2015 00:30
#538 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Kellner Windeck

Zitat von Der Kommissar: Kellner Windeck
Der Kellner geht so lange zum Brunnen, bis er erwürgt wird ... Dieses Schicksal widerfuhr ausgerechnet Johannes Windeck, dem besten Kellner, den das Gasthaus Millinger je hatte. Er war aber nicht nur flink auf den Füßen, sondern kam vor allem bei der Damenwelt hervorragend an. Seine Vermieterin schwärmt von ihm und zwei Frauen betrauern Windeck, den sie gern gegen ihre Gatten ausgetauscht hätten. Vielleicht war es einem der gehörnten Männer zuviel geworden ...


Lichtgestalten, die alle Sorgen vergessen machen können, braucht man in der Welt des „Kommissars“ nicht lang zu suchen. Meist sind es junge Mädchen, die jeden, den sie treffen, in eine unaussprechliche Begeisterung versetzen – was nicht verhindert, dass die Geschöpfe schließlich doch in einem Bordell, auf einer Parkbank oder in der Isar enden. Für „Kellner Windeck“ drehte Reinecker das Geschlechterkonzept kurzerhand um und machte aus dem jungen, reizenden Mädchen einen jungen, fürsorglichen Mann, mit dem es ebenfalls ein trauriges Ende nimmt. Das ist per se nichts Neues – das Sprichwort vom „alten Wein in neuen Schläuchen“ drängt sich nicht nur in Bezug auf Millingers Gastwirtschaft geradezu auf. Mutig wäre es gewesen, dann auch in der Täterfrage am Stellschräubchen zu drehen: Werden die bezaubernden Mädchen immer von lüsternen Herren dahingerafft, so möchte man sich eigentlich aus Gründen ausgleichender Gerechtigkeit (und um wenigstens eine kleine Überraschung zu erleben) erwarten, dass eine der angeblich so bitter um Windeck trauernden Frauen am Ende als Täterin präsentiert wird. Auf diesen Clou muss man aber leider verzichten. Stattdessen wird auf die übliche Besitzrhetorik abgehoben – Windeck stahl den Männern ihre Frauen –, die Reinecker in Bezug auf den Ehestand so gern verwendet.

Erik Odes Regieleistung gerät wie üblich eher durchschnittlich und lässt besondere Geschwindigkeit oder Aktualität vermissen. Doch über zwei Stellen staunt man schon: Erstens über die Rückblende in der Erzählung der Zimmerwirtin Lorenz, bei der durch Lichtwechsel ohne Schnitt zwischen zwei Zeitebenen gewechselt wird (ein Clou, der gern mehrfach hätte auftauchen dürfen!), zweitens bei jenen Büroszenen, in denen Ode seine Regiemacht nutzt, um sich und Rehbein besonders schnippische, ja geradezu despotische Sätze in den Mund zu legen. Er spielt mit dem Bild des Kommissars als strengem Vorgesetzten, was Keller in dieser Folge sympathischer als üblich macht. Leider hilft das nicht das Meiste, wenn der Fall kein besonderes Interesse hervorrufen kann. Die Ermittlungen bezüglich Windecks Tod huschen am Zuschauer, der sich eher auf die Optik der Schauplätze (großes Plus) und auf die Gastdarsteller konzentriert, nur so vorbei. Als besonders nachteilig erweisen sich die wackeligen Indizien, auf die sich Kellers Team verlassen muss: So fällt Verdacht auf einen Mann nur wegen der Art, wie er seine Schuhe vor seinem Bett abstellt! Und ein anderer legt passenderweise genau dann ein haarsträubendes Augenzeugnis ab, als der Kommissar einen anderen des Mordes überführt hat. So nicht, Herr Reinecker – verwenden Sie bitte mehr Sorgfalt auf das Wesentliche: den Kriminalfall.

Herausgerissen wird’s, wie schon angedeutet, in erster Linie durch die Besetzung der Nebenrollen. Michael Verhoeven bringt für den Softie vom Dienst eine passende Ausstrahlung und Zurückhaltung mit; leider wird er wie so viele beim „Kommissar“ durch eine äußerst unvorteilhafte Siebzigerjahre-Frisur entstellt. Als seine Gegenspieler trumpfen vor allem Claus Biederstaedt und Hans Korte auf, wobei sie sich – dramaturgisch passend genau umgekehrt zu Windeck – als Hardcore-Ehemänner verstehen, die auch noch echte Handarbeit der alten Schule verrichten (Schlagen, Würgen, Ohrfeigen). Ihre Ehefrauen sind von derlei Methoden gezeichnet und haben resigniert oder sich ängstlich zurückgezogen, finden durch Windeck aber neue Lebenskraft. Vor allem Inge Langen macht das sehr schön deutlich. Auch die Salloker ist als vertrocknete Zimmerwirtin, die fast schon lachen muss, als ihr eine „Liebe“ zu Windeck unterstellt wird, absolut treffsicher gecastet.

Das altbekannte Reinecker-Problem: Gesamtpaket recht überzeugend; aber man merkt, um wie viel besser die Folge hätte werden können, wenn es einen vernünftig ausgearbeiteten Mordfall gegeben hätte. Der Tod des Kellners Windeck ist eine 08/15-Eifersuchtskiste ohne besondere Höhepunkte, die dann auch trotz ihrer guten Schauspieler auf der Schnapsgläser-Skala nicht zu Höhenflügen ansetzt:

(3,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein spricht Windecks Wirkung auf Frauen (neidisch?) als erster aus
||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 57: Episode 41 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Erik Ode. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Michael Verhoeven, Claus Biederstaedt, Rose-Marie Kirstein, Angela Salloker, Edith Heerdegen, Inge Langen, Hans Korte, Wolfgang Giese u.a. Erstsendung: 26. November 1971.

Jan Offline




Beiträge: 1.336

15.10.2015 10:22
#539 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #538
zweitens bei jenen Büroszenen, in denen Ode seine Regiemacht nutzt, um sich und Rehbein besonders schnippische, ja geradezu despotische Sätze in den Mund zu legen.


Das war, glaubt man zeitgenössischen Zeitungsberichten wie beispielsweise einigen Nachrufen auf Ode, ein steter Streitpunkt zwischen Erik Ode und Herbert Reinecker. Ode wollte den Kommissar gerne etwas lockerer und humoristischer angelegt sehen, wogegen sich Reinecker erfolgreich wehrte. Bedenkt man, woher Ode kommt, verwundert sein Ansatz auch kaum. Führte Erik Ode selbst Regie, hatte er natürlich die Möglichkeit, auch unter bestehenden Dialogen die Figur des Kommissars etwas zu "verbiegen". In der von ihm inszenierten Episode "Die Nacht mit Lansky" hat er das auch getan und sich dabei nicht einmal nur auf sich selbst beschränkt, sondern auch seine Jungs beim heimeligen Abendessen bei Roberts Mutter entsprechend inszeniert. Immer dann, wenn Zbynek Brynych Regie führte, ging das mit dem "Verbiegen" auch recht gut. Möglich, dass auch wegen dieser ähnlichen Sichtweise Brynych einen kleinen Gastauftritt in der von Ode inszenierten Episode "Eine Kugel für den Kommissar" übernahm.

Gruß
Jan

Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

15.10.2015 12:30
#540 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Reinecker war für dieses Verständnis der asketischen Ermittlerfigur ja berühmt-berüchtigt. Arbeit, Arbeit, Arbeit, Bett (wenn überhaupt), Arbeit. Nur nicht nach links oder rechts schauen und schon gar keine unangebrachten Vergnügen im Dienst, um die moralische Integrität nicht zu gefährden. Auch bei "Derrick" lässt sich ein vergleichbares Muster erkennen, das Tappert aber zunehmend durch eine spielerische Süffisanz durchbrach. Auch die von ihm inszenierten "Derrick"-Folgen sind insofern ausgefallen, als er darin zwar nicht unbedingt übermäßig jovial daherkommt, aber dafür seinen Teammitgliedern Harry und Willy regelmäßig größeren Spielraum verschaffte.

Und was deine interessante Parallele Ode-Brynych angeht, sage ich: Gut für die Vielfalt der Ermittlerfigur! Aber im Zweifelsfall bevorzuge ich dann doch lieber einen öden Ode vor einem brüskierenden Brynych.

Seiten 1 | ... 31 | 32 | 33 | 34 | 35 | 36 | 37 | 38 | 39 | 40 | ... 42
 Sprung  
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen