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Dieses Thema hat 647 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov ( gelöscht )
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24.09.2016 21:00
#556 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



Der Kommissar: Der Tote von Zimmer 17

Zitat von Der Kommissar: Der Tote von Zimmer 17
Für Direktion und Gäste ist eindeutig, dass nur der italienische Etagenkellner Mario den Gast von Zimmer 17 erstochen haben kann. Der Bedienstete wurde schließlich vom Toten – seiner Freundin, eines Zimmermädchens, wegen – wiederholt schikaniert. Die Polizei findet jedoch bald heraus, dass es für den Mord auch andere, eventuell geschäftliche Motive gibt. Zu allem Überfluss lag im Zimmer nebenan, in das vom Tatort aus eine Verbindungstür führt, zur Zeit des Mordes ein Kleinganove mit Fieber im Bett. Um unauffällig vor Ort ermitteln zu können, wird Harry als Nachfolger des Kellners in den Hotelbetrieb eingeschleust ...


Wieder einmal eine kleine Hotelgeschichte. Mord auf Zimmer 17 – ein Verdächtiger ist schnell, zu schnell gefunden – die Lösung muss woanders stecken. Was Herbert Reinecker und Wolfgang Becker in dieser 34. „Kommissar“-Episode erzählen, ist gut Erprobtes mit einem ironischen Twist. Man spürt förmlich, wie fidel sowohl die Ermittler als auch die Verdächtigen aufgelegt waren und mit welcher Unverkrampftheit die Handlung in Szene gesetzt wurde. Durch die edle Unterkunft, die sich nicht so recht zwischen altelegantem Charme in den oberen Stockwerken, moderner Formensprache in Foyer und Bar sowie ärmlicher Backstage-Optik in der Kellnerwohnung im Dachgeschoss entscheiden kann, wehen luxuriöse Unverbindlichkeit, mehr oder weniger liebenswürdige Anmaßungen und verdächtige Geheimniskrämerei. Die Folge kommt komplett ohne Außenaufnahmen aus und stellt damit ein Kammerspiel allertypischster Sorte dar.

Ihr Hauptvorteil liegt im Einsatz der regulären und der Gastdarsteller. Kommissar Keller und seine Leute sind diesmal so gut in den Fall eingebunden, dass es beinah unmöglich erscheint, den charismatischsten Polizisten dieser Folge zu ermitteln: Keller tritt als seriöser Chef der Truppe auf, während Walter in andauernder Scherzlaune ist und offen mit dem Zimmermädchen flirtet. Robert ermittelt zunächst außerhaus, während Harry mitten in „die Höhle der Löwen“ geworfen wird und kurzerhand ein Kellneroutfit übergestülpt bekommt, was im Folgenden weniger der Informationsbeschaffung als vielmehr der Zuschauerbelustigung dient und getrost als einer der besten Auftritte des jungen Wepper im „Kommissar“ bezeichnet werden kann. Diesen Leistungen stehen die zwielichtigen Gestalten Pasetti, Offenbach und Mack in nichts nach – sie erscheinen wie die Idealbesetzungen ihrer jeweiligen Typen: entweder schmierig-selbstsicher oder kauzig-verrückt. Vor allem Offenbach gelingt ein Kabinettstück als leidender Kranker, der fast seine gesamte Rolle aus seinem Bett bestreitet, über seine kaputte Leber klagt und dennoch einen Whiskey nach dem anderen bestellt.

Neben dem positiv auffallenden Einsatz typischer Nebendarstellergesichter (Paula Braend in gemäßigter Kratzbürstigkeit, Ursula Grabley als Bedienstete mit Haaren auf den Zähnen und Hans Schweikart, der in der Rolle eines Kellners im Rentenalter Reineckers Anliegen von den Unannehmlichkeiten des Alters konzentrierter vermittelt als jede Figur aus „Tod eines Ladenbesitzers“) geben Hannelore Elsner und Peter Chatel überzeugend ein On-Off-Liebespaar, das vom eigenen Misstrauen und von den strikten Regeln des Hotel(-direktor-)s an seinem Glück gehindert wird. Ein paar mehr Szenen mit Elsner hätte es gern geben dürfen, da sie in der letztlichen Fassung nicht viel mehr zu tun hat als gut auszusehen. Peter Chatel agiert dafür umso überzeugender: Als italienischer Kellner war der Schauspieler sehr viel besser geeignet als sein später bei „Derrick“ für derlei Rollen mit unerbittlicher Kontinuität hinzugezogenes Pendant Peter Bertram. Dabei muss die Rolle als Verdächtiger für Chatel einigermaßend beklemmend gewesen sein, wenn man seinen eher missglückten Ausflug ins römische Filmbusiness bedenkt, von dem das Hamburger Abendblatt in bester Tratsch-Manier anlässlich der Ausstrahlung von „Der Tote von Zimmer 17“ berichtete:

Zitat von Nach römischem Kerker zum „Kommissar“, Hamburger Abendblatt, 7.5.1971
Heute auf den Tag genau vor 13 Monaten war der in die Film-Metropole am Tiber abgewanderte Jungmime [Chatel] plötzlich verhaftet worden. Bei einer anschließenden Durchsuchung seiner Wohnung fand die Polizei, was sie finden wollte: Rauschgift. 150 Gramm Marihuana, hieß es. Chatel weiß es besser: „[...] Irgend jemand hat mir die Tüte einmal mitgebracht, weil ich begeisterter Teetrinker bin.“ Die Teetüte brachte Peter Chatel zwei Jahre Gefängnis ein, wovon er zehn Monate und drei Tage in Roms berüchtigstem Kerker Regina Coeli (Königin des Himmels) absaß. [...] Dann endlich kam die Begnadigung. Nach einer Unterschriftensammlung, an der sich von Heinrich Böll und Ingeborg Bachmann bis zu den Regisseuren Visconti und Zefirelli allerlei Prominenz beteiligte. [... Chatel] kam nach Deutschland zurück und spielte beim „Kommissar“ mit. Übrigens schon zum zweiten Mal. Vor zwei Jahren stand er schon einmal in der Krimi-Serie vor der Kamera – als Rauschgiftsüchtiger.


Bei diesen Parallelen möchte nochmal jemand sagen, Herbert Reinecker habe am wahren Leben vorbeigeschrieben. Die Lebensrealität des Jahres 1971 bricht sich in „Der Tote auf Zimmer 17“ allerdings nicht durch Betäubungsmittelkonsum, sondern vielmehr durch Wolfgang Beckers charakteristische Vorliebe für tagesaktuelle Musik und deren effektive Inszenierung – in diesem Falle in der Hotelbar – Bahn. Daran erkennt man die Handschrift des versierten Praktikers, der in der Mittelphase der Serie mit durchgehender Perfektion aufwartet; aber auch am exzellent konstruierten Finale, in dem es in spannenden Szenen beinahe zu einem zweiten Mord und zu einer die Angespanntheit entladenden Verfolgungsjagd kommt. Der wahre Täter ist kein harmloser Gastarbeiter, sondern deutlich kaltblütiger und auf nichts als seinen eigenen Vorteil bedacht ...

Mamma mia – der Mordfall Budach ist zwar nur alter Penisola Sorrentina in neuen Schläuchen, reifte über die Jahre jedoch in Würde und ist damit noch heute in einer mustergültigen „Kommissar“-Auslese unverzichtbar. Besonders hervorzuheben sind die genialen Szenen mit Fritz Wepper und Joseph Offenbach.

(5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein, der fürs Whiskeyservieren großzügiges Trinkgeld bekommt
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 64: Episode 34 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Peter Chatel, Hannelore Elsner, Joseph Offenbach, Peter Pasetti, Hans Quest, Günter Mack, Hans Schweikart, Ursula Grabley u.a. Erstsendung: 7. Mai 1971.

Gubanov ( gelöscht )
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26.09.2016 20:45
#557 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



Der Kommissar: Lagankes Verwandte

Zitat von Der Kommissar: Lagankes Verwandte
Das ist ein merkwürdiger Juwelenraub: Der Einbrecher setzte nicht nur die Alarmanlage des Schmuckhändlers Laganke mit einem Schlüssel außer Betrieb, sondern stahl diesen auch noch vom Nachttisch des Besitzers – indem er sich selbst mit einem Wohnungsschlüssel einließ. Es wird Kommissar Keller leicht gemacht, zu schlussfolgern, dass sich hier jemand ganz genau auskannte. Passenderweise treten zwei sehr verdächtig agierende Verwandte des mittlerweile mausetoten Juweliers auf den Plan: sein zwielichtiger Bruder und sein Sohn, ein Tunichtgut, dem als Lebenskünstler die Reichtümer aus der Geschäftsauslage nur allzu gelegen gekommen wären ...


Die Besprechung enthält leichte Spoiler.

Stärker als andere Krimiserien hebt „Der Kommissar“ auf den Zeitgeist seiner Herstellungsjahre ab. Die frühen Siebziger springen dem Zuschauer förmlich entgegen, wenn er zu „Lagankes Verwandte“ greift – einer Folge, die sich primär mit dem Unterschied zwischen gutsituierten Geschäftemachern und selbstvergessenen Hippie-Studenten befasst. Es sind die ausführlichen Einblicke in die Schwabinger Studentenwohnung und einen der In-Clubs jener Zeit, die der Episode neben der musikalischen Stilsicherheit Wolfgang Beckers den Stempel aufdrücken. Ralf Schermuly, Susanne Uhlen und Volker Lechtenbrink agieren wie in einem großen Vakuum, während der Sänger Eric Burdon skandiert: „I was born in a dump. My mama died, daddy got drunk. He left me here to die or grow in the middle of Tobacco Road.“

Im Rückblick mag es logisch erscheinen, dass man mit dieser Prioritätensetzung keine Top-Folge der Serie zuwege bringen würde. Dabei beginnt „Lagankes Verwandte“ mit dem Einbruch in das Juweliergeschäft sehr stimmungsvoll. Rolf Kästels Schwarzweißkamera fängt das Ergötzen des Täters an den Edelsteinen und die Aufregung des Nachbarn Schöndorf (Konrad Georg) in knackigen Kontrasten und raffinierter Beleuchtung ein: Ringe, Broschen und Ketten scheinen im unruhigen Licht der Taschenlampe zur eigentümlich-aufheizenden Orgelmusik förmlich zu tanzen. Vielleicht liegt der Grund für die nachfolgende Verflachung der Handlung darin, dass das Drehbuch die Tätermöglichkeiten zu stark limitiert und damit Spannung raubt: Dadurch, dass Lagankes Mörder einen Schlüssel zu dessen Wohnung gehabt haben muss, kommen nur mehr wenige Personen infrage – noch weniger, wenn man Reineckers typisches Whodunit-Vorgehen kennt (weil man dann Bruder und Sohn als zu naheliegende Optionen gleich mit ausschließen kann).

Dabei entspinnt sich gerade zwischen diesen beiden ein Duell, das die ganze Episode tragen soll. Das Problem ist, dass beide gezwungen sind, es zu verlieren: Schermuly bemüht sich redlich, kann der unausgereiften Figur jedoch kaum Leben einhauchen. Bei Josef Meinrad macht sich das umgekehrte Phänomen bemerkbar: Als Duckmäuser, der es nie zu einer wirklichen Karriere gebracht und sich deshalb mit seinem reichen Bruder gut gestellt hat, trägt er mehr als nur eine Schicht zu dick auf – beide Kontrahenten taugen nicht zu Identifikationsfiguren. Immerhin erlaubte man sich den Scherz, die Unleidlichkeit der beiden in der Schlussszene noch einmal zu untermauern: Joachim Laganke ist endlich am Ziel seiner jahrelangen Bemühungen angekommen, während sein Neffe Michael alle zuvor hochgehaltenen moralischen Bedenken über Bord wirft, nachdem sich ihm das große Vermögen in greifbarer Nähe präsentiert. Geld – so lautet die Moral der Geschichte – verdirbt am Ende jeden Charakter. Lagankes Geschmeide funkeln eben doch zu verführerisch.

Vom kriminalistischen Standpunkt überzeugt das Gesehene wenig, denn dafür gibt die bloße Idee mit dem weggeworfenem Schlüssel zu wenig her. Die Figur des Täters wird vom Drehbuch sträflich vernachlässigt, sodass die Lösung, die Keller und Konsorten präsentieren, sehr notdürftig erscheint. Sie agieren im Vergleich zu anderen Episoden auch deutlich weniger engagiert, wenngleich es Spaß macht, zu beobachten, wie schnell Keller und Heines die bemühte Geheimniskrämerei von „Lagankes Verwandten“ durchschauen.

Mit einer modernen und gerade zu Anfang sehr gelungenen Inszenierung versucht Wolfgang Becker, zu retten, was zu retten ist an dieser leider sehr mittelmäßigen „Kommissar“-Folge, deren Gastrollen entweder nervig oder blass erscheinen. Josef Meinrad drückt der Folge einen ungewöhnlichen Stempel auf, der für Wiedererkennungswert, aber nicht unbedingt für Qualität bürgt.

(3 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines, geschult im Umgang mit Geschäftsmännern und Hippies
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 65: Episode 33 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper. Unter Verdacht: Josef Meinrad, Ralf Schermuly, Susanne Uhlen, Peter Martin Urtel, Hannes Kaetner, Ann Hölling, Volker Lechtenbrink, Konrad Georg u.a. Erstsendung: 16. April 1971.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

26.09.2016 21:45
#558 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



Der Kommissar: Die Anhalterin

Zitat von Der Kommissar: Die Anhalterin
Erika Lentz erfährt, dass ihre Schwester, die regelmäßig von München nach Stuttgart per Anhalter mit einem LKW-Fahrer unterwegs war, auf halber Strecke erwürgt wurde – wohl weil sie sich vor einer Vergewaltigung wehrte. Um den Mörder aufzuspüren, stellt sich Erika selbst an die Auffahrt und findet nach zwei Tagen tatsächlich den Mann, der ihre Schwester gut kannte. Sie ist davon überzeugt, dass er nicht für die Tat verantwortlich ist. Kommissar Keller und seine Assistenten untersuchen die anderen Fernfahrer, die bei der gleichen Firma angestellt sind. Viele von ihnen fahren regelmäßig nach Stuttgart ...


In einer Serie mit so vielen Gesichtern wie dem „Kommissar“ kommt es auf die richtige Mischung an. Viele der häufig angewandten Zutaten kommen dem Zuschauer so vertraut vor, dass sie behutsam eingesetzt werden müssen, um zu überzeugen; bei anderen seltener auftauchenden Ingredienzien freut man sich, wenn etwas mehr zum Einsatz kommt. Mit „Die Anhalterin“ traf Wolfgang Staudte besagte Mischung auf vorbildliche Weise:

Im Grunde erzählt diese Folge eine der altbekannten „Angehöriger mischt sich in die Ermittlungen ein und spielt Hobbydetektiv“-Geschichten, die Reinecker so gern verwendete. Sie wirkt aber nicht abgegriffen oder provokant, weil sich Erika Lentz aus nachvollziehbarer Fürsorge und einer gesunden Portion Neugier heraus, nicht jedoch aus verschwurbeltem Gerechtigkeitsempfinden einmischt. Die sonst manchmal überbordenden moralischen Fingerzeige wurden auf ein absolutes Minimum heruntergeschraubt, was eine ungestörte Konzentration auf die Suche nach dem Frauenmörder ermöglicht. Zudem erfordern die Ermittlungen von Erika Lentz, dass sie selbst zur Anhalterin wird und sich mit fremden Männern auf große Fahrt begibt. Durch die Isolation in der Fahrerkabine oder auf abgelegenen Parkplätzen entsteht ein fortwährendes Gefühl der Gefahr – eine Spannung, die sich aus Kameraeinstellungen nährt, in denen die begehrte junge Frau befremdete Blicke in die Kamera wirft oder schräg von unten gefilmt wird, während die gierigen Fahrer sie im Hintergrund überragen. Gleichzeitig beschränkt sich die Folge nicht auf mahnende Untertöne über „hilflose Frauen“. Im Gegenteil: Karin Baal ist die Triebfeder, die für Action sorgt und offene Worte ausspricht, womit sie manchen (vermeintlichen) Gegner aus der Reserve lockt. Freilich läuft für die ungemütliche Nachforscherin alles auf ein bedrohliches Finale zu, das prompt in vollem Umfang mitsamt überraschender Auflösung geboten wird.

Die Episode findet auch eine gelungene Balance aus Gastdarstellerszenen und Ermittlungen des Keller-Teams. Baal spielt die unangefochtene Hauptrolle. Ihrem Tatendrang ist auch die luftig-frische Note der Folge zu verdanken, die sie nach der in dieser Hinsicht sehr gelungenen Einstiegsszene mit ihren vielen Außendrehs auch locker hält (die Schnittfolge ist beeindruckend, aber man sollte nicht zu genau hinsehen, um den Mörder bei Minute 2:35 nicht zu erkennen!). Währenddessen ermittelt die Polizei in der Spedition Schmett, wo eine Reihe gut ausgetüftelter Verdächtiger bereitsteht. Im Gegensatz zu anderen Folgen, in denen das Motiv feststeht und nur noch der Name des Täters fehlt, entblättert sich hier erst nach und nach der volle Tathergang mitsamt wichtiger Indizien wie der Verspätung von Irmgard Lentz und der ausgeprägten Fantasie des frauenscheuen Herrn Rabe. In der letztgenannten Rolle setzt Werner Pochath, der mit seiner Mähne optisch stark an Andreas Seyferth erinnert, einprägsam tragische Akzente. Vor allem Hans Michael Rehberg steht ihm als schmieriger Zeitgenosse in nichts nach.

Der von anderen Rezensenten gesondert hervorgehobene Soundtrack fiel mir diesmal nicht explizit auf. Nur an einer Stelle in Rabes Wagen kommt es zu einer merkwürdigen inhaltlich-inszenatorischen Schere, als im Hintergrund beständig Szenenmusik dudelt und Pochath plötzlich fragt, ob Karin Baal Musik hören möchte. Ein weiterer Filmfehler findet sich in der Abschlussszene. In der Abspanneinstellung, in der sich die Kamera von Karin Baal entfernt, steht diese nicht mehr an der Stelle, an der sie wenige Sekunden zuvor über die Leitplanke geklettert war – oder das Gebüsch am Straßenrand verschwand auf mysteriöse Weise im Handumdrehen ...

Wer hat Angst vorm fremden Chauffeur? Karin Baal überzeugt als „löwenstarke“ Hinterbliebene, die den Tod ihrer Schwester an der Polizei vorbei aufzuklären versucht. Im Gegensatz zu anderen Konstruktionen dieser Art verzichtete Reinecker auf philosophische Ergüsse oder Rachegefühle. Die nebelverhangenen Szenen auf der durch schneebedeckte Landschaften führenden Autobahn reinigen die angeräucherte Luft auf dem Revier, während das Serienteam auf anderen Pfaden ermittelt und (glücklicherweise) innerhalb der gleichen Zeit dem Täter auf die Spur kommt. Die Folge wäre ein ausgesprochener Höhepunkt, wenn nicht hin und wieder kleine Schnitzer der Regie auffallen würden.

(4,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines geht Verbrechern, die anderen an den Hals gehen, an den Hals
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 66: Episode 32 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Karin Baal, Peer Schmidt, Werner Pochath, Hans Michael Rehberg, Max Mairich, Friedrich Georg Beckhaus, Lambert Hamel, Helga Lehner u.a. Erstsendung: 19. März 1971.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

28.09.2016 22:45
#559 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



Der Kommissar: Ende eines Tanzvergnügens

Zitat von Der Kommissar: Ende eines Tanzvergnügens
Immerhin hatte er einen vergnügten letzten Abend: Hansi Stolze wird auf seiner Türschwelle erschlagen, als er vom Tanzen mit der kiezbekannten Ilo Kusche zurückkehrt. Die ging jeden Abend mit wechselnden Partnern aus und hing offenbar nicht annähernd so an Hansi wie er an ihr. Jedenfalls zeigt sich Ilo von seinem Tod unbeeindruckt, während Hansis Schwester ihr einen Vorwurf nach dem anderen macht. Unter besonderen Verdacht geraten – es könnte sich ja um eine Eifersuchtsgeschichte handeln – Hansis Kollege Bigge und Ilos Arbeitgeber Barbosse, die beide ähnlich hoffnungslos den Vamp verschossen sind ...


Wie man „Ende eines Tanzvergnügens“ bewertet, hängt wohl im Wesentlichen von der persönlichen Einschätzung der Ilo-Kusche-Rolle und ihrer Verkörperung durch Alexandra Marischka ab. Darüber hinaus hat dieser recht schwache „Kommissar“ nämlich nicht viel zu bieten: An die etwas überkandidelt wirkende Einstiegssequenz schließt sich ein aufgesetztes Spiel von Gisela Peltzer an, die mit ihren ständigen Vorwürfen und kruden Nachfragen die Geduld des Zuschauers schnell bis zum Äußersten strapaziert. Ähnlich sonderbar tritt auch Dirk Dautzenberg vor die Kamera, der als begriffsstutziger und sturer Vater schnell einen Platz auf der Verdächtigenliste zugesprochen bekommt. Diese ist ohnehin nicht besonders umfangreich und umfasst neben ihm nur noch Karl-Michael Vogler und Wolfgang Schneider, die sich zwar beide redlich bemühen, aber ihre schablonenhaften Rollen doch nicht überwinden können.

Also zu Ilo Kusche: Erneut bemüht Herbert Reinecker das Bild der promiskuitiven jungen Frau, ohne es durch seine üblichen verklärenden Charakterzüge zu schönen. Da es sich diesmal nicht um das Mordopfer, sondern um das Motiv handelt, darf (muss) der Zuschauer ihr realitätsfremdes Verhalten die gesamte Episode über beachten. Die Gleichgültigkeit, mit der sie den Tod eines Bekannten hinnimmt, lässt im schmeichelnden Fall den Einfluss von Drogen auf Ilo Kusche vermuten; alternativ stünde zu vermuten, dass Reinecker mit der Figur selbst nicht viel anzufangen wusste. Zu allem Überfluss kommt die Besetzung mit der ungelenken Alexandra Marischka der Folge nicht gerade zugute, denn sie wirkt nur wie ein hübsch zurechtgemachtes Püppchen, aber nicht unbedingt wie eine ernstzunehmende Schauspielerin, wenn ihre hauptsächliche darstellerische Funktion darin besteht, sich vor der Kamera auszuziehen. Es scheint nicht einmal angebracht zu sein, sich über ihr Auftreten zu ärgern, wie man es beispielsweise über einen der eigensinnigen Christiane-Schröder-Auftritt tun könnte; sie bleibt letztlich so blass und unglaubwürdig wie der Eindruck der gesamten Episode.

Diese ist mit ihren Schauplätzen im unteren Mittelklassealtbauviertel ohne jeden besonderen Höhepunkt. Das Lamentieren vieler Personen (Peltzer und Dautzenberg wurden bereits genannt; Schneider und sein Vermieter, gespielt von Friedrich Maurer, sind unbedingt zu ergänzen) bringt den Handlungsfluss manchmal fast vollständig zum Erliegen. Am Ende möchte das Script seine Mankos mit einer besonders klugen Auflösung mit dreifachem Boden aufwiegen, berücksichtigt aber nicht, dass die verschiedenen Theorien einander grob widersprechen. So wird der Schneidergeselle Bigge zunächst ausführlich als bedrohter Tatzeuge aufgebaut, bevor man ihm in einer notdürftig zusammengezimmerten Wendung plötzlich die Schuld in die Schuhe zu schieben versucht. Sinnvoller wäre hier ein geradlinigeres Vorgehen gewesen, das jedoch wohl in erster Linie daran scheiterte, dass die Folge dann nicht genug Inhalt für die übliche Spielzeit hergegeben hätte.

Der einzige positive Faktor ist das kleine eheliche Drama, das sich zwischen Vogler und der selten in tragenden Rollen zu sehenden Ellen Umlauf abspielt. Leider wird ihm, obwohl Umlauf mit großen, traurigen Augen in die Kamera blickt, verhältnismäßig wenig Raum gegeben, da das Verwirrspiel am Ende offenbar Priorität genoss. So bleibt insgesamt der Eindruck einer weit unterdurchschnittlichen „Kommissar“-Folge zurück, die nicht – wie viele andere Folgen am unteren Ende meiner Rangliste – polarisiert oder aufwiegelt, sondern einfach durch ihren Mangel an Charisma und Spannung überrascht.

Zähe Kost für Keller: An einen konstruiert wirkenden Mord schließt sich das Schaulaufen übermotivierter Gastdarsteller an, die zu großen Teilen eher der B-Klasse zuzuordnen sind. Da die zentrale Figur der Ilo Kusche inhaltlich und darstellerisch „wenig Fleisch auf den Rippen“ hat, enttäuscht sie als Auslöserin des Verbrechens ebenso wie die Aufklärung des Tathergangs.

(1,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein findet an Ilo – wen wundert’s? – keinen Gefallen
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 67: Episode 31 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper. Unter Verdacht: Karl Michael Vogler, Ellen Umlauf, Gisela Peltzer, Wolfgang Schneider, Alexandra Marischka, Dirk Dautzenberg, Alice Treff, Detlev Eckstein u.a. Erstsendung: 26. Februar 1971.

Chinesische Nelke Offline



Beiträge: 136

28.09.2016 23:27
#560 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Ende eines Tanzvergnügens scheint auch eine Folge zu sein, die enorm polarisiert.
Das wird ganz deutlich, wenn man den Beitrag von Prisma vom 25.12.2012 liest.
Die Bewertung der Faszination von Ilo Kusche ist dabei offenbar der Schlüssel.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

29.09.2016 20:43
#561 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Ja, stimmt. Dass "Ende eines Tanzvergnügens" nicht polarisieren würde, war nicht richtig ausgedrückt. Ich fand es nur überraschend, wie blutleer die Folge für einen polarisierenden Kommissar-Fall war. Wenn man im Vergleich z.B. an aufwühlende Brynychs oder Hippie-Mitleidsfolgen wie "Grau-roter Morgen" denkt, ist am "Tanzvergnügen" letztlich nicht viel dran ...

Jan Offline




Beiträge: 1.753

30.09.2016 13:22
#562 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Ganz gewiss steht und fällt diese zugegebenerweise vom Buch her nicht besonders aufregende Episode mit Alexandra Marischka, die man ansonsten in so cineastischen Höhepunkten wie "Der Mann mit dem goldenen Pinsel" von ihrem Ehemann Franz Marischka oder eben bei Vicco Toriani im TV bestaunen konnte. Wer einen Hang zu lasziv inszinierter Weiblichkeit hat - das konnte Staudte nämlich ganz gut - und wer darüber hinwegsehen kann, dass die Hauptrolle irgendwie nicht mit einer Schauspielerin, sondern einfach nur mit einer bildhübschen Puppe besetzt ist, der kann der Episode mit den Klängen des Drafi Deutscher sicher etwas abgewinnen (so wie ich). Mit mehr Hirn statt Hose bleibt unter'm Strich aber wirklich nicht viel; vielleicht etwas mehr als Gubanov zubilligen kann - aber ein Highlight liegt mit Sicherheit nicht vor.

Gruß
Jan

Jan Offline




Beiträge: 1.753

01.10.2016 23:26
#563 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #558
Der von anderen Rezensenten gesondert hervorgehobene Soundtrack fiel mir diesmal nicht explizit auf. Nur an einer Stelle in Rabes Wagen kommt es zu einer merkwürdigen inhaltlich-inszenatorischen Schere, als im Hintergrund beständig Szenenmusik dudelt und Pochath plötzlich fragt, ob Karin Baal Musik hören möchte. Ein weiterer Filmfehler findet sich in der Abschlussszene. In der Abspanneinstellung, in der sich die Kamera von Karin Baal entfernt, steht diese nicht mehr an der Stelle, an der sie wenige Sekunden zuvor über die Leitplanke geklettert war – oder das Gebüsch am Straßenrand verschwand auf mysteriöse Weise im Handumdrehen ...

Als Filmfehler würde ich den Einsatz der Szenenmusik im Lkw Pochath/Baal nicht bezeichnen; etwas skurril mutet Staudtes Musikeinsatz hier eher deswegen an, weil es sich um atypische Dauerbeschallung handelt, die das Geschehen eigentlich nicht dramaturgisch unterstützt, sondern nur gleichbleibend - aber irgendwie artfremd - untermalt. Sowas war selten im "Kommissar". Ebenso selten wie die feine Montage der Szenen zu Beginn und zum Schluss, die Sandy Nelsons Drums schon ziemlich grell und impulsiv auf Vordermann bringen. Bemerkenswert auch, wie eifrig Staudte Bewegungen inszenierte: auf dem Asphalt donnernde Lkw-Räder, immer wieder eine anlaufende Kardanwelle, der Zug, die laufenden Beine. Entgegen Staudtes Gewohnheit, mit (sehr) langen Einstellungen zu arbeiten, folgen im weiteren Verlauf überraschend flotte Schnitte. Zudem sorgen die selbst fahrenden Darsteller für realistische (Fort-)Bewegung, wenngleich Werner Pochath wohl noch einmal Fahrstunden hätte nehmen können. Untermalt mit dem charakteristischen Sound von Sandy Nelson, könnte man eher meinen, hier habe Wolfgang Becker im Regiestuhl gesessen.

Was den von Dir angeführten Fehler zum Schluss anbelangt, hast Du natürlich völlig Recht. Nicht nur das Gebüsch ist verschwunden, auch Parkplatz und Lkw sind weg, und hinter Kellers Einsatzfahrzeug steht auf einmal ziemlich dicht ein VW Käfer der Polizei. Kurz zuvor stand da auch ein Polizeiauto, allerdings (vermutlich) ein BMW Barockengel, und dieser stand erheblich weiter weg. Dass Max Mairich zudem auf seinem Betriebshof unrasiert in den Lkw steigt und dann nach wenigen Minuten Fahrt glattrasiert Karin Baal einlädt, kommt noch hinzu.

Dennoch eine überaus gelungene Episode, keine Frage.

Gruß
Jan

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

02.10.2016 10:36
#564 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Zitat von Jan im Beitrag #563
Ebenso selten wie die feine Montage der Szenen zu Beginn und zum Schluss, die Sandy Nelsons Drums schon ziemlich grell und impulsiv auf Vordermann bringen. [...] Entgegen Staudtes Gewohnheit, mit (sehr) langen Einstellungen zu arbeiten, folgen im weiteren Verlauf überraschend flotte Schnitte.

Mein Eindruck ist, dass die Eröffnungssequenz von "Die Anhalterin" sozusagen aus der Not geboren wurde, als man beim Überprüfen der gefilmten Einstellungen bemerkte, dass der Täter, der die Leiche von Irmgard Lentz durch den Wald trägt, problemlos zu erkennen ist. Anstatt noch einmal aufwendig nachzudrehen, wird man sich dafür entschieden haben, die Einstellung in ein Feuerwerk schneller Schnitte einzubetten, das dem Zuschauer ohne Pause-Taste oder Slow-Motion-Funktion gar nicht die Muße lässt, den Mörder zu erkennen. Denn vom Erzählfluss her konnte man auf die Einstellung schließlich nicht verzichten. Für solch eine Schnittcollage brauchte man natürlich ergänzend einen flotten Beat. Dass die Sequenz deshalb nebenbei noch sehr dynamisch wirkt und das Publikum effektiv in die Folge "hineinzieht", könnte einfach ein positiver Nebeneffekt gewesen sein.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

03.10.2016 14:20
#565 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



Der Kommissar: Besuch bei Alberti

Zitat von Der Kommissar: Besuch bei Alberti
Firmenchef Alberti schickt seinen Lieblingsangestellten Sidessen nach Feierabend die Treppe herunter, weil er Besuch erwartet, der gerade mit dem Aufzug hochfährt. Wer das sein soll, will er um jeden Preis geheimhalten – ein folgenschwerer Fehler, denn nachdem Alberti seinen Besucher empfangen hat, liegt er mit einer tödlichen Schussverletzung im Rücken in seinem Büro. Unter Verdacht gerät nicht nur der versierte Sidessen, der sich mit der Frau des Toten gutzustellen bemüht ist, sondern auch der Schwager des Toten, der von Alberti mit herablassender Attitüde behandelt wurde ...


Die Besprechung enthält Spoiler.

Man kann von „Besuch bei Alberti“ getrost behaupten, dass es sich um eine typische Schauspieler-Folge handelt, denn Wolfgang Staudte konzentriert sich so sehr auf seine Akteure und zeigt sie in Großaufnahmen, dass die ohnehin eher uninteressanten Interieurs, in denen dieser „Büro-Fall“ angesiedelt ist, ganz und gar in den Hintergrund rücken. Auch inhaltlich ist alles auf die Verdächtigen – und zwar in erster Linie auf den Schwager des Toten, Johannes Brink, – zugeschnitten. Der Kommissar agiert weniger als Ermittler als vielmehr als Zuhörer, während Robert und Walter ihm kleinere Erledigungen zutragen, aber nicht über bessere Komparsenrollen hinauswachsen. Der zentrale Part ist mit Herbert Mensching treffsicher besetzt, denn Mensching war bei Ringelmann immer Wahlschauspieler Nummer 1 für den weinerlichen Versager: Johannes Brink war in seiner falsch verstandenen Gutmütigkeit und seinem fingerhutgroßen Selbstwertgefühl der prädestinierte Prügelknabe des willensstarken Friedrich Alberti, der mit Carl Lange entsprechend eindrucksvoll besetzt wurde. Dieser Kontrast geht also hervorragend auf ... ringt dem Zuschauer aber auch einiges an Geduld ab, ziehen sich Brinks verhaltene Klagen doch ziemlich in die Länge.

Klaus Schwarzkopf, Christine Wodetzki und Signe Seidel müssen hier zur ersten Hilfe schreiten. Gut akzentuiert spielen sie die ausgleichenden Faktoren in der Geschichte: den geflissentlichen Helferling und beruflichen Aufsteiger Gerhard Sidessen, der auf seiner eigenen Schleimspur zunächst gegenüber seinem Chef, später auch dessen Frau gegenüber auszurutschen droht; die elegante Unternehmergattin, die die Illusion der trauernden Witwe nur mit Mühe aufrecht erhält; und die genau beobachtende, leicht schnippische Sekretärin, die die „Misshandlung“ Brinks am Arbeitsplatz mit Verwunderung, aber auch mit klarer Überlegenheit zur Kenntnis nimmt. Diese Typen sind zwar letztlich nur Reinecker’sches Stamminventar, werden aber glaubhaft und einnehmend zum Leben erweckt. Auch Stephan Stroux befriedigt die Erwartungen, die man an seine Rolle stellt, kann diese aber nicht weniger konstruiert erscheinen lassen. Besonders seine Beteiligung am Tathergang als Liebhaber der Frau Alberti wirkt nicht recht rund, was wohl zu gleichen Anteilen dem Alter von Stroux, Wodetzky und Lange und dem gesellschaftlichen Status ihrer Rollen geschuldet ist.

Freut man sich zunächst über den dynamischen Einstieg mit dem vermeintlichen Mörder im Fahrstuhl und den Ablauf- und Zeiteinschränkungen, die dieser Kniff mit sich bringt, so enttäuscht die Auflösung ob ihrer offensichtlichen Fehlerhaftigkeit. Die Abläufe an jenem Abend in Albertis Firma sind logisch nicht nachvollziehbar und müssen damit als Beispiel für Reineckers Wunsch gelten, eine überraschende Lösung aus dem Hut zu zaubern – egal wie wahrscheinlich diese auch immer sein mag. „Kommissar“-Fans demonstrieren genüsslich die Schwachstellen:

Zitat von Freundeskreis „Der Kommissar“: Besuch bei Alberti, Die Fragen, Quelle
I. Buchhalter geht die Treppe runter, Fahrstuhl ist oben. Buchhalter kehrt sofort zurück, Fahrstuhl ist unten. Laut Story müsste er aber noch oben sein. Wer hat den Fahrstuhl benutzt? Laut Story niemand, denn Vater und Sohn sind noch oben. II. Wie ist Celia [...] ins Büro ihres Mannes gekommen? Der Buchhalter war doch die ganze Zeit da, er hätte sie [...] sehen müssen, denn als er ging, war sie längst im Büro. III. Wie sind Celia und der Neffe wieder aus dem Haus gekommen? Jedenfalls nicht durch die Tür und wohl auch nicht via Fahrstuhl durch den Keller, denn das hätte[n] der Buchhalter und der Hausmeister bemerken müssen. Vor der Tür stand die Frau des Buchhalters, da konnten sie auch nicht raus, während die Verfolgungsjagd im Keller ablief. Also via Dachboden? IV. Wie kam Celia nach Hause? Wieso hat die Haushälterin im Hause Alberti nicht erwähnt, dass Celia abends bei ihrem Mann war? Sowas wissen die Reinecker’schen Hausdrachen doch sonst immer. V. Wieso hat Keller nicht einfach die Hände von Brink auf Schmauchspuren untersuchen lassen? Das konnte man doch damals schon. Dann hätte er doch gewusst, dass Brink nicht geschossen hat.


Leider wiegen diese offenen Fragen und das sehr nüchterne, stellenweise langatmige Flair der Folge schwerer als erwartet, sodass sich „Besuch bei Alberti“, den ich als eine sehr gute Folge in Erinnerung hatte, sich letztlich nur im Serienmittelfeld platziert.

Menschen unterschiedlichster Veranlagung müssen in zwei Konstellationen zwangsläufig miteinander klarkommen: in der Familie und im Beruf. Beide „Problemfelder“ kombiniert Reinecker zu einer kriminalistisch interessanten, aber im Endeffekt nicht ausgegorenen Studie über schwache und starke Persönlichkeiten. Herbert Mensching und Carl Lange stehen sich in diesem Spektrum glaubhaft gegenüber und auch Klaus Schwarzkopf tut sich mit Spielfreude an seinem vorbildlichen citizen Sidessen, dem „lachenden Dritten“ der Handlung, hervor. Leider gelang es Wolfgang Staudte nicht, die Folge so spannend zu inszenieren, dass man über ihre Logikfehler hinwegsehen könnte.

(3,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller, der den Redeschwall des gemobbten Schwagers über sich ergehen lässt
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 68: Episode 30 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz. Unter Verdacht: Klaus Schwarzkopf, Herbert Mensching, Christine Wodetzky, Stephan Stroux, Carl Lange, Signe Seidel, Angela Hillebrecht, Peter Dornseif u.a. Erstsendung: 29. Januar 1971.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

04.10.2016 19:00
#566 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



Der Kommissar: Der Moormörder

Zitat von Der Kommissar: Der Moormörder
Gurgelnd gibt das kalte Moor ein grausiges Geheimnis preis: die Leiche der Sekretärin Maria Kaiser, die von einem Unbekannten mit dem Versprechen einer gemeinsamen Zukunft in Kanada um ihr angespartes Geld und um ihr Leben gebracht wurde. In einem Wirtshaus nahe des Fundorts will eine Angestellte nachts Schreie gehört haben; der Besitzer Hässler bestreitet jedoch energisch die Glaubwürdigkeit der alten Frau. Ebenfalls verdächtig benimmt sich Dr. Strobel, der ein Wochenendhaus im Moor hat und in der gleichen Bar verkehrt wie einst Maria Kaiser. Wer war ihr todbringender Liebhaber?


Seit den Zeiten der Plüschkrimis, spätestens aber seit „Der Hund von Baskerville“ hat sich das Moor als schaurige Kulisse für Kriminalfälle ins kollektive Bewusstsein eingebrannt. Die dickflüssig wabernde schwarze Torfmasse eignet sich hervorragend, um unliebsame Überbleibsel aller möglicher Schandtaten auf ewig verschwinden zu lassen – begleitet wird dieses unheimliche Spiel von rätselhaften Tierlauten, nächtlichen Schreien in der einsamen Landschaft und einem immer Stimmung erzeugenden nasskalten Nebelwetter. Was Sir Arthur Conan Doyles großen Klassiker beschreiben könnte, trifft so auch auf die „Kommissar“-Folge „Der Moormörder“ zu, die ihren einprägsamen Schauplatz zum Hauptakteur in einem Fall voller – im wahrsten Sinne des Wortes – versunkener Sehnsüchte macht.

Die Tote, Maria Kaiser, die man aus einem schlammigen Moorloch fischt, ist eine Figur, die in gezielten Rückblenden Mitleid und Bedauern erweckt, während die Moorbewohner als wenig sympathische Gestalten hervorstechen. Der Kontrast zwischen der menschenfremden, gutgläubigen Sekretärin und den von der schroffen Natur oder ihrem eigenen Geltungsbedürfnis geformten Verdächtigen verdeutlicht einerseits die Abscheulichkeit des Mordes, der von Wolfgang Becker in schockierenden Standbildern eingefangen wird, und lässt andererseits die Frage nach möglichen Tätern lange offen. Harald Leipnitz, Charles Regnier, Hartmut Becker, Willy Friedrichs – sie alle werden als potenzielle Verführer der mit ihrer schrulligen Schüchternheit überzeugenden Angelika Zielke ins Feld geführt. Nicht jedoch, ohne auch bei den zugehörigen Frauen, insbesondere bei Louise Martini und Hilde Hildebrand, mögliche Mitwisserschaft zu suggerieren. Der schroffe Wirt, der verschlagene Doktor, dessen simpel gestrickter Sohn und der chauvinistische Firmenchef, die selbstmitleidige Frau des Gastronomen (Louise Martini zeichnet hier schon die Blaupause für ihren späteren, ähnlich gelagerten Auftritt in der Serie „Inspektion Lauenstadt“) und die aufdringliche, eventuell allzu fantasievolle Alte – Herbert Reinecker gelang hier ein besonders ausgetüfteltes Gastdarstellerfeld, das er mit Gustl Halenkes enttäuschter alter Jungfer um eine weitere beeindruckende Rolle erweitert.

Besonderen optischen Wert zieht „Der Moormörder“ aus seiner zeitlosen Schwarzweißfotografie, die die düstere Stimmung noch besser einfängt als etwa beim vergleichbaren Moor-Wallace „Der Hund von Blackwood Castle“. In dieser Beziehung hervorzuheben sind sowohl die Prätitelsequenz, in der ein Wandererehepaar im Moor den Leichnam der Kaiser findet, als auch der Großeinsatz der Polizei auf der Suche nach dem zweiten Toten. Mit diesen Szenen beweist der sowohl beim „Kommissar“ als auch bei „Derrick“ nach Rolf Kästel immer „nur“ die zweite Geige spielende Manfred Ensinger, dass das Moor sowohl am helllichten Tag als auch bei Nacht, durch die die Strahler der Suchtruppen brechen, ein lohnenswerter Schauplatz ist.

Abgerundet wird die gelungene Folge mit einer zwar nicht unerratbaren, aber gut austarierten Auflösung, die in doppelter Hinsicht als „absolut klassisch“ bezeichnet werden kann: Nicht nur bestellt Keller alle Beteiligten in bester Manier des traditionellen englischen Detektivkrimis in den Moorhof, um dort vor versammeltem Publikum seine Schlussfolgerungen zu präsentieren; auch schließt sich der Kreis mit der gescheiterten Flucht des überführten Täters durch das Moor. Ebenso wie der Schöpfer der Höllenhund-Kreatur von Baskerville versinkt der titelgebende „Moormörder“ in den heimtückischen Sümpfen des Grimpen Mire, pardon: des Voralpenmoors. Als Zuschauer freut man sich, geht der bösartige Frauentäuscher doch an seinen eigenen Methoden zugrunde – für Kommissar Keller und seine Assistenten, die nie genau wissen werden, ob und wo der Bösewicht vom Moor verschluckt wurde, sieht der Triumph freilich ähnlich fahl aus wie die Abendstimmung in der unfreundlichen Landkneipe.

Auf halbem Wege zwischen „Der Hund von Baskerville“ und Derricks „Madeira“ erlaubte sich das zumeist auf moderne Fälle fixierte „Kommissar“-Team eine einstündige Reminiszenz an die Klassiker des Genres. Das grundlegende Handlungsgerüst bekam in Form gut ausgearbeiteter und dargestellter Gastrollen (u.a. durch das Wallace-Doppel Leipnitz / Regnier) sowie des markanten, in spätherbstlich-winterlichen Bildern eingefangenen Moores eine aufwendige Ausschmückung spendiert, die den Fall durchweg spannend hält.

(5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein kommt morgens nur langsam in Fahrt und deshalb zu spät ins Büro
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 69: Episode 29 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Harald Leipnitz, Louise Martini, Charles Regnier, Hilde Hildebrand, Gustl Halenke, Hartmut Becker, Angelika Zielke, Simone Rethel u.a. Erstsendung: 8. Januar 1971.

Ray Offline



Beiträge: 1.913

05.10.2016 19:30
#567 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Wenn ich spontan meine Lieblingsfolge nennen müsste (ich kenne ca. 80%), würde wohl diese nennen und zwar aufgrund der von dir aufgezeigten personellen und inhaltlichen Nähe zu Wallace. Meines Erachtens eine Paraderolle für Charles Regnier.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

05.10.2016 20:22
#568 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Für mich auch auf jeden Fall eine Top-10-Folge, wahrscheinlich sogar ein Kandidat für die Top-5. In Box 2 hat "Der Moormörder" allerdings den "Nachteil", die fast noch stärkere Curd-Jürgens-Folge "Traum eines Wahnsinnigen" zur Konkurrenz zu haben, die mich widerum an eine sehr gelungene Mischung aus "Hexer" meets "Gräfin" meets "weiße Spinne" meets "Mabuse" erinnert.

Jan Offline




Beiträge: 1.753

05.10.2016 22:31
#569 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

"Der Moormörder" gehört auch zu meinen Top-Titeln der Reihe. Kein Podium, aber recht weit vorne. Ein im besten Wortsinne konservativer Krimi, ohne verzerrtes Sittengemälde und ohne eifrige Millieuschilderung, satt inszeniert und treffsicher besetzt. Dass es die Episode dann doch nicht ganz in mein persönliches Spitzenfeld schafft, liegt einfach an der überstarken Konkurrenz innerhalb der Reihe. "Der Tod fährt 1. Klasse", "Drei Tote reisen nach Wien" oder natürlich der bizarre "Tod einer Zeugin" fallen mir da spontan ein. Der "Traum eines Wahnsinnigen" aber ebenso - ich hab's mit den atypischen Vertretern im Keller-Kosmos.

Gruß
Jan

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

06.10.2016 16:45
#570 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



Der Kommissar: Drei Tote reisen nach Wien

Zitat von Der Kommissar: Drei Tote reisen nach Wien
Die Herren Bessmer, Sasse und Roth fahren regelmäßig gemeinsam in Urlaub. Diesmal ging ihre Tour nach Wien und auch diesmal nahmen sie sich für die Balz mehr Zeit als für Sehenswürdigkeiten und Museen. Über ihren amourösen Fehltritt scheint eine Person jedoch sehr erzürnt zu sein, denn sie kündigt Bessmer am Telefon an, dass er und seine Kumpanen bald ihr Leben verwirkt hätten. Tatsächlich dauert es nur wenige Minuten, bis Bessmer im Kugelhagel zusammensackt. Auch die anderen leben nun in Angst ... und gestehen ihr privates Abenteuer widerwillig ein ...


Den drei Toten, die nach Wien reisen, geht ein immenser Ruf voraus. Für nicht wenige „Kommissar“-Fans ist diese Episode eine ihrer Lieblingsfolgen der ganzen Serie. Dies kann man insofern nachvollziehen, als sie ein spannendes und palawerarmes Beispiel einer archetypischen Reinecker-Handlung ist. Man könnte pauschalisieren: Wer Reineckers Krimis mag, mag auch „Drei Tote reisen nach Wien“, weil hier so viele Motive, die sich in gefühlten 90 Prozent seiner Drehbücher wiederfinden, auf engem Raum versammelt sind. Und doch ist ihr Gesamteindruck in meinen Augen eher mittelmäßig – vielleicht gerade weil ich das Gefühl nicht abschütteln kann, dass hier die üblichen Zutaten etwas zu flach und fantasiearm zusammengerührt werden ...

I. Das Lustmotiv. Am prägnantesten springt jene Sex and Crime-Verbindung in die Augen, die Reinecker für so viele seiner Krimis – nicht zuletzt jene, die im Bordell- und Prostitutionsmilieu spielen – aufgriff. Aus der Figurenkonstellation der drei Altherrenreisenden und ihrer jungen Urlaubsbekanntschaft entspringt zwangsläufig ein sexueller Konflikt, der ein moralisches Dilemma aufwirft und den Zuschauer die „lüsternen Böcke“ aus dramaturgischen Gründen schnell verurteilen lässt. Wie oft hat man diese Art Handlungsauslöser bereits gesehen und wie oft wird er noch im Laufe der Seriengeschichte von „Der Kommissar“ und „Derrick“ zu sehen sein? Für „Drei Tote“ spricht in dieser Hinsicht vor allem die Besetzung der drei Herren mit den einprägsamen Gesichtern von Steinmetz (leider nur sehr kurz zu sehen), Caninenberg (eine Wucht wie üblich) und Borsche (nam-, aber auch klischeehaft), während die junge Katja Moosbacher (Kitty Speiser) bei ihrer letztlichen Befragung durch die Polizei ein regelrecht ernüchterndes Bild abgibt, wenn man zuvor die vollmundigen Schilderungen und „verboten“ wirkenden Fotorückblenden der einfallsreichen Haugk-Regie als Maßstab an ihre Figur anlegte.

II. Die Selbstjustiz. Bei Reinecker muss nicht weiter betont werden, dass das moralische Fehlverhalten der Urlauber sofort ungefragt als Mordmotiv übernommen wird. Dies kommt seiner Vorliebe für Selbstjustiz-Geschichten, in denen der Ruf nach Rache oft lauter klingt als die beruhigenden Untertöne der Polizisten, zupass – als unmittelbar vergleichbarer Stoff wäre hier zum Beispiel Derricks Ermittlungen in „Die Stunde der Mörder“ zu nennen, in der es darum geht, Vergewaltiger für ihre Taten mit dem Leben büßen zu lassen. Der Umstand, dass der Zuschauer unwillkürlich auf die Seite des Mörders gezogen wird, ermöglicht die reuelose Auskostung der Angst seiner Opfer und aufregender Todesszenen, die von Haugk dementsprechend genüsslich – entweder abrupt (Schüsse in der Telefonzelle) oder nach ausgiebigem Spannungsaufbau (Mord im nächtlichen Buchladen) – eingestreut werden.

III. Das versteckte Familiendrama. Im Gegensatz zu den Bessmers, die beide schnell von der Bildfläche verschwinden, nehmen sowohl die verbitterte Ehe der Sasses als auch der soziale Stand der Roths weitere typische Ausschmückungsfunktionen ein. Die von einer desillusionierten Hilde Weissner dargebotenen Szenen wirken zwar wie eine überflüssige Rechtfertigung für das Verhalten ihres über die Stränge schlagenden Ehemanns, erscheinen jedoch noch immer überzeugender als jene des allzu offensichtlich „angehangenen“ Christoph Bantzer. Das Schloss und der Butler, mit denen sich Herr Roth umgibt, sorgen nicht nur für Verwunderung über anachronische Verhältnisse bei Kommissar Keller, sondern dienen auch dazu, der Borsche-Rolle die alte Sozialneid-Binsenweisheit unterzuschieben, „die da oben“ hätten es schon immer ohne Rücksicht bunt getrieben.

Man muss eingestehen, dass „Drei Tote reisen nach Wien“ inhaltlich mehr hergibt als der Durchschnitts-„Kommissar“, die einzelnen Elemente jedoch etwas bemüht zusammengekittet wirken und somit nicht recht funktionieren wollen. So erscheinen Einstieg und Schluss überhetzt, Erläuterungen der Tathergänge und am Ende angeführte „Beweismittel“ arg konstruiert. Inszenatorisch werfen zudem zwei atypische Vorgehensweisen Fragen auf: Wozu ausgerechnet die Verwendung der „Kommissar“-Titelmelodie in den Mordszenen, wenn sie keinen logischen Vorteil gegenüber jeder beliebigen anderen, weniger ablenkenden Spannungsmusik liefert? Und warum der Gastauftritt eines anderen Ermittlers in einer Serie, die im Gegensatz zum „Tatort“ keine einzige andere solcher Querverbindungen schuf? Beide Punkte wirken irritierend und werfen den Zuschauer auf ungemütliche Weise aus der Serienwirklichkeit heraus.

Reineckereske (Un-)Gerechtigkeitsfantasie in Reinform, die mit einem zusätzlichen Twist am Ende überraschen soll. Hauptsächlich profitiert sie davon, dass sie gekonnt Erwartungen erfüllt, was sowohl typische Serienmotive als auch eine angemessene Besetzung angeht. Sie bleibt jedoch einigermaßen künstlich und konfus und enttäuscht vor allem durch oberflächliche Randfiguren.

(3,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines glaubt nicht an die Unschuld des Herrn Sasse
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 70: Episode 28 der TV-Kriminalserie, BRD 1970. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Dieter Borsche, Hans Caninenberg, Herbert Steinmetz, Christoph Bantzer, Hilde Weissner, Karl Hellmer, Kitty Speiser, Fritz Eckhardt u.a. Erstsendung: 18. Dezember 1970.

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