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Dieses Thema hat 647 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Jan Offline




Beiträge: 1.753

15.10.2015 17:37
#541 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #540
Aber im Zweifelsfall bevorzuge ich dann doch lieber einen öden Ode vor einem brüskierenden Brynych.

Ja, ich weiß, mit dem lieben Brynych ist das so eine Sache. Ich hingegen reibe mir schon die Hände und warte darauf, dass endlich Kommissar Keller und Mitarbeiter Walter Grabert unter gezückter Pistole wie die Irren durch eine Wohnung streifen, um sich schlussendlich selbst zu erlegen!



Aus der Reihe
DER KOMMISSAR
"Die Tote im Dornbusch"
von Herbert Reinecker
Erstausstrahlung am 21.02.1969 (ZDF)

Darsteller: Erik Ode (Kommissar Keller), Günther Schramm (Walter Grabert), Reinhard Gemnitz (Robert Heines), Fritz Wepper (Harry Klein), Helma Seitz (Rehbeinchen), Emily Reuer (Helga)

Gastdarsteller: Paul Albert Krumm (Panofsky, Raststättenbesitzer), Jan Hendriks (Schreiber, Kellner), Siegurd Fitzek (Wagner, Kellner), Ellen Umlauf (Agnes Wiesiniger, Kellnerin), Thomas Astan (Möhringer, Koch), Alice Treff (Frau Kettler, Mutter der Toten), Fritz Schmiedel (Herr Kettler, Vater der Toten), Arthur Brauss (Wiegand, Lkw-Fahrer), Walter Ladengast (Gerichtsmediziner), uvm.

Kamera: Rolf Kästel
Titelmusik: Herbert Jarczyk
Musik: Herbert Jarczyk
Bauten: Wolf Englert und Robert Stratil
Schnitt: Werner Preuss
Regieassistenz: Ilona Juranyi
Aufnahmeleitung: Rudolf Fichtner und Harald Vohwinkel
Produktionsleitung: Gustl Gotzler
Regie: Georg Tressler


Inhalt:
Die schöne Irmgard Panofsky steht im Mittelpunkt der Ermittlungen - bzw. zunächst liegt sie. Und zwar als Leiche in einem Dornenbusch am Rande der Autobahn. Ihr völlig aufgelöster Ehemann scheint zunächst der einzig Trauernde aus der näheren Umgebung Irmgards. Grund zur Trauer indes hätten auch andere gehabt: Irmgard - genannt Irmi - war keine Kostverächterin. Kellner Schreiber weiß von allerlei amourösen Begebenheiten aus Irmis Vergangenheit zu berichten. So gerät auch der ungehobelte Lkw-Fahrer Wiegand ins Visier der Ermittler um Kommissar Keller, ist er es doch, der als letztes mit der noch lebenden Irmi gesehen wurde. Den Argwohn des Kommissars jedoch ziehen sich ebenso Panofskys Koch Möhringer als auch dessen zwielichtig erscheinende Kellner Wagner zu.


Bewertung:
Helmut Ringelmann hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, bei der Reihe "Der Kommissar" (später ebenso bei den Nachfolgern) neben seinem festen Tross an Stammregisseuren (im Falle des "Kommissars" im Wesentlichen Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte, Theodor Grädler, Dietrich Haugk) auch einzelne Regieaufträge zu vergeben. Einer dieser Aufträge ging gleich zu Beginn der Reihe an den Österreicher Georg Tressler, der mit der Episode "Die Tote im Dornbusch" seinen ersten Beitrag ablieferte (insgesamt sollten es drei werden).

Betrachtet man die ersten vier Episoden, zwei davon immerhin vom großen Wolfgang Becker inszeniert, darf man sich fragen, warum Georg Tressler insgesamt nur dreimal von Ringelmann beauftragt wurde. Unter den vier Erstlingen sticht "Die Tote im Dornbusch" ohne Wenn und Aber als gelungenste Folge hervor. Im Wesentlichen ist die Begründung hierzu in der hervorragenden Schauspielführung Tresslers zu finden. Jan Hendricks Auftritt als Kellner gefällt vor allem dadurch, dass er, einmal selbst unter Verdacht geraten, vom lakonischen, etwas anzüglichen, nicht eben überbelichteten Beobachter und Berichterstatter im Abseits zum nervösen und gereizten Gejagten verkommt bzw. sich selbst als Gejagten betrachtet. Sein Filmkollege, Siegurd Fitzek, bleibt da gelassener und eben diese Gelassenheit stachelt den durch Tressler zu hoher Form auflaufenden Jan Hendriks nur noch weiter an. Es muss schon etwas in der Filmhistorie gekramt werden, um einen vergleichbar guten Hendriks-Auftritt ausmachen zu können. Seine Darbietung als Kellner Schreiber in "Die Tote im Dornbusch" steht seinen guten Filmauftritten in Alfred Vohrers "Das Gasthaus an der Themse" oder Akos von Rathonys "Das Geheimnis der gelben Narzissen" in nichts nach. Dass derart präzise Auftritte Jan Hendriks nicht zu den Selbstverständlichkeiten gehörten, lässt sich anhand einer Vielzahl an Rollen ausmachen, die Hendriks über die Jahre verkörperte und in denen er - fast hat es den Anschein, als könne man sagen: vernachlässigt - und hölzern oder gar steif agierte. Ferner hat es den Anschein, als bedurfte es einer gewissen Aufmerksamkeit des Regisseurs, die Jan Hendriks erst den Raum bieten konnte, losgelöst und überzeugend aufzutreten. Im Falle der "Toten im Dornbusch" gelang es Georg Tressler, eben diese Vorzüge des Jan Hendriks ins rechte Bild zu setzen.

Neben Jan Hendriks sind in jedem Fall Paul Albert Krumm und Alice Treff nicht außer Acht zu lassen. Krumm, dieser geradezu unweigerlich auf das Rollenfach des Gebrochenen festgelegte Schauspieler, hat auch in der vorliegenden Episode nicht die Möglichkeit, dieser Obliegenheit zu entkommen. Fahrig, zittrig, unsicher und von allen Seiten bedrängt oder unterdrückt: Die Rolle Krumms in "Die Tote im Dornbusch" weist durchaus Parallelen zu der von ihm einige Wochen zuvor gespielte Rolle des Lehrers Stallmann in Vohrers "Sieben Tage Frist" auf. Ebenso könnten die ähnlich gelagerten "Tatort"-Episoden "Taxi nach Leipzig" oder "Miriam" genannt werden. Des einen Leid, des anderen Freud: Während sich Darsteller Krumm sicher mehr Abwechslung gewünscht hätte, bereitet er dem Zuschauer auch in "Die Tote im Dornbusch" genau das Erwartete. Wie ein geprügelter Hund windet er sich auf seinem Sofa, auf dem er sowohl die Erniedrigungen seiner Frau ertrug als auch nun um eben diese trauert. Selbst wenn dieses immer wiederkehrende Rollenfach Krumms bisweilen etwas Gewöhnliches bekommt, so ist es und bleibt es de facto doch überzeugend.

Ebenso natürlich Alice Treff. Die Frau, die an sich stets überzeugend auftrat. Hier stellt sie die Mutter der Ermordeten dar und gewährt Kommissar Keller, ganz beiläufig, Einblicke in ihr Familienleben, welches sich vordergründig auf Unverständnis und Etikette gründet. "Die Tote im Dornbusch" wird in ihrer langen Karriere nicht die letzte Rolle bleiben, in der sie in die Rolle der Mutter schlüpft, deren Kind ermordet wurde. In der "Derrick"-Episode "Familie im Feuer" wird sie, angesichts des Alters mittlerweile zur Großmutter geworden, diesen Part 1985 in ähnlicher Weise erneut übernehmen.

Überaus lobend, wenngleich nicht überschwänglich, darf man sich wohl auch über Herbert Reineckers Buchvorlage äußern. Auch hier gilt, was weiter oben geschrieben wurde: Unter den vier Erstlingen ist "Die Tote im Dornbusch" die überzeugendste Arbeit Reineckers. Es handelt sich um einen recht schnörkellosen Krimi, der zwar die üblichen Verdächtigen mit den üblichen Klischees versieht, sich jedoch nicht ausschließlich darauf verlässt, sondern versucht, auch die Geschichte vor dem Mord zu erzählen. Es war das stete Anliegen Reineckers, auch die Wege zu einem Mord zu beleuchten. Bediente sich der Auto später daher der langwierigen und oftmals dramaturgieschädigenden Rückblenden, so verläuft "Die Tote im Dornbusch" harmonisch auf einer Zeitebene. Das Geschehene ergibt sich aus den Erzählungen und es gelingt Reinecker durchaus und auch ohne jede Rückblende, dieses Geschehene lebhaft und glaubwürdig zu formulieren.

Der Kommissar selbst, das merkt man dieser zweitgedrehten Episode an, müht sich noch sichtlich, nicht allzu sehr ins Oberlehrerhafte zu entgleiten. Sein diesmaliger Hauptmitarbeiter Walter hat es dennoch nicht leicht und muss sich bisweilen recht anständig maßregeln und belehren lassen. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass Günther Schramm neben Erik Ode streckenweise ein wenig penälerhaft erscheint. Robert hingegen, in dieser Episode deutlich weniger im Einsatz, darf durchaus durschimmern lassen, dass er bei einem harten Brocken wie dem Lkw-Fahrer Wiegand auch ganz gerne einmal hinlangen würde. Eine bemerkenswerte Feststellung, bedenkt man, dass die Bundesrepublik mitsamt ihrer Rechtstaatlichkeit zum damaligen Zeitpunkt immerhin 20 Jahre bestand. "Jaja, man sieht's nicht gern!" stellt Robert sogleich dann aber auch höchst selbst fest. Was bleibt, ist jedoch der Eindruck, dass er sich damit nicht so ganz abfinden mag.


Fazit:
Rasthaus der grausamen Puppe: Sehenswerte Akteure, gute Regie, handfestes Buch. 4 von 5 Punkten


Sonstiges:
Na, wer hat's gesehen? Die im Bild zu sehenden Fahrzeuge der Straßenmeisterei tragen ebenso wie der zum Fundort der Leiche herbeigeholte Krankenwagen Düsseldorfer Nummernschilder. Dies darf wohl als einigermaßen kurios angesehen werden, und es bleibt mir derzeit unerklärlich, wie es dazu kommen konnte. Eine Begründung dafür, dass diese Szenen nicht im Münchener Umfeld sondern rings um Düsseldorf gedreht wurden, mag ggf. an einer Nichtverfügbarkeit von Darstellern am Standort München liegen. Das bleibt aber reine Spekulation. Erhärtet wird der abweichende Drehort jedoch dadurch, dass auch Wiegands Lkw keine Münchener Nummer hat. Sie ist zwar nicht richtig im Bild zu sehen, allerdings handelt es sich, wie beim Düsseldorfer D, um einen einzelnen Buchstaben mit oberer Querstrebe (könnte demnach z.B. auch F oder gar B sein).

Georg Tressler war in den 1950er Jahren ein gefragter Kinoregisseur und schuf mit dem enorm erfolgreichen Film "Die Halbstarken" (mit Horst Buchholz) für Wenzel Lüdecke den Auftakt der sog. Halbstarkenwelle. Danach folgten bemerkenswerte Aufs und Abs. Der Versuch, in Deutschland einen Walt-Disney-Film zu machen, hätte Tressler 1960 beinahe seine komplette Karriere gekostet. In Folge verlegte er sich dann mehr auf das Fernsehen und war z.B. ab 1974 an der Serie "Graf Yoster gibt sich die Ehre" beteiligt. Doch auch das Kino ließ ihn nicht los und so verscherbelte sich dieser talentierte Regisseur nicht nur an die deutsche Softsexwelle (unter Pseudonym!), sondern auch an ziemlich skurril anmutende Okkultismus-Machwerke.



Gruß
Jan

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

15.10.2015 22:10
#542 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



Der Kommissar: Der Tod des Herrn Kurusch

Zitat von Der Kommissar: Der Tod des Herrn Kurusch
Das ist ja wohl der Hammer! Ewald Lerche will seinen Vermieter, den Herrn Kurusch, gerade erschlagen, als er den Mann bereits tot im Sessel findet. Einem ersten Reflex folgend, flieht Lerche durch das Treppenhaus und zieht dabei die Aufmerksamkeit der Hausgemeinschaft und der Nichte Kuruschs auf sich. Kein Wunder, dass er nun als Hauptverdächtiger seine Unschuld beweisen muss. Das getürkte Beweismaterial, mit dem er die Verschleierung besonders klug anstellen wollte, hilft ihm dabei nicht gerade ...


Es mag viel über ihn gelästert werden, aber hier lieferte Theodor Grädler wieder einmal eine ausgesprochen gelungene „Kommissar“-Episode ab, die von Anfang bis Ende spannend und mit Gespür für die Stimmung im heruntergekommenen Mietshaus umgesetzt wurde. Die Szenen, in denen man Volkert Kraeft bei den Mordvorbereitungen über die Schulter schaut, vibrieren vor Anspannung, die sich immer weiter aufbaut und mit dem vorzeitigen Fund der Vermieterleiche schließlich wie mit einem Donnerschlag entlädt. Umfeld und Verdächtigenkreis sind gut strukturiert und überschaubar, aber dafür präzise ausgearbeitet. Schon von Agatha Christie her weiß man: Es müssen nicht immer unendlich viele Verdächtige auftreten, um ein gutes Rätsel zu erzählen. Vor allem Cornelia Froboess zeigt Interesse am Mordopfer und ergreift vehement Partei gegen den angeblichen Mörder, ohne auch nur für einen Moment ihre Voreingenommenheit zu reflektieren (was sie dafür ähnlich nachdrücklich von ihrem Vater und dessen Vorbehalten gegen seinen Bruder verlangt).

Der zu langsame Mörder, der damit zum bloßen Beinahe-Täter degradiert wird, wird von Kraeft als zwiespältige Persönlichkeit illustriert: Einerseits ist seinem Ewald Lerche um jeden Preis am Beweis der eigenen Unschuld gelegen, auf der anderen Seite agiert er so aufdringlich, patzig und ungeschickt, dass man kaum weiß, ob man nun mit ihm mitfiebern oder ihm möglichst wenig Glück wünschen soll. Christiane Krüger als seine Freundin und Mitwisserin hält sich (leider ein bisschen zu sehr) im Hintergrund – eine bedauerliche Verschwendung der Personalie, wenn sich schonmal zwei so bedeutende Darstellerinnen wie Krüger und Froboess eine Folge teilen dürfen (/ müssen). – Ach, und für diejenigen, die Checkliste führen: Das hinterlistige Pärchen –Ewald ebenso wie Helga – studiert natürlich.

Das beste an der Folge ist: Man hat es zur Abwechslung wieder einmal mit einem richtigen Krimi zu tun, mit einem Whodunit, der auf dem Weg zur Auflösung einige illustre Haken schlägt. Was an sich sehr erfreulich und für die Dramatik des Films Gold wert ist, sollte allerdings auch nicht den Blick darauf trüben, dass Reinecker über einige dieser Wendungen offenbar selbst stolperte und es ein paar recht deutliche Inkonsequenzen gibt: Wie (un-)wahrscheinlich ist es zum Beispiel, dass in sechs Häusern mit 46 Parteien jeder Mieter gerade zu Hause ist, als Kurusch seinen Rundgang macht? Trotz seiner augenscheinlichen Durchsetzungskraft hätte er realistischerweise wohl kaum die 12’000 Mark in einem Schwung auf den Pfennig genau einsammeln können. Weiterhin geht der Verdacht gegen Lerche nur deshalb auf, weil der wahre Täter zufällig die gleiche Mordmethode anwendete und zu allem Überfluss auch noch ein Instrument verwendete, das eine ganz ähnliche Wunde hervorruft. Als hätten sie sich abgesprochen ... Weniger klug abgesprochen hat sich Lerche wohl seinen ursprünglichen Mordplan. Wie zum Kuckuck hatte er glauben können, mit seiner Tat davonzukommen, wenn er seinen Hammer ganz offenkundig und mit sonderbarem Verhalten im Laden an der Ecke gekauft hatte? Doch das ist letztlich nicht viel mehr als Mietgeld-, pardon: Erbsenzählerei. Die Jagd nach Kuruschs Mörder ist viel zu unterhaltsam, um unbedingt jeder Logikprüfung standhalten zu müssen.

Stell dir vor, du willst einen killen und ein anderer hat’s schon vor dir getan! Man kann Ewald Lerche eine gewisse Erleichterung darüber, dass ihm die Drecksarbeit abgenommen wurde, selbst dann ansehen, wenn ihm die Polizei am meisten zusetzt. Für Lerche, so bekommt man das Gefühl, ist Leben und Sterben nicht viel mehr als ein Spiel. Und dieses Spiel sichert eine kurzweilige Folge, die trotz einiger Ungenauigkeiten im Drehbuch zu Theodor Grädlers starken Leistungen gezählt werden darf.

(4,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines pariert die Aufdringlichkeiten des Mordverdächtigen am entschiedensten
||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 58: Episode 40 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Cornelia Froboess, Wolfgang Büttner, Volkert Kraeft, Christiane Krüger, Martha Wallner, Heinz Baumann, Wolfgang Engels, Otto Bolesch u.a. Erstsendung: 12. November 1971.

Gubanov ( gelöscht )
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16.10.2015 14:00
#543 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



Der Kommissar: Als die Blumen Trauer trugen

Zitat von Der Kommissar: Als die Blumen Trauer trugen
Für Jeannie streuen sie Blumen auf dem Friedhof. Die Mitglieder der Band Joker Five trauern um ihre Frontfrau, die mit bürgerlichem Namen Agnes Müller hieß. Sie war schwanger gewesen und hatte eine illegale Abtreibung vornehmen lassen, an deren Folgen sie starb. Der Vater des ungeborenen Kindes war der Sohn des Gelehrten Trotta. Herr Trotta wird eines Nachts in seinem Garten erschossen. Bestehen Verbindungen zu Jeannies Tod?


Diese Folge hat einen klangvollen Namen, und wenn man sie sich ansieht, so merkt man ganz unwillkürlich, dass man hier einen „besonderen“ „Kommissar“ sieht – einen, der mehr noch als andere Kult geworden ist. Woran das liegt, ist konkret schwer auszumachen. Eine Mischung von Faktoren trug zur Popularität der Episode bei: der von Peter Thomas geschriebene Filmschlager „Du lebst in deiner Welt“, der vom 24.1. bis 20.2.1972 Platz 1 der deutschen Charts verteidigte, ebenso wie die zeitaktuelle und zeitkritische, doch ohne dräuenden Zeigefinger verfasste Geschichte sowie die mit beiden Umständen eng verwobene Eindringlichkeit der Opferrolle. Mit Sylvia Lukan besetzte Regisseur Dietrich Haugk seine eigene Ehefrau in dieser dankbaren Rolle und ließ ihr eine unaufdringliche, eines gewissen Pathos nicht entbehrende Omnipräsenz angedeihen, die von den stets wiederholten Seufzern „Oh, Jeannie“ noch besonders hervorgehoben wird. Agnes „Jeannie“ Müller ist eine tragische Rolle, die vielen ähnlich gelagerten Reinecker-Mädchen gleicht und dennoch über genügend Alleinstellungsmerkmale und Identifikationspunkte verfügt, um an das Mitgefühl des Zuschauers zu appellieren und in die „Kommissar“-Historie nicht nur als noch ein in München versumpftes Landei einzugehen.

Es ist schon eine krude Mischung aus verkappter Jugendkultur und unterschwelligen Botschaften gegen Paragraf 218, die sich vor dem Auge des Zuschauers auftut. Leicht hätte sie zu einem trockenen Lehrstück oder einem peinlichen Anlauf des Autors, „modern“ wirken zu wollen, geraten können; es ist wieder einmal der Verdienst des grandiosen Regisseurs Haugk, dass „Als die Blumen Trauer trugen“ aus seiner vertrackten Handlung eine spannende, ergreifende und handwerklich ansprechende Folge formte, die bei vielen – sicher nicht zu Unrecht – weit oben in ihren „Kommissar“-Bestenlisten mitspielt. Haugk scheut sich nicht vor Härte und zeigt das Sterben als unschöne, langwierige Angelegenheit, die die Angehörigen in Angst und Aufruhr versetzt. Er arbeitet viel mit Zwielicht und Dunkel – als exemplarisch lassen sich die Szenen im „Hot Club“ bezeichnen, bei denen heutzutage wohl eine Epilepsiewarnung eingespielt werden müsste. Doch auch außerhalb der Bühnenwelt werden Dauer-Kameramann Rolf Kästel die schönsten Motive (teils unter Verwendung verzerrender Linsen) entlockt.

Insgesamt erscheint „Als die Blumen Trauer trugen“ wie ein großes Experiment, das dem Zweck gedient haben mag, die Belastungsgrenze eines deutschen Fernsehpublikums im Jahre 1971 auszuloten. Die Lösung trägt zwar dazu bei, das aus den Fugen Geratene wieder zu kitten, überzeugt aber auch vom logischen Standpunkt her und bietet eine gute Erklärung für das etwas sonderbar wirkende Vorgehen der Polizei, die sich mehr für Jeannie als für Trottas Ermordung zu interessieren scheint, obwohl der Tod des jungen Mädchens nicht (unmittelbar) in ihr Ressort fällt.

Aufgrund der offenkundigen Parallelen zwischen diesem „Kommissar“ und dem Wallace-Giallo „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ liegt natürlich nah, dass Reinecker gewisse Momente aus seinem ursprünglichen Drehbuch für den Kinofilm übernahm, zumal es laut Joachim Kramps „Hallo“-Buch von Peter M. Thouet lediglich „modernisiert“ wurde und damit wahrscheinlich im Grunde schon eine vergleichbare Geschichte erzählte. Leider ist über den genauen Inhalt der Reinecker-„Stecknadel“ nichts bekannt, da sich das Buch trotz weit gediehener Vorplanungen im Jahr 1969 nicht mehr auffinden ließ. Interessant wäre, zu erfahren, ob diese nie realisierte Verfilmung mehr Parallelen mit „Als die Blumen Trauer trugen“ gehabt hätte als lediglich die übergeordnete Abtreibungsthematik oder ob in Reineckers Wallace-Script noch andere Elemente enthalten waren, die dann hier im „Kommissar“ auftauchten. Immerhin sollte in der „Stecknadel“ von 1969 Günther Schramm einen Part übernehmen – wenngleich Grabert in dieser Folge hier ironischerweise den kleinsten Anteil an den Ermittlungen hat.

„Du lebst in deiner Welt“ – Weltanschauungen, Lebensformen und Moralvorstellungen prallen in spannender und destruktiver Form aufeinander, was Dietrich Haugk findig zu einem inszenatorischen Meisterstück veredelt. Verwundert das dauernde Interesse an Jeannie den Zuschauer auch über weite Strecken, weil damit umfangreich vom eigentlichen Mord abgelenkt wird, so werden alle Fäden am Ende säuberlich und zufriedenstellend aufgerollt.

(4 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines für seinen Ausspruch „Lassen wir das mit dem Pfarrer, das ist nicht so wichtig“
||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 59: Episode 39 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Paul Hoffmann, Inge Birkmann, Heinz Ehrenfreund, Sylvia Lukan, Klaus Wildbolz, Heimo Czechner, Klaus Höring, Thomas Egg u.a. Erstsendung: 22. Oktober 1971.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

16.10.2015 14:06
#544 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Zitat von Georg im Beitrag #214
Folge 39: "Als die Blumen Trauer trugen"

Inge Birkmann nervt mich hier, wie in fast all ihren Rollen [...]

Als ich das gelesen habe - so muss ich gestehen -, klappte meine Kinnlade fassungslos herunter. Was ist denn gegen Inge Birkmann, die famose ZDF-Krimi-Lady, die Elisabeth Flickenschildt der Ringelmann-Serien, einzuwenden? Eine Schauspielerin, die mich in jedem Auftritt wieder aufs Neue fasziniert, weil ihr eine ganz eigene Dramatik, ein großes Selbstbewusstsein und dabei doch eine uneitle Ausstrahlung innewohnt.

Georg, ab zur Beichte bei Pfarrer Haugk!

Georg Offline




Beiträge: 3.256

16.10.2015 15:04
#545 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Ich finde sie absolut unsympathisch! Wird Dir mit einigen Darstellern sicher auch so gehen. Und damit erteile ich mir selbst die Absolution.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

16.10.2015 17:20
#546 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Es ist schon sonderbar, wo die Sym- und Antipathien hinfallen. Ich kenne dieses Phänomen natürlich auch, wobei es schon einen Unterschied macht, ob man über irgendeinen austauschbaren trostlosen Kneipenbruder oder windigen Schönling die Augen rollt oder über eine immer wieder in wichtigen Rollen besetzte Dame wie Birkmann, über die ich anderweitig noch nie etwas Schlechtes gelesen habe. Daher mein Erstaunen. Aber natürlich bleibt dir jede Abneigung unbenommen. Ein bisschen so ähnlich geht es mir mit ... Lilli „Ich spiele nur, wenn sich alles um mich dreht“ Palmer. Passend zur nächsten Folge.



Der Kommissar: Grau-roter Morgen

Zitat von Der Kommissar: Grau-roter Morgen
Als Kommissar Keller und sein Team der Mutter der drogensüchtigen Sybille Larasser die Nachricht vom Tod ihrer Tochter überbringen, erwarten sie nicht, dass Frau Larasser über Sybilles Abhängigkeit bereits genau im Bilde ist. Die Mutter hatte der Tochter helfen wollen, nach und nach vom Stoff loszukommen. Sie kennt also das gesamte Milieu, in dem Heroin, Morphium und Co. verkauft und konsumiert werden. Entstammt diesen Kreisen auch derjenige, der Sybille erschoss?


Die Kritik, die das Hamburger Abendblatt am Tag nach der Erstsendung von „Grau-roter Morgen“ abdruckte, lobt den Fall in den höchsten Tönen, ist aber gleichfalls symptomatisch für alle seine Schwächen und den Grund, weshalb er bei mir umgehend ans untere Ende der Episodenrangliste rutscht:

Zitat von Gestern gesehen: Der Kommissar, Hamburger Abendblatt, 2.10.1971
Dieser „Kommissar“ war einer der besten. Man möchte fast sagen, er war zu gut für einen Krimi. Bei dem bewegenden Spiel von Lilli Palmer (nach diesem ersten Auftritt im Fernsehen kann man sich nicht genug wundern, dass man sie nicht früher sah) vergaß man völlig, dass man einem Krimi zuschaute. Ergreifend das Zusammenspiel von Mutter und Tochter, ergreifend, wie Sabine Sinjen eins dieser jungen bedauernswerten Opfer der Rauschgiftwelle darstellte. Auch Hans Caninenbergs Vater zeigte den Ernst und die Tragik, die heute so viele Familien überschatten. Es zahlt sich, wie man sah, aus, hervorragende Schauspieler auch für Kriminalspiele mit ernstem Hintergrund zu nehmen. Die Vier des Polizistenquartetts wurden daneben zu Statisten.


Völlig unverblümt bringt der Rezensent seine Abneigung gegen Kriminalfilme und -fernsehspiele zum Ausdruck, weil er dieses Genre offenbar als minderwertig oder der Aufwertung durch sozialpsychologische Spielereien bedürftig ansieht. Unter diesen Vorzeichen kann ihn „Grau-roter Morgen“ natürlich überzeugen, trieft diese Folge, die den Krimianteil auf ein kaum mehr spürbares Minimum reduziert (die Anmerkung mit Kellers Kommissaren als Statisten stimmt schon ganz genau), geradezu vor Gesellschaftsbotschaften und Problemkonstruktionen, die sich auf falsches Mitleid und plakative Tragik gründen. Ähnlich dem „Derrick“-Pendant „Der Tod sucht Abonnenten“ war „Grau-roter Morgen“ gar nicht in erster Linie als Krimi, sondern vielmehr als Lehrstück angelegt worden, das in diesem Fall anlässlich einer bundesweiten „Kampagne gegen die Drogensucht“ gesendet wurde, die, wie das Abendblatt einen Tag zuvor ankündigte, am 1. Oktober in verschiedenen deutschen Großstädten anlief.

Und wie es in der Natur eines Lehrstücks liegt, so erweckt der demonstrative und vorgespiegelte Charakter des Drogensumpfes und der Mutter-Tochter-Beziehung bei mir nicht die angesprochenen ergreifenden Gefühle, sondern vielmehr eine Abscheu, die durch die Besetzung kaum aufgefangen werden kann. Vor allem Lilli Palmer schafft einen Zugang zur Gefühlswelt ihrer Filmtochter, während sich Sabine Sinjen darauf beschränkt, zwischen starren (unfreiwillig komischen) Blicken und völliger Überdrehtheit umzuschalten. Was für die Folge besonders wichtig gewesen wäre, klingt leider nur ganz verhalten an: eine Betonung des Umstands, dass sich Mutter Larasser zwar für eine starke und verantwortungsvolle Person hält, dabei jedoch immer mehr Initiative und Hoffnung abgibt und somit selbst mithilft, das Grab für ihre Tochter zu schaufeln.

Was meinen nach „Als die Blumen Trauer trugen“ verwöhnten Ohren auffällt, ist die sonderbare Abwesenheit eines eingängigen Sounds – selbst in der Schwabylon-Kellerkneipe. Und Fritz Schmiedels Wirt fragt sich ernsthaft, warum ihm normale Gäste fernbleiben? Wobei: Betrachtet man die Einrichtung des Etablissements, wäre dort wohl höchstens „In München steht ein Hofbräuhaus“ gespielt worden – also ist es vielleicht doch nicht so schlecht, dass Grädler auf musikalische Akzente verzichtete.

Tränendrüsenkitsch vor unangebrachtem Hintergrund. Im Gegensatz zum Abendblatt-Rezensenten möchte ich nichts beigebracht oder infiltriert bekommen, wenn ich einen Krimi schaue – auch nicht (oder schon gar nicht?), wenn die Lehrmeisterin Lilli Palmer heißt.

(2 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Harry Klein, der erstaunlich viel Fixer-Fachvokabular zum Einsatz bringt
||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 60: Episode 38 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Lilli Palmer, Sabine Sinjen, Hans Caninenberg, Fritz Schmiedel, Annemarie Wendl, Michael Hinz, Fred Haltiner, Harry Engel u.a. Erstsendung: 1. Oktober 1971.

Georg Offline




Beiträge: 3.256

16.10.2015 18:23
#547 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Über die schauspielerischen Meriten von Inge Birkmann werde ich ja auch nicht urteilen. Sie mag objektiv gesehen eine sehr gute Darstellerin sein. Aber dennoch mag ich sie nicht. :-)

Was "Grau-roter Morgen" betrifft, so war das ja Ringelmanns absolute Lieblingsfolge. Wohl auch nur wegen Lilli Palmer. Ein Antikrimi, eigentlich ein Drogendrama. Wäre da nicht Lilli Palmer (apropos nervig: ich finde sie auch weitaus überschätzt und oft zu theatralisch!) gewesen, die Folge hätte nie und nimmer für soviel Furore gesorgt und wäre auch niemals bei jeder Kommissar-Nacht aus dem Archiv geholt worden. Weitaus besser als ihr Spiel finde ich beispielsweise Hans Caninenbergs ...

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

16.10.2015 18:41
#548 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Und ich habe "Grau-roter Morgen" schon immer überaus gern gesehen. Für mich ist es kein Lehrstück sondern vielmehr ein ergreifendes Familiendrama (und warum bitteschön soll das innerhalb einer Kriminalserie keinen Platz haben oder ist das gefühlt tausendste 0815-Eifersuchtsdrama mit tödlichem Ausgang in der ewig gleichen Grünwalder Nobel-Villa so viel besser?), das auch und gerade durch Sabine Sinjens darstellerische Leistung lange im Zuschauer nachhallt und eben dadurch nicht in den Kitsch abgleitet.

Über die schauspielerischen Fähigkeiten eines Weltstars wie Lilli Palmer (soviel hat Deutschland davon wohl nicht hervorgebracht, oder?) zu debattieren oder ihr diese gar - auch und gerade in dieser Folge - abzusprechen, käme mir nicht einmal auch nur ansatzweise in den Sinn. Die ihr absolut ebenbürtige Leistung von Hans Caninenberg steht für mich ebenfalls außerhalb jeder Kritik.

@Jan Sehr schöne und informative Beiträge, die ich mit großem Vergnügen - wenn auch nicht immer mit absoluter Zustimmung - gelesen habe.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

16.10.2015 18:45
#549 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

@Georg: Hans Caninenberg ist ohnehin einer der verlässlichsten Ringelmann-Dauerschauspieler, die den Folgen neben dem typischen Wiedererkennungswert vor allem auch eine Seele geben. Ein grandioser Schauspieler, der selbst abwegige Zeilen, die ihm häufig in den Mund gelegt wurden, sehr überzeugend darstellen konnte. Als wir in Gräfelfing zufällig auf sein Grab stießen (auf dem gleichen Friedhof liegt auch Horst Tappert begraben), war das für mich ebenso einprägsam wie die "Begegnung" mit Derrick himself.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

16.10.2015 18:53
#550 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Zitat von Cora Ann Milton im Beitrag #548
Weltstars [...] (soviel hat Deutschland davon wohl nicht hervorgebracht, oder?)

Glücklicherweise. Alle, die ich kenne, lassen das Vermögen zur gleichberechtigten Eingliederung in ein Schauspielensemble vermissen: Curd Jürgens, Gert Fröbe, Lilli Palmer, Klaus Kinski, ... Ein Schauspieler sollte eben per se ein Teammensch und kein Selbstdarsteller sein. Dass damit grundlegend etwas gegen die handwerklichen Fähigkeiten der Person(-en) gesagt wäre, siehst aber irgendwie nur du. Es gibt viele überzeugende und passende Auftritte dieser Schauspieler, die ich mich nicht schäme, trotz dieser Kritik anzuerkennen.

Berthold Deutschmann Offline




Beiträge: 194

16.10.2015 20:03
#551 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

"Grau-roter Morgen" wurde Anfang der 70er als ganz besonders wertvolle Folge betrachtet und vom ZDF einzeln extra nochmal gesendet als Diskussionsbeitrag zum damals aktuellen Thema "Rauschgift".

Peter Offline




Beiträge: 2.886

17.10.2015 10:37
#552 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Zitat von Berthold Deutschmann im Beitrag #551
"Grau-roter Morgen" wurde Anfang der 70er als ganz besonders wertvolle Folge betrachtet und vom ZDF einzeln extra nochmal gesendet als Diskussionsbeitrag zum damals aktuellen Thema "Rauschgift".

Über die nötige Passgenauigkeit von "Grau-roter Morgen" innerhalb der 'Kommissar'-Serie kann man trefflich und ergebnislos diskutieren. Mir persönlich ist die Folge als Abwechslung und mit den einprägsamen Rollen von Sinjen und Palmer lieb und teuer. Auch wenn die Folge natürlich etwas zu aufklärerisch und daher zwangsläufig aus der Zeit gefallen ist. Aber 'Der Kommissar' ist ja immer auch Nostalgie. Also warum denn auch nicht mal so...?

Zitat von Gubanov im Beitrag #550
Zitat von Cora Ann Milton im Beitrag #548
Weltstars [...] (soviel hat Deutschland davon wohl nicht hervorgebracht, oder?)

Glücklicherweise. Alle, die ich kenne, lassen das Vermögen zur gleichberechtigten Eingliederung in ein Schauspielensemble vermissen: Curd Jürgens, Gert Fröbe, Lilli Palmer, Klaus Kinski, ... Ein Schauspieler sollte eben per se ein Teammensch und kein Selbstdarsteller sein. Dass damit grundlegend etwas gegen die handwerklichen Fähigkeiten der Person(-en) gesagt wäre, siehst aber irgendwie nur du. Es gibt viele überzeugende und passende Auftritte dieser Schauspieler, die ich mich nicht schäme, trotz dieser Kritik anzuerkennen.

Was nun Lilli Palmer und die oben genannten Jürgens, Fröbe, Kinski, gern noch erweitert um Leute wie M.&M. Schell, Hardy Krüger oder die wirklich exaltierten Kaliber Buchholz und Oskar Werner anbelangt, so haben sie - wenn auch nicht in jeder Stunde des Tages pflegeleicht - so doch allesamt in internationalen Produktionen bewiesen, dass sie hervorragende Ensemblemitglieder waren - und sie haben sehr wohl in Team-Leistung entscheidend den Punkt beeinflusst, der uns allen zum Schluss doch wohl der wichtigste ist: das Endprodukt.
Also gerne mehr davon, nicht weniger! Sicher bin ich auch, dass es in den vergangenen 100 Jahren im deutschsprachigen Raum NIE an Filmkünstlern mangelte, welche die Qualität für größere, internationale Produktionen mitbrachten. Es mangelte nur stets an Möglichkeiten, außerhalb des jeweiligen 'nationalen Kontingents' - ob in den USA, Frankreich oder sonstwo, Raum und Rollen zu finden. Bei der (allgemein-deutschen-also-gern-selbsterniedrigenden) Feststellung, dass es wenige deutsche Weltstars gibt, wird nämlich immer wieder gern vergessen, dass es in weiten Teilen der Filmwelt traditionell einfach relativ wenig Interesse gibt, mehr Ausländer zu Ungunsten jeweiliger Inländer in die Produktionen zu holen. Es ist also keineswegs in erster Linie eine Qualitätsfrage.
Im übrigen denke ich nicht, dass reine 'Selbstdarsteller' Karriere machen. Entweder handelt es sich bei den Schwierigen um wirklich herausragende Schauspieler, die eben mehr dem Endprodukt als der Set-Harmonie dienen - oder es sind wirklich 'Persönlichkeitsdarsteller', die nicht wandlungsfähig sind, das aber auch gar nicht sein müssen/mussten. Dies geht also zum Beispiel in Richtung Albers, Bogart, Cagney, Wayne oder Cooper (wobei letzterer tatsächlich auch nett gewesen sein muss). Aber will man denn nur einen davon missen, weil er nicht immer zwischen Rolle und Realität unterscheiden konnte und deshalb den Star herauskehrte? Nein, meine Güte, lasst sie doch. Am Ende waren es doch immer die Stars, wenn auch nicht sie allein, die den Film zu seinem Vorteil prägten....

Gubanov ( gelöscht )
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17.10.2015 10:50
#553 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Alle Verfechter von Folge 38 können aufatmen. Es hat wirklich nicht lang gedauert, bis der „Morgen“ seine grau-rote Laterne abgeben konnte ...



Der Kommissar: Die andere Seite der Straße

Zitat von Der Kommissar: Die andere Seite der Straße
Fünf Personen beobachten, wie Eduard Bofinger auf offener Straße erschossen wird. Zwar ist es Nacht, aber den Täter, der nur zehn Meter von ihnen entfernt steht, müssen sie deutlich gesehen haben. Und doch geben sie zu Protokoll, sie wüssten von nichts und könnten keine Beschreibung abgeben. Der Kommissar steht vor einer unüberwindbaren Mauer des Schweigens. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als nach der Ursache für dieses sonderbare Verhalten zu suchen. Findet er sie in der Kneipe gegenüber?


In der Tat können eingeschüchterte Zeugen oder solche mit dem Hintergedanken, ihr Wissen nicht in den Dienst der Verbrechensaufklärung zu stellen, sondern in Erpressergeld anzulegen, einen sehr attraktiven Ausgangspunkt für einen Krimi bilden. Auch die Gefahren die sich aus einem Bruch des Schweigens ergeben, haben das Potenzial, den Zuschauer auf die Folter zu spannen. Leider merkt man von beiden Möglichkeiten herzlich wenig, wenn man „Die andere Seite der Straße“ anschaut, denn das Prinzip der Verschwiegenheit wird hier in einer derartigen Exzessivität bis zum Ende verfolgt, dass die Ermittler einfach ’mal ... gar nichts ermitteln können. Die Auflösung kommt für Keller und Co. als eine ebensolche Überraschung wie für den Zuschauer, wobei das eigentlich ja positive Überraschungsmoment insofern an Wirksamkeit einbüßt, als das ewig lange Vorspiel zu dieser Erhellung jegliches Interesse meinerseits ausmerzte.

In diesem Fall ist es sicher nicht völlig ungerechtfertigt, Theodor Grädler anzulasten, er habe zu langsam und spannungsarm inszeniert. Die Verantwortung für die strukturellen Defizite von „Das andere Ende der Straße“ sind allerdings schon ganz klar im Drehbuch zu suchen, das eine effiziente Spannungssteigerung von Vornherein durch seine Eintönigkeit und seine Überzeichnung uninteressanter Charaktere (Schlägertypen treffen auf Versagertypen) verhindert. Ein Fortschreiten des Plots wird durch die unverminderte Sturheit der Zeugen ebenfalls unmöglich gemacht. Setzt der Abspann ein, so beschleicht einen das Gefühl, eine weitgehend inhaltslose Geschichte gesehen zu haben – die elliptische Wirkung wird durch die krude, wortarme Machart noch verstärkt.

Die wenig prominent besetzte Episode verfeuert ihre zwei bekannteren Namen – Höhne und Baltus – für Nebensächlichkeiten und bessere Statistenrollen, sodass es am immer mit etwas wehleidiger Fahrigkeit agierenden Bruno Hübner liegt, die Handlung zu stützen. Üblicherweise würde es dem Charakterschauspieler gelingen; hier kämpft er jedoch sichtlich gegen die Dummheit seines alter ego, des Herrn Galusch, sowie gegen die Redundanz und Belanglosigkeit der häuslichen Dialoge mit einer verhärmten, trotz entsprechenden Finales nicht zur Damsel in Distress geborenen Christine Ostermayer an.

Und so trägt man denn einen Kampf mit der Laufzeitanzeige des DVD-Players aus, bis man endlich die Straße überquert und ihre andere Seite erreicht hat. Dort folgt dann der finale Knock out: Wer sich für die für einige betretene Momente sorgende Angst der Zeugen einen spektakulären Grund erwartet hat – etwa eine Schutzgelderpressung durch die Bar-Gangster bei allen Nachbarn oder ein düsteres Geheimnis, das alle Straßenbewohner aneinanderschweißt –, der hat sich vergebens an den letzten Strohhalm geklammert. Die Wahrheit fällt ebenso lapidar aus wie die Figuren, die die gesamte Episode geprägt haben. Unter diesen Umständen qualifiziert sich diese Folge leider als Anwärter auf das schwächste Gesamtpaket der gesamten „Kommissar“-Reihe.

Oh weh! Selten genug ist es ja, aber manchmal stürzt die meist recht beeindruckende „Kommissar“-Maschinerie doch völlig ab. Während es voraussichtlich wenigstens noch ein wahres Vergnügen sein wird, die Brynychs zu verreißen, so langweilen Sichtung und Nachbetrachtung zu „Die andere Seite der Straße“ einfach nur. Bin ich hier etwa in einer Vogeler-Folge von „Der Alte“ gelandet? Da heißt es: schnell abhaken und weitergehen!

(1 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller kann durch seine ruhige Fassung am besten verstecken, dass die Polizei völlig im Dunkeln tappt
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 61: Episode 37 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz. Unter Verdacht: Christine Ostermayer, Bruno Hübner, Gerd Baltus, Gisela Dreyer, Kurt Beck, Lieselotte Quilling, Klaus Höhne, Hans Brenner u.a. Erstsendung: 10. September 1971.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

22.09.2016 14:00
#554 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Nach längerer Zeit wieder einmal ein „Kommissar“:



Der Kommissar: Tod eines Ladenbesitzers

Zitat von Der Kommissar: Tod eines Ladenbesitzers
Die Bewohner des nahegelegenen privaten Altersheims sind zwar regelmäßige Kundschaft für den Gemischtwarenhändler Heinze, doch ihre schmalen Rentengelder ermöglichen ihnen keine großen Einkäufe. Kein Wunder also, dass Heinze die Alten mit Geringschätzung behandelt. Folglich liegt es nahe, dass einer der missachteten Rentner den Schlag führte, der Heinze den Schädel spaltete. Und dass damit die Rachegefühle des Täters noch nicht befriedigt sind ... denn der schlimmste Tyrann, Heimleiter Sierich, muss ebenfalls beseitigt werden!


Ich habe das Wiedersehen mit der Episode „Tod eines Ladenbesitzers“ lang vor mir hergeschoben, denn die Folge blieb nach ihrer Erstsichtung in schwacher, tendenziöser Erinnerung. Diese bestätigt sich leider auch im zweiten Durchgang, denn die Art, in der sich Reinecker seiner kontinuierlich in verschiedenen Drehbüchern dieser und anderer Krimireihen auftauchenden Geschichte von der Unterdrückung wehrloser Rentner nähert, ist an offenkundiger Polemik kaum zu überbieten. Der Kontrast zwischen dem diabolischen Heimleiter und seinen bemitleidenswerten „Insassen“ wird von Wolfgang Staudte, der sich oft hauptsächlich für die sozialen Angelpunkte der „Kommissar“-Scripte zu interessieren schien, in beinah unfreiwillig komischer Übertreibung inszeniert. Es bleibt daraufhin das Gefühl, dass die Macher dieser Folge ihr Publikum für etwas begriffsstutzig hielten, wenn sie die jeweiligen Charakterfarben mit derart dicken Pinselstrichen auftrugen. Leider geht jeder Charme der beabsichtigen David-gegen-Goliath-Erzählung damit verloren, weil die alten Herren, die nur Zwecken der Bloßstellung dienen, nicht als vollwertige Sympathieträger taugen.

Ein zentrales Problem besteht darin, dass ihre Anwesenheit im Altersheim viele Fragen aufwirft: Einerseits bleibt die finanzielle Situation der „Gefangenen“ unklar, die einerseits in einem exklusiven und allem Vernehmen nach sehr teuren Heim untergebracht sind, sich andererseits aber über geringe Renten beklagen. Andererseits machen viele von ihnen einen so agilen Eindruck, dass man sich fragen muss, warum sie sich überhaupt den Quälereien durch das sadistische Personal aussetzen, anstatt eigenständig zu wohnen. Dieser Kontrast fällt vor allem bei „Oppositionsführer“ Ohlers auf, dem Curt Bois ein aufmüpfiges Gesicht verleiht. Obwohl seine undurchsichtige Rolle zugleich Verständnis hervorrufen soll und von Keller am Ende als schweigender Helfer des Mörders gegeißelt wird, trägt der Kommissar nicht weniger Schuld am unbefriedigenden Ausgang der Geschichte, denn der zweite Mord hätte ohne Zweifel verhindert werden können, wenn die überwachenden Polizisten nicht aufgrund ihrer Antipathie gegen Sierich im entscheidenden Moment geflissentlich weggesehen hätten. Institutionalisierte Selbstjustiz, weil sie dem beabsichtigten Gerechtigkeitsbild dient ... nicht unbedingt ein Merkmal einer ausgewogenen Folge.

Der Kritik zum Trotz muss man „Tod eines Ladenbesitzers“ mehrere unverkennbare Qualitäten zugestehen. Schauplatz und Atmosphäre sind markant und passend zur Thematik gewählt. Die zynische musikalische Unterstützung erinnert wahrscheinlich nicht ganz zufällig in ihrer Instrumentalisierung an den Soundtrack der bekanntesten Krimiseniorin, Miss Rutherford-Marple. Effektiver Spannungsaufbau sorgt für ausdrucksvolle Momente vor allem im letzten Drittel der Episode, in dem Werner Kreindl die bloße Gehässigkeit seiner Rolle abwerfen und menschliche Gefühle zeigen darf. Diese stehen seinem skrupellosen Geschäftsmann, der die ihm anvertrauten Heimbewohner als ständige Zumutung empfindet, gut zu Gesicht – ohne Zweifel liefert Kreindl die beste und vielschichtigste darstellerische Leistung der Episode ab. Sein Adlatus in Gestalt Sigurd Fitzeks hinterlässt ebenfalls einen angemessen bösartigen Eindruck.

Fälle, in denen die Opfer abstoßender als die Täter sind, gibt es in „Der Kommissar“ mehr als genug. Das moralische Dilemma, das diese Konstellation mit sich bringt, geht in anderen Episoden jedoch ungleich besser auf. Trotz eines guten Spannungsbogens erscheint der auf dem Silbertablett präsentierte soziale Sprengstoff in „Tod eines Ladenbesitzers“ künstlich herbeigeredet und wenig überzeugend. Dies liegt nicht zuletzt an den fragwürdigen Porträts der Senioren: Was Curt Bois an Alterserscheinungen vermissen lässt, macht sich bei Fritz Rasp in deutlichem Verfall gegenüber früheren, präziser gespielten Rollen bemerkbar, was wohl ein maßgeblicher Grund für seine geringe Präsenz in der Folge war.

Hilflosigkeit und Unzufriedenheit sind die bestimmenden Faktoren, die die alten, nur zahnlos erscheinenden Tiger in dieser Folge antreiben, zu einem fatalen Angriff auszuholen. Kriminalistisch ist der Fall weniger interessant, da alle Verdächtigen vom gleichen Motiv umgetrieben werden; atmosphärisch gibt es aber vor allem gen Ende starke Angst- und Pyjama-Revoluzzer-Szenen zu verbuchen. Leider leuchten charakterliches Schwarz und Weiß zu stark, um die Protagonisten noch als glaubwürdig bezeichnen zu können.

(2,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines hinterfragt die Gefängnismethoden des Altenheim-Direktors
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 62: Episode 36 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Curt Bois, Hans Hermann Schaufuß, Fritz Rasp, Werner Kreindl, Lisa Hellwig, Vera Rheingold, Sigurd Fitzek, Max Griesser u.a. Erstsendung: 18. Juni 1971.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

23.09.2016 00:00
#555 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



Der Kommissar: Lisa Bassenges Mörder

Zitat von Der Kommissar: Lisa Bassenges Mörder
Während er mit der Rangierlok unter ihrem Fenster vorbeifährt, winkt sie ihm nackt von oben herunter. Diese moderne Variante der Romeo-und-Julia-Balkonszene verheißt für Eisenbahner Leo Bader einen aufregenden Feierabend. Doch eines Tages findet er seine Flamme, Lisa Bassenge, erwürgt in ihrer Wohnung. Am meisten schockiert darüber ist nicht er selbst, sondern sein Bruder Alfred, der die Tote zwar nur zwei oder drei Mal lebendig sah, sich ihr aber durch die Erzählungen seines Bruders besonders nah fühlte. Er befördert sich im Handumdrehen zum Ankläger und führt dem Kommissar einen Verdächtigen nach dem anderen vor ...


Manchmal wirkt befremdlich, wie wenig Gelegenheit den Angehörigen von Mordopfern in Krimis zum Trauern eingeräumt wird. Als wolle er für diese Tradition Abbitte leisten, setzt Reinecker in „Lisa Bassenges Mörder“ auf die genau umgekehrte Strategie, indem er einen scheinbar fast unbeteiligten Menschen, der mit der Toten nur vom Hörensagen vertraut war, unerwartet das große Greinen anstimmen lässt. Erwartet man zunächst, dass das Ableben der 22-jährigen Lisa Bassenge zum Anlass genommen werden würde, das für den Autor typische Fantasieporträt des verklärt-liebessüchtigen Provinzmädchens zu zeichnen, so erweist sich die Figurenkonstellation als vielschichtiger: Lisa Bassenge braucht sich nicht den Schuh der Naivität anzuziehen; sie erscheint dem Zuschauer in Rückblenden und Erzählungen als entschlossene und selbstbestimmte Frau, deren eigenmächtige Entschlüsse sie letztlich ihr Leben kosteten. Damit verbunden sind Enttäuschungen für die Hinterbliebenen, insbesondere die Bader-Brüder, von denen der eine als unverbesserlicher Gigolo und der andere als aufdringlicher Neurotiker vorgestellt wird. Alfred, dem es eigentlich obliegen müsste, den neutralen Beobachtungsposten einzunehmen, erweist sich auf merkwürdige Weise angegriffen von dem Mordfall an der Freundin seines Bruders.

So weist „Lisa Bassenges Mörder“ vor allem Charakteristika der Reinecker’schen Familiendramen auf, muss aber leider ohne deren üblichen Überraschungsfaktor auskommen. Die Auflösung ist für den geübten Zuschauer von Anfang an zu erahnen, doch Wolfgang Staudtes Regie übertüncht dieses Manko mit gut funktionierender Emotionalität in Verhören und Zeitsprüngen. Weniger nützlich erscheint in dieser Situation allerdings das artifizielle Aufbauen zusätzlicher Verdächtiger – sowohl Peter Ehrlich als auch Gert Haucke können dem Grundgerüst wenig Substanzielles hinzufügen. Es ist hauptsächlich das Trio Wussow – Gobert – Körner, das die Szenerie bestimmt. Diana Körner glückt die Titelrolle in ganz besonderem Maße, weiß die junge Schauspielerin doch geschickt zwischen den Wunschbildern des einen und des anderen Bruders zu vermitteln: In einigen Szenen gibt sie sich als bodenständig-seriöse Verlobte, in anderen als Vamp mit Bindungsschwierigkeiten. Unterschwellig wird damit die Subjektivität der Rückblenden und das Hineinprojizieren der eigenen Vorstellungen in die nicht mehr selbst zu Wort kommende Frauengestalt zum Ausdruck gebracht.

Schöne Szenen auf dem Rangierbahnhof wechseln sich mit den nüchternen Wohnungen Bassenge und Bader ab. Das Eisenbahnelement wird geschickt als Handlungsträger genutzt: im Großen und Ganzen um Leo Baders Freiheitsdrang zu verdeutlichen, im Detail als ironischer Ersatz für das Pfeifen des angeheizten Mannes beim Anblick seiner Affäre im Evakostüm. Alles könnte also in sehr zufriedenstellenden Bahnen verlaufen, wenn man nicht leider konstatieren müsste, dass sich die Ermittlungen stellenweise ein wenig in die Länge ziehen. Das liegt in erster Linie daran, dass sich das Keller-Team seine Arbeit vom überengagierten Hobbykollegen Alfred Bader nur zu leicht aus der Hand nehmen lässt. Während Harry sich bemüht, das Interview mit einem Zeugen ungestört zu Ende zu führen, fällt ihm sein Chef prompt in den Rücken: Bei dem sich immer für Aufruhr und wilde Schuldzuweisungen begeisternden Kommissar Keller stößt Goberts dominante Figur auf einen nur allzu interessierten Sparringspartner. Das trägt zwar zum typischen Charme der Serie bei, erleichtert aber in diesem Fall nicht unbedingt die Verdaulichkeit des Mittelteils.

Weder zum ersten noch zum letzten Mal thematisiert Reinecker die eskalierende Gewalt, wenn Zuneigung und sexuelle Anziehungskraft in unterschiedliche Richtungen weisen. Feste Bindung oder doch nur Affäre? – diese Frage wird Lisa Bassenge zum Verhängnis. Neben einer anrührenden Verkörperung des Mordopfers durch Diana Körner und dem angespannten Verhältnis zweier völlig unterschiedlicher Brüder aus ihrem Umfeld ist aber leider auch eine etwas schleppende Ermittlungsphase zu verzeichnen.

(3,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller macht den Umgang mit dem selbsternannten Polizeihelfer zur Chefsache
||||| ||||| ||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| ||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| ||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 63: Episode 35 der TV-Kriminalserie, BRD 1971. Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Boy Gobert, Klausjürgen Wussow, Diana Körner, Peter Ehrlich, Addi Adametz, Gert Haucke, Jan Hendriks, Gustl Weishappel u.a. Erstsendung: 28. Mai 1971.

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