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Dieses Thema hat 647 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

27.09.2011 21:30
#166 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Ich war noch nicht einmal geboren, als der Kommissar 1969 seine Ermittlungen aufnahm, sondern lernte ihn erst durch die späteren zahlreichen Wiederholungen kennen.
Sofort mit der ersten Folge war ich dem Charisma dieses Herrn erlegen. Natürlich hat das vor allem mit Erik Odes unvergleichlicher Darstellung der Titelfigur zu tun. Seit dem “Kommissar” weiß ich, dass es eine Offenbarung sein kann, einem Schauspieler zuzusehen, wie er zuhört und nachdenkt, wie er leise und sanft und dennoch überaus hartnäckig sein kann und wieviel er nur mit einem Blick sagen kann. Am meisten verwundert mich, wie jemand der fast immer einen Kopf kleiner ist als alle übrigen Beteiligten, soviel Energie und Autorität ausstrahlen kann.

Dieser Kommissar ist ganz ohne Zweifel eine Vaterfigur. Streng, aber gerecht, autoritär, aber dennoch tolerant gegenüber Vertretern eines alternativen Lebensstils.
In “Ein Mädchen meldet sich nicht mehr” beklagt Kommissar Keller zwar, dass die junge Generation der älteren nicht erlaube, sie zu verstehen, und in “Dr. Meinhardts trauriges Ende” sowie in “Der Papierblumenmörder” versteht er sie wohl tatsächlich nicht, jedoch sind sie deshalb für ihn nicht automatisch Verbrecher. Zu einer Zeit als die “Langhaarigen” gerade von den Vertreter der Kriegs- und Vorkriegsgeneration, der Kommissar Keller angehört, auf zum Teil übelste Weise diffamiert wurden, übt sich dieser Mann in Toleranz. “Dieser nette, sanfte, junge Mann” äußert er zum Beispiel in “Der Papierblumenmörder” über den Hippie “Teekanne”. Kommissar Keller kann zwar weder in “Lagankes Verwandte” noch in “Als die Blumen Trauer trugen” einen Plattenspieler anstellen, hört sich jedoch sehr aufmerksam die ihm fremde Rockmusik an. “Vielleicht ein bisschen sonderbar” meint
er über “Hey Joe” von Jim Hendrix in “Eine Kugel für den Kommissar”, aber das ist schon das äußerste an Kritik, was er formuliert.

Überhaupt verfügt Kommissar Keller über immense Toleranz.
“Moral ist nicht mein Fach, schon gar nicht die bürgerliche!” verkündet er in “Ein Mädchen meldet sich nicht mehr”. "Harry, du hast ja die Vorurteile von uns! Wie jemand wohnt, sagt nicht unbedingt etwas über seinen Charakter aus!” ruft er seinen Assistenten in “Die kleine Schubelik” zur Ordnung. “Was es nicht alles hinter Türen gibt!” ist seine einzige Reaktion, als er in “Ein rätselhafter Mord” damit konfrontiert wird, dass eine verheiratetete Frau ihren
Mann während dessen Nachtschicht regelmäßig mit dem minderjährigen Sohn eines Nachbarn betrügt und sich das Schweigen ihrer ebenfalls minderjährigen Tochter mit Geld erkauft.

Offene menschliche Niedertracht jedoch empört auch den Kommissar zutiefst, und wenn er seine Verachtung oder Erschütterung darüber meist nur mit einem Blick deutlich macht, wirkt es umso intensiver.

Dieser lebenserfahrene Mann ist natürlich weitaus verständnisvoller als seine jungen Mitarbeiter.
In “Grauroter Morgen” muss Kommissar Keller Harry Klein allen Ernstes erklären, dass eine Mutter, die soeben ihre ermordete Tochter identifizieren musste, eine Stunde Zeit braucht, um zu weinen, während Klein und Heines auf dem Korridor die Vorzüge von Harrys neuester Freundin erörtern.
In “Ein Mädchen meldet sich nicht mehr” und in “Die kleine Schubelik” verhört er auf so einfühlsame Weise zwei junge Frauen, dass man glaubt ein Vater spreche mit seinen Töchtern. In “Der Held des Tages” spricht er überaus sensibel mit dem zehnjährigen Zeugen eines Banküberfalls. In “Fährt der Zug nach Italien” weigert er sich energisch, ein ständig misshandeltes kleines Mädchen zu verhören, obwohl er genau weiss, dass sie den Täter kennt.

Immer spürt man, dass er bei allen seinen Ermittlungen menschlich betroffen ist. “Wenn ich nicht ständig daran gedacht hätte, dass ich es mit Menschen zu tun habe, hätte ich nie herausbekommen, wer der Mörder ist.” verkündet er schon in seinem ersten Fall “Toter Herr im Regen”. Auch in “Spur von kleinen Füßen” äußert er sich über sein Berufsethos.

Weil Kommissar Keller seinem Beruf so überaus intensiv nachgeht, wird des öfteren thematisiert, wie sehr seine Arbeit ihn körperlich belastet.
“Ihr seid alle so frisch!” wundert er sich in “Tod eines Klavierspielers” über seine jungen Assistenten, während er auf der Couch in seinem Büro gegen die Müdigkeit ankämpft. In “Die Schrecklichen” verhört er spät nachts ganz allein mehrere Verdächtige gleichzeitig und bekämpft seine Erschöpfung mit Musik. So ist es auch kein Zufall, dass der Abspann dieser Folge über ein Bild des sich übermüdet mit der Hand übers Gesicht fahrenden Kommissars läuft. Am Ende von
“Geld von toten Kassierern” seufzt er vernehmlich: “Also für heute reicht’s mir!”
“Wo nimmt dieser Mensch nur die Kraft her?” wundert sich Fräulein Rehbein in “Kellner Windeck”, und Kommissar Keller selbst meint in “Schwester Ignatia”: “Manchmal frage ich mich, wie ich das aushalte.”

Außer seiner Leidenschaft für seinen Beruf ist sicherlich auch sein immenser Verbrauch an Genussgiften aller Art eine Antwort. Er raucht unentwegt (“Malboro” - wie in “Ein Anteil am Leben” relativ deutlich zu sehen ist) und trinkt neben seinem geliebten Rotwein alles was es an Alkohol zu haben gibt. All das macht ihn so ganz und gar menschlich.

Neben seinen charakterlichen Tugenden verfügt Kommissar Keller über zwei weitere Vorzüge: Charme und Humor. Man hat dabei immer das Gefühl, Erik Ode spielt damit gegen seinen Autoren an, der alles zu ernst nimmt. Gibt man ihm die
Gelegenheit dazu, dann liefert der Schauspieler wahre Kabinettstückchen ab.
Wie er in “Das Messer im Geldschrank” als verdeckter Ermittler einem Animiermädchen vor allem durch intensives Zuhören mehr an Geheimnissen entlockt, als dieser lieb sein kann.
Wie er in “Die Schrecklichen” nachts um elf Uhr nach dem ergebnislosen Verhör von vier mehr oder weniger Verdächtigen zunächst seine Erschöpfung mit einer Zigarette und Musik bekämpft, dann jedoch den Einfall hat, wie er des Mörders mit
Hilfe eines Tricks doch noch habhaft werden kann und ein unendlich leichtes Lächeln der Freude erst die Augen und dann den Mund überzieht und er jede Müdigkeit abschüttelt.
Wie er und Walter Grabert sich in “Tod einer Zeugin” zu den Klängen von “A Banda” von Herb Alpert gegenseitig durch ein Appartment jagen, jeder in der Annahme, einem Mörder zu verfolgen.
Wie er in “Der Papierblumenmörder” ganz allein einen langsamen Walzer tanzt und sich dann zur Ordnung ruft.
Wie er in “Die Schrecklichen” auf die Annäherungsversuche einer Verdächtigen reagiert.

Sämtliche Szenen mit seiner Frau Franziska gehören in diese Kategorie. Wie er sich ihrer Fürsorge entzieht und ergibt (“Toter Herr im Regen”), wie er sich ihrer Krankenpflege verweigert (“Das Messer im Geldschrank”), wie er ihr vergeblich seinen Zigarettenkonsum verheimlichen will (“Die Wagonspringer”), wie er einen Fall mit ihr bespricht (“Der Tod fährt 1. Klasse”), wie er sich über ihr Lob freut (“Geld von toten Kassieren”), wie er seinen Hochzeitstag nicht in Ruhe mit ihr feiern kann, weil er über “Dr. Meinhardts trauriges Ende” nachdenkt.

Zu einer solchen Vaterfigur gehören natürlich auch die Kinder, und so hat Kommissar Keller gleich drei “Söhne”, von denen jeder über bestimmte Eigenschaften seines “Vaters” verfügt.
Die "deutschen Tugenden" hat er an Robert Heines weitergegeben, den Charme und den Humor an Walter Grabert und seine
Statur und die Sanftheit an Harry Klein. Die “Tochter” Helga Lauer ist nicht annähernd so profiliert gezeichnet wie die “Söhne”, so dass sie niemand richtig vermisst, als sie später spurlos verschwindet.
Zu dieser Familie gehört mit Fräulein Rehbein noch die “Mutter” als “Stütze des Unternehmens” wie Walter Grabert bereits im ersten Fall meint.

Die Familie ist einander überaus zugetan, und man sorgt sich um den anderen.
Todesdrohungen durch rachsüchtige Verbrecher (“Eine Kugel für den Kommissar”) oder ungerechte Behandlung durch einen ignoranten Vorgesetzten (“Der Tod fährt 1. Klasse”) lassen sie nur näher zusammenrücken. Mitunter wird sogar der Feier-
abend gemeinsam verbracht wie in “Die Nacht mit Lansky”.
Über Körperkontakt wird immer wieder Zuneigung deutlich gemacht, etwa wenn Kommissar Keller Walter Grabert sanft mit der Faust gegen die Wange drückt.
Gegenseitige Zuneigung schließt natürlich liebevolle Flachserei untereinander nicht aus. Besonders der sanfte Harry Klein eignet sich bestens dafür, von seinem “Vater” und seinen “großen Brüdern” gefoppt zu werden. Bei seinem Bruder Erwin ist das nicht mehr ganz so ausgeprägt, obwohl er sich in “Der Liebespaarmörder” bei der schwärmerischen Beschreibung einer Zeugin von seinem Chef anhören darf: “Krieg dich wieder ein, oder ich lass dich zur Sitte versetzen!”
Aber auch Walter Grabert wird in “Die Tote im Dornbusch” ebenso wie Robert Heines in “Die Pistole im Park” gefrotzelt. Und auch Fräulein Rehbein darf sich von ihrem Chef des öfteren einige ironische Bemerkungen anhören.

Das Familiäre wird auch dadurch betont, dass das Büro zwar in erster Linie der Arbeit dient, aber eben auch für ganz private Dinge genutzt wird. Die Sofaecke im Büro von Kommissar Keller erinnert nicht von ungefähr an ein
Wohnzimmer.
Der Kommissar hat dort bereits übernachtet (“Das Messer im Geldschrank”), Siesta gehalten (“Tod eines Klavierspielers”) und sich rasiert (“Die kleine Schubelik”). Hier wird gefrühstückt und zu Abend gegessen. Nur zum Mittagessen scheint man
die Kantine aufzusuchen.
Auch seine geliebten Fische im Aquarium dienen der Regeneration des Kommissars. Als er in “Das Messer im Geldschrank” nach einem grippalen Infekt wieder genesen im Büro erscheint, erkundigt er sich als erstes, ob Fräulein Rehbein seine
Fische gefüttert hat. Des öfteren vermitteln ihm seine Lieblinge ein Gefühl der Ruhe inmitten aller Turbulenz. “Ihr habt`s gut!” meint er zu ihnen in “Ein Mädchen meldet sich nicht mehr” bevor er mit einem wichtigen Verhör beginnt.
So ist es nicht verwunderlich, dass Harry Klein seinem Chef zum Abschied in “Spur von kleinen Füßen” ein neues Exemplar (einen Schlammbeisser) schenkt.

Die Fälle, die Kommissar Keller und sein Team aufzuklären haben, sind überaus abwechslungsreich, weil sie sich nicht ausschließlich in den Villen der Reichen und Schönen abspielen. Vielmehr haben die Kriminalisten es auch mit sozial Schwachen sowie mit Berufsverbrechern zu tun.

Viele Episoden thematisieren die schrecklichen Schattenseiten der bürgerlichen Wohlstandsgesellschaft, in der sich die Menschen nur noch mit Hass, Verachtung, Gleichgültigkeit und Vorurteilen begegnen. In Episoden wie “Das Ungeheuer”, “Der Tod des Herrn Kurrusch”, “Mit den Augen eines Mörders”, “Schwierigkeiten eines Außenseiters” und “Im Jagdhaus” sind scheinbar biedere Bürger allzu schnell dabei, andere zu denunzieren, um von ihren eigenen Vergehen abzulenken.
Häusliche Gewalt wurde bereits damals thematisiert (“Die kleine Schubelik”, “Schwester Ignatia”, “Fluchtwege”, “Fährt der Zug nach Italien?”) sozial Schwächere gelten als Freiwild (“Der Tennisplatz”, “Schwierigkeiten eines Außenseiters”) und ältere Menschen werden nur noch als Erwerbsquelle sowohl für die nächsten Angehörigen (“Schwarzes Dreieck”) als auch für skrupellose Geschäftemacher (“Tod eines Ladenbesitzers”) betrachtet.

Neben diesen sozial engagierten Folgen gibt es die Klassiker, deren Geschichten überaus unkonventionell erzählt sind.
“Sonderbare Vorfälle im Hause von Professor S.” klingt wie ein Horrorfilm und ist es am Ende auch, wenn ein Psychiater nicht bemerkt, dass seine Sprechstundenhilfe den Verstand verloren hat.
“Traum eines Wahnsinnigen” ist ebenfalls beinahe ein Gruselfilm bei der man - Beginn und Ende zeigen die gleiche Einstellung - nicht beruhigt aus der Folge entlassen wird, sondern das Gefühl hat, alles könnte wieder von neuem beginnen.
“Schwarzes Dreieck” ist eine schier unglaubliche Geschichte über drei mörderische alte Damen, deren Treiben man dennoch ein gewisses Maß an Verständnis entgegenbringt.
“Die Kusine” ist die bizarrste Variante von “Charlys Tante”, die man sich nur vorstellen kann.

Immer wieder wird die heuchlerische Moral der bürgerlichen Klasse geschildert. Es ist erstaunlich, wie viele “Stützen der Gesellschaft” sich in dieser Serie hinter Gittern wiederfinden.
Bereits in der ersten Folge “Toter Herr im Regen” beschwert sich die Mörderin aus besten Kreisen über mangelnden Anstand in der heutigen Zeit und kann überhaupt nicht verstehen, warum man soviel Aufhebens darum macht, nur weil sie einen Menschen umgebracht hat, der eben diesen Anstand vermissen lies.
Der Industrielle, der in “Die Pistole im Park” eine Unterschlagung in Millionenhöhe, einen Mord sowie einen Mordversuch begangen hat, wird von Kommissar Keller mit besonderer Freude überführt, zumal dieser ihn die ganze Zeit über nicht
ernst genommen hat.
Dem “feinen Herren”, der sich in “Der Papierblumenmörder” auf ein Verhältnis mit einem Hippiemädchen einläßt und sie später als verkommenes Subjekt denunziert, zeigt der Kommissar ganz offen seine Verachtung.
Die flippigen Rockmusiker in “Als die Blumen Trauer trugen” wirken deutlich sympathischer als die gutbürgerlichen Kreise, die sogar eine illegale Abtreibung und einen Todesfall einkalkulieren, um eine “nicht standesgemäße Verbindung” zu beenden.
Die reiferen Herren der besseren Gesellschaft in “Kellner Windeck” entpuppen sich als Schläger und Tyrannen, während der unkonventionelle junge Mann aus der “Unterschicht” ein Beispiel an Mitgefühl und Menschlichkeit liefert, das sie wiederum zu Eifersucht und Mord treibt.
In “Dommans Mörder” treibt eine Familie (die diese Bezeichnung nicht verdient) mit ihrer Gleichgültigkeit und heuchlerischen Moral ein minderjähriges Mädchen zu einem Mord.
Ausgerechnet ein Richter entrüstet sich in “Tod eines Hippiemädchens” über den Lebenswandel der jungen Frau, die er zu lieben vorgibt und liefert damit seinem jüngeren Bruder den Vorwand zu einer sexuellen Nötigung und einem Totschlag.

Einerseits ist es natürlich schade, dass es vom “Kommissar” nur 97 Folgen gibt, andererseits besteht bei dieser relativ überschaubaren Anzahl von Episoden nicht die Gefahr, dass sich wiederholt wird. Wenn man sich vergegenwärtigt, wer für diese Serie vor der Kamera stand und wer für die Regie verantwortlich war, so kann man mit Fug und Recht sagen, dass hier die Kriminalserie zur Kunstform erhoben wurde.

Ich persönlich habe zahlreiche Lieblingsfolgen, die ich mir immer wieder mit dem allergrößten Vergnügen anschaue: “Toter Herr im Regen”, “Die Pistole im Park” und “Der Tod fährt 1. Klasse” von Wolfgang Becker, “Die Schrecklichen”und “Der Papierblumenmörder” von Zbynek Brynych, “Dr. Meinhardts trauriges Ende” von Michael Verhoeven, “Eine Kugel für den Kommissar” und “Die Nacht mit Lansky” von Erik Ode sowie“Tod eines Klavierspielers” von Michael Kehlmann.

Besonders schön sind für mich immer die Psychoduelle, die sich Kommissar Keller mit den Tätern liefert.
Grandios geschieht das mit Marianne Hoppe in “Parkplatz-Hyänen”, mit Renè Deltgen in “Die Nacht mit Lansky”, mit Käthe Gold in “Schwarzes Dreieck” und in “Ein Anteil am Leben” sowie mit Ingrid Andree und mit Günther Ungeheuer in
“Tod eines Klavierspielers”. Unvergesslich ist auch, wie er sich am Schluß von “Die Pistole im Park” vor Marianne Koch aufbaut und ihr unendlich leise aber überaus wirkungsvoll ins Gewissen redet.

Allen Fans der Serie kann man Gerald Grotes Buch "Der Kommissar - Eine Serie und ihre Folgen" nur empfehlen. Ich hätte dazu nur eine Korrektur anzubringen.
Der Vorname von Fräulein Rehbein ist mitnichten Käthe, sondern Lilo. Walter Grabert spricht sie in der Folge “Die Tote im Dornbusch” so an. Käthe ist vielmehr der Name der Kellnerin in der Kantine des Polizeipräsidiums, und wird von Harry Klein in “Das Messer im Geldschrank” sowie von Robert Heines in “Die Tote im Dornbusch” auch so angeredet.

Noch einige Ergänzungen zur Abteilung Musik, die im Anhang des Buches sehr umfangreich beleuchtet wird.
Das in “Die Schrecklichen” sehr wirkungsvoll eingesetzte Lied “Corinna” von Peter Beil ist eine Komposition von Peter Thomas, mit seiner deutschen Version des Schlagers von Ray Peterson aus dem Jahr 1961 hat es nichts zu tun.
In “Tod eines Klavierspielers” hört man eine Instrumentalversion von “Hey Jude”, zu der Kommissar Keller im Lokal “Pazifik” seinen Rotwein trinkt. Während Herbert und Franziska Keller in “Dr. Meinhardts trauriges Ende” ihren Hochzeitstag feiern, ist im Hintergrund “A pearl of strings” von Glenn Miller zu hören. In “Der Moormörder” spielt man einige Takte von “Song of Joy” von Miguel Rijos, eine moderne Adaption von Beethovens neunter Sinfonie. In “Ein rätselhafter Mord” kann man eine interessante deutsche Version des Harmonika-Motivs aus “Spiel mir das Lied vom Tod” hören - auf unvergleichliche Weise von Wolfgang Lukschy gesprochen, der zwar diesen Film nicht synchronisiert hat, jedoch in einem anderen Klassiker des Genres nämlich “Für eine Handvoll Dollar” mitgespielt hat. In “Schwester Ignatia”
erklingt während der zahlreichen Aufenthalte Ingrid Peppers im Schwimmbad immer wieder das “Aranjuez-Concerto” von Joaquim Rodrigo. In “Ein Anteil am Leben” ißt die Putzfrau Anna Bergmann zu dem Chanson “Le Meteque” von Georges
Moustaki in einem Restaurant Krebse. In “Ein Funken in der Kälte” wird in einem Lokal “Stranger on the shore” von Mr. Acker Bilk gespielt. In “Ohne Auf Wiedersehen zu sagen” hört man “The Entertainer” von Marvin Hamlish sowie eine mo-
derne Version von “Put your head on my shoulder” von Paul Anka. In “Der Segelboot-Mord” werden “Für Elise” von Ludwig van Beethoven sowie “In the mood” von Glenn Miller verwendet.

Für mich ist der Kommissar" ein Klassiker und es lohnt sich immer wieder, ihn nzuschauen!

Man sollte sich auch einmal das Vergnügen machen, sich das Kontrastprogramm anzusehen. In der Folge “Besuch von drüben” der Spionageserie “Die Fünfte Kolonne” kann man erleben, wie Erik Ode und Reinhard Glemnitz als zwei Agenten aus der DDR versuchen, aus Fritz Wepper als Bundeswehrsoldaten geheime Informationen herauszupressen, was schließlich mit dem Tod des Soldaten und der Flucht der Ostagenten endet.
Es ist fast ein Schock, zu sehen, wie dieser dem Zuschauer als väterlicher und sanfter Kommissar vertraute Schauspieler in seiner Rolle einen seinen späteren Mitarbeiter in den Tod treibt und den anderen mit Verbalinjurien belegt.
Auch in der Episode “Die ägyptische Katze” in “Die Fünfte Kolonne” spielt Erik Ode einen Ostagenten, der unter anderem mit diabolischem Vergnügen seinen Mitrbeiter zusehen lässt, wie er dessen Frau zur sexuellen Erpressung eines Offiziers
verwendet. Natürlich spricht es für die enorme Wandlungsfähigkeit von Erik Ode, dass er auch negative Figuren vollkommen glaubwürdig gestalten kann.

Noch eine Anmerkungs zum Schluß: Wem die Stimme von Erik Ode bekannt vorkommt, hat ihn wahrscheinlich als Synchronsprecher gehört. Er lieh regelmäßig Gene Kelly und Fred Astaire seine Stimme. Besondere Aufmerksamkeit dürften bei seinen Synchronarbeiten zwei Hitchcock-Klassiker verdienen. In “Der unsichtbare Dritte” spricht er für Cary Grant und in “Der Fremde im Zug” für Robert Walker.

Mr Keeney Offline




Beiträge: 1.359

28.09.2011 09:28
#167 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Wow, toller Beitrag und extrem gut und sorgfältig recherchiert. Vielen Dank dafür!

Einige Anmerkungen von mir dazu:

"Kommissar Keller kann zwar weder in “Lagankes Verwandte” noch in “Als die Blumen Trauer trugen” einen Plattenspieler anstellen, hört sich jedoch sehr aufmerksam die ihm fremde Rockmusik an. “Vielleicht ein bisschen sonderbar” meint
er über “Hey Joe” von Jim Hendrix in “Eine Kugel für den Kommissar”, aber das ist schon das äußerste an Kritik, was er formuliert."

Vielleicht ist das auch eine Statussache, sprich: er wollte es eigentlich nicht können ;-). Aber seine für die damaligen Verhältnisse außergewöhnliche Toleranz gegenüber neuer Musik ist mir auch schon aufgefallen. Besonder gut gefällt mir auch die Szene auf dem Lande in „Eine Grenzüberschreitung, wo ich glaube Walter das Autoradio mit flippiger Musik ausstellt, weil Erwin oder Robert mit einem anderen Wagen angefahren kommen, und Keller, der dies wohl noch nicht gesehen hat, sinngemäß fragt: „Warum machst du denn die Musik aus. Ist doch schön…“

"Überhaupt verfügt Kommissar Keller über immense Toleranz.
“Moral ist nicht mein Fach, schon gar nicht die bürgerliche!” verkündet er in “Ein Mädchen meldet sich nicht mehr”. "Harry, du hast ja die Vorurteile von uns! Wie jemand wohnt, sagt nicht unbedingt etwas über seinen Charakter aus!” ruft er seinen Assistenten in “Die kleine Schubelik” zur Ordnung."

Ebenfalls gut beobachtet: Keller kommt aus einer bestimmten Generation und hat bestimmte Vorurteile, weiß sie aber zu unterdrücken, selbst wenn es ihm manchmal sichtlich schwerfällt. Und das ist ihm hoch anzurechnen!

"Immer spürt man, dass er bei allen seinen Ermittlungen menschlich betroffen ist. “Wenn ich nicht ständig daran gedacht hätte, dass ich es mit Menschen zu tun habe, hätte ich nie herausbekommen, wer der Mörder ist.” verkündet er schon in seinem ersten Fall “Toter Herr im Regen”."

In der Tat eine programmatische Aussage gleich zu Beginn. Hier wird auch deutlich, dass er wohl der naheste deutsche Verwandte zu Simenons Kommissar Maigret darstellt!

"Außer seiner Leidenschaft für seinen Beruf ist sicherlich auch sein immenser Verbrauch an Genussgiften aller Art eine Antwort. Er raucht unentwegt (“Malboro” - wie in “Ein Anteil am Leben” relativ deutlich zu sehen ist) und trinkt neben seinem geliebten Rotwein alles was es an Alkohol zu haben gibt. All das macht ihn so ganz und gar menschlich."

100 % Zustimmung! Leider sind heutige Ermittler viel zu „sozial korrekt“ in dieser Hinsicht!

"Zu einer solchen Vaterfigur gehören natürlich auch die Kinder, und so hat Kommissar Keller gleich drei “Söhne”, von denen jeder über bestimmte Eigenschaften seines “Vaters” verfügt.
Die "deutschen Tugenden" hat er an Robert Heines weitergegeben, den Charme und den Humor an Walter Grabert und seine
Statur und die Sanftheit an Harry Klein."

Seine Statur? Ob der gute Fritz das wohl gern hört? ;-)

"Über Körperkontakt wird immer wieder Zuneigung deutlich gemacht, etwa wenn Kommissar Keller Walter Grabert sanft mit der Faust gegen die Wange drückt.
Gegenseitige Zuneigung schließt natürlich liebevolle Flachserei untereinander nicht aus. Besonders der sanfte Harry Klein eignet sich bestens dafür, von seinem “Vater” und seinen “großen Brüdern” gefoppt zu werden. Bei seinem Bruder Erwin ist das nicht mehr ganz so ausgeprägt, obwohl er sich in “Der Liebespaarmörder” bei der schwärmerischen Beschreibung einer Zeugin von seinem Chef anhören darf: “Krieg dich wieder ein, oder ich lass dich zur Sitte versetzen!”

Das ist mir auch aufgefallen, dass der „Welpenschutz“ für Erwin im Grunde nie so richtig aufgehoben wurde. Aber der Bruderwechsel stellt ohnehin eine markante Zäsur innerhalb der Reihe dar, Keller rauchte ab diesem Zeitpunkt beispielsweise auch weniger bzw. kaum noch.

"Das Familiäre wird auch dadurch betont, dass das Büro zwar in erster Linie der Arbeit dient, aber eben auch für ganz private Dinge genutzt wird. Die Sofaecke im Büro von Kommissar Keller erinnert nicht von ungefähr an ein
Wohnzimmer.
Der Kommissar hat dort bereits übernachtet (“Das Messer im Geldschrank”), Siesta gehalten (“Tod eines Klavierspielers”) und sich rasiert (“Die kleine Schubelik”). Hier wird gefrühstückt und zu Abend gegessen. Nur zum Mittagessen scheint man
die Kantine aufzusuchen."

Hehe, oder ein schönes bayrisches Wirtshaus. Aber richtig, jedem Kommissar-Fan geht das Herz auf bei (vor allem nächtlichen) Büroszenen. Das ist auch Alleinstellungsmerkmal: Bei „Der Alte“ ist das Büro zwar ebenfalls sehr markant, aber doch auch sehr unwirtlich und bei „Derrick“ im Grunde beliebig (wie ich finde).

"Einerseits ist es natürlich schade, dass es vom “Kommissar” nur 97 Folgen gibt, andererseits besteht bei dieser relativ überschaubaren Anzahl von Episoden nicht die Gefahr, dass sich wiederholt wird. Wenn man sich vergegenwärtigt, wer für diese Serie vor der Kamera stand und wer für die Regie verantwortlich war, so kann man mit Fug und Recht sagen, dass hier die Kriminalserie zur Kunstform erhoben wurde."

Dies unterschreibe und unterstreiche ich hiermit ausdrücklich!

„Allen Fans der Serie kann man Gerald Grotes Buch "Der Kommissar - Eine Serie und ihre Folgen" nur empfehlen. Ich hätte dazu nur eine Korrektur anzubringen.
Der Vorname von Fräulein Rehbein ist mitnichten Käthe, sondern Lilo. Walter Grabert spricht sie in der Folge “Die Tote im Dornbusch” so an. Käthe ist vielmehr der Name der Kellnerin in der Kantine des Polizeipräsidiums, und wird von Harry Klein in “Das Messer im Geldschrank” sowie von Robert Heines in “Die Tote im Dornbusch” auch so angeredet.“

Wieder eine sehr feine und interessante Beobachtung, Dankeschön!

„Man sollte sich auch einmal das Vergnügen machen, sich das Kontrastprogramm anzusehen. In der Folge “Besuch von drüben” der Spionageserie “Die Fünfte Kolonne” kann man erleben, wie Erik Ode und Reinhard Glemnitz als zwei Agenten aus der DDR versuchen, aus Fritz Wepper als Bundeswehrsoldaten geheime Informationen herauszupressen, was schließlich mit dem Tod des Soldaten und der Flucht der Ostagenten endet.
Es ist fast ein Schock, zu sehen, wie dieser dem Zuschauer als väterlicher und sanfter Kommissar vertraute Schauspieler in seiner Rolle einen seinen späteren Mitarbeiter in den Tod treibt und den anderen mit Verbalinjurien belegt.
Auch in der Episode “Die ägyptische Katze” in “Die Fünfte Kolonne” spielt Erik Ode einen Ostagenten, der unter anderem mit diabolischem Vergnügen seinen Mitrbeiter zusehen lässt, wie er dessen Frau zur sexuellen Erpressung eines Offiziers
verwendet. Natürlich spricht es für die enorme Wandlungsfähigkeit von Erik Ode, dass er auch negative Figuren vollkommen glaubwürdig gestalten kann.“

Ist bei mir schon vorgemerkt!

Beste Grüße

David

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

28.09.2011 17:40
#168 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Lieber Mr. Keeney bzw. David,

vielen Dank für Ihre freundliche Meinung zu meinem Beitrag!

Mit Statur meine ich natürlich keinen direkten physischen Vergleich (was zum Beispiel die Gesichtszüge angeht), sondern nur, dass beide (Erik Ode und Fritz Wepper) eher klein sind. Die Verwandtschaft von Kommissar Keller zu Kommissar Maigret ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Ruhig zuhören und sich dann seine Gedanken machen sowie die väterliche Ausstraahlung zeichnet beide aus. Dazu natürlich das stäändige Rauchen. Für mich - obwohl passionierte Nichtraucherin - ist der Einsatz der Zigaretten ein wichtiger Bestandteil der Serie. Als Komissar Keller in der vierten Staffel das Rauchen in den meisten Fällen unterlässt, fehlt etwas.

Die erwähnte Folge "Eine Grenzüberschreitung" muß ich mir auf diese bestimmte Szene hin glatt noch einmal anschauen. Es gibt allerdings in der Episode "Der Tote von Zimmer 17" eine ähnlich schöne Begebenheit. Während seiner Ermittlungen im Hotel tanzt eine junge Frau zu Musik von Calos Santana. Kommissar Keller kann den Blick kaum von ihr wenden und tippt mit den Fingerspitzen den Rhytmus mit. In der Folge "Toter gesucht" glaubt, der Mordverdächtige, den Kommissar blamieren zu können, indem er ihn mit seiner Freundin auf die Tanzfläche schickt, doch Kommissar Keller macht seine Sache durchaus gut. Meine Lieblingsmusik (natürlich neben "I'd love you to want me" von Lobo aus "Sonderbare Vorfälle im Hause von Professor S." sowie "Du lebst in deiner Welt" von Daisy Door aus "Als die Blumen Trauer trugen") ist übrigens "Where will the salmon spawn" von Improved Sound Limited aus "Dr. Meinhardts trauriges Ende".

Darf ich abschließend fragen, wie Sie zum "Kommissar" gekommen sind und welche Folgen Sie besonders mögen?

Beste Grüße zurück! Cora Ann Milton

Mr Keeney Offline




Beiträge: 1.359

29.09.2011 09:20
#169 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Liebe Cora,

den Track von Improved Sound Limited finde ich auch sehr passend, gelungen und „highlightsverdächtig“.
Ansonsten blieb mir auch noch vor allem der beeindruckende Einsatz von „Tobacco Road“ von Eric Burdon & War in „Lagankes Verwandte“ sowie die ebenfalls sehr gute filmtragende musikalische Untermalung in „Die Anhalterin“ mit Sandy Nelson und wiederum Eric Burdon im Gedächtnis haften.
Gerade bemerke ich, dass die beiden Folgen auch noch direkt benachbart sind. Irgendwie trug da die Musik meiner Meinung nach besonders intensiv zur Untermalung der Handlung bei.

„Darf ich abschließend fragen, wie Sie zum "Kommissar" gekommen sind und welche Folgen Sie besonders mögen?“

Hmm, also mein Einstieg in die Krimiwelt waren (neben gelesenen Büchern) Mitte der 90er die Wallace-Filme auf Kabel 1 (unvergessen: „Das indische Tuch“ als „Einstiegsdroge“).

„Der Kommissar“ habe ich dann einige Jahre später jeden Sonntagabend auf 3sat verfolgt. Das war so was wie die letzte Bastion (und manchmal nachgerade der gefühlte Höhepunkt) des Wochenendes, ein idealer krönender Abschluss, auf den ich hinfieberte.

Lieblingsfolgen jetzt so spontan rauszugreifen fällt mir schwer. Aber demnächst werde ich wahrscheinlich mal eine Art „Top-Liste“ präsentieren.

Beste Grüße

David

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

01.10.2011 21:28
#170 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Bevor Erik Ode den "Kommissar" verkörperte, spielte er bereits zwei umfangreiche Rollen als Kriminalbeamter in der Serie “Das Kriminalmuseum”.

In der Episode "Der Brief" ermittelt er als Kommisar Gareis gegen Wolfgang Kieling, den man verdächtigt, Monika Peitsch vergewaltigt zu haben. Angeblich soll sich der Produzent Helmut Ringelmann wegen dieser Folge auf Erik Ode als zukünf-tigen "Kommissar" festgelegt haben. Das ist nur schwer vorstellbar, denn in dieser Rolle ist der Schauspieler meiner Meinung nach noch etwas weit entfernt vom späteren Kommissar Keller. Er versteigt sich sogar dazu, in einer Szene Monika Peitsch in ihrer Rolle als vermeint-liches Opfer einer Vergewaltigung anzubrüllen.

Viel mehr entspricht der Kommissar Zobel in der Episode “Die Reisetasche” in der selben Serie seiner späteren Rolle, denn sein ruhiges Selbstbewusstsein und sein unwiderstehlich trockener Humor sind hier schon voll ausgeprägt. Allein die Chemie mit seinem mürrischen Mitarbeiter (Sigurd Fitzek) stimmt irgendwie überhaupt nicht.

Beide Episoden sind sehr unterhaltsam (die erste eher dramatisch, die zweite eher witzig) und lohnen das Anschauen!

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

02.10.2011 15:58
#171 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Ein besonders schöne Moment in "Keiner hörte den Schuß".

Horst Sachtleben hat soeben gegenüber Erik Ode Michael Hinz schwer belastet. Marianne Hoppe, die hinter der Tür gelauscht hat, kommt wie der Blitz herein und gibt ihm dafür eine saftige Ohrfeige. Das Grinsen von Erik Ode in diesem Moment ist unbezahlbar!

Georg Offline




Beiträge: 3.222

02.10.2011 22:12
#172 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Zitat
Angeblich soll sich der Produzent Helmut Ringelmann wegen dieser Folge auf Erik Ode als zukünf-tigen "Kommissar" festgelegt haben. [...] Viel mehr entspricht der Kommissar Zobel in der Episode “Die Reisetasche” in der selben Serie seiner späteren Rolle


Hierzu Folgendes. Zunächst eine Anekdote, die ich schon mal im Kriminalmuseums-Thread gepostet hatte:

Zitat von Georg (Thread: Bewertet „Das Kriminalmuseum“, 24.01.2011)
Ich hatte vor zwei Monaten Gelegenheit, den Regisseur Jürgen Goslar persönlich kennenzulernen und mit ihm für die DVD-Veröffentlichung von "Im Busch von Mexiko" ein 75minütiges Interview zu führen. Am Rande des Interviews, in dem wir auch ca. 25 Minuten über die Zusammenarbeit mit Helmut Ringelmann sprechen, erzählte er mir in der Pause auf Erik Ode angesprochen: "Wissen Sie, ich glaube ich bin schuld daran, dass es die Serie "Der Kommissar" in dieser Form überhaupt gegeben hat. Ich habe unter der Regie von Erik Ode in Berlin ein Fernsehspiel gedreht und da hat er sich beschwert, dass ihn niemand mehr als Schauspieler besetzt. Da habe ich gesagt: "Kannste haben" und ihn als erster in einer Ringelmann-Produktion als ermittelnden Kommissar besetzt. Von da an ist er dann immer wieder besetzt worden".


Natürlich entspricht seine Rolle als Oberinspektor Gareis in "Der Brief" noch nicht jener des Kommissars Keller. Vielmehr ist - wie Cora Ann Milton anmerkt - sein Kommissar Zobel in "Die Reisetasche" der "Vorläufer". Diesbezüglich hat mir der Regisseur Erich Neureuther vor Jahren mal mitgeteilt, dass Odes Darstellung in dieser Episode letztlich ausschlaggebend für seine Besetzung war. Und dass Ringelmann seine Serienhauptdarsteller gerne vorher in verschiedenen anderen Episodenrollen ausprobiert hat, ist auch bekannt (so auch H. Tappert, Rolf Schimpf, Siegfried Lowitz, Peter Kremer, W. M. Bauer ...). Sogesehen führt der Weg zu Kommissar Keller letztlich über "Oberinspektor Gareis"/Jürgen Goslar und "Kommissar Zobel"/Erich Neureuther.

Cora Ann Milton Offline



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03.10.2011 11:29
#173 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Danke für die erhellenden Anmerkungen, Georg!

Bemerkenswert ist ja auch, dass Helmut Ringelmann Erik Ode - Gott sei Dank! - gegen den Willen zahlreicher Verant-wortlicher des ZDF als Kommissar Keller durchgesetzt hat. Die Herrschaften meinten wohl, Erik Ode sei zu klein und nicht energisch genug. Wie man sich doch irren kann!

Helmut Ringelmann hat wunderbare Worte über Erik Ode als "Kommissar" gefunden, wie man in dem Ausschnitt eines Interviews hören kann, das im Bonusmaterial zur ersten DVD-Box zu finden ist.

Können Sie mir etwas darüber verraten, wie sich Jürgen Goslar über die Zusammenarbeit mit Erik Ode geäußert hat? Das würde mich wirklich sehr interessieren!

Percy Lister Offline



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06.11.2011 20:29
#174 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Bewertet: "Ein Amoklauf" (Folge 49/ Erstausstrahlung am 2. Juni 1972)
mit: Gerd Baltus, Krista Keller, Götz George, Elisabeth Wiedemann, Charles Regnier, Hans Quest, Lisa Helwig, Ingrid Capelle, Lambert Hamel, Rosl Mayr, Ellen Umlauf u.a.
Regie: Wolfgang Becker

Erich Weissmann, ein dreifacher Mörder, bricht aus der Strafanstalt aus und versucht sich zu seiner Frau Hannelore durchzuschlagen, die er damals auch töten wollte, jedoch nur schwer verletzt hat. Hannelore hat vor kurzem wieder geheiratet und wohnt nun mit ihrem neuen Ehemann in der alten Wohnung, in der ihr Vater und ihre beiden Kinder starben.
Gerd Baltus spielt den "man on the run" mit beeindruckender Entschlossenheit. Die Überlistung der Wachen im Gefängnis; sein Weg hinaus ins gleißende Licht der Autoscheinwerfer; sein Versuch, in einer Gaststätte Geld zu wechseln und die Taxifahrt durch die Polizeisperren verdeutlichen, wie ernst es dem Mann mit seiner Flucht ist. Sein Ziel ist dem Büro Keller schnell klar: Weissmann will nach Hause und das vollenden, was er beim letzten Mal nicht geschafft hat: seine Frau zu töten. So bestätigt es auch der eilig herbeigerufene Psychologe Dr. Förster, der von Charles Regnier mit abgeklärtem Gleichmut gespielt wird. Seine halbherzigen Bemühungen, den Fall aufgrund seiner Fachliteratur zu erklären, tragen nicht im mindesten zur Arbeit der Polizei bei und werden vom Regisseur als das gesehen, was sie sind: Kommentare eines Unbeteiligten. Mehrmals weist Becker auf die Sensationsgier der Menschen hin: So blendet die Kamera immer wieder die gaffenden Anwohner an ihren Fenstern ein; sie haben sich extra ein Kissen zurechtgelegt, um es an ihrem Aussichtspunkt gemütlich zu haben. Und eine Hausbewohnerin meint gar: "Wann machen Sie denn endlich Schluss, man bekommt die Kinder gar nicht mehr ins Bett." Zwischen diesen Momentaufnahmen in der Kneipe und im Reihenhaus sieht man den Weg, den Weissmann durch die dunkle Nacht nimmt. Die Spannung wird durch Situationen beschworen, in denen die Polizei jeweils um wenige Minuten zu spät eintrifft. So auch in der Wohnung des Ehepaars Saume, wo Weissmann einen Anzug und Schuhe erbittet. Hans Quest als verängstigter Freund ruft Erinnerungen an seinen Harry Denston ("Tim Frazer") wach. Krista Keller hat hier eine ähnlich gelagerte Rolle wie in der "Derrick"-Folge "Der Tag nach dem Mord" (Folge 14, 1975), nur ist sie nicht so elegant. Der Friseur des "Kommissar"-Teams hatte während des Drehs dieser Episode offensichtlich Urlaub. So schlampig und ungekämmt habe ich die beteiligten Herren noch nie gesehen. Man möchte am liebsten zur Schere greifen und ihre Mähnen stutzen. Im Mittelpunkt des Geschehens steht diesmal Walter Grabert, der in der Wohnung des Paares Keller/George wartet und sich den Zank und die Rechtfertigungen der Eheleute anhören muss. Als der entflohene Häftling dann endlich im Wohnzimmer steht - die Pistole in der Hand - erleben alle Anwesenden eine Überraschung....
Sehr düstere, intensiv gespielte Folge aus dem guten Mittelfeld mit einem zurückhaltenden Ermittlerteam und einem glaubwürdigen Trio (Baltus/Keller/George).

Chinesische Nelke Offline



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01.01.2012 17:54
#175 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Besonders mitgenommen hat mich die Szene in der Weissmann auf dem Dachboden die Schulhefte seiner Kinder findet, schauderhaft.

Sehr gut wie immer auch Götz George als neuer, änglicher Ehemann.

Chinesische Nelke Offline



Beiträge: 136

01.01.2012 21:13
#176 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Ein Playboy segnet das Zeitliche

ist für mich die allerbeste Folge überhaupt.

Emotionale Geschichte mit toller Hauptdarstellerin Donata Höffer

Interessantes Grundthema, Helmuth Lohner spielt den Playboy einfach genial

Tolle Nebenrollen für Andreas Seyfarth, Kai Fischer, Carl Lange und Babara Rütting

Jahrhundert Sommer 1975

und die vielleicht schönste Szene der Serie als Lohner/Höffer ein Segelboot ins Wasser lassen, dazu geniale Hintergrundmusik.
Danach wird man durch die Floßszene in die Realität zurückgerissen, in der beide Personen diese Folge nicht überleben.

Neben dem Derrick der Mann aus Portofino der für mich beste ZDF Krimi.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

05.02.2012 15:08
#177 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Nachtrag zu "Mord nach der Uhr" (Episode 94):

Alexandra Marischka ist Anita Reese, die Schwiegertochter von Maria Becker, einer sehr starken Persönlichkeit. In den wenigen Minuten ihres kurzen Auftritts gelingt es ihr erneut, eine Faszination um ihre Person entstehen zu lassen, die den Boden bearbeitet, den Ilo Kusche in "Ende eines Tanzvergnügens" (Episode 31) so nachhaltig bereitet hat. Wir ziehen Vergleiche zwischen den zwei Frauenfiguren und erkennen eine gewisse Kontinuität, die sicher beabsichtigt und erwünscht war. Wortreiche Auftritte sind von ihr nicht zu erwarten. Der Zauber, der von ihr ausgeht, beruht auf ihrer Ausstrahlung, dem schwebenden Gang und dem Kindchenschema, in das man das puppenhafte Gesicht einordnen kann. Zwar wurde ihr als verheirateter Frau Reese eine seriöse, weil strenge Frisur verliehen, um zu zeigen, dass sie in eine wohlhabende Familie eingeheiratet hat, doch ganz wollte man nicht mit dem Image der Darstellerin brechen. Ihre leise Stimme, die in gezierter Weise zu ihrer Schwiegermutter spricht, soll Harmlosigkeit suggerieren; das Wesen eines schönen Mädchens, das wie ein Zimmerschmuck wirkt, in Wahrheit jedoch das Gefüge der Traditionsfirma Reese auseinandernimmt. Ihr glasklarer Verstand; die Energie, mit der sie Forderungen umsetzt und das Selbstbewusstsein, das sich in ihrem Handeln ausdrückt, wird erst nach ihrem Tod von ihrem Scheidungsanwalt erläutert. Wir sehen Fotos, auf denen sie sinnlich und kraftvoll wirkt und die vermitteln, dass sie von der Familie Reese unterschätzt wurde. Wie in Episode 31 ist Marischka auch hier von schwachen und brutalen Charakteren umgeben. Männern, die ihr Potenzial verkannt haben und ihr unschuldiges Gesicht mit ihrer Persönlichkeit gleichgesetzt haben. Männer, die sich mit ihr schmücken wollen und aufgrund ihrer passiven Aura glauben, es seien keine eigenen Gedanken oder Meinungen von ihr zu erwarten. Alexandra Marischka steht im Blickpunkt der Männer, Frauen können wenig mit ihr anzufangen, da sie nicht recht wissen, wie sie sie einordnen sollen. So bleibt sie in ihren Filmauftritten allein, ohne Freundin.
"Mord nach der Uhr" wurde am 21. November 1975 im ZDF erstgesendet, die Dreharbeiten zu "Parapsycho - Spektrum der Angst" begannen über ein Jahr vorher am 30. September 1974 und der Film gelangte am 3. April 1975 zur Uraufführung. Wegen der dünnen Filmografie der Darstellerin suchen wir nach Parallelen, nach Hinweisen auf Zusammenhänge und nach dem tragischen Element, das ihre Auftritte wie ein roter Faden durchzieht. Auch wenn sie uns in einer Großaufnahme ganz nahe kommt, haben wir dennoch das Gefühl, dass sie gedanklich weit von uns fort ist; dass es uns nie gelingen wird, sie auf den Boden der Realität holen zu können, sondern, dass sie immer schon vorausgelaufen ist, eine Handbreit von unserem Standort entfernt. Die dosierte Präsenz ihrer Person trägt wesentlich dazu bei und webt einen Mythos um sie, den zu ergründen nicht in der Absicht der Regisseure liegt. Alexandra Marischka soll ein Traumbild bleiben, eine Gestalt, die durch unsere Räume geht und trotzdem nicht greifbar wird.

Prisma Offline




Beiträge: 7.567

05.02.2012 17:36
#178 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Alexandra Marischka zelebriert erneut amourösen Narzissmus in "Der Kommissar".

MORD NACH DER UHR (1975)



Nach "Parapsycho - Spektrum der Angst" sah man Alexandra Marischka 1975 wie bereits erwähnt noch in der Kommissar-Folge „Mord nach der Uhr“ als Anita Reese. Anita, eingeheiratet in eine sehr betuchte Familie, wird für die Reese Dynastie zum unberechenbaren Problemfall, da sie die Scheidung mit dem ältesten Sohn verlangt, der seinerzeit einen Ehevertrag zu seinen Ungunsten unterzeichnete. Ihr stehen somit 1 Million D-Mark des Privatvermögens zu, außerdem bliebe sie nach der Trennung mit 25% Sperrminorität Gesellschafterin in der Firma und könnte so jede Entscheidung blockieren, die Firma quasi ruinieren, indirekt wird die Kompetenzfrage gestellt. Anita verweigert jedes Gespräch und gibt sich überaus kompromisslos, so dass man nur noch eine Möglichkeit sieht (und hier zitiere ich gerne Gisela Uhlen in „Die Tür mit den 7 Schlössern): „Deshalb ist der Tod die einzige und deshalb beste Lösung“.
Anita Reese bekommt von Alexandra Marischka, die nur einen sehr kurzen Part auszufüllen hatte, ein bestechendes Profil verliehen. Verglichen mit ihrer Ilo Kusche aus der Episode „Ende eines Tanzvergnügens“ sieht man hier eine harte, aber ebenso selbstverliebte junge Frau, die sich ohne große Mühe in den Mittelpunkt der Episode rückt, und beteiligte Personen beabsichtigt oder unbeabsichtigt in große Bedrängnis bringen kann. Von ihr geht eine latente Gefahr aus, die abgestellt werden muss.
Mit Marischkas Besetzung hatte man einen Glücksgriff getan, da die Schauspielerin die erforderlichen Voraussetzungen für genau diese Art von Rolle mitbrachte. Eine unergründliche Aura, eine Frau bei der man gut nachvollziehen kann, wie sie zu einem Ehevertrag mit solchen für sie persönlich günstigen Konditionen kommen konnte, ein Wesen das buchstäblich Köpfe verdreht. Stilistische Veränderungen bei der Frisur und die schwarz-weiß Kontraste unterstreichen dieses Mal harte und kalte Züge. Wie unbequem Anita für die Familie geworden ist zeigt ihre Art, mit ihrer Schwiegermutter (Maria Becker) zu kommunizieren. Sie stellt ständig Fragen, bekommt ausweichende Antworten, dass sie einfach nur existiert ist schon Bedrohung genug. Sie trinkt und wirkt dabei sehr gelassen, fast anteilnahmslos und scheint sich der Gefahr in der sie sich befindet in keinster Weise bewusst zu sein. Etwas naiv und oberflächlich dargestellt, ist Anita eigentlich der unterlegene Charakter, aber durch ihre Gleichgültigkeit, ihre Launen und ihre lapidaren Entschlüsse stellt sie der übermächtigen und überlegenen Schwiegermutter ein indirektes Ultimatum welches sie ihr permanent ins Gedächtnis ruft.



Alexandra Marischka wurde so eingesetzt, wie es eigentlich üblich war. Die schöne, geheimnisvoll wirkende Frau, hier mit Allüren und Affären, die sich wie es in der Folge heißt „zu schade für nur einen Mann“ war. Die große Überzeugungskraft entsteht nicht zuletzt durch Marischkas bestehendes Image. Die handvoll mir bekannten Produktionen unter ihrer Mitwirkung brachten eigentlich immer den selben Typen hervor. Eine Einzelgängerin mit träumerischen Tendenzen, kaum Worte verlierend und nur durch ihre Präsenz strahlend. Als Identifikationsfigur funktionierte die Schauspielerin daher fast kaum, zu unnahbar wirkte sie, schuf aber stets eine eigenartige Faszination um sich, wie auch hier. Leider wurde Alexandra Marischka in ihrem filmischen Schaffen sehr verschwenderisch in größtenteils unbedeutenden und trivialen Rollen eingesetzt, die ein Ansehen kaum lohnen. „Der Kommissar“ bildet hierbei die rühmliche Ausnahme, für mich persönlich auch „Parapsycho – Spektrum der Angst“. Wen spielt Alexandra Marischka eigentlich? Ihre Rollen beim Kommissar erforderten dosierte Präzision und Progressivität, der Eindruck der Leichtigkeit bleibt durchaus bestehen. Handelt es sich um schauspielerische Kompetenz oder ist es eine Wesensfrage? Für mich ist und bleibt sie ein Phänomen und ich bedauere das liegen gelassene Potential für Aufsehen erregende Filmrollen, die es für sie gewiss gegeben hätte!
Die Familienkonstellation ist hierarchisch angeordnet. Über allen steht die damenhafte Mutter, die ihre Söhne im Griff hat und im Hintergrund die Fäden zieht. Zwei Schwiegertöchter sind vorhanden, von denen keine der Mutter gut genug scheint. Die unbequemste der beiden muss beseitigt werden, die weniger unbequeme stellt eben nur das kleinere Übel dar, da sie sich angepasst und unterworfen hat, deshalb also nach Wunsch funktioniert. Genüsslich wird in dieser Folge also der Mythos „Schwiegermutter“ aufgegriffen. Eine Mutter zieht bewusst schwache Söhne heran, die ihrer Ansicht nach Frauen verdient haben, die etliche Stufen unter ihnen stehen, vor allem aber unter ihr rangieren. Anita Reese stellt somit nicht nur die Gefahr für die Existenz der Familie dar, sondern es geht ebenfalls um den persönlichen Machtkampf zwischen Alexandra Marischka und Maria Becker, die in eine Spirale aus Fremdunterschätzung, Selbstüberschätzung und etabliertem Gedankengut geraten ist und sich für den Ausweg zuständig sieht, da sie sich für die einzige hält, die mit Kompetenzen umzugehen weiß. So ist sie zu jedem Mittel und zu jedem Bauernopfer bereit. In diesem Kampf zweier Frauen, die zwar unterschiedlicher nicht sein könnten und gegensätzlich motiviert sind, aber sich dennoch auf Augenhöhe begegnen, kann es also nur Eine geben. Zu viele Gegensätze prallen aufeinander, Gleichgültigkeit entschärft Dominanz, notgedrungene Kompromissbereitschaft wird mit Arroganz verhöhnt, die letzte Chance scheitert an Desinteresse, Aggressionen prallen gegen eine unscheinbare Fassade, die sich als uneinnehmbare Festung herausstellt. Das alles gibt es sicherlich in manchen Krimis, aber ohne ein so verzwicktes Tauziehen zwischen Maria Becker und Alexandra Marischka.

Percy Lister spricht als roten Faden das tragische Element ihrer Rollen an. Alexandra Marischka als Magnet für schwache Charaktere, von der allerdings überhaupt keine demonstrative Stärke ausgeht, sondern ein eher übernatürlicher Selbstwert. Sie ist tatsächlich die Einzelgängerin um die zahlreiche Männer schwirren, wie die Motten um das Licht, Interesse wird nicht signalisiert. Ihre Unberechenbarkeit besteht darin, dass man sie nicht einschätzen kann, ihr Gesicht, das augenscheinlich alles zu sagen scheint bleibt dennoch unergründlich, auch dass sie sich nicht mitteilt, durch ihr aufforderndes Schweigen Erwartungen schürt, Reaktionen heraufbeschwört und Handeln provoziert, untermalt diesen Eindruck, möglicherweise auch fernab des Films. Verführungskunst ohne diese aktiv anzuwenden, Auffordern ohne zu verbalisieren, Faszinieren ohne einen Kraftakt hinlegen zu müssen, das bestätigt meine oft überlegte These, dass man Alexandra Marischka hier nicht wahrlos engagierte, sondern eine genaue Vorstellung bezüglich der Besetzung hatte.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

05.02.2012 19:48
#179 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Besser hätte man es nicht formulieren können! Eine sehr schöne Hommage an die Schauspielerin.

Prisma Offline




Beiträge: 7.567

05.02.2012 20:01
#180 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Was ich bezüglich Deines Beitrages nur zurückgeben kann, Percy Lister

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