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Dieses Thema hat 164 Antworten
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Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

15.12.2018 00:30
#91 Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten



Edgar Wallace: Die toten Augen von London

Auch wenn die Krimis der 1960er Jahre London mit gefühlten 365 Nebelnächten präsentieren, belegt die von Sunny Harvey zu Rate gezogene Statistik nur 40 davon. Wenn aber wenigstens in jeder dieser Nächte die toten Augen von London ihr mörderisches Handwerk verrichten, verspricht das immer noch einen ganz ansehnlichen Bodycount sowie lukrative Nebeneinnahmen für die involvierten Firmen hochangesehener Biedermänner. „Die toten Augen von London“ schlagen eben eine sehr effektive Brücke zwischen blinden Halbweltgrößen und deren respektablen Hintermännern.

Gemeinsam mit „Das Gasthaus an der Themse“ gilt „Die toten Augen von London“ als der große Klassiker der Rialto-Reihe. Alfred Vohrer bringt hier einen ganz neuen Stil ein, den er in dieser Härte auch später kein zweites Mal wiederholte. Ist der Film auch für euch ein spektakulärer Angsttraum voller todbringender Waschkessel und zerdrückter Glühbirnen oder hat der blinde Jack euch ebenso enttäuscht wie seinen Chef?

Links:

Platzierung im Edgar-Wallace-Filmgrandprix 2014: Platz 1 von 36 (91,79 %)

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

15.12.2018 20:15
#92 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten



Edgar Wallace: Die toten Augen von London

Kriminalfilm, BRD 1961. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Trygve Larsen (d.i. Egon Eis) (Romanvorlage „The Dark Eyes of London“, 1924: Edgar Wallace). Mit: Joachim Fuchsberger (Inspektor Larry Holt), Karin Baal (Nora Ward), Dieter Borsche (Reverend Paul Dearborn), Wolfgang Lukschy (Stephan Judd), Harry Wüstenhagen (Flimmer-Fred), Eddi Arent (Sunny Harvey), Ann Savo (Fanny Weldon), Klaus Kinski (Edgar Strauss), Ady Berber (Jacob Farell, der „blinde Jack“), Bobby Todd (Lew Norris), Franz Schafheitlin (Sir John), Rudolf Fenner (Matthew Blake), Ida Ehre (Ella Ward), Hans Paetsch (Gordon Stuart), Walter Ladengast (Pförtner im Blindenheim) u.a. Uraufführung: 28. März 1961. Eine Produktion der Rialto-Film Preben Philipsen Frankfurt / Main im Prisma-Filmverleih Frankfurt / Main.

Zitat von Die toten Augen von London
Richard Porter aus Melbourne ist der dritte ausländische Millionär, der innerhalb kurzer Zeit tot aus der Themse gefischt wird. Was für sich genommen nach Unfällen aussieht, erscheint Scotland Yard durch das Gesetz der Serie schließlich doch verdächtig, zumal sich in Porters Tasche ein Zettel mit einer verräterischen Botschaft in Brailleschrift findet. Diese bringt Inspektor Larry Holt und dessen Assistentin Nora Ward auf die Spur des blinden Hausierers und Verbrechers Jack, der zuletzt im Heim von Reverend Dearborn gemeldet war. Jack ist mittlerweile wie vom Erdboden verschwunden und erscheint nur wenigen Todgeweihten. Sein nächstes Opfer, der Kanadier Gordon Stuart, vermachte sein Vermögen einer unehelichen Tochter, welche offenbar vor 22 Jahren bei ihrer Geburt starb ...


„Verbrechen ... Mord ... das blinde Ungeheuer und sein Chef ...“

Hatte „Der grüne Bogenschütze“ sich noch wegen mangelnder Unheimlichkeit seines titelgebenden Verbrechers auf eine Ironisierung des Geschehens berufen müssen, so können „Die toten Augen von London“ auf dieses Prinzip getrost verzichten: Man braucht von der von Inspektor Holt beschworenen Bande blinder Hausierer, die ihre Verbrechen nur bei Nacht und Nebel ausführen, nicht einmal viel zu sehen, um ernstliche Schauer über den Rücken gejagt zu bekommen. Von einem unbekannten Boss unbarmherzig zu Mord um Mord angetrieben, präsentiert sich „der blinde Jack“ nicht nur als die verstörendste Killer-Figur der gesamten Serie, für die man mit Ady Berber eine so ikonische Besetzung fand, dass man hier getrost vom Boris-Karloff-Monster der Wallace-Reihe sprechen kann; auch wird Jacks Entschlossenheit als Erfüllungsgehilfe perfekt durch seinen ängstlichen Kumpanen Lew Norris unterstrichen. Die Szene, in der beide ihre grausige Prozedur am Waschkessel vollführen, während oben im Blindenheim Beethovens Fünfte gespielt wird, ist ebenso wie Jacks Besuche in Mr. Stuarts Wohnung und in Nora Wards Treppenhaus Horror-Kino reinster Prägung. Welche anderen Hausierer da also noch ihre Finger im Spiel haben, bleibt dem Zuschauer ein Rätsel, was aber nichts an Alfred Vohrers unvergleichlich wirkungsstarker und atmosphäretriefender Regie ändert. Er trifft sowohl bei pointierter Darstellerführung als auch beim Setzen effektiver Höhepunkte und dem kontinuierlichen Aufrechterhalten des Spannungsbogens den idealen Ton und zeichnet – mithilfe seines späteren Stammkameramanns Karl Löb – kinematografisch ausgefeilte Gemälde schockierten Entsetzens, maroder Unterwelt und tödlicher Hybris. „Die toten Augen von London“ spielen in jeder Hinsicht auf einem anderen Niveau als alle Vorgänger- und Nachfolgerfilme. Solch eine Leistung von einem Regisseur zu sehen, der damit nach einigen verschämten Ausflügen ins mit Verbrechen verbundene Gesellschaftsdrama seinen ersten reinrassigen Kriminalfilm ablieferte, ist hocherstaunlich und begründet sowohl Vohrers langanhaltende Genre-Karriere als auch die Qualität der Wallace’schen Buchvorlage.

Egon Eis adaptierte den Roman zwar nicht ohne strukturelle Änderungen, aber mit einem sehr präzisen Gespür für die Grundstimmung des Buches, die ebenfalls stärker in Horror-Gefilde tendiert als der durchschnittliche Wallace-Detektivroman und dennoch nicht auf die typischen Merkmale dieser Stoffe verzichtet. So räumt auch Eis im Film neben dem reinen Schockfaktor der vertrackten Familiengeschichte von Gordon Stuart, der Romanze zwischen Larry Holt und Nora Ward sowie den Erpressungen um die Geheimnisse der Judd-Brüder genug Raum ein, um den Zuschauer zwischen den Auftritten des „blinden Jack“ beschäftigt zu halten und die Kombinationsmuster eines Whodunit-Krimis exzellent zu bedienen. Dies resultiert einerseits in einem ansehnlichen Bodycount, der sich zunehmend aus einem wohlvertrauten Personenkreis speist, ohne ihn zum Ende hin für Ratefreunde zu sehr zu reduzieren – man denke nur an die sehr clevere Verdächtigmachung des Pförtners –; andererseits wird der Zuschauer mit einem Finale belohnt, das die Härte des Films überzeugend beibehält (Einsatz eines Flammenwerfers), den Ermittlern in praktischer Anwendung die Mordmethode erklärt (Gefahren eines Waschkessels) und darüber hinaus den Schurken die Möglichkeit gibt, so richtig bösartig und eiskalt aufzuspielen.

Neben der inhaltlich und inszenatorisch überzeugenden Machart sowie einem ungewöhnlich instrumentierten Gruselsoundtrack landen die „toten Augen“ auch bei ihren Darstellern spannende Volltreffer. Sie erneuern das Wallace-Ensemble gegenüber der Reinl-und-Roland-Frühphase beträchtlich, setzen aber auch einzelne bewährte Darsteller in Rollenkategorien ein, in denen diese bereits vorher überzeugt hatten. Als am wichtigsten für das Gelingen der „Augen“ erweist sich Joachim Fuchsberger als Inspektor Holt. Da die Bedrohlichkeit der Verbrecher diesmal über eine Fantasie-Krimi-Ebene hinausgeht und dem Zuschauer hier und da wirklich ein flaues Gefühl im Magen bereitet, bedarf es umgekehrt einer sehr starken Ermittlerfigur, die Verlässlichkeit und Engagement ausstrahlt, wofür Fuchsberger im Rahmen der Wallace-Reihe steht wie kein Zweiter. Harry Wüstenhagen perfektioniert derweil sein Auftreten als gelackter Kleinganove und bohrt sich als Flimmer-Fred damit noch nachhaltiger ins kollektive Wallace-Gedächtnis ein als in seiner Rolle als Julius Savini. Schließlich behalten Eis und Vohrer auch Eddi Arent unter guter Kontrolle, der hier – erneut als Kriminalassistent eingesetzt – dezente Erleichterung gegenüber den angespannteren Momenten des Films verbreitet und sich dabei auch den kognitiven Anforderungen seines Berufs nicht völlig verschließt.

Neu vor der Wallace-Kamera stehen unbekanntere Akteure ebenso wie etablierte Größen des deutschen Nachkriegskinos, wobei die Hauptdarsteller Karin Baal und Dieter Borsche als Vertreter der zweiten Kategorie besonders hervorstechen. Baal (bekannt aus diversen Jugend- und Problemfilmen, allen voran „Die Halbstarken“) zeigt ihre Nora Ward als anpackende, selbstständige junge Frau ohne Scheu vor den düsteren Seiten der Welt. Im Gegensatz zu einer eleganten, höchstens zur höheren Tochter oder Sekretärin taugenden Karin Dor blickt Baals Nora Ward auf Erfahrungen als frühe Waise und als Krankenschwester zurück, die sie zu einer wertvollen Hilfe für Scotland Yard machen. Baal agiert bodenständig-selbstbewusst, aber nicht abweisend und wird trotz ihrer Ausgebufftheit am Ende in eine Lage gebracht, in der man um ihre Rettung bangen muss. Auch Borsche bleibt seinem Image treu und zeigt sich über weite Strecken als verständnisvoller, moralisch integrer Gutewicht, wie er dem BRD-Publikum aus seinen zahlreichen Nachkriegsrollen als Arzt oder Geistlicher vertraut war. Mimen wie Wolfgang Lukschy, Klaus Kinski, Ann Savo oder Rudolf Fenner fügen hingegen die nötige Prise Zwielichtigkeit hinzu, während Franz Schafheitlin, Hans Paetsch und Ida Ehre unwillkürlich respektabel und identitätsstiftend wirken. Die große Anzahl der Nebenrollen wird durch passgenaue Dialoge und pfiffigen Schnitt in ein stimmiges Gesamtbild eingepasst, sodass auch Ein-Szenen-Rollen wie die von Joseph Offenbach oder Gertrud Prey memorabel wirken.

Verdientermaßen gelten „Die toten Augen von London“ als gelungenster Film der Edgar-Wallace-Reihe. Sowohl als Romanverfilmung als auch als zeitloses Krimi-Horror-Gemisch überzeugt er auf ganzer Linie, weil er Mut zur personellen und atmosphärischen Erneuerung mit bewährten Stärken kombiniert. Dass Alfred Vohrer als Rialto-Neuling einen so starken Einstand geben würde, hatte vorher wohl niemand auch nur zu vermuten gewagt, doch er, Eis, Löb, Funk und das Spitzenensemble brachten hier Großes zuwege, das die Macher der kommenden Filme leider zu selten als wegweisend erkannten.

Count Villain Offline




Beiträge: 4.352

15.12.2018 20:28
#93 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten

Was könnte man über die Augen sagen, was nicht bereits gesagt worden ist? Und was könnte man über die Augen sagen, außer Lob für einen der besten Filme der Reihe? Schauen wir mal...

Der Blinde unter den Einäugigen

Schon der Beginn macht klar, wohin die Reise gehen wird. Zeigt doch eine der ersten Einstellungen den blinden Jack auf sein nächstes Opfer lauern. Nebel, Morde, leichter Grusel, harte Spannung. Das alles verspricht die Vortitelsequenz und der Film weiß es zu halten. Auch der Vorspann in blutroter Schrift erweist sich als sehr effektiv.

Über fast allen Szenen schwebt eine unheimliche, ja beinahe sogar unangenehme Bedrohlichkeit. Erst die relativ nüchternen polizeilichen Ermittlungen auf dem freundlichen (!) Friedhof in hellem Sonnenschein sorgen in dieser Hinsicht für ein kurzes Aufatmen. Ebenso erwähnenswert finde ich den gezielten Einsatz von Stille im Hintergrund, die zusätzlich für eine bedrückende Atmosphäre sorgt. Dies verhilft dem ebenso zu einer großen inszenatorischen Dichte wie auch der Fokus auf einige wenige prägnante und prägnant dargestellte Charaktere. Allen voran natürlich die Brüder Judd, die auch ohne Kutte oder Maske zu den erinnerungswürdigsten und vor allem zu den bösartigsten Schurken der gesamten Reihe zählen dürften.

Dieser Umstand ist ebenso dem Drehbuch zu verdanken wie auch den Schauspielern. Dieter Borsche ist mit sichtlicher Spielfreude bei der Sache, Fuchsberger und Arent etablieren sich noch vor Fuchsberger und Dor als das Wallace-Paar. Chemie, Humor und Timing stimmen (besonders hervorzuheben hier die Szene mit Flimmer-Fred und den vergifteten Pralinen). Baal und Savo bleiben trotz relativ kurzer und sehr kurzer Präsenz im Gedächtnis. Wüstenhagen und Kinski agieren bei ihrer gemeinsamen Szene auf einer Ebene. Wenn man in dieser Hinsicht etwas kritisieren könnte, dann höchstens dass man sich Borsche und Savo jetzt nicht unbedingt als das Liebespaar vorstellen kann, als das sie von einigen Charakteren bezeichnet werden. Aber geschenkt. Diese Affäre liegt schließlich genauso lange begraben wie David Judd.

Stochern im Nebel

Da ich im Zuge der "Wallace der Woche"-Sichtungen so aufmerksam wie möglich schaue, sind mir natürlich auch ein paar Schwächen des Films, bzw. der Handlung aufgefallen, die ich nicht vorenthalten möchte. Eigentlich lassen sich alle Schwächen unter einem Rollennamen zusammenfassen: Edgar Strauss. In Zusammenhang mit ihm gibt es einiges, was einen stutzig werden lassen kann. Der unbedachte Flimmer-Fred, der sein eigens Todesurteil unterschreibt, als er Strauss auf die Idee des Schlüssels zu Fanny Weldons Wohnung bringt. Da versuchen die Judds zweimal Fred aus dem Weg zu räumen und Strauss ist schließlich derjenige, dem es gelingt, weil Fred seinen Mund nicht halten konnte. Nein, liebe Autoren. Das geht besser ohne Fred dabei gleich zum Trottel zu machen.

Überhaupt wird ziemlich viel erpresst. Ein Großteil des Films scheint auch nur daraus zu bestehen, dass die halbe Unterwelt Stephen Judd erpressen will, manche sogar mehrmals. Flimmer-Fred ist da nur die Spitze des Eisbergs, an dessen Basis sich auch noch Fanny Weldon, Edgar Strauss und Matthew Blake tummeln. Das wirkt auf Dauer doch etwas ermüdend und unkreativ. Da vermag einzig die kompetente Regie zu verhindern, dass es zu eintönig wird.

Und dann ist da natürlich noch das schöne Beispiel von „Doppelmoral“ in Fankreisen. Über zwei Äbte wird sich aufgeregt, über zwei Bogenschützen, aber ich habe noch nie wirklich jemanden mosern sehen über die zwei Herren mit Regenmantel und Sonnenbrille in den Augen. Was hat denn nun David Judd gemacht? Und was Edgar Strauss? Mal ganz davon abgesehen, dass vieles von dem was Edgar Strauss offensichtlich gemacht hat, kaum Sinn ergibt. Der Mord an Fred natürlich schon, um Judd selbst und ohne Konkurrenz erpressen zu können. Aber warum sollte er im Büro der Brüder Judd diese Falle für Inspektor Holt aufbauen? „Ich habe doch nur getan, was man von mir verlangt hat“ ist zwar eine grandiose Kinski-Szene, aber ich würde mich doch hüten ausgerechnet für die Leute etwas zu tun, die ich erpresse. Mag sein, dass sich das irgendwie noch sauber aufklären lässt (ein toter Inspektor im Büro als Abschiedsgruß nach der Entlassung eventuell, aber das wäre ja dann eigener Antrieb und nicht auf Befehl). Aber jegliche Form von Aufklärung im Umfeld von Edgar Strauss wird dem Zuschauer komplett vorenthalten. Stil über Substanz. Leider.

Und das, wo die Augen abgesehen davon einer der logischsten und stringentesten Filme der Reihe ist. Schade.

Auch das Finale fällt trotz aller Ikonographie im Vergleich zu den Vorgängern bereits eine Spur ab. Da hätte Reinl aus dem Kampf der Judd-Brüder gegen Larry Holt eventuell noch etwas mehr herausholen können.

Was ich noch zu sagen hätte…

Dauert eine Zigarette? Nein. Lieber nicht. Rauchen schadet der Gesundheit jener, die zu faul sind, die Treppe zu benutzen. Ich nehme Aufzüge im Übrigen auch nur sehr selten. Ob es an diesem Film liegt? Kommen wir stattdessen zum obligatorischen Dies und Das.

Es war lustig zu sehen, wie prominent das Fenster, das Strauss zum Verhängnis wird, bereits im ersten Gespräch zwischen Judd und Holt zu sehen ist. Da hat sich die Regie etwas bei gedacht!
Aprospos Regie. Vohrer etabliert bereits in seinem Wallace-Erstling Ratten und lässt wie später im Tuch Morde zu klassischer Musik geschehen.
Die Produktion ist so sparsam, das Kellerfallgatter aus dem Bogenschützen nicht direkt zu entsorgen. Hier dürfen Baal und Borsche noch einmal durchrennen.
Es gibt einen Mörder mit schwarzen Handschuhen!

Fazit
Auch wenn sie beim diesmaligen Ansehen ein wenig in meiner Gunst gesunken sind, bleiben die Augen nicht nur ein wichtiger, sondern auch ein inszenatorisch beeindruckender Meilenstein der Reihe.

Jan Offline




Beiträge: 1.558

16.12.2018 00:10
#94 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten

Zitat von Count Villain im Beitrag #3

Und dann ist da natürlich noch das schöne Beispiel von „Doppelmoral“ in Fankreisen. Über zwei Äbte wird sich aufgeregt, über zwei Bogenschützen, aber ich habe noch nie wirklich jemanden mosern sehen über die zwei Herren mit Regenmantel und Sonnenbrille in den Augen.


Das würde ich nicht unter Doppelmoral fassen. Sicher, dass sich hier sowohl der feine Herr als auch der diensteifrige Mitarbeiter offensichtlich des gleichen Schneiders bedienen, mag schon ein gewisser Zufall sein - oder auch geschicktes Kalkül des Edgar Strauss, um im Falle des Gesehenwerdens den Verdacht ob des Mantels auf den feinen Herren lenken zu können. Allerdings sehe ich hier dann doch deutliche Unterschiede zwischen einem Massenprodukt wie einem damals höchst modischen Regenmantel und einer aufwändigen Kostümierung in Form eines gummierten Bogenschützen oder der Kutte eines Abtes. Per se ist das Verwirrspiel mit unterschiedlichen Verdächtigen eh fester Bestandteil der Wallace-Filme. Geht die Verwirrung dann so weit, dass die Verdächtigen sich in identischen Fantasiekostümen über den Haufen rennen, darf man sich als Zuschauer indes etwas veralbert vorkommen. Übrigens: Der beige Regenmantel feierte in mehrfacher Ausführung knappe 20 Jahre nach den toten Augen seine Wiederauferstehung in der Episode "Teufelsbrut" aus der Reihe "Der Alte". Meiner Erinnerung nach tragen hier gleich drei Akteure zufälligerweise den gleichen Mantel. Im Gegensatz zu "Teufelsbrut" ist mir diese Dopplung bei den Augen nie unschön aufgestoßen.

Zitat von Count Villain im Beitrag #3

„Ich habe doch nur getan, was man von mir verlangt hat“ ist zwar eine grandiose Kinski-Szene, aber ich würde mich doch hüten ausgerechnet für die Leute etwas zu tun, die ich erpresse. Mag sein, dass sich das irgendwie noch sauber aufklären lässt (ein toter Inspektor im Büro als Abschiedsgruß nach der Entlassung eventuell, aber das wäre ja dann eigener Antrieb und nicht auf Befehl). Aber jegliche Form von Aufklärung im Umfeld von Edgar Strauss wird dem Zuschauer komplett vorenthalten. Stil über Substanz. Leider.


Edgar Strauss ist doch als Handlanger des Drahtziehers mit dem von Dir zitierten Satz recht gut erklärt. Sein "Ich weiß doch von nichts!" ist ja nichts anderes als der klägliche Versuch, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen. Er hatte letztlich natürlich nicht nur die Bleistifte im Vorzimmer zu spitzen, sondern auch Kenntnis von Judds Geschäften, von denen er als eine Art Büroleiter seit langem wissen musste. Irgendwann, vielleicht im Spielclub, kam dann Strauss auf die finale Idee, dass er noch deutlich mehr herausschlagen könnte, wenn er sein Wissen zu Geld machen würde. Fanny Weldon, quasi seine glücklose Vorgängerin, hat er sicher nicht auf dem Gewissen, das zeigt seine Reaktion beim Auffinden der Leiche ja überdeutlich. Das war Steven Judd selbst. Mit Inspektor Hold trieb er dann doppeltes Spiel: Einerseits hätte Strauss das Ableben des nervigen Inspektors kaum sonderlich betroffen gemacht, zumal dieser ihm bei seinem Vorhaben, Judd auszunehmen, nur hätte stören können. Andererseits passiert dies alles im Büro seines Chefs, den er erpresst und den er mit dem Tod des Inspektors in eine überaus unangenehme Lage zu bringen gedachte, um noch mehr Druck auf ihn ausüben zu können.

Zitat von Count Villain im Beitrag #3

Auch das Finale fällt trotz aller Ikonographie im Vergleich zu den Vorgängern bereits eine Spur ab. Da hätte Reinl aus dem Kampf der Judd-Brüder gegen Larry Holt eventuell noch etwas mehr herausholen können.


In diesem Falle hätten die drei sich dann im beginnenden Sonnenuntergang am Horizont zu Tode gekuschelt? Ich bin reichlich dankbar, dass das Ende der Augen so ist, wie es ist und keinerlei Anleihen an Bande oder Frosch nimmt. Das finale Außerkraftsetzen der Gebrüder Grausam ist in puncto Gewichtung der Umstände überaus gelungen. Die Regie verzichtet auf unnötige Quälereien im Waschkessel, setzt den Kessel aber trotzdem effektvoll und ausreichend bedrohlich ein. Der gefesselte Inspektor Holt ist und bleibt geradezu impertinent in seiner Gegenwehr, auch wenn seine Lage aussichtslos erscheint. Als Konterpart der beiden überheblichen Brüder, die sich ihrer so sicher sind, ihren vermeintlichen finalen Sieg über den Verfolger mit Beethoven unterlegen zu können, macht Larry Holt selbst als offenbar unüberwindbar außer Kraft Gesetzter noch eine zuversichtliche Figur. Die Art, wie er sich dann unter Schmerz aus der Fesselung befreit und vor allem die Art wie er sich befreit, macht Eindruck. Der Flammenwerfer - eine durchaus logische Waffe an diesem werkstattähnlichen Ort - soll den Inspektor völlig außer Kraft setzen, wird dem falschen Pastor aber letztlich selbst zum Verhängnis. Das ist schlau überlegt und alles in allem auch toll gespielt. Zudem verzichtet Vohrer, wie eigentlich fast immer, auf ein allzu kitschiges Happy-End im Heimatfilm-Stil. Klar - die beiden haben sich schon gefunden. Sie lieben sich aber nicht sofort bedingungslos bis in den Tod und die Vöglein oder Fröschlein zwitschern bzw. quaken dazu.

Gruß
Jan

Count Villain Offline




Beiträge: 4.352

16.12.2018 10:29
#95 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten

Zitat von Jan im Beitrag #4
Das würde ich nicht unter Doppelmoral fassen. Sicher, dass sich hier sowohl der feine Herr als auch der diensteifrige Mitarbeiter offensichtlich des gleichen Schneiders bedienen, mag schon ein gewisser Zufall sein - oder auch geschicktes Kalkül des Edgar Strauss, um im Falle des Gesehenwerdens den Verdacht ob des Mantels auf den feinen Herren lenken zu können.


Deshalb habe ich "Doppelmoral" auch in Anführungszeichen gesetzt. Klar, aus den von dir genannten Gründen geht das bei den Augen eher durch als bei Filmen mit Fantasiekostümen. Aber der dramaturgische Effekt ist derselbe. Außerdem ist es ja nicht nur der Mantel, sondern auch die Sonnenbrille, die schwarzen Handschuhe, die dunkle Hose und die ähnlich bis identisch geschnittenen schwarzen Schuhe. Hier wollte man genauso wie beim Abt und beim Bogenschützen den Zuschauer verwirren. In meinem Fall auch mit Erfolg. Ich weiß bis heute nicht, ob Edgar Strauss oder David Judd die Erkundigungen rund um die letzten Schritte von Gordon Stuart eingezogen hat.

Wobei ich mittlerweile zu der Ansicht neige, dass das David Judd war und Strauss wirklich nur für die Dinge verantwortlich ist, bei denen man ihn auch klar erkennt.

Zitat
Edgar Strauss ist doch als Handlanger des Drahtziehers mit dem von Dir zitierten Satz recht gut erklärt.



Was hat er denn Onscreen für den Drahtzieher gemacht? Außer ihn mit dem Schlüssel zu Fannys Wohnung zu erpressen? Wenn er Kenntnis von den schmutzigen Geschäften Stephen Judds hat, warum erpresst er ihn dann nicht damit, sondern mit dem Schlüssel, auf den ihn erst Flimmer-Fred gebracht hat? David Judd ist ihm ja unbekannt ("Wer sind Sie?").

Zitat
Fanny Weldon, quasi seine glücklose Vorgängerin, hat er sicher nicht auf dem Gewissen, das zeigt seine Reaktion beim Auffinden der Leiche ja überdeutlich. Das war Steven Judd selbst.



Jetzt bring bitte nicht noch einen dritten Mann mit Regenmantel, schwarzen Handschuhen, dunkler Hose und schwarzen Schuhen ins Spiel. Fannys Mörder war mit Sicherheit David Judd.

Zitat
Mit Inspektor Hold trieb er dann doppeltes Spiel: Einerseits hätte Strauss das Ableben des nervigen Inspektors kaum sonderlich betroffen gemacht, zumal dieser ihm bei seinem Vorhaben, Judd auszunehmen, nur hätte stören können. Andererseits passiert dies alles im Büro seines Chefs, den er erpresst und den er mit dem Tod des Inspektors in eine überaus unangenehme Lage zu bringen gedachte, um noch mehr Druck auf ihn ausüben zu können.



Das ist auch die einzige Theorie, die ich dazu habe. Erklärt aber auch nicht, was irgendwer von Strauss verlangt hat. Außer seiner normalen Büro-Arbeit. Ne, mir bleiben im Dunstkreis dieses Charakters zu viele Fragen offen, um hundertprozentig zufrieden zu sein.

Zitat
In diesem Falle hätten die drei sich dann im beginnenden Sonnenuntergang am Horizont zu Tode gekuschelt?



Ähm... die Absurdität dieser Aussage ist dir selbst bewusst, oder? In der einschlägigen Wallace-Literatur ist stets die Rede davon, wie gerne Reinl Actionszenen inszeniert hat.

Mag sein, dass andere das anders sehen, aber zumindest ich habe beim Finale in der Bande mehr mit dem Inspektor mitgelitten, bzw. -gefiebert als in den Augen. Aber wie gesagt, das ist natürlich subjektives Empfinden und das Finale in den Augen alles andere als schlecht. Dennoch hätte man aus der Situation "Zwei gegen Einen" sicher mehr machen können als einen nach dem anderen relativ zügig und komplikationslos zu Boden zu schicken.

greaves Offline




Beiträge: 565

16.12.2018 10:39
#96 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten

Die Toten Augen von London

Habe ich vor 26 Jahren das erste mal gesehen und habe den Film nachdem lange nicht mehr bis zur Ausstrahlung bei Kabel 1 zusehen bekommen.

Hier finde ich,dass man langsam auf den richtigen Weg ist(möglicherweise noch unbemerkt,da noch,was besetzungsmässig ,ein anderer Film noch prägender ist folgt)
Fuchsberger und Arent gehören schon zum Stamm der Wallace-Veteranen.Dazu kommen dicht gefolgt Kinski,Wüstenhagen,Baal und Savo dazu.Schade das Lukschy nicht noch in 1-2 Edgar s mitgespielt hat.Borsche gefällt mir hier besser als im Abt.Er passt für mich nicht richtig in die Wallace Serie hinein.Bei den Bryan Edgar Wallace Filmen passen seine Rollen besser,besonders im Phantom von Soho.
Alfred Vohrer bringt mit diesem Streifen Horror und Grusel hinein und macht in seinen folgenden Wallace Filmen so und (von mir aus noch besser,weiter.)Was mir ganz toll gefällt und unheimlich rüber kommt in diesem Film, ist die Szene,wo man den blinden Jack unter der Blindenheim Treppe rausschauen sieht (vor dem Haus)oder er hinter dem Bücherregal hervor kommt.Oder wenn Nora im Zimmer des Blindenheims steht und hinter ihr sich das Kreuz bewegt und der Pförtner später durch s Guckloch erschossen wird.Wie auch der Geheimgang im Spiegel.(das hat mir bei Wallace immer sehr gefallen und gefällt heute noch)...

Für die Drehortmotive ging man vom letzten Film der grüne Bogenschütze,nicht weit auf die Suche.Hier bleibt man in der Nähe vom Ahrensburger Schloss ,so zu sagen gegenüber vom Schloss,im Ort Ahrensburg,bei der kleinen Kirche.(war ich im Mai das erste mal auf dem Friedhof,der sich seit damals sich nicht viel verändert hat)
Was ich zu den anderen Aussendrehs aufgefallen ist,dass man (vermute ich mal)viel ums Studio Hamburg Gelände gedreht hat..(ist das Studio überhaupt öffentlich,wie z.b „ähnlich wie die Bavaria in München?)Wie z.b den Anschlag auf Flimmer Fred mit dem Auto oder die Szenen wo Eddi Arent und Blacky Fuchsberger auf Karin Baal treffen,wo ihr Vater mit dem Taxi immer hingebracht wurde.
Das grösste Rätsel gibt uns sicher noch die „Blossom Lane“auf,die wahrscheinlich noch niemand von uns genau gefunden hat und ob es sie sogar noch gibt...?...

Der Film ist in meinen Augen 👀 nicht schlecht,ist aber für mich nicht sooo ein Riesen Highlight wie er für viele hier ist.

Auch er liegt bei mir nicht so viel im Player

4 von 5 Punkten

Giacco Offline



Beiträge: 2.042

16.12.2018 11:00
#97 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten

"Man hat den Deutschen oft nachgesagt, dass sie keine explosiv-dramatischen Filme mit Action und Pep drehen könnten. Um so mehr dürfen sich die Liebhaber guter Krimis freuen, dass es bei uns einen Alfred Vohrer gibt, der mit "Die toten Augen von London" ein Glanzstück präsentiert.
Wichtig für einen Reisser ist das Drehbuch. Ein großes Lob für Trygve Larsen, der ein handfestes Manuskript lieferte. Wichtig ist die Kamera. Karl Löb fing Bilder von beängstigender atmosphärischer Dichte ein. Wichtig ist die Rollenbesetzung mit profilierten Darstellern - und hier stimmt alles. Der sympathische Joachim Fuchsberger als Yard-Inspektor überzeugt in seiner unterspielten Lässigkeit. Eddie Arents lustige Spritzer lockern die lastende Spannung im richtigen Augenblick angenehm auf. Schaurig-abstoßend die unmenschliche Visage des wüst geschminkten Ady Berber. Ann Savo erleidet zwar ein unglückseliges Ende, verbreitet jedoch zu ihren filmischen Lebzeiten Sex und Charme. Und der großartige Dieter Borsche zieht hier eine bravouröse Schau ab.
Vohrer lässt hoffen, dass auch in Deutschland die Krimis mehr Schwung und Schmiss bekommen, als es zeitweise bei uns üblich war. Geschäftlich ist in diesem "Wallace" alles drin." (FILMWOCHE, Apri 1961)

Film-Echo-Note: 2,8 (55 Meldungen) / Erstnote: 2,2

In Frankreich erlebten die "toten Augen" ihren Kinostart am 3.6.1964
Besucher: 267.644 (Paris: 25.782)

Dr.Mangrove Offline




Beiträge: 91

16.12.2018 11:26
#98 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten

Dieser Thread und die Veröffentlichung als BluRay waren der Grund, mal wieder nach längerer Zeit diesen Film zu sehen. Auch wenn ich ihn nicht mehr ganz so gut wie früher finde - die ganze Erpressungsthematik nimmt mir zu viel Raum ein - gehört er doch für mich zu den besten SW-Filmen der Serie. Er ist auf jeden Fall einer der schaurigsten. Alleine die Todesszene vom blinden Jack auf der Müllkippe würde jedem Gruselfilm zur Ehre gereichen.

Die Besetzung ist gut gewählt - Karin Baal bringt eine selbstbewusstere Rolle als Karin Dor realistisch rüber und Dieter Borsche spielt am Schluss bei seiner Enttarnung so intensiv und bedrohlich, dass er auf jeden Fall zu meinen Lieblingsschurken der Reihe gehört. Auch die Nebenrollen sind interessant besetzt - z.B. Hans Paetsch oder auch Manfred Steffen, die ich beide als Sprecher sehr verehre.

Wahrscheinlich bin ich der einzige, aber ich kann mit Vohrer nicht viel anfangen - und er war in meinen Augen auch daran beteiligt, dass die Serie später viel an Qualität verloren hat. Dieser Film war als früher Vohrer noch relativ ernst und nicht so klamaukig, wobei mir Eddi Arent schon wieder zu nervig und trutschig rüberkam. Arent als comic relief in den für damalige Zeiten doch recht harten Filmen ist ja nun oft erklärt worden - dennoch mag ich diese penetrante Möchtergern-Kauzigkeit, von der man wohl dachte, das sei typisch britisch, überhaupt nicht.

Auch Kinski überzeugt mich nicht - außer ein wenig vor sich hin nuscheln und die Augen in gewohnter Manier aufreißen, macht er nicht viel. Ganz anders dagegen Harry Wüstenhagen, der wie immer elegant und präzise seinen Charakter verkörpert.

Insgesamt ein atmospährischer und überzeugender Film, der sich mit den besten messen kann.

patrick Offline




Beiträge: 3.221

16.12.2018 12:13
#99 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten

Die toten Augen von London (1961)



Regie: Alfred Vorher

Drehzeit: 16.01.1961 bis 21.02.1961


Mit: Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Dieter Borsche, Wolfgang Lukschy, Klaus Kinski, Eddi Arent, Harry Wüstenhagen, Ady Berber, Bobby Todd, Rudolf Fenner, Ann Savo, Ida Ehre, Hans Paetsch, Franz Schafheitlin, Fritz Schröder-Jahn, Walter Ladengast, Günther Jerschke, Joachim Rake, Werner Reinisch, Joseph Offenbach, Kurt A. Jung, Max Walter Sieg, Hans Irle, Joachim Wolff, Erich Weiher, Horst Schweimler, Gertrud Prey, Manfred Steffen, Rolf Mittmann


Handlung:

Ein blinder Koloss, genannt "Der blinde Jack", verübt in düsteren Londoner Nebelnächten eine Reihe von Morden, die als Unglücksfälle durch Ertrinken getarnt sind. Zum Handkuss kommt dabei eine kleine Versicherunggesellschaft namens Greenwich, die einem gewissen Stephen Judd und seinem inzwischen verstorbenen Bruder gehört. Alle "Verunglückt Wordenen" waren nämlich dort versichert. Inspektor Holt von Scotland Yard hegt den Verdacht, dass die toten Augen von London, eine Bande blinder Hausierer, wieder am Werk sind. Diese morden nur in dunklen Nebelnächten, da sie dort ihren Opfern überlegen sind. Eine erste Spur führt daher in ein Blindenheim...

Anmerkungen:

Nachdem die Wallace-Reihe inzwischen volle Fahrt aufgenommen hat und bereits durch mehrere hervorragende Krimis das deutsche Filmpublikum in seinen Bann zog, folgte auch dieser Streifem dem aktuellen Grusel-Trend und schaffte dabei etwas ganz Besonderes. Die Inszenierung ist mit Hingabe auf das konzentriert, was der Titel suggeriert und die Geschichte spielt sich so gut wie ausschließlich in einer düsteren und dunklen Kunstnebel-Märchenwelt ab. Verstärkt wird die einwandfreie Bildsprache durch ein professionell agierendes Darsteller-Ensemble, das verstanden hat, worauf die Atmosphäre hinauslaufen sollte. Die Story selbst ist recht logisch durchdacht, was bei einem Wallace-Film nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit und, ehrlich gesagt, auch nicht immer so ganz wichtig ist. Der Film gewinnt durch die einigermaßen gelungene Befriedigung logischer Ansprüche aber auf jeden Fall weiter an Attraktivität. Vom Spannungsbogen wird man ohnehin keine Sekunde im Stich gelassen.

Die blutjunge Karin Baal (geb.1940) gibt hier Ihren Wallace-Einstand und es sollte eine ganze Weile dauern, bis sie wieder zum Genre zurückfand. Ihr Zusammenspiel mit Joachim Fuchsberger ist locker und unbekümmer, was Blacky aber aufgrund seines gottgegebenen Charms bei fast allen Vertreterinnen des schwachen Geschlechts erreicht. Klaus Kinski darf erstmals unter dem Banner von Rialto zu Felde ziehen und mimt jenen zwielichtigen Typus, als welcher er in verschiedenen Variationen noch oft in Erscheinung treten sollte. Dem alternden Dieter Borsche gelingt es, sein Liebhaber- und/oder Saubermann-Image früherer Film-Tage an den Nagel zu hängen und den Streifen mit einer weiteren Prise Diabolik zu bereichern. Es sollten noch mehrere, leider viel zu rare, Auftritte im Edgar- und Bryan-Edgar-Wallace-Metier folgen. Eine besondere Attraktion ist der große und korpulente Österreicher Ady Berber (1913-1965), dessen Mut zur Hässlichkeit und auffallende Körperbehaarung den leibhaftigen Werwolf neidisch machen könnte. Etwas störend ist sein durchklingender Wiener-Akzent in der Szene vor seiner Ermordung. Hier wäre ein bisschen Sprachtraining oder Synchro angebracht gewesen. An seinem bedrohlichen Auftritten als blinder Jack jedoch gibt es absolut nichts zu bekritteln. Diesbezüglich wird man mit Grusel pur, fast im Stile alter Universal-Reißer, verwöhnt.

Als Regisseur zeichnet erstmals Alfred Vohrer verantwortlich, der später den größten Einfluss auf die Reihe ausüben sollte und zeitweise leider mit dem (plumpen) Humor übertreibt, wovon hier Gott sei Dank noch nichts spürbar ist. Der Stil folgt eher jenem von Harald Reinl. Das einzige Vohrer-Kuriosum ist die Kameraeinstellung, in der sich eines der Opfer das letzte Mal in seinem Leben die Zähne putzt, was durch einen Blick aus dem Mundraum verdeutlicht wird.

Fazit:

Gruseliger Edel-Wallace der Extraklasse, der sich besonders bildgewaltig und düster, gepaart mit einer schlüssigen und spannenden Handlung, seinen Platz unter den besonderen Highlights des Genres sichert. Daher klare 5 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

16.12.2018 14:44
#100 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten

@Count Villain: Deine Logikvorwürfe waren schonmal konkreter. Ich sehe es eher wie Jan und Patrick und würde den "Augen" eine überdurchschnittliche Zuverlässigkeit im Logik-Bereich bescheinigen. Sich an Edgar Strauss als Handlangerfigur aufzuhängen, ist für meine Begriffe in Anbetracht der Stärken des Films wenig zielführend, zumal nicht alles, was nicht eineindeutig erklärt wird, gleich als Fehler betrachtet werden kann.

Zitat von Dr.Mangrove im Beitrag #8
Wahrscheinlich bin ich der einzige, aber ich kann mit Vohrer nicht viel anfangen - und er war in meinen Augen auch daran beteiligt, dass die Serie später viel an Qualität verloren hat.

Prinzipiell würde ich diese Aussage bereitwillig unterschreiben, gerade für die Phase 3 der Wallace-Reihe, also im Wesentlichen die von Vohrer inszenierten Farbfilme. Dazu werden wir ja im Detail noch kommen, aber der Qualitätsunterschied, wenn man diese mit einem düsteren Meisterwerk wie den "Augen" vergleicht, ist schon frappierend. Da sind die Qualitätsansprüche der Rialto bzw. von Vohrer im Laufe der Jahre einfach massiv heruntergeschraubt worden. In seinen ersten Verpflichtungen (bis "Zinker") war Vohrer aber ein großer Gewinn für die Reihe, was nicht nur die guten Reputationen von Filmen wie "Augen" und "Gasthaus", sondern auch die hohen Kinobesucherzahlen bestätigen.
Zitat von patrick im Beitrag #9
Der Stil folgt eher jenem von Harald Reinl. Das einzige Vohrer-Kuriosum ist die Kameraeinstellung, in der sich eines der Opfer das letzte Mal in seinem Leben die Zähne putzt, was durch einen Blick aus dem Mundraum verdeutlicht wird.

Die Formel "guter Wallace = nah am Reinl-Stil" halte ich für zu einfach gestrickt. Es gibt hier viele Merkmale, die sich von Reinls Filmen unterscheiden. Der ganze Spannungsaufbau funktioniert hier völlig anders als in "Frosch" oder "Bande" und die inszenatorische Herangehensweise ist auch nicht annähernd identisch. Was die Strichliste an obligaten Vohrer-Film-Merkmalen angeht, möchte ich zu der von dir erwähnten Kamera-im-Mund-Einstellung noch hinzufügen, dass man Vohrers Stimme schon hier in den "Augen" zweimal am Telefon hört.

Count Villain Offline




Beiträge: 4.352

16.12.2018 16:03
#101 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #10
Deine Logikvorwürfe waren schonmal konkreter. Ich sehe es eher wie Jan und Patrick und würde den "Augen" eine überdurchschnittliche Zuverlässigkeit im Logik-Bereich bescheinigen.


Die attestiere ich ebenfalls. Ohne zu zögern.

Zitat
(...) zumal nicht alles, was nicht eineindeutig erklärt wird, gleich als Fehler betrachtet werden kann.



Irgendeine Erklärung kann man sich immer zurechtbiegen. Aber alles, was nicht eindeutig erklärt wird, ist im schlimmsten Fall verwirrend und kann einen aus der Handlung reißen, weil man stutzt/grübelt. Klar ist das hier durch eine intensivere Inszenierung besser kaschiert als in anderen Filmen. Dennoch finde ich es nach wie vor ein wenig ungerecht, dass das Auftauchen von zwei identisch ge- oder verkleideten Verbrecherfiguren anderen Filmen stets vorgehalten wird und den Augen nie.

Was mich bei dieser Sichtung am meisten gestört hat, ist aber auch nicht Edgar Strauss' verwirrender "Handlanger-Ausspruch", sondern das, was auch Dr.Mangrove erwähnt hat.

Zitat von Dr.Mangrove im Beitrag #8
Auch wenn ich ihn nicht mehr ganz so gut wie früher finde - die ganze Erpressungsthematik nimmt mir zu viel Raum ein - gehört er doch für mich zu den besten SW-Filmen der Serie.


Erst erpresst Flimmer-Fred wegen einer alten Sache, dann Fanny wegen derselben alten Sache. Nachdem Fanny ermordet wird, erpresst Fred mit einem Detail dieser Ermordung und bringt Strauß dazu, wegen demselben Detail erpresserisch und mörderisch aufzutreten (kann man wirklich so dämlich sein?). Und Strauß schickt dann noch seinen Gläubiger Blake bei Judd vorbei. Das ist doch wirklich ein bisschen zu sehr ausgewalzt. Am Ende sind fast genauso viele Erpresser tot wie eigentliche Mordopfer. On-Screen sogar mehr.

Uli1972 Offline



Beiträge: 46

16.12.2018 17:24
#102 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten

Zunächst einmal: In der Verfilmung der "toten Augen von London" geht kein Mord auf das Konto von Edgar Strauss. Fanny und Flimmer-Fred werden von David Judd ermordet. Zur Bewertung: Die Auflösung ist recht vorhersehbar. Das ist mein einziger Minuspunkt. Ansonsten bietet der Film den besten Grusel der Reihe auch dank "Monster-Berber", sowie Härte und Spannung. Ein für die Reihe regelrechter Schocker. Die gelungene Besetzung und eine sehr konsequente Inszenierung tragen ihren Teil zu einem der besten Wallace-Filme bei.
Ich gebe 4 von 5 Punkten.

Count Villain Offline




Beiträge: 4.352

16.12.2018 18:14
#103 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten

Zitat von Uli1972 im Beitrag #12
Zunächst einmal: In der Verfilmung der "toten Augen von London" geht kein Mord auf das Konto von Edgar Strauss.


Das glaube ich erst, wenn ich das im Drehbuch lese. Der Schnitt nach Freds Fall auf den beinahe panischen Edgar Strauss mit Zigarette in der Hand lässt eigentlich kaum einen anderen Schluss zu (oder war er zufällig auch da?), als dass er es war. Aber schön, dass du damit meine Theorie um die Verwirrung rund um Edgar Strauss bestätigst.

Dr.Mangrove Offline




Beiträge: 91

16.12.2018 18:27
#104 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten

BTW: Bei Ady Berbers Behaarung der Hände und Arme hat man es ein klitzekleines bisschen übertrieben, oder?

Stephan Offline



Beiträge: 114

16.12.2018 18:45
#105 RE: Wallace der Woche (06): Die toten Augen von London (1961) Zitat · Antworten

Hier mal wieder ne kleine Literaturübersicht:

Gong:
Wertung *1/2 (mäßig) "Trotz Starbesetzung mäßig"

Pauer:
"Alfred Vohrer inszenierte erstmals und schuf mit seinem Regie-Debüt den ersten und einzigen "Brutal-Wallace", einen Horor-Schocker von unglaublicher Intensität und Spannung.(...)Vohrers DtAvL...(ist) eine alptraumhafte Odysee zu den dunklen mächten des Jenseits.(...) die Verbrecher scheinen nicht weltlicher Natur zu sein, sondern Wesen von einem fremden Planeten. Der Film ist ein Horror-Klassiker, was sich bis heute allerdings noch nicht herumgespochen hat."

Kramp:
"Ein ausgezeichneter Film des Wallace-Debütanten Vohrer(...)Als Defizit des Films ist eigentlich nur zu benennen, daß Musik von Peter Thomas fehlte."

Tses:
"Der erste Walklace-Horror-Film und ein sehr guter dazu. Alle Akteure wissen, ihr Publikum zu fesseln..."

Hohmann:
"DtAvL gehört sicherlich zu den unheimlichsen und spannendten Produktionen der Rialto-Schmiede und hat bis heute aufgrund seiner zeitlosen Klasse kaum an Faszination ingebüßt.(...)nicht nur ein Meilenstein innerhalb der Wallace-Verfilmungen, sondern ein rundherum gelungener Horror-Krimi, der sicherlich zu den Klassikern des deutschen Kinos gehört und heute vielleicht auch ein wenig anders beachtet und respektiert würde, wenn er nicht Teil der Wallace-Reihe wäre."

Meine Wertung: 5/5 Punkten
Ganz klar einer der besten Wallace-Filme überhaupt. Brillant in Atmosphäre und Spannung zwischen Thriller und Horror. Phantastisches Debüt eines genialen und viel zu oft unterschätzten Alfred Vohrer. Und von der ersten bis zur letzten Rolle perfekt besetzt.

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