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  • Der Schimmelreiter (1934)Datum05.01.2019 16:08

    "Der Schimmelreiter" (Deutschland 1934)
    mit: Marianne Hoppe, Mathias Wieman, Walther Suessenguth, Ali Ghito, Hans Deppe, Margarete Albrecht, Eduard von Winterstein, Wilhelm Diegelmann, Walter Griep, Walter Werner u.a. | Drehbuch und Regie: Hans Deppe und Curt Oertel

    Hauke Haien arbeitet für den Deichgrafen Tede Volkerts, den größten Bauern an einem nordfriesischen Küstenabschnitt und unterstützt ihn auch bei der Verwaltung und Buchhaltung. Nach zwei Jahren Abwesenheit kehrt Elke, die Tochter des Deichgrafen zurück. Der gewissenhafte Hauke gewinnt ihre Zuneigung und als ihr Vater stirbt, schlägt sie ihren Bräutigam für die Stellung vor, was von der Verwaltungsbehörde akzeptiert wird. Hauke trägt sich mit großen Plänen: er will einen neuen, modernen Deich errichten, um dem Meer fruchtbares Ackerland abzuringen und die Gefahr der Sturmfluten zu reduzieren. Sein Gegner ist der ehemalige Großknecht Ole Peters, der die Bevölkerung gegen Haukes Vorhaben aufhetzt, weil er selbst Deichgraf werden wollte. Doch die Pläne für die Errichtung des neuen Deichs werden genehmigt und nun müssen alle mit anpacken, damit das Projekt vor dem Herbst fertiggestellt werden kann. Ole Peters intrigiert jedoch weiter und gefährdet damit sogar Menschenleben....



    Die Novelle von Theodor Storm beruht auf seinem großen Interesse für die Sagenwelt seiner Heimat, wobei der gespenstische Schimmelreiter "bei Sturmfluten nachts auf den Deichen gesehen wird und, wenn ein Unglück bevorsteht, mit seiner Mähre sich in den Bruch hinabstürzt." Die Filmlandschaft sah sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Einerseits wurden publikumswirksame Unterhaltungsfilme mit beliebten Stars gedreht, andererseits versuchte das Regime bereits in den Anfangsjahren, dezent Botschaften der neuen Ideologie einfließen zu lassen und griff dabei besonders gern auf Klassiker der deutschen Literatur zurück. Der schicksalsschwere "Schimmelreiter", der im Frühjahr 1888 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, eignet sich in besonderem Maße dazu, den Menschen als Bezwinger der Natur zu inszenieren, um damit "für das Volk neuen Lebensraum zu schaffen". Dennoch schrammt die Produktion von Rudolf Fritsch haarscharf an der Kategorie Propagandafilm vorbei, weil sie sich eng an die Buchvorlage hält und keine typischen Stigmatisierungen vorgenommen werden. Im Mittelpunkt der Handlung stehen Hauke Haien und sein Kampf gegen die Sturheit der gottesfürchtigen, gleichzeitig aber auch abergläubischen Landbevölkerung, deren Voreingenommenheit jede Modernisierung blockiert. Persönliche Animositäten spielen dabei natürlich eine nicht unwesentliche Rolle. Hauke Haien wirkt auf Fremde wenig zugänglich, er ist nachdenklich und wortkarg, blüht nur beim Gedanken an sein Lebenswerk und seine Frau Elke auf. Eine ganz besondere Beziehung hat er zu dem Pferd, das er per Zufall erwirbt und das von niemandem außer Hauke geritten werden kann. Im Dorf erzählt man sich, er hätte den Schimmel vom Teufel erworben und es handele sich dabei um einen Wiedergänger, dessen Knochengerippe bis vor kurzem noch auf Jeverssand lag. Der Brauch, dem Staudamm ein Lebendopfer zu bringen, rührt ebenfalls von der diffusen Angst her, die in der Bevölkerung grassiert wie ein schleichendes Fieber. Auch mit dieser Tradition bricht der rationale Hauke Haien, der für so viel Dummheit nur ein Kopfschütteln übrig hat.

    Marianne Hoppe scheint mit ihrem nordischen Naturell prädestiniert für die Rolle der Jungfer Elke, deren Anhänglichkeit sich in einfachen Gesten ausdrückt und keinen Pathos benötigt. Sie beherrscht das herzhafte Lachen ebenso wie sie stille Tränen weinen kann und ihr schmales, herbes Gesicht entbehrt jeder aufgesetzten Künstlichkeit. Mathias Wieman und sie ergänzen sich in ihrem Spiel auf natürliche Weise, weil ihre Geradlinigkeit Sympathien weckt, während das Kontrastpaar Walther Suessenguth und Ali Ghito von berechnenden Gefühlen und Zielen geleitet wird. Es bedarf anfangs nicht vieler Worte, um den Verlauf in einfachen, klaren Bildern zu skizzieren. Die Regie nimmt Anleihen bei den Stummfilm-Kompositionen, deren sparsamer Expressionismus den Sachverhalt auf wenige Szenen reduziert und die Handlung damit vorantreibt. Die Fokussierung auf das Wesentliche lässt jedoch immer noch genügend Platz für sentimentale Bilder, welche die Beständigkeit des Wechselspiels zwischen Ebbe und Flut zeigen und den immerwährenden Kreislauf des Meeres, das nach dem Land greift, das der Mensch ihm abringen will. Die Panorama-Aufnahmen der windumtosten Weite wirken in ihrer schwarzweißen Inszenierung sowohl poetisch, als auch bedrohlich, weil sich neben der menschlichen eine höhere Gewalt auftut, die zu bezwingen eine jahrtausendealte Herausforderung darstellt. Die Betonung der Tradition, die im ländlichen Raum noch pflichtschuldig gepflegt wird, unterstreicht die Schwierigkeit, Neues zu wagen, ohne sich gegen die Mehrheit aufzulehnen. Interpretationen, die dahin gehen, hier einen Führerkult herauszulesen, negieren die Tatsache, dass Hauke Haien erst post mortem dauerhafte Anerkennung finden wird, während dem realen Diktator die ewige Verdammnis beschert ist. Das Zusammenspiel der beiden Regisseure - wobei Oertel vom Dokumentarfach und Deppe vom Heimatfilm kommt - wirkt frisch, wenn auch etwas unentschlossen; der große Respekt vor der Vorlage verhindert die eine oder andere künstlerische Freiheit, die vor allem in der Dialogarbeit für mehr Verständnis gesorgt hätte. Dafür ist die Bildersprache kraftvoll und von intensiver Nachhaltigkeit, die Kamera leistet gute Arbeit und zeigt Momente von großer Schönheit ebenso wie unheimliche Vorboten des Todes. Sehenswert!

  • Der Schlafwagenmörder (1967)Datum30.12.2018 21:18
    Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema

    "Der Schlafwagenmörder" (Original: Mördaren - en helt vanlig person) (Schweden 1967)
    mit: Allan Edwall, Lars Ekborg, Karl-Arne Holmsten, Heinz Hopf, Britta Pettersson, Ewa Strömberg, Curt Masreliez, Elsa Prawitz, Björn Gustafson, Nils Hallberg, Julie Bernby, Karl-Arne Bergman, Tore Bengtsson, Frej Lindqvist, Christina Carlwind, Gunnar Stanzén, Olle Björling, Christina Sellgren, Erik Hell u.a. | Drehbuch: Maj Sjöwall und Per Wahlöö | Regie: Arne Mattson

    Der Nord-Express bringt seine Passagiere auch in der Mittsommernacht ans Ziel, doch dieses Mal geschehen zwei Frauenmorde, von denen der erste unbemerkt bleibt. Als das zweite Opfer aus dem Zug gestoßen wird, zieht eine junge Frau, die das gleiche Coupé belegte wie die Ermordete, die Notbremse. Der erzwungene Halt beschädigt das Bremssystem und der Zug muss für vier Stunden eine Pause einlegen, in der die Passagiere in einer nahegelegenen Bahnstation auf die Polizei warten, die den vermeintlichen Unfall untersuchen will. Kurz vor der Tat wurde der Mörder auf dem Gang gesehen, er trug schwarze Handschuhe und einen schwarzen Regenmantel aus Lackleder....



    Große Dramen spielen sich in den Zügen auf der Leinwand ab; der Geschwindigkeitsrausch befördert seine Passagiere ins Verderben und manchmal sogar in den Tod, während die Lokomotive davon unbeeindruckt weiterhin kraftvoll ihre Waggons zieht. Kommt die Fahrt zu einem abrupten Stillstand, so bedeutet dies fast immer die Konsequenz einer Katastrophe. Der schwedische Regisseur Arne Mattson ist dem deutschen Publikum vor allem wegen seines rührseligen Liebesdramas "Sie tanzte nur einen Sommer" (1951) mit Ulla Jacobsson bekannt. Hier erhält er Gelegenheit, einen Kriminalfilm zu inszenieren, der seine Vielschichtigkeit hinter einer konventionellen Fassade tarnt. Nach dem fulminanten Auftakt sinkt der Spannungspegel wieder auf ein Normalmaß zurück, so, als wäre der Mord nur in der Phantasie des Zuschauers geschehen, dessen Wunsch nach Sensationen mit dem Ruhebedürfnis der Reisenden kontrastiert. Im Zug herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, Unruhe und Nervosität treiben die Passagiere an und spiegeln sich auch in der Konservation im Salonwagen wider, wo sich jene versammeln, die allein reisen oder ein Publikum suchen. Selbstdarsteller finden ihre Bühne und ein Querschnitt aus der Gesellschaft präsentiert sich in kontroversen Bemerkungen und klischeetypischen Reaktionen. Der Rittmeister prolongiert sein militärisches Engagement und versucht die Kontrolle an sich zu reißen, indem er die Vorzüge der Armee mit den Mängeln im Eisenbahnbetrieb konfrontiert. Eine Opernsängerin lässt sich nur schwer aus der Reserve locken, weil sie ihr neugieriger Gesprächspartner auf ein volkstümliches Niveau reduzieren möchte. Ein junges Paar vergisst alles um sich herum und nistet sich in einem leeren Abteil ein. Die Krankenschwester lebt resoluten Pragmatismus vor. Der Sohn aus reichem Haus treibt die Nervosität seiner Mitreisenden mit ironischen und sarkastischen Spitzen in die Höhe. Der Direktor im öffentlichen Dienst sucht ein Ventil, um seinen angestauten Frust loszuwerden. Selbst der Schaffner scheint neben seiner Dienstauffassung auch andere Beweggründe mit an Bord des Zuges gebracht zu haben. Über allem liegt eine gereizte, angespannte Atmosphäre der Beklemmung. Die engen Abteile, der schmale Gang und die gegenseitigen Behinderungen durch ruheloses Verhalten, erhöhen die latent vorhandene Platzangst einiger Passagiere und bereiten den Boden für die kommenden Ereignisse, welche die Charaktereigenschaften der Personen gnadenlos entlarven und emotional alle Schleusen öffnen werden.

    Der Schauplatz Eisenbahn bietet einen Mikrokosmos erster Güteklasse. Lange Flure führen ins Nirgendwo und dienen nur dem Flanieren entlang fremder Kabinen, in denen sich zwischenmenschliche Banalitäten, aber auch Tragödien und Romanzen abspielen. Abteiltüren dienen als Barrieren, welche die Personen gegen die anderen abschotten, ihnen Grenzen aufzeigen oder im schlimmsten Fall zum Tatort werden. Die Klaustrophobie nährt sich aus den rudimentären Räumlichkeiten, die zweckmäßig und unpersönlich sind und nur der simplen Unterbringung, nicht aber dem gehobenen Aufenthalt dienen. Der Salonwagen fungiert als Versammlungsort, um über die Mitreisenden herzuziehen, sich von unliebsamen Passagieren abzusondern oder um ernsthafte Überlegungen anzustellen. Der Aufbruch zur einsamen Bahnstation ist wie eine Befreiung und die blank liegenden Nerven aller brechen sich in den - im Vergleich zu den spartanischen Schlafkabinen geradezu fürstlich geräumigen - Aufenthaltsräumen endlich ihre Bahn. Der pedantische Stationsvorstand ("Ein Beamter muss nicht höflich, sondern ordentlich sein.") sorgt mit seinem Egoismus für eine Reinigung der Atmosphäre, in der ausgeübte Befehlsgewalt, eine deutliche Hierarchie und die Geringschätzung anderer - inklusive der Polizei - bereits für eine Vergiftung des Ambientes sorgten. Der Kriminalinspektor transportiert routinierte Souveränität und Gelassenheit. Situationen wie die vorliegende können ihn nicht aus seinem Konzept bringen, das auf jahrelanger Berufserfahrung und Menschenkenntnis fußt. Die Regie schafft es hier, die Spannung neu anzuheizen, nachdem die Handlung in den engen Zuggarnituren an ihre buchstäblichen Grenzen gelangt war. Psychogramme unterschiedlicher Couleur festigen die Individualität der Figuren, wobei einige besonders ins Auge fallen, so z.B. Allan Edwall, Heinz Hopf, Ewa Strömberg und Lars Ekborg. Reue macht sich stellenweise breit, sogar ein grotesker Moment der Nekrophilie wird heraufbeschworen und emotionale Extreme umfassen die Gruppe der Reisenden mit variierender Intensität. Gregor Hult sieht sich nach seinen ausschließlich sarkastischen Kommentaren bemüßigt, ein Geständnis abzulegen, das gleichzeitig eine Lebensbeichte darstellt; Pia verharrt in stummer Verachtung, die jederzeit in explosiven Hass umschlagen kann und der Direktor will mit ein paar Scheinen hastig reinen Tisch machen. Selbst der Rittmeister erkennt, dass seine Ordnung zerschlagen wird, weil er glaubt, seinen treuen Verbündeten Grälle durch Eigennutz verloren zu haben.

    "Der Schlafwagenmörder" verfügt über eine dichte Atmosphäre, die der klassischen Kriminalhandlung intime Nuancen verleiht und sich in feinen Personenporträts ausdrückt, was die Frage nach dem "Who's done it?" zu einem psychologischen Rätsel macht, dessen Lösung den Film zu einem anspruchsvollen und anregenden Geheimtipp macht.

  • Rauschgift-Banditen (1958)Datum30.12.2018 13:59



    BEWERTET: "Rauschgift-Banditen" (The Man who died twice) (USA 1958)
    mit: Rod Cameron, Vera Ralston, Mike Mazurki, Gerald Milton, Richard Karlan, John Maxwell, Bob Anderson, Louis Jean Heydt, Don Megowan, Paul Picerni, Luana Anders u.a. | Drehbuch: Richard C. Sarafian | Regie: Joseph Kane

    Nachtclubbesitzer Richard Brennon verunglückt tödlich mit seinem Wagen, kurz darauf sieht seine Witwe Lynn, wie ein Mann vom Balkon ihrer Wohnung abstürzt. Sie erleidet einen Schwächeanfall und kann sich anschließend nicht mehr an den Vorfall erinnern. Ihr Schwager Bill, der sich nie mit seinem Bruder verstand, bietet Lynn seine Hilfe an, doch auch Richards rechte Hand Rak zeigt Interesse an der Geschäftsführung. Die Polizei lässt das Haus beobachten, weil sie einem Drogenhändlerring auf der Spur ist. Bald geschieht ein weiterer Mord und Lynn weiß nicht mehr, wem sie trauen kann....



    Der Film legt ein Tempo vor, das sich sehen lassen kann. Die Bilanz der ersten drei Minuten: zwei tote Männer und eine ohnmächtige Frau. Aufgrund seines relativ unbekannten Schauspieler-Ensembles vertraut der Streifen auf eine solide dramaturgische Basis und klassische Versatzelemente des Noirs. Der Vorteil eines weitgehend unvertrauten Darstellerstabs liegt in der Vermeidung von Zuordnungen. Eine Unterscheidung zwischen Gut und Böse wird somit erschwert, jeder verdächtigt jeden und bespitzelt und misstraut seinem Gegenüber. Das B-Movie bedient sich der selben Stilmittel, die auch in den Klassikern des Genres Verwendung finden. Ein Nachtclub mit dem Namen "Blauer Schwan", der als Umschlageplatz für Heroin dient, eine Sängerin zwischen zwei Männern und mehrere mysteriöse Todesfälle, die als Unfälle getarnt ein Geheimnis bewahren, das am Ende alles auf den Kopf stellt. Selbst eine schwarze Katze schleicht unheilbringend durchs Szenario - Unheil kommt jedenfalls über ihre Besitzerin, eine schwatzhafte alte Dame, die zu viel sieht und zu viel hört - in jenen Kreisen ein Todesurteil. Vera Ralston ist eine solide Besetzung für die weibliche Hauptrolle, wobei "Rauschgift-Banditen" bereits der letzte Film ist, in dem sie mitspielt. Die ehemalige Eiskunstläuferin war u.a. neben John Wayne in Westernproduktionen mit von der Partie, doch in großen kommerziellen Erfolgen sah man sie nie. Ihr tschechischer Akzent wurde oft bemängelt, über ihre schauspielerischen Qualitäten gehen die Meinungen auseinander.

    Dennoch macht sie als weiblicher lead eine aparte Figur, man vertraut ihr und sie ist der einzige Charakter, dem man seine Unbescholtenheit glaubt. Vielleicht ist es gerade ihr Unvermögen, sich ganz und gar auf eine Rolle einzulassen und diese nach einem professionell einstudierten Muster zu zeichnen. Ebenso wie die dreifache Eistanz-Olympiasiegerin Sonja Henie wagte Vera Ralston den Sprung zum Film, ihre Leistung in "Rauschgift-Banditen" ist allemal ausreichend für die Drehbuchvorgaben. Dem deutschen Publikum fallen die markanten Synchronstimmen von Heinz Drache, dessen Sonorität noch nicht völlig ausgeprägt ist, und Werner Peters auf, ein angenehmer Anker in dem unbekannten Umfeld. Mit einer Laufzeit von kaum siebzig Minuten sollte der Film keine Längen aufweisen. Dennoch knickt das Tempo nach dem vielversprechenden Auftakt bald wie ein Streichholz ein und der Zuschauer sieht sich mit einem Pingpong an Dialogen konfrontiert, die von Personen geführt werden, die ihn wenig interessieren. Es gelingt der Produktion über lange Strecken nicht, den richtigen Nerv zu treffen, zu harmlos und zu belanglos gestaltet sich die Suche nach dem Rauschgift und dessen Vertriebsleiter. Nichtsdestotrotz verströmt der Film einen altmodischen, wenn auch herben Charme, der sich aus dem authentischen Zeitkolorit ergibt. Zu den unvergessenen Klassikers des Genres kann er nicht aufschießen, sein Unterhaltungswert ist solide und wartet mit der einen oder anderen hübschen Idee auf, die jedoch nicht konsequent genug zu Ende verfolgt wird.

  • Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema

    BEWERTET: "Der Würger vom Tower" (Deutschland 1965)
    mit: Hans Reiser, Charles Regnier, Kai Fischer, Ellen Schwiers, Christa Linder, Alfred Schlageter, Ady Berber, Ruth Jecklin, Lis Kertelge, Walter Kiesler, Inigo Gallo, Rainer Bertram, Gerhard Geisler, Gisela Lorenz u.a. | Drehbuch: Erwin C. Dietrich | Regie: Hans Mehringer

    Die vermögende Witwe Mary Wilkins, Besitzerin eines von nur fünf existenten Parvati-Smaragden, wird eines Nachts ermordet. Kurz darauf wird ihre Tochter Jane von Mitgliedern der "Brüder der ausgleichenden Gerechtigkeit" entführt. Inspektor Harvey von Scotland Yard sucht den Juwelier Clifton auf und informiert sich über die Geschichte des wertvollen Steines, der aus einem indischen Tempel entwendet wurde und wie ein Heiligtum verehrt wird. Währenddessen verfolgt der unheimliche Würger die Spur des Smaragden und tötet jeden, der sich weigert, den Stein herauszugeben....



    Im Zuge der populären Krimiwelle sahen mehrere Produzenten die Chance, sich mit einem stilverwandten Film an den Erfolg der Kollegen ran zu hängen und von der Mundpropaganda zu profitieren. Es wurde angenommen, dass der Zuschauer nicht zwischen A- und B-Ware unterscheiden würde, sondern sich von einem klingenden Filmtitel und einer reißerischen Geschichte ebenso ins Kino locken lassen würde wie bei der namhafteren Konkurrenz. Die bekannten Leinwandregisseure waren fast durchgehend ausgebucht, weswegen auch Männer aus dem Fernsehmetier engagiert wurden. Der Schweizer Schauspieler Hans Mehringer hatte bisher vor allem Unterhaltungssendungen für das Fernsehen seiner Heimat inszeniert, ebenso schrieb er die Drehbücher zu einem dreiteiligen Mitratefernsehkrimi mit Alfred Schlageter und Fred Tanner ("Wer ist der Täter?"). Sein Engagement als Kinoregisseur blieb ein Gastspiel und er wandte sich anschließend wieder dem Unterhaltungsfernsehen zu. Andreas Demmer oblag es, für eindrucksvolle Bilder zu sorgen, was ihm nur teilweise gelingt. Viel Potential wird liegengelassen, wenn die Kamera falsch positioniert ist und die herrlichsten Gruselszenen übereilt und emotionslos abgedreht werden. Es gelingt leider nicht, Ady Berber unheimlich in Szene zu setzen, die Morde sind schlecht ausgeleuchtet und geschehen teilweise im Off. Die Musik ist sehr beschwingt, unterstützt die Handlung also nur bedingt. Stellenweise hört man einzelne Töne aus dem Score zum "Unheimlichen Mönch" (Regie: Harald Reinl) heraus, der im Herbst des selben Jahres gedreht wurde. Die krude Philosophie der Kapuzensekte erhält breiten Raum. Kuttenträger sind im Allgemeinen beliebte Exoten in der Krimilandschaft, assoziiert man mit ihnen doch ein unberechenbares Verhalten, das keine Rücksicht zu nehmen braucht, weil die Tarnung die Identität der Person unsichtbar macht.

    Leider gelingt es der Urania Film nicht, das erfolgreiche Muster der routinierten Konkurrenz stimmig zu kopieren. Alles wirkt wie ein billiges Plagiat, das den Zuschauer seltsam ungerührt lässt. Es stellt sich keine Verbindung zu den Figuren her, welche größtenteils fremd und schablonenhaft wirken. Selbst gute alte Bekannte wie Charles Regnier und Ellen Schwiers geben sich wenig Mühe, ihren Rollen Leben einzuhauchen und aus den grob gezeichneten Vorgaben mehr herauszuholen als eine müde Performance im Fall von Regnier und eine geradezu ironisch überspitzte Dialogwiedergabe im Fall seiner Kollegin Schwiers. Hans Reiser, der von Arnold Marquis synchronisiert wurde - während man bei dem Vorsitzenden des Geheimbundes leider auf eine Stimmencamouflage verzichtete - spult seinen Part lustlos herunter. Kai Fischer ist in diesem träge wirkenden Ensemble die erfrischende Ausnahme, sie besticht durch die für sie typischen Akzente von feinem Humor und charmanter Lebhaftigkeit. Positiv hervorzuheben ist auch der Wechsel der Schauplätze. Obwohl es natürlich obligatorische London-Aufnahmen aus der Konserve gibt, bietet man durch die Schweizer Connection einige neue Außendrehorte. Schloss Hilfikon im Schweizer Kanton Aargau diente als Hintergrund für den Ansitz des Pferdeliebhabers Alfred Schlageter. So konnte man den Berliner und Hamburger Drehorten der deutschen Kollegen wenigstens eine eigenständige Note entgegensetzen. Der geheime Versammlungsort der Kapuzenbrüder sorgt nur bedingt für eine furchteinflößende Atmosphäre, obwohl die junge Heldin Christa Linder dort bange Tage durchleben muss. Ihre Figur bleibt weitgehend passiv, weil sie im Rahmen ihrer Rollenvorgabe wenig Möglichkeiten hat, einen nachhaltigen Auftritt zu formulieren. In Erinnerung bleiben so vor allem ihre Angst und ihre Resignation.

    Schale Kriminalproduktion mit einem verschenkten Schauspieler-Ensemble, das selbst nicht an einen Erfolg zu glauben scheint. 2 von 5 Punkten

  • Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema

    Ich bin gespannt, ob es sich hier um eine exakte Umsetzung des gruseligen Romans "The Lodger" von Marie Adelaide Belloc Lowndes handelt, der erstmals 1913 bei Charles Scribner's Sons erschienen ist und den ich mir vor Jahren aus den USA kommen ließ. Alfred Hitchcock hat die Geschichte zugunsten seines Hauptdarstellers Ivor Novello umgewandelt, um den Weg für ein romantisches Happy-End mit June Tripp frei zu räumen. Im Roman heißt es im letzten Absatz: "Mr. Sleuth never came back, and at last, after many days and many nights had gone by, Mrs. Bunting left off listening for the click of the lock which she at once hoped and feared would herald her lodger's return."

  • Frauenarzt Dr. Sibelius (1962)Datum06.12.2018 13:42
    Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema

    Hans Nielsen spielt den Anwalt Dr. Reinhardt, einen alten Freund von Dr. Georg Sibelius. Er kommt relativ spät zu seinem Auftritt und berät den Arzt zu einem heiklen Fall von Verleumdung. Eine von Ann Savo gespielte Patientin beschuldigt Dr. Sibelius, sie verführt zu haben. Dr. Reinhardt argumentiert fast ärgerlich, weil er die Anschauung seines Freundes kennt, der seinen Patientinnen gegenüber oft zu arglos und leichtgläubig reagiert. Hans Nielsen schüttelt seine Rolle fast schon aus dem linken Ärmel, hat er sie doch in verschiedenen Varianten immer wieder überzeugend gespielt.

  • Frauenarzt Dr. Sibelius (1962)Datum03.12.2018 21:33



    BEWERTET: "Frauenarzt Dr. Sibelius" (Deutschland 1962)
    mit: Lex Barker, Senta Berger, Barbara Rütting, Sabine Bethmann, Harry Meyen, Anita Höfer, Berta Drews, Elisabeth Flickenschildt, Ann Savo, Hans Nielsen, Gudrun Schmidt, Rudolf Platte, Loni Heuser, Christine Gerlach, Lou Seitz u.a. | Drehbuch: Janne Furch und Sigmund Bendkover nach einer Idee von Artur Brauner | Regie: Rudolf Jugert

    Chefarzt Dr. Georg Sibelius genießt das Vertrauen seiner Patientinnen, die den besonnenen Mediziner schätzen und bewundern. Elisabeth, seine Ehefrau, plagen Langeweile und Eifersucht. Sie sitzt den ganzen Tag über zuhause und wartet auf ihren Mann, der des öfteren bis spät in der Nacht in der Klinik bleibt. Verstärkt wird ihr Misstrauen, als die jüngere Schwester ihrer alten Freundin Sabine bei ihnen einzieht. Ihre heftigen Vorwürfe und Anschuldigungen entbehren zwar jeder Grundlage, aber ihr Mann ist zunehmend verzweifelt und fragt sich, wie er seine Frau beruhigen kann. Als bei seiner Jugendliebe Sabine Leukämie im letzten Stadium diagnostiziert wird, trifft er eine folgenschwere Entscheidung....



    Lex Barker überzeugt als Frauenarzt, der selbst im Umgang mit Hypochondern Milde und Verständnis ausstrahlt, obwohl seine Nerven gerade im Privatbereich seines Lebens häufig bis zum Anschlag gespannt sind, wenn ihm geballte Emotionen entgegenschlagen und er immer wieder die selben Anschuldigungen hören muss. Während er im Krankenhaus weibliche Loyalität und Vertrauen erfährt, bringt ihm seine Ehefrau weitaus zwiespältigere Gefühle entgegen, da ihre uneingestandenen Schuldgefühle und Minderwertigkeitskomplexe an ihrem Selbstverständnis nagen und deshalb in jeder potentiellen Konkurrentin die Bestätigung ihrer eigenen Wertlosigkeit sehen. Senta Berger überzeugt mit ihrem Wechselbad der Gefühle trotz ihrer eigenen Attraktivität, die eigentlich verhindern sollte, dass sie in jeder anderen Frau eine Rivalin sieht. In Gestalt von Barbara Rütting, die das weibliche Pendant zu Lex Barker verkörpert, scheint Berger ihre Meisterin gefunden zu haben. Rütting spielt die Reisejournalistin Sabine, deren berufliches Engagement ihr jedoch im Gegensatz zu Barker wenig Bewunderung einbrachte. Weiblicher Erfolg wird in "Frauenarzt Dr. Sibelius" dem zeitlichen Rahmen entsprechend mit Einsamkeit konnotiert. Sowohl die Journalistin, als auch der Humanmediziner schätzen ihren Beruf, moralisch honoriert wird allerdings nur jener des Arztes, während die Reporterin laut Drehbuch zur Einsicht kommen muss, das Glück verpasst zu haben. Solange sie unabhängig ist und keiner Gesellschaft bedarf, ist sie das Schreckensbild der gefährlichen Rivalin für Elisabeth Sibelius. Als sie jedoch erkrankt und Hilfe, Fürsorge und Wärme benötigt, wird die Keule der Geschlechterklischees geschwungen und ihr Lebensentwurf in Frage gestellt.

    Die Finnin Ann Savo verdichtet gleich mit den ersten Schritten in Sibelius' Behandlungszimmer die Atmosphäre des Raumes, dem sie sich halb bedrohlich, halb vorsichtig nähert. Es scheint, als wäge sie jede ihrer Gesten und Worte ab und wie so oft benötigt sie keinen großen Anlauf, um ihr Gegenüber zu vereinnahmen und seine Aufmerksamkeit zu erringen. Die Charaktere in Savos Repertoire sind kraftvolle und unkonventionelle Vertreter des Typs eigenständige Frau, wobei ihre Ausstrahlung immer anrüchig und verletzbar zugleich ist. Sie bleibt exotischer Farbtupfer und Außenseiterin; nie wird man sie im Mittelpunkt einer Familie oder Freundinnengruppe antreffen, dafür ist sie zu eigenwillig und zu wenig angepasst. Sabine Bethmann leistet im Sinne ihres Berufs wertvolle Arbeit, sie ist eine verlässliche Stütze des verehrten Chefarztes und hat selbst keine Ambitionen nach Ruhm oder Aufstieg. Ganz anders Harry Meyen als unbequemer Aspirant auf den Posten des Chefs: Finster, ehrgeizig und unergründlich wie ein stilles Wasser spinnt er im Hintergrund subtile Intrigen, sobald er seine Chance gekommen sieht. Im Gegensatz zu Bethmann begnügt er sich nicht damit, einem erfolgreichen Kollegen zuzuarbeiten, sondern er will selbst an den Schalthebel der Entscheidungen. Die Klimax ergibt sich nach seiner Vorarbeit, die er ebenso kühl wie unpersönlich auch Elisabeth Sibelius präsentiert, die halb hoffend, halb zaudernd am Ende leidlich die Kurve kriegt, was zu einem halboffenen Finale mit Aussicht auf Besserung führt. Vorher muss sich die Arbeit ihres Mannes jedoch durch einen Eingriff auf Leben und Tod live rechtfertigen, um ihre Zweifel zu zerstreuen und sie zur demütigen Einsicht zu bringen.

    Formidabel besetzt überzeugt die Produktion in erster Linie durch die prominenten Schauspieler, die sich empathisch mit den Sorgen und Nöten rund um eine prekäre Ehe befassen und die Produktion spannend und unterhaltsam gestalten, auch wenn man Rudolf Jugert ein bisschen mehr Mut zugestanden hätte, um gewisse Botschaften des Films nicht allzu konservativ zu vermitteln. 4 von 5 Punkten

  • The Other Side of the Wind (1970-76)Datum27.11.2018 14:06
    Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema

    Die Satire mit dem ursprünglichen Arbeitstitel "Dream" sollte laut Aussage von Orson Welles keine Erzählung werden, sondern eine Abfolge von Eindrücken bieten. Er war überzeugt, dass sich sein ehrgeiziges Projekt seinem meisterhaften Erstling ("Citizen Kane") als ebenbürtig erweisen werde. Im Grunde erzählt er seine eigene Geschichte: ein alternder Kinoregisseur bemüht sich, sein Lebenswerk mit einem letzten Opus zu vollenden und muss nun sehen, wie er das Geld dafür aufbringt. Da sich Welles von iranischem Kapital abhängig gemacht hatte, bedeuteten die politischen Umwälzungen im ehemaligen Persien den Strich durch seine Rechnung. Nach dem Sturz des Schahs Reza Pahlavi beschlagnahmten die neuen erzkonservativen Machthaber das gesamte Filmmaterial und hielten es in einem Pariser Tresor unter Verschluss. So wiederholte sich das Schicksal der Filmfigur Jake Hannaford auf groteske Weise an Welles persönlich, der bereits einen Rohschnitt des Films erstellt hatte und die ungewöhnliche Produktion für sein Comeback in Hollywood nutzen wollte, wo man schon lange tuschelte, dass das verrückte Wunderkind aus Wisconsin - er wurde "Crazy Welles" genannt - nichts mehr fertig bringe. Sein zur selben Zeit beendetes Kinowerk "F for Fake" fand zunächst in den USA keinen Verleih und wurde nur in Europa gezeigt. Während es noch über zehn Jahre nach Welles' Tod so aussah, als wäre "The Other Side of the Wind" für immer verloren, ist es nun umso erfreulicher, dass eine weitere geheimnisumwobene Produktion wieder der Allgemeinheit zugänglich gemacht wurde - entgegen aller Unkenrufe, sie werde für immer verschollen bleiben.

    In diesem Sinne: Danke an Prisma für den präzisen und hintergründigen Bericht, aus dem echte Begeisterung spricht.

  • Walter WilzDatum25.11.2018 19:59
    Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema



    Walter Wilz als Angus in "Nur der Wind" (1961)

    Walter Wilz ging nach dem Abitur nach München und schrieb sich an der Universität ein, um ein Studium der Theaterwissenschaften zu absolvieren, nahm jedoch parallel Schauspielunterricht und knüpfte über Wenzel Lüdecke erste Kontakte zum Film. Mit der Hauptrolle im Alfred-Vohrer-Film "Meine 99 Bräute" klappte es im Jahr 1958 nicht, doch Regisseur Fritz Umgelter gab ihm ein Jahr später eine Rolle im Fernsehmehrteiler "So weit die Füße tragen". Vermutlich liegt hier die Verbindung zu seinem Auftritt als Fischer in "Nur der Wind". Im selben Jahr wirkte Wilz in so verschiedenen Filmen wie "Geheime Wege" (mit Richard Widmark, Charles Regnier und Sonja Ziemann), "Verdammt die jungen Sünder nicht" (aka "Morgen beginnt das Leben") (mit Cordula Trantow, Corny Collins und Werner Hinz) und "Immer wenn es Nacht wird" (mit Jan Hendriks, Hannelore Elsner und Karin Kernke) mit.

    Der Fischer Angus ist ein unauffälliger, nachdenklicher Bursche, der mit den Problemen seines Handwerks bestens vertraut ist. Die meisten jungen Leute sehen keine Zukunftsperspektiven in diesem traditionellen Beruf und wandern nach England ab oder reisen nach Amerika aus, um ein geregeltes Gehalt gegen die Unsicherheit einzutauschen, die das Fischerhandwerk mitbringt. Angus hat alles, was er braucht und man merkt, dass ihm das einfache Leben in der Natur gefällt. Er ist kein Abenteurer, benötigt keine großen Reichtümer und schätzt seinen Tagesablauf, bei dem die Männer nach der Arbeit zu einem Bier einkehren und ein wenig plaudern. Als Naturbursche ist er auch mit den Tieren vertraut, holt den Besucher Mike mit der Kutsche vom Hafen ab und prescht später auf einem Pferd über die felsige Ebene, um dem Mann zu Hilfe zu eilen. Man hat das Gefühl, dass Wilz dieses unabhängige Leben auch in Wirklichkeit schätzte und sich in Lederjacke und Gummistiefeln wohl fühlte und in Drehpausen über die Weite der windumtosten Küstenlandschaft wanderte, um Gedanken nachzuhängen und den Kopf frei zu bekommen. Ein schönes Wiedersehen mit dem sympathischen Mimen, der sich in die Gruppe einfügt, als hätte er sein Leben lang in der rauen irischen Landschaft verbracht, wo Eigenbrötler und Rebellen ein unauffälliges Auskommen haben, wenn sie über die Weiten ziehen.

  • Freddy Quinn & seine FilmeDatum25.11.2018 19:40
    Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema

    BEWERTET: "Nur der Wind" (Deutschland 1961)
    mit: Freddy Quinn, Cordula Trantow, Gustav Knuth, Heinz Weiss, Gudrun Schmidt, Helmut Oeser, Gottfried Herbe, Georg Lehn, Maureen Toal, Walter Wilz, Dorit Amann, Hans E. Schons u.a. | Drehbuch: Kurt Nachmann | Regie: Fritz Umgelter

    Tim O'Connor, der Sohn des Fischers Sean, ist nach Dublin gefahren, um dort Geld für ein neues Motorboot zu verdienen. Seit geraumer Zeit verlassen immer mehr Fischer den Küstenabschnitt, weil sich die Ertragslage verschlechtert hat und es kaum noch Arbeit für die Männer gibt. In Dublin lernt Tim einen gewissen Jack Johnston kennen, der ihm rät, den wertvollen Schmuck der Millionärin Mrs. Collins zu stehlen, um seine Schulden zu begleichen. Auf der Flucht wird Tim allerdings vom Parkwächter gestoppt, den er kurzerhand niederschlägt. Er versteckt die Beute in einem Schließfach am Bahnhof und sendet den Schlüssel per Expressbrief nach Hause. Jack Johnston lässt Tim glauben, er habe den Parkwächter getötet, um ihn unter Druck zu setzen, woraufhin Tim sich das Leben nimmt. Zuvor beauftragt er jedoch seinen alten Freund Mike O'Brien, den Schlüssel abzufangen und ihn nach Dublin zurückzubringen. Doch der alte Sean schwört Rache und macht Mike für den Tod seines Sohnes verantwortlich....



    Freddy Quinn, Sohn eines irischen Vaters und einer österreichischen Mutter, begann seine Karriere als Schauspieler ungefähr parallel zu seinen ersten Film- und Fernsehrollen und in beiden Fällen spielte der Hamburger Regisseur Jürgen Roland eine entscheidende Rolle. Nach einigen heiteren Musikfilmen übernahm er in "Nur der Wind" unter der Regie von Fritz Umgelter eine ernste Rolle als Bootsbauer, der seinem Freund helfen und den Hintermann eines Juwelendiebstahls überführen will. Sein Spiel ist angenehm zurückhaltend, er verfügt über eine natürliche Autorität, die ihm einen Vertrauensvorschuss ermöglicht, der für die Geschichte essentiell ist. Der unbekannte Gottfried Herbe spielt den jungen Tim und man stellt sich die Frage, warum Walter Wilz nur eine kleine Nebenrolle erhielt. Leider sieht man ihn zwei Jahre nach seinem Erfolg in "Der Frosch mit der Maske" in der unbedeutenden Rolle als Fischer Angus, den man, wenn man es nicht wüsste, mit Baskenmütze und Dreitagebart gar nicht erkennen würde. Wie viel hätte er aus der Rolle des verzweifelten Tim O'Connor herausgeholt, die in Grundzügen auffallend der Rolle des Ray Bennett ähnelt! Heinz Weiss, ebenfalls ein vertrauter Mann für Regisseur Umgelter, gibt den aalglatten Lebemann, der seinen Aufwand aus den Taschen vermögender Damen finanziert, die er um ihren Schmuck erleichtert. Selbstredend macht er sich die Hände nicht selbst schmutzig, sondern betraut seine geschmeidige Sekretärin Dinah, die von Gudrun Schmidt mit mondäner Souveränität gespielt wird, mit der Aufgabe, einen naiven Burschen für den Raub zu gewinnen. Unübersehbar dabei die Botschaft des Films, die dem Zuschauer eine Lektion über die Gutgläubigkeit unbedarfter Landbewohner erteilt, auch hier wieder eine Reminiszenz an den "Frosch mit der Maske". Cordula Trantow stattet das Mädchen Eileen mit Natürlichkeit, Anmut und Eigenständigkeit aus - Eigenschaften, die den Kontrast zu den eleganten Damen des Yachtclubs aufzeigen, in dem der Hochstapler Johnston so sicher auftritt. Natürlich werben gleich zwei Männer um ihre Zuneigung und es ist ziemlich klar, für wen sich Eileen am Ende entscheiden wird.

    Wunderbare Aufnahmen von der grünen Insel geben dem Kriminalfilm die richtige Würze. Der melancholische Titelsong, sein authentisch agierender Interpret und die Jagd nach dem Schlüssel, der zum Spielball zwischen Gut und Böse wird, werden von Regisseur Umgelter zu einem glaubwürdigen Drama umgesetzt, das gut unterhält und auch jene Zuschauer überzeugt, die ein reines Star-Vehikel für den Hamburger Sänger erwarteten. 4 von 5 Punkten

  • Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema



    BEWERTET: "Rosemaries Tochter" (Deutschland 1976)
    mit: Lillian Müller, Horst Frank, Tamara Lund, Jo Herbst, Werner Pochath, Bela Erny, Hanne Wieder, Karl Schönböck, Tilo von Berlepsch, Herbert Fux, Silvia Simon, Ernst Lothar, Walter Ullrich u.a. | Drehbuch: Ted Rose, Friedhelm Lehmann, Helmuth Ruge und Joe Berger | Regie: Rolf Thiele

    Die Frankfurter Prostituierte Rosemarie Nitribitt hinterließ eine Tochter, die in der Schweiz aufwuchs und für deren Unterhalt ein unbekannter Gönner sorgte. Als die Zahlungen nach zwanzig Jahren plötzlich ausbleiben, reist Annemarie in die Bundesrepublik, um im Umfeld ihrer ermordeten Mutter nach Spuren zu suchen. Mit der Devise, sich an allen, die für den Tod der Nitribitt verantwortlich sind, zu rächen und selbst finanziell unabhängig zu werden, sucht Annemarie den Kontakt zu ehemaligen Bekannten ihrer Mutter, wobei sie vorgibt, Journalistin zu sein. Sie sticht dabei in mehrere Wespennester und sorgt für helle Aufregung bei den Beteiligten....



    Diskussionswürdige, kritische Thesen werden im Plauderton serviert, ohne dem Zuschauer Zeit zum Reflektieren zu lassen. Während Bild und Ton selten konform ablaufen, treibt Thiele seinen Film mit einer Vehemenz voran, in der ungetrübtes Selbstbewusstsein seinen Ausdruck findet. Dem Regisseur des Kinoklassikers "Das Mädchen Rosemarie" scheint es weniger darum zu gehen, Wahrheiten aufzudecken oder ein Komplott zu entwerfen, als sich in der Allmacht zu sonnen, die er als "Experte" über den Stoff erlangt zu haben scheint. Seine Auslegung der Geschichte ist geradezu verwegen und könnte als Parodie durchgehen, wenn Thiele sie nicht so ernst nehmen würde. Alles, was kommentiert, angeprangert und analysiert wird, ist bitterernst und soll intellektuell wirken, während parallel Müllers Venusfigur zu sehen ist. Laufend bemüht Thiele die Urmutter der blonden Annemarie, das stadtbekannte Mädchen Rosemarie von Anno dazumal, wobei Nadja Tiller wie ein Gespenst in Sepia aus der Vergangenheit auf den Zuschauer blickt und er sich unwillkürlich fragt, ob Thiele nicht genügend neues Material hatte, um die 92 Minuten Filmlänge auszufüllen. Nicht erst als leuchtend rote Hakenkreuzflaggen im Bild erscheinen oder Werner Pochath den 'deutschen Herbst' antizipiert, zieht man verwundert die Augenbrauen hoch. Das Staunen über die Melange aus Satire, Drama, Komödie und Erotikfilm setzt bereits ein, als Lillian Müller auf Tamara Lund und Jo Herbst trifft, die den Tanz ums goldene Kalb traumtänzerisch wiederholen und alle Hoffnung des Zusehers auf eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Kriminalfall 68331/57 begraben. Die Beweggründe der weiblichen Hauptfigur scheinen nicht einmal ihr selbst bekannt zu sein, bleiben ihre Aktionen doch vage und dienen meist nur dem Zweck der Selbstinszenierung. Die Propagierung der totalen Amnesie als Heilsbringer ist der Gegenentwurf zu Annemaries Wunsch, die Leute zum Sprechen zu bewegen. Verweist Thiele am Anfang des Films noch laufend auf seinen eigenen Klassiker, so scheint auch er sich am Ende für den Nebel des Vergessens entschieden zu haben, mit dem er sein geschmacksverirrtes Werk einsprüht - doch das Publikum vergisst nicht.

    Charly Steinberger erweist sich einmal mehr als Meister seines Fachs und taucht Müller in schmeichelnde Perspektiven, die reizvolle Kontraste ergeben und die Darstellerin zum visuellen Kunstwerk stilisieren. Weiches Licht, satte Farben und fließende Übergänge zwischen nüchterner Realität und versponnener Traumwelt charakterisieren bereits den Vorgänger "Frauenstation". Die Kamera nutzt alle Möglichkeiten, den Film dort aufzuwerten, wo das Drehbuch versagt. Bleiben die Dialoge auch flach, die Kommentare exaltiert und die Handlungen abstrus, so kann man wenigstens nicht leugnen, dass alles sehr kreativ ausgeleuchtet und fotografiert wurde. Während Horst Frank, Hanne Wieder und Herbert Fux des öfteren unvorteilhaft ins Bild gerückt werden, touchiert die Kameralinse Lillian Müller mit Samthandschuhen und rückt ihre diversen Schokoladenseiten stets passgenau in den Mittelpunkt. Die Betonung liegt auf ihrem unschuldigen Charme, der von ihrer feindlichen Umgebung bedroht wird und dessen gleich mehrere Personen habhaft werden wollen. Der Pöbel wird dabei in Verzerrung und Nahaufnahme gezeigt, in Zeitlupe bewegt er sich zu absurden Moritaten und zeigt sich in all seiner Erbärmlichkeit. Immer wieder fischt die Kamera das blonde Mädchen aus der Menge heraus, isoliert es und lenkt das Interesse des Publikums auf seine Ausstrahlung. Lillian Müller stellt in gewisser Hinsicht den einzigen Lichtblick der Produktion dar, weil sie ebenso wie ihre Figur das Metier als Anfängerin ausübt und sich deshalb nicht jene Vorwürfe gefallen lassen muss, die man etwa einem Schauspieler wie Horst Frank machen muss. Sein affektiertes Auftreten im Käfig voller Narren, abwechselnd bewaffnet mit Banane, Beil oder Bacardi, stellt einen Tiefpunkt in seiner Karriere dar. Man fragt sich ohnehin, welche Beweggründe dazu führten, dass Rolf Thiele stets prominente Namen um sich scharen konnte, selbst bei Produktionen auf niedrigstem Niveau. Mag sein, dass Thiele ursprünglich mit der Absicht angetreten war, den Fall Nitribitt neu zu beleuchten, das Ergebnis ist jedoch weder eine kontroverse Spurensuche, noch ein leidlich spannender Kriminalfilm oder ein intelligentes Drama, sondern eine sinnbefreite Groteske.

    Abschließend noch ein Auszug aus der Kritik von Paula Linhart im "Filmdienst" unter dem Eintrag Nr. 20 059 des Jahrgangsbandes von 1976:

    "Das von Rolf Thiele 1958 in Gang gesetzte bundesdeutsche Affärenkarussell ("Das Mädchen Rosemarie"), das seine zeitsatirischen Glossen nicht ohne keß-unterhaltsamen Dreh über die Runden brachte, wird "zeitgemäß" wieder angekurbelt, verfehlt aber den satirisch-parodistischen Anschluß. Idee und hinterhältige Pointen ohne Geist und listig versteckten Witz verdummen zu vordergründigen Gags. Wo sich der Kommentar augenzwinkernd mit Anspielungen begnügt, wird die Bilderstory plump anzüglich und mit einer Einstellung unverblümt ins Pornofach verlegt. In dieser parodistischen und kabarettistischen Substanzleere bekommt der üppige Ausstattungschic und -flitter nur Alibifunktion, so attraktiv und effektvoll er auch ins Bild gebracht wird."

  • Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema

    BEWERTET: "Mord in der Rue Morgue" (Murders in der Rue Morgue) (USA 1971)
    mit: Jason Robards, Christine Kaufmann, Herbert Lom, Adolfo Celi, Maria Perschy, Lilli Palmer, Michael Dunn, Rosalind Elliot, Peter Arne, Ruth Plattes, Marshall Jones, Brooke Adams u.a. | Drehbuch: Christopher Wicking und Henry Slezar nach dem Roman von Edgar Allan Poe | Regie: Gordon Hessler

    Madeleine und ihr Mann César stehen jeden Abend mit dem Stück "Mord in der Rue Morgue" in Paris auf der Theaterbühne. Als ein Mitglied des Ensembles ermordet wird, richtet sich der Verdacht gegen Marot, der jedoch vor vielen Jahren Selbstmord begangen hat. Madeleine wird seit einiger Zeit von Alpträumen geplagt, in denen sie einen maskierten Mann mit Axt sieht, der ihr nach dem Leben trachtet. Nach und nach werden alle Zeugen, welche die Schuld Marots am Tod von Madeleines Mutter beschworen haben, getötet. Kann die Polizei den wahren Sachverhalt aufdecken und die Mordserie stoppen?



    Edgar Allan Poe ist den meisten wegen seiner grotesken Schauererzählungen und romantischen Gedichte ein Begriff, dabei war er ein hochsensibler und intelligenter Mann, der mehr konnte als makabre und furchterregende Schreckensgeschichten zu verfassen. Seine Auseinandersetzung mit menschlichen Tragödien lag ihm aufgrund seiner eigenen traurigen Familiengeschichte im Blut. Dunkle Vorahnungen und tiefe Verzweiflung prägten seinen Schreibstil und auch "Die Morde in der Rue Morgue" (1841) handelt von Wahnsinn, Krankheit, Tod und Bestattung - Erfahrungen seines eigenen unglücklichen Lebens. Die Bühne als Schauplatz, der das Leben imitiert, ihm den Spiegel vorhält und die Grenze zwischen Schein und Wirklichkeit laufend vermischt, bildet den unverzichtbaren Rahmen für die Filmhandlung, bei der das Publikum im Parkett und vor dem Bildschirm nie weiß, welche Szenen echt oder nur gespielt sind. Die Inszenierung des komplexen Kriminalfalls erfordert ein präzises Vorgehen und eine genaue Choreografie aller Beteiligten, um den Faden nicht aus den Augen zu verlieren und die Spannung konstant zu halten. Die Atmosphäre der Theaterwelt wird eingerahmt durch die stilverwandten Jahrmarktstreibenden, Gaukler und Straßenmusiker, die für ein buntes, exotisches Flair sorgen und dem Ambiente laute und derbe Akzente hinzufügen. Emotionen werden mit kräftigen Pinselstrichen gemalt und möglichst dick aufgetragen, damit sie bis in die hinterste Reihe wahrgenommen werden. Unwillkürlich stellt sich die Frage, was sich hinter Schminke, Kostüm und Maske verbirgt, denn die Kunst der Übertreibung verdeckt echte Gefühle, die in Gestalt von Christine Kaufmann ihren natürlichen Ausdruck finden.



    Christine Kaufmanns Madeleine Charron benötigt ein wenig Zeit, um sich zwischen den aufgeputzten Damen des Amüsements und den groben Männern Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ihre Ausstrahlung reinigt die Atmosphäre, wenn sie angespannt und beunruhigt durch die Szenenbilder schwebt, leichtfüßig und zart wie ein Schmetterling. Die Traumsequenzen zählen zu den schönsten und nachhaltigsten Momenten des Films, man könnte sie stundenlang sehen, ohne sich zu langweilen. Madeleines Träume legen verschüttete Erinnerungen - oder sind es Zukunftsvisionen - offen, deren Bedeutung noch ungeklärt ist. Diese Szenen sind von einer lyrischen Faszination. Das Auge des Betrachters wird mit poetischen Bildkompositionen verwöhnt, die den Tod in zarte Pastelltöne kleiden, während andererseits todbringende Instrumente wie Vitriol, glühende Eisen und Äxte für blutigen Ernst sorgen und die Entschlossenheit der Mörder betonen. Maria Perschy darf sich durch einen markanten Auftritt profilieren, der sie als reife Schönheit in den Fokus rückt und ihr Erfahrung und Abgebrühtheit attestiert. Der Säureangriff auf ihre Figur zeigt leider erschreckende Parallelen zu dem schweren Verkehrsunfall im selben Jahr, als sie Verbrennungen im Gesicht erlitt. Die beiden Schauspielerinnen zeichnen so konträre Rollen, dass es schade war, sie in keiner gemeinsamen Szene zu besetzen, wobei man sagen muss, dass Jason Robards als Liebhaber Perschys glaubwürdiger ist als in seiner Rolle als Ehemann von Kaufmann. Dabei ist nicht nur der Altersunterschied ausschlaggebend, sondern seine zweifelhafte Vergangenheit als Verehrer von Madeleines Mutter, was ihm einen abgehalfterten Eindruck verleiht, obwohl er seine Rolle per se sehr überzeugend meistert.

    Um die Produktion als Kriminalfall schätzen zu können, muss man einen Draht zur Opulenz und dem Ablauf historischer Filme haben, ansonsten wirkt das Werk schnell überladen und in seiner Üppigkeit an oberflächlichem Firlefanz orientiert. Kein Wunder, dass Vincent Price an der männlichen Hauptrolle interessiert war, vermutet man doch zwischen den Folterstühlen und Marterinstrumenten auf der Bühne jeden Moment seine hassverzerrten Gesichtszüge zu erblicken. Lilli Palmer kostet ihre Rolle als Gaststar reiflich aus und lässt das Publikum mit ihr bangen und leiden. Die Tragik ihrer Figur sorgt für einen erheblichen Tiefgang innerhalb des Geschehens, die Grandezza einer Königin umgibt sie ohnehin. Historische Kostüme unterstreichen die preußische Strenge ihrer Erscheinung und geben ihr zusätzlich Haltung und Würde. Die Rolle der Kriminalpolizei gewinnt im letzten Drittel verstärkt an Einfluss und treibt auch das Tempo voran, was angesichts der sich im Minutentakt verschiebenden Schuldfrage doch sehr wichtig ist. Hier gebührt vor allem Herbert Lom und seiner wandlungsfähigen Interpretation des entstellten Marot großes Lob, kann er seinen Charakter doch laufend variieren und den Zuschauer sowohl Sympathie, als auch Abneigung gegen ihn empfinden lassen. Ein intensiver Film, der dem Publikum mehr abverlangt als sich von einem gruseligen Horrorspektakel berieseln zu lassen. Seine Meriten weiß man eventuell nicht gleich bei der ersten Sichtung zu schätzen, doch die Produktion hält so viele Details parat, deren Sinn sich durch die Konzentration auf das Vordergründige nicht gleich erschließt, sondern Argumente für eine punktuelle Analyse - bestimmter Sequenzen oder Darstellerinterpretationen - liefert.

  • Bewertet: "Der Alte"Datum22.11.2018 13:56
    Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema

    BEWERTET: "Liebe hat ihren Preis" (Folge 71)
    mit: Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Horst Buchholz, Ute Christensen, Lotte Ledl, Alwy Becker, Paul Hoffmann, Peter Dirschauer u.a. | Drehbuch: Detlef Müller | Regie: Helmuth Ashley

    Wolf Daniel, der eine Kunstdruckerei besitzt, ist finanziell von seiner Frau Herta und deren Vater Dr. Krone abhängig, der an der Firma Anteile besitzt. Die Ehe besteht seit langem nur mehr auf dem Papier und während sich Herta mit dem Erwerb von Kunstobjekten tröstet, unterhält Wolf ein Verhältnis mit seiner Sekretärin Doris Kühn. Dr. Krone, der seinen Schwiegersohn nie leiden konnte, kündigt an, sein Geld aus der Druckerei abzuziehen. Bevor es dazu kommt, wird Herta in ihrem Haus mit mehreren Schüssen getötet. Die Auktionatorin Barbara Wertham bietet Wolf Daniel finanzielle Unterstützung an, erhofft sich dadurch jedoch eine private Beziehung zu dem attraktiven Mann....



    Horst Buchholz befindet sich diesmal als Objekt der Begierde im Zentrum von Mordermittlungen, bei denen kein langes Federlesen um das Opfer gemacht wird, denn fast unmerklich zieht sich die Schlinge um Buchholz' Kopf zu und lässt ihn vom Wohlwollen zweier Damen abhängig werden, was eine ungewöhnliche Ausgangsposition für den Weltstar ist. Paul Hoffmann ist freilich nicht so verbittert wie ein O.E. Hasse aus "Konkurs" (Folge 7) und Alwy Becker nicht so aufregend wie Christiane Krüger. Dennoch ist es erstaunlich, mit welcher Akribie das Drehbuch die unglücklichen Verknüpfungen der Personen untereinander emotional berührend aufzeigt - doch ein Helmuth Ashley auf dem Regiestuhl ist immer ein Garant für intensives Zwischenmenschliches. Der Stimmungswandel zeichnet sich sehr subtil ab und überzeugt durch die feinen Töne, welche der Fall nach dem unerwarteten Todesfall anschlägt. Ute Christensen gewinnt im Laufe der Handlung an Tiefe und verkörpert die enttäuschte Frau sehr überzeugend, während Lotte Ledl ihre Figur behutsam und energisch zugleich zeichnet und ihr "Opfer" mit Sympathie und Zielstrebigkeit einzufangen sucht. Die angenehme Atmosphäre der Schauplätze befördert die Episode in die Kategorie der "Großbürgertums-Folgen", wobei sich Kommissar Köster vor allem am Nutznießer dieses Wohlstandes festbeißt, jedoch keine auffallenden Akzente setzen kann oder will. Die Spannung ergibt sich aus der stillen Vereinnahmung, die Wolf Daniel widerfährt, aus dem hartnäckigen Werben um seine Person, die ihn mehr als einmal in Erklärungsnot bringt und die Aufklärung des Falles schon fast zur Nebensache, aber auch trotz überschaubarer Verdächtiger, überraschenden Lösung macht.

    Horst Buchholz wertet die gemütliche Episode durch seine Präsenz erheblich auf, findet sich aber bald in die Defensive gedrängt, wenn die Damen Ansprüche auf ihn anmelden. Trotz moderater Aktionen kann die Spannung gehalten werden, was das Verdienst der Darsteller und ihres Spielleiters ist. 4,5 von 5 Punkten

  • Sammelthread - Jess Franco FilmeDatum21.11.2018 12:47
    Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema

    BEWERTET: "Sie tötete in Ekstase" (She killed in Ecstasy) (Deutschland / Spanien 1971)
    mit: Susann Korda, Fred Williams, Paul Muller, Howard Vernon, Ewa Strömberg, Horst Tappert, Jesús Franco, Rudolf Hertzog, Karl Heinz Mannchen u.a. | Drehbuch und Regie: Jess Franco

    Der Mediziner Dr. Johnson forscht an menschlichen Embryonen, die er mit tierischen Genen versetzt, um sie widerstandsfähiger gegen Krankheiten zu machen. Seine Kollegen reagieren auf die Vorstellung seiner Arbeit entsetzt und beschließen einstimmig, ihm Berufsverbot zu erteilen, weil er gegen den hippokratischen Eid verstoßen und die ethischen Prinzipien überschritten hat. Dr. Johnson ist am Boden zerstört und sieht keinen Ausweg als Selbstmord. Seine junge Witwe kann den Tod ihres Mannes nicht verwinden und behält die Leiche in ihrem Haus, während sie Rache an den Berufskollegen von Dr. Johnson schwört. Sie sucht einen nach dem anderen auf, mit der Absicht, ihn in eine tödliche Falle zu locken....



    Die Fronten der Handlung werden innerhalb weniger Minuten klar abgesteckt: Dr. Johnsons Tod hat seine Frau in ein emotionales Loch gestürzt, ihre Gefühle verlangen nach einem Ausweg, der die Ungerechtigkeit beseitigt - und damit deren Urheber - welche für den Tod des ehrgeizigen Mediziners verantwortlich ist. In offenen Worten sprechen die Wissenschaftler aus, was sie von den Experimenten Dr. Johnsons halten. Ihre harten Anschuldigungen reichen von Scharlatanerie bis Gotteslästerung, selbstgerecht sitzen die vier Kollegen über Dr. Johnson zu Gericht und sparen nicht mit Vorwürfen. Die Riege der versammelten Richter über Sein oder Nichtsein thront über den eifrigen Zuhörern, die wissbegierig alles aufsaugen, was ihnen von höherer Stelle vermittelt wird. Die moralische Integrität des Quartetts will aber nicht so recht überzeugen, vielmehr scheint eine persönliche Rechnung mit Dr. Johnson offen zu sein, der eigenmächtig den vorgegebenen Weg verlassen hat, um Neues auszuprobieren und auch ohne den Segen des Kuratoriums umzusetzen. Das Versagen der Autoritäten bildet den Kern der Handlung: Das Gefüge der geistlichen und weltlichen Ordnungshüter zeigt Risse und erklärt - oder rechtfertigt? - zumindest zum Teil die Reaktion der weiblichen Hauptfigur. Heuchelei, Doppelzüngigkeit, Bigotterie, Realitätsferne und Selbstüberschätzung dominieren die Führungsstrukturen quer durch alle Bereiche. Der Pfarrer spricht die versammelten Frauen und Mädchen in der Kirche mit "Meine Brüder" an; Professor Walker holt sich eine vermeintliche Prostituierte aufs Zimmer und faltet die Hände zum Gebet; Dr. Houston bietet der weinenden Frau ziemlich aufdringlich seine Hilfe an, obwohl sie verheiratet ist und der Inspektor will die Mordserie erst einmal laufen lassen, um zu sehen, welche Erkenntnisse sie liefert. Das Grundvertrauen ist erschüttert, weswegen sich das Ehepaar Johnson in einen privaten Kokon zurückzieht, der jedoch für den Mann bald zu eng wird. Die Isolation entzieht ihm nicht nur seine Lebensgrundlage, sondern auch den Sinn seines Daseins. Er lässt seine Frau ohne ein Wort zurück, was sie zum Anlass nimmt, künftig für ihn zu sprechen und zu handeln.



    Soledad Rendón Bueno, die hier unter dem Künstlernamen Susann Korda spielt, wird von Regisseur Franco einiges abverlangt. Als Tänzerin ist sie es gewohnt, jede Bewegung ihres Körpers zu beherrschen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das Wechselspiel von Aggression und Niedergeschlagenheit sorgt für vermeintliche Ruhepausen zwischen den Morden, die jedoch mindestens so verstörend sind wie der Kampf mit Messer, Schere und Kissen. Nach den Taten weicht der tobende Hass einer bitteren Verzweiflung, wenn sich Mrs. Johnson nach dem bereits Spuren der Zersetzung zeigenden Körper ihres Mannes verzehrt und in stummer Hoffnungslosigkeit mit rasendem Herzen auf dem Sofa kauert. Der fehlende Zuspruch, die ausbleibende Absolution für ihre Taten und die Erkenntnis, dass die Toten durch ihr Ableben den Schmerz über den Verlust ihres Mannes nicht aufheben können, lassen sie immer schneller und zerstörerischer zu Werke schreiten. Die Taten dienen nicht nur dazu, die Personen zum Schweigen zu bringen, sie zu erniedrigen und zu bestrafen, sondern auch dem Beweis, die Stärkere zu sein und aus dem Schatten ihres Mannes herauszutreten. Susann Kordas schwarze Augen blitzen voller Abscheu, wenn sie vor Wut explodiert und ihre Opfer vernichtet, ebenso weiten sie sich tränenerfüllt, sobald die Präsenz ihres toten Mannes sie an die Ausweglosigkeit ihrer Situation erinnert. Horst Tappert erweist sich nicht als ebenbürtiger Gegenspieler, sondern lässt ihr freie Bahn durch sein Desinteresse an der Aufklärung der Mordfälle. Er agiert gelassen und mit ironischer Note, Oberinspektor Derrick ist noch weit, weit weg. Ewa Strömberg gibt sich zunächst unerbittlich im Dienste der Wissenschaft, offenbart jedoch eine private Seite, die allein durch das Rot ihres Anzugs enttarnt wird. Im direkten Vergleich mit Susann Korda kann sie durch ihr harmonisches Gesamtbild punkten, Korda zieht hier durch Perücke und Kleidung den Kürzeren, wirkt auch ausgezehrt und müde. Ewa Strömberg ist wie ein Sonnenstrahl, der die düstere Nachtkerze Susann Korda in den Schatten verweist, wo diese ihre Faszination weitaus besser entwickeln kann als in Alltagssituationen wie beim Nachmittagstee auf einer lichtdurchfluteten Terrasse.

    Die Logik des Films bleibt teilweise natürlich arg auf der Strecke, weil Franco glaubt, sein Publikum lasse sich durch die exzessiven Mordszenen ablenken und hinterfrage aus Sympathie zur trauernden Witwe keine ihre Handlungen. Die Tatsache, dass Mrs. Johnson keinem der Arbeitskollegen ihres Mannes bekannt ist und selbst nach Bekanntwerden der ersten Morde sich noch frei in der Umgebung der Wissenschaftler bewegen kann, ohne enttarnt oder aufgehalten zu werden, spricht für die kriminalistisch schwach ausgeprägte Ader des exzentrischen Regisseurs. Die Kamera gefällt sich in einem ständigen Vor- und Zurückweichen vor den handelnden Personen, rückt deren Gesichter erbarmungslos in den Fokus und holt den Zuschauer auf diese Weise hautnah an die Charaktere heran, um entweder Abscheu zu erregen oder das Publikum in die Intimität der Gespräche und Aktionen zu ziehen. Kompromisslos wiederholen sich diese Vorgänge mit leichten Abwandlungen, wobei die Energie der Hauptdarstellerin ausschlaggebend für den Erfolg dieser Szenen ist, die Franco genüsslich auskostet und es sich nicht nehmen lässt, sich selbst in die Hände seiner Hauptdarstellerin zu begeben. Nach der eher schwachen Leistung dieser Szene, schafft es der Film, doch noch zu einer runden Lösung zu finden, die freilich angesichts des Todes von Susann Korda im gleichen Jahr wie ein Vorwegnehmen der Realität ist. Der Todesengel im violetten Häkelumhang schwebt leichtfüßig durch die Szenerie, die zu neunzig Prozent vom Spiel der andalusischen Darstellerin profitiert. So kann man mit Fug und Recht behaupten, dass "Sie tötete in Ekstase" ein Soledad-Miranda-Film ist, mehr noch als ein Jess-Franco-Film. Das Spektakel ist zwar weitgehend vorhersehbar und nicht übermäßig originell, baut aber auf die starke Wirkung der Hauptfigur und federt einige Drehbuchschwächen dadurch ab. Man kann sogar sagen, dass sich Franco auch auf die leisen Töne verstand, was in den poetischen Szenen mit Mrs. Johnsons Stimme aus dem Off zu Beginn des Films für einen nachhaltigen Eindruck sorgt und den Kreis zwischen Tod und Leben als untrennbare Verbindung schließt.

  • Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema

    BEWERTET: "Das Grauen" (Original: The Changeling) (Kanada 1980)
    mit: George C. Scott, Trish Van Devere, Melvyn Douglas, Voldi Way, Barry Morse, Madeleine Thornton Sherwood, Helen Burns, Jean Marsh, John Colicos, Ruth Springford, Roberta Maxwell, Michelle Martin, Eric Christmas u.a. | Drehbuch: Russell Ellis Hunter, Diana Maddox | Regie: Peter Medak

    Musikprofessor John Russell verliert bei einem Autounfall Frau und Tochter. Schwer deprimiert zieht er sich auf einen viktorianischen Landsitz zurück, um Frieden zu finden. Doch auf dem Haus im Chassman Park lastet ein Fluch: Der Geist jenes toten Kindes, das einst hier wohnte, fordert Sühne. Russells Nachforschungen stechen direkt in ein Wespennest und bringen einen einflussreichen US-Senator in Bedrängnis. Bald schon ist John Russell in dem alten Anwesen nicht mehr sicher....



    Unter der Regie des Ungarn Peter Medak entstand 1979 die mehrfach preisgekrönte Produktion an Schauplätzen wie New York City, Seattle, Washington und Vancouver, British Columbia. Charakterschauspieler George C. Scott besticht durch seine klare, authentische Darstellung und schafft es auch hier, mit seinem Mienenspiel jene Empfindungen auszudrücken, die ihn so glaubwürdig erscheinen lassen: Trauer, Schrecken und Wut. Seine Physiognomie lässt ihn jene furchtbaren Ereignisse spiegeln, die vor über siebzig Jahren in diesen Mauern stattfanden und nun ein Ventil suchen, um endlich ans Licht zu kommen. John Russell erachtet es als selbstverständlich, dem an ihn gerichteten Hilferuf zu folgen und die Interessen des toten Jungen wahrzunehmen. Er lotet dabei alle Möglichkeiten aus, die Vorgänge um die Zeit vor 1909, als die Familie Carmichael das Haus aufgab, aufzudecken. Seine Nachforschungen lenken ihn von seinem eigenen schweren Verlust ab und geben ihm die sinnvolle Aufgabe, sich für ein Kind einzusetzen, das gewaltsam zu Tode kam. Er betäubt seinen Schmerz mit Angst, was sicher kein angenehmer, in seinem Fall jedoch nachvollziehbarer Weg ist. Seine ohnmächtige Handlungsunfähigkeit beim tödlichen Unfall seiner Familie sollte ihn kein zweites Mal zum hilflosen Zuschauer degradieren.

    Der Film, der auch unter "L'enfant du diable" und "Josephs Revenge" gezeigt wurde, bedient sich sehr effektiver Stilmittel und schafft es dabei, fast ohne blutige Schockmomente auszukommen. Die Kameraperspektiven - John Coquillon erhielt für seine Arbeit den kanadischen Genie Award für die Beste Kameraführung - vermitteln dem Zuschauer ein unbehagliches Gefühl der Bedrohung, während die Musik von Rick Wilkins die Emotionen in Aufruhr bringt und das beeindruckende Anwesen mit Tönen ausfüllt, die schmeichelnd und verstörend zugleich sind. Die Herbststimmung trägt das ihrige bei, um die Phantasie anzuregen und zu unterstreichen, dass die Vergangenheit wieder einmal notdürftig hinter vernagelten Treppenaufgängen und Spinnweben versteckt worden ist. Das Drehbuch liefert die solide Grundlage, auf der die Handlung aufbaut. Der kriminalistische Aspekt ist dabei genauso wichtig wie der Gruselfaktor und man kann behaupten, dass das eine ohne das andere nicht funktionieren würde. Zum Klassiker des Genres wurde der Film durch seinen seriösen Gehalt und das Bemühen, alle Vorkommnisse zu begründen. Erst gegen Ende brechen sich Enttäuschung und Wut eruptiv Bahn und vernichten, wessen sie habhaft werden können. Die Frage nach dem Erfolg von Russells Einsatz beantwortet sich auf diese Weise dramatisch und mit gewaltiger Zerstörungskraft.

    Die Besetzung der Hauptrolle mit Oscar-Verweigerer George C. Scott ("Die Hindenburg") ist ein Glücksgriff der Produktion, bringt er doch ein hohes Maß an Identifikation und seine Ehefrau seit 1972 - Trish Van Devere - mit. Die Chemie zwischen beiden stimmt ganz offensichtlich und stellt ein wichtiges positives Element dar, was in anderen Horrorfilmen oft fehlt. Eine angenehme Ausnahme stellt in jüngerer Zeit "The Conjuring" dar, wo es ebenfalls ein harmonisch kooperierendes Paar gibt, das einen emanzipierten Gegenpol zur Opferhaltung vieler anderer Rollenfiguren aus dem Genre bildet. Trish Van Devere bringt ihre Szenen durch ihre warmherzige Ausstrahlung zum Leuchten und stellt das Fünkchen Hoffnung dar, welches dem Alltag von John Russell einen Bezugspunkt gibt und eine mentale Stütze bei der Suche nach der Wahrheit. Der knorrige Melvyn Douglas und die lauernde Ruth Springford bilden das argwöhnische Gegenstück, die Vertreter einer Vergangenheit, deren Geheimnisse um jeden Preis gewahrt werden müssen. Gerade Douglas gibt dem Senator ein markantes Gesicht; ein Mann, der keinen Zentimeter von einer Einstellung abweicht, die in seinen Kreisen schon immer präsent war. Die populäre Jean Marsh ("Das Haus am Eaton Place") hat als Mrs. Russell einen kurzen, aber prägnanten Auftritt. Absolut sehens- und hörenswert!

  • Mord ohne Mörder (1955)Datum18.11.2018 15:06

    "Mord ohne Mörder" (Three Cases of Murder) (Großbritannien 1955)

    Obwohl die DVD-Edition unter dem Namen von Edgar Wallace vermarktet wird, was einige Puristen dazu bringt, die Veröffentlichung zu boykottieren, sollte dieser Etikettenschwindel keinen Grund darstellen, von einem Kauf abzusehen.

    Die drei britischen Krimi- und Suspense-Perlen aus dem Jahr 1955 wurden erstmals 1963 im deutschen Fernsehen gezeigt und bedienen sich so namhafter Synchronsprecher wie Eckart Dux, der u.a. Norman Bates in "Psycho" seine Stimme lieh. Eingerahmt werden die Episoden von einer stimmigen Einleitung und Kommentaren von Eamonn Andrews. In gestochenem Schwarzweiß zollen die Geschichten der Welt des regennassen Film Noir Tribut bzw. tauchen tief in die Fieberwahnwelt eines Edgar Allan Poe ab. Namhafte Darsteller wie André Morell oder Orson Welles sprechen für die Güte der Produktion, die ihrem Publikum Einblicke in jene Alpträume gibt, die Alfred Hitchcock zum gleichen Zeitraum innerhalb seiner Fernsehreihe "Alfred Hitchcock presents" mit schwarzem Humor zum bitteren Ende führte.



    "In the Picture"
    mit: Alan Badel, Hugh Pryse, Leueen Mac Grath, Eddie Byrne, Ann Hanslip | Drehbuch: Ian Dalrymple nach einer Erzählung von Roderick Wilkinson | Regie: Wendy Toye

    Der Museumsangestellte Jarvis schätzt ein Gemälde mehr als alle anderen: es zeigt ein einsames Landhaus, zu dem ein in Nebel eingehüllter Weg führt. Das Bild stammt von einem unbekannten Künstler und wird durch eine Glasscheibe geschützt, die immer wieder aus ungeklärten Gründen zersplittert. Eines Tages begegnet Jarvis vor dem Gemälde einem elegant gekleideten Mann, der ihn um Feuer bittet. Der Fremde erklärt, das Bild wäre unvollkommen, da es der Maler versäumt hätte, das Fenster ganz links zu beleuchten. Er bittet Jarvis, näher heranzutreten und sich selbst davon zu überzeugen....

    Der Wunsch, hinter die Dinge sehen zu können und Traumbilder Wirklichkeit werden zu lassen, wird oft als ungehörig bestraft. Nicht umsonst suggeriert das schlechte Gewissen dem männlichen Protagonisten, er wäre dem Teufel in die Hände gefallen und zur Verdammnis verurteilt. Dabei ist es nur eine Parallelwelt, die seine Neugier weckt, als er sich von der Faszination einer geisterhaften Landschaft in den Sog des geheimnisvollen Gemäldes ziehen lässt. Alan Badel, der übrigens in allen drei Geschichten einen Auftritt hat, verströmt einen dandyhaften Charme, der es dem von Hugh Pryse gespielten Museumsführer schwer macht, den Bann zu durchbrechen und das unheilvolle Territorium zu verlassen. Die groteske Welt der Einsiedler wird ironisch und unsentimental geschildert und zieht die Schlinge immer enger um Jarvis' Hals. Regisseurin Wendy Toye inszeniert mit leichter Hand und bringt eine gehörige Prise britischen Humors in die Geschichte, die das Grauen zu etwas ganz Alltäglichem werden lässt und die Zutaten des klassischen Gothic-Horrors mit einer energischen Handbewegung wegwischt. Die Oscar-nominierte Spielleiterin unterstreicht auf augenzwinkernde Weise, dass es zum Gelingen solcher nasty little stories eine grundsätzliche Empfänglichkeit braucht.



    "You killed Elizabeth"
    mit: John Gregson, Emrys Jones, Elizabeth Sellars, Philip Dale, Maurice Kaufmann, Alan Badel, Christina Forrest u.a. | Drehbuch: Donald Wilson nach einer Erzählung von Brett Halliday | Regie: David Eady

    Die Freunde Edgar und George kennen sich seit ihrer Kindheit. Immer schon hatte Edgar die Nase vorn, er war erfolgreicher, beliebter und tüchtiger. Sein einziges Manko: übermäßiger Konsum von Alkohol sorgt bei ihm für stundenlange Amnesien, die ihn schon oft in Schwierigkeiten gebracht haben. Während er auf Geschäftsreise ist, lernt George die hübsche Elizabeth kennen. Als er sie seinem Freund vorstellt, passiert das, was er insgeheim bereits befürchtet hat: Elizabeth wendet sich Edgar zu. Rasend vor Eifersucht schlägt George auf Edgar ein. Stunden später betritt dieser die gemeinsame Wohnung, mit Blut an den Händen und am Mantelrevers. Kurz darauf melden die Morgenzeitungen den Mord an einer jungen Frau....

    Das große Plus von Geschichten dieser Art ist das Wechselspiel der Sympathien, mit dem der Zuschauer entgegen seiner Erwartungen konfrontiert wird. Sobald ein Charakter in einer bestimmten Schublade abgelegt worden ist, reißt das Drehbuch diese wieder auf, um ihn mit einem unsanften Griff in eine völlig konträre Ablage zu katapultieren. George und Edgar tauschen innerhalb der knapp 33 Minuten mehrmals die Rollenvorgaben und halten dadurch die Messlatte der Spannung und des Überraschungstwists hoch. Dem stringenten Buch gelingt es, einen runden Mordfall zu schildern, bei dem die Vorgeschichte ebenso erzählt wird, wie die Ausflüchte der betreffenden Personen eine Dynamik entwickeln, die bald eskaliert und hinterhältige Wendungen bereithält. Emrys Jones als George darf sich vom schüchternen, bescheidenen Freund zum rücksichtslosen und rachsüchtigen Gegner Edgars entwickeln und straft jene Lügen, die ihn aufgrund der klaren Figurenzeichnung unterschätzt haben. Die straffe Regie von David Eady vermeidet Längen und wickelt den Kriminalfall temporeich und schlüssig ab. Der klassische Fall bedient sich der Analyse von Indizien, Zeiten und Alibis und steuert schnurgerade auf die vermeintlich glatte Lösung hin, die erneut einen Pferdefuß bereithält.



    "Lord Mountdrago"
    mit: Orson Welles, Helen Cherry, Alan Badel, André Morell, Peter Burton, Evelyn Hall, David Horne, Arthur Wontner u.a. | Drehbuch: Sidney Carroll nach einer Geschichte von William Somerset Maughan | Regie: George More O'Ferrall

    Lord Mountdrago brüskiert den Oppositionellen Owen vor den versammelten Abgeordneten und ruiniert damit dessen Karriere. Owen schwört Rache und kündigt an, Mountdrago ebenfalls bloßstellen zu wollen. Der selbstbewusste Mann lacht zunächst über die Drohung seines Gegners, doch er immer häufiger von Alpträumen heimgesucht wird, sucht er Rat bei einem Psychiater, dem er berichtet, dass Owen den Inhalt seiner Träume zu kennen scheint. Lord Mountdrago beschließt, ein für alle Mal im Traum mit Owen abzurechnen und als dieser bei der nächsten Parlamentssitzung abwesend ist, scheint sein Plan aufgegangen zu sein....

    Die Angst des Mannes der Öffentlichkeit, sich lächerlich zu machen, sein Gesicht zu verlieren und die damit verbundene Berechtigung, seine politischen Vorschläge durchzusetzen, erhält vor der Kulisse des ehrwürdigen Parlaments doppeltes Gewicht. Der Verlust seiner Souveränität bringt den unerschütterlichen Glauben an seine politische Mission zwar nicht ins Wanken, zehrt aber an seinen Nerven und seiner Nachtruhe. Der Traum als Ausdruck unverarbeiteter Erlebnisse, gleicht mehr und mehr einem Schlachtfeld. Zwischen Lord Mountdrago und Mr. Owen entwickelt sich eine unheimliche Symbiose von Ursache und Wirkung, wobei es darauf ankommt, wer den längeren Atem hat. Der Kontrast zwischen der Würde und dem Ernst des House of Lords und den peinlichen Situationen, in die Mountdrago in seinen Traumerlebnissen gerät, befeuert das Missverhältnis der beiden politischen Kontrahenten, ohne sich in der Realität große Kämpfe zu leisten. Die subtile Grausamkeit der üblen Nachrede oder der schlechten Wünsche überschattet das Leben eines Mannes, der bisher unangreifbar wie eine Eiche seinen Standpunkt halten und den eigenen Einfluss ausbauen konnte. Owen scheint das personifizierte und bisher verdrängte schlechte Gewissen in Mountdragos Leben geworden zu sein, ein fataler Faktor, wie sich herausstellen wird.

    Orson Welles stand im Laufe seiner Karriere immer wieder vor finanziellen Engpässen und wirkte deshalb in vielen Produktionen anderer Regisseure mit, um seine eigenen Filmprojekte zu finanzieren. Man denke nur an die Rolle des Harry Lime in "Der dritte Mann", die ihn unter der Regie eines Kollegen zum weltbekannten Leinwandstar werden ließ. Sein Lord Mountdrago ist ein Gewinn für die Kriminalgeschichte aus der Feder des für seine exzellenten Gesellschaftsromane bekannten W. Somerset Maughan. Welles schafft es, einen komplexen Charakter zu entwerfen, dessen Präsenz manchmal fast die Leinwand zu sprengen droht. Kraftvoll, wortgewandt, zynisch, arrogant und zugleich zweifelnd, irritiert und paralysiert tritt er seinem Publikum entgegen, wobei er niemals endgültig in einem Gefühlszustand verharrt, sondern stets im Wandel begriffen ist. Immer wieder bäumt er sich gegen seinen Widersacher auf, überrascht durch ausgelassene Heiterkeit, verharrt dann wieder schweigend in Gedanken und zeigt Genugtuung über seinen vermeintlichen Sieg. "Lord Mountdrago" ist großes Drama und inszeniert seinen prominenten Hauptdarsteller wie in Shakespeares Stücken, die er mit so viel Leidenschaft zu gestalten wusste. Ein Kabinettstück aus dem vielseitigen Œuvre des talentierten Künstlers.

  • Eine Frau sucht Liebe (1969)Datum13.11.2018 14:03
    Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema

    Meine Anfrage bei der ehemaligen Agentur des Schauspielers Frithjof Vierock, der ebenfalls in "Eine Frau sucht Liebe" mitspielte, führte zu einem Telefongespräch, bei dem mir Herr Vierock erzählte, dass er nur 1 Drehtag hatte und in seinen Szenen zusammen mit Horst Janson agierte. Am Set herrschte eine normale, positive Atmosphäre, aber da er nur einen Arbeitstag hatte, konnte er sonst wenig sagen. Er selbst hat den Film nicht gesehen und fragte mich, ob dieser denn überhaupt gezeigt worden ist. Die Werbekampagne bzw. die Resonanz auf die Kinovorführungen muss also nicht sehr groß gewesen sein, wenn die Produktion selbst an einem Mitwirkenden unbeachtet vorbeiging.

  • Bewertet: "Der Alte"Datum13.11.2018 13:53
    Foren-Beitrag von Percy Lister im Thema

    BEWERTET: "Sportpalastwalzer" (Folge 42)
    mit: Siegfried Lowitz, Jan Hendriks, Michael Ande, Henning Schlüter, Klaus Löwitsch, Susanne Beck, Elisabeth Wiedemann, Holger Petzold, Herbert Fux, Henry van Lyck, Otto Friebel, Michael Gempart, Michael Gahr, Toni Netzle, Klaus Fuchs, Peter Moland u.a. | Drehbuch: Bruno Hampel | Regie: Zbynek Brynych

    Erich und Liesel Neubauer betreiben eine Eckkneipe, in der sich vor allem ehemalige Radrennfahrer treffen, um in Erinnerungen zu schwelgen und gemeinsam die glorreiche Zeit ihrer Siege hochleben zu lassen. Zwischen den Eheleuten herrscht schon länger Eiszeit, seitdem Erich seine Frau in betrunkenem Zustand über den Haufen gefahren und zum Krüppel gemacht hat. Mit finstere Miene beobachtet Liesel seit einiger Zeit, dass Erich ein Verhältnis mit der Kellnerin begonnen hat. Eines Abend eskaliert der Streit und Erich greift seine Frau tätlich an, während sie mit ihrer Krücke Gegenwehr leistet. Am nächsten Morgen ist Liesel verschwunden und überall finden sich Blutspuren....



    Der Kultstatus, den die Folge genießt, weckt natürlich hohe Erwartungen an eine Episode, die für alle "Kommissar"-Freunde ein Déjà-vu-Erlebnis bildet und zwar zur Folge ".... wie die Wölfe" (1970), in der Ode bei Horst Tappert die gleichen Methoden der geistigen Rekonvaleszenz anwendet wie Kollege Lowitz beim verdächtigen Klaus Löwitsch. Das Haus, in dem sich das Lokal befindet, ist das gleiche wie in besagter "Kommissar"-Folge. Während das Herz des Zuschauers ob solcher vertrauten Interieurs frohlockt, bleibt der Verstand unterversorgt. Die für Brynych-Verhältnisse recht bieder inszenierte Episode verzichtet darauf, Spannungsmomente in dem Maße auszureizen, wie es anhand der Ausgangssituation möglich gewesen wäre. Die emotional aufgeheizte Stimmung in der Kneipe kehrt aus Elisabeth Wiedemann jene Larmoyanz heraus, die sie üblicherweise durch kräftigen Humor kaschiert, während Raubein Klaus Löwitsch dumpf vor sich hinbrütet und die Bitterkeit und den Hass, der ihm entgegengebracht wird, wie abgestandenes Bier an sich abperlen lässt. Die Frage nach dem Verbleib der Wirtin zieht auch Susanne Beck und ihren restriktiven Gatten Holger Petzold in den Strudel von Ungewissheit, Morbidezza und Misstrauen hinein, während Kommissar Köster sich als Therapeut versucht und sein Opfer ungewohnt präzise vor seinen Karren spannt. Unkonventionell allerdings das Ende, das die Karten kurz vor Schluss neu mischt und dunkle Vorahnungen zwar bestätigt, jedoch dramaturgisch den einfachen Weg geht. Der "Sportpalastwalzer" als Triumphzug der Gestrauchelten? Wenn Herbert Fux das Aushängeschild der Normalität gibt, darf man sich darüber nicht wundern.

    Solide Folge mit einer geifernden Elisabeth Wiedemann und einem Klaus Löwitsch, der das Bild des schmierigen Säufers aus dem linken Ärmel schüttelt, bei der Regisseur Brynych leider mehrfach die Spannungsbremse gezogen und sich nur auf das überzeugende Spiel seiner Darsteller verlassen hat. 3 von 5 Punkten

  • Der Jugendrichter (1960)Datum11.11.2018 20:59

    BEWERTET: "Der Jugendrichter" (Deutschland 1959/60)
    mit: Heinz Rühmann, Karin Baal, Lola Müthel, Hans Nielsen, Rainer Brandt, Peter Thom, Michael Verhoeven, Lore Schulz, Hans Epskamp, Jan Hendriks, Gerd Frickhöffer, Erich Fiedler, Willi Rose, Monika John, Kunibert Gensichen, Hilde Volk, Harry Engel u.a. | Drehbuch: Hans Jacoby und Istvan Bekeffi | Regie: Paul Verhoeven

    Inge Schumann muss sich vor dem Jugendgericht verantworten, da sie mit einem älteren, verheirateten Mann in den Wald gefahren war, wo ihr Freund Kurt und zwei Kumpels den Mann erpressen und um DM 300 erleichtern wollten. Dr. Ferdinand Bluhme führt bei der Verhandlung den Vorsitz und setzt sich für die junge Frau ein. Er beschafft ihr eine Stellung als Hausmädchen in der Pension von Frau Winkler, wo er auch selbst wohnt. Bald jedoch nimmt sie wieder Kontakt mit Kurt und seinen Freunden auf, die Inge für weitere kriminelle Aktivitäten einsetzen wollen....



    "Nur keine Vanille!"

    Der Ufa-Klassiker ist ganz auf Heinz Rühmann zugeschnitten, obwohl es eine Person gibt, die ihm die Schau stiehlt: Karin Baal. Die junge Berlinerin steht im Mittelpunkt des Interesses und verkörpert eine Rolle, die sie in den Anfangsjahren ihrer beruflichen Laufbahn oft spielte, nämlich jene des vom sozialen Abstieg bedrohten Mädchens, das durch seine einfache Herkunft in schlechte Gesellschaft gerät und leichte Beute für männliche Skrupellosigkeit wird. Ihre Schlagfertigkeit hilft ihr aus so mancher Verlegenheit und so ist Karin Baal oft die ideale Besetzung für Mädchen, die unbehütet aufwachsen mussten und sich ihren Platz im Leben selbst aussuchen wollen. So erwartet den Zuschauer stets Widerspruch gegen bürgerliche Lebensphilosophien und die Erwartungshaltung ihrer Umgebung, deren Pläne für eine junge Frau meist anders aussehen. Die Kluft zwischen den Generationen wurde mit dem Ende der Fünfziger Jahre und den wegweisenden Sechziger Jahren größer. Die Jugendlichen rebellieren gegen das Leistungssystem. Die Wirtschaftswunderjahre weckten Begehrlichkeiten und so dient auch der Gruppe um Inge Schumann die Teilhabe am Wohlstand als Ausrede für ihre (Un-)Taten, wobei die Sinnsuche als Motivation für Einbruch, Diebstahl und Erpressung dem moralisierenden Proklamieren von Tugenden der Gesellschaft gegenübergestellt wird. Der Staat müsse die Einhaltung der Gesetze zum Schutze des Bürgers garantieren und die Jugend vor ihrer eigenen Verantwortungslosigkeit bewahren. In exemplarischen Gerichtsszenen wird nicht nur Dr. Bluhmes gute Menschenkenntnis betont, sondern auch die Diskrepanz zwischen der Erwartungshaltung der Elterngeneration an ihre Kinder und dem Wunsch nach neuen Wegen auf nicht ausgetretenen Pfaden auf Seiten der Jugend.

    Zwei vehemente Gegner von Dr. Bluhmes philanthropischer Lebensanschauung sind Hans Nielsen als Berufskollege und Lola Müthel als Zimmerwirtin. Die energischen, wortgewandten Verfechter ihrer nüchternen Sicht auf die Dinge machen sich über die Schwächen der Menschen keine Illusionen und lassen Heinz Rühmann wie einen hoffnungslosen Romantiker dastehen, der weltfremd und wider besseren Wissens an die Besserungsfähigkeit der jungen Straftäter glaubt. Ohnehin hatte der früh verstorbene Hans Nielsen ein Abonnement auf Juristenrollen; Staatsanwälte, Richter oder Verteidiger profitierten von seiner kraftvollen, sonoren Stimme, die er gezielt einzusetzen wusste und auf deren überzeugende Wirkung er vertrauen konnte. Lola Müthel als resolute Vertreterin von Anstand und Ordnung setzt alles daran, ihre Umgebung kontrollieren und lenken zu können. Heinz Rühmann - zwischen Verehrung und Furcht - fügt sich den häuslichen Regeln, so wie er seinerseits andere dazu anhält, die Gesetze des Staates zu befolgen. Vordergründig gibt er sich bescheiden, kultiviert aber seine geheimen Laster. Dadurch will er beim Publikum punkten und durch die mit einem verschmitzten Lächeln offengelegten Schwächen von seinem oftmals belehrenden und moralisierenden Verhalten ablenken. Ein gutes Beispiel sind hier die Pfeife oder die Kriminalromane in den "Pater Brown"-Filmen. Das Drehbuch kostet die Ungewissheit aus, ob Inge Schumann ihr Versprechen halten und sich bewähren wird. Angesichts der Tatsache, dass das kriminelle Potenzial in Richtung männliche Jugendbande verschoben wird, liegen die Verhältnisse bald klar auf der Hand und die Sympathie des Richters für die junge Frau wird nicht enttäuscht.

    Rebellische Jugend trifft auf menschenfreundlichen Richter - Heinz Rühmann bemüht sich um eine ausgewogene Darstellung zwischen Milde und Strenge, wobei es an Karin Baal liegt, ob "Der Jugendrichter" verharmlosend oder zeitkritisch wirkt. Die Anlage ihrer Rolle ist der Entstehungszeit geschuldet, weswegen der gute Kern des Mädchens kaum ernsthaft in Zweifel gezogen wird. Insgesamt gute Unterhaltung mit vielen bekannten Gesichtern. 4 von 5 Punkten

  • Die goldene Brücke (1956)Datum11.11.2018 14:48

    BEWERTET: "Die goldene Brücke" (Deutschland 1956)
    mit: Curt Jürgens, Ruth Leuwerik, Paul Hubschmid, Jester Naefe, Rudolf Vogel, Armin Dahlen, Adrienne Gessner, Alexander Golling, Paul Verhoeven u.a. | Drehbuch: Juliane Kay und Werner B. Zibaso nach einem Roman von Lajos Zilahy | Regie: Paul Verhoeven

    Die Sängerin Tima Sombor unterhält seit zwei Jahren ihren Mann, den Rennfahrer Stefan, der seit seinem Unfall nicht mehr am Steuer eines Wagens saß. Als der reiche Henrik Balder einen Empfang gibt, springt Tima für eine erkrankte Kollegin ein und bittet ihn bei dem anschließenden Gespräch, etwas für ihren Mann zu tun. Balder arbeitet an der Entwicklung eines neuen Turbomotors und Tima hofft auf eine neue Chance für Stefan. Allerdings kümmert sich Balder lieber um Timas Karriere und finanziert einen Spielfilm, um ihr die Möglichkeit einer Schauspielkarriere zu geben. Stefan beobachtet mit Argwohn, dass Tima und Balder mehr und mehr Zeit miteinander verbringen....



    Ruth Leuwerik debütierte in "Dreizehn unter einem Hut" (1950) und punktete rasch mit ihrer Natürlichkeit. Sie wurde gern für Rollen besetzt, in denen sie eigenständige Charaktere verkörperte, die allerdings selten wirklich gegen das damalige Gesellschaftsbild rebellierten. Dafür war sie zu sehr Dame und setzte lieber auf Diplomatie statt auf Aktionen, die ihr Publikum vor den Kopf stoßen konnten. "Die goldene Brücke" ist ein typischer Vertreter seiner Zeit, harmlos und unterhaltsam, wobei Curt Jürgens seine Paraderolle des blasierten und in seinem Wohlstand gelangweilten Mannes von Welt spielt, während Ruth Leuwerik als tugendhafte und redliche Schauspielnovizin in einen Gewissenskonflikt gerät. Der Schweizer Paul Hubschmid darf freier und kantiger agieren und zeigt einen gefallenen Helden, der zunächst gegen das Wohlwollen seines Mäzens aufbegehrt, sich dann jedoch mit diesem misst, um seine Männlichkeit zu beweisen. Tima Sombor ist manchmal unerträglich edelmütig, besonders in ihren Anfangsszenen im Filmatelier, wo Regisseur Paul Verhoeven sich selbst spielt und den Berufszweig wie so oft in einem von Neid und Missgunst bestimmten Ambiente ansiedelt. Allüren und Intrigen bestimmen den Arbeitstag, wobei das Verhalten Leuweriks die Aufregung ihrer Figur spiegeln soll, was gerade im Zusammenspiel mit Jürgens oft zu unglaubwürdigem Melodrama führt. Während man ihm die flammende Liebe nicht abnimmt, sondern auf den gekränkten Stolz wartet, den er so überzeugend an den Tag legen konnte, punktet Hubschmid mit seiner Bodenhaftung und dem noch recht konventionellen Beruf des Rennfahrers ohne Glamour in der Boxengasse. Gegen das Schauspielgewerbe wirkt seine Profession wie ein Handwerksberuf, bei dem das Können das Kennen schlägt.

    Jester Naefe (1924-1967) repräsentiert als Ann den Typ "Nadja Tiller", wobei es eine wunderbare Abwechslung ist, einmal nicht die künftige Rolf-Thiele-Rosemarie zu sehen, sondern eine Darstellerin, die optisch sehr gut jene Faktoren wiedergibt, die eine Dame an der Seite von Curt Jürgens generell mitbringt. Leider war der Schauspielerin nur eine kurze Karriere vergönnt: Jester Naefe drehte nach "Die goldene Brücke" noch zwei Filme und zog sich - nachdem 1959 die Rückenmarkskrankheit Multiple Sklerose bei ihr diagnostiziert wurde - aus dem Filmgeschäft zurück. Rudolf Vogel (mit sehr dosiertem Humor) harmoniert mit Adrienne Gessner und bildet das unaufgeregte Gegenstück zu den großen Leidenschaften des Trios Leuwerik/Jürgens/Hubschmid. Armin Dahlen und Alexander Golling müssen sich Jürgens gefällig erweisen, wollen sie mit ihm kooperieren, was ihnen wenig Platz für Eigenständigkeit lässt und immer eine undankbare Ausgangsbasis darstellt. Die Handlung zieht sich gerade im Mittelteil arg in die Länge und bedient konventionelle Erwartungen, vor allem, wenn Leuwerik und Jürgens als verhindertes Traumpaar etabliert werden sollen. Der sentimentale Ton der Produktion traf zu seiner Zeit sicher die Wünsche des Publikums an eine optisch ansprechende Unterhaltung, das sich anderthalb Stunden gut aufgehoben wusste und mit Ruth Leuwerik eine patente Hauptdarstellerin bekam, die stets ein solides Spiel zeigte. Generell lässt sich jedoch sagen, dass die großen Rollen für die Schauspielerin erst noch kommen sollten und sie dort jene Eigenschaften einbringen konnte, die sie so ausdrucksstark und nachhaltig wirken lassen: Reife, Souveränität, Besonnenheit und Glaubwürdigkeit.

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