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 Film- und Fernsehklassiker international
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.471

01.01.2018 15:05
Der Mann nebenan (1991) Zitat · antworten



BEWERTET: "Der Mann nebenan" (A Demon in my View) (Großbritannien / Deutschland 1991)
mit: Anthony Perkins, Uwe Bohm, Sophie Ward, Stratford Johns, Brian Bovey, Deborah Lacey, James Aubrey, Carole Hayman, Hans Peter Hallwachs, Choy-Ling Man, Terence Hardiman u.a. | Drehbuch: Petra Haffter, basierend auf dem Roman von Ruth Rendell | Regie: Petra Haffter

Arthur Johnson wohnt seit zwanzig Jahren in der obersten Etage eines Mietshauses in der Trinity Road in London. Als der deutsche Student Anton Johnson einzieht, bangt der pedantische Mann um seine Privatsphäre, da er Verwechslungen aufgrund der Namensgleichheit fürchtet. Bald schon gerät ein Brief, der an den Studenten adressiert war, in die Hände des Buchhalters. Da es sich um ein amtliches Schreiben handelt, gibt er ihn umgehend zurück. Doch dann trifft ein Brief von Antons Freundin Helen aus Hamburg ein...

"Ich bin fast vor Enttäuschung und Einsamkeit gestorben."

Das Erste, das man von London sieht, sind Müllsäcke am Straßenrand. Wie viele Großstädte profitiert die britische Hauptstadt von ihrer Vergangenheit, von ihrer Diversifikation, aber nicht von der guten Verwaltung. Die Bürger der Metropolen scheinen Missstände gleichgültig zu ertragen, leben sie doch in einer Stadt, die das Traumziel vieler Menschen ist. Nicht jedoch Arthur Johnson. Der Buchhalter legt größten Wert auf Ordnung, Sauberkeit und korrektes Verhalten, weswegen er in seiner Umgebung wie ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen wirkt. Die lockeren, unverbindlichen Beziehungen, die seine Nachbarn pflegen, missfallen ihm ebenso wie die Beliebtheit, derer sich der neue Mieter bald im Haus erfreut. Anton Johnson gelingt es rasch, sich einzuleben. Sein Kommen und Gehen wird von seinem Namensvetter argwöhnisch betrachtet. Aufgrund seines Studienfachs interessiert sich Anton auch für die sogenannten Kenbourne Morde, denen vor vielen Jahren zwei Frauen zum Opfer gefallen sind - der Täter wurde nie gefasst. Die Ankunft des jungen Mannes treibt Arthur in die Defensive. Seine Geheimnisse drohen enthüllt zu werden oder - noch schlimmer - der Profanität preisgegeben zu werden. Das kleine Glück im Keller, in dem eine Schaufensterpuppe Projektionsfläche für Arthurs Träume ist, wird buchstäblich ans Licht gezerrt, während ihn immer öfter Kindheitserinnerungen einholen und seelisch belasten. Der Übergang ist dabei fließend und symbolisiert die Bürde, die der Mann seit Jahren mit sich herumträgt. Dabei handelt es sich nicht einmal um typische Grausamkeiten, die viele Kinder autoritärer Eltern ertragen mussten, sondern um Momentaufnahmen häuslicher Enge, die der sensible Junge alleine meistern musste.



Der Name Anthony Perkins eröffnet den Film. Er steht sinnbildlich für unheimlichen Schrecken, und wenn dann auch noch von ungeklärten Frauenmorden die Rede ist, scheint die Sache klar zu sein. Wie in "Psycho" zieht er einer leblosen Frau Kleider an, verleiht ihr frische Farbe und drapiert den Körper im Keller. Dort besucht er sie, doch naturgemäß bleibt es ein einseitiger Kontakt. Die Nähe, die er erhofft, schlägt in Hass um und seine Hände verüben den Tötungsakt wie es das Publikum von ihm erwartet. Die Musik unterstreicht solche Szenen mit dezenten Variationen der berühmten kreischenden Geigen und bedeutet dem Zuseher, auf der richtigen Spur zu sein. Der amerikanische Schauspieler war seit seiner Darstellung des Serienmörders Norman Bates auf krankhafte Neurotiker festgelegt und da er im Original von 1960 nur schemenhaft in Aktion zu sehen ist, weideten sich die späteren Filme geradezu in Mordszenen mit dem schmerzverzerrten Gesicht des Täters. In den nebelverhangenen Straßen springt Arthur vom Doppeldeckerbus und verfolgt sein nächstes Opfer. Der Film taucht hier tief in die Welt eines Jack the Ripper ein und schüttelt alle modernen Einflüsse ab, ebenso wie die beiden Morde aus der Vergangenheit Arthur immer wieder heimsuchen und ihn aus der selbst konstruierten Sicherheit aufschrecken. Eine überzeugende Erklärung für die Taten des Mannes bleibt aus und so nähren sich seine Mordphantasien aus einer diffusen Angst vor einem ungeordneten Alltag und einer Leere, die er mit bürokratischer Genauigkeit in allen Dingen auszufüllen sucht. Er thront in der obersten Etage über den anderen Mietparteien und fühlt sich als die inoffizielle Autorität des Hauses. Die Zeiten haben sich jedoch geändert und sein Wort findet kein Gehör.

Die Liebesgeschichte zwischen Anton und Helen zieht sich durch den gesamten Film und trägt viel zur Spannung bei. Die Schwierigkeiten, die das Paar durch die räumliche Trennung und die Ehe der Frau bewältigen muss, rücken nach und nach ins Blickfeld des "Mannes von nebenan". Sein Eingreifen ist nur eine Frage der Zeit und gibt ihm Macht über das Schicksal zweier Menschen. Er rächt sich damit für die Entweihung seines Kellergeheimnisses und gibt dem Optimismus des jungen Mannes einen Dämpfer. Das Wechselbad der Gefühle, das er durch die Ungewissheit erlebt, ragt als eigenständiger Plot aus dem dominanten Mordthema heraus und wird in klaren, berührenden Sequenzen umgesetzt. Uwe Bohm und Sophie Ward agieren natürlich und in empathischer Weise und es gelingt ihnen, eine Beziehung zu gestalten, deren Fortbestand durch mehrere Faktoren bedroht ist. Der deutsche Schauspieler wird als Sympathieträger ins Feld geschickt und bildet den Gegenpol zum zurückhaltenden Perkins. Man wünscht ihm Glück, doch sein jugendlicher Charme kann nicht verhindern, dass man eine heimliche Anteilnahme mit dem lebenslangen Norman Bates empfindet. Gerade jene Szenen, in denen er nach dem missglückten Überfall in seinem Büro Schutz sucht und sich wie ein verwundetes Tier unter dem Schreibtisch verkriecht, erzeugen Mitleid. Sophie Ward wirkt fast durchsichtig und geistert noch lange nach ihrem Abschied in Hamburg durch die Gedanken von Uwe Bohm. Ihre Präsenz manifestiert sich auf Briefbögen, als Schwarzweißfotografie und in den Reaktionen ihres Partners am Telefon. Als sie am Ende selbst nach London kommt, werden all die Spinnweben mit einem Schlage weggewischt und man erfreut sich an dem zerbrechlichen Glück der beiden positiven Figuren.

Anthony Perkins - ein Name, der alles verrät und keine Inhaltsangabe benötigt. Sein letzter Film ist eine Hommage an die Rolle seines Lebens, der er nie wieder entfliehen konnte. Der Schatten von Norman Bates war ein übergroßer Begleiter seines Lebens. Dennoch gelingt es Regisseurin Petra Haffter eigene Akzente zu setzen und eine bittersüße Liebesgeschichte zu erzählen, die zwischen den Klippen des Lebens navigiert und dabei mehrfach Gefahr läuft, auf einen kantigen Felsen aufzulaufen. 4 von 5 Punkten

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