Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 58 Antworten
und wurde 5.075 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Seiten 1 | 2 | 3 | 4
Gubanov Online




Beiträge: 14.427

20.06.2015 16:25
Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten



In unserem Forum liegt der Fokus hauptsächlich auf Krimis aus den 1950er, 1960er und 1970er Jahren. Produktionen aus früheren Jahrzehnten erhalten deshalb eine tendenziell geringere Aufmerksamkeit. Nachdem aber die Welt des deutschen Kriminalfilms nicht mit den Nachkriegskrimis oder gar erst den Wallace-Filmen begann, wäre es doch eine grobe Unterlassung, nicht auch hier und da auf die Produktionen zu sprechen zu kommen, die während der Zeit der Weimarer Republik oder der NS-Diktatur entstanden. Darunter befinden sich sowohl große Klassiker als auch viele mittlerweile in Vergessenheit geratene Streifen. Nach und nach sollen einige von ihnen hier ihr Plätzchen erhalten.

Der Wikipedia-Artikel zur nationalsozialistischen Filmpolitik fasst in Zahlen zusammen:

Zitat von Nationalsozialistische Filmpolitik bei Wikipedia.org, Quelle
Wenn Liebes- und Ehefilme auf der Skala der Filmgenres den weiblichen Pol markieren, so findet man am „männlichen“ Ende die aktionsbetonten Genres. 333 NS-Spielfilme (27,6 %) sind Abenteuer-, Kriminal-, Kriegs-, Spionage- oder Sensationsfilme. Der Anteil der Propagandafilme ist in dieser Gruppe auffällig hoch, es sind 75 Einzelfilme, also fast ein Viertel aller vornehmlich für ein männliches Publikum produzierten Spielfilme. Am stärksten belastet sind die Kriegs- und Spionagefilme. Kriminalfilme dienen in Einzelfällen (z.B. Im Namen des Volkes, 1939) propagandistischen Zwecken und suchen die Ursache für Verbrechen grundsätzlich eher in der charakterlichen Veranlagung der Täter als in ihrer sozialen Situation; diese Dramaturgie ist jedoch keine Besonderheit des NS-Kinos; in den Kriminalfilmen der präfaschistischen und der Nachkriegszeit findet man sie ebenso.


Eine ähnliche Zweiteilung des NS-Kriminalfilms nimmt Carsten Würmann in seiner Dissertation „Zwischen Unterhaltung und Propaganda: Das Krimigenre im Dritten Reich“ vor:

Zitat von Carsten Würmann. Zwischen Unterhaltung und Propaganda: Das Krimigenre im Dritten Reich. Berlin: Freie Universität, 2013. S. 14
Kriminalromane und -filme mit eindeutigem propagandistischen Auftrag erschienen genauso wie solche, die das Dritte Reich und die Insignien seines Alltages nicht einmal in einem Nebensatz erwähnten und darauf verzichteten, gleichsam wie zufällig mit der Kamera darüber zu fahren. Zwar scheinen erstere in der Minderheit gewesen zu sein, nichtsdestotrotz setzte das Regime bis zu seinem Ende darauf, seine propagandistischen Botschaften ebenfalls auf diesem Weg an die Konsumenten zu bringen. Ob sie ungeachtet, trotz oder sogar wegen ihrer Tendenz populär waren, ist dabei freilich retrospektiv kaum zu beurteilen. Genauso schwierig gestaltet sich die Frage nach dem Erfolg der Bemühungen des NS-Regimes um eine Indienstnahme des Krimis.


Weniger gesamtideologisch belastet freilich der Ausstoß von Kriminalfilmen zur Zeit der Weimarer Republik, zu der sich an klassischen Genrevorbildern orientiert wurde:

Zitat von Film in der Weimarer Republik auf Filmportal.de, Quelle
Zu ihrer Zeit existierten [exponierte] „Kunstfilme“ neben den populären Genres. Dazu zählten Abenteuer-, Historien- und Kriminalfilme – letztere rekurrierten auf die bereits in den 1910er Jahren etablierte Form der Detektivserie – und selbstverständlich die Komödie in all ihren Spielarten. [...] Dass im Kino der Weimarer Republik vormals tabuisierte oder verbotene Inhalte aufgegriffen werden konnten, ist Folge der Demokratisierung von Gesellschaft und Kunst: Am 12. November 1918 hatte der Rat der Volksbeauftragten die staatliche Zensur für abgeschafft erklärt. In der Folgezeit unterwarfen sich die großen Verleiher freiwillig den Entscheidungen der Filmprüfstelle in Berlin, bevor am 12. Mai 1920 mit dem Reichslichtspielgesetz wieder ein staatliches Zensur-Reglement eingeführt wurde.


Ich bin selbst gespannt auf die kommenden Abstecher in Richtung früher Kriminalfilm, nachdem ich bisher nur sehr wenige entsprechende Produktionen kenne und viele von ihnen sich über die Jahre bedauerlich rar gemacht haben. In solchen Fällen bieten vor allem Aufführungen in Programmkinos die Gelegenheit, seltene Krimis wiederzuentdecken. Losgehen soll es aber erstmal mit einem weniger obskuren Titel ...



Interessante Threads gibt es übrigens bereits z.B. zu ... • Der Zinker (1931, Edgar Wallace) • Der Hexer (1932, Edgar Wallace) • Der Doppelgänger (1934, Edgar Wallace) • Der Hund von Baskerville (1936, Sir Arthur Conan Doyle) • Dr. Crippen an Bord (1942) • Orient-Express (1944) • Am Abend nach der Oper (1944)

Wer über Kriminalfilme hinaus an Filmen aus der NS-Zeit oder an Aufarbeitungen derselben interessiert ist, sollte das Thema Krieg, Kameradschaft, Katastrophen besuchen.

Gubanov Online




Beiträge: 14.427

20.06.2015 20:30
#2 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten




M – Eine Stadt sucht einen Mörder

Kriminalfilm, D 1931. Regie: Fritz Lang. Drehbuch: Thea von Harbou, Fritz Lang. Mit: Peter Lorre (Hans Beckert), Ellen Widmann (Mutter Beckmann), Inge Landgut (Elsie Beckmann), Gustaf Gründgens (Schränker), Fritz Odemar (Falschspieler), Theo Lingen (Bauernfänger), Ernst Stahl-Nachbaur (Polizeipräsident), Franz Stein (Minister), Otto Wernicke (Kriminalkommissar Lohmann), Theodor Loos (Kriminalkommissar Groeber) u.a. Uraufführung: 15. Mai 1931. Eine Produktion der Nero-Film AG.

Zitat von M – Eine Stadt sucht einen Mörder
Berlin ist in Aufruhr: Ein Kindermörder treibt sein Unwesen, indem er auf offener Straße Mädchen anspricht, sie in abgelegene Ecken der Stadt lockt und dort tötet. Der Polizeiapparat kann trotz der Mobilisierung aller seiner Kräfte kaum Erfolge verbuchen. Also beschließt die Unterwelt, die sich von den Kontrollen der Polizei und dem in der Stadt um sich greifenden Misstrauen benachteiligt sieht, den Kindermörder selbst zu suchen – und zu verurteilen ...


Fritz Langs eindringliches Unterweltdrama wurde zu einem der bekanntesten Kriminalfilme vor der Machtübernahme der Nazis. Berlin präsentiert sich dem Zuschauer als eine verdorbene Stadt, in deren Zentrum ein kranker Perversling sein Unwesen treibt und deren filmisches Profil durch triste Hinterhofszenen, Kellerspelunken, Angstpsychosen, Selbstjustiz und eine hilflose Polizei gekennzeichnet ist. Man spürt die lähmende Flaute, die von Stadt und Staat nach der Weltwirtschaftskrise Besitz ergriffen hatte und die sich in Form eines cineastischen Pessimismus und einer Umkehr der erzählerischen Initiativen ausdrückt.

Lang setzt neben offener Kritik an den offiziellen Ordnungshütern, deren Kommissar Lohmann – Leiter der Mordkommission – eine klare Referenz an den legendären Ernst Gennat darstellt, vor allem auf die unangenehme Tendenz der Menschen, sich unvermittelt zu Mob-Gruppen zusammenzuschließen. Dies geschieht zunächst aus für den Kinogänger leicht nachvollziehbaren Gründen: Abneigung und Ekel gegenüber Peter Lorres Kindermörder-Rolle und Mitfiebern mit den Unterweltlern. Schlussendlich gelingt dem Film jedoch eine raffinierte Umkehr dieser Emotionen durch den „Prozess“, der dem kranken Hans Beckert gemacht wird, einen solchen Namen aber nicht im Entferntesten verdient.

Zitat von Ulrich Behrens: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ bei Filmzentrale.com, Quelle
Lang ist in seiner Inszenierung in gewisser Hinsicht gnadenlos – denn „M“ ist ein klares, uneingeschränktes Plädoyer gegen Lynchjustiz und gegen den Einzug von Moral und Emotionen in das Rechtssystem. In diesem Sinn war „M“ in einer Zeit des Aufkommens des Nationalsozialismus – auch wenn Lang dies vielleicht nicht [ahnte] oder zumindest in seinen Ausmaßen nicht absehen konnte – auch eine klare filmische Stellungnahme gegen diese Vermischung von Moral und Recht, die im NS-Rechtssystem („gesundes Volksempfinden“, „Willensstrafrecht“) weitgehend Einzug fand.


Teils gerät „M“ erstaunlich skurril, ohne dabei jedoch dauerhaft in Albernheiten abzugleiten. Vielmehr mögen einige der Beispiele ungewollter Komik auf eine Veränderung der Lebens- und Sehgewohnheiten zurückzuführen sein. Letzteres macht sich auch bei der minutiösen Schilderung der Razzien und des nächtlichen Bureau-Einbruchs bemerkbar – Szenen, die aus heutiger Sichtweise so manches Mal die Geduld des Zuschauers beanspruchen, in ihrer ausführlichen Anlage ursprünglich aber dem realistätsnahen, wenngleich ohne Frage dramatisch überhöhten Dokumentarstil des Films gedient haben dürften.

Ein mit verzweifelten Bildern aufgeladenes Zeitdokument, das ein schmutziges Kleinbürger-Berlin zeigt, in dem Angst, Willkür und Argwohn regieren. Der Kriminalfall, der nicht immer ganz stimmig ausfällt (z.B. ergibt der Brief des Täters an die Polizei bei dem präsentierten Personenprofil keinerlei Sinn), dient Lang eher als Anlass für ein hochemotionales Drama, das dem Zuschauer den Spiegel vors Gesicht hält, wenn es um den Unterschied zwischen polemischer und ordentlicher Verurteilung von Straftätern geht. 4 von 5 Punkten.

Gubanov Online




Beiträge: 14.427

28.06.2015 15:00
#3 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Nachtrag: Fritz Lang über „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“

Zitat von Barry Keith Grant (Hrsg.): „Fritz Lang Interviews“, UP of Mississippi, Jackson 2003, S. 87
In 1931, Lang makes his first talkie, M, his most famous and, to himself, best film. Like so many Germans of the period, he is a profound romanticist, fascinated by cruelty, fear and horror. He personally knows and studies a number of murderers, including the notorious child slayer [Kürten] of D[ü]sseldorf. M, based on this almost clinical interest, arouses comment all over the world.


In seinen Interviews erzählt Fritz Lang, welche Idee „M“ zugrunde liegt: Gemeinsam mit seiner Frau Thea von Harbou wollte er eine Geschichte über das verabscheuenswürdigste Verbrechen erzählen, das man sich vorstellen konnte. Nachdem sich das Ehepaar unter dieser Prämisse zunächst auf die Problematik anonymer Briefe konzentriert hatte (daher vielleicht das etwas unpassende Überbleibsel im fertigen Film), ließen Zeitungsberichte über Kürtens Verbrechen, der als „Vampir von Düsseldorf“ bekannt wurde, zum Zeitpunkt der Entstehung des Skripts aber noch auf freiem Fuß war, Lang und Harbou auf Kindstötung aufgrund einer sexuellen Störung umschwenken.

Wie Lang in seinen Interviews immer wieder unterstrich, entsprang diese Themenwahl nicht nur dem oben angeführten persönlichen Interesse. Vielmehr scheint auch eine Spur von Trotz mitzuschwingen, die das angespannte Verhältnis zwischen dem Regisseur und seinem erstmaligen Produzenten Seymour Nebenzahl kennzeichnete. Lang begann Anfang der 1930er Jahre nicht freiwillig, für die Nero-Film AG statt für die UFA zu arbeiten. Rechtsstreitigkeiten über Langs Weigerung, nachträglich Toneffekte in seinen Stummfilm „Frau im Mond“ einzubauen, führten zu einer Abkanzelung des Regisseurs. Zunächst mit dem Gedanken spielend, sich gänzlich aus der Filmbranche zu verabschieden, gab Lang schließlich den aufdringlichen Bitten Nebenzahls nach, von nun an für dessen Firma zu arbeiten. Nebenzahls Reputation war zweifelhaft; von dessen „scheinheiligem Paternalismus“, einer „massiven Ausbeutung“ der Regisseure bei der Nero und den schlechten Erfahrungen Robert Siodmaks ist in Hans-Michael Bocks „CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film“ zu lesen. Lang sagte, er hätte Nebenzahl nie die Hand gereicht, drehte nach „M“ aber auch „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1932/33) für dessen Nero-Film. Seine Auflage bestand darin, dass Nebenzahl am fertigen Film nichts abändern durfte. Nur so, sagt Lang, war die Entstehung von „M“ in der vorliegenden Form überhaupt möglich. Zum größten Anstoß an den Konventionen wurde dabei nicht etwa die Schilderung der grausigen Verbrechen (die in ihrer Intensität zwar aufrüttelnd, aber gleichsam zeitverträglich gerät), sondern vielmehr das Fehlen der kintopp-üblichen Liebesgeschichte.

Zitat von Barry Keith Grant (Hrsg.): „Fritz Lang Interviews“, S. 151
[I]n my film M there is no violence, all this happens behind the scenes so to speak. I give an example: you remember the scene where the little girl is murdered? All you see is a ball rolling and stopping. Afterwards a balloon getting stuck in the telephone wires. Where is the violence?


Natürlich bedient sich Lang hierbei des gern verwendeten Tricks, das Unangenehme allein der Fantasie des Zuschauers zu überlassen, dessen Gedanken die Szene im Idealfall selbst brutal ausschmücken. Ganz abgesehen davon, dass es keine probate Möglichkeit gab und gibt, eine solche Szene explizit zu drehen, lässt sich aus dieser Verpflichtung des Zuschauers Langs Prämisse ablesen, dass sein Publikum doch bitte ebenso „fascinated by cruelty, fear and horror“ sein möge wie er selbst.

Neben der Bild- macht auch die Tongestaltung „M“ zu einem überdauernden Meilenstein in Langs Karriere und in der Entwicklung des deutschen Films. In einer Zeit, in der Filmton noch als sensationelle Neuerung wo immer möglich ausgenutzt wurde, zog Lang Hintergrundgeräusche bewusst zurück, um auf diese Weise schärfere Effekte erzielen zu können:

Zitat von Barry Keith Grant (Hrsg.): „Fritz Lang Interviews“, S. 35
At that time I also came to the realization that not only could one use sound as a dramaturgical element, but in fact I absolutely had to. In M, for example, when the silence of the streets (I deliberately omitted the optional street noises) is sliced in shreds by the shrill police whistles, or the unmelodic, constantly recurring whistling of a child murderer, that gives mute expression to his compulsive urges.

Gubanov Online




Beiträge: 14.427

01.07.2015 22:00
#4 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten



Rote Orchideen

Spionagekrimi, D 1938. Regie: Nunzio Malasomma. Drehbuch: Philipp Lothar Mayring, Kurt Heuser. Mit: Olga Tschechowa (Maria Dorando), Albrecht Schoenhals (Alexander Nica), Camilla Horn (Gräfin Ogolenska), Herbert Hübner (Professor Castro), Hans Nielsen (Antonio Moreno), Paul Westermeier (Reno), Walter Janssen (Moras), Fred Döderlein (Laurenz), Ursula Herking (Jessie), Walter Steinbeck (Intendant) u.a. Uraufführung: 8. September 1938. Eine Produktion der Fabrikation deutscher Filme GmbH.

Zitat von Rote Orchideen
Alexander Nica wird in seinem Heimatland wegen Landesverrats zum Tode verurteilt. Für die Betriebsspionage, die ihm und seinem Freund vorgeworfen wird, ist in Wahrheit Professor Castro aus dem südlichen Nachbarland verantwortlich. Auf seiner Flucht vor dem Todesurteil lernt Nica nicht nur Castro kennen, sondern auch die eigenwillige Operndiva Maria Dorando. Unwissentlich hilft diese, den Beweis für Nicas Unschuld vor Castros Schergen in Sicherheit zu bringen – fürs Erste zumindest ...


In seiner Mischung aus spannendem Krimi, Spionagefantasie und musikalischer Komödie deckt „Rote Orchideen“ ein besonders breites Spektrum an Zuschauerinteressen ab. Der Film hält sich verständlicherweise nicht mit langen Vorreden auf: Gleich in der ersten Szene sieht man einen scheinbar außerordentlichen Gerichtshof (der in einem kirchenartigen Gebäude tagt), der Alexander Nica und seinen Mitarbeiter Laurenz zur Höchststrafe verurteilt – eine nicht gerade gewöhnliche Ausgangssituation für einen (in jedem Sinne) strahlenden Helden, wie Albrecht Schoenhals ihn hier zum Besten gibt. Der gesamte Film ist äußerst bedacht darauf, keine lokalen Bezüge preiszugeben. Keines der beiden Länder wird namentlich spezifiziert; die Namen der Protagonisten bleiben mehrdeutig.

Ebenso mehrdeutig sind Alexander Nicas Frauenbekanntschaften. Bei all den Sympathien, die dem Hauptdarsteller zufliegen, kann kaum verleugnet werden, dass man selten einen solchen Frauenhelden, einen solchen Hallodri als Zugpferd eines deutschen Kriminalfilms gesehen hat. Daraus zieht „Rote Orchideen“ einerseits ein vielschichtiges Aufgebot an weiblichen Charakteren (die mondäne Olga Tschechowa, die verruchte Camilla Horn, die obskure Ursula Herking). Andererseits manifestiert sich in diesem Umstand die klare Aussage, dass man es hier trotz der Spionagethematik, die im Grunde nur als Aufhänger und Spannungsvehikel dient, mit einem reinen Unterhaltungsfilm ohne jede ideologische Note zu tun hat.

Obwohl „Rote Orchideen“ viele spannende Momente bietet, reißt Nunzio Malasomma die Stimmung immer wieder mit Einfällen auf, die so heiter erscheinen, dass sie sich nicht recht ins Gesamtbild einfügen wollen. Auch die zahlreichen Musikszenen, während denen Nica und seine Verfolger sich (durchaus amüsante) pantomimische Duelle liefern, ziehen das Geschehen unnötig in die Länge und dienen allein dem Zweck, die beeindruckende Stimme Margarete Slezaks zu vermarkten, die Tschechowas angebliche Gesangsauftritte vertonte. – Auch ist der Höhepunkt etwas ungeschickt gesetzt. Der titelgebende Clou mit den roten Orchideen ist fraglos der beste Einfall des Films, taucht im Gesamtablauf aber zu zeitig auf, sodass die darauffolgenden Verwicklungen den Eindruck erwecken, als ginge es am Ende nur noch darum, mithilfe verschiedener Komplikationen auf volle Spielfilmlänge zu kommen.

Das bedeutet keinesfalls, dass „Rote Orchideen“ ein langwieriger Film sei. Gerade auch die letzten 20 Minuten sind kompakt gestaltet; dazu gehört auch der fast schon im noiresken Licht- und Schattenspel der abendlichen Jalousien eingefangene Mord an Hans Nielsen, der in diesem Film noch so schmächtig wirkt, dass man ihn kaum erkennt.

In seiner Vielschichtigkeit und soliden Unterhaltsamkeit gleicht „Rote Orchideen“ der vielgerühmten eierlegenden Wollmilchsau. Nunzio Malasomma zaubert formidable Alltagsablenkung ohne Anspruch auf Realitätstreue auf die Leinwand, die von sympathischen Darstellern bevölkert wird. Gleichsam bekommt man das Gefühl, dass der Film ungenutzte Potenziale hätte ausschöpfen und mehr Tiefgang entwickeln können, wenn er sich auf einen Aspekt – Opernbühne oder Spionagejagd – konzentriert und diesen konsequenter durchgezogen hätte. 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Online




Beiträge: 14.427

30.08.2015 13:55
#5 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten




Damals

Kriminaldrama, D 1942/43. Regie: Rolf Hansen. Drehbuch: Peter Groll, Rolf Hansen. Mit: Zarah Leander (Vera Meiners), Hans Stüwe (Jan Meiners), Rossano Brazzi (Pablo), Jutta von Alpen (Brigitte Meiners, Tochter), Hilde Körber (Frau Gaspard), Elisabeth Markus (Dr. Gloria O’Connor), Hermann Bräuer (Batejo), Hans Brausewetter (Corbeau), Otto Graf (Dr. Lugeon), Karl Haubenreißer (Staatsanwalt Mendoza) u.a. Uraufführung: 3. März 1943. Eine Produktion der Ufa-Filmkunst GmbH.

Zitat von Damals
Einst hatte Jan Meiners seine Frau Vera unbegründet wegen eines Treffens mit einem anderen Mann verstoßen. Dieser angebliche Liebhaber liegt nun erschossen in einem südamerikanischen Hotelzimmer; Vera Meiners, die dort unter falschem Namen als Ärztin arbeitet, gerät unter Mordverdacht. Um sie von der schrecklichen Vermutung reinzuwaschen, erzählen frühere Freunde der Meiners Episoden aus ihrem Leben, die sich nach und nach zum Bild einer großherzigen Frau zusammensetzen. Doch der letzte Unschuldsbeweis muss noch erbracht werden ...


Bei Zarah Leanders letztem Ufa-Film vor ihrem Rückzug nach Schweden handelt es sich um eine jener Produktionen, die voll und ganz auf ihren großen Star zugeschnitten sind. Mit dem Bild einer Kämpferin auf gesellschaftlicher und privater Ebene, einer Frau, die schwere Zeiten mit ungebrochener Willenskraft übersteht und allen Schlechtigkeiten anderer zum Trotz moralisch integer bleibt, schmeichelte man allerdings nicht nur dem Image der Leander, sondern unterstrich noch einmal die Anforderungen, die das Dritte Reich an Frauen während des Krieges stellte. Auch „Damals“ verteidigt ausdrücklich männliche Entscheidungs- und Urteilsansprüche, betont dabei aber auch die Aufopferung und Hingabe, mit der die Frauen einen wesentlichen Teil zum Aufrechterhalten systemischer Ordnung im Lande beitrugen. Dennoch wäre es überzogen, in „Damals“ einen klaren Propagandafilm zu sehen, geht es dem Drama um enttäuschte Liebe und ärztliches Gewissen doch eben in erster Linie um die Schilderung eines Einzelschicksals.

Auch wenn der Film mit dem verdächtigen Verhalten seiner Diva, dem Fund der Leiche und ersten Anschuldigungen der Polizei beginnt, schlägt er bald mit seiner Rückblendenstruktur, die den Titel hinreichend begründet, unvermutet wehmütige, um nicht zu sagen: kitschige Pfade ein. Sinkt das Interesse eines Zuschauers, der sich zunächst ein ausgefeiltes Mordrätsel erhofft hatte, an dieser Stelle zunächst ein wenig ab, so gelingt es Rolf Hansen dennoch, durch die Schwere der Entscheidungen, vor die Vera Meiners in den Episoden ihres Lebens gestellt wird, bald ein umso stärkeres Gefühl für die Heldin der Geschichte aufzubauen. Da von Anfang an klar ist, dass die Behörden, die die Leander-Rolle des Mordes verdächtigen, eine falsche Fährte verfolgen, verwundert auch die Wahl des exotischen Schauplatzes nicht. Die Fehlbarkeit polizeilicher Instanzen in Nazideutschland anno 1942 überhaupt noch anzudeuten, wäre ein gefährlicher Affront gewesen. So verabschiedet sich das Krimikino – fast schon rituell – in Richtung südländischer Gefilde (zunächst Spanien, dann Südamerika), was sicher nicht wenig über bis heute anhaltende Vorbehalte gegenüber angeblicher südlicher Nachlässigkeit aussagt. Das letztlich aufgrund reichsdeutscher Hilfe doch noch gelungene Auffinden des Täters bedient sich indes anderer Einflussquellen und erinnert verblüffend an das Finale von Alfred Hitchcocks 1937er-Film „Jung und unschuldig“.

Als „Damals“ im März 1979 im ZDF seine Fernseherstausstrahlung erlebte, verfolgten 14,79 Millionen Zuschauer die Passion der Leander. Publikumswirksamkeit kann man der Produktion, die zwar die Kombinationsgabe ihres Publikums wenig herausfordert, jedoch so unterhaltsam und bewegend erscheint, dass sie sich in der seriösen Kritik Vorwürfen der Pathetik (Lexikon des Internationalen Films) ausgesetzt sieht, wahrlich nicht absprechen. Auch wenn die Geschichte vielleicht ein wenig konstruiert erscheint, fügen sich die Puzzlestücke am Ende bemerkenswert gut zusammen, sodass man das Kino bzw. den Fernsehsessel mit dem wohltuenden Gefühl verlässt, einen Film gesehen zu haben, in dem deutlich mehr Potenzial steckt, als es sich zugeknöpfte Redakteure eingestehen wollen. (Wieder-)entdeckenswert!

Empathiegeladenes, trotz seiner Zeitgeistigkeit nicht übermäßig in die Jahre gekommenes Drama, das sich als Aufhänger einer Kriminalhandlung bedient, mit einer Prise guten Willens aber auch als biografische Studie mit gesamtgesellschaftlichen Aussagen bezeichnet werden könnte. Der starke Auftritt der Leander wird von präzisen Darstellungen in den Nebenrollen komplementiert, ohne die Diva heimtückisch zu überflügeln. 4,5 von 5 Punkten.

PS: Ein ausführlicher, sehr emanzipatorischer Bericht über Vera Meiners und die Rolle der Frau im paternalistischen NS-Staat findet sich in Mary-Elizabeth O’Briens Buch „Nazi Cinema as Enchantment: The Politics of Entertainment in the Third Reich“ (dort im Kapitel „Discontented Domesticity: The Melodrama“ auf den Seiten 160 bis 205).

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.354

30.08.2015 14:32
#6 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten




BEWERTET: "Damals" (Deutschland 1943)
mit: Zarah Leander, Hans Stüwe, Karl Martell, Jutta von Alpen, Rossano Brazzi, Hans Brausewetter, Hilde Körber, Viktor Janson, Otto Graf, Lilli Schönborn u.a. | Drehbuch: Peter Groll und Rolf Hansen nach einer Idee von Bert Roth | Regie: Rolf Hansen

Die deutsche Ärztin Vera Meiners wird in Südamerika angeklagt, ihren früheren Freund Frank Douglas erschossen zu haben. Bei den Polizeiverhören stellt sich heraus, dass sie ihre Approbation nach einer eigenmächtigen Operation, bei der das Leben eines Kindes gerettet wurde, verloren hatte und nun unter falschem Namen praktiziert. Ihr Mann hatte sie wegen eines Missverständnisses verlassen und Vera war mit ihrer Tochter fortan auf sich allein gestellt. Wird es ihrem Verteidiger gelingen, die Unschuld seiner Mandantin zu beweisen?

Eine elegant gekleidete Dame entfernt sich leise aus einem Hotelzimmer. Es regnet, doch sie zieht es vor, auf ein Taxi zu verzichten. In dem Raum, den sie gerade verließ, wurde ein Mord begangen, wie der Zuschauer bald erfährt. Handelt es sich bei der Unbekannten um eine Zeugin oder die Täterin? Klassisch beginnt das Drama über Dr. med. Vera Meiners, deren Identität nach und nach anhand von Erzählungen früherer Weggefährten aufgerollt wird. In stimmig ineinander greifenden Rückblenden erzählen Freunde und Familienangehörige, was es mit der eines Mordes beschuldigten Frau auf sich hat. Es wird erläutert, was sie in ihre momentane Situation gebracht hat. Zarah Leander spricht das Gefühl an, zeichnet jedoch eine Frau, die sich nicht damit zufrieden gibt, ihr eigenes Glück zu sichern, sondern stets abwägt, was im Gesamten das Beste ist. So riskiert sie ihre berufliche Laufbahn, um ein Menschenleben zu retten und verlässt sich auf ihr Wissen statt auf den Rat ihres Vorgesetzten. Später handelt sie ähnlich, als es darum geht, Gefahr durch eine Kranke abzuwenden. Interessanterweise darf Zarah Leander weitaus emanzipierter auftreten als ihre deutschen Kolleginnen, obwohl die Parole der NS-Riege doch lautete, eine Frau habe sich zu fügen (ins Unvermeidliche, der Vorherrschaft des Mannes etc.). Die Schwedin hat größere Freiheiten, da sie jedoch eine positive Figur spielt, gleichen sich die Zugeständnisse wieder aus, die ihr gemacht werden.

Zitat von Anna Maria Sigmund: Die Frauen der Nazis Band 3, Wilhelm Heyne Verlag 2002, Seite 299
Der Streifen "Damals" war laut Ankündigung "Einer der schönsten Leanderfilme". Der Star mimte in dem kitschigen Melodram das traurige Schicksal einer Frau, die - von ihrem eifersüchtigen Ehemann verstoßen - durch die Welt irrt und sogar eines Mordes verdächtigt wird. (...) Das an die Gefühle appellierende Drama sollte die Deutschen von ihren kriegsbedingten Ängsten und Sorgen ablenken. Es sollte ihnen auch tröstend vor Augen führen, welch schwere Schicksalsschläge das Leben selbst in Friedenszeiten bereit hält.


Nach der Premiere im Berliner Filmpalast am 5. März 1943 kehrte Zarah Leander dem Deutschen Reich den Rücken, mit der Absicht, ihren UFA-Vertrag nicht einzuhalten. Sie hoffte, in ihrer schwedischen Heimat einen Neubeginn wagen zu können, doch ihre Landsleute begegneten ihr sehr reserviert. Umso herzlicher wurde sie nach dem Krieg wieder in Deutschland aufgenommen, wo sie eine große Konzerttournee abhielt.

Die Männer, mit denen Vera Meiners zu tun hat, werden fast ausnahmslos als verklemmt, präpotent, patriarchalisch oder voreingenommen dargestellt. Seien es nun der Professor oder der Polizeiermittler (beide übrigens mit einem großväterlichen Zauselbart), sei es der konservative Ehemann oder der aufgebrachte jugendliche Verehrer. Persönliche Eitelkeiten, verletzter Stolz und falsche Empörung bäumen sich gegen die Unabhängigkeit im Denken einer Frau auf, deren Beweggründe sie Autoritäten und Hierarchien in Frage stellen lassen.

Spannendes Porträt eines Frauenschicksals zwischen hanseatischer Bürgerlichkeit, südamerikanischem Exil und nüchterner Mordanklage. Lobenswert auch ausgefeilte Szenen wie die realistische Entgleisung einer Lokomotive. Zarah Leander als Sympathieträgerin wechselt glaubhaft zwischen den Facetten ihrer Figur. 4,5 von 5 Punkten.

Georg Offline




Beiträge: 2.745

30.08.2015 14:42
#7 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Ich habe kürzlich auch einen deutschen Kriminalfilm von vor 1945 gesehen.

Ein wirklich spannender Gerichtskrimi ist das Stück The Trial of Mary Dugan von Bayard Veiller aus dem Jahre 1927. Ähnlich wie Agatha Christies Klassiker Witness for the Prosecution / Zeugin der Anklage hält die Handlung den Zuseher bis zum Schluss in ihrem Bann und überrascht mit einer unglaublichen Auflösung. Das Bühnenstück wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1929 unter der Regie des Autors. In Deutschland fand der Stoff 1931 eine erste Umsetzung, über die ich hier ein paar Worte verlieren will:

MORDPROZESS MARY DUGAN
Deutschland 1931

Mit Nora Gregor, Egon von Jordan, Peter Erkelenz, Arnold Korff, Hedwiga Reicher, Julia Serda, Paul Weigel, Lucy Doraine, Margarete Knapp

Buch: Becky Gardiner, Arthur Robison
nach dem Stück von Bayard Veiller
Kamera: Henry Sharp
Regie: Arthur Robison

Zur Handlung:
Mary Dugan ist des Mordes angeklagt, sie soll den reichen Edgar Rice umgebracht haben. Wie sich herausstellt, hatte Mary mehrere Verhältnisse zu vermögenden Männern. Ihr Ziel war es, das Studium ihres Bruders Jimmy finanzieren zu können. Ihr Bruder hatte jedoch keine Ahnung davon. Als Mary behauptet, Edgar Rice habe die Absicht gehabt, sich von seiner Frau zu trennen und ihr, Mary, sein Vermögen zu überschreiben, sieht es nicht gut für die junge Dame aus. Doch dann kann Jimmy Dugan beweisen, dass der Täter Linkshänder gewesen sein muss ...

Zur Verfilmung:
Trotz seines Alters und der Entstehungszeit (früher Tonfilm) wirkt der Film recht frisch, die Darsteller agieren glaubhaft und nicht - wie in den ersten Tonfilmen oft üblich - viel zu überspielt und dramatisch. Die Rollen sind wirklich gut besetzt, vor allem Nora Gregor als Mary Dugan und Egon von Jordan als ihr Bruder Jimmy überzeugen. Der Staatsanwalt Galway, gespielt von Arnold Korff, ist ein ganz anderer Typ, als ihn Alfred Balthoff 1960 in der TV-Verfilmung spielt (dazu noch gleich ein paar Worte). Die Regie Arthur Robisons weiß zu fesseln und die 97 Minuten vergehen eigentlich recht zügig. Dank der starken Vorlage, an die sich der Film überwiegend hält, ein absoluter Klassiker des Gerichtsdramas!

Exkurs: die beiden deutschen Fernsehversionen (1956 und 1960)
Abschließend sei erwähnt, dass das Stück später noch zweimal für das TV verfilmt wurde, einmal 1956 als Der Prozess Mary Dugan von Hanns-Waldemar Bublitz mit Charlotte Radspieler, Ralph Lothar und Axel Monjé (diese Verfilmung kenne ich persönlich nicht, Infos dazu: Krimiserien.heimat.eu | Der Prozess Mary Dugan (1956)) und einmal 1960 von Dr. Falk Harnack für den SFB. Diese Version von Der Prozess Mary Dugan (Krimiserien.heimat.eu | Der Prozess Mary Dugan (1960)) ist für mich einer der besten deutschen Kriminalfilme überhaupt, was auch auf das großartige Spiel der Darsteller zurückzuführen ist. Ein Vergleich mit der Kinoversion von 1931 zeigt viele Übereinstimmungen, dennoch sind die Darstellungen von Anaid Iplicjian als scheinbar zu Unrecht Angeklagter und vor allem von Jürgen Goslar als aalglattem Verteidiger wirklich sehr sehenswert und anders. Hartmut Reck gibt darin den sympathischen Bruder der Angeklagten, der hier auch noch eine Gehbehinderung hat. Überaus interessant ist in der 1960er-Version aber die Besetzung Alfred Balthoffs mit der Rolle des Staatsanwalts. Dieser eher ruhige, sympathische Darsteller mit der etwas seltsamen Frisur beweist, dass dieser Part nicht immer mit unsympathischen und karrierelüsternen Typen besetzt werden muss, sondern dass ein Staatsanwalt auch ein Mensch und wie alle nur auf der Suche nach der Wahrheit ist. Überaus nett ist auch die Besetzung von Brigitte Mira, deren Aussage schließlich zur Klärung der wahren Zusammenhänge führt. Ich wiederhole, was ich auf meiner Krimihomepage dazu schreibe: eine Sternstunde des deutschen Fernsehkrimis!

Gubanov Online




Beiträge: 14.427

02.09.2015 20:50
#8 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Danke, Georg, für diese interessante Besprechung. Gern mehr davon – du hast sicher noch das eine oder andere unveröffentlichte Juwel aus der (Vor-)Kriegszeit vorliegen ...




Spione im Savoy-Hotel

Kriminalkomödie, D 1932. Regie und Drehbuch: Friedrich Zelnik. Mit: Alfred Braun (Alfred Braun, Rundfunkreporter), Erich Kestin (Gottlieb, sein Gehilfe), Olga Tschechowa (Miss Harris alias „die Gräfin“), Alfred Abel (Mr. Palmer, englischer Diplomat), Reinhold Bernt (Schrott, sein Sekretär), Max Adalbert (Wengert, Komponist), Margot Walter (Susi, seine Tochter), Walter Slezak (Kurt, ihr Freund), Leo Peukert (Hoteldirektor), Eugen Rex (Hoteldetektiv) u.a. Uraufführung: 4. November 1932. Eine Produktion der Efzet-Film GmbH.

Zitat von Spione im Savoy-Hotel
Ein geschickter Dieb, der im Büro des Hoteldirektors Selbstmord vortäuscht, kann ein dort verwahrtes Dokument stehlen, das dem Diplomaten Mr. Palmer gehört. Zur gleichen Zeit überträgt Rundfunkreporter Alfred Braun eine Show aus dem großen Saal des Savoy-Hotels. Er findet sich inmitten einer Spionagegeschichte wieder, in der „die Gräfin“, eine russische Spionin, eine wichtige Rolle spielt. Sie versucht, das Dokument meistbietend zu verkaufen, doch auch ihr kommen die gefragten Papiere abhanden ...


Wir schreiben zwar nicht mehr ganz die Roaring Twenties, aber im Berliner Savoy-Hotel geht es trotzdem heiß her. Auch heute ist die Stadt ja noch für ihr buntes Nachtleben bekannt; schon anno 1931 demonstrierte man selbstbewusst, welche Maßstäbe in puncto Unterhaltung man in Berlin so setzt. Leider jedoch übernimmt diese Darbietung von Sängern, Jazzbands und Clowns das absolute Hauptaugenmerk in diesem Varieté-Krimi, in dem der Dokumentendiebstahl eigentlich nur die zweite Geige (um nicht zu sagen: wortwörtlich das dritte Saxophon) spielt. Gewisse Elemente der Handlung sind dabei sehr vielversprechend: das elegante Hotel-Setting, der anfängliche Raub der Papiere mit dramatischer und cleverer Note, das Doppelspiel der russischen Spionin. Allerdings taugt all das nur für etwa eine halbe Stunde der Handlung, während der Rest mit allerlei leichtfüßiger Bespaßung aufgefüllt wird.

Stilistisch zerfällt der Film dabei allerdings nicht; Friedrich Zelnik gelang die Verbindung von Musik, Clownerie und Krimi sowohl inhaltlich (der Täter tritt in einer Verkleidung im Programm der Fratinelli-Brüder auf, als nach ihm gesucht wird) als auch inszenatorisch (seine darauffolgende Flucht und die polizeiliche Verfolung über Feuertreppen und durch den Fundus des hoteleigenen Theaters werden ganz im Stil alter Slapstick-Komödien mit doppelter Geschwindigkeit und ironischer Musik in Szene gesetzt). Als problematisch für den Suspensefaktor der Produktion erweist sich der Umstand, dass dem Zuschauer so gut wie nichts verheimlicht, ihm also nicht erst die Möglichkeit des Mitratens eingeräumt wird. Wahrscheinlich hätte ein solches Rätselraten aber auch nicht weit geführt, disqualifizieren sich viele Protagonisten in der Täterfrage doch schon durch ihr dämliches Auftreten – peinliche Spitzenreiter in dieser Kategorie: Margot Walter und Erich Kestin.

Deutlich ernsthafter und engagierter die Leistung der Hauptdarsteller: Sowohl Olga Tschechowa als gewitzte „Gräfin“ als auch Alfred Braun, der im Laufe seiner Karriere als Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor arbeitete, hauptsächlich jedoch für seine Radio-Arbeiten bekannt wurde und sich hier selbst spielt, überzeugen als Antagonisten und Handlungsträger vollauf. Auch Walter Slezak kann mit Charisma und unaufdringlicher Spielfreude punkten, muss aber um seine Rolle als Romantic Lead in Anbetracht der ihn erwartenden Ehe schlicht bedauert werden. Alfred Brauns Verdienste um den frühen Rundfunk werden für den Zuschauer durch dessen „Moderation“ des gesamten Geschehens authentisch vor Augen geführt:

Zitat von Alfred Braun bei Wikipedia.org, Quelle
Ab November 1924 begann Brauns Tätigkeit beim Funk, zunächst als Sprecher, später auch als Regisseur der Funk-Stunde Berlin, dem ersten Radiosender Deutschlands. In die Rundfunkgeschichte eingegangen sind seine Live-Reportagen von der Trauerfeier für Reichsaußenminister Gustav Stresemann (6. Oktober 1929) und der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Thomas Mann (10. Dezember 1929). [...] 1954 wurde er zum ersten Intendanten des neugegründeten Sender Freies Berlin gewählt.


Durchwachsener und aufgrund seiner Betulichkeit veralteter Unterhaltungsfilm mit leichtem Krimieinschlag. Einige patente Hauptdarsteller werden von dauernden Showeinlagen und unnötigen Albernheiten ausgebremst, was für die guten Ansätze der Produktion durchaus schade ist. 2,5 von 5 Punkten.

Georg Offline




Beiträge: 2.745

03.09.2015 14:47
#9 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #8
Danke, Georg, für diese interessante Besprechung. Gern mehr davon – du hast sicher noch das eine oder andere unveröffentlichte Juwel aus der (Vor-)Kriegszeit vorliegen ...

Soviel ist es leider nicht, in Sachen Vorkriegskrimi kenne ich recht wenig, aber durch diesen Thread erfährt man ja immerhin, welche Sachen es überhaupt gibt und was (nicht) sehenswert ist. War eine gute Idee, ihn zu eröffnen! Danke!

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.354

12.09.2015 21:23
#10 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Die geschilderte Atmosphäre in "Spione im Savoy-Hotel" erinnert mich an einen Fall, der in einem meiner Lieblings-Berlinbücher ('Verbrechen in Berlin - 32 historische Kriminalfälle 1890-1960' von Regina Stürickow) erzählt wird. Unter der Überschrift "Das Phantom vom Mercedes-Palast" wird von einem Mordfall berichtet, der sich am 20. Januar 1931 im Büro des Direktors Ernst Schmoller ereignet hat. Dieser wurde mit zwei Schüssen niedergestreckt. Im Kino wurde eine varietéähnliche Bühnenschau aufgeführt, während der "eine Gestalt in einem hellen, wehenden Mantel hinter den Kulissen vorbeihuschte", wie der Kinoorganist zu Protokoll gab. Er habe in dem Mann einen gewissen Charly Urban, den früheren Bühnenmeister des Mercedes-Palastes und nunmehriges Mitglied der Trapezartisten "Die acht Nelsons" erkannt. Hat er Schmoller beraubt und ist es dabei zu den tödlichen Schüssen gekommen?

Gubanov Online




Beiträge: 14.427

12.09.2015 22:00
#11 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Danke für diese Ergänzung. Der Fall liest sich, als sei er einem Kriminalroman entsprungen. Das Flair ist dem Film tatsächlich nicht unähnlich; abgesehen von der offensichtlichen Parallele mit dem Raub im Direktionszimmer nutzt der Täter in „Spione im Savoy-Hotel“ auch die Verkleidung eines Varietékünstlers. Tatsächlich ist möglich, dass sich Zelnik von diesem Fall inspirieren ließ, zumal er zeitlich dafür sehr passend liegt.



Nachtrag: Auf Alfred Brauns Spuren in Berlin

Meine Anmerkungen zu Alfred Braun, dem Hauptdarsteller von „Spione im Savoy-Hotel“, möchte ich an dieser Stelle um einige Punkte ergänzen. Als Braun im Januar 1978 starb, hinterließ der beinah Neunzigjährige (Jahrgang 1888) ein so breit gefächertes Lebenswerk wie wenige andere: Der gebürtige Berliner hatte für Rundfunk, Bühne und Film gearbeitet und war als Moderator, Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Intendant in Erscheinung getreten. Er hatte mit den Worten „Achtung, Achtung, hier ist Berlin“ den SFB, den Nachfolger der Station NWRV Berlin, zu Klängen des Schlagers „Das ist die Berliner Luft“ durch seinen Sendestart geleitet. Den Intendantenposten des SFB nahm er trotz besserer Verdienstmöglichkeiten in der Spielfilmbranche an, in der er sich vor dem Krieg vorwiegend als Darsteller, später als Regisseur verdingte. Unter ihm spielten in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren Schauspielgrößen wie Willy Birgel, Curd Jürgens, Richard Häussler, René Deltgen, Rudolf Platte, Rudolf Prack und Zarah Leander.

Hochinteressant Brauns zwiespältige Begegnung mit dem Naziregime, das ihn als aktives SPD-Mitglied nach Hitlers Machtergreifung 1933 zunächst ins KZ Oranienburg bzw. ins Gefängnis Moabit verbrachte. Nach einiger Zeit im Ausland, die sich an seine Emigration 1934 anschloss, kehrte er im Jahr des Kriegsausbruchs wieder nach Berlin zurück, wo er seine Karriere wieder aufnahm und als Regieassistent „Jud Süß“ sowie als Drehbuchautor „Kolberg“ mitverantwortete. Die naive Annahme, dass solche Filme nur von überzeugten Nationalsozialisten konzipiert wurden, springt folglich ein großes Stück zu kurz.

Wenig verwunderlich ist, dass man sich Alfred Brauns heute hauptsächlich in seiner Heimatstadt erinnert. Dort kann der aufmerksame Beobachter allerdings gleich mehrere Spuren verfolgen, die auf Brauns Schaffen verweisen. Im nördlichen Charlottenburg wurde 1982 am Iburger Ufer eine Skulptur der Künstlerin Gertrud Bergmann aufgestellt, die eher dem Idealbild des „arbeitenden Mannes“ zwischen den Weltkriegen als dem etwas untersetzten, jovialen Braun entspricht und auf den mundartlichen Titel Spreekieker hört. Am Sockel ist eine Plakette angebracht, die auf Brauns Beschäftigung als „erster deutscher Rundfunksprecher“ hinweist.

Alfred Brauns Grabstelle befindet sich auf dem Friedhof Heerstraße – nur wenige Schritte von seiner Kollegin Agnes Windeck entfernt. Wie bei Windeck handelt es sich bei Brauns letzter Ruhestätte um ein bescheidenes Reihengrab. Es wird von einem marmorierten rotbraunen Naturstein gekrönt, der mit Brauns Lebensdaten und denen seiner Ehefrau Friedel beschriftet ist. Der Spiegel wusste anlässlich der Beerdigung zu berichten:

Zitat von Register: Gestorben, Der Spiegel, 2/1978, S. 140
Noch auf seinem Sterbebett wünschte er, dass die Nachricht seines Todes zuerst vom Sender Freies Berlin verbreitet werde.

Gubanov Online




Beiträge: 14.427

13.09.2015 21:00
#12 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten



Der Täter ist unter uns

Kriminalfilm, D 1943/44. Regie: Herbert B. Fredersdorf. Drehbuch: Felix von Eckardt. Mit: Paul Dahlke (Hausdetektiv Adrian), Margot Hielscher (Ruth Castelle), Gabriele Reismüller (Lilli Castelle), Kurt Müller-Graf (Tom Meelmann), Albert Hehn (Dr. Heyden), O.E. Hasse (Dr. Kauper), Fritz Odemar (Ladislaus von Pontembsky), Alice Treff (Eveline Brix), Ernst Dernburg (Bankdirektor Meelmann), Joseph Offenbach (Kriminalkommissar Dunker) u.a. Uraufführung: 27. Mai 1944. Eine Produktion der Bavaria Filmkunst GmbH.

Zitat von Der Täter ist unter uns
Gefälschte Aktien versetzen das Bankhaus Ruyter in helle Aufregung. Da nur die Angestellten Zugang zu den Wertpapieren haben, muss der Betrüger in den eigenen Reihen zu suchen sein. Bankdetektiv Adrian wird von Direktor Meelmann mit der Aufklärung der Angelegenheit beauftragt und bedient sich gern der Hilfe Meelmann juniors. Dieser hat ein Auge auf die Privatsekretärin seines Vaters geworfen – und tatsächlich steckt Ruth Castelle bald tiefer im Fall des Fälschers drin, als ihr lieb ist. Sogar ein Erpresser versucht, sie gefügig zu machen ...


In der Tradition kauziger Detektivfiguren der großen Klassiker tritt Paul Dahlke nach der Exposition als wundersamer Eigenbrötler auf, den jeder um seine Intelligenz bewundert, dessen Gedanken aber keiner wirklich durchschauen kann. Bankdetektiv Adrian zitiert gern lateinische Sprichwörter – nicht ohne sie für sein Publikum zu übersetzen –, zieht sich zum Nachdenken auf eine Zigarre zurück, hält sich einen Papagei und ein Aquarium voller Fische und (man verzeihe das Wortspiel) angelt geradezu nach Komplimenten, was sein Alter betrifft. Ja, Dahlke versteht es, die Profanität eventueller Lebensnähe zugunsten einer memorablen, ausgefeilten und sympathischen Ermittlerrolle unter den Teppich zu kehren. Dabei werden Übertreibungen konsequent vermieden, um nicht den Eindruck zu erwecken, man sehe hier ein Lustspiel. Einen lupenreinen Krimi brachte Herbert B. Fredersdorf in den entscheidenden Kriegsjahren zuwege – ohne überhöhtes Drama, ohne Albernheiten, ohne Parteiprogramm. Wie weit sich der Film von den Lieblingsthemen des Propagandaministeriums entfernt, wird schon aus dem Titel erkenntlich, der in seinem selbstkritischen Duktus so gar nichts Nazistisches an sich hat.

Zeigt die erste Szene zunächst eine nächtliche Hafengegend, in der sich ein Autounfall zuträgt, ist der Rest des Films von erlesenem Niveau. Die Chefetage und einige ausgewählte Doktoren stehen im Mittelpunkt des Geschehens; dass man sich im hohen Norden befindet, merkt man nur an der Hamburger Hochbahn, die auf dem Hafenviadukt vor den Direktionsfenstern entlangrattert. Dahlke wird vom Pärchen in spe, Margot Hielscher und Kurt Müller-Graf, unterstützt, während Gabriele Reismüller als Hielschers Filmschwester amüsante Akzente setzt. Hielschers Ruth Castelle sieht sich vor eine ähnlich schicksalhafte Heirat gestellt wie Beryl Stedman im „Zinker“ und versucht wie die Wallace’sche Romanheldin unterbewusst, diese Verbindung mit Unsympath Dr. Heyden (Albert Hehn) so lange hinauszuzögern wie möglich. Als wichtigster Gegenpart zu Dahlke stellt sich jedoch der hochverdächtige Dr. Kauper heraus, der von O.E. Hasse mit galanter Verschlagenheit gespielt wird. Schon der Umstand, dass er sich mit einer amerikanischen Lebedame (Alice Treff) eingelassen hat, erweckt im soliden Bankhaus verständlicherweise Misstrauen.

Vermutlich wird die Identität des gesuchten Aktienfälschers den geübten Rätselrater eher nicht überraschen; die Konstruktion des Whodunit und die Methode, die Adrian für die Überführung zum Einsatz bringt, überzeugen jedoch ebenso wie der bis dahin gezeigte Spannungsaufbau. Das Drehbuch von Felix von Eckhardt, das auf einer Idee des Autors gemeinsam mit Karl Anton basiert, erweist sich als erstaunlich frisch; der Film ist, was man nicht von jedem Prä-45er-Krimi behaupten kann, entsprechend vorteilhaft gealtert.

Dass das Lexikon des Internationalen Films diesen Krimiklassiker nicht herunterputzt, sondern nur verhalten als „inhaltlich und formal konventionell“ bezeichnet, kann als gutes Omen verstanden werden, dem Herbert B. Fredersdorfs Regie Spannung und Glanz folgen lässt. Paul Dahlke und O.E. Hasse als gegensätzlich geladene Pole einer nicht uninteressanten Betrugsgeschichte werden durch Romantik und falsche Spuren vonseiten der Nebendarsteller tatkräftig unterstützt. 5 von 5 Punkten.

Gubanov Online




Beiträge: 14.427

14.09.2015 13:15
#13 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Zu ergänzen ist, dass ich „Der Täter ist unter uns“ ebenso wie „Rote Orchideen“ in der Vorführungsreihe „Der alte deutsche Film“ der EVA-Lichtspiele in der Berliner Blissestraße auf großer Leinwand gesehen habe. Wie schon einmal an anderer Stelle betont, erfreut sich die Reihe erstaunlicher Beliebtheit; das Kino kommt mir von Mal zu Mal voller vor. Ich kann nicht sagen, ob die Krimis besonders ziehen oder ob in den Lustspiel-Aufführungen ebenso viele (oder sogar noch mehr) Personen sitzen, aber den „Täter“ verfolgten neben mir noch an die 100 andere Zuschauer.

Vor diesem Hintergrund gehe ich eigentlich davon aus, dass sich DVD-Veröffentlichungen dieser alten Krimi-Streifen wenigstens ähnlich rentieren müssten wie 1960er-Jahre-Krimis, da das Interesse, gerade für Stoffe aus der NS-Zeit und die damaligen, noch heute bekannten Stars, nach wie vor recht ordentlich sein dürfte und die Zahlungsbereitschaft vielleicht auch ganz zufriedenstellend aussieht. Schade, dass man kaum etwas auf DVD bekommt, was damals an Krimis produziert wurde. Ein paar löbliche Ausnahmen werden wir in diesem Thread sicher noch ansprechen, aber allein die Schnellsuche der Murnau-Stiftung nach Kriminalfilmen weist 155 Produktionen aus, die zum Großteil im für diesen Thread relevanten Zeitraum entstanden sein dürften.

Eventuell würden einige dieser Filme auch in die Programme der Pidax- oder Filmjuwelen-Sammlungen passen (vor allem wenn „Dr. Crippen an Bord“ kein Minusgeschäft war). „Der Täter ist unter uns“ wäre mir z.B. auf jeden Fall einen DVD-Nachkauf wert.

Gubanov Online




Beiträge: 14.427

20.09.2015 14:30
#14 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten




Eskapade (Geheimagentin Hélène)

Spionagekrimi, D 1936. Regie: Erich Waschneck. Drehbuch: Rolf Meyer, C. und T. Echtermeier, Thea von Harbou (Buchvorlage „My Official Wife“: Richard Henry Savage). Mit: Renate Müller (Hélène Polawska), Georg Alexander (Colonel Arthur Lenox), Grethe Weiser (Helene, seine Frau), Walter Franck (Rakowski, Chef der russischen Geheimpolizei), Martha von Kossatzky (Fürstin Palitzin), Franz Zimmermann (Sascha Graf Weletzki, ihr Neffe), Paula Denk (Vera, seine Braut), Paul Otto (Großfürst Igantieff), Harald Paulsen (Ossip Kaschejeff), Reinhold Bernt (Frisör Prowiak) u.a. Uraufführung: 1. September 1936. Eine Produktion der Fanal-Filmproduktion GmbH.

Zitat von Eskapade
Um durch die russischen Grenzkontrollen zu kommen, gibt sich die polnische Spionin Hélène als Ehefrau des alleinreisenden amerikanischen Colonel Arthur Lenox aus. Nachdem die Lüge nicht mehr zurückzunehmen ist, weil beide die Bekanntschaft des Geheimpolizisten Rakowski gemacht haben, eröffnet Hélène ihrem „Gatten“ den wahren Grund ihrer Reise. Arthur zeigt sich verständnisvoll, will sie gar bei ihrem größten Coup, der Befreiung dreier Sträflinge aus der bestgesicherten Festung von St. Petersburg, unterstützen ...


Die tragische Geschichte ihrer letzten Monate, die 1936 schon längst begonnen hatte, merkt man Renate Müller in ihrem Auftritt als gewitzte Agentin zu keiner Minute an. Während in ihrer Biografie im Privatleben von Zermürbtheit und Hang zu Schlafmitteln die Rede ist, arbeitet Müller, deren Halt ihre künstlerischen Engagements sind, zunächst mit voller Schaffenskraft weiter, solange die Nazis sie lassen. Nicht nur wird in „Eskapade“ mehrfach von den männlichen Akteuren ihre Grazie betont, auch gibt sich Müller als Hélène Polawska sowohl gerissen als auch fröhlich und locker. Fast kindlich wirkt ihr Benehmen in einigen Szenen; es ist eine Mädchenhaftigkeit, die dazu führt, dass die Herren, die ihr gegenüberstehen, Hélène kaum einen Wunsch verwehren können; eine vorgespiegelte Naivität, mit der sie einflussreiche Geschäftsmänner, Großfürsten und Geheimpolizisten um den Finger wickelt und die, so klar ihre Figur auch in der idealisierten Welt der Boulevardunterhaltung angesiedelt ist, durchaus Parallelen zum realen Leben von Renate Müller offenbart.

Erich Waschneck wiegt den Stoff, der im Russland des Jahres 1910 spielt, behutsam zwischen Agententhriller, Komödie und Romanze ab, wobei Erstes nicht zu bedrohlich, Zweites bis auf Weisers Szenen eher leise und Drittes gar nicht abgedroschen erscheint. In bester Weise als „Unterhaltungsfilm“ zu kategorisieren, lässt sich „Eskapade“ weder auf zeitkritische noch auf allzu realistische Unannehmlichkeiten ein. In der fluffigen Fantasiewelt eines St. Petersburger Nobelhotels ist Walter Francks verbissener Bilderbuchschurke, der durch seine markanten Gesichtszüge mit wulstigen Lippen und vorstehendem Kinn tatsächlich recht russisch aussieht, neben Fallstricken hocharistokratischer Etikette noch die größte Gefahr. Eine wohlige Abwechslung bietet das Gefängnis der Peter-und-Paul-Festung, an dessen düsterer Gitter-und-Feldstein-Optik das renommierte Filmarchitekten-Duo Sohnle / Erdmann sicher seine helle Freude hatte.

Das Fortlassen einiger Gesellschaftsszenen, Empfänge oder Umtrünke hätte der „Eskapade“ freilich nicht geschadet, wäre die dadurch gewonnene Laufzeit darauf verwendet worden, weitere packende Szenen wie die Manipulation des Haarfärbemittels oder den Ausbruch der Sträflinge in Szene zu setzen. In der vorliegenden Form bleibt Renate Müllers Spionin die größte Stütze des Spannungsbogens. Es ist daher sehr aufschlussreich, einen Blick auf drei sehr unterschiedliche zeitgenössische Beurteilungen ihrer darstellerischen Leistung zu werfen:

Zitat von Uwe Klöckner-Draga. Renate Müller: Ihr Leben, ein Drahtseilakt. Ilmenau: Verlag Kern, 2006. S. 199
Der Mittag: „[...] Die schöne Emigrantin wird von Renate Müller mit meisterlich gespielter Verstellungskunst packend gegeben.“ [...] Der Film-Kurier schreibt differenzierter: „Renate Müller spielt die Rolle der polnischen Patriotin und Spionin, selten so gut fotografiert wie in diesem Film, selten aber auch in glänzenden Roben so dekorativ herausgestellt wie hier. Sie ist zunächst nicht der Typ, den man sich unter einer Spionin vorstellt. Ihr fehlt das Raffinement. An ihre Art, mit Charme den Auftrag zu erledigen, gewöhnt man sich aber rasch, wenn ihr auch manchmal noch etwas mehr Temperament für die Rolle zu wünschen wäre.“ Auch Goebbels sieht sich den Film an und schreibt am 2. September in sein Tagebuch: „Abends Film: Eskapade mit Renate Müller. Sie spielt schlecht, zu dick aufgetragen.“


Ob bei Goebbels’ geringschätziger Beurteilung des Müller-Auftritts künstlerische Erwägungen eine Rolle spielten oder nicht vielmehr ihre Freundschaft mit dem Juden Georg Deutsch im Vordergrund stand, wird sich jeder Leser denken können ...

Mit Schick und Charme erzählte Fantasiegeschichte. Müller und Alexander unterstützen diese Attribute durch ihre angeregte Darstellung einer unwahrscheinlichen „Ehe“. Schusswaffen, Staatsverbrechen und chiffrierte Nachrichten dienen freilich eher der Erheiterung als dem Nervenkitzel. Gute 3,5 von 5 Punkten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.354

27.09.2015 14:13
#15 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

"Eskapade - Geheimagentin Hélène" ist der letzte Film von Renate Müller, der an ihr Repertoire der heiteren Unterhaltung anknüpft. Kurz nach ihrem 30. Geburtstag im April 1936 beginnen die Dreharbeiten in Berlin-Halensee, die bis Juli des selben Jahres andauern. Ihr nächstes Projekt "Die Geliebte von Paris" muss nach mehreren Unfällen abgebrochen werden. Der Schauspieler Werner Krauss bricht sich den Knöchel und Renate Müller sackt wenig später auf dem Set zusammen. Der unvollendete Film bedeutet hohe finanzielle Verluste und weist darauf hin, dass es um Renate Müller zusehends schlecht bestellt ist. Der Propagandafilm "Togger" wird ihre letzte Arbeit werden. Die Amerikaner sind nach dem Tod der Schauspielerin voll des Lobes über ihren Auftritt in "His Official Wife", wie "Eskapade" dort heißt: "Frau Müller spielt sehr überzeugend und trägt die eleganten historischen Kostüme voller Würde." ('Variety' am 27. November 1937)

Seiten 1 | 2 | 3 | 4
 Sprung  
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen