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Dieses Thema hat 7 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
Georg Offline




Beiträge: 3.049

13.01.2014 20:30
Bewertet: "Dr. Crippen an Bord" (D 1942) Zitat · Antworten

Die gestrige Diskussion in einem anderen Thread hat mich dazu veranlasst, diesen Film wieder mal anzusehen ...

DR. CRIPPEN AN BORD
Kriminalfilm, Deutschland 1942, Dauer: 81'31''
Drehbuch: Erich Engels, Kurt E. Walter | unter Mitarbeit von Georg C. Klaren | nach einem Tatsachenbericht von Walter Ebert
Bild: E. W. Fiedler | Bau: Artur Günther, Willi Eplinius | Musik: Bernhard Eichhorn
Spielleitung: Erich Engels
Darsteller: Rudolf Fernau, René Deltgen, Gertrud Meyen, Anja Elkoff, Paul Dahlke, Günther Hadank, Elisabeth Scherer, Max Gülstorff, Heinz Schorlemmer, Ernst Waldow, Wilhelm Bendow, Leo Peukert, Otto Eduard Hasse, Rolf Weih, Ernst Leudesdorff, Robert Bürkner, Walter Lieck

Der Film geht auf eine tatsächliche Begebenheit zurück. Der Fall Dr. Crippen war seinerzeit einer der aufsehenerregendsten Kriminalfälle Europas. (Info im Vorspann)

Inhalt: Februar 1928. Die ehemalige Trapezkünstlerin Cora Crippen (Gertrud Meyen), Gattin des renommierten Mediziners Frank Crippen (Rudolf Fernau), muss aufgrund einer Verletzung ihre Laufbahn beenden. Am Abend vor ihrem plötzlichen Verschwinden lehnt Cora eine Beziehung zum Verwandlungskünstler Prof. Morrison (O. E. Hasse) ab. Am nächsten Morgen fehlt von der jungen Ehefrau jede Spur. Crippen gibt an, dass seine Frau wohl mit dem Schiff nach Brasilien übergesetzt sei. Doch dann taucht Monate später eine Todesanzeige der Frau auf. Ein Freund der Toten glaubt nicht daran, und schaltet die Polizei ein. Oberinspektor Düwell (René Deltgen) nimmt die Ermittlungen auf und hat auch bald berechtigte Zweifel daran, dass Cora in Brasilien starb. Dann findet man im Garten Crippens Leichenteile. Zu diesem Zeitpunkt ist der Arzt allerdings verschwunden ...

Besprechung: "Einer der besten Kriminalfilme vor 1945", an diese Kritik der TV Movie aus dem Jahre 1992, in dem ich diesen Film aufgenommen und zum letzten Mal gesehen hatte, kann ich mich noch sehr gut erinnern. In der Tat ist die Aufarbeitung eines wahren britischen Kriminalfalles dem Regisseur Erich Engels (der im Vorspann noch unter "Spielleitung" aufgeführt wurde) sehr gut und spannend gelungen. Inhaltlich vollbringt nämlich den Clou, dass der Zuseher ständig zweifelt: zunächst daran, was mit Cora geschehen ist, dann, ob es überhaupt eine Leiche gibt, dann ob Crippen schuldig oder nicht doch unschuldig ist. Gleichsam zerfällt die in den berühmten Prager Barrandov-Studios im Frühjahr 1942 hergestellte Produktion in drei ungefähr gleich lange Teile: das Verschwinden Coras und die Ermittlungen, die Überfahrt Crippens und schließlich in den Prozess. Letztgenannter wird überaus spannend in Szene gesetzt und Paul Dahlke als Anwalt des Arztes konstruiert glaubhaft den Unschuldsbeweis. Der Zuseher kann sich also den ganzen Film über fragen, wer denn noch die Tat begangen haben könnte. Deltgen als Ermittler erweist sich als gewohnte Spürnase und ist die ideale elegante Besetzung für eine derartige Rolle. Nicht nur seine Ermittlungen gestalten sich interessant, auch die Art und Weise, wie er vor Gericht einen (damals schon!) auf Film erbrachten Beweis vorbringt, ist erste Klasse. O. E. Hasse (im Vorspann noch als "Otto Eduard Hasse" recht weit hinten angeführt) gelingt die Darstellung eines Verwandlungskünstlers recht gut. Bleibt Hauptdarsteller Rudolfs Fernaus Darstellung des Dr. Crippen, der in den entscheidenden Szenen perfide wirkt, dann aber in den richtigen Einstellungen wieder sympathisch, so dass er das Publikum durchaus an der Nase herum führen kann. Insgesamt also ein durchaus spannender Kriminalfilm, der immer wieder überraschen lässt und - was ich besonders liebe - den Fall erst nach einigen glaubhaft aufgeführten Beweisen im Gerichtssaal klärt!

Die Kritiken sind übrigens einstimmig positiv gewesen, davon sei stellvertretend nur eine erwähnt: "[...] [einer] der besten, spannendsten und erfolgreichsten deutschen Kriminalfilme vor 1945." (Lexikon des internationalen Films)

Angefügte Bilder:
PDVD_317.jpg   PDVD_318.jpg   PDVD_319.jpg   PDVD_320.jpg   PDVD_322.jpg   PDVD_323.jpg   PDVD_324.jpg   PDVD_325.jpg  
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

02.02.2014 14:41
#2 RE: Bewertet: "Dr. Crippen an Bord" (D 1942) Zitat · Antworten



BEWERTET: "Dr. Crippen an Bord" (Deutschland 1942)
mit: Rudolf Fernau (Dr. Frank Crippen), Getrud Meyen (Lucie Talbot), René Deltgen (Oberinspektor Düwell), Anja Elkoff (Cora Crippen alias Belle Elmore), Rolf Weih (Arnoldi), Max Gülstorff (Kapitän Kendall), Paul Dahlke (Verteidiger), O. E. Hasse (Professor Morrison), Heinz Schorlemmer (Stewart Petersson), Wilhelm Bendow (Apotheker), Ernst Waldow (Dr. Hidden), Walter Lieck (Inspektor Michels), Elisabeth Scherer (Rosy, Hausmädchen bei Dr. Crippen) u.v.a. | Buch: Kurt E. Walter, Erich Engels nach dem Tatsachenbericht von Walter Ebert | Regie: Erich Engels

Zitat von 'Dr. Crippen an Bord' - Inhaltsangabe
Oberinspektor Düwell steht vor seinem schwersten Fall. Er jagt Dr. Crippen, der in Verdacht steht, seine Frau ermordet zu haben: die Artistin Cora Elmore. Nach deren Verschwinden hat Crippen zunächst behauptet, sie sei in Rio an einer Lungenentzündung gestorben. Als die Polizei endlich eingreifen kann, ist Crippen mitsamt seiner Sekretärin und Geliebten Lucie verschwunden. Die Beamten finden im Garten seiner Villa die zerstückelte Leiche Coras: Giftmord. Hinweise auf die Flüchtigen kommen aus aller Welt, doch darunter befindet sich keine verlässliche Spur. Da funkt plötzlich der Dampfer "Montrose": 'Dr. Crippen an Bord ...' Düwell muss ihn einholen, bevor er die Drei-Meilen-Zone von Venezuela erreicht - das einzige Land, das gesuchte Verbrecher nicht ausliefert.


Rudolf Fernau hatte sich durch seine Mitwirkung in dem Film "Im Namen des Volkes" (1938) für die Rolle des berühmtesten Mörders seiner Zeit empfohlen, eines Mannes, dessen Name auch heute noch als Synonym für unheimlichen Grusel steht. Das Verwirrspiel, das der amerikanische Arzt mit seinen Freunden und der Polizei trieb, die spektakuläre Flucht über den Atlantik, seine zwei unglücklichen Ehen und das heimliche Verhältnis mit seiner Sekretärin lieferten genügend Stoff für Sensationsjournalismus, der in der Art und Weise, wie sich Dr. Crippen seiner Ehefrau Cora entledigt hatte, Bestätigung fand. Dabei scheint Mrs. Crippen nicht gerade ein liebenswerter Mensch gewesen zu sein; es gibt Berichte von Verschwendungssucht und Affären. Dennoch verspielte sich der Arzt, dessen medizinischer Abschluss in den USA von zweifelhafter Natur war, jede Sympathie der Öffentlichkeit. Er zeigte sich vor Gericht uneinsichtig, wurde schuldig gesprochen, zum Tode verurteilt und am 23. November 1910 aufgehängt. Die Fortschritte der Gerichtsmedizin und der modernen Nachrichtentechnik trugen im wesentlichen zur Aufklärung des Verbrechens bei.

So konnte die Forensik das starke Betäubungsmittel Hyoscin in der Masse verfaulenden menschlichen Fleisches ebenso feststellen wie eine Narbe von einem chirurgischen Eingriff. Der Telegraf an Bord der "Montrose" sorgte für eine internationale Vernetzung und die Ergreifung und Festnahme des gesuchten Mannes. Der Film von Erich Engels konzentriert sich vor allem auf diesen Aspekt der Geschichte und auf die anschließende Gerichtsverhandlung. Belle Elmore wird als begabte Trapezkünstlerin und gefragte Dame der Gesellschaft gezeigt, gutaussehend und charmant, allerdings wegen eines negativen Bescheids bedrückt und nachdenklich. Im Vergleich mit ihrer Nebenbuhlerin büßt sie keine Pluspunkte ein und man wundert sich, weshalb sich der Doktor ihrer entledigen möchte. Die Handhabung dieses Aspekts durch den Regisseur lässt zweierlei Schlüsse zu: Erstens: Engels wollte Dr. Crippen als eiskalten, berechnenden Mann zeigen, der aus niedrigen Beweggründen eine Frau beseitigte, um eine andere zu heiraten. Gleichzeitig sollte es lange Zeit so aussehen, als sei Cora aus freien Stücken abgereist, um mit einem anderen Mann ein neues Leben zu beginnen. Das Publikum sollte nicht sofort an der Untadeligkeit der Hauptfigur zweifeln und durch anfänglich gezeigtes fürsorgliches Verhalten ein positives Bild des Mannes erhalten. Zweitens: Der Regisseur war sich der Auflagen der Zensur bewusst und konnte es nicht riskieren, unangemessene Details des Falles zu zeigen. Leichenteile, Schwängerung einer Lohnabhängigen und liederliches Verhalten des Opfers wären von der Filmprüfungskommission sicher nicht abgesegnet worden und hätten zudem den Leumund von Dr. Crippen schwer beschädigt. Durch die geschickte Prozessführung werden bis zum Schluss mehrere Möglichkeiten offengelassen, zudem beteuert der Angeklagte seine Unschuld auch gegenüber seiner Geliebten.

Die Dreharbeiten fanden im Zeitraum vom 19. März bis Mitte Mai 1942 in den Prager Ateliers A.B. Barrandov und A.B. Hostivar statt, ab Ende Mai 1942 wurden bei Berlin die Außenaufnahmen gedreht. Angeblich erhielt Rudolf Fernau zahlreiche Liebesbriefe, nachdem der Film in den Kinos angelaufen war. Offensichtlich war es dem 39jährigen Münchner gelungen, durch sein geheimnisvolles Spiel das Interesse der Frauen zu wecken, doch auch die Männer zollten dem Schauspieler Bewunderung, wie eine zeitgenössische Kritik beweist:

Zitat von Leinen los! Maritimes Kino in Deutschland und Europa 1912 - 1957, Katalog von Cinefest 2006
Die Rolle des Dr. Crippen spielt Rudolf Fernau. Er gibt dieser Mittelpunktgestalt des Films die vielfältige Charakterisierungskunst, die den von ihm geformten Rollen stets das unverwechselbare Gepräge gibt. Welche Vielfalt der Nuancen hat er auch für diese Zwielichtfigur bereit! - aus: Film-Kurier Nr. 295 vom 16. Dezember 1942, Felix Henseleit


Dennoch begleitet den Film ein heiterer Unterton, gerade, wenn man an die humoreske Zeichnung des Kapitäns denkt oder an die Unklarheit, in der Lucie gelassen wird. Eine akute Bedrohung geht von Fernau nicht aus und gerade deshalb kann die Produktion das Genre 'Unterhaltungskino' nicht gänzlich verlassen. O.E. Hasse erhält zwar zu Beginn der Handlung die Möglichkeit, Zweifel aufzuwerfen, kann aber später vor Gericht nicht in seiner Unheimlichkeit bestehen. Zudem wird auch diese ernste Situation durch den Auftritt des französischen Hausmädchens mit volkstümlichem Humor gewürzt - ein weiterer Punkt, der die Tragödie schwächt. Die Produktion entstand mitten im Zweiten Weltkrieg und auch wenn es sich bei "Dr. Crippen an Bord" um keinen Propagandafilm handelt, spricht einiges für eine Beeinflussung des Publikums zugunsten der herrschenden politischen Klasse. Die Tränen von Lucie Talbot und ihre Zeichnung als gefühlvolle, loyale Frau entsprechen den Erwartungen der Zuschauer, die in ihr das wahre Opfer sehen. Sie stellt den Idealtyp der deutschen Frau dar, die hingebungsvoll bis zum bitteren Ende dem Mann auch in Kriegszeiten ergeben und treu ist. Sie fühlt sich in Männerkleidung unwohl und tritt in der anschließenden Gerichtsverhandlung deshalb umso weiblicher auf. Ihr Gegenpart, die berufstätige und autonome Frau wird allein durch ihren Namen als mondän und wenig bodenständig gezeigt - sie schwingt sich in die Lüfte und damit fort von Mann und Heim. Allein dieser Aspekt rechtfertigt in den Augen mancher Zeitgenossen ihre Verbannung bzw. Beseitigung.

Ambitionierte Umsetzung eines vielschichtigen Kriminalfalls, der sich jedoch teilweise in trivialer Charakterisierung von Handlungsträgern verliert und dadurch Längen aufweist. Ein größerer Fokus auf die Polizeiarbeit mit dem souveränen René Deltgen hätte den Film gestärkt. So bleibt es bei 4 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.119

02.02.2014 14:50
#3 RE: Bewertet: "Dr. Crippen an Bord" (D 1942) Zitat · Antworten



Dr. Crippen an Bord

Kriminalfilm, D 1942. Regie: Erich Engels. Drehbuch: Erich Engels, Kurt E. Walter (Buchvorlage: Walter Ebert). Mit: Rudolf Fernau (Dr. Crippen), René Deltgen (Oberinspektor Düwell), Anja Elkoff (Cora Crippen), Gertrud Meyen (Lucy Talbot), O.E. Hasse (Professor Morrison), Paul Dahlke (Verteidiger), Rolf Weih (Arnoldi), Max Gülstorff (Kendall), Heinz Schorlemmer (Petersson), Walter Lieck (Michels) u.a. Uraufführung: 6. November 1942. Eine Produktion der Terra-Filmkunst GmbH.

Zitat von Dr. Crippen an Bord
Äußerlich lässt sich Dr. Frank Crippen nicht anmerken, dass die Zuneigung zu seiner Frau, der Trapezkünstlerin Cora, die unter dem Namen Belle Elmore auftritt, durch deren Launen und Liebschaften abgekühlt ist. Als Cora verschwindet, gibt Dr. Crippen an, sie sei nach Amerika gereist. Wenig später berichtet eine Zeitung von ihrem Tode. Dem Liebhaber kommt das merkwürdig vor – er setzt die Polizei auf den Fall an. Tatsächlich findet diese Hinweise darauf, dass Dr. Crippen seine Frau ermordet, ihren Körper in seine Einzelteile zerlegt und im Garten der Villa vergraben hat. Eine internationale Jagd beginnt ...


Die Besprechung enthält Spoiler.

Sowohl dem authentischen Fall Dr. Crippen als auch dieser Verfilmung eilt ein großer und bekannter Ruf voraus, weshalb der einigermaßen informierte Zuschauer selbst bei der ersten Betrachtung glauben mag, er kenne diesen Film bereits in- und auswendig. Die Vertrautheit mit dem Stoff gerät jedoch nicht zum Nachteil des Streifens, weil es Erich Engels verstand, die Spannung immer hochzuhalten und sich in gewissen Punkten in seiner an sich originalgetreuen Schilderung von den tatsächlichen Vorkommnissen zu entfernen. Im Grunde ist es jedoch bemerkenswert, wie auf eine unaufgeregte, über weite Strecken auch mit Humor getragene Weise einer der größten Kriminalfälle der Geschichte mit uns allen bekannten und beliebten Darstellern umgesetzt wurde. Allein Rudolf Fernau, der das mit dieser Rolle erworbene Image auch nie wieder abstreifen konnte, passt hervorragend in die Rolle des frauenmordenden Mediziners, weil er Höflichkeit und Verschlagenheit auf raffinierte Weise kombiniert und außerdem in seiner Physiognomie dem tatsächlichen Verbrecher nicht unähnlich ist.

Zitat von Christian Heermann: Der Würger von Notting Hill – Große Londoner Kriminalfälle, Verlag Das Neue Berlin, 1979, S. 162
Dr. Hawley Harvey Crippen war von kleiner, schmächtiger Statur. Seine großen hervorstehenden Augen wurden durch eine goldgeränderte Brille noch in besonderer Weise betont. Ein mächtiger Schnurrbart vervollständigte das ungewöhnliche Aussehen. [...] Im Jahre 1892 lernte er ein siebzehnjähriges Mädchen polnischer Abstammung kennen, das sich durch außergewöhnliche Schönheit auszeichnete. Groß und schlank, überragte sie den Arzt um mehr als eine Kopfeslänge.


Der Zeitpunkt, zu dem diese Verfilmung entstand, gibt Anlass zu Spekulationen in verschiedene Richtungen. Häufig hört man, dass die Nazis den Krimi als mit der sogenannten arischen Überlegenheit nicht in Einklang zu bringendes Genre betrachteten, weshalb die groß angelegte und immens populäre Adaption zu Kriegszeiten durchaus ein gewagtes Projekt gewesen sein könnte. Das liegt auch daran, dass der Film nicht explizit verdeutlicht, dass sich das Geschehen im Ausland zutrug, was aus Propagandagründen vom kruden Standpunkt der NS-Ideologie vielleicht nicht unnütz gewesen wäre. Immerhin verlegte man die Handlung auf die Zeit der späten Weimarer Republik in die Jahre 1928 bis 1930, eine bei den damaligen Machthabern unbeliebte Zeit von Destabilisierung und Krise.
Großen Wert legte die Verfilmung auf die Beziehung Crippens zu seiner Sekretärin, wobei sie jedoch klar herausstrich, dass die Frau vom Arzt hinters Licht geführt wurde und mit dem Mord nicht in Zusammenhang steht. Im echten Fall wurde auch Ethel le Neve der Prozess gemacht, aus dem sie jedoch freigesprochen wurde. Eine weitere Veränderung ist dem Wunsch des Filmpublikums nach einer abschließenden Sicherheit geschuldet: Das Geständnis, das Rudolf Fernau als Crippen ablegt, wurde im realen Prozess unter Lord Alverstone nicht erreicht:

Zitat von Joachim Kramp, Jürgen Wehnert: Das Edgar-Wallace-Lexikon, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag Berlin, 2004, S. 99
Da Crippen kein Geständnis abgelegt hatte, war die Presse und damit das Reportergenie Edgar Wallace gefordert. Durch Manipulation und Bestechung konnte sein Blatt „Evening Times“ Stunden nach Crippens Hinrichtung von dessen Geständnis berichten. Da es hierfür jedoch keine Bestätigung gab, musste die Zeitung einen Rückzieher machen. Ein Trost blieb Edgar Wallace: Crippen soll während seiner Haft angeblich seinen Roman „The Four Just Men“ gelesen haben.


Bevor Crippen seine Tat eingesteht, tut es dem Film erstaunlich gut, einen zweiten Verdächtigen im Köcher zu haben. Da „Dr. Crippen an Bord“ teilweise im Artistenmilieu angesiedelt ist, stellt O.E. Hasse als durchtriebener Verwandlungskünstler (vielleicht die Vorlage für den Großen Falconetti?) eine plausible zweite Möglichkeit dar, die kurz vor Ende des Films beinah ein Entfernen von den Pfaden des Originalfalles befürchten lässt. Paul Dahlke entwickelt die Theorie so glaubhaft und mit Herzblut, dass man durchaus gewillt ist, an Dr. Crippens Unschuld zu glauben. Es spricht jedoch voll und ganz für die Produktion, dass es ihr gelingt, eine noch überzeugendere Überführung durch René Deltgens Ermittlerrolle, die zwischen Jovialität und Kasernenton schwankt, zu erzielen. Die Aufarbeitung des berühmten Falles mit seinen vielen Wendungen, unterschiedlichen Schauplätzen und einer Bühne für die erlesenen Schauspieler der Vierzigerjahre nimmt zudem gerade einmal gut 80 Minuten in Anspruch und kann sich somit kein Spannungsloch vorwerfen lassen.

Der Klassiker „Dr. Crippen an Bord“ hätte eine Wiederentdeckung ehrlich verdient. Auf temporeiche, glaubwürdige Weise erzählt der Krimispezialist Erich Engels den Tatsachenbericht Walter Eberts nach und greift dabei mit Rudolf Fernau und René Deltgen auf zwei perfekte Gegenspieler zurück. Einzig die Leichtherzigkeit der Verfilmung mag nicht so recht zum Ruf Dr. Crippens passen – eine noch unheimlichere, weniger ironische Stimmung unter Berücksichtigung der Härten, die der Fall mit sich bringt, hätte den Film noch weiter aufwerten können. 4 von 5 Punkten.

Mark Paxton Offline




Beiträge: 347

28.05.2014 17:16
#4 RE: Bewertet: "Dr. Crippen an Bord" (D 1942) Zitat · Antworten


Wie schon in einem anderen Thread erwähnt, bringt Pidax den Film am 10. Oktober! Zur Sicherheit auch im zuständigen Thread nochmals der Hinweis:
http://www.pidax-film.de/product_info.php?products_id=625

Gubanov Offline




Beiträge: 16.119

28.05.2014 20:22
#5 RE: Bewertet: "Dr. Crippen an Bord" (D 1942) Zitat · Antworten

Wieder eine hochwertige Ergänzung fürs Pidax-Portfolio! Als Film sehr zu empfehlen und qualitativ im Vergleich zur TV-Aufzeichnung hoffentlich eine merkliche Steigerung. Schade nur, dass es keine Doku über den echten Dr. Crippen auf die DVD schaffen wird - die gibt es doch eigentlich wie Sand am Meer.

Georg Offline




Beiträge: 3.049

28.05.2014 21:17
#6 RE: Bewertet: "Dr. Crippen an Bord" (D 1942) Zitat · Antworten

Beispiele? Sender? Laufzeit? Produktionsjahr? :-)

Gubanov Offline




Beiträge: 16.119

28.05.2014 21:37
#7 RE: Bewertet: "Dr. Crippen an Bord" (D 1942) Zitat · Antworten

Eine Sendung, die mir besonders gut gefallen hat, war "The Secrets of Scotland Yard". Diese Doku wurde am 15.7.2006 um 22:10 Uhr auf Kabel Eins ausgestrahlt (in Anschluss an eine Übertragung von "Der Frosch mit der Maske"). Die OFDb gibt eine Laufzeit von einer Stunde mit Werbepausen an. Ich muss davon irgendwo noch eine Aufzeichnung haben, allerdings nur auf einer alten Videokassette.

Ray Offline



Beiträge: 1.318

30.07.2016 11:05
#8 RE: Bewertet: "Dr. Crippen an Bord" (D 1942) Zitat · Antworten

"Dr. Fernau" - die Zweite...

Dr. Crippen an Bord (D 1942)

Regie: Erich Engels

Darsteller: Rudolf Fernau, René Deltgen, O.E. Hasse, Paul Dahlke u.a.


Besprechung enthält Spoiler.


Noch bekannter als "Mordprozess Dr. Jordan" ist "Dr. Crippen an Bord", der sicher insoweit einen nicht unwesentlichen Einfluss auf den erstgenannten Film gehabt haben dürfte, als Rudolf Fernau hier schon einmal unter Beweis stellen konnte, dass er in der Lage war, einen durchtriebenen Doktor überzeugend auf die Leinwand zu transportieren. Dass in beiden Filmen Erich Engels für die "Spielleitung" verantwortlich war, dürfte ebenfalls kein Zufall sein.

Zum Film selbst. Wie schon von einem Vorredner herausgearbeitet, lässt sich der Film in drei Teile teilen: Mord an der Frau Dr. Crippen, Flucht Dr. Crippens, Prozess Dr. Crippen. Die Stärken liegen im ersten und letzten Teil, im zweiten Teil leistet man sich einige überlange Passagen, die man lieber der Exposition oder dem Finale geschenkt hätte.

Der Film beginnt mit der Einführung der relevanten Charaktere, laut Wikipedia soll Rudolf Fernaus Filmehefrau, um die sich das Geschehen zunächst dreht, sogar noch unter uns weilen - stolze 102 Jahre ist Anja Elkoff damit alt. Als Wallace-Kenner traut man Rudolf Fernau in der Rolle des Dr. Crippen den Mord natürlich zu, dennoch schürt der Film geschickt Zweifel in die Richtung der Figur O.E. Hasses, der Crippens Frau Cora überreden möchte, mit ihr das Land zu verlassen.

Der zweite Teil gelingt wie gesagt weniger überzeugend, insbesondere erscheint die Verkleidung von Crippens Geliebten als dessen Sohn (!) doch wenig erfolgsversprechend, wenn nicht sogar etwas peinlich. Derweil halten die Polizeiermittlungen den Zuschauer bei Laune. Die Chemie zwischen René Deltgen und Walter Lieck, der bereits 1944 an den Folgen einer im Konzentrationslager zugezogenen, verschleppten Erkrankung verstarb, ist hervorragend.

Im dritten Teil weiß vor allem Paul Dahlke mit seiner engagierten Vorstellung zu begeistern. Mir persönlich haben auch die heiteren Auftritte des Hausmädchens und vor allem des Apothekers, der so wirkte, als befände sich kein geringerer als Loriot unter seiner Maske, recht gut gefallen. Die Motivation, spannende/dramatische Momente durch Humor aufzulockern, kennt man schließlich von Wallace und Hitchcock. Dieses Rezept geht meines Erachtens auch hier auf.


"Dr. Crippen an Bord" erfüllt durchaus die hohen Erwartungen, die sein guter Ruf weckt. Vor allem die finalen Gerichtsszenen vor Gericht kaschieren manche Länge und Unstimmigkeit im zweiten Teil des Films. Gut aufgelegte Darsteller, von denen neben Fernau Paul Dahlke und René Deltgen hervorzuheben sind, und durchaus gelungene Auflockerung sorgen für eine wohlwollende Bewertung von 4,5/5 Punkten, zumal ich "Dr. Crippen" etwas stärker einschätze als "Dr. Jordan".

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