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Dieses Thema hat 96 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Billyboy03 Offline




Beiträge: 703

05.08.2018 23:07
#91 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Zitat von Peter im Beitrag #88
Zitat von Jan im Beitrag #87
Zitat von Billyboy03 im Beitrag #86
.... Seite filmhauer.net? ....alte deutschsprachige Filme erwerben, ... Erfahrungen gemacht?......

.... Militaria .... suspekt .... nicht sonderlich seriöser Auftritt.

Ich habe dort im letzten Jahr den spannenden und höchst interessanten Film Nebel (DEFA 1963, Regie: J. Hasler) erstanden, den es in der Tat sonst nirgendwo zu kaufen gibt. Preis, Abwicklung (schneller Download) und Filmqualität (ältere TV-Aufnahme) waren absolut okay. Weiteren Bedarf habe ich nicht. Den ganzen Rest muss jeder für sich entscheiden.....

Ok, Danke. Etwas suspekt wirkt die Seite auch auf mich. Vor allem wegen des fehlenden Impressums und wegen des Verkaufs von Verbotsfilmen.

BillyBoy03

Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

23.09.2018 14:30
#92 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten




Sensationsprozess Casilla

Kriminalfilm, D 1939. Regie: Eduard von Borsody. Drehbuch: Ernst von Salomon, Eduard von Borsody, Robert Büschgens (Romanvorlage: Hans Possendorf). Mit: Heinrich George (Rechtsanwalt Cäsar J. Vandegrift), Jutta Freybe (Jessie Vandegrift), Albert Hehn (Peter Roland), Dagny Servaes (Sylvia Casilla), Siegfried Schürenberg (Diener James / Jeff Miller / Clarence Stoke), Richard Häußler (Staatsanwalt Adams), Alice Treff (Alma Galliver), Lissy Arna (Inez Brown), Käte Pontow (Binnie Casilla), Hans Mierendorff (Richter Corbett) u.a. Uraufführung: 22. September 1939. Eine Produktion der Ufa-Filmkunst GmbH.

Zitat von Sensationsprozess Casilla
Weil der unter Mordverdacht stehende Peter Roland sein Leben rettet, erklärt sich der Staranwalt Cäsar J. Vandegrift bereit, die Verteidigung im bevorstehenden Prozess zu übernehmen. Die amerikanischen Behörden beschuldigen Roland, die mit ihm befreundete Kinderschauspielerin Binnie Casilla entführt und dabei getötet zu haben. Der Staatsanwalt wähnt sich schon als sicherer Sieger, obwohl er mit Binnies Schwiegermutter, die mit Rolands Verurteilung finanzielle Interessen verfolgt, krumme Geschäfte macht. Wird Vandegrift es schaffen, diese Intrigen zu enttarnen und Roland freizusprechen? Immerhin hat er einen Trumpf im Ärmel: Binnie ist noch am Leben!


Relativ viele Kriminalfilme, die zwischen 1933 und 1945 entstanden, weisen Merkmale von Justiz- oder Gerichtskrimis auf und konzentrieren sich mehr oder weniger ausführlich auf die Zuverlässigkeit und Richtigkeit der deutschen „Recht“-Sprechung. Man nehme „Der Fall Deruga“, „Der dunkle Tag“ oder sogar den Euthanasie-Film „Ich klage an“ als Beispiele für diese Praxis. Ungewohnt, weil eine Umkehrung der genannten Strategie ist das Vorgehen von „Sensationsprozess Casilla“, der als Gerichtsfilm in den USA angesiedelt ist und im Kontrast dazu mit dem Finger auf die angeblichen Unzulänglichkeiten des dortigen justizialen Systems zeigt. Vordergründig wickelt sich eine einigermaßen komplexe Entführungsgeschichte ab, die immer wieder von Winkelzügen der gegeneinander antretenden Anwälte und ihrer Handlanger beeinflusst wird. Während sie innerhalb des Gerichtssaals große Reden schwingen, flirten sie „hinter den Kulissen“ privat mit der Anklägerin, schicken Spitzel, um die Gegenseite auszuhorchen, oder verheimlichen wichtige Beweise zugunsten der eigenen Wahrheitsverdrehung.

Zitat von Ian Garden. The Third Reich’s Celluloid War: Propaganda in Nazi Feature Films, Documentaries and Television. Stroud: The History Press, 2016. S. 113f
The denigration of the American way of life is found both in the negative portrayal of its legal system and in the values and behaviour of its citizens. [...] Any German viewer of the time would clearly have been shocked by this graphic presentation of the adversarial nature of American legal procedure compared to the more measured and inquisitorial style of the German system. The courtroom appears more like a theatre, with the key participants performing as actors on a stage and whose actions are applauded or jeered by the watching public. The fact that the proceedings are being transmitted live, and that journalists can constantly intervene to take photographs, clearly suggests that it is sensationalism rather than justice which will be the winner.


Bei aller Bissigkeit gegenüber den Amerikanern erweist sich der Fall letztlich als deutlich harmloser als gedacht und auch die Auflösung gestaltet sich nicht so niederschlagend, wie man sich hätte vorstellen können. Kurz vor Ende des Films sieht es so aus, als könne der von Anfang an siegessichere Staranwalt Vandegrift doch nicht mehr die Unschuld seines Mandanten beweisen. Wäre man diesem Weg in ein Fehlurteil – womöglich sogar mit der Hinrichtung eines unschuldigen Deutschen auf dem elektrischen Stuhl – gefolgt, hätte man zwar auf eine freundliche Schlusssequenz verzichten müssen, zugleich aber hätte man dem despektierlichen Tenor des Hauptteils sozusagen „die Krone aufsetzen“ und sich in eine Märtyrerrolle flüchten können.

Wie in so vielen Filmen mit eindeutigem Propagandagehalt übernimmt Heinrich George die Hauptrolle. Sein Anwalt Vandegrift ist ein hinterlistiger, letztlich jedoch gutmütiger Bursche, der unumwunden zugibt, dass er kein Problem damit hat, für eine beträchtliche Geldsumme der Unwahrheit zum Triumph vor Gericht zu verhelfen. Dass er Peter Roland ohne größere finanzielle Aufwendungen verteidigt, ist ein purer Zufall, der in einer spannenden, wenngleich etwas unrealistischen ersten Filmszene begründet wird. Als Peter Roland hinterlässt Albert Hehn einen etwas trockenen Eindruck; gleichwohl hat er nicht wirklich viel zu tun, außer anfangs möglichst schurkisch zu wirken, dann schnell alles aufzuklären und im dritten Viertel des Streifens eine große Ansprache an die Menschlichkeit zu richten. Interessanter fallen die Rollen von Dagny Servaes als intriganter Mutter des entführten Kindes, Richard Häußler als überambitioniertem Staatsanwalt und Siegfried Schürenberg als sehr unstandesgemäßem Diener aus, der als Schnüffler auf eine verdeckte Mission geschickt wird und dabei gegenüber einer altjüngferlichen Alice Treff seinen giftigen Charme spielen lässt.

Vielleicht nicht die optimale Wahl für einen solchen Gerichtsfilm war der sonst eher auf abenteuerlastige Stoffe spezialisierte Eduard von Borsody, der in der Figurenzeichnung nicht immer das richtige Maß findet, sodass sich stellenweise eine arg platte Komik in den Film einschleicht. Insbesondere die Rolle der Zeugin Inez Brown (Lissy Arna als falschaussagende Afroamerikanerin) hat einen klamaukigen Beigeschmack, der das Gesamtbild stört und die beabsichtigte verleumderische Wirkung allzu deutlich macht. Auch die Szene, in der neugierige Touristen bei einer überteuerten Sensationsführung Fotos vom Tatort machen, der mit allerlei beschrifteten Pfeilen wie „Murderer’s Spot“ oder „Murderer’s Route“ versehen ist, erweckt einen plumpen Eindruck. Gleichwohl ist von Borsody ein Garant für hohes Tempo, was auch auf „Sensationsprozess Casilla“ ohne Abstriche zutrifft.

Wer einen ernstzunehmenden Gerichtskrimi sehen möchte, sollte lieber zu anderen Filmen greifen. „Sensationsprozess Casilla“ ist hauptsächlich wegen seiner anti-amerikanischen Einsprengsel interessant und versammelt außerdem talentierte Darsteller vor der Kamera, die aus ihren gezwungenermaßen einseitigen Rollen das Bestmögliche herausholen. Knappe 4 von 5 Punkten.

Ruud Peters Offline



Beiträge: 1

19.10.2018 10:58
#93 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Margarete war seine Frau. Ursula Breisig seine Freundin.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

19.10.2018 21:38
#94 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Du beziehst dich offenbar auf den Grabbericht über Erich Fiedler auf Seite 5. Danke für die Hintergrundinformation - es ist interessant, dass Fiedler zunächst eine 20 Jahre ältere Frau hatte, die dann 28 Jahre vor ihm starb, und dass seine (ich vermute: anschließende) Freundin / Lebensgefährtin ebenfalls wie er im Grab der Ehefrau mitbestattet wurde.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

11.11.2018 14:15
#95 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten



Die Nacht der Zwölf

Kriminalfilm, D 1944/48. Regie: Hans Schweikart. Drehbuch: Fred Andreas, Paul May (Romanvorlage „Shiva und die Nacht der Zwölf“, 1943: Felicitas von Reznicek). Mit: Ferdinand Marian (Leopold Lanski), Mady Rahl (Lily Kruse), Alice Treff (Erika Petzold), Rudolf Fernau (Kriminalrat Rohrbach), Ernst Karchow (Kriminalkommissar Johst), Kurt Müller-Graf (Kriminalinspektor Heinze), Dagny Servaes (Adele von Droste), Oskar Sima (Herr Schliemann), Elsa Wagner (Wirtin Frau Siebel), Annelies Reinhold (Hella Steffens) u.a. Uraufführung: 7. Januar 1949. Eine Produktion der Bavaria Filmkunst GmbH.

Zitat von Die Nacht der Zwölf
Obwohl er sich zeitgleich auf die Gutgläubigkeit und Großzügigkeit von zwölf Frauen stützt, ist es um die Finanzen des arbeitsscheuen, aber äußerst charmanten Leopold Lanski stets schlecht bestellt. Die reiche Witwe Adele von Droste verspricht ihm 20’000 Mark, zieht ihr Angebot aber im letzten Moment zurück. Stattdessen schreibt sie Lanski an dessen Geburtstag, sie habe ihn nun testamentarisch als ihren Universalerben einsetzen lassen. Die Verlockung, in den Genuss des Geldes zu kommen, ist zu groß: Lanski tötet Frau von Droste, indem er sie betäubt und dann die Kellertreppe hinunterstößt. Sich selbst verschafft er ein beinahe wasserdichtes Alibi. Doch er hat weder damit gerechnet, dass die Polizei und seine Frauenbekanntschaften ihn in verschiedenen Punkten der Lüge überführen können, noch dass sein Mord eine völlig sinnlose Tat war ...


Wer bedenkt, dass „Die Nacht der Zwölf“ sowohl als Kriminalroman als auch als Film in den späten Kriegsjahren entstand, wird bemerken, dass die Verbrechen eines Heiratsschwindlers nicht nur die üblichen hinterlistigen Qualitäten erkennbar werden lassen, sondern zugleich besonders die durch den Militäreinsatz in ein Ungleichgewicht geratene Gesellschaft treffen. Akuter Männermangel lässt Frauen 1944 ebenso wie 1948 unvorsichtig und besonders empfänglich für die Bezirzungen durch einen scheinbaren Galan von Welt werden. Als Zuschauer erfährt man gleich von Anfang an, dass dieser in Wahrheit in einigermaßen präkeren Umständen zur Untermiete wohnt und stets auf Finanzspritzen angewiesen ist, die ihm die Damen entweder selbst oder in Form von Hinweisen auf lohnenswerte Immobiliengeschäfte geben. So spielt „Die Nacht der Zwölf“ von Anfang an mit offenen Karten, versucht nicht erst, dem Zuschauer Verantwortlichkeiten oder abgekartete Vorgehensweisen zu verbergen, und kann somit nicht in die Kategorie Whodunit eingeordnet werden. Ein reinrassiger Krimi ist es trotzdem, denn mit der offenen Konstruktion wird ein anderes Ziel verfolgt: die Abscheulichkeit des Täters zu zeigen, den Regisseur Hans Schweikart bei Mordplanung und -durchführung diabolisch pfeifen lässt wie einst Peter Lorre in „M“, und gleichfalls auf die Vergeblichkeit des verbrecherischen Erfolgs zu verweisen, indem er von einer unfehlbaren Polizei gejagt wird.

Zitat von Carsten Würmann. Zwischen Unterhaltung und Propaganda: Das Krimigenre im Dritten Reich. Berlin: Freie Universität, 2013. S. 245f
Der Roman Shiva und die Nacht der 12 von Felicitas von Reznicek erschien [...] im Hillger-Verlag, dessen Krimiprogramm von allen Verlagen den deutlichsten Willen zur Gestaltung von Prototypen eines „NS-Krimis“ offenbart. [...] Die Inhaltsübersicht hat die Form eines Protokolls. Zwölf Frauen, mit denen der Heiratsschwindler bei seinen Aktivitäten in Kontakt gekommen ist, werden während einer Nacht von einer Polizeibeamtin und drei Polizeibeamten auf dem Berliner Revier der Kriminalpolizei am Alexanderplatz vernommen. Der Verdächtige sitzt dabei in einem Nebenzimmer und wird in den Pausen der Zeugenvernehmungen mit den neuen Fakten konfrontiert. Was sich in dieser Beschreibung als trockene Umsetzung eines auf Polizeiakten basierenden realistischen Tatsachengeschehens ausnimmt, erweist sich in dem vornehmlich analytisch erzählten Roman als Adaption des klassischen Erzählmusters des Detektivromans.


Wenngleich es durch die hochspannende Plotkonstruktion eine Weile dauert, bis die Polizisten auf den Plan treten, so gestaltet sich ihr Vorgehen doch derart zielführend, dass sich der Strick mit jeder Szene von Fernau, Karchow und Müller-Graf (auf eine weibliche Polizeibeamtin verzichtet der Film) enger um den Hals von Marian legt. Dabei stützt sich das Dreigespann auf eine unumstößliche Reihe gut konstruierter Indizien. Triumphal kann die Polizei ihr von Fernaus Kriminalrat postuliertes Ziel, den gefährlichen Schurken „unschädlich [zu] machen“ am Ende umsetzen, was in Rohrbachs selbstbewusstem, nicht unerzieherischem Schlusssatz kulminiert: „Hätten Sie vor der Tat an uns [die Kripo, Anm. d. Verf.] gedacht, so wäre Ihnen klar geworden, dass jeder Mord auch ein Selbstmord ist.“

In dieser Beziehung ist Ferdinand Marians Hauptrolle gar nicht einmal so weit weg von seiner Paradedarstellung des Jud Süß im gleichnamigen Film. Marian meistert den habgierigen, skrupellosen und wollüstigen Verbrecher abermals mit einer Prise Wahnsinn im Blick und einer ganzen Schippe Überheblichkeit im Ton, die sich in Betteln oder Wut verändert, wenn er merkt, dass er in der Klemme sitzt. An seinem Scheitern und Verderben kann er dadurch in beiden Fällen nichts ändern. Marians eindrucksvolle Physiognomie lässt ihn nicht nur zum Frauenschwarm werden, sondern verleiht auch der ausführlichen Mordsequenz eine eisige Note. Einen besseren Darsteller hätte man für diesen Part kaum finden können, wenngleich er die Uraufführung des Films, welcher durch spätes Ende der Dreharbeiten (Dezember 1944) zum Überläufer wurde und nach Freigabe durch die Militärzensur (Dezember 1948) erst mit vierjähriger Verspätung in die Kinos gebracht wurde, nicht mehr erlebte. Immerhin kann man froh sein, dass die Aufnahmen trotz der Kriegswirren noch beendet werden konnten – Münchner Produktionsfirma, Prager Studiodrehs, Schauplätze in Berlin und Fürstenberg – und der Verfilmung das Schicksal der Unvollständigkeit, wie es die des zweiten Shiva-Romans ereilte, erspart blieb („Shiva und die Galgenblume“ wurde nie fertiggestellt).

Stoffgemäß erhalten die Frauen, die der unaufrichtige Galan Lanski um den Finger wickelt, verhältnismäßig große und zahlreiche Rollen im Film. Dabei ist allen gemein, dass sie – obwohl Lanski sie finanziell ausnutzt – sich trotzdem nicht durch ihn geschädigt fühlen. Die sich stellenweise tragisch bemerkbar machende Naivität (Dagny Servaes, Alice Treff) ist allerdings nicht die einzige Facette, die der Damenwelt zugeschrieben wird, denn Figuren wie die von Mady Rahl und Annelies Reinhold agieren sehr viel eigenständiger und kommen von selbst hinter Lanskis Geheimnisse. Elsa Wagner liefert ein besonderes Kabinettstück als Zimmerwirtin, die von Lanski mit „Mutti“ angesprochen und immer tiefer in dessen schmutzige Geschäfte verwickelt wird. Wie hier einzelne Verbrechen immer weitere, zerstörerische Bahnen ziehen können (z.B. auch durch eine sich anschließende Erpressung), ist eindrucksvolle Kurzweil für den krimiaffinen Zuschauer, agiert aber implizit ebenso als Rechtfertigung für das stramme Strafrecht der Entstehungszeit.

Vom versierten Schauspielerführer Hans Schweikart mit Liebe zum Detail umgesetzter Kriminalfilm, der in tiefe menschliche Abgründe blickt und ihnen mit Ferdinand Marians Gesicht eine passende Fassade vorblendet. Absolute verbrecherische Rücksichtslosigkeit sowie Bestimmtheit der Polizei kennzeichnen einen Stoff von hoher Zeitrelevanz, aber auch anhaltenden Unterhaltungsqualitäten. 5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

02.12.2018 20:30
#96 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten



Oberwachtmeister Schwenke (Der Vielgeliebte)

Kriminaldrama, D 1934. Regie: Carl Froelich. Drehbuch: Robert A. Stemmle, E. Freiherr von Spiegel (Romanvorlage, 1933: Hans Joachim von Reitzenstein). Mit: Gustav Fröhlich (Oberwachtmeister Willi Schwenke), Marianne Hoppe (Maria Schönborn), Karl Dannemann (Oberwachtmeister Karl Wölfert), Harald Paulsen (Karl Franke), Walter Steinbeck (Bankier Wenkstern), Emmy Sonnemann (Rena Wenkstern), Sybille Schmitz (Erna Zuwade), Claire Fuchs (Fanny Mehlmann), Herbert Gernot (Karl Fritsch), Gerhard Bienert (Kriminalkommissar Ströbel) u.a. Uraufführung: 14. Januar 1935. Eine Produktion der Froelich-Film GmbH und der Itala-Film GmbH für die Tobis-Filmkunst GmbH.

Zitat von Oberwachtmeister Schwenke
Mit ehrlicher Aufrichtigkeit und dem Herz am rechten Fleck versieht Willi Schwenke seinen Dienst als Wachtmeister im Berliner Lützowviertel. Manchmal hilft er nur Kindern über die Straße; manchmal überwacht er aber auch Haussuchungen oder überbringt Todesnachrichten. Beides führt ihn ins Haus des Bankiers Wenkstern, dem Unterschlagungen nachgesagt werden und der sich schließlich das Leben nimmt, weil er Opfer des hinterlistigen Erpressers Franke geworden ist. Dessen Assistentin Erna Zuwade hat sich als Haushälterin bei Wenkstern eingeschlichen und ist zwischen krimineller Neugier und persönlichem Interesse für Willi Schwenke hin- und hergerissen. Willis einzige Schwäche sind die Frauen: So recht kann er sich nicht zwischen Erna, der Kneipenwirtin Fanny und der Blumenverkäuferin Maria entscheiden. Ernas Tod und ein fieser Trick Frankes bringen Oberwachtmeister Schwenke in eine schwere Bredouille ...


Was „Oberwachtmeister Schwenke“ von anderen Kriminalfilmen seiner Zeit abhebt, ist nicht nur die starke Betonung des Lokalkolorits, sondern auch die Weigerung, sich dem Narrativ von der Polizei als perfektionistisch unantastbarer Superinstitution anzuschließen. Gustav Fröhlichs Willi Schwenke wirbt auch für den Polizeiapparat – aber eben auf eine menschliche, nachfühlbare Weise, deren Fehlbarkeit auch für einen heutigen Zuschauer die Identifikation mit der Rolle stärkt. Als echter „Berliner Junge“ kennt er die Pappenheimer in seinem Viertel ganz genau, hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, Pflichtgefühl und ein Gespür für den Umgang mit schwierigen Situationen. Kurzum: Man würde Willi Schwenke als „Freund und Helfer“ blind vertrauen. Im privaten Umgang mit Frauen erweist er sich als weniger geschickt: Sein sehr gesundes Selbstbewusstsein lässt ihn glauben, das Berufliche mit einem unsteten Liebesleben vereinen zu können, was ihn aus Pech und wegen der Ausnutzung seines Polizistenstatus’ nach und nach in Nöte versetzt – der österreichische Filmtitel „Der Vielgeliebte“ kommt jedenfalls nicht von ungefähr. Kurioserweise schwächt der Film die zeithistorischen Implikationen der Buchvorlage ab, die kurz vor der Machtergreifung der Nazis spielt und es ihrem schürzenjägerischen Protagonisten verwehrt, einer Zukunft als Baustein eines totalitären Machtapparats entgegenzublicken (Schwenke wird stattdessen am Ende unvermittelt erschossen).

Der Film klingt versöhnlicher aus und präsentiert sich damit trotz eines Mordes und eines dezent aus dem Off berichteten Suizids als zerstreuende Mischung aus Polizeifilm, romantischem Drama und kerniger Liebeserklärung an Berlin. Das Milieu um den Lützowplatz erfährt von Anfang an große Aufmerksamkeit, was den Film auch historisch interessant macht, da das Areal im Krieg von starken Zerstörungen betroffen war und man so einen Einblick in eine für immer verlorene Altberliner Welt erhält. Zudem überraschen die geschichtlichen Parallelen zur Wirklichkeit, in der Hauptdarsteller Gustav Fröhlich ebenfalls durch einen Liebesskandal auffiel:

Zitat von Heinz Fiedler. Zelluloid-Erinnerungen: Gestern in unseren Kinos. Freital / Pirna: Redaktions- und Verlagsgesellschaft, 2007. S. 71
Nach eigener Auffassung dreht der Star 1935 seinen volkstümlichsten Film „Oberwachtmeister Schwenke“ mit Marianne Hoppe [...]. Im gleichen Jahr dann die deutschlandweit ruchbar gewordene Affäre mit der reizvollen Pragerin Lida Baarova (1914), Gustels Partnerin in Lamprechts „Barcarole“. Helle Leidenschaft! Fröhlich zieht sich mit der dunkelhaarigen Schauspielerin auf die von ihm gemietete Nobelvilla auf der Wannsee-Insel Schwanenwerder zurück, im Nachbargrundstück residiert Dr. Goebbels. Der ist bekannt für seine Amouren mit Filmsternchen. Seine Gefühle für die Baarova gehen offenbar tiefer. Ein Verhältnis bahnt sich an, in dessen Verlauf der Schauspieler den gefürchteten Nazi-Propaganda-Chef geohrfeigt haben soll. Ein Gerücht! Zutreffend ist, dass der Künstler eine Auseinandersetzung mit dem von ihm in flagranti ertappten Goebbels mit den Worten abschließt: „Herr Minister, nun weiß ich wenigstens, woran wir sind.“ Für damalige Verhältnisse aber auch schon eine mutige Tat.


Ähnlich wird Willi Schwenke im Film Misshandlung eines Verbrechers im Amt vorgeworfen, was den Film um eine aufreibende Gerichtssequenz im letzten Drittel bereichert. Im Verlauf des Prozesses klären sich die Fronten nicht nur bezüglich des von Harald Paulsen gewohnt verschlagen gespielten Kriminellen Franke, sondern auch bezüglich der Frauen, die Schwenke konkurrierend umschwänzeln. Der Film hält nicht weniger als vier dankbare Frauenrollen parat, von denen Marianne Hoppe – sonst auf abenteuerlustige oder herbe Charaktere festgelegt – ausgerechnet die zuckersüße Unschuld spielen darf, mit der Schwenke am Ende zusammenkommt. Dafür muss er die Avancen der kuriosen Type Fanny Mehlmann (Claire Fuchs) und der tragisch-mysteriösen Erna Zuwade (ein Kabinettstück für Sybille Schmitz) hinter sich lassen. Ebenfalls gut im Zusammenspiel mit Fröhlich: Emmy Sonnemann als unsichere, aber im richtigen Moment gewitzte Bankiersfrau, die schon vor ihrer Ehe mit Hermann Göring – so viel zu den Ministern und ihrer Vorliebe für Filmschauspielerinnen – das perfekte Abbild einer um ihren Mann bangenden deutschen Frau verkörpert. Als ihr Filmgatte setzt ein nervöser Walter Steinbeck ebenso gelungene Akzente wie Karl Dannemann als meinungsstarker Kollege von Willi Schwenke. Steinbeck und Dannemann gehören zu den immer wieder auftauchenden Kleindarstellern jener Zeit, deren Wandlungsfähigkeit und Überzeugungskraft wichtige Bestandteile für die anhaltende Wirkung dieser Art Filme sind. Man freut sich immer wieder, ihre Namen in den Besetzungslisten zu entdecken.

Auch wenn man es nicht mit einem lupenreinen Krimi zu tun bekommt, sondern die Handlung stellenweise ins Romantische, Melodramatische oder Seichte abgleitet, so überzeugt „Oberwachtmeister Schwenke“ doch als wohl abgestimmtes, einfühlsames Gesamtwerk ohne Übertreibungen, das vor allem von seiner sympathischen Gallionsfigur und deren kompetenter Darstellung duch Gustav Fröhlich profitiert. Er lässt den Filou und den Musterbeamten gleichermaßen sanft anklingen und harmoniert auf verschiedene Weise sehr gut mit allen Partnerinnen. Hinzu kommen viele interessante Eindrücke einfacher Polizeiarbeit und sehr schöne Berlin-Aufnahmen. 4 von 5 Punkten.

PS: Neuverfilmt wurde „Oberwachtmeister Schwenke“ 1955 von Gerhardt Lamprecht unter dem Titel „Oberwachtmeister Borck“ – mit Gerhard Riedmann, Annemarie Düringer, Ingrid Andree und Hilde Sessak in den Hauptrollen.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

09.12.2018 15:00
#97 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · antworten

Hier ‘mal wieder ein Vor-45er-Krimi, der auf DVD erhältlich ist – wenn auch nur in ausreichender Bildqualität. Und von der Romanvorlage zum Film gibt es sogar ein Hörbuch.




Mordsache Holm

Kriminalfilm, D 1938. Regie: Erich Engels. Drehbuch: Georg C. Klaren, Ilse Czech (Romanvorlage „Der rote Faden“, 1937: Axel Rudolph). Mit: Elisabeth Wendt (Jenny Nerger), Harald Paulsen (Kriminalrat Wiegand), Kurt Waitzmann (Assessor Dr. Bernd Körner), Ursula Deinert (Graziella Holm), Hans Leibelt (Kriminalkommissar Engel), Josef Sieber (August Schmoll), Ellen Bang (Ida Ladosche), Aribert Wäscher (Torben Jönssen), Walter Steinbeck (Grundstücksmakler Nerger), Werner Scharf (Manuel Albano) u.a. Uraufführung: 18. Juni 1938. Eine Produktion der Neuen Film KG für die Terra-Filmkunst GmbH.

Zitat von Mordsache Holm
Die vielumworbene Tänzerin Graziella Holm wird in ihrem Wagen entlang der Autobahnstrecke von Bremen nach Hamburg tot aufgefunden. Unter Verdacht gerät zunächst der junge Jurist Dr. Körner, der sich Hoffnungen auf eine Beziehung mit der Ermordeten machte und ein Stück des Weges in ihrem Auto mitfuhr. Von Unbekannten, die scheinbar mehr über die Hintergründe wissen, wird Jenny, die Schwester der Toten und eine gute Freundin Körners, mit angeblich belastendem Material gegen den Hauptverdächtigen erpresst. Der Kriminalpolizei gelingt es jedoch, herauszufinden, dass die Erpresser nur Trittbrettfahrer sind und Bernd Körner in Wahrheit unschuldig ist. Den echten Mörder, der es nun auch auf Jenny Nerger abgesehen hat, verfolgt die Kripo in einer Großaktion bis nach Kopenhagen ...


Die Besprechung enthält Spoiler!

Als erster Kriminalfilm erhielt die 1938 gedrehte „Mordsache Holm“ von der Filmprüfstelle die Auszeichnung „staatspolitisch wertvoll“ zugesprochen. Dennoch wurde der Film später nie als Propagandafilm eingestuft, sondern kann auch heute noch als herkömmlicher Polizeikrimi betrachtet werden – als einer jener Filme, „die sich explizit darauf berufen, dass sie im [damaligen] Deutschland spielen und die moderne deutsche Polizei, ihre technische Ausrüstung und ihre hervorragenden Beamten im Kampf gegen das Verbrechen zeigen“ (Würmann, S. 70f). Zwischen härteren Kalibern wie „Im Namen des Volkes“ und „Mordsache Holm“ kann eine klare Trennlinie gezogen werden:

Zitat von Carsten Würmann. Zwischen Unterhaltung und Propaganda: Das Krimigenre im Dritten Reich. Berlin: Freie Universität, 2013. S. 71
Im Namen des Volkes hatte am 29. Januar 1939, dem Tag der deutschen Polizei, Premiere. Während hier das Prädikat „staatspolitisch wertvoll“ einen Film auszeichnet, in dem zeitgenössisch korrekt mit „Heil Hitler“ gegrüßt wird und der Richter am Ende unter einem Hakenkreuz das Todesurteil im Namen des deutschen Volkes spricht, sucht man in dem mit demselben Prädikat ausgezeichneten Mordsache Holm, „ein[em] Tonfilm von der Arbeit der Polizei“, so der Untertitel, diese eindeutigen Bezugnahmen vergeblich. Letzterer fand auch im neutralen Ausland Zuspruch.


Auf schnörkellose Weise erzählt „Mordsache Holm“ einen Whodunit-Plot mit mehreren Wendungen, der sich an alle typischen Konventionen des Genres hält und geschickt zwischen einer Akzentuierung der Polizeiarbeit und dem Umgang mit den Beteiligten und Verdächtigen vermittelt. Einziges Problem des Films ist die eher schwache, formelhafte Ausgestaltung aller Rollen, sodass man trotz genreformaler Regeleinhaltung eher wenig vom Geschehen mitgerissen wird. Die Darsteller können dementsprechend auch nicht in allen Fällen ihren Figuren echtes Leben einhauchen. Bestes Beispiel dafür ist das Darstellerduo Kurt Waitzmann und Harald Paulsen, die schon für den vier Monate zuvor aufgeführten Krimi „Heiratsschwindler“ zusammen vor der Kamera standen und dort stärkere Duftmarken zu hinterlassen verstanden. Während Waitzmanns Rolle als Galan in Schwierigkeiten sich in beiden Filmen ähnelt, verkörpert der sonst auf Verbrecher abonnierte Harald Paulsen im vorliegenden Film als leitender Kriminaler eine für ihn völlig untypische Rolle, die er auch nicht auf besonders einnehmende Weise umsetzt. Stärkeres Identifikationspotenzial für die Reihen der Polizisten entfaltet Hans Leibelt, der meist gutmütig und verschmitzt agiert, hier aber auch einige ernstere Wörtchen mitreden darf.

Dass sich der Mörder letztlich als international tätiger Skandinavier entpuppt, gehört zum Duktus der Zeit, ändert aber prinzipiell nicht viel am Handlungsverlauf. Die Inszenierung wartet gen Ende hin mit einer starken Zuspitzung des Geschehens auf; der Täter soll nachts in einem Hotel in Kopenhagen in eine Falle tappen und in flagranti ertappt werden, was für einige stimmungsvolle Momente sorgt. Kurios aus filmhistorischer Sicht ist nur, dass die Mörderrolle ausgerechnet von Wolfgang Staudte verkörpert wird, der – bevor er 1943 mit „Akrobat Schööön!“ als Regisseur ins Spielfilmgeschäft einstieg – seit Anfang der 1930er Jahre als Darsteller aktiv war.

Unverwässerter findet man die typische Krimiformel selten im Vor-45er-Kino. Mord, Ermittlungen, falsche Fährten, spektakuläre Überführung – alles ist vorhanden. Und dennoch geht „Mordsache Holm“ die große Faszination ab, weil das Resultat eher flach wirkt und die vielen Kripoverhöre der gesamten Atmosphäre des Streifens eher abträglich sind. Insgesamt landet der Film daher mit 3,5 von 5 Punkten im Mittelfeld.

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