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Dieses Thema hat 100 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Billyboy03 Offline




Beiträge: 703

05.08.2018 23:07
#91 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · Antworten

Zitat von Peter im Beitrag #88
Zitat von Jan im Beitrag #87
Zitat von Billyboy03 im Beitrag #86
.... Seite filmhauer.net? ....alte deutschsprachige Filme erwerben, ... Erfahrungen gemacht?......

.... Militaria .... suspekt .... nicht sonderlich seriöser Auftritt.

Ich habe dort im letzten Jahr den spannenden und höchst interessanten Film Nebel (DEFA 1963, Regie: J. Hasler) erstanden, den es in der Tat sonst nirgendwo zu kaufen gibt. Preis, Abwicklung (schneller Download) und Filmqualität (ältere TV-Aufnahme) waren absolut okay. Weiteren Bedarf habe ich nicht. Den ganzen Rest muss jeder für sich entscheiden.....

Ok, Danke. Etwas suspekt wirkt die Seite auch auf mich. Vor allem wegen des fehlenden Impressums und wegen des Verkaufs von Verbotsfilmen.

BillyBoy03

Gubanov Offline




Beiträge: 16.120

23.09.2018 14:30
#92 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · Antworten




Sensationsprozess Casilla

Kriminalfilm, D 1939. Regie: Eduard von Borsody. Drehbuch: Ernst von Salomon, Eduard von Borsody, Robert Büschgens (Romanvorlage: Hans Possendorf). Mit: Heinrich George (Rechtsanwalt Cäsar J. Vandegrift), Jutta Freybe (Jessie Vandegrift), Albert Hehn (Peter Roland), Dagny Servaes (Sylvia Casilla), Siegfried Schürenberg (Diener James / Jeff Miller / Clarence Stoke), Richard Häußler (Staatsanwalt Adams), Alice Treff (Alma Galliver), Lissy Arna (Inez Brown), Käte Pontow (Binnie Casilla), Hans Mierendorff (Richter Corbett) u.a. Uraufführung: 22. September 1939. Eine Produktion der Ufa-Filmkunst GmbH.

Zitat von Sensationsprozess Casilla
Weil der unter Mordverdacht stehende Peter Roland sein Leben rettet, erklärt sich der Staranwalt Cäsar J. Vandegrift bereit, die Verteidigung im bevorstehenden Prozess zu übernehmen. Die amerikanischen Behörden beschuldigen Roland, die mit ihm befreundete Kinderschauspielerin Binnie Casilla entführt und dabei getötet zu haben. Der Staatsanwalt wähnt sich schon als sicherer Sieger, obwohl er mit Binnies Schwiegermutter, die mit Rolands Verurteilung finanzielle Interessen verfolgt, krumme Geschäfte macht. Wird Vandegrift es schaffen, diese Intrigen zu enttarnen und Roland freizusprechen? Immerhin hat er einen Trumpf im Ärmel: Binnie ist noch am Leben!


Relativ viele Kriminalfilme, die zwischen 1933 und 1945 entstanden, weisen Merkmale von Justiz- oder Gerichtskrimis auf und konzentrieren sich mehr oder weniger ausführlich auf die Zuverlässigkeit und Richtigkeit der deutschen „Recht“-Sprechung. Man nehme „Der Fall Deruga“, „Der dunkle Tag“ oder sogar den Euthanasie-Film „Ich klage an“ als Beispiele für diese Praxis. Ungewohnt, weil eine Umkehrung der genannten Strategie ist das Vorgehen von „Sensationsprozess Casilla“, der als Gerichtsfilm in den USA angesiedelt ist und im Kontrast dazu mit dem Finger auf die angeblichen Unzulänglichkeiten des dortigen justizialen Systems zeigt. Vordergründig wickelt sich eine einigermaßen komplexe Entführungsgeschichte ab, die immer wieder von Winkelzügen der gegeneinander antretenden Anwälte und ihrer Handlanger beeinflusst wird. Während sie innerhalb des Gerichtssaals große Reden schwingen, flirten sie „hinter den Kulissen“ privat mit der Anklägerin, schicken Spitzel, um die Gegenseite auszuhorchen, oder verheimlichen wichtige Beweise zugunsten der eigenen Wahrheitsverdrehung.

Zitat von Ian Garden. The Third Reich’s Celluloid War: Propaganda in Nazi Feature Films, Documentaries and Television. Stroud: The History Press, 2016. S. 113f
The denigration of the American way of life is found both in the negative portrayal of its legal system and in the values and behaviour of its citizens. [...] Any German viewer of the time would clearly have been shocked by this graphic presentation of the adversarial nature of American legal procedure compared to the more measured and inquisitorial style of the German system. The courtroom appears more like a theatre, with the key participants performing as actors on a stage and whose actions are applauded or jeered by the watching public. The fact that the proceedings are being transmitted live, and that journalists can constantly intervene to take photographs, clearly suggests that it is sensationalism rather than justice which will be the winner.


Bei aller Bissigkeit gegenüber den Amerikanern erweist sich der Fall letztlich als deutlich harmloser als gedacht und auch die Auflösung gestaltet sich nicht so niederschlagend, wie man sich hätte vorstellen können. Kurz vor Ende des Films sieht es so aus, als könne der von Anfang an siegessichere Staranwalt Vandegrift doch nicht mehr die Unschuld seines Mandanten beweisen. Wäre man diesem Weg in ein Fehlurteil – womöglich sogar mit der Hinrichtung eines unschuldigen Deutschen auf dem elektrischen Stuhl – gefolgt, hätte man zwar auf eine freundliche Schlusssequenz verzichten müssen, zugleich aber hätte man dem despektierlichen Tenor des Hauptteils sozusagen „die Krone aufsetzen“ und sich in eine Märtyrerrolle flüchten können.

Wie in so vielen Filmen mit eindeutigem Propagandagehalt übernimmt Heinrich George die Hauptrolle. Sein Anwalt Vandegrift ist ein hinterlistiger, letztlich jedoch gutmütiger Bursche, der unumwunden zugibt, dass er kein Problem damit hat, für eine beträchtliche Geldsumme der Unwahrheit zum Triumph vor Gericht zu verhelfen. Dass er Peter Roland ohne größere finanzielle Aufwendungen verteidigt, ist ein purer Zufall, der in einer spannenden, wenngleich etwas unrealistischen ersten Filmszene begründet wird. Als Peter Roland hinterlässt Albert Hehn einen etwas trockenen Eindruck; gleichwohl hat er nicht wirklich viel zu tun, außer anfangs möglichst schurkisch zu wirken, dann schnell alles aufzuklären und im dritten Viertel des Streifens eine große Ansprache an die Menschlichkeit zu richten. Interessanter fallen die Rollen von Dagny Servaes als intriganter Mutter des entführten Kindes, Richard Häußler als überambitioniertem Staatsanwalt und Siegfried Schürenberg als sehr unstandesgemäßem Diener aus, der als Schnüffler auf eine verdeckte Mission geschickt wird und dabei gegenüber einer altjüngferlichen Alice Treff seinen giftigen Charme spielen lässt.

Vielleicht nicht die optimale Wahl für einen solchen Gerichtsfilm war der sonst eher auf abenteuerlastige Stoffe spezialisierte Eduard von Borsody, der in der Figurenzeichnung nicht immer das richtige Maß findet, sodass sich stellenweise eine arg platte Komik in den Film einschleicht. Insbesondere die Rolle der Zeugin Inez Brown (Lissy Arna als falschaussagende Afroamerikanerin) hat einen klamaukigen Beigeschmack, der das Gesamtbild stört und die beabsichtigte verleumderische Wirkung allzu deutlich macht. Auch die Szene, in der neugierige Touristen bei einer überteuerten Sensationsführung Fotos vom Tatort machen, der mit allerlei beschrifteten Pfeilen wie „Murderer’s Spot“ oder „Murderer’s Route“ versehen ist, erweckt einen plumpen Eindruck. Gleichwohl ist von Borsody ein Garant für hohes Tempo, was auch auf „Sensationsprozess Casilla“ ohne Abstriche zutrifft.

Wer einen ernstzunehmenden Gerichtskrimi sehen möchte, sollte lieber zu anderen Filmen greifen. „Sensationsprozess Casilla“ ist hauptsächlich wegen seiner anti-amerikanischen Einsprengsel interessant und versammelt außerdem talentierte Darsteller vor der Kamera, die aus ihren gezwungenermaßen einseitigen Rollen das Bestmögliche herausholen. Knappe 4 von 5 Punkten.

Ruud Peters Offline



Beiträge: 1

19.10.2018 10:58
#93 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · Antworten

Margarete war seine Frau. Ursula Breisig seine Freundin.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.120

19.10.2018 21:38
#94 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · Antworten

Du beziehst dich offenbar auf den Grabbericht über Erich Fiedler auf Seite 5. Danke für die Hintergrundinformation - es ist interessant, dass Fiedler zunächst eine 20 Jahre ältere Frau hatte, die dann 28 Jahre vor ihm starb, und dass seine (ich vermute: anschließende) Freundin / Lebensgefährtin ebenfalls wie er im Grab der Ehefrau mitbestattet wurde.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.120

11.11.2018 14:15
#95 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · Antworten



Die Nacht der Zwölf

Kriminalfilm, D 1944/48. Regie: Hans Schweikart. Drehbuch: Fred Andreas, Paul May (Romanvorlage „Shiva und die Nacht der Zwölf“, 1943: Felicitas von Reznicek). Mit: Ferdinand Marian (Leopold Lanski), Mady Rahl (Lily Kruse), Alice Treff (Erika Petzold), Rudolf Fernau (Kriminalrat Rohrbach), Ernst Karchow (Kriminalkommissar Johst), Kurt Müller-Graf (Kriminalinspektor Heinze), Dagny Servaes (Adele von Droste), Oskar Sima (Herr Schliemann), Elsa Wagner (Wirtin Frau Siebel), Annelies Reinhold (Hella Steffens) u.a. Uraufführung: 7. Januar 1949. Eine Produktion der Bavaria Filmkunst GmbH.

Zitat von Die Nacht der Zwölf
Obwohl er sich zeitgleich auf die Gutgläubigkeit und Großzügigkeit von zwölf Frauen stützt, ist es um die Finanzen des arbeitsscheuen, aber äußerst charmanten Leopold Lanski stets schlecht bestellt. Die reiche Witwe Adele von Droste verspricht ihm 20’000 Mark, zieht ihr Angebot aber im letzten Moment zurück. Stattdessen schreibt sie Lanski an dessen Geburtstag, sie habe ihn nun testamentarisch als ihren Universalerben einsetzen lassen. Die Verlockung, in den Genuss des Geldes zu kommen, ist zu groß: Lanski tötet Frau von Droste, indem er sie betäubt und dann die Kellertreppe hinunterstößt. Sich selbst verschafft er ein beinahe wasserdichtes Alibi. Doch er hat weder damit gerechnet, dass die Polizei und seine Frauenbekanntschaften ihn in verschiedenen Punkten der Lüge überführen können, noch dass sein Mord eine völlig sinnlose Tat war ...


Wer bedenkt, dass „Die Nacht der Zwölf“ sowohl als Kriminalroman als auch als Film in den späten Kriegsjahren entstand, wird bemerken, dass die Verbrechen eines Heiratsschwindlers nicht nur die üblichen hinterlistigen Qualitäten erkennbar werden lassen, sondern zugleich besonders die durch den Militäreinsatz in ein Ungleichgewicht geratene Gesellschaft treffen. Akuter Männermangel lässt Frauen 1944 ebenso wie 1948 unvorsichtig und besonders empfänglich für die Bezirzungen durch einen scheinbaren Galan von Welt werden. Als Zuschauer erfährt man gleich von Anfang an, dass dieser in Wahrheit in einigermaßen präkeren Umständen zur Untermiete wohnt und stets auf Finanzspritzen angewiesen ist, die ihm die Damen entweder selbst oder in Form von Hinweisen auf lohnenswerte Immobiliengeschäfte geben. So spielt „Die Nacht der Zwölf“ von Anfang an mit offenen Karten, versucht nicht erst, dem Zuschauer Verantwortlichkeiten oder abgekartete Vorgehensweisen zu verbergen, und kann somit nicht in die Kategorie Whodunit eingeordnet werden. Ein reinrassiger Krimi ist es trotzdem, denn mit der offenen Konstruktion wird ein anderes Ziel verfolgt: die Abscheulichkeit des Täters zu zeigen, den Regisseur Hans Schweikart bei Mordplanung und -durchführung diabolisch pfeifen lässt wie einst Peter Lorre in „M“, und gleichfalls auf die Vergeblichkeit des verbrecherischen Erfolgs zu verweisen, indem er von einer unfehlbaren Polizei gejagt wird.

Zitat von Carsten Würmann. Zwischen Unterhaltung und Propaganda: Das Krimigenre im Dritten Reich. Berlin: Freie Universität, 2013. S. 245f
Der Roman Shiva und die Nacht der 12 von Felicitas von Reznicek erschien [...] im Hillger-Verlag, dessen Krimiprogramm von allen Verlagen den deutlichsten Willen zur Gestaltung von Prototypen eines „NS-Krimis“ offenbart. [...] Die Inhaltsübersicht hat die Form eines Protokolls. Zwölf Frauen, mit denen der Heiratsschwindler bei seinen Aktivitäten in Kontakt gekommen ist, werden während einer Nacht von einer Polizeibeamtin und drei Polizeibeamten auf dem Berliner Revier der Kriminalpolizei am Alexanderplatz vernommen. Der Verdächtige sitzt dabei in einem Nebenzimmer und wird in den Pausen der Zeugenvernehmungen mit den neuen Fakten konfrontiert. Was sich in dieser Beschreibung als trockene Umsetzung eines auf Polizeiakten basierenden realistischen Tatsachengeschehens ausnimmt, erweist sich in dem vornehmlich analytisch erzählten Roman als Adaption des klassischen Erzählmusters des Detektivromans.


Wenngleich es durch die hochspannende Plotkonstruktion eine Weile dauert, bis die Polizisten auf den Plan treten, so gestaltet sich ihr Vorgehen doch derart zielführend, dass sich der Strick mit jeder Szene von Fernau, Karchow und Müller-Graf (auf eine weibliche Polizeibeamtin verzichtet der Film) enger um den Hals von Marian legt. Dabei stützt sich das Dreigespann auf eine unumstößliche Reihe gut konstruierter Indizien. Triumphal kann die Polizei ihr von Fernaus Kriminalrat postuliertes Ziel, den gefährlichen Schurken „unschädlich [zu] machen“ am Ende umsetzen, was in Rohrbachs selbstbewusstem, nicht unerzieherischem Schlusssatz kulminiert: „Hätten Sie vor der Tat an uns [die Kripo, Anm. d. Verf.] gedacht, so wäre Ihnen klar geworden, dass jeder Mord auch ein Selbstmord ist.“

In dieser Beziehung ist Ferdinand Marians Hauptrolle gar nicht einmal so weit weg von seiner Paradedarstellung des Jud Süß im gleichnamigen Film. Marian meistert den habgierigen, skrupellosen und wollüstigen Verbrecher abermals mit einer Prise Wahnsinn im Blick und einer ganzen Schippe Überheblichkeit im Ton, die sich in Betteln oder Wut verändert, wenn er merkt, dass er in der Klemme sitzt. An seinem Scheitern und Verderben kann er dadurch in beiden Fällen nichts ändern. Marians eindrucksvolle Physiognomie lässt ihn nicht nur zum Frauenschwarm werden, sondern verleiht auch der ausführlichen Mordsequenz eine eisige Note. Einen besseren Darsteller hätte man für diesen Part kaum finden können, wenngleich er die Uraufführung des Films, welcher durch spätes Ende der Dreharbeiten (Dezember 1944) zum Überläufer wurde und nach Freigabe durch die Militärzensur (Dezember 1948) erst mit vierjähriger Verspätung in die Kinos gebracht wurde, nicht mehr erlebte. Immerhin kann man froh sein, dass die Aufnahmen trotz der Kriegswirren noch beendet werden konnten – Münchner Produktionsfirma, Prager Studiodrehs, Schauplätze in Berlin und Fürstenberg – und der Verfilmung das Schicksal der Unvollständigkeit, wie es die des zweiten Shiva-Romans ereilte, erspart blieb („Shiva und die Galgenblume“ wurde nie fertiggestellt).

Stoffgemäß erhalten die Frauen, die der unaufrichtige Galan Lanski um den Finger wickelt, verhältnismäßig große und zahlreiche Rollen im Film. Dabei ist allen gemein, dass sie – obwohl Lanski sie finanziell ausnutzt – sich trotzdem nicht durch ihn geschädigt fühlen. Die sich stellenweise tragisch bemerkbar machende Naivität (Dagny Servaes, Alice Treff) ist allerdings nicht die einzige Facette, die der Damenwelt zugeschrieben wird, denn Figuren wie die von Mady Rahl und Annelies Reinhold agieren sehr viel eigenständiger und kommen von selbst hinter Lanskis Geheimnisse. Elsa Wagner liefert ein besonderes Kabinettstück als Zimmerwirtin, die von Lanski mit „Mutti“ angesprochen und immer tiefer in dessen schmutzige Geschäfte verwickelt wird. Wie hier einzelne Verbrechen immer weitere, zerstörerische Bahnen ziehen können (z.B. auch durch eine sich anschließende Erpressung), ist eindrucksvolle Kurzweil für den krimiaffinen Zuschauer, agiert aber implizit ebenso als Rechtfertigung für das stramme Strafrecht der Entstehungszeit.

Vom versierten Schauspielerführer Hans Schweikart mit Liebe zum Detail umgesetzter Kriminalfilm, der in tiefe menschliche Abgründe blickt und ihnen mit Ferdinand Marians Gesicht eine passende Fassade vorblendet. Absolute verbrecherische Rücksichtslosigkeit sowie Bestimmtheit der Polizei kennzeichnen einen Stoff von hoher Zeitrelevanz, aber auch anhaltenden Unterhaltungsqualitäten. 5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.120

02.12.2018 20:30
#96 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · Antworten



Oberwachtmeister Schwenke (Der Vielgeliebte)

Kriminaldrama, D 1934. Regie: Carl Froelich. Drehbuch: Robert A. Stemmle, E. Freiherr von Spiegel (Romanvorlage, 1933: Hans Joachim von Reitzenstein). Mit: Gustav Fröhlich (Oberwachtmeister Willi Schwenke), Marianne Hoppe (Maria Schönborn), Karl Dannemann (Oberwachtmeister Karl Wölfert), Harald Paulsen (Karl Franke), Walter Steinbeck (Bankier Wenkstern), Emmy Sonnemann (Rena Wenkstern), Sybille Schmitz (Erna Zuwade), Claire Fuchs (Fanny Mehlmann), Herbert Gernot (Karl Fritsch), Gerhard Bienert (Kriminalkommissar Ströbel) u.a. Uraufführung: 14. Januar 1935. Eine Produktion der Froelich-Film GmbH und der Itala-Film GmbH für die Tobis-Filmkunst GmbH.

Zitat von Oberwachtmeister Schwenke
Mit ehrlicher Aufrichtigkeit und dem Herz am rechten Fleck versieht Willi Schwenke seinen Dienst als Wachtmeister im Berliner Lützowviertel. Manchmal hilft er nur Kindern über die Straße; manchmal überwacht er aber auch Haussuchungen oder überbringt Todesnachrichten. Beides führt ihn ins Haus des Bankiers Wenkstern, dem Unterschlagungen nachgesagt werden und der sich schließlich das Leben nimmt, weil er Opfer des hinterlistigen Erpressers Franke geworden ist. Dessen Assistentin Erna Zuwade hat sich als Haushälterin bei Wenkstern eingeschlichen und ist zwischen krimineller Neugier und persönlichem Interesse für Willi Schwenke hin- und hergerissen. Willis einzige Schwäche sind die Frauen: So recht kann er sich nicht zwischen Erna, der Kneipenwirtin Fanny und der Blumenverkäuferin Maria entscheiden. Ernas Tod und ein fieser Trick Frankes bringen Oberwachtmeister Schwenke in eine schwere Bredouille ...


Was „Oberwachtmeister Schwenke“ von anderen Kriminalfilmen seiner Zeit abhebt, ist nicht nur die starke Betonung des Lokalkolorits, sondern auch die Weigerung, sich dem Narrativ von der Polizei als perfektionistisch unantastbarer Superinstitution anzuschließen. Gustav Fröhlichs Willi Schwenke wirbt auch für den Polizeiapparat – aber eben auf eine menschliche, nachfühlbare Weise, deren Fehlbarkeit auch für einen heutigen Zuschauer die Identifikation mit der Rolle stärkt. Als echter „Berliner Junge“ kennt er die Pappenheimer in seinem Viertel ganz genau, hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, Pflichtgefühl und ein Gespür für den Umgang mit schwierigen Situationen. Kurzum: Man würde Willi Schwenke als „Freund und Helfer“ blind vertrauen. Im privaten Umgang mit Frauen erweist er sich als weniger geschickt: Sein sehr gesundes Selbstbewusstsein lässt ihn glauben, das Berufliche mit einem unsteten Liebesleben vereinen zu können, was ihn aus Pech und wegen der Ausnutzung seines Polizistenstatus’ nach und nach in Nöte versetzt – der österreichische Filmtitel „Der Vielgeliebte“ kommt jedenfalls nicht von ungefähr. Kurioserweise schwächt der Film die zeithistorischen Implikationen der Buchvorlage ab, die kurz vor der Machtergreifung der Nazis spielt und es ihrem schürzenjägerischen Protagonisten verwehrt, einer Zukunft als Baustein eines totalitären Machtapparats entgegenzublicken (Schwenke wird stattdessen am Ende unvermittelt erschossen).

Der Film klingt versöhnlicher aus und präsentiert sich damit trotz eines Mordes und eines dezent aus dem Off berichteten Suizids als zerstreuende Mischung aus Polizeifilm, romantischem Drama und kerniger Liebeserklärung an Berlin. Das Milieu um den Lützowplatz erfährt von Anfang an große Aufmerksamkeit, was den Film auch historisch interessant macht, da das Areal im Krieg von starken Zerstörungen betroffen war und man so einen Einblick in eine für immer verlorene Altberliner Welt erhält. Zudem überraschen die geschichtlichen Parallelen zur Wirklichkeit, in der Hauptdarsteller Gustav Fröhlich ebenfalls durch einen Liebesskandal auffiel:

Zitat von Heinz Fiedler. Zelluloid-Erinnerungen: Gestern in unseren Kinos. Freital / Pirna: Redaktions- und Verlagsgesellschaft, 2007. S. 71
Nach eigener Auffassung dreht der Star 1935 seinen volkstümlichsten Film „Oberwachtmeister Schwenke“ mit Marianne Hoppe [...]. Im gleichen Jahr dann die deutschlandweit ruchbar gewordene Affäre mit der reizvollen Pragerin Lida Baarova (1914), Gustels Partnerin in Lamprechts „Barcarole“. Helle Leidenschaft! Fröhlich zieht sich mit der dunkelhaarigen Schauspielerin auf die von ihm gemietete Nobelvilla auf der Wannsee-Insel Schwanenwerder zurück, im Nachbargrundstück residiert Dr. Goebbels. Der ist bekannt für seine Amouren mit Filmsternchen. Seine Gefühle für die Baarova gehen offenbar tiefer. Ein Verhältnis bahnt sich an, in dessen Verlauf der Schauspieler den gefürchteten Nazi-Propaganda-Chef geohrfeigt haben soll. Ein Gerücht! Zutreffend ist, dass der Künstler eine Auseinandersetzung mit dem von ihm in flagranti ertappten Goebbels mit den Worten abschließt: „Herr Minister, nun weiß ich wenigstens, woran wir sind.“ Für damalige Verhältnisse aber auch schon eine mutige Tat.


Ähnlich wird Willi Schwenke im Film Misshandlung eines Verbrechers im Amt vorgeworfen, was den Film um eine aufreibende Gerichtssequenz im letzten Drittel bereichert. Im Verlauf des Prozesses klären sich die Fronten nicht nur bezüglich des von Harald Paulsen gewohnt verschlagen gespielten Kriminellen Franke, sondern auch bezüglich der Frauen, die Schwenke konkurrierend umschwänzeln. Der Film hält nicht weniger als vier dankbare Frauenrollen parat, von denen Marianne Hoppe – sonst auf abenteuerlustige oder herbe Charaktere festgelegt – ausgerechnet die zuckersüße Unschuld spielen darf, mit der Schwenke am Ende zusammenkommt. Dafür muss er die Avancen der kuriosen Type Fanny Mehlmann (Claire Fuchs) und der tragisch-mysteriösen Erna Zuwade (ein Kabinettstück für Sybille Schmitz) hinter sich lassen. Ebenfalls gut im Zusammenspiel mit Fröhlich: Emmy Sonnemann als unsichere, aber im richtigen Moment gewitzte Bankiersfrau, die schon vor ihrer Ehe mit Hermann Göring – so viel zu den Ministern und ihrer Vorliebe für Filmschauspielerinnen – das perfekte Abbild einer um ihren Mann bangenden deutschen Frau verkörpert. Als ihr Filmgatte setzt ein nervöser Walter Steinbeck ebenso gelungene Akzente wie Karl Dannemann als meinungsstarker Kollege von Willi Schwenke. Steinbeck und Dannemann gehören zu den immer wieder auftauchenden Kleindarstellern jener Zeit, deren Wandlungsfähigkeit und Überzeugungskraft wichtige Bestandteile für die anhaltende Wirkung dieser Art Filme sind. Man freut sich immer wieder, ihre Namen in den Besetzungslisten zu entdecken.

Auch wenn man es nicht mit einem lupenreinen Krimi zu tun bekommt, sondern die Handlung stellenweise ins Romantische, Melodramatische oder Seichte abgleitet, so überzeugt „Oberwachtmeister Schwenke“ doch als wohl abgestimmtes, einfühlsames Gesamtwerk ohne Übertreibungen, das vor allem von seiner sympathischen Gallionsfigur und deren kompetenter Darstellung duch Gustav Fröhlich profitiert. Er lässt den Filou und den Musterbeamten gleichermaßen sanft anklingen und harmoniert auf verschiedene Weise sehr gut mit allen Partnerinnen. Hinzu kommen viele interessante Eindrücke einfacher Polizeiarbeit und sehr schöne Berlin-Aufnahmen. 4 von 5 Punkten.

PS: Neuverfilmt wurde „Oberwachtmeister Schwenke“ 1955 von Gerhardt Lamprecht unter dem Titel „Oberwachtmeister Borck“ – mit Gerhard Riedmann, Annemarie Düringer, Ingrid Andree und Hilde Sessak in den Hauptrollen.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.120

09.12.2018 15:00
#97 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · Antworten

Hier ‘mal wieder ein Vor-45er-Krimi, der auf DVD erhältlich ist – wenn auch nur in ausreichender Bildqualität. Und von der Romanvorlage zum Film gibt es sogar ein Hörbuch.




Mordsache Holm

Kriminalfilm, D 1938. Regie: Erich Engels. Drehbuch: Georg C. Klaren, Ilse Czech (Romanvorlage „Der rote Faden“, 1937: Axel Rudolph). Mit: Elisabeth Wendt (Jenny Nerger), Harald Paulsen (Kriminalrat Wiegand), Kurt Waitzmann (Assessor Dr. Bernd Körner), Ursula Deinert (Graziella Holm), Hans Leibelt (Kriminalkommissar Engel), Josef Sieber (August Schmoll), Ellen Bang (Ida Ladosche), Aribert Wäscher (Torben Jönssen), Walter Steinbeck (Grundstücksmakler Nerger), Werner Scharf (Manuel Albano) u.a. Uraufführung: 18. Juni 1938. Eine Produktion der Neuen Film KG für die Terra-Filmkunst GmbH.

Zitat von Mordsache Holm
Die vielumworbene Tänzerin Graziella Holm wird in ihrem Wagen entlang der Autobahnstrecke von Bremen nach Hamburg tot aufgefunden. Unter Verdacht gerät zunächst der junge Jurist Dr. Körner, der sich Hoffnungen auf eine Beziehung mit der Ermordeten machte und ein Stück des Weges in ihrem Auto mitfuhr. Von Unbekannten, die scheinbar mehr über die Hintergründe wissen, wird Jenny, die Schwester der Toten und eine gute Freundin Körners, mit angeblich belastendem Material gegen den Hauptverdächtigen erpresst. Der Kriminalpolizei gelingt es jedoch, herauszufinden, dass die Erpresser nur Trittbrettfahrer sind und Bernd Körner in Wahrheit unschuldig ist. Den echten Mörder, der es nun auch auf Jenny Nerger abgesehen hat, verfolgt die Kripo in einer Großaktion bis nach Kopenhagen ...


Die Besprechung enthält Spoiler!

Als erster Kriminalfilm erhielt die 1938 gedrehte „Mordsache Holm“ von der Filmprüfstelle die Auszeichnung „staatspolitisch wertvoll“ zugesprochen. Dennoch wurde der Film später nie als Propagandafilm eingestuft, sondern kann auch heute noch als herkömmlicher Polizeikrimi betrachtet werden – als einer jener Filme, „die sich explizit darauf berufen, dass sie im [damaligen] Deutschland spielen und die moderne deutsche Polizei, ihre technische Ausrüstung und ihre hervorragenden Beamten im Kampf gegen das Verbrechen zeigen“ (Würmann, S. 70f). Zwischen härteren Kalibern wie „Im Namen des Volkes“ und „Mordsache Holm“ kann eine klare Trennlinie gezogen werden:

Zitat von Carsten Würmann. Zwischen Unterhaltung und Propaganda: Das Krimigenre im Dritten Reich. Berlin: Freie Universität, 2013. S. 71
Im Namen des Volkes hatte am 29. Januar 1939, dem Tag der deutschen Polizei, Premiere. Während hier das Prädikat „staatspolitisch wertvoll“ einen Film auszeichnet, in dem zeitgenössisch korrekt mit „Heil Hitler“ gegrüßt wird und der Richter am Ende unter einem Hakenkreuz das Todesurteil im Namen des deutschen Volkes spricht, sucht man in dem mit demselben Prädikat ausgezeichneten Mordsache Holm, „ein[em] Tonfilm von der Arbeit der Polizei“, so der Untertitel, diese eindeutigen Bezugnahmen vergeblich. Letzterer fand auch im neutralen Ausland Zuspruch.


Auf schnörkellose Weise erzählt „Mordsache Holm“ einen Whodunit-Plot mit mehreren Wendungen, der sich an alle typischen Konventionen des Genres hält und geschickt zwischen einer Akzentuierung der Polizeiarbeit und dem Umgang mit den Beteiligten und Verdächtigen vermittelt. Einziges Problem des Films ist die eher schwache, formelhafte Ausgestaltung aller Rollen, sodass man trotz genreformaler Regeleinhaltung eher wenig vom Geschehen mitgerissen wird. Die Darsteller können dementsprechend auch nicht in allen Fällen ihren Figuren echtes Leben einhauchen. Bestes Beispiel dafür ist das Darstellerduo Kurt Waitzmann und Harald Paulsen, die schon für den vier Monate zuvor aufgeführten Krimi „Heiratsschwindler“ zusammen vor der Kamera standen und dort stärkere Duftmarken zu hinterlassen verstanden. Während Waitzmanns Rolle als Galan in Schwierigkeiten sich in beiden Filmen ähnelt, verkörpert der sonst auf Verbrecher abonnierte Harald Paulsen im vorliegenden Film als leitender Kriminaler eine für ihn völlig untypische Rolle, die er auch nicht auf besonders einnehmende Weise umsetzt. Stärkeres Identifikationspotenzial für die Reihen der Polizisten entfaltet Hans Leibelt, der meist gutmütig und verschmitzt agiert, hier aber auch einige ernstere Wörtchen mitreden darf.

Dass sich der Mörder letztlich als international tätiger Skandinavier entpuppt, gehört zum Duktus der Zeit, ändert aber prinzipiell nicht viel am Handlungsverlauf. Die Inszenierung wartet gen Ende hin mit einer starken Zuspitzung des Geschehens auf; der Täter soll nachts in einem Hotel in Kopenhagen in eine Falle tappen und in flagranti ertappt werden, was für einige stimmungsvolle Momente sorgt. Kurios aus filmhistorischer Sicht ist nur, dass die Mörderrolle ausgerechnet von Wolfgang Staudte verkörpert wird, der – bevor er 1943 mit „Akrobat Schööön!“ als Regisseur ins Spielfilmgeschäft einstieg – seit Anfang der 1930er Jahre als Darsteller aktiv war.

Unverwässerter findet man die typische Krimiformel selten im Vor-45er-Kino. Mord, Ermittlungen, falsche Fährten, spektakuläre Überführung – alles ist vorhanden. Und dennoch geht „Mordsache Holm“ die große Faszination ab, weil das Resultat eher flach wirkt und die vielen Kripoverhöre der gesamten Atmosphäre des Streifens eher abträglich sind. Insgesamt landet der Film daher mit 3,5 von 5 Punkten im Mittelfeld.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.120

23.12.2018 21:00
#98 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · Antworten



Mazurka

Kriminaldrama, D 1935. Regie: Willi Forst. Drehbuch: Hans Rameau. Mit: Pola Negri (Vera Petrowna Kowalska), Albrecht Schönhals (Grigorij Michailow), Paul Hartmann (Rittmeister Boris Kierow), Ingeborg Theek (Lisa), Franziska Kinz (Boris Kierows zweite Frau), Inge List (Hilde), Margot Erbst (Zenia), Friedrich Kayßler (Prozessvorsitzender), Edwin Jürgensen (Staatsanwalt), Hans Hermann Schaufuß (Verteidiger) u.a. Uraufführung: 14. November 1935. Eine Produktion der Cine-Allianz Filmproduktion GmbH.

Zitat von Mazurka
Die naive Konservatoriumsschülerin Lisa ahnt nicht, mit welch einem Casanova sie sich einlässt, als sie zögerlich den Avancen des deutlich älteren Konzertpianisten Grigorij Michailow nachgibt. Eines Abends findet sie sich an seiner Seite in einem zweifelhaften Cabaret wieder, wo die Sängerin Vera Petrowna beim Anblick des Mannes in blankes Entsetzen verfällt. Wenig später peitschen Schüsse durchs Lokal – Michailow ist tot und die Petrowna hält die Waffe in der Hand. Wegen Mordes vor Gericht gestellt, bewahrt die Angeklagte zunächst ein eisiges Schweigen, bricht es dann aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie schildert, welch ein Leid ihr der Schwerenöter Michailow vor Jahren in Warschau angetan hatte, und kann das Gericht auf diese Weise von mildernden Umständen überzeugen ...


Bekannt als ein Film, den Adolf Hitler in schlaflosen Nächten bis zu dreimal wöchentlich sah, geht von „Mazurka“ ein kurioser Reiz aus, der einerseits der geschickten Regie und der wendungsreichen Geschichte, andererseits aber auch seiner augenfälligen dramatischen Überzeichnung zuzuschreiben ist. Der Aufbau ist insofern äußerst ungewöhnlich, als es sich um eine selbstverständliche Verquickung von Kriminalfilm, Familiendrama und Musikfilm handelt und der Zuschauer sich kurz vor Schluss nicht sicher über die weitere Entwicklung des Stoffes – nur über dessen unweigerliche atemberaubende Zuspitzung – sein kann. Der Vorspann, das Filmprogramm und selbst der Regisseur in zeitgenössischen Interviews betonen, dass „Mazurka“ auf einem realen Gerichtsprozess basiert, der aber zweifellos merklich cineastisch geglättet und damit in seiner Wirkkraft gesteigert wurde. Zudem garantiert die Besetzung der Hauptrollen mit Pola Negri und Albrecht Schoenhals eine nervös übersteigerte, fast schon exaltierte Darbietungsform, die die Dringlichkeit dessen, was man da gerade auf der Leinwand sieht, noch einmal in aller Deutlichkeit unterstreicht. Dialoge, die mit solcher Inbrunst gesprochen werden, dass sie ganze Opernhäuser füllen könnten, Verführung, Verlangen, Verderben, moralischer und sozialer Niedergang – alle diese Elemente werden auf geradezu fantastische Weise verdichtet. „Der Film ist ein unglaubliches Melodram“, urteilen Francis Courtade und Pierre Cadars in ihrer „Geschichte des deutschen Films im Dritten Reich“ folgerichtig – und trotz alledem (oder gerade deshalb) genießt „Mazurka“ einen hervorragenden Ruf.

Für die Negri, die zur Stummfilmzeit zu einem der größten deutschen und us-amerikanischen Stars aufgestiegen war, war „Mazurka“ nach mageren Jahren des beginnenden Tonfilms der Wiedereinstieg in eine erfolgreichere Karrierephase. Man hört, warum ihr der Anschluss zunächst schwerfiel: Ihr polnischer Akzent schlägt trotz ihrer jahrelangen Arbeit in Berlin mit aller Deutlichkeit durch, ihre Intonation ist stellenweise unsauber und unbeherrscht. Gezeichnet von mittlerweile 37 Lebensjahren und ihren offenkundigen persönlichen Problemen seit 1929 erscheint das legendäre Sexsymbol gerade bei ihren Szenen vor Gericht aufgedunsen und abgewrackt – eine glaubwürdige Verwandlung gegenüber den bis zu 13 Jahre früher spielenden Rückblickszenen, in denen sie (vorteilhafter geschminkt) finanzielle Schwierigkeiten und Drogensucht aus ihrem realen Leben unter Elan und Spielfreude verbirgt. Negri ist bei all ihren plumpen Übertreibungen die unbestrittene Gallionsfigur des Streifens und schafft es, die Geschichte vom Mutterleid absolut ergreifend umzusetzen. Sie ergänzt sich auch gut mit Schoenhals, der zunächst charmant erscheint, aber mit jeder Filmminute eine abstoßendere Fratze enthüllt. In einem sklavisch genauen US-Remake von 1937 („Confession“) wurden die Hauptrollen übrigens von Kay Francis und Basil Rathbone übernommen.

Die Gerichtsszenen nehmen zwar einen verhältnismäßig geringen Teil ein, bleiben aufgrund ihrer Intensivität aber deutlich in Erinnerung. Sie bringen die wichtigen Figuren der Handlung gefährlich nah zusammen, sodass man darum bangen muss, ob Vera Petrownas pikantes Geheimnis den ganzen Prozess über vor der Öffentlichkeit bewahrt werden kann. In erhitzten Rededuellen streiten sich Edwin Jürgensen und Hans Hermann Schaufuß als Staatsanwalt und Verteidiger bis aufs Blut über die Auslegung der Paragrafen, während Friedrich Kayßler als Vorsitzender sich durch Ausgewogenheit und Milde auszeichnet und so gar nichts von einer scharfen Gerichtsbarkeit im NS-Sinne durchschimmern lässt. Man rechtfertigte dies damit, die Handlung statt in Berlin in einer nicht genauer genannten osteuropäischen Hauptstadt anzusiedeln. Mit außerdem sehr markanten Darstellungen bereichern Ingeborg Theek und Franziska Kinz als trautes Mutter-Tochter-Gespann die Szenerie; gleichfalls setzt sich Inge Lists sympathische Neugier im Gedächtnis des Zuschauers fest, obgleich sie nur zu Beginn des Films auftritt.

Nicht zu Unrecht gelobt wird neben den schauspielerischen Glanzpunkten auch Willi Forsts atmosphärische Verdichtung der melodramatischen Geschichte. Er arbeitet mit einer besonders beweglichen, stellenweise sogar subjektiven Kamera, vielen optischen Kniffen wie Briefen und Annoncen, in denen bestimmte Wörter durch Beleuchtung hervorgehoben werden, und wiederkehrenden Sinnbildern (z.B. einem flackernden Kronleuchter, der immer wieder dann ins Bild gerückt wird, wenn Michailow die Lust übermannt). Auch verweilt Forst für keine Sekunde zu lang auf seinen kompromittierenden und dramatischen Momenten, sondern findet das richtige Tempo, das die Geschichte sowohl rasch abwickelt als auch wertschätzt.

Hochdramatischer Krimihybrid, das 1935 zum Publikumsreißer wurde und auch heute noch morbide Faszination ausstrahlt. Wer schnell mit dem Urteil „Kitsch“ bei der Hand ist, wird „Mazurka“ wohl kritisch beurteilen, doch dank famoser Darsteller und einer behutsamen Regie geht das Melodram mit den verbrecherischen Aspekten eine hochspannende Symbiose ein. 4 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.120

14.07.2019 21:30
#99 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · Antworten



Sein Sohn

Kriminaldrama, D 1941. Regie: Peter Paul Brauer. Drehbuch: Willy Clever, Peter Paul Brauer (Idee: Willy Clever). Mit: Otto Wernicke (Vater Brugg), Rolf Weih (Peter Brugg), Hermann Brix (Herbert Brugg), Gunnar Möller (Willi Brugg), Hilde Schneider (Christel Brugg), Karin Hardt (Brigitte Hellmers), Ida Wüst (Frau Hellmers), Carla Rust (Charlotte Jülich), Eva Tinschmann (Haushälterin Anna), Rudolf Schündler (eleganter Herr) u.a. Uraufführung: 10. Februar 1942. Eine Produktion der Terra-Filmkunst GmbH.

Zitat von Sein Sohn
Nach einem Überfall auf das Juweliergeschäft der Frau Hellmers wird der leitende Angestellte Brugg in den Ruhestand versetzt. Die geschäftliche Nachfolge tritt dessen Sohn Peter an, der seinen neuen Posten zunehmend vernachlässigt, als er Frau Hellmers’ großspurige Enkelin Brigitte kennenlernt. Um Brigitte zu imponieren, versucht sich Peter in Pferdewetten, die er krachend verliert. Geld muss her. Er unterschlägt 2’000 Mark in der Firma, schönt die Bücher und kommt dafür für sechs Monate ins Gefängnis. In dieser Zeit stehen für die Familie Brugg dramatische Umbrüche an ...


Wohl wegen seines sehr preußischen Äußeren – gelegentlich von wilhelminischer Barttracht unterstützt – wurde Otto Wernicke in seiner Filmlaufbahn immer wieder als seriöser Polizibeamter besetzt. Dies gilt für „M“ und „Das Testament des Dr. Mabuse“ ebenso wie für „Das große Abenteuer“ und „Geheimzeichen LB 17“. In „Sein Sohn“ nimmt er jedoch eine andere, keineswegs weniger ehreinflößende Position ein: Als Familienpatriarch und leitender Angestellter einer Juwelierin zeigt er Sinn für Pflicht, Ordnung und das Gemütliche zugleich. So machen sein ungewollter Ruhestand sowie die schiefe Bahn, auf die sein Sohn gerät, Vater Brugg am meisten zu schaffen. Er agiert als moralischer Gradmesser und Richter für alle Fehler, welche die anderen Figuren leichtfertiger- oder hinterlistigerweise begehen. Und so steht dann eben schon auf dem atmosphärischen Filmplakat der Filius trotz Titelgebung des Films nur in zweiter Reihe hinter dem allgegenwärtigen Vater.

Ebenfalls in den Hintergrund rückt in Anbetracht der aufgebotenen familiendramatischen Elemente der Kriminalaspekt des Films. Man sollte eher einen Familien- und Herzschmerzfilm als eine ausgewachsene Verbrecherjagd erwarten. Nichtsdestoweniger ist die Handlung gerade vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund sehr spannend zu verfolgen. Offenbar im Hier und Jetzt der Produktionszeit angesiedelt (der heitere Beginn des Films nimmt die kriegsbedingte Lebensmittelknappheit aufs Korn), kann man es zumindest als ungewöhnliche Entscheidung bezeichnen, einen an Erwartungen des Umfelds und eigener Großspurigkeit scheiternden jungen Antihelden zu thematisieren. Neben Peter haben aber auch die anderen Brugg-Söhne wenig mit dem idealen Scheinbild des jungen nationalsozialistischen Deutschen gemein: Mit dem bauernschlauen, vorlauten Willi nimmt es ein böses Ende und der verhuschte Herbert lebt in seiner weltfremden musikalischen Traumwelt. Dennoch zeigt der Film alle drei Söhne ebenso wie den Vater als Figuren, mit denen man sich identifizieren kann, die sich durch ihre Unvollkommenheiten nicht disqualifizieren, sondern als nachvollziehbare Charaktere etablieren. Mit dem Willi gab Kinderdarsteller Gunnar Möller einen seiner frühesten Auftritte.

Trotz allem sollte man „Sein Sohn“ nicht als Schmonzette abtun: Wallace-Freunde werden Rudolf Schündlers glitschige Verbrecherdarstellung zu schätzen wissen, die wie eine Klammer um den Hauptteil des Films schließt und für ein sehr befriedigendes Finale sorgt. Es kommt zu einem regelrechten Duell zwischen Schündler und Weih, wobei sich das Drehbuch erfolgreich auf die Zwielichtigkeit von Peter Brugg stützt. Wird der Verurteilte nun endgültig als schurkischer Komplize des Strippenziehers versumpfen oder die Gelegenheit nutzen, um seine Weste wieder reinzuwaschen? Auch die Begehrlichkeiten, die von den Schätzen in der Auslage des Juweliergeschäfts oder den Verheißungen beim Pferdewetten geweckt werden, sorgen für stilsichere Fehltritte. Den Subplot um die Heirat der Brugg-Tochter hätte man dagegen problemlos eindampfen können.

Plötzlich einer verantwortungsvollen Stellung enthoben und ersetzt zu werden, ist nur die erste Prüfung, die Vater Brugg im Laufe dieses durchaus effektiven Krimidramas überstehen muss. Insbesondere der von Rolf Weih dargestellte Sohn erweist sich als Wolf im Schafspelz, ohne dass man ihm seinen Hang zur Gaunerei allzu sehr nachsieht. Alles in allem ist aber zu viel Füllstoff an Bord, der von den Krimiaspekten ablenkt. 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.120

21.07.2019 13:40
#100 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · Antworten



Der Vorhang fällt

Kriminalfilm, D 1939. Regie: Georg Jacoby. Drehbuch: Georg Zoch (Vorlage „Schuss im Rampenlicht“, 1938: Paul van der Hurk). Mit: Anneliese Uhlig (Alice Souchy), Hilde Sessak (Vera Findteis), Gustav Knuth (Kriminalrat Dr. Christian Cornelsen), Rudolf Fernau (Axel Rodegger), Rolf Moebius (Hans Günther), Elfie Mayerhofer (Inge Blohm), Carl Kuhlmann (Theaterregisseur Walldorf), Rudolf Platte (Requisiteur Buttje), Alexander Engel (Cardoni alias Vincenti), Lina Carstens (Hermine Florian) u.a. Uraufführung: 13. Juli 1939. Eine Produktion der Ufa-Filmkunst GmbH.

Zitat von Der Vorhang fällt
Obwohl sie felsenfest von sich behauptet, eine harmlose Person zu sein, sorgt die Sängerin Vera Findteis am Theater, an dem sie in einer Operette über Zarin Katharina die Titelrolle verkörpert, mit jedermann für Streit. Der Financier des Hauses, Rodegger, lässt das Stück zu ihren Gunsten umschreiben und damit seine frühere Freundin Alice rücksichtslos fallen; ihrem Partner Hans Günther gaukelt Vera eine Liebesbeziehung vor; den Regisseur Walldorf bootet sie aus, um sich selbst ins rechte Licht zu setzen, und ihrem alten Bekannten Cardoni droht sie. Es gibt also genug Leute, die ein Motiv hatten, Vera Findteis umzubringen. Dass sie aber ausgerechnet in der Premierennacht des Stückes – anscheinend mit einem Requisitenrevolver – erschossen wird, bereitet Kriminalrat Cornelsen, einen alten Bekannten von Alice, einiges Kopfzerbrechen ...


Vorhang auf! Es scheint, als werde die zuvor eingeschworene Gemeinschaft am städtischen Theater durch die egozentrische Vera Findteis aufgebrochen, als treibe die Sängerin mit strategisch wichtigen Personen falsches Spiel und damit einen Keil zwischen alte Freundschaften und bisher als loyal angenommene Geschäftsverbindungen. Da ist es kein Wunder, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet – selten sind die Gründe, warum ein Mensch sterben sollte, aus Sichtweise verschiedenster Figuren nachvollziehbarer und vollumfänglicher ausgestaltet worden als in „Der Vorhang fällt“. So nimmt man es fast schon als Erleichterung wahr, als während der Premiere dann endlich der für Paul van der Hurks Romanvorlage titelgebende „Schuss im Rampenlicht“ und ihm die Leiche der Findteis unmittelbar hinterher-fällt. Vorhang wieder nach unten, Ende des ersten Aktes! Hilde Sessaks maligne Präsenz wirkt noch über den Tod ihrer für Mordopfer-Verhältnisse großen Rolle hinaus und man möchte Kriminalrat Cornelsen nicht unbedingt großes Glück bei der Tätersuche wünschen.

Im Vergleich zu anderen Filmen jener Zeit bekommt „Der Vorhang fällt“ nach einer gewissen anfänglichen Rührseligkeit und eins, zwei themenbedingten Gesangsnummern zu viel doch noch den Bogen zu einem reinrassigen Kriminalstück mit einer ordentlichen Anzahl an Verdächtigen und Indizien, die den aufmerksamen Zuschauer womöglich schneller als Herrn Cornelsen zum Täter führen. Man kann dem Georg-Jacoby-Film weder eine ordentliche Spannung noch eine gewisse Vorhersehbarkeit absprechen – vermutlich hätten einige Kernmomente weniger eindeutig inszeniert werden können, um das Vergnügen am Ratespiel und der Überführung noch weiter zu steigern. Doch auch so strebt der Film nach Mord und Ermittlungen zielsicher einem befriedigenden und schauspielerisch anspruchsvollen Ende entgegen.

Wie man es von Streifen aus der Ufa-Zeit gewohnt ist, trifft die Besetzung den Nagel absolut auf den Kopf. Dass sie zudem auch für Freunde der Nachkriegs-Krimiunterhaltung sehr prominent ausfällt, darf als zusätzlicher Bonus gelten. Anneliese Uhlig und Rudolf Fernau sind ein wunderbares Hauptdarstellergespann, zwischen dem es zu Enttäuschung, Arroganz und Verbitterung kommt, was die klassisch geschulten Mimen hervorragend zum Ausdruck bringen. Fernau spielt seinem damaligen Rollenbild entsprechend den Kavalier mit düsterer Seite, Uhlig die dramatisch leidende, um ihr Recht betrogene Rivalin der Sessak. Die ganze wirklich ans klassische Theater erinnernde Anspannung zwischen den beiden Figuren kann man bereits aus dem stimmigen Filmprogramm-Titelbild erahnen. Ergänzend treten Rolf Moebius als junger, naiver Liebhaber, Carl Kuhlmann als temperamentvoller Regisseur, Rudolf Platte als auf Eddi-Arent-Niveau herumalbernder Requisiteur, Lina Carstens als Lebensweisheiten schmetternde Souffleuse und Alexander Engel in einer offensichtlichen red herring-Rolle auf. Bei Gustav Knuth wundert man sich nicht nur über dessen noch deutlich magerere Statur, sondern auch über seine Fähigkeit, ohne jede augenscheinliche Mühe zwischen dem Befehlston des NS-Kriminalers und der Einfühlsamkeit eines alten Freundes hin- und herzuwechseln.

Hergestellt von der Ufa, merkt man „Der Vorhang fällt“ die mit der Produktion verbundenen Ambitionen nicht nur am namhaften Cast an. Auch Bühnenbild und Kostüme wurden erstklassig umgesetzt und geben den Mordermittlungen einen zur Theaterwelt passenden skurrilen Rahmen. Man lernt dabei so exotische alte Begriffe wie Terzerol für die Requisitenpistole, was die von dem Film ausgehende nostalgische Stimmung noch verstärkt. Die völlige Abwesenheit zeitbedingter Propaganda tut ihr Übriges dazu, aus „Der Vorhang fällt“ einen lohnenswerten und nach anfänglichen (allerdings gut begründeten) Umwegen sogar beinahe einen Bilderbuch-Krimi zu machen.

Manchmal kommt der Teufel in Gestalt einer lieblichen Sopranistin daher. „Der Vorhang fällt“ ist ein typischer Krimi alter Schule, der viel Wert auf die Figuren und ihr Milieu legt und den Zuschauer selbst zum Mitraten animiert. Treffsichere Besetzungen bekannter Namen (Uhlig, Fernau, Knuth, Platte, Carstens) garantieren auch heute noch dafür, dass man sich gern ins Geschehen einfühlt und mit den Protagonisten mitfiebert. Gute 4 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.120

21.07.2019 21:25
#101 RE: Der deutsche Kriminalfilm vor 1945 Zitat · Antworten

100 Beiträge zum alten deutschen Kriminalfilm. Ich hätte anfangs im Leben nicht gedacht, dass so viele zusammenkommen würden. Aber leider gilt nach wie vor: Die meisten sind ein einmaliges Vergnügen anlässlich vereinzelter Kinoaufführungen und für den Heimgebrauch in guter Qualität nicht zu bekommen. Danke an dieser Stelle an die Kinos, die das Filmerbe am Leben erhalten (diesem Thread liegen Besuche bei Eva-Lichtspiele Berlin, Zeughauskino Berlin, Babylon-Kino Berlin und Metropolis-Kino Hamburg zugrunde).

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