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Dieses Thema hat 285 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

01.07.2013 11:10
#196 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten



Der Alte: Erkältung im Sommer

Episode 10 der TV-Kriminalserie, BRD 1978. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Oliver Storz. Mit: Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Henning Schlüter, Anaid Iplicjian, Helmut Lohner, Christian Quadflieg, Charlotte Kerr, Werner Schnitzer, Peter Neubeck u.a. Erstsendung: 27. Januar 1978.

Zitat von Der Alte: Erkältung im Sommer
Eine Erkältung im Sommer plagt Kommissar Keller. Dem Ehepaar Assenau dagegen vermiesen ganz andere Probleme die Aussicht auf einen gelungenen Tanzball. Rolf Assenau wird von einem unbekannten Mörder bedroht, der sich jedoch kurz darauf an seine Frau Renate wendet: Er sei vom angeblichen Opfer beauftragt worden und solle in Wahrheit sie umbringen. Da Renate dem potenziellen Killer nicht unsympathisch ist, einigen sich die beiden auf eine Planänderung ...


Die wendungsreiche Geschichte aus der Feder von Oliver Storz überzeugt deutlich mehr als die Debütfolge desselben Autors. Sie versprüht ein angenehmes Gefühl der Abwechslung, nachdem zwischendrin beinahe alle Folgen von Karl-Heinz Willschrei verfasst wurden, der zwar auch einige gelungene Stoffe hervorbrachte, aber irgendwie ähnlich wie Kommissar Köster selbst nicht so ganz nach München passen möchte.

„Erkältung im Sommer“ lässt sich interessant an, beginnt in einem Fernsehstudio und entwickelt sich von dort aus zu einer stellenweise poetischen, teils aber auch schockierenden Story, die in immer wieder neuen Dreiecken springt. Unterstützt wird das Konstrukt durch eine seltsam vertraute Musik, von der ich im ersten Moment nicht wusste, wo ich sie einordnen sollte – doch dem Forum sei Dank: Peter Thomas bediente sich hier aus dem Simmel-Filmarchiv bei „Der Stoff, aus dem die Träume“ sind.

Dass Anaid Iplicjian für jeden Abendkrimi ein Hauptgewinn ist, hat sie bereits in mehreren „Derrick“- und „Der Kommissar“ bewiesen. Die Aktrice mit der herb-starken Seite agierte stets nicht nur glaubwürdig, sondern kniete sich mit Begeisterung in jede Rolle hinein. Sie meistert deshalb auch den Part der Renate Assenau, der viele Facetten von ihr erfordert und sie als besorgte Ehefrau, verängstigtes Beinahemordopfer, verführerisches Vamp und kalte Eislady zeigt. Während Helmuth Lohner eher Standardkost abliefert, überrascht Christian Quadflieg mit bestechendem Spiel einer einfach gestrickten, aber sehr soliden Rolle.

Als ungewöhnlich erweist sich das offene Ende, das ein wenig den Eindruck vermittelt, als hätte die komplette Geschichte einfach zu viel Zeit für das Format der Serie in Anspruch genommen. Der Zeitpunkt, zu dem dann letztlich der Abspann ansetzt, wirkt deshalb etwas willkürlich, weil man nicht das Gefühl hat, dass Köster bis dahin alles Mögliche unternommen hätte, um eine Verhaftung zu erwirken. Das passt zu dem Image des unkonventionellen Ermittlers, der nicht immer nach den Regeln des Beamtentums agiert und vielleicht wie hier auch manchmal freiwillig ein Auge zudrückt, wenn er erkennt, dass sein Gegner ihm überlegen ist.

Ausgefallenes Konzept, erprobte Besetzung – so mag es die angestammte Klientel. Ringelmann hat’s raus. 4,5 von 5 Punkten.

Lieblingszitat: „So ein schönes Wetter. Ich sitze hier bei Glühwein und im Biergarten duften die Linden und das Helle zischt.“

Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

07.07.2013 14:40
#197 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten


Studiogeschichte im Kleinformat: Nachts auf den Straßen, Lola Montez, Das Wirtshaus im Spessart; Die Wikinger, Mein Schulfreund, Eins, Zwei, Drei; Gesprengte Ketten, Die seltsamen Methoden des Franz Josef Wanninger, Raumpatrouille Orion, Graf Yoster gibt sich die Ehre

Die Serienschmiede: Eine schöne Fahrt nach München, Teil 3

Im Gegensatz zu den Berliner CCC-Studios, von denen eine gewisse Dornröschenstimmung Besitz ergriffen hat, sind die Studios der Bavaria-Film im Münchner Süden noch aktiv wie eh und je und stehen damit auch interessierten Besuchern jederzeit offen.
Im Jahr 1919 gegründet, wurde die Anlage, die dem Ortsteil Geiselgasteig einen berühmten Namen bescherte, im Zweiten Weltkrieg kaum beschädigt, sodass unter der Leitung der Amerikaner der Betireb bald wieder aufgenommen werden kann. Zunächst fallen Kopier- und Synchronarbeiten an, ab 1947 wieder Filmdrehs („Zwischen gestern und morgen“ – mit Hilde Knef nicht gerade bayerisch besetzt). Das Fernsehen marschiert 1959 mit Michael Kehlmanns „Der eingebildete Kranke“ bei der Bavaria ein. Ein gutes Geschäft bahnt sich an und hält sich bis heute. Die Bavaria wächst über die Jahre, Tochtergesellschaften entstehen, Studiohallen werden immer wieder aufs Neue aus dem Boden gestampft. Auch „Kulissenstraßen und Drehvillen sowie fest eingerichtete Dekorationen wie Polizeipräsidium, Gerichtssaal, Gefängnis und Europas flexibelste Flugzeug-Drehkulisse“ sind bei München beheimatet.



Natürlich setzt eine Führung durch die Bavaria-Filmstadt ihren Schwerpunkt auf moderne Produktionen. Da werden Michael-Bully-Herbig-Sets besucht, und Szenen aus „Sturm der Liebe“ nachgespielt; doch zwischen verschiedentlichen Nerventests erhält der Nostalgiefan auch einige Appetithäppchen gereicht. Der wichtigste von ihnen ist zweifellos die Station „Deutscher Fernsehkrimi“, in der von „Graf Yoster gibt sich die Ehre“, „Tatort“ und „Der Alte“ berichtet wird. Auch „Derrick“ flimmert im Hintergrund auf einer Videoinstallation und ist eifrig darum bemüht, dem „Anschlag auf Bruno“ ein Ende zu bereiten.
Immer wieder stehen originale setpieces (Kulissen und Ausstattungsgegenstände) im Mittelpunkt des Führungsinteresses. Und so wie sich einige für den Drachen Fuchur aus „Die unendliche Geschichte“ oder vergoldete Königskutschen ereifern, so erfreut auf dem kurzen Krimipfad vor allem die Limousine von Graf Yoster (siehe oben) und das Arbeitszimmer des „Alten“ (siehe unten) das Auge des Betrachters. Der beliebte Fernsehkommissar scheint auch nur auf einen kurzen Sprung verschwunden zu sein – der Mantel hängt jedenfalls noch am Haken. Doch fürs Warten ist keine Zeit – die Führung geht weiter.



Als interessanter Zwischenstopp erweist sich kurz darauf der Halt am „Boot“, der großen Wolfgang-Petersen-Produktion von 1981, die zu Teilen in den Bavaria-Filmstudios gedreht wurde und ihren Ruf noch heute maßgeblich beeinflusst. Was hängen bleibt, sind neben Fotos der Stars – darunter Prochnow, Semmelrogge, Ochsenknecht, Dumont und „Sänger“ Herbert Grönemeyer – vor allem die Grausamkeiten, mit denen der Regisseur seine Darsteller quälte. Kaltes Wasser, gefährliche Drehs, ungedoubelte Stunts – dass man 1981 noch händisch arbeitete, anstatt alle Illusionen am Computer entstehen zu lassen, trug zu der einen oder anderen Krankenhausrechnung, aber fraglos auch einen großen Teil zum Erfolg und der Authentizität des „Boots“ bei.
Nebenan heißt es ruhig sein, denn für das ZDF werden gerade Szenen zur neuen Vorabendserie „Die Familiendetektivin“ gedreht. Richtig nah heran kommt man aber nicht – auch nicht, nachdem man sich todesmutig durch das lebensgroße und doch reichlich beengte U-Boot-Set gewunden hat. Achtung: Kopf einziehen!

Film- und Fernsehfreunde werden bei einer Bavaria-Studiotour gut unterhalten und durch kundiges, sympathisches Personal gut in einige Geheimnisse eingeweiht. Man sollte jedoch auch einen massenkompatiblen Geschmack mitbringen, denn Nischenbespaßung ist ebenso wenig angesagt wie ein Blick auf die eigentliche Arbeit der Filmleute.
Regelmäßige Tramverbindungen bestehen mit Linie 25 nach Grünwald, Ausstieg am Bavaria-Filmplatz – einigen Fußweg sollte man trotz des verheißungsvollen Namens noch in Kauf nehmen. Tickets gibt es für 12,50 Euro, wobei eine Vorausbuchung nicht erforderlich ist (Infos).

siehe auch: Teil 1 / Teil 2

Georg Offline




Beiträge: 2.961

12.08.2013 16:00
#198 RE: "Der Alte" Zitat · antworten

Für meine Krimiseite bereite ich gerade ein umfassendes Update zum "Köster"-Alten vor. Dazu sichte ich nun unzählige alte Unterlagen & Zeitungsartikel. Besonders interessant schien mir ein Interview mit José Giovanni, in dem es um das Theater mit der 3. Folge "Der Alte schlägt zweimal zu" ging und in dem er sich ausführlich dazu äußert.

Besonders interessant ist der letzte Teil des Interviews:

Zitat von Ausschnitt aus dem Interview Warum soll man dem "Alten" seine Tricks verbieten? erschienen in Bild+Funk 21/ 1977, S. 12]

Frage: Werden Sie noch weitere Folgen für diese Serie schreiben?
Antwort von José Giovanni: Ich habe bereits zwei weitere geschrieben, und sie sind abgedreht. Es ist das erste Mal, dass ich fürs Fernsehen arbeite. Ich habe mich in Frankreich stet geweigert, fürs Fernsehen zu arbeiten, u. a. wegen der Zensur dort. Ich habe diese Arbeit als Freundschaft zu dem Produzenten Ringelmann angenommen. Ich habe mich während der Dreharbeiten prächtig mit ihm, den Schauspielern und den Technikern verstanden. An mir soll eine weitere Zusammenarbeit nicht scheitern. Ich bedaure nur, dass die deutschen Kriminalbeamten mich für etwas anklagen, das ich nicht begangen habe.


Da stellt sich natürlich die Frage: was ist mit den beiden Episoden passiert? Warum sind sie nie ausgestrahlt worden? Gibt es sie überhaupt? Und wenn ja, liegen sie vielleicht irgendwo im Giftschrank des ZDF?

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.380

12.08.2013 16:22
#199 RE: "Der Alte" Zitat · antworten

Zitat von Georg im Beitrag #198
Gibt es sie überhaupt?



Das glaube ich nicht. Hierbei muss es sich um einen Übersetzungsfehler handeln. Eher wird es so gewesen sein, dass Giovanni zwar weitere Bücher geschrieben hat, diese nach den Kontroversen um "Der Alte schlägt zweimal zu" aber nicht verfilmt worden sind. Ich kann es mir schlichtweg nicht vorstellen, dass das ZDF zwei fertig gestellte Episoden (die ja schließlich auch einiges an Gebührengeldern gekostet haben) seit Jahrzehnten im Giftschrank vermodern lässt und dies bisher nirgendwo zur Sprache gekommen ist.

Georg Offline




Beiträge: 2.961

12.08.2013 17:57
#200 RE: "Der Alte" Zitat · antworten

Interessant, aber an die Möglichkeit einer falschen Übersetzung habe ich auch gerade gedacht. So wird's wohl gewesen sein, die Redakteurin wird das falsch aus dem Französischen übersetzt haben. Wäre interessant zu wissen, was Giovanni im Original gesagt hat. Wenn er beispielsweise réaliser verwendet hat (also 'realisieren'), dann kann sich das ja auch auf das Abfassen des Drehbuchs bezogen haben (... "und sind schon realisiert") und nicht, wie von der Übersetzerin angenommen, auf den Film. Auch das Wort tourner 'drehen' kann im Französischen im literarischen Sinn 'abfassen' bedeuten ...
Wie sagen die Italiener so schön? "Traduttore - traditore" = "Übersetzer = Verräter" ...

Georg Offline




Beiträge: 2.961

15.08.2013 20:11
#201 RE: "Der Alte" Zitat · antworten

So, eben habe ich das Update hochgeladen (übrigens auch zu vielen anderen dt. Serien).
Unter http://krimiserien.heim.at/a/der_alte.htm sind fortan wieder Inhalts- & Stabangaben zu allen Kösterfolgen zu finden, geplant sind wie bei den ersten Folgen, z. B.: http://krimiserien.heim.at/a/der_alte_001.htm oder http://krimiserien.heim.at/a/der_alte_003.htm auch Kritiken und Hintergrundinfos. Außerdem habe ich auch die Produktionsreihenfolge, die vor allem in den ersten Jahren nicht mit der Sendereihenfolge übereinstimmte, überall ergänzt (http://krimiserien.heim.at/a/der_alte_koester.htm)
Unter http://krimiserien.heim.at/a/der_alte_hintergrund.htm gibt's umfassende Hintergrundinfos, die ich aus unzähligen Unterlagen zusammen getragen habe und in denen v. a. Siegfried Lowitz zu Wort kommt. Weitere umfassende Updates sind geplant, aber für den Anfang sollte es mal genügen ...

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.380

15.08.2013 23:48
#202 RE: "Der Alte" Zitat · antworten

Spitze, Georg; habe mich sogleich "festgelesen".

Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

11.10.2013 16:29
#203 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten



Der Alte: Nachtmusik

Episode 11 der TV-Kriminalserie, BRD 1978. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Lichtenfeld. Mit: Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Henning Schlüter, Hellmut Lange, Maria Sebaldt, Alexander Kerst, Kornelia Boje, Andreas Seyferth, Katerina Jacob u.a. Erstsendung: 17. Februar 1978.

Zitat von Der Alte: Nachtmusik
Während sich die erlauchten Gäste auf den Musikabenden Herrn Kerners um gesellschaftliche Anerkennung bemühen, steigen Kerner junior und seine rauschgiftsüchtige Freundin Bea in ihre Häuser ein, indem sie die Schlüssel aus den Jacken an der Garderobe „ausborgen“. Immer nur verschwinden kleine Beträge und Wertgegenstände, damit kein Verdacht aufkommt. Doch eines Abends ein Zwischenfall: Sie laufen einem echten Verbrecher über den Weg. Der junge Kerner sieht keine andere Möglichkeit, als zuzuschlagen ...


Die Episode „Nachtmusik“ schafft vor allem eines: Sie verdeutlicht, wie nah das, was man für gewöhnlich als Ober- und Unterwelt kategorisiert, manchmal beieinanderliegt. Stimmt man sich nach den anfänglichen Bildern mit Kammermusik und gut betuchtem Smalltalk auf einen Krimi ein, der unter der crème de la crème der Münchner Gesellschaft spielt, so wird man mit dem Auftauchen solcher Gesellen wie Andreas Seyferth, Katerina Jacob oder Manfred Seipold bald eines Besseren belehrt. Es ist wie so häufig im „Alten“: Man versuchte, die Episoden nicht einfach und geradeheraus zu stricken, jedem Fall etwas ganz Ausgefallenes zu verleihen. An diesem Ziel verschluckt sich die „Nachtmusik“, denn die Vorgänger- und Konkurrenzserien des erfahrenen Herbert Reinecker orientieren sich erfolgreich an einer anderen Ausrichtung: dem Reiz der erzählerischen Einfachheit. „Nachtmusik“ wartet nicht nur mit einer großen Riege von Charakteren auf, sondern auch mit einer Palette an Langweiligkeiten, die nicht zuletzt dem Autoren angekreidet werden müssen. Warum Herbert Lichtenfeld und ZDF-Kost nicht wirklich zusammengehen, ist bereits früher geklärt worden.

In einer leider etwas blutleeren Rolle sieht man Hellmut Lange, bei dem eher unklar bleibt, ob er die Verdunklungen seines Sohnes oder seines eigenen Rufes wegen begeht. Auch Alexander Kerst als Erpresser wider Willen fehlt der wirkliche Pfiff; Figuren mit reinecker’scher Überspitzung wären hier deutlich angebrachter gewesen, um familiären Zusammenhalt und umtriebige Geschäftemacherei zu repräsentieren. Das Gewicht der Episode lastet deshalb vor allem auf den Schultern von Andreas Seyferth, wobei es durch die Naivität Arno Kerners schwer ist, eine uneingeschränkte Identifikation aufzubauen. Seyferth spielt glaubwürdig, aber man möchte ihm Minute um Minute zurufen, er solle sich doch nicht von einer so abgewrackten Freundin in Dinge hineinziehen lassen, die er gar nicht abschätzen kann.

Um einen Unterhaltungseffekt zu kreieren, verlässt sich „Nachtmusik“ weniger auf feinsinnige Spannung als vielmehr auf Reißerqualitäten. Drogenabhängigkeit in Bild und Ton sowie die Gewaltbereitschaft der Gangstergruppe um Seipold sollen Spannung aufbauen, was auch recht gut gelingt, aber gleichzeitig verdeutlicht, dass es anno 1978 schon nicht mehr sonderlich zimperlich zuging, wenn die Öffentlich-Rechtlichen um die Zuschauergunst buhlten. Amerikanische Verhältnisse in München? Der Quote wegen erlaubt!

Es bleibt hervorzuheben, dass dieser Stoff eigentlich gute Voraussetzungen für einen hochwertigen Teil der Reihe mitgebracht hätte. Allerdings wäre es klüger gewesen, sowohl einen anderen Schreiber als auch einen anderen Regisseur zu verpflichten. Dass Ashley eher auf das langsame Drama fixiert war, kommt der eher oberflächlich angelegten Geschichte nicht zugute. Versöhnlich stimmen immerhin die opulente Ausstattung, die die gewohnt polierte Machart verrät, sowie die ebenso stimmungsvolle Musikuntermalung Frank Duvals.

Wo klassische Musik auf moderne Fausthiebe stößt, entwickelt sich eine Episode mit einem Charme der Unvollkommenheit, die vor allem von einer sympathischen Leistung des ewigen Jungen Andreas Seyferth profitiert. Andere Prominenz wirkt in „Nachtmusik“ eher vergeudet; Drehbuch und Regie gestalten sich verbesserungsfähig. 3 von 5 Punkten.

Lieblingszitat: „Mord ist nix Feines, du!“

Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

22.01.2014 14:45
#204 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten



Der Alte: Teufelsbrut

Episode 30 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Alfred Vohrer. Mit: Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Henning Schlüter, Hans Caninenberg, Marilene von Bethmann, Helga Anders, Willi Kowalj, Thomas Fritsch, Hubert Suschka u.a. Erstsendung: 10. August 1979.

Zitat von Der Alte: Teufelsbrut
Dr. Lederer ist gerade aus einem Privatflugzeug gestiegen. Weil auf der Bahn eine andere Maschine startet, hört man den Schuss, der ihn schwer verwundet, nicht. Lederer bricht in sich zusammen. In der allgemeinen Aufregung verschwindet sein Koffer mit wichtigen Geheimdokumenten. Lederer war für einen Chemie-Konzern tätig. Wegen seines kritischen Zustands wird er ins Krankenhaus gebracht – doch auch dort ist er nicht sicher ...


Den Untiefen des Forums ist zu entnehmen, dass es sich hierbei um eine recht polarisierende „Der Alte“-Episode handelt, was mich in gewisser Weise verwundert. Unser geschätzter Wallace-Ringelmann-Crossover Alfred Vohrer bekleidete erneut die Positionen von Regisseur und Drehbuchautor in einer Person, was in der Theorie tatsächlich dazu führen kann, dass sich dieser einzelne mit Verantwortung überfrachtete Mensch mächtig vergaloppiert. Vohrer hatte in diesem konkreten Fall aber eine komplexe Geschichte in petto, die volle Aufmerksamkeit erfordert und über die einfachen Plotkonstruktionen, wie sie häufig bei den Reinecker-Scripts zu „Der Kommissar“ oder „Derrick“ anzutreffen sind, weit hinausgeht. Außerdem gelang es ihm, sie so umzusetzen, dass einerseits genug Tempo für den Unterhaltungswert in „Teufelsbrut“ steckt und andererseits die Ereignisse den Zuschauer nicht überfordern.

Serien-„Konkurrent“ Horst Tappert war es gewesen, der Vohrer bei Ringelmann einführte und die anfänglichen Bedenken des Produzenten beiseite wischte:

Zitat von Horst Tappert: Derrick und Ich – Meine zwei Leben, Heyne München, 1998, S. 215
Alfred Vohrer, Freddy. Ich hatte ihn Ringelmann als Regisseur empfohlen. Er war nicht begeistert. „Der hat doch Edgar Wallace gemacht und die Simmel-Filme – passt der zu uns?“ – „Der passt. Er bringt uns Tempo in die Episoden und interessante Einstellungen. Er hat visuelle Fantasie. Und erzähl mir nicht, das sei selbstverständlich bei einem Regisseur.“ Ringelmann war sehr zufrieden mit Freddy und holte ihn immer wieder.


Die Verantwortung Vohrers für „Teufelsbrut“ bietet auch Anlass zu Spekulationen über die Anlage der Rollen von Dr. Lederer (Dieter Assmann) und Hubertus Manz (Thomas Fritsch). Ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass Vohrer den beiden Protagonisten, die eine enge Männerfreundschaft verbindet, Homosexualität unterstellen wollte (es gibt klare Punkte, die dagegen sprechen: die geplante Adoption und Manz’ letzte Aussage gegenüber Christa), doch die Unsicherheit, die über das Ausmaß der Zuneigung der beiden Herren besteht, wird von Vohrer als deutliches Stilmittel eingesetzt, um wenigstens einen gedanklichen Prozess ins Rollen zu bringen.

Die Besetzung lässt sich beinah als Who is Who der Ringelmann-Castlisten bezeichnen. Die Charaktergesichter Caninenberg, Fritsch, Suschka und Vosgerau, die immer wieder in ZDF-Krimis auftauchen, aber auch immer wieder gern gesehen sind, setzen ihre Übung in der Umsetzung solcher Drehbücher gekonnt ein, um dem Zuschauer sowohl durch typische Verhaltensmuster Hinweise zu geben als auch aufs (tagesaktuelle) Glatteis zu führen. Dabei spielen in der Männergeschichte Frauen nur eine untergeordnete Rolle. Relativ viel Dialog gestand Vohrer noch Helga Anders zu, deren Worte aber leider zu gestelzt klingen, um die gewünschte Wirkung als Bestandteil des Mordmotivs zu erzielen.

Sauber und stimmig inszeniert, dabei sicher mit wenig Blick aufs Spektakuläre, aber immer handwerklich korrekt. „Teufelsbrut“ ist für mich ein gelungener Wiedereinstieg bei „Der Alte“, auch weil Kommissar Köster einen verhältnismäßig aufgeräumten und unaufgeregten Eindruck hinterlässt. 4,5 von 5 Punkten.

Lieblingszitat: „Reich müsste man sein. Dann könnte man sich auch so eine Beerdigung leisten.“

Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

23.01.2014 00:00
#205 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten



Der Alte: Ein Parasit

Episode 31 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Bruno Hampel. Mit: Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Henning Schlüter, Gisela Stein, Edwin Noël, Kurt Sowinetz, Iris Berben, Hans Quest, Dirk Dautzenberg u.a. Erstsendung: 14. September 1979.

Zitat von Der Alte: Ein Parasit
Überfall in einem Parkhaus. Eine Angestellte, die einen Koffer voll Geld zur Bank bringen will, wird niedergeschlagen und beraubt. Das Ungewöhnliche: Vorher küsst sie den Dieb. Vielleicht wäre das Pärchen mit dem gestellten Raub davongekommen, wenn es nicht zufällig zwei Augenzeugen gäbe. Einer will eingreifen und wird vom Flüchtenden überfahren. So wird aus Betrug Mord. Und er zieht weitere Verbrechen nach sich, denn die geübte Spürnase Kösters kommt den Tätern gefährlich nah ...


Martialische Titel wählten die Autoren für einige „Der Alte“-Episoden aus. Auf „Teufelsbrut“ folgt „Ein Parasit“ – nicht gerade Ansporn für gemütliche Winterabende vor dem Fernseher. Man sollte sich von den reißerischen Aufmachern aber nicht täuschen lassen, denn auch und gerade „Ein Parasit“ kehrt die Stärken der „Der Alte“-Konzeption deutlich nach außen. Es handelt sich um eine Episode, die man sich nicht mit dem etwas biedereren Kollegen Derrick vorstellen könnte, die aber trotzdem nicht so ausgefallen oder niederschmetternd angelegt ist wie einige andere Episoden der Reihe. Die Handlung verläuft weniger geradlinig als vielmehr aufgeteilt in mehrere Kapitel, die jeweils unterschiedliche Verwicklungen und Beziehungen untereinander aufdecken.

Zu den Unterschieden zwischen den Serien gehört auch, dass eine wie bei Reinecker klar aufgebaute und zentrale Gegenspielerfigur fehlt. Die Gastrollen sind ausgewogener gestaltet, was gar nicht einmal von Nachteil ist. Man könnte nicht sagen, ob der Aufschneider und „Parasit“ Alexander Humboldt-Stankowic eine größere Rolle spielt als seine Geliebte oder die Augenzeugin Beate Löhr. Rechnung trug Ringelmann dieser dramaturgischen Gleichberechtigung durch eine gleichberechtigte Prominenz unter den Nebendarstellern. Edwin Noël, Gisela Stein, Iris Berben, Hans Quest, Dirk Dautzenberg – wieder einmal gelang eine glänzende Besetzung, die perfekt auf die jeweiligen Charaktere ausgerichtet ist und keine Wünsche offenlässt.

Hampel steuerte ein hochklassiges Drehbuch mit einigen bissigen Momenten bei. Amüsant gestalten sich wieder einmal die Gespräche zwischen Köster und Millinger, die über die erforderliche Modernität bei Ermittlungen streiten. Von Computern will der altmodische Köster nichts wissen, Millinger bedauert derweil, dass seine kostspieligen Innovationen nicht genutzt werden. Die Episode gipfelt dann auch auf dem Revier mit einer packenden Schlusssequenz und einem eindrucksvollen Abspannbild, unterstützt durch eine Pause und einen Stimmungswechsel in der Musik.

Die Ausgangslage gestaltet sich sehr reizvoll und die Ermittlungen wissen das Interesse kompetent zu halten. 5 von 5 Punkten.

Lieblingszitat: „So rücksichtsvoll, Köster, so zartfühlend. Sie sind doch nicht etwa krank?“

Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

23.01.2014 15:20
#206 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten



Der Alte: Alte Kameraden

Episode 32 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Volker Vogeler. Mit: Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Henning Schlüter, Bernhard Wicki, Eric Pohlmann, Paul Bürks, Peter Capell, Bruno Hübner, Helma Seitz u.a. Erstsendung: 12. Oktober 1979.

Zitat von Der Alte: Alte Kameraden
Kaum hat Hans Pagel das Gefängnis hinter sich gelassen, entkommt er nur knapp und durch Kösters zufällige Anwesenheit einem Anschlag auf sein Leben. Der wegen Mordes verurteilte Pagel hatte stets beteuert, das ihm zur Last gelegte Verbrechen nicht begangen zu haben. Das wiederholt er nun auch Köster gegenüber. Sicher ist aber: Er hatte sich mit gefährlichen „Freunden“ eingelassen, die er nun aufs Kreuz zu legen gedenkt. Die Bande um Jellinek hat derweil ganz andere Pläne ...


Sehenswert gestaltet sich „Alte Kameraden“ vor allem deshalb, weil es sich um eine sehr persönliche „Der Alte“-Folge handelt. In nahegehenden Bildern, die vor allem von extremen Nahaufnahmen dominiert werden, inszeniert Grädler die alte Bekanntschaft von Pagel und Köster, wobei Pagel dem Kommissar im Zweiten Weltkrieg das Leben rettete. Die Geschichte, die auch Kösters Beweggründe, zur Kripo zu gehen, beleuchtet, wirft Licht auf einen Charakter, der sich sonst hinter Sturheit und Dienstbeflissenheit versteckt. Und sie zeigt bemerkenswerte Parallelen zur Realität. Nicht nur Pagel und Köster waren „Alte Kameraden“, auch den Regisseur Teddy Grädler verband eine ähnliche Beziehung zu „Derrick“-Star Horst Tappert:

Zitat von Katrin Hampel: Das große Derrick-Buch, Henschel Verlag Berlin, 1995, S. 138
Wenn für Derrick irgendwann die letzte Filmklappe gefallen ist, könnte er sich vorstellen, den Rest seines Pensionärsdaseins auf [der norwegischen Insel Hamaröy] zu verbringen. Zumindest weiß er jetzt schon, was er an Silvester im Jahre 2000 macht. „Zur Jahrtausendwende werde ich mit einem Freund, der mir im Krieg das Leben rettete, an der italienischen Riviera die Raketen ins nächste Jahrtausend jagen. Ich habe viel Glück gehabt, ich will dem Schicksal dafür danken!“ Der Lebensretter ist übrigens „Derrick“-Regisseur Theodor „Teddy“ Grädler.


Leider enden die lobenden Worte für Grädler an dieser Stelle. In „Alte Kameraden“ schuf er zu wenig Spannung, zu wenig Anreiz, gebannt der Handlung zu folgen, die sich bei genauerer Betrachtung auf eine übliche Rachegeschichte begrenzt. Sicher darf man einen Teil des schwarzen Peters auch wieder dem Autor Volker Vogeler zuschieben.

Ein schlechtes Zeichen für „Der Alte“ scheint auch das Auftauchen von Bernhard Wicki zu sein, der ebenfalls in der Episode „Der Zigeuner“ mitspielte, die bisher (und ich hoffe, auch insgesamt) die rote Laterne innerhalb der Reihe hält. Auch hier muss er wieder versuchen, seine an sich lahme Rolle durch persönliche, aber überlange Gespräche mit Köster aufzupeppen. Eric Pohlmann als Gegenspieler bedient ein ähnliches Fach, ohne dabei so viel Aufmerksamkeit wie Wicki zu erhalten.

Berechtigte Kritik übt Hans Pagel am Büro Kösters, das optisch wahrlich nicht gerade viel hermacht. Man fragt sich deshalb, warum ein Großteil der Handlung in diesem und anderen ebenso wenig attraktiven Sets und Wohnungen angesiedelt ist und sich das Team nicht traute, der Episode mit mehr Außenszenen Leben einzuhauchen. Der Anfang sowie die einigermaßen kreative Artistenpension hätten diesbezüglich gute Anreize geben können.

Nicht jeder Fall aus der Vergangenheit weiß automatisch zu fesseln, nicht jedes Verbrecherschicksal kann als Ausgangspunkt für eine interessante Folge dienen. Trotz aller Versuche Bernhard Wickis, seinen Sträfling Pagel als Figur mit Vorgeschichte und Beziehungen zu zeichnen, krankt dieser „Alte“ an einem gestelzten Drehbuch und einer höhepunktslosen Regie. 3 von 5 Punkten.

Lieblingszitat: „Ich habe noch nie jemanden getroffen, der soviel Fantasie hat – und so wenig Geschmack.“

Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

16.04.2014 23:00
#207 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten



Der Alte: Eine große Familie

Episode 33 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Rosendorfer. Mit: Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Inge Birkmann, Horst Frank, Cilla Karni, Joachim Wichmann, Edith Schultze-Westrum, Peter Fricke, Diana Körner u.a. Erstsendung: 2. November 1979.

Zitat von Der Alte: Eine große Familie
„Nicht eine zahlreiche Familie, sondern eine große Familie, alte Familie. Hennerscheidt. Sagt dir der Name nichts?“ Kommissar Köster ist noch gut informiert über den vor dem Krieg berühmten Münchner Clan. Heymann ist zu jung, um je von den Hennerscheidts gehört zu haben. Erst als auf dem Familiensitz ein Mord geschieht, kehren die zurückgezogenen Herrschaften wieder auf die Titelseiten der Zeitungen zurück. Doch die Geheimnisse, die zwischenzeitlich hinter den dicken Mauern verborgen werden mussten, dürfen keinesfalls nach außen dringen ...


Aus jedem Winkel des schlossähnlichen Familiensitzes dringt Altehrwürdigkeit und Gediegenheit. Dennoch scheint von Anfang an klar zu sein, dass bei den Hennerscheidts ein gewaltiges Rätsel unter den Teppich gekehrt und mit aller Macht am Wiederauftauchen gehindert wird, was sich vor allem der Verschwiegenheit und den gleichzeitigen wissenden Blicken und Bemerkungen der Angestellten Pelz entnehmen lässt. So hat Joachim Wichmann einen grandiosen Auftritt als gut informierter, duckmäuserischer, aber letztlich nur semidiskreter Diener, der eine ausgewogene Mischung aus eingeschliffener Höflichkeit und eigener Persönlichkeit findet. Da es – so etwas wäre bei Reinecker völlig unmöglich – keinen echten Hausherren mehr gibt, fungiert Wichmann in gewisser Weise als Ersatz – er ist zwar „nur“ ein Faktotum, aber irgendwie doch so viel mehr.

„Eine große Familie“ illustriert bei aller Noblesse doch in erster Linie das Absinken eines ehemals großen Namens. Wie ein Symbolbild steht Inge Birkmann in ihrer ältlichen, schwachen Rolle für die Fäulnis, von der die Hennerscheidts befallen sind und die den Clan von seiner früheren Macht über zwischenzeitliche Bedeutungslosigkeit schließlich in ein auswegloses Ende führt. Birkmanns Spiel lässt sich dabei nur als ergreifend bezeichnen. Der großen Mimin gelingt es, mit wenigen klug eingesetzten Bewegungen und noch weniger Worten ein mysteriöses Flair aufzubauen, das erst am Ende vollständig durchdrungen werden kann. Wie sagt Köster so schön: „Wir kennen die alte Dame noch gar nicht, aber man spürt sie überall.“

Tatsächlich könnte „Eine große Familie“ auch als Krimi aus früheren Zeiten – so etwa als „Plüschkrimi“ – funktionieren. Allein schon das Köster über das Hotel zugestellte, in Keilschrift verfasste Dokument ist enorm faszinierend. Doch diese „Der Alte“-Folge gewinnt auch daran, dass sie das Alte (zu dem Köster diesmal über seine Polizistenrolle hinaus angehört) gegen das Moderne ausgespielt wird. So ist zum Beispiel die Skepsis bemerkenswert, die Heymann Dr. Hennerscheidt die ganze Zeit über entgegenbringt. Freilich ist Horst Frank ohnehin nicht zum Sympathieträger geboren, was seinem schwierigen Part in dieser Episode sehr zuträglich ist und erneut beweist, dass Frank seine Fernsehauftritte mit Bedacht auswählte.

Die perfekte Symbiose aus Drehbuch und Regie: Unklarheit hängt wie Spinnweben über dem düsteren Gemäuer, in dem sich die Hennerscheidts von der Außenwelt abgeschottet haben. Die Atmosphäre erlaubt der Kripo, in vergangene Zeiten hineinzuschnüffeln und ein Geheimnis zu entdecken, das ausgesprochen pikant ist, aber nicht deplatziert wirkt. Schauspielerisch tun sich Birkmann, Frank und Wichmann hervor, doch die Palette der Gastdarsteller hält sogar noch mehr Schmankerl bereit. 5 von 5 Punkten.

Lieblingszitat: „Täter haben immer ein Alibi.“

Mr Keeney Offline




Beiträge: 1.328

17.04.2014 10:24
#208 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Eine schöne Würdigung dieser herausragenden Folge. Sie gehört auf jeden Fall zu meinen Top 10 der Lieblingsfolgen von „Der Alte“. Da ich bislang aber eher durchwachsenere Rezensionen las, freut mich Gubanovs Lob natürlich besonders.
Atmosphärisch und darstellerisch auf allerhöchstem Niveau.
Wie bereits vorher in diesem Thread erwähnt:
Eine der Folgen, die ich nach dem ersten Sehen nie mehr vergessen hab, ja die quasi sogar die Umstände und Begebenheiten meiner ersten Sichtung voller Wucht mit in mein Gedächtnis einbrannte, und die mich beim Wiedersehen auch unter völlig anderen Gefühlsfirmamenten und Sternkonstellationen niemals enttäuscht hat.
Überragend!

Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

17.04.2014 12:30
#209 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Hallo Mr Keeney, ich kenne zwar noch lang nicht alle Köster-Folgen, aber unter den bisher gesehenen würde ich „Eine große Familie“ ohne Zweifel auf Platz 1 setzen. Hier stimmt wirklich alles, nachdem ich beim „Alten“, wie du richtig schreibst, doch häufig einen eher durchwachsenen Eindruck gewinne. Wie zum Beispiel bei der folgenden Episode:



Der Alte: Die Lüge

Episode 34 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Volker Vogeler. Mit: Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Rudolf Platte, Bruno Dietrich, Witta Pohl, Eva Kotthaus, Lisa Helwig, Hans Elwenspoek, Ursula Ludwig u.a. Erstsendung: 30. November 1979.

Zitat von Der Alte: Die Lüge
Herr Bertram liegt schwerverwundet auf dem Wohnzimmerteppich. Seine Frau, die jahrelang unter häuslicher Gewalt zu leiden hatte, hat ihn mit seiner eigenen Pistole angeschossen. Ebenfalls im Haus: Opa Kampka, der vielleicht mehr weiß, als er zugibt. Weil Karin Bertram verhaftet wird, kommt Kampka in ein Heim, stellt sich dort aber stur. Um ihn weichzukochen, lädt ihn Kommissar Köster ein, die Nacht in dessen Wohnung zu verbringen. Schon bald begleitet er den Opa zum Entenfüttern oder auf den Rummelplatz. Welches Geheimnis wird er ihm entlocken?


„Die Lüge“ wirft den Zuschauer gleich ins kalte Wasser. Nach der grädlertypischen Titeleinblendung auf simplem schwarzem Untergrund wird man gleich ins Wohnzimmer Bertram, zum Abtransport des Verletzten und zur Verhaftung der geständigen Schützin gehetzt. Eigentlich schade, weil man sich damit die Gelegenheit vergab, vor der Tat eine Atmosphäre aufzubauen, von der hinterher zwar noch häufig die Rede ist, die aber nirgends wirklich deutlich spürbar wird. Vielleicht eine zwangsläufige Enttäuschung direkt nach der stimmungsgetränkten „großen Familie“? Vielleicht. Aber auch klare handwerkliche Schwächen auf der Seite der „Lüge“: Dass mich Volker Vogelers Drehbuch nicht überzeugt, dürfte wohl keine Überraschung darstellen. Grädler inszeniert gewohnt verunglückt – wie immer, wenn er eines der euphemistisch gesprochen „ausgefallenen“ Vogeler-Skripte umsetzen musste. Viele Szenen, die offenbar als bedeutungsschwanger angesehen wurden, ziehen sich wie Kaugummi und verfügen über unnatürlich lange Schlusseinstellungen, als warte der Regisseur noch auf den Tusch, der dem Zuschauer signalisieren soll: Merk dir, hier wurde Wichtiges gesprochen.

Das Gewollte ist das Problem an dieser Folge. Man wollte das Problem des Alterns ansprechen, tat dies aber auf eine Art, die Rudolf Platte bockig und infantil erscheinen lässt. Man wollte eine überraschende Lösung präsentieren, die aber ungefähr 53 Minuten vorher schon vorauszuahnen ist. Man wollte Humor einflechten, doch die immer gleiche Frage des nichtswissenden Protokollanten geht schon beim zweiten Mal nicht nur Köster auf den Zeiger ...

Während die Einbindung des Privatlebens unseres „Alten“ gut gelungen ist (Xenia Pörtner immerhin am Telefon, eine liberale Bademantelauffassung etc.) und auch die Szenen auf der Intensivstation und im OP einen recht ordentlichen Eindruck hinterlassen, enttäuscht die Darstellung der alten Leute – allen voran die platte Plattes (sorry, der musste sein!). Auch Lisa Helwig und Hans Elwenspoek sammeln in einem eigentlich völlig überflüssigen Ein-Szenen-Auftritt keine Pluspunkte. Der gesamten Episode wohnt wie fast allen Grädler-Vogeler-Konstellationen ein unangenehmes Gefühl inne, das sich schwer beschreiben lässt. Zum einen ist es der seltsamen Bertram’schen Familiensituation geschuldet, aber auch der ganzen Herangehensweise an das Konzept „Der Alte“, das dann leider doch nicht immer für Qualität stand.

Mit dem Scheitern Rudolf Plattes als verrückter alter Kauz scheitert die gesamte außerdem noch sehr vorhersehbare Episode. Das geringe Tempo und der unschöne, seine Chancen verspielende Einstieg tragen das Ihrige zu 2,5 von 5 Punkten bei.

Lieblingszitat: „In meinem nächsten Leben möchte ich ein Kastanienbaum sein. Dann brauche ich wenigstens nichts mehr zu fragen.“

Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

17.04.2014 20:00
#210 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten



Der Alte: Illusionen über einen Mord

Episode 35 der TV-Kriminalserie, BRD 1979. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Detlef Müller. Mit: Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Henning Schlüter, Hildegard Knef, Joachim Bissmeier, Gabriele Fischer, Karin Baal, Arthur Brauss, Rainer Basedow u.a. Erstsendung: 28. Dezember 1979.

Zitat von Der Alte: Illusionen über einen Mord
Walter Neukirch ist seit 16 Jahren verschwunden. Der Vermisste war damals angeblich nach Kanada aufgebrochen, um sich ein neues Leben aufzubauen. Doch daran gibt es Zweifel – gut begründete Zweifel, denn seine Leiche wird 1979 verscharrt unweit des Tegernsees gefunden. Neukirch wurde 1963 ermordet. Dieser Mord scheint in Zusammenhang mit einem Überfall zu stehen, den ein Angestellter der Firma Neukirch nur wenige Tage zuvor beging. Ein gemeinsamer Freund gewährt dem gesuchten Räuber Unterschlupf. Verbindet den Verbrecher und den angesehenen Geschäftsmann der Mord an Neukirch?


Zunächst einmal erinnert „Illusionen über einen Mord“ an ein Puzzlespiel. Bevor man erkennt, dass seine Einzelteile um die Protagonisten Gerold und Schwörmann perfekt verzahnt ineinanderpassen, muss man von einer fein säuberlich getrennten Parallelhandlung ausgehen. Tatsächlich werden am Ende drei Fälle miteinander kombiniert: der Überfall auf den Supermarkt durch Schwörmann, die Tötung Walter Neukirchs in der Vergangenheit und die damit im Zusammenhang stehende geheime Macht, die Schwörmann über Gerold ausübt, sowie Schwörmanns Ableben durch Schussverletzung. Allein diese Aufzählung zeigt die vielschichtige Anlage der Episode, die so kompliziert verschachtelt ist, dass sie einen an simple Reinecker-Geschichten aus dem „Kommissar“ oder „Derrick“ gewöhnten Zuschauer beinah ein bisschen überfordert. In diesem Zusammenhang hätte ich mir eine Laufzeitausdehnung der Folge gewünscht – nicht nur, um der Struktur gerecht zu werden, sondern auch um den einzelnen Protagonisten mehr Raum zum Atmen zu geben. „Illusionen über einen Mord“ verfügt über sehr viele lobenswerte Wendungen und Geheimnisse, die eine genauere Beleuchtung verdient hätten. In der vorliegenden komprimierten Form erhält man den Eindruck, als würde Kommissar Köster alle Verbrechen sozusagen im Vorbeigehen aufklären, sodass die Ausweitung des Detlef-Müller-Drehbuchs auf Spielfilmlänge für zusätzliche Tiefe in der Geschichte gesorgt hätte.

Abgesehen von diesen Defiziten gefallen mir die „Illusionen“ ausgesprochen gut. Wieder einmal ist es die Besetzung, die sich als besonderes Auszeichnungsmerkmal hervortut. Vor allem die Darsteller der beiden Ehepaare verstehen es ausgezeichnet, den Kontrast zwischen den wohlhabenden, gebildeten Gerolds und den abgewrackten Gelegenheitsverbrechern und Säufern Schwörmann darzustellen. Joachim Bissmeier und Hildegard Knef treten sozusagen gegen Arthur Brauss und Karin Baal an. Während Brauss und Bahl für eine gewisse Urigkeit sorgen, streuen Bissmeier und Knef leise, melancholische Töne einer interessanten Liebe ein. Auf diese zielt auch die romantische Musikuntermalung Hans Hammerschmids ab, die gewisse Ähnlichkeiten mit der Melodie einer berühmten Kaffeewerbung nicht verleugnen kann.

Während doch mit gewisser Regelmäßigkeit Längen in TV-Krimiserien kritisiert werden müssen, so ist das Gegenteil einer zu komplexen Erzählung nur selten der Fall. Hier liegt allerdings ein Beispiel einer solchen vor, die auch in einem entsprechend erklärungslastigen Ende kulminiert. 4 von 5 Punkten haben „Illusionen über einen Mord“ dennoch sicher, denn ein übermotivierter Drehbuchautor ist ganz eindeutig besser als ein lustloser. Schöne Schauspielerleistungen in einer prominenten Besetzung sowie spannendes Spiel auf verschiedenen Zeitebenen.

Lieblingszitat: „Der Täter hat auf dem Sessel gesessen, auf dem Sie jetzt sitzen.“ – „Das stört mich nicht.“

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