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Dieses Thema hat 845 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Offline




Beiträge: 14.747

14.08.2017 17:45
#841 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten

DERRICK Collector’s Box 17 (Folgen 241 bis 255, 1994-96)





Derrick: Nachtgebete

Episode 241 der TV-Kriminalserie, BRD 1994. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Gerd Anthoff (Dr. Roth), Doris Schade (Frau Roth), Hanno Pöschl (Sacko), Robert Wolfgang Jarczyk (Kottbus), Sissy Höfferer (Anita Kersky), Monika Baumgartner (Ulrike Berger), Jaschka Lämmert (Marianne Berger), Christiane Rossbach u.a. Erstsendung: 11. November 1994, ZDF.

Zitat von Derrick: Nachtgebete
Kurz bevor die Nachtlokalkellnerin und Prostituierte Ulrike Berger ermordet worden ist, hat sie eine eidesstattliche Erklärung abgegeben: Der Ägyptologe Dr. Roth soll der Vater ihrer Tochter Marianne sein. Obwohl Roth genau weiß, dass die 17-jährige Marianne nicht sein Kind ist, widerspricht er nicht, denn er sieht, dass die Teenagerin harten Angriffen ausgesetzt ist. Die Arbeitgeber und mutmaßlichen Mörder ihrer Mutter wollen sie jedenfalls aus der „Dienstwohnung“ heraushaben. Zugleich macht sich Dr. Roth mit seiner Beschützerhaltung Todfeinde, denn Marianne ist in Wahrheit die Tochter des Bordellkönigs Sacko ...


Hin und wieder wird „Nachtgebete“ als ein Totalausfall oder als eine höhepunktlose, langweilige Folge beschrieben. Während es sicher wahr ist, dass mit Fall #241 nicht der beste und spannendste „Derrick“ der ZDF-Geschichte gedreht wurde, wäre solch ein Urteil doch etwas harsch. Insbesondere aus darstellerischer Sicht lassen Doris Schade und Gert Anthoff als skurriles Mutter-Sohn-Gespann nichts anbrennen. Zusammengenommen mit Horst Tapperts diesmal wieder an zahlreichen Stellen überlegen-süffisantem Auftreten entstehen deshalb einige effektive humorvolle und sympathische Momente, die für einen soliden Wohlfühlfaktor sorgen, wenn es sich schon bei der Mordsache Berger nicht um die Neuerfindung des Rades handelt. Reinecker schildert den Mord an der Halbweltdame so routiniert, dass er sich gar nicht mehr bemüht, ein valides Motiv oder den Hauch eines Täterrätsels einzustreuen. Eine allgemeine Bösartigkeit der Betreiber des Nachtclubs darf eben einfach vorausgesetzt werden und wird von Hanno Pöschl und insbesondere von Robert Jarczyk auch standesgemäß erfüllt.

Weil von Anfang an klar ist, wer Ulrike Berger tötete, wird die folgenschwere Frage „Vaterschaft ja oder nein“ ganz deutlich in den Mittelpunkt gerückt. Fühlt man sich zunächst an die in den 1990er Jahren aufgekommenen Nachmittagstalkshows erinnert, in denen ähnliche Themen in farbenfrohsten Variationen ausdiskutiert wurden, so entwickeln sich – auch dank der unverbrauchten Jungschauspielerin Jaschka Lämmert – zwischen Marianne und ihrem angeblichen Vater später regelrecht anrührende Momente. Das ist umso kurioser, als beide um die erschwindelte Situation wissen, und zeigt ebenso wie Derricks Mahnung, dass die Menschen heute oft nur mehr an sich selbst denken, dass es dem Autor weniger um einen ernstlichen Krimi als vielmehr um eine Kontrastierung von Menschlich- und Unmenschlichkeit geht. Das passt dann auch zum Finale, in dem zwar ein großer Showdown antizipiert wird, aber letztlich leider die wesentliche Überrumpelung der Täter off-screen, fernab jeder Kamera stattfindet.

Dass sich Gert Anthoffs Figur als Ägyptologe verdingt, fügt der Handlung eigentlich nichts hinzu, gibt ihm und Tappert aber die Gelegenheit, eine Szene vor einer schönen Museumskulisse zu absolvieren, die ebenso wie der geordnete Haushalt der Roths einen gelungenen Kontrapunkt zu den dauernden Exkursionen ins blau-weiße Nachtleben (wo diesmal Frauen für 1500 bis 2000 Mark pro Nacht an den Höchstbietenden versteigert werden) setzt. Klar kommt in der Haltung, die nichts Besseres kennende Ulrike Berger werde die gelehrte platonische Urlaubsbekanntschaft mit Doktortitel nachhaltig anhimmeln, wieder ein bisschen Reinecker-Snobismus der alten Schule durch – doch das ist ja eigentlich genau das, was die Bücher des Dauerschreibers so verschroben liebenswert macht.

Horst Tappert löste den im Nachspann genannten Theodor Grädler krankheitsbedingt kurzzeitig auf dem Regiestuhl ab – Brüche merkt man den „Nachtgebeten“ aber keine an. Es handelt sich um eine Folge, die die Mordspannung zwar auf ein Minimum einschrumpft, aber von gut aufgelegten Schauspielern und effektiven Schattenrissen der Prototypen von Gut und Böse profitiert. 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.747

15.08.2017 21:45
#842 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Abendessen mit Bruno

Episode 242 der TV-Kriminalserie, BRD 1994. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Sebastian Koch (Martin Sasse), Philipp Moog (Bruno), Wolf Roth (Mandy), Ernst Jacobi (Sasse senior), Sona MacDonald (Ingrid Sasse), Marion Kracht (Sophie Lauer), Elert Bode (Professor), Thomas Schücke (Jürgen Simon) u.a. Erstsendung: 9. Dezember 1994, ZDF.

Zitat von Derrick: Abendessen mit Bruno
Obwohl sie ihn zunächst als lästige Verpflichtung betrachten, finden die geschäftstüchtigen Sasses für ihren geistig zurückgebliebenen Sohn und Bruder Bruno plötzlich nutzbringende Verwendung, als sie eine Leiche im Wohnzimmer liegen haben. Statt des Brötchenverdieners und eigentlichen Mörders Martin soll Bruno der Polizei als Sündenbock untergeschoben werden – schließlich kann dieser ohnehin nicht strafrechtlich verurteilt werden! Und jeder andere Polizist wäre den Sasses auch prompt auf den Leim gegangen. Nur Derrick, unterstützt von einer befreundeten Psychologin, hegt Zweifel an dem von vier Augenzeugen dargelegten Tathergang ...


Parallelen von „Abendessen mit Bruno“ zu „Anschlag auf Bruno“ sind offensichtlich und werden bei jeder sich bietenden Gelegenheit von „Derrick“-Fans gern betont. Die Konzentration auf den Namen Bruno lässt auf dem zweiten Auge ein wenig erblinden, denn eine weitere Titelgemeinsamkeit, die diese Folge betrifft, kam bisher noch nirgends zur Sprache: Da Reinecker bekannterweise seine Drehbücher am Vormittag – also vor dem Mittagessen – schrieb, muss er dabei manches Mal Appetit verspürt haben, wie neben „Abendessen mit Bruno“ auch Kreationen wie „Kaffee mit Beate“, „Unstillbarer Hunger“, „Caprese in der Stadt“, „Die Festmenüs des Herrn Borgelt“, „Teestunde mit einer Mörderin?“ und „Frühstückt Babette mit einem Mörder?“ belegen.

Auf einem vergleichbaren heimwerk-psychologischen Niveau bewegen sich auch die Analysen, die der namenlose Irrenarzt und die Derrick mit verdächtiger Intimität zur Seite gestellte Polizei-Seelenklempnerin Sophie Lauer anstellen. Gerade die „Neue“ im Ermittlerteam (ab hier fünf sporadische Auftritte für Marion Kracht in dieser Rolle bis „Anna Latowski“) amüsiert mit ihrer Fähigkeit, eine Ferndiagnose über den titelgebenden Bruno binnen Sekunden und ohne mit dem Patienten zu sprechen sozusagen über die Türschwelle zu fällen. Dies ist programmatisch, weil die Polizei sich in diesem Fall auf die faule Haut legt und nichts davon hält, ernsthafte Ermittlungen anzustellen. Derrick, anstatt die Firma der Sasses aufzusuchen – schließlich war der Tote ein Angestellter –, lehnt sich zurück und wartet einfach auf ein Geständnis des Täters.

So verliert sich ein Fall, der eigentlich sehr vielversprechend beginnt, nach dem Mord in bleierner Schwere, die vor allem aus der Vorhersehbarkeit der Ereignisse (etwas, das bis zur Tat geschickt umgangen wurde) und der 08/15-Inszenierung von Alfred Weidenmann resultiert. Nicht gerade zuträglich ist auch die Besetzung von Bruno mit Dauer-Student Philipp Moog, dessen erster Auftritt als zurückgebliebener Bruder von jedem „Derrick“-Kenner wohl erstmal mit einem überraschten Lachen quittiert worden sein dürfte (kein atmosphärisch guter Einstand für eine tragische Rolle). Man nimmt Moog die Bruno’schen Eigenheiten, die mit dessen totaler emotionaler Isolation einhergehen, nicht in gleichem Maße ab wie seinerzeit Dieter Schidor, dem das Porträt eines Kranken sehr gut gelang.

Umso wichtiger ist es, dass Sebastian Koch als sein Filmbruder alle Register zieht. Als Fiesling vom Dienst intrigiert er gemeinsam mit Wolf Roth, was das Zeug hält und sorgt gemeinsam mit dem ambitionierten, aber für eine Erpressung nicht ausreichend abgebrühten Thomas Schücke für die unübersehbaren Höhepunkte der Folge. In Anbetracht seiner Charakterzeichnung, aus jeder schwierigen Situation das für ihn Beste zu machen, schnell, geschickt und gewissenlos zu reagieren und dabei keine Rücksicht auf andere Beteiligte zu nehmen, wirkt das Ende, das Reinecker dann kurz vor knapp aus dem Hut zaubert, unglaubwürdig und konstruiert. Schade – die Folge hätte bis zur 30-, 35-Minuten-Marke Potenzial zu so viel mehr gehabt!

Reinecker-Krimis sind voll von Familienmitgliedern, die selbstlos die Schuld der Verwandten auf sich nehmen, um diese zu entlasten. Wenn aber ein Zurückgebliebener und somit Schutzbedürftiger zur exakt gleichen Vorgehensweise angehalten wird, ist diese dem sonst ausdauernden Propagator von Familienzusammenhalt plötzlich gar nicht mehr recht. Er garniert dieses nach „Mitternachtsbus“ und „Anschlag auf Bruno“ erneut vorgetragene Statement mit einem glitschig-erfindungsreichen Täter, der sich mit etwas Glück und guten Anwälten über die Notwehr-Schiene vor einer Verurteilung nach dem Abspann retten können dürfte. 3 von 5 Punkten für eine nett zurechtgelegte, in der zweiten Hälfte aber leider ziemlich verunglückte Story.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.747

16.08.2017 11:35
#843 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Katze ohne Ohren

Episode 243 der TV-Kriminalserie, BRD 1995. Regie: Horst Tappert. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Karlheinz Hackl (Dr. Kostiz), Svenja Pages (Karina Wienand), Peter Kremer (Manfred Mauser), Robinson Reichel (Andreas Klausen), Enzi Fuchs (Frau Klausen), Karin Anselm (Frau Wienand), Gerhard Schmitt-Thiel (Jakobsen), Günter Clemens u.a. Erstsendung: 6. Januar 1995, ZDF.

Zitat von Derrick: Katze ohne Ohren
Die Weltschmerz-Appelle, die der Wissenschaftler Dr. Kostiz in einem Fernsehinterview verbreitet, rütteln Karina Wienand auf, dem schrecklichen Treiben ihres Freundes nicht länger tatenlos zuzusehen. Dieser verkauft Heroin und hat neuerdings sogar das offizielle Unterwelt-Monopol für den Rauschgifthandel an Münchner Schulen bekommen. Karina verlässt den Dealer, der noch in der gleichen Nacht erschossen wird. Hatte sie selbst den Finger am Abzug? Oder stecken Dr. Kostiz oder der süchtige Andreas Klausen in der Sache mit drin? Derrick ermittelt ...


Der Folge „Katze ohne Ohren“ geht ein großer Ruf voraus – einerseits weil Horst Tappert wieder einmal selbst im Regiestuhl saß (und diese Folge offenbar besonders schätzte), andererseits aufgrund der angeblich ungewöhnlichen Thematik. Umso erstaunter war ich, als ich eben keine ungewöhnliche Thematik, sondern nur die drölfzigste dröge Drogenfolge serviert bekam, die sich in den jahrzehntelang eingefahrenen Mustern solcher Reinecker-Ausflüge bewegt und damit weder über besondere Spannung noch über wirkliche Tragik verfügt. Sicher: Tappert gab sich alle Mühe, dem Stoff mit einigen für die Serie nicht alltäglichen Kniffen so etwas wie Nachhall zu verleihen, doch diese Nachdenklichkeit wirkt nachträglich aufgeklebt, spiegelt sich nicht in dem sehr platten Drehbuch wieder, das Ringelmann so ähnlich schon unzählige Male zuvor vorgelegt bekommen und (ich vermute: zunehmend augenrollend) durchgewunken hatte.

Die meisten Folgen der letzten Jahrgänge zeichnen sich zwar durch eine moralische Absicht des Autors, aber durch eine im Vergleich mit den früheren Jahren und gerade auch den „Kommissar“-Folgen nicht mehr ganz so penetrante Zeigefinger-Rhetorik aus. „Katze ohne Ohren“ wirft dieses Prinzip des Maßhaltens total über Bord und ergeht sich in wahren Schwällen mahnender Sonntagsreden von der Apokalypse, die nicht vor der Tür, sondern schon längst im Zimmer steht, oder dem Zug, der ungebremst in Richtung Unheil fährt. So ähnlich regnen die theatralischen Worte von Anfang bis Ende aus Karlheinz Hackls Mund (man verzeihe mir, dass ich die Szenen jetzt nicht nochmal nachschaue) und man wünscht sich, Tappert möge doch bitte möglichst schnell zur nächsten Szene überwechseln. Was aufrüttelnd und appellierend wirken soll, nervt einfach nur, weil es sich um auf lächerliche Weise aneinandergereihte Allgemeinplätze handelt, zwischen die ’mal kurz ein paar Reizworte wie UV-Strahlung und Ozonloch geworfen werden, welche aber letztlich jeder Substanz oder ernsthaften wissenschaftlichen Fundierung entbehren. Dennoch hält sich fälschlicherwise das Gerücht, in „Katze ohne Ohren“ würden ökologische Themen angesprochen.

Dass ich Karlheinz Hackls Darstellung für hoffnungslos überzogen halte (mithin ein perfekter Kandidat für die Zweitauflage der „Derrick“-Schauspieler-Flopliste), dürfte schon deutlich durchgeklungen sein. Auch sonst lebt die Folge leider nicht von besonders glaubwürdigen Darstellungen – mit einer Ausnahme: Enzi Fuchs spielt als Mutter des drogensüchtigen Andreas sehr engagiert, was den Plan, die Tränendrüsen des Zuschauers zu strapazieren, wenigstens während der Rückblenden zur Tat kurz aufgehen lässt. Leider steht sie allein auf weiter Flur, denn während Svenja Pages eine durchaus liebenswürdige Person sein mag, zeigt sie sich mit ihrer zentralen Rolle diesmal arg überfordert, spricht wie ein Roboter und kann den Zick-Zack-Kurs bzw. die innere Zerrissenheit ihrer Rolle nicht fassbar machen. Und Worte über Robinson Reichel, ein Dauer-Entfant-terrible der Serie, dürften sich sowieso erübrigen.

Insgesamt bleibt ein sehr schwacher Eindruck zurück. Es kommt selten bei „Derrick“ vor, dass schon die Vorgeschichte zum Mord langweilt, doch hier ist selbst das schon der Fall. Tappert rettete immerhin den Mittelteil ein klein wenig – zumindest steht zu vermuten, dass dies sein Verdienst war –, indem er die polizeiliche Ermittlungsarbeit etwas mehr als sonst in den Vordergrund rückte und vor allem Fritz Wepper wieder einmal einen größeren Auftritt als harter Hund während eines Verhörs zugestand. Harry nimmt die Gelegenheit dankend an, bellt aber – wie sollte es anders sein? – mit jahrelang geübter Zuverlässigkeit den falschen Baum an.

Selten klaffen Klassikerstatus und wirkliche Episodenqualität so sehr auseinander wie bei diesem dauerphilosophischen Drogen-Elaborat. Vielleicht die schlechteste Tappert-Regie-Folge – vor allem wegen des lästigen Weltverbesserer-Drehbuchs und der unterdurchschnittlichen Darstellerleistungen. 2 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.747

16.08.2017 23:00
#844 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten

Aus dem Schatten ins Licht, sozusagen ...



Derrick: Anruf aus Wien

Episode 244 der TV-Kriminalserie, BRD 1995. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Peter Fricke (Bach), Jutta Kammann (Ulrike), Veronika Fitz (Charlotte), Sybille Widauer (Babette), Klaus Höhne (Kriminaldirektor), Jaron Löwenberg (Büttner), Tobias Mähler, Michael Kamp u.a. Erstsendung: 3. Februar 1995, ZDF.

Zitat von Derrick: Anruf aus Wien
Wie ein Schlag trifft den Bankier Bach die Nachricht, dass seine Tochter Babette entführt worden ist. Gemeinsam mit der geschiedenen Frau und Mutter von Babette beschließt er, die Anweisungen der Entführer genau zu befolgen. Ohne Polizeiinvolvierung stellt Bach für einen Mittelsmann eine Million Mark in kleinen Scheinen zur Abholung im eigenen Hause bereit, doch bei der Lösegeldübergabe kommt es zu einem Zwischenfall, bei dem Bach den Boten erschießt. Jetzt steht die Polizei doch noch auf der Matte, aber Derrick hat einen genialen Plan, um Babette zu retten: Er will den Entführern vorgaukeln, dass der Mittelsmann noch lebe und mit der Million nach Wien getürmt sei. Dafür benötigt er die Hilfe von dessen Ehefrau ...


In wohlbemessenen Abständen streut Herbert Reinecker immer wieder reine Spannungsfolgen bei „Derrick“ ein. Manche überschreiten den selbstverkündeten Grenzgraben zum Action-Genre schon ein wenig zu deutlich (z.B. „An einem Montagmorgen“), doch „Anruf aus Wien“ wahrt in jeder Beziehung eine ausgeglichene Haltung. Mit der Entführung von Babette Bach wird ein sehr starker Antrieb der kommenden Ereignisse geschaffen, vergleichbar mit „Lange Nacht für Derrick“ oder „Caprese in der Stadt“. Peter Fricke als leidender, nervöser Vater und Jutta Kammann als gefasste, latent biestige Mutter bei ihrer gemeinsamen Sorge um die entführte Tochter zu beobachten, lässt die ersten 25 Minuten wie im Fluge vergehen. Mit der gescheiterten Lösegeldübergabe und dem Auf-den-Plan-Treten von Stephan und Harry wandelt sich der Schwerpunkt, nicht aber der rasante Stil der Folge, indem den Entführern mithilfe der erstaunlich kooperativen Frau des Toten eine Scharade vorgespielt wird. Haugk versteht es, beide Hälften äußerst ansprechend zu inszenieren und mit einem Mord in Zeitlupe zu verbinden – ebenso wie er auch schon bei seiner „Derrick“-Premiere „Waldweg“ für ikonische Momente sorgte.

Dass keine Szene gestreckt und keine Sekunde überflüssig erscheint, ist sowohl der totalen Abwesenheit von Philosophie-Einlagen als auch der absolut vorbildlichen Konzentration auf die gewagte, aber handwerklich sauber ausgeführte Polizeiarbeit zu verdanken. Derrick steht für einen bedachten, aber wenn nötig die Regeln überschreitenden Ermittlungsstil, was einerseits volles Engagement seiner Kollegen (schöne Auftritte für Klein und Berger), andererseits Muffensausen bei seinem Vorgesetzten (diesmal in der Rolle: ein herrlich aufgebrachter Klaus Höhne) nach sich zieht.

Vermutet man zunächst, tragischer als die Eltern werde in dieser Folge schon niemand leiden, so überrascht Veronika Fitz in der zweiten Hälfte von „Anruf aus Wien“ mit einer eindringlichen Performance als frische Witwe, von deren Verhalten der Erfolg der Ermittlungen abhängt. Dass die Arme unter einem Schock leidet und das für die Entführer inszenierte Spiel nutzt, um selbst der bitteren Realität in eine Traumwelt zu entfliehen, macht die Sache zwar leichter, führt Stephan Derrick aber auch vor Augen, dass er in dieser Geschichte Menschen wie Schachfiguren benutzen muss und sein Job dadurch nicht so ehrenwert ausfällt wie als Musterknabe in manch anderer Folge. Ein sehr interessantes Spannungsfeld, das nur kurz angerissen wird, während sich auf der Hauptbühne die Überwältigung der Verbrecher und der Reuegang des bewaffneten Bankiers abspielen.

Manchmal hilft es, sich über ausgelutschte Ideenwiederholungen wie in der letzten Folge zu beschweren – hier geriet Reinecker ganz im Gegenteil die fesselnde Schilderung einer völlig unverbrauchten, sicher nicht 1:1 realistischen, aber immens spannenden Idee. Aus Entführung wird Mord – aber die Opfer beider Verbrechen sind nicht die gleiche Person. Auf bestem Serien-Niveau von Dietrich Haugk inszeniert und vor allem von Fricke und Fitz getragen, sind 5 von 5 Punkten in diesem Fall wohlverdient!

Gubanov Offline




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19.08.2017 00:00
#845 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Ein Mord, zweiter Teil

Episode 245 der TV-Kriminalserie, BRD 1995. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Wolf Roth (Kollau), Gudrun Landgrebe (Agnes Braun), Edwin Noël (Arno Braun), Stefan Wigger (Dr. Gossler), Franjo Marincic (Badoni), Waldemar Wichlinski (Kessler) u.a. Erstsendung: 24. März 1995, ZDF.

Zitat von Derrick: Ein Mord, zweiter Teil
Vor vielen Jahren tötete Kollau den Liebhaber seiner Frau. Nun hat er seine Strafe abgesessen und wird aus dem Gefängnis entlassen. Seine Frau Agnes und ihr jetziger Mann Arno zittern der Rückkehr Kollaus entgegen, denn der Psychiater Dr. Gossler bestätigt, dass der Ex-Knacki von Jähzorn zerfressen ist. Tatsächlich nistet sich Kollau zunehmend im Alltag von Agnes und Arno ein, stellt in deren Haus, das ihm noch immer zur Hälfte gehört, zunächst nur seine Bücher ab und zieht schließlich selbst ein. Welchen Plan verfolgt er? Wird er die Eheleute nun auch umbringen wollen?


Wolf Roth als entlassener Sträfling – ein Schelm, wer sich da automatisch an „Der Schrei“ aus dem „Derrick“-Jahrgang 1991 erinnert. Doch der vertraute ZDF-Mime tritt diesmal unter anderen Vorzeichen auf, die in ihrer sinistren, bösartigen Natur eher mit Peter Kuipers Machenschaften in „Der Untermieter“ (eine Klassiker-Folge von 1981) vergleichbar sind, welcher sich nach verbüßter Haft damals maliziös-zersetzend wie ein Blutegel wieder am Lebensnerv seiner ehemaligen Geliebten festsaugte. Das Schicksal, das seinerzeit (ihrerzeit?) Lisa Kreutzer ereilte, wird hier Gudrun Landgrebe zuteil, deren Agnes Braun von Kollaus Psychoterror malträtiert wird. Zwar gehen Reinecker und Roth etwas manierlicher zu Werke als der wenig zimperliche Kuiper, doch das Gefühl, den Mörder des damaligen Liebhabers nach erneuter Heirat nun wieder im eigenen Hause zu beherbergen, kann einem schon kalte Schauer den Rücken herunterjagen.

Man hätte unter diesen Vorzeichen durchaus erwarten können, dass Alfred Weidenmann die Folge zu einem andauernden Nervenkrieg ausbaut. Sie kommt dafür jedoch etwas gemächlich daher und gewinnt nur langsam an Fahrt, obwohl Kollaus nachdrückliches Vorgehen den Stachel zusehends tiefer in die Wunde der verängstigten, zugleich aber bemerkenswert rückgratlosen Grünwald-Spießer drückt. Während Landgrebe vor Angst zergeht, entpuppt sich Noël in der Rolle des neuen Ehemanns als Weichei vor dem Herrn. Seine Gutmütigkeit und Naivität ist stellenweise drehbuchbedingt ein wenig zu dick aufgetragen; so blauäugig und ignorant einer schwelenden Gefahr gegenüber kann eigentlich niemand wirklich sein. Arno Braun lädt den bösen Geist noch zum Essen ein, zeigt ihm seinen Arbeitsplatz und stellt ihm ohne Zögern seine Kinder vor – kein Wunder, dass sich immer mehr Punkte finden, an denen Kollau ein zerstörerisches Brecheisen ansetzen könnte, um das Leben der Brauns aus den Angeln zu heben.

Umso enttäuschender ist, dass die Folge den Zuschauer um dieses ultimative Vergnügen bringt. Die Auflösung kann nur als Schlag ins Wasser bezeichnet werden; sie lässt den Zuschauer gerade nach dem ansprechend inszenierten Finale in der nächtlichen Villa, bei dem Derrick und Harry – weil bislang keine Gesetze überschritten wurden – auf reine Beobachterplätze verbannt sind, unbefriedigt zurück. Das Fazit, das unter den Fall gezogen wird, ist unspektakulär und entspricht nicht den Erwartungen, die man an einen Freitagabendkrimi stellt. Daraus lässt sich aber sicher mindestens genauso viel über die düstere Seele der Zuschauer wie über die von Kollau ableiten.

Handwerklich gibt es sonst wenig auszusetzen: Frank Duvals Musik zirrt und flirrt spannungsfördernd im Hintergrund, während Klaus König und Roland Wagner diverse ansprechende Einstellungen angstgelähmter Gesichter im Gespräch oder in Großaufnahme eingefangen haben. Auf den zum Standard-Repertoire gehörenden Exkurs ins Bordell hätte man durchaus verzichten können, aber immerhin beschert er dem Publikum das schadenfrohe Vergnügen, Derrick einmal in einem Puffbett sitzen zu sehen. Dieser nicht ganz standesgemäße Sitzplatz tut seinen weisen Ratschlägen aber keinen Abbruch; dementsprechend enttäuscht ist er, als Kollau ihm großspurig entgegnet, nicht über sie nachdenken zu wollen.

Langsame, aber beharrliche Spannungssteigerung in einem „böser Junge aus dem Knast“-Krimi, der wegen Stammbesetzung Wolf Roth einerseits darstellerisch absolut versiert ausgeführt ist, andererseits aber auch an Eigenständigkeit einbüßt. Das Ende ist ärgerlich simpel, sodass es nur zu 3 von 5 Punkten reicht.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.747

22.08.2017 11:00
#846 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Teestunde mit einer Mörderin?

Episode 246 der TV-Kriminalserie, BRD 1995. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Ursula Lingen (Agnes Ortner), Thomas Kretschmann (Roland Ortner), Christina Plate (Isabel Bruhns), Barbara Kutzer (Bettina), Erland Erlandsen (Geschäftsführer) u.a. Erstsendung: 28. April 1995, ZDF.

Zitat von Derrick: Teestunde mit einer Mörderin?
Die Krankenpflegerin Isabel Bruhns wurde erschossen. Ihr Liebhaber Roland Ortner bezichtigt seine Frau, die Tat begangen zu haben. Bei der Untersuchung dieser Anschuldigung begegnet Derrick bemerkenswerten Eheverhältnissen. Ortner, der behauptet, von seiner älteren, kränklichen Frau in die Ehe gekauft worden zu sein, hatte von seiner Gattin die Erlaubnis zum Fremdgehen erhalten. Ist in Frau Ortner dennoch die Eifersucht durchgebrochen? In ergreifenden Gesprächen mit Derrick verteidigt sie sich jedenfalls schon eifrig, bevor sie überhaupt gestanden hat ...


Derrick prognostiziert, dass er diesen Fall so bald nicht vergessen wird, und damit dürfte er auch für die Zuschauerschaft oder zumindest für mich gesprochen haben. „Teestunde mit einer Mörderin?“ ist, wenn man es sich genau betrachtet, nicht nur kriminalistisch simpel gestrickt, sondern auch insgesamt eine sehr überschaubare, wenig komplexe Story, doch die Tiefe der Charaktere gleicht hier mit Leichtigkeit (oder vielmehr: bedeutungstiefer Schwere) aus, was an Breite fehlt. „Derrick“ zeichnet sich als Serie eben doch durch ein „Mehr“ im Vergleich mit anderen Krimis aus, durch ein höheres intellektuelles Niveau, das hier wie selten sonst zur Geltung kommt. Im Gegensatz zu anderen Folgen wirken die Überlegungen, die Agnes Ortner in ihren Gesprächen mit Derrick anstellt, nicht überkandidelt, sondern passen genau zur sensiblen, etwas weltfremden Figur. Ursula Lingen gelingt die Darstellung der Frau mit Osteoporose ähnlich bewegend wie seinerzeit die der taubstummen Lena in der gleichnamigen Theodor-Grädler-Folge – eine beeindruckende Demonstration schauspielerischen Könnens, mit der Lingen ihren Platz als eine der allerbesten Gastdarstellerinnen der Serie wieder einmal bärenstark verteidigt.

Auch „Teestunde mit einer Mörderin?“ wirkte auf mich wie das Paradebeispiel einer Grädler-Folge. Die Thematik der gescheiterten, weil einseitigen Liebe und der gut gemeinten, aber missverstandenden Reparationsversuche vonseiten der eingeschränkten, tieftraurigen Frau hätten gut zu ihm gepasst. Umso überraschter war ich, im Abspann den Namen Alfred Weidenmanns zu lesen. Die Spaltung des Fanlagers in zwei Gruppen, von denen die eine die Folge als anrührend, die andere als langweilig empfindet, sowie den perfekten leichtfüßigen Umgang mit dem sehr gehobenen Ambiente (Hochschloss Pähl mit all seinen Insignien zum Siebten) würde man eigentlich eher Grädler zuschreiben.

Zitat von Andreas Quetsch: Der Mensch und die Moral, in „Augenblick 30: Gesetz & Moral – Öffentlich-rechtliche Kommissare“, Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, 1999, S. 42
Morde geschehen nicht nur aus Rache oder zur Wiederherstellung von Gerechtigkeit, sondern auch zur Verteidigung von Idealen. Eine in Derrick oft wiederkehrende Variante des Themas vom Verfall der Werte, Moral und Menschlichkeit ist die Liebe.


Es spricht für die Folge, dass sie – ähnlich wie in Brynychs Abschiedsfolge „Der Schlüssel“ – nicht nur die Leiden der Gastprotagonistin in den Fokus nimmt, sondern auch der Derrick-Figur wieder einmal etwas charakterliches Fleisch auf die Rippen hängt. Horst Tappert ergreift die Gelegenheit beim Schopfe und zeigt sich ebenso spielfreudig wie Lingen: Er halte sich nicht für einen guten Menschen, gesteht er, der ewig fürs Gute kämpfende Oberinspektor, und kommt ins Stottern, als er nach dem Grund für die Abwesenheit von Beziehungen in seinem Leben gefragt wird. Wahrscheinlich liege es an seinem Beruf, gesteht er letztlich mit Scharfblick.

Trotz (oder in diesem Fall vielleicht sogar wegen) der langsamen Erzählweise kann der Zuschauer nachhaltig in die prekäre Situation im Hause Ortner eintauchen; einige sehr beklemmende Spannungshöhepunkte vor allem in Rückblenden sind die Folge (in dieser Hinsicht und im schnellen Fund der Leiche ähnelt „Teestunde“ übrigens eher einem alten als einem 1990er-Jahre-„Derrick“). Obwohl Lingen und Tappert größten Anteil an der Qualität der Folge tragen, schlägt sich auch Ex-Schwimmer-jetzt-Schauspieler Thomas Kretschmann in seiner tragenden Rolle als etwas plumper junger Herzeige-Ehemann wacker, während Christina Plate als Mordopfer in ihren wenigen Szenen eine sympathische, leichter zugängliche, aber eben auch weniger tiefgründige Frau als Agnes Ortner skizziert. Von diesem wohl ausgewogenen Zusammenspiel lebt die Schauspielerfolge „Teestunde mit einer Mörderin?“ mehr als von veritabler Whodunit-Spannung.

Sehr starke, emotional aufwühlende Episode, in der sich Reineckers im Vergleich zu anderen Krimi-Drehbuchautoren signifikant höherer Anspruch an die Thematisierung ernstlicher Moralfragen inmitten des Unterhaltungsfernsehens positiv bemerkbar macht. Der Krimianteil ist interessant, aber ganz sicher nicht undurchschaubar; es sind Lingen, Kretschmann und Tappert, die die „Teestunde“ zum eigenwilligen Highlight machen. 4,5 von 5 Punkten.

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