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Dieses Thema hat 896 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Online




Beiträge: 15.573

23.06.2016 11:15
#811 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Ein sehr trauriger Vorgang

Episode 219 der TV-Kriminalserie, BRD 1993. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Christiane Hörbiger (Ricarda Hohner), Holger Handtke (Horst Wiegand), Robinson Reichel (Bertram Becker), Wilfried Hochholdinger (Albert Krumme), Alexander Netschájew (Jochen Huber), Manou Lubowski (Anton Robel), Philipp Brammer (Josef Liebich), Dorothee Hartinger (Inge Waldstein) u.a. Erstsendung: 22. Januar 1993, ZDF.

Zitat von Derrick: Ein sehr trauriger Vorgang
Die Clique um den Abiturienten Albert Krumme schenkt ihrem jüngsten Mitglied Horst zum 18. Geburtstag einen Puffbesuch. Horst geniert sich, als Albert die Neuigkeit Horsts heimlicher Flamme Inge unter die Nase reibt. In einer anderen Person scheint das Fehlverhalten der jungen Männer eine weitaus stärkere Reaktion auszulösen, denn Albert wird noch am selben Abend erschossen. Die Kriminalpolizei nimmt zunächst die Mitglieder der Clique in Beschuss, interessiert sich dann aber auch zunehmend für die Klassenleiterin Dr. Hohner, die Horst bei sich aufgenommen hat, weil sie mit seiner Mutter befreundet ist ...


Die Besprechung enthält leichte Spoiler.

Reichlich peinlich und abgedroschen sowie mit dem Hauch einer Brynych-Anmutung (Schlachtruf „Kikeriki!“) steigt „Ein sehr trauriger Vorgang“ gleich mitten ins Geschehen ein und zeigt den „vergnüglichen“ Abend der Schülerrunde, von der man noch nicht im Entferntesten ahnt, dass es sich dabei überhaupt um Schüler handelt. Wie immer bei Ringelmann-Produktionen sind die Rollen der 18- und 19-Jährigen mit Schauspielern (teilweise deutlich) höheren Alters besetzt; da sich das aber als Markenzeichen des Produzenten etabliert hat, liegt es mir fern, diese Folge im Speziellen dafür zu kritisieren. Vielleicht macht die Spätreife von Hochholdinger, Reichel und Co. die Szenen im Puff auch irgendwie realistischer, als wenn da tatsächlich eine ganze Bande „echter“ pubertierender Teenies losgezogen wäre.

Man nimmt dem Mörder die Tat in doppelter Hinsicht nicht übel: Einerseits erlöst sie den Zuschauer vom Spelunken- und Rotlicht-Abschnitt der Episode, andererseits stößt sie eine spannende Ermittlung an. Mein Bias zugunsten von Kriminalfällen im Schulmilieu spielt dabei sicher ebenso eine Rolle wie das gute Zusammenspiel von Reineckers Drehbuch (ein klassisches Familiendrama, das diesmal außerhalb der Familie angesiedelt ist – ein Novum mit der kreativen und zugleich erniedrigenden Konstellation, dass einer der Schüler bei seiner Lehrerin wohnen muss) mit Theodor Grädlers Regie und der exzellenten Darstellung der Lehrerin durch Christiane Hörbiger. Grädler war die absolut richtige Wahl für einen Stoff, der sich nicht durch Action, sondern durch eine fein abgestimmte Palette von Emotionen auszeichnet. Er setzt zudem einige geschickte Stilmittel ein, indem er den Zuschauer an den Gedanken der Figuren teilhaben lässt und die Einzelkämpfer-Attitüden von Hörbiger, Tappert, Reichel und Handtke in vielen, teilweise künstlerisch ausgefeilten Großaufnahmen untermauert.

Während die Schülerdarsteller immerhin sauber und überzeugend ihre Funktion erfüllen, ist der schauspielerische Höhepunkt in „Ein sehr trauriger Vorgang“ im „gegnerischen Lager“ zu suchen: Christiane Hörbiger formt die (sitten-)strenge Studienrätin (wie üblich mit Doktortitel), die den ihr anvertrauten Schützling nicht vor einem Abgleiten in die falsche Gesellschaft bewahren kann, zu einer glaubwürdigen Persönlichkeit. Sie ist – obwohl von einer spürbaren Kühle, Distanz und Wohlüberlegtheit – die am meisten von der Handlung betroffene Person. Dementsprechend ergibt sich der Reiz der Episode vor allem aus ihrer langsam voranschleichenden Involvierung und ihrem Zerbrechen an den unüberlegten Handlungen ihrer Schüler. Anfangs in einer überlegenen Position, wirkt sie im Laufe der Handlung immer angefressener und ist schon ein halbes Wrack, als Derrick dann nochmal wie ein Nussknacker an ihrer weichesten Stelle ansetzt.

Der Ausgang der Episode kommt leider ganz und gar nicht überraschend (da wäre doch z.B. noch die Mutter von Horst Wiegand gewesen), folgt aber einer bitteren Konsequenz und entspricht damit voll und ganz dem „traurigen“ Titel. Wie so oft, wenn es um Melancholie und psychologisch motivierte Handlungen geht, spielt Grädler seine Karten unaufgeregt, aber nachhaltig aus.

Das Duell der frechen Grünschnäbel gegen die vergeistigte alte Jungfer: „Ein sehr trauriger Vorgang“ schildert nicht unbedingt einen besonders gut konstruierten Mordfall, überzeugt aber durch die perfide und unaufhaltsame Entwicklung der gut gespielten Charaktere sowie durch die einfühlsame Regie – man bekommt das Gefühl vermittelt, dass der „sehr traurige Vorgang“ auf eine sinnlose Eskalation hinausläuft. 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

27.06.2016 19:45
#812 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Mann im Regen

Episode 220 der TV-Kriminalserie, BRD 1993. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Ulrich Matthes (Robert Lohmann), Krista Posch (Hannelore Hoss), Hans Korte (Röder), Hans-Georg Panczak (Luis Röder), Burkhard Heyl (Hans Röder), Ingrid van Bergen (Frau Lohmann), Claudia Lössl, Corinne Bertermann u.a. Erstsendung: 5. Februar 1993, ZDF.

Zitat von Derrick: Mann im Regen
Die Brüder Hans und Luis Röder teilen sich nicht nur eine Villa, sondern auch das Hausmädchen, das sich in sadomasochistischer Manier zu beiden hingezogen fühlt. Eines Tags (Nachts?) scheint einer der Brüder zu weit gegangen zu sein – das Hausmädchen liegt erwürgt auf ihrem Bett. Der Bruder der Toten, ein geistig verwirrter junger Mann, will die Röders so schnell wie möglich verurteilt sehen. Zwar haben beide ein Alibi – allerdings nur von ihrem Vater. Wie glaubwürdig ist dessen Aussage?


Schattenseiten, wohin das Auge reicht. Jede Figur in „Mann im Regen“ – vielleicht abgesehen von der selbstlosen Modeverkäuferin Hannelore – bekommt ihr Fett weg: SM-Vorlieben, Trunksucht, Schwachsinn und grenzenlose Egomanie sind nur die offenkundigsten „Fehlschaltungen“, die man den Charakteren anmerkt. Die Röders und die Lohmanns sind ein Sammelbecken dysfunktionaler moderner Menschen, die ihre Probleme unfreiwillig mithilfe der vorab genannten Eigenheiten zu kompensieren versuchen. Herbert Reinecker suggeriert teilweise kuriose bzw. veraltete Kausalzusammenhänge, die den Gesamteindruck ein wenig stören. So gründet sich die sexuelle Abartigkeit auf beiden Seiten auf die zerrütteten Familienverhältnisse, die wohl auch Robert Lohmann den Verstand geraubt haben – Mütter, achtet also auf eure Kinder, sonst werden sie gestört und pervers! Da das Gruselkabinett aber durchaus unterhaltsam präsentiert wird, schaden Reineckers konservativ-überholte Ansichten diesbezüglich nur in marginalem Umfang.

Sowohl der abwechslungsreiche Ablauf der Folge (schneller Leichenfund und Auftauchen Derricks, dann ein längerer Abschnitt einer anderen Handlungsschiene ohne die Ermittler) als auch die Konstruktion im Mordfall Lohmann (zwei Verdächtige, ein augenscheinlich getrickstes Alibi) verleihen der Folge einen soliden Suspense. Beide Handlungsstränge werden rechtzeitig zusammengeführt und sorgen für neue Aspekte in den Ermittlungen. Schlussendlich steigert sich der Spannungsbogen noch und erreicht seinen Höhepunkt in der unerwarteten Auflösung, die zwar nicht besonders realistisch, aber dafür unkonventionell genug erscheint, um „Mann im Regen“ eine Sonderstellung zu verleihen.

Alfred Weidenmann zählt nicht zu meinen bevorzugten „Derrick“-Regisseuren, kann hier aber gute Arbeit nachweisen, die sich vor allem in intensiver Schauspielerführung ausdrückt. Sowohl Derrick – von den Ereignissen angemessen abgestoßen und entsprechend motiviert auf Killersuche – als auch die Gaststars überzeugen, unter ihnen vor allem die beiden rotzfrechen Röder-Söhne (u.a. Hans-Georg Panczak) und der immer sehenswerte Hans Korte als verhasster Vater. Ulrich Matthes als verquerer „Mann im Regen“ wirkt etwas bemüht, was an seiner Herangehensweise an eine geistig angeschlagene Persönlichkeit liegen mag, wobei Krista Posch in vielen seiner Szenen die Lage souverän zu retten und den Zuschauer sowie auch ihren Gesprächspartner auf den Boden der Tatsachen zurückzuleiten weiß.

Das Unerwartete: Obwohl fast ausschließlich aus Anti-Charakteren zusammengestellt, mangelt es der Folge nicht an Identifikationsfiguren, die durchaus auch von Minute zu Minute wechseln können. Sie ist damit auch trotz ihrer teilweise etwas heftigeren Thematik gut konsumierbar, zumal Reinecker, Weidenmann und Tappert alle penibel auf Würde und Stil achteten und somit kein heikler Fehltritt auf verruchtes Terrain stattfindet (ergo: man merkt trotz „petite mort“ deutlich, dass es sich hierbei nicht um eine wüste Brynych-Arbeit handelt).

Zitat von Andreas Quetsch: Der Mensch und die Moral, in „Augenblick 30: Gesetz & Moral – Öffentlich-rechtliche Kommissare“, Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, 1999, S. 36
Normale Sexualität wird nicht thematisiert. Sie ist stets Unheil bringender, oft gewaltvoller Trieb oder kommerzialisiert als Prostitution.


... weiß auch „Derrick“-Analytiker Andreas Quetsch. „Mann im Regen“ erweist sich nicht nur als ausgesprochen delikater Fall, sondern auch als gut konstruiert, sodass es nicht nur der Novelty-Aspekt ist, der für die 220. Episode der Serie spricht. Leichte Glaubwürdigkeitsabstriche muss man wohl oder übel vornehmen – im Übrigen können jedoch überzeugende 4 von 5 Punkten verbucht werden.

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

30.06.2016 22:00
#813 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Langsamer Walzer

Episode 221 der TV-Kriminalserie, BRD 1993. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Gerd Baltus (Kubeck), Hannelore Hoger (Frau Kubeck), Anja Kling (Monika Wagner), Nikolaus Gröbe (Ulrich Wagner), Christiane Hammacher (Frau Wagner), Christoph Eichhorn, Burkhard Heyl, Jennifer Nitsch u.a. Erstsendung: 5. März 1993, ZDF.

Zitat von Derrick: Langsamer Walzer
Widersprüchliche Gefühle brauen sich in Wäschereibesitzer Kubecks Brust zusammen: Von seiner kränkelnden Ehefrau gequält, beginnt er, sich für seine attraktive Angestellte Inge zu interessieren. Diese fällt jedoch in die Arme eines Frauenmörders, der im nächtlichen Park unweit der Wäscherei sein Unwesen treibt. In der Nähe des Tatorts findet man einen Walkman, in den eine Kassette mit Walzermusik eingelegt ist. Sie wird Derrick auf die Spur des pathologischen Killers führen ...


Gleich mehrere klassische Gruselzutaten mischte Herbert Reinecker zu einem Script zusammen, das an die alten Tage der Serie anknüpft, indem es im Wesentlichen an einem Mord und dem Spiel mit Verdächtigen interessiert ist und vollständig ohne Gedankenakrobatik und Wortklaubereien auskommt. Ob Inge das erste Todesopfer ist, mit dem sich der Unhold, der im notdürftig beleuchteten Park Frauen „belästigt“, die Finger schmutzig macht, wird nicht erwähnt – der konservative Autor setzt in Person des dauerhaften Fußabtreters Gerd Baltus lieber eine Spitze gegen die modernen Frauen, die mit ihrem aufreizenden Auftreten selbst Schuld daran sind, wenn sie in Männern ungewünschte Gefühle erwecken. Eine solche Andeutung hätte es heute wohl nicht mehr an der „Gleichberechtigungsbeauftragten“ vorbeigeschafft ...

Das Schlüsselwort fiel bereits: Baltus. Ja, er ist wieder mit von der Partie – ebenso wie Peter Fricke, auch wenn letztgenannter zugegebenermaßen nicht mehr als eine Kleindarstellerrolle bekleidet. Baltus wird ausgiebig als Hauptverdächtiger vorgestellt. Dies geschieht jedoch in einer Weise, in der das Ratekarussell in ständiger Bewegung gehalten wird und weder Baltus noch andere Personen ausschließt. Man könnte vermuten, dass Reinecker beim Verfassen seines Drehbuchs den Ringelmann-Dauergast schon von Anfang an im Kopf hatte, denn Baltus passt auf den duckmäuserischen Wäschereibesitzer Kubeck wie der Deckel auf den Topf. In gewohnt qualitätvollem, aber wenig überraschendem Spiel bringt er dem Zuschauer die Eheprobleme eines Mannes nahe, der sich von einer gelangweilten und dadurch bissig gewordenen Frau (ein wenig zu überzeichnet: Hannelore Hoger) malträtieren lässt.

Das durchaus angespannte Bild einer zerrütteten Ehe hätte in Theodor Grädlers Händen noch effektiver ausfallen können – Helmuth Ashley lässt sowohl in den eingeengten Szenen im Hause Kubeck als auch bei Derricks Nachforschungen in der Familie Wagner und bei den verschwiegenen Bilderrahmern das Tempo etwas zu deutlich schleifen, sodass die eigentlich gut angelegte Story ihren Schwung verliert und daher dröger und weniger spannend daherkommt als vergleichbare „Geh nicht im Dunkeln durch den Park“-Folgen wie „Waldweg“ oder „Schrei in der Nacht“.

Ein unverzeihliches Manko besteht außerdem in Ashleys sehr sparsamem Musikeinsatz und dem Umstand, dass – wenn schon einmal ein Musikstück nicht nur Zierde, sondern inhaltlich relevant ist – der titelgebende Walzer alles andere als ein einprägsamer Ohrwurm ist. Roland Kovac schrieb den Score für „Langsamer Walzer“ – eine Folge, die – ich möchte nicht nach Duval rufen – in den Händen von Trunz oder Bohlen sicher nicht verkehrt aufgehoben gewesen wäre.

Ein Mörder mit gestörtem Verhältnis zu Frauen – „Langsamer Walzer“ erfindet das Rad nicht neu, sondern zeichnet sich im Gegenteil durch seinen klassischen Aufbau aus. Leider schaden Ashleys Inszenierung, der unscheinbare Soundtrack und die etwas repititive Besetzung der Folge mehr, als sie nützen. 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

06.07.2016 14:30
#814 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Geschlossene Wände

Episode 222 der TV-Kriminalserie, BRD 1993. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Constanze Engelbrecht (Irene Solm), Heiner Lauterbach (Rob Simon), Hans Zischler (Gaston Riemann), Jeannine Burch (Vicky Lange), Erich Hallhuber (Viktor Lange), Christoph Bantzer (Dr. Tussner), Gerlinde Locker (Frau Weissauer), Gundis Zámbó u.a. Erstsendung: 16. April 1993, ZDF.

Zitat von Derrick: Geschlossene Wände
Aus der Psychiatrie wird sie zwar entlassen, der behandelnde Arzt hegt am vollständigen Behandlungserfolg allerdings Zweifel: Die Schickeria-Schöne Irene Solm hatte sich durch eine abseitige Beziehung mit dem Lebemann Gaston Riemann Alkohol und Drogen ausgesetzt, die sie schließlich an den Rand des Selbstmords trieben. Als sie nun nach dem Klinikaufenthalt wieder vor Riemanns Tür steht und abgewiesen wird, ist das für Irene eine große Enttäuschung. So groß, dass sie Riemann erschießen würde? Genau das passiert nämlich am Abend von Irenes Entlassung ...


Kein gefährlicher Psycho wie in manch anderem „Derrick“ wird nach ärztlicher Behandlung auf die Menschheit losgelassen, sondern eine fragile und tatsächlich schon gebrochene Person. Da es sich um eine junge Frau handelt, macht die Episode den Verfall von Irene Solm zunächst an ihrem Äußeren fest, was den ewigen Maskenbildnern der Reihe, Peter Krebs und Sylvia Baader-Kramer, die Gelegenheit bot, Constanze Engelbrecht so abgewrackt wie nur möglich aussehen zu lassen, um den Mitleidsfaktor beim Zuschauer in schwindelerregende Höhen zu schrauben. Auf die optischen Tricks folgen dann aber auch jene, die mit der Persönlichkeit der Figur verbunden sind, wobei Irenes früheres Schicki-Micki-Leben nur umrisshaft nachgestellt wird und deshalb viele Motivationen im Verborgenen bleiben. Man möchte in dieser Beziehung beinah von einem bloßen Schattenriss sprechen, was der zentralen Figur, dem Mordmotiv und damit der Folge im Ganzen einiges an Wirkung raubt.

Auch müsste man meinen, dass Theodor Grädler eine gute Wahl für einen psychologisch angehauchten, eher langsam erzählten Stoff gewesen wäre. Doch er bekommt dieses Mal den Bogen zu einer spannenden Krimifolge nicht geschlagen; das Geschehen verläuft sich im Laufe der Folge immer weiter, sodass schließlich ähnlich wie in Günter Gräwerts „Tagen des Zorns“ das Gefühl zurückbleibt, im Wesentlichen ein Liebesdrama gesehen zu haben. Hier gibt es zwar mehrere Tote, doch die eigentlich tragischen Todesfälle entfalten ihre Wirkung nicht wie geplant. Engelbrechts Darstellung ist zwar glaubhaft, aber nicht mitreißend genug. Positiv muss man ihr allerdings anrechnen, dass sie es versteht, eine Überhöhung ihrer Rolle zur „verführten Unschuld“ zu vermeiden. Das Dilemma der Irene Solm wird zwar dem Gigolo Riemann angekreidet, doch die Folge zeichnet ein differenziertes Bild des It-Girl-Absturzes, wobei vor allem der überkritische Reporter (Heiner Lauterbach), der für eine Schlagzeile über Leichen geht und sich dabei noch für einen Wohltäter hält, zu einer Relativierung des üblichen Schwarz-Weiß-Bildes beiträgt, weil man seinen extremen Einsatz für Irene hinterfragt.

Passend zu dem Eindruck, dass die Krimi-Komponente in „Geschlossene Wände“ fast bedeutungslos ist, beschränken sich Stephan und Harry auf Minimalauftritte ohne besondere Highlights. Die für die Einbindung der Polizisten günstige „private Verwicklung“, wie sie in „Tage des Zorns“ gegeben war, fehlt hier, zumal Derrick die Münchner Partyszene fremd ist und Harry, der über die Panorama-Geschehnisse besser informiert ist als sein Vorgesetzter, ihn erst einmal in das Sujet einweisen muss.

Leidlich interessanter Fall, dessen Verknüpfung eines ungebändigten Lebensstils mit Drogenabsturz und Suizidabsichten zwar ein typisches Zeugnis Reinecker’scher Weltsicht ablegt, insgesamt aber zu vage geschrieben und inszeniert ist, um wirklich packend zu wirken. Solide, aber keineswegs herausragende schauspielerische Leistungen und ein nur pro forma beteiliger Oberinspektor resultieren in mageren 2 von 5 Punkten.

Georg Offline




Beiträge: 2.974

06.07.2016 16:03
#815 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten

Folgen wie diese beweisen, dass Reinecker völlig freie Hand bei Redakteur und Produzent gehabt hat. Bei jedem anderen wäre die Geschichte wohl gestrafft / verändert worden, ehe sie in Produktion gehen konnte. Jetzt war Grädler - im Gegensatz zu Vohrer oder Goslar - auch noch dafür bekannt, das Buch 1:1 ohne Änderungen umzusetzen (was bei anderen Büchern ja auch von Vorteil sein kann). Das Ergebnis ist dann eben eine derartig lauwarme Angelegenheit.

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

11.07.2016 16:50
#816 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Nach acht langen Jahren

Episode 223 der TV-Kriminalserie, BRD 1993. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Michael Gwisdek (Andreas Heine), Rosel Zech (Charlotte Heine), Cornelia Froboess (Martha Scarletti), Claudio Caramaschi (Scarletti), Bernhard Baier (Martin Howald), Werner Pochath (Zensky), Fiona Schwartz, Philipp Brammer u.a. Erstsendung: 7. Mai 1993, ZDF.

Zitat von Derrick: Nach acht langen Jahren
Acht Jahre ist es her, dass der skrupellose Machtmensch Heine seine Familie verlassen hat und nach Rom gezogen ist, wo er schnell Anschluss an die Mafia fand, die auch im beschaulichen München in italienischen Restaurants Schutzgeld kassiert. So verbindet Heine das Angenehme mit dem Nützlichen und bringt auf seiner Reise nach München nicht nur mittels Auftragsmörder wieder Ordnung in die Schutzgeld-Angelegenheit, derer sich einige aufständische Wirte zu entledigen gedenken, sondern trifft sich auch mit Frau und Kindern, die ihm mit sehr unterschiedlichen Gefühlen begegnen ...


Ob „Tod eines Italieners“, „Nur Ärger mit dem Mann aus Rom“ oder „Caprese in der Stadt“ – Mafia-Folgen oder andere Geschichten organisierten internationalen Verbrechens bringen in regelmäßigen Abständen immer wieder einmal meditarrane Würze in die als zu gesetzt und urdeutsch verrufene „Derrick“-Welt. Interessant wäre, zu erfahren, ob die Hinweise auf mafiöse Bandenstrukturen Reineckers persönliches Steckenpferd waren oder er sie aufgrund der großen Erfolge schrieb, die „L’ispettore Derrick“ beim italienischen Publikum erzielte. Auf die Frage, warum das italienische Publikum den deutschen Inspektor so schätze, antwortete ein Fan:

Zitat von Claus Legal, Hans-Wilhelm Saure: „Derrick – Harry, hol schon mal den Wagen“, Ullstein Buchverlage Berlin, 1998, S. 140
„Er fängt die Verbrecher und bringt sie auch tatsächlich hinter Gitter. Nicht so wie bei ‚Allein gegen die Mafia’, wo Kommissar Cattani jahrelang verzweifelt und erfolglos den dunklen Mächten auf der Spur war.“


Tatsächlich erweist sich Derricks Vorgehen in „Nach acht langen Jahren“ als ein einziger Triumphzug für den mustergültigen Ermittler, dem selbst innerhalb des Serienuniversums ein Ruf der Unfehlbarkeit vorauseilt („Man sagt, es ist der beste Mann, den sie haben“). Besonders seine Zusammenarbeit mit der verlassenen Ehefrau des Gangsterbosses zeichnet die Folge aus, auch weil beide Rollen in dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit von Horst Tappert und Rosel Zech glaubhaft verkörpert werden. Das Spannungsfeld, das sich zwischen der Mord- und der Familiengeschichte eröffnet, wird nach Herzenslust ausgekostet und führt zu Streitigkeiten im Hause Heine, aber auch zu der Frage, ob die neu erflammten Gefühle des Familienoberhaupts echt sind oder er sich so kaltblütig verhält, sie nur vorzuspiegeln.

Auf diese Frage wird keine definitive Antwort gegeben, auch weil Michael Gwisdeks Darstellung der unwahrscheinlichen, aber reizvollen Rolle sowohl im Geschäftlichen als auch im Väterlichen recht vage bleibt. Interessanter ausgestaltet sind seine Schergen, die von Werner Pochath und Bernhard Baier verkörpert werden. Auf Seiten der erpressten Italiener findet sich neben dem berlinerisch-lombarischen Ehepaar Froboess-Caramaschi der notorisch fehlbesetzte Peter Bertram wieder, dessen italienischer Möchtegernakzent diesmal besonders in den Ohren schmerzt, wenn in der gleichen Szene ein echter Stiefelbewohner spricht.

„Nach acht langen Jahren“ verfügt wie ihre Nachfolgeepisode „Die Lebensgefährtin“ über einen sehr sorgfältigen Spannungsaufbau, der sich beim kommenden Fall durch die wachsende Bedrohung der Titelfigur, hier durch das Insistieren der Mafia und damit einen günstig platzierten zweiten Todesfall auszeichnet. Als besonders stark muss auch das Ende hervorgehoben werden, in dem Derrick den großen Fisch mit einem Komplott, das ein gesundes Maß an Schadenfreude verrät, pflichtgemäß und entsprechend allen (italienischen) Erwartungen trockenlegt.

Spaghetti und Schutzgeld, Mutterprobleme und Mafia: „Nach acht langen Jahren“ gelingt das Kunststück, hartes Verbrechen und familiäre Zwistigkeiten auf wirkungsvolle Weise miteinander zu kombinieren, wenngleich das Scharnier, das beide Welten zusammenhält (der Verbrecher Heine) die verhältnismäßig größte Schwachstelle darstellt. Rosel Zech hinterlässt einen besonders starken Eindruck als Mutter, die um ihre Kinder kämpft, welche einer schönen, aber schmutzigen Versuchung zu erliegen drohen. 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov Online




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19.01.2017 18:50
#817 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Die Lebensgefährtin

Episode 224 der TV-Kriminalserie, BRD 1993. Regie: Günter Gräwert. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Krista Posch (Hilde Lussek), Jutta Kammann (Vera Lohwald), Christoph Bantzer (Egon Scholz), Philipp Moog (Max Scholz), Udo Vioff (Walter Scholz), Christine Wodetzky (Marie Scholz), Christian Berkel (Andy Stein), Edwin Marian (Dr. Möller) u.a. Erstsendung: 18. Juni 1993, ZDF.

Zitat von Derrick: Die Lebensgefährtin
Hilde Lussek findet ihren Lebensgefährten Walter Scholz tot im Bett, als sie vom Einkaufen nach Hause zurückkehrt. Sie nimmt an, dass er einen Herzanfall hatte und alarmiert seinen Arzt, der jedoch Mord durch Ersticken feststellt. Hildes Freundin Vera, die zufällig auch in der Wohnung ist, denkt blitzschnell an Hildes Zukunft: Da Walter kein Testament zu ihren Gunsten gemacht hatte, würde sie nun alles verlieren, wenn sie nicht die Edelsteine im Tresor einstecken würde. Den feisten Verwandten sollte man schließlich keinen Pfennig gönnen ...


Es grenzt schon fast an ein kleines Wunder, dass Krista Posch und Jutta Kammann die Identifikationsfiguren der Folge bleiben, auch wenn sich ihre Gedanken nach dem Leichenfund nur auf eine ganz spezielle Form des Verlusts konzentrieren: den finanziellen. Hilde Lussek hatte zwar das Glück, mit einem vermögenden Mann zusammen zu sein, sich jedoch nie ernstlich mit dem Pekuniären beschäftigt, was ihr nun in den Rücken zu fallen droht. Glücklicherweise hat sie ihre Freundin Vera, die sofort weiß, was zu tun ist: Bevor der Arzt – und nach ihm die Polizei – eintrifft, wird erstmal kaltblütig der Geldschrank durchforstet und der spektakulär glitzernde Fund elsterngleich eingesteckt.

Warum das kein schlechtes Licht auf die zwei Frauen wirft? Erstens lernen wir Walter Scholz kaum lebendig kennen. Zu Episodenbeginn liegt er schon tot im Bett – sein Ableben ist also mehr eine nüchterne Tatsache als ein Grund zur Trauer. Zweitens fallen seine Angehörigen in die allerunterste Schublade: Insbesondere Christoph Bantzer und Philipp Moog brillieren als schmieriges, geldgeiles Vater-Sohn-Gespann, das den Verstorbenen aus tiefstem Herzen verabscheute und dessen Lebensgefährtin noch während der ersten Vernehmungen (die die Polizei praktischerweise an den Tatort verlegt) auf die Straße setzt. Reinecker scheint schlechte Erfahrungen mit Meinungsforschern gehabt zu haben – dass er Egon Scholz dieser Berufsgruppe zuordnet, ist jedenfalls nicht als Kompliment zu verstehen ...

Der Verdächtigenkreis der Erbengemeinschaft wird durch die etwas zurückhaltendere, aber ähnlich eiskalte Christine Wodetzky ergänzt; darüber hinaus taucht mit Christian Berkel ein Schurkengesicht erster Güteklasse auf, bei dem man sofort weiß, woher der Wind weht. Der Whodunit funktioniert trotzdem prima, weil man sich bis zum Ende nicht sicher sein kann, wer wirklich mit wem unter einer Decke steckt und wessen Drohgebärden nur leere Worte sind. Reinecker verzichtet zudem vollständig auf psychologische Füllsprache – der Krimi kann sich als berauschendes Destillat, als erfreuliches Gedankenkonstrukt, als lupenrein geschliffener Brilliant entfalten.

Die von Gräwert im nüchternen Stil eingefangene Folge weist einige kleine, glitzernde Highlights auf: Zum einen werden die Szenen, in denen es um die Edelsteine geht, mit einem geheimnisvollen Flair umgesetzt, zu dem die simple, aber effektive Spannungsmusik von Helmut Trunz beiträgt. Zum anderen erfreut die kurze Rückblende zu jenem Abend, an dem sich Hilde und Walter kennenlernten, den Zuschauer. Er erhält so immerhin einige wenige Krumen, anhand derer er die schon jäh vor dem Vorspann beendete Beziehung nachvollziehen kann. Schließlich muss das überaus gelungene Finale hervorgehoben werden, in dem es den beiden Frauen – Posch und Kammann – im wahrsten Sinne des Wortes böse an den Kragen zu gehen droht. Der Täter, der nach dem ersten Mord sein Ziel nicht erreicht hat, versucht, ein zweites Mal zuzuschlagen. Auch wenn die Frage, ob Stephan und Harry schneller sein werden, eigentlich gar nicht erst gestellt werden muss, ist der Ablauf der Szenen, der die Spannung in immer höhere Sphären schraubt, absolut gelungen, was der Folge den Spitzenplatz in Box 15 sichert.

Selbst in einer etwas schwächeren Phase findet man bei „Derrick“ herausragende Produktionen: „Die Lebensgefährtin“ ist eine davon, denn sie erzählt eine Erbschaftsgeschichte auf ungewöhnliche Weise. Die titelgebende Figur wird von Krista Posch überzeugend verkörpert und vom Zuschauer zur Verbündeten auserkoren, was in den letzten Minuten der Folge unweigerliches Mitfiebern erzwingt. 5 von 5 Punkten.

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

23.01.2017 20:40
#818 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Die seltsame Sache Liebe

Episode 225 der TV-Kriminalserie, BRD 1993. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Wolf Roth (Seidel), Holger Handtke (Ulrich Lohse), Claus Biederstaedt (Arnold Soske), Diana Körner (Helene Soske), Hermann Lause (Alfred Stellweg), Michael Mendl (Schönbeck), Rudolf Wessely (Klavierspieler), Doris Schade (Anna Bechler) u.a. Erstsendung: 16. Juli 1993, ZDF.

Zitat von Derrick: Die seltsame Sache Liebe
Eine Mädchenleiche wird auf dem verschneiten Güterbahnhofsgelände gefunden. Derrick muss bei diesem Fall in gleich zwei Abgründe blicken: Sowohl der Freund der Toten, ein Student namens Ulrich Lohse, als auch sein Kollege Seidel, der nach der Trennung von seiner Frau zum Alkoholiker wurde, haben ihren Lebensinhalt verloren. Kann Seidel Derrick bei der Klärung des Falles helfen, weil er eine bessere Bindung zu Ulrich Lohse herstellen kann? Oder ist die Lösung in dem Lokal zu finden, in dem die Tote arbeitete und das von den von schlechtem Gewissen umgetriebenen Soskes geführt wird?


Das nächste tote Mädchen, die nächste aufgewärmte, altbekannte Geschichte. Auf der Skala der Einfallslosigkeit bewegt sich „Die seltsame Sache Liebe“ ganz weit oben, denn Reinecker griff beim Verfassen des Drehbuchs ohne besondere Kreativität auf Versatzstücke zurück, die man schon aus zahlreichen anderen, ähnlich gelagerten Fällen kennt. Die naiv-liebenswert verstrahlte Tote, die in Rückblenden zum Leben erweckt wird; ihr erschütterter Studentenfreund, der verzweifelte Drohungen ausspricht; die verdächtige Kneipe, in der lüsterne Andeutungen im Laufe der Spielzeit immer greifbarer werden; und der zweifelhafte Kollege, der Derrick in besserem Licht dastehen lässt – keines diese Elemente stellt eine wirkliche Neuerung dar, und auch im Zusammenspiel hat man sie schon häufig gesehen.

Immerhin: Das Interesse am Mordfall Doris Stein flacht trotz der Dritt-, Viert- oder Fünftverwertung der meisten Aspekte nicht völlig ab – Theodor Grädler gelingt (auch dank der Unterstützung der diesmal besonders pointiert gelungenen Trunz-Musik) eine rätselhafte Stimmung, die – obwohl irgendwie somnambul – einen ganz eigenen Reiz entfaltet. Die Rückblenden sowie der junge Student wirken dabei etwas arg überdreht (dass schon wieder die jüngsten Dauergäste Handtke und Rautenberg besetzt werden, trägt nicht gerade zu Abwechslung und Glaubwürdigkeit bei), aber die „Erwachsenenrollen“ entschädigen für das Hundeliebe-Schmierentheater. Vor allem Claus Biederstaedt und Diana Körner als Wirtsehepaar, dem offensichtlich viel am Verschweigen einiger unangenehmer Tatsachen gelegen ist, überzeugt in unterschiedlichen Herangehensweisen: Herr Soske schmeichelt sich bei Derrick ein, während seine Frau sich mit unnahbar unterkühlter Kaltschnäuzigkeit gebärdet.

Auf Wolf Roths Mitleidsrolle hätte man dagegen total verzichten können – sie dient offenkundig nur dazu, die etwas dünne Handlung auf eine volle Stunde auszuwälzen. Derrick wäre ohne seinen abgesackten Kollegen gleich schnell am Ziel angekommen; wirkliche Effekte hat Seidels Geheimniskrämerei nicht auf den Verlauf des Falles. Auch erscheint sein Hintergrundwissen um die Vorgänge in Soskes Lokal nicht immer logisch; man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass er die Sitten dort schon länger kennt, was aber nie so wirklich thematisiert wird.

Von den schönen Winteraufnahmen, die am Anfang auf dem Bahngelände leider nur recht spärlich zum Einsatz kommen, hätte man besseren Gebrauch machen können, um die Geschichte weniger in Richtung Kammerspiel abgleiten zu lassen. So wirkt „Die seltsame Sache Liebe“ allzu routiniert, ja in Anbetracht des Titels fast schon ungewöhnlich lieblos heruntergedreht – nennenswerte Ambitionen über den Wunsch, 60 weitere Minuten ZDF-Abendprogramm zu füllen, hinaus sind nicht zu erkennen.

Sowohl bei der Besetzung als auch bei der inhaltlichen Gestaltung bietet „Die seltsame Sache Liebe“ mutlose Durchschnittskost, die zwar nicht ohne Flair ist, aber deutliche Ermüdungserscheinungen der Beteiligten erkennen lässt. In dieser Hinsicht kann man sie durchaus als symptomatisch für die gegenwärtige „Derrick“-Phase betrachten. 3 von 5 Punkten.



Das Eingeständnis ist nötig: „Derrick“ ist in den Jahren 1992/93 nicht gerade in Topform. Die Folgen waren schon einmal facettenreicher, die Inszenierungen schon beweglicher. Zwar unterhalten einige Folgen noch immer auf hohem Niveau, doch die große Faszination mag sich nicht unbedingt einstellen. Horst Tappert und Fritz Wepper erhalten nicht mehr so viel Raum, ihr gelungenes Zusammenspiel zu demonstrieren, was der Serie bei stärkerer Betonung wieder frischen Wind verleihen könnte. Auffällig bei Box 15 ist, dass auf keinen der Regisseure durchgängig Verlass ist. Brynych ist nur einmal von der Partie und liefert im oberen Mittelfeld ab, während die drei Dauerfilmer Ashley, Grädler und Gräwert jeweils sowohl ganz oben als auch ganz unten in der Rangliste präsent sind. Das Schlusslicht bildet jedoch ausgerechnet Wolfgang Becker, von dem man früher Spitzenleistungen gewohnt war und der sich leider nicht auf besonders ehrenhafte Weise aus der Serie verabschiedete. Um den Folgen allerdings kein Unrecht zu tun: Im Boxenvergleich landet „Collector’s Edition 15“ noch knapp vor den Ausgaben 12 und 14, einem überzeugenden Spitzentrio sei Dank.

Platz 01 | ★★★★★ | Folge 224 | Die Lebensgefährtin (Gräwert)

Platz 02 | ★★★★☆ | Folge 219 | Ein sehr trauriger Vorgang (Grädler)
Platz 03 | ★★★★☆ | Folge 223 | Nach acht langen Jahren (Ashley)

Platz 04 | ★★★★★ | Folge 215 | Die Frau des Mörders (Brynych)
Platz 05 | ★★★★★ | Folge 217 | Ein merkwürdiger Privatdetektiv (Ashley)
Platz 06 | ★★★★★ | Folge 220 | Mann im Regen (Weidenmann)

Platz 07 | ★★★☆★ | Folge 221 | Langsamer Walzer (Ashley)
Platz 08 | ★★★☆★ | Folge 211 | Der stille Mord (Grädler)

Platz 09 | ★★★★★ | Folge 225 | Die seltsame Sache Liebe (Grädler)
Platz 10 | ★★★★★ | Folge 212 | Beatrice und der Tod (Grädler)
Platz 11 | ★★★★★ | Folge 218 | Kein teurer Toter (Ashley)
Platz 12 | ★★★★★ | Folge 213 | Eine eiskalte Nummer (Ashley)

Platz 13 | ★★★★★ | Folge 214 | Tage des Zorns (Gräwert)
Platz 14 | ★★★★★ | Folge 222 | Geschlossene Wände (Grädler)
Platz 15 | ★★★★★ | Folge 216 | Billies schöne, neue Welt (Becker)

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

27.01.2017 11:40
#819 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten

DERRICK Collector’s Box 16 (Folgen 226 bis 240, 1993-94)





Derrick: Zwei Tage, zwei Nächte

Episode 226 der TV-Kriminalserie, BRD 1993. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Peter Ehrlich (Kronau), Jacques Breuer (Achim Kronau), Katharina Schubert (Sabine Kronau), Walter Renneisen (Möhle), Ute Willing (Debbie), Liane Hielscher (Frau Dessauer), Karlheinz Vietsch (Herr Beckum), Toni Netzle u.a. Erstsendung: 6. August 1993, ZDF.

Zitat von Derrick: Zwei Tage, zwei Nächte
Durch bloßen Zufall erfährt Vater Kronau von der einträglichen Nebenbeschäftigung seines Sohnes Achim, der – mit anonymer Zweitwohnung in einem Münchner Hochhaus – fett in den Heroinverkauf eingestiegen ist. Kronau senior, ein überaus respektabler Mann, stellt seinen Sohn nicht nur zur Rede, sondern spült das weiße Pulver zuvor die Toilette herunter. Nun stellt sich das Problem, dass Achims Geschäftspartner auf einen Ersatz der 100’000 Mark teuren Ware bestehen. Dass er ihm das Geld besser gegeben hättte, merkt Kronau senior erst, als ihm die Polizei vom Mord an Achim berichtet – und nimmt sich daraufhin selbst das Leben ...


Eine nicht uninteressante Variation des mittlerweile sprichwörtlichen Typus Drogenfolge präsentiert Zbynek Brynych mit den etwas willkürlich betitelten „Zwei Tagen, zwei Nächten“. Stimmigerweise suhlt sich die Folge nicht in den Drogenschicksalen hilfloser, unreifer Konsument(inn)en, sondern nutzt das Rauschgift hauptsächlich als Aufhänger für eine interessante Familiengeschichte. Das Vater-Sohn-Drama, das den Ausgangspunkt für die Ermittlungen der Mordkommission bildet und eindeutig auch gleich den Höhepunkt der Episode darstellt, wird spannend und bewegend abgewickelt, obwohl ich persönliche Probleme mit Peter Ehrlich, den ich noch immer als Ganoven und Raufbold – halt mittlerweile in gesetztem Alter – sehe, als ehrenwertem Gentleman habe. Sein Herr Kronau ist mit allen „derrick“-typischen Insignien des Wohlstands ausgestattet, wozu nicht nur ein protziges Auto mit Chauffeur und eine Villa mit Haushälterin gehören, sondern auch – und da liegt der Hase im Pfeffer – eine gewisse Realitätsferne und Naivität, die er sich in den Jahren in seinem Elfenbeinturm aufgebaut hat. Seine Vermutung, die Hintermänner des Drogenrings würden sich auf Druckmittel eines Amateurs einlassen, ist sofort zum Scheitern verurteilt, sodass der Zuschauer die tragische Entwicklung der Ereignisse vorausahnen kann und der Figur zurufen möchte, doch nicht das Leben seines Sohnes zu verspielen.

Relativ geschickt greift „Zwei Tage, zwei Nächte“ dann eine Fortsetzung des Familiendramas auf, indem nach dem Ableben der beiden Kronaus die Tochter bzw. Schwester ins Spiel gebracht wird, die soeben ihre einzigen Verwandten verloren hat. Ebenso wie Jacques Breuer als Mordopfer Achim liefert auch Katharina Schubert in dieser Hinterbliebenenrolle eine Leistung ohne Fehl und Tadel ab, weil sie – für eine Brynych-Folge nicht selbstverständlich – ihre Emotionen nur sehr zurückhaltend mit dem Publikum teilt. Auch besteht der Vorteil des Umstands, eine Frau als Leidtragende der Ereignisse zu präsentieren, darin, dass Reinecker ihr natürlich keine so große Eigeninitiative zuschreibt wie seinen gerechtigkeitseifernden Studenten, die sich in regelmäßigen Abständen selbst zu nervigen Hilfssheriffs an Derricks Seite befördern. Schubert wird zwar ebenfalls durchaus als Helferin eingesetzt, lässt sich aber von Derrick und Klein gezielt steuern und unterminiert damit nicht deren Arbeit. Eine angenehme und wahrscheinlich auch realistischere Angelegenheit!

Dennoch kann die zweite Hälfte der Geschichte nicht ganz mit dem Auftakt mithalten, was auch an der Einführung der drogenkranken Klischeerolle Debbie liegt, die – eine ähnliche Nummer-sicher-Entscheidung wie Brynych auf dem Regiestuhl – erneut von Ute Willing verkörpert wird. Die Zeit, die für ihre Figur draufgeht, hätte man besser in die Täter im Hintergrund investiert, die in der Folge kaum bis gar nicht in Erscheinung treten.

Lange Zeit sah es nach gepflegter Atmosphäre aus, im späteren Mittelteil ist der Besuch des beliebtesten Derrick-Settings nach Villen und Kneipen, nämlich der eines Nachtclubs, dann aber doch unumgänglich. Und ab dieser Stelle beginnt der zu Anfang eigentlich mit ganz vernünftiger Spannungsuntermalung einsetzende Frank-Duval-Score, mit seinem Wiederaufwärmen alter Gehörgang-Verstopfer (argh, „Love, What’s Your Face“) so beträchtlich zu nerven, dass man sich plötzlich das Ende – wenigstens dieser Szene – dringlichst herbeiwünscht.

Spannend beginnende Folge, die den Drogensumpf zwar anspricht, aber sich nicht mit Haut und Haar hineinwagt, was dem Zuschauer die üblichen Mitleidsgeschichten erspart und eine komplexere, stringent durchgezogene Handlung ermöglicht. Daumen hoch für Jacques Breuer und Katharina Schubert; auf andere übliche Verdächtige vom Schlag einer Ute Willing, einer Liane Hielscher, eines Walter Renneisen oder vor allem eines Frank Duval hätte man indes gut verzichten können. 4 von 5 Punkten – mit etwas mehr Mut wäre eine Steigerung möglich gewesen.

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

11.05.2017 13:30
#820 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Nachtvorstellung

Episode 227 der TV-Kriminalserie, BRD 1993. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Christoph Bantzer (Dr. Kabusch), Oliver Hasenfratz (Hugo), Nikolaus Gröbe (Werner), Philipp Brammer (Horst), Francis Fulton-Smith (Ludwig Homann), Gerd Anthoff (Rudolf Manauer), Dirk Galuba (Voss), Gaby Herbst (Renate Lauer) u.a. Erstsendung: 24. September 1993, ZDF.

Zitat von Derrick: Nachtvorstellung
Die Schüsse, die im Kino bei der Nachtvorstellung fallen, werden von den Salven eines Actionfilms auf der Leinwand übertönt. Seltsamerweise kann oder möchte sich auch keiner der Anwesenden daran erinnern, den Mörder des Kartenverkäufers flüchten gesehen zu haben – nicht einmal die Jungen Hugo, Werner und Horst, die ganz hinten im Parkett saßen. Derrick findet bald die Erklärung dafür: Der Tote war ein Dealer, der ein Mädchen aus der Klasse der drei Schüler süchtig gemacht hatte. Nun stellt sich die Frage, wer genau dafür Rache üben wollte ...


Aufblende auf dem Münchner Hauptbahnhof zu einem mysteriösen Gespräch zwischen drei Jugendlichen, die im Begriff sind, sich mit Hintergedanken – allerdings nicht den üblichen – einen Film in einem Bahnhofskino anzusehen. „Nachtvorstellung“ stützt sich auf eine sehr interessante Ausgangsposition und führt mit dem Kinosaal als Mordschauplatz einen stimmungsvollen Rahmen, der an die gute alte Edgar-Allan-Poe-Methode erinnert, dass eine Sache unter ihresgleichen am besten versteckt ist. Allerdings geht es hier nicht um einen entwendeten Brief, der in einer Briefablage liegt, sondern um einen Mord, der zwar in Anwesenheit vieler Leute verübt wird, aber deshalb nicht auffällt, weil er von diversen anderen auf der Leinwand peitschenden Schüssen kaschiert wird. Dem Zuschauer dämmert, dass die Jungen, denen Reinecker wieder einmal herrlich aus der Zeit gefallene Vornamen spendierte, schon vorher wussten, dass der Mord geschehen würde. Und die Beweggründe für diese also im wahrsten Sinne als „Tat vor Zuschauern“ ablaufende Erschießung zu ergründen, ist dann die Hauptaufgabe der Folge ...

Leider hält Ashleys eher spannungsarme Regie das Niveau der Anfangsminuten nicht kontinuierlich durch – die Folge ist in dieser Hinsicht ihrem Vorgänger „Zwei Tage, zwei Nächte“ nicht unähnlich, die ebenfalls vielversprechender begann, als der Hauptteil dann letztlich ausfiel, auch wenn den „Tagen und Nächten“ im unmittelbaren Vergleich der Vorzug zu geben ist. Eine weitere Parallele der beiden Folgen besteht darin, dass es schon wieder um Rauschgift und um die Abhängigkeit einer Konsumentin geht – ein Dauerthema, dessen Variationen nicht unendlich sind, sodass es nicht verwundert, dass „Nachtvorstellung“ stark an „Die kleine Ahrens“ und in gewisser Weise auch an „Das sechste Streichholz“ erinnert. Beide Folgen sind nicht wirklich Vorbilder, an denen eine Orientierung lohnen würde, und es ist fast schon kurios, dass eine 1993er-Fallkopie vielleicht sogar überzeugender daherkommt als das 1983er-Original. Jedenfalls übt sich „Nachtvorstellung“ in einer gesetzteren, geschmackvolleren Umsetzung, die auf die unangenehmen Schockeffekte der Folge mit Hans Caninenberg verzichtet. An seine Stelle tritt Christoph Bantzer, der zwar nicht dessen Präsenz erreicht, aber doch insgesamt ein weniger fanatisches Paket schnürt. Ebenfalls überzeugend die Leistungen der Jungdarsteller, bei denen wieder einmal Nikolaus Gröbe positiv auffällt, sowie des vom Saulus zum Paulus gewandelten Ex-Dealers Homann, in der Francis Fulton-Smith in seinem einzigen „Derrick“-Auftritt schon die Schmalzig- und Schmonzettigkeiten seiner späteren Karriere vorwegnimmt.

Obwohl von den üblichen Rachegefühlen bestimmt, setzt „Nachtvorstellung“ mit einem von Derricks wirkungsvollsten Moraldialogen ein deutliches Zeichen gegen Selbstjustiz. Die Belehrung der Schüler, die dem Ermittler den Vorschlag unterbreiten, den Fall auf sich beruhen zu lassen, weil mit dem Mord ja nur Gutes getan worden sei, fällt in zweierlei Hinsicht überraschend aus – einerseits wegen ihrer Schärfe, weil man es bei Gröbe, Hasenfratz und Brammer keineswegs mit abgebrühten Feilschern zu tun hat, und andererseits wegen ihrer gesellschaftlich-politischen Tragweite, die durchaus auch heute eine gewisse Aktualität besitzt:

Zitat von Derrick in „Nachtvorstellung“
Was für eine Welt haben Sie sich da zurechtgelegt? Gesetze, die Sie selber erschaffen. Urteile, die Sie selber fällen. Was ist denn das eigentlich? Ist das die Anarchie der Guten? Die Guten, die selber bestimmen, dass sie die Guten sind? Die niemanden fragen. Womit alle Gesetze außer Kraft gesetzt sind.


Ich hätte mir gewünscht, dass die zweite Hälfte der Folge, die stellenweise recht zäh geraten ist, durch eine Betonung des Umstands, dass die Schüler den Mörder gesehen haben, aufgewertet worden wäre. Da jemand die Tat verübte, der beim „Streichholzziehen“ gar nicht dabei gewesen war, mussten Hugo, Werner und Horst ja selbst auch überrascht über den Ablauf der selbstbeschlossenen und entgegen der abgemachten Geheimhaltung auch selbstüberwachten „Hinrichtung“ gewesen sein. Eine interessante Seite, die die Folge zugunsten eines eher wenig überraschenden Schlusses völlig unbeleuchtet lässt.

Auch wenn „Nachtvorstellung“ nur bereits Dagewesenes aufwärmt, so tut es dies doch auf eine vernünftige Weise. Das Vorbild „Die kleine Ahrens“ wird jedenfalls im Handumdrehen überboten, was vor allem durch die einfühlsameren Darstellungen der Betroffenen und die distanziertere, moralisch gefestigtere Sichtweise der Serie durch Derricks Augen gelingt. Wegen stellenweiser Spannungsarmut gibt es nur 3,5 von 5 Punkten, sonst wären mehr dringewesen.

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

11.05.2017 13:48
#821 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten

Sind eigentlich auch noch andere Derrick-Seher mit ihren "Sausen" an Bord? @Marmstorfer mit Box 6? @Mr Keeney mit Box 7?

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.391

11.05.2017 14:10
#822 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten

Ja, aber es zieht sich. Liegt aber nicht an der Qualität der Folgen. Letzte gesehene Episode: Die Schwester.

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

12.05.2017 16:45
#823 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten

Also Harry auf der Balz – und der leider letzte „Derrick“-Auftritt von Jutta Speidel. Schön, dass du noch dabei bist – dein Tempo hat allerdings ordentlich nachgelassen: Das macht seit deiner Rangliste zu Box 5 im Durchschnitt nur noch eine Folge alle drei Monate.



Derrick: Melodie des Todes

Episode 228 der TV-Kriminalserie, BRD 1993. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Helmut Zierl (Wolfram von Schulze-Westorp), Nina Hoger (Ilona Keller), Svenja Pages (Gerrit Hauser), Ursula Lingen (Helene von Schulze-Westorp), Irene Clarin (Helga von Schulze-Westorp), Jürgen Schmidt (Stemmer), Dieter Eppler, Karlheinz Vietsch u.a. Erstsendung: 29. Oktober 1993, ZDF.

Zitat von Derrick: Melodie des Todes
Obwohl Wolfram von Schulze-Westorp auf einem ansehnlichen Schloss in München residiert, mietet er sich in ein Nobelhotel in der Isarmetropole ein. Er nutzt die Gelegenheit, um sich vom geschäftstüchtigen Portier eine Hostess vermitteln zu lassen, mit der er einen unterhaltsamen, aber auch angespannten Abend verbringt. Das leichte Mädchen ahnt noch nicht, dass es den nächsten Tag nicht überleben wird. Derrick merkt dagegen schnell, dass von Schulze-Westorp in den Todesfall verstrickt ist, muss aber noch einige Ermittlungen anstellen, um das Motiv in Erfahrung zu bringen ...


Es ist eine beklemmende, düstere Schatten vorauswerfende Atmosphäre, die von den ungewöhnlichen Treffen des jungen Freiers Wolfram mit der Hostess Ilona ausgeht. Seine Zurückhaltung macht ihn verdächtig, denn obwohl (oder gerade weil?) er dem Mädchen nicht lüstern an die Wäsche geht, stimmt offenkundig etwas mit ihm nicht ... – So werden die Szenen zwischen Helmut Zierl und Nina Hoger (beide nur einmalig bei „Derrick“ vertreten und sehr angenehm dezent in ihrem Spiel) zu knisternden Momenten der Ungewissheit, die dafür sorgen, dass die Struktur der Episode mit dem lange herausgezögerten Mord prima funktioniert. Im Gegensatz zu den Vorgängern lässt das Tempo auch im Anschluss nicht nach, denn vom Hotel verschieben Reinecker und Weidenmann den Fokus auf das dramatische Geheimnis der gutbetuchten Familie von Schulze-Westorp. Man erfährt zunächst nur, dass dieses etwas mit dem manischen Klavierspieler im Obergeschoss des Schlosses zu tun hat – ein Macguffin, der den Zuschauer neugierig macht und zugleich über eine tragische Tiefe verfügt.

Dass es mit dem seelischen Frieden auf dem als Familiensitz agierenden Hochschloss Pähl nicht so weit her sein kann, entnimmt man schon der Besetzung der Matriarchenrolle mit der fantastischen Ursula Lingen, die bereits zu Beginn mit vornehmer Zurückhaltung überzeugt, aber mit fortgeschrittener Laufzeit zunehmend aus sich herauskommen darf. Die konservative Familie auf dem altmodischen Anwesen dient als Spiegel der gefährlichen, wenn auch eleganten Amüsierwelt in der Nobelabsteige. Verbunden sind beide zwar durch den Umgang mit großen Geldsummen, doch diese nutzen den Betroffenen im Ernstfall, wenn es um Leben oder Tod geht, nichts mehr. Es sind Botschaften wie diese, die „Melodie des Todes“ zu einem nachdenklichen, düsteren „Derrick“-Fall typisch Reinecker’schen Spätgepräges machen, doch der Vorteil dieser Episode liegt in der Unterschwelligkeit ihrer Botschaften, die dem Zuschauer nie geschmacklos aufgedrängt werden.

Wenn man die Folge für überhaupt etwas kritisieren kann, dann dafür, dass Derrick abermals erstaunlich schnell auf der richtigen Spur ist und die Lösung eher dem Zufall und seinem fast schon übernatürlichen Riecher (vulgo: Menschenkenntnis) als einer sauberen polizeilichen Ermittlungsarbeit verdankt. Geschickt gesetzte Miniporträts der Nebenrollen – Svenja Pages als verunsicherte Hostess, Jürgen Schmidt als schmieriger Vermittler und Karlheinz Vietsch als kauziger Arzt – übertünchen eine gewisse Realitätsferne des ganz auf seine niederschmetternde Wirkung ausgelegten Stoffs.

Doch nicht alles ist düster: Sehr geschickt wird der Schwermut von „Melodie des Todes“ durch die Idee, Wolframs gefährlich-hintersinnige Abende mit Ilona und Gerrit mit einem wahrhaft harmlosen „Kunden“ zu spiegeln, konterkariert: Als München-Besucher von geradezu kindlichem Temperament, der sich von den beiden Professionellen die Münchner Sehenswürdigkeiten zeigen lässt und sich dabei nicht das Geringste denkt, sorgt Geschäftsreisender Dieter Eppler für einen kleinen Kultmoment auf dem Viktualienmarkt, der der Folge einen Hauch Frischluft verleiht und den man Alfred Weidenmann in dieser Unbekümmertheit gar nicht zugetraut hätte.

Warum verbringt ein Adelssohn den Abend mit einem leichten Mädchen und amüsiert sich dabei nicht einmal? „Melodie des Todes“ gibt dem Zuschauer interessante Rätsel auf und kleidet das große Ganze in ein dramatisches, aber nicht seifenopernhaftes, ein kultiviertes, aber nie langweiliges Gewand. 4,5 von 5 Punkten.

Mr Keeney Offline




Beiträge: 1.328

12.05.2017 20:07
#824 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #821
Sind eigentlich auch noch andere Derrick-Seher mit ihren "Sausen" an Bord? @Marmstorfer mit Box 6? @Mr Keeney mit Box 7?

Allerdings. Bin auch immer noch infiziert und kann sogar vergleichsweise große Fortschritte vermelden: Ich habe mich zuletzt mit der gelungenen Pinkas-Braun-Filet-Folge "Entlassen Sie diesen Mann nicht!" beschäftigt.

Also auch ich bin noch lange nicht aus Derricks Armen entlassen! Zum konzentrierten Konsum reicht die ansonsten meist recht knappe Zeit immer gerade noch, zum fundierten Bewerten oder gar Rezensieren leider nicht.

Ich kann aber immerhin allgemein sagen, dass auch ich (die m.E. überragend guten ersten beiden Boxen einmal ausgenommen) bisher keinen merklichen Qualitätsabfall bemerkt habe, die Serie hat sich auf ordentlichem Niveau konsolidiert und wartet immer wieder mal mit besonderen Schmankerln auf.

Gubanov Online




Beiträge: 15.573

13.05.2017 01:30
#825 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten

Eine sehr gute Folge mit einem diabolischen Pinkas Braun und der ersten Horst-Tappert-Regie. Deinem Zwischenfazit zum gut eingependelten Niveau bis in die mittleren / späten 1980er Jahre kann ich vorbehaltlos zustimmen. Aber auch fürs Ende 1993 stelle ich wieder einen kleinen (oder größeren?) Aufschwung fest, nachdem sich die letzten sieben Folgen bis auf eine Ausnahme auf einem sehr ansprechenden Niveau bewegten und ich nach verhältnismäßig kurzer Pause wieder über ein Highlight gestolpert bin, bei dem es sich leider schon um Günter Gräwerts letzten „Derrick“ handelt:



Derrick: Die Nacht mit Ariane

Episode 229 der TV-Kriminalserie, BRD 1993. Regie: Günter Gräwert. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Esther Hausmann (Ariane Görlitz), Philipp Brammer (Christian Bender), Sven-Eric Bechtolf (Benno Mahler), Michael Zittel (Adi Mahler), Christian Berkel (Dixi), Karin Frey, Ditte Schupp, Natascha Graf u.a. Erstsendung: 26. November 1993, ZDF.

Zitat von Derrick: Die Nacht mit Ariane
Weil sie einer Tschechin, die die Zuhälter Benno und Adi Mahler abkochen wollen, zur Flucht verhilft, schwebt Bennos Freundin Ariane nun in Lebensgefahr. Benno bedroht Ariane und im Eifer des Gefechts erschießt sie ihn. Nun muss Ariane selbst die Beine in die Hand nehmen – im letzten Moment entkommt sie Adi und seinem Komplizen, indem sie an einer Ampel zum VWL-Studenten Christian ins Auto springt. Christian beginnt, sich für die gehetzte Frau zu interessieren, und hilft ihr, sich versteckt zu halten. Denn er ahnt nicht, dass Ariane selbst nicht unschuldig ist ...


Bei Action-„Derricks“ denkt man vielleicht an „Lange Nacht für Derrick“ oder „An einem Montagmorgen“ aus den Jahrgängen 1985/86, doch auch „Die Nacht mit Ariane“ ist ein veritables Beispiel dieser Serienuntergattung. In Echtzeit wickelt sich ein Fall ab, der von der Rücksichtslosigkeit der Verbrecherclique um die Gebrüder Mahler profitiert. Diese wird mit ihrer Anwerbung einer ahnungslosen tschechischen Einwandererin prägnant illustriert, bevor die Story sich ihrem Hauptteil zuwendet, der ganz auf die Querdenkerin Ariane zugeschnitten ist. Esther Hausmann verleiht der Titelrolle eine janusköpfige Qualität: Zunächst als Retterin der bedrohten Unschuld und in die Ecke getriebene Verfolgte zu sehen, wandelt sich Ariane mit zunehmender Laufzeit zu einem manipulativen Wesen, das seine Schuld nicht nur vor sich selbst verdrängt, sondern sich alle Mühe gibt, einen harmlosen Jüngling um den Finger zu wickeln, damit dieser ihr aus der Patsche hilft. Mit einer regelrecht noiresken Femme fatale-Situation haben wir es hier zu tun – einer ungewohnten Versuchung, der der blutjunge Philipp Brammer bereitwillig erliegt.

Er, dessen Leben sonst in allzu geregelten Bahnen verläuft, fühlt sich vom Geruch des Abenteuers ebenso angezogen wie von der erst latenten, dann offensiven Erotik, die Ariane versprüht. Gräwert untermalt den Strudel, in den der Student hineinpurzelt, mit zunehmend verstörenden Bildern (Überblende vom Liebesspiel zum Sarg des ermordeten Gatten), aber auch mit einer schwärmerischen Schutzhaltung, die der naive Junge Derrick gegenüber in Bezug auf Ariane an den Tag legt. Dies führt zu erzieherischen Eingriffen Derricks, die Tappert im späten Mittelteil besonders charismatische Szenen bescheren (der Darsteller wird wieder einmal absolut eins mit seinem Charakter) und „Derrick“-Analytiker Andreas Quetsch zu Hochform auflaufen lassen:

Zitat von Andreas Quetsch: Der Mensch und die Moral, in „Augenblick 30: Gesetz & Moral – Öffentlich-rechtliche Kommissare“, Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, 1999, S. 32f
Reinecker belegt bestimmte Werte durch die Art der vermittelnden Figur eindeutig negativ. So beschreibt sich zum Beispiel die Prostituierte in Die Nacht mit Ariane als ziel- und gedankenlos, wenn sie gegenüber dem aus einer geordneten Familie stammenden, strebsamen Christian die Ursache für ihr „Hineinrutschen“ in den Mord erklärt [...]. Auch hier ist deutlich, was vermittelt werden soll. Wer nicht zielgerichtet und (ein wenig) strebsam ist, kann schnell in etwas hineingeraten. Dies kann als Leitsatz einer auf Konformität und Leistung ausgerichteten Gesellschaft gelten, ist aber durchaus diskussionswürdig. Horst Pöttker führt an, dass es bereits in Reineckers Jugendpropagandafilm Junge Adler (1944) um die Funktionstüchtigkeit und Eingliederung junger Menschen in die Gesellschaft ging. [...] Unüberlegte, persönliche Gefühlsreaktionen bergen unter Umständen auch die Gefahr in sich, im Gegensatz zu einer allgemein vorherrschenden Meinung zu stehen. Auch hier wäre also die Konformität gefährdet – persönliche Empfindungen müssen dem Gemeinwohl untergeordnet werden. In Die Nacht mit Ariane kommt dies durchgehend als Sub-Thema zum Ausdruck ...


Wer sich nicht so weit in den Bereich der Spekulationen begeben möchte, findet in „Die Nacht mit Ariane“ eine überaus engagierte Krimifolge mit hohem Identifikationspotenzial der Figuren, ausgefallener Struktur, stilsicherer Hand der Regie, spannungsfördernder Musik und verwischten Grenzen zwischen Gut und Böse. In einer sehr überzeugenden Nebenrolle als Mustermacho tritt der ehemalige Schüler-Darsteller aus „Dem Mörder eine Kerze“, Sven-Eric Bechtolf, auf. Alles in allem sehr sehenswert!

Der Titel verrät es: Auf eine Nacht beschränken sich die Vorkommnisse in dieser Folge, was „Die Nacht mit Ariane“ zu einer Mischung aus Noir-Film und Kriminalreportage werden lässt, in der anrüchiges Abenteuer, tückische Beeinflussung und unerhörte Romantik ebenso überzeugende Rollen spielen wie Hausmann und Brammer. 5 von 5 Punkten.

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