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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Offline




Beiträge: 15.635

23.12.2018 12:34
#901 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten

Dem kann ich nur zustimmen: Abwechslungsreicher Musik- und Komponisteneinsatz sollten eigentlich generell angestrebt werden. Dauerhaft war die Verpflichtung von Duval in dieser Phase der "Derrick"-Reihe zwar auch nicht mehr unbedingt, weil da wirklich oft Eberhard Schoeners Name im Abspann steht, aber Duval wirkt eben vergleichsweise stärker nach, weil seine Kompositionen von einer ziemlich aufdringlichen Präpotenz und einer für heutige Zuschauer auffälligen Zeitgeistigkeit sind. Er war sozusagen der Dieter Bohlen der TV-Begleitmusik, verschmähte den guten Rat von Rudolf Arnheim, dass Filmmusik vor allem dann gut ist, wenn sie nicht weiter auffällt, und hätte dementsprechend besser nur als gelegentlicher Akzent mit größerer Auflockerung durch eine breite Palette anderer Komponisten eingesetzt werden sollen.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.635

10.01.2019 13:50
#902 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Eine kleine rote Zahl

Episode 267 der TV-Kriminalserie, BRD 1997. Regie: Eberhard Itzenplitz. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Ulrich Matthes (Harald Breuer), Pierre Sanoussi-Bliss (Andreas Zeisig), Peter Roggisch (Herr Breuer), Catherine Flemming (Renate Winzer), Gert Burkard, Franjo Marincic, Randolf Kronberg, Alexander Duda u.a. Erstsendung: 3. Januar 1997, ZDF.

Zitat von Derrick: Eine kleine rote Zahl
In der hart umkämpften Münchner Drogenszene erschießt der Dealer Andy Zeisig einen lästigen Konkurrenten, der ihm sein Revier streitig zu machen versucht. Auf der Flucht vor der Polizei steigt Zeisig mit vorgehaltener Waffe ins Auto des zufällig anwesenden Harald Breuer. Dieser lässt sich in seinem betrunkenen Zustand zur Komplizenschaft überreden – nicht zuletzt weil Breuer ein Versager ist, der zwar von seinem Vater gestützt wird, aber nun mit einer Falschaussage für den polizeilich einschlägig bekannten Dealer zum ersten Mal einen großen Batzen Geld verdient. Obwohl Derrick nichts anderes übrig bleibt, als Breuers Aussage zunächst zu akzeptieren, will sich das Drogenkartell hinter Zeisig des unsicheren Zeugen lieber schnell entledigen ...


Wenig vielversprechend blendet die Episode mit einer Hinterhofszenerie auf, in der eine Gruppe abgewrackter Twens um eine Feuertonne herumsteht, während Passanten, die seltsamerweise auf diesen ungemütlichen Wegen verkehren, einander zuraunen: „Was sind das für Leute?“„Das siehst du doch, Süchtige sind das.“ Ungelenker könnte ein Auftakt kaum ausfallen, doch überraschenderweise ändern sich die Eindrücke recht schnell, denn Drogen übernehmen in diesem Fall höchstens eine verschämte Macguffin-Funktion und dienen dazu, den schnell, aber nicht unstimmig über die Bühne gebrachten Mord leidlich zu begründen. Gespannt verfolgt man statt einer Gruppe geisterbahnverdächtiger Junkies alsbald hautnah den Mörder und Drogenhändler, bei dessen Namen man ganz sicher nicht auf Zeisig getippt hätte.

„Eine kleine rote Zahl“ erfreut sich an derlei krude-kuriosen Besetzungsentscheidungen, die Reinecker beim Verfassen seines Scripts so ganz sicher nicht vor Augen hatte. So ist Zeisig in Gestalt des Ostberliners Pierre Sanoussi-Bliss ein androgyn angehauchter Mulatte und sein Sparringspartner Breuer – der übliche unschlüssig-erfolglose „Derrick“-Student – wird von einem dauerbetüdelten Ulrich Matthes in dessen 38. Lebensjahr verkörpert. Wohl gerade deswegen funktionieren die beiden Hauptfiguren aber wirklich gut miteinander. Sowohl Matthes als auch Sanoussi-Bliss geben ihren Charakteren eine gewisse Weichheit, bei der man nie ganz sicher sein kann, ob aus der ungewöhnlichen Zweckgemeinschaft (Geld gegen Alibi) nicht auch eine merkwürdige Freundschaft erwächst. Zeisig gibt sich seinen Komplizen gegenüber zwar unbeeindruckt, setzt sich aber dafür ein, dass Breuer zunächst von seinem drohenden Schicksal als toter Mitwisser verschont wird. Beide Figuren entsprechen damit nicht ganz den typischen Schwarz-Weiß-Denkmustern und halten die Episode ohne unnötige philosophische Einlagen durchweg interessant.

Auf seine unnachahmliche Weise interessiert sich auch Derrick für Breuer. Als wisse er als alter Hase sofort, dass er aus dem abgebrühten Zeisig nichts herausbekommen werde, stürzt sich Derrick mit Genuss auf dessen unerfahrenen, offensichtlichen Komplizen und macht diesen mit dauerhaften Telefonanrufen und Gewissensappellen langsam mürbe. Unanständigen Angeboten wie dem Zerreißen der zu Protokoll gegebenen Aussage gegenüber dem verdutzten Breuer folgt ein lustiger Trotzanfall auf dem Revier, in dem Derrick sich bei Harry darüber beschwert, dass sich Breuer nicht so einfach von ihm belehren lasse. Harry nimmt es wie immer mit stoischer Ruhe hin – er weiß, dass er mittlerweile nur mehr fürs Ausweise-Hinhalten und als Telefonfräulein gebraucht wird. Tapperts ironischer Elan in der Folge ist aber wirklich bemerkenswert und veredelt mehrere Szenen, z.B. auch im Zusammenspiel mit Catherine Flemming.

Etwas ungelenk und abstrakt wirkt die den Episodentitel erklärende Einbindung des Breuer’schen Vaters, welcher seinen Sohn eher als geschäftlichen Verlust denn als lebendiges Wesen abstempelt. Es hätte vielleicht auch weniger plakative Möglichkeiten gegeben, Breuer-juniors Unsicherheit zu erklären als diese. Auch gleitet die Episode in der zweiten Hälfte wieder in etwas langwierige Gefilde ab, fängt sich aber bald wieder zu einem recht beeindruckenden Finale, in dem die Polizei mit ganz großen Geschützen auffährt. Unterm Strich bekommt man es also bei der Einstiegsfolge ins Ausstrahlungsjahr 1997 mit einem für die aktuelle Serienphase leicht überdurchschnittlichen Fall zu tun, der aber nicht frei von Fehlern ist und wahrscheinlich auch abseits seiner guten Unterhaltungsfunktion nicht auf die logische Goldwaage gelegt werden sollte (warum fahren z.B. alle Hintermänner des Drogenrings gemeinsam zum abschließenden Treffen, nur um dort bequemerweise lückenlos ausgehoben werden zu können?).

„Eine kleine rote Zahl“ überrascht mit einem über weite Strecken recht fesselnden Handlungsablauf, in den sich zwar einige Klischees, aber nur vereinzelte Fremdschämmomente und Längen verirren. Die einigermaßen sonderbare Besetzung der Gasthauptrollen verleiht der Folge einen markanten, recht modernen Anstrich, zumal man keine Glaubwürdigkeitspunkte abziehen muss. Gute 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.635

10.01.2019 20:00
#903 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Gegenüberstellung

Episode 268 der TV-Kriminalserie, BRD 1997. Regie: Eberhard Itzenplitz. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Volker Lechtenbrink (Robert Kaltenbach), Stefan Kolosko (Andy Klenze), Ronald Nitschke (Arnold Leskow), Julia Richter (Helga Klenze), Renata Zednikova (Anna), Katharina Hoffmann (Lisa Klenze), Holger Petzold, Jürgen Schilling u.a. Erstsendung: 31. Januar 1997, ZDF.

Zitat von Derrick: Gegenüberstellung
Die Streifenpolizisten Robert und Andy werden in ein Lokal gerufen, in das sich eine junge Osteuropäerin vor zwei maskierten Männern geflüchtet hat. Als die beiden ankommen, verschwinden die Unbekannten gerade mit der Frau in ihrem Wagen. Robert und Andy nehmen die Verfolgung bis zu einem abgelegenen Hof auf, wo einer der Vermummten die Frau erschießt und von Andy die Maske vom Gesicht gerissen bekommt. Bei Routineermittlungen stoßen Derrick und Harry auf einen möglichen Täter, auf den die von Andy abgegebene Beschreibung genau passt. Bei der Gegenüberstellung will ihn der Polizist aber plötzlich nicht mehr wiedererkennen. Was Derrick nicht weiß: Andys Familie wird von den Verbrechern bedroht ...


Als Zuschauer von „Gegenüberstellung“ findet man sich mitten in der organisierten Münchner Verbrecherwelt wieder, in der es die Polizei nicht mit harmlosen Amateuren, sondern mit Profis ohne Gewissen zu tun bekommt. Der Krimi dreht damit sozusagen die (für die Seite der Gerechtigkeit normalerweise erfolgversprechende) Prämisse auf den Kopf, dass die Polizei mit einem Erfahrungsvorsprung in den Kampf gegen die Verbrecher geht. Der hier im Mittelpunkt stehende junge Streifenpolizist Andy ist nämlich alles andere als ein abgeklärter Experte. Ihm setzt die regelrecht mafiös aufgezogenen Verbrecherbande, gegen die er plötzlich kämpfen muss, stark zu und überfordert ihn letztlich völlig, als sie auch noch Drohgebärden gegenüber seiner im Kindergartenalter befindlichen Tochter anwenden.

Obwohl „Gegenüberstellung“ damit sowohl über einen hohen Action- und Spannungsanteil (besonders in den Auftaktminuten) und über psychologisch interessante Momente verfügt, reißt die Folge dennoch nicht in dem Ausmaß mit, welches das Drehbuch vielleicht hergegeben hätte. Das liegt an mehrfachen unfreiwillig komischen Augenblicken, die das Publikum immer wieder unabsichtlich aus der atmosphärischen Geschichte herausreißen – sei es das alberne Verhalten der Maskierten im Lokal, wo einer von ihnen noch ein mit Glassplittern versetztes Sektglas leeren will, das stellenweise peinliche Overacting von Jungdarsteller Stefan Kolosko oder das ungeschickt konzipierte Finale in der Tiefgarage. Da diese Fehler nicht zuletzt dem in seiner Schauspielerführung häufig eher fahrigen Regisseur Itzenplitz anzulasten sind, dessen „Derrick“-Arbeiten mehrheitlich auch ziemlich schwach ausfallen, hätte man sich eine Person wie Dietrich Haugk im Regiestuhl gewünscht, um mehr aus der Episode herauszuholen.

Neben dem geckenhaften Kolosko wirkt der in einer erfahreneren Polizistenrolle auftretende Volker Lechtenbrink latent unterfordert – man hätte ihn ebenso wie die Gangster gern stärker in mehreren Szenen involviert gesehen. So hätte es vielleicht einen spannenderen und bedrohlicheren Weg gegeben, die Gefahr für die kleine Lisa Klenze zu vergegenwärtigen, als ein bloßes Foto, in dem ihr Gesicht ausgekreuzt ist. Erstaunlich modern hingegen präsentiert sich die Folge gen Ende, als ein Handy eine wichtige Rolle spielt und Tappert (daraufhin bekennender Werbeträger für D2 Mannesmann) den Satz in den Mund gelegt bekommt: „Harry, ich brauche eine Handynummer!“ Kurioserweise schien der auf dem Gebiet der Technik fortschrittsfeindliche Herbert Reinecker zu denken, die Polizei habe keine Möglichkeiten, Handyanschlüsse zentral zu erfragen, sodass Harry daraufhin Andy Klenzes Schwiegermutter um die Nummer geradezu anbetteln muss – eine weitere Gelegenheit, die Potenzial zur Nachbesserung offenbart.

Das in Anbetracht des Ausgangsverbrechens naheliegende Thema des Menschenhandels wird letztlich kaum berührt; über die Strukturen und Hintergründe der Ganoven erfährt man nur wenig. Auch über den Gewissenskonflikt des jungen Polizeibeamten zwischen Aufrichtigkeit bei der Gegenüberstellung oder ein Einknicken für den Schutz seiner Familie geht Andy Klenze eine Spur zu rasch hinweg. Ausgiebig wird dagegen schon zum zweiten Mal in Folge das Ausheben eines ganzen Verbrecherkartells im Rahmen einer polizeilichen Großaktion mit Sondereinsatzkommando in Szene gesetzt – typisch für den Zeitgeschmack der Neunzigerjahre.

Herbert Reineckers grundsätzlich gutes Drehbuch hätte stellenweise einer anderen Akzentsetzung und zudem einer professionelleren Umsetzung bedurft, um zu einer wirklich guten „Derrick“-Episode zu gedeihen. So bleibt „Gegenüberstellung“ im Itzenplitz’schen Mittelmaß stecken, was nicht zuletzt auch der etwas gewöhnungsbedürftigen Besetzung der Gasthauptrolle anzulasten ist. 3 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.635

11.01.2019 00:10
#904 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Verlorener Platz

Episode 269 der TV-Kriminalserie, BRD 1997. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Christiane Hörbiger (Lore Lenau), Klausjürgen Wussow (Gregor Lenau), Holger Handtke (Martin Lenau), Irina Wanka (Herta Lenau), Natali Seelig (Marietta Lenau), George Lenz (Richard Lenau), Gabriele Dossi (Maria Wendeguth), Norbert Goth u.a. Erstsendung: 14. März 1997, ZDF.

Zitat von Derrick: Verlorener Platz
Herta Lenau, die Frau des Boutiquebesitzers Gregor Lenau, wurde vor der Bank beim Einwerfen der Wocheneinnahmen erwürgt. Vom Geld fehlt jede Spur. Gregor Lenau ist so schockiert über den Tod seiner deutlich jüngeren Frau, dass er ins Krankenhaus eingewiesen werden muss. Da nimmt sich seine erste Gattin wieder seiner an: Lore Lenau ist im Gegensatz zu ihrem geschiedenen Mann eine sehr entschlossene Frau, die alles daran setzt, den verlorenen Platz in der Familie wieder in Besitz zu nehmen. Würde sie soweit gehen, dafür auch einen Mord zu verüben?


Wie so oft in der Abschlussphase bei „Derrick“ bekommt man es bei „Verlorener Platz“ mit einer Episode zu tun, die nicht uninteressant beginnt, aber nach und nach in künstlicher Schwere versinkt. Während man das Ableben von Herta Lenau und die Schockstarre ihres Mannes über das Verbrechen gespannt verfolgt, verliert man mit dem Auftreten der Ehevorgängerin in Gestalt Christiane Hörbigers recht schnell das Interesse am Verlauf der Folge. Obwohl Hörbiger eigentlich eine gute Schauspielerin ist, ist sie diesmal ähnlich wie in „Derricks toter Freund“ mit einer unvorteil- und ausgesprochen schwatzhaften Rolle bedacht worden. Der Titel spielt auf ihre Verdrängung aus dem luxuriösen Hause Lenau durch die jüngere Konkurrentin an und es erfordert keinen besonders geschulten detektivischen Verstand, um sich die Hintergründe über das Verbrechen binnen weniger Augenblicke zusammenzupuzzeln. Reinecker und Weidenmann erfüllen dann auch voll und ganz die (niedrigen) Erwartungen und schlachten in endlosen Monologen über die Situation der Frau die durchschaubare Fall- und Figurenkonstellation aus.

Der eigentlich immer gern gesehene Klausjürgen Wussow wird von Hörbiger an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt, denn die Frau bemächtigt sich nicht nur wieder der Wohnung und des Geschäfts, die ihr einst auch zu Teilen gehörten, sondern beantwortet im Namen ihres Mannes auch gleich noch alle von Derricks Fragen. Gleiches gilt für die Rollen ihrer Kinder, die offenbar nur dem einen Zweck dienen, noch etwas Unsicherheit über den Täter ins Spiel zu bringen. Das missglückt aber gründlich, denn welcher Sprössling die Tat letztlich verübte, ist in Ermangelung individueller Persönlichkeiten und unterscheidbarer Motive völlig egal. Immerhin einen Grund zur Freude gibt es bei der Lenau’schen Baggage: In den letzten Serienjahren muss man sich nach und nach von vielen jahrelangen Weggefährten aus dem „Derrick“-Universum verabschieden und oft ist es schade, bemerken zu müssen, dass mittlerweile sehr vertraute Namen zum letzten Mal an einer Folge mitwirken. In diesem Fall darf man aber die Halleluja-Fanfare auspacken: Holger Handtke gibt hier in „Verlorener Platz“ seinen Ausstand aus der Reihe! Das ewige Trauma-Kind meist absolut unterdurchschnittlicher „Derrick“-Episoden bekommt hier noch eine letzte Rolle ganz auf die eigene altgediente Rollenschublade zugeschnitten und ist dann – Ringelmann sei’s gedankt – endlich weg vom Fenster.

Die einzig verbleibende Unklarheit – wo nämlich das verschwundene Geld geblieben ist, das sich vor ihrer Ermordung im Besitz der Toten befand – beschäftigt den Zuschauer nicht weiter, weil ein Raubmord als Ablenkungsmanöver (gelinde gesprochen) auf tönernen Füßen steht. Selbst Harry bekommt von Anfang an mit, dass familiäre Gründe für den Mord vorliegen müssen – und das ist eigentlich der beste Indikator dafür, dass es sich Reinecker hier ein ganzes Stück zu leicht mit der Handlung machte. Man freut sich folglich auf den Abspann, der – das sei zur Ehrenrettung erwähnt – von einem angenehm dezenten Duval-Stück begleitet wird.

Gähnend lange Monologe einer Frau und Mutter, die man nicht zum Feind haben will: Christiane Hörbiger kämpft offensiv (zu offensiv?) gegen eine krude Rolle und gleichsam eine misslungene Folge an, in der das einzige Rätsel, dessen Derrick sich annehmen sollte, darin besteht, ob man nicht ein besseres Drehbuch hätte hervorzaubern können. 2,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.635

15.01.2019 00:10
#905 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten



Derrick: Gesang der Nachtvögel

Episode 270 der TV-Kriminalserie, BRD 1997. Regie: Wigbert Wicker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Nikolaus Gröbe (Lorenz Rosenfeld), Roswitha Schreiner (Marga Weinding), Jacques Breuer (Bernd Weinding), Gertraud Jesserer (Frau Rosenfeld), Hans Peter Hallwachs (Dr. Rosenfeld), Raphael Wilczek (Rubin), Michael Zittel (Carossa), Christian A. Koch (Kaselke) u.a. Erstsendung: 18. April 1997, ZDF.

Zitat von Derrick: Gesang der Nachtvögel
Als Student ist Lorenz Rosenfeld eine Niete und auch im Umgang mit anderen Menschen macht er sich wenige Gedanken. Er lernt Marga Weinding kennen, mit der er eine Affäre beginnt, ohne zu ahnen, dass hinter Marga eine sektenartige Vereinigung steht, die es auf das Geld seines Vaters abgesehen hat. Sobald die Strippenzieher ihn für weichgekocht genug halten, töten sie Lorenz’ Vater, den Besitzer einer florierenden Computerfirma, indem sie einen Verkehrsunfall vortäuschen. Lorenz selbst lassen sie eine Vollmacht unterschreiben, die einem zur Sekte gehörenden Anwalt die volle Verfügungsgewalt über das Erbe erteilt ...


„Gesang der Nachtvögel“ fügt der typischen Student-auf-Abwegen-Handlung einen interessanten Twist hinzu, denn selten wurde einem der unselbstständigen und beeinflussbaren Reinecker-Jugendlichen so perfide mitgespielt wie in dieser Episode. Dabei wahrt man eine ungewöhnliche Balance zwischen offener Bedrohungslage sowie Täterkonstruktion und einem zunächst noch unbekannten Motiv und konzentriert sich einerseits auf das Umwerben des potenziellen Opfers und andererseits auf dessen familiäre Probleme. Die Exposition zum Mord gelingt also sehr interessant und auch die Tat an sich wurde von Wigbert Wicker mit Gespür für Action in Szene gesetzt.

Nikolaus Gröbe ist normalerweise auf reflektiertere Rollen abonniert und überrascht deshalb als ungelenker Leichtfuß. Man hätte hier vielleicht trotz seines hohen Sympathiewerts einen anderen Darsteller verpflichten können. Wiederum harmoniert er gut mit Roswitha Schreiner, bei der lange unklar bleibt, in welchem Ausmaß sie in die Hintergründe des Ränkespiels eingeweiht ist. Leider obliegt es ausgerechnet Schreiner, die verqueren Ideen der Sekte dem Publikum zu präsentieren. Anstatt eine gefährlich wirkende, vereinnahmende Glaubensgemeinschaft zu skizzieren, beschränkte sich Reinecker auf eine recht zahnlos wirkende Wahrheitssucher-Sekte, die sich in dubiosen, aber harmlosen philosophischen Fragen ergeht. Schreiner muss folglich solche Sätze äußern wie „Themen haben kein Sitzfleisch. Sie kommen auf Flügeln und wenn sie einen verlassen, gehen sie am Stock“ oder „Wir sind Blinde, ohne blind zu sein, und rennen herum mit geschlossenen Augen in einer Traumwelt uralter Bilder“. Das weckt zwar intuitiv den Wunsch, sich die Ohren mit Seife auszuwaschen, aber nicht unbedingt die beabsichtigten tiefgehenden Abneigungen gegenüber Rubins und Weindings ruchloser Community.

So gestaltet sich insbesondere der Ermittlungsprozess etwas zahnlos; hier hätte gern mit ordentlichen kriminalistischen Indizien, z.B. Lack- oder Reifenspuren des Tatwagens, gearbeitet werden dürfen, anstatt die Täter (ein sehr passendes Duo aus „Derrick“-Veteran Jacques Breuer und dem distanzierten Raphael Wilczek) in blanker Selbstüberschätzung ins offene Messer rennen zu lassen. Derricks Anstrengungen, die Herren und ihren Handlanger festzunehmen, halten sich jedenfalls in engen Grenzen. Einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt auch das Finale, in dem sich Gröbe und Schreiner nach erfolgter Verhaftung der Hintermänner nach wie vor mit romantischer Naivität im Arm liegen, als wäre das Brainwashing der beiden nie passiert. Derrick flüchtet sich bei solcher Blauäugigkeit in religiöse Wagnis und wünscht den beiden Turteltauben, „der Herr möge ihnen beistehen auf der Suche nach Wegweisern“. Gleiches könnte man auch den „Derrick“-Machern für ihre letzten zwei Jahrgänge erwidern.

Ein gut angedachter Plot krankt an einer etwas zu oberflächlichen Umsetzung. Mit etwas mehr Pfeffer hätte die Sektenhandlung noch unangenehmer gewirkt und wäre mit den rauen Mitteln der Verblendeten, Geld für die „gute Sache“ zu organisieren, besser in Übereinstimmung zu bringen gewesen. So bleibt es bei 3,5 von 5 Punkten, die sich hauptsächlich auf eine solide Besetzung und die nachfühlbare Situation des umgarnten, gedankenlosen Studenten stützen.



Ist es Zufall oder eine selbsterfüllende Prophezeiung? Die erste Collector’s Box, an der Theodor Grädler nicht mehr beteiligt war, erhält von mir die bis dato schwächste Durchschnittswertung. Oder sehe ich einfach nur Gespenster und die Folgen nahmen einfach generell qualitativ ab – so wie alle „Derrick“-Kenner mich geflissentlich vorgewarnt haben? Naja, das Spitzenfeld von Box 18 ist jedenfalls sehr dünn, bevor ein großer Batzen solider, aber nicht wirklich begeisternder Mittelfeld-Folgen einsetzt. Es zeigt sich, dass viele Fälle nicht mehr den Schwung haben, um die traditionelle „Derrick“-Stimmung in ausreichendem Maße aufkommen zu lassen, was manchmal an schwachen Drehbüchern und manchmal an der Verpflichtung neuer, serienunerfahrener Regisseure liegt. Von diesen Neulingen hebt sich einzig Peter Deutsch als teilweiser Erfolg ab, denn seine Episode „Der Verteidiger“ ist „Derrick“-Kost auf gewohnt hohem Niveau. Sonst gelang vor allem den alten Hasen Tappert und Goslar mit ihren einzigen Arbeiten der Box, eine zufriedenstellende Mischung zu finden. Nichtsdestoweniger bewahrt sich der etwas aus der Zeit gefallene Derrick auch in seinen späten Jahren eine einzigartige Faszination, die auch über schwächere Momente hinweghilft.

Platz 01 | ★★★★★ | Folge 263 | Der Verteidiger (Deutsch)

Platz 02 | ★★★★☆ | Folge 261 | Das leere Zimmer (Tappert)

Platz 03 | ★★★★★ | Folge 259 | Mädchen im Mondlicht (Goslar)

Platz 04 | ★★★☆★ | Folge 267 | Eine kleine rote Zahl (Itzenplitz)
Platz 05 | ★★★☆★ | Folge 257 | Ruth und die Mörderwelt (Ashley)
Platz 06 | ★★★☆★ | Folge 265 | Zeuge Karuhn (Deutsch)
Platz 07 | ★★★☆★ | Folge 270 | Gesang der Nachtvögel (Wicker)

Platz 08 | ★★★★★ | Folge 264 | Das dunkle Licht (Weidenmann)
Platz 09 | ★★★★★ | Folge 266 | Bleichröder ist tot (Deutsch)
Platz 10 | ★★★★★ | Folge 268 | Gegenüberstellung (Itzenplitz)
Platz 11 | ★★★★★ | Folge 256 | Einen schönen Tag noch, Mörder (Weidenmann)

Platz 12 | ★★☆★★ | Folge 269 | Verlorener Platz (Weidenmann)
Platz 13 | ★★☆★★ | Folge 258 | Frühstückt Babette mit einem Mörder? (Itzenplitz)

Platz 14 | ★★★★★ | Folge 262 | Riekes trauriger Nachbar (Itzenplitz)
Platz 15 | ★★★★★ | Folge 260 | Mordecho (Ashley)

Gubanov Offline




Beiträge: 15.635

18.01.2019 20:53
#906 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten

Vor einer Woche gab es das überraschende Ableben von Fritz Weppers 76-jähriger Ehefrau Angela aufgrund einer Hirnblutung zu beklagen. Die Ehe war 1979 geschlossen worden; es ging auch die gemeinsame Tochter und Schauspielerin Sophie Wepper daraus hervor. Für die Klatschpresse ist nun neben Angela Weppers Tod vor allem das Verhalten von Weppers zeitweiliger Geliebter Susanne Kellermann interessant, über deren Verhältnis zur verstorbenen Angela Wepper unterschiedliche, teils recht blumige Berichte kursieren.

RTL.de: Fritz Weppers Frau Angela ist im Alter von 76 Jahren verstorben
Bunte.de: Angela Wepper – Die Wahrheit über ihren Tod
Bunte.de: Angela Wepper – Drama um ihre Beerdigung

Gubanov Offline




Beiträge: 15.635

18.01.2019 23:00
#907 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · antworten

DERRICK Collector’s Box 19 (Folgen 271-281, 1997-98)

  • #271: Fundsache Anja (Dietrich Haugk)
  • #272: Hölle im Kopf
  • #273: Die Nächte des Kaplans
  • #274: Der Mord, der ein Irrtum war
  • #275: Das erste aller Lieder
  • #276: Pornocchio
  • #277: Die Tochter der Mörders
  • #278: Anna Lakowski
  • #279: Herr Kordes braucht eine Million
  • #280: Mama Kaputtke
  • #281: Das Abschiedsgeschenk




Derrick: Fundsache Anja

Episode 271 der TV-Kriminalserie, BRD 1997. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Daniel Friedrich (Walter Ahrens), Katja Woywood (Anja Kajunke), Irene Clarin (Frau Kajunke), Franjo Marincic (Kajunke), Sarah Deissenböck (Milly Kajunke), Regine Leonhardt (Anneliese Lünnhof), Klaus Höhne, Inge Schulz u.a. Erstsendung: 23. Mai 1997, ZDF.

Zitat von Derrick: Fundsache Anja
Schreckensstarr warten Frau Kajunke und ihre Töchter Anja und Milly auf die Rückkehr des Familienvaters Alfred. Dieser betrinkt sich regelmäßig in seiner Stammkneipe und vergeht sich anschließend im Suff an seinem älteren Kind. Manchmal schickt Frau Kajunke Anja daher vorsorglich aus dem Haus. An einem dieser Abende sucht die 18-Jährige Unterschlupf im Gartenhaus einer Villa, deren Besitzer sie entdeckt und für ihre missliche Lage großes Verständnis aufbringt. Zum ersten Mal hat Anja einen Zufluchtsort, an dem sie sich sicher fühlen kann. Vier Wochen später wird Herr Kajunke erstochen aufgefunden. Derrick ermittelt sowohl im Umfeld der Kajunkes als auch in der Villa von Walter Ahrens ...


Dietrich Haugk hatte nicht nur den Vorteil, von der ersten „Derrick“-Stunde an (mit Unterbrechungen) dabei gewesen, sondern inszenatorisch noch etwas beweglicher als einige seiner alternden oder neu hinzugestoßenen Kollegen zu sein. So entwickelt sich „Fundsache Anja“ zu genau dem, wofür Reinecker-Serien eigentlich so beliebt sind – einem guten, altmodischen Familiendrama mit sozialkritischem Einschlag. Den Dämon Alkohol hatte der Autor schon gelegentlich gegeißelt (man denke etwa an den Problem-„Kommissar“ „Fährt der Zug nach Italien?“); hier wird die Gefahr, die vom volltrunkenen Vater für dessen Frau und Töchter ausgeht, aber so greifbar und real dargestellt wie selten sonst. Ein völlig abgewrackter Franjo Marincic erweist sich dabei ebenso als Idealbesetzung wie eine überfordert-verhuschte Irene Clarin sowie die von ihren Lebensumständen völlig traumatisierte Katja „Anja“ Woywood. Diese gibt sich zurückhaltend verstört, ohne mit übertriebenem Spiel die Nerven der Zuschauer zu strapazieren – stattdessen kann man sich mit ihr und ihrem „Retter“ (ebenfalls sehr sympathisch: Daniel Friedrich) vollauf identifizieren, gerade wenn sie wie ein verfolgtes Reh ins Scheinwerferlicht blickt.

Der Aufbau der Episode erweist sich in mehreren Aspekten als ungewöhnlich. Zwar hat sich das lange Ausbreiten der Vorgeschichte mittlerweile zum beliebten Stilmittel in „Derrick“-Episoden entwickelt, aber ein mittels Texteinblendung erläuterter Zeitsprung von vier Wochen sowie Derricks nicht gerade alltägliche, sich auf Rückblenden stützenden Befragungen in der zweiten Hälfte verleihen „Fundsache Anja“ eine markante, teilweise traum- oder märchenartige Eigentümlichkeit. Dabei wird geschickt durch den Einsatz einer subjektiven Kamera, einer unterschwelligen Musikuntermalung des Gastkomponisten Wolfgang Pillinger sowie intensiver, aber völlig philosophiefreier Dialoge ein beträchtlicher Suspense geschürt. Und obwohl das Motiv für den Mord an Herrn Kajunke offen auf der Hand liegt, bereitet die Täterfrage doch gehöriges Kopfzerbrechen bis zum letzten Moment.

Altgediente Serienfreunde erfreuen sich an einer verhältnismäßig präsenten Rolle für Fritz Wepper sowie an einigen regelrecht klassischen Verrücktheiten am Rande: So will sich Derrick gerade ins Kino verabschieden, um einen Krimi zu sehen, als Kajunkes Leiche gemeldet wird. Auf welchen sehenswerten Film er es anno 1997 wohl abgesehen hatte? Zudem präsentiert sich Serienveteran Klaus Höhne in einer kleinen Rolle als neugieriger Nachbar und Leichenfinder, dem Derrick mehrfach im Treppenhaus begegnet und der sich dessen Namen partout nicht merken kann. Diese kleine humoristische Brechung tut dem in sonstigen Belangen sehr ernsthaften Fall durchaus gut.

Haugk findet nicht nur in puncto Humor eine ordentliche Balance, sondern verknüpft auch galant unterschiedliche Milieus miteinander, sodass Anjas Leidensgeschichte vom Missbrauchsopfer zur Walter Ahrens’ Sozialexperiment gewisse „Cinderella“-Qualitäten entwickelt. Haugk legt dabei genau die richtige Mischung aus einer schonungslosen Offenheit, die durch das fortgeschrittene Produktionsjahr in Bezug auf das Notzuchtthema ermöglicht wird, und angemessener Zurückhaltung an den Tag. „Fundsache Anja“ unterscheidet sich von Zeigefinger-Folgen auf wohltuende Weise, zumal sich alle Beteiligten dazu entschlossen, die Protagonisten zu einigermaßen abgerundeten Personen anstatt zu Schattenrissen auszuprägen.

Starke Spätfolge, die sich auf eindrückliche Weise des Missbrauchs von Alkohol und Schutzbefohlenen annimmt. Sie profitiert von passender Besetzung und einer Umsetzung, die von Fingerspitzengefühl und einem genauen Abwägen zwischen dramatischen Effekten und Pietät gleichermaßen zeugt und dabei auch noch gehörig Spannung aufbaut. 4,5 von 5 Punkten.

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