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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Offline




Beiträge: 16.100

22.12.2015 12:00
#751 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

... oder die Boxen sind irgendwann doch ’mal vergriffen. Wer zu lange wartet, spielt manchmal mit dem Feuer (siehe z.B. „Siska“).



Derrick: Beziehung abgebrochen

Episode 193 der TV-Kriminalserie, BRD 1990. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Michael Holtau (Professor Reichel), Evelyn Opela (Ilona Reichel), Stefan Reck (Harald Bessemer), Jessica Kosmalla (Frau Bessemer), Thomas Kretschmann (Eberhard Kraus), Dirk Galuba (Dr. Steinitz), Maya Speth, Pilar von Pilati u.a. Erstsendung: 9. November 1990, ZDF.

Zitat von Derrick: Beziehung abgebrochen
Frau Professor mischt den Bekanntenkreis ihres Mannes ordentlich auf: Ilona Reichel unterhält sowohl mit einem Studenten als auch einem Mitarbeiter ihres Mannes Affären. Kaum ist dieser dahintergekommen, ist der erste Liebhaber tot und der zweite in Lebensgefahr. Professor Reichel hat über den Schock jeden Bezug zur Realität verloren – und wird zum gefährlichen Psychopathen ... Wie viele Menschen wird er töten, bevor Derrick ihn festnehmen kann?


Über den Gehalt von Folge 193 gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Das Standard-Eifersuchtsdrama, gespickt mit philosophischen Betrachtungen über unbequeme Entscheidungen und abgebrochene Beziehungen, erzählt einerseits eine altvertraute Reinecker-Geschichte (der Seitensprung, der mit dem Tod bestraft wird), lässt aber andererseits die Feinsinnigkeit seiner besseren Familiendramen vermissen. Der Plot verläuft in offensichtlichen und von Anfang an vorausschaubaren Bahnen, schleppt sich dabei aber vor allem im mittleren Drittel nur sehr mühsam von Szene zu Szene. Nach dem einigermaßen fulminanten (wenngleich nicht besonders innovativen) Anfang – „Frau Opela und ihre unwahrscheinlichen Liebhaber“ ist mittlerweile ein etwas zu häufig wiederkehrendes Motiv geworden – versackt die Geschichte im routinierten Mittelmaß, bevor gen Ende mit dem zweiten Mord und der Flucht des Täters noch einmal deutlich an Spannung zugelegt wird. Doch auch diese positiven Effekte halten nicht besonders lang vor, münden sie doch in eine Zufallsüberführung, in der Derrick als bloßer Abstauber von einem glücklichen Zusammentreffen profitieren darf.

Für Brynych-Verhältnisse verläuft „Beziehung abgebrochen“ in erstaunlich gemäßigtem Fahrwasser – nur in den sehr martialisch inszenierten Todesszenen sowie den letzten Minuten der Folge blitzt seine Handschrift durch. Da Brynych einer der wenigen Regisseure ist, denen man ein böses Ende bei „Derrick“ zutraut (siehe zum Beispiel „Der zweite Mord“), erwartet man sich auch für die vorliegende Episode einen etwas explosiveren Ausgang. Das Spannungsmoment des verunfallten Kindes im Auto des „Amok laufenden“ Professors wurde jedoch kaum ausgekostet.

Ganz klar zugeschnitten ist dieser Fall auf Michael Holtau, sodass Opela ungewöhnlicherweise nur eine Nebenrolle (noch dazu keine besonders gut ausgearbeitete) abbekommt. Holtau füllt seine Rolle überzeugend aus, laviert aber beträchtlich durch die unnatürlichen Dialoge, die ihm Reinecker da an die Hand gab. Ebenso dauerpräsent wie Opela scheint in letzter Zeit Stefan Reck zu sein – auch hier täte eine Reduzierung der Dosis der Glaubwürdigkeit der entsprechenden Rollen gut. Dirk Galuba andererseits hat sich so zum wandelbaren Stammpersonal entwickelt, dass er vom Kneipengangster bis zum Universitätsprofessor alles spielen kann, was vor allem Brynych ihm anträgt.

Sehr schwache, weil simple Geschichte, der man als reinecker-erfahrener Zuschauer immer einen Schritt voraus ist und die deshalb bald zu langweilen beginnt. Das Finale erweckt die Folge aus dem Tiefschlaf, hätte aber noch spektakulärer ausfallen dürfen. Im Schauspielerbereich sind „nur“ solide Durchschnittsleistungen zu verzeichnen, was teilweise den realitätsfernen Drehbuchtexten und den wiederkehrenden Gastbesetzungen anzulasten ist. Noch 3 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.100

27.12.2015 21:20
#752 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Solo für Vier

Episode 194 der TV-Kriminalserie, BRD 1990. Regie: Franz Peter Wirth. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Carl Raddatz (Josef Steckel), Peter Pasetti (Carlo Larossa), Klaus Herm (Alfons Koppel), Gisela Uhlen (Irma Labuch), Eva Maria Bauer (Frau Puschka), Philipp Moog (Hellwege), Ralph Herforth (Kessler), Michael Diekmann (Steiner) u.a. Erstsendung: 14. Dezember 1990, ZDF.

Zitat von Derrick: Solo für Vier
Vier alte Leute proben den Aufstand: Der ehemalige Buchhalter Alfons Koppel späht seine frühere Firma aus, in der sein Kumpan, der Ex-Polizist Steckel, einen Bruch plant. Die gealterten Bühnenstars Carlo Larossa und Irma Labuch helfen tatkräftig mit. Tatsächlich zum Safeknacken geschickt werden aber andere: zwei angeheuerte Gauner, die nicht davor zurückschrecken, den Nachtwächter umzulegen. Die Vier halten trotzdem an ihrem Plan fest, was ihnen Besuch von Oberinspektor Derrick einbrockt ...


Nicht besonders häufig kann man bei einer „Derrick“-Folge unbeschwert lachen. In „Solo für Vier“ ist das sogar an mehreren Stellen möglich – und das obwohl Brynych gar nicht auf dem Regiestuhl saß. Franz Peter Wirth zauberte aus einem Drehbuch, das praktisch ein Remake der Frühfolge „Offene Rechnung“ ist, eine Episode, in der Komödie und Tragödie nah beieinander liegen und perfekt aufeinander abgestimmt sind. Das Quartett der alten Leutchen ist die treibende Kraft und zeigt, dass Anfälligkeit für monetäre und kriminelle Verlockungen kein Vorrecht der Jugend ist. Vor allem Pasetti, Herm und Uhlen spielen wunderbar schrullig auf, übertreten manches Mal sogar die Grenze zum Overacting, passen aber hervorragend ins Bild der rebellischen Rentner. Carl Raddatz legt seine Rolle dagegen zu schroff an, um wirklich Sympathien zu ernten, was schade ist, weil er am Ende als große Märtyrerfigur aus der Geschichte hervorgeht.

Den direkten Vergleich zu „Offene Rechnung“ gewinnt „Solo für Vier“ spielend für sich. Wirth entschärfte die Zeigefingernote, die solche „Die Alten übernehmen das Ruder“-Folgen bei Reinecker traditionell haben, vorzüglich, sodass die Altersheimbewohner ungeniert am Rad drehen dürfen. Die Planung und Durchführung des Einbruchs in der Im- und Exportfirma Hellwege ist hochspannend in Szene gesetzt worden und hätte bei entsprechendem Ermittlungsverlauf die Höchstnote hergegeben – als einzigen Wermutstropfen muss ich hervorheben, dass Derrick das Finden der Wahrheit zu einfach gemacht wird (er kennt die Hintergründe praktisch schon nach dem ersten Treffen mit den alten Leuten).

Diverse kleine Einfälle sorgen für Erheiterung: Peter Bertram fällt in seiner Firma durch Seitensprünge auf, Philipp Moog zeigt die übliche Überheblichkeit seiner VWL-Persönlichkeit und die Altersheimleiterin versucht, die Rentner mit Abendessenentzug in ein Raster „ruhiger alter Menschen“ zu pressen. Das lassen sich vor allem Carlo Larossa und Irma Labuch nicht gefallen – es ist eine wahre Freude, zu sehen, wie Peter Pasetti und Gisela Uhlen zwei weltfremde Altstars spielen, die sich ihre alte Selbstherrlichkeit bewahrt haben und sich mit Vorliebe gegenseitig oder mit anderen zanken, wenn ihre Unantastbarkeit infrage gestellt wird.

Immer mehr zu schätzen beginne ich die Verpflichtung von Helmut Trunz als Serienkomponist. Wieder einmal unterlegt er den Abspann mit melodischen, versöhnlichen Tönen, die geschickt die Stimmung der letzten – actionreichen – Szene auffangen und abrunden. Dass das Musikstück den etwas unpassenden Namen „Bar-Sex“ trägt, tut der Sache keinen Abbruch.

Sehr unterhaltsamer Oldie-Abstecher mit selbstbewussten Mimen, die ihr altes Handwerk verstehen und noch präzise umsetzen können. Dazu kommt ein Plot, der zwar alles andere als innovativ ist, aber als Gesamtkonstrukt überzeugt. Derrick hat etwas zu wenig zu tun und neigt im Gegensatz zu den Alten sogar ein wenig zu sehr zum Philosophieren, was ihm eine Watsche von Harry einbringt: „Ich glaub’, du hast sie nicht alle.“ Die Folge bekommt fast alle, nämlich 4,5 von 5 Punkten.

Jan Offline




Beiträge: 1.428

28.12.2015 09:53
#753 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

"Solo für Vier" ist für mich eine der (wenigen) gelungenen späten Episoden der Reihe. Und auch für mich hat das Remake gegenüber dem Original "Offene Rechnung" die Nase vorn. Im Wesentlichen liegt das daran, dass Reinecker bei "Solo für Vier" dem gesamten Ensemble Aufmerksamkeit widmete. Im Fall "Offene Rechnung" liegt der Schwerpunkt einzig auf Rudolf Platte. Edith Heerdegen und erst recht Rudolf Fernau laufen mehr schlecht als recht nebenher. Ganz so, als habe man eben noch ein paar Figuren gebraucht, die den angeschossenen Konny Georg stützen, weil der zerbrechliche Platte das alleine nicht schafft. Im Remake jedoch wird nahezu allen Darstellern Raum gegeben, echte Typen zu entwerfen und diese nicht ganz frei von Selbstironie auch vortragen zu können. Besonders schrullig gerät das natürlich bei den beiden "Weltstars" Carlo und Irma. Auch von mir erhält die Episode also eine klare Ansehempfehlung, wobei auch das Original "Offene Rechnung" keine schlechte Episode ist. Gegenüber dem Remake ist sie über weite Strecken flotter inszeniert, was kaum verwundert, wenn man bedenkt, dass "Solo für Vier" von Franz Peter Wirth gemacht wurde, der bei all seinen mir bekannten Ausflügen ins Krimifach nicht dazu tendierte, sonderlich viel Drehzahl auf die Orgel zu bringen.

Gruß
Jan

Gubanov Offline




Beiträge: 16.100

28.12.2015 12:07
#754 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Jan im Beitrag #753
..., wenn man bedenkt, dass "Solo für Vier" von Franz Peter Wirth gemacht wurde, der bei all seinen mir bekannten Ausflügen ins Krimifach nicht dazu tendierte, sonderlich viel Drehzahl auf die Orgel zu bringen.

Ich muss ja sagen, dass ich ein ausgesprochener Freund der (leider nur fünf) Arbeiten bin, die Franz Peter Wirth für „Derrick“ abgeliefert hat. Mit „Paddenberg“ schuf er gleich zu Beginn eine der Highlightfolgen der Serie, auch „Nur Ärger mit dem Mann aus Rom“ und „Solo für Vier“ stechen sehr positiv heraus. Bleiben „Risiko“ und „Koldaus letzte Reise“, die für meine Begriffe ins (gehobene) Mittelfeld ihrer jeweiligen Jahrgänge gehören. Eine ähnlich hohe Erfolgsquote wie Wirth hat bei mir im Rahmen von „Derrick“ eigentlich nur noch Dietrich Haugk, wobei sich die beiden Herren in ihren Regiestilen schon sehr deutlich unterscheiden. Bei meinen regelmäßigen Favoriten Grädler und Becker ist zwischendrin halt aufgrund der Masse doch der eine oder andere Ausfall dabei.

PS: Wirth arbeitete sowohl in „Paddenberg“ als auch in „Solo für Vier“ mit Peter Pasetti zusammen. Auch bei „Alexander Zwo“ trafen die beiden zusammen. Ist das ein Zufall oder waren die beiden (Theater-)Bekannte? Immerhin sind beide geborene Münchner.

TV-1967 Offline



Beiträge: 484

28.12.2015 17:06
#755 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Heute ist es passiert! Ich habe meine über 20 Jahre alten VHS-Cassetten mit den Derrick-Aufnahmen (früher ZDF dann Premiere) entgültig vernichtet und mir die restlichen neun Boxen für je 15,97 Euro bei A..... bestellt. Bevor der Preis wieder steigt.

Die Folge gefiel mir übrigens auch ganz gut. Ein Kammerspiel der besonderen Art. Helmut Trunz hat sich anfänglich ja noch Mühe gegeben. Leider war dies bei seinen späteren Arbeiten ab 1997 nicht mehr der Fall. Er hatte einfach keine Melodien in seinen Musiken, was man von Frank Duval nicht behaupten kann. Besonders seine instrumentalen Klänge finde ich äußerst passend und gelungen in beiden Serien.

@Gubanov: Vielleicht fällt Dir ja in einer der nächsten Derrick-Folgen etwas Entscheidendes auf?! Ich meine aber nicht die Brille, die Horst Tappert demnächst trägt ...

Mabuse Offline




Beiträge: 381

28.12.2015 22:37
#756 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Der Preis bei Amazon ist schon echt top, letztens gab es die dort für eine kurze Zeit sogar für 12,97! Unglaublich, dann stiegen sie wieder auf über 21,-, jetzt für 15,97. Ich vermute mal, der Abverkauf wird langsam eingeläutet. Die dürften ja mittlerweile sicherlich auch out of print sein. Also wer sich noch die ein oder andere Box zulegen möchte, sollte nicht mehr all zu lange warten. Bei dem Preis ...

Jan Offline




Beiträge: 1.428

29.12.2015 09:51
#757 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #754
Zitat von Jan im Beitrag #753
..., wenn man bedenkt, dass "Solo für Vier" von Franz Peter Wirth gemacht wurde, der bei all seinen mir bekannten Ausflügen ins Krimifach nicht dazu tendierte, sonderlich viel Drehzahl auf die Orgel zu bringen.

Ich muss ja sagen, dass ich ein ausgesprochener Freund der (leider nur fünf) Arbeiten bin, die Franz Peter Wirth für „Derrick“ abgeliefert hat. Mit „Paddenberg“ schuf er gleich zu Beginn eine der Highlightfolgen der Serie, auch „Nur Ärger mit dem Mann aus Rom“ und „Solo für Vier“ stechen sehr positiv heraus.

Ohne Zweifel war Wirth ein überaus sorgfältiger Regisseur. "Paddenberg" ist bei mir mit mehrfachem Ansehen immer besser geworden - eine Eigenschaft, die sich diese Wirth-Episode mit denen seines Kollegen Leopold Lindtberg teilt. Mit Lindtbergs Episoden konnte ich zu Beginn rein gar nichts anfangen. Mittlerweile jedoch weiß ich seine ambitionierten Ensemble-Arbeiten bei den Ringelmann-Krimis zu schätzen. Auch Wirth gehört für mich zu den ausgesprochenen Schauspieler-Regisseuren. Wilde Kameraschwenks und -zooms, skurrile Einstellungen oder "draufgelegte" Action (also Action, die sich nicht aus der Handlung erklärt, sondern zum Tempomachen draufgelegt wurde) findet man bei ihm nicht. Wobei es ja auch nicht stets die "Krawallschiene" sein muss. Wirth setzte halt andere Akzente. Zumindest in den mir bekannten Filmen - ich kenne nicht alle.
Zitat von Gubanov im Beitrag #754
PS: Wirth arbeitete sowohl in „Paddenberg“ als auch in „Solo für Vier“ mit Peter Pasetti zusammen. Auch bei „Alexander Zwo“ trafen die beiden zusammen. Ist das ein Zufall oder waren die beiden (Theater-)Bekannte? Immerhin sind beide geborene Münchner.

Gute Frage - anzunehmen ist es, dass sich da wohl einmal die Theaterlaufbahnen gekreuzt haben. Leider weiß ich über beide kaum etwas und den Wikipedia-Einträgen stehe ich stets recht skeptisch gegenüber.

Gruß
Jan

Georg Offline




Beiträge: 3.044

29.12.2015 12:18
#758 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

ad Franz Peter Wirth / Peter Pasetti:

Franz Peter Wirth war ein ausgesprochen beliebter Regisseur bei Schauspielern. Dass er mehr Wert auf Schauspiel als auf Film gelegt hat, rührte auch daher, dass er ja DER Fernsehpionier schlechthin war und anfangs (in den 50ern) für den SDR im Vierwochentakt Fernsehspiele inszenierte. Diese wurden dann live gesendet (Aufzeichnung gab es noch nicht), nachdem sie zwei Wochen lang geprobt wurden. Wenn das rote Licht im Studio anging, dann konnte man nichts mehr schneiden. Von daher musste der Regisseur alles auf den Schauspieler setzen. Diese Eigenheit ist ihm bis zum Schluss geblieben. Wirth hat ja auch den ersten Fernsehspielfilm überhaupt gedreht, nämlich DER RICHTER UND SEIN HENKER. In einem 3sat-Interview anlässlich der Wiederholung des Films erzählte er, wie ungeschickt er und das Team sich anstellten, denn niemand wusste, "wie Film geht". Und von den Filmleuten wollte keiner ins Fernsehen. Nachdem der Film fertig war, hatte man doch einen professionellen Filmcutter daran gesetzt, der über eine halbe Stunde herausschnitt, weil man den Film so gedreht hatte, als wäre er live.

Wirths Anliegen war es, die großen Klassiker dem TV-Publikum, das sich kein Theater leisten konnte, zugänglich zu machen. Das war auch der Sinn des Fernsehens am Anfang - ein Fernsehspiel war ein Zwischending zwischen Film und Theater. Er inszenierte zahllose Klassiker und holte sich als Darsteller Leute von Provinztheatern, die keiner kannte (Filmleute wollten in den 50ern nicht ins Fernsehen). So entdeckte er beispielsweise auch Herbert Fleischmann.

Wirth war sehr treu und daher arbeitete er auch immer wieder mit den gleichen Darstellern aus diesen alten TV-Zeiten zusammen, so auch mit Pasetti (mind. 10 gemeinsame TV-Arbeiten), der ihm auch viel verdankte. Was die Besetzung bei Ringelmann angeht, so sagte dieser stets, er war dafür selbst verantwortlich. Ringelmann hatte aber bei Wirths TV-Produktionen der 50er als Aufnahmeleiter gearbeitet (und seine Arbeit so schätzen gelernt) und so dürfte Wirth sich mit Pasettis Besetzung in den DERRICKs wohl auch durchgesetzt haben. Von Ringelmann abgesehen hatte der Regisseur in den 50ern, 60ern und 70ern nämlich noch etwas zu sagen, was die Besetzung betrifft.

Pasetti selbst war übrigens - wie ich erst kürzlich von einer Schauspielerin erfuhr, die viel mit ihm gearbeitet hat - sehr eitel und darauf bedacht, dass man sein Doppelkinn nicht sah (d.h. er durfte sich nicht zu jemanden hinunter beugen, weshalb in einem Film für die Schauspielerin eine Rampe gebaut wurde, wenn sie sich auf ihn zubewegte). Die gleiche Schauspielerin bestätigte mir die absolute Professionalität und die Beliebtheit Franz Peter Wirths bei den Schauspielern.

TV-1967 Offline



Beiträge: 484

29.12.2015 12:41
#759 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Ich wollte gerade etwas ähnliches zu Franz-Peter Wirth schreiben. Georg war aber etwas schneller!

Gubanov Offline




Beiträge: 16.100

30.12.2015 11:45
#760 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Danke, @Georg, für die Klärung bzgl. Wirth / Pasetti. Pasetti und Eitelkeit passen auf sympathische Weise zusammen wie Topf und Deckel.



Derrick: Caprese in der Stadt

Episode 195 der TV-Kriminalserie, BRD 1991. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Gerd Anthoff (Carl Runold), Esther Hausmann (Inge Runold), Edwin Noël (Alfred Steiner), Remo Remotti (Caprese), Wolf Roth (Gaug), Hans Korte (Anwalt), Dirk Dautzenberg, Eva Maria Bauer u.a. Erstsendung: 4. Januar 1991, ZDF.

Zitat von Derrick: Caprese in der Stadt
Emilio Caprese ist ein gefürchteter Mann in Palermo. Sein Sohn war mit einer Deutschen verheiratet und hatte mit ihr eine Tochter. Nach dem Tod seines Sohnes setzt Caprese alles daran, die kleine Renata in seine Finger zu bekommen. Renatas Mutter Inge und ihr neuer Mann Carl weigern sich jedoch, das Kind herauszurücken. Damit bringen sie nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr, denn Caprese schreckt vor keiner Tat zurück, wenn es um das Durchsetzen seiner Wünsche geht ...


Eine Villa wie eine moderne Festung, unheilvolle Musik, sichtlich nervöse Bewohner. „Caprese in der Stadt“ beginnt schon mit unheimlichem Grundtenor und baut die Bedrohung, die von der Titelfigur ausgeht, kontinuierlich aus. Durch die Wiederholung von Ritualen (das sich öffenende und schließende Tor in der Auffahrt, der Wagen, der die Dorfstraße entlangrollt, die immer wieder zur Sprache gebrachte Unsicherheit der Protagonisten) schafft Alfred Weidenmann eine nachdrücklich spannungsgeladene Atmosphäre, in der die Anschläge, auch wenn sie keine Leben fordern, gefährlich wie selten sonst wirken. Diesmal ist es allerdings nicht die gelbe Gefahr, vor der gewarnt wird, sondern die grün-weiß-rote, die in Form von Mafia-Connections auf den Plan einer unbescholtenen Münchner Familie tritt. Drum prüfe, wer sich (bis zur Scheidung) bindet ...

Das Mädchen Renata, um das gezankt und gedroht wird, wird von Fritz Weppers Tochter Sophie in deren erster Fernsehrolle gespielt. Wer es weiß, wird die Familienähnlichkeit bemerken! Trotzdem ist es vor allem Stephan Derrick, der im Mittelpunkt steht. Sein Fernsehinterview zu Beginn der Folge bietet für Tappert und für Reinecker die interessante Möglichkeit, die Tätigkeit des Serienhelden auf einer Metaebene zu reflektieren, bevor Derrick aktiv ins Geschehen eingreift:

Zitat von Andreas Quetsch: Der Mensch und die Moral, in „Augenblick 30: Gesetz & Moral – Öffentlich-rechtliche Kommissare“, Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, 1999, S. 57
In der Caprese-Folge [...] wird Derrick von einer Familie zu Hilfe gerufen, die sich bedroht fühlt. Niemand wird in dieser Folge ermordet, es war offenbar Derricks persönliche Entscheidung, dieser Familie zur Seite zu stehen, es war sein Verantwortungsgefühl, das ihn zum Einsatz gerufen hat. Man nimmt Derrick also eher als Privatmann wahr, nicht als Teil des Apparats. Was aber nicht heißt, dass Derrick ein Privatleben hätte.


Auch wenn „Caprese in der Stadt“ (eine Warnung, die wie ein Fanal zu klingen beginnt) in der Mitte durch ein paar familiäre Beratungen zu viel um ein Minimum verzögert wird, so sind erster Eindruck und Finale so stark geraten, dass ich einen Punktabzug nicht vornehmen möchte. Als wüsste Eberhard Schoener um meine Vorliebe, lässt er Capreses Entführer eine hinreißende Italoschnulze schmettern, die auch im ESC prima Chancen gehabt hätte. Dramatisch spitzt sich die Folge zu, das Ende erscheint emotional und bestens abgerundet.

Ich war bisher auch kein besonders großer Fan der „Derrick“-Auftritte von Gerd Anthoff, in „Caprese in der Stadt“ hat er mich allerdings restlos überzeugt. Eine sehr passende Rolle für ihn; ebenso für Esther Hausmann, die man im Vergleich zu ihrem Auftritt in „Der zweite Mord“ kaum wiedererkennt. Hans Korte bekommt eine kurze und vielleicht etwas undankbare, aber angenehm schwarzhumorige Rolle, mit der er sich am Rande des Overacting bewegt. Nicht einmal Dirk Dautzenberg als besorgter Oppa stört besonders, wenn man von seiner sehr gekünstelten Zeile über Goethe und Rilke absieht ...

Hochspannendes Mafia-Entführungs-Crossover. Der Zuschauer knobelt bald aus, dass der Terror erst endet, wenn entweder Caprese oder das Mädchen stirbt. Tatsächlich erlebt eine von beiden Figuren das Ende nicht. Herauszufinden, welche, ist eine lohnenswerte Angelegenheit, die vom typischen „Derrick“-Schema abweicht und gut aufgelegte Darsteller vor schwüler Sommerkulisse ängstlich umherirren lässt. 5 von 5 Punkten.



Box 13 hinterlässt einen sehr erfreulichen Eindruck, kann sich die Serie nach den durchschnittlich recht niedrigen Wertungen der Vorgängeredition doch wieder erholen und mit einigen sehr guten Folgen aufwarten. Positiv fällt der Abwechslungsreichtum im Regisseurspool auf, der für vielseitiges „Derrick“-Vergnügen sorgt. Dabei liefern Regisseure, die mehrfach zum Zuge kommen, meist auch Episoden, die in ihrer Güte sehr verschieden sind.

Platz 01 | ★★★★★ | Folge 189 | Des Menschen Feind (Gräwert)
Platz 02 | ★★★★★ | Folge 187 | Höllensturz (Grädler)
Platz 03 | ★★★★★ | Folge 195 | Caprese in der Stadt (Weidenmann)

Platz 04 | ★★★★☆ | Folge 182 | Ein merkwürdiger Tag auf dem Lande (Becker)
Platz 05 | ★★★★☆ | Folge 194 | Solo für Vier (Wirth)
Platz 06 | ★★★★☆ | Folge 186 | Tossners Ende (Gräwert)

Platz 07 | ★★★★★ | Folge 184 | Tödliches Patent (Tappert)
Platz 08 | ★★★★★ | Folge 181 | Diebachs Frau (Weidenmann)

Platz 09 | ★★★☆★ | Folge 191 | Abgrund der Gefühle (Tappert)
Platz 10 | ★★★☆★ | Folge 188 | Der Einzelgänger (Brynych)
Platz 11 | ★★★☆★ | Folge 190 | Tod am Waldrand (Becker)

Platz 12 | ★★★★★ | Folge 185 | Judith (Brynych)
Platz 13 | ★★★★★ | Folge 183 | Kein Ende in Wohlgefallen (Grädler)
Platz 14 | ★★★★★ | Folge 193 | Beziehung abgebrochen (Brynych)

Platz 15 | ★★☆★★ | Folge 192 | Der Augenblick der Wahrheit (Weidenmann)

TV-1967 Offline



Beiträge: 484

30.12.2015 13:14
#761 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Für mich auch eine gute Arbeit von Weidenmann. Ausnahmsweise mal nicht von seinem Lieblingskomponisten Frank Duval, sondern von Eberhard Schoener untermalt. Als Freund der italienischen Kultur und Lebensweise sehr hörenswert der vokale Titel von Giovanni Scialpi, der übrigens auch in dieser Folge mitspielt und bei uns leider relativ unbekannt ist. Gleiches Los teilt übrigens auch der Musiker Luca Carboni. Einer der besten Musiker Italiens!

Chinesische Nelke Offline



Beiträge: 134

01.01.2016 18:48
#762 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Ich bin leider gerade auf eine sehr traurige Nachricht gestoßen: Birgit Doll ist am 26.10.2015 an den Folgen eines Schlaganfalles gestorben. Sie war in drei Folgen dabei, sie gehörte für mich zu den attraktivsten Derrick Darstellerinnen. Am besten fand ich sie in "Angriff aus dem Dunkel" von 1984. Ich habe ihre etwas melancholiche Art immer sehr gemocht. Sehr tragisch, dass sie nur ganze 57 Jahre alt wurde.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.100

06.01.2016 01:30
#763 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

DERRICK Collector’s Box 14 (Folgen 196 bis 210, 1991-92)





Derrick: Gefährlicher Weg durch die Nacht

Episode 196 der TV-Kriminalserie, BRD 1991. Regie: Günter Gräwert. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Rufus Beck (Benno Hauke), Eva Kotthaus (Martha Hauke), Christian Berkel (Jürgen Klose), Gerd Baltus (Dr. Schöler), Roswitha Schreiner (Eva Meineke), Franz Rudnick (Herr Meineke), Ute Christensen (Isabel Lenz), Torsten Münchow u.a. Erstsendung: 1. Februar 1991, ZDF.

Zitat von Derrick: Gefährlicher Weg durch die Nacht
Im Sterben überlässt Drogenkurier Klose seinem Todeszeugen Benno Hauke einen kleinen Stahlkoffer. Der ist randvoll mit den Erlösen seines schmutzigen Geschäfts. Für Benno stellt sich nun die Frage, ob er das Geld behalten oder sich bei der Polizei melden soll. Er wählt einen Mittelweg, verschweigt den Koffer, bietet sich dafür aber als lebendige Zielscheibe an, die die Hintermänner der Drogenszene aus der Reserve locken soll. Das ist er seiner Schwester, die mit 19 Jahren an ihrer Sucht starb, schuldig. Wird Benno diesen Tag überleben?


Menschenjagd auf offener Straße in München. Der Beginn der Folge „Gefährlicher Weg durch die Nacht“ erinnert nicht von ungefähr an „Der Fotograf“ von 1978. Wie damals überlebt auch hier der Gejagte seine Flucht in einen U-Bahnhof nicht. Als sei das nicht schon genug, um den Titel des 196. „Derricks“ zu rechtfertigen, kreiert Gräwert immer wieder Momente, in denen klar wird, welche Gefahren des Nachts im Lehel lauern: Hier ficht die Drogenszene ihren Vorherrschaftskrieg aus und sieht gleichzeitig die besten Chancen, unliebsame Zeugen ins Jenseits zu befördern.

Obwohl die Bedrohlichkeit der Dealer und ihrer Hintermänner bestens zur Geltung kommt, klebt an der Episode nicht der übliche fahle „Drogengeschmack“. Das kommt vielleicht daher, dass sich der „gefährliche Weg“ nicht viel aus Schicksalen oder Gefühlen macht. Die Momente, in denen auf Haukes tote Schwester verwiesen wird, wirken isoliert und können beim Zuschauer nicht die übliche Empörung hervorrufen. Vielmehr geht es der Folge um handfeste Spannungsmache. Nicht von weißen Pülverchen geht das Risiko für unseren wagemutigen Helden aus, sondern von Schusswaffen, mit denen die Verantwortlichen wie Verbrecher jeder anderen Branche in Fernsehkrimis ihre Interessen durchsetzen. Das hat zur Folge, dass Michael Georg und Hannes Fürbringer vor allem im Dunkeln operieren und einige bemerkenswerte Motive einfangen.

Gleichsam fordert die Schurkenjagd Derrick diesmal weder kriminalistische noch psychologische Raffinessen ab. Er tut sich vor allem in der Aktivierung und Koordination eines möglichst großen Überwachungsapparates hervor, was allerdings gut zu der von Tappert stets so mustergültig verkörperten Routine und Führungsstärke passt. Der prima gehaltene Spannungsbogen ähnelt folglich eher dem einer „Stahlnetz“-Folge als dem eines üblichen Reinecker-Krimis – „Gefährlicher Weg“ ist ein Polizeikrimi alter Schule.

Rufus Beck geht als Hauptdarsteller in Ordnung, wenngleich der Serienfreund seine brunoeske Gestalt aus „Tod am Waldrand“ noch in allzu präsenter Erinnerung hat (akuter Besetzungs-Wiederholungs-Alarm!). Gerade in den häuslichen Szenen mit seiner Filmmutter Eva Kotthaus gelingen Beck dennoch ausdrucksstarke Momente. Eher pflichtschuldig hingegen wickelt Gerd Baltus seine kleine Rolle ab, die ihm nicht annähernd so viel Spielraum bietet wie sein Part in „Ein merkwürdiger Tag auf dem Lande“. Dafür freut man sich wieder einmal über die sympathische Natürlichkeit von Roswitha Schreiner.

Zum Auftakt der neuen Sammleredition ein sehr effektives, wenn auch inhaltlich eher einfach gestricktes Stück Spannungsfernsehen. Die etwas zu glatte Auflösung passt nicht ganz zu der sonst erstaunlich bodenständig-real gehaltenen Episode, was den titelgebenden „gefährlichen“ Szenen aber kaum schadet. Gute 4 von 5 Punkten und – falls ihr ’mal in die Situation kommen solltet – die ausdrückliche Warnung davor, von einem sterbenden Drogenkurier ein Millionengeschenk anzunehmen ...

Gubanov Offline




Beiträge: 16.100

06.01.2016 12:45
#764 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Penthaus

Episode 197 der TV-Kriminalserie, BRD 1991. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Ernst Schröder (Dr. Schönfelder), Christine Buchegger (Diana Schönfelder), Irina Wanka (Sophie Schlüter), Rudolf Wessely (Bubach), Karlheinz Vietsch (Hans Droste), Michael Marwitz (Grunau), Andrea Schober (Anna Dehmel), Sabrina Lorenz (Maria Langer) u.a. Erstsendung: 15. März 1991, ZDF.

Zitat von Derrick: Penthaus
Auf dem Weg in den achten Stock traf sie ihren Mörder. Anna Dehmel wird erwürgt im Fahrstuhl eines Münchner Hochhauses gefunden – der Täter stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus demselben Haus. Schnell konzentriert sich die Aufmerksamkeit von Derrick und Klein auf den Privatgelehrten Dr. Schönfelder, dessen Frau die Leiche entdeckte. Schönfelder ist von Mord fasziniert und behauptet: Mit jeder noch so hanebüchenen Rechtfertigung kann jeder Mensch zum Mörder werden. Das wollte er schon immer experimentell beweisen. War Anna Dehmel sein Versuchskaninchen?


Im Fuchsbau fühlen sich „Derrick“-Zuschauer (leider) schon heimisch – dieses Verbrechen gegen jedwede architektonische Ästhetik rückt wieder einmal in den Mittelpunkt einer Folge und bildet diesmal sogar den einzigen Schauplatz. In einer Art Christie’scher Ortsbegrenzung (statt Negerinsel oder Orientexpress ist es hier eben das Hochhaus) finden alle Mordermittlungen und Verdächtigungen unter einem Flachdach statt. Da sitzt allerdings schon der erste Haken, denn die Prämisse, dass niemand von außerhalb für den Mord verantwortlich sein kann, erscheint äußerst wackelig und wird offenkundig nur gemacht, weil sie dem Drehbuch hilft, die Verdächtigenzahl einzuschränken.

Der zweite Haken besteht in dem sich (zu) schnell herauskristallisierenden und dabei doch wenig überzeugenden Mordmotiv. Die Fantastereien des von Ernst Schröder gespielten Doktors sind selbst für die Reinecker’sche Sichtweise, vom Menschen das Schlechteste zu erwarten, hanebüchen bzw. werden so ungeschickt formuliert, dass der Zuschauer von Anfang an einen kleinen Vogel in Dr. Schönfelders Kopf vermutet. Allein schon die Aktion, die Leiche von ihrem Fundort fortzutransportieren, wenn der Mann doch angeblich so ein fanatischer „Fan“ von Morden ist ...

Da hilft es nicht, dass die Rolle von Ernst Schröder gespielt wird, den ich im Übrigen im Gegensatz zu den meisten anderen „Derrick“-Fans nicht so besonders gern sehe. Da man in Dr. Schönfelders Persönlichkeit lesen darf wie in einem offenen Buch, verliert man bald das Interesse an dem wirren „Wissenschaftler“ und wendet sich den Leuten zu, die er manipuliert und wie Schachfiguren benutzt. Hier fällt vor allem Christine Buchegger auf, die sich mit ungewohnter Kurzhaarfrisur präsentiert (nur noch von Werner Asam getoppt, der beinah unerkenntlich mit Glatze und Sonnenbrille auftritt!). Die drei Hauptverdächtigen Bubach, Grunau und Droste hingegen bleiben blass – es wäre dem Zuschauer ziemlich egal, wenn einer von ihnen als Mörder überführt würde, weil sie, so scheint es, ohnehin unter Dr. Schönfelder nicht in Freiheit leben können.

Diverse Längen, ein zu abgenutzter Schauplatz, ein zu martialischer Soundtrack, ein völlig unglaubwürdiges Mordmotiv: „Penthaus“ bricht mit der Tradition, nach der Irre-Doktoren-Geschichten bei Reinecker üblicherweise überdurchschnittlich unterhaltsam geraten. Hier gestaltet sich die Ermittlung eher mühsam, bevor das naheliegende und moralschwangere Ende erreicht wird. 2,5 von 5 Punkten.

PS: Seit einigen Folgen erstrahlen die „Derrick“-Folgen besonders klar, scharf und farbenfroh. Die Transfers – nun endlich auch ohne De-Interlacing-Schwäche – sind absolut lobenswert und bleiben das hoffentlich auch bis zum Ende der Serie.

Peter Offline




Beiträge: 2.843

06.01.2016 15:25
#765 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Klar, Gubanov, so im prinzipiellen Ansatz hast du ja mit der Kritik an "Penthaus" Recht. Aber genau diese lieb gewonnenen Eigenheiten sind es doch, die das große Gesamtpaket 'Derrick' auszeichnen. Daher beschleicht mich der Verdacht, dass du eventuell nur die humorlose Whodunit-Schablone ausgepackt hast, um etwas schlechte Laune am Penthäuschen auszulassen.

Denn: Wenn schon mit wissenschaftlichem Mordeifer - philosophisch verschwurbelt - gehandelt wird, noch dazu Grünwald-Ästhetik-feindlich im Fuchsbau, dann doch bitte am liebsten so wie in "Penthaus". Ist doch ein echtes Liebhaberstück mit Dialogen, deren Ironie auch vor der unausweichlichen Moralschwangeschaft nicht Halt machen. Selten wurde die Autorität Derricks von einem Verdächtigen so wenig ernst genommen wie von diesem 'mad scientist'. Ganz genau so einer gehörte einfach mal in die Derrick-Welt. Und seit wann hat denn ein so betulich-kultivierter, hübsch gepflegter Wahnsinn als akzeptables Mordmotiv ausgedient? Es ist doch 'Derrick', nicht 'Miami Vice' ... Die künstliche Einschränkung der Verdächtigenzahl? Krimidauerzustand. Blasse Sidekicks am Rande eines Duells auf Augenhöhe? Geschenkt. Und, ja, wirklich, Ernst Schröder gehört alles in allem zum Besten, was je in Derrick aufgetreten ist. Übrigens fand ich seinen Dr. Schönfelder nicht einfach nur putzig im Auftreten, er spielte ihn durchaus intensiv & facettenreich. Und ein echter Mörder war er schon, der Doktor, der ja im Angesicht seines (bereits mit dem Mord gescheiterten) Experiments durchaus den Verdacht von sich ablenken wollte; daher auch der Leichentransport. Auf jeden Fall viel, viel zu unterhaltsam, um innerhalb eines knappen Stündchens das Interesse an diesem Protagonisten zu verlieren ...

Auf deine zweieinhalb Pünktchen packe ich also eindreiviertel drauf, dann passt es wieder...

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