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Dieses Thema hat 976 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

13.07.2015 22:00
#721 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

@Mr Keeney: Ich habe neulich den Thread von Anfang an überflogen. Deine Einschätzungen lesen sich ja im Prinzip schon seit der zweiten Box ziemlich kritisch. Insofern ist auch das durchwachsene Fazit zu Box 5 nicht sonderlich überraschend. Noch nicht gefunden habe ich allerdings deine Rangliste zur vierten Edition. Und dann wäre noch ganz interessant, zu wissen, was du denn für ein exotisches Bewertungssystem benutzt.




Derrick: Rachefeldzug

Episode 176 der TV-Kriminalserie, BRD 1989. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Günther Ungeheuer (Renzi), Christine Wodetzky (Frau Renzi), Inge Birkmann (Mutter Renzi), Barbara Rothenbacher (Cornelia), Marion Kracht (Katharina), Karin Anselm (Henriette Simon), Ruth Pistor, Ima Agustoni u.a. Erstsendung: 5. Mai 1989, ZDF.

Zitat von Derrick: Rachefeldzug
Derrick im Kugelhagel! Als er seine Wohnung verlässt, werden auf den Kriminaler Schüsse abgefeuert. Später findet sich – Gott sei Dank rechtzeitig – eine Sprengladung mit Zeitzünder in seinem Auto. Jemand hat es auf Derricks Leben abgesehen! Der Gejagte muss nicht lange suchen: Importeur Renzi hat den Chefinspektor auf dem Kieker, weil sein Sohn nach dessen Verhaftung durch Derrick im Gefängnis Selbstmord beging. Nun schreibt die Familienehre blutige Rache vor ...


Nanu, sowie der Name „Derrick“ auf dem Bildschirm erscheint, sehen wir dahinter schon Derrick in natura eine morgendliche Tasse Kaffee trinken. Ein so vertrauter Blick ins außerbüroliche Leben des Ermittlers muss doch einen bestimmten Zweck verfolgen. Und tatsächlich: Die ersten Schüsse fallen keine Minute später. Derrick muss mittlerweile umgezogen sein; entgegen den Behauptungen, seine Besoldungsgruppe habe sich nie geändert, bewohnt er nun ein Einfamilienhaus, das größer und luxuriöser ausfällt als seine Reihenhauswohnung früherer Tage – und eine Putzfrau unentbehrlich macht –, das der Berufsmensch und Asket jedoch sehr spärlich eingerichtet hat (viel mehr als den Flur bekommt man ohnehin nicht zu sehen, denn man ist ja schließlich trotz einer Erwähnung von Harrys berüchtigten Spaghetti-Kochkünsten nicht im „perfekten [Promi-]Dinner“ gelandet).

Die zahlreichen Anschläge auf Derricks Leben bilden die klar umrissenen Höhepunkte der Episode; sie tragen sie recht flüssig auch über manche kurze Durststrecke hinweg, die sich aus allzu pathetischen oder selbstherrlichen Monologen ergibt. Eine gewisse Gefahr scheint omnipräsent zu sein und hält sowohl unseren Lieblings-Oberinspektor als auch den Zuschauer auf Trab. Das größte Defizit des „Rachefeldzugs“ besteht andererseits darin, dass entgegen anderer „Derrick in Gefahr“-Folgen von Anfang an völlige Klarheit über den Drahtzieher der Anschläge besteht – auch für die Polizei, der sich Renzi in seiner eitlen Rachsucht praktisch auf dem Silbertablett präsentiert. Günther Ungeheuer formt aus dem heillosen Psychopathen einen soliden, wenngleich nicht überragenden Gegenspieler, der viel von seiner Bedrohlichkeit aus der Background-Story um die mafiöse Clan-Struktur der italienischstämmigen Renzi-Familie gewinnt. Es fällt zwar einigermaßen schwer, sich Nordlicht Ungeheuer als südländischen Don vorzustellen, doch gerade der in solchen Familien anzutreffende Ehrenkodex sorgt für die Gewissheit, dass Derrick kaum etwas gegen die Überzeugung seines Feindes unternehmen kann, bis er mit den Füßen nach vorn aus seiner Wohnung getragen oder in handlichen Stückchen aus seinem Auto geklaubt wird. Diese Situation muss Tappert bei einem seiner Italien-Besuche im Hinterkopf herumgeschwirrt sein, als eine harmlose Situation im ersten Augenblick die Alarmglocken schrillen ließ:

Zitat von Katrin Hampel: Das große Derrick-Buch, Henschel Verlag Berlin, 1995, S. 174f
Ich machte einen Kurzurlaub in Meran, als in der Halle des wunderbaren PALACE-Hotels ein kleiner krausköpfiger Mann auf mich zustürzte, mich – zum Erstaunen und zur Befremdung meiner Frau (!) – stürmisch umarmte und unter Tränen mit starkem italienischem Akzent ausrief: „Das ist die glücklichste Stunde meines Lebens!“ – ‚Sizilianischer Auftritt’, durchfuhr es mich, gleich sitzt das Messer in meinem Rücken, – Mafia beseitigt Kripodarsteller, dolle Headline! [...] Das Rätsel löste sich auf verblüffende Weise: Der Herr war Leutnant der Carabiniere in Rom, Dienststelle Terrorismusbekämpfung! Er sagte mir, mit Tränen in den Augen, er wünsche sich seit vielen Jahren so gut zu sein wie ich, ‚Ispettore DERRICK’, aber es gelänge ihm nicht.


Als wirklich unnötig erweist sich lediglich die Szene mit den Jugendlichen, die eine nächtliche Party feiern und den Oberinspektor damit in eine Falle locken, der dieser wohl auch ohne ein solches Brimborium nicht hätte widerstehen können. Es sollte wohl auch einmal gezeigt werden, dass Drogendealer wie der tote Renzi junior gesellschaftlich keineswegs isoliert leben, sondern unter Gleichaltrigen hohes Ansehen genießen können – in Unwissen oder sogar trotz ihrer Tätigkeit. Solche Töne schlagen glücklicherweise nur ähnlich kurz an wie Tony Marshalls Schunkel-Schlager „Schöne Maid“. Das hätte bei einem gewissen tschechischen Regisseur bestimmt anders ausgesehen ...

Nicht nur Harry zittert ganz besorgt um das Wohlergehen seines Chefs: Kommt die Bedrohung für Derrick wie aus heiterem Himmel, so gilt das gleiche leider auch für den Täter, der in präpotenter Arroganz die Kripobeamten über die gesamte Laufzeit hinweg für das selbstausgelöste Verderben seines Sohnes verantwortlich macht. Immerhin liegt dieser recht ärgerliche Part in verantwortungsvollen Händen, sodass doch guten Gewissens 3,5 von 5 Punkten für diese gefährliche „Ermittlung in eigener Sache“ gezückt werden können.

Mr Keeney Online




Beiträge: 1.356

13.07.2015 22:42
#722 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Nun denn, ich reiche zunächst mal die Rangliste zur Box 4 nach:

1. Kaffee mit Beate (Vohrer)
2. Abitur (Grädler)
3. Lena (Grädler)
4. Tandem (Brynych)
5. Die Puppe (Grädler)
6. Solo für Margarete (Braun)
7. Schubachs Rückkehr (Grädler)
8. Besuch aus New York (Ashley)
9. Der Spitzel (Brynych)
10. Der L-Faktor (Ashley)
11. Anschlag auf Bruno (Grädler)
12. Die verlorenen Sekunden (Vohrer)
13. Ein unheimliches Haus (Vohrer)
14. Lissas Vater (Vohrer)
15. Ute und Manuela (Ashley)

Hierbei lässt sich sagen, dass m. E. die ersten vier Titel alles was danach kommt deutlich auf Distanz halten. Detailliertere Anmerkungen zu meinem Bewertungssystem muss ich aber erstmal zurückstellen

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

14.07.2015 08:58
#723 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Fein, dann haben wir zu den Boxen 1 bis 5 nun durchgängig jeweils vier Ranglisten - von Percy, Marmstorfer, dir und mir - vorliegen. Ich habe mir 'mal das Vergnügen gemacht, die Listen zusammenzuzählen (15 Pkt. für Platz 1, 14 für Platz 2, ... 1 Pkt. für Platz 15). Das sind unsere Ergebnisse, sozusagen der foruminterne "Derrick"-Mainstream.

Kombinierte Derrick-Rankings (Folgen 1 bis 75)

Box 1:
Platz 01 (55/60 Pkt.): #001, Waldweg (Haugk)
Platz 02 (52/60 Pkt.): #003, Stiftungsfest (Käutner)
Platz 03 (51/60 Pkt.): #007, Madeira (Grädler)

Platz 04 (42/60 Pkt.): #009, Paddenberg (Wirth)
Platz 05 (40/60 Pkt.): #005, Tod am Bahngleis (Weidenmann)
Platz 06 (39/60 Pkt.): #006, Nur Aufregungen für Rohn (Becker)
Platz 07 (30/60 Pkt.): #013, Kamillas junger Freund (Vohrer)
Platz 08 (30/60 Pkt.): #004, Mitternachtsbus (Grädler)
Platz 09 (23/60 Pkt.): #002, Johanna (Lindtberg)
Platz 10 (23/60 Pkt.): #010, Hoffmanns Höllenfahrt (Grädler)
Platz 11 (22/60 Pkt.): #014, Der Tag nach dem Mord (Ashley)
Platz 12 (21/60 Pkt.): #012, Ein Koffer aus Salzburg (Weidenmann)
Platz 13 (20/60 Pkt.): #015, Alarm auf Revier 12 (Brynych)
Platz 14 (18/60 Pkt.): #011, Pfandhaus (Haugk)
Platz 15 (14/60 Pkt.): #008, Zeichen der Gewalt (Grädler)

Box 2:
Platz 01 (54/60 Pkt.): #026, Das Superding (Becker)
Platz 02 (52/60 Pkt.): #029, Der Mann aus Portofino (Haugk)
Platz 03 (49/60 Pkt.): #018, Angst (Grädler)

Platz 04 (42/60 Pkt.): #020, Schock (Vohrer)
Platz 05 (34/60 Pkt.): #025, Das Bordfest (Weidenmann)
Platz 06 (33/60 Pkt.): #019, Tote Vögel singen nicht (Vohrer)
Platz 07 (33/60 Pkt.): #022, Kein schöner Sonntag (Lindtberg)
Platz 08 (31/60 Pkt.): #028, Pecko (Brynych)
Platz 09 (30/60 Pkt.): #021, Kalkutta (Weidenmann)
Platz 10 (22/60 Pkt.): #030, Yellow He (Brynych)
Platz 11 (22/60 Pkt.): #027, Risiko (Wirth)
Platz 12 (22/60 Pkt.): #016, Tod der Kolibris (Haugk)
Platz 13 (22/60 Pkt.): #023, Auf eigene Faust (Brynych)
Platz 14 (19/60 Pkt.): #017, Tod des Trompeters (Brynych)
Platz 15 (15/60 Pkt.): #024, Ein unbegreiflicher Typ (Grädler)

Box 3:
Platz 01 (52/60 Pkt.): #032, Eine Nacht im Oktober (Becker)
Platz 02 (50/60 Pkt.): #043, Ein Hinterhalt (Vohrer)
Platz 03 (48/60 Pkt.): #035, Das Kuckucksei (Vohrer)

Platz 04 (46/60 Pkt.): #031, Hals in der Schlinge (Vohrer)
Platz 05 (45/60 Pkt.): #034, Tod des Wucherers (Brynych)
Platz 06 (41/60 Pkt.): #042, Abendfrieden (Ashley)
Platz 07 (28/60 Pkt.): #039, Tote im Wald (Ashley)
Platz 08 (28/60 Pkt.): #038, Inkasso (Ashley)
Platz 09 (25/60 Pkt.): #041, Tod eines Fans (Vohrer)
Platz 10 (25/60 Pkt.): #033, Offene Rechnung (Vohrer)
Platz 11 (24/60 Pkt.): #044, Steins Tochter (Becker)
Platz 12 (22/60 Pkt.): #037, Via Bangkok (Grädler)
Platz 13 (19/60 Pkt.): #045, Klavierkonzert (Ashley)
Platz 14 (14/60 Pkt.): #040, Der Fotograf (Ashley)
Platz 15 (13/60 Pkt.): #036, Mord im TEE 91 (Brynych)

Box 4:
Platz 01 (60/60 Pkt.): #046, Kaffee mit Beate (Vohrer)
Platz 02 (53/60 Pkt.): #052, Abitur (Grädler)
Platz 03 (44/60 Pkt.): #058, Tandem (Brynych)

Platz 04 (43/60 Pkt.): #057, Die Puppe (Grädler)
Platz 05 (39/60 Pkt.): #055, Schubachs Rückkehr (Grädler)
Platz 06 (37/60 Pkt.): #059, Lena (Grädler)
Platz 07 (31/60 Pkt.): #053, Der L-Faktor (Ashley)
Platz 08 (31/60 Pkt.): #050, Die verlorenen Sekunden (Vohrer)
Platz 09 (29/60 Pkt.): #048, Lissas Vater (Vohrer)
Platz 10 (24/60 Pkt.): #051, Ute und Manuela (Ashley)
Platz 11 (24/60 Pkt.): #054, Anschlag auf Bruno (Grädler)
Platz 12 (19/60 Pkt.): #060, Besuch aus New York (Ashley)
Platz 13 (16/60 Pkt.): #056, Ein unheimliches Haus (Vohrer)
Platz 14 (15/60 Pkt.): #047, Solo für Margarete (Braun)
Platz 15 (15/60 Pkt.): #049, Der Spitzel (Brynych)

Box 5:
Platz 01 (52/60 Pkt.): #074, Zeuge Yurowski (Vohrer)
Platz 02 (47/60 Pkt.): #073, Auf einem Gutshof (Grädler)
Platz 03 (42/60 Pkt.): #067, Unstillbarer Hunger (Ashley)

Platz 04 (39/60 Pkt.): #065, Karo As (Haugk)
Platz 05 (39/60 Pkt.): #066, Hanna, liebe Hanna (Grädler)
Platz 06 (38/60 Pkt.): #069, Tödliche Sekunde (Brynych)
Platz 07 (37/60 Pkt.): #071, Die Entscheidung (Grädler)
Platz 08 (37/60 Pkt.): #062, Das dritte Opfer (Vohrer)
Platz 09 (31/60 Pkt.): #063, Die Versuchung (Ode)
Platz 10 (26/60 Pkt.): #070, Ein tödlicher Preis (Ashley)
Platz 11 (24/60 Pkt.): #061, Ein Kongress in Berlin (Ashley)
Platz 12 (21/60 Pkt.): #075, Eine unheimlich starke Persönlichkeit (Ode)
Platz 13 (21/60 Pkt.): #068, Ein Lieb aus Theben (Weidenmann)
Platz 14 (20/60 Pkt.): #072, Der Tod sucht Abonnenten (Brynych)
Platz 15 (06/60 Pkt.): #064, Ein Todesengel (Vohrer)

Gubanov ( gelöscht )
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14.07.2015 21:30
#724 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Schrei in der Nacht

Episode 177 der TV-Kriminalserie, BRD 1989. Regie: Günter Gräwert. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Svenja Pages (Sylvia Mohn), Horst Günter Marx (Walter Hessler), Christine Buchegger (Frau Dr. Kolbe), Jürgen Schmidt (Arno Bracht), Klaus Herm (Wossnitz), Udo Vioff (Paul Wickert), Roswitha Schreiner (Mimi Weiser), Reinhard Glemnitz (Dr. Schwede) u.a. Erstsendung: 2. Juni 1989, ZDF.

Zitat von Derrick: Schrei in der Nacht
Schreie gellen durch den Englischen Garten. Eine Prostituierte wird tot aufgefunden, neben ihr ein Hut, den der Täter verlor. Der Polizeihund verfolgt die Fährte des Mörders bis zu einem Haus, das Derrick trotz Zögern des Staatsanwalts auf den Kopf stellen lässt. Ohne Ergebnis. In der festen Überzeugung, dass der Schuldige trotzdem unter den Bewohnern zu suchen ist, wird eine Undercover-Ermittlerin von Derrick als Untermieterin in das Haus eingeschleust. Ihr offenbaren sich auch die düsteren Seiten ihrer Mitbewohner ...


Nachts im Park begleitet man die Einsatzkräfte der Polizei unter Stephan und Harrys Leitung bei der Sicherung der Spuren am Tatort und der Verfolgung der Fährte durch Dickicht und spärlich beleuchtete Straßenzüge. Die in diesen anfänglichen Szenen vermittelte Betrachtung von Mordermittlungen als aufregendes „Event“ mitten im nebelverhangenen Taschenlampenlicht (sehr versiert in Szene gesetzt von Günter Gräwert und Michael Georg) weckt hohe Erwartungen an die 177. „Derrick“-Folge, die diese auch mühelos einhalten kann. In einer Art Hommage an „Kaffee mit Beate“ entwickelt sich nach Eingrenzung des Schauplatzes auf ein Haus voller Verdächtiger eine spannungsgeladene Geschichte rund um verschiedene Arten sexueller Frustration.

Das passt ins Bild, weil folglich jeder der Täter einen guten Grund gehabt hätte, die Prostituierte ins Jenseits zu schicken. Der pornobesessene Hausmeister, den keine Frau auch nur ansieht; der von seiner Gattin verlassene, jammernde Vertreter; die verdächtig jung verwitwete Studienrätin; der die Frauen mit der Schnapsflasche vertreibende Schriftsteller; und ein Student mit waghalsigen Ansichten über Menschen erster und zweiter Klasse – sie alle formen einen vorzüglichen Verdächtigenkreis, weil sie die Eigenheiten ihrer Figuren pointiert zum Besten geben dürfen, ohne sich dabei selbst zu karikieren. Ganz besonders starken Eindruck hinterlässt ein Disput zwischen dem blasierten Walter Hessler und Derrick, nach dem der Verdächtige vom Oberinspektor in blankem Entsetzen aus dem Wagen geworfen wird. Derrick an den Grenzen seines Menschenverständnisses? In einer Aussage, die an die Rechtfertigungen brauner Ideologien grenzt, zu recht!

Die Folge, für die „Pop-Titan“ Dieter Bohlen den Soundtrack „A Cry in the Night“ beisteuerte, bewahrt ihren Nervenkitzel vom Anfang bis zum überraschenden, logischen und ergreifenden Ende, mit dem Reinecker ein in den späten Achtzigern hochaktuelles und brisantes Thema anschneidet, das zu verraten natürlich ein wenig heikel für unbeleckte Mitleser wäre.

Zitat von Andreas Quetsch: Der Mensch und die Moral, in „Augenblick 30: Gesetz & Moral – Öffentlich-rechtliche Kommissare“, Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, 1999, S. 26f
Alltagsnähe und somit eine gewisse Zuschauerbindung erreicht Reinecker eher durch die zwischenmenschlichen Probleme in seinen Geschichten, weil er die Themen aussucht „in der Hoffnung, dass ich vielen Leuten aus der Seele spreche“: „Ich versuche immer, die Fragen auszudrücken, die mich persönlich ganz aktuell und rege beschäftigen [... und von denen ich glaube], dass es auch andere Leute interessiert.“ Durchaus mit Erfolg, denn Strobel schreibt Reineckers gesamten Arbeiten als Journalist sowie als Autor für Radio, Theater, Film und Fernsehen zu, in verschiedenen Epochen „jeweils den Kern der aktuellen Stimmung in breiten Bevölkerungsschichten“ zu treffen.


Quetsch kann sich zu dieser Episode im Speziellen einige Spitzen nicht verkneifen, wenn er zur Thematik der Auflösung und zum Einsatz des Polizeiapparats schreibt:

Zitat von ebd., S. 26
Solcherart behandelt, dienen zeitaktuelle Themen lediglich als Staffage, um Gegenwartsnähe vorzutäuschen.

Zitat von ebd., S. 55
Bei all seinen umfangreichen Tätigkeiten als Oberinspektor verkörpert Derrick aber meist nicht den Polizeiapparat, in dem er eigentlich arbeitet. Andere Abteilungen tauchen nur gelegentlich auf und dienen eher zur Vortäuschung einer realistischen Polizeiarbeit oder sind schlicht dramaturgische Hilfsglieder: Der Spürhundeinsatz in „Schrei in der Nacht“ führt zu dem Haus, unter dessen Bewohnern Derrick den Mörder zu finden hat. Gelegentlich kommt auch die Spurensicherung zu ihrem Hintergrundeinsatz, aber in keiner der mir bekannten Episoden wurde zum Beispiel die naheliegende Frage nach Fingerabdrücken gestellt.


Derlei spielverderberisch nüchterne (und bestimmt nicht gänzlich haltbare) Einwände brauchen den eingefleischten „Derrick“-Fan freilich nicht zu kümmern, der sich in der vorliegenden Folge vielmehr über die gelungene Mischung aus Tempo, Spannung, düsterer Atmosphäre und überzeugenden Gastdarstellern (v.a. Christine Buchegger, Svenja Pages, Klaus Herm und Jürgen Schmidt) freuen wird. Für mich bislang das eindeutige Highlight in Box 12 und damit die ersten 5 von 5 Punkten in dieser Edition.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

15.07.2015 22:30
#725 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Die Kälte des Lebens

Episode 178 der TV-Kriminalserie, BRD 1989. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Tushka Bergen (Libeta Hinz), Ursela Monn (Rosa Klinke), Claude Oliver Rudolph (Rossner), Lotte Ledl (Frau Leberecht), Winfried Glatzeder (Bareck), Hartmut Kollakowsky (Kluge), Emilio de Marchi (Hoss), Miroslav Nemec (Barkeeper) u.a. Erstsendung: 30. Juni 1989, ZDF.

Zitat von Derrick: Die Kälte des Lebens
Libeta und Rosa gehen gemeinsam auf den Strich. Der LKW-Parkplatz vor dem Großmarkt ist ein lohnenswertes Terrain, aber die Kundschaft erbärmlich. Da kommt der Plan ihres Zuhälters Rossner, die Mädchen in einen Edelclub zu „befördern“, gerade recht. Dummerweise liegt Rossner im Clinch mit seinem Konkurrenten Bareck, der den Club für sich beansprucht und mit Rossner kurzen Prozess macht: Libeta findet ihn noch am ersten Abend im neuen Etablissement mit durchschnittener Kehle auf dem Boden des Waschraums ...


Reinecker musste sich im Laufe seiner Karriere zigtausende Namen für die Figuren in seinen Drehbüchern ausdenken. Häufig attestieren Serienfans seine Begabung für ausgefallene und in ihrer Sonderbarkeit dennoch glaubwürdige Namenskonstrukte: Was Gerald Grote blumig für den „Kommissar“ beschrieb ...

Zitat von Gerald Grote: Der Kommissar: Eine Serie und ihre Folgen, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag Berlin, 2010 (3. Auflage), S. 6f
Blago, Pock, Graffe, Palacha, Bibeina, Wirballa, Blahaa, Barbosse, Laganke, Bassenge, Larasser, Wosatz, Rudek, Pajak, Basseck und Lahuser – bei dieser Aufzählung handelt es sich nicht um lautschriftliche Notizen eines exotischen Dolmetschers, sondern lediglich um einige Nachnamen von Personen aus der Fernsehserie „Der Kommissar“. Die Kunstwelt jener Krimiproduktion bescherte ihren Charakteren bisweilen bizarre Bezeichnungen, die der Merkfähigkeit der Darsteller einiges abverlangten und sich zu komplizierten Zungenbrechern verdichteten: Koschwetzki, Karass, Kareissel, Kusche, Kurusch, Kabisch, Kerk, Kerrut, Keuka, Koschena, Kolschak, Krasser.


... gilt unvermindert in der Nachfolgeserie „Derrick“, die schon ihrem Titel nach phonetisch an solche Stilblüten wie Babeck, Rudek, Lusseck und den in dieser Folge anwesenden Bareck anschließt und sich auch in anderer Hinsicht zu neuen Höhen aufschwingt: Wenn die zwei Prostituierten Libeta Hinz und Rosa Klinke bei ihrer herablassenden Zimmerwirtin Frau Leberecht wohnen, so besitzt dieser Dreiklang der deskriptiven Namensgenialität beinahe schon TKKG-Qualität.

Tatsächlich stecken hinter diesen nominalen Fassaden auch runde, glaubwürdige Charaktere. Ganz explizit legt die Episode Wert darauf, keine gewerbebedingten Stereotypen zu unterfüttern, sondern einen Blick auf die Gefühlswelt der Protagonistinnen zu werfen, die in ihrem Job täglich Schikanen und Gewalt ausgesetzt sind. Umso nachvollziehbarer wird Libetas kindliche Schwärmerei für Derrick, der ihr als erster seit Langem mit Respekt und Höflichkeit begegnet. Auf diese Weise sichert sich der Polizist unwissentlich ein Groupie, das für Derricks Präsenz Falschaussagen und Lebensgefahren billigend in Kauf nimmt. Eine ungewöhnliche Idee, die von Ashley gut umgesetzt wurde, zumal der Regisseur ja eine verlässliche Bank für die einfühlsameren Stoffe ist, bei denen es nicht primär um Action und Tempo geht.

Zu gefallen weiß auch die Besetzung: Tushka Bergen trägt die Naivität und Selbstvergessenheit ihrer Libeta zwar etwas dick auf; das fällt aber kaum ins Gewicht, weil das Script auf große Lehrsätze und Philosophiestunden verzichtet. Libeta ist eine interessante Figur, die die Branche abrutschte und sich gleichzeitig als Versagerin entpuppte, weil sie völlig entscheidungsunfähig und auf die Anweisungen anderer angewiesen ist. Ihr exzessiver Fernsehkonsum verdeutlicht, dass sie mit sich selbst nichts anzufangen weiß – also Achtung, Leute: Wenn ihr zu viel in die Flimmerkiste guckt, landet ihr vielleicht auch eines Tages auf dem „Großmarkt“ ... – Geradezu brynychesk schnodderig kommt Ursela Monn als Realo-Kumpeline daher, während Lotte Ledl (ähnlich forsch wie in „Die Stimme des Mörders“) einige Giftspritzer absondern darf, letztlich aber doch als auf ihre Weise besorgte Seele durchgeht. Die Schau stehlen den Frauen allerdings die Zuhälter, die mit Claude Oliver Rudolph und Winfried Glatzeder perfekt und wunderbar schmierig besetzt sind.

Solide Folge über dem Durchschnitt, wobei der Mordfall in „Die Kälte des Lebens“ einen eher untergeordneten Stellenwert einnimmt. Das Augenmerk liegt auf der intensiven (einseitigen) Beziehung, die eine desillusionierte, charakterschwache Prostituierte zum zuvorkommenden Derrick aufbaut. Allerdings macht sich auch bei ihm eine gewisse Doppelmoral bemerkbar, wenn er nach außen hin freundlich lächelt und sich keine Minute später bei Harry leicht angesäuert über die unkooperative „Nutte“ beklagt. 4 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

16.07.2015 23:15
#726 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Mozart und der Tod

Episode 179 der TV-Kriminalserie, BRD 1989. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Heike Faber (Marion Scholz), Monika Baumgartner (Wanda), Christoph Eichhorn (Justus Roth), Jürgen Schornagel (Gröner), Hans Zander (Luders), Volker Bogdan (Moseck), Hermann Lause (Eckler), Peter Neusser u.a. Erstsendung: 29. September 1989, ZDF.

Zitat von Derrick: Mozart und der Tod
Eine jugendliche Geigenspielerin und ihr Lehrer werden auf dem abendlichen Weg zur S-Bahn überfallen, die Frau vergewaltigt. Drei Männer hatten den Musikern aufgelauert. Derrick, der ein ähnlich gelagertes Verbrechen mit tödlichem Ausgang verfolgt, sucht in nahegelegenen Spelunken mit Hilfe eines Spitzels die Täter. Als er und sein Mittelsmann sich ganz sicher sind, die Schuldigen gefunden zu haben, erbringt die Gegenüberstellung mit der Geigenspielerin keine Wiedererkennung!


Es hat sich ja mittlerweile als Allgemeinplatz eingebürgert, dass sich Brynychs allzu rauhe Ecken und Kanten mit den Jahren abgeschliffen haben. Doch manchmal kommt es eben doch zu einer Reminiszenz an alte, wilde Zeiten. Ich würde sogar noch weiter gehen: Was er in „Mozart und der Tod“ – einer Folge übrigens, die einige „Derrick“-Fans sehr leidenschaftlich herunterputzen, andere nicht minder leidenschaftlich verteidigen (ich reihe mich in Gruppe 1 ein) – an inszenatorischem Popanz und peinlicher Absurdität verzapft, liegt in etwa auf Jess-Franco-Niveau. Wer das mag und lustig findet und meint, „Derrick“ müsse sich nicht so ernst nehmen, rechtfertigt blanken Trash innerhalb einer Serie, die üblicherweise eben nicht für Trash, sondern für gehalt- und niveauvolle Krimiunterhaltung bürgt. „Mozart und der Tod“ ist gewissermaßen ein Parasit, der sich vom guten Namen der Freitagabendserie ernährt und dabei auf alle Werte pfeift, die diesen Namen über Jahre begründet haben. Glücklicherweise ist die Reihe umfangreich genug, um solche Fehlschläge nicht weiter ins Gewicht fallen zu lassen.

Die am häufigsten genannte Kritik an der Episode besteht in der schonungslosen Darstellung von Gewalt, die sich im Verhalten der drei Täter während der Vergewaltigung und später während der Einschüchterung Justus Roths ausdrückt. Während Brynych in diesen Momenten tatsächlich wenig zimperlich zu Werke geht und z.B. ganz klar erzwungenen Oralsex impliziert, erscheint mir dieser Punkt gar nicht ’mal so schwerwiegend. Mein Eindruck ist, dass die Härte dieser Szenen gar nicht erst zur Geltung kommt, weil sie vom infantilen Verhalten aller Charaktere zu jedem Zeitpunkt der Folge überschattet wird. „Mozart und der Tod“ ist in seiner Gänze nicht als ernsthafte „Derrick“-Folge nachzuvollziehen. Die Story folgt einer nicht existenten Logik, nach der Ermittlungserfolge am ehesten mit Wahrsagerei zu erklären sind und der Denunziant am Ende einfach beschließt, sich umbringen zu lassen, während seine Killer dabei grenzdebil grinsen. Reinecker machte wohl gerade etwas länger Urlaub; irgendwie wirkt das alles improvisiert und unprofessionell. Dazwischen gibt es von Heike Faber und Monika Baumgartner einen unbegründeten Ausraster in ohrenbetäubender Lautstärke nach dem anderen, während Hermann Lause schwitzend und glubschäugig in die Kamera starrt. „Eine Produktion der Laientheatergruppe Schwabing“.

Leider lässt sich auch Derrick vor diesen Karren spannen. Anstatt unauffällig im Milieu aufzugehen wie etwa in „Blaue Rose“, gebärdet er sich hier teilweise selbst wie ein breitbeiniger Obermacker aus einem schlechten Westernfilm. So bleibt das einzige, was positiv zu vermerken ist, dass Harry nach der sommerlichen Ausstrahlungspause mit frisch geschnittenen Haaren ausgesprochen adrett zum Dienst erscheint. Leider scheint aber auch etwas vom Haarwasser unter die Schädeldecke gesickert zu sein – anders ist seine Stellungnahme für die verstockte Geigenspielerin nicht zu erklären, die trotz ihrer schrecklichen Erlebnisse dem Zuschauer weniger als Opfer denn als nerviges Hindernis im Verlauf der Ermittlungen präsentiert wird.

„Kranzniederlage“ hat einen würdigen Nachfolger als Rote-Laterne-„Derrick“ gefunden: Zum ersten Mal überhaupt verteile ich 1 von 5 Punkten, weil in „Mozart und der Tod“ einfach rein gar nichts stimmt. Es mag nicht die langweiligste Folge bis zu dieser Stelle sein; die krudeste, albernste und „derrick“-unwürdigste ist es auf jeden Fall.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

17.07.2015 23:30
#727 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Ein kleiner Gauner

Episode 180 der TV-Kriminalserie, BRD 1989. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Oliver Rohrbeck (Ali Kochem), Christiane Krüger (Marion), Kurt Sowinetz (Düsberg), Jürgen Schmidt (Kruns), Hans Quest (Siebach), Alexander Kerst (Herr Fries), Ricci Hohlt (Frau Fries), Hans M. Darnov (Soest) u.a. Erstsendung: 20. Oktober 1989, ZDF.

Zitat von Derrick: Ein kleiner Gauner
Seinen Lebensunterhalt „verdient“ sich Ali Kochem mit Taschendiebstahl. Um seine Erfolgschancen ein wenig zu steigern, lässt er sich von Camping-Kumpel Düsberg in Sachen Einbrüche fortbilden. Allerdings wird gleich Alis erster Bruch ein ganz besonderes Erlebnis: In einer Villa, deren Besitzer außer Landes sind, tauchen nachts plötzlich drei Männer auf, um den Mord an einem vierten zu vereinbaren. Ali überhört die Szene unbemerkt. Kann der kleine Gauner die Tat noch verhindern?


Das nenne ich doch ’mal eine richtige Erleichterung: Endlich wieder eine Geschichte, die ein reiner Krimi ist und keine psychologischen oder gesellschaftskritischen Kinkerlitzchen versucht. Unerwarteter Augenzeuge kommt Gangstern auf die Schliche, die zwei, drei Spuren größer sind als er selbst. Im Mittelpunkt steht mit Ali eine wunderbar bodenständige Figur, für die der Zuschauer trotz zweifelhaften Broterwerbs aufrichtige Sympathie entwickelt – „Max, der Taschendieb“ lässt grüßen. Auch kommt dem unscheinbaren Helden zugute, dass er im Gegensatz zu anderen jungen Reinecker-Figuren keine gestelzten Reden hält. Im Gegenteil: Er ist etwas begriffsstutzig, um nicht zu sagen: nicht das hellste Licht an der Girlande. Gerade diese Eigenschaft bringt Oliver Rohrbeck (???, mehr muss ich nicht sagen) wunderbar herüber: Er formt aus Ali einen liebenswürdigen Versager, der nicht viel versteht und auch selbst unverstanden durchs Leben geht. Seinen Job hat er nicht aus krimineller Energie heraus gewählt; vielmehr erklärt er im Brustton der Überzeugung: „Ich bin genau das, was mir Spaß macht. Ich mag Handtaschen!“ Kudos an Rohrbeck, dass ihm diese (und so manche andere) Zeile ohne Lachanfall über die Lippen kam.

Einen kleinen Gastauftritt legt Christiane Krüger ein, wobei ihr die Rolle als Tochter des Mordopfers kaum Gelegenheit gibt, ihr Können wie in vorherigen Auftritten auszuspielen. Passend, wenngleich ebenfalls etwas oberflächlich meistern Hans Quest und Jürgen Schmidt ihre Parts, wobei sich Schmidt mit Gangster- und Unsympathenrollen in meiner Gunst immer weiter nach oben spielt. Tappert / Derrick ist schon ganz oben angekommen: Er betätigt sich hier erneut als Vaterersatz, der dem beschränkten Kleinganoven neue Perspektiven aufzeigt und ihn nebenbei zu Linseneintopf mit Wiener einlädt. Man kann wenigstens nicht sagen, die Polizeikantine würde Steuergelder für Fünfsternekost verschleudern ...

Ebenfalls etwas knauserig ist Helmuth Ashley, und zwar mit Tempo und Spannung. Die Episode hätte ein echtes Highlight werden können und ich hätte mir sehr gewünscht, sie wäre an Grädler oder Becker gegangen. Ashley entschleunigt wieder einmal so konsequent wie möglich, sodass der eigentlich wasserdicht durchstrukturierte Plot stellenweise auf eine harte Probe gestellt wird. Die Stellen, die am Reißbrett als Höhepunkte angedacht waren (der Einbruch in die Villa der Eheleute Fries, der Drahtschlingenmord an Professor Siebach oder der finale Anschlag auf Ali), bleiben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die Regie hätte deutlich flotter arbeiten und Musik geschickter zur Unterstützung der unheimlichen Atmosphäre einsetzen müssen.

Was inhaltlich vielleicht einer der besten „Derricks“ dieser Collector’s Box ist, lag bei Ashley in allzu ruhigen Händen. Aufgrund des angenehmen Hauptdarstellers, der luftig-grünen Schauplätze und der Abwesenheit häufig verwendeter Rollenschema-Propaganda lasse ich mich dennoch zu 4 von 5 Punkten hinreißen.



Die schlechte Nachricht vornweg: Der Punktdurchschnitt der letzten 15 Folgen ist so niedrig wie in bisher keiner anderen „Derrick“-Edition. Insofern war der Qualitätsanstieg in Box 11 nur kurzlebig. Die strenge Bepunktung liegt an den im Vergleich zu ihren Vorgängern allzu drögen Einstiegsepisoden und dem geballten Auftreten der zwei ewigen „Lieblingsthemen“ von Herbert Reinecker: Prostitution und Drogensucht mit ihren Auswirkungen auf die Jugend. Doch die Medaille hat auch eine positive Seite: In den allermeisten Fällen halten sich Philosophie- oder Moralfragen in einem vertretbaren Umfang – man merkt, worauf Reinecker hinauswill, aber es fällt nicht als „nervig“ ins Gewicht. Außerdem gilt nach meiner langen Unterbrechung: Die Begeisterung für Horst „Derrick“ Tappert und Fritz „Klein“ Wepper ist nur noch gewachsen. Wie kaum andere Ermittler verkörpert das Duo den Typus des klassischen verlässlichen Gerechtigkeitsvertreters. Wahre Bilderbuchhelden!

Platz 01 | ★★★★★ | Folge 177 | Schrei in der Nacht (Gräwert)

Platz 02 | ★★★★☆ | Folge 170 | Eine Art Mord (Gräwert)

Platz 03 | ★★★★★ | Folge 174 | Blaue Rose (Brynych)
Platz 04 | ★★★★★ | Folge 178 | Die Kälte des Lebens (Ashley)
Platz 05 | ★★★★★ | Folge 172 | Kisslers Mörder (Becker)
Platz 06 | ★★★★★ | Folge 180 | Ein kleiner Gauner (Ashley)

Platz 07 | ★★★☆★ | Folge 169 | Die Mordsache Druse (Weidenmann)
Platz 08 | ★★★☆★ | Folge 176 | Rachefeldzug (Grädler)
Platz 09 | ★★★☆★ | Folge 167 | Das Ende einer Illusion (Gräwert)

Platz 10 | ★★★★★ | Folge 166 | Die Stimme (Ashley)
Platz 11 | ★★★★★ | Folge 175 | Die Stimme des Mörders (Grädler)
Platz 12 | ★★★★★ | Folge 171 | Wie kriegen wir Bodetzki? (Tappert)

Platz 13 | ★★☆★★ | Folge 173 | Der zweite Mord (Brynych)
Platz 14 | ★★☆★★ | Folge 168 | Mord inklusive (Ashley)

Platz 15 | ★★★★ | Folge 179 | Mozart und der Tod (Brynych)

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

23.08.2015 20:35
#728 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

DERRICK Collector’s Box 13 (Folgen 181 bis 195, 1989-91)





Derrick: Diebachs Frau

Episode 181 der TV-Kriminalserie, BRD 1989. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Irene Clarin (Maria Diebach), Gerd Anthoff (Karl Diebach), Stefan Reck (Herrmann Bohl), Werner Schnitzer (Pfarrer Bohl), Hanns Zischler (Haffner), Melanie Stadler (Lisbeth), Andreas Jacobi, Tito Waldenhofer u.a. Erstsendung: 17. November 1989, ZDF.

Zitat von Derrick: Diebachs Frau
Ohne ihren Mann über das Geringste im Unklaren zu lassen, vergnügt sich Maria Diebach mit ihrem Liebhaber, der bald darauf erschlagen aufgefunden wird. Auf Frau Diebach wirkt die Tat wie eine Ohrfeige, die sie wieder zur Besinnung bringt. Weil sie vermutet, ihr Mann habe das Verbrechen aus Liebe zu ihr begangen, gesteht sie ihm endlich die Wahrheit: Sie ist todkrank; die Affäre war nur ein Zeichen verzweifelten Lebenshungers. Doch verdächtigt sie den Richtigen des Mordes?


Die Besprechung enthält leichte Spoiler.

Für gewöhnlich sind es die ausführlichen Einstiege in das Umfeld von Täter und Opfer, die die „Derrick“-Folgen so attraktiv für mich machen. In „Diebachs Frau“ zeigt sich genau das umgekehrte Phänomen: Die Zeit bis zum Mord streckt sich merklich in die Länge, wird sie doch nur dafür genutzt, dem Zuschauer wohlbekannte Klischees eines Ehebruchs zu servieren, die vom rat- und hilflosen Ehemann über eine zum willenlosen Werkzeug degradierte Frau bis hin zu einem emotional unkontrollierten Studenten reichen (bei dem man sich fast fragen könnte, was er eigentlich in der Geschichte zu suchen hat, wenn er zufällig nicht die Funktion eines dringend Tatverdächtigen übernehmen müsste). Selbstredend gibt es bei Reinecker auch nur eine einzige Art der außerehelichen Beziehung: die verdammungswürdige rein körperliche Abhängigkeit, die von Manipulation, Aggression und Alkohol geprägt ist. Nicht dass etwa jemand auf die Idee käme, eine verheiratete Frau könne sich auch einfach ein zweites Mal aufrichtig verlieben ...

All diese Kleinlichkeiten stößt der Mord an Lover Haffner im wahrsten Sinne des Wortes beiseite. Mit dem Trauma, das Frau Diebach zunächst wie in Trance agieren lässt, sprudeln bald auch unangenehme Wahrheiten heraus, die die anfangs gewonnenen Eindrücke in ihr Gegenteil verkehren und schließlich in eine biedermeierhafte, in ihrer Empfindsamkeit schon fast „lena“-eske Wiedervereinigung des Ehepaars münden. Gerd Anthoff und Irene Clarin sind Darsteller, die hier im Thread schon ordentlich ihr Fett wegbekommen haben; doch man muss ihre Leistungen in dieser Folge als überzeugend und ganz eindeutig auch als dem Gesamteindruck zuträglich werten. Mit ihrer neu befeuerten Romanze wird der Krimi als Ganzes und damit auch Tappert ins Abseits gedrängt; dazu passt, dass er nicht einmal am Ende aktiv ins Geschehen eingreift. Stattdessen scheint auch sein Derrick von der sonderbaren und steinigen Ehe der Diebachs wie hypnotisiert zu sein.

Fans werfen der Folge Vorhersehbarkeit vor. Diese Behauptung mag ich nicht unterstützen. Reinecker legt die Spuren von Anfang an so aus, dass es auf ein scheinbares Duell zwischen Karl Diebach und Herrmann Bohl um die Täterschaft hinausläuft. Davon ausgehend sollte man eigentlich erwarten, dass Reinecker ein pseudo-überraschendes Ass aus dem Ärmel schüttelt und einen Dritten als Täter präsentiert. Vorzugsweise Pfarrer Bohl senior, dem ja auch schon die Frau davongelaufen war. Dass der Autor stattdessen die Courage besaß, doch einen der Hauptverdächtigen als Mörder zu enthüllen, ist ihm in meinen Augen hoch anzurechnen, wendet er sich damit doch gegen die angeblich unverletzbare Devise „Der ist so verdächtig, der kann’s gar nicht sein“. Ist „Diebachs Frau“ am Ende also doch gar kein Non-Krimi, sondern einfach nur eine sehr raffiniert versteckte Variation? Auf jeden Fall ist die Folge überdurchschnittlich interessant, wenn auch nicht unbedingt überdurchschnittlich spannend.

Zu getragenen Spätachtzigerklängen von Frank Duval entwickelt sich ein etwas rührseliger Fall, dessen Wendungen zwar durch den Mord provoziert werden, aber nicht explizit kriminalistischer Natur sind. Starke Auftritte aller Darsteller, die Weidenmanns eindringliche Schauspielerführung – zur Not auch zulasten der Dynamik – vor Augen führen. 4 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

26.08.2015 14:05
#729 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Ein merkwürdiger Tag auf dem Lande

Episode 182 der TV-Kriminalserie, BRD 1989. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Svenja Pages (Michaela Huber), Wolfgang Fierek (Jobst Huber), Michael Fitz (Arno Huber), Toni Berger (Kossmann), Karl Renar (Kissner), Martin Semmelrogge (Arthur Kissner), Gerd Baltus (Erich Kleemann), Willy Schultes (Gustav Schwabe) u.a. Erstsendung: 15. Dezember 1989, ZDF.

Zitat von Derrick: Ein merkwürdiger Tag auf dem Lande
Nach dem Überfall auf eine Sparkasse glaubt sich Jobst Huber auf dem Land in Sicherheit. Niemand wird ihn erkennen und die Polizei nicht nach ihm suchen. Wie sich bald herausstellt, ist er damit in eine verhängnisvolle Falle getappt: Michaela Huber muss sich an Derrick wenden, weil ihr Mann sich nicht mehr meldet und wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint. Flucht kommt nicht in Frage, denn er liebt seine Frau. Warum also verlaufen sich alle Spuren am Stammtisch eines oberbayerischen Gasthofs?


Eine nette Zahlenspielerei gleich zu Beginn: Mit „Ein merkwürdiger Tag auf dem Lande“ stieg das „Derrick“-Team nicht nur in die letzten 100 Folgen ein, auch handelt es sich um die letzte Episode, deren Erstausstrahlung in den 1980ern liegt. Und auch wenn ich nun noch eine knappe Stunde Achtzigerjahreunterhaltung auseinanderzupflücken habe, schicke ich schonmal voraus, dass ich mich auf das dritte und letzte „Derrick“-Jahrzehnt unvermindert freue. Die Reihe ist einfach klasse!

Genau das mag man auch vom „merkwürdigen Tag“ behaupten, dem ein unterhaltsames, wertungsfreies Reinecker-Drehbuch zugrunde liegt und der von Wolfgang Becker folglich mit Stil, Frische und deutlich zu verspürender Spannung inszeniert wurde. Stellenweise dachte ich daran, hier eine Brynych-Folge vorliegen zu haben, weil Bier und Schnaps in Strömen fließen und selbst Derrick sich stellenweise jovial und scherzhaft gebärdet. Auch hier muss wieder auf Tapperts gloriose Darstellung hingewiesen werden, die wie von selbst von anfänglich sarkastischem Katz-und-Maus-Spiel mit den aufgescheuchten Dorfbewohnern nach und nach immer weiter in ernsthafte Bahnen zurückfindet, bis schließlich den offensichtlich Schuldigen an ihrem Stammtisch rigoros der Prozess gemacht wird.

Obwohl sich in den Reihen der Ländler so abschreckende Namen wie Karl Renar und Martin Semmelrogge (ein feines Vater-Sohn-Duo!) finden, kann man für ihre ausdrucksvoll gespielten Szenen aus anfänglicher Abenteuerlust, späterer Verunsicherung und schlussendlicher Verzweiflung nur voll des Lobes sein. Vor allem Gerd Baltus, der sich zum Sprecher für die Gruppe aufschwingt, ist wieder einmal vollauf überzeugend. So schreitet die Handlung schnell voran und es fällt kaum ins Gewicht, dass die finale Kneipenszene wohl eine der längsten Überführungen der gesamten Serie ist. Was ich in dieser Hinsicht allerdings bemängeln muss (dies ist für mich auch der Grund, weshalb ich der Folge keine volle Punktzahl gebe), ist, dass Becker und Reinecker es nicht schaffen, auf den Punkt genau ein präzises Ende zu finden. Vieles von dem, was am Schluss ausführlich erläutert wird, ist so offensichtlich, dass darüber keine Worte hätten gewechselt werden müssen. Auch die Abspannmusik von Pink Floyd bohrt sich zwar unauffällig und harmlos ins Ohr, passt aber nicht wirklich zum rustikalen Schauplatz und Flair der Folge. Um die kritischen Punkte gleich abzuschließen, möchte ich nur noch rasch anfügen, dass auch der anfängliche Banküberfall eher unspektakulär erscheint. Er ist zwar nur reines Mittel zum Zweck, aber der Zuschauer hätte die Sparkassenfiliale schon ganz gern mit Huber zusammen betreten ...

Trotz seiner vielen Wirtshaus-Szenen versackt „Ein merkwürdiger Tag auf dem Lande“ nicht in „uriger“ Alkoholstimmung. Viele Außenaufnahmen von Motorradfahrt und Suche nach Huber bereichern die Episode nicht nur optisch (im „Derrick“-Forum spricht man wohlwollend von einem gewissen Roadmovie-Charakter), sondern erinnern sogar an die starken ländlichen Ausflüge von Kommissar Keller oder einem frühen Derrick, wie z.B. in „Der Mann aus Portofino“. Kein Wunder, dass Georg beide Folgen besonders gut gefallen. Drehorttechnisch bewegen wir uns diesmal – selbstredend – wieder in Grünwald (Sparkasse) sowie in Ascholding (Gasthof).

Es geht ganz gut ohne Täterspannung. Was im Gasthof Holzwirt ablief, kann sich jeder Zuschauer schon denken, bevor Derrick überhaupt auf den Plan tritt. Doch Wolfgang Becker stellt unter Beweis, wie befriedigend es sein kann, den eigenen Verdacht bestätigt zu sehen. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass die Darsteller mehr auf die Pauke hauen als üblich und man nur allzu gern spießige Münchner Moralphilosophien gegen eine Brise (un-)gesunder Landluft eintauscht. 4,5 von 5 Punkten.

PS: Wer genau hinsieht, wird feststellen, dass das erbeutete Geld zwischendrin wie von Geisterhand die Tüte wechselt.

Peter Offline




Beiträge: 2.882

26.08.2015 16:49
#730 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Vielen Dank, @Gubanov! Wie in den allerallermeisten Fällen deiner Derrick-Sause eine wohltuend treffliche Analyse. An die Erstausstrahlung von "Ein merkwürdiger Tag auf dem Lande" kann ich mich noch gut erinnern, weil mir der ebenso schöne wie (in seiner vorgeführten Alltäglichkeit eben besonders) ungewöhnliche "Derrick" schon damals herrlich gut gefallen hat. Darstellerisch/figürlich reißen es natürlich besonders die unverwüstlichen - und in der Kneipe nach jeder Runde noch einen Schluck unterhaltsameren - Charakter-Gegenpole Baltus und Semmelrogge. Von Fierek halte ich sonst nicht viel, aber diese Rolle wollte und konnte ich ihm von Anfang an gern mal abnehmen. Habe die Folge vor einigen Jahren mit demselben Vergnügen wieder gesichtet und werde dies bestimmt igendwann auch noch ein drittes Mal tun. Auch wenn das punktgenaue Ende ein wenig in alkoholgetränkten Redundanz-Nebeln zerwabert. Solch kleinen Schönheitsfehler kann man doch schnell & einfach mit einem rustikalen Herrengedeck runterspülen ...

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

04.09.2015 01:00
#731 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Danke dir, Peter. Das Plädoyer für die merkwürdige Landpartie kann ich nur unterschreiben! - Nun auf in die Neunziger:



Derrick: Kein Ende in Wohlgefallen

Episode 183 der TV-Kriminalserie, BRD 1990. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Michael Roll (Rolf Kargus), Susanne Uhlen (Thea Grogau), Jürgen Heinrich (Udo Tessinger), Will Danin (Homburg), Dirk Galuba (Hauser), Alexandra Beau (Lore Kargus), Eva Röber, Michael Gahr u.a. Erstsendung: 5. Januar 1990, ZDF.

Zitat von Derrick: Kein Ende in Wohlgefallen
Lore Kargus begeht nach einer Vergewaltigung Selbstmord. Auf einer Party hatten zwei Männer ihre Avancen missverstanden und ihr Verlobter Tessinger wollte nicht eingreifen, weil es sich um gute Kunden seiner Werbefirma handelte. Lores Bruder Rolf ist erschüttert und bringt dies gegenüber Tessinger sehr deutlich zum Ausdruck. Entsprechend steigt er zum Hauptverdächtigen auf, als die beiden Vergewaltiger erschossen werden. Auch Tessinger bekommt nun Angst ...


Nachdem jüngst ein gewisses Vergewaltigungsdrama-Klassiksound-Crossover für gewaltiges Augenrollen sorgte, versuchte sich Herbert Reinecker – um es jetzt besser zu machen? – sofort noch einmal an einer vergleichbaren Geschichte. Und tatsächlich: „Kein Ende in Wohlgefallen“ wirft zwar gewisse Schatten von Schwatzhaftigkeit und Krimi-Mangel, die den Neunzigerjahre-Folgen so gern generell unterstellt werden, voraus, gelingt letztlich aber doch ganz passabel, was vor allem der Leistung von Michael Roll in der Hauptrolle zuzuschreiben ist. Und ja: Roll spielt die Hauptrolle, Tappert ist trotz müheloser Präsenz nur schmückendes Beiwerk.

Der Bruder der Selbstmörderin wird vom Tod seiner Schwester völlig aus der Bahn geworfen – wieder einmal wird demonstriert, wie Loyalität nur über familiäre Bande funktioniert, während das, was sich ahnungslose junge Frauen unter „Liebe“ vorstellen, eine zerstörende Wirkung entfaltet. Ich gerate zwar schon ins Philosophieren, aber das passt ganz wunderbar zu dieser Folge. Ich muss dieses Mal einfach aus dem „Derrick“-Forum zitieren; die wie üblich launige Zusammenfassung des Users Ross deckt sich ohnehin 1:1 mit meinen Gedanken ...

Zitat von „Kein Ende in Wohlgefallen“ im „Derrick“-Forum, Quelle
Über den Bruder der Toten wird gesagt, er sei Assistent einer philosophischen Fakultät, und spätestens an dieser Stelle schrillen beim geübten Zuseher alle Alarmglocken. Und die Androhung hält, was sie verspricht: In der Figur des Bruders lässt Reinecker Salven moral-theologischer Kanonengeschosse vom Stapel, die sich gewaschen haben. Beispiele gefällig? „Mit jedem Menschen hat Gott eine Idee gehabt“, „Der Mensch erlebt ein kleines Paradiesgefühl, nach der Geburt wird man aber aus dem Paradies vertrieben“ [, ...] „Ein Mensch, der seine innere Ruhe verliert, steht ganz plötzlich neben sich selber, aber er erkennt sich nicht mehr!“


Ob Reinecker beim Verfassen dieser Zeilen auch ein Paradiesgefühl verspürte? Man muss Michael Roll lassen, dass er selbst einige dieser abstrusen Gedanken überzeugend an den Zuschauer bringt und darüber hinaus die Wandlung des eigentlich nicht besonders wilden jungen Mannes hin zu einem selbstvergessenen Alkoholiker ohne nennenswerten Nervfaktor nachvollziehbar macht. Leider kann sich der Rest der Folge nicht unbedingt mit Rolls Leistung und der seines Antagonisten Jürgen Heinrich („Wolffs Revier“) messen. Susanne Uhlen wirkt ein wenig verschenkt; ihre Romanze mit Roll passt nicht zu dessen Entwicklung im Rahmen der Handlung. Und dann ist da noch der Plot: So durchsichtig geht es bei „Derrick“ selten zu. Der Auflösung fehlt nicht nur jeder Überraschungseffekt, sie verärgert auch alle Fans von Stephan Derrick, der hier gut und gern die Möglichkeit gehabt hätte, schneller durchzugreifen und Leben zu retten.

Was mir auffällt, ist, dass die Folge optisch trotz ihrer Innenaufnahmen-Lastigkeit recht modern wirkt. Hier macht sich wieder das gute Händchen von Kostümbildnerin Inge Brauner bemerkbar, bei der Derrick immer ganz besonders edel aussieht und die bei den Gastrollen in puncto zeitgenössischer Mode meist ganz vorn dabei ist (hier z.B. bei Heinrichs blauer Brille, den fabelhaft-fürchterlichen Fummeln der Uhlen oder Rolls Oversized-Jacken).

Kaum Krimi, aber kompetent gespielt und nicht so repititiv, wie man eingangs vermuten würde. Gott sei Dank leitete Grädler Roll offenbar zu angenehmer Zurückhaltung an, was dessen Rolle effektiv macht. Leider bleiben Derrick und vor allem Harry bei ihrem ersten 90er-Auftritt allerdings sehr im Hintergrund, daher nur 3 von 5 Punkten.

Mr Keeney Online




Beiträge: 1.356

13.09.2015 17:00
#732 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Rangliste Box 6:

1. Eine Rose im Müll (Gräwert)
2. Der Untermieter (Braun)
3. Eine ganz alte Geschichte (Brynych)
4. Pricker (Vohrer)
5. Eine Rechnung geht nicht auf (Ashley)
6. Kein Garten Eden (Gräwert)
7. Die Schwester (Ashley)
8. Prozente (Grädler)
9. Das sechste Streichholz (Vohrer)
10. Die Stunde der Mörder (Grädler)
11. Der Kanal (Ashley)
12. Tod eines Italieners (Ashley)
13. Am Abgrund (Ashley)
14. Tod im See (Vohrer)
15. Dem Mörder eine Kerze (Haugk)

Diesmal muss ich wieder loben, diese Box gehört meines Erachtens nach Box numero 1 zu der wahrscheinlich stärksten überhaupt, und bis in die hinteren Ränge ist ein ordentliches Niveau zu verzeichnen. Die Reihe hat sich damit für mich ordentlich konsolidiert!

Leider fällt Box 7 dann in meinen Augen, soweit bislang gesichtet, wieder ab. Rangliste folgt demnächst!

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

16.09.2015 12:15
#733 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

@Mr Keeney: Oh, ganz üble Platzierung für zwei meiner Lieblingsfolgen aus Box 6 auf deinen letzten beiden Plätzen. Während das bei „Tod im See“ häufiger vorkommt, dürfte deine Abneigung gegen „Dem Mörder eine Kerze“ aber ein ziemlicher Ausreißer sein. Was ist dein Vorbehalt gegen diese Folge?

PS: Bei mir reiht sich Box 6 (durchschnittlich 4,0 von 5 Pkt. pro Folge) auch relativ weit oben ein; nur die starken Boxen 1 (4,2 Pkt.), 4 und 11 (beide 4,1 Pkt.) lassen sie knapp hinter sich. Alle anderen Boxen liegen bislang bei einem 3er-Durchschnittswert.



Derrick: Tödliches Patent

Episode 184 der TV-Kriminalserie, BRD 1990. Regie: Horst Tappert. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Udo Vioff (Dr. Spitz), Brigitte Karner (Birgit), Peter Simonischek (Curtius), Peter Bongartz (Dorn), Bernd Herzsprung (Weck), Manfred Andrae (Präsident), Karl Heinz Vosgerau (Kastrup), Christiane Hammacher u.a. Erstsendung: 2. Februar 1990, ZDF.

Zitat von Derrick: Tödliches Patent
Im Münchner Patentamt arbeitet Dr. Curtius an einem revolutionären Lichtleitersystem. An dieser Erfindung sind mehrere konkurrierende Unternehmen interessiert, sodass bald klar ist, woher der Wind weht, als man Curtius tot im Keller des Archivs auffindet und die Konstruktionspläne aus seinem Büro verschwunden sind. Es gibt zwar eine Augenzeugin, aber die steckt selbt bis zum Hals in einer Intrige gegen Curtius. Sie glaubt nun, ihre Auftraggeber hätten einen Auftragskiller geschickt ...


Das Patentamt einmal in den Mittelpunkt einer „Derrick“-Episode zu rücken, war eine glänzende Idee, laufen hinter den Mauern der Münchner Behörde doch die Fäden aller möglichen wichtigen technischen Neuerungen zusammen. Der Blick, den man in „Tödliches Patent“ auf die Geschehnisse im Amt erhascht, ist zwar freilich etwas aufgehübscht und überspitzt; vor allem die Szenen zu Beginn, in denen Büros, Paternoster und Archivkeller akribisch von der Kamera eingefangen werden, wecken jedoch die richtige Stimmung, ohne allzu amtsschimmelig daherzukommen. Auch macht sich gerade in diesem Momenten Tapperts Regie bemerkbar, die mit herrlich symmetrischen Einstellungen, Verzerrungen und Blicken in die Kamera wieder alle Markenzeichen des Derrick-Darstellers einbringt.

An den Verschwörungen um die Lichtleiter sind so viele Personen beteiligt, dass es leicht gewesen wäre, den Überblick zu verlieren. Eine geschickte Besetzung – teilweise mit verlässlichen „Derrick“-Gesichtern wie Udo Vioff, Peter Bongartz und Karl Heinz Vosgeraus, aber auch mit sehr überzeugenden Einmal-Gastauftritten von Brigitte Karner und Peter Simonischek – sorgt für klare Charakterzeichnungen, auch wenn den einzelnen Figuren nicht viel Raum gegeben werden kann und Vosgeraus Rolle leider allzu bald sang- und klanglos verschwindet. Selbst Bernd Herzsprung wirkt in seiner Rolle recht passend, wetteifert er mit Bongartz doch um den Preis des schmierigsten Intriganten. (Angemerkt sei: Herzsprung gewinnt haushoch, seine Kussszene mit Karner an der Isar toppt das opportunistische Verhalten seines Vorgesetzten um Längen.)

Die Täterfrage klärt sich leider allzu schnell von selbst, sodass Stephan, Harry und Willy in der Folge ein bisschen wie das fünfte, sechste und siebte Rad am Wagen wirken. Das hängt vielleicht auch an Vioff, der seine Verzweiflung etwas zu deutlich zum Ausdruck bringt und andere Darsteller damit gnadenlos an die Wand spielt. Etwas mehr Zurückhaltung von seiner Seite hätte der Folge sicherlich gut getan, zumal durch seinen Dr. Spitz die sonst erfreulicherweise abwesenden Moralismen wieder leicht durchzuscheinen beginnen: Während es allen anderen Figuren nur um Geld und wirtschaftlichen Erfolg geht, dreht Spitz ausgerechnet deshalb am Rad, weil seine berufliche Qualifikation hinterfragt wird. Der Mensch, der sich ausschließlich über seine Arbeit identifiziert – ein klassischeres Reinecker-Motiv kann es eigentlich nicht geben.

Ob man nun versteht, was Dr. Curtius da erfunden hat, dürfte wohl völlig zweitrangig für den Suspense der Geschichte sein: Auch wenn Tappert die Spannung stellenweise durch zu lange Einstellungen ein wenig strapaziert, gelingt ihm eine solide Folge, die mit Betriebsspionage ein abwechslungsreiches Thema anspricht und über einen starken Katalog an Nebenrollen verfügt. 4 von 5 Punkten.

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.501

19.11.2015 13:17
#734 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Ein aktueller Kauftipp für alle, die ihre Derrick-Sammlung aufstocken, vervollständigen oder beginnen wollen: Amazon bietet augenblicklich sämtliche 19 DVD-Boxen für jeweils nur 13,97 €, bzw 14,97 € an.

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brutus Offline




Beiträge: 13.022

19.11.2015 14:54
#735 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Marmstorfer im Beitrag #734
Ein aktueller Kauftipp für alle, die ihre Derrick-Sammlung aufstocken, vervollständigen oder beginnen wollen: Amazon bietet augenblicklich sämtliche 19 DVD-Boxen für jeweils nur 13,97 €, bzw 14,97 € an.

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Wenn das kein Schnapp ist. Gerade mal 1 € pro Folge.

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