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Dieses Thema hat 976 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

11.08.2013 20:06
#646 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Die Dame aus Amsterdam" (Folge 149)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Elisabeth Augustin, Ernst Jacobi, Raimund Harmstorf, Gustl Halenke, Thomas Astan, Wega Jahnke, Olga von Togni, Peter Bertram u.a. - Regie: Helmuth Ashley

Der Biochemiker Dr. Soest trifft sich im Münchner Hotel Esplanade mit einer Bekannten aus Holland: Alina Bradley. Der Ex-Polizist und nunmehrige Detektiv Alfred Hufland beobachtet die beiden im Auftrag von Dr. Soests Frau. Er stößt dabei auf ein Geheimnis, das er mit seinem Leben bezahlen muss. Während er Derrick anruft, wird er in der Telefonzelle von Maschinengewehrsalven niedergestreckt. Dr. Soest ahnt nichts von dem Komplott, in das er geraten ist und intensiviert seine Beziehung zu der ehemaligen Edelhure....

Herbert Reinecker hält seinem Lieblingsfeind, dem blasierten Wissenschaftler ohne Herz, erneut den Spiegel vor: Er zeigt, wie leicht ein Mann Opfer seiner eigenen (fehlgeleiteten) Emotionen werden kann, wenn er sich auf das Terrain großer Gefühle wagt; Gefühle, die er bisher verleugnet hat und die ihn deshalb nun umso tiefgehender erfassen und ihn blind für eigene Zweifel oder die Kritik Außenstehender machen. Der Johannistrieb hat den Biochemiker Dr. Soest zum Spielball der Konkurrenz werden lassen und ihn zur Gefahr nicht nur für seinen Betrieb, sondern in nächster Konsequenz auch für die menschlichen Zielscheiben seiner Gegner gemacht. Der Leiter der Forschungsabteilung ist eine Koryphäe in seinem Fachbereich, versagt jedoch in Bezug auf dem im Volksmund "Hausverstand" genannten Gebiet. Welchen Schaden Schädlingsbekämpfungsmittel im Bereich der Kriegsführung anrichten können, wissen wir aus den schmerzlichen Erfahrungen des Vietnamkriegs. Es scheint deshalb mehr als fragwürdig, dass ein Angestellter eines Forschungsinstituts hochgefährliche Substanzen einfach in einem Koffer mit nach Hause nehmen darf. Im Grunde ist Dr. Soest nicht nur Opfer, sondern indirekt auch verantwortlich für den Tod und das Unglück mehrerer Menschen.

Die subtile Bedrohung durch die geschmeidige Dame aus Amsterdam zeichnet sich vom ersten Augenblick an ab. Elisabeth Augustin suggeriert Passivität, gepaart mit Berechnung und Hinterlist - eine Mischung, die offenbar viele Männer jenseits der Sechzig anzieht, verheißt sie ihnen doch stressfreie Entspannung und Anpassung. Helmuth Ashley weidet sich genüsslich in der Himbeersoße des Liebesrausches, was für den Aufdecker der Wahrheit, den taffen Raimund Harmstorf naturgemäß nichts Gutes verheißt. Er muss de facto nicht nur sterben, weil er der Polizei Hinweise auf Industriespionage geben will, sondern weil er Dr. Soests romantischen Traum zerstört. Einen Traum, den der gefühlsbetonte Ashley bis zur letzten Konsequenz auskostet, klassisches Finale inklusive. Diese Diskrepanz zwischen dem temporeichen Mord zu Beginn und der detailreichen Ausschmückung der Beziehung, kann durch Derricks sachliches Vorgehen in gemäßigte Bahnen gelenkt werden. Harry Klein wird einmal mehr zum Schutze der bedrohten Weiblichkeit abgestellt, während sich der Oberinspektor mit den harten Fakten auseinandersetzt. Neben Jacobi und Augustin überzeugen auch Thomas Astan, der sich immer mehr zum verlässlichen Vertrauensmann mausert, Gustl Halenke und Wega Jahnke. Nur Peter Bertram ist wieder einmal ein Gangster fremder Zunge: diesmal spricht er Französisch. Seine Gefolgsleute und er wenden rohe Gewalt ohne intellektuelles Feingefühl an und werden deshalb in kluger Voraussicht sehr dosiert eingesetzt. Ashley konzentriert sich auf sein Spezialgebiet - die feinsinnige Spannung mittels Kalkulation menschlicher Regungen. Deshalb laufen Brutalitäten bei ihm kurz und pointiert ab (siehe auch "Das Rätsel der roten Orchidee") und unterstreichen nur die weitaus schlimmeren seelischen Folgen.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

18.08.2013 13:28
#647 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

@Georg: Tapperts erste Gehversuche als Regisseur haben mir auch ausnehmend gut gefallen. Sie fügen den Folgen einfach eine besondere Note hinzu. Drehbuchtechnisch soll er sich ja auch manchmal mit Reinecker angelegt haben – vielleicht ist das der Grund, weshalb zumindest in seinen ersten zwei Beiträgen keine übermäßigen Moralbetrachtungen zu finden sind. Im „Derrick“-Forum werden Tappert-Inszenierungen leider verrissen, weil sie nicht so aussehen wie die übliche TV-Kost. Zu der kehren wir mit „Die Dame aus Amsterdam“ aber schnell zurück:



Derrick: Die Dame aus Amsterdam

Episode 149 der TV-Kriminalserie, BRD 1987. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Elisabeth Augustin (Alina Bradley), Ernst Jacobi (Dr. Soest), Gustl Halenke (Frau Soest), Raimund Harmstorf (Albert Hufland), Wega Jahnke (Andrea Hufland), Thomas Astan (Dr. Heising), Olga von Togni, Peter Bertram u.a. Erstsendung: 30. Januar 1987, ZDF.

Zitat von Derrick: Die Dame aus Amsterdam
Der Privatdetektiv Albert Hufland macht spektakuläre Entdeckungen in einem Luxushotel, kommt jedoch nicht mehr dazu, diese der Polizei mitzuteilen. Auf seiner Flucht vor den Gangstern, die ihn bei einer Zimmerdurchsuchung erwischten, stirbt er im Kugelhagel. Derrick versucht, die Fäden zu entwirren, und stolpert dabei über weitere Leichen und einen Biochemiker im dritten Frühling ...


In gewisser Hinsicht erinnert „Die Dame aus Amsterdam“ an das Grundkonzept der Folge „Die Schwester“. In beiden Episoden – beide von Helmuth Ashley inszeniert – wird der Zuschauer mit einem atemberaubenden Einstieg konfrontiert, dessen Dynamik schnell einer Liebesgeschichte Platz macht, die die Folge ausbremst und zäh erscheinen lässt. In beiden Fällen, sowohl bei Fritz Wepper und Jutta Speidel als auch bei Ernst Jacobi und Elisabeth Augustin, weiß man, dass die Liebelei nicht von langer Dauer sein wird, was das große Gewicht, das Ashley auf die Beziehungen legt, nutzlos und vergeudet erscheinen lässt. Stattdessen wäre eine Konzentration auf den Kriminalfall von Vorteil gewesen, der gerade in „Die Dame aus Amsterdam“ einiges hergibt, wenngleich auch nicht viel Neues.

Die Idee des Biochemikers, auf dessen Arbeitsprodukte es die Verbrecherkreise abgesehen haben, ist so alt wie Kino und Fernsehen zusammen, wird aber sehr hübsch ausgeführt – ausnahmsweise gewinnt eine Folge an dieser Stelle einmal an Reineckers philosophischen Betrachtungen. Er baut eine Brücke zwischen Dr. Soest und Derrick, indem er sie beide der „Schädlingsbekämpfung“ verschreibt – ein gefährliches Metier, dem beide Protagonisten mit sehr unterschiedlichen Methoden begegnen. Während Dr. Soest an seinen eigenen Mitteln scheitert, geht Derrick einmal mehr als Sieger, wenn auch nicht als strahlender Held, aus der Partie hervor. Eine zu glorifizierende Darstellung des Ermittlers verhindert das dramatische Ende, das für seine Konsequenz und Bitterkeit als Ausnahmefall gelobt werden muss und der Folge nach einigen Nichtigkeiten kurz vor Schluss nochmal die volle Aufmerksamkeit sichert.

Dass Elisabeth Augustin in ihrer Titelrolle nur ein einmaliges Gastspiel bei „Derrick“ gab, bedaure ich sehr, weil sie sich – auch wenn sie ein Callgirl mit den üblichen düsteren Absichten spielt – galant vom Typus des naiven Weibchens, wie ihn Reinecker gern zeichnete, abhebt. Augustin verkörpert glaubhaft die moderne femme fatale-Komponente, ohne dabei in Klischees zu verfallen, wie sie in der Tradition von Brigid O’Shaughnessy entfesselte Miminnen leicht „übermannen“ können. Auch traue ich Augustin eine große Wandelbarkeit zu, die sie nun leider nicht mehr neben Horst Tappert zeigen durfte.

Das Hotel als Schauplatz von Verbrechen erfreut sich bei Reinecker dagegen konstanter Beliebtheit und war von Anfang an (man denke an den „Hexer“) mit von der Partie. Als anonymer Treffpunkt einer zusammengewürfelten Menschengruppe, in der Ganoven leicht untertauchen und in der Gut und Böse unauffällig auf den Fluren herumschleichen können, bietet es sich geradezu für Ermittlungen an. Mit der Hotelkomponente geht gleichzeitig eine Schwächung des bayerischen Lokalkolorits einher, was einem Fall, der sich schon vom Titel her international gibt, nur zupass kommen kann.

Trotz eines hohen Bodycounts (drei Leichen: das nach den wüsten Frühfolgen bestimmte Maximum) zündet „Die Dame aus Amsterdam“ nur leidlich. Spannungsmomente werden zu schnell zugunsten einer zum Scheitern verurteilten Affäre verworfen, was sicher, wie von Percy Lister ausgeführt, dem Regisseur zuzuschreiben ist. An sich ist das Script nämlich gut zu gebrauchen – hier hätte es aber einen Spielleiter mit mehr Pfeffer und weniger Romantik benötigt. 3,5 von 5 Punkten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

18.08.2013 14:17
#648 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Anruf in der Nacht" (Folge 150)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Thomas Fritsch, Horst Sachtleben, Ilse Neubauer, Ingeborg Lapsien, Till Topf, Stefan Reck, Heike Goosmann, Lotte Ledl, Paul Muller, Josef Fröhlich u.a. - Regie: Theodor Grädler

Pfarrer Gerres möchte sich gerade mit seiner Familie einen gemütlichen Abend machen, als er ins Krankenhaus gerufen wird, um einem Sterbenden den letzten Beistand zu geben. Der Mann vertraut ihm ein Geheimnis an und bittet ihn, jemanden aufzusuchen. Von diesem Besuch kommt der Pfarrer nicht mehr zurück. Tags darauf wird er tot an der Isar gefunden. Man hat ihn erstochen. Der Bruder des Unfallopfers sucht die Familie des Pfarrers auf und zeigt reges Interesse für die letzten Stunden im Leben des Geistlichen. Bald darauf geschieht noch ein Mord....

Herbert Reinecker bringt in Folge 150 frischen Schwung in die Serie, indem er gleich mit zwei Tabus bricht: Erstens mit der Ermordung eines Pfarrers und zweitens mit der Tatsache, dass es sich bei dem Mann um einen evangelischen Geistlichen mit Frau und drei Kindern handelt. Und das in der römisch-katholischen Hochburg München! Der Pfarrer wird zudem nicht von einem gottesfürchtigen Charakter wie etwa Fritz Strassner, sondern von Horst Sachtleben gespielt, der zumeist in Gaunerrollen zu sehen ist. Thomas Fritsch, der sich in "Der Kommissar" mit zwei wortlosen Rollen begnügen musste, entwickelte bei "Derrick" erstaunliches kriminelles Potential. Im feinen Zwirn, mit Föhnfrisur und siegesgewissen Charme verkauft er sich als erfolgreicher Selfmade-Man, dessen Vermögen ihm durch eine Verkettung glücklicher Umstände unter Zuhilfenahme dunkler Kanäle zufiel. Zwei Welten treffen bei Reinecker aufeinander: Die Bronners, deren Selbstverständnis sich am Aushängeschild Erich festmacht und die Gerres', deren Bodenständigkeit sich im Glauben ausdrückt. Die Leichtigkeit, mit der der smarte Thomas Fritsch durch seine auf Genuss ausgerichtete Welt geht, lässt den ernsten Stefan Reck zunächst altbacken und gestrig aussehen. Freilich ist Erich Bronner nur ein Glied in der Kette des finsteren Enrico Paulista, womit Derricks kleine Mordwelt wieder einmal mit der unbesiegbaren internationalen Kriminalität konfrontiert wird, deren Sumpf niemals trockengelegt und deren Profiteure nur in bescheidener Anzahl unschädlich gemacht werden können. Zu sehr hängen scheinbar harmlose Personen am Tropf dieses Geldes und finden - siehe Strahlemann Bronner - nichts dabei. Oberinspektor Derrick zeigt in solchen Momenten Würde, indem er gar nicht erst versucht, sich auf einen Kampf mit der Hydra einzulassen, sondern sich damit begnügt, seinen Fall zum Abschluss zu bringen und die Beteiligten ihrem Richter zuzuführen. Man sieht ihm an, dass es ihn sehr viel Beherrschung kostet, aber - im Gegensatz zu Harry Klein - hat er gelernt, Emotionen zu unterdrücken und auf dieser Ebene nicht angreifbar zu werden. Daraus resultiert seine Überlegenheit, die sich in den finalen Szenen mit Paul Muller sehr schön zeigt.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

18.08.2013 21:38
#649 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zunächst sah es danach aus, als warte die zehnte "Derrick"-Box mit eher durchschnittlichen Episoden auf, doch am Ende konnte ich schließlich folgende Punkte vergeben:

Platz 01 (Folge 144): Der Fall Weidau - 5 Punkte
Platz 02 (Folge 147): Entlassen Sie diesen Mann nicht! - 5 Punkte
Platz 03 (Folge 140): Das absolute Ende - 5 Punkte
Platz 04 (Folge 149): Die Dame aus Amsterdam - 5 Punkte
Platz 05 (Folge 150): Anruf in der Nacht - 4,5 Punkte
Platz 06 (Folge 142): Die Nacht, in der Ronda starb - 4,5 Punkte
Platz 07 (Folge 143): Ein eiskalter Hund - 4 Punkte
Platz 08 (Folge 141): Der Charme der Bahamas - 4 Punkte
Platz 09 (Folge 137): Naujocks trauriges Ende - 4 Punkte
Platz 10 (Folge 138): Geheimnis im Hochhaus - 3,5 Punkte
Platz 11 (Folge 136): An einem Montagmorgen - 3,5 Punkte
Platz 12 (Folge 149): Mädchen in Angst - 3,5 Punkte
Platz 13 (Folge 146): Die Rolle seines Lebens - 3,5 Punkte
Platz 14 (Folge 139): Der Augenzeuge - 3 Punkte
Platz 15 (Folge 145): Schonzeit für Mörder? - 2,5 Punkte

Blap Offline




Beiträge: 1.128

20.08.2013 13:09
#650 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 10 (Folgen 136-150)

Folge 147 - Entlassen Sie diesen Mann nicht! (Deutschland 1986)

Das alte Leid ...?

Dr. Anna Kerwien (Reinhild Solf) fürchtet um ihr Leben, in ihrer Not wendet sie sich an Derrick. Einst wollte Dr. Kroll (Pinkas Braun) seine damalige Gattin erwürgen, nach fünf Jahren gilt seine Schizophrenie als geheilt, obschon zuvor eine dauerhafte Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik angeordnet wurde. Vorsorglich sucht Derrick den Leiter der Einrichtung auf, laut Professor Schenker (Paul Hoffmann) geht von Dr. Kroll keine Gefahr mehr aus. Diese Ansicht untermauert der behandelnde Arzt Dr. Kraus (Wolf Roth), er ermöglicht ein Gespräch zwischen dem Oberinspektor und dem kurz vor der Entlassung stehenden Wissenschaftler. Kroll zeigt sich von einer freundlichen und friedlichen Seite, dennoch beschleicht Derrick ein ungutes Gefühl. Offenbar ignoriert Dr. Kroll gewisse Tatsachen, so scheint Annas neuer Ehemann Karl Kerwien (Günter Mack) für ihn nicht zu existieren. Derweil sorgt Dr. Kraus weiterhin für seinen Patienten, nimmt ihn im eigenen Haus auf. Niemand kann Anna Kerwiens Angst lindern, Kontaktversuche seitens Kroll sorgen für zusätliche Panik. Bald ist im Kreise der Familie Kerwien ein Todesfall zu beklagen ...

Besondere Freude bereitet das Wiedersehen mit Pinkas Braun, einem der stilvollsten Bösewichter des legendären Edgar Wallace Kosmos. Zwanzig zusätzliche Jahre stehen Braun gut zu Gesicht, verleihen ihm noch mehr Charakter. Seine dämonische Aura kommt regelrecht aus dem Bildschirm gekrochen und greift nach dem Zuschauer, großes Kino im Rahmen einer TV-Produktion! Teils hektischen Fanatismus legt Wolf Roth an den Tag, welcher -auch abzüglich kleiner Übertreibungen seitens der Maskenbildner- eine gute Figur macht. Andererseits sorgt der Einsatz des Kajalstifts für gewisse Erheiterung, es poltert in der Schublade irrer Irrenärzte. Paul Hoffmann zeigt uns einen klapprigen Professor, ausgebremst durch viele Jahre auf dem Buckel. Dr. Kroll, Dr. Kraus und Professor Schenker eint Arroganz, letztlich Vorlagen für clevere Konter unseres Lieblingsermittlers. Für die Eheleute Kerwien bleibt die Rolle verstörter und überforderter Lämmer, Reinhild Solf darf uns Anna Kerwien lediglich als nahezu hilfloses Wrack zeigen, während sich Günter Mack mit der undankbaren Rolle des farblosen Ersatzgatten plagt. Michael Hinz spielt den Schwager der ängstlichen Reinhild Solf, seine Darbietung mutet etwas hölzern an. Marilene von Bethmann ringt als Haushälterin mit Loyalität und Ehrlichkeit, schwere Lasten für Frau Schlehdorf.

Für die Regie dieser Folge zeichnet Horst Tappert verantwortlich, er inszeniert "Entlassen Sie diesen Mann nicht!" auf kurzweilige Art. Freilich füllen die Charaktere in erster Linie Schablonen, bewegen sich aber leichtfüßig auf den ausgetretenen Pfaden. Sogar der direkte Blick in die Kamera wird als Mittel zur Kontaktaufnahme mit dem Betrachtet genutzt, sicher nicht allzu feinsinnig, dennoch -oder deswegen- effektiv. Noch einmal muß ich meine Begeisterung für Pinkas Braun aus der Kiste holen. Ehrlich, der Mann könnte stumm auf einer Bank sitzen, ich würde ihm jederzeit Lord Satan abnehmen. Kommt jedoch zusätzlich Brauns markante Stimme ins Spiel, scheinen sich endgültig sämtliche Schlünde ewiger Verdammnis zu öffnen, ich liebe es! Wolf Roth stemmt sich schauspielerisch mit allem was er hat dagegen, so ergibt sich eine verdammt interessante Konstellation, Satans verlängerter Arm im Rausch. Tatsächlich sorgt Tapperts Regie für frischen Wind! Es ächzt im Gebälk, manchmal gerät Sand ins Getriebe, am Ende bleibt wundervolle, charmante und unkaputtbare Unterhaltung, da jazzt sogar der Fernschreiber in Münchens Amtsstube fröhlich mit!

7,5/10 (gut bis sehr gut)

***

Vom Ursprung her verdorben

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

21.08.2013 20:46
#651 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Anruf in der Nacht

Episode 150 der TV-Kriminalserie, BRD 1987. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Thomas Fritsch (Erich Bronner), Till Topf (Walter Bronner), Ingeborg Lapsien (Frau Bronner), Ilse Neubauer (Frau Gerres), Horst Sachtleben (Anton Gerres), Stefan Reck (Manfred Gerres), Lotte Ledl (Frau Süskind), Paul Muller (Enrico Paulista) u.a. Erstsendung: 20. März 1987, ZDF.

Zitat von Derrick: Anruf in der Nacht
Die Ermordung eines Pfarrers veranlasst Stephan Derrick und Harry Klein, einen mit dem Verbrechen in Zusammenhang stehenden Autounfall zu untersuchen. Der im Crash verstorbene Martin Bronner beauftragte Pfarrer Gerres mit einer geheimen Aufgabe, in die Bronners Bruder Erich verwickelt ist. Der smarte Geschäftsmann, der ein Reisebüro für Gruppenfahrten in asiatische Bordelle leitet, kennt sich mit versteckten Lastern bestens aus ...


Jubliäumsfolge 150 hat wieder alles im Gepäck, was einen „Derrick“ zu einem echten Straßenfeger macht: drei Morde, mehr und weniger gefestigte Jugendliche, einen Hauch abschätziger Erotik sowie natürlich die große Drogenstory im Hintergrund, die aus München heraus einen Blick in die weite – böse – Welt offenbart. Man bekommt das Gefühl, dass die Macher zur Feier des dauerhaften „Derrick“-Erfolgs die vielversprechendsten Versatzstücke aus der patentierten Rezeptur zu einer besonderen Melange verarbeiten wollten und dazu auf den bewährtesten Regisseur der Reihe, Teddy Grädler, zurückgriffen, nachdem Alfred Vohrer, bei dem dieser temporeiche und spannungsgeladene Stoff auch gut aufgehoben gewesen wäre, leider nicht mehr zur Verfügung stand.

Grädler setzte zwar erwartungsgemäß eins, zwei Gänge weiter unten an, inszenierte die Geschichte, die sich wie so oft um die Verlockungen des schnellen Geldes und den dagegenstehenden Kampf mit dem Gewissen dreht, mit menschelnder Schlagseite, sodass selbst aus bösen Buben nicht zwingend seelenlose Mörderschablonen werden. Sehr schön sieht man das an Thomas Fritschs Erich Bronner, der zwar in einer versnobt schulterzuckenden Art und Weise jeden Reinecker-Gutmenschen gegen sich aufbringen muss (man denke allein an den Alkoholkonsum – ständig wird nach dem „Cognac des Grauens“ gedürstet), der aber gleichzeitig auch als mehrdimensionales Wesen mit verwandschaftlichen Beziehungen und Reaktionen auf unterschiedliche Sicht- und Lebensweisen auftritt. Fritsch gelingt dieser Spagat hervorragend, sodass er eine deutlich schillerndere Figur abgibt als in der schwachen Folge „Der Charme der Bahamas“, wo er nicht mehr als eine schemenhafte Maskerade feilbieten durfte.

Eine interessante Rolle als zwiegespaltenes Muttertier – einerseits dem Leben und seinen Grausamkeiten gegenüber gleichgültig und andererseits um den eigenen Sprössling besorgt – erhielt Ingeborg Lapsien, eine verlässliche Nebendarstellerin, deren Name in vielen Fernsehproduktionen der 1960er bis 2000er auftauchte und den ich nun nach diesem Auftritt auch endlich einem Gesicht zuordnen kann.

Zu Derricks Hundertfünfzigstem soll außerdem eine hübsche Anekdote erwähnt werden, die den dauerhaften Eindruck vermittelt, den Horst Tapperts brillante, in sich ruhende Darstellung ausstrahlte:

Zitat von Katrin Hampel: Das große Derrick-Buch, Henschel Verlag Berlin, 1995, S. 46f
Zwei Tage vor Heiligabend 1986 wollten zwei Bonner Stadtbeamte dem Oberinspektor eine Weihnachtsfreude besonderer Art bereiten: Sie gründeten eine Initiative „zur Beförderung Derricks“! Am 22.12.1986 richteten [sie] ein Schreiben an den damaligen Ministerpräsidenten des Freistaates Bayern, an Dr. Franz-Josef Strauß. […] „Herr Derrick ist ausweislich mehrjähriger ZDF-Berichterstattung ein Beamter der Kripo München, der seine Fälle stets in 60 Minuten löst. Wir halten es für ungerecht, dass der verdiente Oberinspektor, der bekanntlich bald das Pensionsalter erreicht, mit der Besoldungsgruppe A 10 seinen wohlverdienten Ruhestand antritt.“


Herr Strauß konnte und das ZDF wollte „Derrick“ zwar nicht auf der Karriereleiter nach oben hieven, sodass er bis zum Ende seiner Münchner Ermittlungen dem Rang eines Oberinspektors treu blieb, allerdings war auch nach 150 Folgen die erwähnte Pensionierung noch lange nicht in Sicht. Getreu dem Motto „Unkraut vergeht nicht“, ermittelte Derrick noch weitere zehn Jahre und setzte sich in diesen weiter gegen „verkommene Subjekte“ und „Gegenwelten“ ein.

„Anruf in der Nacht“ ist eine jener zeitlosen Gangsterpossen, die immer wieder überzeugen und die man sich auch gut in kommissarischem Schwarzweiß vorstellen könnte. Als „Derrick“-Jubiläum befeuert sie erneut bewährte Qualitäten der Serie und erfreut durch ansprechende Inszenierung sowie gute Darstellungen. 4,5 von 5 Punkten.



Box 10 erschien mir insgesamt schwächer als ihre Vorgänger, was vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass sie kaum eine wirkliche Kracherfolge enthält, die es an meine Serienspitze schaffen könnte. Ganz unauffällig gruppieren sich hinter der Fünfpunktemarke aber eine ganze Riege wohlgeratener Folgen, die nur mit kleinen Abstrichen zu kämpfen haben und weiterhin für beste TV-Unterhaltung garantieren. Derrick ist also nach dem Gipfelfest keineswegs auf dem absteigenden Ast, hat sich aber sehr wohl seit den Anfangsjahren enorm gewandelt.

Platz 01 | ★★★★★ | Folge 147 | Entlassen Sie diesen Mann nicht! (Tappert)

Platz 02 | ★★★★☆ | Folge 150 | Anruf in der Nacht (Grädler)
Platz 03 | ★★★★☆ | Folge 140 | Das absolute Ende (Vohrer)
Platz 04 | ★★★★☆ | Folge 142 | Die Nacht, in der Ronda starb (Grädler)

Platz 05 | ★★★★★ | Folge 143 | Ein eiskalter Hund (Grädler)
Platz 06 | ★★★★★ | Folge 148 | Mädchen in Angst (Tappert)
Platz 07 | ★★★★★ | Folge 137 | Naujocks trauriges Ende (Vohrer)
Platz 08 | ★★★★★ | Folge 136 | An einem Montagmorgen (Goslar)

Platz 09 | ★★★☆★ | Folge 139 | Der Augenzeuge (Grädler)
Platz 10 | ★★★☆★ | Folge 149 | Die Dame aus Amsterdam (Ashley)

Platz 11 | ★★★★★ | Folge 145 | Schonzeit für Mörder? (Erhardt)
Platz 12 | ★★★★★ | Folge 144 | Der Fall Weidau (Weidenmann)
Platz 13 | ★★★★★ | Folge 146 | Die Rolle seines Lebens (Weidenmann)

Platz 14 | ★★☆★★ | Folge 138 | Geheimnis im Hochhaus (Becker)

Platz 15 | ★★★★★ | Folge 141 | Der Charme der Bahamas (Goslar)

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

10.09.2013 17:23
#652 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

DERRICK Collector’s Box 11 (Folgen 151 bis 165, 1987-88)





Derrick: Absoluter Wahnsinn

Episode 151 der TV-Kriminalserie, BRD 1987. Regie: Horst Tappert. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Robert Atzorn (Heinz Engler), Ingrid Steeger (Susi Moll), Horst Bollmann (Herr Mertens), Eva Kotthaus (Martha Mertens), Reinhard Glemnitz (Rudolf Schönhauser), Jutta Kammann (Helga Schönhauser), Kathrin Ackermann (Dagmar Engler), Willy Schäfer (Berger) u.a. Erstsendung: 24. April 1987, ZDF.

Zitat von Derrick: Absoluter Wahnsinn
Dagmar Engler ruft in Todesangst ihren Bruder und dessen Frau an. Sie würde jeden Moment von ihrem Ehemann umgebracht, mit dem sie eine zerrüttete Ehe führt. Heinz Engler avanciert, als man Dagmars Leiche findet, schnell zum Hauptverdächtigen – doch nur allzu schnell wird Derrick aus einer anderen Richtung mit einem Geständnis überrascht. Ein ehemaliger Angestellter soll der Täter und Engler völlig unschuldig sein. Kann man diesem Tatbekunden Glauben schenken?


Die bisherigen beiden Regiearbeiten Horst Tapperts garantierten „Derrick“-Unterhaltung in ungewohnten Bahnen. So auch seine dritte Gelegenheit, sich als Regisseur zu versuchen. Üblicherweise wird „Absoluter Wahnsinn“ mit Herzblut verrissen, hinter der unkonventionellen Fassade steckt jedoch so viel sprühender Witz, dass man die Folge mit Fug und Recht als eine der amüsantesten der Serie bezeichnen kann. Wie auch schon in „Entlassen Sie diesen Mann nicht!“ und „Mädchen in Angst“ fokussierte Tappert seine Ermittlungsarbeit und die seiner Assistenten und rückte sie in ein humoriges Licht. So darf er mit Schalk im Nacken dem Verdächtigen Engler erklären, wie die Polizei sich ein Bild von Zeugen und Beteiligten macht, ihm sogar die Hände um den Hals legen und die Mordtat demonstrieren. Ein besonderes Bonbon hielt er außerdem für Willy Schäfer bereit, der fast seit den Anfängen der Serie an seiner Seite für die kleinsten und unwichtigsten Erledigungen zuständig ist und bisher noch nie Gelegenheit hatte, aufzumucken oder sich zu beschweren. Zum Dank erhielt er eine Szene, in der er einmal ganz im Mittelpunkt steht und sich verzaubert von den kühlen Reizen zeigt, die Ingrid Steeger in seine Richtung funkt.

Klar geht aus Tapperts Inszenierungen eine besondere Sympathie für die übrigen Dauerspieler und auch für seine eigene Rolle hervor, was kurios ist, wenn man bedenkt, dass er eigentlich das Gegenteil bewirken wollte. Er selbst sagte über das Zustandekommen seiner Regie-Verpflichtungen:

Zitat von Katrin Hampel: Das große Derrick-Buch, Henschel Verlag Berlin, 1995, S. 129
„Ich hatte mich bereits in den vergangenen Folgen mit praktischen Ideen eingebracht. Nun, das war keine Einmischung in die Regiearbeit. Ich arbeitete an Dialog-Änderungen in den Texten oder Kameraeinstellungen – was meine Figur betraf. Versuchte immer, die Rolle der Kommissare von Emotionen freizuhalten. Ringelmann war das aufgefallen. So kam er vor einem Jahr zu mir und bot mir die ‚Derrick‘-Regie an.“


Auch wenn ich in den meisten Punkten den Rezensenten im „Derrick“-Forum nicht zustimme, so kann man ihre Beobachtung, wie stark die Parallelen zwischen „Tod im See“ und „Absoluter Wahnsinn“ ausfallen, nur bejahen. In beiden Folgen ist Robert Atzorn als erlöster Ehemann zu sehen, dem man sein neues, „freies“ Leben keine Sekunde gönnt. Dem Schauspieler gelang es hier genauso wie in der erwähnten Vohrer-Episode, seinen Charakter glaubhaft und verschlagen anzulegen. Atzorn gerät damit wieder einmal zu einer zentralen Bereicherung für einen gelungenen „Derrick“, was mich auf seinen nächsten und zugleich letzten Serienauftritt in „Mordfall Goos“ gespannt macht.

Nur auf den ersten Blick weniger typisch gerät die Figur der Susanne Moll. Äußerst eigenwillig von Ingrid Steeger verkörpert, zählt sie zu jenen Reinecker’schen Kunstfiguren, die dem Zuschauer entweder gewaltig auf den Wecker gehen oder voll ins Schwarze treffen. Davon gab es – in unterschiedlicher Ausgestaltung – schon eine ganze Reihe, man denke z.B. an Hannes Messemers Ulrich Hauff in „Die Entscheidung“. Ich persönlich fühlte mich von Steegers Darbietung bestens unterhalten und genoss, zu sehen, wie sie den zwischenzeitlich doch recht bürgerlich agierenden Derrick aus der Reserve zu locken versucht. Ein willkommener Wirbelwind, der einmal mehr beweist, dass Reinecker gelegentlich immer noch wunderbar unsteif schreiben konnte.

Auch plottechnisch sagt mir „Absoluter Wahnsinn“ sehr zu, denn man kann der Folge keine fehlenden Wendungen unterstellen. Die Geschichte mäandriert mehrfach auf unerwarteten Wegen – allein das Geständnis des Mitarbeiters ist eine fantastische, wenngleich sicher einigermaßen durchschaubare Idee und wiegt mit der von Bollmann und Kotthaus getragenen Beziehung durch eine tragische Komponente das große Lachen wieder auf.

Mit starkem Tappert-Touch startet Box 11 in ein weiteres „Derrick“-Sendejahr. Trotz der Anleihen an einer früheren Folge gerät die Handlung völlig eigenständig, die Darstellungen sind überzeugend. Wieder einmal kommen mehrere Momente zum Tragen, in denen man Stephan und Harry einfach nur umarmen möchte – vor allem, wenn sie sich einer giftigen Ingrid Steeger in Hochform gegenüber sehen. 5 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

12.09.2013 01:13
#653 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Der Tote auf der Parkbank

Episode 152 der TV-Kriminalserie, BRD 1987. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Gisela Peltzer (Frau Lindemann), Christian Hellenthal (Udo Lindemann), Ulrich Matthes (Ulrich Huberti), Alwy Becker (Frau Huberti), Ursula Karven (Patricia Lomer), Renate Grosser (Frau Lomer), Ricci Hohlt (Fräulein Schönborn), Ingrid Gravenhorst u.a. Erstsendung: 5. Mai 1987, ZDF.

Zitat von Derrick: Der Tote auf der Parkbank
Von all den Orten, an denen Mörder Leichen entsorgen, ist eine Parkbank doch eine sanfte, menschliche Wahl, findet Derrick. Die Entscheidung, den erschossenen Werbemogul Lindemann dort zu positionieren, fällt umso überraschender aus, als sich herausstellt, dass er ein richtiges Ekel war, das andere seine Überlegenheit zu jedem Zeitpunkt spüren ließ. Unter Tatverdacht gerät deshalb jeder, der mit ihm in Kontakt stand – Familie, Angestellte, die Affäre ...


Mit „unheimlich starken Persönlichkeiten“ kennt sich Reinecker aus, taugen sie doch immer wieder für ein gediegenes Familiendrama. Die Konstellation des drakonischen Hausherrn und eiskalten Geschäftsmannes, die der Autor hier in konventionellen Figuren zeichnet, ist jahrelang erprobt und kommt damit dem „Derrick“-Zuschauer nicht gerade innovativ, dafür aber professionell aufgezogen vor. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Wahl, Theodor Grädler für die Regie zu verpflichten, als ebenso sichere Bank heraus, denn der Dauerspielleiter wusste genau, welche Strippen zu ziehen waren, um die gemächliche Spannung bis zum Schluss zu halten und in einer faszinierend ohne Worte eingefangenen Beweisführung gegen den Mörder gipfeln zu lassen.

Unterwegs stößt man auf Psychodialoge, die von der Herstellung idealer Zustände und dem überlegenen Menschen fantasieren. Man hat unterdessen gelernt, sie auszublenden, sich nur noch etwas aus ihnen zu machen, wenn ein Charakter wirklich keinen einzigen geraden Satz mehr herausbekommt. Mit einer solchen Rolle wurde Ulrich Matthes bestraft, der Physik studiert hat, aber daherpalawert, als hätte er versehentlich die Philosophie- und Theologie-Seminare besucht. Was die Personen in „Der Tote auf der Parkbank“ von sich geben, kann sowieso nicht in allen Fällen für bare Münze genommen werden, denn sowohl Ursula Karven als auch Werner Rom wurden durch andere Schauspieler nachsynchronisiert, wodurch Horst Sachtleben Roms bairisches Organ zu überdecken eilte. Wieder einmal gilt: Derrick soll in München spielen, aber bloß nicht zu erkennbar. Die Tage, an denen Derrick auf urigen Bauernhöfen im Hinterland herumkroch, sind schon lange vorbei.

Neben der jungen Ursula Karven übernahm Gisela Peltzer eine wichtige Frauenrolle, in der sie als Gattin des Toten auf seltsam unbeteiligte Weise ihre Abneigung durchschimmern lässt. Peltzers Auftritte sind gefasst und bieten dennoch eine emotionale Tiefe, die schwer greifbar erscheint und ihren Part deshalb alles andere als 08/15 erscheinen lässt. Als Gegenteil des geschäftstüchtigen Nachkommen sieht man Christian Hellenthal, dessen Fernsehkarriere sich offenbar auf diesen einen Auftritt beschränkte. Hellenthal fällt vor allem dadurch auf, dass er nicht schon am Tag nach dem Tod seines Vaters an dessen Schreibtisch herumfuhrwerkt, wie man es für gewöhnlich von Angehörigen erwartet, die an vorderster Front Trauer heucheln und im Geschäftlichen unter dem Motto „The show must go on“ ihren lange zurückgehaltenen Machtgelüsten freien Lauf lassen.

Abschließend soll nicht verschwiegen werden, was hier noch eine der Hauptrollen spielt: Derricks Wintermantel, den ihm offensichtlich – weil er in anderen Folgen ein weit weniger beeindruckendes Exemplar trug – Inge Brauner verpasste. Was für ein Gerät! Mit ausladendem Flauschekragen und kurzem Karoschal macht er Derrick zur Seriosität in Person: Ein Oberstaatsanwalt könnte nicht vertrauenswürdiger aussehen!

Die solide Story tröstet über gewisse Längen hinweg, die Theodor Grädler mit souveränen Schlussminuten wieder auffängt. Gisela Peltzer stellt eine würdige Derrick-Gegnerin dar, während die jungen Wilden wieder einmal ordentlich auf die Pauke hauen und die Welt im Schonwaschgang verbessern wollen. 4 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
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12.09.2013 10:40
#654 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Die Nacht des Jaguars

Episode 153 der TV-Kriminalserie, BRD 1987. Regie: Jürgen Goslar. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Hans Korte (Dr. Trabuhr), Doris Schade (Frau Trabuhr), Volkert Kraeft (Albert Trabuhr), Christian Kohlund (Harald Trabuhr), Christiane Krüger (Inge Förster), Hartmut Kollakowsky, Wilfried Klaus, Henry Stolow u.a. Erstsendung: 19. Juni 1987, ZDF.

Zitat von Derrick: Die Nacht des Jaguars
Als die Polizei Gilla Trabuhr tot neben einer Telefonzelle am Herzogpark findet, stellen sich Stephan und Harry auf einen Routinefall ein, in dem ein gehörnter Ehemann seine promiskuitive Frau auf dem Gewissen hat. Sie tauchen jedoch tief in die ehernen Strukturen einer Familie ein, deren Umgang miteinander genauso ungewöhnlich ist wie ihr Nachname ...


Die Besprechung enthält Spoiler.

In der Kultur der Azteken stand der Jaguar als Sinnbild für die Nacht und repräsentierte Tezcatlipoca, der als angsteinflößende Gottheit in einem Jaguar-Gewand auftrat. Liest man den zugehörigen Wikipedia-Artikel, bekommt man auch als Nichtkenner der aztekischen Kultur ein klareres Bild davon, warum Herbert Reinecker den Titel und die Anspielungen des Archäologen so wählte: „Tezcatlipoca“, so heißt es dort, „war der Gott des Nordens, der Kälte, des Nachthimmels samt Mond und Sterne, der Farbe Schwarz, der Materie, des Krieges, der Helden, der Versuchung und der schönen Frauen.“ Viele Aspekte davon finden sich in dieser Episode wieder, weshalb die mystische Komponente sich hier keineswegs als Strohfeuer entpuppt, sondern den Kern der Sache ganz hervorragend trifft.

Den Nachtgott dieser Folge mimt zweifelsohne die beeindruckende Doris Schade. Wer sich an sie noch als hektisch-gehetzte Angsthäsin in „Jähes Ende einer interessanten Beziehung“ erinnert, wird über den großen Unterschied zu ihrer Rolle in „Die Nacht des Jaguars“ überrascht sein, der sie als eine völlig andere Persönlichkeit erscheinen lässt. Frau Trabuhr ist kalt und unnahbar, nicht jedoch im einfachen Sinne einer hochnäsigen Diva – aus ihr sprechen fanatische Überlegenheit und ein Lebenswandel, der an eine extreme Form des Puritanismus erinnert. Ihre sehr intensiven Monologe – man muss sie als Monologe bezeichnen, weil sie keine wirklichen Erwiderungen erwartet – zeichnen ein für „Derrick“ interessantes und ungewöhnliches Bild, weil darauf hingewiesen wird, dass Frau Trabuhr im Sinn der hier verwendeten Definition unterdessen bereits zwei Morde auf dem Gewissen hat, für die sie nicht bestraft werden wird.

Gerade durch die starke Präsenz Doris Schades droht die Folge kurzzeitig, in moralphilosophischen Abgründen zu versinken, doch im Gegensatz zu den allermeisten anderen Gelegenheiten stören die tiefsinnigen Bemerkungen, die hier aus einer Art Wahn heraus gemacht werden, keinesfalls. Es gelang nicht zuletzt auch Jürgen Goslar als Regisseur, der sonst eher für absolute Schnörkel- und Schmucklosigkeit steht, mit kreativen Einfällen und einer bewundernswerten atmosphärischen Dichte die verqueren Weltanschauungen aufzufangen und in eine kribbelnde Gruselspannung zu transformieren. Auf diese Weise zeigen Schade und Goslar dem „Weidau“-Duo Birkmann und Weidenmann, wie man altersstarrsinnigen Irrsinn auf den Punkt bringt.

Als Nebenprodukt fällt wieder einmal eine dankbare Rolle für Hans Korte ab, der die dramatische Wirkung des Flüstertons geschickt ausnutzt und als vor seiner Frau kuschender Feigling für eine fatale Nacht aus dem verbotenen Fruchtkorb naschen darf. Die Tote, die auch unter dem schmeichelnden Spitznamen „Hure“ firmiert, bleibt durch die völlig konträren Beschreibungen ein vages Konstrukt; immerhin gibt es in ihrem Freundeskreis eine Rolle für die stets willkommene Christiane Krüger. Nicht aufgelöst wurde hingegen, warum der so offensichtlich verdächtige Student aus dem Ruhrgebiet nun tatsächlich verschwand, wenn er mit der Tat nichts zu schaffen hat. Hier war wohl die Schaffung einer zusätzlichen falschen Fährte wichtig, von denen es in dieser Folge nur so wimmelt und die daher auch als Whodunit von ausgezeichneter Qualität ist. Wer wird bei all den Ablenkungsmanövern schon auf den wichtigsten Hinweis, die Kraft in den mordenden Händen, achten?

Blap könnte „Die Nymphomanin und das Haus des Schreckens“ als Kurzbeschreibung dieser Folge über seine Besprechung setzen. Wir haben es hier mit einem Kandidaten zu tun, der die vollen 5 von 5 Punkten ohne Frage verdient hat, weil es ihm gelingt, aus den üblichen Schwachstellen der Serie Stärken zu formen, die diese Folge anspruchsvoll, aber nicht unfreiwillig komisch machen. Exzeptionell ist die Inszenierung von Jürgen Goslar, der auf starke Bilder, starke Spannung und ein schockierendes Ende setzt.

PS: Nicht vergessen werden darf hier eine der einprägsamsten Kompositionen des Goslar-Lieblings Eberhard Schoener. „I’ll wait for you“ rahmt die Episode mit bittersüßen Klängen ein – man muss den Abspann einfach in Schleife hören – leider gibt es keine Audiodatei im Netz.

Gubanov ( gelöscht )
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21.09.2013 16:46
#655 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Ein Weg in die Freiheit

Episode 154 der TV-Kriminalserie, BRD 1987. Regie: Gero Erhardt. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Michael Degen (Ewald Potter), Loni von Friedl (Helene Potter), Christoph Eichhorn (Hans Potter), Ulli Philipp (Eva Wilke), Jessica Kosmalla (Hilo Glück), Volker Lechtenbrink (Harro), Claus-Peter Seifert (Ingo Wicker), Ben Becker (Holger Stemp) u.a. Erstsendung: 3. Juli 1987, ZDF.

Zitat von Derrick: Ein Weg in die Freiheit
Als Besitzer mehrerer zweifelhafter Lokale lebt Ewald Potter auf großem und ebenso gefährlichem Fuß. Als ein Unbekannter seinen Prokuristen im nächtlichen Chefbüro erschießt, liegt für Derrick die Schlussfolgerung nahe, dass man es eigentlich auf Potter abgesehen hatte. Und tatsächlich klirren in dessen Villa bald die Scheiben: Die Kugeln verfehlen ihr Opfer nur knapp ...


Gero Erhardt blieb mit nur drei „Derrick“-Inszenierungen ein seltener Gast unter den Regisseuren der Serie. Mit „Schonzeit für Mörder?“ schuf er einen eher kryptischen Erstling, der schwer verdaulich war und einige Längen aufwies. Während „Ein Weg in die Freiheit“ weit davon entfernt ist, ein glanzvoller Spitzentitel der Reihe zu sein, passte sich Erhardt dem „Derrick“-Schema hier deutlich stromlinienförmiger an. Seine Spielleitung gibt keinen Anlass, sich über ein aus der Reihe Fallen zu beschweren. Die Geschichte hätte zehn Jahre vorher schon genauso von Alfred Vohrer inszeniert werden können und erinnert tatsächlich stellenweise ein wenig an „Lissas Vater“ von 1978. Beiden Episoden ist die Gefahr, die im Dunkeln vor dem Fenster lauert, gemein – die Szene, in der auf Potter geschossen wird, wirkt wie ein Zitat der guten, alten Zeiten. Vor allem damals, so sinniert man, haben die Schüsse bei „Derrick“ so schallend gepeitscht, auch wenn sich Erhardt hier und Haugk in der kommenden Episode kräftig ins Zeug legen, den Schockeffekt, den die Serie gegen gepflegte Zurückhaltung eingetauscht zu haben schien, wieder zu reaktivieren.

Die Kamera der erstmals für die Bildgestaltung verpflichteten Rainer Gutjahr und Karl-Heinz Valier zeichnet sich durch mehrfache subjektive Blickwinkel aus, in denen der Zuschauer die Sicht des Mörders oder Derricks übernimmt und dem Geschehen damit besonders authentisch ins Auge blickt. Die Anfangssequenz im dunklen Büro gewinnt dadurch zusätzlich an Spannung, während die Musik des ebenfalls neu hinzugestoßenen Günther Ress noch in der Erprobungsphase steckt.

Während alle Ereignisse, die Potter senior, seine Frau und die Schwester des Mordopfers betreffen, den Zuschauer durchaus zu fesseln wissen, verschenkt die Geschichte Potenzial und Geschwindigkeit durch Reineckers übliche Masche, eine gruppe jugendhafter und doch so wenig tugendhafter Musiker in den Mittelpunkt zu stellen. Zwar liefern sich Tappert und Wepper mit den sturen Leuten und ihrem erstaunlich geschwätzigen und doch wenig philosophischen Anführer Harro amüsante Wortgefechte, doch zu gestellt wirken die Zusammenhänge, was in einer unglaubwürdigen und weit hergeholten Auflösung kulminiert. Erst sie erklärt den Titel der Episode, weiß aber nicht wirklich zu überzeugen.

Die Darsteller dagegen sind weitgehend glücklich gewählt – vor allem das Trio Michael Degen / Loni von Friedl / Ulli Philipp überzeugt in interessanten bzw. routinierten Rollen, die gern mehr Gewicht hätten bekommen dürfen. Bei Christoph Eichhorn bekommt man das Gefühl, man habe ihn unterdessen schon einmal zu häufig als jugendlichen Querschläger gesehen, letztlich gibt es an seinem Auftritt aber wenig zu kritisieren. Die Bandmitglieder bleiben dagegen abgesehen von Volker Lechtenbrink, bei dem es sich um Gero Erhardts Lieblingsdarsteller zu handeln scheint, blass. Dafür gelang es, wieder einigen erfrischenden Ermittlerhumor einzubauen, weil gerade auch Stephan seinem Assistenten gegenüber nicht gerade auf den Mund gefallen ist. Reifen wechseln – das wissen wir nun – kann Harry Klein, der für immer mit dem Wagenholen verbunden sein wird, nicht.

Diese schöne Winterfolge startet ausgesprochen stark, verläuft sich dann jedoch in einer Mischung aus Verschwörungsgeschichte und Jugendkulturromantik. Gero Erhardt rehabilitierte sich durch einfallsreiche Szenen und kreative Kameraeinstellungen, das Ensemble agiert überdurchschnittlich. Es hätten unter diesen Voraussetzungen mehr als 3,5 von 5 Punkten herauskommen können.

Georg Offline




Beiträge: 3.217

21.09.2013 17:02
#656 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Ringelmann schien Erhardts Arbeiten zu schätzen, denn er war immerhin für 30 Folgen "Der Alte" verantwortlich, inszenierte später 6 "Siska"-Folgen und auch 3 "Der Mann ohne Schatten"-Geschichten für ihn. Sein Markenzeichen war es zunehmend nicht nur auf außergewöhnliche Kameraeinstellungen zurückzugreifen, sondern auch auf einen besonders schnellen Schnitt zu setzen. Man merkt schon, dass er viele Jahre Kameramann war (übrigens auch bei einem "Derrick" ("Der Kanal")). Mit Günther Ress hat er viel zusammen gemacht, u. a. ja auch den Pilotfilm zu "Die Männer vom K3", zu dem er auch die Titelmusik beisteuerte. An die Musik in "Ein Weg in die Freiheit" kann ich mich jetzt nicht genau erinnern, ist zu lange her, habe aber gerade Erhardts ersten "Alte"-Beitrag (ungefähr zeitgleich zu diesem "Derrick" entstanden) nochmals gesehen: da hat Ress einen wahnsinnig tollen Soundtrack und Ohrwurm abgeliefert, der selbst Duvals Beiträge in die Ecke treibt.
Volker Lechtenbrink war in der Tat ein Lieblingsschauspieler von Erhardt.
Die Folge "Ein Weg in die Freiheit" würde ich - und das ist selten ;-) - ähnlich bewerten wie Du. Mittelmaß, vielleicht ein bißchen drüber.

Gubanov ( gelöscht )
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22.09.2013 12:26
#657 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Nachtstreife

Episode 155 der TV-Kriminalserie, BRD 1987. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Hans Brenner (Marx), Witta Pohl (Luise Marx), Karin Thaler (Erika Marx), Frank Hoffmann (Conny de Mohl), Ankie Beilke (Marianne de Mohl), Herbert Bötticher (Walter de Mohl), Anton Diffring (Herr de Mohl), Bernd Herberger (Dr. Roland) u.a. Erstsendung: 18. September 1987, ZDF.

Zitat von Derrick: Nachtstreife
Wie zuverlässig sind die Aussagen des Polizisten Marx? Der Beamte vom Rauschgiftdezernat macht sich Vorwürfe, er hätte seinen unerfahrenen Kollegen, der bei einer Schießerei ums Leben kam, auf dem Gewissen. Nun will er schnell einen Täter aus dem Ärmel schütteln. Ist der vorbestrafte Zuhälter de Mohl nur ein Bauernopfer? Auf jeden Fall muss Marx in ein Wespennest gegriffen haben, denn ein Anschlag auf seine Familie lässt nicht lang auf sich warten ...


Wer dachte, die Wüstheit und Oberinspektor Derrick seien unterdessen getrennte Wege gegangen, wird während einer überaus spektakulären „Nachtstreife“ wieder auf den Boden der Tatsachen und der durchgedrehten Anrüchigkeiten zurückgeholt. Schon die erste Kameraeinstellung nach dem Vorspann ergötzt sich an Reizen, wie sie zwielichtige Lokale im Reinecker-Kosmos nur allzu gern anbieten, die in dieser Folge jedoch nicht spröde und mit erhobenem Zeigefinger präsentiert werden, sondern als eine Spielwiese für ausgeflippte Dubiositäten dienen. Dafür verantwortlich ist die für eine lange Zeit letzte „Derrick“-Verpflichtung Dietrich Haugks. Erst im Jahrgang 1994, in Folge 238, werden wir wieder mit seiner einmaligen inszenatorischen Leichtigkeit konfrontiert werden.

Haugk stilisiert „Nachtstreife“ zu einem Kabinettstück, das vor allem Anklang unter den Anhängern früher Brynych-Folgen finden wird. Der Duktus ist ein ganz ähnlicher, wenn Sex und Blut das Gegengewicht zu kindischen Albernheiten im Polizeirevier bilden. Der Fall ist auch gehörig abgedreht, wird aber durch Haugks Inszenierung in die zweite Reihe verdrängt – man wird das Gefühl nicht los, dass er ihn mit allerlei unkonventionellen Ideen zu kaschieren versuchte.

Die zentrale Figur gibt ausgerechnet Hans Brenner, berüchtigt als schmierige Type aus dem Kommissar-Köster-Debüt „Die Dienstreise“. Brenner hat unterdessen (formal) die Seiten gewechselt, ohne jedoch seinem üblichen Fach ernsthaft zu entfliehen. Noch immer muss ihn das Publikum kritisch beäugen, denn der Tod seines Kollegen bringt den Polizisten aus dem Rauschgiftdezernat so aus der Bahn, dass er für die kommenden Ermittlungen Triebfeder und Hemmschuh in einem ist. Man kennt die Anlage der Geschichte zur Genüge: Derrick und sein Team sind die einzigen zuverlässigen Polizisten in ganz München und wenn ihnen einmal einer ihrer nicht gerade vertrauenswürdigen außerhäusigen Kollegen dazwischenfunkt, kann der Vergleich zur Lichtgestalt Derrick für den Betreffenden nur absolut desaströs ausfallen. Brenner wirkt fahrig und gehetzt – sicher: das verlangt die Rolle, aber das aalige Winden geht gleichfalls ganz schön auf die Nerven. Der Versuch, einen Gegenentwurf zum korrekten, felsenfesten Oberinspektor zu zeichnen, geht wieder einmal gehörig in die Hose.

Doch bleiben wir noch ganz kurz auf dem Polizeirevier: Dass dort Assistent Berger mit einer Kinderdarstellerin auf allen Vieren eine wilde Verfolgungsjagd anzetteln und Derrick dem Mädchen und ihrer Mutter ebenfalls spielerisch die Sorgen abnehmen kann, passt vorzüglich ins Bild. Spaß und Schock sollen die entgegengesetzten Grundpfeiler für die Folge bilden – das ist das erfrischende Haugk-Rezept. Es geht hier aber leider nicht auf. Die Verbrecherfiguren lassen Tiefe vermissen, sind reine Statisten und nicht einmal besonders gute. Es fehlt eine wie auch immer geartete ernsthafte Komponente, die „Nachtstreife“ von Folgen wie „Zeichen der Gewalt“, „Alarm auf Revier 12“ oder „Tote Vögel singen nicht“ unterscheiden würde. Was einen aber allein schon für diese Folge einnehmen muss, ist, dass der Spiegel sich schon einen Monat vor Beginn der neuen „Derrick“-Staffel davor fürchtete, dass „der glupschäugige Oberinspektor uns mit immer neuen Folgen heimsucht“.

Durchgeknallter Humor, Gaunergrimassen, leicht bekleidete Mädchen und schnelle Schüsse. Die „Nachtstreife“ braucht ihr Publikum sicher nicht lange zu suchen. Im Vergleich zu ambitionierteren Anläufen Dietrich Haugks stellt sie aber eine deutlich schwächere Leistung dar, was gerade vor seiner siebenjährigen Pause äußerst bedauerlich ist. 3 von 5 Punkten.

Georg Offline




Beiträge: 3.217

24.09.2013 20:52
#658 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Eine traurige Tatsache, die mir - und scheinbar vielen anderen - völlig entgangen ist: Wusstet ihr, dass "Berger" Willy Schäfer bereits im Mai 2011 verstorben ist? Er wurde 78 Jahre alt. Ich mochte ihn immer sehr und freute mich auf seine Auftritte. Leider hatte er von ganz wenigen Folgen (Mädchen in Angst) abgesehen immer nur ganz wenige Worte zu sprechen und fristete damit ein Dasein, das dem Polizeiarzt im Alten ähnelte.
Als Nebendarsteller war er übrigens auch in sehr vielen Serien der 60er-Jahre zu sehen, die in München gedreht wurden.

Chinesische Nelke Offline



Beiträge: 136

24.09.2013 23:30
#659 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Ich finde es auch schade, dass er so spärlich eingesetzt wurde, er selber hat sich darüber im Derrick-Spezial von 1998 leise beklagt. Dass er mehr kann, hat er zum Beispiel auch im Kommissar gezeigt, mir ist er vor allem als Kellner in "Sein letzter Coup" in Erinnerung.

Blap Offline




Beiträge: 1.128

08.10.2013 14:15
#660 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 10 (Folgen 136-150)

Folge 148 - Mädchen in Angst (Deutschland 1987)

Harry unter Druck

In seiner Freizeit eilt Harry Klein einer jungen Frau zu Hilfe, bewahrt sie vor weiteren Schlägen des brutalen Kriminellen Franz Belter (Henry van Lyck). Anja Ruland (Sona MacDonald) verbringt die Nacht in Kleins Wohnung, verschwindet jedoch wortlos am nächsten Morgen. Freilich lässt Harry das Schicksal des Mädchens keine Ruhe, nach kurzer Suche findet er Anja in einem abgelegenen Büro der Ganoven. Plötzlich taucht Belter mit seinem Kumpel Rotter (Stefan Behrens) im Schlepptau auf, Harry kassiert eine schmerzhafte Abreibung. Zurück im Revier macht Harry eine erschreckende Entdeckung, seine Dienstwaffe ist verschwunden! Flugs eilt unser emsiger Inspektor zurück zum Ort der Prügelstrafe. Dort findet er jedoch nicht seine Waffe, er stößt auf Belters Leiche, drei Kugeln pusteten das Lebenslicht des Ganoven aus. Unangenehm, denn Rotters Aussage belastet Harry schwer, nun ist nicht nur Stephan Derricks unerschütterbare Freundschaft gefragt ...

Normalerweise steht dieser Absatz im Zeichen der Gastdarsteller. Diesmal muss ich jedoch mit Horst Tappert und Fritz Wepper beginnen. Zunächst dominiert Wepper mit einer überzeugenden Leistung die Folge, dann tritt Tappert ins Zentrum der Geschehnisse. "Mädchen in Angst" zeigt -einmal mehr- die enge Bindung zwischen den Hauptfiguren der Reihe auf. Sollte sich Harry ungestüm vergaloppieren, er kann sich auf seinen Freund Stephan verlassen, selbstverständlich ebenso auf dessen präzisen Spürsinn. Monumental ragt Leuchtturm Stephan Derrick auf dem Ozean des Schreckens hervor, schwebt unnachgiebig und mit Adlerauge über feindlichen Sumpfgebieten, rettet das Gute aus Minenfeldern und Höllenschlunden, stets väterlich und weise, wickelt nebenbei den Staatsanwalt locker um den Finger. Nachdem der Plot Harry im späteren Verlauf leicht ausbremst, darf Sklave Berger brav hinter Meister Derrick herstiefeln, teils sogar mit (eingeschränkter) Spracherlaubnis. Henry van Lyck und Stefan Behrens sorgen für Münchens fiese Fratze, van Lyck punktet mit angeborener Ekelhaftigkeit, Behrens gibt den überheblichen Widerling, Ohrfeigengesichter gehobener Güteklasse. Weniger ansprechend Sona MacDonald, deren Vorstellung eher für unfreiwillige Lacher sorgt, ein Opferlämmchen für den Order des Vergessens. Joachim Bissmeier taucht als Vater des Mädchens auf, füllt die Rolle des unscheinbaren Durchschnittsbürgers glaubwürdig aus. Gisela Trowe darf nicht ohne Erwähnung bleiben, eine alte Dame mit Herz, ringend mit kleinen Defiziten.

Horst Tappert nahm erneut auf dem Regiestuhl Platz. Während "Entlassen Sie diesen Mann nicht!" (Folge 147) in charmanter Unbeholfenheit erstrahlte, geht "Mädchen in Angst" diese überwiegend Eigenschaft ab, dirigiert solides Handwerk das Treiben vor der Kamera. Sicher kann man über Tapperts Qualitäten als Regisseur streiten, gleichermaßen darüber, ob es sinnvoll erscheint den Hauptdarsteller als Regisseur zu verpflichten. Ich bleibe dabei, Tappert sorgt auf eigentümliche Art für frischen Wind, obschon mir seine Regie in Folge 147 mehr zusagte. Noch ein paar Worte zum Drehbuch. Der Auftakt lässt auf einen Sprung in die Tiefen Münchens nächtlicher Halbwelt hoffen, inklusive schäbiger Bars, Absteigen, Nutten und illegaler Betäubungsmittel, sorgen Reizworte wie "Drogen und Prostitution" für Geifer in meinen Mundwinkeln. Leider dreht sich der Wind, anders als der Titel schmackhaft suggeriert, kommt "Mädchen in Angst" als Denkmal für die übergroße Freundschaft zwischen Derrick und Klein auf den Bildschirm, immerhin mit feinem Humor garniert. Ja, ich bin eine alte Sleaze-Sau. Dennoch wurde ich gut unterhalten, Nichtbefriedigung gieriger Erwartungshaltungen kann durchaus Freude bereiten. Nicht mein Liebling im Derrick-Kosmos, gleichwohl unverzichtbar.

6,5/10 (oberste Mittelklasse)

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