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Dieses Thema hat 976 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

20.04.2013 20:25
#571 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

@Marmstorfer: Auffällig ist, dass alle dieser „most influencial TV shows“ aus deutscher Schmiede ZDF-Produktionen sind. Die ARD ist in dieser Liste überhaupt nicht vertreten.



Derrick: Lange Nacht für Derrick

Episode 131 der TV-Kriminalserie, BRD 1985. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Klaus Schwarzkopf (Dr. Bomann), Annemarie Düringer (Elvira Bomann), Marion Kracht (Roberta Bomann), Christian Kohlund (Rechtsanwalt Strobel), Marika Adam (Frau Steyner), Horst Sachtleben (Herr Stoll), Eva-Maria Bayerwaltes (Annegret Rotter), Wilfried Baasner (Rotter) u.a. Erstsendung: 28. Juni 1985, ZDF.

Zitat von Derrick: Lange Nacht für Derrick
Die Tochter des Strafverteidigers Bomann wird entführt. Zunächst bleibt der Zweck der Aktion verborgen, doch dann stellt sich heraus, dass Bomann im Tausch gegen sein Kind einem gefährlichen Mandanten eine geladene Pistole zustecken soll. Derrick hat nur eine Nacht Zeit, um einen Amoklauf im Gerichtssaal zu verhindern. Wird es ihm gelingen, Roberta Bomann zu finden?


54 Folgen musste man auf eine Wiederkehr der Regie-Legende Dietrich Haugk zum „Derrick“-Team warten, noch eine länger auf die von Klaus Schwarzkopf. Dass nun beide Herren zusammen eine Folge stemmen (und das tun sie im wahrsten Sinne des Wortes, gemeinsam mit Tappert und Wepper), darf als Glücksfall bezeichnet werden, denn beide sind Garanten für Qualität und Spannung. Haugk hatte einmal mehr die Chance, auf ein sehr starkes Drehbuch zurückzugreifen, das im Rahmen der manchmal für ihre altmodische Behäbigkeit getadelten Serie mit ungewöhnlich viel Action aufwartet. Das eignet sich ideal für den Ausnahme-Regisseur, der seinen Folgen stets einen markanten Stempel aufdrückte. Hier arbeitet Haugk mit dem Motiv der rennenden Zeit. Die Verbrecher sind nur kurz zu sehen, der eigentliche Gegner für Derrick und Co. ist eine tickende Uhr, die immer wieder die Arbeit der Polizisten unterbricht und sie unerbittlich daran erinnert, wie eng es bald wird. Die Anspannung im Team ist durch den Bildschirm hindurch greifbar: Selbst Derrick, sonst gelassen über den Dingen stehend, verliert stellenweise die Beherrschung, weil er befürchten muss, dass es doch ein Verbrechen gibt, das seine Möglichkeiten und Kompetenzen ausbootet. Er versucht, der Furcht mit Ordnung und Methode zu begegnen, sie durch wenig bayerische, manchmal militärisch klingende Ansagen und Arbeitsaufträge zu bekämpfen.

Derrick ist nicht nur gehetzt, er ist verbissen. Roberta vor Ablauf der Frist zu finden, ist die Aufgabe, die er sich gestellt hat und die er unter allen Umständen zu erfüllen hat. Eine andere Lösung kommt für ihn nicht in Frage, halbe Arbeit wird nicht geleistet. Das heißt: die Nacht durcharbeiten. Auch in den 1980ern war das noch gleichbedeutend mit der Anweisung, die Polizeizentrale in blauen Dunst zu hüllen. Koffein und Nikotin als Helfer für Freiheit und Gerechtigkeit – nur Derrick steht darüber und rügt die Schmaucher.

Man könnte meinen, „Lange Nacht für Derrick“ hätte eigentlich „Lange Nacht für Bomann“ heißen müssen, denn Klaus Schwarzkopf steht Horst Tappert in nichts nach. Er bildet den weicheren Part, schwankt mehrfach am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Ein gerissener Anwalt – Maurice-Messer-Fans wissen das – sieht anders aus. Schwarzkopf ist über seinem Beruf Mensch geblieben und fragt nach Verantwortung und Schuld. Dank der Uhr bleibt für moralphilosophische Exkurse aber keine Zeit. Tick tock, tick tock.

Wenn kleine Trupps nacheinander ausschwärmen, um Erkundigungen einzuziehen und Verdächtige aufzusuchen, ist jede dieser Fahrten mit einem bangen Gefühl der Unsicherheit verbunden. Was wird die Polizisten hinter nächtlichen Türen erwarten? Wird es Hilfestellung geben oder eine Mauer des Schweigens? Kann man Gleichgültige mit dem Schicksal einer Entführten zur Kooperation bewegen? Diese Fragen meißeln sich ebenso in den Kopf des Zuschauers wie die Spannungsmusik Hermann Thiemes, die zu Anfang und Ende von leichteren Tönen umschlossen wird. Die Spuknacht, in der alles in Bewegung gesetzt werden musste, bleibt eben doch nur so etwas wie ein Alptraum, ein einmaliger Vorfall. Auch ein Sonderfall in der „Derrick“-Geschichte. Qualitativ sowieso.

Knappe Charakterisierungen von Betroffenen in einer Ausnahmesituation treffen auf fehlende Leichen, die aufgrund von ultrahoher Spannung verzichtbar sind. Wo ein böses Hirn die Fäden spinnt, muss der Finger am Lauf der Waffe nicht zwangsläufig abdrücken. 5 von 5 Punkten. Ob Derrick nach diesem Fall einen freien Tag hatte?

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

21.04.2013 13:51
#572 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Ein unheimlicher Abgang" (Folge 129)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Christiane Krüger, Peter Bongartz, Gabriele Fischer, Christoph Eichhorn, Klaus Höhne, Lisa Kreuzer, Dirk Galuba, Hans Stadtmüller u.a. - Regie: Jürgen Goslar

Eben noch verabschiedete sich Liane Diebolz zärtlich von ihrem Geliebten Bernhard Kolewski, da erhält sie auch schon eine Schreckensnachricht: Ihr Mann kündigt seinen Selbstmord an. Er sei mit dem Boot auf den Starnberger See hinausgefahren und wolle sich das Leben nehmen. Wenige Minuten später wird der Nachthimmel durch helle Flammen erleuchtet. Eine Explosion hat nicht nur Herrn Diebolz von der Bildoberfläche verbannt, sondern auch einen schweren Verdacht auf seine Frau und deren Umfeld geladen. Oberinspektor Derrick glaubt nämlich nicht an einen Freitod, sondern vermutet einen hinterlistigen Mord, zumal einige Millionen im Spiel sind...

Eisige Winternächte, in denen dubiose Geschäftsmänner den Flammentod finden, sorgen allzeit für Mutmaßungen und eine Fokussierung auf ihre stets ahnungs- und manchmal auch mittellose Witwe. Ob die Dame nun Muriel Irvine ("Die weiße Spinne"), Wilma Gericke ("Derrick: Die Fahrt nach Lindau") oder Liane Diebolz heißt, jedes Mal weichen die anfängliche Verzweiflung und der Schock bald einem bösen Erwachen. Derrick beweist diesmal, dass Vorstellungskraft, Einfühlungsvermögen und Kombinationsgabe noch nicht von stereotypen Zeugenbefragungen abgelöst worden sind und das Offensichtliche nicht immer den Tatsachen entspricht. Firma und Privates bilden eine verschworene Einheit, was den Oberinspektor stutzig macht und ihn nach alternativen Lösungen suchen lässt. Christiane Krüger entwickelt ihre Rolle der Frau im Mittelpunkt des Interesses weiter; obwohl sie nicht immer über alle Pläne ihrer männlichen Mitspieler eingeweiht ist, strahlt sie mysteriöse Eleganz und Würde aus. Peter Bongartz hält sich wacker, ist aber eine Nummer zu klein für sie; ebenso verhält es sich mit Jungschauspieler Eichhorn. Umso kraftvoller und keineswegs beruflich devot tritt Gaby Fischer aus dem Schatten ihres Dienstbotendaseins heraus und überrascht durch selbstbewusstes Auftreten. Die unvermeidliche Lisa Kreuzer wird abwechselnd mit seriösem oder verruchtem Anstrich versehen, verharrt jedoch in der zweiten Reihe. Der obligate Prokurist, der -im Gegensatz zu seinem aggressiven Pendant in "Der Kommissar"- bei "Derrick" gern als überfordert und hilflos dargestellt wird, bekommt das Gesicht und die Stimme von Klaus Höhne. Die Reaktion der Hinterbliebenen auf den Tod eines ihnen bekannten Mannes, ist interessant und zeigt sogar ein mittlerweile ungewohntes Bild in einem Fernsehkrimi: Hans Stadtmüller, der sich beim Anblick des Toten bekreuzigt. Ein unverhofftes Wiedersehen gibt es am Zürcher Flughafen, wo uns einer der profiliertesten Gangster aus der Konkurrenz-Serie "Der Alte" erwartet: Jack Braun (Peter Bollag). Man erkennt ihn sofort wieder und wundert sich, dass dies sein einziger "Derrick"-Auftritt bleiben sollte.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

21.04.2013 14:32
#573 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Schwester Hilde" (Folge 130)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Inge Meysel, Susanne Uhlen, Andras Fricsay, Klaus Abramowski, Ekkehardt Belle, Lis Verhoeven, Andrea Dahmen, Robert Naegele, Angela Hillebrecht u.a. - Regie: Theodor Grädler

Der Kunde, der den Kosmetikladen betreten hat, hat weniger ein teures Parfüm im Auge, als die hübsche Verkäuferin Anita Henk. Ihr Lächeln erstarrt, als sie den Mann erkennt: Es ist Kusich, Zuhälter aus Hamburg und früherer "Chef" von Anita. Er ist nach München gekommen, um die junge Frau zurückzuholen, die mithilfe der Laienschwester Hilde ein neues, bürgerliches Leben begonnen hat. Gewalt gehört zu seinem Umgangston, was auch Schwester Hilde weiß, die deshalb sofort nach München reist, um Schlimmes zu verhindern. Am nächsten Morgen ist Kusich tot und Derrick sieht sich mit einer resoluten, unbeugsamen Frau konfrontiert....

München mit den Augen einer Außenstehenden: Eine erfrischende neue Perspektive erhält "Schwester Hilde" durch die preußische Strenge und mütterliche Fürsorge von Inge Meysel. Sie bringt durch ihre Beharrlichkeit nicht nur die Verlegerfamilie Born dazu, die Fassung zu verlieren, sondern sorgt auch bei den Ermittlern für ein verlegenes Lächeln. Durch die glücklichen Briefe ihres Schützlings Anita erwartete Schwester Hilde eine bairisch-herzliche Familie, wurde jedoch von einer steifen Brise empfangen, die an den Hamburger Landungsbrücken nicht frostiger sein könnte. Ekkehardt Belle, sonst gern als netter Bruder oder hilfsbereiter Kumpel besetzt, zeigt hier die Grenzen einer Liebe bzw. der Fähigkeit zur Liebe auf, die ja jeweils von der Vorstellung über einen Menschen bestimmt wird, die - wie in dieser Folge - nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen muss. Anita Henk hatte mit ihrem alten Leben abgeschlossen, doch moralisch bleibt sie in den Augen des Bürgertums auf der Strecke, während zahllose Geschäftsfreunde der Familie Born weiterhin ihren heimlichen Bordellbesuchen frönen und dabei unbescholten bleiben. Typische Doppelmoral eben.
Andras Fricsay sorgt sich mehr um den blutverschmierten Spiegel in seinem Hotelzimmer als um die wunde Wange der Frau, die für ihn "anschaffen" soll. Man fragt sich, wieso er sich von Hamburg aus auf den Weg nach München macht, um eine ehemalige Untergebene zurückzuholen. Entweder war der Nachschub aus den Ostblockländern oder Asien noch nicht so präsent wie heute in den Zeiten des florierenden Menschenhandels oder es ging darum, ein Exempel zu statuieren, um das Gesicht in der Szene wahren zu können. Derrick sieht sich mit den Machenschaften dieser Branche nicht konfrontiert, sondern geht geradlinig seinen Weg, was dem Zuseher ermöglicht, mehr von der anderen Seite zu sehen. Schwester Hilde macht sich über den schwierigen Kampf keine Illusionen, gibt aber dennoch nicht auf, während sich ihr Schützling bereits innerlich verabschiedet und aufgegeben hat. Die Wendung im Finale wirkt ein wenig gestelzt; es scheint, als habe man den Täter vorgeschoben, um weiteres Leid zu verhindern.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

21.04.2013 21:08
#574 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Lange Nacht für Derrick" (Folge 131)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Willy Schäfer, Klaus Schwarzkopf, Christian Kohlund, Marion Kracht, Annemarie Düringer, Horst Sachtleben, Wilfried Baasner, Marika Adam u.a. - Regie: Dietrich Haugk

Der Strafverteidiger Dr. Bomann soll den Geiselnehmer Rotter vor Gericht herauspauken, der skrupellose Verbrecher fordert nichts Geringeres als einen Freispruch. Um den skeptischen Anwalt unter Druck zu setzen, entführen Rotters Leute die zwanzigjährige Roberta, einzige Tochter von Dr. Bomann. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn am nächsten Morgen um 9 Uhr beginnt die Hauptverhandlung gegen den mutmaßlichen Mörder...

Männer mit Glatze sind gefährlich: Nachdem sich Peter Kuiper so gut wie zur Ruhe gesetzt hat, holt Reinecker zur Untermauerung seiner These einen weiteren prominenten deutschen Kahlkopf vor die Kamera. Wilfried Baasner, das intrigante Gegenstück zu J.R. ("Dallas") und Alexis Colby ("Der Denver-Clan"), beweist auch abseits der norddeutschen Familienbrauerei derer von Guldenburg, dass nicht nur sein Achim Lauritzen bedrohlich ist, sondern auch der Geiselnehmer Rotter, den wir kurz vor Gericht sehen und dessen einschüchternde Worte während der gesamten Spielzeit nachhallen.
Klaus Schwarzkopf, dessen Augen stets nervös unter seiner Brille hervorlugen, sind nur wenige Augenblicke der Entspannung vergönnt. Seine unprätentiöse Tochter Roberta (Marion Krachts "Derrick"-Einstand) lenkt ihn für kurze Momente von der Bürde seines Amtes ab und wird von der Kamera stets im Licht eingefangen, da sie für das sonnige Element im Hause Bomann steht, wo die (spanische?) Mutter über Küche und Keller regiert und neben der Herzlichkeit zwischen Vater und Tochter fast wie eine Fremde wirkt. Doch es gibt auch eine andere Person, die in die Harmonie des trauten Duos eindringt: Christian Kohlund als Sozius von Bomann hegt Hoffnungen, das blonde Mädchen heimführen zu dürfen. In einer nervenaufreibenden Nacht, die den Einfallsreichtum und die Geduld der Polizei in mühsamer Detailarbeit zeigt und dabei das wichtige Zusammenspiel der einzelnen Abteilungen betont - ironischer Hinweis am Rande: der Kriminaldirektor darf als einziger nach Hause gehen und kommt am nächsten Morgen ausgeschlafen zum Dienst. Je später es wird, desto gereizter und unkontrollierter verhalten sich die Personen im verrauchten Büro; der Tiefpunkt ist erreicht, als die holländische Dame aus den Federn geholt wird und sie Derrick ungestraft einen Verrückten nennen darf. Harry hat mehr Glück: Die nächtliche Frischluftzufuhr liefert einen Energieschub für seine grauen Zellen. Horst Tapperts Haltung erinnert an seine Rolle als Michael Donegan in "Die Gentlemen bitten zur Kasse". Die Auflösung wird leider durch den vorpreschenden Kohlund vergeigt, der Marion Kracht abschleckt wie eine Katze ihr Junges. Erst Schwarzkopf biegt es wieder hin und eröffnet den letzten Akt mit einer eleganten Handbewegung.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

21.04.2013 21:29
#575 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Kranzniederlegung

Episode 132 der TV-Kriminalserie, BRD 1985. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Herbert Stass (Gerhard Trosse), Eduard Erne (Heinz Lissner), Jutta Kammann (Frau Dr. Lissner), Henry van Lyck (Adrian Schycker), Karl Renar, Klaus Rohrmoser, Peter Rotter, Peter Ptacek u.a. Erstsendung: 6. September 1985, ZDF.

Zitat von Derrick: Kranzniederlegung
„Deine Mörder werden bestraft“, steht auf dem Kranz, den Heinz Lissner am Grab einer jungen Drogentoten niederlegt. Der abgetakelte Reporter Gerhard Trosse sieht in diesem Kranz ein Versprechen der Selbstjustiz und warnt Derrick davor, dass Lissner auf eigene Faust die Dealer zur Rechenschaft ziehen könnte. Tatsächlich stirbt einer von ihnen bald darauf den Kugeltod. Und Lissners Alibi ist außerordentlich schwach.


Man wünscht dem Reporter und dem jungen Abiturienten ein besseres Verständnis der deutschen Sprache, denn der Ausspruch „Deine Mörder werden bestraft“ ist im Grunde gar kein Blick in die Zukunft – nur ein Banner „Deine Mörder werden bestraft werden“ böte für Derrick einen Grund, Ermittlungen anzustellen. In einer Folge, in der der Ermittler damit beschäftigt ist, mit Harry „Weißwurscht“ essen zu gehen, verwundert es aber kaum, dass der kriminalistische Aspekt zu kurz kommt und einfach aus schon mehrfach verbratenen Motiven ein neues, wackeliges Kartenhaus aufgebaut wird. „Kranzniederlegung“ macht so ziemlich alles falsch, was eine „Derrick“-Folge falsch machen kann: Wieder einmal sah sich Reinecker gemüßigt, den Drogenkladderadatsch aufzuwärmen und ihn uns mit lauwarm dampfenden Beschreibungen von „verreckenden Mädchen in Scheiß-Pissoirs“ unter die Nase zu reiben. Wieder einmal bietet Selbstjustiz das Mittel der Wahl. Wieder einmal haben wir es mit saufenden, depressiven Charakteren zu tun, die Derrick sich fragen lassen, warum er keinen anderen Job ergriffen hat. Wieder einmal ist Derrick vor dem Verbrechen an Ort und Stelle, was erneut hilflos durch eine alte Bekanntschaft mitsamt daran hängendem Privateinsatz begründet wird – der Ermittler hatte offenbar mit regulären Mordfällen nicht genug zu tun. Als dann noch endlose Philosophierereien über Menschen im Stadium des langsamen Zerfalls und eine Gesellschaft am Ende ihres Formats auftauchen und die Spielzeit stehlen, die man für eine eindeutige Klärung der Morde hätte verwenden können, dann schlage ich endgültig die Hände über dem Kopf zusammen.

Mit „Kranzniederlegung“ begann offenbar eine neue „Derrick“-Staffel, denn seit der Erstsendung von „Lange Nacht für Derrick“ waren beinah drei Monate ohne neue Münchner Krimis vergangen. Der Einstand in die neue Runde misslang aber nicht nur künstlerisch, sondern auch in Bezug auf die Personalien hinter der Kamera. Für den langjährigen Stammfilmer Rolf Kästel war diese Episode seine letzte Serienarbeit. Horst Tappert schildert den unerwarteten, traurigen Zwischenfall in seiner Autobiografie:

Zitat von Horst Tappert: Derrick und Ich – Meine zwei Leben, Heyne München, 1998, S. 215
Rolf Kästel, Tünnes. Eine lebende Sammlung von Pointen. Er setzte sie nicht absichtlich, die Situation ließ sie aus ihm blitzen wie eine elektrische Ladung. Er machte nie Witze. Er war einfach komisch. An einem Tag drehte Tünnes 42 Einstellungen auf einer Rollschuhbahn, und am nächsten Morgen war er nicht mehr er selbst. Er hatte einen schweren Schlaganfall erlitten. Er wusste nicht, was er getan hatte. Er wusste nicht, dass er Kameramann war. Sein bewusstes Leben war ausgelöscht.


Dabei ist die stellenweise kreative Kameraarbeit das Einzige, was man der „Kranzniederlegung“ zugute halten kann – Brynychs Handschrift war hier unverkennbar. Leider trifft das auch auf den Musikeinsatz zu, der ausgiebig und ohne Rücksicht auf Stimmung oder passende Einsätze erfolgt. Der Score von Frank Duval hat mich in dieser Episode richtiggehend genervt – gerade „Time for Lovers“ darf zu seinen lästigsten Ohrwürmern gezählt werden. Begleitet wird dieses Stück von einem Recycling von „Living for a Cry“ aus „Keine schöne Fahrt nach Rom“. Ich habe sicher schon an anderer Stelle geschrieben, dass eine solche Wiederverwendung als billige (und faule?) Sparmaßnahme negativ in die Bewertung einfließt.

Zu den Darstellern muss eigentlich nicht viel gesagt werden, denn bekannte Namen sind nicht darunter. Herbert Stass und Eduard Erne gehen voll in ihren zweifelhaften Aufgaben auf und gehen dem Zuschauer mit ihren verqueren Ansichten gehörig auf den Wecker. Während im Derrick-Forum bemängelt wird, dass Erne eine Synchronisation durch Michael Ande erhielt, muss ich sagen, dass mir das gar nicht aufgefallen ist. Zu ablenkend waren wohl die seltsam stechenden Augen, die Erne automatisch zu einem unangenehmen Zeitgenossen machen. Man fragt sich, wieso Jutta Kammann so überzeugt hinter ihrem Filmsohn steht, anstatt – wie Derrick es streckenweise wenigstens beabsichtigt – Tacheles zu reden. Gut, dass es Ernes einziger „Derrick“-Auftritt war!

Ein schlechter Aufguss in jeder Hinsicht: „Kranzniederlegung“ verspricht im Titel viel, rechtfertigt die Erwartungen auch kurz in einer schönen grünen Friedhofsszene, um im Anschluss in ein tristes Nichts zu versinken. Die Versuche, der Geschichte Esprit zu verleihen, wirken ebenso verzweifelt wie ihre Hauptfiguren. 1,5 von 5 Punkten und damit bis dato der schlechteste „Derrick“.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

21.04.2013 22:05
#576 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #575
Mit „Kranzniederlegung“ begann offenbar eine neue „Derrick“-Staffel, denn seit der Erstsendung von „Lange Nacht für Derrick“ waren beinah drei Monate ohne neue Münchner Krimis vergangen.

1985 war, wie auch schon 1983 und dann wieder 1989 ein Jahr, in dem die Freitagkrimis Sommerpause machten, der längere zeitliche Abstand zu "Lange Nacht ..." hat also vermutlich weniger mit einem Staffelwechsel zu tun. Tatsächlich begann allerdings Mitte der 1980er-Jahre ganz langsam dieser Wechsel bei "Derrick" in Richtung weniger Krimi und immer mehr pseudophilosophisches Gerede, "Kranzniederlegung" dürfte ein früher Vertreter dieser Gattung sein.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

22.04.2013 07:23
#577 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

@Jack_the_Ripper: Philosophiestunden sind noch nicht einmal per se schlecht: Die gibt es auch in einigen anderen Episoden. Es kommt nur immer ganz darauf an, von wem sie in welcher Absicht gehalten werden.



Derrick: Tod eines jungen Mädchens

Episode 133 der TV-Kriminalserie, BRD 1985. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Hans Korte (Robert Linder), Gustl Halenke (Agnes Linder), Claus Biederstaedt (Harald Linder), Pierre Franckh (Bertold Linder), Frank Nufer-Hessenland (Hans Glogau), Peter Kuiper (Albert Sussloff), Margot Mahler (Ilse Becker), Frithjof Vierock (Rudolf Dorsen) u.a. Erstsendung: 4. Oktober 1985, ZDF.

Zitat von Derrick: Tod eines jungen Mädchens
Ihre Kollegen wundern sich, dass Margot Glogau nicht pünktlich zum Dienst erscheint. Es ist nicht die Art der zuverlässigen Modeverkäuferin, zum Arbeitsbeginn zu spät zu kommen. Aufklärung gibt es erst, als in Erfahrung gebracht wird: Margot wird nie wieder pünktlich sein: Sie ist tot. Erschlagen liegt sie auf ihrem Bett – der Schlüssel zur Wohnung steckt von innen. Und ausgerechnet die Familie ihres Chefs verhält sich äußerst merkwürdig.


Wie auch hier im Forum befand sich das Interesse der „Derrick“-Fans zur Zeit der Erstsendungen auf einem großen Hoch: Gemeinsam mit „Gregs Trompete“ ging „Tod eines jungen Mädchens“ als erfolgreichste „Derrick“-Episode des Jahres mit einem Zuschauerrekord von 18,4 Millionen in die Seriengeschichte ein.

Zitat von Katrin Hampel: Das große Derrick-Buch, Henschel Verlag Berlin, 1995, S. 30
Der ZDF-Cheffahnder schlägt nicht nur die hausinterne Konkurrenz und das ARD-Spielfilmaufgebot, sondern am 4. Oktober 1985 sogar die Liveübertragung des Tennismatches Boris Becker gegen Michael Westphal. Becker gewann zwar das Match, verlor jedoch das Spiel um die Einschaltquoten und Marktanteile. 18,4 Millionen Krimifans suchten auf dem Mainzer Kanal mit Stephan und Harry, in der Folge 133, „Tod eines jungen Mädchens“, nach dem Mörder von Margot Glogau.


Die höchst amüsante und durchaus zweideutige Szene, in der Derrick und Harry den Verdächtigen gemeinsam darüber in Kenntnis setzen, dass regelmäßige Arbeitsbeziehungen mit einiger Wahrscheinlichkeit zu intimen Kontakten führen (Percy Lister observierte neulich, dass Derrick seinem Assistenten über die Wange strich – ich wollte es an dieser Stelle nur einmal erwähnt haben), gibt die Marschrichtung für die Ermittlungen in diesem Mordfall vor. Obwohl die ganze Geschichte um das Ende von Margot Glogau recht routiniert gezimmert wirkt und wahrscheinlich zu jenen Fällen zählen wird, die über kurz oder lang dem Gedächtnis entschwinden, entschädigt die luftige von Außenaufnahmen und vielen hellen Farbtönen dominierte Aufmachung für eventuelle inhaltliche Blässe. Man merkt eben, dass der Sommer durch jede Pore des Drehteams kroch.

Mit einem respektablen Cast bekommt man es zu tun, der mit vielen klanghaften Namen aufwartet und diese ganz nach alten Vorlieben einsetzt. Hans Korte gefällt sich in dieser Episode als verunsicherter Weichling; mit dem Umstand, in einen Mordfall verwickelt zu werden, ist er sichtlich überfordert. Das gilt ohne Frage auch für einen anderen „Derrick“-Charakterkopf: Pierre Frankch, von dem Claus Biederstaedt das Unmögliche verlangt: „Du musst einen völlig normalen Eindruck machen.“ Weit gefehlt! Natürlich starren auch diesmal die blauen Augen wieder entgeistert in die Kamera – das ganze Auftreten lässt an völliger Normalität beträchtliche Zweifel aufkommen. Es handelt sich um einen geschickten Kniff, Franckhs eigentümliche Art nicht als Selbstzweck in den Raum zu werfen, sondern mit ihr die Tätersuche über lange Zeit abzulenken und spannend zu halten. Dasselbe gilt auch für den diesmal mit glaubhafter Lustlosigkeit agierenden Peter Kuiper, der zunächst etwas zu verbergen hat, aber dann ausnahmsweise einmal entscheidende Hilfe bei der Überführung des Täters leistet.

Na gut, das tote Mädchen im Titel ist nicht eben ein Neuling im Programm. Dennoch werden düstere Erwartungen nicht erfüllt – der Fall Glogau stellt sich als verträgliche Middle-of-the-Road-Nummer mit hervorragenden Schauspielern und luftiger Kulisse heraus. Die Lösung liegt nah, man muss nur klug genug sein, sie zu ergreifen. 3,5 von 5 Punkten.

Georg Offline




Beiträge: 3.224

22.04.2013 16:46
#578 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #575
Der Score von Frank Duval hat mich in dieser Episode richtiggehend genervt – gerade „Time for Lovers“ darf zu seinen lästigsten Ohrwürmern gezählt werden. Begleitet wird dieses Stück von einem Recycling von „Living for a Cry“ aus „Keine schöne Fahrt nach Rom“. Ich habe sicher schon an anderer Stelle geschrieben, dass eine solche Wiederverwendung als billige (und faule?) Sparmaßnahme negativ in die Bewertung einfließt.

Dieser Song hat mich auch immer schon bei der Folge, die dank Herrn Brynych sowieso unerträglich ist, gestört. Übrigens hat Duval später dann immer häufiger die Begleitmusik aus seinem Archiv geholt, den tolle Titelsong "Face to the Wind" aus dem Dreiteiler "Wer erschoss Boro?" z. B. oder auch bei seinem allerletzten Ringelmann-Einsatz, #280: Mama Kaputtke: hier hören wir im Abspann nochmals "Angel of Mine".
Im Vergleich aber zu anderen Komponisten hält sich Duvals Recycling in Grenzen. Martin Böttcher beispielsweise hat seinen Titeltrack zu "Willi wird das Kind schon schaukeln" mit Heinz Erhardt bei nur jeder denkbaren Gelegenheit angebracht. Fast keine Krimiepisode - egal ob "Derrick", "Der Alte" oder auch "Sonderdezernat K1", wo das nicht zu hören ist.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

23.04.2013 09:55
#579 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Die Tänzerin

Episode 134 der TV-Kriminalserie, BRD 1985. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Heinz Bennent (Dr. Rohner), Ingrid Andree (Frau Rohner), Dietlinde Turban (Katrin May), Robert Wolfgang Jarczyk (Ralf Becker), Ruth Pistor (Frau Dr. Hofer), Dieter Eppler (Dr. Kerstrich), Toni Netzle (Frau Brack), Manfred Seipold (Studienrat Hammer) u.a. Erstsendung: 3. November 1985, ZDF.

Zitat von Derrick: Die Tänzerin
Mord im Mädcheninternat! In dunkler Nacht steht in einem der Schlafsäle plötzlich ein vermummter Pistolenschütze. Er zielt auf Katrin May, doch bevor er abfeuern kann, geht der aufmerksame Hausmeister auf den Eindringling los. Ein Schuss löst sich. Bei den Ermittlungen stoßen Stephan Derrick und Harry Klein auf eine ungewöhnliche Dreiecksbeziehung zwischen Katrin, einem Studenten und dem deutlich älteren Ehemann einer eifersüchtigen Tänzerin ...


Zbynek Brynych drückte in „Kranzniederlegung“ voll auf die expressive Tube, nahm sich in dieser folgenden Regiearbeit hingegen deutlich zurück. Hatte es einen Wink seitens der Produktion gegeben? Ungewöhnlich zahm kommt Episode 134 herüber – so, dass man sie eher Jürgen Goslar als dem böhmischen Bambulanten zuschreiben würde. In meinen Augen zerfällt „Die Tänzerin“ gerade auf inszenatorischer Ebene in zwei Teile. Der erste ist sehr gelungen, leider aber auch sehr kurz. Das nächtliche Mädcheninternat bietet den perfekten Einstieg in die Geschichte und verstrahlt eine unheimliche Aura, die von der Musik von Eberhard Schoener unterstrichen wird. Indem die Kamera durch dunkle Gänge pirscht und unheilschwangere Töne mitschwingen, kreiert Brynych ein klammes Schaudergefühl, das irgendwo zwischen Vohrer’schem Farbwallace und frühem Giallo angesiedelt ist. Nur allzu schnell verlässt die Geschichte jedoch die Gemäuer des altehrwürdigen Landsitzes, für den man zum Dreh für einige Tage in Schloss Isareck in Wang bei Moosburg aufschlug. Von da an kommt nicht mehr viel Beeindruckendes, auch wenn mit der Villa Rohner ein zweiter ehrwürdiger Schauplatz aufgetan wurde.

Das Problem ist, dass in diesen elegant ausstaffierten Räumen keine eleganten Personen leben, denn Heinz Bennent und Ingrid Andree sind ohne Unterbrechung damit beschäftigt, aufeinander herumzuhacken und sich das Leben schwer zu machen. Beide legen es darauf an, so viel Trouble wie möglich zu produzieren, um sich beim Gegenüber als die stärkere Hälfte zu profilieren. Dabei ist gerade die Bennent-Rolle als archetypischer Schwächling angelegt, der nicht sieht und sehen kann, wie hanebüchen sein zweiter Frühling auf jeden Außenstehenden wirken muss. Die Extänzerin Frau Rohner dagegen wird von Neid und Hass zerfressen – ihre Verbitterung hat von ihr völligen Besitz ergriffen und sie in ein Biest verwandelt, das mit Geringschätzung und Anschuldigungen geradezu um sich wirft. Da wundert sie sich noch, dass ihr Mann sie nicht (mehr) liebt? Merkwürdige Zustände!

Auch den Männergeschmack Katrin Mays kann man nur verwundert zur Kenntnis nehmen. Als patentes junges Mädchen müsste sie sich – vor allem in der Verkörperung durch die selbstbewusste Dietlinde Turban – nicht auf derlei Hallodris versteifen, denn auch der – ha! – Student Ralf Becker verströmt nicht gerade solide charakterliche Attribute. In diesem Punkt gilt es, Reineckers Vorstellung junger Menschen nachzuvollziehen, in der die Ursache für die Problematik unglücklicher Beziehungen verborgen liegt:

Zitat von Andreas Quetsch: Der Mensch und die Moral, in „Augenblick 30: Gesetz & Moral – Öffentlich-rechtliche Kommissare“, Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, 1999, S. 28
Die Figuren [...] eint, dass sie im Regelfall Studenten sind. Hintergrund für diese oder eine vergleichbare Einordnung (z.B. als Schüler) ist, dass das Leben der Figuren auch äußerlich noch nicht in festen, beispielsweise beruflichen Bahnen verläuft. Darin soll sich ein innerer Zustand spiegeln, denn im Alter von etwa zwanzig Jahren werden die jungen Menschen in einem Lebensabschnitt gezeigt, in dem sie scheinbar noch keine gefestigten Mitglieder der Gesellschaft sind. Sie haben an der Schwelle des Erwachsenwerdens Werte und Normen der Gesellschaft noch nicht so verinnerlicht, dass sie eine angepasste und zugleich gesicherte Rolle in ihr spielen können.


Kurzum: Sie sind einfach zu jung und sie wissen nicht, was sie tun.

Recht dröge „Unterhaltung“ mit latentem Zeigefingercharme. Eine über mehrere Stufen ausgebaute Eckbeziehung taugt immer wieder zu einem saftigen Mord, man hat die Konstellation aber schon mit tieferen und interessanteren Charakteren gesehen. So bleiben in erster Linie hübsche Drehorte in Erinnerung; der Rest fällt in die Kategorie Mittelmaß. 3 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

24.04.2013 13:25
#580 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Familie im Feuer

Episode 135 der TV-Kriminalserie, BRD 1985. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Beate Finckh (Anna Bohl), Ida Krottendorf (Thea Bohl), Henry van Lyck (Walter Bohl), Hans-Georg Panczak (Ulrich Bohl), Dirk Galuba (Franz Weiler), Alice Treff (Frau Weiler), Klaus Abramowsky (Erich Lesko), Andrea Rau u.a. Erstsendung: 13. Dezember 1985, ZDF.

Zitat von Derrick: Familie im Feuer
Anna Bohl muss zusehen, wie ihre Familie auseinanderdriftet. Vater und Bruder stecken in der Arbeitslosigkeit, die Mutter hat sich abgekehrt. Anna sitzt im Rollstuhl und kann auch nicht arbeiten. Wo ist der Ausweg? Vater Walter sieht ihn in einem bewaffneten Einbruch mit seinen Kumpanen Weiler und Lesko. Bevor es jedoch dazu kommen kann, wird Lesko erschossen.


Ziemlich lange dauert es, bis die Schüsse fallen und Derrick und Harry ins Spiel kommen; noch länger sogar, bis sie auf die Hauptverdächtigen, die Familie Bohl, treffen. Die Zeit bis zum Beginn der Ermittlungen wird in die detailversessene Studie einer zerfallenen Familie investiert. Henry van Lyck darf wieder einmal verbrecherischer Neigungen frönen, herrscht seine erwachsenen Kinder auch schonmal im Offizierston an. Die beiden finden ihre eigenen Wege, damit umzugehen: Beate Finckh zeigt Zeichen von Aufsessigkeit, wahrt jedoch stets die Grenze des Vernünftigen, auch wenn sie hin und wieder laut wird. Hans-Georg Panczak flüchtet sich unter seine Kopfhörer und bekommt von seiner Außenwelt nichts mehr mit – isoliert im Nichtstun, wo er doch eigentlich ein ganz netter Zeitgenosse ist. Und dann ist da die Mutter: Als einzige ist sie nicht vom Abstieg bedroht – sie hat ihre Arbeitsstelle und flüchtet aus dem Unglückshaus, das trist und grau den Hinterhof überschattet.

Die trostlosen Orte des Geschehens scheinen die Stimmung in „Familie im Feuer“ zu dominieren, doch im Endeffekt ist nichts so, wie es scheint. Es gibt nämlich durchaus noch Gründe, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken – Pech und Dummheiten können mit ein wenig Anstrengung wieder umgekehrt werden. Und so wird ein Mord zum Glücksfall für die Bohls, die danach gelöst und fröhlich agieren. Dass sie unter einem schweren Verdacht stehen, wird dabei fast zur Nebensache – ebenso wie überhaupt das Verbrechen in den Hintergrund rückt. Vor allem seine Auflösung wirkt weit hergeholt, als hätte man die betreffende Figur erst im Nachhinein in das Drehbuch hineingeschrieben. Aber immerhin: So blicken die Bohls besseren Zeiten entgegen, mag man zumindest hoffen.

Wie auch schon bei „Die Tänzerin“ erinnert nur wenig an die typische Handschrift Zbynek Brynychs. Lediglich die Verpflichtung von Ida Krottendorf darf als Hinweis auf den Mann hinter der Kamera durchgehen, ansonsten wurden Wüstheit und Unkonventionalität zeitweilig in der Wäscherei abgegeben. Bei Box 9 fällt jedoch im Allgemeinen ein Trend auf, der mich ein wenig beunruhigt: das Schrumpfen des Regie-Pools. Nur noch drei Regisseure wechseln sich mit ihren Inszenierungen ab, Haugks Gastauftritt geht als Ausnahme von der Regel durch. Ich bin zwar zu großen Teilen mit den Arbeiten von Brynych, Grädler und Goslar zufrieden (jeder konnte unter den letzten 15 Folgen Highlights für sich verbuchen), vemisse aber trotzdem die Vielfalt, die sich durch eine größere Varianz zwangsläufig ergibt.

„Familie im Feuer“ ist nicht die erste Folge in Box 9, auf die das Attribut „abgewrackt“ zutrifft. Das Verbrechen zeigt sich nach Reineckers Ansichten eben gern und häufig dort, wo Menschen mit ihrer Umgebung nicht zufrieden sind, aus Tristesse und Versagertum ausbrechen möchten. Sollte das Unterfangen diesmal tatsächlich gelingen? Der Lichtschimmer sowie gute schauspielerische Leistungen resultieren in 3,5 von 5 Punkten. – So, jetzt habe ich aber Appetit auf Spaghetti mit Fleischsoße!



Box 9 ist eine zwiespältige Angelegenheit, denn sie verfügt sowohl über eine mehr als passable Spitzengruppe als auch über ziemlich viel Durchschnittsware. Die guten Folgen sind dafür so gut wie selten: „Toter Goldfisch“ und „Lange Nacht für Derrick“ werden es sicher nicht schwer haben, meine persönliche „Derrick“-Top-10, vielleicht sogar Top-5 zu erklimmen. Gleichzeitig gibt es mit #132 den bislang übelsten „Derrick“ zu verzeichnen – Brynych mäht die Wiese eben ganz oder gar nicht. Der obligatorische Schlusssatz, dass ich mich auf die nächste Edition freue, stimmt mehr denn je, denn während manche Fälle die viel beschworene Wandlung zum Philosophiestudium für Anfänger bereits andeuten, sind Stephan und Harry auf ihrem absoluten Höhepunkt: abgerundete, vielschichtige Figuren mit Herz, Humor und Verstand.

Platz 01 | ★★★★★ | Folge 126 | Toter Goldfisch (Brynych)
Platz 02 | ★★★★★ | Folge 131 | Lange Nacht für Derrick (Haugk)
Platz 03 | ★★★★★ | Folge 121 | Der Klassenbeste (Grädler)
Platz 04 | ★★★★★ | Folge 130 | Schwester Hilde (Grädler)

Platz 05 | ★★★★☆ | Folge 129 | Ein unheimlicher Abgang (Goslar)
Platz 06 | ★★★★☆ | Folge 127 | Wer erschoss Asmy? (Goslar)

Platz 07 | ★★★★★ | Folge 124 | Gregs Trompete (Goslar)

Platz 08 | ★★★☆★ | Folge 133 | Tod eines jungen Mädchens (Grädler)
Platz 09 | ★★★☆★ | Folge 122 | Stellen Sie sich vor, man hat Dr. Prestel erschossen (Brynych)
Platz 10 | ★★★☆★ | Folge 135 | Familie im Feuer (Brynych)
Platz 11 | ★★★☆★ | Folge 125 | Raskos Kinder (Grädler)

Platz 12 | ★★★★★ | Folge 128 | Das tödliche Schweigen (Grädler)
Platz 13 | ★★★★★ | Folge 134 | Die Tänzerin (Brynych)
Platz 14 | ★★★★★ | Folge 123 | Der Mann aus Antibes (Goslar)

Platz 15 | ★☆★★★ | Folge 132 | Kranzniederlegung (Brynych)

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

25.04.2013 20:43
#581 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Kranzniederlegung" (Folge 132)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Herbert Stass, Eduard Erne, Jutta Kamman, Henry van Lyck, Klaus Rohrmoser, Willy Schäfer u.a. - Regie: Zbynek Brynych

Am Grabe seiner Freundin Stefanie schwört Heinz Lissner, die Mörder der Abiturientin zu bestrafen: Steffi starb an einer Überdosis Rauschgift, das ihr ein Student namens Alfons Köhler und der Juniorchef der Spedition Schycker verkauft haben. Die beiden Männer schweben laut Auskunft des Gerichtsreporters Trosse, der den jungen Mann auf dem Friedhof angesprochen hat, in Lebensgefahr. Derrick ist es gar nicht recht, einen Mörder in spe auf dem Silbertablett serviert zu bekommen, doch bald schon meldet man ihm: Alfons Köhler wurde mit mehreren Schüssen niedergestreckt ...

Der Titel lässt einen offiziellen Rahmen vermuten, einen bedeutungsschweren Akt der Ehrerbietung und des Respekts vor einem Toten, der im Dienste der Allgemeinheit Großes geleistet hat. Dann stehen wir jedoch am Grab einer Schülerin, deren Trauergemeinde überschaubar ist. Selbst vom Kranz ist nur die Schleife zu sehen, man hat an allem gespart, was einer Beerdigung Grandezza verleiht. Stefanie starb an den Folgen ihrer Sucht; ihr Tod wird von ihrem Freund beklagt und ruft das Interesse eines Reporters hervor, der seine große Zeit längst hinter sich hat und nun nach jedem Strohhalm greift. Herbert Stass, eine Mischung aus Carl-Heinz Schroth und Friedrich Joloff, geistert wie der leidige Tod durchs Szenario und heftet sich an die Fersen des Oberinspektors. Trosse spricht ein Urteil, bevor es überhaupt einen Mord gegeben hat, er sieht sich als Ankläger, Richter und Vollstrecker. Der "böse Bube" hingegen bleibt blass und wirkt durch die Synchronisation (die offenbar wegen eines starken Akzents erfolgte) nicht nur in seinen Handlungen, sondern auch in seiner Sprache fremdbestimmt. Begleitet von Frank Duvals "Time for Lovers" stromert er durch einschlägige Lokale, bleibt dem Unterricht fern und verfolgt die Spur bis in eine zwielichte Speditionsfirma. Erinnerungen an "Keine schöne Fahrt nach Rom" (Folge 114) werden wach, doch selbst eine Neuauflage von "Living like a Cry" täuscht nicht darüber hinweg, dass man Thomas Schücke schmerzlich vermisst. Eduard Ernes Rachefeldzug ist weitaus weniger überzeugend, auch, wenn die Szenen im Parkhaus recht eindrucksvoll wirken. Über allem liegt jedoch die Philosophie des Reporters, der Derrick seine Weltanschauung in recht aufdringlicher Weise nahe bringt. Selbstinszenierung ist ein wichtiger Faktor - die noble Opfergeste am Ende soll für einen Augenblick vom wahren Sachverhalt ablenken, doch ein erfahrener Ermittler wie Derrick ist nicht so leicht aufs Kreuz zu legen. Hier blitzt für einen Moment der schwarze Humor des Regisseurs auf, der die bittere Geschichte wegen des ernsten Themas nicht so flockig inszenieren konnte, wie wir es sonst von ihm gewohnt sind. Einzig Karl Renar und Klaus Rohrmoser sorgen als giftiges Vater-Sohn-Gespann im "Bonnie und Clyde"-Showdown für zünftigen Realismus abseits großer Reden.

Oscar Wildes Worte aus seiner "Ballad of Reading Gaol" passen auch zur Einstellung von Reporter Trosse:

And alien tears will fill for him pity's long-broken urn
for his mourners will be outcast men and outcasts always mourn.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

25.04.2013 21:15
#582 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Tod eines jungen Mädchens" (Folge 133)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Pierre Franckh, Hans Korte, Gustl Halenke, Claus Biederstaedt, Peter Kuiper, Margot Mahler, Frithjof Vierock, Frank Nufer-Hessenland, Carolina Brandes, Wolfried Lier u.a. - Regie: Theodor Grädler

Das Radio läuft, nichts deutet auf ein Verbrechen hin und doch liegt die Modeverkäuferin Margot Glogau tot auf ihrem Bett. Nur eine Wunde am Hinterkopf verrät, dass die tüchtige Angestellte ermordet worden ist. Die seltsame Reaktion ihres Arbeitgebers spricht für ein besonderes Verhältnis der Familie Linder zu Frau Glogau. Der Sohn des Hauses traf sich des öfteren mit Margot, streitet jedoch eine Freundschaft ab. Welche Rolle spielt sein Onkel in dem Fall und was weiß der wortkarge Nachbar der Glogau, der plötzlich über eine große Geldsumme verfügt?

Der Episodentitel bedient wieder einmal das Klischee des unbedarften, schutzbedürftigen Mädchens, obwohl wir es mit einer 23jährigen Frau zu tun haben, die es in ihrem Beruf weit gebracht hat und für den Betrieb unentbehrlich geworden ist. Doch offenbar war in Reineckers Augen jedes weibliche Wesen nur eine halbe Person, solange sie nicht den sicheren Hafen der Ehe angesteuert hatte, der ihr allein den Status einer vollwertigen Persönlichkeit zugestand - und sei es auch nur durch die Anwesenheit eines Mannes wie Pierre Franckh. Die Tatsache, dass unverheiratete Frauen Mitte der Achtziger Jahre immer noch mit "Fräulein" angesprochen werden, spricht Bände. Die Lächerlichkeit der Verbindung zwischen Linder junior und Margot Glogau sorgt diesmal nicht nur für das sonst übliche Augenrollen, wenn der ewige Sonderling auf der Bildfläche erscheint, sondern regelrecht für ärgerliche Anwandlungen. Die selbstbewusste Frau wird zunächst mit Franckh verkuppelt und wenn der Zuseher dies dem Drehbuch nicht abnimmt, kurzerhand als Verführerin abgestempelt, in deren Gegenwart alle Männer die Selbstbeherrschung verlieren und freundliche Aufmerksamkeit als Aufforderung zu Intimitäten missverstehen. Bei so viel hanebüchenen Ausflüchten schüttelt man automatisch den Kopf und freut sich zunächst, als der jüngere Bruder des Mordopfers nach München kommt. Der junge Mann macht einen "normalen" Eindruck, was bei "Derrick" nicht immer selbstverständlich ist. Meistens tragen sich die jungen Erwachsenen mit wüsten Rachegedanken oder stehen selbst mit einem Bein im kriminellen Milieu. Man nimmt mit Wohlwollen zur Kenntnis, dass der fleißige Bursche seinem Meister Freude macht und sich auch sonst nicht mit Rauchen, Trinken und Sumpfen aufhält. Die Pointe folgt natürlich auf dem Fuße in den letzten Minuten der Episode. Der ordnende Geist ist wie immer Hans Korte, der sich nicht nur mit den nervösen Zuckungen seines Sohnes, sondern auch mit dem unbeherrschten Temperament seines Brudes herumschlagen muss.

Aus dem Schauspieler-Metier hat sich Hans Korte nach eigener Aussage mittlerweile zurückgezogen: "Ich hatte keinen Spaß mehr an meinem Beruf. Als ich feststellte, dass sich das ganze Gewerbe verändert hat, ging auch mit mir eine Veränderung vor. Die Hektik und die Oberflächlichkeit, die plötzlich am Set herrschten, waren nicht mehr meine Welt." (aus: "Das neue Blatt", Nr. 17/2013)

TV-1967 Offline



Beiträge: 590

28.04.2013 12:44
#583 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Weiß jemand was mit dem "DERRICK"-Forum passiert ist? Es ist nicht mehr existent!

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

28.04.2013 12:50
#584 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Der Anbieter scheint ein technisches Problem zu haben. Alle Foren, die bei Razyboards gehostet werden, sind aktuell offline, z.B. auch das Sherlock-Holmes-Forum und gar der offizielle Support. Auch wenn Razyboards technisch so ziemlich die allerletzte Wahl ist, traue ich den Technikern zu, das Problem bald behoben zu haben.

TV-1967 Offline



Beiträge: 590

28.04.2013 13:40
#585 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Aha. Danke für die Info!

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