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Dieses Thema hat 976 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

30.03.2013 16:20
#556 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Toter Goldfisch

Episode 126 der TV-Kriminalserie, BRD 1985. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Elisabeth Wiedemann (Julia Stettner), Paul Hoffmann (Wolfgang Scholz), Thomas Astan (Ingo Stettner), Hans Georg Panczak (Roland Marks), Gerd Böckmann (Andreas Hessler), Robert Naegele (Lapper), Herbert Tiede (Schumann), Jutta Kästel (Helga) u.a. Erstsendung: 22. März 1985, ZDF.

Zitat von Derrick: Toter Goldfisch
Eine Frau hat sich aufgehängt. Sie war von einem sehr viel jüngeren Gigolo um ihr Vermögen betrogen worden. Der fragliche Roland Marks hat aber gar nicht vor, aufzuhören: Julia Stettner soll die nächste Frau sein, die er umgarnt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine ambivalente Beziehung, die zwischen kalter Berechnung und echter Zuneigung schwankt. Doch schlagartig ist alles aus: Marks’ Komplize Hessler wird erschossen!


Dieser „Derrick“ ist ein Unikat! In seiner einzigartigen Mischung aus Komödie, Liebesfilm, Drama und Krimi macht der „tote Goldfisch“ niemandem etwas vor: Hier haben wir es mit einem ganz starken Serienbeitrag zu tun. Die Handlung spielt zu großen Teilen abseits des üblichen Krimiparketts, wird aber durch ständige Sprünge ins Büro Derrick so klug gestaltet, dass man immer vor Augen gehalten bekommt, was da eigentlich gerade über den Bildschirm läuft. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf der unkonventionellen Beziehung zwischen Hans Georg Panczak und Elisabeth Wiedemann, die in amüsanten und anrührenden Bildern erzählt wird – immer mit einer Prise Humor, die vor Kitsch und Banalität bewahrt. Zbynek Brynych tobt sich aus, überspannt gleichsam aber den Bogen zu keiner Zeit. In seinen vielen Ringelmann-Jahren hat er gelernt, wie es besser geht als noch zu Anfang. Es bleiben dick aufgetragene Schauspielerführung, die Lachanfälle, die Musik, die kreativen Regiemomente; es verschwinden Absurdität und trashiger Schmutz. „Toter Goldfisch“, auch wenn es eine Folge ist, die mich unzählige Male zum lauten Lachen gebracht hat, bleibt stets und ständig auf dem Teppich.

Ebenso Derrick, was mich verwundert. Immer wenn es um Heiratsschwindler und Gigolos geht, sollten die Seiten von Gut und Böse eigentlich klar definiert sein, siehe Evergreen „Madeira“. Hier ist das anders: Roland Marks und sein Freund Andreas Hessler bekommen nette, freundliche, freundschaftliche und mitfühlende Seiten anheim gestellt, während der Oberinspektor, das übliche Reinecker-Mantra von Moralität und Gutmenschentum durchbrechend, einmal als kalter Fisch agieren darf. Das geht trotzdem auf, weil Horst Tappert seine ungewohnte Position mit so viel Realitätssinn und auch Augenzwinkern zum Besten gibt, dass ihm selbst derjenige, der Reineckers Fürsorglichkeits-Philosophie geschluckt hat, nicht böse sein kann. Das übliche Harmoniebedürfnis wird auf den Polizeikollegen Lapper abgewälzt, dessen Depressivität dem Zuschauer einige Schadenfreude bereitet und sich für Serienverhältnisse ebenso ungewöhnlich ausnimmt wie die klare schwule Schlagseite der beiden WG-Bewohner.

Möchte man den „toten Goldfisch“ all dem zum Trotz mit ganz normalen Maßstäben messen, so bleibt selbst dieses Unterfangen ausgesprochen erfolgreich. Die Ermittlungen Derricks führen zwei Parallelhandlungen geschickt zusammen; es tauchen verschiedene Szenen mit hohem Spannungsgehalt auf, darunter die – man verzeihe mir den bairischen Ausdruck – sauspannende Guckloch-Szene, die Passage in der Autowäsche oder die Slowmotion vor der nächtlichen Stettner-Villa. Auf die Vielzahl der Verdächtigen kann ich kaum flächendeckend eingehen: Es bieten sich Paul Hoffmann, Thomas Astan und Jutta Kästel als Vertreter der Gutbürgerlichkeit, Herbert Tiede als Rachekauz und Robert Naegele mit der passenden Waffe an. Alle liefern sehr überzeugende Auftritte ab, was sie jedoch nicht aus der zweiten Reihe hinter den unglaublich famosen Panczak und Wiedemann hervortreten lässt. Auch Frank Duval, nach längerer Pause wieder eine nette Abwechslung, legte sich mächtig ins Zeug und schrieb das Lied „It Was Love“, das Romantik und Melancholie stimmig vereint.

Gut, habe ich etwas ausgelassen? Ja, so gut wie alles! „Toter Goldfisch“ ist eine unendliche Fundgrube für jeden „Derrick“-Fan, der kein 08/15-Muster erwartet. Hier, so spürt man, ging es nicht um nur eine weitere Folge, sondern um die Wiederauffrischung des ganzen „Derrick“-Mythos.

125 Folgen lang hatte ich mich darauf eingestellt, dass „Waldweg“ für alle Zeiten meine liebste „Derrick“-Folge bleiben würde. Und da kommt völlig unerwartet eine 126. Episode des Wegs und wirft alle Konzepte über den Haufen. 5 von 5 Punkten, denn das ist mutig und genial zugleich!

Georg Offline




Beiträge: 3.224

30.03.2013 17:54
#557 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Wer sich den animierten Derrick mit der Originalstimme von Horst Tappert mal antun will: heute nach bekommt man Gelegenheit dazu. Um 4.25 zeigt das ZDF den 2004 entstandenen Trickfilm Derrick - Die Pflicht ruft!.

Giacco Offline



Beiträge: 2.293

30.03.2013 21:05
#558 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Gubanovs gute Beurteilung von "Toter Goldfisch" hat mich dazu veranlasst, mir die Folge auch mal anzuschauen. Brynych als Regisseur liegt mir im allgemeinen gar nicht, aber hier hat er wirklich erstaunlich gute Arbeit geleistet. Auch Derrick, sonst eher etwas moralinsauer, zeigt sich diesmal mal von einer anderen Seite, was ihn sehr sympathisch macht.
Dass nicht - zumindest im ersten Teil - ein Mordfall im Mittelpunkt steht, sondern die etwas aus dem Rahmen fallende Beziehungsgeschichte, gehört ebenfalls zu den Pluspunkten des Films. Das intensive Spiel von Elisabeth Wiedemann und Hans Georg Panczak ist großartig und trägt mit dazu bei, dass diese rundum gelungene und emotional packende Derrick-Folge zu den Highlights der Reihe gehört.
Wobei ich gerade merke, dass Gubanov eigentlich schon alles gesagt hat. Von mir zwar keine 5 aber immerhin 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

31.03.2013 13:42
#559 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Vielen Dank, @Giacco! Mich freut es ganz besonders, zu lesen, dass ich jemanden dazu bewegen konnte, sich die Folge anzusehen und dann auch so ein positives Fazit abzugeben. Ich hätte es kaum für möglich gehalten, dass ich zum Botschafter Brynychs werden würde.

Ein interessanter Punkt, der in meiner Besprechung zum "toten Goldfisch" leider unter den Tisch fallen musste, ist noch die diskussionswürdige Bedeutung des Titels. Auf den ersten Blick scheint er ja nichts mit der Handlung zu tun zu haben. Es hat sich aber die Ansicht eingebürgert, dass er auf die alte Dame anspielt, die sich umgebracht hat.

Giacco Offline



Beiträge: 2.293

31.03.2013 15:25
#560 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #559
Es hat sich aber die Ansicht eingebürgert, dass er auf die alte Dame anspielt, die sich umgebracht hat.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es so gemeint ist. Eine andere Auslegungsmöglichkeit erschließt sich mir nicht.

Ich lasse mich übrigens des öfteren durch Besprechungen hier im Forum dazu hinreißen, mir gewisse Sachen anzuschauen, um mir ein eigenes Urteil bilden zu können.

Georg Offline




Beiträge: 3.224

31.03.2013 15:44
#561 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Als ich diese Folge das allererste Mal sah, habe ich den Titel auch nicht verstanden. Erst beim Wiedersehen habe ich mir auch gedacht, dass das Bezug auf die alte Dame nimmt.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

31.03.2013 20:42
#562 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Ich muss meine "Derrick"-Chronologie aus zwei Gründen ein wenig durcheinanderbringen: Erstens, weil ich für den Serienausstand von Volker Eckstein ("Raskos Kinder") unbedingt Hintergrundinformationen aus dem Karin-Baal-Buch benötige (das @Gubanov aber derzeit nicht zur Hand hat und mir deshalb auch keine Zitate per PM schicken kann) und zweitens, weil "Toter Goldfisch" hier derzeit so angesagt ist:

BEWERTET: "Toter Goldfisch" (Folge 126)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Elisabeth Wiedemann, Hans Georg Panczak, Thomas Astan, Gerd Böckmann, Paul Hoffmann, Herbert Tiede, Robert Naegele, Jutta Kästel u.a. - Regie: Zbynek Brynych

Derrick soll sich um den Fall einer Selbstmörderin kümmern, die sich nach zweimonatiger Beziehung zu einem Studenten namens Roland Marks das Leben genommen hat. Der junge Mann hatte ihr den Hof gemacht, um soviel Geld als möglich von ihr zu erhalten. Als Derrick eines Abends an einen Mordschauplatz gerufen wird, begegnet er dem Namen Marks erneut: Bei dem Toten handelt es sich um den Freund des besagten Studenten. Er wurde durch die Tür erschossen, da der Täter davon überzeugt war, dass Marks durch den Spion sah ...

Die ersten Minuten der Folge deuten auf eine klassische Brynych-Konstellation hin: Derrick und Klein beim fröhlichen Lachen in der Polizeikantine; zwei junge Männer zwischen überschwenglichem Zorn und neuer List und ein Kriminalbeamter mit schwachem Nervenkostüm.
Erst nach und nach kommt es zur "Entblätterung der Zwiebel", die allen Beteiligten Kummer und Schmerz bereitet. Zunächst sorgt Hans Georg Panczak dafür, dass Elisabeth Wiedemann aus sich herausgeht und das Leben von einer neuen, wenn auch banalen Seite kennenlernt. Einfache Fertiggerichte, Tanz zu elektronischen Klängen und Spazierfahrten ins Grüne lassen die Frau Gefühle erleben, die sie längst aus ihrem Alltag verbannt hat, sei es aus Tradition, Vernunft oder Pflichtbewusstsein. Vielleicht hat sie aber auch ihr Verstand gewarnt, dass ein alleinstehender Mensch mit Vermögen - sei es nun Mann oder Frau - immer gefährdet ist, Berechnung mit Empfindungen zu verwechseln. Wo sich viele ältere Männer keine Illusionen machen und ganz einfach akzeptieren, dass die junge Frau an ihrer Seite sich nur wegen ihres Geldes mit ihnen abgibt, da zeigen viele Frauen noch zuwenig Pragmatik und sind enttäuscht, wenn sich der Liebende als Mogelpackung entpuppt.
Hans Georg Panczak und Elisabeth Wiedemann sind ein formidables Paar und jeder spielt seine (Doppel)Rolle glänzend, sei es im vertrauten, aber nicht unbedingt trauten Kreis der eigenen vier Wände, als auch in der Öffentlichkeit, wo sich der jeweils andere auch optisch seinem Gegenüber anpasst. Gerd Böckmann fungiert als Fidibus, der die Flamme der Begeisterung und des Engagements bei Panczak anfacht und wird nach vollbrachter Arbeit entsorgt. Sein Tod bringt bei seinem Freund Emotionen zum Vorschein, die dieser sich lieber verkniffen hätte und nicht nur seine Gewinnabsichten, sondern auch seine Freundschaft mit Julia Stettner zunichte machen. Wie es sich bei einem echten Reinecker gehört, darf der Racheengel nicht fehlen; Herbert Tiede gibt ihn mit Feuer, spuckt Gift und Galle und ist nicht minder empört als die Herren Astan und Hoffmann, deren Gespür für Anstand und Würde durch die unstandesgemäße Beziehung Wiedemanns verletzt wird.
Während sich Oberinspektor Derrick im Laufe der Jahre die Fähigkeit, berufliche Pflicht und persönliche Anteilnahme zu trennen, erhalten hat, zeigt die Episode, wie ein weniger gefestigter Kollege an seiner Arbeit zerbricht. Sie hat ihn krank gemacht, die eng gesteckten Grenzen seiner Dienstzeit verlassen und sich in seinem Privatleben eingenistet. Wie immer spricht die Musik Bände, untermalt die Handlung und weist auf das unvermeidliche Ende hin: Brynych ist nun endgültig zum Meister der leisen Töne avanciert und zeigt, dass er bei allem Sinn für das Exzentrische auch gesellschaftskritisch am Lack kratzen kann, ohne dass es schrille Laute gibt.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

14.04.2013 15:29
#563 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Raskos Kinder" (Folge 125)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Volker Eckstein, Anja Jaenicke, Peter Kuiper, Peter Ehrlich, Lisa Kreuzer, Andreas Seyferth u.a. - Regie: Theodor Grädler

Alwin Docker betreibt ein Motel in Pullach. Der vorbestrafte Mann lässt seine Partnerin und einen Angestellten das Tagesgeschäft übernehmen, während er sich lieber auf bewährte Weise einen unsauberen Groschen dazuverdient. Als Anja und Michael Rasko, die Kinder eines Geldboten, auf ihn zukommen, überlegt er nur kurz. Doch der geplante Überfall auf den Familienvater endet mit einem Messerstich in Raskos Herz....

Die größten Abgründe tun sich laut Herbert Reinecker in den Familien auf. Wenn Alt und Jung auf engstem Raum zusammenleben (müssen), prallen unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander und sorgen für Sprengstoff. Wo im einen Haushalt gesoffen und geprügelt wird, schmiedet man im anderen Pläne, dem "Alten" auf verbrecherische Weise zu zeigen, was eine Harke ist. Den eigenen Vater zu überfallen und zu berauben, kommt in dieser Art jedoch selten vor. Wer, wenn nicht ein notorischer Krimineller wie Peter Kuiper, könnte den zaghaften Kindern hier hilfreich zur Seite stehen? Müde ist er geworden und man fragt sich, ob dies an den Gefängnisaufenthalten liegt oder an seinem Wunsch, sich abseits der geschäftigen bayerischen Landeshauptstadt ein ruhiges Plätzchen zu schaffen, an dem er bequem leben kann, ohne sich besonders anzustrengen. Lisa Kreuzer und Andreas Seyferth sind die "Menschen im Motel", deren ungeschickte Umarmungen wenig glaubhaft wirken. Als Paar spielen sie neben Eckstein und Jaenicke nur die zweite Geige, weshalb ihrer Beziehung wenig Platz eingeräumt wird und ihre Beweggründe verschwommen wirken. Zu sehr stehen die Kinder des Mordopfers im Fokus der Geschichte, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit vermitteln soll, damit jedoch wenig Erfolg hat. Arbeitslosigkeit schändet nur im Falle bewusster Arbeitsscheu - und Lebenskünstler sind Eckstein und Jaenicke im Gegensatz zum jungen Bennent in Folge 127 nicht.

Übrigens markiert "Raskos Kinder" das Ende der "Derrick"-Laufbahn des Mannes, dessen Todestag sich vor wenigen Wochen zum zwanzigsten Mal jährte: Volker Eckstein. Er wirkte insgesamt zehn Mal in der wohl berühmtesten deutschen Kriminalserie mit, tanzte mit der überdrehten "Yellow He", umgarnte schmierig Michaela May in "Anschlag auf Bruno", gab oft genug den Verdächtigen und Kleinkriminellen und wandelte sich mit kurzem Haar in "Der Kanal" zu einem Mann, dem man zuhörte und der Bemerkenswertes sagte, als andere nur Platitüden von sich gaben: "Bin ich denn so großartig?"

Karin Baal schildert in ihrem Buch "Ungezähmt - Mein Leben" (Südwest Verlag, München 2012) auf acht Seiten Leidensgeschichte, Tod und Bestattung ihres dritten Ehemanns, der im Frühjahr 1993 an Hautkrebs starb: "Volker hat immer zu mir gesagt, dass er eine Seebestattung möchte. Daher gibt es in Berlin nur eine Trauerfeier ohne Beisetzung. [...] Ein paar Tage später mache ich mich auf den Weg an die Nordsee, um meinen Mann zu bestatten. [...] An Bord sind nur der Käpt'n und seine Frau, die Urne mit Volkers Asche und ich. Das Wetter ist trübe und die See sehr bewegt..." (S. 203-207)

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

14.04.2013 20:59
#564 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Wer erschoss Asmy?" (Folge 127)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Anne Bennent, David Bennent, Constanze Engelbrecht, Inge Birkmann, Fritz Strassner, Enzi Fuchs, Werner Asam, Jürgen Emanuel u.a. - Regie: Jürgen Goslar

Bei strömendem Regen laufen Robert Asmy und seine junge Freundin Ernie Weik in die hauseigene Sauna im Garten. Während das Personal mit dem Essen wartet, zerreißen zwei Schüsse das monotone Rauschen des Unwetters. Völlig aufgelöst berichtet Ernie Weik, dass jemand Robert getötet habe und dann über die Mauer geflüchtet sei. Die Schusswaffe wird bald im Gebüsch gefunden und weist auf einen Automechaniker hin, der mit Ernie befreundet war - aber ist er auch der Täter?

Die gediegene Atmosphäre, die im Hause des vermögenden Kosmetikerben Robert Asmy vorherrscht, unterstreicht, dass es in dieser Folge nicht um die Extravaganzen eines Mannes geht, der Frauen wechselt wie andere die Hemden, sondern um die Auswirkungen seines Lebensstils auf Menschen, die umständehalber damit in Berührung kommen. Wir sehen einen gebeugten Fritz Strassner, der zusammen mit Enzi Fuchs für das traditionelle Bayerische steht; "dem Herrgott den Tag stehlen" liegt nicht in ihrer Auffassung. Inge Birkmann, im Abspann treffend als Madame bezeichnet, verkörpert das klassisch-teure, aber unauffällige Element, grelle Effekte sind nicht ihre Sache. Ihren ersten "Derrick"-Auftritt absolviert Constanze Engelbrecht, deren elegante Schönheit an Grace Kelly erinnert und die von der Kamera liebevoll eingefangen wird. Es bleibt dem Zuseher überlassen, die Unwahrscheinlichkeit zu beurteilen, dass ein oberflächlicher Tagträumer die statuenhafte Blondine gegen die wuschelige Waldfee eintauscht. Apropos: Waldschrat Asam sorgt beim durch das gedämpfte Ambiente friedlich eingelullten Zuschauer für ein nervöses Augenrollen, was jedoch nichts an der Treffsicherheit ändert, mit der er seine Rolle ausfüllt. Den Kern der Geschichte bildet jedoch ein anderer Mann: David Bennent. Der 1966 in Lausanne geborene Darsteller überzeugt mit einer positiven Präsenz, die seiner Figur Eigenschaften verleiht, die im allgemeinen nicht mit einem arbeitslosen jungen Mann in Verbindung gebracht werden - jedenfalls nicht in den Büchern von Herbert Reinecker: Fleiß, Optimismus, Fürsorge und Anpassungsfähigkeit. Er klagt nicht über den Verlust des Arbeitsplatzes, sondern macht das Beste aus der Situation, kümmert sich um den Haushalt und hilft dort mit, wo man eine schnelle und geschickte Hand benötigt. Man sieht Derrick seine Sympathie für den Burschen deutlich an, was sich in einer Parteinahme äußert, die selbst Harry verwundert.

"Ein enttäuschter Idealist, der trotz aller Gegenbeispiele weiter an das Humane im Menschen glaubt, wird zum Melancholiker, und das ist Derrick: Immer von einer Aura leichter Resignation umgeben. Wenn er einen Fall gelöst hat, ist dem Recht, den Forderungen der Gesellschaft genüge getan. Die Welt aber bleibt unverändert, es wird weiter gemordet. Die Einsicht in die Fruchtlosigkeit seines Tuns ist in Derricks Verhalten, seinem Blick, seiner Stimme oft zu spüren." (Horst Tappert: Derrick und ich - Meine zwei Leben, Wilhelm Heyne Verlag, 1998, S. 173)

Die polyglotte Schauspielerfamilie Bennent bot David als Kind und Jugendlicher nicht nur Schutz und einen kulturell vielseitigen Hafen, sondern formte seine Fähigkeit, sich auf eine bestimmte Situation mit Haut und Haaren zu konzentrieren und dann wie ein fahrender Künstler weiterzuziehen - an einen neuen Ort, zu einer neuen Aufgabe und immer im Dienste der schöngeistigen Literatur. "Wer erschoss Asmy?" gibt auch dem Publikum fernab der Theater die Möglichkeit, das Talent des Mimen zu bewundern.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

14.04.2013 21:43
#565 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Das tödliche Schweigen" (Folge 128)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Irina Wanka, Jacques Breuer, Ernst Fritz Fürbringer, Henry van Lyck, Hans Helmut Dickow, Arthur Brauss, Ilse Neubauer u.a. - Regie: Theodor Grädler

Wieder einmal ein ruinierter Feierabend für Oberinspektor Derrick und seinen Kollegen Klein: Die ehemalige Sekretärin einer Chemiefabrik bittet ihn telefonisch um Hilfe. Sie werde verfolgt und verspüre Todesangst. Als die beiden Beamten in ihrer Wohnung eintreffen, finden sie dort den ziemlich vorlauten Udo Hassler vor, den Freund von Helga Södern. Er behauptet, seine Freundin sei ein wenig überspannt und habe eine Situation falsch eingeschätzt. Am nächsten Morgen wird Derrick zu einem Tatort gerufen: Maria Simka, eine gute Bekannte und ehemalige Arbeitskollegin von Helga Södern, wurde in ihrer Wohnung erwürgt.....

Ist es nun Mord oder doch ein simpler Herzinfarkt? Nicht einmal darüber sind sich Derrick und Co. einig, während der Fall untersucht wird, Zeugen befragt und Orte von Bedeutung aufgesucht werden. Kalt ist es, bitterkalt und über die Gründe für ein mögliches Verbrechen herrscht Unklarheit. Das titelgebende Schweigen wird von einem nervtötenden Jacques Breuer permanent unterbrochen, einem Darsteller, der in der einen Folge zu begeistern versteht ("Der Täter schickte Blumen") und in der nächsten schon wieder für Unmut sorgt. Nicht nur Derrick kann kaum an sich halten und wünscht sich seine Impulsivität der ersten Staffel zurück, als er einen notorischen Lügner mal eben an die Wand oder wahlweise in einen Tümpel werfen konnte. Irina Wanka darf wiederum ihr Repertoire der geheimnisvollen Gazelle abspulen, die von Wölfen und anderem Gesindel umgeben ist. Ich warte schon gespannt auf einen "Derrick"-Auftritt, in dem sie endlich die Fesseln der Einschränkung zerreißen und eine starke Frau spielen darf. In ungewohnter Rolle als Familienvater ist Arthur Brauss zu sehen, während Ernst Fritz Fürbringers Schwerhörigkeit wohl nicht nur gespielt ist. Seine Verwirrung und das Unverständnis, mit denen er den Machenschaften im Chemiewerk begegnet, stehen für die Überforderung des Durchschnittsbürgers, der sich erstmals mit krummen Geschäften, die ganz alltäglich nebenan ablaufen, konfrontiert sieht. Insgesamt führt die Geheimniskrämerei dazu, dass das Drehbuch als halbherzig empfunden wird, was besonders in den Ausreden deutlich wird, die am Ende für das Unglück herangezogen werden. Man fragt sich, wie "naiv" eine Stadtverwaltung ist, die nicht selbst kombiniert, dass dort wo gehobelt wurde, auch Späne gefallen sind. Oder wollte Reinecker den braven Verwaltern in den Gemeindestuben etwa unterstellen, wissentlich die Gesundheit seiner Bürger aufs Spiel zu setzen? Die Verquickung von Politik und Verbrechen war immer schon ein brisantes Thema, wird aber von Grädler nicht weiter verfolgt - seine Aufgabe ist es, eine solide Krimi-Episode zu inszenieren; im vorliegenden Fall ist es ihm nur mäßig gelungen.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

14.04.2013 21:52
#566 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Wer erschoss Asmy?

Episode 127 der TV-Kriminalserie, BRD 1985. Regie: Jürgen Goslar. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Anne Bennent (Erni Weik), David Bennent (Heinz Weik), Inge Birkmann (Madame Asmy), Constanze Engelbrecht (Helene Asmy), Jürgen Emanuel (Robert Asmy), Enzi Fuchs (Herta Stemmer), Fritz Strassner (Johann Bracke), Werner Asam (Benno Schliers) u.a. Erstsendung: 19. April 1985, ZDF.

Zitat von Derrick: Wer erschoss Asmy?
Schüsse im Garten der Villa Asmy: Der junge Hausherr musste ins Gras beißen. Zeugin des Mordes ist seine Geliebte Erni Weik, die unter Schock steht und von Asmys Mutter in Asyl genommen wird. Um sie scheint sich die alte Dame mehr Sorgen zu machen als um den Tod ihres Sohnes, der bei den meisten Leuten nicht sonderlich beliebt war. Fast jeder, der den Hallodri kannte, hatte einen guten Grund, auf ihn anzulegen ...


Bevor man in die Welt der ZDF-Abendkrimis einsteigt, muss man aus purem Menschenverstand gewisse Zweifel hegen. Nur ein Autor, der über 30 Jahre hinweg zwei Serien ganz allein stemmte und 378 Drehbücher für sie schrieb, erregt verständlicherweise Misstrauen. Doch wenn es einer Person gelingt, den gesunden Menschenverstand eines Besseren zu belehren, dann ist das Herbert Reinecker! Gewiss, man erkennt von Zeit zu Zeit wiederaufgegriffene Inspirationen, bestimmte Lieblingsthemen und Figuren, die unter anderen Namen mehrfach ihre obligatorischen Auftritte absolvieren. Dennoch muss man sich vor der Vielfalt und dem Ideenreichtum des gebürtigen Westfalen verneigen, denn allein schon bei der Betrachtung der 126. und 127. „Derrick“-Folge fallen derart unterschiedliche Herangehensweisen auf, dass man sich fragt, ob hier wirklich ein und derselbe Autor verantwortlich zeichnete. Das beste Beispiel ist Derrick selbst: Zeigte sich der Ermittler in der letzten Episode noch „kalt wie ein Fisch“, so agiert er in „Wer erschoss Asmy?“ nicht als nebenstehender Ermittler, sondern als involvierter Freund. Immer wieder gibt es Fälle, in denen Stephan Derrick Partei für oder gegen bestimmte Verdächtige ergreift – oft mit dem Ziel, besonders zwielichtige Gestalten allein durch Sympathien oder Antipathien des Tatverdachts zu entheben oder zu überführen. In dem Maße väterlich und freundlich, wie er Heinz Weik hier begegnet, hat der Zuschauer ihn bisher aber noch nie erlebt. Er schlägt sich nicht nur auf die Seite des Kleinwüchsigen, sondern entwickelt für ihn einen ganz persönlichen, über das Berufsethos hinausgehenden Beschützerinstinkt.

Derart mit einer Schlagseite versehen, gestalten sich die Ermittlungen in „Wer erschoss Asmy?“ nicht immer objektiv (mehrere Stereotypen bekommen ihr Fett weg: die berechnende Ex-Gattin, der tumbe Autonarr, der faule Playboy aus gutem Hause), wohl aber sehr konsequent und spannend. Der Plot ist durch und durch als Whodunit angelegt und präsentiert die Verdächtigen wie an einer Perlenkette aufgereiht. Den Unterhaltungswert schmälert deshalb die unprofessionelle Wahl des DVD-Labels More enorm, die Auflösung im Hauptmenü aller DVDs der 9. Collector’s Box zu spoilern – eine völlig unverständliche Entscheidung, die „Asmy“ einiges an Wirkungskraft raubt, ohne dass die Folge, die eigentlich sehr gelungen ist, etwas dafür kann.

Da die Anzahl der relevanten Charaktere vergleichsweise hoch ausfällt, werden einige von ihnen eher bruchstückhaft skizziert (was vor allem auf die von der fantastischen Inge Birkmann gespielte „Madame Asmy“ zutrifft); im Vordergrund stehen neben der Täterfrage eher die sehr angenehme herbstliche Atmosphäre, die stellenweise in Winterandeutungen umschlägt, sowie eine überdurchschnittliche Kunstfertigkeit von Regie und Kamera – obwohl der Nachspann in dieser Hinsicht keine Neulinge verkündet: Goslar, Kästel und Georg zeichnen verantwortlich. Der Anspruch scheint diesmal trotzdem besonders hoch gewesen zu sein, was sich in kunstvollen Bildern wie der Reflexion eines Verhörs in einem Autospiegel oder dem in großer Totale eingefangenen Spaziergang von Derrick und Heinz Weik (neben Stammgast Anne Bennent nun auch ihr „Blechtrommel“-Bruder David) niederschlägt.

So mag ich meine „Derricks“: Rätselhaft und schön anzusehen, mit einer Mischung aus bekannten und neuen Gesichtern. Die von Sting gesungene Abspannmusik „Codeword Elvis“ verleiht der Geschichte eine etwas kitschige, aber sehr passende Abschlussnote. 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

16.04.2013 20:00
#567 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Das tödliche Schweigen

Episode 128 der TV-Kriminalserie, BRD 1985. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Irina Wanka (Helga Södern), Jacques Breuer (Udo Hassler), Hans-Helmut Dickow (Anton Hoppe), Henry van Lyck (Fred Stargard), Ernst-Fritz Fürbringer (Stargard senior), Arthur Brauss (Ludwig Simka), Ilse Neubauer (Gertrud Simka), Peter Bertram (Wiemann) u.a. Erstsendung: 3. Mai 1985, ZDF.

Zitat von Derrick: Das tödliche Schweigen
Welch eine fürchterliche Angst Helga Södern doch hat! Eines Abends entschließt sie sich in ihrer Panik dazu, Oberinspektor Derrick anzurufen und ihn um Hilfe zu bitten. Bei ihr angekommen, wird der Beamte jedoch abgewiegelt: Er werde nicht mehr benötigt. Was Helga so quält, findet Derrick zunächst nicht heraus – bis ihm ein Mord in Helgas Umfeld die offizielle Erlaubnis gibt, ihr Privatleben genauer unter die Lupe zu nehmen.


Es hat sich bei mir das Ritual eingebürgert, zu Beginn eines jeden Abspanns den Regisseur der jeweiligen Folge zu erraten. Ich vermeide es im Vornherein stets, mich über Details der Besetzungsliste oder des Drehstabs zu informieren und finde damit heraus, ob es wirklich möglich ist, zwischen den einzelnen Regisseuren nur aufgrund ihres Inszenierungsstils zu unterscheiden. In den meisten Fällen funktioniert das tatsächlich mit der ersten oder zweiten Wahl, doch hier findet sich eine Folge, bei der ich voll daneben lag. Ging mein Tipp eher in Richtung Weidenmann (zur Not auch Ashley oder Goslar), so war ich sehr überrascht, Theodor Grädlers Namen in den Credits zu entdecken. „Das tödliche Schweigen“ betont weder die Stärken dieses Regisseurs, weshalb die Wahl Grädlers für dieses Drehbuch als eher suboptimal angesehen werden muss, noch ließ man ihn überhaupt seine typische Handschrift einbringen. Die Episode bleibt zwar lange Zeit sehr unklar über das Geheimnis, das – im wahrsten Sinne des Wortes – am Boden der Vorfälle liegt, bewegt die Geschichte in ihrem letzten Abschnitt dann aber doch mit starkem Zeigefingerdruck in eine wenig erbauliche Ecke. Ich muss eigentlich ganz froh sein, dass die erwartete „Beziehung“ der jungen, hübschen, verängstigten Sekretärin zu ihren verschworenen Kollegen und Bekannten nicht der Art war, die ich mir zunächst in düsterer Vorahnung ausgemalt hatte, doch auch die enthüllte Umweltproblematik zündet nicht so überzeugend wie in „Eine Rose im Müll“.

Nicht nur Grädler bleibt sehr blass in seiner Inszenierung, dasselbe gilt auch für die Musik, die diesmal Martin Böttcher einreichte, aber seltsamerweise trotz des wohlklingenden Namens unschein- und austauschbar ertönt. Diese Beschreibung passt auch auf große Teile des Cast. Die Schauspieler leisten sich keine Fehlpässe, andererseits schießt auch keiner von ihnen ein Tor – Mittelfeld, pardon: Mittelmaß dominiert „Das tödliche Schweigen“ sowohl in Bezug auf die Darbietungen als auch auf die fehlende Prominenz der Namen. Irina Wanka macht das Übel am Deutlichsten sichtbar: Sie hat man schon x Mal in derselben Rolle gesehen und wird ihr wohl auch in Zukunft nur als Opfer in toter oder lebendiger Form begegnen. Hatte Ringelmann einmal das Konzept eines Schauspielers in seinem Kopf festgelegt, gab es für die betreffende Person daraus offenbar kaum mehr ein Entkommen – dann folgte wieder und wieder die Besetzung mit denselben Charaktermerkmalen.

Optische Highlights fehlen „Das tödliche Schweigen“ ebenfalls. Die stillgelegte Fabrik erhält nicht genug Raum, ihre bedrohliche Aura zu versprühen, was ebenfalls einen kreativeren Umgang der Kamera und der Musik mit dem Setting vorausgesetzt hätte. Dafür gibt es zu Beginn wieder einmal eine jener reizenden Szenen, in denen Stephan und Harry für einen kurzen Augenblick meinen, sie hätten Feierabend. Dass die beiden trotz ihrer eigentlichen Arbeitszeiten immer im Dienst sind, weiß man ja bereits – es hat sich sogar bis zu ihnen selbst herumgesprochen. Mit resigniertem Sarkasmus stellt Harry fest, „Liebe, Tod und Fernsehen“ seien im Kino plötzlich so schön weit weg, nur um später von seinem Vorgesetzten ermahnt zu werden, auf ein Frühstück in der Kantine zu verzichten, wenn wenigstens ein letzter Rest von Privatleben erhalten bleiben soll. Da – und nicht bei Helga Södern – liegen die echten Gefahren der Folge!

Es wird häufiger problematisch, wenn Reinecker versucht, zwei Geschichten miteinander zu verbinden. Die nächtliche Episode der aufgeregten Sekretärin mit dem Mord an der alten Frau in Verbindung zu bringen, ist ein Stück zu konstruiert. Auf dieser Doppelschiene gerät ein Fall ins Rollen, der routiniert und ohne große Höhepunkte abläuft. 3 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

17.04.2013 00:45
#568 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Ein unheimlicher Abgang

Episode 129 der TV-Kriminalserie, BRD 1985. Regie: Jürgen Goslar. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Christiane Krüger (Liane Diebolz), Christoph Eichhorn (Klaus Diebolz), Dirk Galuba (Herr Diebolz), Peter Bongartz (Berhard D. Kolewski), Lisa Kreuzer (Frau Meissner), Klaus Höhne (Prokurist Heffner), Gabriele Fischer (Maria), Hans Stadtmüller (Kellner Kajus) u.a. Erstsendung: 17. Mai 1985, ZDF.

Zitat von Derrick: Ein unheimlicher Abgang
Als Liane Diebolz nach Hause kommt, findet sie einen Brief ihres Mannes vor. Er kündigt seinen Selbstmord an. Kurz darauf explodiert sein Boot auf dem Starnberger See – die Leiche wird ein paar Tage später aus dem Wasser gefischt. Obwohl der Tote stark entstellt ist, identifizieren ihn Hinterbliebene und Bekannte als den Vermögensberater Diebolz. Damit ist für seine Frau die Angelegenheit erledigt – die Versicherung zahlt. Oder ist doch noch nicht alles ausgestanden?


Die Besprechung enthält leichte Spoiler.

Knisterndes Winterwetter empfängt den Zuschauer am Starnberger See in einer Folge, die von weißer Leichtigkeit zwischen vielen schwarzen Gedanken und dem fast völligen Fehlen Münchner Tristesse lebt. „Ein unheimlicher Abgang“ erinnert in seiner Konzeption an „Die Fahrt nach Lindau“, ist aber ungleich facettenreicher und spannender. Herbert Reinecker legte ein ganz hervorragendes Script vor, das stellvertretend für das Wiederaufflammen alter Serienqualitäten steht. Nachdem die „Derrick“ in den Boxen 7 und 8 (vorwiegend Jahrgänge 1983/84) trotz einiger Highlights ein latentes Tränental mit viel einfach uneinprägsamer Durchschnittsware durchschritt, markiert das Jahr 1985 ein erneutes Aufbäumen gegen die Gefahren der Routine. Die Plots der 120er-Episoden stehen denen des vorangehenden Zehnerpäckchens mit deutlich überlegener Strahlkraft und Kohärenz gegenüber. Eine nicht unwesentliche Rolle in dieser Bewegung spielt aber auch Jürgen Goslar, der in den letzten Episoden besonders vermehrt zum Zug kam und zwar nicht immer akkurate Treffer landete, wohl aber eine erfrischend authentische, ungekünstelte und zu Derrick passend nüchterne Art der Inszenierung an den Tag legte.

„Ein unheimlicher Abgang“ profitiert von eleganten Aufnahmen, sorgfältig gezeichneten Verdächtigen und einer besonders hervorstechenden Szene, in der Oberinspektor Derrick seine dienstliche Machtstellung ungewöhnlich einsetzt: „Natürlich zwingen Sie mich – auf Ihre Weise“, stellt einer der Vorgeladenen auf dem Polizeirevier in Erkenntnis der in sich selbst ruhenden Siegesgewissheit Derricks bei jeder neuen Mördersuche fest. Die Identifizierung der Leiche wird in dieser Episode zum Staatsakt emporgehoben – eine Szene, die schlicht, aber eindringlich umgesetzt wurde und von ihrer beinahe hypnotischen nachträglichen Analyse durch Derrick noch in ihrer Signifikanz gesteigert wird. Überhaupt übernehmen die beiden Ermittler große Rollen, was ihrem schwierigen Stand zugute kommt und Stephan und Harry vor einem Abstumpfen zu „nur wieder denselben Gesichtern“ bewahrt. Beinahe am Zenit der Reihe angekommen, sind sie weit von diesem Urteil entfernt: Durch klugen und nachhaltigen Charakteraufbau sowie Anpassungen der Titelfigur vom aufbrausenden Raufbold zum melancholischen Denker haben sich Tappert und Wepper in der Wertschätzung immer weiter nach oben gespielt!

Dieses Lob darf sich auch Christiane Krüger ans Revers heften, die nach anfänglichen Zweifeln in die Riege meiner liebsten „Derrick“-Gesichter aufgestiegen ist und hier wieder einmal die Chance zur vollen Entfaltung erhält – sie zeigt alle Stimmungen von kalt berechnend bis verzweifelt, ohne dabei zu überzeichnen wie ihr Filmsohn. Christoph Eichhorn wirkt, als habe man ihn zwar gebildet, aber darüber die Erziehung vergessen – Reinecker trägt die triefige Lasur aus dem Studentenfarbtopf etwas zu dick auf, was der Jungschauspieler leider nicht abschmirgeln kann. Überzeugender fallen da schon die Auftritte von Peter Bongartz und Lisa Kreuzer aus. Kreuzer ist lustigerweise auch dieses Mal als ausgefallene Geliebte besetzt, was aber ungleich passender erscheint als noch in „Raskos Kinder“.

Zu einer gespenstisch schaurigen Musik von Eberhard Schoener blendet eine Folge mit einem exzellenten Plot ab, die eine große Überraschung und eine überzeugende Auflösung bereithält. Der knallige Einstieg verpufft über die gesamte Restspielzeit nicht, sondern wirkt effektiv bis zum Ende nach. Das garantiert starke 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

18.04.2013 09:30
#569 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Schwester Hilde

Episode 130 der TV-Kriminalserie, BRD 1985. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Inge Meysel (Schwester Hilde), Susanne Uhlen (Anita Henk), Ekkehard Belle (Kurt Born), Klaus Abramowsky (Herr Born), Lis Verhoeven (Frau Born), Andras Fricsay (Kusich), Angela Hillebrecht (Chefin in der Parfümerie), Andrea Dahmen (Schwester Anna) u.a. Erstsendung: 14. Juni 1985, ZDF.

Zitat von Derrick: Schwester Hilde
Jetzt bekommt sie sie zu spüren: die Nachwehen ihres Hurenlebens. Anita Henk arbeitete in Hamburg im horizontalen Gewerbe, bis eine Mission ihr half, ein neues Leben in München anzufangen. Ihr Zuhälter findet sie trotzdem wieder und will sie zwingen, wieder ins alte Umfeld zurückzukehren. Als der blonde Wüterich mit Namen Kusich am nächsten Morgen erstochen aufgefunden wird, hat die Kripo natürlich schnell eine Hauptverdächtige ...


In vielen „Derrick“-Folgen dominiert der Blick auf München als wüstes Molloch, in dem schutzlose junge Mädchen in ihr Verderben wanken. „Schwester Hilde“ zeichnet ein deutlich realistischeres Bild, indem sie München als abgelegene bayerische Quasiprovinz präsentiert, in der, wie es Reinecker wohl formulieren würde, die Welt noch einigermaßen in Ordnung ist. Es benötigt Einflüsse von außen, um das Idyll aufzubrechen – und ist es einmal so weit, sind die konfliktunerprobten Einheimischen kaum in der Lage, einen klaren Blick zu bewahren. Dafür braucht es die mütterlich-lebenserfahrene Missionsschwester aus Hamburg, die in ihrem Leben viel gesehen und deshalb ihre Angst verloren hat. Inge Meysel fühlt sich in der Rolle der Ratgeberin fürs Leben sofort wohl, weil es diejenige ist, die sie seit Jahren populär gemacht hat und die sie gleichzeitig auch in diesem „Derrick“ konsequent in den Brennpunkt der Ermittlungen rückt.

In allen anderen Punkten muss man der Episode natürlich eine gewisse Plakativität und strukturelle Einfachheit attestieren, die jedoch keineswegs zu ihren Ungunsten ausfällt. Bei den gelungenen „Derrick“-Folgen merkt man häufig, dass sie ihre Güte nicht aus einer komplexen Überforderung des Zuschauers schöpfen, sondern vielmehr klar und simpel in ihrem Vorgehen beschaffen sind.

Die Handlung um den Tod des Zuhälters entwickelt sowohl eine enorme Spannung als auch einen ebenso hohen Unterhaltungswert. Dass Klischees bedient werden, stört nicht wirklich – dafür ist die Mischung der Figuren zu explosiv und ihre Darstellung zu lobenswert. Das beginnt bei Andras Fricsay, bisher in meinem Hinterkopf nur als Langweiler aus „Ende einer Sehnsucht“ abgespeichert, der hier so richtig auf die Tube drückt und dem schmierigen St.-Pauli-König ein abstoßendes Gesicht verleiht. Er prügelt den Willen aus Anita Henk heraus, sodass Susanne Uhlen selbst gar nichts tun muss, um zur uneingeschränkten Sympathiefigur aufzusteigen. Der Umstand, dass sie sich einmal gewehrt hat, fällt ihr nun in den Rücken und stellt sie in einen schlimmen Verdacht.

Theodor Grädler ist eine ruhelose, treibende Inszenierung gelungen, die mit einem höheren Tempo als gewöhnlich aufwartet, sich dabei aber wieder auf die Expertise des Filmers konzentriert: Er zeigt Aktionen und Reaktionen sowie die Gefühle, die mit schweren Entscheidungen verbunden sind. Das gilt auch für die abseits stehende Verlegerfamilie Born, die – und da kommen wir wieder auf München zurück – in ihrer perfekten kleinen Welt lebt und Ungewolltes nicht akzeptiert.

Drei Tage nach der Erstsendung von „Schwester Hilde“ war Oberinspektor Tappert übrigens nicht in Hamburg, sondern im Nachbarland Österreich zu Gast. Wie ihr Vorleben Anita Henk einholt, so wurde auch der „Derrick“-Darsteller an eine vergangene Leistung erinnert:

Zitat von Katrin Hampel: Das große Derrick-Buch, Henschel Verlag Berlin, 1995, S. 127
Am 17. Juni 1985 erhielt der Medienstar in Wien einen Preis des Kuratoriums für Verkehrssicherheit. Österreichs Innenminister Karl Blecha schüttelte lange und stolz Tapperts Hände. Diese bedeutende Auszeichnung verdankt Tappert seiner Darstellung in der Folge „Der Klassenbeste“ und seiner gesunden Einstellung zum Fahrverhalten außerhalb der Drehbücher. Er habe seine Sache gut „transportiert“, erklärte Blecha in seiner Hommage. In seiner bescheidenen Art nahm Derrick diese Ehrung für das gesamte Team entgegen. Anschließend wurde angestoßen: den Umständen angemessen [man hört Zuhälter Kusich schallend lachen!, Anm.d.Verf.] mit Mineralwasser.


Oha, es funktioniert also auch, eine Prostitutionsgeschichte ohne den üblichen Milieu-Mief so zu erzählen, wie sie sein sollte: kompromisslos, traurig, ein Teufelskreis. Hervorragende Schauspielerleistungen und ein aufgefrischt wirkendes Ermittlerteam (reicht dafür schon eine neue Lederjacke für Harry?), das von einer immer resoluten Inge Meysel an die Hand genommen wird, lassen mich die vollen 5 von 5 Punkten zücken.

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.509

19.04.2013 22:17
#570 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Anlässlich des 50. Jubiläums der internationalen TV-Messe "Mipcom" hat die Schweizer Medienagentur "The WIT" eine Liste der 50 weltweit einflussreichsten Fernsehformate des letzten halben Jahrhunderts zusammengestellt. "Derrick" konnte sich auf dieser Liste platzieren:

The WIT "50 most influential TV shows since 1963":

1963: Astro Boy (Japan)
1964: Jeopardy (USA)
1965: The Dating Game (USA)
1966: Star Trek (USA)
1967: Aktenzeichen XY Ungelöst (West Germany)
1968: Columbo (USA)
1969: Sesame Street (USA)
1970: Coronation Street (U.K.)
1971: The Persuaders (U.K.)
1972: The Price Is Right (USA)
1973: The Young & The Restless (USA)
1974: Derrick (West Germany)
1975: Wheel of Fortune (USA)
1976: Family Feud (USA)
1977: The Krypton Factor (U.K.)
1978: Dallas (USA)
1979: The Kids of Degrassi Street (Canada)
1980: Grendizer (Japan)
1981: Wetten, dass..? (West Germany)
1982: Letters & Numbers (France)
1983: The Thorn Birds (USA)
1984: La Piovra (Italy)
1985: Neighbours (Australia)
1986: Fun TV with Kato-chan & Ken-chan (Japan)
1987: The Bold and the Beautiful (USA)
1988: Home & Away (Australia)
1989: The Simpsons (USA)
1990: Fort Boyard (France)
1991: Rugrats (USA)
1992: The Real World (USA)
1993: Beavis & Butthead (USA)
1994: Friends (USA)
1995: Caiga quien caiga (Argentina)
1996: Dragon Ball GT (Japan)
1997: Survivor (Sweden)
1998: Who Wants to Be a Millionaire? (U.K.)
1999: Big Brother (Netherlands)
2000: Popstars (Australia)
2001: O Clone (Brazil)
2002: American Idol (USA)
2003: Rebelde Way (Argentina)
2004: Desperate Housewives (USA)
2005: Noor (Turkey)
2006: America’s Got Talent (USA)
2007: Forbrydelsen (Denmark)
2008: Murdoch Mysteries (Canada)
2009: MasterChef Australia (Australia)
2010: The Voice (Holland)
2011: Homeland (Israel/USA)
2012: Pablo Escobar, The Drug Lord (Colombia)

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