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Dieses Thema hat 976 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov ( gelöscht )
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25.01.2013 22:06
#526 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Drei atemlose Tage

Episode 112 der TV-Kriminalserie, BRD 1984. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Ekkehard Belle (Harald Wiemann), Stefan Fleming (Karl Schuster), Ute Willing (Helga Schuster), Willy Schultes (Vater Schuster), Sky Dumont (Herr Jablonski), Eckhard Heise (Chauffeur), Alexis von Hagemeister, Bruno W. Pantel u.a. Erstsendung: 30. März 1984, ZDF.

Zitat von Derrick: Drei atemlose Tage
Einfach einen sorgenfreien Tag verbringen – dieser Wunsch treibt die arbeitslosen Freunde Harald und Karl zu einigem Schabernack an. Einer ihrer kleinen Späße weitet sich jedoch ungewollt in ein großes und tödliches Abenteuer aus: Im Kofferraum eines geliehenen Autos finden sie mehrere Kilo Rauschgift. Karl setzt sich mit den Besitzern in Kontakt und liegt am nächsten Morgen tot an der Isar.


Der Produktionsvorlauf für „Derrick“ im Jahr 1984 muss recht groß gewesen sein, nachdem diese Ende März ausgestrahlte Episode vor allem mit schwülheißen Sommerbildern und dem Wunsch, einen Tag – und eine Nacht – am Starnberger See zu verbringen, aufwartet. Zusammen mit der sehr überzeugenden Darstellung Ekkehard Belles macht genau diese beinah greifbare Sonnenglut, die den beiden Jungs ein wenig zu sehr zu Kopf steigt, den Charme von „Drei atemlose Tage“ aus, sodass die Stärken eindeutig in den ersten zwanzig Minuten zu verorten sind. Vohrer lässt hier tatsächlich auch ein wenig seiner früheren Wildheit durchschimmern, indem er Belle und Filmfreund Stefan Fleming trotz einiger „Unvernünftigkeiten“ als sympathische Zeitgenossen zeichnet. Weniger als ohne Rücksicht gehen sie vielmehr ohne großes Nachdenken zur Sache: Sie leben in den Tag hinein und sind deshalb dankbar für ein wenig Abwechslung und Abenteuerluft.

Trotz dieser Steilvorlage verzichtete Herbert Reinecker darauf, die Thematik Arbeitslosigkeit und Nichtstun in aller Breite auszuwälzen; es bleibt bei kleinen Anspielungen auf die Ablehnung durch die Umwelt, die hier vor allem durch Karls hochnäsige, fleißig bei der Bank arbeitende Schwester (wieder einmal gut besetzt: Ute Willing) verkörpert wird. Dass es trotzdem zum Happy-End zwischen Belle und Willing kommt, wirkt sehr befremdlich, was den Höhepunkt der eher ungünstigen Entwicklung darstellt, die die Folge in ihrem weiteren Verlauf nimmt. Gerade aus dem Kleinkrieg der Drogenschmuggler gegen die beiden jungen Männer hätte man deutlich mehr Spannung ziehen können. Knalleffekte – diese teilweise aber im wahrsten Sinne des Wortes – bleiben vereinzelte Highlights, Sky Dumont als Drogen-Häuptling eine Karikatur seiner altbekannten Glitschigkeit und letztenendes ebenso wenig bedrohlich wie sein blasser Chauffeur. Alexis von Hagemeister, der in einer Handlangerrolle zu sehen ist, hätte deutlich besser in den Part des eleganten, durch altmodische Schneiderkunst und klassische Musik auffallenden Verbrecherkönig gepasst als der ewig junge Schönling.

Vohrer lässt seinen Hang zu schlechten Studioaufnahmen durchblicken und verortet Belles Wohnung in einer richtig miesen Kulisse. Ansonsten leistet er einen markanten Job, unterstützt von der treibenden Musik Frank Duvals, die er gut zur Geltung bringt. Man verzeiht ihm sogar, dass Tappert in zwei Szenen ein wenig unkonzentriert wirkt und nach seinem Text ringen muss. Auch ein eigentlich unverkennbarer Anschlussfehler – Derricks schnittweise wechselnde Oberbekleidung während der Verhaftung der Gangster – dürfte nur den wenigsten beim ersten Sehen auffallen.

Liebenswerte, wenngleich nicht makellose Erzählung zweier unbedachter Freunde und des Abenteuers ihres Lebens. Vohrer arbeitet nicht ohne deutliche Fehler, aber die werden nicht so lange in Erinnerung bleiben wie seine versierte Führung des kecken, erfrischenden Ekkehard Belle. 4 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
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26.01.2013 21:18
#527 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Tödlicher Ausweg

Episode 113 der TV-Kriminalserie, BRD 1984. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Reinhild Solf (Antonia Hauser), Udo Vioff (Günter Hauser), Pierre Franckh (Rudolf Hauser), Sigfrit Steiner (Robert Hauser), Gila von Weitershausen (Birgit Heise), Olivia Pascal (Hanna Schieda), Johann Stadelbauer, Inga Norden u.a. Erstsendung: 27. April 1984, ZDF.

Zitat von Derrick: Tödlicher Ausweg
Eine Frauenleiche nahe der Grünwalder Brücke – Hanna Schieda heißt die Tote. Sie war die Geliebte des Geschäftsmanns Günter Hauser, sodass Stephan Derrick und Harry Klein ihre Ermittlungen auf die Familie Hausers konzentrieren, die dieser für Hanna verlassen hatte. Weder ein falsches Geständnis noch eine zweite Tote können die Beamten davon abhalten, die Wahrheit ans Tageslicht zu befördern ...


Ich habe es mehrfach gesagt und sage es gern wieder: Reinecker darf als echter Profi auf dem Gebiet der Familiendramen gelten. Selbst wenn nicht aus jedem seiner derartig ausgerichteten Stoffe ein Schuss ins Schwarze wurde, so findet man doch überproportional viele wirklich gut gelungene „Derricks“, auf die dieses Attribut zutrifft. So auch in diesem Fall, der nach einer kurzen Einleitung schnell in die routinemäßige Befragungs- und Beweismitteluntersuchungsarbeit der Kripo eintaucht, gleichzeitig aber auch in die Privatsphäre der gespaltenen Familie Hauser. Während Vater Günter mit einer Flamme das Weite gesucht hat, verbleiben der Großvater, die Ehefrau und der Sohn auf dem Familienanwesen und gehen – jeder nach seiner Fasson – mit dem Bruch der Familie um. Es ist Herrn Hauser nicht bewusst, welche Wunde er in das Leben seiner Mitmenschen gerissen hat und wie diese sich verschiedenartig infiziert hat: Der Alte ist verbittert und grantig, die Frau behält ihre Fassung, doch zeigt sich in stiller Verzweiflung über die Situation, und der Junge lässt, enttäuscht in seinen Weltvorstellungen, Anfälle von totaler Überforderung, von Schwachsinn durchblicken.

Für Pierre Franckh eine ideale Rolle. Man hat das Gefühl, dass Reinecker sie ihm auf den Leib schrieb und Alfred Vohrer sich anschließend das Vergnügen bereitete, Franckh und seine Reputation als Springinsfeld des deutschen Krimis gehörig aufs Korn zu nehmen. Ungeheuer trocken und nicht ohne Hintergedanken erreichen Anmerkungen wie „Ist der Junge wahnsinnig?“ – „Das war er schon immer“ ihr Ziel. Das Spiel wird so weit getrieben, Franckh am Ende in ein irres Gelächter ausbrechen zu lassen, das sich vor keiner Brynych-Folge zu verstecken braucht, gleichsam aber durchaus Zweifel daran aufkommen lässt, dass die „offizielle Lösung“, die Derrick zudem nur als Vermutung vorträgt, tatsächlich der Wahrheit entspricht.

Ähnlich doppelbödig agiert die an der Max-Reinhardt-Schauspielschule Berlin ausgebildete Reinhild Solf. Optisch weist sie zwar gewisse Ähnlichkeiten mit einer gewissen Frau Ferres auf, gebärdet sich aber nichtsdestoweniger als echte Dame. Neben Franckhs Popanz gewinnt „Tödlicher Ausweg“ vor allem durch ihre mitleiderregenden Versuche, das alte Leben mit Engelszungen wieder herbeizubeschwören, an Farbe. Je mehr sie sich jedoch für ihren Mann einsetzt, desto klarer wird dem Zuschauer, dass die beiden sich in Wahrheit nichts mehr zu sagen haben, die ausgelöschte Affäre vielleicht sogar tatsächlich mehr als die übliche, von Reinecker gern als Laune oder Irrtum abgetane Abenteuerlichkeit gewesen sein könnte.

Strukturell wird trotz überschaubaren Personenkreises ein gut durchdachter Whodunit aufgebaut. Vor allem die Möglichkeit, dass der Student aus dem so wunderbar achtzigerjahretypischen Aerobicstudio für die Taten verantwortlich sein könnte, kostete Reinecker ebenso ideal aus, wie er die Verdachtsmomente innerhalb der Familie gewissenhaft – und bis über das Ende der Episode hinaus – aufteilte. Drehbuch, Inszenierung und Besetzung garantieren somit nach längerer Durststrecke wieder einmal für ein besonders erfreuliches „Derrick“-Erlebnis.

Charakterkopf Udo Vioff scheint für „Derrick“-Episoden ein gutes Omen zu sein: Wie auch sein Debüt „Schubachs Rückkehr“ überzeugt „Tödlicher Ausweg“ als Episode mit geschickter psychologischer Kriegsführung, wenngleich in etwas konventionellerem Rahmen. Pierre Franckh und Reinhild Solf erinnern nachhaltig daran, dass „Derrick“ eine Serie ist, die von der Nachhaltigkeit der darstellerischen Leistungen abhängt. 5 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
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31.01.2013 11:01
#528 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Keine schöne Fahrt nach Rom

Episode 114 der TV-Kriminalserie, BRD 1984. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Wolfgang Müller (Hamann), Thomas Schücke (Martin Maurus), Heinz Reincke (Spediteur Henschel), Beate Finckh (Sabine Reis), Christiane Hammacher (Frau Reis), Udo Thomer (Herr Reis), Ulli Kinalzik, Michael Büttner u.a. Erstsendung: 25. Mai 1984, ZDF.

Zitat von Derrick: Keine schöne Fahrt nach Rom
Manche Pläne werden jäh vereitelt: Die Studenten Martin Maurus und Sabine Reis wollen per Anhalter nach Rom fahren, kommen aber nur bis zu einem Autobahnrastplatz nahe München. Dort wird die leichtgläubige Sabine von zwei LKW-Fahrern entführt. Martin kann ihr im Wagen eines Passanten kurzzeitig folgen, aber nicht verhindern, dass das Mädchen von den Unbekannten vergewaltigt und ermordet wird. Er macht sich Vorwürfe, sie nicht vom Trampen abgehalten zu haben, und schwört den Tätern Rache ...


Dank einer geschickten Einführung des jungen Tramperpärchens und seines ambitionierten Reisevorhabens, das die Eltern zu allerlei Vorsichtsbekundungen veranlasst, schlägt man sich augenblicklich auf die Seite von Martin und Sabine. Die voll Elan und Entdeckergeist steckenden Freunde halten zwar ihre Daumenmethode vor den Erzeugern geheim, erwecken aber dennoch einen bedachten, liebenswerten und erstaunlich wenig querköpfigen Eindruck. Die Art und Weise, auf die Sabine zwei Verbrechern zum Opfer fällt, kommt überraschend und hätte auch von einer misstrauischen Natur kaum vorausgeahnt werden können – umso schockierender, was auch ohne explizite Bilder (dafür mittels Verwendung geschickt platzierter Rückblenden) mit Martin und Sabine geschieht.

Die Schauplätze an der Autobahn verbinden urbane Mobilität mit dem immer wieder einmal nötigen Grün und zählen eindeutig zu den Pluspunkten der Episode. Dass Reinecker seine Auffassung, man solle sich um Himmels Willen bloß nicht als Anhalter durch die Welt wagen, deutlich durchschimmern ließ, tut den Szenen weniger Abbruch als die Tatsache, dass Martin nach der Entführung sogleich auf den Drahtzieher im Hintergrund stößt. Auch Derrick hält das für einen „unwahrscheinlichen Zufall“, nimmt es aber billigend in Kauf, weil er ansonsten über keinen anderen Anhaltspunkt verfügt.

Martin Maurus, der sich durch seine emotional verständlichen, rational aber natürlich völlig unverhältnismäßigen Schuldbekundungen vom Paulus zum Saulus wandelt, hält alle Details, die ihm zur Überführung der Täter nach und nach wieder einfallen, vor der Polizei zurück und ermittelt auf eigene Faust. Das räumt Thomas Schücke gehörig Platz ein und degradiert Derrick zur Figur in der zweiten Reihe des Geschehens. Schücke hatte just eine umgekehrte Entwicklung in seinen bisherigen „Derrick“-Auftritten durchgemacht und nach anfänglich wahlweise abstoßenden oder belanglosen Rollen kulminierte seine Entwicklung zum Publikumsliebling in dieser Episode. Sein Spiel ist charakterisiert von der üblichen Empfindsamkeit der „jungen Wilden“, ohne jedoch deren plumpe Plakativität zu besitzen.

Der Oberinspektor sichert sich ein Minimum an Souveränität im Kampf gegen Verbrechertum und Amateurdetektiv durch die Zusammenarbeit mit einem anderen Dezernat, das Fälle von LKW-Diebstählen untersucht, die geschickt mit dem Mord an Sabine Reis in Verbindung gebracht werden. Es zeigt sich einmal mehr – und diesmal auf annähernd identischer Augenhöhe –, dass Horst Tappert exzellent mit Seriendauergast Wolfgang Müller harmonierte, der hier als junger Beamter ähnlichen Schmiss in den behördlichen Apparat bringt wie dereinst Kriminaler Echterding.

Auch in den anderen Rollen ist „Keine schöne Fahrt nach Rom“ gut besetzt. Heinz Reincke überzeugt in seinem einzigen „Derrick“-Auftritt als überforderter Bandenchef restlos und setzt abwechselnd feige-duckmäuserische und verhalten menschelnde Akzente. Ein Augenrollen entlockt einem freilich der wie eh und je wüste Ulli Kinalzik, dessen namenloser Trucker mich augenblicklich an den alten Spruch vom Hirn und der Hose denken ließ.

Unter den Weidenmann-Folgen ohne Frage eine der gelungeneren. Sie profitiert von einem markanten Drehbuch und guter Besetzung, wenngleich der eine oder andere erleichternde Zufall sowie einige Längen im Mittelteil nicht zu übersehen sind. 4 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
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01.02.2013 14:08
#529 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Ein Spiel mit dem Tode

Episode 115 der TV-Kriminalserie, BRD 1984. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Kristina Nel (Agnes Hossner), Wolf Roth (Ulrich Hossner), Verena Peter (Lena Kussloff), Rudolf Wessely (Martin Kussloff), Edwin Noël (Herr Muschmann), Margot Medicus (Ariane), Maria Singer, Volker Bogdan u.a. Erstsendung: 15. Juni 1984, ZDF.

Zitat von Derrick: Ein Spiel mit dem Tode
Mehr als einen harmlosen Einbruch hatte Martin Kussloff eigentlich nicht im Sinn. Es lief auch alles gut, bis ihn das Signal der Alarmanlage zusammenfahren ließ. Erst später stellt er sich die Frage, warum die losging, nachdem er Kellertür und Safe bereits in aller Ruhe geöffnet hatte. Am nächsten Tag erfährt er es aus der Zeitung: Der Hausbesitzer wurde getötet – und nun steht der Einbrecher natürlich unter dringendem Verdacht ...


Vielversprechend beginnt „Ein Spiel mit dem Tod“, indem man in langen, dunklen und stummen Einstellungen dem Gewohnheitsganoven Kussloff über die Schulter blickt, wie er in eine jener unzähligen Münchner „Derrick“-Villen einbricht. Die durch das minutiöse Vorgehen aufgebaute Spannung entlädt sich in dem schrillen Misston der Alarmanlage, der durch Mark und Bein fährt und die romantische Idylle vom versierten Langfinger plötzlich in die anrüchige Ecke eines „echten“ Verbrechens rückt. Auch Kussloff-Tochter Lena verleiht ihrem Standpunkt, dass das, was ihr Vater tut, auf keinen Fall zu respektieren ist, lautstark, nachhaltig und sirenenhaft Ausdruck: Auch wenn Blap Verena Peter vielleicht ganz niedlich finden mag, sollte er sie objektiverweise nicht weitab vom zeigefingergeführten Gezeter und hysterischen Keifereien ansiedeln.

Beinah ironisch, dass Rudolf Wessely in der Einbrecherrolle der sympathischste Gastdarsteller der Folge bleibt (Tappert kann natürlich wie üblich einen obendrauf setzen, aber das versteht sich ja eigentlich von selbst!). Von Anfang an kann man nämlich auf hundert Meter gegen den Wind riechen, dass die ehrenwerten Villenbewohner ganz tief in der Angelegenheit mit drinstecken. Seltsamerweise verzichtete Reinecker jedoch darauf – und da gehe ich plötzlich wieder ganz konform mit meinem Sausenkumpanen –, ihnen auch nur den Hauch eines Charakters einzuflößen. Als standardisierte Verdächtige, die ihre Aussagen machen und somit versuchen, den Tatverdacht von sich abzulenken, erhalten sie eine reine Werkzeugform zugesprochen, entwickeln aber zu keinem Zeitpunkt irgendwelche nennenswerten Eigenheiten. Das ist schade, denn die Besetzung mit Wolf Roth, Kristina Nel (zweimal Lieblingsschauspieler-Alarm) und Edwin Noël hätte sicher mehr hergegeben.

Folglich harmoniert die Geschichte auch nicht so recht mit Teddy Grädlers Regiestil, der sich für gewöhnlich ganz auf die Tiefe der Figuren und die dadurch entstehende Qualität des Schauspiels konzentriert. Das war in „Ein Spiel mit dem Tod“ nicht möglich, sodass ich als Zuschauer nach dem spannenden Anfang stark darum kämpfen musste, mein Interesse an diesem Fall aufrecht zu erhalten. Da helfen auch Twists wie der von der zweiten Leiche nur wenig, zumal die Tendenz, von den schmucken Schauplätzen immer weiter ins Dallmaier’sche Kneipenmilieu hinabzutauchen, doch nochmal viel vom Charme der Folge nimmt und man sich an den einen oder anderen Fall der jüngsten „Derrick“-Geschichte zurückerinnert fühlt.

Eigentlich ideale Bedingungen für einen gelungenen „Derrick“: Grädler auf dem Regiestuhl, tolle Darsteller, ein Mord in einer Villa. Praktisch funktioniert aber nicht alles, was auf dem Reißbrett gut aussieht. Dass „Ein Spiel mit dem Tod“ letztenendes eher zu den schwächeren Folgen zählt, liegt in meinen Augen primär an Reineckers oberflächlichem Skript, das in eine belanglose Auflösung mündet. 3 von 5 Punkten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

02.02.2013 15:03
#530 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Keine schöne Fahrt nach Rom" (Folge 114)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Thomas Schücke, Heinz Reincke, Beate Finckh, Uli Kinalzik, Christiane Hammacher, Udo Thomer, Michael Büttner, Fritz Strassner, Alf Marholm, Wolfried Lier u.a. - Regie: Alfred Weidenmann

Die Studenten Martin Maurus und Sabine Reis wollen Anfang Oktober per Anhalter nach Italien reisen. Während Sabine ihre Eltern im Glauben lässt, sie führen mit dem Zug, stehen die beiden jungen Leute an der Autobahnausfahrt und warten auf einen Lastwagen, der sie mitnimmt. Nach einiger Zeit erklärt sich ein LKW-Fahrer bereit, Sabine mitzunehmen. Als Martin in den Wagen einsteigen will, bekommt er einen Cowboystiefel in den Bauch und wird zurückgestoßen. Der Lastzug fährt ohne ihn in die Nacht davon. Geistesgegenwärtig hält Martin einen Mercedesfahrer an, der gerade getankt hat und bittet ihn, dem LKW zu folgen. Der Mann weigert sich jedoch schon nach kurzer Zeit, die Spur weiter zu verfolgen und entledigt sich seines Beifahrers. Am nächsten Morgen findet die Polizei die Leiche von Sabine auf einem Parkplatz. Sie wurde vergewaltigt, erwürgt und dann aus dem Wagen geworfen. Martin, der Sabines Eltern versprochen hatte, auf ihre Tochter aufzupassen, schwört Vergeltung und stellt auf eigene Faust Nachforschungen an.....

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Martin Maurus und sein Schmerz über den Verlust seiner Freundin. Der Student war der vernünftigere Teil des Paares, das gerade dabei war, eine gemeinsame Entdeckungsreise in den Süden zu unternehmen. Die Risiken einer solchen Unternehmung werden leicht unterschätzt und so liegt die Warnung von Sabines Vater, nicht gutgläubig und leichtsinnig zu sein, wie eine unsichtbare Last auf den Schultern des jungen Mannes, dem das Mädchen anvertraut wird. Der Tod von Sabine ruft in Martin nicht nur Trauer und Fassungslosigkeit hervor, sondern auch Schuldgefühle, nicht achtsam genug gewesen zu sein. Sein Wunsch, die Täter zu stellen, basiert deshalb auch auf dem Bedürfnis, sein schlechtes Gewissen auf die wahren Verursacher des Leid zu übertragen. Er will dem Ehepaar Reis, aber vor allem sich selbst, versichern, alles getan zu haben, um die Täter ihrer Bestrafung zuzuführen. Thomas Schücke, der Darsteller mit dem eiskalten Blick und der Aura des von inneren Dämonen gequälten Mannes, gewinnt mit jedem seiner "Derrick"-Auftritte ein wenig mehr Terrain. Sein Vorgehen ist überlegt, unaufgeregt und dennoch betroffen; er ist keiner, der sich leicht lenken lässt, hat er aber ein Ziel vor Augen, so verfolgt er es beharrlich. Weidenmann stellt ihn ins Zentrum der Handlung und nicht das Opfer, dem die Kamera nur einen kurzen Blick und Derrick lediglich eine nüchterne Feststellung für den Tatortbericht widmet. Die Auswirkungen des Verbrechens auf den engsten Hinterbliebenen (die Reaktion der Mutter Sabines wird gar nicht erst gezeigt) und ihre Konsequenzen erscheinen Reinecker (und dem Publikum) viel interessanter. Der Mord ist für die Spedition des Herrn Henschel nur ein Nebenprodukt, ein Betriebsunfall eines seiner Fahrer. Im Hintergrund arbeitet die Kriminalhandlung unablässig an der Ausführung eines anderen Verbrechens, das aus der Serie "Der Kommissar" übernommen worden ist: In der letzten Folge "Tod im Transit" geht es ebenfalls um Transporte mit belgischen LKWs, die unter Zollverschluss fahren und deren Ladung hinter verschlossenen Türen gegen gestohlenes bzw. unerlaubtes Frachtgut ausgetauscht wird. Wolfgang Müller erhält deshalb eine Rolle als Ermittler des Raubdezernats; offensichtlich ist er nicht ganz Herr seines Amtes, sein unablässiges Nuckeln an der Zigarette wirkt nicht cool, sondern unsicher. Derrick muss diesmal über den Vorwurf nachdenken, er sei kein Beteiligter, doch die gemäßigte Regie erlaubt ihm keinen Einspruch. Ohnehin ist es für den Zuseher immer eine Denksportaufgabe, unter welchem Regiestil Horst Tappert gerade agiert. Mehr Spielraum wird Heinz Reincke zugestanden, der von gereiztem Widerwillen, über betroffene Teilnahme bis zu kompromissloser Entschlossenheit alle Register ziehen darf. Das Schlussbild gebührt aber Thomas Schücke, dem es gelingt, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

02.02.2013 15:38
#531 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Ein Spiel mit dem Tod" (Folge 115)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Kristina Nel, Wolf Roth, Verena Peter, Edwin Noel, Rudolf Wessely, Uwe Dallmeier, Margot Medicus, Maria Singer u.a. - Regie: Theodor Grädler

Der Einbrecher Kussloff hat einen todsicheren Tipp bekommen. Die Villa des Kaufmanns Georg Hossner beherbergt einen Tresor, zu dem man ihm die Zahlenkombination mitgeteilt hat. Gerade als er den Safe öffnet, wird der Alarm ausgelöst. Kussloff rennt so schnell er kann aus dem Haus und flieht. Am nächsten Morgen muss er in der Zeitung lesen, dass er den Hausherrn erschossen habe. Lena Kussloff, die sich Sorgen um ihren Vater macht, meldet sich bei Oberinspektor Derrick und erzählt ihm die ganze Geschichte. Als Derrick mit dem Mann sprechen will, findet er ihn tot in seiner Wohnung vor: Kussloff wurde erstochen, nachdem er in einer finsteren Kneipe angerufen und nach einem gewissen Albert verlangt hatte.....

Rudolf Wessely gibt uns eine Anleitung zum Aufbrechen von Sicherheitsschlössern und führt anschaulich vor, wie sich Otto Normaleinbrecher sein Brot verdient. Der Zuseher begleitet den Mann in einem ungewöhnlichen Opener auf seiner nächtlichen Arbeitstour und assistiert ihm bis zu dem Moment, in dem der Alarm die Stille zerreißt. Die Kamera suggeriert Komplizenschaft und Verbundenheit mit dem Täter, der am nächsten Morgen weitaus schlimmerer Dinge beschuldigt wird: man legt ihm einen kaltblütigen Mord zu Lasten. Doch bevor er sich in die üblichen Widersprüche verwickeln kann, schließt Reinecker das Kapitel ab und schlägt ein neues auf. Die gedämpfte Welt der Familie Hossner, die in klassischer Vorgabe aus der jungen Witwe und ihrem empfindsamen und deshalb nicht geschäftstüchtigen Schwager besteht, nimmt den ganzen Raum ein. Kristina Nel mimt die gleichgültige und weitgehend unbeeindruckte Hinterbliebene mit kühler Distanz, während Wolf Roth einen angenehmen Charakter zeichnet, dem man einiges zutraut und alles glauben möchte. Seltsam, dass bereits in der vierten Folge nach "Manuels Pflegerin" erneut das Motiv des vom Bruder versehentlich überfahrenen Mannes (diesmal mit Prothese) auftaucht. Leider wird versäumt, die Spannung auf das Mordmotiv zu lenken. Stattdessen täuscht man eine Bedrohung von Lena Kussloff vor, die bei der (nur zu diesem Zwecke ins Leben gerufenen) neuen Flamme von Oberinspektor Derrick untergebracht werden muss. Ohnehin stört Margot Medicus die Handlung weitaus mehr als es Johanna von Koczian in zwei früheren Folgen tat. Die Unterweltkneipe - ja, Gubanov, die gibt es nicht nur im "Kommissar"! - wird wieder einmal strapaziert und zaubert einen farblosen Gesellen hervor, der am Ende untertauchen muss. Weshalb Georg Hossner ermordet wurde, bleibt unklar. Der Vorhang fällt und alle Fragen offen.....

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

02.02.2013 16:09
#532 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Ein Mörder zu wenig" (Folge 116)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Karin Baal, Dirk Dautzenberg, Wolfgang Wahl, Hans Brenner, Volker Eckstein, Andreas Voss, Sepp Wäsche, Paula Braend u.a. - Regie: Alfred Vohrer

Walter Kramer und Alois Bracht arbeiten seit vielen Jahren zusammen in einem Münchner Wasserwerk. Kramer, der von seiner Frau Marianne getrennt lebt, ist ein leidenschaftlicher Lottospieler und überredet Bracht, es auch einmal zu probieren. Dieser füllt den Schein mit seinem Geburtstagdatum und dem seiner verstorbenen Frau aus. Kramer verspricht, das Formular für seinen Kollegen abzugeben. Tage später steht Alois Bracht aufgeregt vor der Tür von Walter Kramer: Seine Zahlen wurden gezogen, er hat sechs Richtige! Doch Kramer beansprucht den Gewinn für sich, da sein Sohn seinen Namen auf dem Schein eingetragen hat. Es kommt zu einem erbitterten Streit zwischen den Männern. Am nächsten Tag erscheint Kramer nicht an seinem Arbeitsplatz. Man findet ihn tot in seiner Wohnung. Jemand hat ihn erwürgt.....

Alfred Vohrer inszeniert die Geschichte um eine enttäuschte Männerfreundschaft geradlinig und schwungvoll. Immer wieder stellt er sich und dem Publikum die Frage, ob es eine moralische Verpflichtung gibt, die über der Rechtmäßigkeit des Gesetzes steht, dem nach den Vorschriften der staatlichen Lotteriegesellschaft in korrekter Weise Genüge getan worden ist. Selbst Derrick und Klein engagieren sich mit Verve in dieser Sache und betonen den Betrug, der an Alois Bracht begangen worden ist. So scheint der Fall bereits nach zwanzig Minuten entschieden zu sein; nur einer kommt für den Mord in Frage: der um seinen Gewinn gebrachte Bracht. Die Tatsache, dass er leugnet, den Schein selbst ausgefüllt zu haben, spricht für seine Täterschaft, in die im Laufe der Ermittlungen auch sein Stiefsohn hineingezogen wird.
Die Rollen der beiden Sturköpfe, die mit Beharrlichkeit an Familie, Geld und Meinungshoheit festhalten, wurden mit Wahl und Dautzenberg bestens besetzt. Vor allem Wolfgang Wahl kann in der kurzen Zeit den Wandel von Hilfsbereitschaft und Kameradschaftlichkeit zu purem Egoismus und Kaltblütigkeit nachvollziehbar machen. Eine nicht minder interessante Figur ist Marianne Kramer, die von Karin Baal ebenso vielschichtig angelegt wurde. Kann sie anfangs den unerwarteten Geldregen nicht fassen, so leistet sie sich bald Extravaganzen und stellt sich am Ende als vorausschauend, listig und umsichtig dar. Selbst Derrick muss vor dieser Frau den Hut ziehen, nicht um ihr Ehrerbietung zu erweisen, sondern aus weitaus prosaischeren Gründen, die sich im zunächst seltsam anmutenden Titel der Episode erklären.
Geheimnisumwittert wie eh und je rückt Volker Eckstein (hier zusammen mit seiner Ehefrau Karin Baal, leider in keiner gemeinsamen Szene) in den Mittelpunkt des Verdachts; Hans Brenner in einer halbwegs seriösen Rolle grimassiert und palavert gewohnt pseudocharmant drauf los.
Eine rundum gelungene Episode, in der banale Zufälle für die Eröffnung neuer Perspektiven sorgen und das Leben dreier Parteien gehörig in Aufruhr bringen. Vohrer erzählt vom Wert eines Versprechens, der Bedeutung von Verlässlichkeit und Vertrauen und der Macht und Faszination des Geldes, die 1,5 Millionen Mark zum Herrscher über Leben und Tod machen.

Gubanov ( gelöscht )
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03.02.2013 14:00
#533 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Ein Mörder zu wenig

Episode 116 der TV-Kriminalserie, BRD 1984. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Karin Baal (Marianne Kramer), Wolfgang Wahl (Walter Kramer), Andreas Voss (Holger Kramer), Hans Brenner (Herr Diehl), Dirk Dautzenberg (Alois Bracht), Volker Eckstein (Alfons Bracht), Sepp Wäsche, Anton Feichtner u.a. Erstsendung: 20. Juli 1984, ZDF.

Zitat von Derrick: Ein Mörder zu wenig
Ist es denn zu fassen? Alois Bracht starrt entgeistert auf die Zeitung. Er hat sechs Richtige im Lotto! 1,5 Millionen Mark! Da ist nur noch ein Haken: Bracht übergab den Schein seinem Freund Kramer zur Abgabe an der Lottostelle. Und dieser beharrt nun darauf, dass das Geld ihm gehöre, weil Bracht seinen Namen nicht unter dem Tipp vermerkt hätte. Dass diese Aktion nicht gut für Kramers Karma ist, liegt auf der Hand. Und Kramer bald tot in seiner Wohnung.


Bei Geld hört jede Freundschaft auf. Ein Bonmot, das selten so zutraf wie hier. Obwohl nominell im Recht, übergeht Walter Kramer seine jahrelange Kameradschaft mit Alois Bracht ohne ein Wimpernzucken, um sich in den Besitz des lang ersehnten großen Geldes zu setzen. Natürlich muss man ihm zugestehen, dass er sich die Umstände nicht ausgesucht und auf einen Betrug spekuliert hat, doch trotzdem regen sein Vorgehen und vor allem die kalte Schulter, an die er seinen Freund alsgleich auflaufen lässt, den Widerwillen des empathischen Zuschauers.

Mit satten 20 Minuten, die bis zum ersten Auftritt Derricks vergehen, zählt „Ein Mörder zu wenig“, der besser einen Titel aus der Welt des staatlichen Glücksspiels verpasst bekommen hätte, zu den Folgen mit der längsten Vorgeschichte. Doch jede Minute ist gut angelegt, denn nicht nur bietet die Sendezeitverlagerung Raum für neue Konzepte, auch fördert sie die Güte der Story, die weit weniger platt daherkommt als im direkten Vorgänger „Ein Spiel mit dem Tod“. Die Protagonisten sind diesmal voller Leben und Empfindungen, wobei Selbstsucht auf der einen und Enttäuschung auf der anderen Seite die vorherrschenden Triebfedern sind. Einigen Beteiligten wird sogar zugebilligt, sich zu entwickeln und im Laufe der Ermittlungen mehrere Gesichter zu zeigen, was zu einer überraschenden Auflösung weitab vom ersten und offensichtlichen Verdacht führt.

Die Ermittlungen, die sich an die lange Einführung anschließen, sind von methodischem Vorgehen geprägt und erfolgen rasch, sodass dem mit einem Wissensvorsprung gegenüber Derrick gesegneten Zuschauer immer gerade noch die Zeit bleibt, eine neue Spur vorauszuahnen, bevor sie dann auch schon von Stephan und Harry in die Akten aufgenommen wird. Bewegt sich bis kurz vor Schluss noch alles in eindeutigen Bahnen, so lässt das doppelbödige Spiel einer gewissen Person am Ende kaum Zweifel, dass der Gerechtigkeit in diesem Fall nur zum Teil Genüge getan wird. Das ist jedoch nicht weiter schlimm, da eine Verantwortung für Mord, wenn sie denn durchgesetzt würde, noch weiteren Schaden anrichten würde. Sicher sieht der Oberinspektor nicht zuletzt aus familiären Gründen davon ab, auch noch den Mörder zu fangen, den er bisher zu wenig im Netz hat.

Amüsant ist der Vergleich von „Ein Mörder zu wenig“ mit Folge 115. Nachdem ich die beiden recht zeitnah hintereinander sah, fiel mir ein spannendes Paradoxon auf, das ich bereits in der letzten Besprechung angedeutet habe: „Ein Spiel mit dem Tod“ verfügt in der Theorie über eine klasse Besetzung plus tollem Regisseur, während ihr Nachfolger in einem Cast beinah alle drögen Wiederholungstäter aus dem Ringelmann-Keller versammelt und trotzdem viel mehr überzeugt. Gerade Dirk Dautzenberg ist diesmal ganz stark, aber auch gegen Volker Eckstein kann nichts eingewendet werden. Seine Gattin Karin Baal ist sowieso überzeugend wie immer und Wolfgang Wahl hat bereits im „Kanal“ unter Beweis gestellt, dass er gut herumekeln kann.

Am Ende kommt es eben doch auf den Plot an: Ausgefeilt und lebensnah, intrigant und mit versteckten Hinweisen – „Ein Mörder zu wenig“ erfreut mit Esprit und einer Geschichte, die sich so sicher auch tatsächlich einmal zugetragen haben könnte. Die schauspielerischen Leistungen bewegen sich auf hohem Niveau; nur der lange kryptische, am Ende etwas verräterische Episodentitel bietet Anlass, hier ein zweifelndes Wort zu verlieren. Gute 4,5 von 5 Punkten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

03.02.2013 21:02
#534 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Angriff aus dem Dunkel" (Folge 117)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Birgit Doll, Eberhard Harnoncourt, Babett Arens, Margot Medicus, Eva Kotthaus, Anton Diffring, Hannelore Schroth, Erland Erlandsen, Konrad Georg, Balduin Baas u.a. - Regie: Jürgen Goslar

Ute Reiners erhält seit Tagen seltsame Telefonanrufe. Ein Mann fragt nach ihrem Namen und hängt dann ein. Eines Abends bekommt sie Besuch von einer Freundin, als es an der Tür klingelt. Vor dem Haus steht jemand, der sich als Kunde der Buchhandlung ausgibt, in der sie beschäftigt ist. Ute und ihre Freundin gehen auf die Straße, doch der Mann ist verschwunden. Als Utes Bekannte in ihren Wagen steigen will, um wegzufahren, wird sie von einem Auto überrollt. Ein Nachbar alarmiert die Mordkommission und Harry Klein wird beauftragt, Ute zu beschützen.....

Der Einbruch einer unerklärlichen Bedrohung in den Alltag einer Durchschnittsfrau stellt Derrick und Klein diesmal vor eine schwere Aufgabe. Zunächst sieht es aus, als gäbe es absolut keinen Grund, die Bibliothekarin, die sich ihren Lebensunterhalt als Buchhändlerin verdient, zu töten. Alleinstehend, unauffällig und ohne finanzielle Anreize bietet Ute Reiners keine Angriffsfläche für Mörder, die aus einem fahrenden Auto schießen. Der Rätselfaktor bedingt, dass die Episode spannend und ungewöhnlich beginnt, da die üblichen Faktoren wie Eifersucht, Rache oder Gewinnabsichten fehlen.
Die Szene, in der Derrick und Klein einen Mordanschlag auf Ute verhindern, indem sie die Frau in einer klirrend kalten Winternacht aus der Schusslinie der unbekannten Täter ziehen, zählt zu den Höhepunkten der Episode. Sobald jedoch das Motiv für Utes Ermordung ans Licht kommt, fällt der Spannungsbogen rapide ab. Die Mitglieder der Familie Scherer und ihre Hintermänner sorgen für ein Augenrollen, das sonst nur Meister Gubanov pflegt. Mit Ausnahme des aufgeregten, unschuldig wirkenden Eberhard Harnoncourt, handelt es sich um eine Bande des Schreckens, die sich wieder einmal in der berühmten verräucherten Reinecker-Kneipe zum Ausbaldowern lukrativer Possibilitäten trifft. Konrad Georg spukt wie weiland "die Galgenhand" durch die Szenerie, zunächst durch den Hugendubel am Marienplatz, dann durch die besagte Gaststätte. Irgendwann wird dem Zuseher der Tanz zuviel und er sehnt sich nach dem Ende, das nicht nur für den todkranken Scherer nach einer Stunde kommt. Glanzpunkte kann Hannelore Schroth in ihrer Rolle als Hausdame setzen; Birgit Doll bleibt erdig und wirkt neben der aufgedonnerten Margot Medicus in deren Villa mit zitronengelben Treppenläufern wie die sprichwörtliche alte Jungfer aus dem Bildungsberuf. In ihrem zweiten und letzten Auftritt muss Ariane erneut eine vom Tod bedrohte Frau bei sich beherbergen, erntet dafür aber wenigsten ein Küsschen vom fürsorglichen Kavalier Derrick. Ohnehin wird die Innenarchitektin ihren eigenen Weg gehen und nur manchmal mit einem Seufzer an die schönen Musik- und Restaurantabende mit dem vielbeschäftigten Oberinspektor denken.
Leider entgleitet dem sonst meist für Hochspannung garantierenden Regisseur im Finale ein wenig die Oberhand; man muss allerdings zu seiner Entschuldigung anführen, dass es wieder einmal Fehlbesetzungen und Drehbuchschwächen gibt.

Percy Lister Offline



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06.02.2013 21:24
#535 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Ende einer Sehnsucht" (Folge 118)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Norbert Kappen, Marion Martienzen, Pascal Breuer, Gaby Dohm, Andras Fricsay, Karl Renar u.a. - Regie: Michael Braun

Kommissar Merck vom Betrugsdezernat besucht eine billige Pension, um den Mann zu sprechen, der gerade mit seiner Tochter Irene ein Jahr lang durch Indien und Griechenland gereist ist. Er war in Geldverlegenheiten und wollte, dass Irene ihm hilft. Als Merck das Zimmer betritt, liegt der junge Mann neben seinem Bett. Jemand hat ihm eine volle Whiskeyflasche auf den Kopf geschlagen.....

Ist es ein Zufall, dass Indien ein schlechtes Omen für "Derrick"-Folgen darstellt? Immer, wenn das südasiatische Agrarland in einer Folge der Münchner Erfolgsserie Erwähnung findet, erwartet den Zuseher eine durchwachsene Geschichte. War "Kalkutta" durch die Riege der brillanten Darsteller noch spannend und nachvollziehbar, so kippte die Stimmung bereits in "Die kleine Ahrens" und sorgt nun in "Ende einer Sehnsucht" für einen totalen Reinfall. Von Anfang an beäugt man den nuschelnden Norbert Kappen mit Argwohn, nimmt Karl Renars Stundenbude mit der Gleichgültigkeit des erprobten "Kommissar"-Zuschauers wahr und resigniert vollends, als einem Marion Martienzen als hochgewachsene Schönheit untergejubelt werden soll. Der Etikettenschwindel hält nicht lange an, denn spätestens, wenn von einem Guru und alles umfassender Liebe die Rede ist, richtet sich das Publikum auf den üblichen Schmonzes aus Halluzinogenen und Promiskuität ein - "Hair" lässt grüßen. Doch wo beim 1977-Musical wenigstens Blumenketten und wallende Kleider für ein buntes Allerlei sorgen, gähnt in "Ende einer Sehnsucht" graue Langeweile, die auch durch den selbstironischen Gitarristen nicht durchbrochen wird. Im Gegenteil: Selten sieht man den Oberinspektor so hilflos wie im Anspielen gegen Reineckers Drehbuch. Manchmal hat man sogar das Gefühl, als improvisierten die Schauspieler. Einzig Gaby Dohm als Ruth Palmer bringt ein wenig Farbe ins Geschehen. Ihre warmherzige Ausstrahlung hilft, über den Nonsens hinwegzusehen, den auch sie gebetmühlenartig herunterspulen muss.
In puncto Musik, Frisuren und Kleidung wartet die Episode mit dem Schlechtesten auf, das die ohnehin geschmacklosen Achtziger Jahre zu bieten haben. Harry Klein wirkt angesichts des forschen Vorgehens von Kollege Merck ziemlich an den Rand gedrängt und gegen Ende fast verzweifelt. Es steht dem Zuseher deshalb frei, zu urteilen, ob seine Tränen während des Geständnisses der Vorgeschichte gelten oder der misslungenen Kooperation von Reinecker und Michael Braun.

Percy Lister Offline



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09.02.2013 16:20
#536 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Gangster haben andere Spielregeln" (Folge 119)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Evelyn Opela, Hans Korte, Klausjürgen Wussow, Jan Niklas, Sissy Höfferer, Günther Ungeheuer, Peter Böhlke, Udo Thomer u.a. - Regie: Alfred Vohrer

Der Biologiestudent Roland Lieboth arbeitet in einem Forschungsinstitut, um zu lernen und erste Erfahrungen zu sammeln. Eines Abends wird er von Dr. Blunk, einem ehemaligen Mitarbeiter von Professor Balthaus, angesprochen. Dieser bietet ihm 5000 DM, wenn er vertrauliche Unterlagen aus dem Haus des Professors entwendet. Es geht um einen Wissensvorsprung auf dem Gebiet der Pharmakologie, der für die Konkurrenz Millionen wert ist. Alles läuft rund, bis Ruth Balthaus, die Ehefrau des Professors, vorzeitig nach Hause kommt und den Eindringling stellt. Kurze Zeit später wird Roland Lieboth erschossen in der City-Garage aufgefunden.....

Die Welt der Forschung bietet immer wieder Anlass für Verbrechen und bisher garantierte dieser Hintergrund immer für gehobene Spannung, sei es in "Der L-Faktor", "Zeuge Yurowski" oder erst kürzlich in "Dr. Römer und der Mann des Jahres". Für Geheimdokumente, die für den Laien wertlos sind, für den Kenner jedoch unschätzbaren Wert haben, interessieren sich sowohl die Mitbewerber des Unternehmens, als auch fremde Mächte. So entwickeln die Episoden, die sich mit diesem Thema befassen, den unheimlichen Charme der Welt der Spionage, die aus nebulösen Hintermännern besteht und sich dem polizeilichen Zugriff meist geschickt entzieht. Die Protagonisten dieser Folge stehen ebenfalls für eine "Highbrow"-Atmosphäre; der finstere Hans Korte, die elegante Evelyn Opela, der kühle Klausjürgen Wussow und der distanzierte Günther Ungeheuer. Zwei Paarbeziehungen dominieren den Plot: die junge Liebe zwischen Niklas und Höfferer und die schal gewordene Ehe zwischen Korte und Opela. So sind die Gründe für das Verbrechen nicht vordergründig in der materiellen Bereicherung zu suchen, sondern im Bedürfnis, sich zu behaupten, dem Partner zu schaden oder zu nützen und dem Wunsch nach Unabhängigkeit von privaten oder beruflichen Einschränkungen durch Personen, die am längeren Hebel sitzen. Bezeichnenderweise gelingt Opela fast, was Niklas vergeblich versuchte; Alfred Vohrer lässt keinen Zweifel, wem seine Sympathie gilt. Es ist die dynamische, eigenwillige und selbständige Frau, die für ihre Freiheit kämpft und die starre Struktur ihrer Ehe verlassen will. Ernüchterte Erfahrung siegt über junge Verliebtheit, auch, weil der Student impulsiv handelt und sich über die Tragweite seiner Entscheidung nicht im Klaren ist. Günther Ungeheuer wird von Regie-Altmeister Vohrer sehr dosiert eingesetzt, womit er ihm einen guten Dienst erweist, denn die großen Tage des Mimen mit dem markanten Gesicht sind vorbei. Um beeindrucken zu können, muss er sich rar machen. Klausjürgen Wussow wirkt ein wenig unsicher, ich vermisste die Souveränität in den Auftaktverhandlungen - sein Spiel ist jedoch vermutlich seiner Rolle als Gelegenheitstrinker geschuldet. Umso mehr freuten mich Korte und Opela - als Ehepaar eine Wucht! Der gebürtige Bochumer konnte mich bisher immer überzeugen und die Gattin von Helmuth Ringelmann bringt neben ihrer damenhaften Schönheit auch Stolz und Durchsetzungsvermögen mit - beides setzt sie punktgenau ein.
Um es mit einem Namensvetter des Regisseurs zu sagen: Die Papiere sind nur ein MacGuffin - in Wahrheit geht es um menschliche Beziehungen (Alfred Hitchcock).

Percy Lister Offline



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10.02.2013 14:38
#537 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Das seltsame Leben des Herrn Richter" (Folge 120)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Klaus Behrendt, Edwin Noel, Christa Berndl, Klaus Höhne, Peter Bertram, Mijou Kovacs, Alf Marholm, Christiane Hammacher, Hilde Volk u.a. - Regie: Theodor Grädler

Martin Richter fühlt sich bedroht. Der Versicherungsvertreter ruft seinen Sohn Manfred in der Schule an und bittet ihn, nach Oberschleißheim nördlich von München zu kommen. Dort wartet er in der Gaststätte seiner Freundin Beate Haginger auf ihn. Als er merkt, dass seine Verfolger den Zufluchtsort kennen, flieht er in den Schlosspark, wo er hinterrücks mit fünf Schüssen niedergestreckt wird. Die Ermittlungen ergeben, dass Richter zwei Haushalte unterhielt und bereits vor einem halben Jahr seine Arbeit verloren hat. Dennoch ging es ihm seitdem besser als je zuvor. Offensichtlich war er in illegale Geschäfte verwickelt, mit denen er eine Yacht und seine Wohnung finanzierte. Seltsamerweise scheinen weder seine Geliebte, noch sein Freund Dr. Kuhn etwas davon zu wissen....

Klaus Behrendt in einer Hauptrolle ist für den Zuseher immer schwer zu ertragen. Zu oft schon sah man ihn in abgewrackten Trinkerrollen, als verzweifelten Außenseiter zwischen Kleinkriminellen und großen Gaunern. Sein Katz- und Mausspiel mit den Männern im schwarzen Wagen hält das Publikum bei Laune und verkürzt die lange Spanne bis zum ersten Auftritt Derricks. Die Rolle des in die Enge getriebenen Mannes steht ihm gut zu Gesicht, die des Genießers weniger. Umsomehr kann sich Klaus Höhne in diesem Milieu profilieren. Die Welt der Segelboote und Golfclubs passt besser zu ihm als zum zerfahrenen Behrendt. Zum ersten Mal innerhalb seiner "Derrick"- Gastspiele kann Edwin Noel überzeugen, der den Lehrer in Jeans und Turnschuhen ebenso lebendig darstellt wie den trauernden Sohn, der nach und nach vom Zweitleben seines Vaters erfährt und darüber zwar erstaunt und erschrocken ist, aber nicht mit moralischen Vorwürfen aufwartet.
Relativ spät bekommt man die Drahtzieher und das Motiv geliefert, nachdem die ehemaligen Kollegen Richters wie in einer Gerichtsverhandlung die Gründe für seine Entlassung (und sein gewaltsames Ableben) auseinanderpflücken. Der wegen seines südländischen Aussehens auf Italienerrollen abonnierte Peter Bertram darf sich im Finale mit seinen Kollegen in ungewöhnlichen "Derrick"-Aufnahmen wiederfinden, die dem Ambiente und der Polizeihoheit an Land, zu Wasser und in der Luft entsprechen und den spürbaren Mief, den die Episode ausstrahlt, wegspülen sollen. Dafür ist es aber zu spät, denn auch wenn die schönen Grünflächen außerhalb der bayerischen Landeshauptstadt zentral ins Bild gerückt werden und Max Greger jun. flotte Rhythmen spielt, kommt die skrupellose Anführerin Mijou Kovacs, die der Folge sicher Farbe verliehen hätte, zu kurz. Die Folge verharrt deshalb im Mittelfeld.

Gubanov ( gelöscht )
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12.02.2013 23:37
#538 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Angriff aus dem Dunkel

Episode 117 der TV-Kriminalserie, BRD 1984. Regie: Jürgen Goslar. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Birgit Doll (Ute Reiners), Babett Arens (Conny Kessler), Margot Medicus (Ariane), Eva Kotthaus (Frau Scherer), Anton Diffring (Herr Scherer), Hannelore Schroth (Frau Rootz), Eberhard Harnoncourt (Arthur Scherer), Erland Erlandsen (Albert Scherer) u.a. Erstsendung: 10. August 1984, ZDF.

Zitat von Derrick: Angriff aus dem Dunkel
Woher kommt die plötzliche Bedrohung, der sich die Buchhändlerin Ute Reiners ausgesetzt sieht? Mehrere Mordanschläge auf sie verfehlen ihr Ziel – dabei gibt es eigentlich keinen nachvollziehbaren Grund, warum es Killer auf sie abgesehen haben können. Wirklich nicht? Da ist ein kranker, alter Mann, der Ute unbedingt sehen will. Derrick ist sich sicher: Dieser Fremde birgt den Schlüssel zum Geheimnis.


Die Besprechung enthält Spoiler.

Die Ausgangssituation dieses 117. „Derricks“ erinnert nicht von ungefähr an eine Mischung aus der früheren Folge „Besuch aus New York“ und dem Edgar-Wallace-Klassiker „Die seltsame Gräfin“. Während man in letzterem aber mit der Faszination schwarzweißer Gruseltechnik und bekannter Kinostars spielen konnte, fällt „Angriff aus dem Dunkel“ zunächst doch ziemlich ab, was nicht zuletzt an langen, tristen Szenen in Ute Reiners’ nichtssagender Wohnung und dem typischen Straßenduster Münchner Nächte liegt. Obwohl Jürgen Goslar hinter der Kamera stand, gelang es ihm nicht, aus den Anschlägen wirklich passable Spannungsmomente zu schaffen. Seine Arbeit mit einer Fotoinstallation erinnert an den Stil Alfred Weidenmanns, wird aber im Rest der Episode nicht mehr aufgegriffen.

Obwohl Birgit Doll eine sehr starke Interpretation einer modernen Frau vorführt, bleibt das Interesse an ihrem Schicksal verhalten, wenngleich auf nicht ganz so niedrigem Niveau wie bei Leonie Thelen in Derricks sechzigstem Fall. Die Profanität der Geschichte gewinnt hier die Oberhand. Das große Geheimnis, dass der alte Scherer Utes Vater ist, ist vom ersten Moment seiner Erwähnung offensichtlich, sodass man sich über die Naivität der Handlungsträger ebenso wundert wie über die offensichtliche Schuld der Täter.

Zitat von Andreas Quetsch: Der Mensch und die Moral, in „Augenblick 30: Gesetz & Moral – Öffentlich-rechtliche Kommissare“, Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, 1999, S. 39
In „Angriff aus dem Dunkel“ (117/1984) zum Beispiel liegt dem Motiv ein niederer Instikt zugrunde, die Befriedigung der Geldgier: Der Neffe eines im Sterben liegenden reichen Mannes trachtet nach dem Leben der unehelichen und bisher geheimgehaltenen Tochter, die in der Erbfolge vor ihm stehen würde. In Fällen wie diesem ist der Mord die logische Konsequenz einer starken kriminellen Energie oder Teil eines umfassenden Plans. Ein entsprechender Täter ist gleichgültig gegenüber dem Leben, achtet nicht auf Mitmenschen, auf Werte, er ist kaltblütig und ohne tiefergehende Empfindungen. In einer solchen Figur spiegelt sich der zunehmende Werteverlust und die damit einhergehende, vieldiskutierte Verrohung der modernen Gesellschaft, in der das Verbrechen sich auszuzahlen scheint.


Neben deren Werteverlust scheint sich Reinecker auch mit der Leichtfertigkeit solcher Verbrecher auseinandergesetzt zu haben, denn die verantwortlichen Personen machen aus ihren Absichten keinen Hehl, sodass Derrick sie beim ersten Besuch in der Wohnung des Scherer-Bruders sofort durchschaut. So bleibt es an den beteiligten Frauen hängen, dem „Angriff aus dem Dunkel“ eine gewisse Faszination zu verleihen. Neben Doll tut sich in dieser Absicht auch Hannelore Schroth äußerst wohltuend hervor, die einen verkappten und exzentrischen Auftritt als Hausdame in diskreter Vertrauensstellung absolviert und eine gewisse altjüngferliche Würde mit Löffeln gefuttert zu haben scheint. Leider blieb Schroth kein weiterer „Derrick“-Auftritt vergönnt – dabei hätte sie als diabolische Gegnerin den Oberinspektor sicher gehörig herausfordern können.

Schlussendlich ist da auch noch Margot Medicus zu nennen, die Johanna von Koczians leidvolle Nachfolge als Derricks zeitweilige Herzdame antrat. Wie auch ihre Vorgängerin hielt es Medicus, bei der es sich um niemand anderen als die unterdessen verheiratete Margot Philipp („Hafenpolizei“, „Wanninger“) handelt, nur für zwei Episoden bei ihrer Bekanntschaft. Warum sie keinen dauerhaften Erfolg in der Rolle feiern konnte, weiß Medicus selbst:

Zitat von Derrick ha acciuffato una donna!, Libero.it, 9. Oktober 2009, Quelle
Nur zwischen 1983 und 1984 tritt eine neue Partnerin flüchtig in Erscheinung: Diesmal ist es die Schauspielerin Margot Medicus, die als Innenarchitektin Ariane mit Stephan in den Fällen „Ein Spiel mit dem Tod“ und „Angriff aus dem Dunkel“ liebäugelt. Medicus erinnert sich: „Das weibliche Publikum hat niemals akzeptiert, dass eine Frau an Stephans Seite steht. Ich entsinne mich eines Briefs zweier Schweizerinnen, die sehr eifersüchtig auf ihren Lieblingsinspektor waren und mir schrieben, die Figur der Ariane möge aus der Serie entfernt werden, z.B. indem sie stirbt. Sie wollten, dass ich Derrick in Ruhe lasse.“


Immerhin einer sah die Erfrischung für den Mann hinter dem polizeilichen Pokerface aber positiv:

Zitat von Derrick ha acciuffato una donna!, Libero.it, 9. Oktober 2009, Quelle
Im November 1983 titelte die Bild: „Endlich! Derrick hat eine Frau erwischt“.


Ein weiterer „Derrick“ fürs Mittelfeld. Der unausgegorene Plot wärmt stereotype Handlungsweisen aus der Krimimottenkiste ohne ausreichend komplizierte Verschleierung wieder auf. Der Reiz liegt folglich ganz bei den Damen, die Stephan Derrick in gewohnt galanter Weise zur Seite schiebt, um ab der nächsten Folge wieder auf sich und seine unbeeinflusste Objektivität gestellt zu sein. 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
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13.02.2013 15:51
#539 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Ende einer Sehnsucht

Episode 118 der TV-Kriminalserie, BRD 1984. Regie: Michael Braun. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Norbert Kappen (Herr Merck), Pascal Breuer (Alwin Merck), Margot Martienzen (Irene Merck), Gaby Dohm (Ruth Palmer), Andras Fricsay (Gitarrist), Willy Schäfer (Berger), Karl Renar, Horst Reichel u.a. Erstsendung: 31. August 1984, ZDF.

Zitat von Derrick: Ende einer Sehnsucht
Was macht ein Polizist im Stundenhotel? Vorzugsweise stolpert er über Leichen – eine Formulierung, die Derrick misstrauisch gegenüber seinem Kollegen macht. Und tatsächlich stellt sich heraus, dass Merck vom Betrugsdezernat es selbst mit ein paar kleinen Betrügereien vor dem Oberinspektor probiert. Natürlich kommt er damit nicht durch, denn auch wenn man es Derrick nicht ansieht: Im Milieu kennt er sich schon bestens aus ...


Über das abgehalfterte Setting könnte man noch hinwegblicken und sagen: Ich wollte mich schon seit Langem wieder an urige, alte „Kommissar“-Zeiten erinnert fühlen. Was Herbert Reinecker und Michael Braun allerdings in dieser Episode zuwege brachten, ist sogar unter dem Niveau der an sich schon eher zweifelhaften Pension Flora anzusiedeln. In zähen 59 Minuten entwickelt sich die Geschichte einer unerfüllten Suche und eines moralischen Verfalls, die der Dauerautor auf diese und bessere Weisen schon unzählige Male benutzt hatte. Drogen und Sex – dass manche Zuschauer etwas mehr von einer gelungenen Abendunterhaltung erwarten, kam für die Beteiligten vielleicht überraschend ...

Michael Braun untermauert in seiner letzten krimibezogenen Arbeit für Helmut Ringelmann noch einmal den bisher schon gewonnenen Eindruck, dass er mit dem hohen inszenatorischen Standard, den „Derrick“-Episoden verlangten, völlig überfordert und im Vorabendbereich doch wesentlich besser aufgehoben war. Die Tatsache, dass sein „Untermieter“ durchaus ansehnlich geriet, ist einem überaus starken Script und der einmaligen Präsenz Peter Kuipers zu verdanken. Ansonsten ist Braun, obwohl er nur drei (!) Episoden drehte, der einzige Regisseur auf meiner Derrick-Liste, der seine Verpflichtungen zweimal so arg in den Sand setzte, dass ich nur 2 Punkte vergeben kann.

Vieles, was die Protagonisten von sich geben, klingt wenig glaubhaft – den reineckereskesten Part hat allerdings Gaby Dohm als hochgestochene Soziologin abgegriffen. Sätze wie „Alle waren mit jedem befreundet – es hatte sich eine Gemeinschaft gebildet, die jeden umfasste, im Sinne von sich bergen, geborgen sein, eines Sinnes sein“ lassen – gelinde gesprochen – vermuten, dass die Gagen bei der Telenova-Film nicht gerade niedrig waren. Mit zwei seltsamen Auftritten hat man es auch bei Norbert Kappen und Andras Fricsay zu tun. Während Fricsay nach alter Wüstlingsmanier kräftig auf die Pauke haut, das Polizeibüro gehörig aufmischt und so immerhin für ein paar verzweifelte Schmunzler sorgt, fällt Kappen durch seine fahrige, desinteressierte Art negativ auf. Er bereitete der Folge jedoch die größten Schlagzeilen, denn zwei Tage vor der Uraufführung beging er Selbstmord. Die Beweggründe für diese Handlung ans Licht zu bringen, wäre sicher spannender, als sich durch das „Ende einer Sehnsucht“ zu quälen.

Wie wenig eine 08/15-Besetzung in unmotivierten Rollen gegen ein schmuckloses Drehbuch und eine schwache Regie anspielen kann, ist schon irgendwie erschreckend. Wie bereits angekündigt, bleibt es bei 2 von 5 Punkten für diese ganz wahrscheinliche rote Laterne der „Derrick“-Collector’s-Box 8. Gut, dass man wenigstens noch immer auf Tappert und Wepper zählen kann und auch die Musik nicht ganz uninteressant ausfällt.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

13.02.2013 22:10
#540 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Gangster haben andere Spielregeln

Episode 119 der TV-Kriminalserie, BRD 1984. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Hans Korte (Professor Balthaus), Evelyn Opela (Ruth Balthaus), Klausjürgen Wussow (Dr. Blunk), Jan Niklas (Roland Lieboth), Sissy Höfferer (Maria Tobler), Günther Ungeheuer (Herr Bools), Udo Thomer, Peter Böhlke u.a. Erstsendung: 14. September 1984, ZDF.

Zitat von Derrick: Gangster haben andere Spielregeln
Trotz Studiums und hervorragender Fachkenntnisse kommt Roland Lieboth über Handlangertätigkeiten in einem Biologiekonzern nicht hinaus. Zumindest solange nicht, bis ihm ein ehemaliger Kollege ein verlockendes Angebot macht: schnelles Geld ohne viel Arbeit. Aber gefährlich ist es, denn am nächsten Tag liegt Lieboth tot in der City-Tiefgarage. Was er nicht wusste: Gangster haben andere Spielregeln ...


Bekannterweise bin ich ein Anhänger jener Folgen, in der nicht nur lapidar ein lebloser Körper irgendwo fallen gelassen, sondern eine Geschichte um das Ende des Menschen gesponnen wird, die gleich von Anfang an den Zuschauer mit einbindet. Nicht das starre Abnicken der Kripotätigkeiten ist es, das „Derrick“ zu einer der erfolgreichsten Krimiserien gemacht hat, sondern der Mut, auch das zu zeigen, was zuvor geschieht. Das Anfangskonzept der frühen Folgen im „Columbo“-Stil bricht zwar nicht mehr ganz so exaltiert durch wie in den ersten Jahren, Reminiszenzen finden sich aber glücklicherweise immer wieder einmal – so auch in dieser Folge.

Der Grund für die Vorgeschichte ist einfach: Betriebsspionage – nicht zu verwechseln mit „echter“ Spionage, die bei „Derrick“ gern zum Reinfall wird – erfordert das Erfahren von Enttäuschung, von Konkurenz und das Knüpfen nützlicher Bande in die Reihen des Gegners. Derlei Tätigkeiten werden auch höchst selten in muffigen Hinterzimmerkneipen abgewickelt, sondern tangieren interessantere Gestalten als das Gefleuch aus der Pension Flora in der Vorgängerfolge. Das spiegelt sich in der Besetzung wider: Ausgesprochen prominent und hochqualifiziert geht es diesmal zur Sache – mit Klausjürgen Wussow als Aufhänger für die ganze Partie. Er ist das Bindeglied zwischen den Konfliktparteien und schwankt als solches zwischen entschlossener Überzeugungskraft und der eigenen Unsicherheit und Einsamkeit. Die Szenen, in denen er den Dauerstudenten (um einen solchen muss es sich handeln, denn Jan Niklas war zum Drehzeitpunkt 36 Jahre alt) von seiner Sache überzeugt und ihm wunderbar zweideutige Appetithäppchen vorsetzt, gehören ebenso wie das erste und einzige Treffen der drei Spione zu den Höhepunkten der Folge. Günther Ungeheuer hatte 1984 seine starke Periode, denn neben diesem formidablen „Derrick“-Schurken spielte er auch in der „Der Alte“-Folge „Die Tote im Schlosspark“ piekfein auf.

Doch damit nicht genug: Sind der Krug erstmal zerbrochen und das Wasser verschüttet, wendet sich die Aufmerksamkeit plötzlich dem Geschädigten zu, der sich selbst als nicht gerade liebenswerte Person entpuppt: Hans Korte, unleidlich und geschäftsmännisch veranlagt wie eh und je, treibt mit dem als Professor Balthaus zur Schau gestellten Chauvinismus seine Filmgattin aus seinem Leben und auf die Barrikaden. Evelyn Opela eignet sich bestens für diese Rolle, denn auch wenn es sich bei ihr sicher nicht um die großartigste Schauspielerin unter der Sonne handelt, so kann sie doch in allererster Linie mit ihrem Aussehen beeindrucken, das über die Jahre nicht verblasst, sondern nur umso stilvoller gereift ist. Produzent Ringelmann erkannte ihre optischen Talente (und offenbar noch mehr), denn er ehelichte sie nur zwei Jahre später. Opela ist als Racheengel unterwegs, ohne hierbei heroische oder sonstwie moralistische Positionen zu vertreten, was nicht nur Seltenheitswert hat, sondern sich auch förderlich auf den Spannungsbogen auswirkt. Alfred Vohrer hatte keine Probleme, diesen immer weiter zu steigern, bis sich die Geschichte direkt hinter dem Olympiastadion mit kurzem, aber kräftigem Krachen (und doch ohne Knall) entlädt.

Ein „Derrick“ muss das Rad nicht neu erfinden, um überzeugende Arbeit zu leisten. Ein sauberes und zurückhaltendes Drehbuch reicht schon aus, wenn man es mit Schauspielern verfilmt, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. 4,5 von 5 Punkten.

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