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Dieses Thema hat 976 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov ( gelöscht )
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07.10.2012 20:45
#466 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Hausmusik

Episode 96 der TV-Kriminalserie, BRD 1982. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Wolfgang Reichmann (Wilhelm Dettmers), Doris Schade (Frau Dettmers), Sky Dumont (Berthold Dettmers), Ute Willing (Anita Dettmers), Till Topf (Rudolf Dettmers), Franziska Bronnen (Lena Schärer), Dirk Galuba (Andreas Kober), Alf Marholm u.a. Erstsendung: 17. September 1982, ZDF.

Zitat von Derrick: Hausmusik
Herr Dettmers sieht sich von jetzt auf gleich seines ältesten Sohnes beraubt. Dieser, mutwillig überfahren von einem Unbekannten, führte ein Leben, das den alten Mann vor Rätsel stellt. Auch Stephan und Harry beißen bei ihren Ermittlungen auf Granit. Bis sich ein Wort immer klarer herauskristallisiert: „Drogenszene!“ Der geheimnisvolle Sohn handelte mit Rauschgift. Hat das vielleicht etwas mit der psychischen Krankheit seiner Mutter zu tun?


Die Besprechung enthält Spoiler.

Es ist nun wirklich nichts Neues, eine engagierte Geschichte gegen Drogenmissbrauch aus der Feder Reineckers verfolgen zu dürfen. Hat man sich also einmal kurz augenrollend gefragt, ob das Thema vielleicht zur Abwechslung auch ein halbes Jahr lang hätte ausgespart werden können, sieht man wenig gespannt, eher routiniert der Abwicklung einer Folge zu, die sehr gewöhnlich beginnt, aber gerade gen Ende hin dann doch einige wuchtige Akzente setzen kann.

Im Blickpunkt steht erneut eine Familie. Die Dettmers, einst das Abbild von Friedlichkeit, Tugend und Representativität, ein Traumbild Reineckers, einträchtig in der Wohnstube musizierend, Mann, Frau, „gut geratene Kinder“, Gottesglaube, Bescheidenheit, Verlässlichkeit. Von dieser Version der Dettmers erfährt der Zuschauer nur in stummen Rückblenden. Ihr gegenwärtiger Zustand sieht mehr als desaströs aus: Sie hat den Umstieg in die zweite Hälfte der 20. Jahrhunderts nicht verkraftet. Die Gefahren prasseln nur so auf sie ein, haben sie überwältigt. Herr Dettmers bäumt sich auf, um zumindest die Fassade des früheren Lebens aufrecht erhalten zu können. Doch dahinter ist alles zerfallen: Schicht für Schicht ziehen Reinecker und Weidenmann, dessen gemächliche Regie ich oft verdammt habe, die hier allerdings so ungeschönt draufhält, dass die vom Skript intendierte, warnende Aussage so gut wie selten sonst vermittelt wird, Kleister und Farbe ab. Was sie freilegen, baut immer weiter aufeinander auf (das Doppelleben des Sohnes, die verstörte Mutter – Doris Schade sorgt für einen sehr beklemmenden Moment) und mündet zu „guter“ Letzt in eine schockierende Entdeckung: Nicht nur ein Kind hat Herr Dettmers verloren – alle drei sind ihm durch die Finger geronnen. Die Sequenz, in der Anita und Rudolf als Süchtige gezeigt werden, verschlug mir den Atem, denn sie kommt völlig unerwartet, obschon nicht unvorbereitet oder aus der Luft gegriffen. Was sie besonders schlimm macht: Derrick ist bei der Entdeckung nicht dabei. Es fehlt der verlässliche Retter.

In Zusammenhang mit dieser ungemütlichen Wahrheit – höhnisch noch einmal mit einem Szenenzusammenschnitt kommentiert, der alle Schlüsselszenen der Folge wiederholt – mag man ein gewisses Verständnis für die Mordtat Herrn Dettmers’ aufbringen. „Hausmusik“, die traurig stimmt, hätte eine noch größere Wirkung entfaltet, hätte Dettmers auch mit dem Rest seiner Brut abgerechnet. Vielleicht jedoch erschien dem ZDF diese konsequente Vorgehensweise zu hart fürs Abendprogramm. Wolfgang Reichmanns glaubhafter Verkörperung, die sich von moralaposteliger Aufmüpfigkeit immer weiter in Richtung purer Verzweiflung entwickelt, hätte eine solche böse Wendung sicher gestanden.

Von Längen nicht verschont, thematisch uninspiriert und auch nicht sonderlich prominent besetzt. Das alles trifft auf „Hausmusik“ zu. Als überdurchschnittlich ergreifend empfand ich sie dennoch. 3,5 von 5 Punkten, die sich überraschenderweise vor allem Alfred Weidenmann verdient hat.

Gubanov ( gelöscht )
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09.10.2012 11:46
#467 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Der Mann aus Kiel

Episode 97 der TV-Kriminalserie, BRD 1982. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Edwin Marian (Karl Waginger), Heidelinde Weis (Dora Korin), Kristina Nel (Maria Korin), Peter Pasetti (Georg Korin), Hans-Jürgen Schatz (Ulrich Korin), Ingeborg Lapsien (Frau Henseler), Alf Marholm (Dr. Bruhns), Helen Vita (Pensionswirtin) u.a. Erstsendung: 15. Oktober 1982, ZDF.

Zitat von Derrick: Der Mann aus Kiel
Er kommt aus Kiel und steigt in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs in einer heruntergekommenen Pension ab. Er bestellt seine Frau in die Unterkunft. Diese folgt der Aufforderung nur widerwillig, denn sie dachte nicht, dass er sie je wieder finden würde. Ein zweites Mal hat sie geheiratet – ohne sich scheiden zu lassen. Sprengstoff, den der gerade aus dem Gefängnis entlassene Karl Waginger geschickt nutzt. Er quartiert sich bei den Korins ein und provoziert damit ein tödliches Drama.


Liest man die Inhaltsangabe, wird man schnell feststellen, dass Peter Pasetti kaum die Hauptrolle in diesem abgekarteten Spiel übernommen haben kann. Fügt man dann hinzu, dass der neue Ehemann von Dora Korin, ein reicher und distinguierter Geschäftsmann, sich nach einer Handvoll Szenen bereits von der Bildfläche verabschiedet, so verbreitet sich schnell Ernüchterung. Pasetti als Leiche – das nenne ich Verschwendung auf hohem Niveau. Den wenigen Gelegenheiten, die man ihm gab, entlockt er jedoch erneut brillante Nuancen. Er düpiert mit wenigen Worten und souveränen Gesten alle um ihn herum, demonstriert Überlegenheit und hat somit nichts mit dem ersten Mann der Frau Korin gemein, der sich nach und nach als nicht mehr als ein Häufchen Elend entpuppt.

Edwin Marian löst diese komplizierte Rollenanlage allerdings taktisch klug. An ihm hängt im Großen und Ganzen das Gelingen der Folge, denn Heidelinde Weis versprüht den Charme einer getünchten Wand: blass, kalt, nicht einmal sonderlich attraktiv. Sie pendelt zwischen einer merkwürdigen Passivität und dem damit kaum zu vereinbarenden Wunsch, alles und jeden zu besitzen und zu kontrollieren. Unverständlich – aber das liegt an Reinecker – ist ihre panische Angst nach dem Mord, die sie als schlechte Menschenkennerin ausweist und damit ihrer Rolle-in-der-Rolle als Schauspielerin die Glaubwürdigkeit nimmt.

Konzentrieren wir uns also erneut auf Marian: Der passt gut in das Bild, das man sich von einem Ex-Knacki macht, hat aber merkwürdigerweise die besten Momente, wenn er verklärt lächeln darf. Ihnen entnimmt man frühzeitig, dass unter der rauen Schale ein weicher, ja zerbrechlicher Kern steckt, der noch für einiges an Spannung sorgen wird. Und tatsächlich fesseln diesmal vor allem die Szenen, die im Büro von Stephan und Harry spielen und in denen sie die einschlägige Vergangenheit von Waginger einmal etwas genauer unter die Lupe nehmen. Sie enthüllen eine unglaubliche und nicht gerade romantische Liebesgeschichte, die an der Wurzel der ganzen Misere liegt.

Abseits des Büros bekommen wir diesmal erneut Aufnahmen vom Hochschloss Pähl, nur eine Dreiviertelstunde außerhalb der Münchner Innenstadt gelegen. Wir kennen es aus „Eine unheimlich starke Persönlichkeit“, doch hier entfaltet es dank Vohrer-Regie ähnlich wie in der „Der Alte“-Folge „Zwei Mörder“ erst seinen echten diabolischen Charme. Für „unkonventionelle“ Familienverhältnisse scheint es jedenfalls prädestiniert zu sein. Wirkung entfaltet darüber hinaus der Score von Frank Duval, der zu den besseren seiner Arbeiten zählt.

Immoralische Spielchen mit einer glitschigen Heidelinde Weis, stillem Zorn von Edwin Marian und einem frühen Ableben von Peter Pasetti. Dieser wird immerhin noch zweimal zu sehen sein, wenn auch erst wieder kurz vor den 200er-Folgen. 4 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
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09.10.2012 12:12
#468 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Ein unheimliches Erlebnis

Episode 98 der TV-Kriminalserie, BRD 1982. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Agnes Fink (Frau Engler), Michael Wittenborn (Udo Engler), Pascal Breuer (Bertie Engler), Viola Seth (Gisela Engler), Claus Biederstaedt (Answald Hohner), Louise Martini (Anita Schneider), Dirk Dautzenberg (Egon Schuster), Dieter Eppler (Immel) u.a. Erstsendung: 10. Dezember 1982, ZDF.

Zitat von Derrick: Ein unheimliches Erlebnis
Eigentlich wollten Herr Hohner und Frau Schneider nur ein paar unbeobachtete lauschige Momente in seinem Wagen verbringen, doch sie wären besser nicht auf diesen Fabrikhof gefahren. Der sorgt nämlich für eine schockierende Überraschung: Drei Männer schleppen einen Schwerverletzten durchs Scheinwerferlicht. Und sie wissen, mit den ungewollten Mitwissern umzugehen: Kurzerhand landet der Mann im Hohner’schen Auto. Die Aufforderung: „Fahren Sie ihn ins nächste Krankenhaus, sonst bringen wir Sie um.“ Doch bis dahin schaffen sie es gar nicht: Der Unbekannte stirbt schon auf dem Weg ...


Irgendwie erinnert sie an alte „Kommissar“-Zeiten, diese Folge. Die abgeschottete Welt von Gaunern und Ganoven schildert sie recht plastisch, vergisst dabei aber, den einzelnen Figuren ein echtes Leben und tatsächliche Glaubwürdigkeit einzuhauchen. Aber wie sollte das auch gelingen bei dem Klassenunterschied zwischen Hinterhoffamilie Engler und Mustermensch Reinecker?

Vater Engler also ist der Tote. Ein Gelegenheitsverbrecher mit einschlägigem Vorleben. Und das ist kein Wunder, denn auch sein privater Haushalt ist versumpft und völlig in die Schieflage geraten. Gewiss, Zusammenhalt gibt es in dieser Familie. Aber die Art und Weise, auf die dieser interpretiert wird, kann nur Unglück vorausahnen lassen. Als Hausdrachen „erfreut“ Agnes Fink, die das Schreckenspanoptikum an merkwürdigen Frauenzimmern ganz gekonnt weiterführt. Ihr Sohn, und zwar der einzige, dem sich einigermaßen ein Ausweg aus dem status quo eröffnet, soll den Täter liquidieren. Blutrache. Kein erhabenes Gerechtigkeitsgesülze (immerhin!), sondern blanke sizilianische Methoden auf Münchner Hinterhöfen. Selbstredend verläuft nicht alles so glatt, wie die Mama es sich vorstellt ...

Störend fällt zunächst einmal der unpassende Titel der Episode auf. Was Herr Hohner und Frau Schneider da erleben, ist schlicht und ergreifend kein unheimliches, sondern allein ein einschüchterndes Erlebnis. Auf Grusel verzichtet die Episode von Anfang bis Ende, sondern verlegt sich einzig auf Bedrohnung und ein Unter-Druck-setzen der Zeugen wider Willen. Und während dieses bei der nächtlichen Begegnung mit den Einbrechern noch gut zur Geltung kommt (ein wenig Nebel hätte die Situation aber wesentlich aufgewertet), verläuft es für den Rest der Episode leider im Sande. Wenn ich daran denke, was aus der Ausgangssituation hätte gemacht werden können, wenn die Ganoven Hohner und sein Liebchen zünftig terrorisiert hätten, muss ich doch ein paar imaginäre Tränchen verdrücken und anmerken, dass Claus Biederstaedt und Louise Martini eindeutig verschenkt wurden.

Stattdessen entschied man sich dazu, drei Handlungen parallel laufen zu lassen, was dazu führt, dass keine von ihnen große Sprünge macht. Am Ende überlegt man sich, wann man zuletzt eine blutärmere „Derrick“-Folge gesehen hat. Die drei verdächtigen Kegelkumpanen haben zwar alle bekannte Gesichter (Fitzek, Dautzenberg, Eppler), gewinnen jedoch kein einziges Stück Persönlichkeit, sodass es für den Zuschauer, der ihn noch nicht an seiner Stimme erkannt hat, völlig gleichgültig bleibt, wer denn nun die Nummer eins des Trios markiert. Das Finale verfehlt aus demselben Grund seine Absicht, weil man weder um das potenzielle Anschlagsopfer noch um denjenigen, der die Pistole hält, wirklich bangen muss.

Das „Derrick“-Jahr 1982 schließt mit einem Schwachpunkt. Bewertungstechnisch sind trotzdem 3 von 5 Punkten drin, denn schlechter als Vergleichsfall „Pecko“, der sich desselben Hinterhofs als Schauplatz bedient, ist diese Arbeit von Grädler dann doch wieder nicht.

Gubanov ( gelöscht )
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10.10.2012 19:00
#469 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Via Genua

Episode 99 der TV-Kriminalserie, BRD 1983. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Klaus Behrendt (Rudolf Lammers), Michael Degen (Herr Lammers), Eckhard Heise (Hans Lammers), Wolf Roth (Achim Huber), Heide Keller (Helga Lupien), Siegfried Rauch (Lusenke), Zohra Zondler (Aimée), Peter Chatel (Jean) u.a. Erstsendung: 4. Februar 1983, ZDF.

Zitat von Derrick: Via Genua
Der Tod des Import-Export-Kaufmanns Lammers kommt nicht überraschend: Mysteriöse Anrufe und ein weißer Kleintransporter verfolgten ihn in letzter Zeit. Nun wird er eines Tages im Wäschecontainer eines Hotels erschossen aufgefunden. Er hatte sich mit einem Reiseschriftsteller verabredet, dessen Bekanntschaft er in Afrika gemacht hatte. Doch was waren eigentlich Lammers’ Gründe, nach Afrika zu fahren?


„Via Genua“ beginnt schon als eine optisch sehr ansprechende Episode. In klarer Bildqualität erstrahlt die Villa des Herrn Lammers in Blau- und gedeckten Gelbtönen. Auf sie ist der Fokus der weiten Aufnahmen gerichtet. Gesichter verschwimmen in ihrem Glanz – sie sind nicht wichtig. Dass Herr Lammers von Michael Degen gespielt wurde, bleibt eine Randnotiz. In die „Derrick“-Historie wird diese Rolle nicht als „die, die von Michael Degen gespielt wurde“ eingehen, sondern als „die, die in diesem fantastischen Haus wohnte“.

Selbstverfreilich täuscht die blendende Pracht nur kurz darüber hinweg, dass Lammers für sie kaltblütig über Leichen ging. Aus Geschäften werden Verbrechen, aus Profiten Blutgeld. Reinecker betritt ein neues Terrain, indem er zum ersten Mal innerhalb der Serie thematisiert, wie Waffenschmuggel dem schwarzen Kontinent zusetzt und zu unsinnigen Gewaltexzessen führt, die an der erbärmlichen Lebensqualität der Menschen nichts, aber auch gar nichts verbessern. Die einzigen, die Gewinne am Leid der Afrikaner erzielen, sind Geschäftsmänner in Belgien, Deutschland und Italien. So international ist die schmierige Masche angelegt. Kein Wunder, dass man Lammers nichts nachweisen kann.

Es geht „Via Genua“ keine Sekunde darum, ein Whodunnit zu sein. Vielmehr sind es die schockierenden Ausmaße des Waffenhandels, die den Zuschauer am Bildschirm kleben lassen. Wolf Roth erweist sich als Idealbesetzung für das Ekel, das Lammers’ Aktivitäten fortführt, aber durch das Ableben seines Chefs selbst kalte Füße bekommt. Das ist berechtigt, denn in der zweiten Hälfte der Episode entledigt man sich seiner in einer für „Derrick“-Verhältnisse recht brutalen Variante. „Via Genua“ markierte Roths Serieneinstieg. Ich freue mich auf ein Dutzend weitere Folgen mit dem sehenswerten Darsteller, der im Prinzip das ganze Typenspektrum glaubhaft abdecken kann.

Man hört, dass die Episode im Erstausstrahlungsjahr Proteste hervorrief, weil man die Porträtierung des einzigen handlungsrelevanten Schwarzen für rassistisch hielt. Ich bin der letzte, der Reinecker fortschrittliches Denken bescheinigt, fühle aber auch fast zwanzig Jahre danach noch das dringende Bedürfnis, ihn in diesem Punkt ganz und gar in Schutz zu nehmen. Wie hanebüchen solche Vorwürfe sind, wird jeder feststellen, der die Episode von vorn bis hinten aufmerksam betrachtet. Außerdem wird derjenige eine besonders exotische Musik von Frank Duval zu hören bekommen. Das von Orphée gesungene Lied „La belle et la mort“, das auch den Abspann untermalt, unterstreicht die Unbekanntheit und Gefahren von Afrika und geht dank markanter Drumline nebenbei auch noch in die Beine. 1983 schaffte es in den Charts bis auf Platz 11.

Ein abschließendes Wort nun auch noch zu Lammers’ Bruder. Der Lehrer, der nach unzähligen Jahren keine Lust mehr auf den Schulalltag verspürt, lässt sich von den Verlockungen der unsauberen Geschäfte sofort bezirzen und steht somit Pate für den weit verbreiteten Gedanken, dass Afrika so weit weg ist, dass man dessen Ausbeutung gut und gern großzügig übersehen darf. Klaus Behrendt (endlich einmal nicht als weinerliche Kreatur besetzt) verleiht der Rolle so viel Biss, um Blap dazu zu bewegen, in seiner Rezension reinecker-typisch mit dem Moralo-Zeigefinger zu drohen. Ich freue mich zwar, dass die Folge selbst darauf verzichtete, habe mich aber bei den Ausführungen meines geschätzten Sausen-Kumpanen bestens unterhalten gefühlt.

Erfrischende Herangehensweise an das „Derrick“-Konzept. Schockierende Morde, ungewohnte Schnittfolgen und Kameraperspektiven, ein bewegender Score und nicht zuletzt ein unvergleichliches Drehbuch bringen „Via Genua“ 5 von 5 Punkten ein.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

14.10.2012 14:50
#470 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Die Fahrt nach Lindau" (Folge 93)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Klausjürgen Wussow, Lotte Ledl, Ekkehardt Belle, Anne Bennent, Sissy Höfferer, Heinz Ehrenfreund, Klaus Herm, Holger Petzold u.a. - Regie: Alfred Vohrer

Martin Gericke ist Finanzberater und auf dem Sprung nach Lindau. Da erhält er einen Drohanruf, in dem ihm sein baldiger Tod angekündigt wird. Es handelt sich nicht um den ersten Anruf dieser Art und so setzt sich Gericke trotz der Warnung seines Mitarbeiters in den Wagen und fährt los. Kurz danach erhält Frau Gericke einen Anruf der Polizei. Ihr Mann sei in seinem Wagen verbrannt. Jemand hat den vollen Tank mit gezielten Einschüssen in Brand gesetzt....

"Lindau, diese rätselhafte Stadt, deren Theaterherz, wie ich aus Erfahrung wusste, so schwer zu rühren ist." (Horst Tappert in seiner Autobiografie, Seite 92)
Leider bekommen wir weder "das Schwäbische Meer", noch die Inselstadt Lindau mit ihren schmalen Gassen und mittelalterlichen Bürgerhäusern zu Gesicht. Obwohl die Episode im tiefsten Winter spielt und somit den Kontrast zwischen Feuer und Schnee thematisiert (der Flammentod inmitten einer kalten Landschaft), bleibt es bei vielen guten Ansätzen, die insgesamt nicht an die Spitzenfolgen der Serie heranreichen. Das Trauma der zurückgelassenen Ehefrau (wieder sehr menschlich dargestellt von der sympathischen Lotte Ledl), die in die konsequenten Pläne ihres Mannes eingespannt ist wie in einen Schraubstock und sich zugleich mit den bohrenden Fragen ihres Sohnes Malte konfrontiert sieht (wieder unnachgiebig auf Wahrheitssuche: Ekkehardt Belle), verspricht Spannung; seltsamerweise wird die Geschichte durch das Auftreten von Heinz Ehrenfreund geschwächt. Der Gute überzeugte als liebender Student in "Als die Blumen Trauer trugen" (Der Kommissar, Folge 39/1971), doch bei "Derrick" hinterlässt er stets einen unangenehmen Eindruck. Sissy Höfferers Rolle in dem Komplott steht von Anfang an fest (Sekretärinnen im Pelzmantel erregen stets Verdacht), Klaus Herm muss wieder einmal mit einem Todesfall in der Firma klarkommen und Ordnung in das Chaos bringen.
Wie man es von Alfred Vohrer gewöhnt ist, gibt es einige ungewöhnliche Einstellungen (die Tränen der Mutter fließen über die tröstende Hand des Sohnes) und man sieht, wie Klausjürgen Wussow unter seiner Regie zur Höchstform aufläuft. Der Nervenkitzel in der Nacht ist einer der Höhepunkte seines überzeugenden Spiels.
Leider wird die Chance vergeben, die beiden (Mord)Parteien gegeneinander aufzubringen, was vor allem wegen der nicht geleisteten zweiten Zahlung angebracht gewesen wäre. So hätte man im Finale mehr Spannung erzeugt und die Wirkung von Derricks Worten ("Nicht nur der Schütze ist ein Mörder, sondern auch der Auftraggeber.") unterstrichen. Die unterschwellige Vermutung, Herbert Reinecker könnte Elemente aus "Die weiße Spinne" (Drehbuch: Egon Eis, nach dem Roman von Louis Weinert-Wilton) verwendet haben, wird vom fallenden Schnee dezent verdeckt, den Gedanken könnte man aber mit ein wenig Phantasie -und hier hätte man sich einen brennenden Wagen und einen Blick auf den Bodensee gewünscht- weiterspinnen.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

28.10.2012 13:00
#471 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Ein Fall für Harry" (Folge 94)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Karl Lieffen, Irina Wanka, Sven Eric Bechtolf, Ida Krottendorff, Karl Renar, Markus Klimmek, Sepp Wäsche u.a. - Regie: Zbynek Brynych

Nächtlicher Einbruch im Haus des Restaurantbesitzers Gruga: Die Diebe haben es auf die Vitrine mit den Silbersachen und den kostbaren Uhren abgesehen. Der Hausmeister nimmt die Verfolgung der Räuber auf und wird deshalb mit einem schweren Ast erschlagen. Gruga scheint der Tod seines Angestellten nicht sehr nahe zu gehen, tags darauf hat er bereits eine neue Haushälterin, die junge Herta, die den Eindruck macht, dass sie nicht freiwillig in diesem Haus ist. Harry Klein, der den Fall wegen Derricks Skiurlaub allein lösen muss, versucht, die verängstigte Frau zum Reden zu bewegen. Doch sie schweigt ebenso wie ihr Bruder und ihre Eltern, die seit einem schweren Autounfall des Vaters in großen Schwierigkeiten stecken....

Enthält Spoiler!

Spätestens mit "Tandem" (Folge 58) hat Regisseur Brynych bewiesen, dass ihm nicht nur daran gelegen ist, steife Muster aufzubrechen und seriöse Handlungsträger von ihrer ausgelassenen Seite zu zeigen, sondern, dass er auch die beklemmende Atmosphäre der Angst und der bösen Vorahnung in Bilder kleiden konnte und dadurch bei seinem Publikum für nervöse Anspannung sorgte.
Im Mittelpunkt des Geschehens steht diesmal die Frage, was hinter den verschlossenen Türen der Villa von Restaurantbesitzer Gruga vor sich geht. Der Mord an seinem Angestellten kommt ihm gelegen; er dient als Ventil für geheime Wünsche und Sehnsüchte. Karl Lieffen geifert und sülzt, er gestikuliert, erhebt seine Stimme und umgarnt sein Opfer geschmeidig wie eine Schlange. Das angsterstarrte Kaninchen Irina Wanka wagt in seiner Gegenwart kaum zu Atmen und befindet sich wegen ihrer Familiensituation in einem Gewissenskonflikt. Wie weit muss Loyalität gehen, auch wenn sie die eigene Familie betrifft? Harry formuliert es klar, als er feststellt, dass der Familienvater das Unglück vermehrt, anstatt es von seinen Lieben fernzuhalten. Die theaterbedingte Abwesenheit von Horst Tappert wurde elegant gelöst, indem man ihn mit Fritz Wepper telefonieren lässt. "Fritz telefonierte in der Garderobe, auf dem Weg zum Essen, auf dem Set," bemerkt Tappert in seiner Autobiografie (S.193). Man sieht ihm an, dass es ihm Spaß macht, einen Fall allein zu lösen und er eine eigene Herangehensweise an den Tag legt. Er rollt den Mordfall vom psychologischen Standpunkt auf und bleibt gleich an der neuen Haushälterin hängen, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch keine Verdachtsmomente gibt.
Die Familie von Herta überzeugt vor allem in den Rollen, die von Bechtolf und Renar dargestellt werden, umgibt Ida Krottendorff jedoch mit einem seltsamen Geheimnis. Weshalb bleibt sie im Wohnzimmer von Gruga zurück, als ihre Familie und Inspektor Klein das Haus bereits verlassen haben? Warum erschießt sich Gruga in ihrer Gegenwart? Man erhält den Eindruck, dass nicht alles offengelegt wird, sondern die unangenehme Atmosphäre im Hause Grugas dominieren soll.
Zu Irina Wanka hat Blap in seinem Kommentar bereits alles gesagt, weshalb ich nur noch anmerken möchte, dass es durchaus vorstellbar gewesen wäre, wenn Lieffen den Mord an seinem Hausmeister selbst begangen hätte, was auch ein Grund für seine letzte Handlung wäre. Hier bleibt das Drehbuch interpretierbar, auch wenn der geistig ein wenig dumpfe zweite Sohn der Familie Klinger als Totschläger präsentiert wird.

Gubanov ( gelöscht )
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28.10.2012 13:20
#472 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Die Tote in der Isar

Episode 100 der TV-Kriminalserie, BRD 1983. Regie: Alfred Weidenmann. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Ulli Maier (Annemarie), Sonja Sutter (Gerlinde Rudolf), Christiane Krüger (Maria Dissmann), Horst Frank (Robert Kabeck), Horst Buchholz (Arthur Dissmann), Sven-Eric Bechtolf (Ingo Reitz), Paul Dahlke (Josef Matusek), Fritz Strassner (Alfred Stolze) u.a. Erstsendung: 4. März 1983, ZDF.

Zitat von Derrick: Die Tote in der Isar
Man kann ihn nur einen Wolf im Schafspelz nennen: Ingo Reitz bezirzt junge Mädchen vor Münchner Schulen und bringt sie durch geschickte Täuschung dazu, mit dem Zuhälter Kabeck ins Bett zu gehen. Einmal in dieser Abhängigkeit gefangen, gibt es für die Betroffenen keinen Weg mehr zurück. Entweder sie arrangieren sich mit Reitz und Kabeck – oder sie setzen ihrem Leben ein Ende ...


„Derrick“ feiert großes Jubiläum – und ganz Deutschland feiert mit. In den zehn Jahren seiner Dienste für die Kripo des ZDF hatte sich Horst Tappert einen Ruf herangezüchtet, den er nie wieder abstreifen konnte oder – das unterschied ihn von anderen Mimen und prädestinierte ihn für „Derrick“ – abstreifen wollte. Das Publikum dankte ihm diese Treue, indem „Derrick“ zur erfolgreichsten deutschen TV-Serie avancierte. Für das Jahr 1985 etwa sind durchschnittliche Einschaltquoten von 16,2 Millionen Zuschauern pro Folge festgehalten. Kein Wunder, dass Derrick gegenüber Köster (14,8 Millionen) oder Renz und Matula (14,43 Millionen) an Profil gewinnt:

Zitat von Katrin Hampel: Das große Derrick-Buch, Henschel Verlag Berlin, 1995, S. 29
1981 verleiht die „Hörzu“ die Goldene Superkamera an Horst Tappert. Der Grund: Bei einer großangelegten Umfrage zum Thema, welche Krimistars in den letzten 25 Jahren das Bild der Fernsehunterhaltung am meisten prägten, entfielen von 500 000 Stimmen 20,15 Prozent auf Horst Tappert als Derrick, 15,2 Prozent auf Hansjörg Felmy als Kommissar Haferkamp („Tatort“) und auf Platz 3 kam – man höre und staune: 1981 – Kommissar Erik Ode mit 12,65 Prozent, gefolgt von Siegfried Lowitz, dem „Alten“, mit 12,16 Prozent.


Soweit die Unterfütterung mit Zahlen für Freunde der Statistik. Doch natürlich stecken hinter dem Erfolg von „Derrick“ keine Rechenaufgaben, sondern beständige, zuverlässige und qualitativ hochwertige Arbeit sowie – noch immer unverändert – der Glücksgriff von Helmut Ringelmann, sich Tappert für die Hauptrolle ausgesucht zu haben:

Zitat von Katrin Hampel: Das große Derrick-Buch, Henschel Verlag Berlin, 1995, S. 36
Werbepsychologen untersuchten 1982 das Image des berühmten Krimihelden. Sie stellten fest, dass die Zuschauer ihn als „forsch“ und „dynamisch“ erleben, in diesem Sinne „jung“, trotz „eines gewissen Alters“. Für einen Teil der Befragten ist er der „typische Vorgesetzte“, dem sie wegen seiner Autorität Sympathie entgegenbringen. Für andere hält er als „Chef“ die „Zügel fest in der Hand“. Als „Mann der einsamen Entschlüsse“ symbolisiere Derrick Eigenschaften, wie sie „zur Rolle des klassischen Western-Helden“ gehören, die „im Kriminaldschungel großstädtischer deutscher Villenvororte“ nur unterdrückt zum Tragen kommen.


Für den runden Fall #100 vertraute man erneut auf Produzenten Ringelmann und sein Näschen für Schauspieler. Was „Die Tote in der Isar“ auszeichnet, ist weder eine besonders innovative Inszenierung noch ein für den Anlass besonders ausgefallener Plot. Im Gegenteil: Das Schicksal zweier unterschiedlicher Frauen, der Schülerin Annemarie und des Callgirls Maria Dissmann, entfaltet sich als altmodisch angehauchtes Kammerspiel mit klarer Trennlinie zwischen Gut und Böse – dafür ohne Täterrätsel oder Unklarheiten über die Beweggründe irgendeiner Figur. Aber es sind die Darsteller, die die Folge dennoch zu einer kleinen Sternstunde machen: Die größte Projektionsfläche erhalten Horst Frank und Sven-Eric Bechtolf, die bereits gemeinsam in der Hammer-Folge „Dem Mörder eine Kerze“ auftraten. Diesmal vereinen sie sich zur Triebfeder des Bösen und zeigen kalte, unbewegte Gesichter, die sich geschickt hinter aufgesetzten Masken zu verstecken wissen. Christiane Krüger ist die einzige Person, die Gelegenheit erhält, sich irgendwo in der Grauzone zwischen Recht und Unrecht zu tummeln und nutzt sie, um einen zerrissenen Charakter zu verdeutlichen, dem Geld und Luxus mehr bedeuten als das Eintauschen einer Ehe gegen das Leben einer Hure. Es liegt an Horst Buchholz als neurotischem Gatten, diesen Kontrast deutlich zu machen, allerdings bleibt es für den Star eine Nebenrolle ohne signifikante Bedeutung.

Schon aus anderen Reinecker-Geschichten kennt der Zuschauer das Motiv der im Großstadtmorast versunkenen hilflosen Unschuld, das hier erneut, aber ausreichend variiert zum Einsatz kommt. Die Betroffene ist einmal keine Kunststudentin aus Düsseldorf, sondern stammt selbst aus München, lernt es aber an jenem fatalen Tag mit völlig anderen Augen kennen. Als symbolisch für diese Wandlung erweist sich die Gegenüberstellung des tristen, anonymen und abstoßenden Hochhauses im Münchner Osten (Arabellastraße 4, heutiges Baywa-Hochhaus) mit der heimatlichen Holzhütte im Grünen, in deren Umgebung Paul Dahlke den üblichen Großvater-Fantasien à la Liebe und Bestrafung nachhängt.

Ein Brüller ist es nicht unbedingt, was das „Derrick“-Team zum 100. auf die Beine gestellt hat. Aber man soll zu diesem Anlass nicht mosern und deshalb die kleinen Defizite der „Toten in der Isar“ als Hinweise darauf betrachten, wie hoch die allgemeine Güte der Serie anzusiedeln ist. 4 von 5 Punkten für den aktuellen Ausflug in die Mörderwelt und weitere 5 für die Entscheidung, gleich mit den nächsten 100 Folgen weiterzumachen.



Dass ich auf 100x „Derrick“ zurückblicke, erscheint mir ziemlich unglaublich. Wer hätte schließlich zu vermuten gewagt, dass die Serie dermaßen fesselnd ausfallen würde, als ich mit Percy Lister gemeinsam im Oktober 2011 zum ersten Mal in Berührung mit dem Münchner Oberinspektor kam? Freilich, die ausgewählten Einstandsfolgen, „Madeira“ und „Paddenberg“ begeisterten mich von Anfang an, doch das Niveau über einen Produktionszeitraum von zehn Jahren beizubehalten und nicht ins Kopieren und Nachahmen abzugleiten, gar immer noch Episoden herauszubringen, die ganz ähnlich begeistern können wie die der ersten Staffel – dafür gebührt den Machern von „Derrick“, allen voran Herbert Reinecker und Helmut Ringelmann, zum Jubiläum ein großes Lob.

Ich möchte mich Blap anschließen und nach 100 Folgen eine kurze Übersicht über meine persönlichen Highlights geben. Sie alle haben sich eine Maximalwertung von 5 von 5 Punkten redlich verdient:

Platz 01 | Box 01 | Folge 001 | Waldweg (Haugk)
Platz 02 | Box 04 | Folge 046 | Kaffee mit Beate (Vohrer)
Platz 03 | Box 06 | Folge 082 | Eine ganz alte Geschichte (Brynych)
Platz 04 | Box 01 | Folge 009 | Paddenberg (Wirth)
Platz 05 | Box 06 | Folge 077 | Dem Mörder eine Kerze (Haugk)

Platz 06 | Box 03 | Folge 043 | Ein Hinterhalt (Vohrer)
Platz 07 | Box 06 | Folge 076 | Pricker (Vohrer)
Platz 08 | Box 01 | Folge 013 | Kamillas junger Freund (Vohrer)
Platz 09 | Box 02 | Folge 026 | Das Superding (Becker)
Platz 10 | Box 02 | Folge 018 | Angst (Grädler)

Platz 11 | Box 06 | Folge 088 | Tod im See (Vohrer)
Platz 12 | Box 04 | Folge 059 | Lena (Grädler)
Platz 13 | Box 07 | Folge 094 | Ein Fall für Harry (Brynych)
Platz 14 | Box 01 | Folge 007 | Madeira (Grädler)
Platz 15 | Box 04 | Folge 055 | Schubachs Rückkehr (Grädler)

Blap Offline




Beiträge: 1.128

29.10.2012 22:51
#473 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 10 (Folgen 136-150)

Folge 137 - Naujocks trauriges Ende (Deutschland 1986)

Der Knall nach dem Bums

Alfred Naujocks wird unmittelbar nach dem Verlassen eines Gebäudes erschossen, der Täter entkommt unerkannt in der Nacht. Offensichtlich nutzte das Opfer die Wohnung eines Bekannten als Liebesnest, Naujocks weibliche Begleitung ergriff nach den Schüssen auf ihren Lover die Flucht, ihre Identität bleibt zunächst ungeklärt. Schnell ist der tatsächliche Wohnungseigentümer Bertram Tass (Karl-Heinz Vosgerau) ermittelt, welcher ohne Umschweife entsprechende Vermutungen bestätigt. Auch Tass sucht die Räumlichkeiten nur zwecks eindringlicher Unterhaltungen mit jungen Damen auf, er wohnt mit seinen Stiefkindern Walter (Sascha Hehn) und Martina (Sissy Höfferer) unter einem Dach. Ferner lebt die kränkliche Großmutter der Geschwister im Haus, Frau Anders (Susi Nicoletti) und Walter sind Bertram Tass nicht sonderlich zugetan, Martina jedoch umso mehr. Derrick und Klein überbringen der Witwe des Getöteten die traurige Nachricht. Für Else Naujocks (Louise Martini) waren die Seitensprünge ihres Gatten kein Geheimnis, sie reagiert mit einer Mischung aus Bitterkeit, Zorn und unterschwelliger Hysterie auf die Todesmitteilung. Immerhin spielt ein glücklicher Zufall den Ermittlern in die Hände, ein Portraitmaler (Balduin Baas) fuhr kurz vor dem Mord mit dem späteren Opfer und dessen Begleiterim im Aufzug, er kann eine sehr genaue Zeichung der jungen Dame abliefern. Frau Naujocks erkennt das Mädchen sofort, auf dem Bild ist Anita Schuler (Bettina Redlich) zu sehen, interessanterweise die Tochter von Naujocks Chauffeur (Friedrich Georg Beckhaus) ...

Wie üblich liefern die Damen und Herren vor der Kamera solide Leistungen ab. Das Drehbuch gewährt einzelnen Figuren jedoch (zu) wenig Raum zur Entfaltung, so bleiben die Charaktere überwiegend schablonenartig und lassen mich eher unberührt zurück. Louise Martini gelingt es dieses Strickmuster zumindest im Ansatz aufzubrechen, in kleineren Nebenrollen gefallen Balduin Bass und der gewohnt urige Dirk Dautzenberg als schrulliger Hausangestellter. Karl-Heinz Vosgerau, Sascha Hehn und Sissy Höfferer werden kaum gefordert, Bettina Redlich darf sich in der Disziplin "Nachwuchszicke mit Nervensägenpotential" üben. In dieser vorherrschenden Mittelprächtigkeit lastet mehr Verantwortung auf den Helden der Reihe, Horst Tappert und Fritz Wepper tragen diese Last mit gewohnter Klasse und Cleverness, Dauersklave Berger (Willy Schäfer) ist für seine Verhältnisse ein wenig häufiger zu sehen.

Autor Herbert Reinecker hat viele unterhaltsame Geschichten erdacht, "Naujocks trauriges Ende" bleibt weit hinter seinen Bestleistungen zurück. Nicht nur die Mehrheit der relevanten Charaktere bleibt flach, auch deren Beziehungen zueinander wirken mühsam konstruiert, nahezu seltsam krampfig. Regisseur Alfred Vohrer fehlt in der späten Phase seiner Karriere der Biss, die herrliche Flapsigkeit seiner Arbeiten aus den sechziger und siebziger Jahren. Leider verstarb Vohrer Anfang Februar 1986, wir haben es hier also mit einer seiner letzten Inszenierungen zu tun (1985 produziert, im Januar 1986 erstmalig ausgestrahlt). Eberhard Schoener sorgt für ansprechende Musikuntermalung, sein Beitrag gehört zu den Stärken dieser Episode. Stephan Derrick und Harry Klein erbringen seit 1974 nicht nur die nötigen Beweise um zahlreiche Straftäter zu überführen, darüber hinaus sind Horst Tappert und Fritz Wepper unantastbare Institutionen, bei Bedarf verhelfen sie schwächelnden Drehbüchern durch ihre schiere Präzenz zum angenehmen Unterhaltungswert. Kein Höhepunkt der deutschen Fernsehgeschichte, für den Fan dennoch Befriedigung der Sucht.

6/10 (obere Mittelklasse)

***

Vom Ursprung her verdorben

Gubanov ( gelöscht )
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11.11.2012 15:05
#474 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Auf die nächsten 100:



Derrick: Geheimnisse einer Nacht

Episode 101 der TV-Kriminalserie, BRD 1983. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Gila von Weitershausen (Martina Vrings), Heinz Bennent (Gustav Vrings), Jürgen Goslar (Dr. Albert Vrings), Thekla Carola Wied (Maria Sobach), Christian Wolff (Andreas Sobach), Anne Bennent (Erika Fischer), Siegfried Wischnewski (Hausmeister Fischer), Claudia Gerstäcker u.a. Erstsendung: 25. März 1983, ZDF.

Zitat von Derrick: Geheimnisse einer Nacht
Dr. Vrings schickt seinen Mitarbeiter Sobach nach Straßburg, um dringende Papiere rechtzeitig zu einem Geschäftspartner zu bringen. Doch Sobach fällt auf die Täuschung nicht herein, schließlich geht schon in der ganzen Firma die Kunde, dass Dr. Vrings und Frau Sobach ein Verhältnis miteinander haben. So einfach will sich Sobach nicht aus dem Weg räumen lassen. Er kehrt um – und gerät mitten in den Mord an Dr. Vrings.


Eine deutliche Inspiration für die wenig kostverachtende Gestalt des Dr. Vrings findet man in Georges Simenons Roman „Hier irrt Maigret“ (Maigret se trompe, 1953), wobei bei Reinecker alles natürlich eine Spur harmloser und kleinbürgerlicher abläuft als aus dem Blickwinkel des berühmten französischen Autors. Der promovierte Casanova Vrings sieht so zum Beispiel im Vergleich zu seinem alter ego die Notwendigkeit, seine Umtriebe vor einem Teil seiner Umwelt zu verheimlichen, während Professor Gouin mit seiner „ungebundenen Lebensweise“ in schonungsloser Offenheit umgeht. Alles in allem verliert das „Derrick“-Skript diesen – zugegeben: nicht ganz gerechten – Vergleich, gleichzeitig stellt es aber auch unter Beweis, dass Reinecker auch in den Gefilden von Ehebruch und Vertrauensverletzung ohne einen allzu bedrohlich hin- und herschwenkenden Zeigefinger auszukommen in der Lage war.

Außerdem exerziert „Geheimnisse einer Nacht“ vor, wie man auch Zweit- oder Drittverwertungen unverbraucht aufarbeiten kann. Das beginnt schon beim Hauptschauplatz, der nach einer Pause von nur drei Episoden schon wieder in Pähl anzusiedeln ist. Man sollte das Schloss – so schön es auch ist – am besten abreißen, denn seine Bewohner scheinen verflucht zu sein, sterben zu müssen wie die Fliegen. Immerhin aber gelang es Vohrer, die Kameraeinstellungen so festzulegen und unterschiedliche Teile des Hochschlosses in den Fokus zu setzen, dass die wenig inspirierte Wahl dem Zuschauer nicht wie Schuppen von den Augen fällt.

Auch die Besetzung überzeugt nicht gerade durch geballte Innovation, tönt aber erneut prominent und überzeugend. Dr. Vrings wird von Jürgen Goslar dargestellt, dessen weit aufgeknöpftes Hemd und nussbraune Haut einen Mangel an Anstand schon auf hundert Meter gegen den Wind verraten. Auch ein Goldkettchen darf natürlich nicht fehlen. Goslar ist damit für die späteren Jahre seiner Karriere nicht atypisch besetzt und liefert eine eingeübte Leistung ab, die bedauern lässt, dass er schon relativ zeitig von der Bildfläche verschwindet. Seine Ermordung gehört dafür einmal mehr in die Kategorie: „Reinecker hat wirklich Fantasie!“ Der Ablauf ist überraschend und taugt für einen interessanten Fall.

Auch Thekla Carola Wied hat mir ausgezeichnet gefallen, denn als wankelmütige Ehefrau, die von ihrem Mann genug hat und sich jeder Möglichkeit bedient, ihn loszuwerden, darf sie eiskalt aufspielen. Die anderen Darstellerinnen bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück, denn Gila von Weitershausen erhält kaum bedeutende Szenen und Anne Bennent hat den kindlichen Charme, der ihren Auftritt in „Lissas Vater“ bestimmte und auch hier wieder von ihr gefordert wurde, im Alter von 20 Jahren bereits verloren. Ihr Vater Heinz Bennent ist unterdessen auch so etwas wie ein Dauergast, wurde durch die Maske aber so stilsicher entstellt, dass das kaum auffallen dürfte.

Nach wie vor frage ich mich, was die Verantwortlichen geritten hat, jede Folge mit einer eigens komponierten Melodie abzuschließen. Bei dem Output der Ringelmann-Schmiede konnte dieses Konzept schon von der rein logischen Warte her gar nicht aufgehen. Und so schmalzt einem auch dieses Mal Frank Duval wieder die Ohren mit marshmallowsüßem Mittelmaß voll, wo doch der markante Derrick-Score die Ausfahrt des Polizeiautos aus dem Schlosshof wesentlich passender untermalt hätte.

„Geheimnisse einer Nacht“ ist zwar als Wortkonstrukt ansprechend, für den Titel dieser „Derrick“-Folge aber nur wenig geeignet. Ihre größte Schwäche besteht darin, dass das, was sich in der Nacht zutrug, eben nur zu sehr geringen Teilen ein echtes Geheimnis ist. Mehr Spannung hätte erzeugt werden können, wenn der Zuschauer nicht über die Schuldlosigkeit von Sobach Bescheid wüsste. Dann wären wichtige Rollen wie die von Wied, Wolff und Bennent weniger platt und die Wertung höher als 3,5 von 5 Punkten ausgefallen.

Gubanov ( gelöscht )
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13.11.2012 11:02
#475 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Der Täter schickte Blumen

Episode 102 der TV-Kriminalserie, BRD 1983. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Ruth Leuwerik (Vera Baruda), Ernst-Fritz Fürbringer (Herr Baruda), Peter Bongartz (Alexander Rudow), Jacques Breuer (Udo Müller), Hans Quest (Herr Lenau), Edwin Noël (Walter Lenau), Axel Scholtz (Schröder), Ursula Dirichs u.a. Erstsendung: 29. April 1983, ZDF.

Zitat von Derrick: Der Täter schickte Blumen
Schüsse durchbohren die geschlossene Tür zum Apartment von Alexander Rudow. Ein Mann wird getroffen, aber es ist nicht Rudow selbst, sondern ein Taxifahrer. Dabei galt der Anschlag natürlich dem Wohnungsinhaber, über den Stephan und Harry im Laufe ihrer Ermittlung wenig schmeichelhafte Fakten in Erfahrung bringen. Rudow ist zweifach wegen Heiratsschwindel vorbestraft – und gerade erneut dabei, sich in ein gemachtes Nest zu setzen.


Da ist es wieder: das Familiendrama. Wenn Herbert Reinecker eine bestimmte Genreform bis zur Perfektion beherrschte, dann diese. Es verwundert entsprechend auch nicht, dass die ergreifende und dramatische Ebene, auf der sich die Verwicklungen in der Familie Baruda abspielen, ohne jeden erkennbaren Makel mit der Krimihandlung, die sich hauptsächlich auf Alexander Rudow konzentriert, verbunden wird. Der Einstieg ist dabei der aufregendste Teil des Spiels: Wann immer ein Mörder durch eine geschlossene Tür schießt, zeichnet er sich durch besonderen Hass und unumkehrbare Entschlossenheit aus. Vielleicht sogar durch „Wahnsinn“, wie Stephan und Harry vermuten. Im Anschluss, nämlich dort, wo Vera Baruda und ihre Verwandten die Bühne betreten, entschleunigen Drehbuch und Regie das Geschehen so, dass quälende Verunsicherungen über die Vergangenheit und die Absichten von Rudow der närrischen Entschlossenheit und Abhängigkeit Veras in epischer Breite gegenübergestellt werden können.

Vera pflegt eine wahre Affenliebe zu Rudow und lässt sich durch keine vernünftigen Argumente von ihrem Entschluss, ihm ihr Leben (und Vermögen) zu widmen, abbringen. Als es ganz arg kommt, packen sie leise Zweifel, die aber – so lassen ihre abschließenden Gedankengänge vorausahnen – nichts ausrichten werden gegen das „Verkäufergen“ Rudows: Vera wird sich in die Reihe seiner Opfer einreihen – als einzige aber nicht aus Unwissenheit, sondern aus eigener Dummheit.

Für Ruth Leuwerik ist das eine außergewöhnliche Rolle. Im Allgemeinen kennt man sie als eigenständige und selbstverantwortliche Frau von Welt. Sie auch im genauen Gegenteil, einem abhängigen Liebchen, wiederzuerkennen, spricht für ihre enorme Wandlungsfähigkeit und die darstellerischen Qualitäten ihres Spiels. Leuwerik verleiht auch Vera Baruda eine dauerhafte Präsenz, hat es aber ihren männlichen Kollegen voraus, sich dadurch nicht automatisch rücksichtslos in den Mittelpunkt zu spielen. So fällt denn auch genügend Licht auf den Rest der Besetzung, die unter anderem mit dem „Derrick“-Debüt Ernst-Fritz Fürbringers aufwartet. Der hat keinen Deut seiner in „Die Gruft mit dem Rätselschloss“ oder „Der Kommissar: Keiner hörte den Schuss“ unter Beweis gestellten Schärfe und Dämonie verloren und beherrscht als Familienoberhaupt die Szenerie. Als seine geschulten Marionetten agieren Hans Quest und Jacques Breuer, während sich Edwin Noël durch völlige Verzichtbarkeit auszeichnet.

Nachdem Helmuth Ashley in Collector’s Box 6 keine echten Treffer landen konnte, stehen seine Episoden in Box 7 unter meinen großen Favoriten. Woran das liegt, lässt sich schwer sagen, gleichsam verwundert es aber kaum, dass Ashley, der sich in jüngeren Jahren durch spannende und innovative Kriminalfilme auszeichnete, auch bei „Derrick“ ‘mal wieder mit ausgesprochener Qualität aufwartet. Unaufgeregt und intensiv – diese zwei Worte beschreiben „Der Täter schickte Blumen“ kurz und bündig. Gleiches lässt sich auch für die Musik von Martin Böttcher sagen, deren Güte weit über der der Fließbandarbeiten Duvals anzusiedeln ist.

Tolle Schauspieler bereichern eine ausgeklügelte Geschichte, die mit bedeutungsschwerer Leichtigkeit zwischen Wohnblock, Villa und Sanatorium wechselt und mehrere kleine Tragödien zu einer würdigen Aufgabe für Derrick zusammenfasst. 5 von 5 Punkten. Hätte sich auch nochmal deutlich besser als Jubiläumsfolge geeignet als „Die Tote in der Isar“.

Giacco Offline



Beiträge: 2.289

13.11.2012 12:40
#476 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #475
Gleiches lässt sich auch für die Musik von Martin Böttcher sagen, deren Güte weit über der der Fließbandarbeiten Duvals anzusiedeln ist.

Frank Duval nimmt ja auch eine Ausnahmestellung unter den damaligen Derrick- und Der Alte-Komponisten ein, da die meisten Titel, die er für diese Serien komponierte, nach der Ausstrahlung auf Platte veröffentlicht wurden. Das mußte er natürlich berücksichtigen. Er hat ja einen ganz eigenen Stil entwickelt, der zu seinem Markenzeichen wurde und den man auf Anhieb erkannte. Das mag heute nach Fließbandarbeit klingen - war es vielleicht auch - aber damals trug es maßgeblich zum Erfolg und zur Popularität der Serien bei.
"Angel of mine" war bei uns ein Nr.-1-Hit und auch international (z.B. in Brasilien) erfolgreich. Auch "Face to Face", "Give me your Love", "Living like a Cry" oder "La Belle et la Mort" - um nur die wichtigsten zu nennen - erreichten hohe Platzierungen in den Charts.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

14.11.2012 09:50
#477 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Gegen viele der genannten Erfolge habe ich auch ebensowenig einzuwenden wie gegen die Verpflichtung von Frank Duval an sich. Man hätte nur lieber auf größere Abwechslung setzen und auch in späteren Folgen im regelmäßigen Wechsel Leute wie Peter Thomas, Martin Böttcher, Klaus Doldinger, Eugen Thomass, Erich Ferstl, Hans-Martin Majewski oder Hans Hammerschmid verpflichten sollen.



Derrick: Die kleine Ahrens

Episode 103 der TV-Kriminalserie, BRD 1983. Regie: Günter Gräwert. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Hans Caninenberg (Dr. Blomann), Lisa Kreuzer (Vera), Peter Chatel (Bernhard Molz), Pascal Breuer (Konrad Jakobi), Renate Grosser (Frau Reiners), Silvia Janisch (Sandra), Dieter Schidor (Hannes Gruhl), Gert Burkard (Kellner Brusse) u.a. Erstsendung: 27. Mai 1983, ZDF.

Zitat von Derrick: Die kleine Ahrens
Oberstudienrat Dr. Blomann führt seit Kurzem ein seltsames Leben: Jeden Abend besucht er das Nachtlokal „Paradiso“ und vergnügt sich dort mit jungen Frauen. Auch ein Mann, der regelmäßig im „Paradiso“ zu finden ist, erregt seine Aufmerksamkeit. Dann findet man eben diesen, Bernhard Molz, ermordet in einer Industriebrache – aufgehängt mit gefesselten Händen. Eine Hinrichtung? In welchem Zusammenhang steht sie mit dem Interesse des alten Lehrers?


Die Besprechung enthält leichte Spoiler.

„Die Stunde der Mörder“ trifft „Kalkutta“ und „Das sechste Streichholz“. Mehr muss über die Kreativität der Geschichte eigentlich nicht gesagt werden, zudem der Vergleich auch bereits alle wichtigen Einschätzungen über das Gelingen von „Die kleine Ahrens“ beinhaltet: Hans Caninenberg macht den Racheengel mit unerwartet enger Beziehung zu seinen Schülern, in einem zweifelhaften Etablissement verbringen wir mindestens eine Viertelstunde zuviel für einen sinnvollen Spannungsbogen, junge Mädchen sterben vorzugsweise an Rauschgift und die Sache der Männer ist es, den Täter dafür zu bestrafen.

In einigen Punkten stimme ich mit Blap überein: Lisa Kreuzer als Amüsierdame ist eine Fehlbesetzung, die nicht dazu beiträgt, die überlangen „Paradiso“-Szenen bekömmlicher zu gestalten. Sie kann auch in einer aufgepimpten Version nicht verhehlen, dass sie für gewöhnlich die Rolle der drögen Hausfrau zugesprochen bekommt. Entsprechend stur geht Derrick diesmal zur Sache und lässt sich zu der kratzbürstigen Bemerkung hinreißen, im Nachtclub sei es ihm „zu laut“. Amüsant allerdings: Reineckers Namensvorliebe. Ein Besuch des „Paradiso“ führte auch schon 1956 in „Kitty und die große Welt“ zu diversen Verwicklungen – auch hier schrieb der Grandseigneur das Drehbuch. Dafür möchte auch ich Gefion Helmke hervorstreichen, die sich als Nachbarin des Toten von ihrem Mitmenschen ein völlig verzerrtes Bild gemacht hat, aber trotzdem darauf beharrt, ihn genau gekannt zu haben. Den Reiz so mancher Szene machen eben die Klein- und Kleinstdarsteller aus.

Auch Dieter Schidor kommt über das Prädikat Nebendarsteller nicht hinaus, trägt aber im Wesentlichen dazu bei, dass der Zuschauer das Interesse nicht verliert, nachdem bereits zur halben Spielzeit das Geheimnis hinter dem Mord herausposaunt wird und jeder „Derrick“-Zuschauer nicht einmal mehr zwei Finger braucht, um Eins und Eins zusammenzuzählen. Die von Schidor geleitete Hilfsorganisation gibt durchaus noch einige Fragen auf, wenngleich es nicht unbedingt weit hergeholt ist, zu vermuten, dass sie als Umschlagplatz der einen oder anderen Art dient. Immerhin verzichtete Gräwert sowohl auf plakative Weltschmerzaufnahmen von indischen Hungerleidern als auch auf sich Heroinkoktails spritzende Minderjährige, was seine Regie zwar wenig memorabel, aber immerhin stilsicher macht. Und das ist ja auch schon etwas.

Eine recht trockene Angelegenheit, die man sich wegen Caninenberg und Schidor aber trotzdem antun kann. Man wird feststellen, dass man selbst den Fall in der Hälfte der Zeit gelöst und den Rest besser auf den Kopf hätte hauen können als neben der (in mehrfacher Hinsicht) champagnerkippenden Lisa Kreuzer. 3 von 5 Punkten.

Giacco Offline



Beiträge: 2.289

14.11.2012 12:49
#478 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Habe für folgende Derrick-Ausstrahlungen des Jahres 1980 die Sehbeteiligung in Prozenten gefunden:

Dem Mörder eine Kerze (53 %)
Eine unheimlich starke Persönlichkeit (47%)
Hanna, liebe Hanna (46 %)
Pricker (46 %)
Die Entscheidung (43 %)
Unstillbarer Hunger (41 %)
Eine Rechnung geht nicht auf (40 %)
Tödliche Sekunde (39 %)
Der Tod sucht Abonnenten (37 %)
Tödliches Rendezvous (35 %)
Zeuge Yurowski (34 %)

Durchschnittswert anhand dieser Folgen: ca 42 %

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

18.11.2012 21:03
#479 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Das Alibi" (Folge 95)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Elfriede Kuzmany, Petra Verena Milchert, Johanna Elbauer, Dietlinde Turban, Karl Heinz von Liebezeit, Ekkehardt Belle, Robert Atzorn, Lambert Hamel, Tilly Lauenstein, Eckhard Heise u.a. - Regie: Alfred Vohrer

Auf dem Heimweg trifft Inspektor Klein spätnachts die Kunststudentin Martina, die völlig fertig an einer Straßenlaterne lehnt. Klein bringt die junge Frau zu ihr nach Hause und verspricht ihrer Vermieterin, sich am nächsten Morgen nach ihrem Empfinden zu erkundigen. Doch als er tags darauf Martina besuchen will, findet er die Studentin leblos in ihrem Zimmer vor: Sie hat sich mit Schlaftabletten das Leben genommen. Bald darauf stellt sich heraus, was Harry im Unterbewusstsein bereits vermutet hat: Martina wurde am Abend zuvor von drei Männern Gewalt angetan. Dank eines findigen Rechtsanwalts können sich die Beschuldigten herausreden und die Ermittlungen werden eingestellt. Eine Welle der Empörung geht durch Martinas Freundeskreis und bald darauf ist einer der Männer tot: erschossen im Flur seines Hauses.....

Harry Klein erhält nach "Ein Fall für Harry" erneut Gelegenheit, sich voll und ganz in einem Kriminalfall zu engagieren und er tut dies anfänglich gar ohne die Unterstützung seines Kollegen Derrick. Dieser weist ihn auf die beschränkten Möglichkeiten, den Tod der Studentin als Resultat einer Gewalttat im strafrechtlichen Sinn verfolgbar zu machen, hin. Anschaulich erläutert wird dies in den Szenen mit Lambert Hamel, der seit dem "Mitternachtsbus" eine glänzende Karriere gemacht hat: Vom Schwachsinnigen zum Anwalt mit eigener Kanzlei. Mangels Zeugenaussagen kann den drei Männern das Verbrechen an der jungen Frau nicht bewiesen werden; ohnehin zählen Sexualdelikte zu den heikelsten Fällen in den Polizeiakten; oft steht Aussage gegen Aussage, wer den längeren Atem und das nötige Standvermögen hat, geht nicht selten als Gewinner aus dem Prozess, der zudem für das gedemütigte Opfer eine weitere Tortur bedeutet. Derrick weist immer wieder auf die Fakten hin und fängt die Emotionen seines durch den persönlichen Kontakt mit der späteren Selbstmörderin besonders betroffenen Kollegen Klein auf.
Die Wogen gehen in dieser Folge in den Kreisen junger Menschen hoch. Im Gegensatz zu den meist reiferen Verfechtern der Selbstjustiz sind es diesmal Frauen um die Zwanzig, die Vergeltung fordern und sich weder von der Polizei, noch von den Uni-Autoritäten einschüchtern lassen. Elfriede Kuzmany unterstützt die Mädchen nach Kräften und wirkt wie immer zerbrechlich und sensibel. Die Tonuntermalung unterstreicht die Spannung, die diese Folge durchzieht. Das Tempo nimmt vor allem im Finale zu und zeigt, dass ein Verbrechen immer Kreise zieht und mehr Menschen in Verzweiflung stürzt, als nur den oder die untermittelbar Betroffene/n.
Stephan und Harry zeigen als eingespieltes Team, dass sie auch trotz unterschiedlicher Meinungen im Prinzip am gleichen Strang ziehen und sich gegenseitig den Rücken stärken, wenn es darum geht, Recht und Ordnung wiederherzustellen und einem Menschen in einer Notsituation beizustehen. Gerade Derrick ist in solchen Fällen besonders darauf erpicht, sich innerhalb des gesetzlichen Rahmens zu bewegen, alle Möglichkeiten auszuloten und die Täter mit den Waffen des Strafbuchs zu schlagen.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

25.11.2012 14:49
#480 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Hausmusik" (Folge 96)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Wolfgang Reichmann, Doris Schade, Ute Willing, Sky Dumont, Till Topf, Dirk Galuba, Franziska Bronnen, Alf Marholm, Willy Schultes, Hannes Kaetner u.a. - Regie: Alfred Weidenmann

Bertold Dettmers, ein gutaussehender Strahlemann mit Luxuswohnung und erstklassigen Manieren, wird eines Nachts absichtlich von einem Auto überfahren. Bald stellt sich heraus, dass sein Vater und seine Geschwister nur noch wenig Kontakt mit ihm hatten und sein Reichtum aus dubiosen Quellen finanziert wurde. Derrick sieht sich in Wilhelm Dettmers mit einem Vater konfrontiert, der alles tun will, um den Mörder seines Sohnes zu finden. Dabei stellt sich heraus, dass auch er dunkle Geheimnisse hütet....

Enthält Spoiler!

Die feudale Umgebung, in der sich Schönling Sky Dumont so leichtfüßig bewegt, ist nur ein Köder, um den Zuseher in die im Grunde in sumpfigem Gelände spielende Geschichte zu locken. Mit seinem schnellen Ableben bekommen wir es mit dem Schwergewicht Wolfgang Reichmann zu tun, der zunächst als Hüter der Herdflamme und später gar als wahnsinniger Rächer der Gestrauchelten auftritt. Seine Person dominiert die düstere Folge und zeigt den Abstieg einer geachteten Mittelstandsfamilie auf, deren Leben nach bürgerlichen Prinzipien ausgerichtet war, die jedoch nicht verhindert haben, dass Elend, Krankheit und Tod Einzug in ihre kleine Welt gehalten haben. Die Keimzelle der Gesellschaft wird zerschlagen und Reinecker ist sich vermutlich gar nicht bewusst, dass er damit das von ihm beschworene Idealbild selbst als äußerst fragil und verlogen entlarvt. Wo zunächst fromm und fröhlich musiziert wird, sehen wir plötzlich in die ausgezehrte Fratze der Droge, das versteinerte Antlitz der Depression und das verzweifelte Gesicht des Schmerzes und des Zorns. Unverständlich ist dieser Niedergang, für den allein der böse Bruder Bertold verantwortlich gemacht wird, für den aufmerksamen Zuseher, der an Eigenverantwortung glaubt. Hören wir Selbstvorwürfe? Wird das Familienmodell hinterfragt? Nein. Vater Dettmers verlangt im Gegenteil, dass die beiden schwachen Kinder sich weiterhin zur Verfügung halten, sich seinen Wünschen unterordnen und der kranken Mutter eine heile Welt vorgaukeln. Allein die Tatsache, dass Frau Dettmers in einer Nervenheilanstalt ist, beweist doch, dass sie alles weiß und deshalb zusammengebrochen ist.
Die alleinige Schuld dem Anbieter von Drogen zuzuschieben, ist mehr als naiv - geradezu sträflich ignorant. In diesem Zusammenhang wundert sich sogar Harry Klein, als Derrick Dirk Galuba die 400 Drogentoten pro Jahr in München vorwirft und den Händlern die ausschließliche Schuld daran gibt. Mein Mitleid mit der Familie Dettmers hält sich jedenfalls in Grenzen, da ich davon ausgehe, dass die Kinder nach bestem Wissen und Gewissen erzogen worden sind, eines Tages aber der Zeitpunkt kommen muss, an dem jeder selbst für sich verantwortlich ist. Ist immer nur der Schuld, der anbietet? Ist es nicht vielmehr derjenige, der die Nachfrage erst erzeugt?
Hausmusik? Ich finde "Katzenjammer" als Titel für diese Episode viel besser......

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