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Dieses Thema hat 976 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

25.08.2012 11:08
#436 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Tod eines Italieners

Episode 84 der TV-Kriminalserie, BRD 1981. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Karin Baal (Anna Forlani), Edwin Marian (Mario Forlani), Gerlinde Doeberl (Ursula Weichler), Sigfrit Steiner (Herr Weichler), Klaus Herm (Josef Grabbe), Peter Bertram (Luigi Cesare Mentone), Karl Walter Diess (Wilhelm Rodorf), Willy Schäfer (Berger) u.a. Erstsendung: 10. Juli 1981, ZDF.

Zitat von Derrick: Tod eines Italieners
Weil er die geforderten Schutzgeldzahlungen einer mafiaähnlichen Bande nicht bezahlen kann, wird ein Restaurantbesitzer brutal zusammengeschlagen. Er erliegt noch am selben Abend inneren Blutungen. Seine Frau will dennoch nicht mit der Polizei kooperieren: Zu groß ist die Angst, die ihr die Verbrecher eingejagt haben. Sie machen auch nicht vor den Kindern des Toten Halt ...


Mut, sagt der Volksmund, ist nur ein schöneres Wort für Dummheit. Um den schmalen Grat zwischen Furcht und Wagemut, zwischen Bedenken und Pflicht hat Herbert Reinecker ein realistisches, sehr bedrückendes Drehbuch aufgebaut, das das Problem der Einschüchterung und des organisierten Verbrechens thematisiert. Auch wenn „Tod eines Italieners“ auf diese Weise zu ebenfalls zu einer Art Lehrstoff gerät, so fühlt man sich nie durch Reineckers Ansichten zu dem Thema gemaßregelt, beleuchtet er doch die verschiedensten Wege, der Bedrohung durch die Mafia zu begegnen, in neutralem Licht. Keiner der Charaktere kann von sich behaupten, immer richtig und selbstlos gehandelt zu haben.

Edwin Marian macht als Auslöser der Handlung eine gute Figur. Sein Mitleid erregender Abgang ist von ihm ebenso überzeugend dargestellt worden wie die ambivalente Stellung, die er gegenüber den Geldforderern einnimmt. Er kann nicht bezahlen, beteuert er, würde aber, wenn er das Geld hätte. Diese Einstellung lässt seinen Tod umso abstoßender wirken, weil die Mafia in ihm keinen Gegner, sondern nur einen Bittsteller zu sehen braucht. Im Gegensatz zu seinem ebenfalls eingeschüchterten Kellner, der von Peter Bertram gespielt wird, nimmt man Marian – übrigens geboren in Lodz – den Italiener wirklich ab. Bei Bertram, dessen Rollenanlage allerdings für seine fahrige Umsetzung entschädigt, hat man das Gefühl, dass er nur (ungekonnt) die Stereotypen reproduziert, die man gemeinhin für „typisch italienisch“ hält.

Klaus Herm setzt einen gelungenen Kontrapunkt zum Verhalten der beiden „Südländer“, die die Gefährlichkeit der Mafia wohl aus ihrer Heimat gut kennen und sich deshalb auch in München schnell durch sie einschüchtern lassen. Herm, der sonst eher als vorsichtiger und zurückhaltender Mann mittleren Alters besetzt wurde, darf diesmal mehr Engagement zeigen, erscheint aber dem zum Trotz nicht als Held der Geschichte. Zu deutlich ist ihm anzusehen, dass er der Polizei nicht hilft, weil ihm an der Beseitigung des Übels gelegen ist, sondern weil er sich ein Abenteuer und vor allem persönliche Anerkennung, die er in seinem Beruf nicht erhält, erhofft.

Ähnlich der Kellner-Konstellation erscheinen die zwei zentralen gegensätzlichen weiblichen Rollen. Karin Baal, die zuletzt in „Auf einem Gutshof“ mit einer Nebenrolle abgefrühstückt wurde, darf ihre Mutterängste gegen die Polizei ausspielen, was eine ungewöhnliche, aber gut zu ihr passende Einstellung ist. Als ihre für meinen Geschmack etwas zu wankelmütige Schwester besticht Gerlinde Doeberl vor allem in den Rollen, in denen sie von Harry angehimmelt wird. Dieser versucht immer wieder, einen Treffer bei einer hübschen Blondine zu landen, kann aber seine Arbeit und seinen „besten Freund“ nie abschütteln. Vielsagend auch, dass Harry Stephan fragt, ob ihm seine neue Flamme gefalle!

Helmuth Ashley spielt seine Stärke, die er sich in den vergangenen Folgen aufgespart hat, nun doch einmal richtig aus. Schon seine Filme wie „Das schwarze Schaf“ oder „Das Rätsel der roten Orchidee“ bestachen durch einen deutlichen Kontrast zwischen amüsanten und düsteren Szenen. Mit dieser Mischung verhalf er auch dem „Tod eines Italieners“ zu Ehren, der anfangs beinah als Komödie ausgelegt ist und sich nach und nach in ein dunkles Bild dessen wandelt, was da demnächst auf die Gesellschaft zukommen wird. Abschlusspunkt dieser Beobachtung: Derrick gelingt es erneut nicht, die Hintergründe des Verbrechens restlos aufzudecken.

„Derrick“ ist als Nachfolger des „Kommissars“ als Problemserie angelegt, die nicht nur das Schema ‚In 60 Minuten vom Mord zur heilen Welt‘ bedienen, sondern auch schwierigere Fragen ansprechen soll. Dieses Konzept hätte man nicht verfolgt, wenn es nicht bisweilen auch glänzend aufgegangen wäre. 4,5 von 5 Punkten, denn es stören nur Peter Bertram, den man am besten durch einen echten Italiener ersetzt hätte, und die inspirationslose Musikkonservenverwendung von „Angel of Mine“ in einer Barszene.

Georg Offline




Beiträge: 3.228

25.08.2012 11:46
#437 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Peter Bertram war bei Ringelmann übrigens auf die Rolle des Italieners abonniert und spielt diese mehrfach in Derrick-, Der Alte- und Polizeiinspektion 1-Folgen. Den Akzent kriegt er gar nicht so schlecht hin, auch wenn man natürlich als Kenner der italienischen Sprache merkt, dass er nicht ganz korrekt ist.

Blap Offline




Beiträge: 1.128

26.08.2012 12:54
#438 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 9 (Folgen 121-135)

Folge 132 - Kranzniederlegung (Deutschland 1985)

Depressionen

Gerhard Trosse (Herbert Stass) hat seine besten Zeiten hinter sich, früher war der alternde Journalist häufig als Gerichtsreporter unterwegs. Aus dieser Phase kennt er Derrick, er sucht den Kriminalbeamten mit einem ungewöhnlichen Anliegen auf. Trosse vermutet bevorstehende Tötungen, den Rachefeldzug eines junges Mannes namens Heinz Lissner (Eduard Erne). Besagter Lissner legte am Grab seiner Freundin einen Kranz mit bedrohlichem Abschiedsgruß nieder, spricht offen über die Bestrafung der Verantwortlichen aus dem Drogenmilieu. Während Klein geneigt ist dem abgehalferten Schreiberling keine weitere Beachtung zu schenken, sucht Derrick das Gespräch mit Heinz Lissner. Nach der Unterhaltung ist auch Derrick überzeugt, der junge Mann ist eindeutig auf Rache aus. Ermittlungen fördern den Namen Alfons Köhler (Klaus Rohrmoser) zu Tage, in der Szene unter dem Decknamen "Igor" als Dealer unterwegs. Derrick setzt Köhler über die drohende Gefahr in Kenntnis, freilich streitet der Betroffene jede Verbindung zur Drogenszene ab. Offenbar verfehlen die Worte des Oberinspektors nicht ihre Wirkung, hektisch sucht Köhler den Geschäftsmann Adrian Schycker (Henry van Lyck) auf. Mit Trosse im Schlepptau bemüht sich Derrick erneut um ein klärendes Gespräch mit Heinz Lissner. Die Männer treffen auf dessen Mutter, der niedergelassenen Ärztin Dr. Lissner (Jutta Kammann). Heinz bekräftigt erneut seine radikalen Ansicht bezüglich "Igor" und Konsorten. Wenig später wird Alfons Köhler in seiner Wohnung erschossen...

Herbert Stass bringt überzeugend einen gebrochenen Charakter auf den Bildschirm. Damit keinerlei Zweifel aufkommen, darf der Zuschauer mehrere Blick in die trostlose Wohnung des Journalisten werfen, nebenbei scheint Trosse dem Alkohol zugeneigt. Die traurigen Ereignisse um Heinz Lissner pusten der abgetakelten Fregatte neuen Wind in die Segel, doch wohin geht die Reise? Eduard Erne spielt den zornigen jungen Mann, erweitert durch die Last schwerer Depressionen. So taumeln Trosse und Lissner in ihren kleinen Welten am Rande es Abgrundes umher. Der ältere Herr suhlt sich in philosophischen Anflügen, hofft auf ein kleines Licht am Ende des Tunnels, während der junge Mann Zorn und Trauer durch (imaginäre?) Mordgelüste zu bekämpfen gedenkt. Jutta Kammann ist heute einem breiten Publikum bekannt, seit Jahren verkörpert sie die Oberschwester in der erfolgreichen TV-Serie "In aller Freundschaft". Kammann gefällt als besorgte Mutter, Henry van Lyck passt vortrefflich in die Rolle des kalt-arroganten Drogenfritzen. Klaus Rohrmoser und Karl Renar führen eine entglittene Vater-Sohn-Beziehung. Wie üblich gibt das Ensemble keinen Anlass zur Kritik, die Präsenz von Herbert Stass und Eduard Erne drängt die übrigen Gastdarsteller ein wenig in den Hintergrund.

"Kranzniederlegung" lässt nicht nur Herbert Stass gross aufspielen, auch Horst Tappert und Fritz Wepper trumpfen einmal mehr auf. Schön stellt das Drehbuch die unterschiedlichen Gemüter der Ermittler in den Fokus. Derrick besonnen, vorausschauend und "herzlich-analytisch". Klein aufbrausend, hin und wieder betriebsblind, trotzdem ein harmonisches und auf den Punkt zusammenarbeitendes Duo. Trauer bis zur Depression, garniert mit verzehrendem Hass. Kein Nährboden für lockere Unterhaltung, die Dialoge werden der Ernsthaftigkeit der Story gerecht, aufgelockert durch dezent platzierten feinsinnigen Humor. Vielleicht kommt das Finale ein Spur zu pathetisch aus der Kiste, zumindest bleibt dem Betrachter ein gewisser Spielraum die eigene Phantasie schweifen zu lassen. Ferner zeigt sich die Folge am Puls der Zeit hängend, Jugendliche heizen auf Rollerblades über das Parkett einer Rollschuhbahn (aus heutiger Sicht ein herrlich nostalgischer Anblick). Untermalt wird das Treiben durch typische Frank Duval Klänge, die mir in diesem Zusammenhang (teilweise) eine Spur zu bieder tönen. Duvals kleiner Hit "Living like a cry" (1984) findet erneut Verwendung, der Song "Time for Lovers" muss als "Trauermelodie" herhalten und wird reichhaltig strapaziert. Zbyněk Brynych gehört zu meinen bevorzugten Regisseuren innerhalb der Reihe. Er inzenierte diesen Beitrag zum Derrick-Kosmos mit gutem Gespür für die wichtigen Gaststars, nutzt geschickt die Qualitäten des unschlagbaren Duos Tappert & Wepper.

7,5/10 (gut bis sehr gut)

***

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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

26.08.2012 14:06
#439 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Das sechste Streichholz" (Folge 85)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Thomas Schücke, Pierre Franckh, Sissy Höfferer, Jacques Breuer, Tommi Piper, Robert Atzorn, Hans Hessling, Herta Böhm, Ulrike Möckel, Willy Schäfer u.a. - Regie: Alfred Vohrer

Der Diskothekenbesitzer Henry Janson bleibt nach der Sperrstunde noch im Lokal, um die Tageseinnahmen zu zählen. Plötzlich kommt ein junger Mann in sein Büro und erschießt ihn aus heiterem Himmel. Für den Bruder von Janson gibt es keinen Zweifel: Jo Mahler, Biologiestudent und Discjockey, hat es getan. Er hasste seinen Arbeitgeber. Doch ein Zeuge vom Haus gegenüber gibt eine völlig andere Beschreibung des Täters. Welches Motiv liegt dem Mord zugrunde? Warum gab Mahler den Auftrag, Janson unschädlich zu machen?

Wieder einmal hat der Zuseher Derrick gegenüber einen Wissensvorsprung. Der jugendliche Täter wird in den ersten Minuten der Folge bei der Ausübung seiner Tat gezeigt und, dass es sich um den leicht anzustachelnden Pierre Franckh handelt, wundert ihn am wenigsten. Die Frage, die dem Publikum deshalb im Kopf herumgeistert ist folgende: Wer war Henry Janson? Was hat er verbrochen, dass eine Gruppe von Studenten seinen Tod beschließt? Es dauert fast eine Dreiviertelstunde, bis dieser Punkt geklärt wird. Währenddessen hat man sich bereits die üblichen schmutzigen Gedanken gemacht und von Prostitution bis Vergewaltigung alle Szenarien durchgespielt, weil gerade die weibliche Hauptdarstellerin Sissy Höfferer so beharrlich schweigt. Doch: Ätsch! Es geht um "H" (englisch ausgesprochen). Wieder einmal langt Reinecker da hin, wo es der Gesellschaft weh tut: dem Drogenmissbrauch der 14jährigen Kinder. Ausgerechnet Thomas Schücke, der in Folge 80 noch einen eiskalten Fiesling gab, wird zum Rächer der lieben Kleinen, die ihm durch die gemeinsame Freude an melodischen Popklängen ans Herz gewachsen sind. Erneut fragt man sich, weshalb so wenig Vertrauen in die Behörden gesetzt wird und der Händler Janson von der Gruppe nicht einfach angezeigt wird. Vermutlich - und hier setzt Reinecker auf die Kernbotschaft seiner Serie - sitzt im Rauschgiftdezernat kein verständnisvoller Mann wie Oberinspektor Derrick.
"Derrick ist ein Abgesandter der Wahrheit und Gerechtigkeit. Dies nicht als vergeistigter Prediger, sondern als Mann, der mit beiden Beinen fest auf der Erde steht und noch mehr vom Elend dieser Welt gesehen hat, als sein Gesicht Raum für Falten bietet" ("Derrick und ich - Meine zwei Leben", Verlag Wilhelm Heyne, Seite 168)
Pierre Franckh nudelt seinen Part in der ihm typischen geflissentlichen Weise herunter; aufgeregt, atemlos, nach Anerkennung gierend schnüffelt er wie ein junges Hündchen am seidenglatten Thomas Schücke, dessen Leidensmiene ihm diesmal Plus- und Sympathiepunkte bringt.
Alfred Vohrer nimmt sich in den Szenen mit den drogensüchtigen Mädchen sehr zurück, sei es im Falle der "im Dunkeln verschwindenden Katze" oder beim langsamen Sterben der im Waschraum liegenden Jugendlichen. Seine Ader für feinfühlige Inszenierungen abseits des Edgar-Wallace-Universums, würdigt auch Horst Tappert, wenn er das Ende des Regisseurs beschreibt:

"Ringelmann war sehr zufrieden mit Freddy und holte ihn immer wieder. Wegen Durchblutungsproblemen musste er sich ein Kunststoffteil in die Halsschlagader setzen lassen. Er kam nach München, wohnte im "Königshof". Fiel nachts auf dem Weg ins Badezimmer mit dem Hals auf den Türknauf, der Plastikeinsatz riss ab. Er merkte, dass er blutete. Statt die Rezeption und den Notarzt zu rufen, versuchte er, die Blutung mit nassen Handtüchern als Kompressen zu stoppen. So ist er gestorben. Und warum rief er niemanden? Weil er so rücksichtsvoll war. Er wollte mitten in der Nacht keinen wecken, keine Unannehmlichkeiten machen. Es kam ihm nicht in den Sinn, dass die Rezeption besetzt war oder dass es Notärzte eben für Fälle wie seinen gibt. Dabei war er im Beruf sehr tough. Aber er starb aus Höflichkeit." (Seite 215)

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

26.08.2012 20:44
#440 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Prozente" (Folge 86)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Rolf Boysen, Gerlinde Locker, Gerd Baltus, Barbara Rütting, Michael Degen, Sunnyi Melles, Martin Semmelrogge, Willy Semmelrogge, Wilmut Borell, Willy Schäfer - Regie: Theodor Grädler

Kreditvermittler Hollerer und sein Kunde Schlehdorn sitzen gerade bei einer schwierigen Vertragsverhandlung, als im Vorzimmer des Büros drei Schüsse fallen.
Frau Schlehdorn, die auf der Straße auf ihren Mann wartet, sieht, wie der Mörder das Haus verlässt und kann der Polizei eine gute Personenbeschreibung geben. Herr Schlehdorn nutzt die Aussage seiner Frau für eine Minderung des Kreditzinssatzes und will den flüchtigen Täter notfalls entkommen lassen, wenn Hollerer seine Bedingungen nicht akzeptiert. Wird der Täter noch einmal zuschlagen?

Rolf Boysen drückt der Episode seinen Stempel auf und degradiert alle Darsteller mit Ausnahme von Gerd Baltus (nach Folge 34 erneut als Gegenspieler eines Wucherers) zu Randfiguren. Es ist niemand da, der ihm Paroli bietet, der auf gleicher Augenhöhe mit ihm kommuniziert und damit ein Agieren unter Partnern ermöglicht.
Um wen es sich bei dem Mörder von Willy Semmelrogge handelt, ist spätestens beim Betrachten des Phantombilds klar: Martin Semmelrogge folgt auf Pierre Franckh. Glücklicherweise sehen wir ihn erst in den letzten Minuten, wobei er kaum mehr als drei Sätze zu sagen hat. Im Mittelpunkt der Folge stehen Hollerer und seine Angst. Barbara Rütting gibt die Hausdame mit eingefrorenem Gesichtsausdruck (wie schon in "Der Kommissar: Ein Playboy segnet das Zeitliche", 1975): diskret, diszipliniert und zuverlässig. Leider bleibt Michael Degen als Mann in der zweiten Reihe blass. Wie schon in Folge 81 muss er Haltung bewahren und lässt seinen Gefühlen nur im Verborgenen freien Lauf. Und Sunnyi Melles? Das Geheimnis, das um ihre Figur gesponnen wird, hätte gerne noch ausgeweitet werden können. Die Atmosphäre, die das wunderschöne Anwesen auf dem Hügel vermittelt, steht in seiner Beschaulichkeit und seinem entspannten Frieden im Gegensatz zur kargen Strenge, die das wurmstichige Mobiliar des Kreditbüros ausstrahlt. Derrick scheint kein großes Interesse zu haben, den selbstbewussten und dominanten Hollerer zu schützen. Er gibt ihm Harry als Aufpasser mit und verlässt sich ansonsten auf den privaten Personenschutz des Gutshauses.

"Derrick, der seine Gespräche lieber vor Ort als im Polizeipräsidium führt, erscheint - obwohl oft zu ungewöhnlicher Stunde - immer als höflicher Besucher. Nicht als Repräsentant der Staatsmacht, nicht als Gebieter über einen umfassenden Polizeiapparat. Allenfalls seinen Assistenten Harry Klein hat er dabei, der mitunter ernster und skeptischer dreinschaut als sein Chef, das jedoch eher, weil er seine sich über viele Folgen erhaltene Jugendlichkeit durch demonstrative Seriösität kompensieren will." ("Derrick und ich - Meine zwei Leben", Verlag Wilhelm Heyne, Seite 167)

Die Überführung bringt Derrick schnell über die Bühne, da man merkt, wie der Fall beginnt, an seiner Geduld und seinen Nerven zu zehren. Es ist, als ob er denken würde: Hollerer ist tot und gut, dass er es ist. Punkt.
Fazit: Eine Folge, die innerhalb der Serie nicht überragend ist, jedoch in ihrer Box zum oberen Mittelfeld zählt.

athurmilton Offline



Beiträge: 1.083

27.08.2012 14:56
#441 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Ich sehe gerade Folge 62, "Das Dritte Opfer", online an, eine ungewöhnliche Episode mit brillianten Darbietungen von Heinz Drache (!), Lambert Hamel und Jutta Speidel. Immer wieder wird man mit Derrick zusammen irritiert, dann ein Mord und die Überraschungen gehen weiter. Das Gefühl, dass "da irgendwas nicht stimme" wird dezent aber in permanenter Schwebe gehalten.

Ein klasse Krimi. Schön, dass man damals so solide und doch mit Liebe gemachte, interessante und spannende Krimis geschaffen hat, die gar nicht versuchten, zwingend Action vorzuführen oder ein Thriller zu sein.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

02.09.2012 14:16
#442 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Der Untermieter" (Folge 87)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Peter Kuiper, Lisa Kreuzer, Horst Sachtleben, Hans Jürgen Schatz, Fritz Strassner, Wilfried Klaus, Ludwig Wühr, Andy Voss u.a. - Regie: Michael Braun

Walter Buschmann wurde wegen Totschlags zu zehn Jahren Haft verurteilt, obwohl die Anklage ursprünglich auf Mord lautete. Nun wird der Mann vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen und Leo Kurat, pensionierter Polizeibeamter, meldet sich, um ihm als Betreuer zur Seite zu stehen.
Buschmann kennt nur ein Ziel: die Wohnung seiner damaligen Freundin Gudrun. Als er eingesperrt wurde, erwartete sie ein Kind, einen Jungen. Ohne Rücksicht auf die Tatsache, dass Gudrun inzwischen verheiratet ist und ihr Mann als Vater des Sohnes gilt, will Buschmann sich im Haus breitmachen und die Familie an sich reißen. Derrick vermutet nicht umsonst, dass sich diese Spannung bald in einer Katastrophe entladen wird.....

Peter Kuiper ist der Inbegriff des deutschen Schreckens, weil er im Gegensatz zu einem Klaus Kinski innerhalb der großen Kriminalserien nur dosiert eingesetzt wird und sich seine Reputation vor allem auf zurückliegende Gewalttaten stützt. In der Krimireihe "Der Kommissar" trat er zweimal auf; einmal als Mann, der seine Frau quält und unterdrückt ("Die kleine Schubelik", 1970) und später als Vater, der seine Tochter mit dem Gürtel schlägt und an den Herd bindet ("Fährt der Zug nach Italien?", 1975).
Diese Grausamkeiten statteten ihn mit einem Image aus, das ihm erlaubte, die physische Gewalt zurückzufahren. In "Derrick" genügte der bloße Anblick Kuipers auf einer einsamen nächtlichen Bahnstation, um Angst zu verbreiten und im Publikum böse Vorahnungen zu wecken. Der durchdringende Blick, der stets abwechselnd amüsiert-spöttisch oder hasserfüllt wirkt, bedeutet seinem Gegenüber, sich in Schranken zu halten und seinen Plänen nicht im Wege zu stehen. Man harrt deshalb gespannt der ersten Begegnung zwischen Oberinspektor Derrick und Walter Buschmann (in "Tod am Bahnsteig" treffen sich der Ermittler und der Mörder erst in der letzten Filmminute). Derrick ist allein von der Statur her ein Mann, den man nicht übersieht und verbreitet nicht durch seine Boxkünste oder den Einsatz der Dienstwaffe, sondern durch sicheres Auftreten und seine natürliche Autorität Respekt. Lisa Kreuzer sieht sich in die Enge getrieben und bietet wenig Widerstand gegen den Eindringling, der ihren Mann (ungewohnt zahm und seriös: Horst Sachtleben) vorführt und aus der Wohnung und ihrem Leben drängen will. "Wenn er lächelt, wird mir kalt," diese Aussage von Heidelinde Weis über Pinkas Braun (in: "Die Frau in Weiß") trifft auch auf das ehemalige Paar Gudrun-Walter zu und verdeutlicht, wie Menschen sich im Laufe der Jahre verändern und weiterentwickeln und warum daran viele Beziehungen zerbrechen. Die ständige Bedrohung, die die Luft in der Wohnung Kaul vergiftet, lässt Stephan und Harry zunächst ratlos außen vor, erst als sich der Jurastudent (schöner Einstand des korrekten Hans Jürgen Schatz) an den Oberinspektor wendet, kommt Bewegung in die Ermittlungen. Das Drehbuch findet sogar Platz für eine schöne private Studie: Harry brät Stephan Steaks, die dieser jedoch angesichts der ausweglosen Situation im Hause Kaul keines Blickes würdigt. In Nebenrollen bringt "Funkstreife Isar 12"-Regisseur Michael Braun seine Veteranen Strassner und Klaus unter, deren Urteil über Buschmann weitsichtig und diensterprüft wirkt.
Fazit: Eine Folge, die dadurch wirkt, dass sie uns bewusst macht, warum viele Menschen machtlos in einer familiären Situation ausharren, die sie kaputt macht und wie oft unterschätzt wird, dass es auch Verbrechen gibt, gegen die der Staat zunächst keine Handhabe hat - es sei denn, es kommt zum finalen Knall. Derrick wird wieder einmal zum Vollstrecker des Zuschauerwillens und "räumt auf", ohne für einen Augenblick seine Kompetenzen zu überschreiten. Chapeau!

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

02.09.2012 15:10
#443 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Tod im See" (Folge 88)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Christiane Krüger, Robert Atzorn, Heinz Moog, Maria Sebaldt, Holger Petzold, Willy Schäfer u.a. - Regie: Alfred Vohrer

Ein schwerer Sturm hat das Segelboot von Rolf Wiegand zum Kentern gebracht, hilflos treibt der Mann im Wasser. Fast in letzter Minute wird er von der Wasserschutzpolizei gerettet. Als er wieder zu sich kommt, berichtet er, dass er nicht allein an Bord gewesen sei, seine Frau Ursula sei mit ihm gesegelt.
Als diese nach Stunden intensiver Suche nicht gefunden wird, fährt Wiegand zurück nach München, wo er von seinem Schwiegervater erwartet wird. Niemals sei seine Tochter bei einem Unfall ums Leben gekommen, Rolf habe sie ermordet! Diese Anklage erhebt der alte Herr vor Oberinspektor Derrick, der sich zunächst mit einem Fall ohne Leiche und große Anhaltspunkte befassen muss, bald jedoch durch das seltsame Verhalten des Witwers misstrauisch wird.....

In gewisser Weise erinnert "Tod im See" an "Auf einem Gutshof" (Folge 73). Die atmosphärische Dichte, die wütenden Naturgewalten und der überschaubare Kreis der handelnden Personen, vermitteln eine Beklemmung, die über dem Haus liegt wie in "Das Gesicht im Dunkeln" (1969).
Alfred Vohrer zeichnet im Zusammenspiel mit den peitschenden Giallo-Klängen von Frank Duval eine Episode, die den Beteiligten Unbehagen bereitet. Robert Atzorn steht dabei als Ehemann der Toten im Mittelpunkt und man weiß vom ersten Augenblick an, was er im Schilde führt. Wie Heinz Moog glauben auch wir ihm keine Sekunde, dass Ursula Wiegand bei der Segelpartie mit an Bord war, sondern vermuten, dass er sie auf dem Grundstück vergraben hat. Moog liefert ein glaubhaftes Bild des besorgten Vaters, der -wie so oft- an der Sinnhaftigkeit der Eheschließung seiner Tochter zweifelt und im Schwiegersohn einen Unheilsbringer sieht. Kraftvoll wirbelt er das Büro von Derrick auf, bis dieser sich geschlagen gibt und erste Ermittlungen anstellt. Anfangs wird der mitfühlende Harry ins Rennen geschickt, dem die leergeräumten Zimmer Ursulas und die radikale Verbannung aller ihrer persönlichen Gegenstände sehr missfallen.

Das Sujet taucht später in der Folge "Das leere Zimmer" erneut auf:
"Das Zimmer ist leer. Auf Derrick wirkt es nicht wie zufällig leerstehend, eher wie gewalttätig leergeräumt und bestimmt, nun leer zu bleiben. Ohne jede Spur der Vergangenheit, ein Raum voll Nichts, voll Vernichtung. [...] 'Was haben Sie mit den Möbeln gemacht?' fragt Derrick. 'Die stehen unten im Keller.'
Dort sind die Möbel zu einem Haufen getürmt, wie ein Monument. [...] Er hat seine Frau umgebracht, im Keller verscharrt und auf ihr ein Grabmal aus Möbeln errichtet." ("Derrick und ich - Meine zwei Leben" Verlag Wilhelm Heyne, S. 225-226)

Christiane Krüger ist DIE Frau der Geschichte, obwohl sie als Freundin des Witwers aus der zweiten Reihe hervortritt. Doch da Maria Sebaldt erst in der letzten Viertelstunde zu sehen ist, dominiert Krüger das Geschehen, auch, weil schon in ihrer ersten Szene klar wird, dass sie Belastungszeugin und loyale Vertraute zugleich ist. So liegt die Frage, wie es IHR ergehen wird, wie SIE die Situation meistern wird, offen auf der Hand und steigert die Spannung um ein weiteres. Krüger gefällt mir mit jedem "Derrick"-Auftritt besser. Abgesehen von ihrer überaus angenehmen Optik bietet sie eine breite Palette an Möglichkeiten. Sie kann vom Mädchen aus der Unterschicht bis zur Dame aus der besten Gesellschaft alles spielen. Maria Sebaldt bleibt sich treu und bietet ihrem Mann selbstbewusst die Stirn. Auch hier bleibt Vohrer Realist und inszeniert den Mord ohne Schnörkel und Umschweife. Atzorn liefert eine überzeugende Leistung ab. Er schnappt nach Luft, nicht nur im Wasser, sondern auch zu Lande; verbissen hält er an seiner Aussage fest, belügt nicht nur die Polizei, sondern auch sich selbst. Vohrer zeigt ihn als gefährlichen Phantasten, der in die Enge getrieben zu allem fähig ist. Er reizt den Oberinspektor mit seiner frechen Art bis aufs Blut - mehrmals bewundert man Derricks Fähigkeit, sich nicht provozieren zu lassen und jede verbale Attacke gekonnt zu umschiffen.

"Bohrturm" bedeutet es [der Name des Oberinspektors] im Englischen, und Derrick ist ein Bohrer, immer dabei, die verschüttete Wahrheit ans Licht zu befördern." (siehe oben, Seite 158)

Blap Offline




Beiträge: 1.128

03.09.2012 22:01
#444 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 9 (Folgen 121-135)

Folge 133 - Tod eines jungen Mädchens (Deutschland 1985)

Signalwirkung

Margot Glogau verdient ihre Brötchen als Verkäuferin in einem Modegeschäft. Da die junge Frau als sehr zuverlässig gilt, wundern sich ihre Kollegen Ilse Becker (Margot Mahler) und Rudolf Dorsen (Frithjof Vierock) über die morgendliche Abwesenheit der Verkäuferin. Nach einiger Wartezeit verständigen die Mitarbeiter ihren Chef Robert Linder (Hans Korte), welcher seine Angestellten zur Wohnung der Vermissten schickt. Aus der Wohnung ertönt Musik, schliesslich wird die Tür unter Aufsicht der Polizei geöffnet. Margot Glogau liegt mit schweren Schädelverletzungen im Schlafzimmer, laut Gerichtsmediziner trat der Tod am vorherigen Abend ein. Wenig später taucht Robert Linder in der Wohnung auf, der von Derrick befragte Ladenbesitzer beschreibt das Opfer durchweg positiv. Offenbar war Bertold Linder (Pierre Franckh), Robert Linders Sohn, gut mit dem Mädchen befreundet, der junge Mann hinterlässt während der Vernehmung einen äusserst fahrigen Eindruck. Hinzu kommen widersprüchliche Angaben der Familie Linder bezüglich der Freundschaft zwischen Bertold und Margot, mehr und mehr Anhaltspunkte sprechen für die Täterschaft des jungen Mannes. Robert Linders Bruder Harald (Claus Biederstaedt) unterstützt seinen Neffen nach Kräften, versucht auf seinen Bruder und dessen Frau Agnes (Gustl Halenke) beruhigend einzuwirken. Derrick und Klein befragen den Nachbarn der Toten, Albert Sussloff (Peter Kuiper) zeigt kein Interesse an dem Fall. Harry macht in Sussloffs Küchenschrank eine interessante Entdeckung...

Pierre Franckh verkörpert meist neurotische Gestalten, irgendwo zwischen leicht überspannt und völlig durchgedreht. "Tod eines jungen Mädchens" macht da keine Ausnahme, der blonde Jüngling fährt auf der verletzt-überforderten Schiene, kommt nicht bedrohlich-aggressiv daher. Klar, die Darbietungen Franckhs sind polarisierend, nicht jeder Zuschauer kommt mit dem eigenwilligen Schauspieler klar. Aus meiner Sicht liefert er einmal mehr eine solide Vorstellung ab, in geringer Dosierung geht Pierre Franckh gut runter. Neben Franckh hat Claus Biederstaedt die auffälligste Gastrolle inne, obschon er nicht mehr als das Klischee des scheinheiligen Unsympathen ins Feld führen darf. Harald Linder ist ein verlogener und verdorbener Charakter, Biederstaedts "unverbindlich-seriöse" Erscheinung passt perfekt ins Bild. Hans Korte und Gustl Halenke werden zu Spielbällen, Robert Linders Kraft und Ausdauer wird bis zum Anschlag strapaziert, seine Gattin Agnes ist bestrebt die gutbürgerliche Fassade zu wahren. Peter Kuiper sorgt in der einen oder anderen Folge für bedrohliche Momente, man erinnere sich nur an "Tod am Bahngleis" (5) oder "Der Untermieter" (87). Als Albert Sussloff zeigt sich Kuiper nicht bösartig, Sussloff ist ein verbitterter und einsamer Mensch, lebt sein kleines Leben ohne Freude oder gar Freunde. Mit erschreckender Gleichgültigkeit begegnet er den Fragen der Ermittler, Sussloff nagt an Derricks Geduld und Verständnis, das schafft nicht längst nicht jeder Charakter. Ich muss mich korrigieren, nicht nur Franckh und Biederstaedt bleiben in Erinnerung. Es ist vor allem auch Peter Kuiper, der im Rahmen der Reihe stets für besonders hochwertige Auftritte steht! Frank Nufer-Hessenland taucht als jüngerer Bruder des Opfers auf, an seiner Leistung gibt es nicht viel zu bemängeln. Unscheinbarkeit mag ich dem jungen Burschen nicht vorwerfen, immerhin ist diese Farblosigkeit der Anlage des Charakters geschuldet. Margot Mahler und Frithjof Vierock füllen das Ensemble auf, kleine Angestellte aus der Mitte des Volkes, glaubwürdig auf den Bildschirm gebracht.

Wie weit geht Familie, wie weit darf Familie gehen? Familienbande sind ein beliebtes Thema bei "Derrick", Autor Herbert Reinecker lieferte etliche Vorlagen dieser Art ab. Gern werden Sippen aus den oberen sozialen Schichten unserer Gesellschaft ins Zentrum gestellt, es soll nicht nur vor dem Fernseher brodeln, es soll in erster Linie in der Glotze brodeln. Als Kriminalfall macht "Tod eines jungen Mädchens" nicht viel Staat, Theodor Grädlers einen Hauch zu nüchterne Inszenierung vermag die Scharte nicht auszuwetzen. So wird die Qualität des Ensembles um Pierre Franckh, Claus Biederstaedt und Peter Kuiper umso wichtiger, nicht zu vergessen die durch Horst Tappert und Fritz Wepper bereitgestellte "Grundqualität mit Wohlfühlgarantie". Max Greger jr. steuerte die Musik bei. Erneut liefert Greger lediglich unverbindliches Gedudel ohne grösseren Wiedererkennungswert, bitte nie wieder ein böses Wort über die ab und an nicht ganz geschmackssicheren Anflüge des geschätzten Frank Duval. Fans der Reihe werden ansprechend unterhalten, dennoch eine Folge das geplegte Serien-Unterhaus (Gejammer auf hohem Niveau). Einsteiger sollten sich zunächst mit den kleinen und grossen Höhepunkten aus dem Derrick-Kosmos beschäftigen, die Reihe hält jede Menge Schätzchen bereit.

6/10 (obere Mittelklasse)

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Vom Ursprung her verdorben

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

04.09.2012 21:30
#445 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Das sechste Streichholz

Episode 85 der TV-Kriminalserie, BRD 1981. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Sissy Höfferer (Irmgard Schneider), Thomas Schücke (Jo Mahler), Jacques Breuer (Rolf Heckel), Pierre Franckh (Konrad Vollmer), Robert Atzorn (Egon Janson), Tommi Piper (Henry Janson), Hans Hessling (Herr Winter), Herta Böhm (Wirtin) u.a. Erstsendung: 14. August 1981, ZDF.

Zitat von Derrick: Das sechste Streichholz
Wenige Minuten, nachdem die Musik in einer Münchner Diskothek aufgehört hat, zu spielen, fallen aus dem Innern des Gebäudes Schüsse. Der Tote: Besitzer Janson. Wo ist das Motiv für die Tat zu finden? Die Verdächtigen ergehen sich in Andeutungen, werden aber bei Nachfragen nie konkret. Und auch der Augenzeuge Herr Winter stellt keine große Hilfe dar.


Die Besprechung enthält leichte Spoiler.

Sieht man „Das sechste Streichholz“, so hat man das Gefühl, alles schon einmal durchlebt – und zwar alles schon einmal besser durchlebt – zu haben. Die Folge offenbart in mehrfacher Hinsicht ihre durchschnittliche Ausrichtung: begonnen mit Herbert Reineckers Skript über eine nicht sonderlich kreative Umsetzung bis hin zu Nummer-sicher-Darstellerbesetzungen.

Reineckers Tendenz, sich statt dem Verderben des Individuums lieber faulen Stellen der Gesellschaft zu widmen, wurde im letzten Dutzend „Derrick“-Episoden bereits an zahlreichen Momenten deutlich. „Der Tod sucht Abonnenten“, „Dem Mörder eine Kerze“ und „Tod eines Italieners“ waren Beispiele für seinen Wunsch, der Serie einen gesellschaftskritischen Anstrich zu verpassen, der über das Niveau der spannenden, aber leicht konsumierbaren Frühfolgen hinausgeht. „Das sechste Streichholz“ reiht sich bestens in dieses Muster ein, malträtiert der gern auch ‘mal belehrende Autor seine Zuschauer doch von Anfang bis Ende mit (pseudo-)philosophischen Ausführungen, die nicht nur die eigentliche Handlung strecken, sondern zugleich als ihr Auslöser und ihre Triebfeder fungieren. Zu diesem Zweck kreierte Reinecker eine Gruppe Studenten (die er gern als anfällig für extremistische Positionen ansah) und ließ sie in einer Art über Leben und Tod entscheiden, die mir nicht nur wegen ihrer Gesetzlosigkeit, sondern vor allem aufgrund ihrer unglaublichen Überheblichkeit, über Leben und Vollstreckung zu urteilen, den Atem verschlug. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Rotte um Anführer Jo Mahler vermeintliches Recht in die Hand nimmt und es zu Unrecht formt, wird nur noch überboten durch Harrys naiven Schlusskommentar, man könne für diese Menschen Sympathie aufbringen. Derrick, der die Dinge weniger verklärt sieht, spart sich einen Kommentar hierzu, was zumindest einen Hauch von gedanklicher Vielschichtigkeit in Reineckers ansonsten so glasklares Buch bringt.

Thomas Schücke tritt als Jo Mahler in die Fußstapfen von Sven-Eric Bechtolf aus „Kerze“, der seine angebliche Freundesrunde wahlweise aus übersteigertem Selbstwertbedürfnis oder fernsehdramaturgischer Notwendigkeit zu puren Mitläufern degradiert. So hat es Jacques Breuer, der seinen dritten „Derrick“-Auftritt verbucht, schon wieder nicht leicht, als Schauspieler ernst genommen zu werden, während Pierre Franckh über diesen Wunsch schon lang hinweg gewesen sein sollte. Angesichts seines Fluchs, immer und immer wieder auf dieselbe verrückte Rolle reduziert zu werden und Ringelmann damit die gewünschte Tragik zu liefern, kann man die Tatsache, dass er sich der Schauspielerei unterdessen den Rücken gekehrt hat, nur allzu leicht nachvollziehen.

Vohrer gelingen unter markantem Musikeinsatz einige leidlich spannende Szenen, allerdings hat er mit der Vorlage merklich zu kämpfen, weshalb auch zu Beginn der Folge, als der Einbruch in die nächtliche Disko gezeigt wird, keine echte Spannung aufkommt. Zudem muss eingeschränkt werden, dass sich Frank Duvals „Cry“ lediglich nach einer Neuvertonung von „Angel of Mine“ anhört, denn dem neuen Text zum Trotz sind Harmonien und Akkordfolgen dieselben geblieben.

Weniger faszinierend als der „Derrick“-Durchschnitt und mit deutlichen Schatten einer übermächtigen Autorengestalt. An vielen Stellen wird Selbstjustiz verherrlicht und es obliegt allein dem Zuschauer, sich dem Reiz der einfachsten Lösung zu widersetzen. 2,5 von 5 Punkten.



Spezialuntersuchung, Fall 4: Regisseur Alfred Vohrer

Kaum ein Name ist derart eng mit dem deutschen Krimi verbunden wie der von Alfred Vohrer. Bei den Edgar-Wallace-Streifen der Rialto fast von Anfang an dabei und im weiteren Verlauf der Reihe nach und nach (allein-)bestimmender Stimmungsfaktor, hatte er Anfang der 1970er Jahre bereits eine unerschütterliche Reputation als Fachmann auf dem Gebiet filmischen Mord und Totschlags. Die Brücke zur „Derrick“-Serie, die von Vohrer eine Umstellung von Schlangen und Skeletten auf einen leicht resignierten Realo-Blick verlangte, betrat der gebürtige Stuttgarter mit Problemstoffen wie „Sieben Tage Frist“ und „Jimmy ging zum Regenbogen“.

Und doch bewahrte sich Vohrer zwei Markenzeichen, die seine Arbeiten durch all die Jahre prägten: ein unerschütterliches Gespür für Spannung, das „Derrick“-Klassiker wie „Kamillas junger Freund“, „Lissas Vater“ oder „Zeuge Yurowski“ prägend bestimmte, sowie die kleine Schwäche, kein Zauberer zu sein. Vohrers Drehergebnisse spiegelten stets die Qualität der Drehbücher wider, die ihnen zugrunde lagen. Sowohl bei Wallace als auch bei „Derrick“ heißt das: Hatte Reinecker einen guten Tag, folgten kreative Feuerwerke aus der Vohrer-Schmiede – bei schlechterer Voraussetzung übertrug sich das via Vohrer aber ebenso auf den letztendlichen Sehgenuss der Folge.

Resultierend sichert sich Vohrer sowohl in Percy Listers als auch in meiner Rangliste der „Derrick“-Regisseure einen soliden Mittelplatz mit 4,10 bzw. 4,13 Punkten, der unterm Strich sowohl seine Hochs und Tiefs, nicht aber den unendlichen Facettenreichtum repräsentiert, mit dem Alfred Vohrer viele Bildschirmstunden versüßte.

Gubanov ( gelöscht )
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05.09.2012 21:00
#446 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Für „Derrick“-Fans vielleicht eine wichtige Randnotiz: Amazon bietet die Collector’s Boxen 1 bis 10 momentan, teils mit etwas längeren Lieferzeiten, für 14,90 Euro das Stück an. Wer ein Schnäppchen ergattern möchte, sollte zugreifen, denn so günstig werden die Editionen nicht einmal im stationären Handel angeboten.

Passend zu den Amazon-Prozenten widmen wir uns nun „Derrick“-Folge 86:



Derrick: Prozente

Episode 86 der TV-Kriminalserie, BRD 1981. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Rolf Boysen (Herr Hollerer), Gerlinde Locker (Susanne Schlehdorn), Gerd Baltus (Martin Schlehdorn), Barbara Rütting (Frau Mertens), Michael Degen (Herr Brasse), Sunnyi Melles (Alice Hollerer), Willy Semmelrogge (Herr Mahler), Martin Semmelrogge (Richard Siebert) u.a. Erstsendung: 28. August 1981, ZDF.

Zitat von Derrick: Prozente
München, Josephsplatz. Leute, die nicht weiter wissen, bitten den Kredithai Hollerer um finanzielle Unterstützung. Weil dieser aber Wucherzinsen verlangt, stürzt er viele Schicksale ins Unglück. Das Karma wendet sich in Form eines bewaffneten Rächers gegen ihn, der jedoch nur den Buchhalter der Kanzlei erwischt. Hollerer lebt fortan in Angst um sich und seine an den Rollstuhl gefesselte Tochter.


Nachdem Reinecker in den vergangenen beiden Folgen den gesellschaftskritischen Hebel bis zum Anschlag ausgefahren hatte, schaltete er in „Prozente“ wieder einige Gänge zurück und bot dem geneigten Zuschauer zur Abwechslung wieder einmal einen waschechten Kriminalfall. Es fällt positiv auf, dass er den Fokus auf zwei nur mittelbar in Zusammenhang stehende Verbrechen erweiterte und damit ungleich mehr als gewöhnlich in die 60 „Derrick“-Minuten packte. Das Ergebnis: ein Tempo, wie man es zuletzt nur in wenigen Folgen sah und das stellenweise sogar zu dramaturgischen Aussparungen verpflichtete, die andere Fans als Oberflächlich- oder Einfallslosigkeit des Skripts abtun mögen, die in meinen Augen aber nur Zeugnis darüber ablegen, wie viele gute Ideen Reinecker in der kurzen Spielzeit unterbringen wollte. Ein Beispiel: die schnelle und geflissentliche Überführung des zweiten Mörders, in der sich Derrick erneut als pragmatischer Ermittler mit einer ganzen Menge Menschenkenntnis profilieren kann.

Als markanteste Figur der Episode entpuppt sich freilich Wucherer Hollerer, der seinem toten Kollegen aus Episode 34 in nichts nachsteht und ihm im späteren Verlauf der Episode sogar tatsächlich auch ins Jenseits folgt. Rolf Boysen, bekannt aus der eher enttäuschenden Agatha-Christie-Verfilmung „Zehn kleine Negerlein“ von 1969, erinnert in seinem einzigen „Derrick“-Auftritt optisch stark an Götz George, dem die Rolle sicher auch gut gestanden hätte, der aber seit dem „Prozente“-Produktionsjahr 1981 für die ARD als Schimanski im „Tatort“ vor der Kamera stand. Abseits seiner rücksichtslosen Geschäftsgebaren ist es vor allem erschreckend anzusehen, wie Hollerer mit seiner Omnipotenz seine Tochter nicht nur verhätschelt, sondern völlig erdrückt und ihr eine charakterlich freie Entwicklung unmöglich macht. „Das Kind“ ist folglich auch mit 20 Jahren noch völlig unmündig, wozu aber sicher auch die damals noch weit verbreitete Ansicht, körperlich Behinderte seien auch geistig nicht mit „gesunden“ Menschen gleichauf, ihren Teil beiträgt.

Stiller und noch interessanter fällt wieder einmal die Rolle des stets überzeugenden Gerd Baltus aus. Wo auch immer hohe Zinsen verlangt werden, ist auch er nicht weit – diesmal jedoch in einer anderen Position als in „Tod des Wucherers“, die ihn als noch spießbürgerlicher und beschränkter erscheinen lässt. Sein Herr Schlehdorn schreckt vor Gesetzesübertretungen nicht zurück, sieht diese aber als legitimes Mittel ausgleichender Gerechtigkeit an. Es ist herrlich, dabei zuzuschauen, wie er einerseits im Beisein Derricks mit gespaltener Zunge spricht, aber andererseits nicht darauf kommt, in seiner Lage mehr als eine Zinssenkung auf 8 Prozent herauszuschlagen. Es dürfte sich jedenfalls um die erste Erpressung der Kriminalgeschichte handeln, bei dem der Erpresser seinem Opfer mehr zurückzahlen möchte, als er von ihm erhält.

Gut konstruierter, teils unheimlicher und mit Rolf Boysen, Gerd Baltus, Barbara Rütting und Michael Degen hervorragend besetzter Fall. Derrick bekommt es mit mehreren verschiedenen Verbrechen zu tun, bringt die Wahrheit aber trotzdem innerhalb kürzester Zeit ans Licht. Nach einer langen Pause lesen wir wieder Theodor Grädlers Namen im Abspann, was die optische Hochwertigkeit der Folge begründet und im Sinne des Abwechslungsreichtums nur befürwortet werden kann. 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
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07.09.2012 15:34
#447 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Der Untermieter

Episode 87 der TV-Kriminalserie, BRD 1981. Regie: Michael Braun. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Peter Kuiper (Walter Buschmann), Lisa Kreuzer (Gudrun Kaul), Horst Sachtleben (Ulrich Kaul), Fritz Strassner (Leo Kurat), Hans-Jürgen Schatz (Ulrich Steinitz), Wilfried Klaus, Ludwig Wühr, Andy Voss u.a. Erstsendung: 9. Oktober 1981, ZDF.

Zitat von Derrick: Der Untermieter
Was eine vorzeitige Entlassung auf Bewährung nicht alles verändert: Walter Buschmann, der nach zehn Jahren wieder in den Genuss der Freiheit kommt, schlägt bei seiner alten Flamme Gudrun Kaul auf, die eigentlich alle Bande zu ihm abgebrochen hat. Weil sie und ihr neuer Mann der bedrohlichen Gestalt Buschmanns aber nichts entgegensetzen können und er sie mit dem Wissen um die Vaterschaft ihres Kindes erpresst, gelingt es ihm, sich als Untermieter im Hause Kaul einzunisten. Eine Katastrophe naht, denn Buschmanns Gefühlskälte zermürbt die Familie.


Was schon in „Schubachs Rückkehr“ glänzend funktionierte, würde doch sicher auch als Grundlage für weitere „Derricks“ zu gebrauchen sein, mag man sich anno 1981 gedacht haben, als man erneut die Geschichte eines entlassenen Sträflings zu erzählen begann, der seine „Sozialkontakte“, also diejenigen, die auf der anderen Seite der Gefängnismauer aus verschiedensten Gründen dem Tag seiner Entlassung entgegengefiebert haben, gehörig durcheinanderbringt. Beide Fälle, sowohl #56 als auch #87, verdeutlichen Reineckers Einfühlungsvermögen in den Einzelfall, denn obwohl der Beginn der Folgen sich ähnelt, verlaufen sie dann doch in ziemlich unterschiedlichen Bahnen.

Während sich in „Schubachs Rückkehr“ drei der Hauptcharaktere (gespielt von Udo Vioff, Claus Biederstaedt und Christine Buchegger) die Bühne teilen, ist „Der Untermieter“ voll und ganz auf Peter Kuiper zugeschnitten. Sowohl seiner Statur als auch seiner Art, von der Kamera eingefangen zu werden, merkt man an, dass er eine stets unabdingbar im Mittelpunkt stehende Persönlichkeit ist – was er ja in seinen bisherigen zwei „Derrick“-Auftritten auch schon eindrucksvoll bewiesen hat. Sein Walter Buschmann bildet hier keine Ausnahme: Auch wenn er es im Laufe der Geschichte außer mit Derrick nur mit Duckmäusern zu tun bekommt, so schwächt das seine bestimmte, fordernde Art, mit der er sich in allen Belangen durchsetzt, keineswegs. Im Gegenteil – wie er sich wie ein Parasit in der Wohnung der Kauls festsetzt, toppt in meinen Augen sogar seinen Auftritt als frauenmordender Eisenbahner.

Auch die übrigen Rollen sind punktgenau besetzt (in Erinnerung bleiben Lisa Kreuzer, Horst Sachtleben, Hans-Jürgen Schatz und Fritz Strassner als nachgiebiger Bewährungshelfer), wobei eingeschränkt werden muss, dass hier doch wieder einmal die Ringelmann’sche Altersungenauigkeit zugeschlagen hat. Kreuzer (Geburtsjahr 1945) könnte mit Sachtleben (Geburtsjahr 1930) nicht nur verheiratet, sondern beinah auch dessen Tochter sein. Da beide aber in ihren Rollen wunderbar aufgehen und vor allem Sachtleben ein eindrucksvolles Luschenporträt zeichnet, stört dieses kleine Manko nicht allzu sehr.

Was sich negativer auswirkt, ist die etwas überhastete Auflösung, bei der unklar bleibt, ob Buschmann – was ich bezweifle – aus Muffensausen aus der Kaul’schen Wohnung auszieht oder ob er es tut, weil die Kauls nun auch vor Gericht für das Getane geradestehen müssen. Angebracht wäre außerdem eine weitere Szene mit dem Jungen gewesen, in der er noch einmal wohlbehalten gezeigt wird. Größere Aufmerksamkeit hätte darüber hinaus der schöne Kontrast zwischen Vorbestraftem und Jurastudent verdient, die sich ein Zimmer teilen müssen und damit beide unzufrieden sind.

Trotz fehlender Kapitalverbrechen baut „Der Untermieter“ eine bohrende Spannung nach der Frage, wie sich die Situation zwischen Buschmann und den Kauls lösen wird, auf. Der in überlappenden Szenen erzählte Anfang bietet eine angenehme Abwechslung. Später erwartet man einen unschönen Ausbruch, der dann vor der Kulisse der Isarauen auch tatsächlich stattfindet. Trotzdem hätte es unterm Strich einiger klärender Informationen bedurft. 4 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
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08.09.2012 12:30
#448 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Tod im See

Episode 88 der TV-Kriminalserie, BRD 1981. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Christiane Krüger (Anita Kampe), Robert Atzorn (Rudolf Wiegand), Maria Sebaldt (Ursula Wiegand), Heinz Moog (Herr Randolf), Holger Petzold (Herr Bornfeld), Peter Gebhart, Georg Einerdinger, Willi Röbke u.a. Erstsendung: 6. November 1981, ZDF.

Zitat von Derrick: Tod im See
Sturm auf dem Starnberger See. Ein Hobby-Segler, Rudolf Wiegand, kämpft in den Fluten um sein Leben. Sein Boot ist gekentert. Nachdem er von der Rettungswacht ans Ufer gebracht worden ist, gibt er zu Protokoll, seine Frau sei an Bord gewesen und habe das Unglück nicht überlebt. Die Routineuntersuchungen der Polizei, angefeuert von Wiegands aufgebrachtem Stiefvater, ergeben jedoch ein anderes Bild vom Ableben der Gattin.


„Ich glaube, der will uns hereinlegen.“ – „Das wäre aber dann der Erste, dem es gelingt.“ – Nach 88 Folgen „Derrick“ erscheint es nur logisch und folgerichtig, dass Rudolf Wiegand zwar die imposanten Naturgewalten in Form eines peitschenden Unwetters über dem Starnberger See, nicht aber den unfehlbaren Kriminaloberinspektor besiegen kann. Derrick ermittelt nicht nur bei jedem Wetter, sondern auch mit 100-prozentiger Erfolgsquote – egal, ob der Mord geradeheraus verübt oder, so wie hier, als Unfall getarnt wird.

Es dauerte bei mir schon eine Weile, herauszufinden, wie die letzten Minuten im Leben von Ursula Wiegand tatsächlich verlaufen sind, doch gerade unter dieser Voraussetzung entfaltet die Episode ihre ganze Stärke. Düster ist ihre Prämisse. Sei es das untergegangene Boot oder der unheilvoll in Szene gesetzte Landsitz – Vohrer arbeitet mit Suggestionen, die einem unweigerlich ein Verbrechen einreden, es aber (zunächst) bewusst nicht zeigen. Stattdessen werden Gummistiefel, ein Spaten und eine Axt zu stummen Tatzeugen stilisiert, die in dunklen Bildern offenbaren, dass sie eine gruselige Geschichte erzählen könnten. Dass Vohrer diese subtile Art der Spannungssteigerung nicht bis zum Ende durchhält, ist nur kurzzeitig ärgerlich, denn das Gesamtergebnis stimmt versöhnlich. Trotzdem hätte man sich gewünscht, dass vor dem Abspann nicht wieder zur Verhaftung des Mörders ins Präsidium zurückgeschnitten wird, sondern die Schlussmusik schon über einer Einstellung des Ertappten oder der Tür, die in der eigentlich überflüssigen Rückblende den Mord verbirgt, ertönt.

Schwamm drüber! Robert Atzorn fiel in „Das sechste Streichholz“ noch unschön als Carriere-Karrikatur auf, die Derrick ständig ins Wort fiel und belehrte. In „Tod im See“ kann man seine Darbietung zwar nicht sympathischer, aber eindeutig dosierter und bekömmlicher nennen, denn als unverhohlener Täter bietet sich ihm eine wesentlich besser ausgearbeitete Rollengrundlage. Als Fantast wird er beschrieben, wobei die fantastischste Entscheidung seines Lebens wohl war, die ältere Ursula (wieder ein Beispiel für alterstechnisch fragwürdige Besetzungen: Maria Sebaldt, 15 Jahre vor Atzorn geboren) zu ehelichen. Welchen Drachen er sich damit ins Haus holt, hätte er eigentlich schon sieben Jahre vorher im ZDF bei der Erstausstrahlung der „Derrick“-Episode „Johanna“ erfahren können! Aufs Blut gereizt, legt er nach und nach immer bösartigere Schichten von sich frei und enttäuscht alle Menschen in seinem Umfeld.

Darunter: Heinz Moog, der wieder als erzürnter Stiefvater verheizt wird, und Christiane Krüger, die so aussieht, als käme sie direkt vom Dreh einer Haarspray-Werbung im Studio nebenan. Ihre goldene Mähne ist aber nicht das einzige Beeindruckende an ihrem Auftritt, denn im Vergleich zu „Gesicht im Dunkeln“-Zeiten hat sie ihre darstellerischen Fähigkeiten bedeutend weiterentwickelt. Der positive Trend, der sich in „Zeuge Yurowski“ ankündigte, nimmt nun so an Fahrt auf, dass ich mich ertappe, mir weitere „Krüger-Folgen“ zu wünschen. Sechs wird es ja immerhin noch geben.

Der Paukenschlageinstieg weicht nach kurzer Zeit einem eher auf den Kopf als die Sensationslust zugeschnittenen Plot, dessen kurze philosophische Abwege nicht weiter störend auffallen. Zu dominant ist der geschilderte Gattinnenmord, der irgendwo zwischen „Madeira“ und „Das Kuckucksei“ anzusiedeln ist und wie diese beiden Episoden ebenfalls volle 5 von 5 Punkten verdient.

Prisma Offline




Beiträge: 7.573

08.09.2012 14:13
#449 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #448
... und Christiane Krüger, die so aussieht, als käme sie direkt vom Dreh einer Haarspray-Werbung im Studio nebenan. Ihre goldene Mähne ist aber nicht das einzige Beeindruckende an ihrem Auftritt, denn im Vergleich zu „Gesicht im Dunkeln“-Zeiten hat sie ihre darstellerischen Fähigkeiten bedeutend weiterentwickelt. Der positive Trend, der sich in „Zeuge Yurowski“ ankündigte, nimmt nun so an Fahrt auf, dass ich mich ertappe, mir weitere „Krüger-Folgen“ zu wünschen. Sechs wird es ja immerhin noch geben.

Schöne Beschreibung einer für mich logischen Konsequenz!

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

09.09.2012 14:06
#450 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Die Stunde der Mörder" (Folge 89)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Hans Caninenberg, Rolf Becker, Irina Wanka, Luitgard Im, Rudolf Fernau, Beatrice Norden, Eva-Ingeborg Scholz, Werner Asam, Hans Brenner, Gefion Helmke, Karl Tischlinger, Willy Schäfer u.a. - Regie: Theodor Grädler

Herr Bonna, Leiter eines privaten Altenheims, war acht Monate in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, drei Bewohner seines Hauses wegen ihrer Vermögenswerte - die sie ihm testamentarisch vermacht haben - ermordet zu haben. Bei der Gerichtsverhandlung wird er aus Mangel an Beweisen freigesprochen.
Herr Mahler, der den Prozess aufmerksam verfolgt hat, bewirbt sich am selben Tag um ein Zimmer im Altersheim. Am Abend besucht er mit seiner Enkelin Inge eine Opernaufführung. Zur gleichen Zeit wird Herr Bonna an der Haustür erschossen. Wenig später sitzt Herr Mahler wieder im Gerichtssaal. Diesmal wird ein Vergewaltigungsfall verhandelt. Der Täter redet sich heraus und wird freigesprochen. Für Oberinspektor Derrick Grund genug, wachsam zu sein.....

Enthält leichte Spoiler!

Die neunundachtzigste Episode der Erfolgsserie heißt offiziell "Die Stunde der Mörder", wird jedoch sowohl im Booklet, als auch auf der Verpackung als "Die Stunde des Mörders" bezeichnet. Dieser Lapsus bietet an sich schon Grundlage für eine Diskussion, wie es die gesamte Folge tut.
Hans Caninenberg (1913-2008) trägt die Geschichte mit einer Aura aus Würde und Verletzlichkeit. Seine Rolleninterpretationen lassen einen breiten Spielraum von Angst, Eingeschüchtertheit bis Trotz und Rechthaberei. Nicht selten gibt er den Biedermann, der hinter seiner Fassade einige Entgleisungen zu verbergen hat. Hier erleben wir ihn als freundlichen Großvater, kritischen Beobachter gesellschaftlicher Befindlichkeiten und "Stimme des Volkes". Besonders sein Zusammenspiel mit Rolf Becker und Luitgard Im besticht durch die angenehme Atmosphäre des alten Gebäudes, die Ausleuchtung und das Misstrauen, das man ihm entgegenbringt. In einer interessanten Nebenrolle sieht man Rudolf Fernau, dessen geheimnisvolle Andeutungen leider beiläufig versanden, da der Mord an Herrn Bonna nicht der einzige der Episode bleiben wird. In weniger stilvolles Fahrwasser gelangen wir mit dem Auftreten von Werner Asam, der im Vergleich zum schratigen Hans Brenner diesmal aber nicht die Spitze des Proletariats bildet. Stephan Derrick steht den Morden "sehr präzise, sehr nüchtern" (O-Ton Herr Mahler) gegenüber, beim abendlichen Biertrinken mit Harry gibt er gar zu, dass ihm der fleißige Gerichtsbesucher gehörig auf die Nerven geht. Das schwarze Hemd, das er in dieser Folge trägt, kleidet ihn übrigens ausnehmend gut. Inmitten der männlichen Opfer und Täter - wobei sich gerade durch die angebliche Schwarzweiß-Malerei von Herbert Reinecker zeigt, dass die Grenzen verschwimmen - kommen die Damen nicht zu kurz:



An erster Stelle sei Irina Wanka genannt, deren bloße Präsenz das Herz erfreut. Ihre Ausstrahlung blieb im Laufe der Jahre unveränderlich faszinierend; sie reiht sich in meine persönliche Liste der "geheimnisvoll-unnahbaren Schönheiten" ein, in der auch ihre Kollegin Isabelle Adjani einen Platz belegt. Beatrice Norden ist wiederum als Hüterin der häuslichen Behaglichkeit zu sehen, während ich im Falle von Eva-Ingeborg Scholz sogar lange Zeit auf eine Täterschaft getippt habe. Ich verübele es Teddy Grädler sehr, dass er nicht darauf bestanden hat, Frau Scholz zur Rächerin zu befördern. Stattdessen sehen wir ein paar langweilige Männer, die harmloser nicht wirken könnten, am Ende beschämt in Derricks Büro.

Zum Thema Selbstjustiz lasse ich diesmal Horst Tappert selbst zu Wort kommen:
"Einige Male immerhin habe ich mich mit meinen Bedenken gegen Herbert durchgesetzt. Zum Beispiel fiel mir auf, dass sich bei "Derrick" die Fälle von Selbstjustiz häuften. Übrigens auch die Morde an jungen Mädchen (fünf allein in den ersten sechs Folgen), doch das kann man mit Blick auf die Realität vertreten.
Selbstjustiz dagegen kommt selten vor, doch bei "Derrick" tauchte sie verhältnismäßig oft auf. Väter, Brüder, Töchter und vor allem Mütter: Alle wollten Hilfspolizist spielen und drängten sich danach, mit Derrick auf Verbrecherjagd zu gehen und auch gleich den Richter zu spielen. Als es wieder einmal soweit war, habe ich gesagt: Kinder, das geht nicht, wir können nicht jedem einen Revolver in die Hand drücken und als Rächer daherkommen lassen, und Derrick steht dabei und muss sogar noch Verständnis zeigen. Damit macht man die Justiz unglaubwürdig. Die Rächerquote in "Derrick" nahm daraufhin ab. Ich weiß nicht, wieviel Selbstbeherrschung es Herbert gekostet hat, seine sizilianischen Phantasien zu zügeln." ("Derrick und ich - Meine zwei Leben" Verlag Wilhelm Heyne, S. 186-187)

Kleine Notiz am Rande: Nach "Das sechste Streichholz" ist der Name des Auftraggebers zum zweiten Mal Mahler.

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