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Dieses Thema hat 976 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Blap Offline




Beiträge: 1.128

23.01.2012 13:30
#256 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 7 (Folgen 91-105)

Folge 104 - Tödliches Rendezvous (Deutschland 1983)

Derrick wird Zeuge eines Bankraubes, bei dem ein junger Mann vergeblich versucht den Täter zu überwältigen. Der Bankräuber schlägt auf seinen Widersacher ein und entkommt unerkannt, der Möchtegernheld erliegt wenig später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Auf den Taxifahrer Walter Hagemann (Peter Ehrlich) kommt ein aufregender Abend zu, denn der flüchtende Gangster erzwingt mit vorgehaltener Waffe seine Dienste. Hagemann bewahrt äusserlich Ruhe, beim Halt auf einem Waldweg gibt er dem Räuber klar zu verstehen, dass er ihn trotz Maske an seiner Stimme erkannt hat. Der Fahrer erpresst die Hälfte der Beute, mit dem Geld kann er seine finanziellen Schwierigkeiten auf einen Schlag lösen. Familie Hagemann zeigt sich zunächst wenig erfreut über den unverhofften Geldsegen, die erwachsenen Kinder Anita (Verena Peter) und Peter (Thomas Schücke) überwinden ihre Zweifel recht schnell, während Hausmütterchen Hagemann (Eva Kotthaus) ihr ungutes Gefühl nicht abstellen kann. Derrick liegt die Lösung des Falles besonders am Herzen, der Tod des mutigen Zeugen geht im nahe. Hagemanns Fahrzeug wurde gesehen, bereitwillig tischt der Taxifahrer den Beamten seine Version der Vorfälle auf. Flugs tauchen Vater Hagemann und seine Kinder in den Alltag ein, das trügerische Glück erliegt jedoch dem Vorschlaghammer, Walter Hagemann wird ermordert in seinem Wagen aufgefunden...

"Tödliches Rendezvous" bietet nicht unbedingt einen besonders packenden Fall an, diese Scharte wetzen Horst Tappert und Fritz Wepper aus, die mehrfach feine Selbstironie ins Spiel bringen dürfen. Auch wenn es gewissermaßen jedem Fan klar ist, an dieser Stelle müssen die Qualitäten von Tappert und Wepper erneut unterstrichen werden, die Herren sind großartig! Peter Ehrlich steht zunächst im Zentrum der Handlung, sein Taxibursche Hagemann legt erstaunlich viel kriminelle Energie an den Tag, die eigene Verdorbenheit wird mit Ausdauer verharmlost. Für meinen Geschmack kippen die Ansichten der Kinder etwas zu schnell, dies ist wohl der knappen Laufzeit geschuldet. Verena Peter versteckt sich als Töchterchen hinter einer naiven Maske, Thomas Schücke spielt recht hölzern, seine Darbietung wirkt hin und wieder wie abgelesen. Eva Kotthaus fungiert als moralischer Anker der Familie, kann sich aber nicht gegen ihre aus dem Ruder laufenden Schäfchen durchsetzen, übrig bleiben lediglich Tränen und tiefste Verzweiflung. Christian Berkel taucht in einer Nebenrolle auf (Hölle, war der Typ in jungen Jahren ein hässlicher Vogel! Inzwischen sieht der Mann richtig gut aus!).

Mal wieder ein Familiendrama. Mit Anlauf rennt ein zuvor vermutlich unauffälliger Durchschnittsbürger ins Verderben, zieht sein Umfeld mit in den Sumpf. Es gab schon packendere Folgen mit ähnlichem Strickmuster, wie bereits erwähnt, überspielen Horst Tappert und Fritz Wepper die mäßige Gesichte souverän. Regisseur Jürgen Goslar lässt seine Stars agieren, geschickter kann man den mittelprächtigen Plot kaum umschiffen. Frank Duval beweist oft ein feines Gespür für den richtigen Ton, hier verfehlt seine Musik das Thema mehrfach. Schade, denn die Kompositionen tönen durchaus ordentlich. Die Kameraarbeit fiel mir immer wieder positiv auf, handwerklich leistet man sich in dieser Disziplin keine Schwächen. Fazit: Herbert Reinecker hat weitaus bessere Drehbücher abgeliefert, daher ist "Tödliches Rendezvous" vor allem ein Beitrag für Fans des Ermittlerduos, Gelegenheitsglotzer sollten zu anderen Folgen greifen!

Knappe 6,5/10 (inkl. Fanbonus)

***

Vom Ursprung her verdorben

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

24.01.2012 00:21
#257 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Tote im Wald

Episode 39 der TV-Kriminalserie, BRD 1977. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Martin Lüttge (Hans Beck), Gaby Dohm (Lore Beck), Günther Neutze (Manfred Donk), Max Griesser (Lohmann), Gerhard Riedmann (Stocker), Udo Thomer (Burgstaller), Carolin Ohrner (Joan Harrison), Maria Singer u.a. Erstsendung: 16. Oktober 1977, ZDF.

Zitat von Derrick: Tote im Wald
Ein Waldarbeiter findet eine Mädchenleiche in einem Forstgebiet. Zufällig läuft ihm der Tierhändler Beck über den Weg. Glaubt der Mann zumindest, denn schnell kommen Zweifel auf, ob die Anwesenheit Becks tatsächlich ein solcher Zufall war. Vor acht Jahren war er schon einmal in einen ganz ähnlichen Fall verwickelt und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden ...


Oftmals werden Bayern selbst in urbayerischen ZDF-Produktionen aus dem tiefsten München als begriffsstutzig oder zumindest so langsam dargestellt, dass sie ein wenig schmeichelhaftes, ja direkt in Umgangsformen und Bildungsniveau in lang vergangenen Zeiten zurückgebliebenes Bild ihrer Landsmänner und -frauen zeichnen. Insofern erfreut „Tote im Wald“ (wieder einmal kursiert eine Titelungenauigkeit – die Folge heißt nicht „Die Tote im Wald“) in erster Linie durch die vor gemütlichen und saftig grünen Landschaftsaufnahmen dargebotenen Kleinrollen heimischer Volksschauspieler wie Max Griesser, der einmal nicht den Depp vom Dienst markierte, sondern die Möglichkeit erhielt, ernsthaft aufzuspielen und als Verdächtiger zu überzeugen. Die Folge ist nämlich als Whodunit mit mehreren möglichen Täteridentitäten konzipiert.

Für diese Ausgangssituation, die eingangs durch Waldarbeiter, Tierhändler, Reiter und Milchfahrer reizvolles Rätselraten verspricht, ging Reinecker allerdings vorschnell die Puste aus, denn schon bevor die Hälfte der Spielzeit vergangen ist, liegt die Lösung offen und klar auf der Hand. Überraschungen folgen hernach nicht mehr, was die Möglichkeit bietet, Martin Lüttges Spiel unvoreingenommen zu betrachten. Er ist in den vorangegangenen Jahren enorm gealtert, wirkt einigermaßen heruntergekommen und mitgenommen, erinnert stellenweise durch Frisur und stechenden Blick an Klaus Kinskis Siebzigerjahreauftritte. Aus seinem ehemaligen Schwerenöter (es ist beeindruckend, wie seine damalige Schuld nie explizit bestätigt, durch jede seiner Handlungen und die nebenbei erwähnten Indizien aber einwandfrei besiegelt wird) entwickeln sich leider nicht allzu viele die Handlung entwickelnde Impulse – eher passiv lässt er die Ermittlungen und Anschuldigungen über sich ergehen.

„Tote im Wald“ wird gern als besonders gelungene Folge bezeichnet, wohingegen ich für mich eher wieder einmal einen Fall nicht erfüllter Erwartungen vorfand. Zunächst einmal muss ausgerechnet in der Folge, die am ausladendsten und erfrischendsten seit „Der Mann aus Portofino“ das Münchner Molloch verlässt, Miesepeter und Grummler Günther Neutze besetzt werden, dessen Ausstrahlung alles andere als frisch und grün, nämlich muffig und grau ist ... und auch hier bleibt.

Die größten Fehler liegen indes bei Herbert Reinecker. Ich hatte die Durchschaubarkeit des Plots, die mit der inkonsequenten Verfolgung der verdächtigen Spuren einhergeht, bereits angemerkt, möchte aber noch ergänzen, dass der ewige „Derrick“-Autor nun schon zum mehrfach wiederholten Male die Mordmethode aus „Stiftungsfest“ recycelt – und es soll, wie kreativ!, nicht das letzte Mal sein. Ich halte es zudem für einen ausgesprochen großen Zufall, dass die beiden so ähnlichen Fälle (der aktuelle, in dem Derrick ermittelt, und der in der Vergangenheit, auf dem so lange herumgeritten wird) angeblich nichts miteinander zu tun haben sollen und dennoch so viele Parallelen aufweisen. Hier hat Reinecker sich doch verkalkuliert bei der Frage, wie viel künstliche Konstruktion ein Storygerüst aushalten kann, ohne als unglaubwürdig zusammenzufallen.

Zwiespältige Folge, die mit Waldaufnahmen, der gediegenen Ashley-Regie und einem maroden Martin Lüttge überzeugt, zugleich aber Mängel an der Stringenz des Drehbuchs offenbart. Die Strategie „weniger Neutze und dafür mehr Musik“ hätte ebenfalls zu künstlerisch anspruchsvolleren Ergebnissen führen können. 3 von 5 Punkten.



Das Ermittlerteam (5): Fritz Wepper spielt Inspektor Harry Klein:

Kein zweiter Mann in einem Krimi-(Serien-)Team wird auf immer und ewig so sehr mit der Rolle des Gefolgsmannes assoziiert werden wie Harry Klein. Berühmt ist vor allem der Satz „Harry, hol’ schon ’mal den Wagen“, der so aber nie in der Serie gefallen ist. Am nächsten kam Tappert schon in Folge 2, „Johanna“, als er anwies: „Harry, wir brauchen den Wagen, sofort!“ – Wer also ist der Mann, der Derricks Anweisungen ausführt und ihm beim Denken und Schießen assistiert? Man weiß es auch nach beinah 40 Folgen nicht so genau, was nicht wie bei Stephan Derrick an der Vielschichtigkeit des Charakters, sondern schlicht an dessen völligem Fehlen liegt. Fritz Wepper sagte:

Zitat von Katrin Hampel: Das große Derrick-Buch, Henschel Verlag Berlin, 1995, S. 151
„[D]iese Rollen leben nur ihre Tätigkeit aus“


Einzig in „Mord im TEE 91“ durfte sein Harry einmal Widerworte geben. Sicher wird das so bald nicht wieder vorkommen.

Mr Keeney Online




Beiträge: 1.361

24.01.2012 08:54
#258 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #257
Für diese Ausgangssituation, die eingangs durch Waldarbeiter, Tierhändler, Reiter und Milchfahrer reizvolles Rätselraten verspricht, ging Reinecker allerdings vorschnell die Puste aus, denn schon bevor die Hälfte der Spielzeit vergangen ist, liegt die Lösung offen und klar auf der Hand. Überraschungen folgen hernach nicht mehr, was die Möglichkeit bietet, Martin Lüttges Spiel unvoreingenommen zu betrachten. Er ist in den vorangegangenen Jahren enorm gealtert, wirkt einigermaßen heruntergekommen und mitgenommen, erinnert stellenweise durch Frisur und stechenden Blick an Klaus Kinskis Siebzigerjahreauftritte. Aus seinem ehemaligen Schwerenöter (es ist beeindruckend, wie seine damalige Schuld nie explizit bestätigt, durch jede seiner Handlungen und die nebenbei erwähnten Indizien aber einwandfrei besiegelt wird) entwickeln sich leider nicht allzu viele die Handlung entwickelnde Impulse – eher passiv lässt er die Ermittlungen und Anschuldigungen über sich ergehen.

„Tote im Wald“ wird gern als besonders gelungene Folge bezeichnet, wohingegen ich für mich eher wieder einmal einen Fall nicht erfüllter Erwartungen vorfand. Zunächst einmal muss ausgerechnet in der Folge, die am ausladendsten und erfrischendsten seit „Der Mann aus Portofino“ das Münchner Molloch verlässt, Miesepeter und Grummler Günther Neutze besetzt werden, dessen Ausstrahlung alles andere als frisch und grün, nämlich muffig und grau ist ... und auch hier bleibt.

Die größten Fehler liegen indes bei Herbert Reinecker. Ich hatte die Durchschaubarkeit des Plots, die mit der inkonsequenten Verfolgung der verdächtigen Spuren einhergeht, bereits angemerkt, möchte aber noch ergänzen, dass der ewige „Derrick“-Autor nun schon zum mehrfach wiederholten Male die Mordmethode aus „Stiftungsfest“ recycelt – und es soll, wie kreativ!, nicht das letzte Mal sein. Ich halte es zudem für einen ausgesprochen großen Zufall, dass die beiden so ähnlichen Fälle (der aktuelle, in dem Derrick ermittelt, und der in der Vergangenheit, auf dem so lange herumgeritten wird) angeblich nichts miteinander zu tun haben sollen und dennoch so viele Parallelen aufweisen. Hier hat Reinecker sich doch verkalkuliert bei der Frage, wie viel künstliche Konstruktion ein Storygerüst aushalten kann, ohne als unglaubwürdig zusammenzufallen.

Zwiespältige Folge, die mit Waldaufnahmen, der gediegenen Ashley-Regie und einem maroden Martin Lüttge überzeugt, zugleich aber Mängel an der Stringenz des Drehbuchs offenbart. Die Strategie „weniger Neutze und dafür mehr Musik“ hätte ebenfalls zu künstlerisch anspruchsvolleren Ergebnissen führen können. 3 von 5 Punkten.

Hier muss ich die aufgeworfene Kritik an der Folge voll beipflichtend unterschreiben, es ist vor allem Anderen natürlich schon direkt ärgerlich wie kraftlos (und vielleicht in der allzu glatten Routine des nunmehr schon etablierten "Serientäters") Reinecker da die Katze trotz etlicher zum Einstieg beiläufig und sorglos für den Zuschauer ausgeworfener Köder (Köter?) aus dem Sack ließ.

Für mich zählt die Folge dennoch (gerade noch)zu den Besseren, da mir die sommerlichen Wald- und Außenaufnahmen gerade hier besonders viel geben und diese tatsächlich lange in mir nachhallten und ich vor allem Martin Lüttge hier sehr mag und gerade in seiner Passivität markant finde.

Zwar kann ich die "Neutze-Charakterisierung" ebenfalls sachlich nachvollziehen und, es stimmt, dass sich dieser Schauspieler in seinen Rollen gewiß keinen "Neutzugang" in der Darstellung erlaubte, aber immerhin handelt es sich hier um eine seiner letzten Rollen (zumindest im "Krimi-Kosmos") und ich finde gerade seine Knorrigkeit zuweilen recht knuffig! Aber von mir aus hätte natürlich auch gerne mal wieder Kieling oder Lowitz herangedurft. Großartig und unvergeßlich wäre da die Entlarvung des integren und ostentativ engagierten "väterlichen Freundes" mit Sicherheit ausgefallen! Träumen ist ja schließlich immerhin noch erlaubt ...

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

24.01.2012 09:34
#259 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Zitat von Mr Keeney im Beitrag #258
Zwar kann ich die "Neutze-Charakterisierung" ebenfalls sachlich nachvollziehen und, es stimmt, dass sich dieser Schauspieler in seinen Rollen gewiß keinen "Neutzugang" in der Darstellung erlaubte, aber immerhin handelt es sich hier um eine seiner letzten Rollen (zumindest im "Krimi-Kosmos") und ich finde gerade seine Knorrigkeit zuweilen recht knuffig!

Das ist ein interessanter Punkt. Mit Neutzes Karriereende hatte ich mich bis jetzt noch gar nicht auseinandergesetzt; immerhin starb der Schauspieler erst 1991. Offenbar war er allerdings längere Zeit herzkrank. Davon abgesehen gehört Neutze für mich zu den Schauspielern, über die ich gern einmal zum persönlichen Amüsement ein wenig herziehe. Ich könnte mir zum Beispiel "Dem Täter auf der Spur" ohne ihn gar nicht vorstellen, muss allerdings tatsächlich sagen, dass ich in anderen Produktionen nicht unbedingt das Verlangen habe, ihm über den Weg zu laufen. Insofern ist in diesem Abschnitt nicht unbedingt jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. - Schön aber deine Alternativ-Besetzungsangebote, ich würde noch Klaus Löwitsch hinzufügen.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

24.01.2012 14:02
#260 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Der Fotograf

Episode 40 der TV-Kriminalserie, BRD 1978. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Christine Buchegger (Inge Merz), Bruno Dietrich (Alwin Merz), Herbert Mensching (Andreas Merz), Jürgen Goslar (Blodin), Mijou Kovacs, Rudolf Wessely, Josef Fröhlich, Astrid Boner u.a. Erstsendung: 6. Januar 1978, ZDF.

Zitat von Derrick: Der Fotograf
Von drei Männern wird der Fotograf Alwin Merz in einen U-Bahnhof verfolgt. Auf dem Bahnschleig schlagen sie ihn zusammen und reißen den Film aus seiner Kamera, bevor sie ihn vor einen nahenden Zug werfen. Die Ermittlungen in diesem Fall, die bis zum Halbwelt-Boss Blodin führen, sind eine harte Nuss für Stephan Derrick, zumal Harry angeschossen im Krankenhaus liegt ...


Ein Mitglied im Derrick-Forum schrieb einen wahren Satz: „Fast könnte man glauben, die erste Viertelstunde wäre von Alfred Vohrer inszeniert.“ In der Tat ähnelt nicht nur das Setting dem Beginn von „Offene Rechnung“, auch die sich anschließende nächtliche Schießerei im Fotostudie nimmt Anleihen an Derricks frühere Gefechte, die vor allem in Vohrer-Episoden entgegen der oft getätigten Behauptung, Derrick käme gänzlich ohne Waffengewalt aus, gern vorkommen dürfen. Der Oberinspektor, so scheint es, ist ein unverwundbarer Stahlprotz, an dem alle Kugeln abprallen, während bei Harry, weil er auf eine gewisse Weise verzichtbar anmutet, eine ihren Weg in die Schulter findet. Schmerzhaft!, aber Harry wäre nicht Harry, würde er sich nicht, auf der Krankentrage liegend, noch bei seinem Vorgesetzten für die Reaktionsschwäche entschuldigen.

Das U-Bahn-Umfeld wird leider allzu schnell wieder verlassen; nach dem Vorspann ist es kaum mehr – nur am Ende noch einmal kurz als Rückblende – zu sehen. Ich möchte natürlich andererseits nicht sagen, dass die vielgerühmte Burg Trausnitz über Landshut ein weniger attraktiver Schauplatz sei. Das beeindruckende Gebäude nimmt eine direkte Hauptrolle ein, was der Folge, die als Einstand ins Jahr 1978 mit einem relativ unbekannten Cast aufwartet, gut tut. Gerade wenn man mit den Anfangstagen von „Derrick“ und dem damaligen Staraufgebot vergleicht, bemerkt man nicht nur Überschneidungen (Buchegger, Dietrich), sondern auch ein Abnehmen oder gar ein Fehlen großer Namen. Jürgen Goslar, den man einzig vielleicht als etwas ähnliches bezeichnen könnte, ist zu allem Überfluss auch noch fehlbesetzt, weil viel zu nett und seriös.

Bruno Dietrich gibt dagegen überzeugend den Fotografen, der für den Titel der Folge Pate steht. Im Grunde genommen handelt es sich bei ihm um eine recht interessante Persönlichkeit, die ihrem Streben nach scheinbarer Gerechtigkeit, nämlich ein Stück vom großen Kuchen anderer abzubekommen, auf der Strecke bleibt. Ein typisches Reinecker-Motiv, aber hübsch erweitert um einerseits den Anstand, sich als Wohltäter um das eigentlich völlig selbstständige Unfallopfer Annegret (leider nicht im Abspann zugeordnet, aber ich vermute, sie wurde von Astrid Boner gespielt) zu kümmern, andererseits um die progressive Gleichgültigkeit, mit welcher Art Fotos das Geld in die Kassen kommt.

Trotz der anfänglichen Action ebbt die Handlung bald ab und schleppt sich eher langwierig voran. Ashley vergriff sich gerade im Mittelteil ein wenig im Tempo, was von Frank Duvals Musik, die ähnlich getragen wie in „Inkasso“, aber nicht so einprägsam klingt, nur im Eindruck verstärkt wird.

Was sehr vielversprechend beginnt, entwickelt sich zu einer – immerhin hübschen – Schlaftablette. Es handelt sich somit um den zweiten Fall in Folge, der das Anfangsniveau nicht bis zum Schluss durchhalten kann. 3 von 5 Punkten. Stephan gebe ich am Ende noch meine besten Genesungswünsche an Harry (und an Ashleys kriminalistische Künste) mit.



Das Ermittlerteam (6): Willy Schäfer spielt den Kriminalbeamten Berger:

Zu einer wenig greifbaren Folge passt der Auftritt einer wenig greifbaren Ermittlerfigur. Der Kriminalbeamte Berger tauchte nach einigen sporadischen Frühauftritten regelmäßig unter, bevor er nach dem Tod von Günther Stoll als Hilfskraft für Derrick wiederentdeckt wurde. Immerhin gebührt Schäfer die Ehre, der einzige der „Kriminalbeamten“-Riege zu sein, der bis zum Ende der Serie durchhielt, was ihm ja doch eine gewisse Hartnäckigkeit bescheinigt. Leider vermisse ich auch hier noch Einstreuungen einer wenigstens angedeuteten Persönlichkeit, wie es sie bei den Herren Schröder und Echterding gab, doch mitnichten ist schon aller Tage Abend: Kriminalbeamter Berger hat noch 185 Einsätze vor sich.

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.509

24.01.2012 15:29
#261 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Annegret Beer wird von Mijou Kovacs gespielt. Der Betreiber des Derrick-Blogs (ein gewisser Tian) weiß alles.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

24.01.2012 15:51
#262 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Danke für die Info. Die betreffende Seite hatte ich heute mindestens dreimal offen, aber nicht dass du glaubst, ich schaue 'mal gründlich dort nach.

Chinesische Nelke Offline



Beiträge: 136

24.01.2012 16:32
#263 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Mijou Kovacs spielt auch in Folge 68, Ein Lied aus Theben, der bereits im August besprochen wurde.

Dort macht sie mehrere Männer verrückt und dadurch Siegfried Wischnewski zum Mörder.

Viele Grüsse
Chinesische Nelke

Editiert von Gubanov am 13.01.2014, 13.50 Uhr - Spoiler nachträglich unsichtbar gemacht

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.509

25.01.2012 01:06
#264 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Es wäre nett, wenn du bei einem derart massiven Spoiler eine kleine Warnung an den Beginn deines Beitrags stellen würdest. Ich habe die Folge noch nicht gesehen; die Auflösung kenne ich jetzt bereits.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

27.01.2012 19:22
#265 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Tod eines Fans

Episode 41 der TV-Kriminalserie, BRD 1978. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Tommi Piper (Harry Dugan), Wolfgang Wahl (Oskar Heckel), Werner Schulenberg (Günther Orkel), Stefan Behrens (Ingo Grasser), Hannes Messemer (Egon Peiss), Christian Kohlund (Konrad Peiss), Rebecca Völz (Marianne Golz), Eva Kotthaus (Frau Golz) u.a. Erstsendung: 3. Februar 1978, ZDF.

Zitat von Derrick: Tod eines Fans
Über Jahre vergötterte sie ihr Idol, den Rocksänger Harry Dugan. Nun hat sich Marianne Golz den Weg in sein Bett gebahnt, nichtsahnend, dass sie es nicht mehr lebend verlassen wird. Der Sänger gerät prompt unter Tatverdacht, doch die Wahrheit ist eine andere ...


Ekstatische Szenen eröffnen „Tod eines Fans“. Harry Dugan macht nicht nur reihenweise Mädchen verrückt, sondern verleitet auch die Kamera zu entfesselten, bewegten und bewegenden Hochleistungen. „Born to Be Wild“ tönt aus den Lautsprechern – und es ist erfreulich, nicht nur einen Mimen, sondern gleichsam einen Sänger für die Rolle des Musikers gefunden zu haben. Tommi Pipers markante Stimme sollte uns später außerdem nicht nur als Außerirdischer im Pelzkostüm wiederbegegnen, sondern auch bei den zwei Edgar-Wallace-Hörbüchern „Der grüne Bogenschütze“ und „Der Frosch mit der Maske“ von Airplay Entertainment. Für den Bühnentypen ist er also bestens geeignet, nur leider legte ihm Herbert Reinecker hinter den Kulissen einige allzu platitüdenhafte Sätze in den Mund.

Das Verhalten Dugans ist naiv und kurzsichtig; sein Versuch, die Leiche fortzuschaffen, erinnert aber angenehm an die Anfänge der Serie und damit auch in gewisser Weise an „Columbo“ (wo Piper ja auch in drei Folgen die deutsche Synchronisation beehrte) – nur mit dem Unterschied, dass wir es doch mit einem reinen Whodunit zu tun haben.

Die Frage nach dem Mörder wirft mehrere interessante Möglichkeiten auf, die jeweils enorm verdächtig wirken. Schon bevor Kohlund zum ersten Mal überhaupt zu sehen ist, war ich mir sicher: Nur der Freund von Marianne Golz kann der Mörder sein. Als dann aber auch Stefan Behrens (gut, dass man ihm nach der seltsamen „Pecko“-Folge nochmal die Chance für einen „normalen“ Auftritt ließ) als potenzieller Killer ins Feld geführt wurde, begann meine Theorie merklich zu schwanken ...

Die Auflösung selbst gestaltet sich indes nicht so raffiniert wie die verschiedenen Spuren, die Reinecker auslegt: Der Täter wird im Grunde genommen durch die Aussage eines Zeugen überführt, der ihn am Tatort sah. Das geht auch besser! – Ähnliches kann man auch über das Erzähltempo sagen, das leider nicht immer mit den Rockrhythmen in Takt geht.

Neben Piper treten als Entschädigung noch einige andere Schauspieler auf, die aus dem Wallace-Audiobereich bekannt sind. Das Mordopfer wird von Rebecca Völz verkörpert, Hannes Messemer gibt den widerwärtigen Peiss senior – beide übernahmen wichtige Parts in den Europa-Hörspielen der 1980er Jahre. Wolfgang Wahl („Der Zinker“, „Tim Frazer: Der Fall Salinger“) komplettiert die Runde, die allerdings auch auf ihre Darsteller zählen muss, da die Möglichkeit, Dugans Auftritte durch beeindruckende Schauplätze zu bereichern, verschenkt wurde.

Am Ende ertönt statt „Derrick“-Thema nochmals „Born to Be Wild“. Vohrer lässt die wilde Komponente auch zunächst durchblicken, reißt dann aber ein wenig ein. Durchschnittsfolge mit sehr anständiger Besetzung. 3,5 von 5 Punkten.



Das Ermittlerteam (7): Claus Richt spielt den Kriminalbeamten Lippert:

Im Abspann steht ein zweites Mal der Name von Claus Richt. Während er bei seinem ersten Auftritt in „Der Fotograf“, daher auch das Foto, noch sehr aktiv bei den Ermittlungen ist, fiel mir sein Erscheinen in „Tod eines Fans“ gar nicht erst auf. Einen dritten und letzten Anlauf hat er als Kriminalbeamter Lippert aber noch einmal in der übernächsten Episode „Ein Hinterhalt“ (erneut unter Regie von Alfred Vohrer). Erstaunliche Entdeckung am Rande: In Claus Richts Filmografie stehen neben „Derrick“ nur noch drei weitere Auftritte, die alle in die Zeitspanne zwischen 1977 und 79 fallen.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

28.01.2012 16:20
#266 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



Derrick: Abendfrieden

Episode 42 der TV-Kriminalserie, BRD 1978. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Mit: Horst Tappert, Fritz Wepper sowie: Inge Birkmann (Helene Schübel), Alice Treff (Margarete Schübel), Thomas Fritsch (Alfons Ullmann), Hilde Weissner (Frau Oshaupt), Dietlinde Turban (Annabelle Schönerer), Lisa Helwig (Winnifred Kalkreuth), Marianne Brandt (Erna Herbach), Rudolf Schündler (Waldemar Kreuzer) u.a. Erstsendung: 24. Februar 1978, ZDF.

Zitat von Derrick: Abendfrieden
Jakob Stanz ist auf der Suche nach seiner Großtante: Diese wohnt in der Seniorenresidenz Abendfrieden und hat auf ihre alten Tage noch einmal eine Erbschaft gemacht. Er gewinnt den Eindruck, dass mit Abendfrieden etwas nicht ganz koscher ist. Was für ein interessantes Zusammentreffen, dass er noch am selben Abend sein Leben verliert!


Schon die ersten Minuten von „Abendfrieden“ verbreiten eine unheilschwangere Atmosphäre. Man weiß nicht genau, was die beiden alten Jungfern, die die gleichnamige Seniorenpension betreiben, auf dem Kerbholz haben; nur dass sie waschechte Gangsterbräute sind, sieht man auf den ersten Blick. Man entflieht wieder einmal der Münchner Innenstadt und bekommt einige hübsche Fleckchen Erde zu sehen – zwei verschiedene Landstriche, das altehrwürdige Anwesen „Abendfrieden“ selbst und nicht zuletzt einen Konzertsaal, in dem erlesen gefidelt wird.

Inge Birkmann kennt der aufmerksame „Derrick“-Zuschauer bereits aus „Madeira“, wo Curd Jürgens sie um seinen gefährlichen Finger wickelte. Hier lässt sie nun nicht wickeln, sondern erledigt die Arbeit selbst – eine Rolle, die der gestandenen Frau mit den kräftigen Gesichtszügen gut steht. Die immer wieder gern gesehene Alice Treff ergänzt das Schwesternpaar, das klar in Bestimmerin und Mitläuferin, Sprecherin und Assistentin gegliedert ist.

Herbert Reinecker hat, nachdem er sich in Folge an mehreren Standardplots leistete, dieses Mal wieder in die Vollen gegriffen, bleibt doch über lange Zeit nicht nur das ursprüngliche Verbrechen, das den Mord an Jakob Stanz bedingte, unklar, sondern bot sich mit Thomas Fritschs Part gleichsam eine Möglichkeit, die starre Regelmäßigkeit der letzten Handlungsstränge aufzubrechen. Wenn man sich die Folge ein zweites Mal ansieht, findet man außerdem ungemein viele Hinweise auf die Lösung des Falles, die eigentlich sehr offensichtlich sind, aber zumindest mir bei der ersten Sichtung nicht auffielen. Besonderes Lob verdienen zwei Punkte, die ich aufgrund einer Spoilergefahr nicht großartig beschreiben kann, sondern mich mit den kurzen Hinweisen auf ein direkt gruseliges Wortspiel und einen überraschenden roten Hering begnüge.

Die Riege der Alten und, wie Harry philosophiert, vielleicht auch Weisen, die sich (was für Reinecker-Verhältnisse direkt eine Ausnahme ist) einen Lebensabend in eleganter Umgebung leisten können, umfasst unter anderem nach „Offene Rechnung“ erneut den unverwüstlichen Rudolf Schündler, ZDF-Urgestein Lisa Helwig und die mondäne, geheimnisumwitterte Hilde Weissner.

Nach einer plötzlichen Schwächeperiode ist der (Abend-)Frieden nun wieder hergestellt. Für die Folge sprechen das unkonventionelle Skript, Stephans und Harrys Ermittlungen ohne überflüssige Assistenten und Büroszenen – dafür mit Verpflegung bei der Zeugenbefragung – sowie Inge Birkmann und Alice Treff. 4,5 von 5 Punkten.

Chinesische Nelke Offline



Beiträge: 136

28.01.2012 17:04
#267 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Für mich eine der besten Folgen überhaupt, vor allem wegen der Atmosphäre. Sehr schade das Dietlinde Turban ihre Karriere so früh beendete.

Ich habe die Folge 1978 zum ersten Mal gesehen, und war so fasziniert, dass ich mich auch mehr als 30 Jähre später gut dran erinnern konnte, vor allem an das Wort Toderhaus.

Prisma Offline




Beiträge: 7.571

29.01.2012 19:48
#268 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten



WALDWEG (Folge 1)

mit Horst Tappert, Fritz Wepper
Gäste: Hilde Weissner, Wolfgang Kieling, Lina Carstens, Herbert Bötticher, Karl Lieffen, Walter Sedlmayr u.a.




Die Geburtsstunde der erfolgreichen Reihe "Derrick" bringt mit Folge 1 direkt und kompromisslos höchstes Niveau an fesselnder Krimi Unterhaltung zu Tage, schon schnell wird unmissverständlich klar, dass sich die Serie nicht als Plagiat zufrieden geben wird, sondern mit einem durchdachten Konzept für Aufsehen und seriöse Unterhaltung sorgen möchte. Ungewöhnlich für den Zuschauer ist hier die Tatsache, dass es nicht um obligatorisches Mörderraten gehen wird, denn das Verbrechen und dessen Urheber bekommt eine beängstigende und nicht minder erschreckende Silhouette und zerrt hier in Form von Wolfgang Kieling unheimlich an den Nerven. Man bekommt als Zuschauer Inhalte wie Verfolgung, Mord und Verbergen der Tat unmittelbar zu Gesicht und wird zum Mitwisser, dabei handelt es sich aber nicht um ein Servieren auf dem Silbertablett. Das mag vielleicht im ersten Moment nach mäßiger Spannung klingen, doch das ist hier keineswegs der Fall. Ganz im Gegenteil, der Verlauf der Geschichte forciert ein Gefühl von Unbehagen und lässt durchgehend mitfiebern, wie das neue, hochmotivierte und erfrischend wirkende Ermittlerduo den Fall aufrollen und den Verbrecher dingfest machen wird. Dieses Konzept der lückenlosen und exemplarischen Veranschaulichung mit Hilfe von denkwürdigen Bildern und packenden Szenen ist nicht nur ungewöhnlich, sondern bietet einen neuen Aspekt bezüglich der Durchleuchtung von Psyche und Agieren des Täters, ohne dabei großartig Position zu beziehen und zu ermahnen. Gut, das Thema rund um die Morde in einer Mädchenschule, in deren Umkreis ein Triebmörder sein Unwesen treibt scheint wirklich zu genüge ausgeschlachtet worden zu sein, wirkt aber in dieser Folge eigenartig neu, beziehungsweise fast schon gefühlt innovativ, was natürlich der Umsetzung zu verdanken ist, außerdem in höchstem Maße den schauspielerischen Präzisionsleistungen. Hinzu kommt, dass gerade dieses Thema wohl immer irgendwie aktuell bleiben wird.

Obwohl bereits ein Mord geschehen ist, zieht es die lebenslustigen jungen Mädchen trotz strikten Verbotes die Schule ohne Erlaubnis und bei Nacht zu verlassen immer wieder in die Stadt, da es gewisse Schlupflöcher im System gibt. Sie lassen sich von einer Freundin als anwesend eintragen und zur unbehelligten Rückkehr ins Haus steht ein Fenster offen. Genau so war es auch in der Nacht geplant, als der nächste Mord geschehen sollte. Das Mädchen, dessen Fahrrad einen Platten hat, muss den Weg zu Fuß zurücklegen und den Waldweg benutzen. Wer diese Folge gesehen hat, weiß dass aus dem harmlos und fast idyllisch klingenden Wort "Waldweg" schnell ein Alptraum werden wird. Dunkelheit, schwere neblige Luft die man schneiden könnte und die Ahnung, dass ein Phantom plötzlich seine Hand nach einem ausstrecken könnte, genau so sieht die Angstvorstellung vieler Menschen aus, die hier in beklemmenden Bildern Wirklichkeit wird. Dann taucht auf einmal der Mörder auf und verfolgt das Mädchen, sie rennt in Todesangst davon, doch bleibt plötzlich stehen und wirkt geradezu erleichtert. Sie kennt die Person, einen ihrer Lehrer, der sie nun begleiten wird, bis schauerliche Gewissheiten aufeinanderprallen werden und es zur Katastrophe kommt. Gerade diese Finesse der Inszenierung (oft angedeutet doch selten gezeigt): Vertrauen gegenüber dem Mörder erscheint derartig perfide, dass es trotz Veranschaulichung hochgradig spannend bleibt. Die sich anschließende Ermordungsszene in Zeitlupe kann man beinahe schon beispiellos nennen, Wolfgang Kieling darf alle verfügbaren Register ziehen und lehrt den Zuschauer das Fürchten, sein in Großaufnahme gezeigtes Gesicht wird zur entsetzlichen Fratze, die Mordlust und krankhaften Wahn offenbart.

Horst Tappert als Derrick und Fritz Wepper als Klein zeigen gleich zu Beginn, dass es sich um ein Erfolgsduo handelt, eine abgestimmte Mischung aus Kombinationsgabe, Routine und Vertrauen, die es jedem Verbrecher schwer machen wird. Neben resoluter Sachlichkeit bleibt ebenfalls Spielraum für (selbst)ironische Anmerkungen, die beiden wirken noch etwas frischer und flexibler als 100 Folgen später (was ja eigentlich logisch ist) und sammeln viele Sympathiepunkte beim Zuschauer. Gerade Horst Tappert, der hier und da auch mal gerne pokert, wenn sich seines Erachtens zu wenig bei der Lösung des Falls tut, erscheint entfesselter, sogar ungeduldiger und fordernder. Feingefühl und Zurückhaltung gibt es lediglich situationsbedingt. Ein wirklich gut konstruiertes Team der ersten Stunde verspricht somit weitere, hochwertige Unterhaltung. Hilde Weissner als Leiterin der Schule leistet neben den übermächtigen Darbietungen eine ausgesprochen gute Interpretation. Sie erfährt nebenbei und viel zu spät, dass ihr System einige Lücken hat und das sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Lustmörder in ihrem Hause befindet. Sie transportiert ihre Fassungslosigkeit und ihre Hilflosigkeit gegenüber den Geschehnissen sehr präzise, auch temperamentvolle Zustände, die sich eine Frau in ihrer Position eigentlich nicht leisten kann, tragen im Rahmen der außerordentlichen Vorkommnisse zur hohen Glaubwürdigkeit bei. Das Lehrerkollegium ist gespickt mit kuriosen Gestalten und hier fällt besonders Herbert Bötticher positiv auf. Als Kielings Mutter sieht man die großartig aufspielende Lina Carstens, die sich in einem Vacuum von Schweigen und Angst, Verzweiflung, Gewissen und Rechtfertigung wieder findet und unheimliche Qualen über sich ergehen lassen muss. Falls sie ihr Schweigen bricht, weiß der Zuschauer genau, dass für diese tragische Figur die Qual erst so richtig beginnen wird. Die gemeinsamen Szenen mit ihrem TV-Sohn sind hervorragend, denkwürdig und erschreckend zugleich.

Sehr angenehm bei Folge 1 ist, dass sie nicht mit Geschützen der "schweren Kindheit" und "Hausfrauenpsychologie" auffährt. Der Mörder wird mit Hilfe eines Tricks gestellt, die Frage nach dem Warum bleibt natürlich bestehen, wird dem Zuseher aber nicht distanzlos aufgezwängt, die Empfindungen gegenüber den beteiligten Personen variieren und etablieren sich nur schwerfällig, es ist von Mitleid bis grenzenloser Verachtung alles gegeben. Nach diesem fulminanten Einstieg in die Serie kommt es mir quasi unmöglich vor, von "Derrick" nicht weiter gefesselt zu sein. Nach 150 Folgen Derrick und den meisten Boxen en route, kann ich jedenfalls behaupten, dass es einfach unmöglich ist!

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.589

29.01.2012 20:33
#269 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

BEWERTET: "Der Fotograf" (Folge 40)
mit: Horst Tappert, Fritz Wepper, Bruno Dietrich, Christine Buchegger, Herbert Mensching, Astrid Boner, Jürgen Goslar, Josef Fröhlich, Miyou Kovacs, Nino Korda, Willi Schäfer, Claus Richt u.a. - Regie: Helmuth Ashley

Ein Fotograf wird von drei Männern durch eine menschenleere U-Bahnstation gejagt. Er läuft in Todesangst und versucht bei einem Vorsprung, seine Freundin telefonisch zu erreichen. Bevor er jedoch mit ihr sprechen kann, wird er von seinen Verfolgern eingeholt und unter einen einfahrenden Zug geworfen. Der Film aus seiner Kamera wurde herausgerissen und so steht für Derrick bald fest, dass die Mörder an belastenden Aufnahmen interessiert waren.
Wo sich ein Herbert Mensching aufhält, gibt es immer einen Hauch von beklemmender Muffigkeit und so wundert es nicht, dass er weder mit Christine Wodetzky (Der Kommissar: "Besuch bei Alberti", 1970), noch mit Christine Buchegger einen ausgeglichenen Umgang pflegen kann. Seine Figuren sind gebrochen und begegnen Frauen entweder mit Scheu oder Abscheu. So überrascht es nicht, dass er dem lukrativen Treiben seiner Ehefrau simple Ohrfeigen entgegensetzt, anstatt auf die Beweggründe näher einzugehen. Ein Frauenversteher scheint jedoch Bruno Dietrich zu sein. Er kümmert sich fürsorglich um eine junge Frau, die er vor einem Jahr mit dem Auto so schwer verletzt hat, dass sie seitdem querschnittsgelähmt ist. Sie residiert auf der Burg Trausnitz in der niederbayerischen Gemeinde Landshut an der Isar, von der man einen herrlichen Blick über die Umgebung hat. Sie ist die moralische Instanz für den Fotografen, sie steht bildlich gesprochen über den Dingen und legt eine Gelassenheit an den Tag, die dem unsteten Gewerbe, das der Fotograf aus Gewinnsucht betreibt, einen Ruhepol entgegensetzt. Christine Buchegger nervt ein wenig mit ihrer sauertöpfischen Miene und ich kann mir schwer vorstellen, dass gewisse Herren ihrer Nacktheit wegen zum Lechzen gebracht werden können - Blap wird mir hier sicher zustimmen. Jürgen Goslar soll wohl eine Rolle á la Basseck (aus: "Der Kommissar") ausfüllen, ist hier jedoch zu kultiviert, um in den Niederungen der Schmuddellokale zuhause zu sein. Nicht zufällig wird auch er in den Höhen seines im Wolkenkratzer gelegenen Büros gezeigt; Weitläufigkeit gibt es hier ebenso wie in der Burg Trausnitz. Die Hintergründe für den Mord werden insgesamt jedoch ein wenig sprunghaft preisgegeben. Ein paar Aufnahmen von Männern, die sich geschäftlich unterhalten, genügen Jürgen Goslar, seine Bluthunde auszusenden. Mit blutigen Lefzen kehren sie zurück und werden nach einem weiteren Mordversuch verhaftet. Leider bleibt es uns nicht vergönnt, den Auftraggeber in Handschellen zu sehen. Den Aspekt der Unverwundbarkeit des Oberinspektors, den Gubanov schon angesprochen hat, kann ich unterstreichen. Man sorgt sich selten um Derrick, scheint er doch über einen todsicheren Instinkt zu verfügen, mit dem er jede Situation richtig einschätzen kann.

Blap Offline




Beiträge: 1.128

29.01.2012 23:00
#270 RE: "Derrick" oder: das andere Konzept Zitat · Antworten

Die Fortsetzung der "Mega-Derrick-Sause"


Derrick - Collector's Box 7 (Folgen 91-105)

Folge 105 - Lohmanns innerer Frieden (Deutschland 1983)

Alexander Lohmann (Martin Benrath) wird nach fünfzehn Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen. Einst wurde er wegen des Mordes an einem Juwelier verurteilt, beteuerte aber stets seine Unschuld. Damals leitete der inzwischen pensionierte Kriminalbeamte Obermann (Hannes Messemer) die Ermittlungen, der Lohmann jedoch für unschuldig hält. Obermann sucht besorgt und nachdenklich Derrick auf, dem er von seiner Vermutung berichtet, überdies den ehemals ebenfalls verdächtigten Werner Schorff (Sieghardt Rupp) erwähnt. Besagter Schorff konnte seinen Hals aus der Schlinge ziehen, seinerzeit verschaffte ihm seine jetzige Ehefrau Hanna (Christiane Krüger) ein Alibi. Derweil kommt Lohmann bei seiner Schwester Helene Reichel (Christine Ostermayer) und deren Familie unter, Lohmanns Schwager Willi (Udo Thomer) ist offenbar davon überzeugt, dass der frisch Entlassene Rache üben will. Derrick und Klein verschaffen sich einen Eindruck von Lohmann und den Eheleuten Schorff, vor allem Hanna Schorffs Reaktion auf die Nachricht von Lohmanns Haftentlassung gibt den Ermittlern zu denken. Saß Lohmann tatsächlich viele Jahre unschuldig im Knast, welche Absichten verfolgt er nun...???

Martin Benrath gelingt die überzeugende Darstellung eines gebrochenen Charakters. Ein Mann auf der Suche nach Frieden, oder doch nur eine zur Schau getragene Maske? Die Leistungen der anderen Beteiligten sind überwiegend von solider Natur, leider gewährt das Drehbuch ihnen kaum Raum zur Ambivalenz. Sieghardt Rupp ist schlicht ein abstossender und feiger Bursche, Blondchen Christiane Krüger ein in sich zusammenstürzendes Nevenbündel. Christine Ostermayer sehen wir als gutherzige Schwester der Hauptfigur, Udo Thomer zeigt uns die fiese Fratze des braven Spiessbürgers. Stephan Hoffmann eifert seinem Filmvater Thomer nach, Karina Thayenthal bewegt sich auf der Schiene ihrer Filmmutter Ostermayer. Thayenthals Darbietung mutet ab und an eine Prise zu verschrobenen an, belebt das Szenario aber letztlich. Hannes Messemer und Hans Quest begnügen sich mit kleineren Nebenrollen, die Herren tauchten bereits mehrfach in der Reihe auf, Horst Tappert und Fritz Wepper spielen ihre Rollen mit gewohnter Routine.

Ex-Häftlinge sind kein neues Thema für Derrick. In "Schubachs Rückkehr" (55) agierte Udo Vioff als eiskalter Racheteufel, Peter Kuiper verhielt sich in "Der Untermieter" (87) wie die Axt im Walde. Während Vioff und Kuiper mit Konsequenz ihre Ziele verfolgten, wird Benrath zum Spielball seines Umfelds. Die liebe Verwandtschaft drängt ihm mit geradezu ekelerregender Hysterie ihre kranken Gedanken auf, die Folgen sind bitter, erschreckend und traurig. Problematisch ist der Verzicht auf eine vielschichtige Anlage der Charaktere, dieser Verzicht lässt "Lohmanns innerer Frieden" äusserst vorhersehbar ablaufen, immerhin entschädigt die Tragik des Finales für die vorherige Einfallslosigkeit der Geschichte. So grobschlächtig angelegt die Mehrheit der Figuren anmutet, so unpassend plärrt uns immer wieder die Musik von Frank Duval die Ohren voll. In "Tödliches Rendevous" (104) wurden seine Beiträge lediglich nicht unbedingt treffsicher eingesetzt, doch in diesem Fall gefällt mir die Musik nicht, zerrt fast ein wenig an meinen Nerven. Jürgen Goslar kann mit seiner Inszenierung die Schwachpunkte des Drehbuchs nicht übertünchen, der Derrick-Fan bekommt zumindest eine kurzweilige Folge serviert, die jedoch weit hinter den Höhepunkten der Reihe zurückbleibt.

6/10 (obere Mittelklasse)



Nun wurde bereits die siebte Box vollständig gesichtet, hier meine Lieblinge aus den Folgen 91-105:

• Folge 092 - Nachts in einem fremden Haus (Helmuth Ashley)
• Folge 094 - Ein Fall für Harry (Zbyněk Brynych)
• Folge 098 - Ein unheimliches Erlebnis (Theodor Grädler)
• Folge 100 - Die Tote in der Isar (Alfred Weidenmann)
• Folge 103 - Die kleine Ahrens (Günter Gräwert)

Hinter der Spitze tummeln sich gute Folgen, dazu ein paar Beiträge aus der Kategorie "solide Standardkost". Box 7 klingt auf kleiner Flamme aus, das folgende Set hält zum Auftakt einen Paukenschlag bereit! Fortsetzung folgt ...

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