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 Film- und Fernsehklassiker national
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Prisma Offline




Beiträge: 7.574

08.10.2012 16:57
#271 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Das mit den Einschätzungen aus diversen Fernsehzeitungen habe ich immer schon mit Vorsicht genossen. Das beste Beispiel dafür ist "Der Gorilla von Soho", der zunächst eine sehr gute Wertung bekam, später dann eine sehr eindeutige mit "albernes Affentheater". Da ich seit vielen Jahren bei dieser gleichen Zeitschrift geblieben bin, ist mir schon vielmals aufgefallen, dass die Kommentare (besonders die Kurzkommentare) bei jeder Wiederaufführung einfach nur abgeschrieben werden, daher wenig aussagekräftig sind. Die Einschätzung aus der Bild und Funk muss man auch relativ sehen. Diese Fernsehzeitung war mir schon immer bekannt für ihre eigenwilligen Einschätzungen, die ich persönlich oftmals nicht nachvollziehen konnte, weil sie die Titel im Endeffekt ungerecht bewarben. Dennoch vielen Dank, dass Du es gepostet hast, ich finde es immer sehr interessant sie zu lesen! Die Kommissar-Folge mit einer Art Hitchcock zu vergleichen beweist mir nur, dass man dem vielversprechenden Titel ebenfalls auf den Leim gegangen ist. Was den doch sehr fragwürdigen Vergleich überhaupt angeht, so sollte man ihn lediglich mit einem müden Lächeln zur Kenntnis nehmen. Unterm Strich bestätigt die Bild und Funk Einschätzung allerdings meine These, dass der Titel "Die Schrecklichen" nichts als falsche Erwartungen weckt, die in der Regel unweigerlich in ein Ärgernis umschlagen muss.

Giacco Offline



Beiträge: 2.322

08.10.2012 17:30
#272 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Zumal der Film "Die Teuflischen" nicht von Hitchcock ist,
sondern von Clouzot. Da hat der Schreiber wohl was verwechselt.

Prisma Offline




Beiträge: 7.574

08.10.2012 18:30
#273 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



DIE WAGGONSPRINGER (Folge 12)

mit Erik Ode, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz, Rosemarie Fendel
Gäste: Peter Neusser, Erik Schumann, Ulli Kinalzik, Andreas Seyferth, Ralf Schermuly, Thomas Astan, u.a.



Ein Güterwaggon wird von einer Bande von Dieben geplündert. Sie verfolgen immer die gleiche Strategie, indem sie in einen fahrenden Zug einsteigen und die wertvolle Fracht hinauswerfen, die dann von Komplizen eingesammelt wird. Beim ihrem jüngsten Coup wird einer der Männer jedoch tödlich verletzt. Als man den Toten in dem ausgeraubten Waggon findet, ist dieser wenig später jedoch verschwunden, noch bevor die Polizei eintrifft. Einige Zeit vergeht, bis die Leiche auf einer Müllhalde gefunden wird. Kommissar Keller und seine Assistenten wollen die sogenannten Waggonspringer zur Strecke bringen um weiteres Unheil zu verhindern...

Der Einstieg in diese von Theodor Grädler inszenierte Folge ist sehr rasant, die Waggonspringer "erobern" einen der Güterwagen unter Einsatz ihres Lebens. Ein falscher Griff und alles kann vorbei sein, die gezeigten Bilder vermitteln eine nervöse Spannung, die durch die Akustik verstärkt wird, und der Zuschauer fiebert sogar mit den Dieben mit. Dann kommt es zum tödlichen Missgeschick und man zuckt zusammen, bevor man sich im Verlauf über die Kaltblütigkeit der Hintermänner wundern wird. Theodor Grädler zeigt hier ein sehr gutes Gespür bei seiner Arbeit, der Fall ist von vorne herein transparent angelegt und macht den Zuschauer zum Komplizen der Bande. Eine abwechslungsreiche Variante, die über ein beinahe durchgehend hohes Tempo überzeugen kann. Die Gruppe der Ganoven bekommt eine unterschiedliche Färbung und beschäftigt sich eingehend mit dem Thema des schwächsten Gliedes in der Kette, was gleichbedeutend mit großer Gefahr für die Bosse, und Beseitigung durch außerordentliche Maßnahmen bezüglich der Schwachstelle ist. Junge Männer werden gezeigt, die als Handlanger fungieren und vom Boss ihre 500 DM für den jeweiligen Coup kassieren. Dies bringt sie in die Lage, im kleineren Rahmen nach den Sternen greifen zu können. Man kann sich einen Sportwagen leisten, seinem Mädchen etwas schönes außer der Reihe bieten und eben einfacher, ja sorgenfreier leben. Doch dieses Konzept ist eben nicht resistent gegen unkalkulierbare Komplikationen, so dass die Frage nach Geld oder Gewissen auf einmal im Raum steht. So wird einer nach dem anderen merken müssen, dass die empfundene Unabhängigkeit nur eine Basis hat, nämlich ein eng gekettetes Abhängigkeitsverhältnis.

Als Drahtzieher sieht man Erik Schumann, der für diese Art von Rollen der richtige Mann war. Seine perfide Art versetzt ihn in die Lage, seine Männer im Griff zu haben. Er kann Zweifel schüren und appelliert häufiger an eine Art Gruppenzwang, so führt er den jungen Männern auch immer wieder gerne ihre neuen, finanziellen Möglichkeiten vor Augen und schaltet sie indirekt wieder gleich. Sein Graffe wirkt besonders gewissenlos und sein Prinzip, dass jeder im Endeffekt austauschbar ist, macht ihn sehr gefährlich, besonders wenn der eigene Kopf auf dem Spiel steht. Die Gruppe der Waggonspringer fand insbesondere mit Ulli Kinalzik und Ralf Schermuly eine sehr überzeugende Besetzung, man sieht ihnen förmlich an, dass sie nach dem Tod ihres Kollegen eigentlich immer nein denken, aber schließlich ja sagen. Andreas Seyferth als Schwachstelle der Bande, ist abonniert gewesen für diese schwachen, oftmals ziellosen und verträumten Charaktere. Hier ist er der junge Mann, der mit der verschärften Situation nicht mehr klar kommt und schließlich um seinen toten Kollegen weinen wird. Seine Szenen auf der hervorragend in Szene gesetzten Müllkippe sind ganz starke Momente dieser zwölften Episode. Peter Neusser als Kubiak, gibt ebenfalls einen der gewissenlosen Hintermänner sehr akkurat und überzeugend, besonders im Zusammenspiel mit Erik Schumann wirken beide nicht nur potentiell gefährlich, denn sie verfügen über Schicksale und Existenzen. Auch der Kommissar wirkt im Verlauf nachdenklich und man merkt, dass selbst nach dreißig Dienstjahren Mord, Gewalt und Totschlag in seinem Metier zwar Tagesgeschäft sind, aber nicht an einem abprallen können. So gibt er zu Protokoll: "Unwillkürlich nimmt man doch ihre Denkweise an". Das Finale der Folge ist packend und hochspannend ausgefallen und der Zuschauer hört neben der beeindruckenden Musik von Peter Thomas förmlich den Sekundenzeiger ticken. "Die Waggonspringer" konnte mich bei diesem Anlauf jedenfalls mehr überzeugen als beim letzten Mal. Sehr gelungen!

Giacco Offline



Beiträge: 2.322

08.10.2012 19:06
#274 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Eine meiner Lieblingsfolgen aus der Frühzeit der Serie.
Spannende Inszenierung, hervorragende Darsteller und einige
sehr intensiven Momente.
Kann ich mir immer wieder anschauen.

Mr Keeney Offline




Beiträge: 1.361

09.10.2012 13:37
#275 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Zitat von Georg im Beitrag #264
Folge 37: Die andere Seite der Straße
Regie: Theodor Grädler, mit Bruno Hübner, Kurt Beck, Klaus Höhne, Hans Brenner, Alois Maria Giani u. v. a.

Um es gleich am Beginn und ohne Umschweife zu sagen: Die andere Seite der Straße ist eine der langweiligsten Episoden der gesamten Serie. Hier wurde eine prinzipiell gute und originelle Idee verpulvert.


Das ist wieder mal ein Paradebeispiel für unterschiedliche Rezeption bzw. Sichtweisen: ich habe diese Episode als absolutes Highlight in Erinnerung, als eine der vielleicht zwei Handvoll stil- bzw. "reihen"-bildenden Folgen, die wirklich das nonplusultra darstellen, und die den ganz speziellen und unvergleichlichen Reiz der Reihe "Der Kommissar" am trefflichsten herauszukristallisieren und zum (schwarz-weißen) Funkeln zu bringen verstehen. "Der Kommissar" gewissermaßen, so wie er für mich immer sein sollte und sein wird, mit wohlwollender und erfreuter Kenntnisnahme begrüßenswerter Abwechslung und anderer Macharten in anderen Folgen wohlverstanden!

Ich finde ganz viele andere Folgen wesentlich langweiliger, auch der Episodentitel ist große Klasse und markant!

Havi17 Offline




Beiträge: 3.700

09.10.2012 14:21
#276 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Das finde ich nun mal eine interessante Diskussion, da ich sicherlich nicht
zu den Kommissar-Fans zähle.

Ich fand die Folgen, welche ich damals als junger Mensch live sah, eher schwer
und zäh. Für mich das absolute Highlight dagegen ist die Folge "Tod im Transit".

Mag sein, daß es noch andere Folgen gleichen Stils gibt die ich nicht kenne, welche
dieses Prädikat verdienen. "Tod im Transit" ist für mich eine Action-Variante der
Kommissar-Folgen und ich habe den Eindruck, daß das auch so in dieser letzten
Folge beabsichtigt war. Ich erkenne hier deutliche Parallelen zum Tatort und
habe den Eindruck, daß gar auch die Darsteller danach lechzten mal etwas mehr agieren
zu dürfen.

Gruss
Havi17

Georg Offline




Beiträge: 3.228

09.10.2012 18:43
#277 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

@ Mr Keeney: Der Episodentitel ist sicherlich sehr markant und einprägsam, wenn nicht originell. Genau das, fand ich, kann man weder von der Inszenierung noch von der Geschichte sagen. Schön, dass Dir die Folge so gefällt... interessant ist tatsächlich, wie unterschiedlich Filme gesehen werden können.

@ Havi17: Tod im Transit halte ich auch für eine ganz starke Folge, super spannend und gut inszeniert. Überhaupt gab's in den letzten beiden Staffeln fast ausschließlich wirkliche "Hammerfolgen", Reinecker hat da nochmals anständig auf die Tube gedrückt. Eine Ausnahme - was Tempo angeht - ist folgende Episode, die aber nicht minder gelungen ist:



Folge 86: Ein Mord auf dem Lande
Regie: Theodor Grädler, mit Walter Sedlmayr, Lis Verhoeven, Jutta Speidel, Martin Semmelrogge, Werner Kreindl u. a.

Ländliche Fälle boten bei Helmut Ringelmanns Produktionen immer sehr willkommene Abwechslung, weil hier nicht nur endlich mal im Dialekt gesprochen wurde, sondern auch die dazugehörigen bayerischen Volksschauspieler in Krimirollen auftraten. Ein Glanzstück an Besetzung ist dem Produzenten bei Ein Mord auf dem Lande gelungen, wo er die Grandseigneurs des bayerischen Theaters versammelt hat. Allen voran spielt Walter Sedlmayr einen prügelnden Vater und Chef (er erinnert etwas an John Knittels Protagonisten in Via Mala!), der im Rausch einen nach dem anderen in die Stube holt, um dann die übliche Tracht Prügel zu verteilen. Die Rolle des Herrn Tolke wird von Sedlmayr mit soviel Ausdruckskraft und schauspielerischem Können dargeboten, dass man als Zuschauer selbst Hass gegen diesen Mann entwickelt. Der große Sedlmayr hat immer darunter gelitten, dass man ihn "nur" als Volksschauspieler und nicht als richtigen Mimen ansah. Mit seiner Rolle in Ein Mord auf dem Lande beweist er jedoch, welch hervorragender facettenreicher und ernsthafter (Haupt-)Darsteller er war. Helmut Ringelmann hat das erkannt und ihm nur zwei Jahre später die Hauptrolle in Polizeiinspektion 1 angeboten, ein Glück für beide, denn es wurde mit 130 Folgen eine der langlebigsten, beliebtesten und erfolgreichsten Serien jener Zeit, die jäh durch den Mord an Sedlmayr beendet wurde.
Als Aufwiegler und etwas primitiver Stammgast ist Toni Berger zu sehen, der den Toten um jeden Preis hängen sehen will (natürlich nur sprichwörtlich), Willy Schultes ist ein weiterer Gast und Fritz Strassner ist als Pfarrer zu sehen, in einem Part, den er öfters geben musste/ durfte.
Als geplagte "Brut" Tolkes agieren brillant Lis Verhoeven, Jutta Speidel (sehr adrett!) und Martin Semmelrogge, Frithjof Vierock als Kellner gefällt ebenso. Sie alle spielen die Unterdrückten, die sich nicht trauen, gegen den Tyrannen aufzustehen sehr glaubhaft. Schließlich ist da noch Werner Kreindl, der einen undurchsichtigen Part darstellt.
Herbert Reinecker erzählt ein bitteres Sozialdrama, dessen Botschaft zu sein scheint: "Egal wer der Täter war, er hat richtig gehandelt". Richtig, denn er hat eine Unordnung wieder ins Lot gerückt. Theodor Grädler inszeniert dieses Drama sehr intensiv, vor allem die Minuten bis zum Mord sind grandios gespielt und festgehalten.
Herbert Keller und Robert Heines sind die Hauptakteure aus Sicht des Ermittlerteams. Keller lässt die Würde eines Toten, selbst wenn er ein Fiesling und Tyrann war, nicht antasten und zieht den Stecker aus der Musikbox als Herr Oberländer den Tod des Herrn Tolke feiern will. Als Chef sieht er gerne darüber hinweg, als Robert Krügers Haus etwas durchsuchen will. So meint er zu seinem Untergebenen: "Gewisse Dinge dürfen wir nicht tun - für den Übereifer eines Beamten kann ich natürlich nichts!" - und lässt es zu.
Insgesamt ist Ein Mord auf dem Lande eine Folge, die vor allem durch das große schauspielerische Talent der Darsteller überzeugt.
Mir hat diese Geschichte diesmal sehr viel besser gefallen, als all die anderen Male.

Mr Keeney Offline




Beiträge: 1.361

10.10.2012 10:45
#278 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Hmm, also ich muss sagen, dass ich mittlerweile bevorzugt jene Folgen sehe, in denen ein klassischer miträtselfähiger whodunit mit ordentlich sich steigernder Ermittlungsarbeit (gerne und bevorzugt auch mit vielen wohlfühligen Büroszenen!) gepaart erzählt wird, der noch dazu tief in das jeweilige Milieu eintaucht.
Das geht mir nicht nur beim „Kommissar“ so, sondern eigentlich generell, nur beim „Kommissar“ kommt für mich noch dazu, dass ich jene Folgen nicht so mag, die sich in ellenlangen Rückblenden ergötzen und meist irgendwie „exemplarisch“ Schicksale, bevorzugt von jungen Landmädchen, die in der Großstadt und unter Drogeneinflüssen verdorben oder missbraucht oder auch nur missverstanden jedenfalls aber ermordet werden.
Ich finde es daher generell besser, wenn möglichst viel Zeit einer Kommissarfolge auch in der tatsächlichen Handlungszeit spielt und sich eine verzweigende fortlaufende Handlung entfaltet, statt ausgewalzter und in langen Gesprächen betriebener Aufarbeitung eines (im Grunde abgeschlossenen) Geschehnisses der Vergangenheit.
Es gibt wohlgemerkt allerdings ein Paar dieser „Rückblendefolgen“, die auch in meinen Augen grandios funktionieren und eine tolle Stimmung erzeugen (z. B. „Die Nacht, in der Basseck starb“, „Die Nacht mit Lansky“, „Jähes Ende einer interessanten Beziehung“, zum Teil auch „Mykonos“ oder „Das Ende eine Humoristen“).
Andere und doch eher die Überzahl der Folgen dieser Machart stoßen mir mittlerweile aber eher negativ auf, Paradebeispiele „Ein Mädchen nachts auf der Straße“ oder „Spur von kleinen Füßen“.
Auch schlimm finde ich unterdessen, wenn sich diese Erzähltechnik noch mit besonders plakativ und aufgesetzt wirkenden Ausflügen in den damaligen (Hippie-)Zeitgeist paart , wie in „Grauroter Morgen“, „Als die Blumen Trauer trugen“ oder „Tod eines Hippiemädchens“.

Dies war natürlich auch bei mir längst nicht immer so, gerade bei der Erstsichtung hatten mich diese doch sehr intensiven und plastischen Folgen „zum Eintauchen“ mit teilweise wirkungsvoll eingesetzter Filmmusik durchaus auch beeindruckt und mitgerissen, aber nachdem ich mittlerweile beinahe alle Folgen so geschätzte 3-4mal gesehen haben dürfte, ändern sich die Präferenzen und ich lege mein Augenmerk auf andere Dinge.

Ich bevorzuge daher mittlerweile eben eher die deftigeren Krimis, sehrsehr gerne auch inklusive Ausflüge auf das Land (z. B. „Tod eines Landstreichers“, „Ein Mord auf dem Lande“, „Sommerpension“, „Der Moormörder“, Tod eines Buchhändlers“ usw.) oder eben im städtischen Mietmilieu (z.B. hervorragend „Ein rätselhafter Mord“).
Ein wenig „actionreicher“ darf es gerne auch sein, hier würde ich aber vor allem Folgen wie „Eine Kugel für den Kommissar“ (sehr stark), „Drei Tote reisen nach Wien“ oder „Die Anhalterin“ als besonders gelungene Beispiele erwähnen.
Irgendwie besonders kommissartypisch und wegen ihres knuffigen Charmes sehr von mir geschätzt werden aber auch auf den ersten Blick vielleicht eher wenig spektakuläre Folgen wie beispielsweise „Drei Brüder“, Der Tod des Herrn Kurusch“, „Der Mord an Frau Klett“, „Toter gesucht“ oder „Schwierigkeiten eines Außenseiters“).
Ich kann jedenfalls nicht sagen, dass mir die Spätphase der Reihe besonders oder mehr zusagt, eher das Gegenteil ist der Fall.

Georg Offline




Beiträge: 3.228

10.10.2012 11:05
#279 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Da sind wir doch gar nicht so unterschiedlicher Meinung. Ich mag auch jene Folgen besonders, wo der Kommissar und der Kriminalfall im Mittelpunkt stehen und nicht irgendwelche Dramen. So genannte "Hippiefolgen" muss ich auch nicht unbedingt haben, wie ich ein paar Beiträge zuvor schon mal erwähnt habe, auch wenn mir unter inszenatorischem Aspekt diesmal "Als die Blumen Trauer trugen" z. B. überraschenderweise sehr gut gefallen hat.
Allerdings ändern sich kurioserweise die Eindrücke, die man von einzelnen Episoden hat. Die nun folgend besprochene Geschichte habe ich beim Wiedersehen meist gemieden, da sie - wie Du es, Mr Keeney, ausdrückst - um eine "Rückblendefolge" handelt, in der noch dazu der Kriminalfall nur als Aufhänger für ein Drama verwendet wird. Lässt man den Aspekt des Krimis dabei aber außer acht, ist die Geschichte durchaus gelungen:



Folge 38: Grauroter Morgen
Regie: Theodor Grädler, mit Lilli Palmer, Hans Caninenberg, Sabine Sinjen, Fritz Schmiedel, Annemarie Wendl, Fred Haltiner u. a.

Das Rauschgiftdrama Grauroter Morgen war nicht nur Helmut Ringelmanns Lieblingsepisode, sondern wurde auch in den USA als Pilotfolge verwendet, als zwölf Episoden dort ausgestrahlt wurden. Grund für beides ist sicherlich die Hauptdarstellerin Lilli Palmer, die hier die absolute Protagonistin ist und alle anderen in den Schatten stellt bzw. an den Rand drückt. Sie ist es auch, die die meiste Bildschirmzeit hat. In der Tat ist sie eine wunderbare Besetzung, für die man sich aber auch Charaktermiminen wie Maria Becker vorstellen hätte können. Das ganze Ensemble rund um sie herum, vom verständnisvoll gespielten Kommissar aufwärts, ergänzt das stimmige Bild sehr gut. Der großartige Hans Caninenberg ist der geeignete Partner für Lilli Palmer, mitfühlend spielt Sabine Sinjen. Der leider viel zu früh verstorbene Fred Haltiner ist glaubwürdig als Drogenabhängiger zu sehen.
Herbert Reinecker interessiert sich hier überhaupt nicht für die Kriminalhandlung, ihm liegt lediglich die tragische Geschichte um den Tod von Billie und das Drama rund um sie am Herzen, glaubhaft schildert er das Milieu.
Diese Folge habe ich immer gemieden, weil sie aus kriminalistischem Blickwinkel langweilig und unspannend ist, als Kriminalfilm war das eigentlich auch gar nicht zu verfilmen. Als Drama funktioniert diese Geschichte aber so gut wie wenige andere aus der Feder von Herbert Reinecker.

Prisma Offline




Beiträge: 7.574

10.10.2012 22:55
#280 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



AUF DEM STUNDENPLAN: MORD (Folge 13)

mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz
Gäste: Thomas Holtzmann, Renate Grosser, Vadim Glowna, Eva Kinsky, Hans Quest, Sigfrit Steiner, u.a.



Nach Beendigung seines Unterrichts findet der Berufsschullehrer Dr. Dommel eine seiner Schülerinnen in seinem Arbeitszimmer. Sie wurde ermordet. Einige seiner Schüler, die gemeinsam mir ihm die grausige Entdeckung machten alarmieren die Kriminalpolizei. Sie sind es auch, die den unbeliebten Lehrer sofort verdächtigen, da er offenbar ein Verhältnis mit der jungen Inge hatte. Anschuldigungen und Verdachtsmomente verhärten sich, als auch noch einige seiner Kollegen ihn nicht mehr für Unschuldig an der Mordsache halten. Für Dr. Dommel beginnt ein Psycho-Duell und ein Spießrutenlauf, dem er nicht gewachsen ist. Wird er seine Unschuld beweisen können und ist er Opfer eines Komplotts geworden..?

Folge 13 ist geprägt von einer eigenartig beklemmenden, oftmals sehr kalten Atmosphäre, und sie zählt wegen ihres raffinierten Aufbaus zu den stärkeren Kommissar-Fällen der Frühphase. Die Tote wird gefunden und der Mörder ist in Windeseile ausgemacht. Die Schüler fallen vor allem durch erdrückende Schuldzuweisungen auf, ihre Aussagen wirken wie eine bis ins Detail abgestimmte Choreografie, selbst das Kollegium kippt nach kürzester Zeit um und steht nicht mehr hinter dem nun untragbar gewordenen Lehrer. Die Masse verurteilt und bezieht selbst die Neutralen unter ihnen mit ein, vereinnahmt die Unschlüssigen und nötigt sie zu einer eindeutigen Position. Hier werden die Szenen in der Schule äußerst überzeugend dargestellt. Dr. Dommel betritt den Gang, er wird von vorwurfsvollen und verhassten Blicken fixiert und gedemütigt, es ist plötzlich so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Auch die später eintretenden Sprechchöre und die schweren Anschuldigungen Einzelner erwecken ein ziemlich unangenehmes Gefühl, aber ein womöglich eindeutiges Profil. Wie, so fragt man sich, hält dieser Mann das alles aus, und noch interessanter wird die Frage, wie er es erträgt, falls er nicht der Mörder ist? Es ist eine recht schwierige Angelegenheit in diesem vakuumartigen Chaos einen klaren Blick zu wahren, nicht nur für Kommissar Keller. So ist das erstaunlich raffinierte an dieser gut konstruierten Geschichte, dass tatsächlich alle geschilderten Möglichkeiten der Wahrheit entsprechen könnten. Das Herausfiltern von sachlichen Informationen ist allerdings sehr schwer, da das Szenario geprägt ist von unsympathischen Erscheinungen, von Hetztiraden, Schuldzuweisungen und Destruktivität. Ein junges Mädchen, eine Mitschülerin, eine Freundin wurde ermordet, doch die befremdlichen Emotionen aller Beteiligten führen zu Unverständnis. Als man nach einer halben Stunde Laufzeit schließlich zu sehen bekommt, dass eben auch eine Tochter ermordet worden ist, öffnet sich erstmals ein quasi herbeigesehntes Ventil, und es gibt Tränen von der Mutter der Toten.

Thomas Holtzmann als verdächtiger Dr. Dommel ist schon eine Art Prototyp für diese Rolle gewesen. Man weiß nicht, was in ihm vorgehen mag und so richtig kann man auch nicht entschlüsseln, was man eigentlich selbst von ihm denken soll, auch das Verhalten seiner Schüler und die mangelnden Sympathien ihm gegenüber kann man als Zuschauer irgendwie nachvollziehen. Eine sehr intensive Darbietung eines Mannes, der gehemmt wirkt, und voller Komplexe zu sein scheint. Für diese Tatsache scheint seine Schwester, mit der er zusammen lebt, im großen Ausmaß mit verantwortlich zu sein. Gespielt wird sie von Renate Grosser, die offenbar ein Abonnement für die Rolle von eisernen Jungfern hatte. Ihre Überzeugungskraft schlägt mehrmals voll durch, indem sie ihren Bruder charakterisiert und gleichzeitig als Schwächling degradiert. So wird ihre demonstrative Stärke zu seiner Schwäche. Vadim Glowna als Schüler Palacha liefert sich mit Thomas Holtzmann ein packendes und glaubhaftes Duell, das dem Zuschauer allerdings nicht gerade auf Augenhöhe vorkommt und Hans Quest überzeugt als einer der Lehrer, der mit seiner Meinung wie ein Fähnchen im Wind wirkt. Insgesamt hat man es mit hochklassigen darstellerischen Leistungen zu tun. Folge 13 greift im Hinterhalt einen Generationenkonflikt auf, der sich aber nicht aufdringlich in den Vordergrund rückt. Ansichten wie beispielsweise jene, dass die Mädchen ja selbst schuld seien, weil sie die Röcke bis zum Geht-nicht-mehr tragen, wird man noch häufiger in der Reihe finden. Die Inszenierung erfreut mit aussagekräftigen Schauplätzen und die komplette Angelegenheit mit ihrer weniger überraschenden, aber beeindruckenden Auflösung, ist von ihrem Aufbau her wirklich als raffiniert zu bezeichnen, da eine in Gang gekommene Kettenreaktion eine denkwürdige Vollstreckung findet. Vielleicht hätten "Auf dem Stundenplan: Mord" sogar ein paar Rückblenden noch ganz gut zu Gesicht gestanden. Damals wie heute eine der starken Kommissar-Folgen!

Georg Offline




Beiträge: 3.228

11.10.2012 10:35
#281 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Folge 60: Die Nacht, in der Basseck starb
Regie: Wolfgang Staudte, mit Evelyn Opela, Joachim Bissmeier, Jürgen Goslar, Horst Tappert u. v. a.

Was diese Folge so unvergesslich macht, ist sicherlich die Musik von Les Humphries, die sich nicht nur sehr gut in das Ambiente der Nachtbar einfügt, sondern auch die Szenen passend untermalt. Herbert Reinecker erzählt eine tragische Geschichte rund um den Mord an einem Nachtclubbesitzer, der sich die Zuneigung junger, unerfahrener Mädchen zu Nutze macht, um sie langsam in die Prostitution zu drängen. Jürgen Goslar ist eine geeignete Besetzung für den schmierigen Mario Basseck. Horst Tappert ist hier - bekanntlich bei seiner widerwillig angenommenen Generalprobe für das Engagement bei Derrick - wiederum mit einem furchtbaren Toupet zu sehen, ist für die Rolle aber gut gewählt. Herausragend ist aber ein anderer Darsteller: Joachim Bissmeier, der einen Mann spielt, der nach München kommt, um den Tod eines von Mario Bassecks "Opfern" zu rächen, es dann aber nicht schafft. Ein wunderbarer Auftritt, eine glaubhafte Darstellung. Kommissar Keller scheint großes Verständnis für sein Vorgehen zu haben, denn er verhört den Mann beinahe liebevoll. Er konnte auch hart und streng an so ein Gespräch herangehen, wenn er macht- oder geldgierige Verdächtige vor sich hatte. In diesem Falle scheint er aber fast Mitleid zu haben. Die Regie von Wolfgang Staudte setzt auf Tempo und eine gelungene Mischung aus Nachtclubatmosphäre und Verhörszenen.
Fazit: Die Nacht mit Basseck ist eine kurzweilige Folge, die auch dank der Musiknummern stark im Gedächtnis bleibt.

Georg Offline




Beiträge: 3.228

12.10.2012 10:11
#282 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Folge 65: Sommerpension
Regie: Jürgen Goslar, mit Hans Schweikart, Marianne Hoppe, Gerlinde Döberl, Götz George, Erika von Thellmann, Karl Hellmer u. v. a.

Die Folge Sommerpension zeichnet das Bild einiger skurriler älterer Herrschaften, die in der titelgebenden Herberge seit Jahren ihre Ferien verbringen und beinahe zur Familie gehören. Von Anfang an ist offensichtlich, dass sie etwas verschweigen, Herbert Reinecker konstruiert die Geschichte aber so, das bis zum Schluss nicht klar ist, welche Rolle sie in dem Mordfall spielen. Das Tatmotiv ist diesmal äußerst tragisch, stellt sich hier doch die Frage, wie weit Mutterliebe gehen darf.
Jürgen Goslar setzt die Folge recht gut in Szene, vor allem der unheimliche Auftakt im Nebel und die finalen Szenen mit Rückblende im Moor und der nächtlichen Pension, um die ein Gewitter aufzieht sind sehr passend umgesetzt worden.
Inhaltlich stellen sich aber zwei Fragen, die nicht ganz beantwortet werden: am Beginn ist davon die Rede, dass das schon der dritte Wagen sei, der im Moor verschwindet. Später ist aber nie mehr davon die Rede. Hat der Täter/ die Täterin auch die ersten beiden Fälle verursacht? Oder wollte er/ sie nur die Tat einem unbekannten Dieb in die Schuhe schieben, indem man wie dieser auch die Nummernschilder entfernte? Hier muss man sowohl dem Buch als auch der Regie ankreiden, dass das im Dunkeln gelassen wird.
Die Besetzung hingegen ist wunderbar, Erika von Thellmann & Co. als verschrobene, arme alte Rentner sind sehr gut besetzt, der große Theatermacher Hans Schweikart spielt wie üblich einen undurchsichtigen Part und war – wie ich von Jürgen Goslar weiß – bei den Dreharbeiten „lammfromm“, hat sich alles sagen lassen und nie den großen Regisseur herausgekehrt.
Auch die Besetzung von Götz George dürfte darauf zurückzuführen sein, dass dieser wenige Monate zuvor mit Goslar den Diamantendetektiv Dick Donald gedreht hatte. Ringelmann war zwar ein Produzent, der selbst besetzte, Goslar erklärte mir aber, dass man da manchmal mit Tricks arbeiten konnte, wenn er einen bestimmten Darsteller haben wollte – und zwar, indem man Ringelmann einredete, er selbst habe diesen vor wenigen Wochen für die Rolle vorgeschlagen. Das funktionierte anscheinend.
Trotz der angesprochenen Mängel in der Handlung hinterlässt diese Folge einen insgesamt doch recht positiven Eindruck.

Georg Offline




Beiträge: 3.228

13.10.2012 11:07
#283 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Folge 63: Sonderbare Vorfälle im Hause von Professor S.
Regie: Wolfgang Becker, mit Hans Caninenberg, Matthieu Carrière, Günther Ungeheuer, Margarethe von Trotta, Annelise Uhlig, Lisa Helwig u. v. a.

Diese Folge präsentiert eine etwas sonderbare, wenn auch nicht unspannende Geschichte. Im Zentrum steht der Psychiater Prof. Steger (Hans Caninenberg in einer Paraderolle), der sich einem seltsamen Einbruch gegenübersieht. Schnell ist ihm, aber auch allen anderen klar: ein "Verrückter" muss die Tat begangen haben. In der Angst, der eigene Sohn könnte das sein, verwischt Professor Steger alle Spuren. Doch dann kommt es zu einer parallelen Tat im Hause eines Malers (toll besetzt mit Günther Ungeheuer!) und nun verdächtigen alle einen Mann, der bei Steger in Behandlung war und nun in der geschlossenen Abteilung sitzt. Und wie heißt dieser Typ? Natürlich Bruno! Lieber Herr Reinecker, ein bisschen weniger Einfältigkeit bei klischeehaften Rollennamen bitte! In jeder Folge, in der es einen Geistesgestörten gibt, dem ein Mord in die Schuhe geschoben wird, lautet dessen Name so, sogar in Derrick-Episodentiteln findet sich der Name wieder (Anschlag auf Bruno oder Abendessen mit Bruno).
Wolfgang Becker inszeniert nichtsdestotrotz mit zunehmenden Ende der Geschichte eine beklemmende Folge und setzt einen wunderbar stimmigen Soundtrack ein. Das Ende ist überraschend und tragisch, alle Beteiligten, einschließlich des Kommissars stehen wortlos da. Dann erklingt nochmals das Lied, das sich wie ein roter Faden durch die Folge zieht, ehe der Abspann eingeblendet wird. Passt!




Und noch eine Folge, die ich schon vor vielen Monaten (genauer am 3.4.2011) hier besprochen hatte und deren Besprechung ich hier nochmals poste. Für mich eine der besten Kommissar-Folgen überhaupt, spannend und tragisch. Dass das Theater um die Auflösung heute noch nicht aus der Welt geräumt ist, ist lächerlich.

Folge 83: Das goldene Pflaster
Regie: Wolfgang Becker, mit Gracia Maria Kaus, Fritz Muliar, Traugott Buhre, Wolfgang Gasser, Walter Sedlmayr u. v. a.

Ein toter Mann aus der Türkei wird in einer Baugrube aufgefunden. Robert, Walter und Erwin ermitteln vor Ort, der Kommissar ist zur Rehabilitation in Wien. Die erste Spur führt in ein nahegelegenes Haus, in dem türkische Gastarbeiter wohnen. Eine nette alte Dame (Rose-Renée Roth) versteckt ca. 20 illegale Einwanderer in ihrer Wohnung. Dann wird immer sicherer: die Spur führt nach Wien, wo sich Keller gerade befindet.

Nachdem ich diese Folge nun wieder mal gesehen habe, muss ich sagen, dass sie eine der besten der ganzen Serie ist. In wenigen Fällen prangert Reinecker eine Situation dermaßen an, wie hier den "Alltag" türkischer Gastarbeiter. Er zeigt, auf welche unmenschliche Weise diese Menschen, die auf Arbeit- und Glückssuche sind, nach Deutschland gebracht werden und über welche kriminellen Wege das geht. Dass dann ausgerechnet der Mitarbeiter der türkischen Botschaft in Wien der Drahtzieher ist, ist vielleicht etwas provokant, dass deshalb die Folge bis heute gesperrt ist, allerdings lächerlich. Jedermann weiß, dass "Der Kommissar" Fiktion ist. Wo waren die Aufschreie der Bankdirektoren, Buchhändler, Jugendlichen, frustrierten Hausfrauen, als diese im "Kommissar" zum Täter wurden? Sie hatten wahrscheinlich nur nicht so eine große Lobby hinter sich, wie hier die Botschafter :D.
Dramaturgisch gesehen bleibt als Täter auch nur der Botschafter übrig, denn sonst gibt es keinen Verdächtigen.
Wolfgang Beckers Regie enttäuscht auch hier wieder nicht, die Musik ist genial eingesetzt, das Einstreuen humoristischer Einlagen gekonnt: Walter Sedlmayr als grantelnder U-Bahnkontrolleur ("Letzte Woch war einer da, der hat gsagt, er is vom Geheimdienst!!") und Herbert Prikopa als Wiener Taxifahrer, der für tausend Schilling bei Stau schon mal auf dem Gehweg fährt ("Sehens eh, die Straßen is blockiert!") sind genial. Ebenso genial wie unheimlich und kalt ist Traugott Buhre als Geldbote, der dann spektakulär am Eingang des Wiener Kaffeehaus von Maschinengewehrsalven niedergestreckt wird (sehr gut von Becker inszeniert).
Richtig unheimlich ist die abgelegene Bar am alten Wiener Hafen, die nachts in gruseligem schwarz-weiß Lichtspiel als Versteck der Illegalen entlarvt wird.
Bei all dem Lob, muss ich auch ein paar Punkte kritisieren:
1. Das Wienbild, das Becker zeichnet, ist allzu klischeehaft. Kommissar Keller wohnt natürlich in einem Hotel mit Blick auf den Stephansdom und der Geldbote telefoniert ausgerechnet aus einer Telefonzelle hinter dem Riesenrad. Das Granteln der Wiener Personen (Muliar, Tilden) wirkt teilweise etwas überzogen.
2. Die Assistenten fahren mit dem Nachtzug von München nach Wien. Robert nimmt ein Schlafabteil. Der Zug kommt laut Anzeigentafel in Wien um 9.50 an. Die Strecke wird heute in gut 5 Stunden erledigt. Da frage ich mich, welche Strecke der Zug gefahren ist? Über Berlin? Über Prag? Oder gar über Venedig? Anders ist eine Zugfahrt von errechneten 12 Stunden nicht zu erklären. Oder ganz einfach: ein lästiger Regiefehler!
Bleibt zu erwähnen, dass "Das goldene Pflaster" die einzige Kommissar-Folge ist, in der Bezug auf eine vorhergehende genommen wird. In Folge 82 "Traumbilder" wird Kommissar Keller schwer verletzt. Deshalb befindet er sich nun, in Folge 83, zur Kur in Wien. In einer Einstellung gibt's sogar eine Rückblende auf Folge 82, in der er angeschossen wird. Das war beim "Kommissar" wie gesagt einmalig und kam später nur nochmal bei "Derrick" - auch hier einzigartig - vor, als der Oberinspektor in "Attentat auf Derrick" lebensgefährlich verletzt wurde und Harry deshalb in der darauffolgenden Episode "Die Schrecken der Nacht" nochmals allein ermitteln musste.

Georg Offline




Beiträge: 3.228

13.10.2012 17:11
#284 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Folge 17: Parkplatzhyänen
Regie: Zbyněk Brynych, mit Marianne Hoppe, Johannes Heesters, Ida Krottendorf, Fred Haltiner, Werner Pochath, Günther Neutze u. v. a.

Diese Folge von Zbyněk Brynych beginnt recht spannend: ein einsamer winterlicher Parkplatz in der Abenddämmerung, zwei maskierte Männer, ein Überfall, ein Schuss. Danach begeben wir uns aber in die Wohnung einer herrischen Mutter samt ihrer Söhne, deren Täterschaft nie außer Frage steht. Die Frage ist lediglich, wie der Kommissar sie überführt. Walter tritt als verdeckter, stotternder Ermittler auf, der das erste Mal, seit dem Fall "Brynych" [übrigens von Harry falsch gesprochen: er sagt "Brünüch" richtig wäre "Brinich"]für den Kommissar stottert. Dann bietet die Folge alles, was der tschechische Regisseur liebt: schmutzige Kneipen, verwegene Typen, herrische Personen, dunkle Hinterhöfe und verfallene Hinterhäuser. Die Musikuntermalung geht vom "modernen" Tom Jones über Hans Albers' "Junge komm bald wieder" bis hin zu lateinamerikanischer Musik. Ein irrer Mix, der gar nicht so schlecht ist. Schwach ist allerdings die kriminalistische Handlung, bei der mit Ausnahme der Eingangssequenz, keine Spannung aufkommt. Die Folge gehört einzig und allein Marianne Hoppe, die alle an die Wand spielt. Johannes Heesters verliert außer ein paar gebrochen gesprochenen Brocken Deutsch fast kein Wort, Werner Pochath und Fred Haltiner geben zwei unterwürfige Söhne und gänzlich unpassend tritt in manche Gespräche der lateinamerikanische Sänger mit seiner Gitarre. Dann kommt es zu einem offensichtlichen Ablenkungsmanöver, bei dem die Söhne entlastet werden sollen. Leider ist klar, wie der Hase läuft.
Inszenatorisch hat die Folge allerdings auch starke Momente, wie jene, in der Robert, Harry und Keller wie in einem Western an der Bar sitzen und nur die Kamera durch Unschärfe/ Schärfe stellen denjenigen, der gerade redet, ins Bild rückt. Der Kommissar scheint außerdem Tom Jones zu lieben, denn er wünscht sich fünf Mal dasselbe. Die Szene in der Bar ist zugegebener Maßen stark inszeniert, was aber nichts an dem schwachen kriminalistischen Charakter ändert.
Ein furchtbarer Regiefehler hat sich außerdem in die Folge eingeschlichen: Frau Boszilke ist im Kommissariat und sieht dort auch Grabert, wenig später erkennt jedoch weder sie ihn, noch Grabert sie, als beide in Gierkes Kneipe sind. Wenig später sitzen sie erneut im Büro, als ob nichts wäre. Außerdem wird der Name "Boszilke" manchmal - sogar vom Kommissar "Boschilke" ausgesprochen. Ja, wie denn jetzt?
Insgesamt sicherlich nicht der "schlimmste" Brynych (der sich natürlich auch hier einen Cameo-Auftritt erlaubt und durch die Scheibe ins Lokal schaut), aber sicherlich einer der flüssigsten. Mein Gott, was wird da getrunken! Der Regisseur soll ja auch im richtigen Leben schon morgens Wodka hinuntergespült haben - das überträgt er hier auf die Figuren ("Ich sitze hier, saufe, denke nach und sieh mir den Gierke an", so Kommissar Keller).

Georg Offline




Beiträge: 3.228

13.10.2012 17:17
#285 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Nachtrag zu "Das goldene Pflaster". Von Wolfgang Becker gibt's ja nur wenige brauchbare Bilder. Spielt in genannter Episode der Regisseur den Kurarzt in einem Cameoauftritt? Siehe Foto:

Angefügte Bilder:
PDVD_077.JPG  
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