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 Film- und Fernsehklassiker national
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Georg Offline




Beiträge: 3.228

26.09.2012 21:32
#241 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Und wieder eine Folge, die ich lange nicht gesehen und unterschätzt hatte:

Folge 8: Der Tod fährt 1. Klasse
Regie: Wolfgang Becker, mit Hans Schafheitlin, Martin Lüttge, Hans Jaray, Nikolaus Paryla, Wolfried Lier u. v. a.

Eine Mordserie im Zug! Dieses Szenario ist ein beliebtes Krimisujet und es zieht meistens. Herbert Reinecker scheint sich in den ersten Kommissar-Folgen auch darum bemüht haben, klassische Themen dieses Genres zwischen zu streuen. So ist auch Der Tod fährt 1. Klasse ein ganz klassischer Kriminalfilm. Aber er ist mehr: er ist so gesehen eine Ausnahme, was das Agieren der Assistenten betrifft. Harry, Walter und Robert gehorchen dem Kommissar nämlich nicht und setzen Helga gegen seinen Willen der Gefahr aus, indem diese adrett als Lockvogel für den Zugmörder fungiert. Wolfgang Becker setzt diese Szenerie im nächtlichen Ambiente (teilweise mit starkem Schneefall) unheimlich in Szene, Peter Thomas darf dazu allerdings nur zwei, drei Takte komponieren, die ganz am Ende erklingen. Hier baut Reinecker auch noch den Clou ein, dass der junger Abinger, der den Mord aus Hass gegenüber seinem Vater immer wieder gesteht ohne es getan zu haben, auftaucht. Das ist zwar ein wenig unglaubwürdig und nicht ganz nachvollziehbar, dient aber dem Spannungsaufbau, denn die drei Assistenten meinen nun natürlich, den wirklichen Mörder gefasst zu haben und lassen Helga unbeobachtet im Abteil zurück. Bühne frei für den wahren Täter!
Fräulein Rehbein ist in diesem Film noch etwas distanzierter gegenüber Herbert Keller, sie redet ihn noch nicht mit "Chef", sondern mit "Herr Kommissar" an und lässt den Zuschauer auch wissen, dass sie den Kriminalrat nicht mag. Keller ist hier auch mal wieder im ehelichen Umfeld zu sehen und schaltet auf seine Weise blitzschnell, als er keinen seiner Assistenten erreicht - er klärt den Mord aus der Ferne!
Die Besetzung ist recht gut, Martin Lüttge als junger Kellner ist eine gute Wahl gewesen, ebenso Nikolaus Paryla (herrlich inszeniert seine Verfolgung über die Gleise!) als etwas durchgeknallter Sohn und Hans Jaray als dessen Chef. Jaray war übrigens jahrelang wie Produzent Helmut Ringelmann bei Intertel beschäftigt und dort für Unterhaltung zuständig ... In einer Nebenrolle ist auch Leo Bardischweski zu sehen, der immer wieder in Beckers Inszenierungen auftaucht.
Insgesamt eine recht gelungene Folge, dank Wolfgang Beckers Gespür für temporeiche Inszenierung!

P. S.: Herbert Reinecker verwendete den Titel 25 Jahre später noch mal: auch sein einziger Beitrag zur Ringelmann-RTL-Serie Der Mann ohne Schatten trug den Titel Der Tod fährt 1. Klasse, hatte aber inhaltlich nichts mit dem Kommissar-Stoff zu tun.

Georg Offline




Beiträge: 3.228

27.09.2012 12:06
#242 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Folge 28: Drei Tote reisen nach Wien
Regie: Dietrich Haugk, mit Dieter Borsche, Christoph Bantzer, Hans Caninenberg, Hilde Weissner, Herbert Steinmetz, Kitty Speiser, Karl Hellmer und Fritz Eckhardt als Oberinspektor Marek

Diese Folge ist auch nach dem x-ten Wiedersehen meine absolute Lieblingsepisode. Das hat einerseits mit dem wunderbar spannenden Plot zu tun: die Geschichte rund um die Reisen der drei Kriegskameraden in fremde Städte, um dort vordergründig "Kultur", im Wahrheit aber Stelldicheins mit jungen Mädchen zu erleben, ist von Herbert Reinecker herrlich konstruiert. Die Ablenkung vom eigentlichen Tatmotiv gelingt dem routinierten Autor vollkommen, bis zum Ende ist es möglich, das tatsächliche Motiv zu verschleiern, das andererseits wieder eines der ältesten klassischen Motive ist. Reinecker hat sich des Plots "mehrere werden getötet, um den eigentlich beabsichtigten Mord zu verschleiern" ja öfters bedient, unter anderem auch bei seinem Drehbuch als Alex Burg für den Wallace-Krimi Der Mönch mit der Peitsche.
Ein weiterer wesentlicher Faktor für das Gelingen der Folge ist die wunderbare Regie von Dietrich Haugk. Nicht nur, dass dieser Mann immer nach Abwechslung in seinen Inszenierungen suchte und immer wieder etwas Neues ausprobierte, es sind die Kleinigkeiten, die Details, die das stimmige Ganze ergeben. Ich denke da nur an das Drehen der Buchständer, ehe Hans Caninenberg erschossen wird oder an Frau Hellmer die allseits präsent ist und lauscht, als Kommissar Keller in der Gärtnerei die Ermittlungen aufnimmt. Haugk inszeniert die Morde recht grausam, lässt aber immer wieder sehr klassisches Krimifeeling aufkommen, sei es durch das Käuzchengerufe, die die nächtliche Villa von Dieter Borsche einbetten oder durch die mysteriöse Inszenierung des Butlers, der ja an und für sich eine der klassischsten Kriminalfiguren überhaupt ist. Die Idee mit den Rückblenden in Fotos und nicht in Film ist originell, ebenso wie der alternative Abspann, der in dieser Form ja nicht wieder vorgekommen ist (lediglich Wolfgang Becker bediente sich an Filmausschnitten der jeweiligen Darsteller für die Namensnennung im Abspann der Folge Tödlicher Irrtum). Schließlich darf natürlich auch Haugks fast obligatorischer Cameoaufritt nicht fehlen, in dieser Episode als Mann, der im Abspann mit Kitty Speiser auf der Couch sitzt/ liegt. Besonders dynamisch wirken viele Szenen auch durch die Tatsache, dass der Regisseur nicht mit Schnitt/ Gegenschnitt arbeitet, sondern mit vielen Schwenks.
Herrlich ist auch die Besetzung: Dieter Borsche, Hans Caninenberg und Herbert Steinmetz brillieren als "lüsterne" Kriegsfreunde, die sich abseits der Heimat mit jungen Mädchen vergnügen und jetzt scheinbar dafür bezahlen müssen, Hilde Weissner ist wunderbar geeignet als resolute Ehefrau und Karl Hellmer gibt den Butler klassisch. Christoph Bantzer ist herrlich unsympathisch und eine ideale Wahl für die Rolle gewesen. Schließlich erleben wir in dieser Folge eines der allerersten Serien-Crossovers der deutschsprachigen Fernsehgeschichte*. Die Idee, den auch in der BRD sehr beliebten, gemütlichen und Wiener Charme versprühenden Oberinspektor Marek in Form von Fritz Eckhardt in die Ermittlungen mit einzubauen, kann man nicht genug loben. Dass Kitty Speiser nun ausgerechnet im 1. Bezirk mit Blick auf den Stephansdom wohnt, ist zwar sehr klischeehaft (ähnlich wie in den meisten Filmen, die in Paris spielen, der Eiffelturm vom Fenster aus zu erkennen ist), passt aber dennoch ganz gut in die Folge.
Fazit: eine sehr stimmige, spannende Episode mit tollen Darstellern, einen vorzüglichen Plot, einem passenden Ablenkungsmanöver des Mörders und einem tollen Ermittlerteam. Was will man mehr?

*Es gab zuvor schon einige Crossovers, man denke etwa an Konrad Georgs Auftritt als Ermittler in Graf Yoster gibt sich die Ehre oder an die Isar12-Besatzung in Der Nachtkurier meldet. Diese beiden Serienbegegnungen entstanden jedoch stets, nachdem eine der Reihen schon eingestellt worden war, während Marek und Keller noch aktiv im Dienst waren.

Georg Offline




Beiträge: 3.228

27.09.2012 18:56
#243 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Folge 29: Der Moormörder
Regie: Wolfgang Becker, mit Louise Martini, Harald Leipnitz, Charles Regnier, Hilde Hildebrand, Gustl Halenke, Hartmut Becker, Angelila Zielke, Willy Schäfer, Simone Rethel u. v. a.

Wolfgang Becker setzt das titelgebende Moor unglaublich unheimlich in Szene, die Musik von Peter Thomas und die wunderbare Lichtgestaltung lassen sogar in manchen Szenen Edgar-Wallace-Stimmung aufkommen. Die tragische Geschichte rund um das Verschwinden der Maria Kaiser, die glaubt, endlich die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben, aber anstatt einer Reise nach Kanada nur den Weg in den Tod antritt, wird von Herbert Reinecker recht stringent gestrickt. Die Schauplätze ergänzen sich sehr gut, ebenso wie die Schauspieler: Harald Leipnitz als Kneipenwirt (auch das Wirtshaus in der Nähe des Moores lässt (gewollte?) Parallelen zu 60er-Kinokrimis aufkommen) spielt mitreißend, sein Todesgeschrei im Moor ist richtig unheimlich. Charles Regnier gibt einen Primar, der am versagerischen Sohn verzweifelt. Wer Regniers Spiel generell mag, wird hier voll auf seine Kosten kommen, denn der schweizer Schauspieler gibt einen eiskalten Vater, der dafür, dass sein Sohn einmal im Leben nicht versagt, die Grenzen weit überschreitet. Beckers Regie wurde bereits von mir gelobt, originell, weil umso aussagekräftiger fand ich die Darstellung der Tat: hier wurden nur Standbilder gezeigt.
Insgesamt ist diese Folge eine recht spannende Angelegenheit, auch wenn sie in meinen Augen manchmal etwas zu überschätzt wird.

Prisma Offline




Beiträge: 7.573

28.09.2012 23:17
#244 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



DAS MESSER IM GELDSCHRANK (Folge 2)

mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz, Rosemarie Fendel
Gäste: Ann Smyrner, Lukas Ammann, Herbert Bötticher, Michael Maien, Wolfgang Völz, Sadi Metzger u.a.



In einem Nachtlokal wird eines morgens eine Ermordete von einer Putzfrau gefunden . Die attraktive, junge Frau wurde erstochen und arbeitete im gleichen Club als Hostess, zum Animieren der Gäste. Den Kreis der Verdächtigen bilden schnell einige zwielichtige Herren, die in dem Lokal ein und aus gehen, beziehungsweise dort arbeiten. Kommissar Keller freundet sich mit Marion an, die eines der Animiermädchen ist, um an sachdienliche Informationen zu gelangen. Im Vertrauen erzählt sie dem Ermittler viele private Dinge, die den Kommissar auf die richtige Spur bringen...

"Das Messer im Geldschrank" hatte ich seit jeher als eine der ganz starken Folgen der Reihe in Erinnerung, aber wie sich jetzt herausstellte basierte dieser Eindruck eher auf den erstaunlich guten schauspielerischen Leistungen, als auf der Geschichte an sich, die sich doch als ziemlich herkömmlicher Mordfall entpuppt. Die Inszenierung von Wolfgang Becker ist für weite Strecken eigentlich tadellos, doch es fehlt insgesamt der ganz große Paukenschlag, und auch die Auflösung ist beinahe ein wenig verwirrend, aber vor allem, wenn man so sagen will, wenig zuschauerfreundlich ausgefallen. Sehr ansprechend ist in dieser Folge die Zeichnung von Kommissar Keller, der selbst auf dem Krankenbett nicht von seiner Arbeit ablassen kann, und sich wie ein kleiner Junge an den gut gemeinten Anordnungen seiner Frau vorbeizuschleichen versucht. Auch seine Strategie einen Fall anzugehen, demonstriert bereits hier charakteristische Züge. Der empathische Zuhörer der nie vergisst, dass er es mit Menschen zu tun hat und sich jeder Situation bemerkenswert anpassen kann. Seine Szenen, der Umgang und die Gespräche mit Marion sind die ganz großen Stärken dieser Folge, und ich persönlich bleibe dabei, dass ich noch nie, oder nie wieder eine so hervorragende Ann Smyrner gesehen habe, die ich um ehrlich zu sein auch nie besonders außergewöhnlich gefunden habe. Anders hier.

Marion versucht in ihrem Vakuum zwar weiterhin zu funktionieren, ist aber gleichzeitig auf der Suche nach einer Möglichkeit, aus ihrer erdrückenden privaten Situation zu entfliehen. Jeder Strohhalm, an den sie sich klammern könnte, kommt somit gerade recht, was jedoch gleichbedeutend mit unklugen oder drastischen Entscheidungen ist. Kommissar Keller vertraut sie sich an, da sie ihn als Gast kennen lernt, der ausnahmsweise mal nicht an der üblichen Animation interessiert zu sein scheint. Ihre Erzählungen wirken überaus träumerisch und sehnsüchtig, aber genau so ambivalent. Die Rolle der traurigen Marion ist somit in diesem Geschehen die eindeutig interessanteste, die Entschlüsselung der Person und das Aufzeigen der Umstände lässt kaum eine Distanz zu ihr aufkommen. Bei dem Spaziergang der beiden kam es bei mir durch Ann Smyrners Kommentar bezüglich des Eichhörnchens zu einem unfreiwilligen Lacher, da ich sofort an Evelyn Hamanns Szene in "Pappa ante portas" denken musste. (http://www.youtube.com/watch?v=1yrjAdDCP0A) Lange Rede, kurzer Sinn, Ann Smyrner hätte ich sehr gerne häufiger in derartig angelegten Rollen gesehen. Die undurchsichtigen Herren fanden mit Lukas Ammann, Wolfgang Völz, Herbert Bötticher und Michael Maien eine sehr aussagekräftige und überzeugende Besetzung. Die gut gewählten, und sicher in Szene gesetzten Schauplätze fallen in "Das Messer im Geldschrank", beispielsweise mit dem Nachtlokal oder den winterlichen Außenaufnahmen, besonders positiv auf, auch die Anfangssequenz und dem außergewöhnlichen in Szene setzen der Ermordeten, bleiben in Erinnerung. Die vielen Ortswechsel sorgen für eine gewisse Flexibilität, die der Geschichte im Endeffekt leider ein wenig fehlt. Ohne jeden Zweifel handelt es sich insgesamt um eine überdurchschnittliche Schauspieler-Episode, auch dass die Auflösung, die vielleicht etwas zu glatt verläuft, aber quasi in einer 5 vor 12 Demonstration Kommissar Kellers gipfelt, sorgt schließlich für späte Spannungsmomente. Sehr gelungen!

Georg Offline




Beiträge: 3.228

29.09.2012 11:15
#245 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Folge 5: Ein Mädchen meldet sich nicht mehr
Regie: Theodor Grädler, mit Monika Peitsch, Til Erwig, Günther Ungeheuer, Rudolf Schündler u. v. a.

Die als vierte Folge unter dem simplen Arbeitstitel Ein Mädchen produzierte Folge widmet sich dem Thema Rauschgift, dem sich Herbert Reinecker hin und wieder zugewendet hat. Mal besser, mal schlechter. In diesem Fall eher schlechter. Die Folge wirkt langatmig, bietet wenige Verdächtige und wirkt teilweise recht klischeehaft. Die Schauplätze sind unsympathisch (was ja im Falle der Kneipe noch passen mag), die Inszenierung wenig zügig. Lichtblick sind einzig die Darsteller: mit Monika Peitsch, Til Erwig und Günther Ungeheuer wurden drei sehr gute Mimen engagiert. Ansonsten ist diese Folge sicherlich einer der Schwachpunkte unter den ersten Folgen.
Wenn ich jetzt sagen würde, dass Wolfgang Becker oder Dietrich Haugk der Geschichte sicherlich mehr Tempo und Spannung verliehen hätten, dann ziehe ich mir wieder den Graul der Grädler-Fans zu. Hier wird aber wieder für mich deutlich, dass dieser Regisseur, der zweifellos solide arbeitete, aber niemals von sich aus Wellen schlug, von der Qualität der Geschichte schon sehr abhängig war. War sie gut, war die Inszenierung gut, war sie schwächer, so konnte die Inszenierung die Mängel meist nicht ausbessern. Grädler inszenierte konstant geradlinig, was bei ebenso geradlinigen Geschichten ohne Höhen und Tiefen zu einer entsprechend langsamen, oft langweiligen Angelegenheit wurde. (Eine Anmerkung als advocatus diaboli: bei der Vielzahl an Filmen, die dieser Regisseur für Ringelmann gedreht hat, gibt es dafür natürlich auch jede Menge Episoden, die sehr gut und spannend sind).

Folge 30: Besuch bei Alberti
Regie: Wolfgang Staudte, mit Klaus Schwarzkopf, Karl Lange, Christine Wodetzky, Herbert Mensching u. v. a.

Die unter dem Arbeitstitel Der letzte Besucher produzierte Folge beginnt enorm spannend, Wolfgang Staudte setzt den mysteriösen letzten Besucher von Herrn Alberti, sehr gut mit Karl Lange besetzt, unheimlich in Szene. Auch das Auffinden des Toten und die Jagd des Mörders durch den Heizungskeller machen sofort Lust auf mehr. Dann verliert die Folge allerdings an Tempo, Reinecker interessiert sich fortan mehr für die Figuren: vornehmlich für den unterdrückten Schwager des Ermordeten, der auch als Hauptverdächtiger präsentiert wird. Dieser wird glaubhaft von Herbert Mensching dargestellt. Christine Wodetzky ist als - nicht gerade sympathische - Witwe zu sehen, Klaus Schwarzkopf liefert wie immer einen sehenswerten Auftritt ab.
Kommissar Keller muss diesmal mit der halben Mannschaft auskommen, weder das Büro, noch Rehbeinchen oder Harry tauchen auf.
Die Rückblende und die Auflösung sind originell inszeniert, wie aber bereits erwähnt, hängt die Folge an manchen Stellen etwas durch. Vor allem ergeben sich einige dramaturgische Fehler: wie etwa ist Celia in das Büro ihres Mannes gekommen? Wer hat den leeren Lift zurückgeschickt? Und vor allem: wie kamen Gattin und Geliebter vom Tatort weg? Das sind nur drei von einigen Fragen, die hier auftauchen und eine etwas unschlüssige, ja unlogische Handlung ergeben. Herr Staudte konnte das besser!

Georg Offline




Beiträge: 3.228

29.09.2012 19:26
#246 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Folge 43: Traum eines Wahnsinnigen
Regie: Wolfgang Becker, mit Curd Jürgens, Horst Frank, Günther Stoll, Christine Kaufmann, Victor Beaumont, Wera Frydtberg, Alfons Höckmann

Herbert Reinecker vermischt hier eine Geschichte rund um einen schizophrenen Killer, der den Spieß umdreht und seinem behandelnden Psychiater seinen Willen aufzwängt, mit ein bißchen Dr. Mabuse und Edgar Wallace. Alles dreht sich um den Verkleidungskünstler Kabisch, der vom perfekten Menschen träumt und diesen realisieren will. Dafür ist er auch bereit, Morde zu begehen. Curd Jürgens als sein behandelnder Arzt Dr. Hofstätter lässt sich von den Ideen des Patienten so faszinieren, dass der wahnsinnige Traum auf ihn überschwappt. Zweifellos eine Glanzrolle für den großen Darsteller, der sich wohl damit von Helmut Ringelmann an Land ziehen ließ und wohl weniger mit der etwas holprigen und unglaubwürdigen Geschichte um den Verwandlungskünstler (eine Topprolle für Horst Frank) verpflichtet werden konnte. Dass Kabisch in so viele verschiedene Rollen schlüpft, ist nämlich äußerst unglaubwürdig und an manchen Stellen unlogisch: ja fällt denn da niemandem im Zirkus auf, dass da ein unbekannter Clown und ein fremder Stallbursche herumsteigen? Und wie geht die Wandlung vom Stallburschen zum Portier so schnell vor sich? Daran ist Regisseur Wolfgang Becker auch weniger interessiert, vielmehr beschäftigt er sich hier erfolgreich mit dem Schaffen einer unheimlichen, teilweise gruseligen Atmosphäre, die durch die Musik, die Schauplätze, die Bildgestaltung und das Können der nur wenigen Darsteller geschaffen wird. Zu erwähnen bleiben da natürlich Günther Stoll als Raßner, Christine Kaufmann als dessen vom Mord bedrohte Ehefrau und auch Victor Beaumont, der immer für unheimliche, mysteriöse Rollen eine überaus gute Wahl war.
Insgesamt ist Traum eines Wahnsinnigen unter schauspielerischem und inszenatorischem Aspekt ein Highlight, was man von der Geschichte – wenn man sie unter dem Aspekt der Realitätsbezogenheit und Logik betrachtet – nicht wirklich sagen kann. Spannend ist die Folge aber allemal.

Prisma Offline




Beiträge: 7.573

29.09.2012 20:36
#247 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



RATTEN DER GROßSTADT (Folge 3)

mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz
Gäste: Horst Frank, Werner Pochath, Gerd Baltus, Klaus Schwarzkopf, Fred Haltiner, Hilde Volk, Ilona Grübel, u.a.



Der Wirt einer verkommenen Kneipe wird von seiner Tochter ermordet aufgefunden. Der Ruf dieser Kneipe ist genau so übel, wie das Klientel, das dort ein und aus geht. Gelegenheitsarbeiter, Landstreicher, Kriminelle und Alkoholiker sind die Stammgäste und bilden den Kreis der Verdächtigen. Die Spur führt zu einem jungen Mann, dem minderbemittelten Mozart, der sich mit einer zwielichtigen Gruppe von Nichtstuern abgibt. Ist der Täter dort zu finden? Grabert lässt sich inkognito in die Einrichtung einschleusen, wo die Clique ihre Nächte verbringt, und gibt sich, um an ihr Vertrauen zu gelangen, als eben entlassener Sträfling aus...

Bei dieser erneuten Sichtung der Kommissar-Folgen, kommen mir die dem Eindruck nach schwächeren Beiträge nun meistens stärker vor, und mit den vermeintlich besseren geht es genau umgekehrt. So hatte ich Theodor Grädlers "Ratten der Großstadt" in sehr guter Erinnerung, doch nach dieser Sichtung konnte die dritte Folge mich nicht mehr so ganz überzeugen. Der Kriminalfall ist nicht gerade außergewöhnlich und die Konzentration der Geschichte geht eher in Richtung Milieustudie, mit dem ansatzweise Durchleuchten von unproduktiven Mitgliedern der Gesellschaft. So haben diese Herrschaften mangels sinnvoller Aufgaben genügend Zeit, Federn in die Luft zu blasen und auf unterschiedlichste Flausen zu kommen. Doch sind sie fähig, einen Mord zu begehen? Diese Frage wird jedenfalls nur mittelprächtig herausgearbeitet, der Fall verläuft spannungsarm und schleppend. Vermutlich basierte der positive Eindruck bezüglich dieser Folge darauf, dass es einen enormen Schauspielerbonus gegeben hat, denn die Gruppe der "Ratten" wurde bunt zusammengewürfelt, und in den meisten Fällen sehr stichhaltig herausgearbeitet.

Horst Frank ist für mich stets ein Garant der blendenden Unterhaltung. Innerhalb seiner Clique, hat er die zweifelhafte Führungsposition inne, könnte also womöglich das schwächste Glied der Gruppe so weit manipulieren, seine Befehle und Wünsche auch im drastischsten Sinne auszuführen. Natürlich könnte er auch selbst Hand angelegt, und den Wirt erschlagen haben. An seinen Kollegen haften die gleichen Verdachtsmomente. Gerd Baltus, der lethargische Alkoholiker, der im Zweifelsfall für einen Schnaps bis zum Äußersten gehen könnte, Klaus Schwarzkopf, den seine sich von den anderen abhebende Intelligenz gefährlich machen könnte, Fred Haltiner, der sich wie es scheint, bei jeder sich bietenden Gelegenheit profilieren möchte, und Werner Pochath, der Minderbemittelte mit dem Gemüt eines Kindes, der jeden Befehl seines Vorbildes ausführen würde? Ein illustrer Kreis an Verdächtigen steht einer eigentlich unmotivierten Tat gegenüber, da hat man schon Ausgefeilteres gesehen. Alle Darstellungen, vielleicht mit Ausnahme von Ilona Grübel, zeigen Personen die längst an ihren Grenzen angekommen sind, in welcher Form auch immer. Das beeindruckende und differenzierte Schauspiel bügelt diese Mängel jedenfalls in einem gesunden Maße aus, so dass man den Eindruck bekommt, es mit einer noch relativ gelungenen Folge zu tun zu haben, die unterm Strich doch allemal unterhaltsam ausgefallen ist. Sehr positiv wirkt sich die unkonventionelle Ermittlungsarbeit von Grabert aus, und es kommt tatsächlich noch zu einigen spannenden Sequenzen. Das Finale war jedoch leider alles andere als ein Vulkanausbruch, und der Versuch, eine tragische Prognose als Ende zu basteln halte ich für missglückt.

Prisma Offline




Beiträge: 7.573

30.09.2012 12:20
#248 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



DIE TOTE IM DORNBUSCH (Folge 4)

mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz
Gäste: Paul Albert Krumm, Ellen Umlauf, Alice Treff, Jan Hendriks, Arthur Brauss, Thomas Astan, u.a.



Am Rande der Autobahn wird eine tote Frau gefunden, sie wurde dort einfach abgelegt. Die Ermordete war die Wirtin einer Autobahnrasttätte zu der die ersten Spuren führen. Die Ermittlungen ergeben, dass bei ihr zweifelhafte Kundschaft verkehrte und dass sie diverse Liebschaften pflegte. Verdächtige sind also schnell gefunden, zu denen auch ihr gehörnter Ehemann gehört, der allerdings einen ihrer Liebhaber, einen Lastwagenfahrer, schwer belastet. Als auf der Ladefläche seines LKW auch noch ein Schuh der Toten gefunden wird, verdichten sich die Verdachtsmomente...

Diese Kommissar-Folge wurde von Georg Tressler recht solide inszeniert und die Konzentration liegt ausschließlich auf der Ermittlungsarbeit, die dem Zuschauer Stück für Stück eingängig präsentiert wird. Im Mittelpunkt steht dieses Mal Grabert, dem Kommissar Keller unterstützend zur Seite steht, ihn quasi mit beinahe rhetorischen Fragen in richtige Bahnen lenkt, wenn es denn sein muss. Eine recht überzeugende Variante bei der im Endeffekt vielleicht ein bisschen zu wenig Spannung vermittelt wird. Von den beteiligten Personen sind schnellstens brauchbare Psychogramme gezeichnet, so dass sich der Kreis der Verdächtigen schließt. Auffallend in dieser Folge sind die emotionalen Anflüge der Ermittlerfiguren, Grabert finde den LKW-Fahrer beispielsweise "zum Kotzen", Kommissar Keller fragt sich, was die Ermordete nur an ihm gefunden habe und behandelt ihn oder etwa Jan Hendriks bei den Befragungen teils abschätzig, fungiert also weniger als Zuhörer und erspart sich in manchen Situationen seine Sachlichkeit. Das wirkt insgesamt schon sehr erfrischend, der Zuschauer bekommt einen Einblick in die Arbeit, die auf Dauer sicher aushöhlt, weil man es immer wieder mit den selben Leuten und den selben Fällen zu tun hat. Außerdem sieht man noch, dass sich die beiden wirklich gut verstehen.

Die Besetzung zeigt sich insgesamt in guter Spiellaune. Paul Albert Krumm, prädestiniert für Rollen Rund ums Klischee, der zu den Männern gehöre, die weinen wenn sie lieben, spielt recht überzeugend. Mit seiner Frau ist er emotional an seine Grenzen gestoßen und es ist ihm durchaus zuzutrauen, dass er seiner Qual selbst ein Ende gemacht hat, und ihr in einer Ausnahmesituation einfach den Hals umgedreht hat. Jan Hendriks, der in der Raststätte kellnert, erwähnte in einem Nebensatz, dass sich die Ermordete komischerweise nur für ihn nicht interessiert habe, aber für alle anderen, oder Arthur Brauss, dem die Damen seit jeher scharenweise nachgelaufen sein sollen. Trotz eindimensionaler Zeichnungen sind die Rollen überzeugend interpretiert worden. Ellen Umlauf, ein Multitalent für unterschiedlichste Rollen aus jedem Milieu, als neugierige Bedienung, die vom Kommissar permanent herumgeschickt wird, sehe ich immer sehr gerne. Als schließlich der Vater der Toten den Kommissar bittet, seiner Frau keine Details zum Mord zu erklären, erwartet man eine am Boden zerstörte, eingeschüchterte und schwache Frau. Dann taucht diese Frau Kettler in Form von Alice Treff auf und man ist verblüfft über deren Stärke und nüchterne Ansichten. Was ich persönlich fast tragisch fand ist, dass es im Verlauf keine einzige Träne für die Tote gab, auch nicht von ihren Eltern. Ihre Mutter übernimmt wenigstens ein spätes und eindeutiges Plädoyer für ihre Tochter. Alice Treff überrascht jedenfalls mit der besten schauspielerischen Leistung der Gastdarsteller. Zum Finale der Episode versammeln sich alle Verdächtigen, es gibt nochmals ein unerwartetes Hinzukommen einer Person, die den entscheidenden Hinweis liefert, und es kommt zu einer zufriedenstellenden Auflösung. "Die Tote im Dornbusch" ist für mich kein großes Highlight der Reihe, punktet aber mit gleichbleibendem Niveau in allen Bereichen.

Georg Offline




Beiträge: 3.228

30.09.2012 16:28
#249 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Die Folge Tote im Dornbusch sehe ich ähnlich. Interessant, wie Reinecker in den ersten Folgen den Fokus immer auf einen anderen Assistenten legte und diesen somit näher vorstellte. Das Versammeln der gesamten Verdächtigen an einem Ort war in den ersten Folgen auch noch eine schöne klassische kriminalistische Note.



Folge 61: Der Geigenspieler
Regie: Theodor Grädler, mit Sonja Ziemann, Günther Stoll, Elisabeth Flickenschildt, Erik Schumann, Heinz Bennent, Willy Semmelrogge u. a.

Diese Besprechung enthält Spoiler.
Wenn einer einen atemberaubenden Beginn schreiben konnte, dann war es Herbert Reinecker. Fast alle seiner Eröffnungen machen Lust auf mehr, manchmal wird man aber enttäuscht. So ist das bei der Geschichte rund um den Geigenspieler, der per Anruf davor gewarnt wird, den Zug zu nehmen und es dann doch tut. Nach dem Mord bleibt von der Spannung endloses Gerede und Dialoge, die einzig und allein durch die Präsenz der fabelhaften Darsteller (Sonja Ziemann, Elisabeth Flickenschildt, Erik Schumann, Heinz Bennent und Günther Stoll) hörenswert bleiben. Eine Geschichte rund um eine betrügerische Ehefrau, naja, das hat Reinecker schon besser erzählt. Der Kriminalfall wird mal wieder dazu benutzt, um ganz tief in die menschliche Seele und in zwischenmenschliche Abgründe zu blicken und das unter Menschen, die eigentlich mehr auf der Sonnenseite des Lebens und ohne Problem leben (sollten). Die Geschichte kam so oder so ähnlich dann noch zig Mal in den 90ern bei Derrick vor und war da meist auch nicht viel zügiger in Szene gesetzt. Die Auflösung ist eigentlich unlogisch, dass der Kommissar mit dem Täter/ der Täterin mitfährt und sich der Gefahr eines Unfalls aussetzt ("Warum fahren Sie denn so schnell?"), ist relativ unrealistisch. Dennoch: wenigstens das Ende, bei dem der Kommissar während einer rasanten Autofahrt das Geständnis heraus presst, ist temporeich und nicht unspannend inszeniert.




Folge 62: Ein Funken in der Kälte
Regie: Wolfgang Staudte, mit Mady Rahl, Klaus Behrendt, Hans Brenner, Walter Sedlmayr, Horst Sachtleben u. a.

Mit Ein Funken in der Kälte begibt sich Herbert Reinecker wieder mal in die sozialen Abgründe der Bayerischen Hauptstadt. Die Folge dreht sich rund um den tragischen Mord an einer in die Jahre gekommenen Prostituierten, die sich in einer dunklen Seitenstraße den Freiern präsentierte, damit man ihr Alter nicht gleich sah. Mady Rahl beweist Mut zur Hässlichkeit und gibt glaubhaft die zerrüttete Heide Hansen, für die Klaus Behrendt als ebenso herunter gekommener Herr Schichta den guten Engel spielt. Das Sozialdrama wird mit einem weiteren Mord unterbrochen, ein Hintermann, der Harry mit einer Schlinge würgte, wurde ausgeschaltet. Jagden durch Hinterhöfe und dunkle Spelunken werden immer wieder gut in Szene gesetzt. Dann tritt Hans Brenner als Erich Schönau auf, eine Paraderolle für den Tiroler, der hier glaubhaft den etwas überheblichen Zuhälter spielt ("Ein bißchen besser als Ihnen geht's mir schon" sagt er lächelnd aber hochnäsig zu den Assistenten). Ab seinem Erscheinen ist klar, wer hinter allem steckt und fortan stellt sich nur noch die Frage: wie kriegt Keller den eigentlichen Mörder? Spuren führen auf eine Polizeiinspektion, der - wie könnte es anders sein - Walter Sedlmayr vorsteht und hier schon ganz den Franz Josef Schöninger heraushängen lässt, quasi als Prequel zur späteren Polizeiinspektion 1. Weitere tragische Details rund um die Lebensumstände der Heide Hansen werden bekannt, dann führt die Spur in ein als Balletschule getarntes "Bordell", in dem Schönau alten Herren junge Mädchen als "Gespielinnen" serviert. Ganz tief den Abgrund hinunter geht Herbert Reinecker diesmal, bietet aber trotz des überwiegenden Sozialdramas doch erhebliche Spannung. Wohl auch durch die Regie von Wolfgang Staudte, der mit dieser Episode nach 13 Einsätzen Abschied nahm.

Chinesische Nelke Offline



Beiträge: 136

30.09.2012 18:06
#250 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Ein paar Anmerkungen zu den letzten Beiträgen:

Mady Rahl spielte ähnlich der Heide Hansen einige Jahre vorher eine ganz ähnliche Rolle in "Der Hund von Blackwood Castle".

Die Inszenierung von "Ratten der Großstadt" hat auch aus meiner Sicht einige Längen, wobei ich die Geschichte von Herbert Reinecker beim Lesen als extrem spannend empfunden habe, möglicherweise liegt es somit an der Regie.
Die ersten etwa 30 Geschichten (besser Kurzgeschichten über etwa 20 Seiten) sind ja auch in Buchform erschienen, aus meiner Sicht sehr lesenswert, da die Bücher fast Drehbücher sind, besser gesagt, aus den Drehbüchern wurde eine erzählte Geschichte.

Bisher habe ich immer "Ein Playboy segnet das Zeitliche" als meine Lieblings Kommissar Folge gesehen, nach erneuter Ansicht von "3 Tote reisen nach Wien" rückt sie, wenn auch knapp, auf Platz 2.
Gibt es überhaupt einen besseren Reinecker Krimi?

Der Moormörder landet bei mir immer unter den ersten 10, tolle Atmosphere, Regie und Schauspieler, insbesondere Charles Regnier, der angeblich wegen dem guten Bier das Lokal für einsame Herzen besucht, dann mal Prost!!

Prisma Offline




Beiträge: 7.573

30.09.2012 22:57
#251 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



EIN MÄDCHEN MELDET SICH NICHT MEHR (Folge 5)

mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz
Gäste: Monika Peitsch, Til Erwig, Peter Schlaetel, Günther Ungeheuer, Josef Fröhlich, Rudolf Schündler, u.a.



Was ist los mit Gerda Stein? Diese Frage stellt sich auch ihr Vater, der Schuldirektor ist, denn sie reagiert nicht auf Anrufe und auch die gewohnten Briefe von ihr bleiben aus. In ihrer Wohnung kommt es zur entsetzlichen Gewissheit, denn Gerda ist ermordet worden. Die Mordkommission nimmt die Ermittlungen auf und erst ein rätselhafter Anruf bringt Komissar Keller auf eine heiße Spur. Ein anonymer Anrufer beschwört die Polizei, eine Person namens Tanieff zu suchen. Handelt es sich um einen sachdienlichen Hinweis oder wollte man nur eine falsche Fährte legen..?

Der Einstieg in die Folge "Ein Mädchen meldet sich nicht mehr" ist mit dem Zeigen der Toten und der Reaktion des Vaters sehr gelungen, die Ermittlungen beginnen und schon kommt es zu herkömmlichen Abhandlungen. Von der Tochter hat der Vater ein verzerrtes Bild, sein Mädchen führte offenbar ein Leben, welches ihm total fremd war, und nach und nach kommt er zu unschönen Gewissheiten, die das Andenken der Toten negativ behaften. Schnell hat man eine aussagekräftige Zeichnung der Toten, auch ihr Umfeld wird schnell abgegrast und man bekommt es mit jungen Leuten zu tun, die insgesamt in ihren Darstellungen ziemlich blass und undifferenziert wirken. Selbst bei den Ermittlungen hat man als Zuschauer den Eindruck, dass es der Kommissar nur mit einer leichten Fingerübung zu tun haben wird. Unter der Regie von Theodor Grädler ging fast vollkommen die Spanunng ab, und das Szenario schleppt sich leider zu ungelenk bis zum Ende. Junge Leute, Drogen, Klischees...da gab es schon überzeugendere Ausarbeitungen.

Monika Peitsch, die ich immer sehr gerne sehe, kann hier leider nicht überzeugen. Zu naiv und beinahe einfältig wirkt sie mit ihrer Darstellung einer jungen Frau, der es dem Empfinden nach gerade recht kam, dass ihre ehemalige Freundin sich in Nichts aufgelöst hat. Keine dankbare Rolle insgesamt und man sieht der diffusen Interpretation geradezu an, dass Monika Peitsch keine Mittel fand, ihre Vera mit doppeltem Boden auszustatten. Selten habe ich sie so unpräzise gesehen. Til Erwig und Peter Schlaetel sollen angeblich das Gefallen der Ermordeten Gerda Stein gefunden haben, die der Zeichnung nach sicherlich ganz andere Kaliber für sich hätte interessieren können. Schwache Bilder eines übernervösen, unsicheren Snobs, der nur Frauen gegenüber eine harte Hand zeigen kann, und einer den Drogen verfallenen, gescheiterten Existenz, die noch nicht einmal überzeugend dargestellt wurde. Selbst Günther Ungeheuer, der wenigstens passabel spielt, wirkt zu überladen und hinterlässt einen gewöhnlichen Eindruck. Die potentiell hochkarätige Besetzung enttäuscht leider über weite Strecken. Die Arbeit der Ermittler wirkt hingegen grundsolide und vermittelt nach wenigen Folgen bereits eine überzeugende Konstanz in der Interaktion. Sicher ist, dass "Ein Mädchen meldet sich nicht mehr" eine der schwachen Kommissar-Folgen geworden ist, die nichts Extravagantes und nichts Neues zu bieten hat, und darüber hinaus auch inszenatorisch einen Rückschritt darstellt. Es werden definitiv wieder fesselndere Episoden folgen und schnell über die Langatmigkeit dieser hinweg trösten.

Georg Offline




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01.10.2012 08:57
#252 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Folge 13: Auf dem Stundenplan: Mord
Regie: Theodor Grädler, mit Thomas Holtzmann, Vadim Glowna, Renate Grosser, Eva Kinsky, Hans Quest u. v. a.

ACHTUNG - ENTHÄLT SPOILER.
Herbert Reinecker konstruiert wieder mal einen Mord in einer Schule. Er präsentiert mit Dr. Dommel einen Hauptverdächtigen und konzentriert sich die gesamte Folge eigentlich nur auf diesen Charakter. Die Erfahrung lehrt: wer als Hauptverdächtiger präsentiert wird, ist es nicht gewesen. Hier ist es aber genau so. Das ist zwar eine doch überraschende Auflösung, hilft aber über die ansonst etwas langatmige Handlung nicht hinweg. Darüber hinweg trösten lediglich die vorzüglichen schauspielerischen Leistungen von Thomas Holtzmann und dem begabten Vadim Glowna, hier (oder in 11 Uhr 20) in seiner ersten Ringelmann-Verpflichtung. Bis 2010 sollte er dem Produzenten treu bleiben und vor allem in den letzten 15 Jahren für spannende Krimiinszenierungen bei Der Alte und Siska sorgen.
Interessant ist in dieser Folge, wie "klischeehaft" die Assistenten präsentiert werden: Robert ist der "bissige Hund", der in einer Szene aggressiv auf den Hauptverdächtigen losgeht, Harry ist noch etwas unerfahren und lässt sich belehren, Walter ist der Gemäßigte. Auffällig: Helga hat in dieser - wie in allen anderen Folgen - keinen eigenen Schreibtisch, sondern sitzt neben Harrys Schreibtisch. Bei der anfänglichen Szene, als die Ermittler am Tatort eintreffen, ist ihre Rolle auch klar: "brav weiblich" sitzt sie mit dem Notizblock da und notiert die Aussage mit.
Insgesamt bietet diese Folge zwar recht gute, vielleicht sogar außergewöhnliche Schauspielleistungen von Vadim Glowna und Thomas Holtzmann, kommt aber ansonsten nicht in Fahrt - da kann die gelungene Musik von Peter Thomas auch nicht mehr helfen ...

Prisma Offline




Beiträge: 7.573

01.10.2012 11:33
#253 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



DIE PISTOLE IM PARK (Folge 6)

mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Emely Reuer, Helma Seitz
Gäste: Marianne Koch, Peter van Eyck, Rose Renée Roth, Hermann Lenschau, Richard Rüdiger



Georg Wegener, ein reicher Geschäftsmann, sucht Kommissar Keller auf. Er hat einen Erpresserbrief erhalten und soll einem Unbekannten die Summe von 100000 DM zahlen, außerdem wurde in seinem Park bereits auf ihn geschossen. War es nur ein Warnschuss, weil er der Zahlungsforderung nicht nachgekommen ist? Die Polizei nimmt den Fall eher skeptisch zur Kenntnis, doch schon am nächsten Tag wird die Mordkommission zu Herrn Wegener gerufen. Ein Mord ist geschehen und es scheint, als habe man den Gärtner versehentlich erschossen. Was steckt tatsächlich dahinter..?

Wolfgang Beckers "Die Pistole im Park" habe ich mit besonderer Ungeduld erwartet, da ich diesen Beitrag in sehr guter Erinnerung hatte. Nach dem Besuch Wegeners im Büro des Kommissars wird ein bevorstehender Mord quasi angekündigt, der wenig später auch folgt, und der Zuschauer muss sich erst einmal neu orientieren. Dies geschieht dann auch ziemlich schnell, doch es verläuft nicht alles so einfach und reibungslos, wie man es sich vorstellt. Die beteiligten Personen leisten höchste Widerstände und verschleiern das Motiv in bemerkenswerter Art und Weise. Daher ist die interessante Frage in dieser Geschichte nicht, wer den Mord letztlich begangen hat, sondern wie der Täter geschnappt werden kann. Hier bekommt Heines die schwierige Aufgabe zugeteilt, der stets korrekt und sachlich vorgeht, daher wenig nach links und rechts schaut, und somit viel Reibungsfläche anbieten wird, so dass er mit dem hochmütigen Wegener nicht auskommen kann. Die Schauplätze charakterisieren die Episode besonders gut. Eine feudale Villa inmitten einer weitläufigen Parkanlage, gekoppelt mit der erlesenen Ausstattung im Haus, zeigen die Vermögensverhältnisse des Kaufmanns. Im Kontrast dazu wirken die Räumlichkeiten der Mordkommission überaus schäbig und spartanisch.

Interessant in dieser Folge sind die Charakterzeichnungen der doch übersichtlichen Anzahl an Personen. Die Rolle der Privatsekretärin Hannelore Krems ist eine der Interessantesten und sie wird von Marianne Koch beeindruckend dargestellt. Erinnert hat mich diese Interpretation direkt an eine gewisse Dame namens Vivian Taylor aus "Schreie in der Nacht", eine Frau, die sich ständig selbst im Schutzgriff hält und die ihre Beherrschung fast nie verliert. Das Drehbuch stattete sie nicht mit sichtbaren emotionalen Ausbrüchen aus, der Zuschauer soll nur erahnen, was sich hinter dieser Fassade abspielen könnte. Gerade Marianne Kochs späte Rollen sind für mich die faszinierendsten ihrer Karriere. Peter van Eyck hat es seiner Ansicht nach lediglich mit Personal zu tun oder mit Untergebenen, und sein Wunsch ist stets Befehl. Seine ersten Szenen bei Kommissar Keller zeigen umgehend, mit wem man es zu tun hat. Er reagiert ungeduldig und arrogant, es scheint ihn sogar zu brüskieren, dass er mit Heines, der ja nur Mitarbeiter des Kommissars ist, ermittlungstechnisch die zweite Wahl zur Verfügung gestellt bekommt. Gegenüber der Polizei äußert er direkt oder indirekt immer wieder seine Unzufriedenheit bezüglich des Gesamtverlaufs und seine Zweifel an den Kompetenzen insgesamt. Diese Leistung ist in der gesamten Serie bestimmt eine der Überzeugendsten geworden. Rose Renée Roth, die mich sonst immer eher abschreckt, konnte mich als eingeschüchterte Haushälterin dieses Mal sehr positiv überraschen. Der komplette Fall wirkt trotz mancher vorhersehbaren Komponenten sehr überzeugend und vor allem raffiniert. Die Arbeit und das Zusammentragen von Indizien erweist sich als große Stärke, obwohl sie hin und wieder ein paar Längen fabriziert, vor allem tauchen glücklicherweise immer wieder plötzlich spannende Sequenzen auf die es verstehen, mitzureißen. Die Frage, wer von diesen Herrschaften zuerst umkippen wird, unterstützt den Fall hervorragend, ja und das Finale, mit dem Versammeln der Verdächtigen und dem Davonlaufen der Zeit ist ein besonderes Vergnügen. Eine starke Folge über unsichtbare Kämpfe und einseitige Interessen, die immer wieder Spaß macht, da man schließlich einer Person gegen Ende noch dabei zusehen kann, wie sie mit einem gönnerhaften Lächeln aufs Schafott steigt!

Prisma Offline




Beiträge: 7.573

01.10.2012 20:40
#254 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten



KEINER HÖRTE DEN SCHUSS (Folge 7)

mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Erika Pluhar, Marianne Hoppe, Ernst Fritz Fürbringer, Walter Rilla, Peter Fricke, Michael Hinz, u.a.



Ewald Kersky, ein Mitarbeiter des renommierten Juweliergeschäfts De Croy, wird in seinem Wagen erschossen aufgefunden. Er führte Rohdiamanten im Wert von 450000 DM mit sich, die nun verschwunden sind. Alles deutet auf einen Raubmord hin, doch niemand hat den tödlichen Schuss gehört, da sich in der Nähe eine Baustelle befindet und die Baumaschinen diesen wohl übertönt haben. Bei den Ermittlungen bekommt es Kommissar Keller mit teils eigenartigen Personen zu tun, bei denen auch jeweils plötzlich ein Tatmotiv auftaucht. Steckt mehr dahinter als das Motiv Raub..?

Mit "Keiner hörte den Schuss" bekommt man relativ schnörkellose, beziehungsweise ganz klassische Krimi-Unterhaltung geboten. Zunächst hat man es mit einem rätselhaften Mord zu tun, die Personen werden durchleuchtet, schnell tun sich einige Abgründe auf, die Ermittlungen sind transparent und am Ende schnappt eine Falle zu, aus welcher der Täter nicht mehr entkommen kann. Dabei hat man es im Gesamtverlauf gar nicht mal mit absoluter Hochspannung zu tun, sondern mit einer soliden, gut nachvollziehbaren Konstruktion, die, wenn alles vorbei ist, den Zuschauer sogar nachdenklich zurück lässt. Im Zentrum des Geschehens steht die Frau des Ermordeten und stellt das Raubmotiv schnell in den Hintergrund. Insgesamt hat man es unter der Regie von Wolfgang Becker mit einer rundum gelungenen Atmosphäre zu tun, angenehme Farbtupfer gibt es zum Beispiel in Form der Modenschau (sogar mit einem Gastauftritt von Amanda Lear) oder durch die vielen Außenaufnahmen. Auch, oder vor allem die Darstellungen der Personen sind sehr überzeugend ausgefallen.

Erika Pluhar, die leider viel zu sporadisch in TV und Kino dieser Zeit zu sehen war, spielt die oberflächliche und unempfindliche Frau des Ermordeten mit hoher Präzision. Ihre Interpretation führte mich gedanklich sogar manchmal zu ihrer Claire Imhoff aus "Perrak". Hier ist sie Eva Kersky, ein attraktives Mannequin oder wenn man so will das Licht dieser Folge, weil die Männer eben um sie schwirren wie die Motten um das Licht. Da kann man quasi sagen: 'Moth delivers her message!' Herrlich ist es, sie bei den Befragungen durch Kommissar Keller zu beobachten, wenn sie ungeduldige und patzige Antworten gibt, dabei aber keine Miene verzieht. Andererseits sieht man sie in gewissen Situationen auch beinahe sarkastisch:"...alles in mir ist wie gelähmt", sagt sie mit einem spöttischen Lächeln im Gesicht. Sie ist die Frau, die sich immer mit dem besten Angebot arrangieren wird, und diese Frage wird hier eingängig erörtert. Marianne Hoppe zeigt als kämpfende Mutter eine sehr gute und bodenständige Leistung, Ernst Fritz Fürbringer als verzweifelter Vater des Toten schwingt sehr eindrucksvoll Hasstiraden gegen seine Schwiegertochter und beschimpft sie als "Luder" und "Mörderin". Diese Rolle steht ihm sehr gut, meinetwegen hätte man ihm ruhig deftigere Umschreibungen in den Mund legen dürfen. Walter Rilla übernahm eine Paraderolle als Juwelier de Croy, genau wie der Helmut Berger des TV, Peter Fricke, als sein unselbstständiger, nervöser Sohn. Michael Hinz zeigt sich ebenso angenehm und so hat man es mit einem sehr überzeugenden Ensemble zu tun in dieser gelungenen Folge. Das Finale beeindruckte mich am meisten und ließ mich genau wie alle anderen Beteiligten der Geschichte etwas nachdenklich hinter einer bestimmten Person herblicken. Musikalisch bekommt man hier sehr eingängiges geboten und letztlich konnte "Keiner hörte den Schuss" den hohen Stellenwert der letzten Sichtung erneut bestätigen.

Georg Offline




Beiträge: 3.228

02.10.2012 09:28
#255 RE: "Der Kommissar" ( 1969 - 1976 ) Kommentare zu den Folgen Zitat · Antworten

Folge 16: Tod einer Zeugin
Regie: Zbyněk Brynych, mit Götz George, Werner Bruhns, Josef Vinklář, Klaus Dahlen u. a.

Keine andere Folge der Sendereihe Der Kommissar polarisiert so wie der als achtzehnte Episode gedrehte (und als 16. gesendete) Beitrag Tod einer Zeugin des vieldiskutierten, geliebten bzw. "gehassten" tschechischen Filmregisseurs Zbyněk Brynych.
Bei all dem Unverständnis für dessen Eskapaden möchte ich hier trotzdem mal versuchen, eine halbwegs objektive Analyse dieser Geschichte zu starten.
Das Milieu, in dem die Folge spielt, ist wie geschaffen für den Regisseur, der schmutzige Hinterhöfe, heruntergekommene Altbauten und schmierige Kneipen über alles liebt und es sich auch in fast keinem seiner (frühen) Ringelmann-Engagements nehmen lässt, diese in den Vordergrund zu rücken. In dieses Ambiente passt Herr Seuke recht gut, dessen unaufgeräumte Wohnung sich den Umständen perfekt anpasst. Leise flüstert er dem Kommissar zu „Ich komme aus dem Osten“, wobei man das Wort „Osten“ nur an den Lippen ablesen kann. Auch sein Darsteller kam daher. Zbyněk Brynych holte sich für die Rolle des undurchsichtigen Nachbarn den in seiner Heimat Tschechien sehr bekannten Josef Vinklář, der kein Wort Deutsch sprach und seinen Text auswendig lernte. Das klappt hier übrigens wesentlich besser und glaubhafter als bei seinem Auftritt als Herr Blaha in Folge 26 Die kleine Schubelik. Vinklář war sicherlich die perfekte Besetzung für die Rolle und sein Spiel gefällt, der etwas trocken wirkende Schauspieler macht richtig etwas aus seinem Part und bleibt dabei ebenso in Erinnerung wie als unvergesslicher Miesepeter und Taugenichts Dr. Cvach in der wunderbaren ČSSR-Serie Das Krankenhaus am Rande der Stadt oder als Ermittler Bouže in der etwa zur gleichen Zeit gedrehten und ebenso nicht uninteressanten Krimiserie Alte Kriminalfälle von Jiří Sequens.
Werner Bruhns als Mann im Rollstuhl ist wunderbar anzusehen, seine Rolle wird aber durch die verwirrende Regie (darauf gehe ich gleich weiter unten ein) nicht ganz klar.
Kommen wir zur Hauptperson: Götz George spielt Karass, einen Erpresser und Lebemann, stets gutgelaunt und eigentlich sympathisch angelegt. Soll dieser Mann die Zeugin ermordet haben? Ob mir die Rollenanlage gefällt oder nicht, weiß ich noch immer nicht, jedenfalls finde ich diesen Part nicht gerade überwältigend, wie ich überhaupt den Hype, der um Götz George gemacht wird, nicht ganz verstehe. Sicherlich ein guter Schauspieler, aber auch nicht wesentlich herausragender als viele andere in jenen Jahren. Seinen Beliebtheitsgrad hat er wohl nur durch die Rolle des Schimanski erhalten, dessen Alter Ego er jetzt in Tod einer Zeugin vorweg nimmt, indem er beim Verlassen des Kellerschen Büros „Scheiße“ flucht. Auch die Besetzung von Klaus Dahlen ist eher erheiternd, ebenso wie der Kaffeeklatsch in Kellers Büro am Beginn der Folge, wo sich Helga und Rehbeinchen für den „prominenten“ Besuch hübsch machen. Ist doch recht unglaubwürdig.
Kommen wir zur Inszenierung. In keinem anderen deutschsprachigen Beitrag finden sich mehr Zutaten der Brynychschen Eigenarten als in Tod einer Zeugin:
1) fast unaufhörlich legt Zbyněk Brynych hier den Schlager Zwei Apfelsinen im Haar… auf den Film und treibt diesen damit zum Exzess,
2) fast jede Figur in dieser Episode bricht einmal in einen unmotivierten Lachanfall aus, am Stärksten sicherlich Walter Grabert, der – nachdem er auf der Theke ein Glas mit einem anderen Glas zerschießt (was für ein Regieeinfall (!?))– laut wie ein Verrückter lachend die Bar verlässt,
3) das Handeln der Figuren kann an einigen Stellen nicht mehr nachvollzogen werden, anstatt Vernünftiges zu tun, brechen sie in Gelächter aus (wunderbar absurd: die Szene, in der Keller und Grabert in der Wohnung der Toten sich einander jagen und danach einen anständigen Schluck trinken) oder handeln völlig irrationell,
4) die Handlung wird aufgrund der genannten Faktoren, aber auch aufgrund anderer Aktionen, die heute nur der Regisseur erklären könnte, nicht mehr nachvollziehbar. Genau dadurch überbrückt er aber auch die Schwächen und lässt den Zuseher gar nicht lange darüber nachdenken, warum etwas geschieht oder was das ganze jetzt eigentlich soll.
5) Zbyněk Brynych setzt an einigen Stellen seltsame Kamerazooms ein.
Das ist es, was die Anhänger dieses Regisseurs so sehr lieben. Zugegeben, wenn man sich auf die Episode mit dem Vorbehalt einlässt, hier eine Art Kommissar Keller zu erleben, der dem absurden Theater Eugène Ionescos entsprungen ist (ich sehe Erik Ode schon als mörderischen Professor in La leçon), dann macht die Folge sogar Spaß. Man darf jedoch nicht darüber nachzudenken beginnen, was hier logisch und was rationell ist. So frage ich mich allen Ernstes, ob man einige Szenen nicht einfach aus dem Film entfernen könnte, ohne dass handlungsmäßig etwas fehlen würde. Welchen Sinn macht etwa die Szene mit dem großen Drehsessel, in dem der Kommissar zuerst nicht sitzt und dann doch? Ein rein extravaganter Einfall der Regie, der der Selbstinszenierung Brynychs dient! Derartig sinnlose Szenen reihen sich in dieser Folge mehrfach aneinander, weshalb es für mich wirklich sehr interessant wäre, einmal das Originaldrehbuch zu lesen, um zu sehen, inwiefern die Reineckersche Geschichte hier geändert wurde oder was ausgelassen bzw. hinzugefügt wurde.
Wie ich das mehrfach auch von anderen Kommissar-Fans gelesen habe, war vielen nach der ersten Sichtung nicht klar, wer überhaupt der Mörder ist. Herr Brynych interessiert sich scheinbar auch nicht sonderlich dafür. Die Mörderjagd ist Nebensache, wichtig ist ihm hier eher eine exzessive Selbstdarstellung und Abhebung von anderen konventionellen Folgen, er will die Schauspieler ganz anders präsentieren, als das bisher üblich ist und riskiert dabei auch – damals zur Erstsendung übrigens passend – dass man unwillkürlich das Gefühl hat, an einer Karnevals- bzw. Faschingsparty teilzunehmen.
Schließlich plagen mich noch einige inhaltliche Schwächen, wobei ich gerne wissen würde, ob diese durch die exzentrische Inszenierung oder schon durch das Drehbuch bedingt sind. Hauptsächlich ist doch wohl die Geschichte mit dem Tonband wenig glaubhaft, wer wird darauf stundenlang ein und dieselbe Nummer abspielen und Kommissar Keller merkt erst am Ende, dass sich darauf die Todesschüsse befinden? Und warum ist erst bei der Auflösung plötzlich davon die Rede, dass der Mörder das Tonband holen wollte und dass das verräterische Tonband in seiner Firma ist? Davon ist vorher nie gesprochen worden und es verwirrt schon sehr. Welcher Mörder würde auch ein ihn belastendes Tonband bespielen ohne zu überprüfen, ob er es vorher nicht gelöscht hat.
Summa summarum bleibt alles eine Frage der Perspektive. Sieht man es mit Brynych-Fanaugen, kommt man hier hundertprozentig auf seine Kosten, sieht man es mit der Dramaturgie- und Handlungsstringenzbrille, so muss man der Geschichte zweifellos ein „Nicht genügend“ geben, sieht man es mit halbwegs objektiven Augen, so muss man der Episode zwar eine gewisse Originalität und starken Einprägungscharakter zugestehen (Brynych wäre ideal für Werbefilme gewesen!), wer jedoch eine kriminalistisch anspruchsvollen und nachvollziehbaren Film sehen möchte, ist hier gänzlich falsch.
Im Übrigen merke ich gerade, dass ich die Folge auch nach dem x-ten Wiedersehen noch immer nicht ganz verstanden habe. Das kann doch sicher nicht die Absicht gewesen sein, wenigstens nicht die des Autors Herbert Reinecker…

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