Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Board hat 1.476 Mitglieder
174.316 Beiträge & 6.670 Themen
Beiträge der letzten Tage
Foren Suche
Suchoptionen
  • Zitat von Ray im Beitrag #100
    Die Besetzung mit Jean Gabin, Alain Delon und Lino Ventura, die hochwertige Inszenierung von Henri Verneuil sowie der wieder enorm hörenswerte Score von Ennio Morricone machen „Der Clan der Sizilianer“ zu einem wahren Vergnügen. 5 von 5 Punkten.


    Dem kann man nur zustimmen. Das ist auch so ein Film, den man immer mal wieder anschauen kann, der wirkt trotz seines Alters von fünfzig Jahren richtig modern. Die Akteure sind wirklich top, ebenso die Handlung. Ja, und auch die Musik des alten Western-Spezies Morricone.

    Würde dem Film auch volle Punktzahl geben.

  • Ngaio Marsh (1895 – 1982)


    Die Autorin und ihre Bücher:

    Die gebürtige Neuseeländerin wurde sehr künstlerisch ambitioniert erzogen und ausgebildet, das Theater blieb ihre lebenslange und auch beruflich engagierte Leidenschaft. Nebenher schrieb sie ab 1934 über einen Zeitraum von fast fünf Jahrzehnten gut dreißig Kriminalromane und einige Geschichten über ihren Scotland-Yard-Helden Roderick Alleyn. Die nie verheiratete Ngaio Marsh lebte in mehrmaligem Wechsel zwischen Neuseeland und ihrer Wahlheimat Großbritannien. Sie erhielt für ihr schriftstellerisches Werk, aber auch ihren Einsatz für das Theater hohe Ehrungen.

    Ihr kultivierter Held Roderick Alleyn ist zwar Polizeibeamter, hat aber, wie viele der damaligen Literaturdetektive, einen adeligen Hintergrund. Viele seiner Fälle spielen im Theaterbereich.
    Die Romane zeichnen sich meist durch die Einführung glaubhafter Charaktere, ausführliche Befragungen aller Beteiligter und die logische Auflösung des zu Beginn erfolgten Mordfalles aus. Der Spannungsbogen kann nicht immer durchgängig gehalten werden, Schwerpunkt wird auf die Figurenzeichnung gelegt.


    Leseempfehlungen:

    Das Todesspiel (Original: A Man Lay Dead – Erstveröffentlichung: 1934)

    Auf dem Wohnsitz von Sir Handesley wird wieder eine Wochenendgesellschaft gegeben, diesmal mit einem „Mörderspiel“ zur Belustigung. Doch plötzlich gibt es tatsächlich einen Toten. Alleyn ermittelt zwischen allerlei unterschiedlichen Figuren, untreuen Ehefrauen, gehörnten Gatten, rücksichtslosen Anarchisten… Mit Hilfe eines Reporters kommt die Wahrheit ans Licht. Recht aktionsreicher Erstling.


    Ein Schuss im Theater (Original: Enter A Murderer – Erstveröffentlichung: 1935)

    Aus dem Kriminalstück im Unicorn-Theater wird plötzlich blutiger Ernst. Ein Schauspieler bricht tot zusammen, der Theaterrevolver war mit echten Patronen geladen. Wer hat sie umgetauscht ? Chefinspektor Alleyn bringt im Laufe seiner Ermittlungen eine Menge Zwischenmenschliches zur Oberfläche, doch erst ein zweites Verbrechen kann den Mörder überführen… Gut lesbar.


    Feines Ohr für falsche Töne (Original: Last Ditch – Erstveröffentlichung: 1977)

    Ist die hübsche Dulcie wirklich bei einem Reitunfall gestorben ? Ricky Alleyn, Sohn des berühmten Kriminalisten, stellt eigene Ermittlungen an, die ihn in arge Bedrängnis bringen. Doch sind die aufgedeckten ungesetzlichen Machenschaften mit dem Todesfall verknüpft ? Aufklärung bringt hier wieder der Herr Papa. Spannendes und realistischeres Spätwerk der Autorin.






    Buchbesprechung: Der Hyazinthenmörder


    Originaltitel: Singing in the Shrouds

    Erstveröffentlichung: 1959


    Hauptpersonen:

    Roderick Alleyn (Mr. Broderick) – Chefinspektor von Scotland Yard
    Kapitän J. Bannerman – störrischer Schiffsführer
    Mrs. Dillington-Blick – mondäne Verführerin
    Pater Jourdain - Geistlicher
    Aubyn Dale – bekannter Fernsehmoderator
    Mr. Merryman – pensionierter Lehrer
    Mr. Cuddy – ältlicher Tuchhändler
    Mrs. Cuddy – seine Frau
    Mr. MacAngus – zerstreuter Junggeselle
    Timothy Makepiece – Arzt und Psychiater
    Jemima Carmichael – junge kummervolle Dame
    Miss Abbott – männlich wirkende Jungfer
    Dennis – Schiffsteward


    Handlung:

    In London treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der Frauen erdrosselt, ihnen einen Strauß Blumen, meist Hyazinthen, auf die Brust legt und dabei noch ein Liedchen trällern soll. Sein neuestes, mittlerweile drittes Opfer wird kurz vor Auslaufen des auch Passagiere transportierenden Schiffes Cape Farewell von einem Polizisten entdeckt. Der Rest einer Fahrkarte sowie andere Umstände lassen darauf schließen, dass der Mörder auf der Cape Farewell mit Kurs auf südlichere Gefilde eingecheckt hat. Kapitän Bannerman bekommt Order, im Hafen von Portsmouth einen neuen Passagier an Bord zu nehmen, den inkognito als Mr. Broderick mitfahrenden Chefinspektor Alleyn. Das gefällt dem alten Seebären überhaupt nicht, ständige Streitereien sind vorprogrammiert. Doch der verdeckte Ermittler setzt sich mit Besonnenheit durch und lernt seine Mitreisenden kennen. Ist einer von ihnen ein Killer ? Da gibt es den gebildeten Pater Jourdain, den quengelnden Lehrer a. D. Mr. Merryman, den fahrigen und seltsamen Schotten Mr. MacAngus, weiterhin den berühmten Fernsehstar und Moderator Aubyn Dale. Weiter ist noch das sich etwas proletenhaft gebende Ehepaar Mr. und Mrs. Cuddy mit an Bord. Der nette Schiffsarzt Dr. Makepiece hat offenbar eine Auge auf die junge Miss Jemima Carmichael geworfen, welche von einem geheimen Kummer bedrückt wird. Da geht es ihr genau wie der ältlichen grobknochigen Miss Abbott, die schon viele Reisen gemacht hat und kaum Gegenstand männlichen Interesses sein dürfte. Ganz im Gegensatz zu der auffallenden Mrs. Dillington-Blick, die es innerhalb kürzester Zeit schafft, dass ihr das Schiffspersonal, angefangen vom Kapitän bis hin zum jungen Steward Dennis, sowie ein Großteil ihrer (männlichen) Mitreisenden, verfallen sind.
    Eine illustre Gesellschaft, und während Alleyn einerseits versucht, potenzielle Opfer unter den Damen ausfindig zu machen sowie die Alibis vor allem unter den Männern zu sondieren, steht er andererseits weiter mit der Heimat in Verbindung und lässt, so gut möglich, die Vorgeschichten der Passagiere ermitteln und ihre Alibis bei sämtlichen Mordfällen des blumenliebenden Täters prüfen. Zwischen Personal und Passagieren untereinander brechen Spannungen aus, allerlei Neid und Missgunst findet seinen Platz im beengten Raum des Dampfers. Spielerisch versucht der Detektiv, auch und gerade die Alibis für den letzten Mord sowie das Vorhandensein einer beschädigen Schiffsfahrkarte zu überprüfen, doch es bleibt sinnlos, keiner kann ausgeschlossen werden. Dabei gerät der mittlerweile enttarnte Alleyn in Zeitnot, denn der Abstand der Verbrechen betrug in der Vergangenheit immer zehn Tage, so dass ihm nicht viel Frist bleibt. Immer noch besteht Hoffnung, dass sich der Bösewicht doch nicht an Bord befindet, die aber arg ramponiert wird, als eine auffällig gekleidete lebensgroße Puppe (ein Geschenk an Mrs. Dillington-Blick) in eindeutigem Zustand an Deck aufgefunden wird. Nur ein schlechter Scherz des dafür berüchtigten Aubyn Dale, oder eher ein Versehen des frauenmordenden Übeltäters ? Die Anzeichen für den Wahnsinnigen an Bord häufen sich, Alleyn tut sein Möglichstes, um die Mitreisenden zu schützen, doch er kann nicht verhindern, dass der nächste Anschlag nicht nur einer Puppe an die Kehle geht…
    Obwohl es ihm gelingt, den Kreis der Verdächtigen einzugrenzen, gelingt ihm die Klärung des Falles erst nach großer Anstrengung, aber schließlich hatte der Täter auch einen unbedachten Fehler gemacht. Als das Schiff in Kapstadt einläuft, ist ein dingfest gemachter Mörder mit an Bord.


    Bewertung:

    Mit Ausnahme der Eröffnungskapitel spielt die Handlung des Krimis auf der begrenzten „Bühne“ eines kleineren Dampfers auf seiner Reise nach Südafrika. Eigentlich ein gern verwendetes Thema, im Prinzip einer Variation des von der Außenwelt abgeschnittenen Landhauses oder ähnlicher isolierter Orte. Obwohl das Verbrechen an der armen Blumenzustellerin zu Beginn ja außerhalb der Cape Farewell passiert und von der Anwesenheit des Täters an Bord nicht mit Sicherheit ausgegangen werden kann (für den Leser stellt sich diese Frage nicht, sonst würde wohl kaum ein so langer Roman geschrieben werden). Brisanz erfährt die Geschichte eben durch die mutmaßliche Anwesenheit eines Serienmörders an Bord, der jederzeit wieder zuschlagen kann, die üblichen privaten kriminalistischen Motive kommen hier kaum zur Geltung. Ngaio Marsh gelingt es sehr gut, die einzelnen gegensätzlichen Personen herauszuarbeiten, die Beschreibung des Alltags auf dem Schiff aus der vorrangigen Perspektive der Passagiere würde sich auch ohne Krimihandlung amüsant lesen. Fast vergisst man bei den kleinen und großen Zänkereien und Selbstdarstellungen der Reisenden, dass ja auch ein triebgestörter Mörder darunter ist. Allerdings bleiben die Ermittlungen von „Mr. Broderick“ alias Alleyn stets präsent, vom widerwilligen Kapitän Bannerman halbherzig unterstützt, bringt er die Rede immer wieder auf den Blumenmörder, wie er von der Presse genannt wird. Seine Gedanken vertraut er oft den Briefen an seine geliebte Frau Troy an, ein guter Schachzug der Autorin, den Leser am jeweiligen Ermittlungsstand teilhaben zu lassen, denn er steht ja auch laufend mit Scotland Yard in Verbindung. Die Atmosphäre auf dem Schiff wird langsam, aber sicher immer bedrohlicher, die Anwesenheit und Unkontrollierbarkeit des Mörders immer wahrscheinlicher. Plötzlich tauchen überall mal Hyazinthen, das Markenzeichen des Unholds, auf – ein Vorzeichen der Gefahr.
    Marshs Charakterstudien wecken Interesse, obwohl ihr schlechtgesonnene Menschen wohl eine gewisse Vorurteilsbehaftetheit vorwerfen könnten, etwa, was ältere Männer angeht, die bei ihr mit einer Unmenge von Komplexen durch die Gegend laufen, seien es der mäkelige und tyrannische Expädagoge Merryman, der schüchterne und zerstreute Briefmarkensammler MacAngus oder der lange und unzufrieden verheiratete Mr. Cuddy. Der eitle und oberflächliche Fernsehstar Dale, der dem Alkohol gerne zuspricht, ist ebenfalls kein Sympathieträger, dagegen eher schon der gereifte Geistliche Jourdain. Sein Leben im Zölibat wird auch diskutiert – liegt hier der Schlüssel ? Einzig der junge Schiffsarzt Dr. Makepeace scheint ein normaler Mann zu sein, er ist halt auch das „Opfer“ für die zum Glück nicht im Vordergrund stehende Liebesgeschichte mit der hübschen alleinreisenden Miss Carmichael. Die muss aus ihrem Liebeskummer erlöst werden, auch ein Klischee, das sich ebenfalls auf die unattraktive Miss Abbott erstreckt. Hat die eventuell gar ein lesbisches Geheimnis ? Oder Probleme mit anderen Frauen ?
    Gar keine Probleme, zumindest mit Männern, hat dagegen die etwas füllige, aber sehr frauliche Mrs. Dillington-Blick. Für die aggressiven Forderungen von Feministinnen würde der Dame wohl jedes Verständnis fehlen, sie ist Meisterin darin, sich in der bösen männerdominierten Welt „das Reisen angenehm“ zu machen und einen „Hofstaat“ um sich zu scheren. Wozu ist man schließlich attraktiv und weiblich ? Selbstredend hat auch Mrs. Dillington-Blick eine weniger anziehende „beste“ Freundin, in deren Bewunderung sie sich suhlt, auch die an den Rand gedrängten anderen Frauen an Bord müssen ihr doch eine widerwillige Aufmerksamkeit zugestehen. Natürlich bekommt sie ihren Platz am Tisch beim gockelhaften Kapitäns.
    Doch die Koketterie der drallen Venus hat auch ihre Schattenseiten, das sorglose Spiel mit dem Eros ist gefährlich, wenn ein Lustmörder mit auf Reise ist… Chefinspektor Alleyn versucht, mit Hilfe der Besatzung die Gefahr zu bannen, hat aber nicht mit Dillington-Blicks Schalk und der hündischen Ergebenheit des Stewards Dennis gerechnet – mit tödlichen Folgen.
    Nachdem der Mörder schließlich doch gestellt ist, wirkt die Erklärung für seine Taten recht hausbacken. Ein Kindheitserlebnis, das Eins zu Eins in die Gegenwart umgesetzt wird, daneben noch immer zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung stehende Opfer, die alle gewünschten Merkmale haben – das klingt dann zu weit hergeholt und etwas unbefriedigend. Macht aber nichts, ansonsten ist es ein guter Krimi, in dieser Form hätte Frau Marsh alle ihre Bücher schreiben sollen, die mitunter in ewigen Befragungen, Dialogen und Wiederholungen zu erstarren drohen.

    Der Hyazinthenmörder ist ein gelungener Kriminalroman der Autorin, mit psychologischer Ausleuchtung ihrer Hauptfiguren und zunehmend gesteigertem Spannungsaufbau. Empfehlenswert.


    Leseexemplar:

    Eduard Kaiser Verlag ; Sammelausgabe mit zwei anderen Romanen 1970 ; ca. 190 Seiten

    Die lizensierte Übersetzung aus dem Scherz-Verlag liest sich angenehm.


    Verfilmung:

    Eine filmische Umsetzung des Geschehens scheint es nicht zu geben.

  • Zitat von Georg im Beitrag #9
    Die Geschichten von Cyril Hare, Margery Allingham, Julian Symons und Patrick Quentin wurden auch fürs deutsche TV innerhalb einer Reihe verfilmt, die von Staffel zu Staffel dummerweise andere Titel hatte: Detektiv Quarles, Die Kriminalnovelle, DIe Kriminalerzählung und Mr. Carlis und seine abenteuerlichen Geschichten:

    Das klingt ja richtig gut. Gibt es diese Serie auch auf DVD ? Obwohl es schon eine eigenartige Mischung zu sein scheint, die letzten Fälle sind ja sozusagen aus Klassikern der Weltliteratur entlehnt. Aber warum auch nicht ?
    Auch Patrick Quentin (waren das nicht zwei Autoren ?) hat ganz Brauchbares geschrieben. Auch Margery Allingham und Julian Symons sind relativ bekannte Schriftsteller.
    Eigentlich schade, dass diese Filme wohl fast vergessen sind, die Vorlagen sind gut, die Schauspieler top, was will man mehr... ?


    [quote="schwarzseher"|p7398541]Bei amazon kann man Victor Gunn Romane von "Apex Crime" bestellen ,weis zufällig jemand ob diese Neuauflagen empfehlenswert sind ? bzw. neu Übersetzt oder sind das die alten Goldmann Sachen .
    Danke .


    Wie ich das sehe, sind das die Erstübersetzungen, also schon von Goldmann, die noch etwas modernisiert worden sind. Sieht man an den Namen der Übersetzer, war auch bei dem Bryan-Edgar-Wallace-Buch so, das ich mir da gekauft habe. Allerdings war ganz schön viel Buchstabensalat dabei. Wäre mal interessant zu wissen, ob die Texte jetzt sorgfältiger Korrektur gelesen werden. Wollte mir auch noch ein paar Klassiker besorgen.

  • Victor Gunn (1889 - 1965)


    Der Autor und seine Bücher:

    Der gebürtige Londoner Ewry Searles Brooks begann schon in seiner Jugend zu schreiben. Er heiratete, hatte eine Vorliebe für schnittige Autos und verdiente seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller, wobei er unter verschiedenen Pseudonymen über 1000 Romane und Erzählungen sowie unzählige Kurzgeschichten für Zeitschriften veröffentlichte. Am erfolgreichsten waren aber die über vierzig Bücher über Inspektor Cromwell von Scotland Yard, die unter dem Autorennamen Victor Gunn auf den Markt kamen.

    Der Autor war ein ähnlicher Vielschreiber wie Edgar Wallace, er bediente sich in seinen Krimis gerne auch der üblichen Versatzstücke, wie Nebelnächte, maskierte Schurken und raffinierte Mordanschläge, zudem stets noch aufgesetzter wirkender Liebesgeschichten, um auch die Bedürfnisse des weiblichen Lesepublikums zu bedienen. Allerdings sind die Romane nicht so phantasiereich, dagegen wird mehr Wert auf einen schlüssigen Plot gelegt, dem Whodunit-Verlangen wird Rechnung getragen. Und selbstverständlich handeln die Victor-Gunn-Krimis ausschließlich nur von dem oft übelgelaunten Chefinspektor Cromwell samt seinem verbindlicherem Sergeanten Lister als ständig auftretende Hauptpersonen, die Story ist meist solider englischer Krimistoff ohne allzu komplexe Rätsel. Vor einigen Jahrzehnten hatten die Bücher auch in Deutschland eine große Leserschaft, doch mittlerweile sind sie wohl weitgehend (leider) in Vergessenheit geraten.


    Leseempfehlungen:

    Die Treppe zum Nichts (Original: The Crooked Staircase - Erstveröffentlichung: 1954)

    Nach dem plötzlichen Tod des alten Richard fallen auch seine beiden nichtnutzigen Söhne einem mehr als seltsamen "Unfall" zum Opfer, nur seine Nichte überlebt knapp den ausgefallenen Anschlag. Ist hier ein mörderischer Erbschleicher am Werk, oder gibt es ein anderes Motiv ? Inspektor Cromwell ermittelt souverän in der Bevölkerung des Dorfes, mit viel Erfahrung und Kombinationsgabe gelingt es ihm, den immer noch gefährlichen Mörder rechtzeitig unschädlich zu machen. Hat Schauerflair.


    Das Wirtshaus von Dartmoor (Original: The Painted Dog - Erstveröffentlichung: 1955)

    Der abgeschieden lebende Wirt Charley Widden wird in seinem am Rande von Dartmoor stehenden Gasthaus The Painted Dog in seinem verschlossenen Zimmer erschossen aufgefunden. Inspektor Cromwell kann viele Verdächtige ausmachen, die sich in der Gegend herumtreiben, es bleibt nicht bei der einen Missetat, doch letzten Endes führt die Spur in die dunklen Tage der V-Waffen-Angriffe auf London zurück. Solider Gunn-Krimi, der es sogar zu einer (völlig andersgearteten) deutschen Verfilmung geschafft hat.


    Die Lady mit der Peitsche (Original: Castle Dangerous - Erstveröffentlichung: 1957)

    Die herrische Lady Angela, Besitzerin des als Ferienhotel dienenden Schlosses Gleniston, wird mit einem Hammer erschlagen. Der Erstverdächtige hat ein Alibi, Inspektor Cromwell muss unter den Angestellten und Gästen seine komplizierten Ermittlungen anstellen, wobei er einiges Überraschendes zu Tage fördert. Doch der Mörder ist auch nicht untätig und schlägt wieder zu, die letztendliche Entlarvung kommt plötzlich und logisch daher. Sehr populäres Buch des Autors.






    Buchbesprechung: Das achte Messer


    Originaltitel: The Golden Monkey
    Erstveröffentlichung: 1957



    Hauptpersonen:

    Bill Cromwell ("Ironsides") - Chefinspektor von Scotland Yard
    Johnny Lister - Sergeant und sein Assistent
    George "Valentine" Pavlos - arroganter Bauchredner
    Rex Dillon - Messerwerfer
    Nina Dillon - seine Frau und Partnerin
    Guy Wallis - Varité-Inspizient
    Bill Bishop - sein Assistent
    Kit Barlowe - Opernsängerin
    Jim Sales - Requisitenverwalter
    Howard Eccles - Varité-Direktor
    Jerry Bowers - Portier
    Ned Harris - Nachtwächter
    George Pretty - Inspektor der örtlichen Polizei
    Vick - ein gelehriger Schimpanse


    Handlung:

    Chefinspektor Cromwell, in Anlehnung an die gepanzerten Garden seines berühmten Namensvetters auch "Ironsides" oder einfach nur "Old Iron" genannt, hat schlechte Laune. Übellaunigkeit ist der natürliche Aggregatzustand dieses Mannes (auch der dreihundert Jahre eher lebende Oliver war kein sonderlich angenehmer Zeitgenosse), doch momentan ist es in Ermangelung anspruchsvoller Kriminalfälle besonders schlimm. Sein Mitarbeiter, Freund und Wohngenosse Sergeant Johnny Lister schleift ihn zur Hebung der Moral in das Varitétheater Olymp. Tatsächlich schafft es der Anblick der spärlich bekleideten Tänzerinnen, Old Irons Stimmung etwas zu heben, er ist immerhin menschlich. Auch eine besonders gelungene Bauchrednernummer mit einem Schimpansen versetzt nicht nur ihn in Entzücken, doch bei einer raffinierten Messerwerfereinlage ist dann plötzlich Schluss mit lustig. Das achte Wurfmesser trifft die bikinitragende Schönheit auf der Bühne mitten in den Hals - Exitus !
    Gottseidank ist Cromwell ein Mann der schnellen Entschlüsse, er reißt sofort die Tatortsicherung und die Ermittlungen an sich, zum Nachsehen des später eintreffenden Inspektors Pretty, der eigentlich zuständig wäre. Denn Cromwell kann nach kurzer Zeit beweisen, erstens, dass es kein Unfall, sondern Mord war, zweitens, dass der Messerwerfer Rex Dillon unschuldig ist, obwohl er ein handfestes Motiv gehabt hätte. Die Getötete, seine Gattin, hatte neben vielen unangenehmen Charaktereigenschaften auch einen gehörigen Männerveschleiß außerhalb der ehelichen Gemeinschaft vorzuweisen, wobei sie Vergnügen mit Geschäft verband. Doch der mittlerweile voll in seinem Element lebende Chefinspektor kann belegen, dass eine andere Person zeitgleich mit der eigentlichen Nummer aus dem Dunkel des Bühnenhintergrunds heraus das Mordwerkzeug geworfen hatte. In Verdacht gerät der überhebliche Bauchredner George Pavlos, genannt "Valentine", dessen Darbietung zusammen mit dem synchron die Lippen bewegenden Affen Vick eine wahre Goldgrube ist. The Golden Monkey, wie der Originaltitel des Buches heißt, wird hier zu The Golden Donkey, zum Goldesel. Doch Valentine hat etwas zu verbergen, er benimmt sich sehr verdächtig. Und das Varité kommt nicht zur Ruhe, auf den Nachtwächter Ned Harris und den Inspizienten Guy Wallis werden brutale Überfälle verübt, versiegelte Zimmer durchwühlt. Cromwell und sein nicht übermäßig heller Sergeant stoßen auf die Opernsängerin Kit Barlowe, die der Ermordeten zum Verwechseln ähnlich sieht - kein Wunder, ist sie doch die Zwillingsschwester des Opfers. Ihre Ähnlichkeit ist nur äußerlich, ihr Wesen ist völlig anders geartet, kein Wunder, dass der so plötzlich verwitwete (und noch nicht ganz verdachtfreie) Rex Dillon für sie entflammt ist. Aber der unbekannte Killer versucht wiederholt, auch dieser Schönen das Lebenslicht auszublasen, wieder gerät Valantine in starken Verdacht, verknüpft ihn doch ein Geheimnis mit der Messerwerfer-Familie, welches aber die Beteiligten nur nach äußersten Bemühungen des knurrigen Cromwell bereit sind zu enthüllen. Nun wird auch noch der Schimpanse Vick entführt, der arrogante Bauchredner ist außer sich... Die Handlung schlägt noch einige Haken, jetzt geraten auch die anderen Mitglieder des Unterhaltungstheaters in den Fokus, auch der Requisitenverwalter Jim Sales, dann Bill Bishop, der junge Assistent des Inspizienten, sowie auch der Chef des Ganzen, Direktor Eccles. Denn das Motiv der kriminellen Geschehnisse liegt in der Vergangenheit, da ist sich Chefinspektor Cromwell sicher. Auch Jerry Bowers, der Portier, scheint in seinen Zeugenaussagen etwas zu verbergen. Oder führen die Spuren doch wieder zu Valentine ? Gerade als der geübte Kriminalist Cromwell denkt, er hätte das Rätsel gelöst, gibt es wieder einen Toten, der ihn völlig durcheinanderbringt. Schlussendlich kann Ironsides aber auch diesmal wieder eine logische Erklärung geben, die grausigen Ereignisse im Olymp werden restlos aufgeklärt, und die Gerechtigkeit hat wieder gesiegt, mal abgesehen von zwei liebenden Herzen, die den Weg zueinander gefunden haben...


    Bewertung:

    Nach langen Jahren Gunn-Abstinenz muss ich gestehen, dass ich von der Lektüre der Affen-Messer-Geschichte sehr positiv überrascht war. Anstatt wie üblich trotteligen Dorfpolizisten unter die Arme zu greifen oder auch in den unheilbringenden Großstadtstraßen Londons zu ermitteln, bewegt sich Cromwell in eher ungewohntem Terrain. Varités waren so eine Mischung zwischen Theater und Zirkus, mit allerlei Künstlern und Artisten als Akteuren. Zum Glück besteht die Handlung im Prinzip weniger aus den ewigen Eifersüchteleien der Darsteller auf beruflicher und privater Ebene, wie sie meistens bei Krimis in diesem Milieu angesiedelt sind, es geht hier handfester zur Sache, so profane Dinge wie Betrug, Erpressung, Geldgier und sogar sexuelle Nötigung spielen als mögliche und tatsächliche Motive für die Gewalttaten eine Rolle. Die Handlung ist ungewöhnlich brutal und turbulent, der Täter ist eine aktive (von Angst getriebene) Person. Er muss auch Verbindungen zum Zirkus haben, wer bringt es schließlich einfach so fertig, ein Wurfmesser heimlich und zielgenau synchron mit der Darbietung auf die "Zielperson" schleudern ? Nebenher kann der Unhold auch noch seine Stimme verstellen, Personen telefonisch an ihn genehme Orte locken und manipulieren, schleicht mit einem Wurfmesser seinem nächsten Opfer durch neblige Straßen hinterher und überfällt es mit einer Maske vor dem Gesicht - auch auf diese schon weiter oben erwähnten liebgewonnenen Grusel-Zutaten muss der Leser nicht verzichten, da es auch Ereignisse außerhalb des Olymp gibt. Ein Doppelmord-Versuch ist sogar aus der Sicht des Killers beschrieben, er geht fehl, weil der Bösewicht nicht an die Funktionsweise alter Gasherde denkt. Anstatt den Gasverbrauch elektronisch auszulesen, in unverständliche Einheiten umzurechnen und daraus noch unverständlichere Rechnungen zu fabrizieren, über die man sich dann bei Bedarf noch lange Zeit herumstreiten kann, genügte es damals, ein Geldstück einzuwerfen, das Gas brannte dann solange, bis der Betrag aufgebraucht war. Genial einfach und gut für die potenziellen Opfer, dass vom Schilling nicht mehr viel übrig war...
    Chefinspektor Cromwells Grobheit ist oft auch nur ein Mittel zum Zweck, auf diese Weise versucht er, ohne langes Federlesens sinnvolle Aussagen von den Beteiligten zu bekommen, obwohl er sich diesmal fast die Zähne daran ausbeißt. Für seine Berufskollegen hat er, wie immer, nicht viel Positives zu vermerken, nicht mal sein Vorgesetzter traut sich, ihm den Fall wieder wegzunehmen und an Inspektor Pretty zurückzuschieben, der nun zähneknirschend mehr oder weniger Handlangerdienste verrichten darf. Doch Old Iron kann sehr wohl auch nett und väterlich sein, wenn er es für angezeigt hält, schließlich gibt es auch ungestüme junge Burschen und sittsame junge Maiden, die man nicht zu hart anfassen darf. Der kauzige Chefinspektor hat tatsächlich ein Ohr und Auge für Dinge und Aussagen, die anderen entgehen würden. Sein ewiger zweiter Mann, der elegante und nette Johnny Lister, der zu seinem Leidwesen nie eine der begehrenswerten Damen in den Büchern abbekommt, stellt sich in seiner Begriffsstutzigkeit aber auch zu arg an ("Gott gebe, dass du nie mal einen eigenen Fall bekommst !", grantelt Ironsides grob aber gerecht), dagegen war Dr. Watson eine wahre Intelligenzbestie. Apropos, genau wie Watson wohnt auch er mit seinem Herrn und Meister in einer Junggesellenbude zusammen, eine seltsame Konstellation, über die schon allerlei Anrüchiges vermutet wurde...
    Rex Dillon und die hübsche Kit Barlowe sind die beiden füreinander bestimmten Seelen, die love story wirkt neben der zupackenden Kriminalhandlung noch kitschiger als sonst, war aber offenbar eine Pflichtübung. Kit und Nina waren einer der Fälle von äußerlich gleichaussehenden (wie praktisch für Rex), aber charakterlich grundverschiedenen Zwillingen. Der männermordende Vamp Nina, der ja auch fast gerechterweise eine schlimme Strafe bekommen hatte, findet seinen Gegensatz in der viktorianisch-jungfernhaften Kit, die eher in die Sherlock-Holmes-Zeit gepasst hätte, dazu passt ihr ständiges Erröten bei geringfügigen und Ohnmächtigwerden bei schlimmeren Anlässen. Von den anderen Figuren wird nur Valentine ausgiebig beleuchtet, ein begabter, aber unangenehmer Typ, mit zweifellos schmutzigen Geheimnissen in seiner Vita - oder ist alles nur ein großer "Roter Hering" ? Ansonsten sind die restlichen Mitwirkenden die übliche Krimi-Staffage, hinskizzierte Charaktere, alle irgendwie verdächtig. Doch diesmal, das ist bei Victor Gunn eher ungewöhnlich, ist es wirklich kaum möglich, den Mörder zu erraten, nicht mal das bei geübten Krimi-Lesern untrügliche Bauchgefühl will sich einstellen, dazu trägt auch der letzte Mord noch bei. Obwohl das sichtliche Bemühen des Autors, die Handlung zu strecken, durchaus auffällt, hat das Ganze schon was von einem Pageturner an sich, man will wirklich wissen, wie es nun ausgeht. Sicher, alles in allem ist die klischeehafte Story an den Haaren herbeigezogen, doch das tut der Lesefreude keinen Abbruch.

    Das achte Messer ist ein durchaus spannender und wendungsreicher Krimi mit einer überraschenden Auflösung, für den routinierten Handwerker Ewry Searles Brooks alias Victor Gunn durchaus im oberen Bereich liegend, dem literarischen Erbe dieses Herren wäre auch jetzt noch durchaus wieder mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu wünschen.


    Leseexemplar:

    Goldmann-Verlag ; Veröffentlichung ??? ; über 180 Seiten

    Die Übersetzung von Ruth Kempner ist die Standardausgabe für Goldmann, liest sich dem nicht unbedingt hochliterarischen Original entsprechend ganz gefällig. Meine Taschenbuchausgabe hat auf dem Einband die attraktive Suzy Kendall inklusive neben ihr steckendem Wurfmesser, aus dem Wallace-Film Das Rätsel des silbernen Dreieck. Tatsächlich erinnert dessen Handlung auch ein klein wenig an den Krimi von Victor Gunn.


    Verfilmung:

    Ein Film nach dem besprochenem Roman existiert meines Wissens nach nicht.

  • Richtig. Thomas und Prudence (Tuppence) Beresford. Namen sind nicht grad meine starke Seite...

  • Cyril Hare (1900 – 1958)


    Der Autor und seine Bücher:

    Alfred Alexander Gordon Clarke wurde in der Grafschaft Surrey geboren und lebte auf dem Land. Mitte der zwanziger Jahre wurde er nach einem Jurastudium Anwalt. Er heiratete, gründete eine Familie und arbeitete lange Zeit als Jurist, auch als Richter und während des Krieges bei einer staatlichen Behörde. Er galt als brillanter und geistreicher Redner.
    Um seinen schriftstellerischen Ambitionen unbeschadet frönen zu können, wählte er ein Pseudonym – Cyril Hare. Sein literarisches Erbe ist recht schmal - er schrieb neben einem Kinderbuch und einem Theaterstück eine Anzahl Kriminalgeschichten und neun Kriminalromane. Eine nicht richtig ausgeheilte Tuberkulose war Ursache für seinen frühen Tod.

    In Cyril Hares Krimis ermitteln meist der bodenständige Inspektor Mallet und/oder der ältliche Anwalt Francis Pettigrew. Die Romane zeichnen sich durch eine ausführliche und durchdachte Handlung aus, die Lösung liegt oft in den Fallstricken des englischen Rechts verborgen. Die Kriminalstories dagegen sind oft kurz und von schwarzem Humor.


    Leseempfehlungen:

    Tragödie im Gerichtssaal (Original: Tragedy at Law – Erstveröffentlichung: 1942)

    Der Richter Sir William Barber reist rechtsprechend durch das Land. Nachdem er einen Unfall mit Personenschaden verursacht, sinnt das kaltgestellte Opfer auf Rache. Bald bekommt er handfeste Drohungen ins Haus, irgendwann geht die Sache tödlich aus… Inspektor Mallett und Anwalt Pettigrew sorgen am Ende für eine überraschende Auflösung. Bekanntester Hare-Roman.


    Erschlagen bei den Eiben (Original: That Yew Tree’s Shade – Erstveröffentlichung: 1954)

    Der spät verheiratete Anwalt Francis Pettigrew lässt sich in einer kleinen englischen Ortschaft nieder und beobachtet das tägliche Treiben. Da wird seine Nachbarin Mary Rose bei einer uralten Eibe erschlagen aufgefunden, alle Tatverdächtigen aus der Umgegend hätten den zentralen Platz erreichen können. Wieder ist es eine juristische Spitzfindigkeit, die den Mörder zu seiner Tat trieb. Schöner klassischer Krimi.


    Mörderglück und andere Detektivgeschichten (Original: Best Detective Stories of Cyril Hare – Erstausgabe: 1959 -posthum-)

    Eine Sammlung mit allerlei meist makabren und pointierten Kriminalgeschichten, ganz im Stile von Henry Slesar oder Roald Dahl. Es geht um Mörder, Erpresser, Betrüger, Diebe und andere Zeitgenossen, die Moral ist eher „Wer andern eine Grube gräbt…“, die Gerechtigkeit trägt nicht immer den Sieg davon. Sehr kurzweilig und unbedingte Schmöker-Empfehlung !






    Buchbesprechung: Mord made in England


    Originaltitel: An English Murder

    Erstveröffentlichung: 1951


    Hauptpersonen:

    Lord Warbeck – todkranker Besitzer von Warbeck Hall
    Roger Warbeck – sein missratener Sohn
    Julius Warbeck – sein Vetter und britischer Schatzkanzler
    Camilla Prendergast – Rogers unglückliche Verlobte
    Mrs. Carstairs – ehrgeizige Politikergattin
    Mr. Briggs – altgedienter Butler
    Susan Briggs – seine Tochter
    Dr. Bottwink – deutscher Historiker
    Sergeant Roberts – Polizist und Aufpasser


    Handlung:

    Auf Warbeck Hall, einem ehrwürdigen typisch englischen Landsitz, hat der dort ansässige und im Sterben liegende Lord zu einer letzten gemeinsamen Weihnachtsfeier gerufen. Das letzte Fest ist es nicht nur wegen des Gesundheitszustandes des alten Mannes, sondern auch wegen der nicht mehr bezahlbaren Steuern und Abgaben, die neuerdings (es ist die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg) erhoben werden, das Gut wird nicht mehr zu halten sein.
    Die Familie ist überschaubar und könnte gegensätzlicher nicht sein. Da ist zum ersten der Sohn Robert, vor einiger Zeit zum Führer der neofaschistischen Liga für Freiheit und Recht mutiert. Das enfant terrible der Sippe hasst den Rest der Gäste, besonders Sir Julius Warbeck, einen Vetter des alten Lords, der Mitglied der Sozialisten ist und als Schatzkanzler auch für die neuen Gesetze mitverantwortlich. Der eitle und redselige Sir Julius teilt die gegenseitige Antipathie, in seinem Gefolge ist der unerschütterliche Sergeant Roberts als staatlich bestellter bodyguard. Auch eine entfernte Verwandte, Lady Camilla Prendergast, reist zu dem Treffen. Bei ihr kommen sehr persönliche Gründe mit dazu, war sie doch lange Zeit mit Robert verlobt, welcher sich aber schon seit einiger Zeit von ihr zurückgezogen hatte. Camilla will klare Verhältnisse schaffen. Weiterhin kommt noch eine alte Bekannte der Familie dazu, die geschwätzige und nervtötende Mrs. Carstairs, deren Mann ebenfalls in der Politik mitmischt und sich Hoffnungen auf Sir Julius‘ Posten macht. Was auch seine übermutterartige Frau gerne sehen würde.
    Und dann ist da noch, selbstverständlich, der quasi schon immer in Diensten stehende Butler Briggs. Stets zur Stelle, wenn man ihn braucht, der weiß, wo sein Platz in der Welt ist, natürlich nur ein Bediensteter, aber kein Sklave ! Als zweiter Außenseiter neben dem Polizisten Roberts treibt sich auf Warbeck Hall noch der jüdische Historiker Dr. Bottwink herum, ein Überlebender der deutschen Konzentrationslager und passionierter Historiker. Er sammelt mit freundlicher Genehmigung des alten Lords in alten Familienchroniken Material für sein Geschichtswerk über die englische Verfassung.
    Nachdem nun alle Gäste eingetrudelt sind und auch so wichtige Dinge wie Dr. Bottwinks Sitzplatz an der Tafel durch Butler Briggs dezent geklärt wurden, kann die Feier beginnen, doch die steht unter keinem guten Stern. Robert benimmt sich unmöglich. Er streitet sich mit Sir Julius, beleidigt Dr. Bottwink und brüskiert seine ihn immer noch liebende Verlobte Camilla äußerst bösartig. Außerdem hat auch Briggs ein Wörtchen mit dem irregeleiteten Spross seines verehrten Herrn zu reden, denn der ist der Butlertochter Susan recht nahe gekommen – zu nahe, wie der kleine Schreihals beweist, den sie vor kurzem auf die Welt brachte. Ist Robert nun endlich mal bereit, sich seiner Verantwortung zu stellen ?
    Während des Abendessens will Robert die anderen mit einer sensationellen Mitteilung überraschen, doch er bricht kurz darauf tot zusammen. In seinem Wein war Zyankali gewesen. War es Selbstmord, oder Schlimmeres ? Eigentlich hätte nun die Polizei benachrichtigt werden müssen, doch starke Schneefälle haben das unmöglich gemacht und auch Warbeck Hall ist komplett eingeschneit, die Wege unpassierbar.
    Sergeant Roberts beginnt eher widerstrebend vertretungsweise mit den Ermittlungen, auch Dr. Bottwink macht sich seine eigenen Gedanken. Doch Eile tut Not, denn es gibt weitere Todesfälle…
    So geht denn das kurzweilige Krimi-Spiel weiter, nicht nur die Umstände sind typisch englisch, sondern auch letztlich das Motiv des zum Schluss entdeckten Mörders, das es so wohl nur in Großbritannien geben konnte.


    Bewertung:

    Das Buch führt in eine Welt, die spätestens mit dem zweiten Weltkrieg eigentlich passe war. Der englische Landhauskrimi, zudem noch in der klaustrophobischen Variante, ist nur noch ein Anachronismus, als welcher er auch begriffen und geistreich parodiert wird. Die gute alte Zeit ist vorüber, die Gesellschaft im Umbruch, der Adel muss Federn lassen, sogar durch Betreiben von Angehörigen seiner eigenen Klasse wie Sir Julius. Was dem alten Lord Warbeck eher Gelassenheit abnötigt, treibt seinen Sohn in die Arme der Radikalen. Robert war nicht immer so gewesen, eigentlich ein ganz anständiger Kerl, aber die Entwicklung nach dem Krieg hat ihn verbittert werden lassen. Doch Faschismus war in England nie sonderlich populär, der auf Abwege geratene Sohn hat sich durch seine Nazi-Liga ausgegrenzt, den Rest tut noch sein vorsätzlich boshaftes Auftreten.
    Kaum jemand, mit dem er es sich nicht verscherzt, Mordmotive hätten wohl einige. Nur auf den stoischen Sergeant Roberts, der Symbolfigur des unerschütterlichen britischen Rechts, machen seine Anfeindungen keinen Eindruck. Als Robert ihm eröffnet, dass nach der Machtübernahme kein Platz für solche Polizei-Typen wie ihn wären, entgegnet der Beamte ruhig, dass er das gleiche auf den früheren Veranstaltungen von Sir Julius schon gehört hätte. Tja, Personenschützer werden in der Politik immer gebraucht.
    Aber auch der sozialistische Julius ist nicht gerade eine Lichtgestalt. Von persönlichen Neidkomplexen getrieben, hat er kein Problem damit, das Geld anderer Leute ausgeben, will aber selbstredend keinesfalls an den eigenen Privilegien rütteln. Dummerweise hat der narzisstische Schatzkanzler in dem Polizisten Roberts einen „Schatten“, der von seiner Wichtigkeit vollkommen unbeeindruckt ist, ihm dann aber im Ernstfall bei einem Ausbruchversuch aus Warbeck Hall bei Tauwetter das Leben rettet. Aber warum wollte der Politiker unbedingt weg, war es eine Flucht ?
    Und die anderen ? Cyril Hare treibt das Spiel mit den am Tatort versammelten unterschiedlichen Charakteren gekonnt fast auf die Spitze. Die mehrfach gedemütigte Verlobte etwa, hat sie Rache geübt ? Dabei hätte auch der alte Lord die liebenswerte und hübsche moderne junge Frau gerne als Schwiegertochter gesehen. Oder der Butler Briggs, dessen an der unstandesgemäßen folgenreichen Liason nicht ganz unschuldige Tochter heimlich mit auf dem Familiensitz lebt ? Er ist sich seiner Rolle als besserer Diener natürlich bewusst, doch auch der als verantwortungsvoller Vater, der die etwas zweifelhafte Ehre seiner Tochter unnachgiebig zu verteidigen gedenkt. Sind dem Guten ob Roberts Abfälligkeiten mal kurz die Sicherungen ausgebrannt ? Und was ist mit der nicht gerade zartfühlenden Mrs. Carstairs, die Robert mit offenkundiger Verachtung bedachte ?
    So gerät jeder unter Verdacht, sogar Dr. Bottwink, der ob seiner Vorgeschichte für Figuren wie Robert Warbeck wohl keine Sympathien haben dürfte. Doch der kleine Historiker schnüffelt in den kalten Gemäuern selbst ein wenig herum, erst recht, nachdem nun auch der alte Lord gestorben ist, fraglich, ob da nicht jemand nachgeholfen hatte…
    Bottwink, ein profunder Kenner der englischen Geschichte, hat einen Verdacht, der nach dem dritten Opfer zur Gewissheit wird. Tatsächlich kann man dem handfesten Sergeant Roberts keinen Vorwurf machen, auf ein solches Motiv für die Verbrechen kann wohl kaum ein normaler Mensch kommen. So ist die heikle Affäre bei Wiederherstellung einer Verbindung zur Außenwelt überstanden, ein klassisches Happyend gibt es trotz allem nicht, diesmal haben sich keine liebenden Herzen zueinander gefunden, doch das wird auch gar nicht groß vermisst.

    Mord made in England ist ein witzig und unterhaltsam geschriebener Roman mit viel englischem Flair, der routiniert mit den Zutaten des klassischen country house mystery spielt und überraschend zeitlose Bezüge zu Politik und menschlichen Verhaltensweisen aufweist. Für Fans dieser Sorte Literatur zu empfehlen.


    Leseexemplar:

    Diogenes Verlag ; 1993 ; ca. 230 Seiten

    Die Übertragung ins Deutsche von Klaus Prost liest sich sehr angenehm.


    Verfilmung:

    Ein Film über die Geschichte existiert nicht, wohl aber ein Theaterstück und eine frühe Radioserie.

  • Ich teile die negativen Assoziationen in Bezug auf die Krimi-Klassiker keinesfalls. Ist halt der der allgemeine Konsens, auch sehr interessante Anthologien über den Kriminalroman, wie die von Julian Symmons oder auch das Mammutwerk Gangster, Opfer, Detektive schlagen leider in diese Kerbe.
    Hängt sicher auch mit der geschichtlichen Entwicklung zusammen, die harten oder noir-Krimis wurden sicher als Befreiung von damaligen Konventionen gesehen, auch Raymond Chandlers wenig schmeichelhafte und damals vielbeachtete Äußerungen über Christie (die von einem großen Teil Neid herrühren) mögen da noch hineinspielen. Aber auch das ist schon lange her.
    Ja, mittlerweile wird der Markt überschwemmt mit blutrünstigen Machwerken, geistesgestörte sadistische literarische Serienkiller feiern Hochkonjunktur, auch ein Schlaglicht darauf, wie es um unsere Gesellschaft grad bestellt ist. Eigentlich auch furchtbar langweilig, da lob ich mir eine schöne verschachtelte Geschichte mit den üblichen Motiven, Gier, Neid, Rachsucht usw. Doch die dickleibigen modernen Bücher mit gebrochenen Ermittlern und endlos ausgewälzten privaten und gesellschaftlichen Problemen, die eine dünne und klischeehafte Story überwuchern, vermögen mich persönlich auch nicht vom Hocker zu werfen. Bin da bei Leseversuchen fast jedes Mal enttäuscht wurden.
    Da lob ich mir wirklich die Klassiker, da kriegt man sogar recht niveauvolle Kost mit einer meist witzigen, manchmal spannenden Handlung. Außerdem sind darin eben doch allerlei Grundlagen des menschlichen Denkens und Empfindens verknüpft, dass auch scheinbar zu verzwickte Probleme lösbar sind, dass schlimme Verbrechen auch hart bestraft gehören, dass die Gerechtigkeit siegt usw., mal abgesehen von einem entschleunigten Tempo. Sicher ist es eine Scheinwelt , die aber wohl mehr im Kurs zu stehen scheint als gedacht, warum immer wieder Christie-Verfilmungen, oder immer wieder neue Insoektor-Barnaby-Filme, die eine nie real existierende England-Welt bis heute hinüber retten (?).
    Hat mir neulich beim Flohmarkt auch ein Händler bestätigt, die Klassiker-Taschenkrimis sind wieder sehr begehrt.

    Wirklich ein interessantes Thema, über das man noch eine Weile philosophieren könnte. Naja, ist ja wohl grad ein bisschen mehr Zeit als sonst...

  • Episode 11 - Der Fall mit der schiefen Kerze (1957)

    Bei einem Frisörbesuch stehen sich zum angesetzten Termin plötzlich zwei Mrs. Bradfords gegenüber, die auch noch unter den selben Adresse wohnen sollen. Die dunkelhaarige Martha sieht sich einer blonden Kontrahentin, Rita, ausgesetzt, ist ihr Ehemann ein Bigamist ? Wo hat die zweite Mrs. Bradford die ganze Zeit gelebt ? Was treibt ihr Gatte überhaupt so ? Irgendwie ist er wohl auch in Ölgeschäfte verwickelt und spurlos verschwunden. In der Nacht findet Martha nasse Fusspuren in ihrem Haus. Perry Mason beginnt zu ermitteln, wird von dem aufgebrachten griechischen Schafzüchter Nikolides bedroht und findet schließlich den ermordeten Joe Bradford an Bord seiner Jacht, mit der er immer ein wenig aufs Meer hinausschipperte, um seine Ruhe zu haben. Am Tatort findet sich eine schief aufgestellte und benutzte Kerze. Perry ist sich sicher, dass die die Lösung bietet, um die zwischenzeitlich als Mörderin verdächtigte Martha zu entlasten. Was wissen der Sekretär des Ermordeten Jack Harper sowie ein alter Freund der Familie, Larry Sands, welche Mrs. Bradford beide nicht nur rein freundschaftliche Gefühle entgegenzubringen scheinen ? Perry setzt auch Paul Drake in die Spur, der auch ungewohnte romantische Aufwallungen für die zweite und offenbar an Amnesie leidende Mrs. Rita Bradford zu entwickeln beginnt. Doch auch Della hilft wieder tatkräftig mit, man macht einen Versuch an Bord der unheilvollen Jacht, und Mason kann wieder einmal den Täter überführen, wobei auch die namensgebende schiefe Kerze ihre Rolle spielt.

    Wer den in den frühen Vierzigern geschriebenen Krimi Perry Mason und die krumme Kerze gelesen hat, der kann sich bei dieser Folge (eigentlich das erste Mal) wirklich nur die Haare raufen über den Unsinn, den das Filmdrehbuch diesmal verzapft hat. Nicht umsonst hat Goldmann zu seinem vierzigsten Taschenkrimi-Jubiläum im Jahre 1992 dieses detektivische Kleinod mit auf die Liste der Jubiläumsausgaben gesetzt. Wenn man sieht, was der Film daraus gemacht hat - oje oje.
    Sicher wäre eine detailgetreuere und für den Zuschauer verständliche Umsetzung der literarischen Vorlage sehr schwierig zu machen gewesen. Doch Perry Masons filmische umwälzende Erkenntnis, dass die Gezeiten für einen Lagewechsel der Leiche an Bord des kleinen Schiffes verantwortlich waren, stand nie zur Debatte, die Frage war eher nur, zu welchem Zeitpunkt genau das Ganze erfolgt ist. Hieraus ergaben sich für Anklage und Verteidigung die entscheidenden Punkte.
    Die eher hanebüchene und schlecht erklärte Story von den beiden Ehefrauen mit gleichen Namen gab es im Buch gar nicht, das hätte man echt lassen können. Das Opfer des Verbrechens war ein untreuer Geschäftspartner aus dem Ölgeschäft, der auf Bradfords Jacht gefunden wurde. Bradford geriet daraufhin unter Tatverdacht, seine Tochter versuchte, diesen durch ein aufwändig konstruiertes Scheinalibi zu entkräften, machte sich aber letztendlich selber verdächtig. Überhaupt spielen allerlei vorbereitete Alibis der recht zahlreichen Beteiligten eine große Rolle im Buch, fast eine zu große, denn es vergeht eine Menge Zeit mit der Aufklärung von derlei und anderen Nebensächlichkeiten, während das Verbrechen eher am Rande passiert.
    Doch die zweite Hälfte hat es dann in sich, auf den Leser prasselt ein ganzes Feuerwerk von Indizien nieder, die in die richtige Anordnung gebracht werden wollen. Blutlachen auf dem Teppich, das Spiel von Ebbe und Flut zu verschiedenen Zeitpunkten, der Eintritt der Totenstarre, ein blutiger Damenschuhabdruck in der Mitte der Kajütentreppe, die Zeitdauer des Blutens bei einer Leiche, das alles sind wichtige Fakten, die sich beim Vergleich der vorgeblichen Alibis aller Verdächtigen mitunter scheinbar gegenseitig auszuschließen scheinen. Dazu kommt noch die „berühmte“ schiefe Kerze, welche aber gleichmäßig abgebrannt ist und deren Winkel anhand eines Tatortfotos geschätzt wird. Man muss schon genau mitdenken, wenn man die Theorien verstehen will, die Perry und seine Mannschaft anhand von Gezeitentabellen ent- und wieder verwerfen. So macht der gewiefte Anwalt auch am Ende mit Della den Selbstversuch an Bord der Unglücksjacht, gruseliger als im Film, da hier noch das Blut des Opfers klebt. Außerdem stattet der Mörder in dieser unheimlichen Nacht dem in tiefem Nebel liegenden Wasserfahrzeug noch seinen Besuch ab, wobei er mit einer Bombe nicht nur dieses, sondern fast noch Perry und Della beseitigt – eine der wohldosierten Thrill-Szenen in den Gardner-Krimis.
    Nebenbei sorgt Perry (wieder mal) fast nebenbei und wohl ohne eigenen Profit dafür, dass eine ärmliche ältere Dame, die die Ölspekulanten über den Tisch ziehen wollten, eine unerwartete und großzügige Abfindung bekommt - ein netter Zug.
    Am Ende hat Mason den Übeltäter wieder enttarnt, wobei er im Prinzip eine 180°-Drehung der bisherigen Annahmen des Tatablaufes darstellte. Im Film ist von dieser Genialität leider nicht viel zu spüren, wenngleich man sich Mühe gegeben hat, Perry auch hier ein paar gute Kombinationen in den Mund zu legen.
    Leider hat man es nicht geschafft, den hervorragenden, wenngleich schwierig zu verstehenden Lesestoff in ein gleichermaßen akzeptables filmisches Pendant umzusetzen, so bleibt die elfte Episode mit der krummen Kerze leider nur bestenfalls Mittelmaß.

  • Thema von Dr. Oberzohn im Forum Off-Topic

    Nachdem die harten Burschen der amerikanischen Krimi-Schule ihre Besprechungen erhalten haben, sollen auch ihre klassischen und immer ein wenig verachteten Kollegen der zumeist englischen Rätselfraktion ihre Würdigung erfahren, die oft gar nicht so unrealistisch sind. Und selbst wenn - den Lesegenuss trübt das nicht unbedingt, im Gegenteil, auch die Flucht in eine wohlgordnete gerechte Scheinwelt ist mitunter Balsam fürs Gemüt.
    Vielleicht kann hier ja immer mal was zu Christie, Sayers, Doyle, Allingham usw. gepostet werden.

    _ _ _ _ _ _ _ _ _ __ _ _ _ _ _ _ _ __ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ __ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ __ _ __ _ _ _ _ _ _


    Agatha Christie (1890 – 1976)


    Die Autorin und ihre Bücher:

    Als Agatha Mary Clarissa Miller Ende des 19. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte, wurde sie in eine zu diesem Zeitpunkt recht wohlhabende amerikanisch-englische Familie hineingeboren, die lange Zeit in Torquay lebte. Wie es sich für Damen der Oberschicht gehörte, begann sie bei Ausbruch des ersten Weltkrieges als Krankenschwester und Apothekenhelferin zu arbeiten, wo sie einiges über Gifte lernte. Sie heiratete den Fliegeroffizier Archibald Christie, mit dem sie später ihre einzige Tochter hatte.
    In den zwanziger Jahren begann sie sich einen Namen als Kriminalschriftstellerin zu machen, eine persönliche Krise warf sie kurzzeitig aus der Bahn, später ehelichte sie ihren zweiten Mann, den einiges jüngeren Archäologen Max Mallowan, den sie auch bei seinen Ausgrabungen im Nahen Osten tatkräftig unterstützte. Ihre Karriere als Autorin kam wieder in Schwung, bis zu ihrem Tod schrieb sie über 60 Kriminalromane, zahlreiche Geschichten, Theaterstücke und sonstige Bücher, darunter eine Autobiographie.

    Bekannteste Helden ihrer Geschichten sind der aus Belgien stammende Privatdetektiv Hercule Poirot mit seinen "kleinen grauen Zellen" sowie die altjüngferliche Miss Jane Marple, die für alles in der Welt immer ein Beispiel aus ihrer dörflichen Nachbarschaft hat. Weiterhin verfasste Christie auch ein paar Bücher mit dem Detektiv-Ehepaar Bedford sowie mit anderen Protagonisten, manche sind eher abenteuerlich oder behandeln Verschwörungen. Unter Pseudonym veröffentlichte sie auch eine Handvoll Liebesromane.
    Zweifellos ist der überraschende Plot bei den klassischen Kriminalerzählungen von Agatha Christie das dominierende Element, auf den die Handlung zusteuert, doch sind viele Figuren ihrer Bücher sehr lebensnah und mitunter auch psychologisch recht tiefgründig beschrieben, während sie überbordende Gesellschaftskritik und "Realismus" lieber anderen überließ. Wie bei allen Schriftstellern gibt es mehr oder weniger gelungene Stoffe, die Leser bekamen (und bekommen) das, was sie erwartet haben, immerhin gilt sie immer noch als erfolgreichste Schriftstellerin der Welt.


    Leseempfehlungen:

    Die Morde des Herrn ABC (Original: The A.B.C. Murders - Erstveröffentlichung: 1936)

    Hercule Poirot bekommt ein schwieriges Problem: Ein Serienmörder bringt seine Opfer nach Alphabet um und verspottet zudem noch den berühmten Detektiv. Zusammen mit seinem Freund Captain Hastings ermittelt Poirot auch im Umfeld der Opfer, befragt Angehörige und kommt langsam einem seltsamen Mann auf die Spur, der immer an den Tatorten aufgetaucht ist. Doch die Wahrheit hinter den Verbrechen ist auch hier viel komplexer als gedacht. Bekannter Poirot-Krimi, der immer wieder -hoffentlich nur literarische- Nachahmer fand.


    Das Sterben in Wychwood (Original: Murder is Easy - Erstveröffentlichung: 1939)

    Der nach England zurückgekehrte Luke Fitzwilliam trifft im Zug eine alte Dame, die ihm von einer unheimlichen Mordserie in ihrem Heimatdorf berichtet. Wenig später ist sie durch einen "Verkehrunfall" umgekommen. Luke begibt sich nach Wychwood, beginnt private Ermittlungen, verliebt sich in die sportliche Bridget, Sekretärin des reichen Lord Whitfield, und deckt langsam eine Menge unnatürlicher Todesfälle auf. Wer ist der Mörder und das nächste Opfer ? Die Auflösung kommt gerade noch rechtzeitig. Relativ unbekannter Non-Poirot/Marple-Roman.


    Die Schattenhand (Original: The Moving Finger - Erstveröffentlichung: 1943)


    Jerry Burton und seine Schwester ziehen in die Kleinstadt Lymstock. Dort treibt ein Verfasser von anonymen Briefen sein Unwesen, der (oder besser die ?) allerhand Anstößiges über die Einwohner behauptet. Nachdem eine bekannte Dame des Ortes wegen der Anschuldigungen scheinbar Selbstmord begangen hat und es bald noch einen zweiten Todesfall gibt, ohne dass die Polizei weiterkommt, bittet eine Ortsansässige ihre Bekannte Miss Marple um Hilfe. Der gelingt schließlich die geniale Überführung des mörderischen Briefeschreibers. Trotz viel Liebe ein recht düsterer und guter Krimi.






    Buchbesprechung: Das fahle Pferd


    Originaltitel: The Pale Horse
    Erstveröffentlichung: 1961



    Hauptpersonen:

    Mark Easterbrook - Historiker auf kriminalistischen Pfaden
    Hermia Redcliffe - seine ernste Langzeit-Freundin
    Katherine "Ginger" Corrigan - junge lebensfrohe Frau
    Inspektor Lejeune - ermittelnder Polizeibeamter
    Mr.Venables - reicher und gelehrter Mann im Rollstuhl
    Zachariah Osborne - Apotheker und aufdringlicher Zeuge
    Mrs. Calsthrop - Vikarsgattin
    Jim Corrigan - Polizeiarzt
    Ariadne Oliver - berühmte Kriminalschriftstellerin
    Thomasina Tuckerton - plötzlich verstorbene junge Frau
    Pamela "Poppy" Stirling - nicht sehr intelligente Floristin
    Rhoda Despard - nette Cousine von Mark
    Pater Gorman - beliebter katholischer Priester
    David Ardingly - Freund von Mark
    Mrs. Davis - Mitarbeiterin einer Marktforschungsgesellschaft
    Mr. Bradley - verschlagener Rechtsanwalt
    Thyrza Grey -
    Sybil Stamfordis - die "drei Hexen"
    Bella -


    Handlung:

    Mark Easterbrook, ein im Londoner Stadtteil Chelsea lebender Historiker, der wohl nicht so genau auf das Geld schauen muss, bemerkt in einer Kaffeebar einen Streit zwischen zwei jungen Mädchen, der mit ausgerissenen Haarbüscheln endet. Thomasina Tuckerton, so hieß das Haar-Opfer, ist wenig später plötzlich gestorben, wie Mark aus der Zeitung erfährt. Etwa zur gleichen Zeit wird der vielbeschäftigte Pater Gorman zu einer Frau gerufen, die nach kurzer Krankheit im Sterben liegt und ihm kurz vor ihrem Tod mühsam noch einige erstaunliche Dinge offenbart. In der selben nebligen Nacht wird der Geistliche in einem Seitenweg grausam erschlagen. Inspektor Lejeune bezweifelt, dass es ein Raubmord gewesen ist, der Täter war möglicherweise hinter einer Liste mit Namen her, welche Gorman versteckt am Körper trug. Er rätselt zusammen mit dem Polizeiarzt Jom Corrigan über den Sinn der Namensliste nach. Was hatte die verstorbene Mrs. Davis dem Pater mitgeteilt? Als einziger Zeuge hat sich ein Apotheker namens Osbourne gemeldet, der einen Mann gesehen haben will, der dem Opfer kurz vor seiner Tötung hinterher gegangen sein soll.
    Derweil trifft sich Easterbrook mit seinem Freund David Ardingly sowie dessen neuester Flamme, einer hübschen, aber strohdummen Person, die "Poppy" genannt wird, zu einem gemeinsamen Abendessen. Die nicht ganz ernst genommene Poppy schnappt in ihrem Umkreis eine Menge Dinge auf, plötzlich kommt ihre Rede auf das Fahle Pferd, und die junge Dame verstummt plötzlich angstvoll.
    Mark erfährt über seinen Bekannten Jim Corrigan von der ominösen Liste mit den Nachnamen. Darauf stehen unter anderem sowohl Tuckerton, das unglückliche Mädchen aus der Kneipe, als auch ein weiterer ihm bekannter seltener Name, dessen Trägerin ebenfalls plötzlich verstorben war. Als sich der junge Mann mit der befreundeten Kriminalschrifstellerin Ariadne Oliver bei seiner Cousine Rhoda und deren Gatten auf einem Dorffest trifft, kommt die Rede auf drei wundersame Frauen, die in einem ehemaligen Gasthaus wohnen. Das fahle Pferd - so hieß die Lokalität früher und dient den drei Weibern, die in der Gegend als Hexen verschrien sind, als Wohnhaus sowie auch Stätte für allerlei dunkle Magie. Es sind die sachlich-dominierende Thyrza Grey, die einfältige, aber medial begabte Sybil Stamfordis sowie die okkultistische Köchin Bella. Thyrza macht Mark ein verschleiertes unheimliches Angebot, betreffend der Beseitigung einer unliebsamen Person mittels Fernwirkung durch Hexerei.
    Der verwirrte Easterbrook besucht mit seinen Gefährten den in der Nähe wohnenden Mr. Venables, eine faszinierende und sehr gelehrte Persönlichkeit, der aber noch im Alter an Kinderlähmung erkrankte und seither im Rollstuhl sitzen muss. Trotzdem behauptet der mittlerweile umgezogene Apotheker Osbourne bei der Polizei, dass ausgerechnet Venables der Mann gewesen sei, den er damals in der Mordnacht hinter Pater Gorman hat hergehen sehen.
    Mark hat mittlerweile den Verdacht, dass das Fahle Pferd für eine Reihe von Sterbefällen verantwortlich ist. Auftragsmord durch Schwarze Magie ? Keiner, mit dem er darüber spricht, will ihm glauben, auch seine hübsche und kultivierte Dauerfreundin Hermia Redcliffe nicht, die ihn eher wie einen kleinen Buben behandelt. Nur die Vikarsgattin Mrs. Calthrop ermutigt ihn. Eine echte Mitstreiterin findet er schließlich in der jungen rothaarigen Galeristin "Ginger", welche er bei seinem Besuch bei Cousine Rhoda kennen gelernt hatte. Sie bringt sogar einen fragwürdigen Anwalt in Erfahrung, bei dem man "Wetten" auf das Weiterleben von Personen abschließen kann. Nun beschleunigt sich die Handlung, in Abstimmung mit Inspektor Lejeune bieten sich Easterbrook und Ginger als Köder an, Mark macht seine Wette auf das Leben seiner angeblichen ungeliebten Ehefrau Ginger, wohnt einer gruseligen okkultistischen Sitzung bei den drei Dorfhexen bei und glaubt nicht wirklich an den Erfolg des abergläubischen Rituals. Doch dann wird Ginger plötzlich krank...
    Mark ist verzweifelt, doch wer würde schon ernsthaft eine Frau wie Thyrza Grey samt ihren Gehilfinnen wegen Verhexung vor Gericht bringen ? Steckt wirklich der vielleicht gar nicht gelähmte und vermögende Venables hinter allem, wie der kleine Osbourne hartnäckig behaupt? Erst eine Bemerkung der zerstreuten, aber klugen Mrs. Oliver bringt Easterbrook im letzten Moment auf die Spur, die Morde werden aufgeklärt und der Hintermann entlarvt, auch die eigentliche Bedeutung der Fahlen Pferdes wird gegeben. Mark hat Ginger gerettet, dass er sich zwischenzeitlich in sie verliebt hat, macht das Ganze nur noch schöner...


    Bewertung:

    Das Buch ist anders als die konventionellen Kriminalromane der Christie. Diesmal kein privater und dutzendmal verschachtelter Mord am reichen Erbonkel, sondern eine Nummer größer, Beseitigung unliebsamer Personen en gros. Eine Organisation, die gegen entsprechendes Entgeld Auftragsmorde begeht, kann aber bei der Queen of Crime einfach nicht aus harten Burschen mit Hüten und langen Mänteln und Maschinenpistolen als Tatwaffe bestehen, es muss schon etwas verschrobener und englischer zugehen. Hier kommt ein Thema auf den Tisch, mit dem sich Lady Agatha als junge Frau, wie viele ihrer Schicht, ernsthafter beschäftigte: Okkultismus. In ihren frühen Geschichten hatte sie sich übersinnlichen Phänomenen manchmal noch einfach als Lust am Grusel gewidmet, auch in ihrem Krimi Das Geheimnis von Sittaford wurde eine spiritistische Sitzung mit in die Handlung verwoben. Drei Jahrzehnte später nahm sie, auch als gerade wieder aktuellen Zeitbezug, den Glauben an und die Wirksamkeit von finsteren abergläubischen Ritualen als einen zentralen Punkt für ihren neuesten Krimi wieeder auf. Die drei unheimlichen Frauen mit ihren vorgegebenen teuflischen Kräften sind eine deutliche Referenz auf den auch im Buch erwähnten Shakespeare-Macbeth, wo auch drei Hexen vorkommen, mal abgesehen von aller möglichen sonstigen Mythologie, wie etwa den drei weissagenden Nornen im Nibelungenlied usw. Das Anspielen auf vor allem Klassiker der englischen Literatur oder Theaterkunst findet man bei der gebildeten Autorin häufig, auch die Verwendung von Kinderreimen oder, wie im vorliegenden Roman, von Bibelzitaten: Das fahle Pferd - einer der apokalyptischen Reiter saß darauf, nämlich Freund Hein selber, und hatte den Tod und Zerstörung im Gefolge. Auch moderne Psychologie wird im Buch angeschnitten, der sogenannte "Todestrieb" des Menschen wird wohl hier stimuliert, wie es aussieht...
    Der Roman ist meist in der personalisierten Form von Mark Easterbrook als Erzähler geschrieben, ein paar Absätze zu Beginn sind in der dritten Person verfasst, vor allem, wenn sie die Erlebnisse von Inspektor Lejeune behandeln. Hier vermeinte die Autorin wohl ein wenig experimentieren zu müssen, obwohl ihr das Neue nicht sonderlich behagte, wie sie selber auch in Gestalt von Mrs. Oliver (die autobiographische Züge trägt) zugibt. Mit der Beatnik-Generation kann sie nicht mehr viel anfangen, die jungen Mädchen kleiden sich einfach furchtbar, die Sprache ist ihr fremd, weiterhin sieht sie die zunehmende Mechanisierung des Alltags kritisch, überall Maschinen, die uns vorgeblich die Arbeit erleichtern sollen, doch irgendwann mal ein Eigenleben führen werden ? Was hätte Lady Agatha wohl zu den heutigen jungen Frauen gesagt (tättowiert, gepierct, Farbtopf-Haarpracht, schlampige Klamotten) und zum neuesten Stand der Technik mit Smart-Technologie an jeder Ecke, Haushaltsgeräte, die scheinbar mit uns kommunizieren, Smartphones, um die sich das ganze Leben zu drehen scheint ? Sicher kann man das als Gebrabbel einer alt werdenden Frau abtun, die die Welt nicht mehr versteht, doch ich kann ihre Bedenken, die übrigens sehr humorvoll verpackt sind, schon gut nachvollziehen.
    Außerdem macht sie auch in Sachen Liebe eine Konzession an die neue Zeit, der sich selbstlos um die Aufklärung der mörderischen Affäre bemühende (und offensichtlich nicht in Geldnot steckende) Held gibt seiner wohlerzogenen konservativen und furchtbar langweiligen Freundin Hermia den Laufpass und nimmt lieber die unkonventionellere und lebensfrohere Ginger.
    Ansonsten muss man zugeben, dass die Autorin rein logikmäßig die Geduld des Lesers schon arg strapaziert. Hier hat sie es gemacht wie weiland der selige Edgar Wallace, Zufall an Zufall gereiht, die Personen kennen sich unglaubwürdigerweise alle untereinander, und wenn Mark Easterbrook mal nicht weiter weiß, fragt er die dumme Poppy, die trotz ihres Hohlkopfes auf alles eine Antwort weiß ... (?) Nein, diesbezüglich hat sie wesentlich Besseres geschrieben.
    Die Passagen mit den bösartigen Zauberritualen einschließlich einer technischen Vorrichtung zur Verstärkung der schwarzen Energien sind wahrlich unheimlich geraten und liebevoll ausgeschmückt. Am besten gefällt mir die Einführung des schmierigen und rhetorisch abgebrühten Anwaltes Bradley als Mitglied der Mörderorganisation in Birmingham mit seinen rechtlich unbedenklichen Wetten auf den vorzeitigen Tod der jeweiligen Zielperson, die Sache klingt wirklich originell und man fragt sich, ob es in Wirklichkeit so funktionieren könnte.
    So richtig Verdächtige gibt es diesmal wenig, der unklar zu Vermögen gekommene Mr. Venables, der in einer Mußestunde schon mal vom die anderen beherrschenden "Übermenschen" philosophiert, wäre durchaus ein geeigneter Kandidat als Organisator, wurde sogar in der Nähe des Gorman-Mordes gesehen, doch er ist ja nun an den Rollstuhl gefesselt, oder...
    Der kleine geschwätzige Apotheker Osbourne ist übrigens einem realen Berufskollegen nachempfunden, in dessen Geschäft die Schriftstellerin während ihrer Kriegs-Aushilfe gearbeitet hatte und der ihr stets unheimlich und unangenehm vorkam (er konnte auch seine Hände nicht so recht bei sich halten).
    Letzten Endes weiß Mrs. Christie auch, was sie ihrem aufgeklärten Publikum schuldig ist, die übersinnlichen Morde erfahren am Ende eine rationale Erklärung. Dabei kommt auch wieder etwas Modernes ins Geschehen, Marktforschung in Form von Kaufverhaltensbefragungen von Leuten, das Sammeln von persönlichen Daten schien der Autorin auch nicht so recht zu gefallen.
    Natürlich ist ihre Vorstellung einer organisierten Verbrecherorganisation samt ihres egomanischen Anführers liebenswert schrullig und unrealistisch, doch das erwartet man doch auch von ihr, oder ?
    Das fahle Pferd ist ein ungewöhnlicher Christie-Krimi mit Stärken und Schwächen, aber für Fans auf jeden Fall zu empfehlen.


    Leseexemplar:

    Scherz-Verlag; Sonderausgabe 1998; ca. 190 Seiten

    Die Originalfassung der Übersetzung von Margaret Haas wurde laut Anmerkung überarbeitet. Ist halt ein Christie-Roman, kein literarischer Hochgenuss, aber gut lesbar, wahrscheinlich etwas modernisiert.


    Verfilmung:

    Das Buch wurde erst relativ spät, 1996, das erste Mal für das britische Fernsehen verfilmt, einige Änderungen inklusive. Vor zehn Jahren wurde die Geschichte noch einmal für einen Miss-Marple-Fall für eine englische Fernsehserie verarbeitet. Auch die auf den Christie-Fällen basierende französische Serie "Mörderische Spiele" hat eine Fahle-Pferd-Episode dabei.

  • Der Hexer (1926)Datum25.03.2020 20:16
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema Der Hexer (1926)

    Das Ende des Hexers ist besonders in der ersten Version "The Gaunt Stranger" wirklich sehr atmosphärisch dicht und sogar richtig gruselig. Aber leider plätschert halt die Handlung im Vorfeld zu sehr dahin. Aber vielleicht käme es mal auf einen zweiten Lese-Versuch an.
    Interessant wäre sicher auch mal ein Vergleich der beiden literarischen Hexer-Versionen. Ich glaube, die zweite hatte mir auch besser gefallen, obwohl das Ende hier nicht so dramatisch war. Die ist ja immer mal antiquarisch zusammen mit Wallace' Autobiographie "Menschen" in der Weltbild-Ausgabe zu erhalten. Vielleicht besorg ich mir die irgendwann mal und betreibe da ein wenig "Forschungsarbeit".

  • Episode 10 - Der Fall mit der verschwundenen Leiche

    Mr. Davenport lässt in einem renommierten Institut sein Mittagessen analysieren – mit dem Ergebnis, dass es Arsen enthält. Daran kann nur seine Frau Myrna schuld sein, ist er sich sicher. Zuhause macht er ihr im Beisein ihrer Cousine Vorwürfe, auch schon ihren Onkel vergiftet zu haben, der vor ein paar Monaten gestorben war. Wenig später liegt er krank in einem Motel darnieder, der herbeigerufene Arzt kann nur wieder die beiden Frauen informieren und ihn künstlich beatmen, trotzdem stirbt er bald darauf. Der Doktor teilt der Polizei die Beschuldigungen des kürzlich Verschiedenen gegen dessen Frau mit, die er vor seinem Ableben wiederholt hat. Im Auftrag der Gattin durchsucht der zwischendurch informierte Perry Mason die Geschäftsräume des Toten, ein heimlich geöffneter Brief enthält nur leere Blätter, es sieht so aus, als ob der Anwalt etwaiges Beweismaterial entfernt hat, außerdem hat er sich möglicherweise generell gegen das Gesetz gestellt, denn die angebliche Leiche ist von ihrem Totenbett verschwunden und offenbar doch gar nicht so tot wie gedacht… Was erst wie ein gefundenes Fressen für Staatsanwalt Hamilton Burger aussieht, entpuppt sich als immer verworrenerer Fall, so dass sogar Burger relativ bald die Waffen strecken muss. Mittlerweile ist die verschwundene Leiche vergiftet in einem provisorischen Grab in der Nähe eines Schuttplatzes gefunden worden, auch der verstorbene Onkel wurde exhumiert und war mit Arsen abgefüllt. Es geht um eine Menge Geld, trotz des Verdachtes gegen Myrna wirken auch ihre Cousine sowie die junge attraktive Sekretärin von Davenport alles andere als unschuldig, und dann gibt es da noch einen Privatdetektiv, der von dem späteren Opfer mit allerlei Aufträgen engagiert war…
    Perry Mason gelingt es wieder, den Fall mit Unterstützung von Paul Drake und auch seiner unermüdlichen Sekretärin Della zu lösen und einen Mörder aus dem Hut zu zaubern, mit dem man wohl kaum gerechnet hat.

    Ein interessanter Fall für den Mr. Mason, den er sich da wieder mal an Land gezogen hat. Vielleicht bei genauerer Betrachtung nicht hundertprozentig stimmig, doch die Aufklärung der verworrenen Geschichte gelingt dem Anwalt der letzten Hoffnung wieder einmal bravourös. Das nur wenige Jahre vor der Verfilmung geschriebene Buch hat den deutschen Titel Wohin fuhr der Tote ? bekommen, nicht eben spektakulär. Natürlich kann man auch bei diesem Mordfall einwenden, dass in der Realität Verbrechen kaum so verwickelt und komplex geschehen wie hier. Aber deshalb schaut man ja solche Filme auch oder liest die entsprechenden Bücher. Wie viel diesmal vereinfacht und gekürzt wurde, kann ich nicht sagen, aber es war für fünfzig Minuten inhaltlich immer noch vollgestopft genug. Die gute Della findet diesmal in der Nähe des Fundortes des vergifteten Davenport Reifenspuren, die Perry auf die richtige «Denk»spur bringen, wofür sie sich auch ausgiebig und berechtigterweise loben lässt, wenngleich sich die Herren am Ende ihr gegenüber wenig «gentlemanlike» benehmen und mit einem schiefhängenden Bild kämpfen lassen. Da muss sich ihre Anerkennung eben anders besorgen.
    Wieder mal ein sehr guter spannender Kriminalfall, obwohl sich Mr. Burger trotz viel Gepolter am Anfang diesmal außergewöhnlich pflegeleicht gibt.

  • Ich muss zugeben, dass mich Der Profi bei Erstsichtung stark enttäuscht hat. Da waren die Erwartungen wirklich zu hoch gewesen. Eigentlich tun die ehemaligen Geheimdienst-Kollegen von Belmondo den ganzen Film über nichts anderes, als sich in einemfort gegenseitig zu versichern, was für ein toller unbezwingbarer Kerl doch der jetzt als Rächer fungierende Mann ist. Worauf sich diese Behauptungen stützen, bleibt jedoch unklar. Der Profi verkleidet sich mal kurz und eher lächerlich als Penner, um so in die Nähe seiner Opfer zu kommen, naja, genial geht anders. Es gibt eine gut gemachte Autoverfolgungsjagd als Höhepunkt, das war es dann aber auch schon.
    Kein Vergleich zu Angst über der Stadt oder Der Greifer, eindeutig stärkere Filme.

  • So, hier mal der Versuch einer Rangliste. Ist aber bei vielen Filmen nicht felsenfest gemeißelt:


    Platz 1 Der Hund von Baskerville (1939) stimmungsvolle Moor-Atmosphäre mit viel Original-Doyle
    Platz 2 Das Spinnenest (1943) überzeugende Gegenspielerin und viele Querverweise auf die Stories
    Platz 3 Die Perle der Borgias (1944) gute Einfälle unter Verwendung einer sehr guten Holmes-Story
    Platz 4 Juwelenraub (1946) spannende Zugfahrt, auch mit vielen Anspielungen auf die Geschichten
    Platz 5 Die Kralle (1944) viel Gruselstimmung, die aber etwas spät einsetzt
    Platz 7 Gespenster im Schloss (1943) ein alter Familienfluch im alten Gemäuer – schön old-fashioned
    Platz 7 Die Frau in Grün (1943) gruselige Serienmörder-Kost in pseudoaltertümlichen Hintergrund
    Platz 8 Die Abenteuer des Sherlock Holmes (1939) schöne viktorianische Ausstattung vor leidlich annehmbarer Geschichte
    Platz 9 Jagd auf Spieldosen (1946) eigentlich spannende, aber irgendwie „ausgelutschte“ Erzählung
    Platz 10 Das Haus des Schreckens (1945) recht turbulente, doch wenig logische Handlung
    Platz 11 Verhängnisvolle Reise (1943) recht spannende Agentenhatz in USA mit gedämpften propagandistischen Einsprengseln
    Platz 12 Gefährliche Mission (1945) etwas maue Schiffsreise, trotzdem irgendwie nett
    Platz 13 Die Geheimwaffe (1942) etwas mehr Baker-Street-Feeling in Kriegszeiten
    Platz 14 Die Stimme des Terrors (1942) zu viel Propaganda-Gedöhns


    (Sorry, krieg die Formatierung nicht besser hin).

  • Mir hat die Besprechung auch großen Spaß gemacht ! Jederzeit wieder. Gab ja offenbar auch ein paar eifrige Mitleser.
    Eine Rangliste werde ich noch schicken, ab Mitte der Woche hab ich wohl wahrscheinlich etwas mehr Zeit.
    Deckt sich größtenteils mit der Liste von @Gubanov , doch es gibt schon drei, vier Ausreißer.

  • Episode 9 – Der Fall mit der jungen Anhalterin (1957)

    Der Filmproduzent Edgar Ferell nimmt eine scheinbar arglose junge Dame als Anhalterin mit, die kurz zuvor noch mit einem jungen Mann verschwörerisch getuschelt hatte. Ferell führt sie in sein Anwesen am Meer, wo er bald darauf erschossen wird. Die junge Frau, Veronica Dale, flüchtet sich zu einer Tankstelle. Dort nimmt sie bald der „zufällig“ dort vorbeikommende John Addison mit, der Geschäftspartner von Ferell. Bald darauf wird dieser von dem widerlichen Eric Hansell wegen seiner Bekanntschaft mit der jugendlichen Veronica erpresst. Nicht genug damit, auch der Mord an seinem wenig geschätzten Geschäftspartner wird ihm jetzt vorgeworfen. Perry Mason konnte den Erpresser mit einem (scheinbar) gefälschten Scheck selber arg in die Klemme bringen, doch der Mordvorwurf ist nicht so einfach aus der Welt zu schaffen, zumal der Erpresser samt seiner doch nicht so unschuldigen Gefährtin zu Belastungszeugen des Anklägers Hamilton Burger gemacht werden. Weiter tauchen eine falsche und eine richtige Mutter von Veronica auf, die letztere eher eine humoristische Einlage, eine dralle und redselige Person, für die die tägliche Dosis Alkohol und ein kleiner Flirt zum Leben dazugehören, eher ein ungewohnter Anblick in der züchtigen Mason-Welt.
    Und was weiß die Personalchefin Myrtle Winthorpe, die ihren unter Anklage stehenden Chef Addison nicht nur beruflich zu schätzen scheint, genauso wie die überhaupt nicht sehr traurige attraktive Witwe des ermordeten Ferell ?
    Der Anwalt muss mit seinem üblichen Helferkreis wieder mal ganz schön rotieren, um die verblüffende Wahrheit aufzudecken. Nachdem er den Täter – diesmal außerhalb des Gerichtssaales – gestellt hat, macht er sich bald über dessen Verteidigung Gedanken, denn es ist nicht die unsympathischste Person.

    Die Verfilmung des auf Deutsch unter dem Titel Die Unschuld vom Lande erschienenen Buches, das Gardner Ende der vierziger Jahre geschrieben hat, weist diesmal doch erheblichere Abweichungen auf.
    Der Ermordete sowie der Hauptverdächtige waren keine Filmmogule, sondern Inhaber des größten Warenhauses am Platz. Der Schauplatz des Mordes war auch keine Traumvilla am Strand, sondern ein verfallenes Gebäude irgendwo in der „Pampa“. Das Verstecken der restlichen Revolvermunition aus der Mordwaffe in Masons Büro durch einen Unbekannten sowie das Auffinden des Revolvers selbst in einem trockenen Flussbett entfiel gänzlich, ebenso wie das wiederholte Auftauchen des Beschuldigten am Tatort vor der offiziellen Entdeckung der Leiche sowie eine eventuelle rothaarige Geliebte des Getöteten und andere Kleinigkeiten. Na gut, das sind halt die üblichen Vereinfachungen und Anpassungen wie in jeder Folge. Dazu kommt wohl auch noch, dass es Mason im Buch nicht nur mit Leutnant (bzw. Inspektor) Tragg zu tun bekommt, sondern auch noch mit seinem Erzrivalen bei der Polizei, Sergeant Holcomb. Auch im Film gibt es einen zweiten Polizeiermittler, doch wesentlich friedlicher als Holcomb. Die beiden nehmen den Anwalt heftig in die Zange, denn entgegen der Passage im Film hat Mason den Scheck zu Händen des Erpressers tatsächlich selber gefälscht, um den Schurken in eine unangenehme Situation zu bringen. Die Polizeioffiziere riechen natürlich den Braten und auch Tragg attackiert Perry ungewöhnlich heftig. Nur Della Streets geistesgegenwärtiges Handeln kann schlimmere Konsequenzen für ihren gar nicht so gesetzeskonformen Chef abwenden. So was wird in den Filmen grundsätzlich immer geglättet – ein Rechtsvertreter, der im Interesse seiner Mandanten allerlei unsaubere Tricks anwendet, passt halt nicht in ein Fernsehformat für die Masse. Weiterhin weiß der Zuseher der Mason-Episode von vornherein, dass die junge weibliche „Unschuld“ ein linkes Ding dreht, während die Sache im Buch lange Zeit offenbleibt und von Perry Mason so nach und nach mühsam aufgedeckt werden muss. Das geht ein wenig auf Kosten der Spannung, doch die Überraschung ist dann am Ende auch größer. Ein wesentliches Element des Romans, eine zerschossene Fensterscheibe im Mordzimmer, wurde im Film leider auch weggelassen, obwohl das eine sehr reizvolle Spurenauswertung zur Folge hatte, die auch gut in die fünfzigminütige Episode gepasst hätte.
    Die Handlungsstraffung tut dem Fall mit der jungen Anhalterin einerseits gut, andererseits wurde da eben auch Potenzial verschenkt. In sich gesehen ist es wohl eine gute, doch nicht herausragende Folge.

  • Stuart Whitman gestorbenDatum21.03.2020 19:40
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema Stuart Whitman gestorben

    Die Comancheros hab ich erst vor kurzem, über Weihnachten gesehen. Mal was anderes als wie sonst Winnetou, diesmal waren es der Duke und seine Kumpane...
    Auch Feuerstoß hab ich mir neulich mal angesehen, den kannte ich noch aus dem Fernsehen. Fand den echt nicht übel, keine Ahnung, warum Whitman dafür so kritisiert wurde.
    Seltsam, ging mir auch bei Frau Auger so, dass ich einen Film mit ihr kurz vor ihrem Tod gesehen habe, ebenso bei Martin Böttcher so ähnlich.

  • Der Hexer (1926)Datum21.03.2020 19:29
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema Der Hexer (1926)

    Ich glaube eher, der Ruf des "Hexers" gründet sich auf dem sehr erfolgreichen Theaterstück aus den zwanziger Jahren. Kann mir gut vorstellen, dass die Geschichte im Theater wirklich besser funktioniert. Als Buch ist es wirklich sehr langweilig, da gibt es ja auch noch zwei Versionen. Die erste ist noch düsterer, da killt der Hexer noch einen Polizeispitzel, aber auch nur kurz vor dem Schluss, ansonsten geht die Handlung nur dahin gehend, dass Messer oder Meister ständig in Todesangst vor dem Rächer lebt.
    Die zweite Version stellt den Hexer netter dar, führt Inspektor Bliss als Gegenspieler ein, doch ist auch nicht aufregender. Für Nicht-Wallace-Fans sicher eine Enttäuschung.
    Der Film hat aus der dürftigen Story meiner Ansicht nach auch nicht viel mehr herausholen können, trotz des Dreierpacks an bekannten Ermittlern und mehr action und Leichen als im Buch. Aber - wie alles eben Geschmackssache.
    Die Geschichtensammlung "Neues vom Hexer" liest sich wesentlich gefälliger, da ist sicher auch nie der große literarische Durchbruch dabei, doch sie sind schon einigermaßen unterhaltsam.
    Zu DDR-Zeiten brachte die sogar der Kinderbuchverlag heraus (um einige Stories gekürzt), wobei ich die eine oder andere Episode schon recht gruselig fand. Damals jedenfalls...

  • Episode 8 - Der Fall mit dem geküssten Toten (1957)

    Die junge Fay Allison will ihren großen Schwarm in Kürze ehelichen, sie hat auch ihre Tante zur baldigen Hochzeit eingeladen. Ihre Zimmergenossin teilt die Begeisterung nicht so ganz, war doch Fays Zukünftiger auch mal in deren Fängen gewesen, aus denen er sich aber wieder gelöst hatte. Die blonde Schönheit macht dafür jetzt mit einem Frauenhelden rum, der eine Etage weiter oben eingezogen ist. Doch das große Glück scheint der für die junge Dame auch nicht zu sein, sie scheint im Gegenteil recht dunkle Pläne zu schmieden. Kurze Zeit später liegen die beiden Frauen vergiftet auf dem Weg ins Jenseits in ihren Betten, wo nur das beherzte Eingreifen von Tante Louise noch helfen kann, und der Hobby-Casanova liegt dafür richtig tot in seinem Zimmer, das zudem noch nicht mal unter seinem Namen gemietet ist. Dafür findet man allerlei Gegenstände aus Fays Besitz bei ihm, und schnell ist man mit einer Mordanklage für das unglückliche Mädchen bei der Hand. Pikanterweise, und zum Glück für die Angeklagte, wie sich am Ende herausstellen soll, hat der tote Schwerenöter noch einen deutlichen Lippenstift-Kuss auf der Stirn...

    Dieser Film wurde nach einer der wenigen Kurzgeschichten mit Perry Mason gedreht, die auf Deutsch unter Der Fall mit dem geküssten Toten auf dem Buchmarkt erschienen ist. Wahrscheinlich liegt das gute Timing im Film auch daran, dass bei einer kürzeren Erzählung nicht ganz so viel abgeknapst werden musste wie bei einem ganzen Roman, um die Fabel in Fünfzig-Minuten-Format zu bringen. Eigentlich denkt man hier schon zu wissen, wie der Hase läuft, doch zum Schluss gibt es mal wieder einen für den Staranwalt typischen Twist, der noch einmal alles (oder zumindest vieles) herumreißt. Neben Fays eifersüchtiger Freundin treten noch ein geschwätziges Ehepaar und eine genervte Nachbarin auf, doch wie passen die in den Fall hinein? Perry rätselt lange Zeit über eine Person im Hintergrund herum, die wohl den Türöffner aus der Mordwohnung betätigt haben muss, während Hamilton Burger hochfliegende Ambitionen hat und von politischen Ämtern träumt. Immerhin lädt er Tragg und seinen ewigen Kontrahenten Mason zu einem Geschäftsessen ein, wobei er der Verteidigung ein seiner Meinung nach großzügiges Angebot offeriert, welches der Anwalt natürlich ablehnt. Irgendwie zeigt diese Episode trotzdem, dass zwischen den Lieblingsgegnern doch noch ein gewisses menschliches Verhältnis besteht.
    Wenn Perry Mason dann jedoch zum Schluss wieder mal den wahren Mörder benennt (er verschafft sich hier fast schon durch Nötigung die entsprechenden Lippenstiftspuren als Beweis), da bleibt man als Zuschauer erst mal ein wenig ratlos zurück und muss die Zusammenhänge richtig einsortieren, doch selbstverständlich ist auch diese Auflösung logisch und nachvollziehbar.

  • Erle Stanley Gardner (1889 – 1970)


    Der Autor und seine Bücher:

    Erle Stanley Gardner verbrachte seine Kindheit und Jugend in verschiedenen US-Bundesstaaten, bis er sich als Rechtsanwalt in Kalifornien niederließ und zwei Jahrzehnte in diesem Beruf arbeitete. Nebenher begann er schon viele Geschichten für Pulp-Magazine zu verfassen, ab 1933 schrieb er nur noch Bücher. Dabei benutzte er auch das Diktaphon sowie Sekretärinnen zum Abtippen der Erzählungen.
    Er war ein Mann ungeheurer Energie und gründete eine Hilfsorganisation, die sich für zu Unrecht Verurteilte einsetzte. Für seine Werke erhielt er viele Auszeichnungen.

    Seine bekannteste Figur war der in Los Angeles ansässige Rechtsanwalt Perry Mason, welcher zusammen mit seiner Sekretärin Della Street und dem befreundeten Detektiv Paul Drake samt Mannschaft stets hoffnungslos in der Klemme sitzenden Mandanten in Mordfällen zur Gerechtigkeit verhilft und die wahren Schuldigen entlarvt.
    Die Fälle des für seine Klienten alles riskierenden Meister-Anwalts sind in 82 Romanen und drei Geschichten festgehalten. Dabei bricht Mason in einigen Fällen sogar selber das Gesetz, die Auflösung am Ende, oft vor Gericht, ist meist mit einem gehörigen Twist behaftet.
    Außerdem veröffentlichte der Autor, häufig unter dem Pseudonym A. A. Fair, knapp 30 Krimis um den verkrachten Anwalt Donald Lam und die habgierige dicke Bertha Cool, die gemeinsam eine Detektivagentur betreiben. Diese sehr gut lesbaren Bücher sind im Gegensatz zu den Perry-Mason-Romanen mitunter sehr humorvoll verfasst. Daneben gibt es noch einige auf dem Lande spielende Romane um den engagierten District Attorney Doug Selby, Sheriff Brandon und dem zwielichtigen Anwalt A.B. Carr, sowie andere Bücher.
    Ein sehr tüchtiger Autor !


    Leseempfehlungen:

    Perry Mason und der vertauschte Casanova (Original: The Case of the Perjured Parrot – Erstveröffentlichung: 1939)

    Der ausgewechselte Papagei Casanova ist nur ein merkwürdiger Umstand bei dem Mord an dem Millionär Fremont Sabin. Spuren am Tatort in der einsamen Berghütte widersprechen sich, in der Nähe wird eine Abhöranlage entdeckt, es gibt Gerüchte über politische Machenschaften. Perry Mason findet heraus, dass der Ermordete ein Doppelleben geführt hat, komplizierte rechtliche Fragen werden aufgeworfen, doch für seinen beschuldigten Mandanten geht es um Kopf und Kragen. Das Ende kommt mit einer großen Überraschung. Typischer und sehr unterhaltsamer Mason-Krimi.


    Der schweigende Mund (Original: Fools Die on Friday – Erstveröffentlichung: 1947)

    Die Privatdetektei Cool & Lam übernimmt den Auftrag, die Vergiftung des reichen Gerald Ballwins zu verhindern. Doch leider geht die Sache schief, die Polizei setzt den pfiffigen Donald Lam unter Druck, ein zweites Verbrechen geschieht, nun wird eine ihm nahestehende Dame verdächtigt, und der kleine Schnüffler kommt ganz schön ins Schwitzen. Wie immer gerät er bei Kommissar Sellers auf die Abschussliste, doch auch diesmal gelingt es ihm im letzten Moment, den Fall aufzulösen und die Schuldigen bloßzustellen. Klassischer und vertrackter Fall der ungewöhnlichen Detektei.


    Heiße Tage auf Hawaii (Original: Some Women Won't Wait - Erstveröffentlichung: 1953)

    Eigentlich will Privatdetektiv Donald Lam im schönen Hawaii Urlaub machen, doch bald schon sieht er sich und seine dicke Mitinhaberin Bertha Cool in einen Mordfall verwickelt. Wie immer, so wird auch diesmal eine schöne Dame beschuldigt, der Donald aus der Klemme helfen will. Bald schon kommen unschöne Dinge zutage, ein bösartiger Erpresser setzt dem Ermittler zu, Bertha bekommt einen Schwipps, und zum Schluss kann Lam den hawaiianischen Polizisten die Lösung präsentieren, der Urlaub ist gerettet. Humorvoller und spannender Krimi.






    Buchbesprechung: Perry Mason und die Motten im Nerz


    Original: The Case of the Moth-Eaten Mink
    Erstveröffentlichung: 1952


    Hauptpersonen:

    Perry Mason – Rechtsanwalt und Strafverteidiger
    Della Street – seine Sekretärin
    Paul Drake – Leiter eines Detektivbüros
    Morris Alburg – Restaurantbesitzer
    Dixie Dayton – Kellnerin
    George Fayette – Gewohnheitskrimineller
    Minerva Hamlin – Telefonistin und Schreibkraft
    Thomas E. Sedwick - Buchmacher
    Frank Hoxie – Nachtportier im Hotel
    Arthur L. Fulda – Privatdetektiv
    Bob Claremont – ermordeter Polizist
    Sergeant Jaffrey – vom Sittendezernat
    Leutnant Tragg – von der Mordkommission
    Hamilton Burger – Staatsanwalt und Ankläger


    Handlung:

    Eigentlich wollte Perry Mason nach einem anstrengenden Tag vor Gericht in Los Angeles zusammen mit seiner treuen Sekretärin Della Street in seinem Lieblingsrestaurant nur ein deftiges Steak essen. Doch der Besitzer Morris Alburg berichtet den beiden von seinen Sorgen. Eine Kellnerin mit Namen Dixie Dayton, die er nur wenige Tage zuvor eingestellt hatte, ist gerade panisch aus dem Haus gelaufen. Wie man wenig später erfährt, sollte sie draußen in einen Wagen gezerrt werden, auf ihrer neuerlichen Flucht wurde dann sogar auf sie geschossen. Ein ihr gehörenden Nerzmantel, den sie Alburg zur Aufbewahrung gegeben hatte, ist nun von Motten zerfressen. Auf Bitten des Gaststättenchefs nimmt Della den Mantel heimlich mit ins Büro der Rechtsanwaltspraxis, dort findet Perry Mason einen Pfandschein im Futter versteckt. Der gewiefte Strafverteidiger findet sich unversehens wieder in einen Kriminalfall verstrickt, denn mit dem Pfandschein konnte ein Revolver ausgelöst werden, der vor einem Jahr zu einem brutalen Polizistenmord benutzt worden war. Der geradlinige Beamte der Mordkommission, Leutnant Tragg, ermittelt immer noch in dieser Sache. Mason will der ihm unbekannten Kellnerin helfen, die bei ihrer Flucht angefahren wurde, und besorgt ihr einen Platz in einem Privatkrankenhaus, während ein unheimlicher Gast aus Alburgs Laden in seiner Praxis auftaucht, dann aber wieder verschwindet. Er wird später als der Polizei wohlbekannter Gewohnheitsverbrecher George Fayette identifiziert. Auch die verletzte Kellnerin ist wieder auf und davon, genauso wie Alburg, der Mason noch um seine Hilfe bittet. Der Rechtsanwalt mobilisiert wieder mal seinen Freund Paul Drake, Inhaber eines gegenüberliegenden Detektivbüros. Nach allerlei Geplänkel bittet der offensichtlich viel tiefer als gedacht in der Sache steckende Morris Alburg um ein Treffen in einem Zimmer des übelbeleumdeten Keymont Hotels. Dort erwarten Mason und Drake mit Lippenstift geschriebene Botschaften, eine sich als Dixie Dayton ausgebende hysterische Frau sowie letztendlich die Polizei in Gestalt von Leutnant Tragg und Sergeant Jaffrey vom Sittendezernat, welcher der Vorgesetzte des ermordeten Polizisten Claremont gewesen war. Diese setzen die beiden und besonders Paul Drake unter Druck, wobei sich Jaffrey als ein Mann „alter Schule“ erweist, was hier nicht positiv gemeint ist. Doch in einem Nachbarzimmer wurde der ermordete George Fayette gefunden, und alles deutet auf Morris Alburg und Dixie Dayton als Täter hin…
    Nun muss Perry Mason alle Register ziehen, denn als die beiden Verdächtigen mit einer völlig unglaubhaften Geschichte wieder auftauchen und vor Gericht gestellt werden, besteht kaum Aussicht auf Rettung vor der Todeskammer. Doch der gewitzte Strafverteidiger schafft es erneut, vor allem mit der Aussage eines Nachtportiers namens Frank Hoxie dem ganzen Fall eine völlig neue Wendung zu geben und in ein wahres Nest von dunklen Machenschaften zu stechen. Leutnant Tragg kommt nun mit Perrys Hilfe doch noch dazu, auch Claremonts Mörder zu stellen. Die Gerechtigkeit hat wieder mal gerade so gesiegt, obwohl auch die Mason-Welt offenbar alles andere als heil ist.


    Bewertung:

    Der berühmte literarische Strafverteidiger samt seinen Helfern (die alle vom Phänomen des Nichtalterns beglückt zu sein scheinen) hat hier schon fast zwei Jahrzehnte öffentliche Aufmerksamkeit auf dem Buckel. Wie bei den meisten Gardner-Stories wird sich nicht lange mit Personen- oder Sachbeschreibungen aufgehalten, die Figuren im neuen Kriminalspiel werden kurz und knapp skizziert, genauso wie die Umgebungen der Geschehnisse, ansonsten setzt der Autor wie immer auf Handlung und vor allem auf Dialoge. Wenngleich hier manches mitunter überflüssig und zu oft wiederholt erscheint, kommt beim Lesen kaum Langeweile auf, auch dieses Buch ist sehr unterhaltsam und durchaus lehrreich. Die Ausführungen etwa über auf Tischunterseiten geschriebene Botschaften und ihre Deutung haben sogar Eingang in Sekundärliteratur gefunden.
    Obwohl der Schriftsteller auch schon früher ab und an seinen Helden in der Peripherie der organisierten Kriminalität hat agieren lassen, zeichnet sich der vorliegende Fall besonders durch die Aufdeckung mafioser Strukturen aus, trotzdem auch viele persönliche Beziehungen der Beteiligten eine Rolle spielen.
    Da gibt es eine tratschende Kollegin von Dixie Dayton, offenbar eifer- und geltungssüchtig, dann einen gewissen Thomas E. Sedwick, einen Buchmacher, der sich stets nur im Hintergrund hält und trotzdem für alles eine zentrale Bedeutung hat. Über ihn sind Alburg und Dayton doch enger verknüpft als zuerst zugegeben. Diese Verstrickungen machen alles für Mason nicht leichter, er muss zudem auch noch einen externen Privatdetektiv namens Fulda zur Aussage bewegen, denn der hatte sich mit allerlei modernen Abhörgerätschaften im Keymont-Hotel eingenistet. Damals wurden Tonaufzeichnungen noch auf Platten festgehalten, auch automatisches Ein- und Ausschalten gab es schon, wobei die Vor- und Nachteile von Paul Drake ausgiebig erörtert werden. Der hat es wahrlich nicht leicht, nicht nur, dass ihm seine eigene Mitarbeiterin Minerva Hamlin bei ihren Aussagen in den Rücken fällt, auch die Polizei setzt ihm mächtig zu. Da er sich nicht wie der Anwalt Mason auf Sonderrechte berufen kann, ist seine Lizensierung als Privatdetektiv bei Aussageverweigerung bedroht. Außer Leutnant Tragg nimmt auch der grobschlächtige Sergeant Jaffrey Mason und Drake in die Mangel, er bedroht Perry auch körperlich. Überhaupt kommen Polizei und Justiz in diesem Buch relativ schlecht weg. Garner kritisiert nachhaltig das Beeinflussen von Zeugen durch leichtfertig vorgelegte Fotos, wobei es immer wieder zu späteren Fehlidentifizierungen kommt. Und Ankläger Hamilton Burger, Perrys Erzgegner vor Gericht, versucht die Zeugin Minerva Hamlin durch Versetzung auf einen lukrativen Posten im Staatsdienst zu bestechen. Die Rivalität der beiden Männer vor den Schranken des Gerichts geht deutlich über das Berufliche hinaus, ihre persönliche und unprofessionelle Abneigung voreinander tritt hier deutlich zutage. Perry Mason befindet sich in der eigentümlichen Situation, Verteidiger der Angeklagten und Zeuge des Anklägers gleichzeitig sein zu müssen, was zu durchaus interessanten Erörterungen über berufliche Ethik und Moral Veranlassung gibt. Wahrscheinlich kein Zufall, dass Gardner im selben Jahr wie den vorliegenden Krimi auch sein Tatsachenbuch The Court of Last Resort (deutscher Titel: Die letzte Zuflucht) veröffentlichte, wo er die Tätigkeit seiner Hilfsorganisation auch anhand einiger skandalöser Fehlurteile beschrieb und Verbesserungen im Justizsystem anregte.
    Doch bei aller unterschwelligen Kritik zeichnet der Autor im Ganzen doch ein eher positives Bild. Der ermordete Polizeibeamte Bob Claremont wird von dem ähnlich charakterisierten Leutnant Tragg als Musterexemplar seines Berufsstandes beschrieben, leicht verbittert hält Tragg dem Rechtsanwalt einen sicher nicht unrealistischen Vortrag über das harte Leben eines Polizisten. Wenn die Auflösung der Verbrechen zum Schluss dann um so schockierender ausfällt, so wird die Angelegenheit nur als „Ausrutscher“ hingestellt, der Täter bekommt seine gerechte Strafe – ohne Gerichtsverfahren. Der Fall hat einen üblen Sumpf von Protektion, Entführung, Erpressung, Mord und Korruption aufgezeigt, der sich bis in Polizeikreise erstreckte, wahrlich ein herausragendes Erlebnis in Perry Masons Laufbahn.

    Motten im Nerz ist eine weitgehend spannende und interessante Mason-Erzählung, klar im oberen Bereich der Serie angesiedelt.


    Leseexemplar:

    Scherz-Verlag ; 1996 ; ca. 190 Seiten

    Die Übersetzung hat Eva Gärtner besorgt (als Referenz an den Autor ? :-), sie liest sich im Prinzip wie alle halbwegs gut übertragenen Perry-Mason-Romane. Keine stilistische Glanzleistung, aber darauf kam es dem Schreiber wohl auch nicht an.


    Verfilmung:

    Im Rahmen der Perry-Mason-Serie mit Raymond Burr im Jahre 1957 lief die Sache mit dem mottenzerfressenen Pelzmantel als Episode 13, obwohl sie ursprünglich als erste Pilot-Folge gedreht war. Das Geschehen konzentriert sich auf das Wesentliche, einige Nebenstränge der Romanhandlung wurden komplett weggelassen. Nur das Ende wurde, im Interesse der Spannungssteigerung, dramatisiert und umgedichtet, was aber kein Makel ist. Genau wie das Buch eine sehr gute Folge.

  • Ich vermisse hier noch den Beitrag unseres Dritten im Bunde. Die Sache muss ja noch ordentlich zum Abschluss gebracht werden.
    Auch die gewohnt souveräne Auswertung unseres Forenmasters steht wohl noch in der Warteschlange ... ?

Inhalte des Mitglieds Dr. Oberzohn
Beiträge: 312
Ort: Ostthüringen
Geschlecht: männlich
Seite 1 von 16 « Seite 1 2 3 4 5 6 16 Seite »
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen
Datenschutz