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  • Prominente Edgar-Wallace-LeserDatumGestern 12:26
    Thema von Dr. Oberzohn im Forum Romane

    Den Romanen von Edgar Wallace hat ja von Anbeginn an, wie eigentlich vielen Krimis oder Thrillern, immer der Makel der Schmuddeligkeit und literarischen Minderwertigkeit angehaftet. Eigentlich mal interesant zu schauen, in wessen prominenter Gesellschaft sich der sorglose Wallace-Leser befindet. Ich habe mal angefangen, ein paar mehr oder weniger berühmte Personen mit literarischen Wallace-Ambitionen zusammenzutragen. Vielleicht kann ja der eine oder andere die Aufstellung ergänzen oder erweitern...


    Konrad Adenauer

    Als ich kurz nach der Wende die Edgar-Wallace-Jubiläumsedition von Goldmann erstand, da begrüßte mich in jedem Band folgendes Zitat:
    "Abends, wenn ich abgespannt bin, greife ich instinktiv nach einem Edgar Wallace, bin im Nu in der Handlung, vergesse den ganzen Jammer des Alltags, bin froh und mutig."
    Diese hehren Worte stammen von Konrad Adenauer, der sogar mir als Ossi wohlbekannt war (natürlich zu dieser Zeit nur negativ). Tatsächlich scheint Anfang der Neunziger der erste deutsche Bundeskanzler noch in dem Verdacht gestanden zu haben, durch Angabe seiner Aussprüche verkaufsfördernd zu wirken. Ob heute ein gerade mal Volljähriger wüsste, wer Konrad Adenauer war ? Keine Ahnung, aber viele in diesem Alter würden auch kaum Edgar Wallace lesen.
    Jedenfalls war Adenauer für seine Vorliebe für englische Krimis bekannt, und speziell auch für sein Interesse an Wallace. Noch heute sollen im Adenauer-Haus in Rhöndorf in seiner Bibliothek die Wallace-Bände stehen, in jedem fein ordentlich die Initialen des Besitzer hineingeschrieben. Da wurden gar schon intellektuelle Überlegungen angestellt, was diese Art der Lektüre über seinen Besitzer aussagen soll. Muss ein Staatschef eigentlich nur Goethe und wissenschaftliche Abhandlungen lesen, oder darf's nicht doch auch mal ein bisschen weniger sein ?


    Adolf Hitler

    So makaber es klingen mag, aber auch der "Führer" nannte neben den Karl-May-Büchern auch die ganze Edgar-Wallace-Ausgabe sein Eigen. Das immer noch bekannteste oder auch berüchtigste deutsche Staatsoberhaupt soll ein großer Fan des Krimi-Schriftstellers gewesen sein, es gibt hier einige interessante Stellen im Internet zu finden. Diese Vorliebe teilte er mit einem Großteil der Bevölkerung des Dritten Reiches, die Wallace-Romane erfreuten sich über die Weimarer Zeit hinaus großer Beliebtheit. Das änderte sich erst mit Beginn des Zweiten Weltkrieges. (Hitler selber soll sein Interesse für Trivialliteratur eher peinlich gewesen sein, wenn man des Ausführungen von Das Buch Hitler glauben kann, welches extra für seinen Hauptfeind Stalin nach dem Krieg geschrieben wurde). Auch hier wurde wieder viel vermutet, wie denn diese Art Literatur sein Denken und Handeln beeinflusst haben könnte.


    Graham Greene

    Das Vorwort der Edgar-Wallace-Biographie von Margaret Lane im Jahre 1964 wurde von keinem Geringeren als dem englischen Schriftsteller Graham Greene verfasst. Der befand sich Mitte der sechziger Jahre auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit und beschreibt seine einzige Begegnung mit Edgar Wallace, offenbar irgendwann Ende der zwanziger Jahre. Damals war der "König des Thrillers" im Zenit seiner Karriere, während Greene gerade am Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn stand. Greene, dessen Romane viel mit Moral, Religion, Spionage und linkem Denken zu tun haben, wollte sein Leben lang als ersnthafter Autor bekannt sein, doch er war auch von vielen anderen Literaten beeinflusst. Offenbar hat er Wallace wirklich geschätzt, denn wie anders ist es zu erklären, dass die (verbrecherische) Hauptperson seiner bekannten Erzählung Der dritte Mann den Namen "Harry Lime" hat? Genau so hieß auch der Hauptschurke in Wallace' Frosch mit der Maske.


    Gilbert Keith Chesterton

    Den Freunden der literarischen Detektivgeschichte ist Chesterton als Schöpfer des Father Brown sicher wohlbekannt. Die Geschichten um Pater Brown wurden unzählige Male verfilmt, auch zweimal in den Sechzigern mit etwas mehr oder weniger Wallace-Touch mit Heinz Rühmann in der Titelrolle, und zu Hörspielen verarbeitet. Dabei geht es nicht um Action, sondern neben der kriminalistischen Auflösung oft auch um Fragen der Moral und Schuld und Sühne. Chesterton war sogar Vorsitzender des Detection Clubs, der die Regeln für einen fairen Kriminalroman erstellte. Er war etwa gleichaltrig wie Edgar Wallace, hatte eine noch größere Leibesfülle und war eine ebenso schillernde Figur. Im Gegensatz zu Edgar Wallace diskutierte er auch häufig und recht entschieden politische und religiöse Standpunkte in der Öffentlichkeit und verfasste auch "ernsthafte" Literatur. Die beiden kannten sich persönlich und hatten auch eine gewisse Ähnlichkeit miteinander. Chesterton soll Wallace geschätzt haben, obgleich er seine Massenproduktion wohl nicht so mochte. So weit ich mich erinnere, war in Margaret Lanes Buch eine Passage über die beiden zu lesen, bin aber nicht ganz so sicher.


    Heinrich Mann

    Der Verfasser solcher Werke wie Professor Unrat oder Der Untertan stand stets im Schatten seines bekannteren Bruders Thomas Mann. Er setzte sich sehr kritisch mit den Zuständen im deutschen Kaiserreich auseinander, und 1933 musste er wegen seiner politischen Haltung emigrieren. Obwohl es sein Ziel war, anspruchsvolle und aufklärerische Bücher zu schreiben, hat er sich doch recht positiv über Edgar Wallace und seine Qualitäten als Autor geäußert. Das Bedürfnis des Lesers nach Zerstreuung und Vergnügen abseits des tristen Alltags werde bestens bedient. Natürlich konnte es sich Mann nicht verkneifen hinzuzufügen, dass das Ganze ja nur eine Kunstwelt ist und keinerlei aufklärerische Funktion habe. Ihm schwebte offenbar mehr eine Synthese des sozialkritischen Romans mit den Mitteln der Trivialliteratur vor.


    Daneben gab oder gibt es auch noch andere mehr oder weniger bekannte Wallace-Leser:

    -King Georg VI (bekannt als stotternder britischer König aus The King's Speech) war bekennender Wallace-Konsument
    -Bertold Brecht (begeisterter Leser angelsächsischer Krimis) sprach mal vom "großen Wallace"
    -Julian Symons (zumindest in England als vielseitiger Literat, Kritiker und Kriminalschriftsteller berühmt) widmete in seiner Geschichte des Kriminalromans Edgar Wallace ein eigenes Kapitel unter dem Titel "Ein schöpferischer Großproduzent"
    -heutige bekannte Wallace-Fans sollen auch Otto Waalkes und Gregor Gysi sein (siehe Wallace-Lexikon)

  • Afrika-RomaneDatum22.05.2018 12:34
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    Vielen Dank für den Link ! Leider ist mein Englisch mangels Übung nur für den Überlebensgebrauch ausgelegt, aber ich habe Deinen Text trotz allem recht gut übersetzen können. Hat mir sehr gut gefallen.
    So hat Edgar Wallace wenigstens seinen Weg in eine wissenschaftliche Arbeit gefunden, hoffentlich wurde es auch vom Lehrpersonal ausreichend gewürdigt... :-). Obwohl ja Dein Litera-turverzeichnis angibt, dass sich auch schon andere mit der Thematik beschäftigt haben.
    Ich denke, die Briten sind auch heute immer noch das Volk in Europa, das seine Geschichte am meisten glorifiziert und seine Verbrechen am stärksten beschönigt oder vertuscht hat. Wer weiß schon von den schrecklichen genozidartigen Hungersnöten in Indien, Iran oder auch Irland, die die Briten verursacht haben. Ganz abgesehen von vielen Auswirkungen der britischen Kolonialpolitik, die z.B. mit der Teilung Irlands, der willkürlichen Teilung Arabiens (Sykes-Picot-Abkommen) oder der Teilung Indiens noch bis heute Auswirkungen auf das Weltgeschehen haben. Dagegen sind die Wallace-Geschichten wirklich schlicht und, wie du ja auch geschrieben hast, eben zur Unterhaltung gefertigt. Die Sehnsucht des Lesers nach Exotik und Abenteuern soll eben bedient werden, größere und tiefergehende Zusammenhänge schließen sich da wohl aus. Aber unterhaltsam sind die Stories ohne Wenn und Aber. Das funktioniert heute noch genauso wie vor hundert Jahren.

    Über Pfingsten habe ich mal den nächsten Geschichten-Band gelesen:

    Bosambo von Monrovia

    Wie der Titel schon sagt, geht es hier ein wenig mehr um den Eingeborenenhäuptling Bosambo, der den Stamm der Ochories wieder zu furchterregenden Kriegern gemacht hat, treu zu Distriktsverwalter Sanders steht und ansonsten stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Eigentlich ist alles beim Alten, ich finde, Edgar Wallace hat seine Kurzgeschichtentechnik, mehrere Handlungsstränge unabhängig voneinander zu entwickeln und dann zum Ende hin logisch zusammenzuführen, noch besser ausgebaut als bei den anfänglichen Geschichten. Eher besinnlichere und humorvolle Geschichten mit tiefergehenden beschriebenen Charakteristiken der jeweiligen Helden wechseln sich ab mit ziemlich bluttriefenden und gewalttätigen Episoden, wobei die humorvollen Geschichten humorvoller und die blutigen Geschichten blutiger geworden sind.
    Da gibt es eine Story, wo ein gewissenloser weißer Händler den Schwarzen für viel Geld wertlosen Plunder andrehen will. Zu seinem Unglück gerät er aber an Bosambo, welcher ihn mit treuem Unschuldsblick selber jedes Mal übers Ohr haut, zuguterletzt kann der Händler froh sein, wenn er mit heiler Haut davonkommt. Da musste ich oft schmunzeln. Daneben gab es eine Episode mit einem zurückgezogen lebenden Stamm, der von einem besonders grausamen König beherrscht wird, der hunderte Frauen opfert, seine Feinde (und Freunde) vernichtet, kreuzigt, brennt und mordet. Das ist schon recht gruselige Kost, überhaupt spielt das Kreuzigen an Pfähle in diesem Buch eine recht große Rolle, auch andere Folterungen und Hinrichtungen werden viel beschrieben. Manchmal vermischen sich Humor und Gewalt, etwa wenn ein überspannter Amerikaner eine geheimnisvolle Fabelkreatur sucht (heute würde man von Kryptozoologie sprechen) und Bosambo ihm diese für gutes Geld auch liefert. Das Ganze artet allerdings in einen verlustreichen Kampf mit den kleinwüchsigen Waldmenschen aus, eine grausame Rasse, die sowohl von Weißen wie Schwarzen gehasst und gefürchtet wird. Daneben erfahren wir, dass sowohl die weißen wie die schwarzen Männer eine Abscheu gegen "Mischehen" haben, und auch, dass Perioden des Friedens für alle das Beste sind. Hauptmann Sanders muss sich auch mit einem englischen Waffenhändler herumschlagen, der verbotenerweise Hinterladergewehre an die Einheimischen liefert, die nun nichts anderes zu tun haben, als Aufstand und Rebellion ins Land zu bringen. Seine "Kinder" sind eben doch schon recht groß und wild, aber er zögert trotz allem, koloniale Eingreiftruppen anzufordern und den Krieg restlos eskalieren zu lassen. So geht denn auch diese Geschichte gut und ein wenig abrupt zu Ende.

    Als nächstes werde ich mir mal den "Diamantenfluss" vornehmen, der läuft ja auch unter der Kategorie "Krimi", aber spielt auch in Afrika. Hab ich mal vor langer Zeit gelesen, ist aber kaum was haften geblieben.

  • Afrika-RomaneDatum17.05.2018 19:03
    Thema von Dr. Oberzohn im Forum Romane

    Afrika-Romane

    Seit langem schon staubt ein zehnbändiger Schuber mit Wallace' berühmten "Afrika-Romanen" in meinem Bücherregal ungelesen vor sich her. Jetzt habe ich mich auch mal an diese herangetraut. Vielleicht interessiert es ja auch den einen oder anderen im Forum. Die Bewertungen für diese Bücher gehen ja von himmelhoch jauchzend bis gaaaaaanz böse. Gleich zu Beginn muss aber gesagt werden, dass es dabei bis auf eine Ausnahme um keine Romane, sondern um Geschichtensammlungen handelt. Meine vorliegende grünbändige Buchreihe ist aus den 80'er Jahren und leider nicht in der Reihenfolge der englischen Erstveröffentlichung, sondern der in Deutschland nummeriert. Um sie in der richtigen Reihe zu lesen, ist also ein wenig Internet-Recherche nötig.
    Die Entstehungsgeschichte dieser Erzählungenen ist auch recht interessant. Edgar Wallace hatte zwischen Jahrhundertwende und erstem Weltkrieg ein ereignisreiches Leben mit vielem beruflichem Auf und Ab geführt. Als die sogenannten "Kongogräuel" der Belgier an der eingeborenen Bevölkerung in Belgisch-Kongo ruchbar worden (hier hatte sich ja auch Holmes-Erfinder Conan Doyle stark engagiert), schickte man Wallace als Zeitungsreporter nach Zentralafrika, um der Sache auf den Grund zu gehen. Seine Angaben zu diesem Sachverhalt waren eher zurückhaltend, aber während seiner Zeit im Busch machte er sich (offenbar in kluger Voraussicht) viele Notizen über alles, was er dort sonst zu hören und zu sehen bekam. Wieder zu Hause, wurden diese Schriften erst mal vergessen, aber als ihm ein paar Jahre später finanziell das Wasser schon bis über den Kopf stand, suchte er fieberhaft eine Möglichkeit, wieder zu Geld zu kommen. Eine befreundete Verlegerin riet ihm, doch mal Geschichten über seine Afrika-Skizzen zu schreiben, von denen sie eher zufällig erfahren hatte. An diesen ersten Stories für eine Zeitung soll Edgar Wallace eine für ihn ungewöhnliche Sorgfalt an den Tag gelegt haben. Die Geschichten wurden ein Erfolg, und dank seiner vielen Notizen und seiner unerschöpflichen Phantasie schrieb er in der Folge viele derartige Geschichten, die dann auch in Buchform herausgegeben wurden. Es war eigentlich das erste Mal, dass er mit der Schriftstellerei richtig Geld verdiente.

    Hier mal ein paar Gedanken zu den ersten beiden Bänden:

    Sanders vom Strom (Sanders of the River) und Die Eingeborenen vom Strom (The People of the River), beide 1911 erstveröffentlicht


    Handlung:


    Der Autor springt im Prinzip mitten hinein ins Geschehen und gibt sich nicht mit langen Erklärungen ab. Erschließen tun sich einem die Zusammenhänge um die handelnden Personen und das britische Kolonial-Gebiet, irgendwo in Zentral-Afrika, erst so richtig nach dem Lesen einiger Geschichten, die selten wenig mehr als zehn, zwölf recht engbedruckte Seiten beinhalten. Held der ersten Buchbände ist der Amtmann Sanders, britischer Verwalter des fiktiven Kolonialgebietes und tatsächlich Herr über Leben und Tod.Er ist wirklich ein Kerl, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Das Aufhängen missliebiger Eingeborener geht ihm recht leicht von der Hand, genauso wie körperliche Züchtigungen. Denn, so erfahren wir, der Schwarze empfindet nur wirklich drastische Strafen eben auch als Strafe, alles andere nimmt er nicht ernst.
    Mr. Sanders hat den lieben langen Tag nichts anderes zu tun, als mit seinem Patrouillendampfer den "großen Strom" samt seinen vielen Nebenflüssen abzufahren und so gut wie möglich für (englisches) Recht und Ordnung zu sorgen. Das beinhaltet Palaver zu halten, Gerichtssitzungen zu führen, Häuptlinge zu ernennen und wieder abzusetzen, Steuern einzutreiben, und ziemlich oft auch zu bestrafen und zu kämpfen.
    Die afrikanischen Einheimischen werden auch nicht alle als verkappte Ärzte und Ingenieure beschrieben, sondern doch eher als Menschen, die gerne gegeneinander Krieg führen, sich gegenseitig überfallen und im übrigen an allerlei Geister und Teufel glauben. Daneben unterscheidet er aber zwischen einzelnen Stämmen, es gibt friedlichere, kriegerische, arbeitsame, faule, ängstliche und draufgängerische Völker, die solche Namen haben wie Isisi, Akasava, Ochori oder N'gombi. Allesamt erfundene Wörter. "Weiber" sind dem ersten Eindruck nach nur dazu da, mit vielen Säcken Salz oder Messingstäben gekauft oder besser noch gleich aus dem Nachbardorf geraubt zu werden. Allerdings gibt es recht viele Geschichten, in denen Frauen eine hauptsächliche und meist unrühmliche Rolle spielen. Schaffen sie es doch immer wieder, die Männer mit ihren körperlichen Reizen, Beredtsamkeit und/oder Hexerei zu Gewalttaten aufzustacheln. Und wenn die Männer es als erstebenswert halten, möglichst viele Frauen zu besitzen, so haben auch die Damen gerne mehrere Liebhaber. Überhaupt ist die Geschlechtsmoral der Eingeborenen wesentlich lockerer als die der Weißen. Wenngleich er auch hier nicht ins Detail geht, gibt sich der Autor doch in der Darstellung der Liebesdinge irgendwie freizügiger als in seinen Krimis.
    Genau betrachtet sind die Geschichten allesamt sehr gewalttätig. Morde, Aufstände, Kämpfe und Überfälle der Eingeborenen sind an der Tagesordnung, ebenso wie drakonische Bestrafungen auf Seiten der Kolonialherren. Doch auch das wird nicht so dargestellt, dass es einem den Schlaf raubt. Überhaupt haben die Kurzgeschichten ziemlich viele Handlungselemente, die sich oft unabhängig voneinander entwickeln und auf ein gemeinsames dramatisches Finale zutreiben. Die Schilderungen bleiben oft oberflächlich, man hätte sich gerne tiefergehende Beschreibungen gewünscht, manche Geschichten hätten wohl auch gut Stoff für einen richtigen Roman geben können.
    Ein besonderer Schützling von Sanders ist ein Schwarzer namens Bosambo. Als geflohener liberianischer Sträfling hat er sich in Sanders' Schutzgebiet zu den als ängstlich geltenden Ochori geflüchtet. Mit List und Tatkraft gelingt es ihm, Häuptling dieses Volkes zu werden. Sanders lässt ihn gewähren, denn wenn er auch bezüglich fremden Eigentums sehr lose Rechtsvorstellungen hat, so ist er doch in ernsten Situationen ein treuer Untertan seines "weißen Herrn". Es ist sozusagen ein running gag der Geschichten, dass Bosambo dem Weißen aus der Patsche hilft und dazu noch sein Schäfchen ins Trockene bringt, oft durch Diebstahl, und Sanders muss ihn wohl oder übel gewähren lassen.
    Man erfährt einiges über die Lebensweise der Schwarzen, manche leben als Jäger, Sammler oder Fischer, manche als Bauern und Hirten, manche auch als Handwerker. Die meisten hängen trotz aller Christianisierungsversuche der Missionare an ihren abergläubischen Vorstellungen. Überhaupt die Missionare, neben Sanders fast die einzigen Weißen im riesigen Verwaltungsdistrikt. Ihre Tätigkeit wird ambivalent beurteilt. Einerseits lobt der Autor immer wieder ihre Selbstlosigkeit und Menschlichkeit, andererseits unterstellt er ihnen auch eine gewisse Weltfremdheit. Im zweiten Geschichtenband verschlägt es gar eine Missionarin an diesen verlorenen Winkel der Welt, für die dann der als Weiberfeind verschrieene Sanders mehr als nur freundschaftliche Gefühle zu entwickeln beginnt. Doch ist es ihm offenbar nicht bestimmt, eine Frau an seine Seite zu bekommen.
    So geht denn die Zeit im fernen exotischen Erdenwinkel recht schnell dahin, denn es sind stets aufs Neue Abenteuer zu bestehen und meist eingeborene, manchmal auch weiße Verbrecher unschädlich zu machen.

    Bewertung:

    Der heutige Leser, der nicht gerade immer noch von der alten Kolonialherrlichkeit überseeischer "Schutzgebiete" träumt, wird die Geschichten schon mit gemischten Gefühlen lesen. Edgar Wallace hat nie einen Hehl aus seinen kolonialimperialistischen Überzeugungen gemacht, und das merkt man seinen Afrika-Erzählungen auch an. Während etwa Jules Verne oder auch Rider Haggart oder auch unser guter alter Karl May zumindest ansatzweise die koloniale Politik den Einheimischen gegenüber in Frage stellen, merkt man bei Edgar Wallace mit keiner Silbe irgendeine Form von Unrechtsbewusstsein darüber, wie die Weißen im Allgemeinen und schon gar nicht die Briten im Besonderen in den von ihnen besetzten Gebieten versuchen, ihre Vorstellungen von Recht und Kultur durchzusetzen. Und während es für den geringsten und ärmsten Weißen daheim in England ein Gerichtsverfahren gibt, ist Amtmann Sanders in Afrika Ankläger, Richter und Henker in einer Person. Das alles geht im Schnellverfahren ab, die Angeklagten werden oft mit Auspeitschen oder Hinrichtung bedroht und damit zu Geständnissen gezwungen, manchmal bleibt es nicht nur bei den Drohungen. Sicherlich haben sie sich oft schlimmer Vergehen schuldig gemacht, aber es genügt manchmal schon, einfach nicht demütig genug dem weißen Herren gegenüber gewesen zu sein. Tatsächlich herrscht Sanders über sein Gebiet eher wie ein Diktator oder zumindest wie ein feudaler Fürst, obwohl das ja auch eher die Entwicklungsstufe der dortigen Bevölkerung ist. Es ist schon frappierend, wie sorglos Wallace von Misshandlungen und massenweisen Hinrichtungen schreibt, vom Verfrachten zur Zwangsarbeit auf die "Insel der Ketten", vom Abschlachten der aufständischen Stämme mit Maschinengewehren und Geschützen und von Strafmaßnahmen wie dem Niederbrennen von Dörfern und dem Vernichten von Ernte usw. Da fallen einem schon andere Dinge in der Geschichte ein, aber darüber will ich mich lieber nicht auslassen. Der Gerechtigkeit halber muss man angeben, dass Sanders auch weiße Verbrecher wegen Untaten gegen die Eingeborenen bestraft und wirklich bemüht ist, Frieden zwischen den verschiedenen Völkern zu halten und gerechte Urteile zu sprechen. Das geht sicher nicht leicht für einen Mann mit ein paar Hilfstruppen. Zumal auch die Briten an den Zwistigkeiten nicht ganz unschuldig sind, denn "viele kleinere Häuptlinge sind besser als ein großer". Besser kann man die britische Geopolitik des "Teile-und-Herrsche"-Prinzips mit einfachen Worten nicht zusammenfassen. Die Einheimischen erscheinen als große Kinder, im Grunde gutmütig und naiv, aber auch immer wieder zu Ausbrüchen von Gewalttätigkeit neigend. Als kindliche Gemüter werden sie von Wallace oft beschrieben. Trotz aller Herrenmenschenattitüde scheint auch er vom "edlen Wilden" geträumt zu haben, manchmal fabuliert er auch von der Ursprünglichkeit und Triebhaftigkeit ohne zivilisatorische Ketten, die diese Menschen glücklich ihren Weg gehen lässt.
    Dass das fragwürdige "Zivilisieren" der Urbevölkerung durch Großbritannien kein selbstloser Akt war, sondern handfeste wirtschaftliche Interessen hatte, erfährt man eher am Rande. Die Bewohner der Kolonie müssen Steuern, meist in Form von Naturalien, Nahrungsmitteln oder Brennholz abgeben, auch an Bodenschätzen hat die Krone durchaus ein Interesse. Besonders böse Weiße versuchen, den Schwarzen Alkohol zu verkaufen oder betrügerische Geschäfte mit ihnen zu machen, doch da ist Sanders dagegen, denn das schädigt ja letzten Endes auch den Gewinn des Britischen Empire.
    Ist Edgar Wallace nun ein bösartiger verabscheuungswürdiger Rassist ? Ich glaube, man würde es sich zu einfach machen, wenn man ihn so bezeichnet. Er beschrieb die Eingeborenen halt so, wie er und die Missionare, Soldaten usw. sie in Afrika halt wahrnahmen. Wenn man sieht, wieviel Gewalt es auch heute noch auf dem "schwarzen Kontinent" gibt, die unzähligen Kriege und Massenmorde (Ruanda), fernerhin der immer noch existierende unglaubliche Aberglaube, dann hat er meiner Ansicht nach die Einheimischen eher noch harmlos dargestellt. Selbst heute noch werden besonders in den zentralen Regionen Menschen als Hexen verfolgt, oder weil sie Albinos sind oder gar weil sie Glatzen haben, die ein Zeichen für Reichtum sind, werden sie umgebracht. Und das sind keine Einzelfälle. Die Ju-ju-Verwünschungen, die Wallace erwähnt und aus denen sich dann auf Umwegen das Voodoo entwickelte, gibt es heute auch noch. Und wer immer noch das Märchen glaubt, dass nur der "weiße Mann" die Gewalt nach Afrika brachte und davor dort der Garten Eden herrschte, der kann sich ja z.B. mal im Völkerkunde-Museum in Leipzig die afrikanische Abteilung ansehen. Da gibt es jede Menge Exponate, die von Kriegen aus fernen Zeiten, finsterem Aberglauben und Sklaverei künden, die besonders jahrhundertelang die Araber zu verantworten hatten. Auch davon berichtet Wallace. Ebenso wie von den oft vergeblichen Versuchen der christlichen Missionare, die Einheimischen zu bekehren, während viele Beteiligte einen fanatischen Glauben an den Propheten entwickelt haben. Sollte man mal ernsthaft drüber nachdenken...
    Natürlich weiß man gerade bei den Wallace'schen Afrika-Erzählungen nicht, wo die Wahrheit aufhört und die Phantasie anfängt. Langweilig werden sie eigentlich nie, obwohl es auch hier Wiederholungen und Stereotypen gibt, die man aus seinen Kriminalromanen kennt, die doch eine völlig andere Welt sind. Natürlich schleichen sich auch wieder die altbekannten Nachlässigkeiten des Autors ein. Einmal schreibt er, dass Sanders die Missionare nicht mag, dann wieder bewundert er sie. Einmal erklärt er, dass Sanders durchaus Verständnis hat für die Ängste der Einheimischen vor dunkler Magie (er konsultiert sogar ernsthaft einen "Zauberdoktor") und an ihre teilweise übersinnlichen Fähigkeiten glaubt, dann wieder behauptet er später, dass er das alles für Humbug hält. Aber den Vogel schießt er förmlich ab, als er schildert, wie die Eingeborenen das blonde Haar der Missionarin Miss Glandynne hässlich finden, um ein paar Seiten später Sanders über ihr schönes kastanianbraunes Haar schwärmen zu lassen. Da war es denn mit der Sorgfalt der ersten Stories vorbei. Trotz allem - die Erzählungen sind sehr unterhaltsam, spannend, oft humorvoll und auch in ihren eher spärlichen Beschreibungen der Landschaft, Tierwelt etc. sehr farbenfroh. Gewissermaßen sind sie auch ein Zeitdokument.

    Wer sich davon nicht abschrecken lässt, die zentralafrikanische Welt durch die Brille des dünkelhaften britischen Eroberers zu sehen, den erwartet ein Bündel durchaus auch heute noch reizvoller Geschichten. Wer Interesse hat, sollte sie sich jetzt noch besorgen, denn irgendwann werden sie wohl auch der grassierenden "Political Correctness" zum Opfer fallen. (Ich wundere mich sowieso, warum auf Wikipedia noch kein Hinweis auf Wallace' Rassismus steht, wo man doch schon sogar abstruserweise Agatha Christie der Fremdenfeindlichkeit und des Antisemitismus verdächtigt hat). Aber wir sind doch eigentlich alle alt genug, um auch die "Afrika-Romane" von Edgar Wallace richtig einordnen zu können.
    Mal sehen, wie es weitergeht, ob die anderen Bände irgendwann größere "Abnutzungserscheinungen" aufweisen und ich bis zum Schluss durchhalte...

  • Edgar Wallace, der TeetrinkerDatum17.05.2018 09:08
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    Das viele Trinken von stark gesüßtem Tee war wohl auch ein "Nagel für seinen Sarg". Hatte es doch maßgeblich eine unerkannte Diabetes mit ausgelöst, die ihn so schwächte, dass er dann seiner Lungenentzündung nichts mehr entgegensetzen konnte.
    Ich habe tatsächlich irgendwo mal gelesen, woher er sich immer seinen Tee kommen ließ, aber weiß leider nicht mehr wo. In Margaret Lanes Biografie ? Ich glaube, da gab es auch eine Passage, die mit einem Aufenthalt in der Schweiz und seinem Teekonsum zusammenhing.

  • Louba der Spieler (1927)Datum09.05.2018 11:33
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    Ein für Edgar Wallace eher ungewöhnlicher Roman. Fast scheint es, als ob er mal einen klassischen Whodunit a la Agatha Christie schreiben wollte. Das Opfer, eben jener besagte Emil Louba, ist allerdings kein Lord oder ein ähnliches Mitglied der oberen Zehntausend, sondern eine ausgesprochene Negativgestalt, ein orientalischer Spielhöllenbesitzer, verschlagen, gierig, skrupellos erpresserisch und lüstern. Allerdings gesteht ihm Wallace auch eine Art verführerischen exotischen Charme zu, mit dem er seine Mitmenschen mitunter zu beeindrucken versteht. So wird denn in den ersten Kapiteln eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Verdächtigen produziert, die alle irgendwie Grund haben, Louba zu hassen: der Vater eines von ihm in den Selbstmord getriebenen Soldaten, dessen Kameraden und vor allem dessen Vorgesetzter, der später in einer ganz anderen Funktion wieder auftauchen soll, des weiteren abgelegte Geliebte, die er ins Unglück stürzte; Frauen, die er zur Heirat (und sicher nicht nur dazu) zwingen will; ein Verlobter, der seine Braut aus Loubas Klauen retten will, dann einen ewigen geschäftlichen Konkurrenten , usw. usw....
    Als Louba dann eines Tages erschlagen in seiner Wohnung liegt, geht die Polizei ungewohnt sorgfältig an die Sicherung der Spuren und an die Abgleichung der Alibis der Verdächtigen, bald stellt sich heraus, dass die Feuerleiter vor seinem Wohnzimmerfenster eine große Rolle spielt...

    Es ist eben die Crux mit solcherart Geschichten, dass das Ganze immer auch zu Lasten der Spannung geht. Irgendwann ist es dem Leser egal, wer nun wann warum in der Wohnung war und das Ganze zwei Stunden später noch einmal wiederholt hat. Man will dann nur noch die Auflösung haben. Der Täter ist diesmal nicht so leicht wie sonst immer zu durchschauen, obwohl er sich ganz am Anfang einen argen Schnitzer leistet, der offenbar niemanden dazu verleitet, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das Motiv ist eigentlich vom Leser von alleine kaum zu durchblicken und genauso zurechtgebogen wie die gesamte Mordgeschichte. Selbst als der Täter erneut zuschlägt (auch diesmal erwischt es wieder einen sehr unsympathischen Charakter) tappt der Leser noch im Dunkeln, wo denn jetzt die Beweggründe für alles liegen. Aber zum Schluss gibt es einen Brief des Täters, der alles erklärt, wobei wieder einmal Wallace`Hang zur Selbstjustiz bei schweren Fällen durchscheint.

    Alles in allem ein eher "klassisch" gestrickter Krimi mit ein paar Wallace-typischen Elementen darin. Zum Einmal-Schmökern durchaus okay.

  • Die unheimlichen Briefe (1923)Datum07.05.2018 21:09
    Thema von Dr. Oberzohn im Forum Romane

    Die unheimlichen Briefe

    Originaltitel: The Missing Million
    Erscheinungsjahr: 1923


    Hauptpersonen:

    Inspektor Bill Dicker - von der Kriminalpolizei
    Inspektor James Sepping - von der Kriminalpolizei
    Rex Walton - Millionär und Freund von Sepping
    Joan Walton - seine Schwester
    Dora Coleman - seine Braut
    Mr. Coleman - Finanzbeamter und Doras Vater
    Parker - Butler im Hause Coleman
    Bennet - Chauffeur im Hause Coleman
    Lawford Collett - Rechtsanwalt
    Nippy Knowles - Meisterdieb und Safeknacker
    Albert - Diener von James Sepping
    "Digger" - Gewohnheitsverbrecher


    Handlung:

    London zittert (wieder einmal) vor einem Meistererpresser. Er wird "Kupie" genannt und ihm gelingt es immer wieder, in den Besitz von kompromittierenden Unterlagen oder Informationen zu gelangen, welche für die betreffenden Personen äußerst wichtig sind. Er presst sie wie eine Zitrone aus, und nicht selten begehen die unglücklichen Opfer Selbstmord. Scotland Yard scheint überhaupt keine Ahnung zu haben, wie man ihm das schmutzige Handwerk legen kann. Das ist der Hintergrund, als der Millionär Rex Walton, Erbe eines Stahlmagnaten, ebenfalls Drohbriefe von Kupie bekommt. Sollte er die schöne Dora Coleman, Tochter eines Finanzbeamten, heiraten, so will er ihn zum Bettler machen. Rex Walton, britischer Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, denkt natürlich nicht daran, zumal sich seine vorherige Verlobte wegen eines Erpresserbriefes von Kupie das Leben nahm. Seine Schwester Joan macht sich große Sorgen und bittet ihrer beider gemeinsamen Jugendfreund Jimmy Sepping um Hilfe. Der ist Kriminalinspektor bei Scotland Yard und arbeitet zusammen mit seinem Kollegen Bill Dicker auch am Fall Kupie. Hier haben wir jetzt schon zwei potenzielle Liebespaare: neben den Verlobten Rex Walton und Dora Coleman auch Inspektor Sepping und Joan Walton. Die Letztere ist eine moderne junge Frau, mit allen (Un)tugenden, die schon in den Goldenen Zwanzigern dafür herhalten mussten, wie Rauchen, Kurzhaarschnitt und Vorlautsein (wie sich doch die Zeiten wiederholen). James "Jimmy" Sepping dagegen ist ein recht biederer jungen Kriminalist und nicht ganz so überzeichnet heroisch wie andere dieser Wallace'schen Spezies, aber natürlich tapfer genug und eher von der nachdenklichen Sorte.
    Bald wird er von Kupie gewarnt, sich weiter in den Fall einzulassen, ein naher Mitarbeiter von ihm, Inspektor Miller, wird von dem Erpresser in den Selbstmord getrieben. Mit Kupie ist nicht spaßen !
    Als dann noch am Tage der Hochzeit der reiche Rex Walton kurz vor der Zeremonie verschwindet und seine Braut Dora Coleman im Prinzip vor dem Traualtar stehen lässt, gehen bei den Kriminalisten alle Alarmglocken an. Hat Kupie seine Finger im Spiel ? Oder ist Walton freiwillig verschwunden ? Was ist mit seiner Million, auf die der Erpresser es offensichtlich abgesehen hatte ?
    Natürlich sind alle in großer Aufregung. Mr. Coleman, Vater der Braut, sorgt sich sehr um seinen guten Ruf, den er als Beamter des Finanzministeriums zu wahren gedenkt, was eigentlich ständig seine Hauptsorge ist. Zu allem Übel wird dann auch noch im Hause Coleman eingebrochen, wo Vater und Tochter zusammen mit dem Butler Parker, dem Chauffeur Bennett und ein paar Dienstmädchen wohnen. Es gibt in Folge weitere geheimnisvolle Einbrüche und Überfälle, wobei nie so ganz klar ist, ob nun Kupie seine Finger im Spiel hat oder Rex Walton inkognito seine Fäden zieht, der immer noch verschwunden ist. Weiterhin wird der professionelle "Schränker" Nippy Knowles in die Handlung eingeführt, ein Gauner mit dem Herzen auf dem rechten Fleck und nach Selbstauskunft Opfer einer ruchlosen Frau, der Rex Walton zu Dank verpflichtet ist und auch Jimmy Sepping widerwillig den einen oder anderen Tipp gibt, so weit sich das mit seiner Ganovenehre verträgt. Bald schon wird der arme Jimmy betäubt und wacht unter zwielichtigen Umständen auf, allerdings nicht neben einer toten Prostituierten in einem Bordell, sondern als Schöpfung des etwas puritanischeren Edgar Wallace in einem schlechtbeleumdeten Spielcasino, in dem gerade eine Polizeirazzia stattfindet. Doch sein Ruf bleibt bewahrt, und schon wenig später wird ein handfester Mordanschlag durch einen Auftragskiller namens "Digger" auf ihn verübt. Kupie wird offenbar nervös (allerdings ist es etwas schwer zu erahnen warum).
    Der Butler Parker in Colemans Haus kommt in den Verdacht, etwas mit den Geschehnissen zu tun zu haben, ja, gar Kupie selbst zu sein, doch auch er ist jetzt verschwunden, genau so wie bald der Anwalt Lawford Collett, der mit den Waltons, aber auch mit Kupie in Verbindung zu stehen scheint. Schließlich kippt Parker tot -ermordet- aus einem Schrank, und nun beginnen die Ereignisse sich zu überschlagen. Die Kette der geheimnisvollen Geschehnisse reißt nicht ab, Überfälle und weitere Morde geschehen, und Rex Waltons mysteriöses Millionenvermögen scheint doch in die Hände des rücksichtslosen Verbrecherbosses gefallen zu sein, welcher langsam einen richtigen Namen bekommt, aber noch lange kein Gesicht. Oder ist alles doch ganz anders ? Mit der Zeit stellt sich heraus, dass die meisten Personen im Roman etwas zu verbergen haben, und auch Joan Walton gerät genauso wie Dora Coleman in Gefahr, ein Opfer des rücksichtslosen Schurken zu werden. Bis zur Aufklärung der geheimnisvollen Ereignisse geschieht noch so einiges ...


    Bewertung:

    Die turbulenten Verwicklungen um "Die verschwundene Million", wie das Buch ja im Original heißt, sind hierzulande wohl eher unbekannt. Dabei ist es ein typischer Wallace, mit allen Stärken und leider auch Schwächen des Schriftstellers. Auf der Habenseite stehen sicherlich eine durchgängig ereignisreiche Handlung, viele recht realistische Nebenfiguren auf Seiten der "Guten" wie der "Bösen" , sogar der Versuch, gewisse Verstrickungen der Unterwelt miteinander sowie mit der Polizei, Justizwesen usw. zu schildern. Kupie wird als ein Mann dargestellt, der keine weitverzweigte Verbrecherbande leitet wie etwa der märchenhafte "Frosch mit der Maske", sondern bei Bedarf auf gewisse kriminelle Experten zurückgreift, die er dann für den jeweiligen Coup bezahlt und wenn nötig auch bei Versagen bestraft. Er ist offenbar bestens mit den illegalen Spielhöllen in London vertraut, eventuell sogar Mitbesitzer. Als schließlich im Laufe der Polizeiarbeit sein wahrer Name ermittelt wird, stellt sich heraus, dass in der Vergangenheit auch die Polizei "Dreck am Stecken" hatte und ihn wegen Bestechungsgeldern nicht der Gerechtigkeit zugeführt hatte. Das alles klingt ja ziemlich modern. Auch der Einsatz von V-Leuten wird beschrieben, das gab es damals auch schon, genauso wie das Gesetz des Schweigens in der Unterwelt.
    Der richtige Kupie ist ein berüchtigter rücksichtsloser Verbrecher, gefürchtet von seinen Komplizen, welche er ab Buchmitte mit besonderer Vorliebe durch Benutzung einer Schalldämpferpistole zu liquidieren beginnt. Das beißt sich natürlich irgendwie mit seiner bisherigen Verfahrensweise des anonymen Erpressers, der die Leute in den Tod durch eigene Hand trieb und sich niemals selber die Hände schmutzig machte - nicht der einzige Widerspruch im Roman. Da ist denn auch die Negativseite der Geschichte: vieles ist wenig durchschaubar, erscheit sehr wirr und ist im Nachinein sogar sehr unlogisch, etwa wenn einige der Figuren mit Tarnidentität unter sich sind und sich trotzdem weiterhin so verhalten, wie es ihre Rolle erfordert. Auch dass eine der Hauptpersonen, Rex Walton, den größten Teil über verschwunden ist, trägt wenig zur Identifikation mit ihr bei und macht ihr Handeln nicht verständlicher. Und als am Schluss alles erklärt und der Plan der Bösewichter erläutert wird, wie sie an Waltons Geld kommen wollten, dann ist das zwar nicht total unglaubwürdig, wirkt aber zumindest ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Die Liebesgeschichte(n) halten sich dezent zurück. Für Rex und Dora gibt es ein versöhnliches Gespräch am Ende, das Schicksal von Jimmy und Joan aber wird nicht weiter behandelt. Offenbar wollte der große Meister mit seinem Buch spät in der Nacht mal fertig werden. Aber man darf davon ausgehen, dass es auch privat für sie ein Happy End geben wird...

    Trotz aller Mankos sind "Die unheimlichen Briefe" unterhaltsame und spannende Lektüre im oberen Mittelfeld. Für Krimifans eine gute Leseempfehlung.


    Buch:

    Hier habe ich die Goldmann-Version (knapp 190 Seiten) und die Scherz-Ausgabe mit fast 200 Seiten gelesen. Natürlich ist die Goldmann-Übersetzung an einigen Stellen immer mal gekürzt, am augenfälligsten am Anfang, wo sich Jimmy Sepping an einen deutschen Agenten erinnert, den er während des Krieges dingfest gemacht hatte und der im Tower erschossen wurde. Offenbar hat sich Wallace hier am tatsächlichen Fall des Carl Hans Lody orientiert, einem deutschen "Gentleman"-Spion, dessen Fall damals Schlagzeilen machte.
    Vom Sprachstil lässt sich schwer sagen, welche Übersetzung gelungener ist, halt Geschmackssache.


    Verfilmung:

    Eine Sechziger-Jahre-Verfilmung aus Deutschland gibt es nicht. Eigentlich schade. Man hätte sicher die Kupie-Bande mit den Erpressungen und Morden mehr in den Vordergrund rücken und dafür die etwas undurchschaubare und umständliche Geschichte um die verschwundene Million vereinfachen müssen, um sie in das Konzept der damaligen Serie einpassen zu können.

  • Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    Eine sehr interessante und schöne Rezension zum Untergang ! Und überhaupt ein gutes Ober-Thema.

    "Der Untergang" ist für eine deutsche Produktion wirklich allererste Güte. Als wenig begeisterter Kinogänger, aber sehr an Zeitgeschichte Interessierter kann ich mich noch genau an das Filmerlebnis vorne in der ersten Reihe erinnern. Ganz am Anfang, als Traudl Junge sich zusammen mit vielen anderen als Sekretärin im Führerhauptquartier bewarb, da hielt der ganze Saal förmlich den Atem an, als zum ersten Mal der "Führer" auf der Bildfläche erschien. Eindeutig kokettiert der Film damit, die Inkarnation des Bösen so realitätsnah wie möglich darzustellen, der morbide Reiz von Psychopathen, Diktatoren usw. fasziniert nun mal die Menschen, zumindest vom sicheren Kinosessel aus.
    Ohne jeden Zweifel ist Bruno Ganz' Darstellung von Hitler eine schauspielerische Leistung. Aber auch die anderen Figuren aus der NS-Riege sind doch sehr, man möchte schon sagen, mit Liebe fürs Detail dargestellt. Heinrich Himmler hatte ich mir nicht so weltmännisch wie im Film vorgestellt, aber das kann so sein oder auch nicht. Natürlich gab es jede Menge Kritik an dem Film. Die Deutschen wurden nicht generell als verbissene absatzknallende Fanatiker hingestellt, wie in den guten alten Sechzigerjahre-Filmen der Amis. Stimmt. Da wurde sich eben in einer neuzeitlichen Verfilmung mal durchaus um mehr Differenzierung bemüht. Einige Kritik war vielleicht gerechtfertigt, Hitlers Schwager Fegelein wurde sicher zu positiv gezeichnet. Aber dass ER nun mal nicht den ganzen Tag nur brüllend herumlief und seine Umgebung terrorisierte, sondern auch Hilflosigkeit oder gar Sympathie für zumindest einige in seiner Umgebung zeigte, dass war den Herren Kritikern wohl einfach zu viel des Guten. Dabei hat sogar unser Reichsobergeschichtslehrer Guido K. zugeben müssen, dass der private Hitler eben kein Monster war, sondern eher im Kreise seiner Mitstreiter, Sekretärinnen und sonstigen Bekannten so eine Art Ersatzfamilie suchte. Das unterschied ihn z.B. von Väterchen Stalin (einem anderen großen "Menschenfreund"), der es liebte, seine Paladine auch noch in seiner privaten Datscha zu demütigen und zu bedrohen. Um so erschreckender die Episoden, in denen Hitler in seinem Bunker seine berüchtigten Wutanfälle auslebte, wobei alle zitternd dastanden und erleichtert waren, nachdem es vorbei war. Gespenstisch auch die Szene, wo er plötzlich von der Rückeroberung der rumänischen Ölquellen schwadronierte, derweil die Russen schon ein paar hundert Meter vor dem Führerbunker standen. Hat er wirklich daran geglaubt? Das konnte und wollte sicher auch der Film nicht beantworten. Dass sogar die Behandlung der letzten Tage Hitlers unfreiwillige Komik in sich bergen kann, beweist der Moment, wo Goebbels die Sekretärin bittet, sein Testament abzutippen, und sie keine Zeit hat, weil gerade das Testament des "Führers" abschreiben muss. Natürlich, recht makaber das Ganze. Am schlimmsten sicher die sehr drastisch gezeigte Ermordung der Goebbels-Kinder durch ihre eigene Mutter - so was ist wirklich Fanatismus. Der anschließende Selbstmord des Goebbels-Ehepaares wurde falsch dargestellt - ein durchaus verschmerzbarer Schnitzer in einer ansonsten sehr um historische Korrektheit bemühte Verfilmung. Wer weiß schließlich schon ganz genau bis zum letzten, wie damals alles war?
    Daneben gibt es auch noch ausreichend Szenen von Kämpfen, Kindersoldaten, Volkssturmmännern, fliegenden Hinrichtungskommandos, hektischen Notamputationen auf der einen Seite und Eiserne-Kreuz-Verleihung auf der anderen Seite des U-Bahntunnels, jede Menge leidende Zivilisten. Wenn man dem Film überhaupt etwas vorwerfen kann, dann ist es das bis kurz vor Ende fast völlige Fehlen von russischen Soldaten. Die Russen existieren außerhalb ihrer Kommandostäbe nur durch Explosionen ihrer Granaten. Sie haben keine sichtbaren Verluste, begehen aber auch keine Gräueltaten an der Zivilbevölkerung. Beides bleibt nur den Deutschen vorbehalten. Das wirkt bei einer Geschichte, die auch die Kämpfe um und in Berlin einschließt, zumindest befremdlich.

    "Der Untergang" bietet im Gesamten eine gelungene Darstellung der letzten Tage im Führerbunker, Geschichte ohne Verharmlosung, aber auch ohne allzuviel einseitigem Moralisieren.

  • Das Gesicht im Dunkel (1924)Datum18.04.2018 20:49
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    Das Maritim-Hörspiel habe ich auch schon mal gehört. Hatte ich schon ganz vergessen, war in einer Sammelbox mit anderen Krimis mit drin. Ist aber nichts bei mir hängengeblieben.
    Der Film "The Malpas Mystery" hat ja im Wallace-Lexikon ganz gute Kritiken bekommen. Eigentlich schade, dass er nicht auf Deutsch vorliegt. Die Handlung scheint sich ja am Buch zu orientieren, aber doch ordentlich gestrafft.

  • Das Gesicht im Dunkel (1924)Datum17.04.2018 20:21
    Thema von Dr. Oberzohn im Forum Romane

    Das Gesicht im Dunkel


    Originaltitel: The face in the night
    Erscheinungsjahr: 1924


    Hauptpersonen:

    Captain Dick Shannon: Kriminalbeamter von Scotland Yard
    Audrey Bedford: junge Frau, die in London Fuss fassen will
    Dora Elton: ihre kriminelle Halbschwester
    Martin Elton: Mann von Dora und Gewohnheitsverbrecher
    Lacy Marshalt : reicher Mann mit ruhmloser Vergangenheit
    Tonger: sein Diener und Vertrauter
    Bill Stanford: Ganove mit vielen Beziehungen
    "Slick" Smith : amerikanischer Edel-Gauner mit geheimnisvollen Hintergrund
    Dan Torrington: reicher Südafrikaner, der im Gefängnis war
    Sergeant Steel: Polizeibeamter
    Mr. Willit: Privatdetektiv
    und
    Mr. Malpas: gespenstischer Verbrecher


    Handlung:

    Das erste Kapitel beginnt wie die Eröffnung zu einem klassischen Wallace-Film: Ein angetrunkener Mann betritt in einer nebligen Nacht ein geheimnisvolles Haus, trifft sich mit dem unheimlichen, offenbar maskierten Bewohner namens "Malpas", bedroht ihn nach einem ekalierenden Streit mit einer Waffe und dann geht plötzlich das Licht aus, Schüsse fallen, und der Betrunkene versucht aus dem Haus zu flüchten. Doch das ist gar nicht leicht, Türen öffnen sich und schließen sich wieder, der Fluchtweg ist versperrt. Der Hausbesitzer mit den scheußlichen Gesicht grinst höhnisch von einer Treppe herunter, bevor er seinen Widersacher ermordet. Kapitelende, und hier erwartet das Kopfkino eigentlich eine blecherne Stimme mit dem wohlbekannten Slogan sowie bunte Schriftzüge und schrille Titelmusik, aber es ist ja nur ein Buch. Das springt an einen gänzlich anderen, gegensätzlichen Handlungsort, es gibt einen glamourösen Botschaftsempfang der Reichen und Schönen, und hier trifft man das erste Mal auf Captain Dick Shannon, Polizeioffizier bei Scotland Yard und dem ersten Eindruck nach ein ziemlich "harter Hund". Er ist dazu abbestellt, die Hautevolee samt ihrem reichlich aufgetragenen Schmuck zu beschützen. Das tut offenbar auch bitter Not, denn er kann unter den Anwesenden "Slick" Smith ausmachen, einen amerikanischen Edelgauner, der sich nach USA-Auskunft mit dem Metier des Schmuckdiebstahls beschäftigt und von Captain Shannon prompt eine tüchtige Verwarnung bekommt. Weiterhin erscheinen Lacy Marshalt, ein südafrikanischer Millionär im Diamantengewerbe, und die attraktive Dora Elton, die Frau des schlechtbeleumdeten Gewohnheitskriminellen Martin Elton, die allesamt später noch eine große Rolle spielen werden. Der Abend verläuft ohne weitere Zwischenfälle, aber auf dem Heimweg wird der Wagen der schwedischen Königin überfallen, ihr wertvolles Halsband geraubt und der begleitende Polizist erschossen.
    Als nächste Hauptperson tritt jetzt die junge und hübsche Audrey Bedford auf, die ihre schlechtgehende ländliche Geflügelfarm aufgibt und in London ihr Glück versuchen möchte. Sie lernt zwischendurch kurz Captain Shannon kennen (der natürlich promt "hin und weg" ist) und begibt sich zu ihrer schon weiter oben erwähnten Halbschwester Dora Elton und ihrem Mann Martin. Das geschwisterliche Verhältnis ist nicht ungetrübt; Dora hasst ihre jüngere Schwester und will mit ihr nichts zu tun haben. Das Ehepaar Elton ist aber auch zusammen mit einem Komplizen namens Bill Stanford für den gerade erfolgten Raubüberfall verantwortlich und schmiedet Pläne, wie sie die heiße Ware unbeschadet an den Mann bringen kann. Kaltblütig wird beschlossen, die arglose Audrey Bedford für ihre finsteren Zwecke einzuspannen - was letzten Endes dazu führt, dass die arme Audrey anstelle ihrer Schwester samt Anhang für ein knappes Jahr ins Gefängnis muss, weil sie aus Loyalität über den wahren Sachverhalt geschwiegen hat. Captain Shannon ahnt natürlich den wahren Zusammenhang, kann aber für seine verehrte Audrey nicht viel tun. Der bei dem Raubüberfall erschossene Polizeidetektiv spielt bei dem Strafprozess übrigens keine Rolle mehr. Offensichtlich hat ihn Edgar Wallace schlicht und einfach vergessen, was sogar für seine Verhältnisse ziemlich arg ist und den ersten dicken Minuspunkt einbringt.
    Unterdessen erfährt man, dass Dora Elton offenbar ein Verhältnis mit Lacy Marshalt hat. Mr. Marshalt bewohnt ein Haus am Portsman Square, sein Nachbar im angrenzenden Haus ist der mysteriöse Mr. Malpas, der ganz am Anfang erwähnt wurde. Offenbar fürchtet Marshalt seinen Nachbarn, denn wenn es im Nachbarhaus an die Wand klopft, erschrickt er fürchterlich. Sein Diener und guter Vertrauter Tonger wundert sich über diese Reaktion, doch er weiß, dass Marshalt sich vor einem Mann fürchtet, dem er vor vielen Jahren in Südafrika großes Unrecht antat. Marshalt beauftragt Mr. Willit, einen Beauftragten des Detektivbüros Stormer, das Nachbarhaus zu beobachten.
    Die Affäre seiner Frau mit Lacy Marshalt behagt Martin Elton gar nicht, er will schließlich mit ihm abrechnen. Das führt zu einigem langwierigem Hin und Her. Nach einigen Monaten ist Audrey Bedford wieder aus dem Gefängnis gekommen und will sich eine neue Existenz aufbauen, was gar nicht einfach ist. Schließlich gerät sie gar in die Fänge des unheimlichen Mr. Malpas, der ihr eine seltsame Beschäftigung gibt, außerdem muss sie sich der unanständigen Avancen von Lacy Marshalt erwehren. Dann findet sie noch eine unbekannte Tote im Green Park, die für das weitere Geschehen noch Bedeutung erlangen soll.
    So fließt denn die Handlung über die erste Hälfte des Romans dahin, aber plötzlich überstürzen dich die Ereignisse. Nachdem Captain Shannon das erste Mal das geheimnisvolle Haus von Malpas betritt, beginnt das ewige Spiel mit den sich schließenden und öffnenden Türen, dem aus- und angehenden Licht und ähnlichem Schabernack. Aber plötzlich krachen Schüsse und Lacy Marshalt liegt offensichtlich erschossen in Malpas' Zimmer. Wenig später wird in Marshalts Haus auch der Diener Tonger erschossen. Dafür verschwindet Marshalts Leiche.
    Nun beginnen die recht mühseligen polizeilichen Ermittlungen. Hat Martin Elton die Morde begangen ? Oder etwa "Slick" Smith, der sich die ganze Zeit in der Nähe des Hauses herumtreibt ? Wo ist die Leiche von Marshalt geblieben, die sogar wieder geisterhaft auftaucht und erneut verschwindet ? Was hat es überhaupt mit dem ganzen Spuk in Malpas' Haus auf sich, wo ist der überhaupt verblieben ? Wer ist eigentlich Dan Torrington, ein anderer reicher Mann aus Südafrika, der an dem ganzen Geschehen großes Interesse bekundet und offenbar einen großen Hass auf Lacy Marshalt hatte ? Spielen geschmuggelte Rohdiamanten bei all dem eine Rolle ?
    Die Auflösung aller Fragen braucht noch eine Menge Zeit, es gibt viel Aufregung, Entführung und Mord zu bestehen, ehe sich Captain Shannon endlich mal richtig um seine Angebetete kümmern kann...


    Bewertung:

    Der vorliegende Roman hinterlässt einen sehr zwiespältigen Eindruck. Obwohl zumindest in der zweiten Hälfte viel Wallace-typische Action mit all den bekannten Strickmustern auftaucht (geheimnisvolles Haus mit elektrischen Apparaturen, Entführungen, Morde, doppelte Identitäten, Grusel, ...), wirkt das Ganze zu theaterhaft, um halbwegs glaubhaft zu sein. Man merkt hier wirklich, dass das Theater Wallace' tiefe und lange Zeit unerwiderte Leidenschaft war. Das gilt auch für die Gefühle der Hauptpersonen, die hier im Übermaß ausgegossen werden. So viel Hass, Rachsucht, Liebe und Eifersucht in einen Roman gepresst ist schon zu viel des Guten, zumal es eben auch nur theatralisch rüberkommt und die Personen oft unlogisch und widersprüchlich agieren. Tatsächlich fehlt hier eben wirklich die Tiefe in der Charakterdarstellung.
    Gerade die positiven Helden erfordern einiges an des Lesers Toleranz. Audrey Bedford, die Unschuld vom Lande, hat tatsächlich ein großes Talent, in unangenehme und gefährliche Situationen zu kommen. Kein Wunder bei ihrer kaum glaublichen Naivität und Gutartigkeit. Obwohl ihre Schwester sie ins Gefängnis gebracht hat, später sogar mit einem Messer auf sie losgeht und stets ihre Verachtung zur Schau stellt, kommt sie immer fröhlich angeschnurrt, wenn Dora mit dem Finger schnippst, um sie erneut übers Ohr zu hauen. Sicher, sie hat es wirklich nicht leicht alleine in der großen Stadt, eine junge Frau, die eigentlich an der Armutsgrenze lebt, keine Referenzen aufzuweisen hat und sich der Nachstellungen lüsterner Männer erwehren muss. Ihr selbsternannter Beschützer Captain Shannon ist eigentlich ein ziemlich schwaches Rohr im Wind und keine große Hilfe, da er ständig zu spät oder nur auf den allerletzten Drücker kommt, um seine Liebste zu retten. Er verpasst sie schon, als er sie aus dem Gefängnis abholen will, und das setzt sich bis zum Schluss so durch, wenn sie schreiend dem Unhold der Geschichte gegenübersteht und er weit weg in seinem Büro nachgrübelt, wie denn nun die Lösung des ganzen Falles aussehen kann. Zum Glück für alle Beteiligten gibt es aber noch die Helfer vom Stormerschen Detektivbüro, die die Fäden in der Hand halten, nachdem sich die Polizei so erschreckend unbeholfen anstellt. Selbst nachdem sie nun zum x-ten Mal das Haus von Malpas durchsuchen, sind die Polizisten jedes Mal aufs Neue erstaunt, wenn sich die Haustür von alleine schließt, meistens stehen sie noch auf der falschen Seite der Tür, und der Leser fragt sich wirklich, wie denn die Londoner Polizei zu ihrem guten Ruf gekommen ist. Warum verfolgen sie nicht einfach den Lauf der Stromleitungen, um die geheime Schalttafel zu finden ? Oder lassen den Strom gleich abstellen und nicht erst ganz zum Schluss hin, wobei nicht einmal das richtig funktioniert.
    So sitzt denn Dick Shannon sinnierend an seinem Schreibtisch, zählt die bisherigen Leichen auf und hofft ergeben, dass er bald mal weiterkommen möge. Irgendwann findet ein Beamter, Sergeant Steel, durch Zufall das Versteck der Diamanten, woraus sich dann eine wilde Hatz ergibt, da der unbekannte Schurke des Stückes seine Schätze wieder zurückhaben will. Auch der von vielen gehasste Lacy Marshalt taucht wieder auf, ohne Gespenst zu sein, während sich der im Grunde liebenswürdige Gauner "Slick" Smith immer verdächtiger macht, obwohl er ständig von einem Detektiv der Stormer-Detektei beschattet wird. Deren Hilfe hat auch Marshalts reicher Erzfeind Dan Torrington beansprucht, der seine verschollene Tochter sucht. Wer das wohl sein mag ?
    Im Prinzip ist es das Problem vieler Wallace-Krimis: einen an sich recht dünnen Handlungsfaden durch die Seiten eines ganzen Buches zu spinnen. Da darf die Polizei nicht allzu klug agieren, da sonst die Handlung zu schnell vorbei wäre, aber hier ist es irgendwie zu auffällig. Der Autor verlässt sich zu sehr auf die Gruseleffekte der Handlung, um die Logiklöcher des Geschehens zu übertünchen, allerdings muss man sagen, dass es tatsächlich viele spannende Stellen gibt und man sich durchaus fesseln lassen kann. Bei aller Kritik - der Autor versteht schon sein Handwerk, wenn er will !
    Zum Schluss stehen sich dann gar zwei "Malpasse" im Geisterhaus gegenüber. Das ist schon wieder viel zu dick aufgetragen, aber zur Versöhnung bekommt man dann vom obersten Chef der Stormer-Detektei (der die ganze Zeit eine Tarnidentität hatte) eine Aufklärung über all die mysteriösen Ereignisse vorgetragen, und dann versteht auch Scotland Yard die ganzen Zusammenhänge.

    Tja, für den "normalen" Krimi-Konsumenten ist "Das Gesicht im Dunkel" sicherlich schwer verdauliche Kost, der Edgar-Wallace-Fan wird aber trotz aller Mängel sicher auf seine Kosten kommen.


    Buch:

    Vor langer Zeit habe ich die offenbar besonders in der ersten Hälfte sehr gekürzte Goldmann-Ausgabe gelesen (was bei der dortigen schleppenden Handlung fast verständlich ist, aber das ohnehin etwas konfuse Geschehen noch zusätzlich verwirrt), und vor kurzem die Scherz-Übersetzung mit fast 240 Seiten.


    Verfilmung:

    Tatsächlich existiert eine Verfilmung in der Edgar-Wallace-Serie mit dem Titel "Das Gesicht im Dunkel", aber ausser diesem hat sie absolut nichts mit dem Roman gemeinsam. Vor langer Zeit mal im TV gesehen, kann ich mich nur noch an ein brennendes Spielzeugauto, eine Menge nackte Haut und einen Klaus Kinski erinnern, der mal ausnahmsweise ein "Guter" ist und den Tod seiner Frau aufklären will. Hat mit Edgar Wallace im allgemeinen und mit dem Buch im besonderen wie gesagt keine Überschneidungen. Eigentlich verwunderlich, eine so abstruse Geschichte wie "Das Gesicht im Dunkeln" mit einem Bösewicht, der eine scheußliche Wachsmaske trägt, als Geist erscheint und in einem gespenstischen Haus lebt, wäre doch für die auch und gerade für die Farbfilm-Ära durchaus eine Vorlage gewesen.
    Aber immerhin, der Film "Der Hund von Blackwood Castle", der "nach Motiven von Edgar Wallace" gedreht sein soll, kann mit ein bisschen Fantasie durchaus durch den besprochenen Roman beeinflusst sein. Für den angeblich verstorbenen Kapitän Wilson, dessen Leiche immer mal auftaucht und dann wieder verschwindet, für den Motiv-Hintergrund des Edelsteindiebstahls, für den zwielichtigen (Versicherungs-)Detektiv Tanner (hier sind aber gut und böse vertauscht) sowie die seltsamen technischen Apparaturen (wie die Schachfigur, mit der man Wilsons Sarg öffnen kann), für all das kann durchaus "Das Gesicht im Dunkel" Pate gestanden haben.

  • Die Tür mit sieben Schlössern (1926)Datum12.04.2018 20:09
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    Vielen Dank für die Blumen, Mr. Igle ! So viel Lob macht ja richtig verlegen .
    Aber es soll mir Ansporn sein für viele weitere Rezensionen. Da hat man ja bei Edgar Wallace noch reichlich Stoff...

  • Die Tür mit sieben Schlössern (1926)Datum10.04.2018 20:40
    Thema von Dr. Oberzohn im Forum Romane

    Die Tür mit den sieben Schlössern

    Originaltitel: The door with the seven locks
    Erscheinungsjahr: 1926


    Hauptpersonen:

    Unterinspektor Dick Martin - Kriminalbeamter von Scotland Yard
    Sybil Lansdown - junge Bibliothekarin
    Dr. Staletti - zweifelhafter Arzt und Schlossbesitzer
    Lord Pierce Selford - verschollener Stammhalter eines Vermögens
    Arthur Havelock - Rechtsanwalt der Selfords
    Bertram Cody - ehemaliger Jagdverwalter mit schlechtem Ruf
    Mrs. Cody - seine Frau
    Tom Cawler - Neffe von Mrs. Cody und Chauffeur
    Inspektor Sneed - Vorgesetzter Beamter der Kriminalpolizei
    Lew Pheeny - kleiner Ganove
    Lopez Silva - ehemaliger Gärtner der Selfords
    Giacco - unheimliche Kreatur


    Handlung:

    Dick Martin, ein junger Unterinspektor bei Scotland Yard und ein Wallace'scher Held ohne Fehl und Tadel, hat seinen letzten Tag im Dienst der bekannten Polizeibehörde und will sein Leben weiterhin anders verbringen. Sein Chef Inspektor Sneed gibt ihm noch ein paar langweilige Routineaufgaben, in deren Verlauf er viele der zukünftigen Hauptfiguren des Buches kennenlernt: den diabolischen Dr. Staletti auf dem düsteren Schloss Selford Manor, den ehemaligen Dieb und jetzigen Chauffeur Tommy Cawler (ein alter Bekannter), und -vor allem- die reizende Bibliothekarin Sybil Lansdown. Natürlich fliegen hier schon ein wenig die Funken, aber tatsächlich kennt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal den Namen seiner Angebeteten.
    An diesem Abend bekommt er noch Besuch eines ihm bekannten Einbrechers und Schlossknackers namens Lew Pheeney. Der ist total verstört und erzählt Dick eine ominöse Geschichte: Er hätte für viel Geld in einer Totengruft eine geheimnisvolle Tür öffnen sollen, hatte sich aber nicht mehr sicher gefühlt und war geflüchtet. Dick Martin lässt ihn in seiner Wohnung und trägt ihm auf, seine Erlebnisse niederzuschreiben. Als er wieder zurück kommt, ist Pheeney verschwunden, so denkt er, aber am nächsten Tag fällt ihm der kleine Ganove tot aus seinem Schlafzimmerschrank, in welchem er die ganze Zeit über versteckt war. Irgend jemand hatte ihm mit brutaler Gewalt das Genick gebrochen. Niemand kann sich erklären, warum das Ganze geschah.
    Zunächst aber arbeitet Dick Martin als Privatdetektiv. Der Rechtsanwalt Havelock beauftragt ihn, den Millionenerben Pierce Selford zu suchen. Dieser ist ein rechter Lebemann, treibt sich überall auf der Welt herum, wovon zahlreiche Postkarten zeugen, und steht kurz vor seinem 25.Geburtstag. Havelock hat Befürchtungen, dass der junge Lord unter schlechten Einfluss gekommen ist oder gar irgendwo unstandesgemäß geheiratet hat. So reist denn Dick Martin dem Globetrotter hinterher, ohne ihn jemals zu erwischen. Auf der Heimreise nach England macht er wieder, wie es der arg strapazierte Zufall will, die erneute Bekanntschaft mit der hübschen Sybil Lansdown einschließlich ihrer Mutter. Die beiden Damen waren dem Aufruf eines gewissen Lopez Silva gefolgt, des ehemaligen Gärtners auf dem Selfordschen Anwesen. Dieser hat nach seinem Tod den beiden einen mysteriösen Schlüssel vermacht. Denn die beiden sind weit entfernte Verwandte der Selfords. Das alles klingt ein bisschen wirr und ist es auch. Irgendwie scheint Wallace der Einstieg in diesen Roman etwas schwer gefallen zu sein.
    Nun aber, wieder daheim in London, kommt die Handlung in altbekanntes routiniertes Fahrwasser. Dick kann geradeso den Diebstahl des seltsamen Schlüssels verhindern und begibt sich auf Ermittlung. Was haben all die Geschehnisse zu bedeuten ? Dick Martin befragt Mr. und Mrs. Cody, die in der Nähe des Selford-Anwesens wohnen und früher beim alten Lord Selford in Diensten standen. Wieder läuft ihm der angeblich geläuterte Dieb Tommy Cawler über den Weg. Aber auch dem unheimlichen Dr. Staletti, dem Bewohner des Selford-Anwesens, fühlt er wieder auf den Zahn. Prompt werden einige Mordanschläge auf ihn verübt. Jedes Mal ist eine schreckliche riesige Kreatur daran beteiligt, fast nackt und von gewaltiger Körperkraft, allerdings so schnell und gewandt, dass nur ein flüchtiger Eindruck bleibt. Martins ehemaliger Chef und Freund Inspektor Sneed verdächtigt Dr. Staletti, wieder einmal grausige und ungesetzliche Experimente zu veranstalten, für die er schon in der Vergangenheit berüchtigt war. Doch auch eine Hausdurchsuchung bei dem offenbar etwas größenwahnsinnigen Wissenschaftler bringt keine Ergebnisse. Allerdings zeitigt eine Expedition zu der Selfordschen Gruft zusammen mit Sybil und dem Anwalt Havelock die Erkenntnis, dass hier eine mysteriöse Tür mit sieben Schlössern existiert, hinter der offenbar ein Geheimnis lauert, für das manche Leute töten. Der Schlüssel des ehemaligen Gärtners Silva passt hier, doch wer hat die anderen Schlüssel ? Wieder werden sie von dem riesigen Unhold bedroht. Hatte der ermordete Lew Pheeney etwa auch in dieser Gruft seinen letzten Auftrag erhalten ?
    Offenbar gibt es mehrere Personen, die hier im Trüben fischen. So wird denn die unschuldige Sybil Lansdown von den Codys entführt und unter Druck gesetzt. Schließlich ist sie ja eine Verwandte der Selfords, und da gibt es noch ein Millionenvermögen... Doch wenn sie glaubte, schon schlimm in der Falle zu sitzen, so wird es jetzt erst recht eng, da sich die Verschwörer der Geschichte mittlerweile selber untereinander aus dem Weg räumen wollen und wieder die Horror-Kreatur zum Einsatz kommt, diesmal allerdings wird es recht blutig. Doch Hilfe naht von unerwarteter Seite...
    Unterinspektor Dick Martin hat noch einige bange Augenblicke zu erleben, bis er seine Sybil in die Arme schließen kann. Es gilt noch viele Fragen zu klären: Wer ist für die Morde, die mittlerweile wieder geschehen sind, verantwortlich ? Was ist das Geheimnis der Tür mit den sieben Schlössern ? Was hat es mit der bzw. den unheimlichen Riesen auf sich ? Ist Dr. Staletti der Hauptbösewicht, oder zieht noch jemand im Hintergrund die Fäden ? Wo sind die restlichen Schlüssel für die siebenschlösserige Tür verblieben ? Und vor allem - wo ist der phantomhafte Pierce Selford, den schon seit Ewigkeiten niemand mehr gesehen hat ? Bis zur Auflösung der Rätsel gibt es noch einige gefahrvolle Momente zu bestehen, und es fließt wieder Blut...


    Bewertung:

    Als Edgar Wallace "Die Tür mit den sieben Schlössern" schrieb, war die Hoch-Zeit des englischen Schauerromans schon hundert Jahre vorbei. Das hinderte ihn nicht daran, alle möglichen Versatzstücke aus dieser Epoche in die Romanhandlung einzubauen: ein Wissenschaftler, der wie Frankenstein seine eigenen Kreaturen erschaffen will; die schauerlichen Wesen selber, die zwar monströs sind, aber auch mitleiderregend; natürlich wieder ein düsteres Schloss mit einer noch düstereren Totengruft; und dann die geheimnisvolle Tür mit einem dunklen Geheimnis dahinter. Fehlte nur noch ein Geist, aber so etwas soll der Autor nicht gemocht haben. Natürlich ist das ganze vollkommen unrealistisch, aber wohl kaum ein Wallace-Roman bietet so angenehmen Grusel wie der vorliegende. Einfach phantastisch die Szene in der Totengruft, wo Dick, Sybil und Mr. Havelock ein wenig ratlos vor der namensgebenden Tür stehen, derweil draußen sich langsam ein Gewitter entwickelt, außerdem der Unhold irgendwo unsichtbar im Gebüsch lauert und sich die Spannung geradezu fühlbar aufbaut. Respekt ! Die Handlung ist wirklich fast durchgehend spannend, auch wenn es hier und da mal ein kleines Logikloch gibt.
    Der Unterinspektor Dick Martin ist einer der arttypischen Wallace-Sympathieträger. Noch recht jung, aber schon mit einiger Berufserfahrung, kräftig, intelligent und von geradem Charakter. Zusätzlich hat er ein besonderes Herz für kleine Diebe, wie Lew Pheeney oder Tommy Cawler. Hat er doch seine Kindkeit als Sohn eines kanadischen Gefängnisleiters mitten unter derartigen inhaftierten Straftätern verbracht und allerhand fingerfertige Praktiken von ihnen gelernt. Manchmal setzt er die sogar ein wenig gesetzwidrig ein, wenn es der Wahrheitsfindung dient.
    Sybil Lansdown als weibliche Heldin hat auch wieder die gewohnten ein wenig stereotypen Attribute. Sie ist noch recht jung, arbeitet für ihren Lebensunterhalt, wenngleich diesmal nicht als Sekretärin, sondern Bibliothekarin, und ist natürlich hübsch und eine unverhoffte Millionenerbin. Im Laufe der Handlung entwickelt sie notgedrungen einiges an Tatkraft, um ihren Häschern zu entgehen.
    Von den kleineren Ganoven mit Herz gibt es diesmal gleich zwei, wovon der erste, Lew Pheeney, allerdings recht rasch das Zeitliche segnet. Der andere, Tommy Cawler, macht im Verlaufe der Handlung fast ein wenig eine Läuterung durch. War er zuerst in die Ränke der Bösewichte zumindest zum Teil eingebunden, entwickelt er sich später gar zum selbstlosen Retter der bedrohten weiblichen Unschuld und später zum Rächer seines mutwillig ins Elend gestürzten Bruders. Obwohl auch er seine Hände mit Blut befleckt, schweigt Dick Martin im Dienste einer höheren Gerechtigkeit darüber.
    Die eigentlichen Schurken der Geschichte sind recht unterschiedlich gezeichnet. Schon bald ist klar, dass Dr. Staletti einer der "Bösen" ist, verschlagen, hinterhältig, geschwätzig, dabei trotz seiner Intelligenz ziemlich verwahrlost. Naja, Italiener kommen bei Edgar Wallace selten gut weg. Aber auch die englischen Codies sind nicht viel besser, ein mittelmäßiges Ehepaar, dass nur aus Vernunftgründen geheiratet hat und maßlos in seiner Gier ist. Mrs. Cody ist eine unzufriedene Frau mit fast schon sadistischen Trieben, wenn es möglich ist. Mr. Cody dagegen ist ein unverbesserlicher Gauner mit mühselig aufrechterhaltener bürgerlicher Fassade. Mit beiden soll es ein schlimmes Ende nehmen...
    Doch im Hintergrund gibt es dann doch noch jemanden, der in seiner Respektabilität und Bürgerlichkeit wesentlich schlechter zu durchschauen ist als die Codies, aber auch vor brutaler Gewalt nicht zurückschreckt, wenn er sich schützen will.
    Daneben agieren noch einige andere Figuren, etwa Inspektor Sneed, der vom untergebenen Dick Martin nicht sonderlich respektvoll behandelt wird und aufgrund seiner sprichwörtlichen Faulheit des öfteren einen groben Scherz einstecken muss. Aber die beiden sind eher befreundet und gehen sehr kollegial miteinander um. Im Ernstfall kann man sich auf Sneed (meistens) verlassen. Er ist, ähnlich wie Mr. Havelock, der Anwalt, schon ein etwas ein älterer Herr, aber geistig durchaus rege.
    Eine Sonderstellung nimmt der Helfershelfer für die "grobe" Arbeit der Kriminellen ein. Wie schon weiter oben erwähnt, ist er mehr ein Opfer als ein Täter, doch auch sein Ende ist nicht ersprießlich. Eine unmenschlich starke, aber nicht sehr kluge Kreatur, die von einem verbrecherischen Hirn von außen gesteuert wird - so was kommt im Schaffen des Autors nicht selten vor.
    Zum Ende hin, nachdem sich die Zahl der Schlüsselbesitzer arg dezimiert hat, klärt sich auch das Schicksal des geisterhaften jungen Lord Selford auf. Es gilt für die Helden der Geschichte noch einige böswillige Anschläge auf Leib und Leben zu überstehen, doch dann ist auch das Mysterium der "Tür mit den sieben Schlössern" gelüftet, das Millionenvermögen hat einen dankbaren Abnehmer (bessergesagt Abnehmerin) gefunden, und endlich finden Dick und Sybil auch mal die Zeit für ein paar vertraulichere Worte. Da ist die Schauermär dann auch zu Ende.

    Der Roman "Die Tür mit den sieben Schlössern" ist so eine richtig klassische Wallace-Story mit einigem an "Gothic Grusel". Wenn man sich durch den etwas konfusen Anfang durchgearbeitet hat, ist das Buch sehr lesenswert.


    Buch

    Ich habe hier die normale Goldmann-Ausgabe, dann die Weltbild-Edition (zusammen mit den "Drei Gerechten") sowie die Ausgabe von Heyne gelesen. Die Übersetzerin Marie-Luise Droop hat im Weltbild-Original auf den 200 Seiten ganze Arbeit geleistet, wirklich sprachlich sehr ansprechend. Die Goldmann-Ausgabe wurde offenbar behutsam modernisiert und eventuell hier und da leicht gekürzt, aber das fällt nicht so ins Gewicht, ist vom Sprachstil her noch besser. Die Heyne-Ausgabe fällt sprachlich ziemlich ab. Auch ist sie nicht sehr genau, z.B. aus einem "Mann mit zwei automatischen Pistolen" wird ein "Mann mit zwei Maschinenpistolen" - doch ein gewaltiger Unterschied. Es gibt eine Stelle im Roman, wo die Weltbild/Goldmann-Ausgabe offenbar gekürzt wurde, als Staletti seine Kreaturen "füttert". Ansonsten ist es wohl einer der wenigen Fälle, wo mann die Nachkriegs-Goldmann-Ausgabe zum Lesen empfehlen kann.


    Verfilmung:

    Der Roman wurde schon mal 1940 in England verfilmt, allerdings mit einigen Änderungen zum Buch hin. Leider verfällt der Film immer dann, wenn es gruselig wird, in irgendwelchen Klamauk, so dass der Eindruck eher zwiespältig ist.
    Der deutsche Regisseur Alfred Vohrer versuchte sich dann gute zwanzig Jahre später auch noch mal an dem Stoff, mit wesentlich besseren Ergebnissen.
    Traurigerweise gilt die deutsche Edgar-Wallace-Verfilmung von 1962 bei vielen als langweilig oder gar misslungen. Persönlich kann ich das überhaupt nicht teilen. Als ich sie vor vielen Jahren heimlich tief in der Nacht im elterlichen Wohnzimmer geguckt habe, da war ich hellauf begeistert. Na gut, das Gefühl habe ich jetzt nicht mehr, aber das geht mir eigentlich bei allen Filmen meiner Kindheit so. Wenn man dem Film etwas vorwerfen kann, dann ist es das mitunter völlige Fehlen einer akzeptablen Filmmusik. Da wurde echt gepfuscht. Auch das unerklärliche Wegfallenlassen der recht brutalen Eröffnungssequenz, die man im Filmtrailer teilweise noch sehen kann, ist unentschuldbar. Allerdings ist die sonstige filmische Umsetzung des Romans in Ordnung und besonders die Darstellerriege ist erste Klasse. Heinz Drache agiert als Inspektor Dick Martin gewohnt kühl und leicht überheblich, ihm zur Seite steht sein Assistent Holmes, eine hinzugedichtete Figur für den lieben Eddi Arent. Mir gefällt sein Humor hier, einzigartig die Szene, wo sich die beiden gerade so aus einem Auto retten können, das dann in einem See versinkt. Kommentar Holmes: "Schade. Ich hatte ihn eben erst vollgetankt !". Sybil Lansdown wird von Sabina Sesselmann gespielt, eine sehr hübsche und nette Blondine, die man ruhig öfter als zweimal in der Serie hätte sehen wollen. Klaus Kinski hat nur eine unbedeutende Rolle als Kleinganove Lew Pheeney, der recht bald malerisch als Leiche aus dem Schlafzimmerschrank herausfällt. Jan Hendiks hat den Part des eigentlich sympathischen Diebes und Chauffeurs Tommy Cawler. Dagegen wird der furchterregende Unhold Giacco wieder von Ady Berber verkörpert, obwohl er irgendwie nicht ganz so böse wie der "Blinde Jake" rüberkommt. Dagegen ist der Dr. Staletti , gespielt von Pinkas Brown, wirklich ein Ausbund an Bösartigkeit und Wahnsinn. Mir gefällt er in seiner Darstellung dieser Figur als gepflegter und fast schon intellektueller Arzt besser als der verschmutzte Hutzelgnom, der er eigentlich in der Romanvorlage ist. Ein besonders einprägsames Verbrecherpaar sind die Codies. Hier agiert Werner Peters als nervöser und unterwürfiger Betram Cody neben Gisela Uhlen, die eine eiskalte und herrische Frau vom Allerfeinsten mimt. Beide lauschen gerne mal den hehren Orgelklängen von Bach, was dann bei Mrs. Codies Abtritt von der Bildfläche noch einmal recht makaber zum Spielen kommt. Siegfried Schürenberg gibt seinen Einstand in die Serie als leicht vertrottelter Polizeichef. Daneben spielen noch Friedrich Joloff als angeblich stummer Hausmeister Burt (eine dazugedichtete Rolle) und Hans Nielsen als scheinbar seriöser und väterlicher Rechtsanwalt Havelock.
    Die Handlung des Films ist natürlich an einigen Stellen besonders zum Ende zum Roman hin abgeändert worden, der Regisseur wollte weder eine Weltreise noch ein brennendes Schloss in seinem Budget verantworten. Dr. Staletti will hier an dem gefangenen Tommy Cawler noch den russischen Professor Pawlow übertrumpfen, was eigentlich für die Handlung wenig Sinn macht, aber besonders gruselig wirken soll. Auch der junge Lord Selford nimmt ein anderes, aber wenig besseres Ende als im Buch. Ansonsten hat man sich doch weitgehend an die Vorlage gehalten, es ist eine recht werkgetreue Verfilmung.
    Besonders rührend finde ich immer ganz den Schluss des Films, als die geheimnisvolle Tür nun endlich geöffnet wurde und den Beteiligten eine nicht mehr ganz taufrische Leiche entgegenmodert. Da schickt der Inspektor Martin seine erschrockene Sybil ganz altpasternalisch nach draußen ("Das ist nichts für dich. Ich bring dich dann nach Haus".) und sie gehorcht ihm auch wohlgefällig. Ach waren das noch Zeiten - keine saucolen abgeklärten schmuddeligen Fernsehkommissarinnen, die den Kerlen erst mal zeigen müssen, wo es lang geht. Früher war vielleicht doch einiges besser...

    "Die Tür mit den sieben Schlössern" ist ein typischer Wallace-Film mit allen Zutaten inklusive Schlössern, Geheimgängen, Nebel, Morden , Bösewichtern und smarten Helden. Lohnt sich anzuschauen.

  • Bewertet: "Der Zinker" (1963, 12)Datum08.04.2018 19:31
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    Ich glaube, das Problem ist, dass zu viel über die Filme und zu wenig über die Bücher von Edgar Wallace geschrieben wird. Ich war auch vor zehn Jahren schon mal längere Zeit unter anderem Namen angemeldet , aber da ging es schon für meinen Geschmack auch zu viel um die Filme bzw. alles darum, wie viele Pixxel genau nun jedes Standbild hat und wann irgendein Film irgendwo mal mit welchem Vorspann gezeigt wurde usw. Naja, für mich persönlich jetzt nicht sooo interessant.
    Die Romane von Edgar Wallace hätten es auch verdient, so sorgfältig durchgekaut zu werden, da vieles was Filme angeht heutzutage auch Bücher betrifft. Ich meine eben den oft unerträglichen Einheitsbrei, zu viel technischer Schnickschnack bei allem, unerträgliche Brutalität, aber auch die ständige Political Correctness und der ganze hingeseierte Weltschmerz. Von so etwas wird man bei Krimiklassikern, eben auch Romanen von Edgar Wallace, völlig oder weitgehend verschont. Interessant eben auch der zeitliche Abstand - fast schon hundert Jahre. Manches wirkt antiquiert, manches modern. Da könnte man wohl viel draus machen, aber leider wird heutigentags wohl kaum noch gelesen, und wenn, dann nur Mainstream-Reißer. Schade.
    Zumindest gibt es im Forum, so weit mir bekannt ist, noch keinen Thread über die Rangfolge der Wallace-Filme, die sich am nahesten am Roman bewegen. Oder wo das Drehbuch am besten umgeschrieben wurde, um die Handlung im Vergleich zu straffen oder nachvollziehbarer zu machen (Auch das gibt es - Edgar Wallace hat sich in seinen Büchern auch nicht gerade um die Logik geschert und viel dem Zufall überlassen. Manchmal wurde das in den Filmen verbessert, wie beim "Frosch" mit dem gefilmten Mord). Das wäre doch vielleicht noch was, was nicht so ausgenudelt ist.

  • Bewertet: "Goldfinger" (3)Datum07.04.2018 21:07
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    Goldfinger ist der einzige Bösewicht der Sechziger Jahre, der nicht irgendwie mit Blofeld zusammenhängt. Alleine deswegen ist der Film schon einzigartig !

  • Bewertet: "Der Zinker" (1963, 12)Datum07.04.2018 20:51
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    Ja, diese Stelle stört mich auch jedes Mal. Ist wirklich extrem unlogisch. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass sogar Klaus Kinski diesbezüglich während der Dreharbeiten eine Bemerkung gemacht haben soll.
    Auch das Geständnis zum Schluss des Films hätte wohl kein Gericht anerkannt, da es ja unter Zwang erfolgte. Inspektor Elford hätte das ja wissen müssen.
    Außerdem ist es vollkommen unlogisch, dass man die Leiche von Captain Leslie mit Absicht wieder zu Tage förderte, wo man sie doch in der Kiste problemlos hätte verschwinden lassen können. Da wurde doch der Verdacht erst wieder auf die Tierhandlung gelenkt.
    Naja, Logik ist nun mal keine Stärke der Wallace-Filme. Da könnte man wohl endlos weitermachen... Aber das mit der Schlange beim Zinker ist schon irgendwie ganz besonders krass.

  • Stilelemente in Wallace-RomanenDatum02.04.2018 19:11
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    Hier mal ein wiederholt auftretendes Handlungselement in den Romanen, auf das auch Margaret Lane in ihrer Edgar-Wallace-Biografie hinweist:

    Schiffsentführungen

    Manchmal liebte es der gute Wallace richtig klotzig. Da musste schon mal ein ganzes Schiff geklaut werden, mit oder ohne Mannschaft. Die Geheimloge in dem Roman Im Banne des Unheimlichen entführt gar einen richtigen großen Luxusdampfer samt allen Passagieren, um ein Lösegeld zu erpressen – Vorlage für einige mehr oder weniger tolle Hollywoodfilme, die in den Jahrzehnten danach folgen sollten. Dagegen kapern die „Gummibrüder“ am Ende des Thrillers Das Gasthaus an der Themse ein Kriegsschiff, wobei die Besatzung niedergemetzelt wird. Damit wollen die Bösewichter auch hier wieder ein Passagierschiff entern, um sich mit ihrer zusammengeraubten Beute nach Südamerika absetzen zu können. Der Plan misslingt allerdings, das Kriegsschiff wird von Küstenartillerie zusammengeschossen. (In diesem Buch spielen Schiffe überhaupt eine sehr große Rolle). Relativ unaufgeregt erfolgt die versuchte Entführung einer Jacht in dem Roman Penelope von der Polythania, eine Schiffentführung auf Sparflamme sozusagen (das betrifft leider auch den ganzen Roman). Etwas drastischer geht es da schon wieder im Mann von Marokko zu, wo maurische Piraten vor der afrikanischen Küste eine englische Luxusjacht kapern wollen, was selbstverständlich nicht gelingen darf.

    Das Motiv einer Schiffsentführung klingt auch in dem Buch Die gelbe Schlange an. Hier wollen diesmal zum Schluss „die Guten“ die Macht über ein Schiff in Diensten der Verbrecher erringen, das alles geht nach viel Dramatik natürlich nicht ohne abschließende Explosion ab. Soweit ich mich erinnern kann, knallte es am Ende des Romans Das Verrätertor auch an Bord eines Themseschiffes recht gewaltig, das die Gangster besetzt hatten.

    Der Hauptverbrecher in Die blaue Hand wird zuletzt auch an Bord seiner Jacht irgendwo im Ozean gestellt, hatte er doch auch noch die nette Heldin gekidnappt. Auch das ist ein häufiges Thema bei Wallace – die Verschleppung einer Person auf ein Schiff. Die unschuldige junge Schönheit des Krimis Der grüne Bogenschütze sieht sich auf einem Frachtschiff wieder, auf das sie ihr skrupelloser Onkel entführen ließ, um sie nach Südamerika zu entführen oder auf See gar Schlimmeres anzustellen. Natürlich wird sie noch rechtzeitig, allerdings nach langem Hin und Her, befreit.
    Sicher gibt es noch etliche andere Beispiele, die Wallace‘ Vorliebe für dramatische Geschehnisse auf Schiffen belegen können. Die Themse mit ihren vielen Häfen taucht oft in seinem Werk auf – er war eben das Kind einer Seefahrernation. Vielleicht hätte er mal zu seinem und der Leser Vergnügen eine richtig schöne Seeräubergeschichte schreiben sollen, so eine Art Francis Drake in Wallace-Manier !

  • Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    Oh ja! Bitte unbedingt weitermachen mit den Besprechungen! Louis de Funes ist vielleicht DER Held meiner Kindheit. Einen Louis-Film zu gucken war damals absolutes Pflichtprogramm. Am besten gefielen mir neben der Fantomas-Trilogie immer die Polizistenfilme mit Louis als Wachtmeister Cruchot. Da konnte er immer zu Hochform auflaufen und den für ihn so typischen, trotz allem sympathischen Unsympathen spielen: nach oben katzbuckeln und nach unten treten. Unvergessen, wie er seine "Josepha" kennen- und liebenlernte. DAS waren wirklich noch Komödien. Warum gibt es so was eigentlich heute nicht mehr?

    Den Film mit dem "Geldschrankknacker" habe ich neulich mal bei einem der wenigen Ausflüge ins Fernsehprogramm gesehen. Ich fand ihn auch überraschend gut gemacht.

  • Gucumatz (1927)Datum29.03.2018 12:27
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    "Gucumatz" ist wirklich ein Geheimtipp unter den nicht so bekannten Romanen. Vor allem fragt man sich, wieso diese Geschichte nicht verfilmt wurde, am besten noch in der guten alten SW-Ära. Vom Stoff hätte sie doch mehr hergegeben als z.B. das "Geheimnis der gelben Narzissen". Das finde ich zwar auch nicht schlecht, aber es waren doch beträchtliche Änderungen notwendig, um einen nicht mal sonderlich guten Film zu drehen. Bei "Gucumatz" hätte man an der Handlung gar nicht mal so viel ändern müssen, natürlich hätte der "Bodycount" erhöht werden müssen, zwei Leichen reichen nun mal nicht für einen zünftigen deutschen Edgar-Wallace-Film. Dem Streifen hätte man den Originaltitel "Die gefiederte Schlange" geben sollen.
    Die männliche Helden-Hauptrolle des Filmes hätte sich wohl von dem Reporter Peter Dewin auf Inspektor Clark verlagert. Da könnte ich mir eher Heinz Drache als "Blacky" vorstellen. Den Reporter könnte in einer Nebenrolle wieder mal Eddie Arendt spielen. Als weibliche junge Unschuld Daphne Olroyd hätte ich mir Sabina Sesselmann gewünscht (die hätte ruhig öfter in der Serie mitspielen können...).
    Als die von der "Gefiederten Schlange" verfolgten Personen könnte ich mir Leicester Crewe gut von Pinkas Brown verkörpert vorstellen. Er hätte eine Rolle als diabolischer Hauptbösewicht bekommen. Die kalte berechnende Tänzerin Ella Creed hätte Margot Trooger spielen können. Joe Farmer wäre von irgendeinem Statisten gespielt wurden, dagegen Major Paul Staines (anstatt der Malerin Paula Staines) Ulrich Beiger. Weiter haben wir noch Gregory Beale, den Südamerika-Forscher. Dessen Part ist mir etwas ungewiss, irgendeine Gastrolle, vielleicht soger wieder Günther Pfitzmann ? Dann noch Jan Hendriks als Diener von Gregory Beale, und als ehemaliger Sträfling und Wissensträger Harry Kane geht sicher Friedrich Joloff. Natürlich darf der Scotland-Yard-Chef Sir John alias Siegfried Schürenberg nicht fehlen.

    Im Grunde hätte die Verfilmung ein paar Anleihen bei "Das Geheimnis der schwarzen Witwe" und dem "Zinker" nehmen können.
    Die Mordwaffe wäre eine Luftpistole oder besser noch ein Luftgewehr gewesen, welches Pfeile bzw. Bolzen mit irgendeinem südamerikanischen Pfeilgift verschießt. Am Anfang, in der Eingangssequenz, hätte es Joe Farmer erwischt, als er gerade von einem Nachtclubbesuch nach Hause kommt. Der Schuss kam aus einem schicken eleganten Wagen, so wie beim Zinker. Den Überfall auf Ella Creed vor ihrem Theater mit der Botschaft der gefiederten Schlange und dem Diebstahl ihres goldenen Eheringes hätte man gleich hinterherschicken können. Im Verlauf der Ermittlungen wäre Inspektor Clarke dahintergekommen, dass der Personenkreis um Leicester Crewe in einen illegalen Handel mit südamerikanischen Antiquitäten verstrickt ist. Dabei sind sie in ihren Methoden nicht zimperlich, was schon mal in der Ermordung eines Zollbeamten endet, der den Verbrechern auf die Schliche kommt. Am Anfang ist die Verwirrung groß, warum wurde Farmer getötet, und warum wurden Bilder mit der gefiederten Schlange gefunden ? Irgendwann bekommt Major Staines kalte FÜße, will sich absetzen und wird prompt als nächtster mit einem Pfeilschuss getötet. Auch hier wird wieder eine Botschaft der gefiederten Schlange gefunden. Jetzt sind natürlich die anderen, allen voran Leicester Crewe, in Verdacht geraten, der Mörder zu sein. Derweil sucht Inspektor Clarke Hilfe bei dem bekannten Südamerika-Experten Gregory Beale. Nach ein paar schauerlichen Geschichten über südamerikanische Geheimbünde und aztekische Opferriten stellt ihm Beale seine neue Sekretärin Daphne Olroyd vor. Es kommt, wie es kommen muss: die beiden finden Sympathie aneinander. Derweil ist der Reporter Peter Dewin einer anderen Sache auf der Spur. Er beobachtet heimlich, wie der Insasse des eleganten Autos aus dem Wagenfenster heraus dem ehemaligen Sträfling Harry Kane an einer Kreuzung im Londoner Zentrum immer mal wieder Geld in die Hand drückt. Nachforschungen ergeben, dass er vor geraumer Zeit in einen Unfall verstrickt war, bei dem ein ehemaliger Mithäftling getötet worden war. Offenbar erpresst er den Fahrer des Nobelautos mit etwas. Dewin teilt seinen Verdacht Inspektor Clarke mit, aber als sie dem Unbekannten bei der nächsten Geldübergabe eine Falle stellen wollen, erschießt dieser Kane vorher wieder mit einem Giftpfeil und flüchtet.
    Weitere Ermittlungen ergeben, dass der ehemalige bei einem Unfall umgekommene Mithäftling von Kane der Ex-Mann von Ella Creed, der kriminellen Tänzerin, war. Dieser war damals wegen einer großen Schwindelei ins Gefängnis gekommen, obwohl es Zweifel an seiner Täterschaft gegeben hatte. Der Verdacht wurde laut, dass er einer Intrige seiner Frau sowie Crewes (ihres Liebhabers), Farmers und Staines zum Opfer fiel.
    Mittlerweile kommt Daphne Olroyd durch Zufall den aktuellen finsteren Machenschaften von Leicester Crewe auf die Spur, da dieser mehr als nur ein Auge auf sie geworfen hat und unvorsichtig geworden ist. So muss sie zwischendurch mal kurz von Inspektor Clarke gerettet werden. Crewe und Ella Creed wollen sich, jeder für sich, aus England absetzen, und Crewe möchte einen Gutteil seiner geschmuggelten Antiquitäten bei Gregory Beale an den Mann bringen, der daraufhin großes Interesse signalisiert. Bei einem Treffen der beiden in Beales Privathaus wird Crewe aber offenbar von draußen durch das Fenster erschossen, wiederum mit einem Luftgewehr. Diesmal ist das Geschoss ein goldenes, extra angefertigtes Projektil. Jetzt fragt sich Inspektor Clark natürlich, warum Crewe nicht wie die anderen mit einem Giftbolzen getötet wurde. Er schlussfolgert irgendwann, dass das goldene Projektil aus dem gestohlenen Ehering von Ella Creed gefertigt wurde und Crewe von dem gar nicht toten Exmann von Ella Creed erschossen wurde. Harry Kane wusste, dass er noch lebte, und wurde dann irgendwann deswegen ermordet. Inspektor Clarke hat jetzt Zweifel an der Darstellung von Crewes Ermordung durch Gregory Beale.

    Aber nun wird als nächste Daphne Olroyd entführt, nachdem sie von einer Unterredung mit Ella Creed aus deren Theater kam. Die heimtückische Creed hatte eine Vorahnung gehabt und scheinbar wohltätig Daphne ihren auffälligen Mantel gegeben. Der Luxuswagen des Entführers steuert ein einsames Gehöft außerhalb Londons an, wo sie in eine unterirdische Zelle gesperrt wird. Eine maskierte Gestalt betrachtet sie in ihrer Zelle, wendet sich aber dann an einen Mittäter und schimpft, dass er die Falsche erwischt hat. So wird auch die Tänzerin Ella Creed noch kurz vor ihrem Abflug am Airport gekidnappt und ebenfalls in die Zelle zu Daphne Olroyd gesperrt. Dort sollen sie nun den Rest ihres Lebens zubringen. Hier gibt sich die geheimnisvolle "Gefiederte Schlange" als Gregory Beale zu erkennen, sein Gehilfe ist sein Diener. Creed erzählt Daphne die ganze Geschichte, wie man Beale damals gemeinsam ins Gefängnis brachte und dass er nun Rache nimmt. Den beiden Frauen gelingt es, den Diener zu überwältigen, aber die boshafte Creed schließt Daphne wieder in der Zelle ein und flüchtet alleine. Zwischenzeitlich hat der Reporter Peter Dewin die Entführung von Ella Creed beobachtet und Inspektor Clarke wieder einen Tipp gegeben. So kann er dann Daphne aus ihrer Zelle retten, während Ella Creed auf die Straße läuft und ein Auto anhalten will. Zu spät erkennt sie, dass es Beale ist, der sie überfährt. Wenig später versucht er einer Polizeiabsperrung auszuweichen und stürzt in einen Teich, wo er etrinkt.

    Zum Schluss werden Inspektor Clark und Daphne Olroyd ein Paar, während Der Reporter Peter Dewin die Geschichte der "Gefiederten Schlange" seiner Zeitung für gutes Geld verkaufen kann.


    Ich hoffe, dass alles klingt nicht zu dilettantisch und wirr. Aber so ähnlich sind ja die Filme meist auch gedreht wurden, Wert auf viel Logik wurde nicht gelegt. Es wäre aber noch die Hauptfabel des Romans erhalten geblieben.
    Auf alle Fälle hätte das Buch eine recht werkgetreue Verfilmung verdient. Die Story vom ehemaligen totgeglaubten Gefangenen, der sich an seinen Verderbern rächt, ist zwar nun nicht sonderlich originell, aber doch recht zählebig und wird auch heute noch gern als Roman- oder Film-Thema genutzt.

  • Der Banknotenfälscher (1927)Datum24.03.2018 19:30
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    Tatsächlich ist das Thema "Konzentration auf die Krimihandlung" einer der Hauptgründe, warum ich viel lieber beim Lesen (und auch als Film) auf Krimi-Klassiker zurückgreife. Helden, die ständig jammervoll am Zustand der Welt verzweifeln und mit privaten Problemen überfrachtet sind, brauch ich mir zur Entspannung nicht anzutun. Angefangen hat alles wohl mit den "Schwedenkrimis" von Walhöö/Sjöwall, obwohl die privaten Probleme der Akteure und die gesellschaftlichen Kritiken bei den ersten dieser Bücher durchaus noch Interesse wecken konnten. Da war es noch nicht so dick aufgetragen wie in den späteren Büchern, von den heutigen Schweden-Erzeugnissen mal ganz zu schweigen.

    Ich habe z.B. neulich mal die etwa 70 Jahre alte Kriminalgeschichte "Die heisere Schwalbe" von Erle Stanley Gardener gelesen. Was der Schriftsteller da alles an überraschenden Wendungen und Handlungsvielfalt in die recht kurze Story hineingepackt hat, das würden heutige Autoren wohl nicht mal in zwei dickbändigen Romanen schaffen. (Gardener war wie Wallace ein ungeheuer schöpferischer Autor, benutzte auch ein Diktaphon und hatte einen Stab von Sekretärinnen, die die seine Werke abtippten. Seine Plots waren wesentlich raffinierter als bei Wallace, allerdings die Handlung meist auch viel konventioneller. Sein Aufstieg begann etwa zur Zeit von Wallace`Tod).

    Wenn man Edgar Wallace immer wieder vorgeworfen hat, seine Figuren seien zu zweidimensional (was häufig ungerecht ist), so hat er seinen Lesern wohl eher einen Gefallen damit getan. Das ist bestimmt auch ein Grund, weshalb prominente und alles andere als dumme Menschen zu seinen Büchern gegriffen haben - es zählte allein die Phantasie und nicht die raue Wirklichkeit.

  • John Flack (1927)Datum24.03.2018 18:26
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema

    John Flack


    Originaltitel: Terror Keep
    Erscheinungsjahr: 1927


    Hauptpersonen:

    Mr. J.G. Reeder - Beamter der Staatsanwaltschft
    Margaret Belman - seine junge Bekannte, arbeitet als Sekretärin
    John Flack - geistesgestörter "Super"verbrecher
    Olga Crewe - junge Frau mit ungeklärter Vergangenheit
    Georg Ravini - verräterischer Chef einer Ganovenbande
    Mr. Daver - Pensionsbesitzer mit seltsamen Hobbies
    Mrs. Burton - Köchin
    Oberst Hothling - fragwürdiger Pensionsgast 1
    Ehrwürden Dean - fragwürdiger Pensionsgast 2
    Sergeant Brill - Kriminalbeamter von Scotland Yard
    Sergeant Gray - Kriminalbeamter von Scotland Yard
    Oberinspektor Simpson - Kriminalbeamter von Scotland Yard


    Inhalt:

    Im Zuchthaus Broadmoor sitzt seit geraumer Zeit ein Mann ein, der es englandweit zu einiger "Berühmtheit" gebracht hat. Sein Name ist John Flack, und er war einst ein berüchtigter und gerissener Bandenchef, der spektakuläre Raubüberfälle beging und auch nicht vor Mord zurückschreckte. Sein amtlich festgestellter Irrsinn rettete ihn vor dem Henkerstrick, aber eines Tages verschwindet der Schurke unter Zurücklassung eines toten Wärters aus seiner Zelle hinaus in die Freiheit, wo er noch viele dunkle Pläne hat, die er verwirklichen will. Da kann nur einer helfen - der Mann, welcher ihn schon einmal dingfest machte und von ihm ganz besonders gehasst wird. Es ist der schrullige Junggeselle Mr. J. G. Reeder, ein hochrangiger Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft, einer der wenigen Helden, die Edgar Wallace in mehreren seiner Geschichten auftreten ließ. In einer dieser Geschichtensammlungen (Der sechste Sinn des Mr. Reeder) trifft Mr. Reeder immer wieder auf die junge Miss Belman, von ihm bald verschämt-vertraulich "Miss -hm- Margaret" genannt, die mit ihren Anfang der Zwanzig Jahren wenigstens halb so alt wie er ist. Trotz des Altersunterschiedes und Mr. Reeders altjüngferlicher Schüchternheit stellt sich bald ein Vertrauensverhältnis zwischen den beiden ein, ja der gute Mr. Reeder muss sie sogar ab und zu aus der einen oder anderen Bredoullie retten, und in der letzten Geschichte dieser Sammlung gelingt den beiden gar eine knappe Flucht aus einer Ertränkungskammer, wobei sie nur in ihrer Unterwäsche den Heimweg antreten können. Man kann davon ausgehen, dass Mr. Reeder deswegen mehr emotionale Schrecken durchlebt als durch die Todesgefahr, welcher er eben entronnen ist. Sei es drum - zu Beginn des Romans "John Flack" sind die beiden schon gute Bekannte, wenngleich noch lange kein Liebespaar. Auch Miss Belman spielt in der nun folgenden Handlung eine entscheidende Rolle.
    Just zu dem Zeitpunkt, da der größenwahnsinnige John Flack seine Flucht zu seinen immer noch zahlreichen in Freiheit lebenden Gefährten bewerkstelligte, bekam die arbeitssuchende Miss Belman ein gutes Angebot, als Sekretärin in "Larmes Keep" (Das Verlies der Tränen), einem düsteren Gemäuer an der englischen Küste in der Nähe von Siltbury, zu arbeiten. Der Bau wird von einem Mr. Daver als Pension geführt, ein etwas verschrobener älterer Mann, der aber sofort von Miss Belman begeistert ist. Zu Miss Belmans Enttäuschung ist Mr. Reeder sogar erfreut, dass sich Miss Bellman aus seiner Nähe entfernt. Aber da John Flack wieder in Freiheit ist, will Reeder seine gute Bekannte außerhalb der Gefahrenzone wissen, in der er fortan leben muss. Außerdem gibt es da noch einen äußerst aufdringlichen Verehrer, Georg Ravini, den Margaret Belman abschütteln will. Dieser Georg Ravini, ein eitler Italiener und so eine Art Mafiaboss, ist auch ein guter Bekannter von Mr. Reeder. Schließlich war er es, der den alten John Flack vor sechs Jahren der Polizei ans Messer geliefert hat. Das macht ihn zu Hauptfeind Nummer Zwei des Bösewichts.
    Kurz darauf entgeht der listige Mr. Reeder daheim in London in guter alter Wallace-Manier einigen Mordanschlägen, derweil Margaret ihre neue Stelle in Larmes Keep bei dem wundersamen koboldartigen Mr. Daver antritt und Bekanntschaft mit der mürrischen Köchin Mrs. Burton macht sowie mit der jungen Olga Crewe, die dort schon seit langer Zeit wohnt, und einiges an Personal und einen britischen Oberst und einen Geistlichen als Gäste kennenlernt. Der eingebildete Ravini ist ihr in der Zwischenzeit nach Larmes Keep nachgereist, will er doch den Korb nicht gelten lassen, den sie ihm gab. Aber eines Nachts verschwindet er unter mysteriösen und beunruhigenden Umständen. Dafür bekommt Mr. Reeder untrügliche Hinweise darauf, dass Ravini ermordet wurde, und begibt jetzt selber nach dem Ort, wo der Ganove zuletzt gesehen wurde - eben zum Verlies der Tränen, das geheimnisvoll und finster am Rande einer Klippe steht und allerlei Geheimnisse zu verbergen scheint. Längst ahnt er wohl schon, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht, und so langsam nimmt die Handlung jetzt Fahrt auf. Der geschworene Feind aller Verbrecher schnüffelt ein wenig auf dem Anwesen herum, hört und sieht sich um und wird eines Nachts gar vom leibhaftigen Supergangster Flack auf seinem Zimmer besucht, oder hat er sich das nur eingebildet ? Mr. Reeder glaubt nicht daran, er schickt, wie er denkt, seine Angebetete "Miss -hm- Margaret" nach London zurück und sieht sich bald arg in die Klemme gebracht. Jetzt will man ihm richtig ans Leder, aber er übersteht auch dies, doch nun fangen die Verwicklungen erst recht an: ein millionenschwerer Goldtransport wird von der Flack-Bande ebenso genial wie rücksichslos ausgeraubt, und vor allem (und am schlimmsten) ist auch noch seine Miss Belman verschwunden... Es beginnt eine aufregende Jagd, die sich unter die Erde in ein weitverzweigtes Höhlensystem verlagert, denn hier befindet sich wie zu alten Piratenzeiten das Hauptquartier der Verbrecherbande. Nach einem wahrhaft atemberaubenden Finale, nach vielen Gefahren und Verwicklungen, können sich die beiden sympathischen Haupthelden endlich auch menschlich mal näherkommen, aber bis dahin ist es ein turbulenter Weg...


    Bewertung:

    Der vorliegende Roman ist sicher einer der wenig bekannten des berühmten Krimi-Autors. Das ist eigentlich völlig unverständlich, denn es gibt mit Sicherheit wesentlich bekanntere und gleichzeit schlechtere Romane aus der Feder von Edgar Wallace. Vielleicht liegt es einfach am einfallslosen deutschen Buchtitel, das englische Original lässt sich ja reißerischer mit "Der Turm des Schreckens" oder "Das Verlies der Schreckens" übersetzen. Ein Pluspunkt sollte auf jeden Fall der Hauptermittler sein, diesmal kein jugendlicher strahlender Held von Scotland Yard, sondern der schon weit über das Jugendstadium hinausgehende Mr J. G. Reeder, der irgendeinen undefinierbaren Posten bei der Staatsanwaltschaft hat und trotz oder gerade wegen seiner altjungfernhaften Manieriertheit, seiner umständlichen Redeweise, seines stets etwas deprimierten Ausdrucks und der vorgeblichen Milde und zahlreicher anderer Eigenschaften ein eindeutiger Sympathieträger ist. Wenn es hart auf hart geht, dann zeigt dieser Mr. Reeder schon, dass er auch anders kann - schließlich hat er sein Leben lang erfolgreich Gesetzesbrecher ins Gefängnis oder gar aufs Schafott gebracht, ohne dass ihm das den Schlaf rauben würde. Auf jeden Fall hat Mr. Reeder auch ein komisches, fast schon karikaturhaftes Element in sich. Das gleiche gilt auch für den immer mal irrsinnig kichernden Oberschurken, der eine dreiundsechzigbändige Abhandlung über das Verbrechen geschrieben hat. Ja, John Flack ist so ein richtiger englischer Dr. Mabuse, fast könnte man denken, dass Edgar Wallace hier ein wenig bei anderen abgeschrieben hat, aber das hatte er bei seiner ausufernden Phantasie wohl echt nicht nötig. So hat denn der Meisterverbrecher auch ein Hauptquartier, wie es einem Dr. Mabuse geziemen würde. Ein altes burgartiges Gebäude mit einem riesigen Höhlensystem darunter - das ist schon starker Tobak und macht so richtig Spaß zu lesen. Sicher ist es ein gewisser "Mangel" des Romans, dass der Verbrecherboss schon von vornherein feststeht, aber es gibt noch genug doppelbödige Charaktere in Larmes Keep zu entlarven, die alle mit dem Chef in Verbindung stehen, denn hier ist niemand das, was er zu sein scheint. Der Hotelbesitzer und Hobbykriminologe Mr. Daver, die undurchschaubare Olga Crewe, sogar die stets missgelaunte Köchin Mrs. Burton haben alle ihre Geheimnisse.
    Hier gibt es auch wieder die gerne von Wallace verwendeten familiären Verstrickungen. Auch die weiter oben erwähnten Pensionsgäste Oberst Hothling und Ehrwürden Dean werden von Mr. Reeder während einer Bridgepartie mit einigen gelungenen Wortspielen in ihrer wahren Identität entlarvt - eine schöne und intelligent geschriebene Szene.
    Über der vorgeblich freundlichen und sommerlichen Atmosphäre von Larmes Keep liegt eine morbide Stimmung, die sich stetig zu unverhüllter Bedrohlichkeit steigert. Man fühlt richtig die Düsternis und Gefahr, die sich hinter der falschen Oberfläche verbirgt. Das hat der Autor sehr gut dargestellt.
    Die weibliche Hauptrolle in Gestalt der Margaret Belman ist wieder eine der emanzipierteren jungen Damen, die der Schriftsteller auch privat zu schätzen wusste. Immerhin wird sie vom Hauptbösewicht persönlich entführt, kann aber flüchten und muss sich einen Großteil des Romans alleine durchschlagen, erst auf den gefährlichen Klippen und dann direkt in der "Höhle des Löwen". Ihre Rettung durch Mr. Reeder erfolgt nur durch einen großen Zufall (auch hier ist die Plausibilität der Handlung mal wieder sehr fragwürdig) und ist eher unbeabsichtigt. Nein, Miss Margaret kann schon auf sich alleine aufpassen !
    Ob man die Liebesgeschichte der jungen Frau mit dem wesentlich älteren Mann nun gut findet oder nicht, sollte man halt für sich entscheiden. Edgar Wallace hat sich nicht daran gestört - im Gegenteil, er war etwa im selben Alter wie Mr. Reeder, als er seine zweite Frau heiratete, die gleich alt wie Miss Belman war. Ob er da bewusst oder unbewusst etwas literarisch verarbeitet hat, wie man heute wohl sagen würde? Wer weiß...
    Auf alle Fälle gibt es noch eine Menge spektakuläre Szenen, der skrupellose Überfall auf den Goldtransport etwa und besonders das Finale in der Gangsterhöhle. Hier kracht es buchstäblich richtig gewaltig, als das Hauptquartier des wahnsinnigen Verbrechers zusammenstürzt und vom Meer verschlungen wird. Man fühlt sich ein wenig an "Der Untergang des Hauses Usher" von Edgar Allen Poe erinnert, aber "Edgar 2" hat die ganze Sache mit mehreren Potenzen dramatischer gestaltet. Militär und Torpedoboote kommen zum Einsatz, von dem kriegsbegeisterten Wallace auch ein öfter mal eingesetzter Kniff. Für die meisten der Ganoven geht die Sache schlecht aus, und auch Mr. Reeder und Miss Belman entkommen nur knapp der tödlichen Falle.
    Als Belohnung darf Mr. Reeder zum Schluß seiner Margaret unter ihrer tatkräftigen verbalen Mithilfe endlich ein Heiratsangebot machen und spürt zum ersten Mal die weichen Lippen eines Weibes auf den seinen, was ihm großes Vergnügen bereitet. Man gönnt es ihm von Herzen, dem guten alten Knaben !

    John Flack
    ist ein unterschätzter Roman von E.W. Für seine Fans wohl ein Muss zum Lesen !


    Buch:

    Erst habe ich die Goldmann-Ausgabe und dann die Weltbild-Version (zusammmen mit dem "Grünen Bogenschützen") gelesen. Da hat der Roman zweihundert Seiten. Goldmann hat wie immer einige Kürzungen zum Original vorgenommen, allerdings nicht ganz so drastisch.
    Aber alleine der fehlende letzte Satz, als J.G. Reeder die Wonnen eines Kusses genießt, sollte schon für die Weltbild-Ausgabe sprechen, zumal man den sonst so schrecklich verstümmelten Bogenschützen-Roman in seiner vollen Länge genießen kann.

    Offensichtlich hat Edgar Wallace selber großen Gefallen an dem Stoff gefunden, den ein Jahr später verwurstete er das Ganze ähnlich noch einmal zu einem Theaterstück und dann auch zu einem Kurzroman mit dem Titel "Der unheimliche Mönch". Gewiss gibt es in der Wahl der Hauptpersonen, im zeitlichen Ablauf und auch in vielen Handlungssträngen große Abweichungen, aber eben auch frappierend viele Übereinstimmungen: der wahnsinnige Supergangster, der sich in einem Höhlensystem unter einer Pension verbirgt, die von einem Strohmann geleitet wird; ehemalige Mitgefährten, die von ihm in seinem Schlupfwinkel ermordet werden; die Methode des Überfalls auf einen Goldtransporter ist genau die selbe; ... usw.
    Allerdings ist das "Original" John Flack um Längen besser.


    Verfilmung:

    Eine deutsche Verfilmung von John Flack gibt es nicht. Es sei denn, man sieht in den Dr.-Mabuse-Filmen ein wenig "John Flack"...

  • Die Bande des Schreckens (1926)Datum21.03.2018 17:29
    Thema von Dr. Oberzohn im Forum Romane

    Die Bande des Schreckens

    Originaltitel: The Terrible People
    Erstveröffentlichung: 1926

    Hauptpersonen:

    "Wetter" Arnold Long - Inspektor von Scotland Yard
    Clay Shelton - Meisterfälscher und Mörder
    Alicia Revelstoke - vermögende ältere Dame
    Nora Sanders - Privatsekretärin bei Miss Revelstoke
    Godley Long - Bankier und Vater von Arnold Long
    Joshua Monkford - Bankier
    Mr. Cravel - Hotelbesitzer mit zweifelhaftem Benehmen
    Alicia Cravel - seine Schwester
    Frederick Henry - strebsamer Rechtsanwalt
    Jackson Crayley - schwächlicher Gartenbesitzer
    Wachtmeister Rouch - Untergebener von Inspeltor Long
    Oberst Macfarlane - Chef von Inspektor Long

    Inhalt:

    Englands Bankenwelt zittert vor Clay Shelton, dem meisterhaften Scheckfälscher. Scotland Yard braucht endlich einen Erfolg und setzt schließlich Inspektor Arnold Long auf den Schurken an, obwohl der noch recht junge Inspektor wegen seiner laxen Auslegung der Dienstvorschriften und rüden Ermittlungsmethoden eher berüchtigt ist. Der aufgrund einer Angewohnheit auch "der Wetter" genannte Kriminalist schafft tatsächlich auch bald das Unmögliche: Es gelingt ihm, Shelton in flagranti zu verhaften, wobei allerdings ein Polizist getötet wird. Kurz vor seiner Hinrichtung prophezeit der Verbrecher dem Inspektor Long sein baldiges Ende und auch das der anderen an seinem Tode Beteiligten. Kaum hat "der Wetter" Zeit, darüber nachzudenken, schon fliegen ihm die ersten Kugeln um die Ohren. Der Attentäter war ein ehemaliger Sträfling, der den Inspektor hasste und nach dem missglückten Mordanschlag selber erschossen wurde. Der Staatsanwalt, der Richter und der Henker von Clay Shelton sterben in der Folge an seltsamen Unglücksfällen, die Inspektor Long in akribischer kriminalistischer Polizeiarbeit als äußerst geschickt getarnte Mordanschläge entlarven kann. Bei seinen Vorgesetzten stößt er damit auf wenig Gegenliebe, sie halten die "Bande des Schreckens", die den Tod Clay Sheltons rächen will, für ein pures Hirngespinst. Daran ändern auch weitere Opfer im Umfeld von Sheltones Tod sowie mehr oder wenig komplexe Mordanschläge auf den wackeren Polizeiinspektor wenig. Immerhin bekommt er den Auftrag, den fröhlichen und beleibten Bankier Joshua Monkford zu beschützen, der maßgebend an Sheltons Verhaftung beteiligt war. Dessen Bekannte und Nachbarin, die ältliche Miss Revelstoke, hat eine junge und schöne Sekretärin. Es ist natürlich nur eine Frage der Zeit, dass die beiden jungen Menschen sich näher- und nahekommen. Miss Revelstoke ist davon gar nicht begeistert. Lieber hätte sie es gesehen, wenn Nora Sanders dem Werben von ihrem Rechtsanwalt Frederick Henry nachgegeben hätte. Doch die Ereignisse nehmen ihren verhängnisvollen Lauf. Die Beteilgten fahren in das Hotel von Mr. Cravel und seiner Schwester zum Golfspielen, ebenso wie der seltsame Mr. Crayley, auch ein Nachbar von Monkford und bei der Verhaftung von Shelton durch Zufall auch beteiligt (Ein bisschen viel Zufall...). Dabei schwebt über allen der drohende Schatten des hingerichteten Verbrechers - die "Galgenhand" sucht und findet weitere Opfer. Auch Nora Sanders wird in das undurchsichtige Spiel mit einbezogen, sie bekommt merkwürdige Geschenke verehrt und soll schließlich gar ein Millionenvermögen erben... Offenbar haben es die Bösewichter auch auf sie abgesehen, denn sie wird (nicht nur einmal) entführt und Inspektor Long hat alle Hände voll zu tun, sie zu retten, Anschläge auf sein Leben abzuwehren und das Geflecht der Beziehungen aller beteiligten Personen zu entwirren. Sogar sein eigener Vater scheint mehr zu wissen und dunkle Familiengeheimnisse zu verbergen, die den Fall in einem ganz anderen und für Inspektor Long unangenehmen Licht erscheinen lassen. Doch die Verbrecher fackeln nicht lange, und so kommt es letztendlich zum dramatischen Finale...

    Bewertung:

    Eigentlich hat die "Schreckensbande" alles, was einen guten Wallace ausmacht. Morde, Entführungen, ein schrecklicher Fluch, eine geheimnisvolle Organisation, rätselhafte Gestalten, einen beherzten Helden und eine verfolgte Unschuld, eingebettet in ein temporeiches Geschehen. Aber es gibt auch wieder die üblichen Unwahrscheinlichkeiten sowie ein zwar spannendes, aber doch sehr unwahrscheinliches Finale.
    Zu Beginn des Buches und immer mal zwischendrin schildert der Autor die Flusslandschaft der Themse außerhalb Londons, an der viele Beteiligte ihr Grundstück haben. Die Naturbeschreibungen sind ihm wirklich sehr gut gelungen, man sieht, riecht und fühlt die Landschaft förmlich. Ein eigenartiger Kontrast zu der doch sonst recht düsteren Handlung. Der Autor hätte möglicherweise schon Talent zu Höherem gehabt...
    Inspektor Long ist so ein richtig starker, männlicher Held, während Nora Sanders diesmal wirklich mehr die verfolgte Schönheit ist, die sich öfter mal retten lassen muss. So gut die Guten sind, so böse sind die Bösen. Der eifrige Wallace-Konsument wird schon lange festgestellt haben, dass die Anzahl der Leichen bei den Verfilmungen meist um einiges höher als in den Romanen ist. Die "Bande des Schreckens" allerdings mordet auch in der Romanvorlage tatsächlich recht unbekümmert. Dabei kommen allerlei gut durchdachte "Unfallszenarien" und technische Finessen (Mord im verschlossenen Raum) zum Einsatz, aber auch purer Meuchelmord aus dem Hinterhalt. Die Kontakte zur Unterwelt nimmt eine geheimnisvolle Gestalt mit der Bezeichnung "Der Professor" auf, dessen Identität schleierhaft ist. So nach und nach werden die Mitglieder der geheimen Rächergruppierung sowie auch ihr Motiv enttarnt (immerhin galt Clay Shelton bisher ja als Einzeltäter ohne Verbindungsleute). Aber wer ist der Chef ? Doch es gibt auch wenigstens eine eher tragische Figur, die zu den Untaten gezwungen wird und es nicht schafft, sich aus diesen Verstrickungen zu lösen. Bis zum bitteren Ende...
    Inspektor Long erfährt mit der Zeit , dass er dem hingerichteten Fälscher samt seiner Gruppierung näher stand, als er es sich hätte träumen lassen. Denn auch sein Vater Godfrey Long, der reiche Bankier, hat seine Geheimnisse in der Vergangenheit. Eine typische Wendung für Edgar Wallace, die nun aber nicht unbedingt realistisch ist.
    Der "Wetter", kein Frauenheld, fühlt sich nur langsam zu Nora Sanders hingezogen, wenngleich sie seine Gesellschaft sofort zu schätzen weiß. Doch die Gangster haben die Sekretärin der Miss Revelstoke in ihre Gewalt gebracht. Sie soll als Mittlerin zu einem Millionenvermögen fungieren, auch das wieder ein oft gebrauchtes Thema bei E.W. Außerdem wollen sie den armen Inspektor Long damit erpressen, dass er sozusagen zu seiner eigenen Beerdigung kommen soll. So findet denn das Finale im leerstehenden Golfhotel des Mr. Crayley statt. Und während die Schurken eifrig bemüht sind, dem armen Inspektor das Lebenslicht auszublasen, hat man das Gefühl, das halb London mal zwischendurch zu Besuch kommt. Ein einziges treppauf, treppab, hin und her. Alle Figuren schlagen irgendwann mal dort auf, werden niedergeschlagen, verstecken sich oder verschwinden einfach wieder. Das liest sich eher wie ein überkandideltes Theaterstück als ein doch ernst sein sollender Roman. Aber das ist natürlich wieder persönlicher Geschmack, vielen wird der Schlussteil, ähnlich wie im Film, besonders gut gefallen. Nachdem nun auch das Rätsel des Mordes im verschlossenen Raum geklärt wurde, was wieder mit einem Opfer einherging, gelingt dem "Professor" als Hauptübeltäter vorläufig die Flucht ins Ausland, doch auch dort ereilt ihn schließlich die Gerechtigkeit. Nach einigen dramatischen Wendungen kann Inspektor Long dann tatsächlich noch seine Nora heiraten und sich wieder mit seinem Vater aussöhnen. So ist auch bei der "Bande des Schreckens" schließlich alles gut ausgegangen...


    Alles in allem ist die "Bande des Schreckens" ein temporeicher Thriller. Für den Wallace-Freund ein Muss !


    Buch:

    Nach der Goldmann-Ausgabe habe ich die Heyne-Übersetzung und ganz zum Schluss die Weltbild-Ausgabe gelesen. Hier merkt man wieder mal, wie sehr Goldmann nach dem Krieg mitunter die Romane verstümmelt hat. Die "Bande" ist wohl einer der krasseren Fälle. Also auf jeden Fall die Weltbild-Version lesen !


    Verfilmung:

    Als dritten Beitrag der offiziellen deutschen Edgar-Wallace-Reihe drehte Harald Reinl im Jahre 1960 "Die Bande des Schreckens". Hier wird zum ersten Mal der typische bizarre Grusel zelebriert, der die besten Filme der Serie ausmacht. Kleinere und größere Änderungen zum Roman hin lassen doch stets immer noch die Vorlage durchscheinen, es ist wohl noch eine recht werkgetreue Verfilmung. Es wird zumindest am Anfang größeren Wert auf die "Galgenhand" und den "Geist" von Clay Shelton gelegt, der an den Tatorten der Morde auftritt. Leider wurde dieses Motiv dann irgendwann fallengelassen, obwohl es gerade gute Gruselstimmung verbreitete. Ansonsten ist es der erste gemeinsame Auftritt von Joachim Fuchsberger alias Inspektor Long sowie Karin Dor als Nora Sanders in einem Wallace-Film. Frau Dor agiert hier fast noch als kleines Mädchen, so rein, lieb und unschuldig ist sie, wenngleich sie recht oft mit angstverzerrtem Gesichtsaudruck in die Kamera schauen muss. "Blacky" ist mal wieder der Held ohne Fehl und Tadel, manchmal gar mit einem recht bösen Spruch auf den Lippen. Eddie Arendt gibt den Polizeifotogafen Edwards, eine hinzugedichtete Figur, der aber trotz seiner Aversion gegen Leichen sogar recht tatkräftige Hilfe gibt. Elisabeth Flickenschildt als Mrs. Revelstoke setzt in Punkto kühler aristokratischer Überheblichkeit natürlich Akzente, Fritz Rasp gibt den geheimnisvollen Vater Godley Long, während Ulrich Beiger gewohnt schmierig-unsympathisch den Rechtsanwalt Mr. Henry mimt. Zu erwähnen sind noch der überängstliche Dieter Eppler als Jackson Crayley, die etwas anzügliche Karin Kernke als seine Geliebte Alice (eine Abweichung zum Buch) und der ruppig-böse Alf Marholm als Hotelbesitzer Cravel. Karl-Georg Saebisch hat eine Doppelrolle als Zwillingsbruderpaar Monkford darzustellen, was beide Male böse endet. Zu erwähnen ist noch die Musik von Heinz Funk, die die unheimliche Atmophäre gut unterstreicht. Einige Stellen des Films bleiben durchaus im Gedächtnis hängen, etwa wenn der "Geist" Clay Shelton mit erhobener "Galgenhand" vorne auf dem Bug einer Motorbarkasse steht und das Ruderboot der armen Karin Dor bzw. Nora Sanders rammt. Mehrere der Morde sind recht brutal in Szene gesetzt, zum Beispiel das Zu-Tode-Stürzen der verräterischen Alice in einen unfertigen Fahrstuhlschacht. Daneben gibt es gleich zu Anfang eine geradezu unglaublich schlecht gemachte Rückprojektion, als Inspektor Long über ein Nagelbrett fährt und mit dem Auto ins Schleudern kommt.
    Bei der Verfilmung tritt noch viel deutlicher als im Buch die Unwahrscheinlichkeit zu Tage, dass sich alle Beteiligten irgendwie kennen und dann sogar noch im selben Golfhotel Urlaub machen. Eigentlich völliger Blödsinn, aber Logik ist nun mal nicht die Stärke dieser Art Filme. So muss denn auch trotz Wissens des Polizeichefs der geschundene Inspektor Long zum Schluss alleine gegen die Schurken im verlassenen Hotel kämpfen, wobei sie ihn schon x-mal hätten umbringen können, aber ähnlich wie bei James Bond soll es eben auf besondere Art geschehen, so dass er sie alle so nach und nach außer Gefecht setzen kann. Auch hier gibt es wie im Roman ein ziemliches Hin und Her mit verschiedenen Besuchern zwischendurch. Aber irgendwann sind die Bösewichter alle tot, die Polizei kommt auch hereingestürmt wenn alles vorbei ist, und Fotograf Edwards will nur noch Tiere und schöne Dinge anstatt Leichen fotografieren. Gerade das Ende des Filmes hat so richtigen Kultwert und zeichnet Harald Reinl eben auch als ewigen Heimatfilm-Regisseur aus, als nach all den düsteren Schrecknissen das junge glückliche Paar sorglos auf einer sonnenbeschienen Wiese umherturtelt, während über ihm sogar der hohe wolkenlose Schwarzweiss-Himmel förmlich blau herunterstrahlt und die Filmmusik alle Register des Kitsches zieht. Hier ist es noch einiges "schärfer" als beim Frosch mit der Maske, der ein ähnliches heimeliges Ende aufzuweisen hat. Aber dafür lieben wir die Filme doch gerade, oder ?
    Immerhin, die "Bande des Schreckens" ist einer derjenigen Edgar-Wallace-Filme, die bei mir am häufigsten ihren Platz im DVD-Player finden. Einfach gut !

Inhalte des Mitglieds Dr. Oberzohn
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Ort: Jena
Geschlecht: männlich
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