Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Board hat 1.740 Mitglieder
183.961 Beiträge & 7.425 Themen
Beiträge der letzten Tage
Foren Suche
Suchoptionen
  • Neue Wallace-Buch-AusgabenDatumHeute 16:13
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema Neue Wallace-Buch-Ausgaben

    Das ist echt was für Freaks , aber der "Frosch" wäre es mir wert.
    Die Heyne-Übersetzung hat schon die eine oder andere Abweichung zu Goldmann gezeigt. Besonders prägnant der fehlende Prolog in der König-Übersetzung, und auch die Erklärung für Mr. Johnsons nächtlichen Besucher im Mittelteil.
    Ansonsten schießt ein Lakai des Frosches mit einer leeren Patrone auf Johnson, bei Heyne holt Elk die Kugel (die es eigentlich gar nicht gibt)?) aus einer Mauer?
    Wie ich es sehe, ist es bei Cloppenrath auch nicht die Original-Übersetzung von Alma Johanna König aus den zwanziger Jahren (wie bei Weltbild), sondern die etwas glattere der Neuauflage nach dem Krieg. Man kann nur hoffen, dass die neu hinzu gekommenen Passagen auch in der altmodischen Art und Weise übersetzt sind. In einer Beispielseite: "Er steht auf sie", dachte Elk... - hätte das im Original auch so gestanden? Naja, wie auch immer, ich werde mir den Prachtband wohl besorgen.

  • Seltsamerweise ist in der vorliegenden Buchübersetzung nicht direkt von einem "Zopf" die Rede, sondern "Haarteil" oder so ähnlich. Ich habe erst gedacht, dass die bedauernswerte Selby eine Perücke aufhat.
    Das schwache Ende - ja, prinzipiell ist ja gegen ein knalliges Ende nichts einzuwenden, wie bei "Tim Frazer weiß Bescheid" zum Beispiel. Nur hat es da eben dazu gepasst.
    Beim hiesigen Titel haben die Hiltons ja nicht nur einen Einbruch, sondern wenigstens gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge begangen, schwerlich glaubhaft, dass sie sich einfach so ins Auto setzen und unbeschwert einem neuen Familienglück entgegenfahren können. Natürlich ist es für einen Film geeigneter, da fallen Logikfehler sowieso nicht so auf...

  • Im Schatten von Soho (Roman - 1968)Datum09.01.2026 21:14
    Thema von Dr. Oberzohn im Forum Francis Durbridge

    Im Schatten von Soho

    In Londons berühmtem Amüsierviertel ist schwer was los. Die holde Weiblichkeit räkelt sich mit rapide abnehmender Bekleidung auf den Bühnen verrufener Clubs und Lokale herum, Striptease heißt das begehrte Laster, dem die Männerwelt frönt. Eine der jungen Frauen, die mit derartigen Darbietungen ihre Brötchen verdienen (und nicht mal schlecht), ist Della Morris. Ihr Terminplan ist sehr straff, es geht hier im Minutentakt, sie eilt von Lokalität zu Lokalität, um alles zu schaffen – ein anstrengender Job ! Leider wird sie von einem alten Bekannten der Kriminalpolizei behelligt, der sie zu einer Aussage über eine berüchtigte Gestalt der Unterwelt drängen will. Endlich hat er ihre Zusage, später in der Nacht will sie sich mit ihm treffen. Doch es kommt, wie es kommen muss. Kurz vor Sergeant Bellamys Haustür wird die Bedauernswerte erstochen. Der Täter kann entkommen – Mr. King hat wieder zugeschlagen. Der Unbekannte ist eine kriminelle Größe, er verdient eine Menge Geld mit leichten Mädchen einerseits als auch an einer Menge Erpressungen an passenden Kunden, die einen guten Ruf zu verlieren haben.
    Vor dem inneren Auge läuft hier ein klassischer Bryan-Edgar-Wallace-Film der damaligen Zeit ab, doch jetzt wechselt der Schauplatz erst mal.

    Man trifft auf den scheinbar erfolgreichen Börsenmakler Mike Hilton, der nach außen hin Wohlstand und Sicherheit verkörpert. Doch nach einem heftigen Streit ist ihm die Frau davongelaufen, die gemeinsame Tochter starb tragischerweise ein Jahr vorher. Privat ist er also auf heftigem Schlingerkurs, da läuft ihm schicksalhafterweise die sehr attraktive Selby Brooks über den Weg. Bald ist seine Ex Ruth vergessen, er trifft sich mit seiner neuen Flamme auf deren in einer ländlichen Gegend verankerten Hausboot. Doch ihm kommen erste Zweifel bei seiner neuen Romanze. Beim zweiten Treffen ist er zu spät dran, denn er hat noch in einer halsbrecherischen Aktion einem kleinen Jungen geholfen, seinen irregeleiteten Spielzeugdrachen von einem Baum herunterzuholen. Ein Schock steht ihm bevor. Selby ist kurz vorher ermordet worden, erdrosselt mit ihrem beachtlichen Zopf.
    Mike sieht sich plötzlich in einen Mordfall verstrickt, und langsam aber sicher scheinen alle Indizien auf ihn hinzudeuten. Chefinspektor O’Day vom Yard nimmt ihn ordentlich in die Zange, wenigstens Inspektor Craddock von der örtlichen Polizei ist aufgrund einer alten Freundschaft noch auf seiner Seite. Doch der kleine Junge, dem er geholfen hatte, scheint sein einziges Alibi zu sein. Aber der Bursche scheint spurlos verschwunden und nie existiert zu haben…
    Wenigstens seine Ruth tritt wieder auf den Plan, gemeinsam suchen sie den Jungen. Eine Menge Personen werden noch mal interviewt, der schwatzhafte Werkstattbesitzer Chatsworth, der erfolgreiche Gebrauchtwagenhändler Freeman, der nervöse Maler Chris Benson, der ruhige Buchhändler Dubinsky. Und die ältere aber liebebedürftige Ruby, die auch mit dem Opfer bekannt war, wie die anderen.
    Plötzlich findet sich seltsamerweise der Papierdrachen wieder an, es meldet sich noch ein Erpresser, und man findet noch ein neues, schrecklich zugerichtetes Opfer. Längst schon steht der Verdacht auch bei den offiziellen Ordnungshütern im Raum, dass der ominöse Mr. King in der schrecklichen Affäre seine schmutzigen Finger im Spiel hat. Mike will die Polizei auf eine Spur setzen, aber die zeigt sich recht unlustig, so dass er und seine versöhnte Partnerin auf eigene Faust vorgehen, was fast hätte ins Auge gehen können... Natürlich nur fast, denn es geht alles gut aus, der mordende Unhold bekommt seine Strafe und der in Verdacht geratene Mike kann sich endlich entspannen.

    Einen starken Einstieg in sein neues Werk kann man dem Autor durchaus bescheinigen. Das harte Leben einer Stripteasetänzerin wird authentisch beschrieben, er scheint hier wirklich recherchiert zu haben. Soho ist ein trefflicher Sündenpfuhl mit allerlei nacktem Fleisch, auch sonst gibt es nicht das betuliche Paul-und Steve-Geplänkel, sondern schon „Deftigeres“, ohne natürlich allzu detailverliebt zu werden. Es ist generell eine versuchte Hinwendung zu mehr Realismus zu spüren. Das Mordopfer des zentralen Verbrechens ist keine „Parfümleiche“, die Grausamkeit einer solchen Tat wird nicht verharmlost. Man erfährt so einiges über den Ablauf einer polizeilichen Ermittlung. Chefinspektor O’Day ist kein gutmütiger Tropf, eher schon ein kalter und karrierebewusster Charakter, der nicht gerne von der einmal verfolgten Beute ablässt. Die Falle, in die Mike Hilton getappt ist, klingt schon glaubwürdig, hätte mehr oder weniger jedem passieren können. Eine Menge ansonsten unwichtiger Kleinigkeiten bekommen plötzlich unter dem Aspekt „Mordverdacht“ eine neue Bedeutung und brauen sich zu einer unheilvollen Wolke über dem Kopf des recht sympathischen Helden wider Willen zusammen.
    Die Beziehungen der Personen zueinander sind für die Handlung entsprechend sorgfältig herausgearbeitet, ohne in Zeilenschinderei abzudriften. Die Frage für Mike bleibt, ob die schöne Selby diesmal tatsächlich ein wenig verliebt war oder nur wie üblich in ihm ein neues Opfer für ihre Erpressungen gesucht hat, wie es die Polizei behauptet. Der wahre Täter musste wohl auch eine Bedrohung in ihr gesehen haben, das ist klar. Und stand der in einer näheren Beziehung zu dem kleinen Burschen, der Mike hätte ein Alibi verschaffen können? Hat er Mike in eine sorgfältig vorbereitete Falle gelockt, um den Verdacht von ich abzulenken? Alle diese Fragen werden nach und nach aufgeworfen.
    Doch leider enttäuscht das Ende des Krimis doch an einigen Stellen. Bei mir sind hinsichtlich der sinnvollen Auflösung ein paar dicke Fragezeichen in der Luft hängengeblieben. Eine Nähe zu einem Christie-Plot kann man beim besten Willen nicht bescheinigen. Außerdem entpuppt sich der Bösewicht des Stückes ausgerechnet als derjenige, auf den doch alle Hinweise schon gedeutet hatten. Man hofft förmlich, dass es kurz vor Schluss noch eine Volte in Richtung auf eine gänzlich andere Person gibt. Das hat Mr. Durbridge schon besser hinbekommen. Eine uninspirierte wenig sinnvolle Action-Einlage auf den letzten Metern sollte die Spannung steigern, macht aber den bemühten Realismus des vorherigen Geschehens wieder zunichte. Wobei der harmoniebedürftige Leser mit dem Ausblick auf neue familiäre Wonnen bei den Hiltons verwöhnt wird, bei ehrlicher Betrachtung reichlich aufgetragener Kitsch, der aber keinesfalls wehtut.

    Im Schatten von Soho ist ein routiniert verfasstes und spannend zu lesendes Buch, wen man sich gut unterhalten lassen will und keine zu hohen kriminalistischen Erwartungen hat.
    Mein Leseexemplar ist eine Goldmann-Ausgabe von 2000, ein Neuauflage der Erstübersetzung von 1969, mit ca. 190 Seiten, ein typisches zerlesenes Flohmarkt-Produkt, das seinen Zweck erfüllt. Eine gründliche Neuübersetzung scheint es hier noch gar nicht zu geben (??)

  • Ed McBain (1926-2005)


    Der Autor und seine Bücher:

    Salvatore Albert Lombino wurde am 15. Oktober 1926 in New York geboren und wuchs in ärmeren Stadtvierteln auf. Er diente in der Navy, studierte und arbeitete in verschiedenen Jobs, auch als Lehrer und Journalist. Schon frühzeitig begann er mit dem Schreiben. Er gab sich einige Pseudonyme, besonders oft verwendete er den Namen Evan Hunter. Neben Romanen schrieb er auch Drehbücher.
    Als Ed McBain veröffentlichte er die langjährige Serie um das 87. Polizeirevier, mit der er sehr bekannt wurde. Die über 50 Bücher darüber sind nur die Hälfte seines Gesamtwerkes.
    Privat war der Autor drei Mal verheiratet, aus der ersten Ehe stammen drei Söhne. Er starb im Jahre 2005 an Kehlkopfkrebs in Weston, Connecticut.



    Leseempfehlungen:

    Polizisten leben gefährlich (Original: Cop Hater - Erstveröffentlichung: 1956)

    In der hitzegeplagten Stadt Isola wird ein Polizist brutal erschossen. Bald folgt ein zweiter, die Kollegen um Steve Carella ermitteln fieberhaft, um den Cophater zu stellen. Da sie menschlich sind, haben sie auch ein Privatleben und sind Irrungen und Wirrungen ausgesetzt. Doch der Killer schlägt wieder zu, und auch die Verlobte eines Polizisten gerät in sein Visier. Wird man ihn stellen, hat er ein Motiv? Der erste Band um das 87. Polizeirevier ist immer noch ein sehr bekannter Titel, im Grunde bietet er eine Variation eines altbekannten Themas und einen guten Einstieg in die Welt der imaginären Polizeimannschaft.


    King’s Lösegeld (Original: King’s Ransom- Erstveröffentlichung: 1959)

    Douglas King ist ein Selfmademann, der einen Großteil seines Vermögens für einen Aktienübernahme plant, um an die Spitze seines Unternehmens zu kommen. Gerade jetzt will ein Kleinkriminellen-Trio seinen Sohn entführen, erwischt aber den Spross des Chauffeurs. Sie wollen das Geld trotzdem, King denkt aber nicht daran, zu zahlen… Während die Polizisten des 87. Reviers das Leben des Kindes retten wollen, stellt McBain allerlei Fragen über Moral, Geschäft und Menschliches, ohne erhobenen Zeigefinger. Ein wirklich gelungener Krimi, der ohne Leichenberge die Spannung bis zum Schluss halten kann.


    Neun im Fadenkreuz (Original: Ten Plus One– Erscheinungsjahr: 1963)

    In kurzer Folge werden einige Menschen aus dem Hinterhalt von einem Scharfschützen erschossen. Die Polizeibeamten des 87. Reviers müssen gegen die Zeit kämpfen, denn der Täter macht fast täglich weiter. Bei der Ermittlung stoßen sie irgendwann auf eine lange zurückliegende Theatergruppe von College-Studenten. Liegt hier das Motiv für den Killer? Zahllose Befragungen laufen auch mal ins Leere, irgendwann wird der sniper aber unruhig, man scheint ihm nahezukommen… Sicherlich einer der spektakuläreren Fälle um Carella und Co, mit einer recht eigenwilligen Auflösung des Dramas.





    Buchbesprechung: Der Blitz schlägt zweimal zu


    Originaltitel: Lightning
    Erstveröffentlichung: 1984



    Hauptpersonen:

    Steve Carella – Polizeidetektiv
    Bert Kling – Polizeidetektiv
    Meyer Meyer – Polizeidetektiv
    Cotton Hawes- Polizeidetektiv
    “Fat” Ollie Weeks – Polizeidetektiv
    Arthur Brown – Polizeidetektiv
    Eileen Burke – Polizeidetektiv
    Annie Rawles – Polizeidetektiv
    Leutnant Byrnes – Vorgesetzter des 87. Polizeireviers
    Mary Hollins – Vergewaltigungsopfer
    Henry Lytell – ehemaliger Spitzenläufer
    Arthur Haines – Lehrer

    sowie

    viele andere Zeugen, Opfer, Täter, Polizisten…


    Handlung:

    Es ist eine bewegte Nacht für die Detektive des 87. Polizeireviers. Zwei aus ihrer Garde finden die an einem Laternenpfahl aufgehängte Leiche einer jungen Frau. Ihr wurde das Rückgrat gebrochen. Und eine andere junge Frau wird das dritte Mal vergewaltigt – noch dazu vom selben Täter. Viel zu tun für die Wächter von Recht und Ordnung in ihrem Bereich. Das ist vor allem eine feste Riege von wiederkehrenden Charakteren. Steve Carella, der fast ein wenig asiatisch aussehende besonnene Familienvater, verheiratet mit einer Taubstummen, Sympathieträger und so eine Art Hauptfigur. Bert Kling ist ein anderer gutaussehender Bursche, engagiert und irgendwie nicht so glücklich in der Auswahl seiner jeweiligen Bräute. Weiter der jüdische Meyer Meyer mit der Engelsgeduld ob seines seltsamen Namens und Cotton Hawes, der Casanova im Team. Und natürlich auch noch jede Menge andere Typen, einschließlich des Chefs, Leutnant Byrnes. Selbstredend gibt es auch weibliche Gesetzeshüter, etwa die mit Bert Kling liierte Eileen Burke. Neu dazu kommt Annie Rawles, die gleich ein Verhältnis mit ihrem Kollegen Hawes anfängt. Denn menscheln tut es immer mächtig im Revier der fiktiven Großstadt Isola, die letzten Endes aber doch nur New York darstellen soll. Ein nicht geringer Teil des Buchinhaltes wird so auch verwendet, um die Beziehungen der Polizisten zueinander oder auch zu ihren Familienangehörigen zu beschreiben. Das artet glücklicherweise nicht den mittlerweile üblichen Psychostriptease allerlei gebrochener und sozial gestörter Gesellschaftsopfer aus. Denn McBain stellt seine Mannschaft im Grunde noch ziemlich normal hin, trotz der Schwere ihres Berufsstandes.
    Die Ermittlungsarbeit und die Polizeimethoden werden (darauf weist man auch gerne immer mal hin) realistisch dargestellt. Im Falle der ermordeten Frau stellt man fest, dass sie Sportstudentin war und als Läuferin trainierte. Persönliche Beziehungen werden durchleuchtet. Dabei trifft man auf allerlei mehr oder weniger angenehme Zeitgenossen. Ein sehr unangenehmer Mietspekulant beispielweise verärgert Carella und Hawes nachhaltig. Und einer älteren Frau, deren Mann schwerkrank im Hospital liegt, müssen sie noch mitteilen, dass ihre Tochter umgebracht wurde. Der rücksichtslose Mörder hatte nämlich nochmal zugeschlagen und wieder eine Läuferin präsentativ aufgehangen. Man sucht nun nach Gemeinsamkeiten der Opfer. In Verdacht gerät ein Sportreporter, doch ist er auch wirklich der Täter…? Und im Hintergrund geistert eine bedrückende Befürchtung durch die Polizeistation – ist der berüchtigte „Taube“ wieder am Werk?
    Eine andere Spur im zweiten Fall verfolgen vor allem die beiden Frauen, Burke und Rawles, auf der Suche nach dem Serienvergewaltiger. Mary Hollins, das letzte Vergewaltigungsopfer, ist nicht die einzige, die mehrfach missbraucht wurde. Was treibt den Täter an, und vor allem, wonach wählt er die Opfer aus und welches zeitliche Muster verfolgt er?
    Die Kollegen um Carella haben indes eine sehr heiße Spur aufgenommen, sie verfehlen den Killer mit seinem potenziell nächsten Opfer nur um wenige Minuten. Leider findet man eben noch eine Ermordete, da das im benachbarten Revier geschah, bringt das den Ermittlern das zweifelhafte Vergnügen einer Zusammenarbeit mit Fat Ollie Weeks, der „Schande“ der Polizei von Isola. Wobei es nun wirklich vorwärtsgeht, die nächste Sportlerin, auf die es der Mörder abgesehen hat, ist schon in großer Gefahr, werden sie es diesmal schaffen? In der Sache des brutalen Frauenschänders versucht Annie Rawles mit allerlei Tabellen und neuartiger Computerunterstützung den Weg zum Täter zu finden, während ihre Kollegin Eileen den Lockvogel spielt…ein gefährlicher Job, den sie lieber nicht angenommen hätte…
    Zwei Fälle, die wie so oft nebeneinander gelöst werden müssen, manchmal sind sie stark oder schwach miteinander verwoben, oder eben auch mal gar nicht, wie hier.
    Am Ende sind die Verbrechen aufgeklärt, die Detektive haben wieder mal in menschliche Abgründe geschaut, das Böse ist so trivial wie unmenschlich. Die Helden des Siebenundachtzigsten machen weiter.


    Bewertung:

    Nach dem zweiten Weltkrieg begann sich eine neue Stilrichtung in der Kriminalliteratur zu etablieren. Das sogenannte police procedural machte seine ersten eher unbemerkten Schritte in seiner Karriere in der Buchseiten-Welt von Räuber und Gendarm. Nicht mehr der übermenschliche Lehnstuhl-Detektiv oder auch der hartgesottene Privatschnüffler sollte fiktive Kriminalfälle aufklären, sondern die Ermittlungsarbeit wurde jetzt von einem Team von erfahrenen Polizisten durchgeführt, wie in der realen Welt. Es sollte noch gut zehn Jahre dauern, bis Ed McBain mit seinem ersten Roman um einen Copkiller im 87. Revier und den Folgebüchern diesem Subgenre zum Durchbruch verhalf. Bis zu seinem Tod hat er in fünf Jahrzehnten fast sechzig Bücher alleine über das 87. Polizeirevier geschrieben.
    Held der ersten Stunde ist Steve Carella, der sich fast als einziger über all die Jahre immer noch eine hohe Feinfühligkeit bewahrt hat, Skrupel über Fehler bei der Arbeit, Mitgefühl mit den Opfern und Entsetzen über die begangenen Untaten sind ihm nicht fremd. Neben ihm und einigen anderen Figuren des positiv besetzten Stammpersonals gibt es auch eher negative, faule, unfähige, brutale und korrupte Kollegen, die letzten Endes doch nicht den guten Gesamteindruck der Polizeimannschaft trüben können. Manche von ihnen finden gar ein vorzeitiges Ende zwischen den Buchseiten der erdachten Fälle in Isola City. Das Privatleben seiner staatlich sanktionierten Ordnungshelden spielt schon immer eine größere Rolle im Schaffen von McBain, in den deutschen Ausgaben häufig brutal herausgekürzt. Wichtig war dem Schriftsteller auch immer eine realitätsnahe Beschreibung der Mordopfer, also viel Blut, Gedärm und Verwesung statt „schöne Leichen“ wie im Kuschelkrimi. Man kann wohl sagen, dass seine Reihe Vorbild für viele Nachfolger gewesen ist, in Amerika genauso wie in Europa, wo mir da gleich die berühmten Schweden-Krimis von Sjöwall und Walhöö einfallen.

    Der vorgestellte Roman des Siebenundachtzigsten ist in seiner „zweiten Periode“ geschrieben, wie es manche Fans bezeichnen. Wenn McBain auch nie einen Zweifel am ausgedehnten Liebesleben seiner Protagonisten gelassen hat, so hat er es dahingehend am Anfang doch eher bei Andeutungen gelassen, nun, in den achtziger Jahren, nimmt er die vornehme Zurückhaltung weg. Man bekommt einen, mitunter zu ausgiebig ausgeschmückten Eindruck davon, dass Männlein und Weiblein in der oft hitzegeplagten Riesenstadt auch ein sehr feuriges Geschlechtsleben führen, in vielen Details, die ein geradezu voyeuristisches Interesse verraten können. Auch die geschilderten Sexualverbrechen versetzen den Leser in ihrer Schilderung, den anschließenden Untersuchungen auch direkt an den Opfern sowie der Täterpsyche in die Position eines vielleicht nicht ganz freiwilligen Beobachters. Die sehr ausführlich beschriebene brutale Vergewaltigung einer als Lockvogel dienenden Polizeibeamtin fällt darunter, obwohl man natürlich durchaus auch zugestehen muss, dass dieser Naturalismus dazu angetan ist, das Leid der Opfer zu verdeutlichen und nicht wie oft zu verharmlosen. Ebenso ist es mit den Fällen der maßlos grausamen Tötungsverbrechen an den jungen Sportlerinnen, die sehr detailverliebt daherkommen, einschließlich des lauten Knackens des gebrochenen Rückgrats. Der Autor lässt nie außer Acht, dass es hier um Menschen geht, mit Träumen und Hoffnungen und Angehörigen.
    Nebenher übt McBain auch überraschend deutliche Kritik an den sozialen Zuständen außerhalb der „besseren“ Gegenden. Er berichtet über Stadtviertel außerhalb jeder öffentlichen Ordnung, in denen Obdachlose, Rauschgiftsüchtige und Verelendete leben müssen – und sterben. Das hat sich wohl bisher nicht groß geändert.
    Etwa seltsam mutet das ewige Hadern der Polizisten mit ihren Namen an. Sei es der geplagte Meyer Meyer mit seinem doppelten Namen, der ihn sein Leben lang begleitet hat und sogar den Charakter formte. Oder Cotton Hawes, der seinen Namen im Allgemeinen und den Vornamen („Baumwolle“) im Besonderen hasst. Und Arthur Brown ist tatsächlich von der Hautfarbe her auch dunkler und ist mit dem „Brown“ unzufrieden. Und so weiter. Wirklich lustig wird es, als der kahlköpfige Meyer ein Toupet trägt und ihn seine Kollegen scheinbar nicht mehr „erkennen“. Sonst haben die Burschen vom Siebenundachtzigsten nicht viel zu lachen, sitzt ihnen doch der Schreck in den Knochen, dass der „Taube“ wieder aufgetaucht ist, der fast schon überirdische Superschurke in der ansonsten schnöden Mord-und-Totschlag- Welt von Isola.
    Der übliche Auftritt von zwei Angehörigen der Mordkommission mit stets dummen Sprüchen steht wie ein Running Gag am Anfang der Ermittlungen, doch Unterstützung bei der Arbeit gibt es dann von anderer, noch unerwünschterer Seite. Fat Ollie Weeks, eine erst spät eingeführte Figur, ist voll mit lautstarken sexuellen Anzüglichkeiten, rassistischen Vorurteilen und genereller Bösartigkeit, seine Ermittlung basiert auf Einschüchterung und Gesetzesübertretungen. Er ist fett, egomanisch und stinkt. Doch er ist trotzdem kein schlechter Ermittler, tatsächlich kann er gerade wegen seiner Methoden den Untersuchungen entscheidend zum Erfolg verhelfen. Interessant ist der Gegensatz der good guys unter den Polizeibeamten gegenüber Weeks durchaus.

    Der Erfinder der ganzen Szenerie stattet seine Helden mit Stärken, aber auch Schwächen aus, oft wird ins Leere ermittelt, oder einfach auch geschlampt. Eine Telefonmitarbeiterin gibt eine wichtige Nachricht aus purer Unlust nicht weiter, obwohl es buchstäblich um Leben und Tod geht, wie sich zeigen soll. Da helfen dann auch die neuen Computer nicht viel, aber die ehrgeizige Annie Rawles schafft es dann durchaus mit Zuhilfenahme der neuen Technik, ein Muster in den Vergewaltigungsorgien des Serientäters zu finden, was sie zu einer katholischen Organisation und dann noch weiter in eine Schule führt. Nebenbei bemerkt, die Potenz des Unholds scheint schon fast übermenschlich zu sein, und wie er die ständige Beobachtung seiner Opfer, die Vorbereitung und Ausführung seiner Taten mit seiner normalen bürgerlichen Existenz vereinbaren kann, geht über die Grenze der Glaubwürdigkeit hinaus.
    Kann man auf einer abstrakten Ebene die Begründung für die begangenen Untaten zumindest nachvollziehen, ist das bei der Motivation des anderen dingfest gemachten Täters, des Mehrfachmörders an den jungen Läuferinnen, wohl kaum mehr möglich. Beide Verbrecher sind offensichtlich extrem gestörte Narzissten, die jede Menschlichkeit abgelegt haben. Bedrückend, aber wohl durchaus realistisch.

    Der besprochene Kriminalroman bietet einen oft gelungenen realistischen Einblick in die trotzdem etwas verklärte Welt eines amerikanischen Polizeireviers, mit viel Sex and Crime, einer gewissen Länge im Mittelteil, viel Menschelei und einer guten Dosis Spannung zum Schluss.
    Persönlich haben mir die bisher gelesenen Bücher der Reihe aus der Anfangszeit mehr zugesagt, Geschmackssache halt.


    Leseexemplar:

    Knaur-Verlag ; 1989 ; ca. 280 Seiten

    Das Buch wurde von Wolfdietrich Müller aus dem Amerikanischen übersetzt und liest sich flüssig und modern. Später wurde der Krimi nochmal unter dem Titel Der letzte Sprint auf Deutsch veröffentlicht, wohl auch unter anderer Bearbeitung.


    Verfilmung:

    Unter dem Originaltitel gab es 1995 eine US-Verfilmung, die Teile des Romans um den Mörder der Läuferinnen aufgreift und die hier als Wettlauf mit einem Mörder herausgekommen ist. Die Kritiken für den Film sind nicht sonderlich schmeichelhaft.

  • Ja, ein schönes Weihnachtsfest und ein gutes Neues Jahr allen Foristen!

  • Stilelemente in Wallace-RomanenDatum10.12.2025 15:55

    Zitat von Savini im Beitrag #48
    Kurz kam mir der Gedanke, ob auch Bhag aus dem "Rächer" in diese Kategorie fällt. Er ist zwar im Roman ein Orang-Utan, wird dort aber als extrem menschenähnlich und seinem Herrn absolut hörig beschrieben.

    Bhag würde in Richtung Tierhorror gehen, also Der Hund der Baskerville und solche Sachen. Aber letztlich passt er nicht ganz in das Konzept. Er ist zwar der sklavisch ergebene Diener seines nicht sehr positiv dargestellten Herren. Andererseits hat er aber tatsächlich keinem etwas getan, nur dass er am Ende sogar den eigentlichen Schurken des Stückes richtet und nebenbei Held, Heldin und Herrchen davor rettet, kopflos zu werden.
    Bhag ist nicht wirklich böse, er bleibt auch am Leben. Die Struktur des Romans Der Rächer ist auch ganz anders als die der drei betrachteten Titel.

    Zitat von Savini im Beitrag #48
    Und ob der zweite Kopf in der "Tür" wirklich "bedeutender" als Staletti ist? Beim Roman hätte ich da Zweifel, weil der Doktor gegen ihn (auch jenseits der gemeinsamen Verwicklung) in der Hand hat, was umgekehrt nicht der Fall ist.

    Der Anwalt ist sowohl in Buch und Film eine Figur, die eher im Hintergrund agiert. Staletti ist eher der für die Morde aktiv verantwortliche, im Buch kommt "der zweite Mann" eher am Ende hin mehr aus der Versenkung, als er einen doppeltpistoligen Feuerüberfall auf den Inspektor und seinen Begleiter eröffnet und dann auch noch das alte Familienschloss abfackelt. Seine Position bleibt weniger greifbar, auch aufgrund seiner sehr bodenständigen Fassade, dank seines Berufes hat er es sicher auch leichter, sich aus der Affäre zu ziehen. Im Film ist ja die Dramatik auf die letzten Minuten gelegt, wo er auch da sein väterliches Gehabe ablegt. Für mich schon irgendwie die überlegene steuernde Figur.

  • Der viereckige Smaragd (1926)Datum03.12.2025 12:40
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema Der viereckige Smaragd (1926)

    Zitat von Savini im Beitrag #6
    Kürzlich hatte ich endlich Gelegenheit, diesen oft gelobten Roman zu lesen.
    Wirklich eine interessante Lektüre, da der Autor hier in manchen Punkten von seinem üblichen Schema abwich bzw. dieses originell variierte!


    Tatsächlich ein außergewöhnlicher Roman von Wallace. Ich habe den bisher zweimal gelesen, beides vor längerer Zeit, meine Erinnerung ist nicht mehr so ganz genau. Kann mich nur erinnern, dass beim zweiten Mal der Glanz ein wenig verblasste, da mir zahlreiche typische Schwächen aufgefallen sind. Dazu zählt der von Dir angesprochene sehr unwahrscheinliche Zufall mit dem Haus von Inglethorne. Wallace-Typisch!
    Leslie Maugham ist nach der inoffiziellen Polizeiagentin Thalia Drummond im Roten Kreis sicher die erste oder einer der ersten weiblichen Polizisten, die von Edgar Wallace ins Rennen geschickt worden. Auch bei Das Verrätertor gab es eine ältere langjährige und erfahrene Polizistin, Mrs. Ollroyd, und irgendwie auch später noch tauchte der Typus Kriminalbeamtin bei Wallace auf, ich glaube z.B. in Der Dieb in der Nacht. Wobei man sagen muss, dass Ermittlerinnen im Dienst der Polizei oder auch privat damals kein literarisches Novum waren. Die Romane von Anna Katherine Greene, Mary Roberts Rinehard, Patricia Wentworth fallen mir da ein, sicher gibt es noch sehr viele andere und mittlerweile vergessene Beispiele.
    Interessant finde ich auch die Figur von Peter Dawlish, der männliche Hauptdarsteller auf der guten Seite. Ein geschiedener Mann, sogar Vater einer kleinen Tochter, wie sich herausstellt, der auf dem besten Weg ist, ins komplette soziale Abseits abzurutschen und sich erst mal selber fangen muss. Gewissermaßen schon ein gebrochener Held und kein Superstrahlemann-Scotland-Yard-Inspektor. Oder die von einer weiblichen Hauptperson abhängige Gesellschaftsdame, deren Verhältnis zueinander der Autor gut eingefangen hat.
    Die schlechte Behandlung von Kindern, mit diesem Thema war es Wallace wohl wirklich ernst. Das eigene, meist gut verdrängte Elend des in einfachsten Verhältnissen aufgewachsenen Adoptivkindes muss ihn wohl beschäftigt haben. Seinen eigenen Kindern scheint Wallace ja bei allen seinen Fehlern ein liebevoller Vater gewesen zu sein. Und im selben Jahr, in dem er The Square Emerald schrieb, veröffentlichte er auch einen skandalumwitterten Artikel, in welchem er den sexuellen Missbrauch von Kindern im damaligen Showbiz anprangerte. Die Reaktionen waren entsprechend, er schien wohl einen Nerv getroffen zu haben.
    Die Beschreibung einer Frau, welche sich lange Zeit in verantwortlicher Position als Mann tarnt, hat Wallace schon in seinem frühen Werk Kerry kauft London eingesetzt. Mir ist das persönlich mangels Glaubwürdigkeit immer etwas seltsam, überhaupt mag ich Verkleidungen usw. in Büchern nicht allzusehr. Hier im besprochenen Roman finde ich es auch etwas merkwürdig.
    Die Indonesier als Helfershelfer der verbrecherischen Hauptfigur sind mal eine gute Abwechslung zu den ausgereizten Chinesen, die es sonst so gibt. Sie geben dem ganzen eine exotische Note, aber ich kann deine Kritik schon nahvollziehen, dass sie eher aus Thrill-Gründen eingesetzt worden, als das es sie wirklich nötig gehabt hätte.
    Ansonsten, die Drahtschlinge der Weißen Spinne wurde schon von Weinert-Wilton so ersonnen. Vielleicht hat der sich ja diesbezüglich von Wallace inspirieren lassen?

  • Stilelemente in Wallace-RomanenDatum02.12.2025 19:45

    Die Monster des Edgar Wallace – und ihre diabolischen Meister

    Die Mitte der zwanziger Jahre war für Wallace wohl die produktivste Zeit mit den phantastischsten Handlungen in seinen Büchern. Hier hat er seinen Stil gefunden, ohne in zu große Routine abzugleiten und die amerikanischen Einflüsse auf sein Werk waren auch nicht so stark.
    Auffällig ist in drei aufeinanderfolgenden Jahren bei je einem Buch eine gewisse Konstellation von Handlungsmustern, die zu seinen bekanntesten, möglicherweise schaurigsten und vielleicht auch besten Romanen führte.

    In dem 1924 erschienenen Thriller Die toten Augen von London tritt dem Leser das erste Mal ein menschliches „Monster“ in Gestalt des Blinden Jake entgegen. Im Jahr darauf übernimmt diese Aufgabe Der Neger Juma oder Der Unhold, unter welchen Titeln das Buch vor dem Krieg in Deutschland verkauft wurde (seitdem leider nicht mehr.) Schließlich trieb im Jahre 1926 im Krimi Die Tür mit den sieben Schlössern eine schaurige Kreatur namens Giacco ihr Unwesen. Gemeinsam ist allen diesen monströsen Gestalten eine ungeheure Körperkraft, abstoßendes Äußeres, anormale Größe, aber nur geringe Intelligenz, wenngleich sie doch eine triebhafte Verschlagenheit aufweisen. Und, natürlich, sie sind keine kriminellen Masterminds, sondern nur Werkzeuge für die eigentlichen Anstifter und Planer.
    Wallace variiert diese Wesen in den möglichen Grenzen.
    Der Blinde Jake etwa hat zwar seine Körperbehinderung, aber dafür sind seine anderen Sinne stärker, möglicherweise fast schon übernatürlich ausgeprägt, so dass er sich auch rattengleich in den finstersten und verwinkeltsten Gängen der Kanalisation zurechtfindet. Diese Verbindung, dass „Monster“ irgendwelche körperlichen Entstellungen haben, im Gefolge von Ungeziefer zu finden sind und auch beunruhigende außergewöhnliche Fähigkeiten besitzen, findet sich ja schon bei klassischen Grusel- und Fantasy-Geschichten zuhauf. Wallace hat diese Elemente wohl auch bewusst eingesetzt, um das Böse und Schauerliche noch zu unterstreichen.
    Ebenso ein recht beliebtes Thema ist der wenig zivilisierte „Wilde“, der keinerlei Rechtsbewusstsein im europäischen Sinne besitzt, nur seinem Herrn gehorcht und rücksichtslos und grausam vorgeht, natürlich ebenfalls über allerlei Instinkte und Fähigkeiten verfügt, die dem Weißen schon lange verlorengegangen sind. Man denke nur an den Eingeborenen aus Doyles Erzählung Das Zeichen der Vier. Bei Wallace ist es Juma, ein riesiger Afrikaner, welcher zusätzlich noch die Wahnvorstellung hat, der König eines nicht existenten Reiches zu sein.
    Letztlich bedient der Autor in seiner Mär von den sieben Türschlössern auch den Frankenstein-Mythos, indem er sogar zwei Kreaturen durch die Handlung stapfen lässt, die mit künstlich erzeugtem Riesenwuchs geschlagen sind, auf Kosten der Intelligenz. Eine der beiden Gestalten ist für den Action-Anteil eher nebensächlich, doch Giacco ist das zum Töten abgerichtete Wesen, auch hier werden die Instinkthaftigkeit und scheinbare „Natürlichkeit“ sowie die übermenschlichen Fähigkeiten des Homunkulus` betont, der von Menschenhand einen perfekten Körperbau bekommen sollte.
    Weitere Spielarten dieses Monster-Themas sind schwerer vorstellbar, wenn man mal von außerirdischen Lebensformen oder fluchbeladenen Artefakten absieht, die plötzlich zum Leben erwachen. Was ja nun im Sinne eines Kriminalromans jenseits von Gut und Böse ist.
    Trotz all ihrer eindeutigen Tätigkeit auf der Seite des Bösen werden die hünenhaften „Tiermenschen“ aber schon mit einer anderen, durchaus tragischen Seite beschrieben. Auch der brutale Blinde Jake wird von Alpträumen gequält, in denen ihm die Gesichter seiner nie gesehen Opfer erscheinen. Und seine kindliche Anbetung und Furcht für seine „Herren“ wird stets deren kompletter Skrupellosigkeit gegenüber gestellt.
    Juma, der grausame Mordgehilfe, vermag sogar Mitleid im Herzen einer schönen Frau zu wecken, die ihn noch aus früheren, schöneren Tagen kannte. Schließlich ist auch er nur ein schlichtes, fehlgeleitetes und geistig verwirrtes Gemüt, das in eine fremde Umgebung verschleppt wurde. Bei Giacco, dem unfreiwilligen Opfer eines grausamen Experimentes, tritt die Tragik der Figur besonders deutlich hervor, zusammen mit seinem Leidensgefährten existiert er nur im Dunklen, wobei die beiden in ihren glücklichen Momenten Kinderlieder singen und sich mit Spielzeug die Zeit vertreiben.
    Gemeinsamkeiten gibt es auch beim stets tödlich verlaufenden Ende der schrecklichen Wesen. Der Blinde Jake wird von der Hand seines rücksichtslosen verbrecherischen Gebieters erschossen, ebenso wie der wilde Juma dieses Schicksal teilt. Giacco und sein Gefährte stürzen zusammen mit ihrem kriminellen Schöpfer, der am Steuer eines Autos sitzt, durch eine Verkettung von Umständen in einen Teich und kommen dabei um, weitgefasst ist also auch der an ihrem Tod maßgeblich mitbeteiligt.

    Das bringt einen nun zu den Köpfen hinter den Schreckensgestalten. Diese befehligen neben den „Monstern“ stets auch noch andere Personen in einem mehr oder weniger abgestuften Abhängigkeitsverhältnis, wobei man aber nicht direkt von einer kriminellen Organisation sprechen kann, am ehesten vielleicht noch bei den toten Augen. Auffällig ist aber die immer vorhandene „Doppelspitze“ am oberen Ende der Pyramide. Denn es sind jedes Mal zwei Oberschurken, die die Verschwörungen anführen.
    Und jedes Mal geben die sich eine bürgerlich-wohlanständige Fassade. Waren es 1924 ein karitativer Geistlicher und ein seriöser Versicherungsunternehmer, so sind es 1925 ein geachteter Psychologe und ein erfolgreicher Geschäftsmann, 1926 dagegen ein geachteter Anwalt und ein Arzt, wobei allerdings Letzterer schon etwas abweichend von Beginn an eindeutig negativ skizziert wird.
    Das Verhältnis der Oberhäupter zueinander ist eher ambivalent, einmal ein Brüderpaar, welches in einem gestörten Verhältnis von psychischer Abhängigkeit zueinander steht, ein andermal zwei geflohene australische Sträflinge, die sich im Lauf der Zeit immer mehr ablehnen und sogar mit mehr oder weniger Erfolg gegenseitig ans Leder wollen. Zuletzt noch zwei Figuren aus dem parasitären Dunstkreis eines reichen Adelsgeschlechts, eine von Misstrauen geprägte Zweckgemeinschaft.
    Weiterhin eine Gemeinsamkeit im Handlungsgerüst ist erkennbar – die vorzeitige Enthüllung der Identität eines der führenden Bösewichter, wobei der andere und wahrscheinlich sogar einflussreichere im Schatten bleibt. Auf Reverend Dearborn gibt es bei den toten Augen schon frühzeitige Fingerzeige, bis er auch direkt als Rädelsführer gezeigt wird. Sein Bruder kommt erst am Ende mit direkter Nennung hinzu. Die beiden Ex-Knackis aus dem Unhold mit ihrem vielfältigen gesetzlosen Wirken leben unter angenommenen Identitäten, der Geschäftsmann Fleet als dem Eindruck nach Schwächerer und Gutmütigerer wird ebenfalls relativ früh entlarvt, während sein gefürchteter Spießgeselle „Al Clarke“ bis zum Schluss unter einer Tarnidentität sein Unwesen treibt. Und die Häupter der Verschwörung um die Tür mit den sieben Schlössern sind ähnlich skizziert, Dr. Staletti, der gewissenlose Arzt, macht aus seiner Bösartigkeit kaum einen Hehl, indessen ein weiterer und bedeutenderer Finstermann auch erst zum Schluss überraschend dingfest gemacht wird.
    Immer ist es nur ein Teil des Duos, der direkt in engerer Beziehung zu dem gefügigen Monstrum steht und auch die Befehle erteilt.
    Erwähnenswert ist bei allen Romanen vielleicht noch das jedes Mal erfolgte gewaltsame Ableben der „zweiten“ Männer von fremder Hand als Übereinstimmung im Geschehen.
    Bei allen geschilderten Fällen ist der eigentliche Antrieb Habgier, es geht um ein Geflecht von Betrug, Erpressung, Diebstahl und Mord.

    Was gibt es noch? Die üblichen Haupthelden sind wie oft Staatsbeamte, von Scotland Yard oder auch mal dem Außenministerium. Sie heben sich diesbezüglich kaum von den Herren dieser Funktion in anderen Krimis von Wallace ab. Larry Holt, Selby Lowe oder Dick Martin - alles recht nette Burschen mit ein paar individuellen Eigenheiten, wie sonst auch.
    Die Heldinnen sind auch wie immer jede für sich wunderschön. Diana Ward, Gwendda Guildford oder Sybil Lansdown heißen sie. Und jedes Mal Anwärterin auf eine Millionenerbschaft, die ihnen von den Schurken des Stückes streitig gemacht werden soll. Keine Ausnahmen im Wallace-Universum, auffälligerweise in den oben geschilderten Stories jedes Mal in dieser Funktion. (Wobei Gwendda Guildford eine Sonderstellung bekommt, da sie den besten Kumpel des großen Detektivhelden abkriegt). Ein wenig schon die Fabel von der schönen Maid, der Schatz als zusätzliche Belohnung und das grausige Ungeheuer im Hintergrund, beherrscht von einem bösen Magier.
    Von den Nebenfiguren zu nennen ist eine Position, die Wallace gerne mal einsetzte, hier bei den drei besprochenen Werken auch jedes Mal. Gemeint ist der sympathische Kleinganove, der dem üblichen Gut-Böse-Schema nicht ganz so eindeutig zuordenbar ist, seinen Platz in der Wallace'schen Mysterienwelt (wie es ein Kritiker mal bezeichnet hat) irgendwo zwischen Himmel und Hölle findet und gemeinhin gerne lange Finger macht, aber vor Gewalt oder gar Mord zurückschreckt. Flimmer-Fred, Hochstapler und Erpresser, kommt den "Toten Augen" gewaltig in die Quere. Eine schillernde Figur, die letztlich sogar ihrem sonstigen beamteten Widersacher Holt vertraut und ein paar gute Tipps gibt, wenngleich nicht unbedingt aus Selbstlosigkeit, sondern eher aus Selbsterhaltung. Im nächsten Buch gibt es einen gewissen Goldy Locks, Gentleman-Einbrecher und Fassadenkletterer, ein Helfer in der Not für bedrängte Damen, der fast ein bürgerliches Leben führt und auch mal für die Staatsdiener einen "Bruch" macht, zu seinem Vorteil, versteht sich. Diesen eher humorvoll gestalteten Figuren schließt sich der kleine Einbrecher Lew Pheeny im letzten der besprochenen Romane an. Allerdings haucht der bald sein kleines Gaunerleben aus, seinen Part übernimmt jetzt der notorische Dieb und Exsträfling Tom Cawler, der sich gegen seine bisherigen Kumpane stellt, als es der schönen Dame des Stückes an den Kragen gehen soll. Seine Rolle ist aber einiges düsterer angelegt als bei den anderen.

    Alles in allem kann man wohl sagen, dass Edgar Wallace im Prinzip die gleiche Geschichte in drei unendlich variantenreichen Titeln erzählt hat, die durchaus in der gehobenen Kategorie seines Werkes liegen. Dann war es damit aber offensichtlich auch gut.

  • William Murdoch Duncan-RomaneDatum23.11.2025 20:07
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema William Murdoch Duncan-Romane

    Klingt interessant. Aber hast du jetzt fast alle der über 200 Romane von dem Burschen gelesen? Oder nur die unter dem Namen John Cassells?
    Und bist du jetzt mit Penny Wallace fertig?

  • Afrika-RomaneDatum14.11.2025 21:54
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema Afrika-Romane

    Am großen Strom (1928)

    Der letzte Band mit den Erlebnissen der englischen Afrika-Helden bringt letztmalig noch einmal eine fremde Welt ins Lesezimmer, wobei wie immer fraglich ist, wo die Phantasie aufhört und die Wirklichkeit beginnt. Zur Entstehungszeit waren die Stories im Prinzip auch schon Geschichte, aus einer Zeitspanne, die mit dem Ende des ersten Weltkrieges vorbei war. Es sind kürzere Erzählungen auf einem je guten Dutzend Seiten, noch einmal treten alle Helden der abgelegenen Afrikakolonie auf – Amtmann Sanders, Hauptmann Hamilton, Leutnant Tibbetts („Bones“) sowie der Oberhäuptling Bosambo. Natürlich auch die Ochori, N’gombi, Isisi, Akasava und all die anderen Stämme.

    Das erste Histörchen aus fernem Erdenwinkel beginnt recht vielversprechend. Was immer man dem kolonialistischen Amtmann Sanders auch vorwerfen mag, er hatte doch nie im Sinn, seine eingeborenen Untertanen zu halbzivilisierten verweichlichten Bücklingen zu machen. So hat er für den eitlen und fast schon weibischen Häuptling eines entlegenen Volkes, das zudem seine Frauen klassische Männerarbeiten verrichten lässt, nur Hohn und Spott übrig. Leutnant Tibbetts, der unentwegte Geschichtenerzähler, soll dort mal nach dem Rechten sehen, wobei er einer faszinierten vornehmlich weiblichen Zuhörerschaft begeistert die Regeln des Zusammenlebens in einem Bienenstock nahebringt. So was kann ungeahnte Folgen haben, denn die Kriegerinnen beginnen über das Schicksal der Drohnen nach getaner Funktion zu sinnieren und starke emanzipatorische Aktionen zu entwickeln…
    Die folgenden Geschichten sacken dann leider teilweise etwas ab, mit einigen Höhepunkten dazwischen.
    Man hört von einem sehr begabten Redner, der mit seinem Geschwätz große Macht erlangt, den Geheimbund der Leoparden wiedererwecken will und doch böse endet, wobei Bones sogar noch eine Seelenwanderung vermutet. Eine sehr gelungene Episode behandelt die Ankunft eines überzeugten Eugenikers aus der alten Heimat im Urwald, worüber Sanders gar nicht begeistert ist, hat er doch lange gebraucht, die diesbezüglichen hiesigen Bräuche auszumerzen. Unter Einfluss des Neuen beginnen nun wieder leider unselige Aktionen an Alten und Kranken, doch eines Tages wird Mr. Septimus selber unwohl und seine schwarzen Kumpels wollen ihm seine eigene Medizin verabreichen… Edgar Wallace zeigt hier mit einer absurd-komischen Pointe wieder mal, dass ihm die von einflussreichen Kreisen propagierte Tötung „unwerten Lebens“ verhasst war, egal unter welcher Hautfarbe sie auch vorgenommen wurde.
    Es folgt eine ziemlich wirre Geschichte über einen liebeskummerigen weißen Jäger, einen bösen Häuptling, einige Geister und andere seltsame Figuren, die wie stets gerade so gut ausgeht für den umtriebigen Bones. Weiter geht es mit einer abenteuerlichen Geschichte um einen alten Mythos über ein Königszepter, worin auch Bosambo eine Rolle spielt, außerdem schöne Frauen und eine große Dynamitsprengung, wobei der Erfinder irgendwie den Erzählfaden verliert. Mit List und Tücke baut man in der folgenden Story einen Kanal durch unwirtliches Gebiet, und in der nächsten geht es um wertvolle Reliquien, die Leutnant Tibbetts aus gekränkter Ehre angeblich findet und heillose Verwicklungen auslöst. Die nächste eher humorvolle Episode kommt ohne Kampf und Hinrichtung aus, aber nicht ohne Missverständnisse, denn der vielbeschäftigte Bones bekommt unerwarteten Besuch von einer sehr sittenstrengen Erbtante, leider in einem ungünstigen Moment in einer schnell misszudeutenden Situation – Pech gehabt ! Die Folgegeschichte ist dann wieder blutrünstiger, aber sehr durcheinander, Bosambo, reiche Frauen, Meuchelmörder, abgemurkste Liebhaber, allerlei Verwicklungen… Und wieder geht es um einen Schatz im darauffolgenden Kapitel, ein gerne gewähltes Thema, um skrupellose Waffenhändler und eine entschlossene Frau, mit der nicht zu spaßen ist. Das vorletzte Geschehen handelt von einem Tanzmädchen, das einige Konflikte heraufbeschwört, die fast zum Krieg mit dem grausamen Großen König führen, für die Tänzerin geht die Sache leider tragisch aus. Die letzte Geschichte zeigt Wallace wieder als guten Beobachter, besonders eher unangenehmer Typen. Ein ungelittener und berüchtigter Generalinspektor der Regierung macht Visite in der Station. Er droht den Anwesenden mit Absetzung, besonders dem sorglosen Bones, und macht seinen Untergebenen ansonsten das Leben zur Hölle, besonders aber seiner sehr jungen unglücklichen Ehefrau, die er stets bösartig an eine frühere Verfehlung erinnert. Man kann sich dieses Ekelpaket gut vorstellen, glücklicherweise hat es das Schicksal diesmal nicht so gut wie sonst mit ihm gemeint...

    Wallace‘ Technik, unterhaltsame short stories zu schreiben, kommt in seinem afrikanischen Spätwerk gut zur Geltung. Auffällig sind die zahlreichen Winkelzüge, die manche der Geschichten auf wenigen Seiten nehmen, leider bleibt bei drei oder vier von ihnen die Pointe zwischendurch irgendwie auf der Strecke. Man könnte denken, der Schreiber hätte am Ende nicht mehr gewusst, wie er begonnen hatte. Man kann den abschließenden Band um Sanders & Co. wohl nicht mehr zu seinen besten Arbeiten rechnen. Auf alle Fälle aber durchaus lesbar.

  • "Die Non-Paul Temples" (CD-Box)Datum23.10.2025 14:31

    Ich habe die CD jetzt auch mal auf einer längeren Autofahrt angehört. Ein Resümee könnte wie folgt aussehen:

    »Der Fall Greenfield«. – (1961)

    Immer wieder kommt der offenbar etwas überkandidelte Kriminalschriftsteller Layton zu Scotland Yard angetrabt, um zu melden, dass er irgendjemanden abgemurkst hätte. Stimmte bisher nicht, doch irgendwann liegt seine Gattin tatsächlich tot in der Wohnung, Layton hat aber ein Alibi. Der Fall kommt ungelöst zu den Akten. Der betraute Inspektor bekommt nach einigen Jahren Besuch von einem Ex-Kollegen, der ihm erstaunliche Dinge aus seinem letzten Südafrika-Urlaub zu berichten weiß…
    Eine trotz Rückblenden geradlinig erzählte Geschichte, die sich über eine dreiviertel Stunde ihrem erwartbaren Ende betulich nähert. Etwas seicht.

    »Nur über meine Leiche« – (1963)

    Ein Theaterschauspieler-Paar namens Nelson hadert über den weltfremden Unsinn, den es Tag für Tag auf der Bühne zum Besten geben muss. Wie es der Zufall will, verirren sich die beiden im Nebel zu einem abgeschiedenen Haus, in dem sie bald auch über eine Leiche stolpern. Allerlei Klischees aus ihren Stücken begegnen ihnen hier, was auch reichlich kommentiert wird. Der Versuch einer humorvollen Parodie auf seine eigenen Versatzstücke wirkt in diesem Durbridge-Hörspiel für meinen Geschmack ziemlich altbacken. Immerhin entpuppen sich die Hobbykriminalisten realistischerweise als hoffnungslose Stümper, die recht befriedigend geplottete Auflösung machen dann die anderen einschließlich der Polizei.
    Für eine dreiviertel Stunde recht kurzweilig.

    »La Boutique«. – (1967)

    Der Komponist Robert Bristol lernt in den USA eine geheimnisvolle Frau kennen, die bald wieder verschwunden ist. Außerdem einen reichen Geldgeber und andere Personen. Wieder in London, besucht er seine Ex-Frau, die La Boutique betreibt, sowie seinen Bruder Robert bei Scotland Yard. Doch da gibt es einen Todesfall, dem weitere folgen. Eine Menge zwielichtige Personen, seltsame Gegenstände, Rauschgift und falsche Spuren treten in dieser verwickelten Geschichte auf.
    Mein persönlicher Favorit der Scheibe, der mir auch besser als die meisten Paul-Temples gefällt. Die dreistündige Handlung ist ernster und dramatischer als üblich, auch durch den plötzlichen Mord an einer bisherigen Hauptperson. Hätte bestimmt auch einen richtig guten Film abgegeben. Es gibt noch eine längere Version der Story aus der Schweiz, die ich mir sicher nochmal anhören werde.

    »Tief in der Nacht« – (2000)

    Auf dem Rückflug von Australien überlebt Carl Houston zusammen mit seinem Sitznachbarn Sheldon eine blutig endende Flugzeugentführung. Immer wieder von Alpträumen geplagt, beginnen Houston und seine Frau aufgrund mysteriöser Ereignisse langsam an seinem Verstand zu zweifeln. Es werden Anschläge auf ihn unternommen, aber er wird auch der Polizei verdächtig. Was ist da los?
    Ein spätes Hörspiel mit dem Versuch, neue Bereiche zu erschließen. Aber spätestens, als es immer wieder um einen Spielzeugkoala und geraubte Brillanten geht, weiß man, dass es in die schon ewig ausgenudelten Gewässer geht. Der End-Twist des Ganzen zu den Hijackern am Anfang ist dann noch sehr unglaubwürdig. Trotz allem ist es eine spannende knappe Stunde Hörzeit.

  • James Hadley ChaseDatum19.10.2025 21:02
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema James Hadley Chase

    Zahle oder stirb - Mission to Siena (1955]

    Die atemberaubend schöne rothaarige Lorelli trifft den brutalen, durch eine Kriegsverletzung entstellten Gangster Crantor in London, wo sie ihm Anweisungen ihres gemeinsamen Bosses, der sogenannten „Schildkröte“ gibt. Derweil begegnet der Globetrotter Don Micklem zusammen mit Chauffeur und Assistenten Harry Mason der befreundeten Mrs. Ferenci, die ihnen von der bizarren Drohung der Schildkröte gegen ihren Ehemann Guido berichtet. Der denkt nicht daran, Erpressungsgeld zu zahlen, und wird prompt in seinem Hause von dem Messerwerfer Shapiro umgebracht, trotz aller Sicherheitsvorkehrungen. Nun will Micklem die Mörder zur Rechenschaft ziehen, eine Hatz mit Inspektor Dickes durch die Unterwelt beginnt, doch der Auftragskiller wird „rechtzeitig“ ebenfalls umgebracht. Ebenso seine Freundin, zu der Don schon Kontakt aufgenommen hatte. Offenbar muss es bei dem Verbrechersyndikat Verbindungen nach Italien geben, da bei Opfern und auch Tätern ein starker Bezug auf dieses Land vorliegt. Micklems Sekretärin (und wohl auch mehr) Marian kann einen Hinweis auf Siena geben, wohin die Handlung nun auch verlegt wird. Don schleicht sich in die Villa des mysteriösen Asconi ein und wird dort festgesetzt. Hier ist das Hauptquartier der weltweit tätigen Organisation, voller Geheimkammern und unterirdischer Gänge. Die Komplizen der Schildkröte sind etwa der hünenhafte Schwarze Carlos, der durchtriebene Felix, der teuflische Dr. Englemann und andere Lakaien des Oberhauptes, die sich gegenseitig misstrauen und Intrigen spinnen. Im dramatischen Finale wird es für alle recht eng, denn der Boss will reinen Tisch machen, aber es geht natürlich alles nochmal gut aus.

    Eine eher ungewöhnliche Geschichte für Chase. Kein Ich-Erzähler, sondern verschiedene Personen und Handlungsebenen, mit eigenen Gedanken. Die Mischung ist eigenartig, harte Gangster-Klischees, einige Agenten-Zutaten und Handlung im regnerischen England und sonnigen Italien. Es gibt vieles, was sogar an Wallace erinnert: eine seltsame Erpresserorganisation, die eigentlich harmlose Schildkröten als Drohung zumeist an Italiener verschickt. Die darauf fußende Spur nach Siena ist ziemlich zurechtfabriziert, irgendwie auch wallace-ähnlich, ebenso natürlich das burgartige Anwesen des Obergangsters mit der ausgiebig genutzten Möglichkeit, alle seine Feinde im Keller zu ertränken. Haben da Vierte Plage, Grüner Bogenschütze usw. Pate gestanden? Bei einem der ersten Cromwell-Romane von Victor Gunn gab es übrigens auch einen Messerwerfer als Auftragsmörder, der schließlich selbst umgebracht wurde. Alsconi, die Schildkröte, ist ein rücksichtsloser Bursche. Die anderen Typen sind auch nicht ohne, freilich sehr klischeebehaftet, aber voller interessanter Intrigen, da sie am Ende alle selber ihr Schäfchen ins Trockene bringen wollen. Es gelingt dem Autoren gut, durch das Verwirrspiel in den Gewölben der Verbrecherfestung die Spannung zu halten und durch die Flutung der Anlagen nochmal die Schraube gehörig anzudrehen. Lorelli, die nach außen Eiskalte und von allen Begehrte, ist die heimliche Verbündete des privat ermittelnden Micklems, doch eine Liebesgeschichte gibt es bei ihnen wohl kaum, der Don mag seine brave Sekretärin wohl doch lieber. Das Ende der Mär kommt einigermaßen abrupt. Der Roman ist sicher kein Meisterwerk, aus verschiedenen Blickwinkeln jedoch recht interessant.

    Im Jahre 1964 wurde der Stoff unter dem Titel Wartezimmer zum Jenseits von Alfred Vohrer verfilmt. Möglicherweise wegen der oben aufgezeigten Wallace-Zutaten? Immerhin hat der Film ja aus irgendwelchen Gründen auf der Edgar-Wallace-Collection Platz gefunden.
    Es ist schon das zweite Abenteuer von Micklem, ein Jahr vorher hatte er eine Kalte-Kriegs-Agenten-Affäre bei einer Mission to Venice überstehen müssen, aber das ist wohl zu viel Politik fürs simple Unterhaltungskino gewesen, deswegen wurde wohl das Folgebuch favorisiert. Dabei lehnt sich die Fabel des Filmes stark an den Stoff des Romans an. Götz George ist ein strahlender Don Micklem ohne Fehl und Tadel, Hans Clarin als Freund Harry Mason mit piepsiger Stimme war bestimmt kein ehemaliger Kommandosoldat wie die Buchfigur. Klaus Kinski darf als Shapiro wieder mal einen Killer mimen und natürlich vorzeitig den Löffel abgeben. Hildegard Knef mit fast vierzig Jahren, hm, irgendwie eine Fehlbesetzung für die junge rothaarige superattraktive Lorelli der Vorlage. Aber dort ist sie auch nicht die Geliebte der "Schildkröte" Asconi, sondern die von Gehilfen Felix, dem karrieregeilen Schönling ohne Herz, den Pinkas Braun gar nicht so schlecht auf seine eigene Art spielt. Ansonsten sticht von den Helfern noch Carlos hervor, seine Rolle ist im Film zurückhaltender als im Roman, und Jan Hendriks ist auch kein "riesiger Neger", der allen anderen ständig Furcht einjagt. Carl Lange als Crantor, der entstellte Gangster, ist neben Götz George in seiner Heldenrolle wohl die authentischste Figur. Bleibt noch der Oberboss übrig. Alsconi, der komplett skrupellose Chef, der alle verrät, wenn es um die eigene Haut geht. Wie alle Sadisten sich selbst gegenüber eher wehleidig, wird er als korpulentes Kerlchen beschrieben, dass seine mehrere Kontinente umfassende Erpresserorganisation betreibt, um irgendwelche familiären Rachegedanken weiterzuspinnen, die auf eine jahrhundertealte Fehde in Siena zurückgehen. Der Filmbösewicht dagegen will seine Gefesseltheit an den Rollstuhl durch Rausch an der eigenen Macht kompensieren, und er hat seine Zentrale nach Triest verlegt. Aber Richard Münch kommt schon so richtig böse rüber.
    Am Beginn wird nicht Micklems guter Freund, sondern reicher Erbonkel abgemurkst, und die Handlung in London geht durchaus ihre eigenen Wege, wenngleich Shapiro als Messermann geblieben ist. In Italien folgt man dem Handlungsschema des Buches enger, das "Wartezimmer zum Jenseits" mit herabsenkbarer Decke ist eine geschickte Variation der Überflutungsanlage aus Chase' Phantasiewerkstatt. Die Dame fährt am Ende nach Crantors Unschädlichmachung von dannen, genau wie im Kriminalroman, und dann ist Schluss.
    Wenn einem der Film nicht so recht gefällt, so liegt das sicher auch daran, dass es eben kein Wallace ist, sondern ein eher abweichender Chase.

  • James Hadley ChaseDatum16.10.2025 19:19
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema James Hadley Chase

    Ein Sarg aus Hongkong - A Coffin from Hongkong (1962)

    Der ziemlich heruntergekommene Privatdetektiv Nelson Ryan bekommt in seiner Heimatstadt Pasadena City in Kalifornien durchs Telefon von einem unbekannten Mandanten einen wenig geschätzten Auftrag zur Überwachung von dessen Ehefrau. Aber er braucht das Geld. Doch es war alles nur eine Finte, er findet später in seinem Büro eine ermordete Chinesin, und erschreckenderweise deuten die Indizien auch noch auf ihn als Täter hin. Leutnant Retnick von der Polizei ist ein unangenehmer Geselle, allerdings lässt er Ryan die Chance, seine Unschuld zu beweisen. Die Tote war die Schwiegertochter Jo-An des einflussreichen Millionärs Jefferson, dessen Sohn Herman kürzlich in Hongkong tödlich verunglückte und dessen Sarg sie gerade überführt hatte. Ryan soll in Jeffersons Auftrag die Hintergründe aufklären und reist deshalb nach einem überstandenen Mordversuch nach Hongkong. Er steigt in dem Hotel ab, in dem Jefferson Junior mit Frau gewohnt hatte, ein recht und schlecht getarntes Bordell, wo er auf die nette Leila trifft. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen ist die Gute unbekümmert redselig, was ihr gar nicht bekommen soll. Immer wieder kreuzt der Touristenführer Wong Nelsons Weg, und er trifft auf die Spur von Herman Jeffersons Freund Belling sowie auf das Geschwisterpaar Enford, die schöne Stella sowie deren undurchsichtigen Bruder Harry, die beide auf einem schönen Anwesen wohnen. Ryan wird bei einem Ausflug zu Stella unter Feuer genommen, eine Falle der Lady? Er kommt in weitere Gefahr, doch die Geschichte in Hongkong klärt sich schließlich auf, aber die endgültige Klärung der Affäre erfolgt dann wieder zuhause, wo er den Mörder des chinesischen Mädchens überführen und sich selber rehabilitieren kann.

    Der einzige Roman mit dem Protagonisten Nelson Ryan zeigt einen Helden von eher Marlow-typischen Format, einsam, ärmlich und weit jenseits der Jugend. Seine sozialen Kontakte beschränken sich auf Plaudereien mit dem Chemiker vom Nachbarbüro oder dem chinesischen Koch um die Ecke, die Frauen laufen ihm, genau wie der Erfolg, auch nicht unbedingt hinterher. Er ist intelligent, mit eigener Moral, sarkastisch - besonders im Umgang mit dem schmierigen Polizisten Retnick -, und im Notfall auch schlagfertig mit den Fäusten. Der Auftrag des reichen Jefferson ist ein Glück für ihn und bietet ihm zuhause und auch in Hongkong eine gewisse Protektion. Doch er steht den Verhältnissen im Hause seines Klienten kritisch gegenüber, der verlorene Sohn entpuppt sich immer mehr als spezielles „Früchtchen“, und die bezaubernde Sekretärin Janet West hat wohl auch ihre dunklen Geheimnisse. Die Verlagerung des Geschehens nach Hongkong gibt Hadley Chase die Möglichkeit zu einer gelungenen Beschreibung dieser pulsierenden farbigen Stadt, wobei er die Schattenseiten nicht ausspart. Traurige Einwandererschicksale, Prostitution an jeder Ecke, Rauschgiftkriminalität, skrupellose Glücksritter und die stets im Hintergrund agierende Macht der alteingesessenen und unbarmherzigen Mafiabanden. Es gelingt ihm, die schmutzigen und verwickelten Machenschaften des vielleicht nicht ganz so toten Jefferson-Sprösslings und seiner Komplizen aufzudecken, wobei ihm auch die örtliche Polizei aus der Klemme helfen muss. Der Schlussteil des Buches lässt ihn durch einen sehr unwahrscheinlichen Zufall auch noch den unbekannten Mörder von Jeffersons Schwiegertochter in Pasadena enttarnen, obwohl ihn der geneigte Leser schon die ganze Zeit über am liebsten geradezu mit der Nase draufstoßen möchte. Dieser Patzer stört vielleicht ein wenig in einer sonst sehr gelungenen Story.

    Nur wenige Zeit nach dem Erscheinen des Kriminalromans entschied man sich in Deutschland im Zuge der damals populären Krimi-Agenten-Abenteuer- Welle für eine Verfilmung. Im Jahre 1964 spielte der stets elegante Heinz Drache die Hauptfigur. Er erinnert in seiner Person kaum an den müden und am Existenzminimum herumschrammenden Nelson Ryan der literarischen Vorlage. Sein erfundener Buddy-Kumpel und Angestellter Bob Tooley alias Ralf Wolter ist eine gutgemeinte Version der damals unvermeidlichen Humorzugabe, obwohl er handlungstechnisch kaum irgendeinen größeren Gewinn darstellt. Die Handlung wurde als Ausgangsbasis nach London verlegt, was irgendwie sogar besser passt, vielleicht wegen Hongkongs damaligem Status als britische Kronkolonie. Man folgt dem Roman lange Zeit in der Gestaltung des Drehbuchs recht nahe. Ein Bösewicht hinter einer Maske oder eine heimtückische Ertränkungskammer sind da gewisse Variationen des damaligen Zeitgeschmackes. Ebenso die Vermeidung allzu deutlicher erotischer Anspielungen oder die Rettung des Detektivs aus höchster Not durch einen kleinen dankbaren Jungen. Letzteres ist großer Blödsinn, wenn man es mal genau nimmt. Die meisten Personen aus dem Buch tauchen auch im Film auf, manchmal unter anderem Namen.
    Zu der schönen Stella hat Ryan ein besonderes Verhältnis, sie landen letztlich im Bett und er hilft ihr für eine weitere Existenz mit eigenem Geld weiter. Das bleibt filmisch eher vage und oberflächlich, ist alles nicht so düster gehalten. Die Produzenten haben sich entschieden, das Finale in Hongkong anzusiedeln, als gröbere Änderung. Das führt dazu, dass nicht nur der „Sarg aus Hongkong“ immer nur im Off besprochen wird, sondern auch die Aufklärung des Mordes in Ryans Londoner Büro so ganz nebenbei abgehandelt wird und fast untergeht. Das verhindert für den Zuschauer leider einen erneuten Auftritt der blonden Sabina Sesselmann in ihrer Rolle als nicht unverdächtige Sekretärin des alten Jefferson vor sowie eine stimmigere Erklärung der gesamten Angelegenheit.
    Irgendwie ein beträchtlicher Schnitzer. Man hat hier lieber auf eine brennende Dschunke gesetzt und Schurken, die sich am Ende gegenseitig abmurksen, eben mehr Action und die Exotik des fernöstlichen Schauplatzes in den Vordergrund gerückt. Trotz guter Ansätze bleibt es eher ein Durchschnittskrimi.

  • Neue Bryan Edgar Wallace BücherDatum14.10.2025 15:44

    Vielen Dank für deine Einschätzungen der Bücher.
    Es wäre schön, wenn du das bei den Büchern von Penelope Wallace auch mal machen würdest. Da wollte ich mir auch schon immer mal welche besorgen.
    Viel Spaß beim Schmökern!

  • James Hadley ChaseDatum06.10.2025 19:01
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema James Hadley Chase

    Alibi auf Tonband - The Sucker Punch (1954)

    Chad Winters, ein gutaussehender Bankangestellter Anfang Dreißig, ist ein notorischer Weiberheld und in großen Geldnöten. Der charakterschwache Taugenichts soll nun wegen Faulheit auch seinen ungeliebten Job verlieren, doch als letzte Chance wird ihm die Betreuung des sehr großen Vermögens der Erbin Vestal Shelley übertragen. Die junge launische und tyrannische Frau ist der Schrecken der ganzen Bank. Winters gelingt es, die zwar sehr reiche, aber auch einsame unattraktive Vestal mit seinen halbseidenen Vorschlägen und seinem skrupellosen Charme zu beeindrucken. Sie verliebt sich in ihn, der doch nur Verachtung für sie spürt. Auf Anraten einer Geliebten heiratet Chad die glückliche Millionenerbin. Er versucht jetzt, Einfluss auf ihr Vermögen zu bekommen, doch dann fallen ihm die versteckten, aber reichlichen Reize der Sekretärin Eve Dolan ins Auge – das Verhängnis nimmt seinen Lauf.
    Die gar nicht so unscheinbare Eve will die heimlichen Treffen beenden, denn Vestal ist misstrauisch und eifersüchtig. Irgendwann und irgendwie reift in Chad, wie er glaubt, der Gedanke, seine verhasste Frau zu beseitigen und den Großteil ihrer 70 Millionen zu erben, wie es nach Eves Aussage im Testament stehen soll. Ein komplizierter Plan entsteht, der den beiden Verschwörern ein Alibi geben soll und bei dem ein Tonband eine große Rolle spielt. Eines Tages verunglückt Vestal mit dem Auto, während Chad und Eve augenscheinlich ein Diktat aufnehmen… Sergeant Leggit, ein alter Freund von Vestal, nimmt hartnäckig die Ermittlungen auf und stößt auf immer mehr Ungereimtheiten. Wird er die Mörder überführen?

    Der vorliegende Roman ist im Grunde keine erbauliche Lektüre, denn es fehlt grundlegend an einer Person, mit der der Leser Sympathien hegen könnte. Der Ich-Erzähler Chad ist ein sehr von sich eingenommener und beschränkter Widerling, trotz seines herrischen Getöses von Frauen über Sex leicht zu steuern, andererseits selbst auch sehr manipulativ. Vestal in ihrer naiven Verliebtheit könnte einem fast leid tun, aber sie ist zu abhängigen Menschen oft ebenfalls eine sehr unangenehme Person. Der dritte Teil der unglückseligen Beziehung ist Eve, die sich von der scheinbar verschüchterten grauen Maus immer mehr zur kalt berechnenden femme fatale entwickelt. Auch sie ist hoffnungslos in einen jungen hübschen Mann namens Larry verliebt, den sie mit viel Geld wieder an sich binden will. Allen der Beteiligten ist die maßlose Gier nach Liebe und nach Geld (letztlich zur Erreichung dieses Ziels) gemein, scheinbar eine Ansammlung von Psychopathen. Man hat beim Lesen stets die Vorstellung von etwas widerwärtig Schmierigem. Einzig der harte Cop Sam Leggit wirkt menschlich, seine Freundschaft zur ungleichen Vestal Shelley wahr wohl zutiefst ehrlich gewesen. Und Glorie, die einfältig-bauernschlaue Freundin von Chad, wird wieder seine Nemesis, denn sie zerstört unbewusst sein Alibi… Immer mehr wird Winters in die Enge getrieben, doch er ist ein verschlagener Hund, der nicht so schnell aufgibt, wieder soll ihm hauptsächlich ein Tonband zu einem neuen Alibi zur Flucht verhelfen, aber wird er es schaffen?

    Die Story wurde 1957 von Henri Verneuil als Verfilmung in die Kinos gebracht, hierzulande unter anderem unter dem Titel Im Rausch der Sinne. Handlungsort ist nun Frankreich. Den männlichen Helden mimte Henri Vidal, seine Ehefrau und Opfer in spe stellte Isa Miranda dar, und letztlich fiel die Rolle der intriganten Sekretärin Eve der bezaubernden Mylene Demongeot zu. Die Namen der Hauptfiguren waren großteils anders, aber auch in der Handlung gibt es kleinere und größere Abweichungen. Die millionenschwere Ehefrau ist kein häßliches junges Entlein, sondern eine gereifte Frau, wesentlich älter als ihr neu angetrauter Gatte. Sie hat ein streng gehütetes Familiengeheimnis, welches zum Ende an Bedeutung gewinnt. Ihre scheinbare Nebenbuhlerin Eve macht sich nicht wie im Roman absichtlich unscheinbar, sondern darf fortwährend ihre Reize ausspielen. Mylene Demongeot gibt der Figur durchaus etwas Intrigantes, aber nicht so Eiskaltes wie im Buch. Auch der männliche Übeltäter erscheint nicht ganz so grundfalsch wie sein literarischer Widerpart, alle wirken eher schicksalhaft getrieben. Und der Kriminalkommissar ist ein fröhlicher Franzose und nicht so ein harter Brocken wie der US-Polizist im Buch, der seinen Gegner unbedingt in die Todeszelle verfrachten will.
    Der Film baut den Spannungsbogen systematisch bis zum sorgfältig vorbereiteten Mord auf. Während Eve, die zweifelhafte Komplizin, die eingeladenen „Zeugen“ unterhält und sich um das getürkte Arbeitsgespräch im Nebenraum kümmert, muss Chad (im Film Philippe) seine Frau ermorden, wobei das Ganze wie ein Autounfall auf einer steilen Küstenstraße aussehen soll. Ihm unterlaufen kleine Fehler, im Buch sind es eine verlorene Radmutter und Sand im Schlauch, im Film klemmt er den Mantel ein und stürzt selbst fast in die Tiefe. Eine besonders verstörende Passage im Roman ist die versuchte Flucht des halbbetäubten Opfers aus dem Wagen, wobei der Mörder ihr verzweifelt folgt und sie grausam erschlägt. Dieser Teil ist in meiner Buchausgabe komplett weggekürzt, im Film nur sehr glattgebügelt vorhanden.
    Die beiden Schuldbeladenen geraten in Folge aneinander, der unerwartete Knockoutschlag (The sucker punch) lässt für den Mörder nicht lange auf sich warten, er ist nicht der einzige skrupellose Liebesheuchler, und ein klingelndes Telefon wird zum Verräter. Die Einführung eines verstoßenen Sohnes der Getöteten und gleichzeitig Haupterben ist ein neues Element im Film, eine zusätzliche Pointe, die die Glaubwürdigkeit der Geschichte nicht unbedingt erhöht. Aber letztlich läuft es aufs Gleiche hinaus. Am Ende liegen die beiden Täter gegenseitig erschossen auf dem Anwesen, mahnend baut sich im Hintergrund die mondäne Luxusvilla auf, ein Symbol materiellen Reichtums, Ursache allen Übels (?).
    Die literarische Vorlage kommt doch etwas abweichend und einiges finsterer daher, Chad Winters ist mittlerweile ein dreifacher von Rache und Angst getriebener Mörder, er versucht hinterhältig seine Flucht zu planen, wird aber sozusagen von einer höheren Instanz seiner Strafe zugeführt.
    Welche Variante nun besser ist, kann nur der Geschmack des einzelnen entscheiden, sehr noir sind beide Versionen.

  • James Hadley ChaseDatum01.10.2025 14:58
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema James Hadley Chase

    John Barrats Ratten - Figure It Out for Yourself (1950)

    Der Auftrag, die verlotterte Tochter eines Millionärs nach Hause zurückzubringen, endet für Vic Malloy fast mit einem Stich in den Bauch. Gerettet wird er von einem gewissen Nick Perelli, kein Tugendbold, aber sympathisch. Bald schon kann sich Malloy revanchieren, denn Perelli wird aufgrund untergeschobener „Beweise“ verdächtigt, den Ehemann Dedrick der superreichen Serena Marshland entführt zu haben, wobei der Chauffeur Souki erschossen wurde. Vic ist in den Fall involviert, Dedrick hatte ihn kurz vorher telefonisch noch um Hilfe gebeten. Er übergibt zusammen mit Serena das Lösegeld, doch der Entführte bleibt verschwunden. Vic stellt auf eigene Rechnung Nachforschungen an und trifft bald auf eine Zeugin, die allerdings prompt ermordet wird. Allerlei Gestalten kreuzen seinen Weg, ein schadenfroher Schwiegervater, ein bestechlicher Hausdetektiv, ein gewitzter Anwalt, leichte Mädchen, geheimnisvolle schießwütige Ladies, etliche Rauschgiftschmuggler, ein Unbekannter mit weißem Filzhut und vor allem John Barrat. Das ist eine besonders fiese Type, verderbt, rachsüchtig und sadistisch. Weitere Zeugen sterben, auch Malloy muss sich schlagkräftig seiner Haut erwehren. Sein Versuch, zusammen mit dem befreundeten Polizisten Mifflin eine Falle zu stellen, geht schief, und plötzlich findet er sich alleine und gefesselt im Gängelabyrinth eines verlassenen Bergwerkes wieder… Gänsehaut pur, denn es geht nochmal richtig heftig zur Sache. Nach vielen überstandenen Gefahren kann der Detektiv noch eine überraschende Aufklärung geben, und schon ist die Affäre abgeschlossen.

    Der zweite Fall von Universal Service beinhaltet auf ca. 170 Seiten eine mitreißende Story, die anfangs im üblichen Gleis verläuft. Überraschende Wendungen, hübsche Damen und natürlich eine Anzahl von Leichen gibt es da, auch wendet sich Malloys Auftraggeberin plötzlich gegen ihn. Der Polizeichef und die meisten „Bullen“ sind gehässig und kontraproduktiv. Für Informationsbeschaffung gibt der Ermittler eine Menge Cash aus, denn die Welt ist gierig. Doch Perelli droht die Todesstrafe. Malloys Mitarbeiter Kerman wird sogar nach Paris geschickt (was sich aber als Flop erweist). Dafür arbeiten Vic und Sekretärin Paula sehr eng zusammen, wobei sie sich hier in der zweiten Hälfte gegenseitig das Leben retten und doch so nahe kommen wie sonst nie in der ganzen Reihe. Die letzten siebzig Seiten haben es in sich, denn mit der Verlagerung des Geschehens in das aufgegebene Bergwerk kommen regelrechte Fantasy-Elemente oder bessergesagt handfester Horror ins Spiel. Die Dunkelheit birgt ein schauriges Geheimnis. Was ist Barrats bösartige Rachevorstellung? Man verfolgt atemlos die Suche von Vic und der helfenden Paula nach einem Ausgang aus der Mine, verfolgt von Heerscharen menschenfressender Riesenratten… Ein Rauschgiftlager wird gefunden, und dann geraten sie auch noch in den Konflikt zweier verfeindeter Banden mit wilden Schießereien und anstrengenden Hetzjagden. Die Oberverbrecher erleiden ein grausiges, fast biblisches Ende. Malloy muss aber noch zurück ins Haus der Marshlands, hier werden einige Identitäten neu benannt und ein kaltblütiger Mörder entlarvt, irgendwie bleibt die Logik ein wenig auf der Strecke, doch der Leser hat einige vergnügliche Schmökerstunden gehabt. Darauf einen guten Whisky.

    _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _


    Unter den Fans von Hadley Chase scheinen sich die drei Detektiv-Abenteuer der Viktor-Malloy-Reihe eines gewissen Kultstatus‘ zu erfreuen. Zu Recht, wie ich finde.
    Der erste Band Tote sind einsam erzählt noch eine recht konventionelle Hardboiled-Story mit viel Prügelei, Mordopfern und auch einem gewissen dezenteren Action-Anteil, besonders am Ende.
    Mit John Barrats Ratten erweitert sich das ähnlich gelagerte Strickmuster durch eine gut beschriebene Grusel-Episode, ebenso ist der Actionfaktor einiges erhöht.
    Den Abschluss bildet Die Katze im Sack, wobei es neben den zahlreichen Verstrickungen auch durchgängig jede Menge Knallerei, Tod und Zerstörung gibt, fast schon parodistisch versammelt.
    Eigen ist allen Geschichten die bildhafte, saloppe Sprache, die Unmenge an Nikotin und Alkohol, natürlich auch die umwerfend schönen und gefährlichen Frauen, die stets mit irgendwelchen Hintergedanken im Privatbungalow des Helden auftauchen und ihn in noch ärgere Bedrängnis bringen. Und sicher kann man sein, dass alle Zeugen, die mit Malloy Kontakt hatten, besser vorher noch ihr Testament gemacht haben sollten. Und die Reichen haben stets zerrüttete Verhältnisse zuhause und jede Menge Leichen im Keller und sonstwo. Usw. usw. Aber letztlich sind es sehr unterhaltsame Fiktionen, die sich der Vielschreiber da ersonnen hat. Ich würde da eine klare Empfehlung für die Krimilesefreunde geben.

  • Babyface Nelson gabs aber tatsächlich. Der hing irgendwie mit Staatsfeind Nr.1, Dillinger, zusammen. War ein besonders schießwütiger Typ, der dann in den dreißiger Jahren vom FBI erschossen wurde.

  • James Hadley ChaseDatum26.09.2025 14:38
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema James Hadley Chase

    Zahltag - Hit Them Where It Hurt’s (1984)

    Der letzte Krimi von Chase vor seinem Tod.
    Es geht um Dirk Wallace, der mit seinem Kumpel Bill Anderson bei der florierenden Detektei Acme arbeitet. Sie sollen herausbekommen, ob jemand die geistig zurückgebliebene Tochter Angela der steinreichen verwitweten Mrs. Thorsen erpresst. Bald schon treffen sie auf die üblichen Mysterien. Angela ist gar nicht so andersartig wie von ihrer Mutter behauptet und hat einige seltsame Freunde. Der farbige Butler der Thorsens, Mr. Smedley, ist von seiner Frau getrennt und säuft. Sein hünenhafter Sohn und ehemaliger Gärtner im Thorsen-Haushalt Hank betreibt einen Club im weniger vornehmen Teil der Stadt, in welchem rassistischerweise Weiße keinen Zutritt haben. Trotzdem begibt sich Wallace regelmäßig dorthin, macht im zweifelhaften Etablissement eine Menge Stunk und sprengt es gelegentlich in die Luft… Denn es hat sich einiges ereignet. Der verstoßene Sohn der Thorsens sollte einen großen Batzen Geld erben, seine Schwester Angela (die regelmäßig eine Menge Dollars zu Hank bringt) schleppt einen Typen an, der gar nicht der Bruder Terry ist. Dirk Wallace macht sich unbeliebt, und auf seine Lebensabschnittsgefährtin wird ein grausamer Anschlag verübt. Zusammen mit seinem Partner Bill kündigt Dirk seinen Job und zieht einen Racheplan durch. Neben einer Menge Schmiergeld kommt auch mal ein Schneidbrenner zum Einsatz, um verstockte Zungen zu lockern. Und auch mal eine Bombe. Besonders wichtig sind auch immer wieder die Hinweise von Spitzeln, besonders eines verfressenen Originals am Hafen. Neben Hank und der verlotterten Millionärstochter trifft der Held des Stückes bald auch auf einen Widerling namens Minsky, einem Protege des Mafiavertreters vor Ort, Walinski. Der letztere warnt ihn vor weiterem Vorgehen, doch Wallace will seine Rache. Walinskis superattraktive Sekretärin spielt offenbar auch ihr eigenes Spiel und plant mit Wallace zusammen ein Finale, das beide befriedigen soll, denn auch sie ist von unschönen Rachgedanken besessen. So geht denn alles auf ein notwendiges Ende zu, die Gerechtigkeit wird so gut wie möglich wieder hergestellt, nebenher werden auch die Familiengeheimnisse der Thorsens aufgeklärt.

    Die ganze Geschichte ist zugegebenermaßen nicht so spannend, dass sie den Leser unbedingt an der Stange hält. Zumal sie bald in eine Racheaktion des Detektiv-Helden abdriftet. Reiche Leute haben eine Menge Dreck am Stecken und chaotische Familienverhältnisse, das weiß man jetzt wieder mal.
    Irgendwie wirkt alles wie zum x-ten Male aufgewärmt, daran kann auch der plötzliche Schwenk zur Mafia und ihren „ehrenwerten“ Geschäften nichts ändern. Das Essen spielt diesmal eine große Rolle, Zeit für das Verspeisen von endlosen Menüs scheint immer zu sein. Und die Frauen sind wieder mal gefährlich und durchtrieben bis sonst wohin – oder eben arme Opfer.
    Nein, Chase‘ literarische Endvorstellung muss man definitiv nicht unbedingt gelesen haben.

  • James Hadley ChaseDatum25.09.2025 12:12
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema James Hadley Chase

    An einem Freitag um halb Zwölf - The World in my Pocket (1959)

    Vier Männer, mehr oder weniger Kleinkriminelle, sitzen an einem Spieltisch. Frank Morgan, mutmaßlicher Anführer und erfahrener „Knastologe“, stellt den anderen einen gewagten Plan vor. Die Lohngelder einer abgelegenen Forschungsstation in Kalifornien werden jeden Freitag im gepanzerten Spezialfahrzeug eines modernen Transportunternehmens transportiert. Eine Million Dollar – eine gewaltige Summe ! Diese soll vom Ganovenquartett geraubt werden. Die anderen sind der rücksichtslose und großmäulige Bleck, der junge zögernde Ex-Boxer Kitson sowie der ängstliche aber begabte Tresorknacker Gypo. Der Plan zum Überfall stammt von einer Außenseiterin, der jungen attraktiven Ginny, wobei vermutet wird, dass sie auch nicht die eigentliche Urheberin ist. Trotz vieler Bedenken einiger Teilnehmer nimmt man die Sache in Angriff, durch einen Raubzug in einem Nobellokal wird das Spesengeld beschafft, dann werden die nötigen technischen Vorbereitungen für den Tag X getroffen. Immer mehr kristallisieren sich die widerstrebenden Charaktereigenschaften der Mitglieder der Clique heraus, nur die Aussicht auf ein Fünftel der Beute für jeden und eine gewisse Führungsstärke Morgans hält alle zusammen. Dann ist es so weit, der Überfall beginnt, es ist halb zwölf auf einer einsamen Gebirgsstraße. Einiges geht schief, zwei Wachmänner sterben, aber auch unter den Gangstern gibt es ein erstes Opfer. Trotzdem wird der Plan weiterverfolgt, wobei es immer wieder Komplikationen gibt. Die kleine Gemeinschaft droht an inneren und äußeren Konflikten zu zerbrechen, zudem hat die Polizei die Spur aufgenommen, und ein kleiner Junge kann entscheidende Hinweise geben. Es geht einem verhängnisvollen Ende entgegen, der Traum vom großen Glück erweist sich letztlich als Alptraum ohne Wiederkehr.

    Chase‘ recht bekanntes Werk ist wohl unter heist einzustufen. Vier unterschiedliche Männer, die letztlich durch eine attraktive und zu allem entschlossene Frau in ihr Schicksal gelenkt werden. Sie ist partner in crime und Objekt der Begierde, hat auch eine Vorgeschichte, wie der Leser am Ende erfährt.
    Der Plan zum Raubzug ist sehr verwegen, der abgebrühte Morgan hat einen kritischen Blick auf sein Team. Ginny ist äußerlich eiskalt, aber trotzdem mit Skrupeln behaftet, Kitson ist ein Neuling, der nur wegen der Frau mitmacht, Gypo nervlich kaum belastbar, und auch der brutale Bleck verliert im entscheidenden Moment die Kontrolle über sich… Im Grunde wäre der Coup mit einem stabileren Mitarbeiterstab vielleicht durchführbar gewesen, doch hier sind die Charaktere zu gegensätzlich. Eigentlich haben die Räuber keine reale Chance, und manche wissen das auch. Morgan und Bleck sind abgebrühte Kriminelle, die den Schritt zum Mord zu gehen bereit sind, doch die anderen hätten unter anderen Umständen vielleicht nützlichere Mitglieder der Menschheit werden können. Offene Gesellschaftskritik mag dem Autoren fern gewesen sein, doch auch hier ist es wieder wie oft die Gier nach Geld mit der Hoffnung, dann alle Probleme los und jemand Wichtiges zu sein, die die Protagonisten antreibt. Ausbrechen aus Armut und Hoffnungslosigkeit mit dem Ziel, „die Welt in der Tasche“ zu haben. Chase beschreibt nüchtern die Gefühle und Sehnsüchte der Beteiligten, ohne in Kitsch abzugleiten. Der Geldraub geht erst mal gut vonstatten, obwohl es kaltblütig eingeplante Opfer gibt. Ein umgebauter Wohnanhänger spielt eine große Rolle, mit dem dann auch die Flucht vor der Polizei einigermaßen glückt. Immer mehr geht schief. Aufregend bis zum Schluss bleibt es, man bangt schon fast mit dem Pärchen mit, das sich da herausgebildet hat, doch für sie alle scheint es schon zu spät zu sein…
    Ein spannender Roman ohne viel Schnörkel ist der Titel auf jeden Fall.

    In der deutschen Verfilmung von 1961 hat man sich sehr stark an den Handlungsablauf des Buches gehalten. Was man als sehr positiv erachten kann. Die Auswahl der Akteure vor der Kamera spiegelt dieses Bemühen auch wider. An Nadja Tiller als nach außen hin abgebrühte Ganovin mit immer mehr in den Vorschein tretenden menschlichen, weiblichen, Schwächen kann man nichts aussetzen. Ihr Schicksal als deutsches Vertriebenenkind des Weltkrieges ist glaubhaft hinzugefügt worden. Der eigentliche Boss des Unternehmens Frank Morgan wird durch den amerikanischen Schauspieler Rod Steiger souverän dargestellt. Ihm nimmt man den erfahrenen schweren Jungen sofort ab. Kitson, der geschlagene Boxer, der die hübsche Ginny anbetet, ist eine Rolle für Jan Bannon, einem schottischen und recht vielbeschäftigten, aber eher wenig bekannten Schauspieler. Irgendwie sieht der genauso aus, wie er im Roman beschrieben wird. Er bleibt aber im Film etwas blass, sicher auch durch dramaturgische Änderungen im Handlungsablauf, in der literarischen Vorlage hat er schon eine sehr präsente Rolle. Jean Servais spielt Gypo, im Buch ein fetter und nervöser Italiener mit Schlangenphobie, der für den jungen Kitson freundschaftlich-väterliche Gefühle entwickelt, überhaupt gutmütig aber sehr nervös ist, das schwächste Glied in der Kette. Weder körperlich noch charakterlich wird er im Film so extrem dargestellt.
    Dagegen stellt Peter van Eyck für den großspurigen und skrupellosen Bleck eine fast schon ideale Verkörperung dar. Im Buch ein wahrlich widerwärtiger Unsympath, der den schwächeren Gypo gerne schikaniert, der gutaussehenden Ginny ständig an die Wäsche will, im Dauerclinch (auch körperlich) mit seinem Kontrahenten Kitson liegt und selbst von dem ihm eher gewogenen Morgan zunehmend kritischer gesehen wird. Im Film kommt er noch einiges positiver rüber, etwa wenn er dem durch den Schlangenbiss sterbenden Gypo helfen will, was er im Buch nicht tut und statt dessen auf den mitleidigen Kitson losgeht.
    Ausstattungstechnisch wird in Bewertungen immer gerne das „Panzerfahrzeug“ kritisiert, dem man den Holzaufbau (oder welches Material da sonst verwendet wurde) so deutlich ansieht. Tja, ist nun mal kein gelacktes Hollywoodprodukt, der Spezialwagen ist ansonsten im Prinzip so ausgeführt wie im Buch. Ein kleines Fahrzeug, bei dem nicht unbedingt die Fahrerkabine hermetisch geschlossen ist, allerdings der Aufbewahrungsraum für das Transportgut stark gepanzert wurde. Ich finde, gar nicht schlecht gemacht.
    Im Grunde gibt es zwei wesentliche filmische Änderungen zum Geschriebenen. Einmal wurde die Handlung von USA nach Südfrankreich verlegt, was dem Ganzen aber eher zugute kommt und keine Auswirkungen auf den Handlungsfaden hat. Vielleicht wurden dramaturgisch die Lohngelder für den US-Stützpunkt deswegen als Anklang an das Buch eingefügt.
    Ein wesentlicher Bruch ist eher eine Abweichung personeller Struktur. Der amerikanische Gaststar Rod Steiger sollte wohl bis zum Schluss eingesetzt werden. Deswegen ist es nicht Frank Morgan, der in der Mitte des Filmes sein übles Verbrecherleben aushaucht, sondern der offenbar eher verzichtbare Kitson.
    Das hat schon Auswirkungen. Der Buch-Leser fragt sich bei der Lektüre, ob der souveränere Morgan die ganze Bande vielleicht noch besser im Zaum gehalten hätte und das Projekt doch geglückt wäre. So brachen die Antipathien zwischen Kitson und Bleck ungebremst aus, und der langsam durchdrehende Gypo hatte gar kein Regulativ mehr. Im Film fällt das dann flach. Ginny muss zur Tarnung mit dem ihr abscheulichen Bleck poussieren und ein Hochzeitspaar vorspielen. Dieser Part geht eigentlich und glaubwürdiger an Kitson, wobei sich da sogar eine kleine Romanze zu entspinnen anfängt. Nicht zuckerig-süß, sondern glaubwürdig, beide könnten sich sogar eine gemeinsame Zukunft ohne Millionen vorstellen. Das gibt dem Un-Happy-End dann sogar eine aussöhnende Note, denn wer weiß schon, welche Welten es sonst noch gibt?
    Sicher lässt sich aber feststellen, dass es sich um eine richtig gute und gelungene Adaption eines Krimis von Hadley Chase handelt.

  • James Hadley ChaseDatum10.09.2025 16:38
    Foren-Beitrag von Dr. Oberzohn im Thema James Hadley Chase

    Dame mit beschränkter Haftung - Hit and Run (1958)

    Chester Scott arbeitet seit zwei Jahren in der gutgehenden Werbeagentur von Roger Aitken in Kalifornien. Er ist ein harter Arbeiter und im Begriff, die Karriereleiter ganz weit nach oben zu erklimmen. Sein Chef hat sich ein Bein gebrochen und lädt seinen fleißigen Angestellten zu sich nach Hause ein, wo er ihm die Möglichkeit offeriert, Teilhaber und Leiter seiner geplanten Zweigstelle in New York zu werden. Eine gewaltige Chance für Chester, doch auf dem Heimweg läuft ihm das erste Mal die schöne junge Frau seines Chefs, Lucille, über den Weg… Das Schicksal nimmt seinen Lauf, die verführerische Person lässt sich von dem seiner Leidenschaft verfallenen Angestellten heimlichen Fahrunterricht geben und macht ihm jede Menge Hoffnungen, doch eines Tages kommt es zum Streit und sie braust mit Scotts Auto alleine davon. Wenig später ist der Wagen zerbeult, Lucille muss gestehen, einen Unfall gehabt zu haben. Aber es wird schlimmer und schlimmer, das Unfallopfer ist tot und war zudem noch Polizist ! Chester verspricht seiner Angebeteten, sie aus allem herauszuhalten. Bald kommt es zu seltsamen Vorfällen in seiner Umgebung, und ein Erpresser meldet sich. Chester kommen immer mehr Zweifel an Lucilles Version der Geschichte. Er taucht ab zum Bodensatz der Stadt, trifft sich mit der Geliebten des getöteten Polizisten und hat bald eine Leiche am Hals. Bei der soll es nicht bleiben, der unfreiwillige Held verwickelt sich immer tiefer in eine dunkle Affäre. Am Ende hängt sein eigenes Leben am seidenen Faden, denn entweder wird er als Mörder verurteilt oder ein Mann im Hintergrund versucht ihn komplett von der Bildfläche verschwinden zu lassen…

    Der Roman ist mit ca. 120 Seiten einer der kürzeren Sorte. Aus der Sicht des Protagonisten erzählt, entwickelt die Geschichte nach einem romantischen Vorgeplänkel bald eine immer bedrohlicher werdende Dynamik. Wie eigentlich stets bei Chase, kommt das Opfer in den Fängen einer begehrenswerten Frau gar nicht richtig „zum Zuge“, dafür geht es ihm umso mehr an den Kragen. Die schöne Lucille entpuppt sich immer mehr als intrigante Lügnerin, aber sie muss noch jemanden hinter sich haben. Ist es der Bursche namens Oscar, ein übler Erpresser, der sich an Scott heranmacht ? Währenddessen zieht die Polizei ihr Netz immer mehr zusammen, obwohl es Chester erst mal gut gelingt, den Überprüfungen zu entgehen. Er lernt Leutnant West kennen, eigentlich ein sympathischer Kerl. Dagegen war der überfahrene Polizeibeamte offenbar keine Zierde seiner Gilde. Und irgendwie gibt es da noch einen Gangster mit Namen Sam Galgano, eine berüchtigte Größe der Unterwelt. Nach den ersten Schocks bewahrt Chester seine Ruhe und forscht selber nach. Es gelingt dem Autor doch recht glaubhaft, die Beklemmung und Ernüchterung, aber auch zunehmende Wut des Unschuldigen in dieser bösen Angelegenheit darzustellen. Keiner scheint der zu sein, als der er sich ausgibt, und das Opfer der Machenschaften verstrickt sich heillos darin. Das erinnert vom Plot stark an eine Geschichte von Francis Durbridge, nur halt mehr amerikanisch. Es geht um Erpressung und Mord und einen Täter, der am Ende jedes Maß verliert. Der Schluss ist ein Schwachpunkt der Story, ein aufmerksamer Kollege ruft die Polizei an, der Freund und Helfer erscheint, und alles wird wieder so leidlich gut… Ist auf jeden Fall eine spannende Geschichte.

Inhalte des Mitglieds Dr. Oberzohn
Beiträge: 719
Ort: Ostthüringen
Geschlecht: männlich
Seite 1 von 36 « Seite 1 2 3 4 5 6 36 Seite »
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen
Datenschutz