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Dieses Thema hat 34 Antworten
und wurde 1.679 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Seiten 1 | 2 | 3
Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 592

14.09.2022 15:54
Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Weil es aus gegebenem Anlass grad so schön passt: Ich möchte die Winnetou-Filme schon lange mal besprechen, und zwar zur Abwechslung mit Schwerpunkt in ihrer chronologisch richtigen Reihenfolge, oder zumindest was diesem nahekommt. Dabei soll es keine Konkurrenz zum schon bestehenden und sehr schönen Winnetou-Thread von Patrick darstellen, sondern eher als ergänzende Betrachtung aus einer etwas anderen Perspektive.
Die Festlegung der zeitlich „richtigen“ Abfolge der Filme orientiert sich an verschiedenen Kriterien, mitunter an den Literaturvorlagen, an Handlungselementen und Referenzen innerhalb der Filme sowie auch grob am tatsächlichen geschichtlichen Hintergrund, in dem die Geschichten angesiedelt sind, erst kommen Goldsucher und die Eisenbahnen werden gebaut, dann stoßen die ersten noch „wilden“ Siedler vor, und schließlich wird den Indianern das Land in großem Stil weggenommen. Das alles ist natürlich auch großteils sehr subjektiv.




Den Anfang macht der in seiner Handlung eher untypischste Winnetou-Film:

Winnetou und sein Freund Old Firehand


Erscheinungsjahr: 1966
Regie: Alfred Vohrer
Position in der Serie nach Veröffentlichung: 10
Position in der Serie chronologisch: 1


Mitwirkende:

Winnetou - Pierre Brice
Nscho-tschi - Marie Versini
Rod Cameron – Old Firehand
Rik Battaglia – Captain Mendozza
Harald Leipnitz – Silers
Todd Armstrong - Tom


Handlung:

Winnetou und seine Schwester Nscho-tschi werden zusammen mit einigen Kriegern von der den Banditen der Silers-Bande verfolgt. Sie treffen auf den berühmten Pelztierjäger Old Firehand und dessen Gefährten, die ihnen im Kampf gegen die Verbrecher beistehen. Das Häuptlings-Geschwisterpaar reitet zusammen mit den Trappern in das Örtchen Miramonte, um dort Gerechtigkeit einzuklagen. Doch der für Recht und Gesetz zuständige Captain Mendozza ist selber schwer in der Bredouille. Der Bruder des Oberschurken Silers ist wegen Mordes ins Gefängnis gesperrt wurden, und nun verlangen die Räuber seine Herausgabe. Als einige entnervte Einwohner der Stadt dem Sträfling zur Flucht verhelfen wollen, kommt dieser ums Leben. Das Unheil nimmt nun seinen Lauf, der rachedurstige Silers geht bedenkenlos über Leichen, das Örtchen Miramonte wird mehrmals angegriffen, es gibt viele Opfer. Am Ende siegen zwar die Guten, doch der Tod hat auch bei Ihnen Ernte gehalten.


Zeitliche Einordnung:

Zweifellos ist der Film handlungstechnisch der erste, an Winnetous Seite reitet noch seine hübsche Schwester Nscho-tschi, die ja später ihr Herz an den blonden Superhelden und frischgetauften Winnetou-Blutsbruder aus Germany verlieren soll, leider kurz darauf auch ihr Leben durch feige Mörderkugel. Ihr Geturtel mit dem hinzuerfundenen Tom aus der Firehand-Clique bleibt folgenlos, ereilt den ja auch am Ende der Tod.
Im zweiten Karl-May-Winnetou-Band trifft Old Shatterhand auch wirklich auf Old Firehand (später nochmal auf der Suche nach dem Schatz im Silbersee), den sein roter Bruder offenbar schon lange und vor „Scharliehs“ Auftauchen zu kennen scheint. Wobei Firehand dazumal Winnetous einzige Liebe Ribanna für sich beanspruchte, sogar einen halbwüchsigen Sohn mit ihr zeugte. Auf letzteres verweist ja auch der Film. Allerdings stimmt da die zeitliche Abfolge nicht. Doch im Buch ist es noch weniger vorstellbar, wenn man bedenkt, wie jung der größte spätere Apachen-Chief da noch gewesen sein muss. Apropos - Winnetou bezeichnet sich im Film schon als „Häuptling der Apachen“, obwohl da sein Vater noch leben muss. Da über Winnetous Lippen ja nie eine Lüge kommt, kann man davon ausgehen, dass er zu der Zeit sicher schon eine Art Unterhäuptling ist.
Ansonsten verweist kaum noch etwas auf Mays Schaffen.


Sonstiges:

Den Film als ersten zu gucken hat auch ganz praktische Gründe, man hat dann das Schlimmste schon hinter sich… . Die seltsame Mixtur aus Glorrreiche Sieben und Italo-Western ist für sich betrachtet schon ganz unterhaltsam, aber für echte Fans der anderen Filme ein Schock. Die Böttcher-Musik wird schwer vermisst, Peter Thomas ist für die Winnetou-Romantik ein schlechter Ersatz.
Das bleihaltige Geschehen ist irgendwo an der Grenze zu Mexiko angesiedelt, was landschaftlich auch so rüberkommt. Ansonsten gibt es eine Menge kauzige Typen. Cameron als Old Firehand passt zu der Vorstellung der Romanfigur meiner Ansicht nach ganz gut, besser als jedenfalls Granger zu Old Surehand. Seine verspätete Sesshaftwerdung bei Weib und Kind sorgt hier für etwas bemühte heile Welt, Nscho-tschis Affäre mit dem jungen Tom wirkt auch nicht natürlicher.
Besonders ekelhaft kommt einer der Banditen mit Namen Derks herüber. Er stiehlt dem Silers-Leipnitz fast die Show in Sachen Widerwärtigkeit. Der von de Kowa verkörperte scheinheilige britische Ex-Offizier Ravenhurst vermag eine gewisse Originalität auszustrahlen, wenngleich seine Auftritte recht überzeichnet sind. Ansonsten gibt es jede Menge Schiessereien und auch Brutalitäten.
Winnetous Part in dem Streifen ist ohne Bedeutung, er steht stark im Schatten der Bleichgesichter. Man merkt deutlich, dass er noch ein junger Krieger ist, denn als er für das bedrohte Dorf Hilfe holen will, wendet er sich ausgerechnet an eine kaum weniger schlimme Desperado-Bande als die von Silers. So was wäre dem späteren großen Häuptling wohl kaum passiert. Doch schlimmer noch, er lässt sich wie ein kleiner Junge von einem namenlosen mexikanischen Banditen in ein großes Kraterloch abdrängen. Bestimmt keine stolze Erinnerung für den roten Supermann, da hilft es auch nicht viel, wenn er später alleine einen gewagten Dynamit-Anschlag auf die Verbrecher unternimmt.

Übrig bleibt ein Streifen, an den man sich wohl kaum erinnert, wenn man an die „Karl-May-Filme“ denkt.

Persönliche Wertung: 2 von 5 Skalplocken

Savini Offline



Beiträge: 618

14.09.2022 16:11
#2 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1
Den Film als ersten zu gucken hat auch ganz praktische Gründe, man hat dann das Schlimmste schon hinter sich… . Die seltsame Mixtur aus Glorrreiche Sieben und Italo-Western ist für sich betrachtet schon ganz unterhaltsam, aber für echte Fans der anderen Filme ein Schock.

Nicht umsonst verschwand der Film nach dem Debakel an der Kinokasse (das dazu führte, dass die Rialto die Serie einstellte) lange in der Versenkung, bis er 1993 im ORF lief und ein Jahr später auf VHS erschien.

Tarzan Offline



Beiträge: 1.004

14.09.2022 19:53
#3 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Bei aller Kritik... Handwerklich perfekt gemachter B-Western. Der "Winnetou-Gaul" war zu dem Zeitpunkt längst totgeritten, aber nach X-Beiträgen hatte man schließlich immerhin das Handwerk gelernt.
Viel interessanter als der Film selbst ist die Geschichte dahinter.
Eine "richtige" Reihenfolge in die Reihe zu bringen, ist eher ein nostalgischer Versuch. Die schon früher in jugendlicher Frische gestorbene "Nscho-tschi" taucht in dem Film als reifere, kampf-erfahrene Squaw auf. Das ist nicht viel besser als die kitschige "Apanatschi" einen Film früher.

Jan Offline




Beiträge: 1.731

16.09.2022 20:05
#4 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1

Den Film als ersten zu gucken hat auch ganz praktische Gründe, man hat dann das Schlimmste schon hinter sich… .


Ja, da ist etwas Wahres dran. Selbst durch die rosarot gefärbte Vohrer-Fanbrille betrachtet zählt der Streifen zu den ganz, ganz zähen Stücken des Regisseurs. Man kann zwar tatsächlich zugutehalten, dass der Film professionell inszeniert ist. Das Drehbuch aber ist dermaßen bescheuert langweilig, dass selbst Alfred Vohrer, der ansonsten auch aus mauen Vorlagen noch gute Filme zaubern konnte, machtlos erscheint. Neben "Meine 99 Bräute" und "Wer stirbt schon gerne unter Palmen" würde ich "Old Firehand" zu den drei schlechtesten Vohrer-Filmen zählen.

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #1

Die Böttcher-Musik wird schwer vermisst, Peter Thomas ist für die Winnetou-Romantik ein schlechter Ersatz.


Diese Kritik liegt nahe, ist doch Böttchers Karl-May-Sound quasi ikonenhaft mit der Filmserie verwoben. Nüchtern betrachtet halte ich Thomas' Musik allerdings für das beste an dem ganzen Film und auch überdies hinaus für einen echten Ohrwurm-Score bester Machart. Dass Romantik bei Thomas keine Konjunktur hat, liegt letztlich sicher auch an dem Versuch der Macher, sich von eben jener, vielleicht etwas kindlichen, Romantik zu verabschieden.

Ich habe unlängst alle Karl-May-Western der Rialto (und die beiden der CCC) chronologisch in der Reihenfolge ihrer Entstehung gesehen. Dabei wurde mir erst bewusst, wie sehr sich die Filme Silbersee und Winnetou I bis III doch ähneln. Prinzipiell wird der Bösewicht ausgetauscht, es gibt ein paar andere Namen, die Dramaturgie ist aber immer wieder nahezu identisch. Auch fiel mir dabei zum ersten Mal der signifikante Unterschied in der Wertigkeit zwischen Silbersee und Winnetou I auf. Es ist unverkennbar, dass ab Winnetou I doch erheblich mehr Budget zur Verfügung stand.

Gruß
Jan

Savini Offline



Beiträge: 618

16.09.2022 22:24
#5 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Zitat von Jan im Beitrag #4
Ich habe unlängst alle Karl-May-Western der Rialto (und die beiden der CCC) chronologisch in der Reihenfolge ihrer Entstehung gesehen. Dabei wurde mir erst bewusst, wie sehr sich die Filme Silbersee und Winnetou I bis III doch ähneln. Prinzipiell wird der Bösewicht ausgetauscht, es gibt ein paar andere Namen, die Dramaturgie ist aber immer wieder nahezu identisch.

Das gab es in anderer Hinsicht auch, da in gleich vier von der Rialto im Jahr 1965 produzierten Filmen das Motiv vorkam, dass ein Häuptling/Häuptlingssohn getötet wird und dessen Vater/Sohn deswegen mit Krieg droht, was verhindert werden muss. Das fiel auch diesem Rezensenten auf:http://www.westend-leipzig.de/cgi-bin/fi...&listId=8576380
http://www.westend-leipzig.de/cgi-bin/fi...47&listId=73273
Zitat von Jan im Beitrag #4
Auch fiel mir dabei zum ersten Mal der signifikante Unterschied in der Wertigkeit zwischen Silbersee und Winnetou I auf. Es ist unverkennbar, dass ab Winnetou I doch erheblich mehr Budget zur Verfügung stand.

Generell wirkt "Winnetou I" schon deutlich "edler" und "heller", der "Schatz" kommt einem etwas "urwüchsiger" vor (mir fällt gerade kein besseres Wort ein).
Auch wirkt es etwas ungewohnt, Old Shatterhand zu Beginn mit Vollbart zu sehen (auch wenn er bei Karl May einen solchen trägt) und aus seinem Mund noch eine andere Stimme zu hören (Horst Niendorf statt Gert Günter Hoffmann).

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 592

17.09.2022 21:06
#6 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Zitat von Tarzan im Beitrag #3
Eine "richtige" Reihenfolge in die Reihe zu bringen, ist eher ein nostalgischer Versuch.

Natürlich ist es nostalgisch, ist ja mittlerweile die ganze Reihe !
Gibt auch einige Versuche auf diversen Seiten zu dieser Winnetou-Reihenfolge, wobei mich keine davon überzeugt hat .
Kann man nur als Anregung nehmen.

patrick Offline




Beiträge: 3.242

18.09.2022 15:21
#7 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Schön, dass Winnetou, eines meiner all-time-favourite-Genres, wieder einmal zur Sprache kommt. Es ist tatsächlich schon 7 Jahre her, dass ich anlässlich des Todes von Pierre Brice die gesamte Reihe so ausführlich besprach, dass es von meiner Seite wohl nicht mehr viel zu sagen gibt. Trotzdem werde ich mich bemühen, die Filme in der hier dargebotenen Reihenfolge neu zu sichten, sofern es die Zeit erlaubt und allenfalls ein paar kurze Bemerkungen dazu zu machen. Ich habe ja damals die Reihe in der Reihenfolge ihrer Entstehung im Kino besprochen und auch die Schauplätze in Kroatien fleißig besucht. Bin gespannt, wie die hier dargebotene Chronologie aussieht. Natürlich ist leicht zu erraten, dass der nächste Beitrag nur Winnetou 1 sein kann und der letzte natürlich Winnetou 3. Dazwischen ist aber wohl sehr viel Spielraum.




Zitat
Den Film als ersten zu gucken hat auch ganz praktische Gründe, man hat dann das Schlimmste schon hinter sich… .



Dem kann ich durchaus beipflichten, allerdings auch der Aussage, dass der Film handwerklich in Ordnung ist, nur ist eben das nicht mehr erkennbar, was man als Fan der Reihe daran lieben lernte. Da ich selbst jene Western am meisten schätze, die sich in der Wildnis und unberührten Natur abspielen und dem Trappermilieu im Stile von Lederstrump und co. zugeneigt bin, kann ich mit der hier dargebotenen öden Steinlandschaft wenig anfangen. Das mag für den Italowestern gut funktionieren, aber an einen Winnetou-Film habe ich eben ganz andere Ansprüche und es wäre wohl besser gewesen, der Zielgruppe diese zu erfüllen anstatt ein kommerzielles Experiment zu vollziehen. Nun ja, hin und wieder sehe ich mir den Film trotzdem an, da er einen gewissen Unterhaltungswert besitzt und gute Schauspieler agieren. Es darf aber nicht zu oft sein. Nachdem es der einzige Film dieser Art im Rahmen des Winnetou-Genres ist, kann man ihn als solchen "mitnehmen" und sehr glücklich darüber sein, dass die Reihe dann doch nicht mit einem radikalen Stilwechsel vergewaltigt worden ist, sondern mit dem wunderbaren "Tal der Toten" einen würdevollen Abschluss fand, der leider nicht mehr in die Zeit passte.

Was man zu Gute halten darf ist, dass Rod Cameron dem literarischen Old Firehand optisch tatsächlich recht nahe kommt. Ansonsten bleibt hier von Karl May wohl rein gar nichts mehr übrig, nicht einmal der Name Winter wie Firehand eigentlich bürgerlich hieß. Wie weiter oben angesprochen dauerte es bis zum Beginn der 90er-Jahre, bis ich den Film zum ersten Mal sehen konnte, wogegen mich die typischen Winnetoufilme schon seit den 70er-Jahren begleiten. Mir wurde dann auch rasch klar, warum der Film ein so stiefkindliches Dasein fristete. Für eine Jugendvorstellung wirkt er an vielen Stellen viel zu brutal und "italo-isiert". Dass Winnetou entgegen jeder Logik hier schon Häuptling ist dürfte wohl daran liegen, dass dies den Produzenten schlicht und einfach egal war und sie sich gar nicht um einen logischen Zusammenhang mit den anderen Filmen bemühten. Viktor de Kowa habe ich auch diesmal als Nervensäge wahrgenommen, dessen aufgetragener Humor absolut verzichtbar wäre. Sehr viel besser und origineller finde ich dagegen den von Vladimir Medar dargestellten Caleb. Letzterer sah übrigens mit seinem damals erst 43 Jahren auffallend alt aus.

Auch wenn ich Dr.Oberzohns Bewertung des Films teile, lasse ich ihn nach wie vor mit 3 von 5 Punkten laufen.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 592

19.09.2022 10:48
#8 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Zitat von patrick im Beitrag #7
Natürlich ist leicht zu erraten, dass der nächste Beitrag nur Winnetou 1 sein kann und der letzte natürlich Winnetou 3.

Eine überaus scharfsinnige Kombination, die fundiertes Insiderwissen voraussetzt...

Auf alle Fälle ist es immer wieder mal schön, den Helden seiner Kindheit wieder zu begegnen, egal in welcher Reihenfolge.

Savini Offline



Beiträge: 618

19.09.2022 14:16
#9 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Was die Handlungszeit angeht, so lassen sich "Old Firehand" und Winnetou I" ziemlich gut einordnen, wenn man die Orient-Filme der CCC hinzuzieht: "Der Schut" spielt im Jahr 1869 (die Eröffnung des Suezkanals steht unmittelbar bevor), die beiden anderen Abenteuer folgen unmittelbar auf dieses. Zu Beginn des "Schuts" sagt Hadschi Halef Omar, seinem Herrn sei in Amerika der Name "Schmetterhand" gegeben worden. Demnach spiel zumindest "Winnetou I" chronologisch vor dem "Schut". Und wenn in dem noch davor angesiedelten "Old Firehand" das bekanntlich 1867 patentierte Dynamit zum Einsatz kommt, ist die Sache klar.
Zwar wird der Orient-Zyklus hier sicher nicht Thema sein; aber da auch dort der Held mit dem im Wilden Westen identisch ist (so wie in Karl Mays Büchern), konnte ich einfach nicht widerstehen.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 592

19.09.2022 21:25
#10 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Das widerspricht aber ein wenig den Hinweisen, die in dem Film "Winnetou 1" zu finden sind (dazu bald mehr). Aber auch im ersten Teil des Winnetou-2-Bandes, der ja noch direkt an die Geschehnisse zum Band 1 anknüpft, wird mal erwähnt, dass gerade der Bürgerkrieg tobt. Der war aber 1865 zu Ende. Aber Karl May hat es mit der zeitlichen Abfolge seiner Bücher auch nicht so ganz genau genommen.

Savini Offline



Beiträge: 618

19.09.2022 22:43
#11 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Die Romane sind natürlich noch einmal eine Welt für sich; ich hatte mich jetzt nur auf Beziehungen der Filme untereinander bezogen.
Jedenfalls bin ich gespannt, wie die Filme jenseits der Winnetou-Trilogie von dir angeordnet werden!

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 592

20.09.2022 20:45
#12 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Winnetou 1


Erscheinungsjahr: 1963
Regie: Harald Reinl
Position in der Serie nach Veröffentlichung: 2
Position in der Serie chronologisch: 2



Mitwirkende:

Winnetou - Pierre Brice
Lex Barker – Old Shatterhand
Nscho-tschi - Marie Versini
Mario Adorf – Frederick Santer
Ralf Wolter – Sam Hawkins
Walter Barnes – Bill Jones


Handlung:

Amerika zur Pionierzeit. Der skrupellose Santer plant einen großen Betrug beim Bau der Eisenbahn mitten durchs Apachenland, hat sich dazu mit deren Feinden, den Kiowas, verbündet. Nebenher knallt er aus Spaß massenweise Büffel ab und foltert Indianer, die ihm die Lage von Goldadern verraten sollen. Ist also ein bleichgesichtiger Bilderbuchschurke. Aber ein anderes Bleichgesicht kommt seinen Betrügereien auf die Schliche, ein Deutscher, der zwar von seinem kauzigen Kumpel Sam Hawkins stets „Greenhorn“ genannt wird, allerdings seine Fäuste mehr als gut zu gebrauchen weiß und auch sonst ein ganzer Kerl ist. Dieser Old Shatterhand verspricht dem jungen Häuptlingssohn Winnetou die Beendigung des widerrechtlichen Bahnbaus, befreit ihn bald darauf unerkannt aus Feindeshand und legt nach vielen blutigen Kämpfen den Grundstein für eine legendäre Männerfreundschaft. Auch die schöne Schwester des roten Blutsbruders hegt mehr als nur freundschaftliche Gefühle für den weißen Mann aus dem weit entfernten Land. Doch Helden wie Shatterhand ist das Leben an der Seite eines treuen Weibes offenbar nicht vergönnt…


Zeitliche Einordnung:

Hier gibt es an und für sich keine Zweifel. Wie alles begann – so könnte man den hier verfilmten Teil der Indianer-Saga aus der Feder des immer noch vielgelesenen Sachsen nennen. Die gefahrvolle und missverständliche Kennenlernphase der beiden Recken im Wilden Westen wurde vielleicht am werkgetreuesten von dessen Schriften umgesetzt. Die amerikanische Flagge, die oft gezeigt im Eisenbahnercamp flattert, wird da von 35 Sternen geziert, das Geschehen spielt also um das Jahr 1863, genau hundert Jahre vor Drehbeginn und tatsächlich etwa zu der Zeit, in der May seine Geschichte angesiedelt hat. Das Örtchen Roswell, das im Film eine große Rolle spielt, wurde so richtig aber erst Ende der sechziger Jahre ausgebaut. Was ja nun wiederum ein Widerspruch ist.


Sonstiges:

Besonders beeindruckend für mich ist immer wieder die von Mario Adorf verkörperte Bösewicht-Figur Frederick Santer. Anfangs noch ein extrem stutzerhafter Geck, blättert bei ihm im Laufe der Zeit die Fassade ab, er sieht immer verwahrloster aus, ein von seiner Habgier und Zügellosigkeit geriebener Besessener, dessen wohlverdienter Abgang am Schluss wahrhaft schrecklich ist. Während bei Karl May in der Winnetou-Trilogie Santer in jedem Band, auch im ersten, stets am Ende auftaucht, ist er hier im Film durchgängig am schuftigen Tun, er ermordet erst Winnetous Lehrer, später seinen Vater und die Schwester, hetzt zudem auch noch die roten Stämme gegeneinander auf. Da kann die Abrechnung nicht über mehrere Filme warten, sondern muss auch für das Empfinden des Zuschauers rechtzeitig vollzogen werden. Bekanntermaßen richtet sich der literarische Unhold ja unfreiwillig erst am Ende des dritten Bandes durch eigene Hand, erst nach Winnetous Tod.
Der von dem auch nicht mehr ganz jungen Lex Barker gespielte Old Shatterhand ist filmisch tatsächlich kein ganz neues Greenhorn mehr, hat er doch die zu legende Schienenstrecke für das Feuerross selber ausgemessen, wie er sagt. Seine Aufraggeber, die Eisenbahnbarone der Great Western Railway, scheinen schon so richtige Fair-Trade-Kapitalisten zu sein, die Rücksicht auf die Indianerstämme nehmen und die Bahnstrecke um deren Gebiet herum verlegen wollen. In Wirklichkeit war denen so was wohl herzlich egal, auch den jungen unbedarften „Charly“ mit der Schmetterhand aus dem Roman haben diese Dinge am Anfang entgegen seinem filmischen Pendant kaum interessiert. In der Figurenzeichnung gibt es auch noch weitere Abweichungen, original hat der junge Shatterhand aus recht hochnäsigem Stolz darauf verzichtet, die Locke Winnetous als Beweis für seine Befreiungshilfe aus dem Lager der Kiowas zu gebrauchen. Im Film hat sie ja Nscho-tschi in einer wenig logischen Aktion aus dem verwüsteten Roswell wiedergeholt. Apropos Roswell – schon seltsam, dass ausgerechnet das wenige Jahre später so richtig berühmt werdende Mekka der Ufo-Gläubigen als Handlungsort für die unbarmherzigen Kämpfe auserkoren wurde. Ob Roswell tatsächlich mal von Indianern, vielleicht sogar Apachen, überfallen wurde? Die Stadt wird ja ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Erst erfolgt die Belagerung von Santer und seiner Bande, eine große Schießerei, bei der man dann eine Lokomotive in den Saloon krachen lässt, weil das weniger gefährlich für die Geiseln ist als Feuer (?). Fast schon surrealistisch die schiefen Kamerapositionen, mit denen die Gebäude während der Kämpfe gezeigt werden. Im Anschluss dann der Apachenüberfall, der fast allen "den Rest" gibt. Es gibt im Anschluss eine kurze Einstellung, die nachdenklich über das Schlachtfeld mit den vielen Toten schweift. Die "Zivilisierung" Amerikas hat Ströme von Blut gekostet, wie es auch Karl May schon stets beschwört.
Ansonsten ist es der romantischste Teil der Winnetou-Saga, wenn die junge Squaw mit dem hübschen Namen "Schöner Tag" ihrem verehrten Helden vor dem Ritt zu den Goldbergen noch einmal einen schmachtenden Blick zuwirft (der wohl gar nicht nur geschauspielert war) und dann kurz darauf sterbend zu seinen Füßen liegt, da kann sich wohl der Hartgesottenste nur schwer ein Tränchen verkneifen. Daneben noch ganz viel Freundschaft und Kameradschaft unter den Beteiligten, über alle Intrigen hinweg. Ein lustiger Sam Hawkins, ein alberner Fotograf, ein tapferer Treckführer, jede Menge jugoslawische Darsteller für solche wichtigen Figuren wie Intschu-schuna oder Kleki-petra, die allesamt einen guten Job machen.

Winnetou 1 ist eine spannende und dramatische Adaption des berühmten Romans, noch recht nahe am Text, mit sehr guten Schauspielern und viel Liebe fürs Sujet.

Hier gibt es als persönliche Wertung 5 von 5 Nuggets.

Savini Offline



Beiträge: 618

21.09.2022 11:27
#13 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Zu dieser Rezension habe ich natürlich noch die eine oder andere Anmerkung!
Vorab: Dass man die Stadt Roswell nannte kann natürlich schlicht Zufall sein; vielleicht suchte der Drehbuchautor auf einer Karte New Mexico ab und stieß dort auf diesen Namen.

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #12
Besonders beeindruckend für mich ist immer wieder die von Mario Adorf verkörperte Bösewicht-Figur Frederick Santer. Anfangs noch ein extrem stutzerhafter Geck, blättert bei ihm im Laufe der Zeit die Fassade ab, er sieht immer verwahrloster aus, ein von seiner Habgier und Zügellosigkeit geriebener Besessener, dessen wohlverdienter Abgang am Schluss wahrhaft schrecklich ist.

Du hast nicht zufällig das von Klaus Dimmler herausgegebene Buch "Die größten Schurken der Filmgeschichte. Von Dr. Mabuse bis Hannibal Lecter" gelesen? Denn Rolf-Bernhard Essig beschreibt Santers verändertes Äußeres dort auf genau dieselbe Weise.
Was seinen Abgang angeht, so habe ich diesen erstmals 2002 komplett sehen können (nachdem er in Joe Hembus´ Western-Lexikon beschrieben wurde); bereits für die Wiederaufführungen wurde der Film an mehreren Stellen gekürzt, auch bei Ausstrahlungen vor 2002 und auf VHS war er so zu sehen. Eine genauere Auflistung, was alles fehlte, habe ich zwar noch nicht finden können; aber Santers Abgang dürfte auf jeden Fall dazugehört haben.
Leider ist Mario Adorf hier mit der Stimme von Rainer Brandt zu hören (der danach noch viele Bösewichter der Reihe vertonen sollte), was mitunter sehr irritierend wirkt.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #12
Seine Aufraggeber, die Eisenbahnbarone der Great Western Railway, scheinen schon so richtige Fair-Trade-Kapitalisten zu sein, die Rücksicht auf die Indianerstämme nehmen und die Bahnstrecke um deren Gebiet herum verlegen wollen.

Vielleicht wollen sie aber auch schlicht einen Krieg vermeiden, wenn es nicht unbedingt sein muss? Dramaturgisch ist es in dieser Reihe nun einmal so, dass der drohende oder ausgebrochene Konflikt weder von amerikanischen Regierung/Armee noch von der indianischen Seite verschuldet ist, sondern von Bösewichtern, die davon profitieren wollen oder es zumindest in Kauf nehmen.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #12
In der Figurenzeichnung gibt es auch noch weitere Abweichungen, original hat der junge Shatterhand aus recht hochnäsigem Stolz darauf verzichtet, die Locke Winnetous als Beweis für seine Befreiungshilfe aus dem Lager der Kiowas zu gebrauchen.

Im Roman "musste" Old Shatterhand natürlich so handeln, um stattdessen seinen edlen Charakter durch Heldenmut zu beweisen, statt sich Freundschaft und Vertrauen zu "erbetteln" (wie er es nennt); dass er im Film zunächst nicht Möglichkeit hat, es zu beweisen, erhöht natürlich die Spannung.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #12
und dann kurz darauf sterbend zu seinen Füßen liegt, da kann sich wohl der Hartgesottenste nur schwer ein Tränchen verkneifen.

Mein Bruder konnte das nicht nur, er meinte sogar: "Gleich fällt die Perücke runter!"
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #12
ein alberner Fotograf

Nicht umsonst fehlen die albernen und für die Handlung unwichtigen Szenen mit Chris Howland in der englischen Fassung. Fast wirken sie so, als habe man sie nachträglich ins Drehbuch eingefügt, weil man noch eine "komische" Figur brauchte. Es ist zwar sicher Zufall, aber interessanterweise beginnt der originalgetreueste Teil des Films gleich nach seinem Verschwinden aus der Handlung.

Savini Offline



Beiträge: 618

21.09.2022 11:36
#14 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Hier wäre als Nachtrag ein Schnittbericht, der sicher für die meisten früheren Fassungen gilt:https://www.schnittberichte.com/schnittbericht.php?ID=1916

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 592

21.09.2022 14:26
#15 RE: Winnetou und die "richtige" Reihenfolge Zitat · Antworten

Zitat von Savini im Beitrag #13
Du hast nicht zufällig das von Klaus Dimmler herausgegebene Buch "Die größten Schurken der Filmgeschichte. Von Dr. Mabuse bis Hannibal Lecter" gelesen?

Hab ich nicht gelesen, aber mal im Rahmen der "Superschurken"-Besprechung auf dem Schirm gehabt. Vielleicht kommt daher eine gewisse Verbindung her...
Wobei mir das Ende von Santer so auch erste auf der DVD das erste Mal so richtig brutal dargestellt wurde.

Zitat von Savini im Beitrag #13
Im Roman "musste" Old Shatterhand natürlich so handeln, um stattdessen seinen edlen Charakter durch Heldenmut zu beweisen, statt sich Freundschaft und Vertrauen zu "erbetteln" (wie er es nennt); dass er im Film zunächst nicht Möglichkeit hat, es zu beweisen, erhöht natürlich die Spannung.

Das stimmt wohl. Doch der Ritt von Nscho-tschi in das verwüstete Roswell ist wenig sinnig. Da überhaupt noch die olle Jacke von Shatterhand zu finden dürfte schwer sein. Zudem ist nach dem Indianerüberfall dort mit Sicherheit das Militär eingerückt, die Apachen um die junge Häuptlingstochter wären wohl gleich erschossen worden.

Zitat von Savini im Beitrag #13
Mein Bruder konnte das nicht nur, er meinte sogar: "Gleich fällt die Perücke runter!"

Bei so viel Rohheit in ich sprachlos...

Zitat von Savini im Beitrag #13
Nicht umsonst fehlen die albernen und für die Handlung unwichtigen Szenen mit Chris Howland in der englischen Fassung. Fast wirken sie so, als habe man sie nachträglich ins Drehbuch eingefügt, weil man noch eine "komische" Figur brauchte. Es ist zwar sicher Zufall, aber interessanterweise beginnt der originalgetreueste Teil des Films gleich nach seinem Verschwinden aus der Handlung.

Als Kind fand ich das immer sehr lustig. Naja, besonders störend ist eben, dass zum restlichen Geschehen gar kein Bezug ist. Nur als der Fotograf die Kamera auslöst und die überrumpelten Bösewichter sich vor Schreck auf den Boden fallen lassen, gibt es einen gewissen minimalen Übergang zur Anschlusshandlung mit dem lachenden Santer-Bösewicht.

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