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  • L'amour toujours bei WallaceDatum15.04.2018 21:05
    Foren-Beitrag von Prisma im Thema



    DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE

    Mit "Der Fluch der gelben Schlange" wurde als zweiter Konkurrenz-Wallace der 60er Jahre in die Kinos geschickt. Anders als bei "Der Rächer" sind die typischen Konturen der Reihe wieder deutlicher wahrzunehmen und auch bei der Findung der Protagonisten werden übliche Schablonen deutlicher angelegt. Dieser Eindruck entsteht nicht zuletzt aufgrund der Verpflichtung bekannter Rialto-Vertragsschauspieler, die durch Joachim Fuchsberger und Brigitte Grothum den Wiedererkennungswert enorm begünstigen. Als Paar überzeugten sie bereits im Vorgängerfilm "Das Gasthaus an der Themse", sowie in der wenige Jahre zuvor entstandenen Produktion "Die seltsame Gräfin", und man bekommt es mit dem üblichen Charme, beziehungsweise Aufhänger zu tun, der als wichtiger Bestandteil vermittelt werden kann. Jede der Konstellationen formierte sich unter anderen Voraussetzungen und in der Regel widrigen Rahmenbedingungen. So auch hier, denn schließlich muss sich die Liebe unter erschwerten Bedingungen erst finden. Ein Mord im fernen China legt den unromantischen Grundstein für eine Zweckhochzeit in London, für die gleich zwei Damen in Frage kommen, um eine lukrative Allianz mit dem Kapital einzugehen. Sowohl Tränen, als auch Renitenz und Trotz bestimmen die Töne im Vorfeld, die alles andere als Hochzeitsglocken andeuten. Aber bei Wallace sind erfahrungsgemäß schon ganz andere Konstellationen zustande gekommen und der Verlauf bedient sich einer denkbar einfachen, aber gleichzeitig günstigen Voraussetzung; nämlich des natürlichen, unverbrauchten Charmes einer Brigitte Grothum, die in Sachen Sympathie wie immer sehr hohe Maßstäbe setzt. Vielleicht stellt sie tatsächlich ein noch gängiges Frauenbild der frühen 60er Jahre dar, in das man sich pauschal verlieben konnte. Im Serien-Kontext gibt es allerdings emanzipatorisch gesehen ein paar Rückschritte, da die Rolle der Joan sehr konservativ angelegt ist.

    Es ist angenehm und überaus interessant zugleich, dass sich bei Joachim Fuchsberger und Brigitte Grothum keine Abnutzungserscheinungen offenbaren, weder darstellerisch noch als Paar. Nach mittlerweile 13 herausgebrachten Wallace-Filmen lässt sich mit zunehmender Sicherheit sagen, dass sich auch die amouröse Komponente als wichtiger Bestandteil etablieren konnte. Joachim Fuchsberger als Clifford Lynn stellt sich gegen die von außen geschmiedeten Hochzeitspläne, die mit Mord und Tod eingeläutet wurden. Dies tut er wesentlich bestimmender, anfangs sogar süffisanter als seine designierte Frau, die wie im Märchen das Dasein von Aschenputtel zu fristen hat, wenn auch im goldenen Käfig. Eine Ehe soll dessen Gittern auch in Zukunft den vollen Glanz garantieren, außerdem die finanziellen Sorgen von Joans Ziehvater und Onkel entschärfen. Ganz im Prinzip eines immer wiederkehrenden Filmelixiers kommt es zur berüchtigten Liebe auf den ersten Blick, was für jedermann natürlich erscheint, immerhin bringen beide Seiten genügend Tugenden und Identifikationspunkte für den Zuschauer mit. Das soeben entfachte Gefühl wird ganz in Manier der laufenden Serie von Verbrecherhand bedroht und das aus zahlreichen Gründen. Auch hier konspiriert beispielsweise ein gefährlicher Verbrecher im Hintergrund, der nicht nur diese Funktion inne hat, sondern auch die des Nebenbuhlers, der die Aufrichtigkeit der beiden Hauptpersonen aufgrund seiner negativen Attribute nur noch mehr in den Fokus rückt. Wenn man bei der Fraktion der Konkurrenten bleibt, ist auch Joans Cousine Mabel zu nennen, die durch Regisseur Franz Josef Gottliebs damaliger Ehefrau Doris Kirchner vielschichtige Facetten verliehen bekommt. »Ein daher gelaufenes Findelkind zu heiraten wegen einer Erbschaft.«, hört man sie zunächst giftig betonen und dies in der gleichen abwertenden Manier, mit der sie auch Joan konfrontiert.

    Ihr stiefmütterliches Dasein hat sie über Jahre selbst konstruiert, schließlich wurde sie dem Vernehmen nach einmal nicht geheiratet und der Zuschauer nimmt nicht nur die negativen Schwingungen wahr, sondern auch eine zutiefst verbitterte und vereinsamte Frau. Dramaturgisch wird jedoch die Möglichkeit für eine bemerkenswerte Kehrtwendung offen gelassen, die aufgrund der darstellerischen Kompetenzen von Doris Kirchner ihre Verwirklichung findet. Die teils zynische Inszenierung tut ihr Übriges. Wie auch hier sind es oft die unerfüllten Wünsche und damit einhergehende Launen des Schicksals, respektive der Verbrecher, die für die tragischen Momente sorgen können, die solche Geschichten mitunter nötig haben. "Der Fluch der gelben Schlange" fällt als Film insgesamt durch seine bemühten Unterschiede zu Artgenossen auf, was sich in amourösen Belangen allerdings nicht vollkommen durchsetzen will. Zu sehr findet eine herkömmliche Auseinandersetzung mit der schönsten Sache der Welt statt, was durch die Performances von Grothum und Fuchsberger wie üblich greifbar ausbuchstabiert wird. Männlich-weibliche Beziehungen wurden seinerzeit noch nicht grundlegend aufgebrochen - geschweige denn umgekehrt - höchstens durch selbstbewusstere Attitüden der Interpretinnen. Die recht bürgerlichen Eindrücke sind dem Gesamtbild entsprechend angepasst worden und bieten eine ideale Abhandlung im Sinne eines Ausgleichs für den Zuschauer. Das unschuldige Opfer wird vom charmanten und wie bislang immer strahlenden Helden vor Schlimmerem bewahrt, was die Dame des Herzens mit ihrer aufrichtigen Zuneigung belohnt. Subversive Elemente und Emotionen falschen Ursprungs werden durch diese einfache Strategie unmittelbar beseitigt und verhelfen nicht nur der Gerechtigkeit, sondern auch dem Glücksgefühl zum Triumph, wenngleich das klassische "L'amor toujours"-Thema hier gerade durch diese frühe Erfüllung etwas an Drive einbüßt.

  • Foren-Beitrag von Prisma im Thema



    BLUTWEIHE

    ● THE INITIATION / BLUTWEIHE (US|1984)
    mit Vera Miles, Clu Culager, James Read, Marilyn Kagan, Robert Dowdell, Frances Peterson, Joy Jones, Patti Heider und Daphne Zuniga
    eine Produktion der Georgian Bay | Bruce Lansburry | Jock Gaynor | Initiation Associates
    ein Film von Larry Stewart




    »Wenn du nicht betrunken bist, dann kannst du alles Mögliche sehen!«


    Die Psyhologie-Studentin Kelly Fairchild (Daphne Zuniga) leidet seit ihrer Kindheit an einem immer wiederkehrenden Alptraum, in dem ihr Vater (Clu Culager) von einem Unbekannten angegriffen wird, welcher anschließend vom Feuer des Kamins erfasst wird. Da in all den Jahren offenbar niemand an der lückenlosen Klärung interessiert war, kümmert sich Kellys Dozent, der Doktorand Peter Adams (James Read), um die Ursachenforschung. Sehr zum Ärger von Kellys Mutter Frances (Vera Miles), die möglicherweise ein dunkles Geheimnis mit sich trägt. Um in eine Studentenverbindung aufgenommen zu werden, soll Kelly mit einigen ihrer Kolleginnen eine Prüfung ablegen, doch es kommt zu einem unerwarteten Blutbad, das offensichtlich mit ihrer eigenen Vergangenheit in Zusammenhang steht...

    Gerade in den 80er Jahren kam es zu einer Schwemme von Horror- und Slasherfilmen, zu denen auch Larry Stewarts "Blutweihe" gehört, dem eine Kino-Auswertung in der Bundesrepublik allerdings verwehrt blieb. Als Hybrid der eben genannten Marschrichtungen macht dieser sehr gut besetzte Streifen einen standesgemäßen Eindruck, da er sich recht drastischer Schauwerte bedient, das Kunstblut in Fontänen sprudeln darf und viele Katzen früh aus dem Sack lässt, zumindest was die diesbezügliche Veranschaulichung anbelangt. Ein immer wiederkehrender, schrecklicher Alptraum der Protagonistin Kelly wird unmittelbar zum Leitfaden für die nicht uninteressant wirkende Geschichte und die Regie verliert kaum Zeit alles Schlag auf Schlag gehen zu lassen. Schnell versucht sich der Verlauf über blutrünstige Morde zu etablieren und auch wenn hier sicherlich nicht der Gärtner der Mörder ist, bedient sich jener eines Gartenutensils, um die hilflosen Opfer abzuschlachten. Da der seit ihrer Kindheit von einem Alptraum gequälten Kelly weder Pontius noch Pilatus helfen konnte, dem Ursprung auf den Grund zu gehen, übernimmt der Dozent der jungen Psychologie-Studentin diese undankbare Aufgabe. Ein Geflecht aus fragwürdigen Diagnosen, Behauptungen und Praktiken gehört wohl untrennbar zum dramaturgischen Aufbau derartiger Storys, jedoch sollte man sich an derlei Inhalten nicht so sehr festbeißen, da sie einen Teil des Elixiers darstellen. Was interessant anfing, mündet im späteren Sphären in eine Art Teenie-Gesplattere, was die anfänglich dichte Atmosphäre zugunsten des Schockmoments verbannt.

    die bestialischen Mordmethoden erweitern sich im Spektrum der Tatwaffen und die Spannung wird nicht nur über das umherschleichende Phantom definiert, sondern auch über die dazu gehörende Hetzjagd. Der geneigte Zuschauer bekommt in "Blutweihe" so gut wie alles angeboten, was er schlussendlich auch sehen möchte, sodass diesem Beitrag unterm Strich nicht nur eine relative Kurzweiligkeit bescheinigt werden kann. Larry Stewart gelingt es zwar im späteren Verlauf nur noch bedingt, seine parallel ablaufenden Handlungsstränge zu vereinen, oder weniger isoliert voneinander erscheinen zu lassen, jedoch lassen sich immer wieder Fixpunkte ausfindig machen, die für die nötige Aufmerksamkeit sorgen können. Permanent schwingt eine psychologische Schraubzwinge mit und das nicht zuletzt weil der erste Mord in einem Sanatorium für psychisch Erkrankte geschehen war, wenngleich alle diesbezüglichen Erklärungen eher schwammig bleiben, zumal sie in einem solchen Verlauf kaum interessieren. Ein Blick auf die Besetzungsliste lässt insbesondere bei einem bestimmten Namen hellhörig werden: Vera Miles. Die Amerikanerin zehrte auch in jenen Jahren noch von ihrem Großerfolg "Psycho" und dessen Fortsetzung, sodass sich ihre Partizipationen in derartigen Filmen schnell im Sinne eines Zugpferd-Charakters erklären lassen. Miles präsentierte sich stets als wandlungsfähige Interpretin, die es verstand, mit ihrer oft ins Negative gerichteten Ausstrahlung zu jonglieren, beziehungsweise eine solche erst fabrizieren zu können. Als Kellys Mutter sieht man alles andere als eine Sympathieträgerin; folglich als eine der möglichen Verdächtigen.

    Vera Miles' Fähigkeiten sind wie geschaffen für einen Charakter wie Mrs. Fairchild. Stets betonend, dass sie das Beste für ihr Kind wolle, aber lediglich an sich interessiert, wirkt sie beinahe betont kaltherzig und unerbittlich in ihrem Verhalten. Obendrein als gehörnte Ehefrau zu sehen, nimmt sie einen Drink nach dem anderen und das im beliebten Maß 24/7. Obwohl sie etwas spürbar Abweisendes umweht, wirkt die Darstellerin auf eine groteske Art und Weise ansprechend, vielleicht sogar doch sympathisch. Man muss es der gerne gesehenen Vera Miles daher einfach lassen, denn dieser Kniff, spürbare Ambivalenz zu kreieren und zu übertragen, wirkt wie eine ihrer Domänen. Neben ihr ist erstmalig Daphne Zuniga zu sehen, die Jahre Später in der Serie "Melrose Place" weltweit bekannt werden sollte. Trotz der von ihr gespielten Person, die es zu schützen gilt, wirkt sie sehr bestimmend und glaubwürdig. Ihr Weg wird gezeichnet sein von Blutlachen sowie schrecklich zugerichteten Leichen und bis zum Ende hofft man einfach, dass es diese charmante Person nicht erwischen wird. "Blutweihe" bedient sich eines interessanten Leitmotivs: des Spiegels. Bei ausreichender Wachsamkeit sind die Windungen des Versteckspiels eventuell leicht gelöst, allerdings kann man einen solide wirkenden Überraschungsmoment nicht leugnen. Dunkle Geheimnisse und unsentimentales Schweigen ruinieren das Leben der anderen, doch zum Schluss verspürt man keine unangebrachte Sentimentalität, da sich die Regie insgesamt für einen Slasher entschieden hatte. Nichtsdestotrotz tut "Blutweihe" seinem einfachen Auftrag Genüge und bietet schlussendlich genau das, worauf man schließlich aus war. Gut anzuschauen.

  • Kirmes (1960)Datum09.04.2018 10:28
    Foren-Beitrag von Prisma im Thema

    Zitat von Giacco im Beitrag #2
    Wie bei dem Thema zu erwarten war, erwies sich das Publikumsinteresse als mäßig. Film-Echo-Note: 4,6 (33 Meldungen)

    Das hatte ich aufgrund des doch eher schwierigen und teils ungemütlichen Stoffs bereits vermutet.
    Wenigstens ist es so, dass Filme wie "Kirmes" nach vielen Jahren oft einen besonderen Status eingeräumt bekommen, falls man sie denn überhaupt zu Gesicht bekommt.
    Aber nichtsdestotrotz ein großes Dankeschön an Giacco. Diese begleitenden Informationen sind immer gerne gesehen und stehen den Threads wirklich sehr gut!

  • SWR-Mitschnittdienst wird eingestelltDatum09.04.2018 10:17
    Foren-Beitrag von Prisma im Thema

    Zitat von Georg im Beitrag #3
    Es ist schon zu spät. Der SWR bearbeitet - wenn überhaupt - nur noch Mitschnitte AKTUELLER Sendungen.

    Das ist wirklich sehr schade!
    Überhaupt finde ich es auch etwas schwer zu verstehen, dass man bei öffentlich-rechtlichen Sendern wirtschaftliche Gründe anführt.
    Aber wenigstens weiß ich jetzt, warum der SWR erst gar nicht mehr auf meine jüngste Anfrage reagiert hat.

  • Foren-Beitrag von Prisma im Thema

    Ich muss leider passen, obwohl ich bei einem solchen Happening ja immer gerne mit von der Partie bin. Es ist aber so, dass ich einfach zu wenig in der Materie drin bin. Die Handvoll Durbridges die ich mir immer wieder ansehe kenne ich zwar fast auswendig, aber das ist insgesamt zu wenig für eine Teilnahme, geschweige denn für eine Abstimmung. Viele Mehrteiler und Filme liegen einfach zu lange zurück und die Erinnerung ist nicht mehr präsent genug. Dennoch wünsche ich allen Teilnehmern viel Spaß und die Ergebnisse werde ich natürlich mit Interesse verfolgen.

  • Kirmes (1960)Datum07.04.2018 13:29


    Kirmes

    ● KIRMES (D|1960)
    mit Juliette Mayniel, Götz George, Hans Mahnke, Manja Behrens, Wolfgang Reichmann, Fritz Schmiedel, Benno Hoffmann, Raidar Müller
    eine Freie Film Produktion | im Europa Filmverleih
    ein Film von Wolfgang Staudte




    »Wir zeigen Ihnen heute Abnormes und Enormes«


    In einem Dorf in der Eifel findet die alljährliche Kirmes statt. Als man das Karussell auf dem Festplatz aufbauen will und für die Befestigung ein Loch gräbt, kommt ein grausiger Fund in Form eines Skeletts zum Vorschein, außerdem eine Maschinenpistole und ein Helm der Wehrmacht. Die Überraschung ist groß, als plötzlich Frau Mertens (Manja Behrens), eine alteingesessene Bewohnerin des Dorfes, behauptet, dass es sich bei den Gebeinen um ihren Sohn Robert (Götz George) handelt, der 1944 desertiert war. Mit dem Fund kommt eine lange verschwiegene, aber genauso schockierende Geschichte zum Vorschein, die mehrere Personen das Gesicht verlieren lassen...

    »Ein paar Knochen und ne alte verrostete Knarre«
    , hört man von einer jungen Dame, die sich im selben Moment desinteressiert abwendet, um sich den schöneren Angeboten der Kirmes zu widmen. Betrachtet man den Menschenauflauf, so hat die Veranstaltung nicht nur eine zusätzliche, sondern eigentlich auch eine der zugkräftigeren Attraktionen gefunden und alles geht Schlag auf Schlag. Unsentimental geht man mit dem Leichenfund um, alles Nötige soll in die Wege geleitet werden, bis es einen ersten frühen Schock gibt. »Das Bündel da draußen war einmal unser Sohn Robert.« Schnell werden hektische Stimmen laut, denen ein Märchen vom unbekannten Soldaten lieber wäre; es würden Unannehmlichkeiten erspart und der Aufwand hielte sich auch in Grenzen. Doch eine Mutter besteht auf ihrer Behauptung, dass es sich definitiv um ihr Kind handle. Konträr zum luftig-leichten Titel des Films macht sich eine eigenartige Schwere und Bedrängnis breit. Es stellt sich daher unmittelbar die spannende Frage, wohin einen dieser Verlauf noch führen wird. Plötzlich werden alte Stimmen von Funktionären aus dem Krieg wieder laut; man windet sich und die mittlerweile fest in der eigenen Tasche isolierte Faust findet um mehrere Ecken herum neue Einsatzgebiete, wenig später präzise Skizzierungen. Bereits zu diesem Zeitpunkt ahnt man, dass sich der Film mit Rückblenden beschäftigen wird und vom Schauplatz Kirmes, normalerweise einem Sammelbecken für Ausgelassenheit und Freude, wird der Zuschauer plötzlich mit einer erschreckenden Exekution konfrontiert. In dieser Szene zeigt sich bereits die besondere inszenatorische Qualität dieses Beitrags, außerdem ein für diese Zeit vielleicht nicht gerade übliches Engagement der Regie.

    Parolen, Worthülsen und Abschreckung provozieren ein irritierendes, hauptsächlich erzwungenes Mitläufertum, welches naturgemäß eine gewisse Entrüstung, aber auch ein Gefühl der Hilflosigkeit hervorruft. Als unangenehm wirkender Verstärker funktioniert zusätzlich eine Art sterile Kehrtwende des Verlaufs, in dem es eben doch noch so heiter zugegangen war. Plötzlich ist wieder Kriegszustand, die Waffen der Schießbuden werden durch echte ersetzt. Angst, Verfolgung und Bedrohung lauern in jedem Winkel der Szenerie. Kinder kolportieren die Geschichte des Landesverräters, der soeben hingerichtet wurde und die Atmosphäre wird zusehends unbehaglicher, vor allem auch, weil Ortsgruppenleiter Georg Hölchert sein Unwesen treibt und nach nicht linientreuen Bürgern herumschnüffelt. Diese Person, um nicht zu sagen, dieser Prototyp, wird hervorragend dargestellt von Wolgang Reichmann und er bringt seine Interpretation in Gestalt, Wort und Tat überaus präzise auf den Punkt. Überhaupt bekamen die Darsteller sehr anspruchsvolle Aufgaben anvertraut und es lässt sich ein sehr hohes Niveau an darstellerischer Kompetenz feststellen. Jeder von ihnen kommt in Einklang mit den größtenteils schwierigen Anforderungen. So spielt sich Multitalent Götz George langsam in den Fokus der Geschichte. Angesichts der Anlegung dieser Rolle und den Gewissheiten, die der Verlauf früh festlegt, transportiert sich Tragik und eine ernüchternde Determination, die umso erdrückender wirkt, weil sich ein Ende des Krieges und die Verbindung zur Französin Annette anbahnt. Lichtblicke und Hoffnungsschimmer werden gerade von den Hauptpersonen skizziert, doch potentielle Schocks schweben wie ein schwarzer Schatten über dem Szenario. Die Leichtfüßigkeit und die Spiellaune der Französin Juliette Mayniel färbt den Verlauf mit trügerischer Sorglosigkeit, eine Art C'est-la-vie-Prinzip führt den Zuschauer immer wieder auf dünnes Eis.

    Weitere hochklassige Leistungen zeigen Hans Mahnke und Manja Behrens als Roberts Eltern, die zwischen gefährlicher Diplomatie, aufsteigender Desillusionierung und nackter Angst hin- und herpendeln werden. Viele weitere bekannte Darsteller runden das Geschehen im Rahmen ausgefeilter Charakterdarstellungen ab, sodass man sowohl handwerklich, als auch stilistisch sozusagen mehrfache Qualitätsansprüche herausfiltern kann. Wolfgang Staudte bedient sich des hervorragenden Stilmittels, von Anfang an ein Damoklesschwert über die Geschichte zu legen. Da man als Zuschauer meint, den Verlauf weitgehend vorausahnen zu können, entstehen umso größere Schockerlebnisse, wenn trotzdem das Unerwartete passiert. Als Ursprung hierfür dient die Unberechenbarkeit gewisser Personen, die dem Protagonisten möglicherweise selbst die Nächsten sein könnten. Der heimliche Kampf von Moral und Werten wird zur empfundenen Sisyphusarbeit. Hohe Widerstände dominieren die Szenerie und machen das Anschauen meistens nicht leicht. Oftmals ist einem so, als habe man den Titel des Films vergessen oder vielleicht sogar falsch verstanden, aber im Endeffekt ist er an Doppelbödigkeit kaum zu übertreffen. War also am Ende alles nur "Kirmes"? Der hier entlarvende Blick der Regie in Richtung einiger Personen bestätigt den Eindruck, dass sich unter dem Nimbus eines "Spiels" - wie dieses auch heißen mochte oder möge - für sie alles rechtfertigen und vergessen lässt. Das Finale im Bereich der Rückblenden versetzt einen großen Tiefschlag und wird mit dem eigentlichen Finale auf dem Festplatz zur universellen Anklage gegen diejenigen von damals, die immer noch, oder eben trotzdem mit ausgelassenem Gehabe am ewigen Ort des Geschehens zu beobachten sind. Regisseur Wolfgang Staudte ist ein Mahnmal gelungen, welches im Gros des deutschen Nachkriegsfilms mit Mut zur Wahrheit und intelligenter Reflexion hervorsticht. Großartig!

  • Manuel (1982)Datum24.03.2018 16:04


    MANUEL

    ● MANUEL / JÄGER DES HERZENS (D|1982)
    mit Eva Renzi, Karl-Heinz von Hassel, Kai Buth, Angelika Hartung, Dietrich Mattausch, Nate Seids, Barbara Freier, Marianne Brandt, u.a.
    und als Gäste: Elisabeth Volkmann sowie Erik Schumann
    eine Barbara Moorse Produktion | mit dem ZDF
    ein Film von Peter Obrist




    »Die Polizei tippt auf irgend einen Verrückten«


    Das 12-jährige Einzelkind Manuel Pinte (Kai Buth) stammt aus gut situierten Verhältnissen und so gut wie jeder materielle Wunsch wird ihm von den Augen abgelesen. Doch der Junge leidet stark unter den ständigen Szenen der mittlerweile zerrütteten Ehe seiner Eltern, die zu allem Überfluss glauben, diskret genug zu streiten, damit es Manuel nicht mitbekommt. Manuels Vater Helmut (Karl-Heinz von Hassel) ist den ganzen Tag in der Firma oder pflegt unkomplizierte Liebschaften; seine Mutter Margret (Eva Renzi) tröstet sich mit Alkohol und Tabletten und steht daher kurz vor dem Kollaps. Dies alles bringt einen Kontrollverlust über den Jungen mit sich, der in seiner Freizeit tun und lassen kann, was er will. Seine momentanen Leistungen in der Schule sprechen deshalb Bände. Manuel wird zusehends fahriger, nervöser und sogar aggressiver, bis er seine nächtlichen Alpträume bereits am Tage zu sehen glaubt. Um den Familienfrieden wieder herzustellen, greift er zu besonders drastischen Mitteln...

    Bei diesem Film des Schweizer Drehbuchautors, Produzenten und Regisseurs Peter Obrist herrscht zunächst Unklarheit darüber, wann er tatsächlich entstanden ist, denn die in unterschiedlichen Quellen angegebenen Produktionsjahre gehen von 1982 bis 1986 doch recht weit auseinander. Der Kinofilm "Manuel" wurde jedenfalls am 4. August 1986 vom ZDF ausgestrahlt. Das Produktionsjahr dürfte vermutlich 1982 sein, da der 1970 geborene Hauptdarsteller Kai Buth zur Entstehungszeit weder 14, noch 16 Jahre alt gewesen sein kann. Anzusiedeln im Bereich eines Familiendramas, geht der Film gleich von Beginn an einen sehr provokanten und überaus lauten Weg, auf dem zum Teil drastische Bilder und auffällige Kontraste geboten werden. Dadurch soll eine glaubhafte Schilderung der Thematik gesichert werden. Was mit idyllischen Eindrücken beginnt, entwickelt sich schnell zu unterschiedlichen Facetten der Angst, mit der der junge Protagonist in Form von Alpträumen konfrontiert wird. Es handelt sich dabei um massive Verlassensängste, die sehr eindringlich im Bild festgehalten werden. Aufgezeigt wird beispielsweise das Verschwinden, der Zusammenbruch oder vielleicht sogar der Tod von Manuels Mutter, was sich offensichtlich in Endlosschleife abzuspielen scheint. Sind diese Ängste begründet? Für einen Jungen in derart desolaten Familienverhältnissen durchaus, schließlich ist er mit den permanenten Hasstiraden seiner hemmungslosen Eltern konfrontiert. Manuel ist trotz vermeintlich behüteter Verhältnisse vollkommen auf sich alleine gestellt, da die Bezugspersonen die Kontrolle über sich und die Erziehung ihres Kindes verloren haben. Ihrer Ansicht nach genügt es, gut situierte Verhältnisse zu bieten, um der Schuldigkeit Genüge zu tun. Viel zu sehr sind die Pintes mit der persönlichen Alltagshölle namens Ehe beschäftigt, sodass es keinen anderen Fokus mehr geben kann.

    Die Schilderungen von Manuels Alltag werden von der Regie sehr weit getrieben, wenn auch nicht auf die Spitze. Nach den Schulstunden ist die Einsamkeit das tägliche Brot des Jungen. Er spielt am Computer, so oft er will und hat ungehinderten Zugang zu Süßigkeiten, während er die Herrenmagazine seines Vaters durchblättert, um die barbusigen Modelle zu begutachten. Im Prinzip lebt das Kind nur noch in den Tag hinein, beziehungsweise an der Realität vorbei. Sein Vater zwingt ihn, mit auf die Jagd zu gehen, schließlich kann man die Weichen nicht früh genug stellen, damit aus ihm ein Mann wird. Schließlich kommt die ungemütliche Situation buchstäblich wieder hoch, denn Schnaps und Innereien, nacheinander vom Herrn Vater und dessen Geliebten serviert, geben Manuel den Rest. Die Regie schildert die latenten Angstfantasien sehr eindringlich und es ist interessant und ernüchternd zugleich, dass sie sich teilweise auch bewahrheiten werden. Die Projektionsfläche dafür stellt seine Mutter alias Eva Renzi dar, die entgegen ihrer typischen Einsatzgebiete eine deutlich stimmungslabile Note zu vermitteln hat. Alkohol und Valium sorgen temporär dafür, dass sie weiter funktionieren kann, obwohl sie den Zeitpunkt des Zusammenbruchs eigentlich längst überschritten hätte. Eva Renzi, die länger nicht in Deutschland gearbeitet hatte, aber für eine Hauptrolle immer noch zugkräftig genug war, spielt im Rahmen der Gefühlsklaviatur altbekannt, bedient aber wie erwähnt eine Facette, die man bei ihr nicht häufig wahrnimmt: Unsicherheit. Wilde Gefühlsausbrüche, bitterer Zynismus und lautstarke Vorwürfe zeigen die Leidenschaft und Hingabe, die sie in tiefergehenden Rollen stets so glaubhaft erscheinen ließen. Dennoch liegt ein Kollaps in der Luft, weil sie sich körperlich und mental kaputt macht und machen lässt und zudem wohl auf ganzer Linie versagt hat.

    Auch als Mutter? Nicht, wenn man die Augen und Emotionen ihres Sohnes als Spiegel nimmt. Doch insgesamt gesehen sind die wenigen vertrauten und liebevollen Momente sehr trügerisch, da sie mit Furcht und Misstrauen durchzogen sind. Margret ist mittlerweile zu sehr mit sich selbst und damit beschäftigt, nicht umzukippen, indem eine Art heile Welt vorgegaukelt wird, die schon längst nicht mehr existiert. Manuels Eltern unterschätzen die feinen Antennen ihres Kindes, das auf Veränderungen und Situationen reagiert, ohne sich mitzuteilen. Der stets präsente Zynismus und die demonstrative Verachtung des Vaters gegenüber seiner Ehefrau sind fester Bestandteil des Alltags. Zwar spielen sich diese rabiaten Szenen einer Ehe hinter den Kulissen ab, doch man unterschätzt die Aufmerksamkeit eines ziellosen Kindes, das die Streitereien oder beispielsweise den Alkohol- und Tablettenkonsum der Mutter beinahe schon für normal hält. Verachtung und Vorwürfe dominieren den Umgang der Erwachsenen miteinander. Die unter die Gürtellinie abzielenden Spitzen der Ehefrau drehen sich dem Empfinden nach immer um das selbe: nämlich um die Geliebte, die vulgären Freunde des Göttergatten und dessen mangelndes Interesse am Familien- und Eheleben. Er wiederum hält ihr den hemmungslosen Konsum von Weichmachern vor, die sich negativ auf den nicht vorhandenen Erziehungsstil auswirken. In manchen Szenen fühlt es sich gar so an, als sei eine Prügelei nicht mehr weit entfernt. Die Eltern von Manuel merken nicht einmal mehr, wie tief sie eigentlich bereits gesunken sind. Ihr Tunnelblick lässt keinen anderen Fokus mehr zu, dabei benötigte der Junge dringend eine positive Aufmerksamkeit, die ihn wieder in günstige Bahnen lenken könnte. Doch die Situation stellt sich als Einbahnstraße in eine mögliche Katastrophe heraus, die nicht mehr abzuwenden ist.

    Dem leider im Jahr 2002 am Berliner Landwehrkanal tödlich verunglückten Darsteller Kai Buth gelingt eine hervorragende Zeichnung der Titelfigur. In einer Mischung aus unverbrauchter Interpretationsgabe und punktgenauem Spiel, überrascht und überzeugt der Jungdarsteller über die komplette Distanz. Ganz im Sinne der Thematik besticht er geradezu mit seinem diffusen und ausschließlich auf dessen Präferenzen ausgelegtem Verhalten, das ein Spektrum zwischen Ausgelassenheit und Lethargie abzudecken vermag. Seine entspannten und lebhaften Phasen sieht man ausschließlich in Verbindung mit der Mutter, deren Labilität die Stimmung jedoch immer wieder aufs Neue kippen lässt und strapaziöse Umkehrreaktionen provoziert, ohne es zu wollen. Szenen aus dem Alltag dominieren den Verlauf genau wie solche, die vor dem Kind fern gehalten werden sollen. In der Schule purzeln die Zensuren ins Bodenlose, Manuel ist hauptsächlich damit beschäftigt, sich mit nichts Anspruchsvollem zu beschäftigen. Um sich wach zu halten und seiner unterschwelligen Aggression freien Lauf zu lassen, stellt er sich drastische Situationen vor. So denkt er sich beispielsweise eine Episode mit seiner Lehrerin aus, die in ihrem kurzen Auftritt einen sehr guten Schliff durch die verlässliche Barbara Freier bekommt. Terroristen stürmen das Klassenzimmer, überwältigen, fesseln und knebeln die sich in Todesangst befindende Lehrerin und der Junge selbst bedroht sie ebenfalls mit einem Maschinengewehr. Generell werden Waffen immer wieder eine recht zentrale Rolle in seinen Tagträumen spielen und sei es auch nur bei PC-Abenteuern. Karl-Heinz von Hassel als Vater feuert diese Affinität aktiv an, denn jeder Mann sollte nach seiner Ansicht zumindest mit einer guten Flinte umgehen können. Weitaus größeren Schaden richtet allerdings seine ausladende Gleichgültigkeit an, die in erster Linie seine Frau treffen soll, aber auch vor seinem Filius keinen Halt macht.

    Seine zynischen Attacken sind die Torpedos, die auf Ehefrau Margret abzielen, aber ebenso unkalkulierbaren Schaden in der Peripherie anrichten. Von Hassel stattet seine Szenen mit Arroganz, Überheblichkeit, wenn nötig Nüchternheit, aber auch Vulgarität aus, sodass sich die Schlinge um den Hals der Beteiligten immer enger zuziehen kann. Befeuert von einer immer verzweifelter wirkenden, sich aber auch mit letzter Kraft zu wütenden Gefühlsausbrüchen schleppenden Eva Renzi, entsteht eine Art destruktive Dynamik, die glänzend choreografiert wirkt. Zwischen all dem wird Kai Buth hin- und hergerissen, dessen Leistung aufgrund der spürbaren Emotionen und nicht zuletzt wegen einer deutlichen Transparenz im Gedächtnis bleibt. Kürzere Auftritte liefern bekannte Interpreten wie Erik Schumann als verständnisvoller Arzt oder Elisabeth Volkmann als immerwährende Verführung und Geliebte der ersten Wahl. Peter Obrist bringt sicherlich insgesamt einen schwierigen, wenn auch seinerzeit - oder eher gesagt jederzeit - aktuellen, populären und diskussionswürdigen Stoff in Form. Hin und wieder lassen sich einige Oberflächlichkeiten im Szenario herausfiltern, doch diese dienen als Basis für eine umfassend anvisierte Tiefe. Die Geschichte rund um "Manuel" kann naturgemäß nur das Aufgreifen eines von vielen Mosaiksteinchen darstellen, denn unerträgliche, zerrüttete und verfahrene Situationen besitzen unzählige Gesichter. Als isolierter Fall dient die Geschichte somit als Sprachrohr für viele ähnliche Verhältnisse und weist latente Gefahren auf, ohne jedoch praktische Lösungen zu liefern. Vielmehr wird die globale Ohnmacht der vielen Rädchen in einer ausweglosen Maschinerie dargestellt, die nur positiv mit der Tatkraft eines jeden einzelnen funktionieren könnte. Als Ganzes ist "Manuel" jedoch als sehenswert und beeindruckend zu bezeichnen, zumal die Erzählweise trotz verstörender Bilder keine vorgefertigten Schuldigen mit erhobenem Zeigefinger an den Pranger stellt.

  • Das ohnmächtige Pferd (1975, TV)Datum12.03.2018 11:33


    DAS OHNMÄCHTIGE PFERD

    ● DAS OHNMÄCHTIGE PFERD (D|1975) [TV]
    mit Eva Renzi, Paul Hubschmid, Eva Maria Meineke, Christian Wolff, Jan Niklas, Beatrice Richter, Bernd Herzsprung, Fritzludwig Gärtner
    eine Produktion des Südwestfunks
    ein Fernsehspiel von Rolf von Sydow




    »Ach du lieber Himmel! Sollten Sie etwa gebildet sein?«


    Auf dem abgelegenen Landsitz von Lord Henry James Chesterfield (Paul Hubschmid) plätschert das Landleben gemütlich vor sich hin und es gibt nur wenige Farbtupfer innerhalb dieses aristokratischen Alltags. Seine Frau, Lady Chesterfield (Eva Maria Meineke), gefällt sich in oberflächlichen Gebärden und sie ist nur an ihrer Stellung in der Gesellschaft interessiert. Sein Sohn Bertram (Jan Niklas) stellt eine große Enttäuschung dar, weil er nicht den normalen Interessen seines Standes nachzugehen beliebt und sich den Künsten verschrieben hat. Auch seine Tochter Priscilla (Beatrice Richter), die sich nicht gerade wie eine Dame verhält, macht ihm wenig Freude, vor allem, als sie ihren neuen französischen Verlobten Hubert (Christian Wolff) mitbringt. Wenig später stellt Hubert der Familie seine angebliche Schwester Coralie (Eva Renzi) vor, denn die beiden haben zusammen einen Plan geschmiedet, um an das Vermögen der Chesterfields zu gelangen. Auch Coralie soll in die Familie einheiraten, doch bei diesem Vorhaben kommt es zu ungeahnten Komplikationen der amourösen Art...

    Betrachtet man zunächst den recht sonderbar klingenden Titel dieses Fernsehfilms, der unter der Leitung des Wiesbadener Routiniers Rolf von Sydow inszeniert wurde, kommt man im Sinne einer Klassifizierung nicht wirklich weiter. Dieser recht unbekannten Produktion eilen außer allgemeinen Stabsangaben keine weiteren Informationen voraus und die gängige Einteilung verfrachtet diese Geschichte ins weitläufige Reich der Komödie. Da man sich schließlich im Jahr 1975 befunden hat, kommt man nicht umhin, sich Gedanken über den handelsüblichen Humor der in diesem Zeitfenster entstandenen Filme zu machen und die Devise heißt vor allem erst einmal abzuwarten und mit den Chesterfields Tee zu trinken. Der Einstieg ist - wie jeder neue Akt übrigens auch - in einen goldenen Bilderrahmen eingefasst, der durch das Anzoomen des Sets wieder verschwindet. Die Geschichte präsentiert schnell den Charakter eines Kammerspiels, da sich der Zuschauer über die gesamte Spieldauer lediglich in einem Raum befindet, der das aristokratische Umfeld neben den beteiligten Personen charakterisiert. Die gute Aufteilung des Raumes und die Vermittlung von Symmetrie lassen diese vollkommene Ortsgebundenheit weniger gravierend erscheinen. Auch der Einsatz von mehreren Kameras sorgt für die Flexibilität, die unter diesen Voraussetzungen abzurufen war. Das Hauptaugenmerk bei dieser Angelegenheit liegt logischerweise auf der Dialogarbeit und es lassen sich nach kürzester Zeit Wortwitz, Zynismus und Situationskomik ausfindig machen, was unter anderem für einen kurzweiligen Verlauf sorgen wird. Die Hauptverantwortung für das Gelingen dieses Films übernehmen von der ersten Sekunde an die gebuchten Darsteller und man darf schon sagen, dass sich die Besetzung für hiesige TV-Verhältnisse durchaus sehen lassen kann.

    Das Set ist vom ersten Augenblick an ein aristokratisches Vakuum, bestehend aus der Familie Chesterfield samt Butler, und es ist zu erahnen, dass das geregelte Leben absolut keine großen Überraschungen mehr bietet. Lord Chesterfield gefällt sich somit darin, die Situation mit herbem Zynismus zu ertragen, außerdem mit saftigen Wortspitzen zu präparieren. Paul Hubschmid scheint alleine schon wegen seiner weltmännischen Erscheinung die richtige Wahl für diese Rolle zu sein. Mit seiner Wortgewandtheit zielt er gerne auf die offensichtlichen Unzulänglichkeiten der anderen ab. Ja, er teilt gerne aus und wird daher auch kaum etwas anderes tun, nicht zuletzt, um den Seinigen zu demonstrieren, was er von ihnen hält. Dem Empfinden nach währt dieses Gesellschaftsspiel schon Jahrzehnte, doch eigentlich beißt der Mann mit der ernüchterten Sichtweise nur auf Granit, da seine Frau die Ohren in Perfektion auf Durchzug stellen kann und seine Kinder ihn ganz offensichtlich nicht mehr ganz ernst nehmen. Darüber hinaus lassen sie offenbar nichts unversucht, eben vollkommen bewusst aus der Art zu schlagen. Doch jeder hat sich längst mit den Gegebenheiten abgefunden und gestaltet das Spiel nach persönlichen Präferenzen. Eva Maria Meineke jongliert mit Oberflächlichkeiten und adeligen Worthülsen, Etikette und Stand sind die Fronten, an denen sie zu kämpfen beliebt. Die Kinder, die nicht in die Spur zu bringen waren, bekommen teilweise recht groteske Anstriche von Jan Niklas und insbesondere Beatrice Richter, die mehrmals am Eindruck einer satten Fehlbesetzung vorbeischlittert. Dennoch wird sie es sein, die ihrer Familie Scherereien macht, da sie einen Hochstapler mit ins Haus bringt, ihn heiraten möchte und er obendrein Franzose ist. Das bisherige Leben hätte doch so angenehm langweilig weiter verlaufen können, wenn nicht Christian Wolff und Eva Renzi aufgetaucht wären.

    Da also eine enorme Aussteuer lockt, nimmt es der mit allen Wassern gewaschene Hubert in Kauf, sich die weder schöne, noch intelligente Tochter zuzumuten, denn schließlich ist sie ja - zumindest vom Stammbaum her - nicht von schlechten Eltern. Doch bereits nach kürzester Zeit zeigen sich erste Differenzen und das Nervenkostüm des ambitionierten jungen Mannes wird sichtlich dünner, da die Gewissheit Gestalt annimmt, dass er es mit einer hysterischen Ziege zu tun hat. Die Verwirrung für die ohnehin ratlos drein schauenden Chesterfields wird nur noch größer, als plötzlich Coralie als angebliche Schwester auftaucht, was in besseren Kreisen offensichtlich nur ein Pseudonym für Geliebte darstellt. Nun ist die gemütliche Ruhe endgültig gesprengt. Warum nur eine lukrative Heirat, wenn es doch noch einen ledigen Sohn aufzulesen gibt? Bei Eva Renzis erstem Auftreten kommt man in den Genuss einer zunächst groß angelegten Maskerade, um wenig später einen Paukenschlag zu sehen, der in Form eines amüsanten Rollentauschs über die Bühne geht. Zu diesem Zweck legt sie ihre unscheinbaren Ensembles, die Brille und biederen Gebärden ab, um sie gegen aufreizende Roben und auffordernde Gesten auszutauschen. Dem Zuschauer leuchtet es bei diesem neuen Anblick nun durchaus ein, warum sie schlafende Hunde wecken konnte, sodass plötzlich mehrere Herren bei ihr Schlange stehen, die durch eindeutige Avancen glänzen werden. Die Themen Betrug und Täuschung weichen einem Heirats-Roulette in dem sich Eva Renzi flexibel und schlagfertig auf das jeweilige Gegenüber einstellen kann. Ob unverbesserliche Zyniker, halbe Trottel, eifersüchtige Liebhaber oder selbstverliebte Snobs; die Konversationen treiben sehr amüsante Blüten. Die Darsteller zeigen sich allesamt in guter Spiellaune und wirken hochkonzentriert. Glaubwürdigkeit und Humor lassen es dem Zuschauer ein Leichtes werden, sich auf die teilweise exaltierte Geschichte einzulassen.

    Wenn man Rolf von Sydow hauptsächlich wegen seiner Arbeiten im Kriminalbereich kennt, stellt sich im Vorfeld die interessante Frage, ob er sich im komödiantischen Fach genauso profilieren kann. "Das ohnmächtige Pferd" lässt aufgrund der allgemeinen Unbekanntheit und des sehr offen klingenden Titels kaum Rückschlüsse auf den bevorstehenden Verlauf zu, und ob in den Darstellern auch komödiantisches Blut fließen wird. Das Zusammenspiel wirkt erfrischend bis leichtfüßig, die Geschichte über weite Strecken originell und man bekommt es mit einer angenehmen Situationskomik zu tun. Aufgrund der örtlichen Gebundenheit entsteht nur wenig Eintönigkeit, denn die Szenerie wird von langen Dialogstrecken getragen, in denen so mancher Schlagabtausch für Schmunzeln sorgen kann. Die gut bekömmliche Würze ergeben außerdem noch landläufige Klischees, die sich einer geistreichen Aufschlüsselung erfreuen können. Unterm Strich ergibt diese Geschichte vom verschlafenen Lande ein geglücktes, aber vor allem kurzweiliges Sehvergnügen. Inszenatorisch ist im Grunde genommen handelsübliches Zeitkolorit zu sehen, das für viele sicherlich einiges an Staub angesetzt haben dürfte, jedoch sind im Rahmen der naturgemäß begrenzten Möglichkeiten einer TV-Produktion gute Lösungen gefunden worden, da Rolf von Sydow sich vollkommen dem Nimbus der Komödie verschreibt, die in diesem Fall nur wenige gesellschaftskritische oder groteske Tendenzen verfolgt, sich dabei hauptsächlich den Gesetzen der Verwechslung unterwirft. Insgesamt stellt "Das ohnmächtige Pferd" eine sehr schöne Abendunterhaltung dar, an der der Zahn der Zeit zwar schon genagt hat, jedoch keine schwerwiegenden Spuren hinterlassen konnte. Außerdem schließt diese TV-Produktion eine weitere Lücke bei der Aufarbeitung von Eva Renzis Filmkarriere, in der sich glücklicherweise immer wieder erstaunliche Überraschungen herauskristallisieren.

  • Grenzfälle (1980, TV)Datum10.03.2018 18:28
    Foren-Beitrag von Prisma im Thema

    Eine sehr schöne Vorstellung dieses vollkommen in Vergessenheit geratenen Beitrags. Gerade am Beispiel "Grenzfälle" kann man sehr gut sehen, dass Eva Renzis Filmografie bislang in allen Datenbanken nach wie vor lückenhaft ist, was jedoch den positiven Nebeneffekt mit sich bringt, dass immer wieder etwas Neues auftaucht, oder zumindest auftauchen könnte. Im Jahr 1974 hat Eva Renzi mit Regisseur Imo Moszkowicz ja auch den sehr unterhaltsamen Kurzfilm "Die Abwerbung" gedreht. Schön, dass er sich an sie und vor allem daran erinnerte, dass die Schauspielerin wie geschaffen für einen solchen Stoff gewesen ist. Gestolpert bin ich allerdings über die Aussage: "Nach sechs Jahren schauspielerischer Abstinenz", da ihre beiden Episoden zu "Das blaue Palais" 1976 entstanden sind. Danke jedenfalls für diese ausführliche Besprechung, die einen sehr lebhaften Einblick gewährt!

  • Friedenspolka (1987, TV)Datum03.03.2018 14:55


    FRIEDENSPOLKA

    ● FRIEDENSPOLKA - DER 40-JÄHRIGE FRIEDEN (D|1987) [TV]
    mit Eva Renzi, Pinkas Braun, Gert Westphal, Thomas Fabian, Ingrid Stenn, Irene Marhold, Gabriel Laub, Heike Ahrens, Jon Laxdal,
    Johannes Grossmann, Birgit Ortlepp, Elfie Krüger, Christopher Tainton, Tatjana Werbitzky, Lev Predtechevskiy, Andreas Beurmann
    eine Produktion der Televersal Hamburg | für das Fernsehspiel des NDR
    ein Film von Rolf Hädrich




    »Manchmal sind Sie erfrischend unlogisch!«


    Auf Gut Hasselburg in Schleswig Holstein wird prominenter Besuch erwartet. Abrüstungsexperten der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion wollen sich einem TV-Duell stellen, um die gegenseitigen Positionen der Supermächte und deren Vorschläge zur Erhaltung des Friedens zu erläutern. Bei den Vertretern handelt es sich um den amerikanischen Sonderbotschafter Grey (Pinkas Braun) und den Delegierten Petrov (Gert Westphal). Den Schlagabtausch soll die TV-Moderatorin Holst (Eva Renzi) leiten. Schon vor der Sendung finden Gespräche zwischen den Gästen statt und die zunächst friedliche und unbefangene Atmosphäre kocht aufgrund sehr unterschiedlicher Ansichten derartig hoch, dass das kurz vor der Aufzeichnung stehende Gespräch zu platzen droht. Ist Krieg nach Ansicht der Abgesandten tatsächlich die beste Legitimation für den Frieden..?

    Zitat von Der Spiegel
    Eigentlich sollte zu diesem Termin Inge Meysel als Putzfrau Ada Harris durch die Weltgeschichte fegen, aber das NDR-Fernsehspiel und Dieter Meichsner schickten sie in die Besenkammer, um "auf aktuelle Themen brandaktuell zu reagieren". Gezeigt wird ein argumentativer Schlagabtausch zweier Abrüstungsprofis aus West und Ost (Pinkas Braun, Gert Westphal) vor und hinter der Kamera. Die Redeschlacht, moderiert von der attraktiven Ex-Baghwanesin Eva Renzi, gerät zum Hahnenkampf, und Autor Matthias Esche (Regie: Rolf Hädrich) hofft, dass durch ihr Spiel den Zuschauer Sätze erreichen, "die ihnen in den herkömmlichen polierten Diskussionen zwischen kameraerprobten Profis der Politik fast immer vorenthalten werden".


    Rolf Hädrichs ab August 1987 gedrehtes TV-Spiel wurde vom NDR zunächst auf den 16. Dezember des gleichen Jahres terminiert, doch aufgrund des damaligen Washingtoner Gipfeltreffens zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow am 7. Dezember 1987 wurde "Friedenspolka" auf den 2. Dezember zur besten Sendezeit vorgezogen. Im Norden der Bundesrepublik wird hoher Besuch erwartet, denn Rüstungsexperten der USA und UdSSR haben sich zu einem Schlagabtausch vor laufender Kamera bereit erklärt. Trotz der idyllischen Landschaft, der Ruhe und Verschlafenheit, welche die Schauplätze vermitteln, entsteht bereits im Vorfeld eine nervöse Spannung, denn es wird um fundamentale Dinge gehen. Schon in früheren Jahren soll das Gut hochrangige Persönlichkeiten empfangen haben, das nun aufwändig zu einer Art Studio umfunktioniert wurde. Die Rollenverteilungen sind von vorne herein absolut klar. Deutschland als Gastgeber soll durch die TV-Moderatorin Holst eine vermittelnde Position einnehmen, was allerdings aufgrund einer angriffslustigen Eva Renzi nicht so einfach werden wird. Dies zeigt sich bereits in einer frühen Phase, da die Moderatorin teilweise aggressiv, wenn auch höflich, in die laufenden Gespräche hineingrätscht und dem Verlauf unerbittlich ihren Stempel aufdrücken möchte. Doch wie es aussieht, hat sie die Rechnung ohne die anwesenden Herren gemacht, die die attraktive Dame aufgrund ihres Geschlechts und der vermeintlichen Unwissenheit bezüglich Themen von globaler Wichtigkeit degradieren und außen vor lassen. Sichtlich ungeduldig und vor den Kopf gestoßen, forciert sie ihre Gesprächsführung und nimmt wichtige Fragen vorweg, was jedoch an der bestehenden Männersolidarität abzuprallen scheint.

    Der »neue sowjetische Standpunkt« soll im Schlagabtausch dargelegt werden, doch bevor auch nur eine Kamera läuft und die Scheinwerfer positioniert sind, verlieren sich die Herren ausgelassen im Smalltalk. Man jongliert mit Höflichkeiten und Worthülsen, es wird mit kulturellen Errungenschaften geprahlt und Eva Renzi beginnt, innerlich zu kochen. In Etappen wird die Arbeit hinter den Kulissen immer wieder anschaulich vermittelt, originale Einspielsequenzen - beispielsweise aus der Wochenschau 1939 - fungieren erklärend und deuten an, wohin diese sogenannten "Hasselburger Gespräche" führen sollen. Fieberhaft wartet man auf den US-Sonderbotschafter; Kanzler Helmut Schmidt sei höchstens zu einem Auftritt in einem Filmstudio zu bewegen gewesen und der Zuschauer weiß, dass er es mit einem waschechten Politikum zu tun bekommen wird. Es ist sehr interessant, dass dieser Fernsehfilm an aktuelle Geschehnisse angepasst wurde. Regisseur Hädrich legt großen Wert darauf, dass sein Beitrag nicht nur zu einem Angebot mit Anspruch wird, sondern seiner Unterhaltungsfunktion ebenso Genüge tut. Immer wieder folgen Einspielungen, die in der laufenden Sendung gezeigt werden sollen, wie beispielsweise aus Hiroshima oder Interview-Sequenzen mit geschichtlichen Zeitzeugen. Hierbei ist und bleibt der Blick auf die im verborgen liegende Arbeit spannend, da man als Konsument normalerweise nur fertige Ware ohne Störungen und ohne Hektik serviert bekommt. Beim Stichwort Hektik denkt man sich allerdings insgeheim, dass mit einer angriffslustigen Moderatorin wie Eva Renzi noch genügend Zündstoff in der Luft liegt, da sich ihre Unberechenbarkeit in vielen Szenen im Vorfeld andeutet.

    Es ist äußerst bemerkenswert und zudem lehrreich, die politische Eva Renzi präsentiert zu bekommen. Man darf sogar mit Fug und Recht behaupten, dass sich Eva Renzi ein Stück weit selbst spielt, immerhin war die Berlinerin berüchtigt für ihre Attacken. In diesem Zusammenhang erinnert man sich natürlich an den Eklat bei den Bad Hersfelder Festspielen im Jahr 1983, als sie den amtierenden Bundespräsidenten Carstens angeblich öffentlich als »alten Nazi« bezeichnet haben soll und daraufhin gefeuert wurde. Aber es geht bei diesem politischen Diskurs nicht um Eva Renzi, sondern um Angelegenheiten, die für ganze Nationen von größter Bedeutung sind. Bei der Interpretin glaubt man zu sehen, dass sie es kaum ertragen kann, dramaturgisch und praktisch an der Leine gehalten zu werden, was sich bestätigt, sobald ihr endlich die Bühne überlassen wird. Renzi galt als leidenschaftliche Rednerin und Vertreterin liberaler Interessen, was sie auch hier eindrucksvoll unter Beweis stellt, allerdings auf Kosten der nötigen Objektivität einer Moderatorin. Agiert sie also wie man sie kennt? Zumindest im Fernsehen oder Kino waren ihre Rollen anders angelegt, vielleicht entschärfter, doch hier zeigt sie sich ihrem Gegenüber problematisch und unbequem. Sie ist äußerst kritisch und launisch beim Hinterfragen, reagiert mit Zorn, Wut, Entsetzen oder sogar Verachtung, außerdem kann man ihre charakteristische Körpersprache wahrnehmen. Sie fährt sich frustriert, beinahe theatralisch durch die Haare, atmet tief ein, um damit ihre konstruktiven (oder destruktiven) Pausen einzuleiten, spricht wie üblich schnell, als wolle sie Dutzende Pointen in einen Satz legen und nimmt anhand ihres Tonfalls eindeutige Wertungen vor. Abgerundet wird ihr Auftritt mit dem bekannten, spöttischen Lächeln, welches ihren Gegenüber manchmal regelrecht abzukanzeln wusste - beziehungsweise, es versuchte.

    In der Zwischenzeit wird der immer noch wartende Gast aus der UdSSR kulinarisch und kulturell bei Laune gehalten und demonstriert Frau Holst dabei immer wieder unmissverständlich, dass er mit Frage-Antwort-Spielen momentan nicht behelligt werden möchte, wenngleich er ihr mit der Höflichkeit gegenübertritt, die einer Dame gebührt. Ausweichende Tendenzen sind allerdings nur ihr gegenüber zu sehen, was sich später mit dem Eintreffen des amerikanischen Sonderbotschafters ändern soll. Hädrich stellt dem Zuschauer viele Informationen über politische Hintergründe, Seilschaften und Interessen zur Verfügung und bei dieser Gelegenheit werden Gert Westphal und Pinkas Braun sich selbst übertreffen, wenn sie in die jeweilige Rolle schlüpfen. Eva Renzis neugierige und ungeduldige Penetranz wird dabei durch weltmännische Ausweichmanöver nahezu unterwandert. Kompetenz, Redegewandtheit, Besonnenheit und Ruhe sind die Waffen, die sie am meisten treffen werden. Doch zunächst muss der Gast aus den USA erst einmal landen, was er recht großspurig per Helikopter tut. Wird die wissbegierige Fernseh-Moderatorin in Joseph Grey, dem Sonderbotschafter der Vereinigten Staaten, einen geduldigen Gesprächspartner - oder wie anvisiert - Zuhörer haben? Vielleicht ließe sich auch beinahe von einem Opfer sprechen, gemessen an ihrer Art, die Gespräche nach ihren Wünschen beeinflussen zu wollen. Aber sie bekommt es schließlich mit Pinkas Braun zu tun, den nichts aus der Ruhe bringen kann und der weiblichen Kapriolen mit Sachlichkeit, Respekt, aber auch dem vehementen Vertreten seiner Ansichten gegenübertritt. Pinkas Braun scheint dabei wie geschaffen für diesen Part und bildet den ruhenden Pol in dieser ungleichen Dreieckskonstellation.

    Dies trifft allerdings nur auf seine kultivierten Umgangsformen zu, denn immerhin ist er der Mann, der stets betont, man sitze auf einer Unzahl von Atombomben, die im Zweifelsfall ihren Einsatz finden müssten. Sein Kontrahent Petrov merkte zuvor nachdenklich an, dass er immer wieder festgestellt habe, wie schwer es für die Amerikaner sei, sich in die Lage anderer Völker zu versetzen. Die Moderatorin reagiert äußerst bissig darauf, dass die Vereinigten Staaten vorab an den Pranger gestellt werden. Allerdings kommt es zu einem Sinneswandel, als sie den US-Botschafter live erleben kann. Das verbale Tauziehen der beiden Supermächte geht in Etappen immer wieder in eine neue, mit sachlichen Argumenten und giftigen Wortspitzen präparierte Runde, und letztlich wird relativ ergebnislos vor sich hin philosophiert, da niemand von seiner Haltung abweichen will. Rolf Hädrich bietet mit seinem TV-Spiel ein ausgiebiges Beleuchten der zwei Seiten einer Medaille an, sodass Positionen und Gegenpositionen ausgiebig diskutiert werden. Die Fakten, dass die Realität und latente Bedrohungen nicht verdrängt werden dürfen oder man einen Krieg mit einem Höchstmaß an Vernunft zu führen hat, stellen jedoch nur Worthülsen beim obligatorischen Säbelrasseln in diesem TV-Spektakel dar. Auch bittere Seitenhiebe auf die Medien bleiben nicht aus, da Grey süffisant in den Raum wirft, dass moderne Kriege heute im Fernsehen geführt werden. Ein Kommentar mit Torpedowirkung für die längst erboste Moderatorin, die zusehends um Fassung ringt, zumal ihre Einwände an beiden Herren abprallen und sie effektiv nie die Gelegenheit bekommt, eine Gegenargumentation aufzuziehen. Das intelligente Spiel mit Geschlechterrollen bringt die Szenerie in ein diskretes Ungleichgewicht - übrigens konträr zur symmetrischen Bildgestaltung - zumal bei jeder Rede der Herren unterschwellig mitschwingt, dass Frauen sich doch besser um das kümmern sollten, wovon sie Ahnung haben, also folglich nicht um Politik.

    Für Eva Renzi war "Friedenspolka - Der 40-jährige Frieden" der kleine Grundstein für ihr deutsches TV-Comeback, mit dem sie vor allem wegen ihrer Verpflichtung für die Serie "Das Erbe der Guldenburgs" nochmals ein Millionenpublikum erreichen konnte, beziehungsweise sich wieder ins Gedächtnis rufen konnte. Interessant ist die Tatsache, dass Rolf Hädrichs TV-Beitrag auf dem schleswig-holsteinischen Gut Hasselburg gedreht wurde. Im vollständig erhaltenen Herrenhaus des Anwesens fanden später auch Teile der Dreharbeiten zu den "Guldenburgs" statt. Etwa genau zwei Jahre später sollte Eva Renzi hier wieder vor der Kamera stehen; vielleicht hatte man sich ja an die gut aufspielende Darstellerin erinnert. Insgesamt gesehen ist Rolf Hädrich eine gut an aktuelle Themen angepasste Variation politischer Ressentiments gelungen, bei der sich herauskristallisiert, dass der Clou der Veranstaltung darin liegt, dass sich die eigentliche Schlacht im Off abspielt, genau wie es in der Politik dem Vernehmen nach üblich ist. Der Zuschauer wird aus der Distanz Zeuge, was verschiedene Blickwinkel, Spontanität und Unberechenbarkeit eröffnen, da nichts, wie für das Fernsehen üblich, choreografiert wurde. Dem eigentlichen Schlagabtausch vor laufender Kamera kommt der Abspann des Film zuvor, wenngleich viele der Diskussionsansätze und Positionen aufgrund ihrer Zeitlosigkeit definitiv nachhallen werden. Brisant inszeniert und hervorragend besetzt in den Hauptrollen, bleiben sehr hochwertige Eindrücke zurück. Pinkas Braun, Eva Renzi und Gert Westphal sorgen für packende und darüber hinaus glaubhafte Momente, in denen der Anspruch stets oberste Priorität eingeräumt bekommt, nicht zuletzt wegen der überdurchschnittlich guten Dialogarbeit. Untermauert mit politischen Fakten und präpariert mit temperamentvollen und nachdenklichen Untertönen, ist dieser bis vor kurzem noch völlig in Vergessenheit geratene Beitrag äußerst sehenswert und als gelungen zu bezeichnen.

  • Eine Frau sucht Liebe (1969)Datum19.02.2018 15:32
    Foren-Beitrag von Prisma im Thema

    Auch hier nochmals Danke für die Ergänzungen. Auch wenn die Kritik (vielleicht sogar naturgemäß) durchwachsen ausgefallen ist, steigt die Neugierde auf diesen Film doch sehr. Schön wäre es natürlich, wenn dieser Streifen - der ja wirklich alles Mögliche hervorbringen könnte - einmal aus der Versenkung gehoben würde, da alleine die Besetzung schon einen Unterhaltungswert verspricht. Ich persönlich finde Erstlingswerke ja immer interessant. Noch spannender wird es sogar, wenn es sich um den einzigen Film eines Regiesseurs handelt, da meistens eine deutliche Unbefangenheit oder möglicherweise auch Chaos wahrzunehmen ist. Vielleicht auch hier - wer weiß das schon?

  • Die Zeit der Kirschen ist vorbei (1967)Datum19.02.2018 15:10
    Foren-Beitrag von Prisma im Thema


    ● PORTRAIT VON EVA RENZI AUS DER PRESSE-MAPPE DER CONSTANTIN-FILM
    "EIN UNGEWÖHNLICHES MÄDCHEN" - DIE ZEIT DER KIRSCHEN IST VORBEI (F|D|1967)





    »Mein Erfolg beruht darauf, dass ich nichts mache!«


    Eva Renzi spielt jetzt in "Die Zeit der Kirschen ist vorbei". Sie ist ein ungewöhnliches Mädchen mit einer ungewöhnlichen Karriere: Als Eva Renzi, deren Namen vorher kein Mensch gehört hatte, von Will Tremper entdeckt wurde, erklärte sie mit verblüffendem Selbstbewusstsein: »Ich glaube an mich und daran, dass ich es schaffe. Ich will ein Star werden, der so berühmt ist, dass er sich seine Rollen aussuchen kann.« Im ersten Jahr schaffte sie davon bereits eine ganze Menge: "Playgirl" genügte ihr, um sich ins internationale Filmgeschäft zu katapultieren. Nachdem ihr James-Bond-Produzent Harry Saltzman (»Sie hat die moderne Originalität einer Julie Christie, dazu die klassische Schönheit und den inneren Glanz einer Ingrid Bergman«) eine Hauptrolle in "Finale in Berlin" sowie einen Fünfjahres-Vertrag geboten hatte, dreht sie jetzt ihren ersten Film in Frankreich, der in Coproduktion mit Horst Wendlandts Berliner Rialto-Film entstand: "Die Zeit der Kirschen ist vorbei". Pierre Granier-Deferre ("Paris im Monat August") inszenierte den Film nach dem französischen Bestseller "Le grand Dadais" von Bertrand Poirot-Delpech, der in Deutschland unter dem Titel des Films erscheint. Die Hauptrollen spielen Jacques Perrin ("Mord im Fahrpreis inbegriffen"), Eva Renzi, Harald Leipnitz, Danièle Gaubert und Yves Rénier. Es ist die bittersüße Geschichte des 20-jährigen Alain, der nicht fähig ist, mit den Entwicklungsproblemen fertig zu werden, die auf ihn zukommen. An der Seite des Fotomodells Patricia (Eva Renzi) genießt er zum ersten Mal das Glück körperlicher Liebe und verliert dafür den Kopf, seine Verlobte und am Ende sogar die Freiheit. »Ich glaube, dass mein Erfolg nur darauf beruht, dass ich nichts mache«, sagt Eva Renzi. »Wenn mein Typ und meine Art im Leben ankommen, müsste es auf der Leinwand genau so sein. Wenn man von mir verlangen würde, mich zu ändern, würde ich wohl meine ganze Ausstrahlung verlieren. Außerdem hätte ich überhaupt keinen Spaß mehr an der Arbeit.«

    Michel Cousin, der französische Produzent des Films, sieht Eva so: »Sie ist schon äußerlich ein ganz moderner, völlig internationaler Typ. Und da sie obendrein noch begabt ist, wird sie sehr gut ankommen!« Obwohl man Eva in Frankreich noch gar nicht kennt, hatte sie ständig einen Schwarm Fotografen um sich. Sie weiß um den Wert solcher Publicity und macht bereitwillig mit. »Jeder hat schon mal irgendwo, irgendwie etwas von mir gehört. Und das macht sich überall bemerkbar.« Sie spürt es nicht zuletzt an den Angeboten. Man ist aufmerksam geworden auf die blonde Deutsche, in Amerika genauso wie in Europa. Aber sie sagt: »Schmarren, egal wo sie gedreht werden sollen, kommen für mich nicht in Frage. Ich filme nicht wegen des Geldes. Bei einem Mann ist das vielleicht etwas anderes. Ich tue es, weil es mir Spaß macht, um glücklich zu sein. Die meisten denken doch: Hauptsache, man ist drin im Geschäft. Natürlich – ich möchte auch drin bleiben. Aber ich mache keinen Mist dafür!« Eva Renzi betreibt diesen Beruf, für den sie sich entschieden hat, mit allen Idealen und Konsequenzen. Um dieser Ideale willen leistet sie es sich zum Beispiel auch, abzulehnen, wer und was ihr nicht passt. Weil sie keine »Bond-Mieze« sein wollte, sagte sie 'no', als sie mit Sean Connery "Man lebt nur zweimal" drehen sollte. Als Eva zwei neue Angebote aus Paris bekam, lehnte sie ab, weil ihr die Geschichten »zu simpel und zu blöd« erschienen. »Eigentlich war es schon eine Beleidigung, mir so etwas anzubieten«, meint sie und fügt lächelnd hinzu: »Ich bin halt im allgemeinen von mir, von meiner Wirkung sehr überzeugt.« Verkaufen will sich die 22-jährige Eva für diesen Job jedenfalls nicht. »Meine Unterhaltskosten für mich, meine kleine Tochter und das Kindermädchen kann ich jederzeit anders leicht verdienen. Als Hostess oder als Fotomodell - ich habe das ja lange genug getan. Deshalb werde ich die Dinge nie forcieren oder ihnen nachlaufen. Wenn ich morgen nicht mehr dieses viele schöne Geld verdienen würde, würde ich mein Leben trotzdem irgendwie glücklich hinzaubern. Dann würde ich mein Geltungsbedürfnis eben auf etwas anderes übertragen.«

  • Foren-Beitrag von Prisma im Thema


    I WIE IKARUS

    ● I... COMME ICARE / I WIE IKARUS (F|1979)
    mit Yves Montand, Michel Albertini, Roland Amstutz, Jean-Pierre Bagot, Georges Beller, Maurice Benichou, u.a.
    eine Produktion der Antenne-2 | Société Française de Production | V Films | im Verleih der Neue Constantin Film
    ein Film von Henri Verneuil




    »Ein Weltverbesserer bringt sich nicht selbst um!«


    Staatspräsident Jarry (Gabriel Cattand) sieht seiner zweiten Amtszeit entgegen. Bei einem öffentlichen Auftritt wird er vor den Augen tausender Anhänger in seinem Wagen von einem Unbekannten erschossen. Der Attentäter namens Daslow (Didier Sauvegrain) wird wenig später tot aufgefunden und man geht von Selbstmord aus. Nach einem Jahr soll die mit den Ermittlungen beauftragte Untersuchungskommission ihr Ergebnis vorlegen, allerdings kommt es zu einer spektakulären Wendung. Eines der Mitglieder, Generalstaatsanwalt Henri Volney (Yves Montand), verweigert die Unterschrift, sodass der Bericht der Kommission hinfällig wird. Die Ermittlungen werden nun unter der Leitung von Volney wieder aufgenommen, der aufgrund seiner Erkenntnisse nicht an die Tat eines Einzelnen glauben kann. Mit seinem Team rollt er skandalöse Hintergründe auf, doch die Zeit rennt davon, da bereits etliche Zeugen unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen...

    Polit-Thriller, ganz gleich aus welcher Dekade sie auch stammen, lassen sich qualitativ zunächst einmal gut daran messen, ob man rückblickend eine nicht endend wollende Brisanz und vor allem andauernde Aktualität ausfindig machen kann. Anhand der ersten Szenen von Henri Verneuils Film lässt sich gerade in der heutigen Zeit ein ziemlich unbequemer Realitätstransfer herleiten, außerdem verspürt man beim Großthema Politik naturgemäß die schwarzen, verborgenen und zerstörerischen Seiten, die von der Öffentlichkeit ferngehalten werden sollen. Sind es nur Märchen? Ernüchternderweise muss man sich sicherlich eingestehen, dass es zwischen Himmel und Hölle mehr konspirative politische Kraft gibt, als man vielleicht für möglich hält. Enthüllungen, Bloßstellungen, Wahrheiten, aber auch Kolportage, bringen die Masse seit jeher in Aufruhr. Bleibt man ganz schlicht bei diesem Beitrag, überträgt sich dieses Gefühl hundertprozentig auf den Zuschauer und die Geschichte hält einen mehr als unangenehmen Spiegel in einem Schachspiel, möglicherweise ohne Länderbindungen vor, in dem zahlreiche Bauern geopfert werden, damit es den Offizieren nicht an den Kragen geht. Wie zu sehen ist, kann ein solches Spiel auch außer Kontrolle geraten, denn hier wird gleich der Staatspräsident höchstpersönlich ermordet, was den Alltag, das politische Ehrgefühl und Gleichgewicht aus den Angeln hebt. Man braucht nicht zu denken, dass es zu chaotischen Zuständen kommt, diese spielen sich nämlich höchstens temporär ab, weil die Erfahrung lehrt, dass jeder ersetzbar ist und dass die Konkurrenz niemals schläft. Gleich von Beginn an geht es also Schlag auf Schlag. Eine Staats-Eskorte wird von der Polizei und der jubelnden Masse eskortiert, tausende von Menschen und die Sicherheitskräfte werden schon einen gewissen Schutz garantieren - so denkt man zumindest. Als dann auch noch der lauernde Attentäter keinen Schuss abfeuern kann, wiegt man die Zielscheibe in Sicherheit.

    Wenig später findet man sich in den abgeschirmten Räumen einer Untersuchungskommission wieder, der schnelle Abschluss ist oberste Priorität, sozusagen die Königsdisziplin, vor allem da man den Massen einen Täter zum Fraß vorwerfen kann. Das suggerierte Motiv bewegt sich vollkommen stilsicher und konstruiert zwischen geistiger Verwirrtheit und dissozialer Persönlichkeitsstörung eines Einzelgängers, man kann daher zu einem Abschluss kommen und die sechs Mitglieder der Kommission müssen die Berge von Akten nur noch mit einer Unterschrift absegnen, damit sie der Öffentlichkeit präsentiert werden können. Die Zeit ist nun gekommen, um die Sinnhaftigkeit eines bekannten Sprichwortes hautnah mitzuerleben, nämlich dass die Rechnung ohne den Wirt gemacht wurde. Generalstaatsanwalt Volney verweigert seine Absolution aufgrund vieler ungeklärter Fragen. Der Mann mit der prägnanten Stimme und dem selbstbewussten Auftreten wird vom Zuschauer schnell als diplomatischer Analytiker und intelligenter Rhetoriker mit glasklarem Verstand identifiziert, der es sich aber auch nicht nehmen lässt, unter hohen Einsätzen zu pokern. Ab diesem Zeitpunkt kann dieses brisante Politikum seine Orientierung zum Detail und dem Zusammentragen von Informationen forcieren. Die entscheidende Frage, wie die Hintergründe aussehen mögen, sorgt dabei für ausgiebige Spannung. Die Regie scheut sich fortan nicht, ein unüberschaubares Mosaik in Kleinstarbeit mühsam zusammenzufügen, was sich zur großen Stärke entwickeln wird, die man bereits im frühen Stadium wahrnehmen kann. Nicht gerade überraschend, aber relativ plötzlich, gibt es auffällige Brüche in der strategischen Kontinuität des Verlaufs und man wittert die Gefahr von Liquidierung und Mord an allen Ecken und Enden. Längst ist ein Komplott von einzelnen Personen oder kleinen Gruppierungen nicht mehr auszuschließen, sodass sich der Verdacht verstärkt, dass man es mit weitverzweigtem und bis ins kleinste Detail organisiertem Verbrechen zu tun hat.

    Der Kampf gegen ein Phantom ist von Rückschlägen und Ohnmacht geprägt, der Mann, der sich gegen die Maschinerie stellt, wird exzellent von Yves Montand dargestellt. Sicherlich darf von einer Leistung gesprochen werden, die man nicht alle Tage zu sehen bekommt, da eine auffällige Mischung von Ausstrahlung und Vehemenz im Krieg gegen subversive Mächte zusammenkommt. Bereits der Vorspann deutet die Ausnahmestellung des Franzosen im Film an, der logischerweise vor dem Titel genannt wird, damit alle anderen Darsteller in alphabetischer Reihenfolge abgespult werden können. Das soll nicht heißen, dass sich nicht auch hier besondere Leistungen ausfindig machen lassen würden, allerdings ist der Film vollkommen auf das Profil von Montand zugeschnitten worden. Was ist unter der unbequemen Grundvoraussetzung zu tun, wenn die Sicherheit von Zeugen und Kollegen längst nicht mehr gewährleistet werden kann? Angesichts dieser Tatsache geht ein stets präsentes Gespenst um, dass sich Tod und Mord nennt, und dessen Opfer - wie sollte es auch anders sein - schleunigst horizontale Gestalt mit Blei im Hirn annehmen werden. Im Sinne von Präzisionsleistungen darf in Henri Verneuils Beitrag definitiv umfassend - oder besser gesagt - global gedacht werden, denn die handwerkliche Qualität lässt in keinem Bereich irgend welche Wünsche offen. Mit den Beispielen Ausstattung, Schauplätze, Komparserie, Dialogarbeit oder Musik, erschließen sich höchste Qualitätsebenen und es wird ein Gesamtbild vermittelt, das runder nicht sein könnte. Als I wie I-Tüpfelchen darf man auf ein besonderes Finale und eine noch spektakulärere Auflösung dieses verzwickten Falles hoffen, aber der Verlauf garantiert über die gesamte Spiellänge ohnehin besondere Eindrücke. "I wie Ikarus" ist ein umwerfender Polit-Thriller mit spürbarer Brisanz, psychologischer Dichte und außergewöhnlicher Intensität geworden, bei dem der Zuschauer in der stark dezimierten Gruppe der Augenzeugen übrig bleiben wird. Erstklassig!

  • Playgirl (1966)Datum12.02.2018 12:31


    PLAYGIRL

    ● PLAYGIRL - BERLIN IST EINE SÜNDE WERT (D|1966)
    mit Eva Renzi, Harald Leipnitz, Paul Hubschmid, Elga Stass, Rudolf Schündler, Ira Hagen, Narziss Sokatscheff, Hans Joachim Ketzlin, Barbara Rath und Umberto Orsini
    als Gäste Don Antonio Espinosa, Georg und Elizabeth Wertenbaker, Dimitri und Helen Cosmadopolous, Ricci, Monika Scholl-Latour, Ellen Kessler, Susanne Korda, u.v.a.
    eine Produktion der Will Tremper Film GmbH | im Verleih der UFA International
    ein Film von Will Tremper





    Das Model Alexandra Borowski (Eva Renzi) ist es gewöhnt, dass ihr die Männer zu Füßen liegen und ihr die Zeit vertreiben, zudem benutzt sie ihre schnell wechselnden Bekanntschaften, sie beruflich weiterzubringen. Angekommen in Berlin, sucht sie den erfolgreichen Bauunternehmer Joachim Steigenwald (Paul Hubschmid) auf, den sie von einem Aufenthalt in Rom kennt, denn eine erneute Affäre mit ihm würde ihrer Ansicht nach Vorteile mit sich bringen. Um sie schnell abzuwimmeln, schickt er allerdings kurzerhand seinen Bürovorsteher Siegbert Lahner (Harald Leipnitz) vor, der sich Hals über Kopf in Alexandra verliebt. Für sie wird es jedoch weitere männliche Etappen in Berlin geben, so beispielsweise den Mode-Fotografen Timo (Umberto Orsini), mit dem sie in der Abwesenheit von Steigenwald zusammenarbeitet, doch im Endeffekt findet Alexandra nichts anderes als kurze Affären und ist sich nicht im Klaren darüber, wie sie ihre Gefühle ordnen soll, falls denn überhaupt welche vorhanden sind...

    Zitat von Will Tremper
    Eva Renzi war der absolute Star des Films Playgirl, und sie wusste das. Nie hat ein anderes Mädchen mit einem einzigen Film im Rücken eine so raketenartige Karriere gemacht - und sich selbst auch wieder ruiniert.


    Will Trempers vierter und gleichzeitig vorletzter Film sollte unter dem Namen "Playgirl", beziehungsweise unter dem Arbeitstitel "Berlin ist eine Sünde wert" in die deutsche Filmlandschaft eingehen. Er wurde am 16. November 1965 fertig gestellt. Seine über 50 Jahre sieht man diesem pulsierenden und vereinnahmenden Beitrag allerdings zu keiner Minute an. Interessant und gleichzeitig vollkommen logisch erscheint hierbei die Tatsache, dass die komplette Geschichte mit ihrem rasanten Verlauf um niemand anderen als Eva Renzi herumkonstruiert wurde. Tremper lernte sie dem Vernehmen nach bereits bei den Dreharbeiten zu "Die endlose Nacht" als Evelyn Renziehausen kennen. In seinem Buch "Die große Klappe" ist diesem Film ein ausführliches Kapitel gewidmet, das tief blicken lässt und viele interessante Hintergrundinformationen liefert, vor allem über den neuen Star der Produktion. Bereits der Einstieg in den Film offenbart sich wie eine kleine Liebeserklärung an die Stadt, die doch dem Titel nach eine Sünde wert sein sollte. Vor allem jedoch wird Eva Renzi in nahezu atemberaubenden Bildstrecken präsentiert. Wenn das Spektakel beendet ist, fragt man sich zu Recht, wie es dramaturgisch zu einigen offensichtlichen Qualitätsunterschieden kommen konnte, doch Will Tremper räumt in seinem Buch mit allen Spekulationen auf und nennt das Kind beim Namen. Es heißt wieder einmal und eigentlich immer wieder Eva Renzi. Die Aussagen des Regisseurs über seine Hauptdarstellerin gleichen einem strapaziösen Wechselbad der Ansichten. Einerseits spürt man die weitreichende Anerkennung bezüglich ihrer fulminanten Leistung, andererseits nimmt man aber auch ein nervenaufreibendes Tauziehen wahr, bei dem es sich nicht gerade so anhört, als habe es eine Verjährungsfrist gegeben. Wie dem auch sei, es bleibt ein Ergebnis, das eines der visuell schönsten und aussagekräftigsten Aushängeschilder des jungen deutschen Films geworden ist. Die Verbindung mit gesellschaftskritischen Aspekten geht, um ehrlich zu sein, nicht immer auf, da man empfundenermaßen eine unwillkürliche Oberflächlichkeit ausfindig macht. Diese entpuppt sich bei genauerem Hinsehen jedoch als ein nötiges Mosaiksteinchen, um der Handlung Tiefe zu verleihen.

    Eine Frau sucht ihr Glück in der Großstadt, die ihr bereits nach den ersten kleinen Schritten zu Füßen zu liegen scheint. Damit ist natürlich hauptsächlich die Männerwelt gemeint, die - wie es aussieht - nur auf die Lichtgestalt Alexandra Borowski gewartet hat. Das schöne Fotomodell hingegen begnügt sich jedoch nicht damit, dass man(n) an sie herantritt, sie nimmt sich das, was sie will, was ihr zusteht, was sie braucht. Was sich nach einem Spiel anhört, wird im Verlauf immer wieder Tendenzen bitteren Ernstes erhalten und es geht letztendlich darum, wer die besseren Karten haben wird. Betrachtet man Eva Renzi, so dürfte sie es sein, die stets die bessere Ausgangsposition inne haben wird und man kann nicht anders als feststellen, dass es herrlich ist, ihr bei ihrem episodenhaften Tanz durch Berlin zuzusehen. Der komplette Film schöpft seine Dynamik aus ihrem Spiel. Dabei ist es absolut erstaunlich und gleichzeitig erfrischend, diese Seltenheit miterleben zu dürfen. Eigentlich steht außer Frage, dass "Playgirl" ohne Eva Renzi niemals funktioniert hätte. Man kann sogar ein Stück weiter gehen und behaupten, dass das Gerüst in seine Bestandteile zusammengefallen wäre. Laut Will Tremper wusste es jeder, auch er selbst, aber vor allem wusste es seine Hauptdarstellerin, die durch diverse Kapriolen während des Drehs, davor und danach für Atemlosigkeit sorgte. Alexandra Borowski beschäftigt sich und den Zuschauer mit der unbestimmten Suche nach Wahrheit, die zwar durch die dazu gehörenden Bilder transparent gemacht wird, aber den Kern der Sache eigentlich nicht verraten möchte. Das Finale des Films schafft keine Abhilfe angesichts offener Fragen, der Regisseur widmet diesem sogar ein Kapitel in seinem Buch unter dem Titel "Der schlechte Schluss"; er benutzt Begriffe wie »scheißegal« und betrachtet das »Unternehmen Eva Renzi« sogar als gescheitert. Es ist überaus spannend und ernüchternd zugleich, eine Ahnung davon zu bekommen, was hinter den Kulissen abgelaufen sein muss und die Produktion bei all seiner Bildgewalt und Poesie plötzlich einen merklich faden Beigeschmack vermittelt. Eine gewisse Unschlüssigkeit bleibt dem Zuschauer somit gleichermaßen nicht erspart.

    Was die Schauspieler angeht, so bleibt zu sagen, dass sich bekannte und etablierte Stars aus TV und Kino hier lediglich im Licht einer zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten, aber nicht unbegabten Eva Renzi sonnen. Ganz erstaunlich ist die Tatsache, dass sie ein regelrechtes Diktat vorgibt und dadurch bei Anderen fokussiertere Leistungen abruft. Harald Leipnitz und Paul Hubschmid stoßen in diesem Becken aus Flexibilität und Kehrtwendungen hin und wieder an ihre Grenzen, da ihre Routine neben der aufkommenden darstellerischen Spontanität wie ein alter Hut wirkt. Man bekommt auf einem langen Weg schließlich empathische und regelrecht abgestimmte Leistungen geboten. Oftmals wirkt es so, als versuchten diese und schließlich alle Herren, aufkommende Unruhen glattzubügeln und eine nicht vorhandene oder zumindest gestörte Struktur wieder herzustellen, weil diese systematisch von der Hauptperson umgekehrt wird. Diese wirkt in ihrem Auftreten absolut unberechenbar, aber gleichzeitig unglaublich mitreißend. Das große Plus sind ohne jeden Zweifel die teilweise überwältigenden Schauplätze des Szenarios, die Alltägliches, Spektakuläres und Traumhaftes widerspiegeln und charakterisieren. Die vorhandene Ziellosigkeit des Films verkommt bei aller sicht- und hörbaren Information zur Nebensächlichkeit und man verlässt sich auf den außergewöhnlich guten Instinkt der Regie, welcher unterm Strich wie eine Offenbarung wirkt. Was zählt, ist also wieder einmal die Liebe, doch hartnäckige Antagonisten wie beispielsweise Oberflächlichkeit, Misstrauen oder Eifersucht stören dieses schwierige Unterfangen sogar in Berlin. Schlussendlich ist es recht verwirrend, dass man einem Film, der dramaturgisch sicherlich ausbaufähig gewesen wäre, einen derartig hohen Stellenwert einräumt. Der unbefangene Betrachter stellt jedoch fest, dass alle Wege zu der schönen, fordernden, lebendigen und energiegeladenen Eva Renzi führen, die einen einfach nicht unberührt lassen wird, auf welcher Ebene auch immer. "Playgirl" ist daher vermutlich eher ein Film für notorische Genießer und jene, die es schätzen, wenn ein Film seinem Publikum sein beinahe zeitloses Flair verführerisch um die Ohren haut. Trotz gewisser Ungereimtheiten einfach nur toll!

  • Eine Frau sucht Liebe (1969)Datum05.02.2018 17:36
    Foren-Beitrag von Prisma im Thema

    Super, ein paar zeitgenössische Kritiken. Danke, Giacco und Percy Lister, dass ihr euch die Mühe gemacht habt, sie abzutippen. Das macht die ganze Sache schon ein wenig runder und die Geschichte hört sich trotz der Verrisse, beziehungsweise Kritik nicht minder interessant an!


    Zitat von Evangelischer Presseverband München
    "Abzulehnen"

    Zitat von Handbuch der katholischen Filmkritik
    "Wir raten ab"


        Immer wieder gut! 

  • Eine Frau sucht Liebe (1969)Datum31.01.2018 20:41


    EINE FRAU SUCHT LIEBE

    ● EINE FRAU SUCHT LIEBE / A WOMAN NEEDS LOVING (D|GB|1969)
    mit Eva Renzi, Horst Janson, Barbara Rütting, Hans Schweikart, Katrin Schaake, Hans Clarin, Erna Sellmer, Paul Vasil,
    Bob Cunningham, Eva Ingeborg Scholz, Michael Münzer, Frithjof Vierock, Hugo Lindinger, Axel Scholtz, Jerry Mobutu
    eine Produktion der United Film Service GmbH | im Verleih der Rank-Cinerama
    ein Film von Robert Azderball




    Ein Liebespaar wird in einem Park von einem heftigen Sommerregen überrascht. George, der junge Mann, wird plötzlich von einem Blindenhund angefallen. Der Überfall löst bei Jane, seiner Freundin, einen Schock aus; sie kann sich nicht beruhigen. Jane glaubt, dass zu jener Zeit im Park etwas geschehen ist, was George verschuldet hat. Sie sieht Einzelheiten dieses Geschehens vor sich. Aber George will sich an nichts erinnern und tut Janes Vorwürfe als Einbildung ab. Nach einer durchwachten Nacht erscheint Jane am nächsten Morgen an ihrem Arbeitsplatz, einer antiquarischen Buchhandlung. Der Eigentümer des Ladens, Mr. Terkins, scheint eine eigenartige Kraft auf sie auszuüben. Als Jane sich aus Terkins' Bann zu befreien sucht, spielt dieser seinen ganzen Einfluss gegen Jane aus. Das steigert ihre Ratlosigkeit zur Hysterie. Hin- und hergesissen zwischen ihrer Zuneigung zu George, die durch das Erlebnis im Park stark belastet ist, und ihrem Bemühen, sich von Terkins zu lösen, geht mit Jane eine Veränderung vor, die George nicht verborgen bleibt. Jane, die in ihrem Freund den Mörder einer blinden Person und des Hundes sieht, scheint langsam in eine Welt zu versinken, in der sich Wirklichkeit und Vorstellung verbinden. Bei ihrer nächsten Verabredung bemüht sich George erneut ergebnislos um Jane. Als sie anschließend eine Party besuchen, beobachtet Jane unangenehm berührt, wie George ihre Arbeitskollegin Helen bei lesbischen Spielen überrascht. Eine Auseinandersetzung zwischen George und Helen beendet Jane, indem sie zum Aufbruch drängt. Auch ein Besuch des Oktoberfestes bringt Jane keine Zerstreuung. Im Gegenteil: die beiden geraten an eine Wahrsagerin, deren düstere Prophezeiungen Jane erneut in Angst und Schrecken versetzen. Sie flüchtet in ein Spiegelkabinett. Als George ihr dorthin folgt, wird er in eine Schlägerei verwickelt. Während sich Jane in Georges Wohnung um dessen Gesichtsverletzungen bemüht, scheinen die Depressionen mehr und mehr von ihr zu weichen. George hofft, dass sich Jane ihm in einer zärtlichen Situation offenbaren wird. Doch das Mädchen wird wieder von der quälenden Vision an das Geschehen im Park überwältigt. Sie setzt sich gegen George zur Wehr. Der missversteht ihr Verhalten und verliert jegliche Beherrschung.

    Am anderen Morgen spricht Jane mit Helen. Die gibt ihr den Rat, Terkins umzubringen. Danach will Jane auf Georges Wunsch einen Psychiater aufsuchen. Eine Verwechslung stürzt Jane in neue Verwirrung. An ihrem Verstand zweifelnd, zwischen ihrer Zuneigung zu George und ihrer Abhängigkeit gegenüber Terkins schwankend, wandert sie ziellos durch sie Straßen und alarmiert schließlich in ihrer Verzweiflung die Polizei. Die Vernehmung und das anzügliche Verhalten des Polizisten verschlimmern ihren Zustand nur. Der Polizeibeamte bezweifelt Janes Aussagen. Ergeben lässt sie sich von ihm in einem Streifenwagen in die Buchhandlung fahren. Ihr Auftauchen in Polizeibegleitung führt zu neuen Verwicklungen. Der verdächtig nervöse Terkins hat eine handgreifliche Auseinandersetzung mit Jane und lässt seine angestaute Wut und sein schlechtes Gewissen auch an Helen aus, die er zwischen den Bücherregalen mit einer Freundin antrifft. Als dann auch noch George auftaucht, in dem Terkins sofort den Rivalen erkennt, zwingt er diesen, Jane in einer zweideutigen Situation zu sehen. George und Jane treffen sich nach diesem Vorfall zu einer - wie es scheint - letzten Aussprache. Jane spricht zum ersten Mal offen über ihre Konflikte, auch über ihre Beziehungen zu Terkins. Dann versucht sie, George eindringlich an ihr gemeinsames Erlebnis im Park zu erinnern. George will ihr diese, wie er meint, Halluzination ein für allemal überzeugend austreiben. Er führt sie deshalb an den Ort des vermeintlichen Geschehens. Doch in dem Park wiederholen sich die Ereignisse bis in alle Einzelheiten wieder - wie zu Anfang des Films - und sie setzen sich noch fort. Am Ende scheint Jane von ihren Traumvorstellungen befreit... Oder kann es doch Wirklichkeit gewesen sein?


    Mit dieser Zusammenfassung beschreibt die "Illustrierte Film-Bühne" Robert Azderballs Erstlingswerk "Eine Frau sucht Liebe", das am 31. Januar 1969 in den bundesdeutschen Kinos mit einer Altersfreigabe ab 18 Jahren anlief. Hierbei handelt es sich um den ersten und einzigen Film des polnischen Autors und Regisseurs, über den sich nur wenige Informationen finden lassen. Über Robert Azderball lässt sich ebenso wenig sagen, außer, dass er beispielsweise Regie-Assistent bei Ugo Liberatores "Das Geschlecht der Engel", oder laut Mario Adorf zunächst als Drehbuchautor bei dem Film "Mensch und Bestie" beteiligt war. Der von Charlie Steinberger fotografierte Farbfilm in Eastman Color ist leider vollkommen in der Versenkung verschwunden, was sehr schade ist, denn dem Kinoaushang und Bildmaterial zufolge bietet er immerhin recht eigenwillige Schauwerte. Die Geschichte klingt alles andere als uninteressant und wirkt wie ein Konglomerat aus etlichen Populärthemen dieser Zeit, außerdem liest sich die Besetzungsliste für Freunde des deutschen Films sehr vielversprechend.

    Wenn Azderball Eva Renzi (und sie sich darüber hinaus selbst) hier nur annähernd so bestimmend inszeniert hat, wie es in vorhergegangenen Filmen dieser Zeit mit der Fall war, darf man sich sicher auf ein besonderes Spektakel gefasst machen. Das Abarbeiten von Eva Renzis Filmografie hat sich über all die Jahre als eine Art Entdeckungsreise erwiesen, die ganz besondere Überraschungen und schöne Filmmomente hervorbringen konnte. Aufgrund ihrer wenigen Spielfilme und der spärlich vorhandenen Einsätze generell, handelt es sich bei "Eine Frau sucht Liebe" um das letzte fehlende Puzzlestück einer Karriere, das mir persönlich noch unbekannt ist, von wenigen Arbeiten fürs TV mal abgesehen. Auf die Frage, warum der Film in Vergessenheit geraten und vollkommen unbekannt ist, kann es naturgemäß viele Antworten geben. Alles in allem bleibt "Eine Frau sucht Liebe" jedenfalls einer der begehrtesten Beiträge der eigenen Filmwelt und die letzte mir noch unbekannte Hauptrolle von Eva Renzi in einem Kinofilm, der quasi das fehlende Element darstellt, um ihre Karriere ganzheitlich betrachteten zu können. Falls es so ist, dass jemand irgend welche Informationen zu Robert Azderballs Beitrag haben sollte, wäre es sehr erfreulich, etwas mehr darüber zu erfahren...

  • Finale in Berlin (1966)Datum29.01.2018 11:48


    FINALE IN BERLIN

    ● FUNERAL IN BERLIN / FINALE IN BERLIN (GB|US|CH|1966)
    mit Michael Caine, Eva Renzi, Paul Hubschmid, Oskar Homolka, Guy Doleman, Heinz Schubert, Wolfgang Völz,
    Thomas Holtzmann, Günter Meisner, Herbert Fux, Rainer Brandt, Ursula Heyer, Ira Hagen, John Abineri, u.a.
    eine Produktion der Lowndes Productions Limited | Paramount Pictures | Jovera | im Paramount Filmverleih
    ein Film von Guy Hamilton




    »Der Kommunismus war meine Jugendliebe«


    Harry Palmer (Michael Caine), ehemaliger Unteroffizier der Armee, wird vor ein Ultimatum gestellt. Entweder erklärt er sich bereit, als Spion in den Dienst ihrer Majestät zu treten, oder er würde für längere Zeit ins Gefängnis gehen müssen. Ohne eine richtige Wahl zu haben, lässt er sich in das geteilte Berlin abstellen, um dort seinen geheimen Auftrag zu erledigen. Der russische Geheimdienstoberst Stok (Oskar Homolka) hegt Pläne, die Fronten endgültig zu wechseln, und Palmer soll sein Überlaufen mittels einer vorgetäuschten Beerdigung sicher arrangieren. Sein alter Geheimdienst-Kollege Johnny Vulkan (Paul Hubschmid) organisiert die Operation und ein Treffen mit Oberst Stok, außerdem lernt Palmer unter anderem die geheimnisvolle Samantha Steel (Eva Renzi) kennen, die seinen Auftrag kreuzt. Die gesamte Angelegenheit scheint jedoch nicht so einfach vonstatten zu gehen wie gedacht, und es stellt sich die Frage, wen der Agent des britischen Geheimdienstes tatsächlich als Gegenspieler hat...

    Guy Hamiltons "Finale in Berlin" bildet neben "Ipcress – streng geheim" von 1965 und "Das Milliarden-Dollar-Gehirn" von 1967 den zweiten Teil der Trilogie rund um den britischen Agenten Harry Palmer, der jeweils von Michael Caine dargestellt wird. Gedacht als realistischere Alternative zur erfolgreich laufenden James-Bond-Reihe, bekommt man Spionage-Thriller der edleren Sorte geboten, und "Finale in Berlin" präsentiert sich in vielerlei Hinsicht auf sehr hohem Niveau. Zunächst lässt sich einmal feststellen, dass bemerkenswert viel Lokalkolorit geboten wird. In diesem Zusammenhang geht somit eine sehr bildgewaltige, sowie originelle Präsentation des Kamera-Spezialisten Otto Heller einher, die auch lange nach dem Anschauen noch in Erinnerung bleiben wird. Die Geschichte verfolgt eine eher ruhige Strategie und punktet durch einen sehr gut strukturierten, hin und wieder intelligenten Aufbau, der weniger reißerische Tendenzen zutage bringt, die man in einem solchen Beitrag vielleicht erwarten würde. Der unaufdringliche Verlauf, die symmetrischen Bilder, auffällig stichhaltige darstellerische Leistungen und der trockene britische Humor ergeben ein rundes Gesamtbild, sodass es für den Zuschauer ein Leichtes ist, sich darauf einzulassen. Permanent werden bekannte Locations in West-Berlin gezeigt, die zusammen mir der noch recht jungen Berliner Mauer zu Dreh- und Angelpunkten für die Operationen der verschiedenen Geheimdienste werden, die mit ihren sehr unterschiedlichen Strategien und Handlangern für das lückenlose Zusammenführen dieses Puzzle-Spiels sorgen werden. Zu jedem Zeitpunkt ist erkennbar, dass die Regie einen sehr hohen Anspruch an diesen Film gestellt hat, damit es bei dieser beinahe ausschließlichen Konzentration darauf immer wieder zu kürzeren Phasen des eigenen Ausbremsens kommt. Steigerungen des Tempos sorgen für Aufmerksamkeit, die Action-Anteile hingegen bleiben eher gewollt rar gesät.

    Im schauspielerischen Bereich ist ein interessant zusammengestelltes Aufgebot an internationalen Stars zu begutachten, sowie bekannten deutschen Interpreten. Der Brite Michael Caine prägt das Geschehen wie kein zweiter und stattet seine Rolle mit kühler Eleganz aus. Häufig fällt Palmer durch seine trockenen Kommentare auf und man begleitet letztlich einen Analytiker, der dem Empfinden nach nie den Überblick über die Situation verliert. Auch in prekären Phasen des Verlaufs geht eine spürbare Überlegenheit von seiner Person aus und Caine stattet seine Aktionen insgesamt mit einem guten Schliff aus. Anstelle der ursprünglich eingeplanten amerikanischen Schauspielerin Anjanette Comer, die hier allerdings krankheitsbedingt passen musste, oder wie auch zu hören ist, ausbezahlt wurde, sieht man Eva Renzi erstmalig auf internationalem Parkett, in ihrem erst zweiten Spielfilm. Als Samantha Steel wird sie zunächst als Blickfang integriert, bevor sie langsam aber sicher die Hüllen - im Sinne ihrer eigentlichen Identität - fallen lässt, womit der Verlauf aber nicht lange hinterm Berg hält. Oskar Homolka skizziert das hohe Tier des russischen Geheimdienstes überaus präzise, genau wie es bei Paul Hubschmid der Fall ist. Die Hauptpersonen schüren insgesamt etliche Zweifel, die für eine ordentliche Grundspannung und eine hohe Aufmerksamkeit sorgen. Abrundend füllen deutsche Stars wie Wolfgang Völz, Heinz Schubert oder Herbert Fux den Verlauf sehr ansprechend aus, sodass man von einem globalen Besetzungs-Coup sprechen darf. Trotz der Hochwertigkeit in nahezu allen Bereichen bleibt das unbestimmte Gefühl zurück, dass dem Film eine irgend eine wichtige Komponente zu fehlen scheint, wenngleich man das Kind nur schwer beim Namen nennen kann. Sind es die Vergleiche zu anderen, wesentlich reißerischer angelegten Produktionen, oder hätte man sich insgesamt doch ein bisschen mehr Spektakel gewünscht? Diese Frage bleibt auch nach mehrmaligem Anschauen weitgehend offen, fällt aber keineswegs schwer ins Gewicht. "Finale in Berlin" bleibt unterm Strich ein gut durchdachter und anspruchsvoller Vertreter seiner Gattung, der vor allem im visuellen Bereich beachtliche Ausrufezeichen setzen kann.

  • Foren-Beitrag von Prisma im Thema

    Zitat von Gubanov im Beitrag #58
    Nach jahrelangen Rechteproblemen mit der TKKG-TV-Serie des ZDF kommt sie nun endlich von Pidax-Film auf DVD:

    Das nenne ich mal eine tolle Nachricht! Auf die Serie warte ich schon ewig und bin sehr gespannt darauf, weil ich mich an kaum noch etwas erinnern kann. Ich weiß nur noch, dass ich sie als Kind unheimlich gerne gesehen habe. Super!

  • Die Zeit der Kirschen ist vorbei (1967)Datum26.01.2018 19:04
    Foren-Beitrag von Prisma im Thema

    Vielen Dank für diesen schönen Beitrag und die damit verbundenen Eindrücke, Percy Lister!

    Über den deutschen Titel des Films habe ich mir auch schon häufiger Gedanken gemacht und es gibt wohl mehrere Möglichkeiten, ihn zu deuten. Ich bin mir nach wie vor nicht ganz sicher, ob ich den Titel für durch und durch gelungen halte, oder nicht, denn ganz direkt unterstreicht er den Verlauf kaum, oder führt sogar ein wenig auf eine falsche Fährte. Jedenfalls hatte ich damals etwas vollkommen Anderes erwartet. Andererseits geht aber ein bisschen Geheimnis von ihm aus und er wirkt daher anziehend und vielversprechend. Auf meinem Satz Aushangfotos ist der jeweilige Titel übrigens nur mit der Beschriftung "Die Zeit der Kirschen ist vorbei" überklebt worden. Ursprünglich aufgedruckt ist der ziemlich nichtssagende Titel "Das Fotogirl von St. Tropez". Insofern rechnet sich die Alternative schon einmal deutlich.

  • Die Zeit der Kirschen ist vorbei (1967)Datum21.01.2018 13:47


    DIE ZEIT DER KIRSCHEN IST VORBEI

    ● LE GRAND DADAIS / DIE ZEIT DER KIRSCHEN IST VORBEI (F|D|1967)
    mit Eva Renzi, Jacques Perrin, Danièle Gaubert, Yvonne Clech, Yves Renier, André Falcon, Max Vialle, Pierre Gatineau, Heinz Spitzner und Harald Leipnitz
    eine Produktion der C.I.C.C. | Les Films de la Licorne | Rialto Film Preben Philipsen | im Constantin Filmverleih
    ein Film von Pierre Granier-Deferre




    »Wenn man lieben will, dann muss man dafür leiden können!«


    Der 20-jährige Alain (Jacques Perrin) hat genug von seinem bisherigen Leben. Da er noch gemeinsam mit seiner Mutter (Yvonne Clech) lebt, die ihn bevormundet und stets weiß, was am besten für ihn ist, außerdem permanent von seiner Freundin Emmanuelle (Danièle Gaubert) abgewiesen wird, möchte er hinaus aus seinem bürgerlichen Käfig und alles scheint sich zu ändern, als er das deutsche Fotomodell Patricia (Eva Renzi) kennenlernt. Sie zeigt ihm ganz selbstverständlich, wie das Leben sein kann und offensichtlich ist es mit ihr genauso, wie er es sich vorgestellt hat. Alain verliebt sich in die schöne Frau, doch schnell beginnt das Dasein auf der Überholspur mehrere Hürden aufzuweisen. Um Patricia etwas bieten zu können, erpresst er einen ihrer temporär abgelegten Liebhaber, den reichen Makler Poloni (Harald Leipnitz). Noch ahnt Alain nicht, dass dies nur der Anfang einer Reihe von Fehlentscheidungen sein wird, die ihn geradezu in eine Katastrophe manövrieren...

    Ja, es gibt sie. Filme, von denen man quasi wusste, dass man immer nur auf sie gewartet hat. Pierre Granier-Deferres "Die Zeit der Kirschen ist vorbei" ist ein solches Exemplar, das alle erdenklichen Komponenten vereint, die nach persönlichem Ermessen essentiell für die größten Film-Momente sind. Seinerzeit wurde diese Produktion mit dem Prädikat »wertvoll« ausgezeichnet und entstanden ist eine der vielen einfachen Geschichten, die möglicherweise nur unter französischer Flagge fabriziert werden konnten. Interessant ist die Tatsache, dass die Berliner Rialto Film an dieser Gemeinschaftsproduktion beteiligt war, agierte sie doch auch zu dieser Zeit noch immer, beziehungsweise vor allem am Edgar-Wallace-Fließband. Für deutsche, oder zumindest deutsch-beteiligte Verhältnisse, des Weiteren für diejenigen der Produktionsfirma, ist definitiv ein Beitrag entstanden, der strukturell und inszenatorisch einen hoch qualifizierten Eindruck macht. Außerdem dokumentiert er, dass solche Ausreißer möglich waren, und dass man für den heimischen Markt möglicherweise zu eintönig inszenierte. Aus diesem Grund schwingt auch heute noch eine zeitlose Eleganz und anhaltende Gültigkeit mit, die das Anschauen zu einem puren Erlebnis werden lässt. Das Thema, das offensichtlich unvergänglich ist, stellt einmal mehr die Liebe dar. So fachmännisch seziert, dass das Warten auf die befürchtete Kettenreaktion oft kaum auszuhalten ist. So immer wiederkehrend, dass man es schon fast nicht mehr hören will, aber dennoch so berauschend, dass man einfach nicht anders kann, den beteiligten Personen mit einer besonderen Faszination zu begegnen. Granier-Deferre gestaltete nach Motiven von Bertrand Poirot Delpech, dessen Buch "Der große Tunichtgut" - das hier als Vorlage diente - bereits 1958 veröffentlicht wurde. Die Regie inszeniert in der damaligen Gegenwart, sozusagen mit einem gestochen scharfen Blick zurück nach vorn, und wie gesagt ist dieser Beitrag auch heute noch voller Vitalität und lebensnaher Dramatik.

    Das alles geschieht, ohne zu sentimentale Anwandlungen zu transportieren. Höchstens kann man angesichts gewisser Schlüsselmomente sagen, dass es zu ehrlich, vielleicht sogar zu pragmatisch zugeht. Aber das Thema Liebe war in unzähligen Filmen alles, von Elixier bis Randerscheinung, und bildet hier den anfänglichen Treibstoff, später dann den Zündstoff für die komplette Angelegenheit. Doch bevor auch nur eine Ahnung davon vermittelt wird, wohin Pierre Granier-Deferre den Zuseher führen will, liefert er gleich von der ersten Sekunde an auffällige Kontraste. Die Kamera schwenkt über eine malerische Landschaft, untermalt mit der Titelmelodie des französischen Chansonniers Sacha Distel. Zu "Ces mots stupides" tastet die Kamera jede Einzelheit eines brennenden Sportwagens ab, sodass diese ungewöhnliche Kombination gleich einen wegweisenden Charakter annehmen wird. Vergänglichkeit und Zerstörungswut stehen als vage Skizzen im Raum, der schwarze Rauch erzählt das Ende einer vermutlich tragischen Geschichte, bis man sich unmittelbar danach in einem kühlen, sterilen Gerichtssaal wiederfindet, in dem sich der junge Protagonist dieses Szenarios auf der Anklagebank zu verantworten hat. Die Verhöre und die Anschuldigungen nehmen unbehagliche Formen an, vor allem die zynischen Untertöne der Staatsanwaltschaft irritieren nachhaltig. »Die heutige Jugend hat alles, was sie sich wünscht, und deshalb leidet sie«, ist nur eine der Spitzen, die in Richtung Alain abgefeuert werden, der merklich Probleme hat, sich mental zusammenzunehmen. Seine fahrigen Antworten dokumentieren, dass er die Lage, in der er sich nun befindet, noch gar nicht so recht begriffen zu haben scheint. Die Regie setzt auf Intervalle, die aus der gegenwärtigen Situation und ausgiebigen Rückblenden bestehen, die das Puzzle zusammenfügen werden. Dabei gelingt es vorbildlich, die Spannung und das fehlende Fragment bis zur letzten Sekunde vorzuenthalten, sodass man sich auf einen hoch interessanten Aufbau freuen darf.

    Französisches Flair entfaltet sich, oder vielleicht ist der Kern der Sache besser getroffen, es als Lebensgefühl und dazu gehörige Einstellungen zu bezeichnen. Das Hauptaugenmerk wird auf die heutige (also damalige) Jugend gelegt, jedoch nicht ohne einen zusätzlich kritischen Blick auf die Vorgänger-Generation zu werfen. Weswegen alles so ist, wie es ist, wird nicht geklärt, beziehungsweise nicht tiefenpsychologisch aufgeschlüsselt. Der Zuschauer erhält daher genügend Raum, um sich mit seinen eigenen Gedanken zu beschäftigen und dem hier angebotenen Thema, der - wie man so schön sagt - eigentlich schönsten Sache der Welt. Ein Exkurs für die Liebe also? Ja, in diesem Fall darf es tatsächlich nicht anders sein. Zunächst kann einmal betont werden, wie unheimlich zielsicher Granier-Deferre einen Transfer für den Interessenten herstellt, der sich in vielen Situationen wiederfinden wird, ohne dabei die Präzision zur Hilfe nehmen zu müssen. Es geschieht en passant, gleicht quasi vergessenen Bildern, Bruchstücken, die plötzlich wieder lebhaft an einem vorbeirauschen. Wo also findet man sich selbst? Beispielsweise in Situationen des Glücks, der Impulsivität, des Zweifelns und der Suche. Man erinnert sich möglicherweise wie aus dem Nichts an Dinge, die man vielleicht besser nie gesagt oder getan hätte, oder solche, die man leider verschwiegen hat. Es ist eigentlich kaum, oder nur schwer zu beschreiben, was in "Die Zeit der Kirschen ist vorbei" im filmübergreifenden Sinn geschieht. Gerade deswegen ist es beinahe nicht möglich, unberührt zurückzubleiben. Sicherlich bietet der Verlauf überdies einige andere Komponenten, die einen letztlich ansprechen werden, doch unterm Strich bleibt das große Drama rund um diese drei Worte, die vielleicht gerade im Film sinnbildlich für Überdruss und Verlogenheit stehen. Aufgrund der so simpel herausgearbeiteten Berührungspunkte, geschieht dies hier glücklicherweise nicht. »Wenn man lieben will, dann muss man dafür leiden können!« - die Protagonisten der Geschichte liefern in dieser Beziehung eine Expertise ab.

    In diesem Zusammenhang ist natürlich die strahlende Schönheit und die unverwechselbare Ausstrahlung einer Eva Renzi zu nennen, die in jeder erdenklichen Hinsicht instrumentalisiert wird. Eine notwendige Grundvoraussetzung für das Funktionieren dieser intelligenten Konstruktion. Erneut sieht man die Berlinerin nicht nur in ihrem Element, sondern vor allem als personifizierten Prototypen der Frau. Sie vereint und stellt gleichzeitig alles dar, was das Thema Vereinnahmung herzugeben weiß. Im Grunde genommen wird man euphorischer Zeuge einer Neuauflage ihrer Rolle aus dem ein Jahr zuvor entstandenen Film "Playgirl", da es etliche Parallelen gibt. Erstaunlicherweise darf aber auch gesagt werden, dass sie ihre eigene Leistung aus diesem ultimativen Renzi-Film nicht nur aufsehenerregend verfeinert, sondern ihn darüber hinaus spektakulär in die Tasche steckt. Zum ersten Aufeinandertreffen mit dem Fotomodell Pat kommt es in einer gut besuchten Diskothek. Sie tanzt auf der Spitze des Vulkans, für dessen Eruption sie verantwortlich scheint, ist in tiefrotes Licht getaucht, was die ohnehin attraktive Frau nur noch mehr zum Epizentrum der Versuchung werden lässt. Die Augen des männlichen Protagonisten Alain verschmelzen in dieser Strecke von verführerischen Bildern mit denen eines jeden Zuschauers. Wie gebannt schaut man auf dieses makellose Geschöpf, für das man sofort gerne 100 neue Komplimente erfinden möchte. Um sie herum entsteht eine Weite, da sie alles andere zur Nebensächlichkeit abqualifiziert. Ganz resolut und natürlich. Pat ist sich ihrer Wirkung bewusst, denn sie ist die Blicke, die Anfragen und das kleine Rampenlicht gewöhnt. Ein immerwährendes Spiel verlangt seine hohen Einsätze, denn trotz empfundener Leichtfertigkeit und einer so auffallend unkomplizierten Attitüde, scheint der Gewinn prinzipiell in weiter Ferne zu sein. Zumindest für die meisten, da eine solche Frau das Selbstbewusstsein und Urteilsvermögen eines jeden Mannes naturgemäß erschüttern kann. Was bleibt, ist eine Performance, die zu Superlativen animiert.

    Die interessante Frage stellt sich unmittelbar im Anschluss dieser Show, nämlich wie es Alain überhaupt schaffen kann, in ihren Radius zu gelangen. Überraschenderweise funktioniert es - wer hätte das gedacht - ganz einfach. Germain, ein guter Freund von Alain, fragt ganz direkt bei ihr an, ob Interesse besteht. Ohne Zwänge und konventionelle Barrikaden lässt sich der mittlerweile vom Tanzen erschöpfte Star des Clubs von ihm nach Hause chauffieren, und im Wagen kommt es zu schnellen Charakterisierungen der beiden Hauptpersonen. Patricia entschärft die sprachlichen Klippen und unterschwelligen Zwänge mit ungenierter Direktheit, Alain hingegen imponiert aufgrund seiner Unsicherheit, die er zu übertünchen versucht, deswegen ziemlich redselig wird. Ist das Fundament für eine Kettenreaktion also hiermit bereits gelegt worden? Der frühe Verlauf schmückt sich mit trügerischer Diskretion und behält eine nun abweichende, reibungslose Strategie im Auge, zumindest bis die drei berüchtigtsten Worte der Welt endlich gefallen sind. Alain hat sich klassisch blenden, vielleicht sogar erlegen lassen, vergisst alles und jeden um sich herum, auch seine hübsche Freundin Emmanuelle. Für diese Rolle taucht ein weiteres der schönsten Gesichter des französischen Kinos auf, nämlich jenes der begehrenswert wirkenden Danièle Gaubert. Im Gegensatz zum neuen Objekt der Begierde, steht sie für verkappte Moralvorstellungen und fühlt sich in der Defensive wohl, möchte darüber hinaus die Einzige für ihn sein. In einer Szene vergleicht der junge Mann sie mit seiner eigenen Mutter, übrigens ausgezeichnet dargestellt von der bekannten französischen Interpretin Yvonne Clech, die ihn bevormundet, dabei immer noch gerne wie ein Kind behandelt, wahlweise sogar wie ihren längst verstorbenen Ehemann. In vielen solcher Einzelheiten begründet sich Alains Angriffslust, oppositionelles Verhalten, aber auch die Resignation, und er selbst bringt sein korsettartiges Dilemma vielleicht sehr treffend mit folgendem Satz auf den Punkt: »Gutherzigkeit macht einen verrückt!«

    Man kann eben doch nicht heraus aus seiner Haut und ist viel mehr von Zwängen abhängig, als einem lieb ist. Und genau dies spiegelt sich auch in der Beziehung zwischen Patricia und Alain wider. Doch zuvor sorgt der Regisseur für viele herrliche Momente der Zweisamkeit, die häufig mit der Titelmelodie von Sacha Distel unterlegt sind, sodass nicht nur ein beneidenswertes Flair, sondern sogar Edel-Romantik der sowohl klassischen, aber auch progressiven Sorte aufkommen will. Allerdings ist diese nur dazu gemacht, um wenig später in Stücke zu zerfallen, denn die Konstellation scheitert am gegenseitigen Widerstand und vor allem an einem unterschiedlichen Weltbild. Die offensichtliche Leichtfertigkeit und Oberflächlichkeit kann keine sinnvolle Allianz mit der Ernsthaftigkeit eingehen, und das Konstrukt lebt nur von temporären Impulsen. Wie weit der männliche Protagonist getrieben wurde, wird von der Tatsache dokumentiert, dass er sich vor Gericht befindet, denn es steht ein nicht benannter Toter oder möglicherweise eine Tote im Raum. Die Regie hält diese Spannung bis zum letzten Moment des Verlaufs aufrecht und bedient sich eines sehr originellen Ausschlussverfahrens, denn die potentiellen Opfer treten hintereinander als Zeugen im Gerichtssaal auf. Wer bleibt also übrig, fragt man sich, oder gibt es eine komplett andere Wendung? Das Bemerkenswerte an "Die Zeit der Kirschen ist vorbei" ist der geradlinige und vollkommen klare Aufbau. Ohne Hektik oder zeitgenössisches Spektakel steuern die Hauptpersonen auf eine Katastrophe zu, bei der jeder von ihnen selbst Regie geführt hat. Obwohl Hintergründe sehr gut durchleuchtet und viele Details dokumentiert werden, kommt man als Zuschauer nicht umhin, gegenzudenken und über die rhetorische Frage zu philosophieren, ob das alles hätte sein müssen, wenn das Glück doch in greifbarer Nähe gelegen hat. Aber ganz im Stil großer französischer Beiträge, sind es vor allem Emotionen und Temperament, die den Verlauf diktieren, daher auch unmissverständlich prägen.

    Die Darsteller leisten hierbei eine hervorragende Arbeit und vor allem die Hauptrollen von Jacques Perrin und Eva Renzi steuern, wie bereits erwähnt, den Löwenanteil dazu bei, dass es zu einer so bemerkenswerten Atmosphäre kommt. Als Film mit deutscher Beteiligung sind außer Heinz Spitzner und Harald Leipnitz keine weiteren Landsmänner im Szenario zu finden. Auch der Stab hinter den Kulissen wird so gut wie ausschließlich von französischer Seite dominiert, lediglich Horst Wendlandts Rialto-Film steht als Partner zu Buche. Interessant ist die Fußnote, dass Harald Leipnitz - hier genau wie Eva Renzi auch - eine ähnliche Rolle wie in "Playgirl" zum Besten gibt. Auch Heinz Spitzner interpretiert einen beinahe identischen Auftritt wie in dem Edgar-Wallace-Film "Die blaue Hand", der kurz zuvor im gleichen Produktionsjahr entstanden ist. Insgesamt werden im Rahmen männlich-weiblicher Konstellationen noch weitgehend klassische Rollenverteilungen gezeichnet, lediglich Patricia weicht diese bestehenden Gesetze offensiv auf. Alain versucht diesen Zwängen verzweifelt zu entkommen, manövriert sich jedoch gegen seinen Willen immer mehr in diese für ihn unerträglichen Strukturen hinein, weil sie trotz aller Abscheu Sicherheit geben und im Grunde genommen auch seiner Einstellung entsprechen. Offensive - Defensive, Risiko - Verstand, Glück - Schicksal; ein breites Spektrum der Gegensätzlichkeiten wird in Pierre Granier-Deferres atemberaubenden Liebes-Drama unter Berücksichtigung aller Gesetzmäßigkeiten glaubhaft vor- und dargestellt. Wenn die Luft brennt, die Konstellationen in Stücke zerfallen, wenn alles so zum greifen nah erscheint dass tatsächlich Emotionen beim Zuschauer fabriziert werden können, dann kann man nur zu einem Ergebnis kommen, nämlich dass es sich um einen Beitrag handelt, der leider zu Unrecht nicht den Bekanntheitsgrad genießt und den Respekt bekommt, den er verdient. Als Fazit wird aufgezeigt, dass das höchste Gefühle einfach einmal wieder nicht genug gewesen ist und von der Regie als immer wiederkehrende Parabel auf den Punkt gebracht wird. Nach persönlichem Ermessen handelt es sich bei diesem Film um die beeindruckendste Entdeckung der letzten zehn Jahre. Mindestens!

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