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Dieses Thema hat 153 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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patrick Offline




Beiträge: 3.245

19.01.2020 11:46
#91 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #90

Die Spur der sich absetzenden wollenden Verbrecher führt zu einem Zirkus, wo man neben Pygmäen (!) auch „die dickste Frau der Welt“ (oder so ähnlich) besichtigen kann. Da fallen mir auf Anhieb ein paar Kolleginnen ein, die die Dame mühelos vom Thron stoßen könnten… (Ist böse, ich weiß… Zeigt aber, wie sich gewisse Relationen im Laufe der Zeiten verschieben.).





Ich kann mir nicht verkneifen zu bemerken, dass mir dieser Humor gefällt.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 649

19.01.2020 13:12
#92 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Zitat von patrick im Beitrag #91
ch kann mir nicht verkneifen zu bemerken, dass mir dieser Humor gefällt.badlaugh]


Das hatte ich auch nicht anders erwartet !

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

21.01.2020 21:58
#93 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Zitat von patrick im Beitrag #89
Selbstverständlich handelt es sich dabei um eine Phantasiespinne, da es Achtbeiner in dieser Größe mit einem entsprechend starken halluzinogenen Nervengift natürlich gar nicht gibt.

Eine wunderbare Parallele zu "The Speckled Band", weil es die darin vorkommende Schlange - die Pfeifen hörende, Milch trinkende indische Sumpfotter - ebenfalls nicht gibt.
Zitat von patrick im Beitrag #89
Etwas unbefriedigend ist das Finale, wo der an eine Hitler-Schießbudenfigur angebundene Holmes nicht weniger als drei Mal durch einen sehr konstruierten Zufall dem sicheren Tod entgeht.

Gerade das habe ich immer als Vorteil im doppelten Sinne wahrgenommen: Einerseits wird bei der Spannung, die in dieser Szene erzeugt wird, nicht zu Unrecht oft die Parallele zu Hitchcock gezogen, weil sie aus einem Wissensvorsprung der Zuschauer gegenüber den Figuren (Watson / Lestrade) resultiert. Andererseits gelingt es der Szene durch das lediglich zufällige Überleben von Holmes erneut, Watson als "nicht den Cleversten" darzustellen, ohne dass dies in einer despektierlichen Weise geschieht. Prinzipiell ist es schließlich wichtig, immer wieder auf die kognitiven Unterschiede zwischen Holmes und seinem Freund hinzuweisen, um den Status des Meisterdetektivs zu rechtfertigen.
Zitat von patrick im Beitrag #89
Der zwergwüchsige Eingeborene wurde leider völlig verschenkt.

Davon war ich bei dieser Sichtung auch ein wenig enttäuscht. Wie man auch aus den verschiedenen "Zeichen der Vier"-Verfilmungen weiß, ist die Darstellung eines Pygmäen immer schwierig (eine gewisse Parallele zum "Hund" ). Es ist insgesamt wohl den damaligen Zensurbestimmungen zuzuschreiben, dass Millhauser den taubstummen Jungen Larry nur als falsche Fährte und nicht als tatsächlichen Helfershelfer präsentieren durfte und daher den zweiten, nicht völlig überzeugenden Weg mit dem Pygmäen gehen musste. Da ist es (ähnlich wie in "Verhängnisvolle Reise") nun schon zum zweiten Mal der Fall, dass die Kürzung des Films durch die DDR-Synchro einen tatsächlichen Schwachpunkt tilgt.
Zitat von patrick im Beitrag #89
Der Holmes des 20.Jahrhunderts wird ab diesem Film seinem klassischen Erscheinungsbild wieder einen Schritt näher gebracht, indem sein Tweed-Mantel mit einem dazu passenden Hut kombiniert wird, der seinen bisherigen Fedora ersetzt und dabei nicht aus dem Rahmen fällt, wie es beim Deerstalker zweifellos der Fall gewesen wäre.

Ich finde auch: eine sehr gute Entscheidung! Gerade dieses ab "Spinnennest" getragene Outfit wurde für Rathbones Holmes zum iconic image und steht ihm mindestens genauso gut wie Deerstalker oder Top Hat, die in den 1940ern natürlich keine Option mehr gewesen wären.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #90
Letztere verkommen in ihre Gegenwart zu einer Herde von Statisten, selbst ihr „zweiter Mann“, Mr. Locke, der möglicherweise auch mehr ist, wirkt neben ihr recht farblos.

Abgesehen davon, dass ich Vernon Downing hier prägnanter finde als in "Gespenster im Schloss", ist der Grundaussage natürlich voll zuzustimmen. Adrea ist eine dominante Persönlichkeit und in ihrer Beziehung zu Norman Locke, der als ihr "Bruder" dargestellt wird (eine Anspielung auf Stapleton und seine "Schwester"?), spiegelt sich gewissermaßen das Chef-Assistent-Verhältnis von Holmes und Watson.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #90
... aus der Geschichte Ein Skandal in Böhmen (welche meiner Ansicht nach maßlos überschätzt wird)

Diese Meinung teile ich. Die Geschichte ist vom inhaltlich-kriminalistischen Standpunkt her schwachbrüstig und hat ihren Kultstatus eigentlich nur durch die Tatsache, dass Holmes' Gegnerin eine Frau ist, also aus sexistischen Gründen, erreicht. Der Fall Adrea Spedding ist da schon wesentlich facettenreicher als der Fall Irene Adler.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #90
Wäre sie [die Spinne] in der Wohnung geblieben, hätte man sie doch irgendwann entdecken müssen.

Das können wir wohl ausschließen. Vielleicht hat der Pygmäe die Spinne mit einem Pfeifen und Milch zurückgelockt. Ob die Bissspuren der fantasiebasierten Lycosa carnivora sichtbar sind oder nicht, darüber dürfte nicht einmal der Logikpolizei ein Urteil zustehen. Interessant für sie wäre aber vielleicht die Frage, ob Adrea Spedding beim Einsammeln der Versicherungssummen nicht Probleme bekommen hätte, da die meisten Policen bei Selbstmord keine Zahlung garantieren.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #90
Ein durchaus gelungener Gag ist es diesmal, wenn Watson in dem so exzentrisch aussehenden Spinnenexperten Gilflower einen wieder mal verkleideten Holmes zu erkennen vermeint, man kann für den Trugschluss echt Verständnis aufbringen.

Ein hervorragender Gag und vielleicht sogar ein Seitenhieb in Richtung dieses Plotinstruments, das im Rahmen der Rathbone-Serie teilweise fast schon überstrapaziert wird.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 649

22.01.2020 13:18
#94 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #93
Ob die Bissspuren der fantasiebasierten Lycosa carnivora sichtbar sind oder nicht, darüber dürfte nicht einmal der Logikpolizei ein Urteil zustehen. Interessant für sie wäre aber vielleicht die Frage, ob Adrea Spedding beim Einsammeln der Versicherungssummen nicht Probleme bekommen hätte, da die meisten Policen bei Selbstmord keine Zahlung garantieren.


Wie Du schon richtig bemerkst, über die Bissspuren einer in der Realität nicht existierenden Spinnenart kann keine exakte Aussage getroffen werden. Vielleicht sollte man es trotzdem mal mit der Holmesschen Deduktionsmethode versuchen. Ein dermaßen großer Vertreter der Spinnentiere muss schon beachtliche Kieferwerkzeuge haben, wenn man mal davon ausgeht, dass die körperliche Entwicklung der Lycosa carnivora nicht grundsätzlich abweichend vom Rest ihrer Klasse ist, wozu kein Grund besteht, gerade die Aggressivität und Beißlust dieser Spinnenart weist ja eigentlich auf einen häufigen Gebrauch und einer entsprechenden Entwicklung dieser Art hin. Sie muss auf jeden Fall beim Beißen die Haut des Opfers durchdringen, die Bissspuren müssen schon sichtbar sein, wobei es auch schon bei kleinen Giftspinnen häufig zu Rötungen und Schwellungen der betroffenen Bereiche kommt. Bei ein, zwei Opfern fällt das vielleicht nicht so auf, doch bei so einer Serie von mindestens fünf Opfern (wenn ich richtig gezählt habe) sollten die Leichen doch genauer und eventuell auf die Wirkung von eventuell injizierten Substanzen untersucht werden, wobei man die Beißlöcher schon hätte finden müssen. Doch grau ist alle Theorie, wir werden die Wahrheit nie erfahren, der einzige, der das genaue Verhalten von Lycosa carnivora kannte, der Spinnenhändler mit dem Zwergmenschenskelett im Schrank, ist ja von Ardeas Schergen für immer zum Schweigen gebracht wurden. Und auch der Spinnenexperte Gilflower weilt mittlerweile sicherlich nicht mehr unter uns, somit ist auch die letzte Chance vertan, noch genauen Aufschluss über die Riesenspinne von Sumatra (eine Geschichte, für die die Welt noch nicht reif ist) zu bekommen…

Der Einwand mit den Lebensversicherungen ist sicher auch berechtigt. Viele Versicherer setzen aber eine Sperrfrist von, je nach Vertrag, wenigstens drei Jahren. Nach dieser Zeit haben die Bezugsberechtigten auch bei Selbsttötungen der versicherten Person ein Recht auf die vereinbarte Versicherungssumme, andernfalls stehen ihnen in der Regel die eingezahlten Beiträge zu.
Für Mrs.Spedding wäre es demnach wichtig gewesen, die genauen Vertragsbedingungen bzw. die Dauer der Einzahlung zu kennen. Wenn die Frist der sogenannten „Selbstmordklausel“ einbehalten worden wäre, hätte sie also durchaus Kasse machen können. Selbst wenn die Versicherung eine Zahlung bei Selbsttötung strikt ausgeschlossen hätte, wäre alleine bei entsprechend langer Dauer der Betragseinzahlung auch bei der Rückzahlung der Beiträge (abzüglich aller Versicherungskosten) möglicherweise ein nicht unerheblicher Betrag zusammengekommen.
Das bringt nun weiter eine interessante Überlegung: Da der Mörder von seiner Tat keinen Profit schlagen darf, wer wäre bezugsberechtigt gewesen ? Die gesetzlichen Erben ? Wahrscheinlich schon, da die Summe dann wohl in den gesetzlichen Nachlass fallen würde. Da es sich um Mord handelte, hätten sie auch wohl die volle Summe von der Versicherung verlangen können. Da hätte wohl aber der Nachweis in jedem einzelnen Fall erfolgen müssen, dass die Opfer an der Giftspinne gestorben sind. Hätten die Versicherungen da generell mitgespielt ?
Schwierig schwierig, da braucht man wohl einen fähigen Anwalt, wäre wohl ein Fall für Perry Mason .

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 649

26.01.2020 08:39
#95 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Sherlock Holmes – Die Kralle (1944)


Handlung:

Irgendwo in Kanada findet eine Fachtagung der Okkultisten statt, und mitten unter den erlauchten Herrschaften sitzen zwei Personen, die man da nun gar nicht vermutet hätte, nämlich Sherlock Holmes und Doktor Watson. Was sie dahin verschlagen hat, bleibt schleierhaft, offensichtlich soll der super rationaldenkende Detektiv so eine Art kritischen Beisitzer geben. Warum nun deswegen ins ferne Kanada reisen, wo es doch in Großbritannien genügen Okkultistenkongresse geben sollte ? Wer weiß…
Jedenfalls geht es schon los, der übersinnlichen Dingen stark zugeneigte und in der Nähe wohnende Lord Penrose liefert sich mit Holmes gerade ein Rededuell, als eine schlimme Nachricht eintrudelt. Penrose‘ Frau wurde abscheulich ermordet, ihr wurde die Kehle aufgerissen, genauso, wie es alte Überlieferungen von einem grauenvollen Geschöpf berichten, das die Schafe der dortigen Bewohner auf die gleiche Weise tötete (so eine Art kanadischer Ziegen- oder besser Schafsauger).
Als Sherlock Holmes, fast schon auf dem Weg zur Heimreise, einen Brief der gerade Ermordeten erhält, in dem sie ihm um Hilfe gebeten hatte, reist er mit seinem Gefährten in das Dorf La Morte Rouge, um dort Ermittlungen anzustellen. Der mittlerweile verdächtige Lord Penrose ist davon gar nicht angetan, zumal Holmes seinen grenzwissenschaftlichen Erklärungsversuchen ablehnend gegenübersteht und ein streng weltliches und analytisches Vorgehen fordert. Er nimmt seine Ermittlungen auf, auch Watson hört sich in geselliger Runde in der Dorfbevölkerung um, schräge Typen gibt es da zuhauf. Etwa einen überängstlichen Briefträger, einen sehr verdächtigen Gastwirt nebst liebenswerter Tochter, oder auch einen menschenfeindlichen Richter a.D. in seiner festungsartigen Residenz.
Langsam kommt Sherlock den Geheimnissen der Einwohner auf die Spur, Lady Penrose hatte ein gut behütetes Vorleben, der Gastwirt ist auch nicht ganz der, der er vorgibt zu sein, so geht es im Prinzip fortlaufend weiter. Während eines Ausflugs ins Moor wird Holmes von einer unheimlichen leuchtenden Kreatur attackiert, später fordert diese nun als realer Mensch demaskierte Bestie weitere menschliche Opfer.
Mehrmals gerät der Detektiv in Lebensgefahr, aus der ihn der getreue Dr. Watson heraushelfen muss, aber zum Schluss gelingt die Entlarvung des Bösewichts und die Erklärung seiner Untaten.
Die rationale Vernunft hat wieder mal getreu der Holmes’schen Weltsicht den Sieg davongetragen, jetzt kann er mit seinem Freund beruhigt den Weg nach Hause antreten.


Bewertung:

Diese Folge hatte ich als einzige noch in (sehr positiver) Erinnerung, muss aber feststellen, dass es doch verdammt lange dauert, bis mal Bewegung in den Fall kommt. Die erste Filmhälfte ist schon fast rum, ehe von sehr dialoglastigen Szenen ein wenig mehr auf action gesetzt wird.
Die Überlegung, was wohl an Original-Doyle noch in der Geschichte steckt, führt nicht sonderlich weit. Lady Penroses furchtbares Geheimnis mit ihrem kriminellen Ex-Liebhaber, das dann zur Tragödie führt, erinnert sicher grob an die Geschichte Die tanzenden Männchen. Das im Moor lauernde und mit Leuchtfarbe bemalte „Fabelwesen“ ist wohl noch eine verspätete Referenz an den Hund von Baskerville, im gleichnamigen ersten Film der Reihe hatte dieses Detail ja noch gefehlt.
Richter Brisson, der sich auch vor den Schatten der Vergangenheit versteckt hält – vielleicht eine Anspielung auf Das Tal der Furcht ?
Auf alle Fälle ist der Film in jedem Fall tatsächlich ein Hinweis auf den „Original-Doyle“, den Holmes-Erfinder, der sich aufgrund persönlicher Verluste nach dem ersten Weltkrieg dem Spiritismus zuwandte und einer der dessen prominentesten und eifrigsten Verfechter wurde. Ob man diese Leute unbedingt immer nur als esoterische Spinner und weltfremde Narren abkanzeln muss, wie es im Prinzip leider auch der Film macht, würde ich persönlich schon mal anzweifeln wollen. Obwohl es Conan Doyle ja in seiner fanatischen Verteidigung allerlei unerklärlicher Phänomene wirklich manchmal bis zur Lächerlichkeit getrieben zu haben scheint. Allerdings merkt man den späten nach dem Krieg in den zwanziger Jahren erschienen Holmes-Stories überhaupt nichts von der neuen Überzeugung ihres Schöpfers an, Holmes ist und bleibt der kühle rationelle Denker, der überirdische Mächte konsequent ausschließt, was er bei der Geschichte vom Vampir von Sussex Watson gegenüber noch einmal ausdrücklich betont. Ist vielleicht Lord Penrose im Film ein verkappter Doyle, der sich mit seiner ungeliebten, aber geschäftlich notwendigen literarischen Schöpfung einen verbalen Schlagabtausch liefert ? Na gut, man soll‘s mal mit Interpretationsversuchen nicht übertreiben.

Auffällig ist in diesem Film das Spiel mit den Identitäten, kaum einer ist der, der er zu sein vorgibt, zumal diesmal nicht Holmes derjenige ist, der in verschiedenen Maskierungen auftritt, sondern der Täter, ein ausgebildeter Schauspieler.
Leider ist der Auftritt des Übeltäters als leuchtender Unhold im nebelverhangenen Moor sehr kurz geraten, er tritt nur bei dem versuchten Anschlag auf Holmes auf und verschwindet dann in der Versenkung, was sehr schade ist. Da wäre mehr Grusel-Potenzial drin gewesen.
Dr. Watsons Tollpatschigkeit, die ihn öfter mal hinfallen oder in Sumpflöchern versinken lässt, ist nun wieder zu dick aufgetragen. Doch er rettet seinem Freund, der sich mit beängstigender Sorglosigkeit immer wieder in Gefahr begibt, durch den Sturz auf einer Treppenstufe mit Signalvorrichtung das Leben.
Dass der literarische Holmes immer so achtlos in die Falle tappt, ist irgendwie schlecht vorstellbar. Gerade die Treppenszene erinnert mich immer irgendwie an Mr. Reeder aus Wallace‘ Krimi John Flack, in der dieser einer Treppenfalle ausweicht und sich im näheren Zusammenhang dabei ironisch verklausuliert auf Sherlock Holmes bezieht.

Das auslösende Motiv der Mordgeschichte im kleinen kanadischen Weiler ist „Späte Rache“, der gleichnamige Titel des ersten Holmes-Falles, allerdings nur in der deutschen Ausgabe. Könnte allerdings tatsächlich auch noch ein Bezug zum literarischen Bewohner der Baker Street 221b sein.
Die Tatwaffe, eine Gartenkralle, ist ein bösartiges Instrument. Wenn sie dann aber am Tatort so rein wie gerade frisch gesäubert herumliegt, obwohl die Opfer ja elend verblutet sind, ist das schon ein beträchtlicher fauxpas, Blutspuren sind generell nirgendwo zu entdecken.
Wie sich der Täter dann am Ende mit der vorgetäuschten Abreise von Holmes und Watson aufs Glatteis führen lässt, ist innerhalb der Serie dermaßen ausgereizt, dass die Evolution ja nun mittlerweile bei den Schurken eine diesbezügliche Resistenz hätte entwickeln müssen. Sämtliche Polizisten geben sich dann zum Abschluss auch reichlich Mühe, so lange ziellos im Nebelmoor herumzuirren, bis der Vater eines ermordeten Mädchens an dem Täter Rache nehmen und auch noch auf Notwehr plädieren kann.
Das sinnlos erscheinende Verbrechen an der netten Gastwirtstochter bringt allerdings diesmal wirklich eine tragische und persönliche Note ins Geschehen, die den anderen Folgen bisher abging.
Deswegen kann der Zuschauer mit dem Mörder und seinem Schicksal kaum irgendwelches Mitleid empfinden.

Zuguterletzt, wenn sich die beiden englischen Privatermittler auf der Heimfahrt befinden und sich der Zuschauer schon befriedigt vom doch noch guten Ausgang des Krimimärchens zurücklehnen will, geht’s nochmal recht aufrüttelnd zur Sache. Denn in der Realität tobt der Krieg schlimmer als zuvor. Rathbone-Holmes beschwört nochmal mit verklärtem Blick und pathostriefender Stimme dem ehrfürchtig lauschenden Watson die große gemeinsame angelsächsische Sache, in der das herrliche Kanada (als Commonwealth-Mitglied) eine Schlüsselrolle spielen soll. Wie wir ja im Verlauf dieses Threats festgestellt haben, liegt auch das durchaus auf der Linie des „wirklichen“ Holmes. Doch hier im Film ist es wieder mal Churchill, auf den sich der Detektiv bezieht. Wahrscheinlich hat er immer im Ausland ein Zitatenlexikon des britischen Premiers im Gepäck, aus dem er seine Weisheiten zitiert, bei dessen Schwäche für schöne Phrasen sicherlich ein sehr dickes Buch…
Diese Passage wurde in der deutschen Version entfernt, desgleichen auch zahlreiche andere Szenen, die im Prinzip gerade für die Erklärung der Kombinationen von Holmes wichtig sind, was nun besonders sinnwidrig und nutzlos ist.( Dieses Rumschnippeln an Filmen ist genauso wie Buchkürzungen generell ärgerlich, es verzerrt halt die wirkliche Gedankenwelt der Schöpfer, die man nicht unbedingt gutheißen muss, aber doch gerne erfahren will).

Die Kralle ist trotz gewisser Mängel ein sehr gelungener Beitrag der Holmes-Reihe der Vierziger, möglicherweise auch einer der bekanntesten.

patrick Offline




Beiträge: 3.245

26.01.2020 09:04
#96 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

The Scarlet Claw (Die Kralle, 1944)



Regie: Roy William Neill

Produktion: Universal Pictures, USA 1944

Mit: Basil Rathbone, Nigel Bruce, Gerald Hamer, Paul Cavanagh, Arthur Hohl, Miles Mander, Kay Harding, David Clyde, Ian Wolfe, Victoria Horne




Handlung:

Holmes und Watson besuchen ein Okkultistentreffen im kanadischen Quebec, wo der Vorsitzende Lord Penrose von der Ermordung seine Gattin in einem Dorf namens La Mort Rouge erfährt, das an eine unheimliche Moorlandschaft angrenzt. Dort geht der Legende nach ein böser Geist um, der Mensch und Tier die Kehlen herausreißt. Lady Penrose wird auch tatsächlich entsprechend zugerichtet vorgefunden. Der bodenständige Holmes glaubt natürlich nicht an diese Geister-Märe und übernimmt den Fall. Als er sich alleine in's Moor wagt, macht er allerdings rasch Bekanntschaft mit der Schauergestalt...

Anmerkungen:

"The Scarlet Claw" steht als Höhepunkt von Basil Rathbones Holmes-Reihe völlig außer Frage. Universal steuert hier seine langjährig angesammelte Erfahrung in Sachen Gothic-Horror bemerkenswert plakativ bei, was den Film zu einem ganz besonders sehenswerten Meisterwerk hervorhebt. Die Moorlandschaft sticht wirklich exzellent heraus und das Gespenst hätte eindrucksvoller nicht umgesetzt werden können. Die in phosphorisierter Kleidung herumlaufende Gestalt erzielt genau jene Wirkung, die man sich 1939 beim "Hound of the Baskervilles" wohl gewünscht hätte. Ein Hoch auf die Special-Effects-Abteilung! Die ganze Geschichte ist auffallend dunkel und düster gefilmt und geizt dabei in keinster Weise mit Nebel, Moor und unheimlichem Interieur, sodass man geneigt ist zu glauben, einen reinen Gruselfilm vor sich zu haben, was "The Scarlet Claw" im Grunde auch ist. Holmes-Fans werden natürlich sofort auffallende Parallelen zum "Hound of the Basvervilles" erkennen. Doch wurde die Geschichte um eine Reihe reizvoller Schauer-Elemente erweitert, was diesen Film wie ein verbessertes inoffizielles Remake des Conan-Doyle-Klassiker aussehen lässt - von der technischen Umsetzung der Spukgestalt ganz zu schweigen. Auch der kriminalistische Aspekt wurde nicht vernachlässigt, sonder phantasievoll und glaubwürdig bedient, wobei als Täter ein gelernter Schauspieler agiert, der die verschiedensten Identitäten annehmen kann und Holmes dadurch einiges Kopfzerbrechen bereitet. Man erfährt relativ früh, um wen es sich handelt, kann aber nicht ausmachen, hinter welcher Fassade er lauert. Hier fließt ein bisschen das Fantomas-Element ein. Als schöner Schauermoment beeindruckt jene Szene, wo der Täter die Tötung von Judge Brisson als dessen Haushälterin verkleidet mit der Kralle, seinem bevorzugten Mordwerkzeug, zelebriert. Es wird bei diesem bestialischen Mord schon ein bisschen etwas von dem wesentlich später entstandenen Hitchcock-Klassiker "Psycho" vorweggenommen.

Die Logik-Polizei dürfte nicht ganz zu Unrecht daran Anstoß nehmen, dass der Unhold im Schutze einer seiner Schein-Identitäten auch dann sein vorgetäuschtes Hinken zum Besten gibt, als er sich vermeintlich unbeachtet in seinem Versteck bewegt. Ein weiterer gravierender Logik-Mangel ist sicher auch, dass sich gerade jene Personen, die der Täter im Visier hat, zufällig in dem kleinen Ort La Mort Rouge treffen. Darauf möchte ich aber nicht näher eingehen, da es sich nun mal um ein Krimi-Märchen handelt und für mich persönlich Unterhaltungswert, Spannung und Atmosphäre die wesentlichen Faktoren sind, woran dieser Streifen mit Sicherheit nicht krankt.

Obwohl der Film in Kanada handelt, besticht er durch eine Landschaft und Atmosphäre, die zweifellos an "Good Old England" erinnern. Warum er nicht auch in Holmes Heimat angesiedelt ist, bleibt ein Rätsel. Die Akteure sprechen größtenteils britisches Englisch und im Finale werden sogar Bobbies eingeblendet.

Lord Penrose wird von Paul Cavanagh dargestellt, der seit seinem Bösewicht-Auftritt in Johnny Weissmüllers erstem Tarzan-Film "Tarzan the Ape Man" sichtlich gealtert ist. Völlig überflüssig ist wieder einmal Holmes patriotisches Schlusswort, das sich wiederholt ein Churchill-Zitat nicht verkneifen kann. Ein kleiner Schnitt hätte da nicht unbedingt geschadet. Aber ja - wir befinden uns ja noch immer in der schwarz-weiß-malerischen Schein-Realität der Kriegsjahre, wo propagandistische Gehirn-Wäsche gang und gäbe war.

Fazit:

Eine Lichtgestalt mit dunklen Absichten, ein bärtiger Einsiedler, der optisch schon fast an Rasputin erinnert, ein grausiges Mordwerkzeug und last but not least die schon erwähnten herrlich atmosphärischen "Schauer-Plätze" demonstrieren, wie sehr man sich bemüht hat einen Gruselkrimi allererster Güte zu produzieren. Roy William Neil hat den altbewährten Universal-Horror sehr effektiv einfließen lassen und geschickt mit einer kurzweiligen Krimihandlung verknüpft. Der Plot ist flott inszeniert und dramaturgisch sehr schön gesättigt. Der Gothic-Anstrich steht der Holmes-Reihe unheimlich gut und lässt bereitwillig vom Kriegs-Propaganda Abschied nehmen. Für mich persönlich ist "The Scarlet Claw" nicht nur der beste Holmes-Film aller Zeiten, sondern auch einer meiner Lieblingsfilme überhaupt. Klare 5 von 5 Punkten für einen rundum gelungenen und wunderbaren Film. Ich will wirklich mit Nachdruck ein Lob in allerhöchsten Tönen da anbringen, wo es hingehört.


Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

26.01.2020 09:30
#97 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten



Die Kralle (The Scarlet Claw)

Kriminalfilm, USA 1944. Regie: Roy William Neill. Drehbuch: Edmund L. Hartmann, Roy William Neill (frei nach Sir Arthur Conan Doyle, Idee: Paul Gangelin, Brenda Weisberg). Mit: Basil Rathbone (Sherlock Holmes), Nigel Bruce (Dr. John Watson), Gerald Hamer (Postbote Potts), Paul Cavanagh (Lord Penrose), Arthur Hohl (Emile Journet), Miles Mander (Richter Brisson), Kay Harding (Marie Journet), David Clyde (Sergeant Thompson), Ian Wolfe (Butler Drake), Victoria Horne (Haushälterin Nora) u.a. Uraufführung (USA): 18. Mai 1944. Erstsendung (DDR, 1. Synchronisation): 22. Mai 1969. Erstsendung (DDR, 2. Synchronisation als „Die scharlachrote Kralle“): 23. August 1980. Eine Produktion von Universal Pictures.

Zitat von Die Kralle
Mehrere Einwohner des kanadischen Dörfchens La Morte Rouge berichten von einem leuchtenden Phantom in den nahen Mooren. Seiner Erscheinung folgen mysteriöse Todesfälle – zunächst sind es nur Schafe, später findet man auch Lady Penrose mit durchschnittener Kehle. Sherlock Holmes würde den Fall gern klären, wird aber von Lord Penrose, einem glühenden Verfechter des Okkultismus aus dem Haus geworfen. Holmes – von den Drohungen des Schlossherrn nicht beeindruckt – bringt nicht nur in Erfahrung, dass hinter dem Phantom mit den tödlichen Krallen vielmehr ein Mensch aus Fleisch und Blut steckt, sondern auch, dass es sich um den wegen Mordes verurteilten Schauspieler Alistair Ramson handelt. Ramson plant weitere Anschläge und könnte als Talent der Maske die Identität verschiedener Dorfbewohner angenommen haben ...


Nachdem Universal ohnehin in den 1930er und 1940er Jahren mit Horrorfilmen riesige Erfolge gefeiert hatte, passte das Studio diesen Trend natürlich auch gern auf die Rathbone-Holmes-Serie an, die bei der Konkurrenzfirma 20th Century Fox ohnehin noch mit einem Gruselklassiker wie dem „Hund von Baskerville“ gestartet und dementsprechend für solche Einflüsse bestens geeignet war. Das leuchtende Krallengespenst im vorliegenden Film ist eine ebenso auf Universals Horror-Expertise zurückzuführende Zutat wie der animalische „Hoxton Creeper“ im Nachfolger, wobei im hier rezensierten Fall zwar viel unheimliche Atmosphäre vorgegaukelt wird, die vom Filmplakat geweckten Monsterassoziationen aber recht schnell im Film durch eine schnöde Gartenharke ersetzt werden. So wabert zwar reichlich Nebel über die Felder von La Morte Rouge; ebenso unheimlich wie der bis kurz vor Ende von „Die Perle der Borgia“ gesichtslos agierende Hoxton gestaltet sich die „Kralle“ dann aber doch nicht. Sie hat ihre Stärken vielmehr im Identitätenspiel des Hauptverbrechers, der als Verwandlungskünstler einem Henry Arthur Milton in „Der Hexer“ oder dem großen Falconetti in „Die weiße Spinne“ ähnelt.

Das ist eine willkommene Ergänzung, denn sonst erinnert der Inhalt im Wesentlichen an eine Mischung aus dem „Hund“ (tödlicher Geist im Moor, Phosphortränkung, an der Kehle verletzte Opfer, erste(r) Tote(r) ein Schlossbewohner, Dorfgemeinschaft als Verdächtige) und dem Film „Gespenster im Schloss“ (abergläubisches Gemunkel der Einheimischen im Dorfgasthof über übersinnliche Vorgänge). Logiklöcher klaffen ebenfalls gefährlich nah links und rechts des Wegs und sorgen nicht nur bei Dr. Watson für Stolpergefahr. Immerhin wird Sir Arthur Conan Doyles Begeisterung für spiritistische Phänomene eingangs gebührend gewürdigt – man hätte sich nur gewünscht, der anfangs so zentrale Lord Penrose wäre nicht bald zu einer vollkommenen Nebenfigur deklassiert worden. Paul Cavanagh überzeugt in dieser Rolle nämlich ebenso wie Arthur Hohl als grimmiger Hotelbesitzer und Miles Mander als neurotischer Ex-Richter. Die anderen Figuren wirken etwas flach oder gekünstelt, sodass es – gerade bei den geselligen Anlässen in Stadt- und Dorfhotels – zu einigen unnötigen Längen und auch übertriebenen Witzeleien (z.B. durch Nigel Bruce, Gerald Hamer und Ian Wolfe) kommt. Der Tod der Marie Journet möchte ebenfalls nicht wirklich das beabsichtigte Mitleid auslösen, während die Tötung Richter Brissons sehr stark in Szene gesetzt wurde – fast wie zehn Jahre später der Scherenmord in Hitchcocks „Bei Anruf Mord“.

Überhaupt ist die Optik wohl die größte Stärke von „Die Kralle“. Ähnlich wie beim „Hund“ beweist sich erneut, dass Golden Age Hollywood einfach wusste, wie man desolate Endzeitlandschaften richtig in Szene setzen konnte. Die kanadischen Sümpfe – warum auch immer sie kanadisch sein müssen – sind ebenso bedrohlich wie der Grimpen Mire und der Film an sich scheint praktisch nur bei Nacht zu spielen. In einigen schönen High bzw. Low Angle-Sequenzen kommt regelrecht expressionistische Stimmung auf. Die Behauptung einiger Beteiligten, „Die Kralle“ sei allen anderen Holmes-Filmen ihrer Zeit deutlich überlegen, erweist sich trotzdem eher als Binsenweisheit.

Hübsche, aber oberflächliche Geistermär, die sich bald zum weltlichen Maskenspiel in surrealer Kulisse wandelt. Während optisch und inszenatorisch auf hohem Niveau gearbeitet wurde, bleiben Logik und manche Darstellungen eher unzufriedenstellend – der Spaß an Schauern und Mörderraten soll über offene Fragen hinwegtäuschen.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 649

26.01.2020 13:06
#98 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Zitat von patrick im Beitrag #96
Es wird bei diesem bestialischen Mord schon ein bisschen etwas von dem wesentlich später entstandenen Hitchcock-Klassiker "Psycho" vorweggenommen.



Das ist richtig. Jetzt weiß ich auch, woran mich diese Szene erinnert hat. War irgendwie ein deja-vu.


Zitat von Gubanov im Beitrag #97
Während optisch und inszenatorisch auf hohem Niveau gearbeitet wurde, bleiben Logik und manche Darstellungen eher unzufriedenstellend


Diesmal gehst Du mit der Logik aber ganz schön hart ins Gericht. Die "Logikpolizei" macht sich schon Vorwürfe wegen nachlässiger Ermittlungsarbeit...

Old Rascal Offline



Beiträge: 86

29.01.2020 08:08
#99 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Sieht so aus als hatte Norman Bates auch diesen Film gesehen:)) Ist mir gar nicht so aufgefallen, aber ihr habt recht.

Auch ich finde dies den besten Film der Reihe. An die Logik darf man in solchen Genres nicht zu große Ansprüche stellen.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 649

29.01.2020 11:09
#100 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Das mit der Logiksuche ist ja auch nur eher spielerisch zu sehen. Bei Kollegen Holmes freut man sich halt immer, wenn er seine Kombinationen ausführt und die dann auch ins Schwarze treffen.
Obwohl ich sagen muss, dass die Charlie-Chan-Filme (zumindest die mit Oland) vom detektivischen Standpunkt sorgfältiger inszeniert wurden, die Moto-Reihe setzt dagegen mehr auf Exotik und Aktion.
Bei den Rathbone-Holmes-Filmen versucht man eine Mischung zwischen diesen Dingen, immer noch ein wenig Grusel dazu.
Hat alles seinen berechtigten Unterhaltungswert.

patrick Offline




Beiträge: 3.245

02.02.2020 09:09
#101 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

The Pearl of Death (Die Perle der Borgia, 1944)



Regie: Roy William Neill

Produktion: Universal Pictures, USA 1944

Mit: Basil Rathbone, Nigel Bruce, Dennis Hoey, Miles Mander, Evelyn Ankers, Ian Wolfe, Charles Francis, Holmes Herbert, Richard Aherne, Harry Cording, Mary Gordon, Rondo Hatton


Handlung:

Auf einem Schiff wird die berüchtigte und sehr wertvolle Perle der Borgia von einer jungen Dame gestohlen. Allerdings hat die Schöne die Rechnung ohne Sherlock Holmes gemacht, der natürlich schlauer ist als sie und ihr diese rasch wieder abluchst. Er sorgt auch dafür, dass das kostbare Stück im Royal-Regent-Museum in London untergebracht wird. Besagte Dame ist jedoch die Komplizin des skrupellosen Giles Conover, der einen Fehler von Holmes ausnutzt, die Alarmanlage vom Strom nimmt und mit der Perle flieht. Er wird zwar rasch gefasst, doch das Diebesgut wird nicht bei ihm gefunden. Kurz darauf ereignet sich eine Reihe von Morden, welche die seltsame Gemeinsamkeit haben, dass um die Leichen immer zerbrochenes Porzellan verstreut liegt. Auch wurde allen Opfern das Rückgrat auf eine Weise gebrochen, die auf das Werk des Hoxton Creepers, eines monströs entstellten Gewaltverbrechers, hindeutet...

Anmerkungen:

Nachdem man mit Holmes Hang zur Verkleidung inzwischen sehr vertraut sein muss, ist unschwer zu erkennen, dass sich hinter dem kauzigen alten Mann auf dem Schiff natürlich nur er verbergen kann. Die entwendete Perle wird von ihm durch einen souveränen Trick zwar rasch wiederbeschafft, doch gibt er sich auch eine ungewohnte Blöße, indem er Giles Conover praktisch die Gebrauchsanweisung für einen neuerlichen Diebstahl des guten Stückes liefert. Natürlich bleibt Holmes Selbstbewusstsein angesichts seines Lapsus unberührt und er nimmt rasch seine Ermittlungen auf. Inspektor Lestrade zeigt eine geradezu kindliche Schadenfreude daran, endlich erleben zu dürfen, dass nicht ihm selbst, sondern endlich einmal dem ihm weit überlegenen Meisterdetektiv, ein Missgeschick widerfahren ist. Auch Conover weis nicht, wo sich die Perle gegenwärtig befindet, da er sich ihrer auf seiner Flucht entledigen musste. Er liefert sich daher ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Holmes, welches stark an das Kräftemessen mit Moriarty erinnert.

Holmes Gegenspieler ist diesmal Miles Mander als Giles Conover, ein verschlagener, skrupelloser und arroganter Mann, der genauso gut mit Moriarty die Rollen hätte tauschen können. Er verströmt allerdings nicht unbedingt die Ausstrahlung eines Gentleman, sondern wirkt vom Fleck weg spürbar unsympathisch. Evelyn Ankers Präsenz beschränkt sich mehr oder weniger auf ihr gutes Aussehen. Als Conovers Helferin agiert sie eher naiv und ungeschickt, sodass Holmes mit ihr leichtes Spiel hat.

Die Attraktion dieses Films ist zweifellos der monströs entstellte Rondo Hatton, dessen Aussehen die Folge der schrecklichen Krankheit Akromegalie ist, unter welcher auch der als "Beisser" aus zwei James-Bond-Filmen bekannte Richard Kiel gelitten hat. Im Gegensatz zu Universals Horror-Ikone Boris Karloff bedurfte es bei Hatton daher keiner grosser Schminkkunst, um ein Ungeheuer aus ihm zu machen. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass Hatton in jungen Jahren in seinem letzten Schuljahr als hübschester Junge der Klasse gewählt wurde und damit die optische Wirkung auf sein Umfeld aus zwei extremen Positionen erfahren durfte. Der Spannung wurde eine besondere Würze verliehen, indem man sich bis zum Schluss Zeit lies, bis das Gesicht des Creepers endlich eingeblendet wurde.

Fazit:

Spannende und mysteriose Holmes-Geschichte, die vor allem durch die Präsenz des legendaren Hoxton-Creepers nachhaltige Akzente setzt und dadurch, wie auch schon der Vorgangerfilm, in Richtung Horror-Genre tendiert. Atmosphärisch bleibt der Streifen aber trotz Rondo Hattons Mitwirkung gegenüber der "Kralle" vergleichsweise zurückhaltend. Klassische Horror-Elemente, wie die eine Schöne liebende Kreatur die sich am Schluß gegen ihren "Meister" wendet, sind hier in altbekannter Weise zu finden. 4,5 von 5 Punkten.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 649

02.02.2020 16:30
#102 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Sherlock Holmes – Die Perle der Borgia (1944)


Handlung:

Die berühmte Perle der Borgia ist per Schiff auf dem Weg in ein Londoner Museum. Das begehrenswerte und wertvolle Kleinod aus dem Besitz der berüchtigten italienischen Giftmischer-Familie hatte in der Vergangenheit viele Opfer gefordert. Momentan ist sie in der Obhut des Museumsmitarbeiters Goodram, doch der diebische Feind in Gestalt der attraktiven Naomi Drake ist schon auf dem Posten und entwendet das Kleinod. Doch wo das Böse seine diabolischen Ränke schmiedet, ist Gottseidank der Ritter des Guten in Gestalt eines verkleideten Sherlock Holmes nicht weit, ausgerechnet an ihn wendet sich die dreiste Ganovin um Hilfe, damit sie den Zoll unkontrolliert passieren kann. Der freundliche „Geistliche“ nutzt die Gelegenheit natürlich, um die gutaussehende Dame samt ihrem professionellen Hintermann Giles Conover auszutricksen. Doch Conover verschwendet mit Ärger über Holmes‘ Streich nicht viel Zeit und geht zum Gegenangriff über. Ausgerechnet als der Detektiv die Museums-Alarmfunktion mit automatisch schließenden Türen und dem üblichen Schnickschnack außer Gefecht setzt, um dem Direktor die Schwachstellen der Diebstahlssicherung zu demonstrieren, schlägt der als Mitarbeiter des Museums getarnte Meisterdieb wieder zu und verschwindet mit der Perle spektakulär aus einem Fenster. Obwohl er wenig später dingfest gemacht wird, bleibt die stibitzte Kostbarkeit verschwunden, zu allem Ärger muss der Gauner auch noch mangels Beweisen laufen gelassen werden. Nicht nur der Museumsdirektor, auch der endlich mal nicht selber in der Kritik stehende Inspektor Lestrade überschütten den blamierten Holmes mit Hohn und Spott. Der lässt die Vorwürfe mit seiner üblichen kühlen Arroganz an sich abprallen und nimmt die Suche nach der Borgia-Perle auf. Geht es doch auch darum, seinen guten Ruf wieder herzustellen !
Währenddessen treibt plötzlich ein grauenvoller Serienmörder in London sein Unwesen, dessen Erkennungsstil es ist, seinen bedauernswerten Opfern die Wirbelsäule zu brechen. Die Opfer liegen alle sämtlich inmitten eines Haufens zerbrochenen Porzellans. Sherlock Holmes hat gleich einen Zusammenhang mit dem Verschwinden der wertvollen Perle im Hinterkopf, das Vorgehen des Täters erweckt Erinnerungen an die Taten eines monströsen Wesens, genannt „Der Furchtbare“, der aber vor einiger Zeit ertrunken sein soll. Pikanterweise war er der Gehilfe eben jenes notorischen Kriminellen Conover gewesen, der der Polizei jetzt wieder auf der Nase herumtanzt. Bald werden auch auf Holmes und seinen Freund Mordanschläge verübt, der Gangster wird offensichtlich nervös.
Es gelingt Spürnase Holmes samt ihm treu zur Seite stehenden Dr. Watson, die beklemmenden Geschehnisse in eine Verbindung zu einer in der Nähe des Museums liegenden Manufaktur für Gipsbüsten zu bringen. Die Spur führt zu einem Verkaufsgeschäft, zur Dingfestmachung von Frau Drake und von dahin zu den Opfern. Holmes stellt dem Dieb Conover samt seinem fürchterlichen Gehilfen eine Falle, wobei es für ihn selber auch noch recht haarig wird, doch am Ende geht er wieder auf der ganzen Linie als Sieger im Dienste der Gerechtigkeit hervor.


Bewertung:

Ein neues Abenteuer des berühmten Privatdetektivs, das wieder mal mit einem Einsatz in geheimer Mission beginnt, wenngleich es diesmal nur um eine zwar skrupellose, aber trotzdem simple Diebesbande ist, der der Streiter für Recht und Ordnung den Krieg erklärt hat.
Als Grundlage für den neunten Holmes-Film diente die Geschichte Sechsmal Napoleon, eine der besten und typischsten Stories um den fiktiven Meisterdetektiv. Da ist alles drin, was für einen richtig runden Holmes-Fall notwendig ist, unerklärliche und serienhafte Geschehnisse, Nebel, Verwicklungen und ein schrecklicher Mordfall. Insofern auch herausragend, dass Holmes seinen offiziellen Kollegen Lestrade wegen dessen (trotz allem falschen) Kombinationen sogar ein wenig lobt, desgleichen auch der immer etwas skeptische Inspektor von Sherlocks Aufklärung restlos begeistert ist.
Das Grundmotiv der in einer von sechs aus Gips angefertigten Napoleon-Büsten versteckten Perle wurde übernommen und ausgebaut. Daneben finde ich den Einfall erfrischend, Sherlock Holmes zum unfreiwilligen Komplizen bei Conovers Perlenklau im Museum zu machen, das muss den immer auch etwas hochnäsigen Superschnüffler schon sehr gekratzt haben. Außerdem taucht wieder eine Gestalt wie aus einem Gruselfilm auf – „der Furchtbare“. Den Großteil des Filmes sieht man ihn nur als Umriss oder Schatten durch das Bild schleichen, nur am Ende ist er in seiner ganzen „Pracht“ zu bewundern. Ob das nun ein geschickter Schachzug zur Spannungssteigerung war oder eher eine Menge Schauerpotenzial verschenkt wurde, ist eine andere Sache. Die Gestalt erinnert an die als Handlanger missbrauchten Horrorgestalten aus den Wallace-Büchern, der Schauspieler der wirklich schrecklich aussehenden Kreatur ist, glaube ich, auch derjenige, der den „Blinden Jake“ aus dem Wallacefilm Der Würger von London von 1939 gespielt hat.
Die Falle mit einem tatsächlichen „Spring“-Messer, welche der findige Conover in ein vermeintliches Geschenk für seinen Kontrahenten einbaut, kann wieder durch die Erzählung Der sterbende Detektiv beeinflusst sein, dagegen ist die Schießerei mit den Insassen einer großen Limousine, in die die beiden Gefährten auf der Seite des Rechts verwickelt werden, wohl eher eine Referenz an amerikanische Gangsterfilme.
Natürlich bleiben auch dieses Mal ein paar Fragen im Raum. Warum es nun der Polizei mit all ihrer Routine und ihres großen Apparates nicht gelungen sein soll, die kurze Zeit von Conovers Flucht nach dem Diebstahl bis zu seiner Ergreifung nicht rekonstruieren zu können, ist unbegreiflich, so eine Meisterleistung ist Holmes‘ Ermittlung der Gips-Manufaktur als Ort des Perlen-Versteckes eigentlich auch nicht. Warum hat sich Conover so spektakulär bei der Flucht aus dem Fenster geschwungen, hätte er sich klammheimlich von dannen geschlichen, wäre man ihm gar nicht so leicht auf die Spur gekommen. Warum man den nun überhaupt wieder hat laufenlassen, kam auch nicht so überzeugend rüber. Und was die bedauernswerten Opfer des Monsters angeht: Wie kann man ein gebrochenes Rückgrat so einfach bei der Leiche am Tatort erkennen, so was ist doch eher ein Fall für den Gerichtsmediziner. Sogar Dr. Watson kann an einem vollständig bekleideten Toten feststellen, dass die Wirbelsäule durch Druck zerbrochen wurde. Sehr fragwürdig.
Das Verwischen der Spuren durch das Zerschmeißen des Porzellans in der Wohnung des jeweiligen Gips-Napoleon-Besitzers ist nun wieder ein guter Einfall, auf den der so höhnische Kleingeist Lestrade ja auch prompt hereingefallen wäre. Auch wenn die Diebes-Kumpanin Drake die Ermittler durch gefälschte Eintragungen in Lieferbücher auf eine falsche Fährte locken will, muss Holmes sein ganzes Geschick aufbringen, sich nicht in die Irre führen zu lassen. So kann er die Verbrecher am Schluss in die Falle locken, kommt aber wieder mal selber geradeso mit einem blauen Auge davon.
Ob seine anschließende Ansprache an Watson zum Schluss, in der er von einer Welt ohne Verbrechen und anderen schönen Wünschen redet, nun wieder in den Bereich Propaganda fällt, kann man wohl nicht so genau sagen. Jedenfalls hat er zweifellos durch die Beseitigung der Conover-Gang zu einer etwas besseren Welt beigetragen. Auch in den Stories von Conan Doyle gibt Holmes am Ende manchmal eher nachdenkliche "Statements" ab.
Sehr auffällig sind diesmal in der deutschen Version die vielen und wahllos erscheinenden Schnitte, die ursprünglich vorgenommen worden waren. Man fragt sich, unabhängig vom Sinn des Ganzen (wahrscheinlich sollte die Geschichte auf eine ganze Stunde heruntergestutzt werden), wie der Film da überhaupt noch funktioniert hat.

Die Perle der Borgia ist ein wie immer zwar nicht sehr glaubwürdiges, aber turbulentes Abenteuer des bekannten Privatdetektives und seines treuen Gefährten und Chronisten mit ein paar gelungenen Einfällen.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

02.02.2020 22:30
#103 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Um diesen Film zu sehen, musste ich doch noch warten, bis es dunkel wurde ...



Die Perle der Borgia (The Pearl of Death)

Kriminalfilm, USA 1944. Regie: Roy William Neill. Drehbuch: Bertram Millhauser (Vorlage „The Adventure of the Six Napoleons“, 1904: Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Basil Rathbone (Sherlock Holmes), Nigel Bruce (Dr. John Watson), Evelyn Ankers (Naomi Drake), Miles Mander (Giles Conover), Dennis Hoey (Inspektor Lestrade), Charles Francis (Museumsdirektor Digby), Richard Aherne (Museumswächter Bates), Ian Wolfe (Amos Hodder), Rondo Hatton (Hoxton, „der Furchtbare“), Holmes Herbert (James Goodram) u.a. Uraufführung (USA): 1. August 1944. Erstsendung (DDR, 1. Synchronisation): 17. Juli 1969. Erstsendung (DDR, 2. Synchronisation als „Die Perle des Todes“): 13. September 1980. Eine Produktion von Universal Pictures.

Zitat von Die Perle der Borgia
Schon bei der Überführung der Borgia-Perle nach England versucht der im Dunkeln agierende Gangsterboss Giles Conover mithilfe seiner Komplizin Naomi Drake, sich in den Besitz des historischen Schmuckstücks zu setzen. Schlägt ihm Holmes an Bord der Fähre nach Dover noch ein Schnippchen, so gelingt es Conover umgekehrt, seinen Kontrahenten in London zu überlisten. Mit dem Schurkenstreich verschwindet die Perle von der Bildfläche und zugleich beginnt eine Reihe brutaler Morde, die scheinbar völlig unbeteiligte Personen treffen. Der Zusammenhang zwischen den Taten und der Perle scheint in dem zerbrochenen Geschirr zu liegen, das man an jedem Tatort neben den Leichen findet ...


So wie „Die sechs Napoleons“ zu den faszinierendsten Geschichten in Doyles Sherlock-Holmes-Kanon zählt, so gehört auch ihre Verfilmung, „Die Perle der Borgia“, zu den stärksten Filmen der Universal-Reihe, wenn es sich nicht sogar um ihren absoluten Höhepunkt handelt. Erneut zeichnete Bertram Millhauser für das Drehbuch verantwortlich, was sofort wieder für belastbarere Bezüge zu den Original-Stories sorgt als in der etwas obskuren „Kralle“ – für die Standards der Reihe kann man sogar von einer einigermaßen engen Adaption sprechen. Dass die Verfilmung der sonst oft schwach adaptierten Erzählung auf so befriedigende Weise gelingt, ist vor allem dem Umstand zu verdanken, dass Millhauser mit dem Ganoventrio um Giles Conover (eine Art Ersatz-Moriarty mit wieselhafter Gestalt und bösen Gedanken), Naomi Drake und den furchtbaren Hoxton zusätzlichen Thrill in die Geschehnisse brachte. Hoxtons Morde versprühen eine authentisch unheimliche Wirkung, zumal seine monsterhafte Statur und gleichzeitige absolute Hörigkeit ihn zu einem animalischen Gehilfen im Stil eines nicht ganz zurechnungsfähigen Wallace-Handlangers (blinder Jake, Bhag oder Giacco) machen. Regisseur Neill ließ Hoxton als schleichenden Schatten agieren, bevor im Finale die Enthüllung seiner schauderhaften Züge erfolgt.

Ein Versteckspiel gibt es auch bei Naomi Drake: Ihre Wandlungsfähigkeit greift Sherlock Holmes’ bekannte Vorliebe für Verkleidungen auf und projiziert sie geschickt auf die Seite der Verbrecher. Hinzu kommt, dass Roy William Neill das Tempo besser als beim Vorgängerfilm unter Kontrolle hatte. Anstatt sich in unnötige Längen zu verrennen, ist „Die Perle der Borgia“ mit einer vielschichtigen Krimihandlung randvoll angefüllt, sodass man sich im ersten Teil hauptsächlich um Transport und Raub der Perle und im zweiten dann um die Mordserie kümmert. Beide Abschnitte erwecken eine jeweils ganz eigene Faszination – der erste, weil Holmes mit seinen eigenen Waffen vernichtend geschlagen wird, und der zweite, weil die Morde faszinierende Fragen aufwerfen, mehr Raum als üblich für perfekte Deduktionen lassen und schließlich über den Umweg von Amos Hodders Antiquitätenhandlung in ein hocheffektives Finale im Hause des Dr. Boncourt münden. Dieses präsentiert eine einmalige Mixtur aus schöner Noir-Fotografie und Frankenstein’schen Horror-Elementen und spielt den Ball der Überlegenheit immer wieder zwischen Holmes und Conover hin und her.

Was der „Perle“ außerdem sehr zugute kommt, ist der Umstand, dass sich sowohl Watson als auch Lestrade dem allgemein eher ernsten Tenor des Films entsprechend recht ordentlich an Holmes’ Seite anstellen. Zwar wird hier und da trockener Humor eingebracht, z.B. als Watson die Perle mehrfach sicher in seinem Mund verwahrt oder als Lestrade im Museum bekennt: „Wir von der Polizei überlegen nicht erst lange“. Vergleichbar mit einigen deutlich weiter gehenden Momenten in anderen Teilen der Reihe ist das aber nicht. Bei der Rekonstruktion der Vorgänge auf Conovers Flucht in der Gipsgießerei ist der gute Doktor seinem Freund zum Beispiel sehr hilfreich. Dass Rathbone und Bruce die absoluten Stars der Produktion waren, merkt man dabei nicht nur an ihrem gut aufeinander abgestimmten Spiel, sondern auch an den Gagen, die erstaunliche Differenzen offenbaren (20’000 $ für den Holmes-, 12’000 für den Watson-Darsteller, aber nur 400 $ für Rondo Hatton). Man kann sich nach neun Filmen nun auch wirklich kaum noch ein anderes Gesicht als Rathbones für Sherlock Holmes vorstellen; selbst wenn er die Rolle schon nach diesem Film aufgegeben hätte, wäre er für immer mit ihr verbunden geblieben.

Für Doyle-Leser entpuppt sich der neunte Rathbone-Holmes-Film noch einmal als besonderes Highlight mit seiner starken Adaption einer beliebten Kanon-Erzählung, deren an sich sehr clevere Grundkonstruktion hier noch ausgeschmückt und um Bilderbuchschurken bereichert wurde. Holmes und Conover würden sich fast schon einen sportlichen Wettkampf liefern, zöge Conover mit dem Knochenbrecher nicht ein unfaires, aber dafür umso wirkungsvolleres Ass aus dem Ärmel.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

05.02.2020 15:30
#104 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

zu "Die Kralle":

Zitat von patrick im Beitrag #96
"The Scarlet Claw" steht als Höhepunkt von Basil Rathbones Holmes-Reihe völlig außer Frage.

Naja, als Stand-Alone-Film ohne Sherlock-Holmes-Bezüge wäre "Die Kralle" sicher ein Highlight gewesen; im Rahmen der superguten Rathbone-Reihe hat sie aber zu viele Logik-, Tempo- und Humorprobleme für meinen Geschmack. Es kommt sicher darauf an, wo man den Schwerpunkt setzt, aber für meine Begriffe liegt er bei Holmes-Filmen nicht im Horror-Grusel-Bereich, sondern beim Kriminalistischen, wo ich "Die Kralle" als etwas pflichtschuldig empfinde und z.B. "Spinnenfrau" und "Perle der Borgia" deutlich vorn sehe.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #95
Holmes ist und bleibt der kühle rationelle Denker, der überirdische Mächte konsequent ausschließt, was er bei der Geschichte vom Vampir von Sussex Watson gegenüber noch einmal ausdrücklich betont. Ist vielleicht Lord Penrose im Film ein verkappter Doyle, der sich mit seiner ungeliebten, aber geschäftlich notwendigen literarischen Schöpfung einen verbalen Schlagabtausch liefert ? Na gut, man soll‘s mal mit Interpretationsversuchen nicht übertreiben.

Ist durchaus eine stichhaltige Argumentation, denn die unterschiedlichen Positionen sind schon sehr deutlich herausgearbeitet. Leider weiß der Film mit der Figur von Lord Penrose überhaupt nichts anzufangen und versäumt es auch, ihn zum Verdächtigen aufzubauen, was sich gerade unter der Prämisse des von dir besagten "esoterischen Spinners" gut funktioniert hätte. Mit ein paar breiter gestreuten Verdachtsmomenten würde der Film vielleicht auch weniger in die Länge gestreckt wirken.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #95
Dr. Watsons Tollpatschigkeit, die ihn öfter mal hinfallen oder in Sumpflöchern versinken lässt, ist nun wieder zu dick aufgetragen.

Ich stimme zu - leider ziemlich übel. Hier wird sein Licht klar unter den Scheffel gestellt.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #95
Die Kralle ist trotz gewisser Mängel ein sehr gelungener Beitrag der Holmes-Reihe der Vierziger

Das möchte ich auch nochmal bestätigen; nicht dass es so wirkt, als würde ich den Film nur kritisieren. Er ist schon sehr gut gemacht, die Stimmung prima und die Effekte wie von Patrick angesprochen äußerst hochwertig.

zu "Die Perle der Borgia":
Zitat von patrick im Beitrag #101
... doch [Sherlock Holmes gibt] sich auch eine ungewohnte Blöße, indem er Giles Conover praktisch die Gebrauchsanweisung für einen neuerlichen Diebstahl des guten Stückes liefert. Natürlich bleibt Holmes Selbstbewusstsein angesichts seines Lapsus unberührt und er nimmt rasch seine Ermittlungen auf. Inspektor Lestrade zeigt eine geradezu kindliche Schadenfreude daran, endlich erleben zu dürfen, dass nicht ihm selbst, sondern endlich einmal dem ihm weit überlegenen Meisterdetektiv, ein Missgeschick widerfahren ist.

Ich finde, dass diese Szene nicht nur ein ausnahmsweise 'mal sehr dezentes Beispiel für Ironie statt platten Humor im Rahmen der Reihe, sondern auch Gold für das Zusammenspiel der Serien-Regulars wert ist. Nicht umsonst würde ich "Perle der Borgia" als besten Auftritt von Dennis Hoey klassifizieren; auch Watson spielt sehr stark auf, kann aber sicher in "Das Spinnennest" durch seine Trauer um Holmes und den Masken-Irrtum mit Gilflower noch prägnantere Akzente setzen. - Natürlich könnte man anderweitig auch mahnend anfügen, dass keines der folgenden Opfer an Hoxtons Hand hätte sterben müssen, wenn Holmes sich diesen etwas dekadenten Irrtum mit der unterbrochenen Leitung nicht geleistet hätte. Man sieht daran, wie nah Ermittlungsspaß und Tragik beieinander liegen.
Zitat von patrick im Beitrag #101
Evelyn Ankers Präsenz beschränkt sich mehr oder weniger auf ihr gutes Aussehen. Als Conovers Helferin agiert sie eher naiv und ungeschickt, sodass Holmes mit ihr leichtes Spiel hat.

Das würde ich so nun keineswegs unterschreiben. Ankers hat in dieser spitzfindigen, kostümverliebten Rolle seit Jahren einen Platz unter meinen persönlichen Favoritinnen inne. Sie ist quasi die Fortführung des Maskenschurken Ramson. Mit dem Unterschied, dass man ihre echte Identität von Anfang an kennt. Und das tut der Sache für meine Begriffe keinen Abbruch, denn es erlaubt, sie etwas plastischer zu zeigen; wohingegen es in "Die Kralle" im Umkehrschluss eigentlich völlig egal ist, ob nun dem Chargen X oder Y die Maskerade vom Gesicht gerissen wird.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #102
Die Gestalt [des Furchtbaren] erinnert an die als Handlanger missbrauchten Horrorgestalten aus den Wallace-Büchern, der Schauspieler der wirklich schrecklich aussehenden Kreatur ist, glaube ich, auch derjenige, der den „Blinden Jake“ aus dem Wallacefilm Der Würger von London von 1939 gespielt hat.

Zum ersten Teil: ja, auf jeden Fall. Ady Berber wäre in einer deutschen Verfilmung hier klar die Idealbesetzung für Hattons Part gewesen. Zum zweiten Teil: Das ist ein Irrtum, der blinde Jake wurde von Wilfred Walter gespielt. Es handelt sich beim "Würger von London" ja auch um einen britischen und nicht um einen amerikanischen Film.
Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #102
Ob seine anschließende Ansprache an Watson zum Schluss, in der er von einer Welt ohne Verbrechen und anderen schönen Wünschen redet, nun wieder in den Bereich Propaganda fällt, kann man wohl nicht so genau sagen.

Im Gegensatz zu den vorherigen Filmen passt die Schlussrede nun endlich einmal zum Inhalt des Films; das ist immerhin schon ein Fortschritt.

Die angesprochenen Logik-Lücken der "Perle" fallen diesmal nicht in die Kategorie echte Fehler, sondern sind eher Auslassungen, Ungeschicktheiten oder Production code-Vorgaben.

PS: Schade, dass nach dem sehr geselligen Anfang des Threads nun nur noch wir drei mit an Bord sind. Ich würde mich auch wieder sehr über die sachlichen Urteile von @Count Villain und @brutus freuen!

patrick Offline




Beiträge: 3.245

09.02.2020 11:07
#105 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

The House of Fear (Das Haus des Schreckens, 1945)



Regie: Roy William Neill

Produktion: Universal Pictures, USA 1945

Mit: Basil Rathbone, Nigel Bruce, Dennis Hoey, Aubrey Mather, Paul Cavanagh, Harry Cording, Holmes Herbert, Sally Shepherd, Gavin Muir, David Clyde, Florette Hillier, Doris Lloyd, Alec Craig, Wilson Benge, Richard Alexander, Cyril Delevanti


Handlung:

Eine Gruppe älterer Herren, die sich "The Good Comrades" nennen, trifft sich in einem unheimlichen Haus an der schottischen Küste. Nachdem eines Abends beim Dinner einer von ihnen ein Kuvert mit Orangenkernen als Inhalt erhält, wird die Sache in's Lächerliche gezogen. Dies sollte sich rasch ändern, als der Empfänger der Sendung kurz darauf bei einem schweren Unfall verstümmelt wird und stirbt. Von nun an erhält in regelmäßigen Abständen immer ein anderer aus der Gruppe das berüchtigte Kuvert und stirbt ebenfalls auf grausame Weise. Die Anzahl der Orangenkerne verringert sich dabei immer entsprechend der Zahl der noch lebenden Männer. Obwohl Sherlock Holmes und Dr.Watson nach Schottland reisen, können sie weitere Morde nicht verhindern, die in derselben Manier verübt werden. Niemand sollte einer Prophezeiung zur Folge mit vollständig erhaltenem Körper in`s Jenseits gehen. Fest steht, dass sowohl die bereits verstorbenen Männer als auch alle weiteren potentiellen Opfer sehr hoch zu Gunsten der Überlebenden versichert sind. Offenbar möchte ein Mitglied der Gruppe den Rest aus dem Wege räumen, um die Versicherungssummen zu kassieren...

Anmerkungen:

Hier handelt es sich um ein klassisches "Old-Dark-House-Mysterie", das bezüglich Gothic-Atmosphäre wirklich aus dem vollen schöpft und durch eine wunderbar dunkle Kameraarbeit besticht. Der Rückblick auf die bereits erfolgten Morde wird von einem beunruhigten und Sherlock Holmes konsultierenden Versicherungsangestellten durch seine Stimme aus dem Off erzählt, was den Gruselfaktor angenehm steigert. Diesbezüglich ist eine Gemeinsamkeit mit dem "Hound of the Baskervilles" erkennbar. Ansonsten erinnert diese Geschichte sehr stark an Agatha Christies "Ten little Indians". Selbst beim Täter-Raten wird dem Zuseher ein ähnliches Schnippchen geschlagen. Dem routinierten Krimi-Feinschmecker drängt sich rasch eine besonders freundlich und harmlos agierende Person als Mörder auf, was sich aber schlussendlich als "Red Herring" entpuppt.

Holmes Ermittlungen in Schottland bilden eine wesentlich naheliegendere und stimmigere Erweiterung seines Aktionsradius als seine Ausflüge nach Washington und Kanada. Freilich ist es nicht sonderlich glaubwürdig, dass sieben ältere und wohlbetuchte Herren offenbar ohne Anhang leben und nur untereinander ihr Erbe aufteilen. Eine solche Konstellation ist naturgemäß ein gefundenes Fressen für Holmes. Dass der Mordversuch mit der vergifteten Nadel rein gar nicht zur bisherigen Verstümmelungsmethode passt ist wohl auch ein Fehler, den man sich Holmes gegenüber nicht erlauben darf.

Roy William Neill hat es vorzüglich verstanden, die Holmes-Reihe auf die Grusel-Schiene zu lenken, ohne dabei den kriminalistischen Aspekt zu vernachlässigen. Natürlich bleibt dabei deutlich, dass er sich von altbekannten und klassischen Vorbildern inspirieren ließ. Der hier angesteuerte Versicherungsbetrug wirkt gar nicht einmal übel durchdacht und zeigt eine gelungene Abwandlung zu Christie, sodass die Parallele zu den "Ten Little Indians" nicht allzu augenfällig ist.

Als grobschlächtiger Captain Simpson ist Harry Cording in einer sehr gut zu ihm passenden Rolle zu sehen. Er agierte bereits 1938 neben Basil Rathbone in dem Errol-Flynn-Klassiker "The Adventures of Robin Hood" im Dienste des Bösen. Innerhalb der Rathbone-Holmes-Reihe spielte er in insgesamt 9 Filmen in verschiedenen kleinen Rollen mit. Watsons "Konversation" mit einer Eule ist humoristisch etwas zu seicht geraten. Wesentlich besser gefällt mir hingegen jene Szene, in der Inspektor Lestrade ein Kuvert erhält und zu einer entsprechenden Reaktion hingerissen wird.

Fazit:


Als atmosphärisches Gustostück mit exzellenter Bildersprache und scheinbaren Anleihen bei Christie ist "The House of Fear" zwar nicht übermäßig glaubwürdig, dafür aber umso mehr unterhaltsam. Zweifellos wird man hier in der Gestalt eines astreinen Krimimärchen auf hohem Niveau unterhalten.


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