Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 153 Antworten
und wurde 6.234 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker international
Seiten 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | ... 11
Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

15.12.2019 08:15
#16 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten



Die Abenteuer des Sherlock Holmes (The Adventures of Sherlock Holmes)

Kriminalfilm, USA 1939. Regie: Alfred L. Werker. Drehbuch: Edwin Blum, William Drake (Vorlage „Sherlock Holmes“, 1899: William Gillette). Mit: Basil Rathbone (Sherlock Holmes), Nigel Bruce (Dr. John Watson), George Zucco (Professor Moriarty), Ida Lupino (Ann Brandon), Alan Marshal (Jerrold Hunter), Terry Kilburn (Billy), Henry Stephenson (Sir Ronald Ramsgate), E.E. Clive (Inspector Bristol), Peter Willes (Lloyd Brandon), Arthur Hohl (Bassick) u.a. Uraufführung (USA): 1. September 1939. Erstsendung (CH, Synchronisation): 10. Februar 1996. Eine Produktion von Twentieth Century Fox.

Zitat von Die Abenteuer des Sherlock Holmes
Nachdem er vor Gericht fast von Sherlock Holmes eines heimtückischen Mordes überführt worden wäre, schwört der Napoleon des Verbrechens, Professor Moriarty, seinem Erzfeind einen weiteren vernichtenden Schlag. Er will das größte Verbrechen des Jahrhunderts unter den Augen des renommierten Meisterdetektivs begehen, um diesen völlig bloßzustellen. Dazu ersinnt er zwei Taten, von denen eine von der anderen ablenken soll. Sein Ansinnen scheint aufzugehen – spätestens als er das „unwichtigere“ der beiden Verbrechen um einen weiteren Mord ergänzt, um Holmes’ Aufmerksamkeit in die falsche Richtung zu lenken. Doch wer wird bei dem Duell am Ende die Nase vorn haben?


„Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ kann gewissermaßen als Schnellschuss von 20th Century Fox nach dem großen Erfolg des „Hunds von Baskerville“ betrachtet werden. Weniger als ein halbes Jahr nach dessen Kinostart war auch der Folgefilm bereits fertig – er wurde just an dem Tag in den USA uraufgeführt, an dem in Europa der Zweite Weltkrieg begann. Trotz der Freiheiten, die sich spätere Universal-Holmes-Filme herausnahmen, ist „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ der einzige Eintrag der Rathbone-Reihe, der offiziell auf Quellen außerhalb des Doyle’schen Kanons verweist – der Film nimmt sich William Gillettes Bühnenstück zur Grundlage, das als frühes Pastiche zu jener Zeit entstand, als das weltweite Publikum Holmes für immer in den Fluten des Reichenbachfalls ertrunken wähnte. Obwohl Gillette für sein Stück und die Verkörperung von Holmes seinerzeit großen Zuspruch erhalten hatte, glaubte man bei Fox, eine freie Adaption mit weitgehend neu geschaffenem Inhalt sei hier das Mittel der Wahl.

Dass der Plot ähnlich wie noch bei Gillette bei Moriartys Gerichtsverhandlung und folglich mit einer offenen Rechnung zwischen Holmes und Moriarty beginnt, ist eigentlich ein perfekter Ausgangspunkt, um den namhaften Gegner für Holmes würdig einzuführen und sein schreckliches Verbrechen anzukündigen. Und obwohl zwischen Basil Rathbone und seinem Filmkontrahenten George Zucco zunächst wundervolle Bösartigkeiten ausgetauscht werden, versandet das Duell im weiteren Verlauf des Films leider zunehmend. Regisseur Alfred L. Werker gelang es nicht, die Spannungshöhepunkte so zu betonen, dass sie den gesamten Film tragen. Stattdessen wirkt das Endprodukt – gerade im Vergleich zum so gelungenen „Hund von Baskerville“ – fade, tempoarm und vor allem ausgesprochen harmlos, zumal keines der beiden Verbrechen den Zuschauer wirklich überzeugt. Der Kronjuwelenraub kommt deutlich zu kurz und stellt sich in seiner Ausführung viel zu plump dar, um einem Verbrechergenie wie Moriarty gerecht zu werden. Das dem gegenübergestellte Mysterium der Brandon-Familie verfügt zwar über einen gewissen Reiz, der jedoch von den theatralischen Darbietungen von Ida Lupino und Alan Marshal weitgehend neutralisiert wird.

Da oftmals nur die amüsant zu betrachtenden Interaktionen zwischen einem von Rathbone weiter geschärften Holmes und einem von Bruce zunehmend in Richtung liebenswerter Komik verschobenen Watson von Interesse sind, erinnert „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ – kurioserweise vielleicht der in Bezug auf die viktorianische Ausstattung hochwertigste der 14 Produktionen – eher an einen Kostümfilm als an einen ordentlichen Krimi. Immerhin achtete 20th Century Fox auch auf liebevolle Kleinigkeiten aus dem Holmes-Universum wie etwa das Auftauchen von Mrs. Hudson und Page Billy sowie den persischen Tabakpantoffel. Aufmerksame Zuschauer werden zudem zwei Kuriosa bemerken: Erstens scheinen Holmes und Watson in diesem Film nicht gemeinsam in der Baker Street zu wohnen; zweitens gönnt man Basil Rathbone das Vergnügen, in Verkleidung als Sänger auf einer Gartenparty aufzutreten und damit einen der langsamsten Teile des Films zumindest mit etwas guter Laune zu überbrücken.

Nachdem das Publikum seine Begeisterung über Rathbone als Holmes zum Ausdruck gebracht hatte, schien eine rasche und zugleich edle Fortsetzung das Gebot der Stunde zu sein. Leider versäumte Fox, größere Aufmerksamkeit über die Form hinaus auch auf den Inhalt des zweiten Holmes-Films zu legen, der anspruchsloser und uninteressanter daherkommt als die meisten späteren B pictures von Universal. Obwohl Rathbone, Bruce und Zucco perfekt spielen, lässt das Endergebnis doch zu wünschen übrig.

Havi17 Offline




Beiträge: 3.300

15.12.2019 10:12
#17 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Schön, daß diese Reihe nun auch Entdeckung gefunden hat!

Gruss
Havi17

patrick Offline




Beiträge: 3.204

15.12.2019 13:46
#18 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten


The Adventures of Sherlock Holmes (Die Abenteuer des Sherlock Holmes, 1939)




Regie: Alfred L.Werker

Produktion: Darryl F.Zanuck, 20th Century Fox, USA 1939

Mit: Basil Rathbone, Nigel Bruce, Ida Lupino, Alan Marshal, George Zucco, Terry Kilburn, Henry Stephenson, E. E. Clive, Arthur Hohl, Mary Forbes, Peter Willes, Mary Gordon, Frank Dawson, George Regas, William Austin, Holmes Herbert


Handlung:

Holmes Erzfeind Professor Moriarty entgeht nur knapp einer Verurteilung wegen Mordes, da Holmes erst nach Verkündigung des Freispruchs mit neuen Beweisen auftaucht. In einem Gespäch unter 4 Augen kündigt der Professor ein Jahrhundertverbrechen an, wodurch er Holmes zu einem Kräftemessen herausfordert. Er schickt dem Bruder der jungen Ann Brandon das gezeichnete Bild eines Mannes, der einen Albatross um den Hals hängen hat. Da ihr Vater 10 Jahre zuvor ein eben solches Bild bekam, bevor er ermordet wurde, fürchtet sie nun um das Leben ihres Bruders, der kurz darauf tatsächlich getötet wird.
Einige Tage später bekommt auch Ann das Bild mit dem Albatross und hört eines Nachts auch noch eine gruselige Musik, die sie als jene Melodie erkennt, die gespielt wurde bevor ihr Vater durch das Gewaltverbrechen starb. Holmes weis zuerst nicht, dass Moriarty dahinter steckt, muss aber schließlich erkennen, dass dieser ein besonders undurchsichtiges Spiel treibt...


Anmerkungen:

Der große Erfolg des "Hundes" rechtfertigte das schnelle Erscheinen dieser zweiten Rathbone-Holmes-Verfilmung noch im selben Jahr, bevor dann das Thema, wohl durch den Ausbruch des Krieges bedingt, für 3 Jahre ruhte. Auch Moriarty gehört zu den herausragenden Charakteren des Holmes-Oeuvres und erscheint hier auf den ersten Blick wie der Wolf im Schafspelz. Dargestellt von George Zucco hat sein Erscheinungsbild nichts diabolisches an sich und wirkt eher ansprechend. Während der Gerichtsverhandlung bleibt er ausgesprochen stoisch. Seine Kaltblütigkeit lässt er aber rasch durch menschenverachtende Bemerkungen und die Angst, die ihm seine Bediensteten entgegenbringen, erkennen. Die düstere Musik, welche als Vorbote für die Morde fungiert, ertönt dann auch gleich bei der ersten Szene in seinem Heim im Hintergrund. Moriarty ist hochintelligent, eiskalt und sadistisch und damit die wohl größte kriminalistische Herausforderung für Holmes, da er auch dessen Schwachpunkte kennt und gewieft gegen ihn einsetzt. Als Zuseher weis man zwar von Anfang an, dass Moriarty hinter den alles andere als leeren Morddrohungen steckt, kann sich aber vorerst keinen wirklichen Reim daraus machen, was er im Schilde führt, bis dann eine parallele Handlungsebene einsetzt, auf die Holmes in letzter Sekunde dann doch noch aufmerksam wird.

Alan Marshal muss nur allzu offensichtlich als "Red Herring" herhalten, bevor als handlangender Mordgeselle eine bislang unbekannte Person in Erscheinung tritt. Nachdem der "Hund" nicht zuletzt wegen seiner damals durchaus beliebten Gruselelemente punktete, wurde auch hier sehr oft eine unheimlich neblige Atmosphäre geschaffen, die ganz besonders durch die wirklich gelungene gruselige Musik, die laut Holmes ihren Ursprung bei den Bestattungszeremonien der alten Inkas hat, unterstrichen wird. Damit wurde sehr geschickt eine Düsterheit eingebracht, die an den Charme des "Hundes" anknüpft, auch wenn sie ihn schlussendlich nicht erreicht. Etwas ungewöhnlich ist Holmes Auftritt als Music-Hall-Entertainer, was irgendwie gar nicht zu seinem Charakter passt.

Moriartis Ende ist leider nicht sonderlich eindrucksvoll inszeniert und jener Fehler, der Holmes auf seine Spur bringt, ist seines verbrecherischen Genies eigentlich nicht würdig. Auch wirkt der Umstand, dass seine Maskerade im reinen Abrasieren des Bartes besteht, schon sehr naiv.

Fazit:


Holmes-Streifen, der eine mit sehr reizvollen Elementen angereicherte Handlungsebene mit einer leider eher lau inszenierten Kronjuwelen-Geschichte verbindet, die sich einige Schwächen erlaubt, und damit die Qualität, die der "Hund" vorgelegt hat, nicht halten kann. Trotzdem besitzt der Film einen gewissen Unterhaltungswert und bleibt der Stilrichtung treu. 3,5 von 5 Punkten.


Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 413

15.12.2019 18:34
#19 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Die Abenteuer des Sherlock Holmes (1939)


Handlung:

London, Anfang der Neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts: Vor Gericht steht Professor Moriarty, ein kalt aussehender Mann mit einem dichten Vollbart. Vorgeworfen wird ihm ein Mord, doch obwohl der Richter fest an seine Schuld glaubt, muss er wegen Mangel an Beweisen freigesprochen werden. Keine Minute später stürmt ein abgehetzter aufgeregter Sherlock Holmes in den Gerichtssaal, der den schlagenden Beweis für die Schuld des Delinquenten zu haben glaubt, doch der Freispruch ist schon geschehen und niemand kann in England wegen des selben Vergehens noch einmal vor Gericht gestellt werden. Der kriminellee Professor hat seinen Kopf gerade so aus der Schlinge gezogen, und in einer gemeinsamen Kutschfahrt mit seinem detektivischen Kontrahenten prophezeit er diesem eine große Niederlage beim Jahrhundertverbrechen, welches er als nächstes begehen will.
In Folge wird Holmes mit geheimnisvollen Geschehnissen überhäuft. Er bekommt kryptische Nachrichten zugeschickt, wird von Sir Ramsgate um seinen Beitrag bei der Bewachung bei der Überstellung eines kostbaren Smaragds in den Tower gebeten und eine junge Dame fleht um seine Hilfe, da sie sich und ihren Bruder von einer unbekannten Macht bedroht fühlt, die schon ihren Vater auf dem Gewissen hatte. Natürlich weiß Holmes, dass im Hintergrund sein schwarzbärtiger hochintelligenter Gegenspieler mit dem akademischen Titel die Fäden zieht, doch er folgt lieber seiner Natur und nimmt sich des verlockenderen Falles der jungen Ann Brandon an, als sich um das langweiligere Problem mit dem wertvollen Edelstein zu kümmern, welches er dann auch kurzerhand seinem treuen und mittlerweile ziemlich einfältigen Gefährten Dr. Watson zuschanzt. Beide Fälle entwickeln sich langsam und kulminieren an einem Abend, doch der diabolische Professor hat noch einen Trumpf in der Hand, und der große Meisterdetektiv muss sich ganz schön anstrengen, um seinem guten Ruf gerecht zu werden...


Bewertung:

Dankenswerterweise spielt auch der zweite, allerdings mehr oder weniger frei erfundene Fall von Holmes und Watson im victorianischen London, wo es noch Gaslaternen gibt und einspännige Hansoms als Taxi durch die Gegend fahren. Die Mode, besonders die der Damen, ist nicht ganz so schrecklich ausgeführt wie sie wohl tatsächlich war.
Schon in diesem Folgefilm tritt der "Napoleon des Verbrechens" auf, Holmes geradezu ebenbürtiger Gegenspieler, der allerdings im literarischen Gesamtwerk nie die überbordende Bedeutung hatte, auf die ihn vor allem zahlreiche Verfilmungen geschoben haben. Tatsächlich sind es nur zwei Fälle, in denen der Überschurke direkt eine Rolle spielt, in manchen wird er noch von Holmes aus nostalgischen Gründen am Rande erwähnt.
Der im Film von Georg Zucco gespielte Moriarty ist eine gelungene Darbietung, es fällt auf, dass seine "Verkleidung" darin besteht, sich im entscheidenden Moment seinen dominierenden Bart abzurasieren, was ihm ein völlig anderes (und wesentlich attraktiveres) Aussehen verschafft, während Holmes' Maskierung ja sehr häufig durch einen angeklebten Vollbart besteht. Auch diesmal wieder tarnt er sich damit in den Kleidern eines südamerikanischen Sängers, und er ist er wirklich kaum zu erkennen.
Und während Holmes zum Leidwesen seines Gefährten Dr. Watson mit Inbrunst seine Geige traktiert und sie dabei fast wie eine Gitarre spielt, ist Moriartys große Leidenschaft das Züchten von tropischen Pflanzen (erinnert ein wenig an Nero Wolfe). Allerdings saß der verbrecherische Gelehrte in den Büchern nie auf der Anklagebank und hielt sich stets im Dunkeln.
Von der Polizei sieht man einen Inspektor Bristol agieren, der meiner Ansicht nach in keiner Holmes-Story auftaucht, aber große Ähnlichkeit mit Lestrade hat.
Der "gute alte Watson" wird nun leider wesentlich dümmlicher hingestellt als noch im Baskerville-Film, ein großer gutmütiger Einfaltspinsel, der neben seinem in jeder Hinsicht überlegenen Freund Holmes häufig eine lächerliche Figur macht. Sehr schade, damit konnte ich mich noch nie anfreunden, ganz einfach, weil diese Darstellung an seiner ursprünglichen Vorlage vollkommen vorbeigeht. Dabei ist Watson studierter Mediziner mit einem Doktortitel, der schon einiges von der Welt gesehen hat und sicher auch wesentlich bessere soziale Kompetenzen hat als die "Rechenmaschine" Holmes. Vollkommen unglaubhaft auch, dass sich der große Detektiv mit einem dermaßen ausgemachten Tölpel als engsten und einzigen Freund abgeben würde. Sicher ist wohl, dass sich Sherlock niemals mit einem intellektuell ebenbürtigen Menschen umgeben würde, Watson ist trotzdem nicht dumm, nimmt nur die Dinge so wahr, wie sie im ersten Augenblick zu sein scheinen.
Der Film soll ja nach einem Theaterstück gedreht worden sein, wobei einiges geändert wurde, es gibt Anspielungen aus einigen Fällen aus der Doyleschen Geschichtensammlung: Moriarty aus dem Letzten Problem, aus dem auch der Todessturz am Ende übernommen ist (wobei hier Holmes eher seine Kenntnisse des englischen Boxens als die des japanischen Ringens zupass kommen), der junge Diener Billy aus dem Mazarin-Stein, und auch die geheimnisvollen Drohbriefe mit Todesfolge, die so ähnlich auch bei den Fünf Apfelsinenkernen, oder auch dem Zeichen der Vier (?) vorgekommen sind. Dazu noch der Einbruch von Holmes und Watson, der an die Episode mit dem Erpresser Charles Augustus Milverton erinnert.
Leider merkt man recht deutlich, dass der Film nachträglich noch umgeschnitten sein soll, denn ein Ausbund an Holmes`scher Logik ist er tatsächlich nicht. Dass die Geschichte mit den ominösen Albatros-Briefen und den Todesfällen in der Familie Brandon nur ein Ablenkungsmanöver sein soll, ist schon verständlich, überhaupt nicht dagegen, wie Anns Vater schon zehn Jahre vor den aktuellen Ereignissen auf solche Weise getötet wurde - da hätte Moriarty ja wirklich hellseherische Fähigkeiten haben müssen. Auch der stets verdächtig dargestellte Verlobte von Ann, Jerold Hunter, hatte wohl noch seine eigene Geschichte, die aber unerwähnt bleibt, so dass die erwähnte Hochzeit der beiden zum Schluss irgendwie aufgesetzt wirkt. Auch dass sich das ganze Wachregiment vom Tower um eine auf der Straße umgestürzte Kutsche schart, so dass sich Holmes heimlich einschleichen kann, zeugt nicht gerade von der eisernen Disziplin der Soldaten. Ja, und wie nun der Bösewicht Moriarty mit den ganzen geraubten Kronjuwelen wieder aus der Festung nach draußen kommen wollte, bleibt wohl auch sein Geheimnis - vielleicht in einem Ballon ?
Und der arme Bruder von Ann mit seinem grausigen Ende, wie ist der Detektiv da überhaupt darauf gekommen, dass eine Waffe geworfen wurde, mal abgesehen davon, dass das Opfer nicht erwürgt wurde (wie immer behauptet), sondern erdrosselt...
Sehr schön dagegen ist die düstere Flötenmelodie, die unheilvoll den Tod der Brandonschen Familienmitglieder ankündigt, das war wirklich ein gelungener Einfall. Auch hier muss man sich nun fragen, warum Ann beim Erklingen dieser Melodie aus der Sicherheit ihres Zimmers direkt nach draußen flüchtet und ihrem gedungenen Mörder in die Arme läuft, woher wusste der Killer das ? Aber Frauen sind ja nun mal nach victorianischer Ansicht triebhafte Wesen mit verminderter Intelligenz, darauf hatten die Täter wohl spekuliert...
Sicher ist die Dramatik in diesem Film etwas unsymmetrisch verteilt, am Ende überschlagen sich die Ereignisse, während nach dem starken Einstieg die Handlung in der Mitte systematisch und langsam die Spannungsschraube anzieht. Doch im Prinzip ist daran nichts auszusetzen, Langeweile kommt nie auf.
Auch wenn Sherlock Holmes Frauen nicht mag, so ist er Miss Brandon gegenüber doch stets verständnisvoll und aufmunternd, fast schon auf eine väterliche Weise beschützend. Doch auch in diesem Fall gelingt ihm die Rettung seiner Schutzbefohlenen gerade so im letzten Moment. Das alles dient selbstverständlich nur der Spannungssteigerung.
Nachdem Holmes den bösen Professor höchstpersönlich zumindest für diesen Film zur Hölle geschickt hat und auch der tapfere Watson durchaus großen Anteil am guten Ausgang des Abenteuers hatte, sind alle am Ende wieder glücklich vereint und freuen sich auf weitere Erlebnisse.

Aufgrund seiner eklatanten Logiklöcher würde ich dem Film weniger Punkte geben, doch die liebevolle historische Ausstattung und die weitgehend spannende Handlung entschädigen für einiges.

Count Villain Offline




Beiträge: 4.318

15.12.2019 18:54
#20 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #19
Leider merkt man recht deutlich, dass der Film nachträglich noch umgeschnitten sein soll, denn ein Ausbund an Holmes`scher Logik ist er tatsächlich nicht.


Die Logikpolizei ist zurück! Ich freue mich!

Das hatte ich seit dem Wallace der Woche schon irgendwie vermisst.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 413

17.12.2019 19:45
#21 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Zitat von Count Villain im Beitrag #20
Die Logikpolizei ist zurück! Ich freue mich!


Eigentlich ein Paradoxon. Die Logikpolizei auf den Spuren von Sherlock Holmes. Müsste im Prinzip umgekehrt sein.

Aber selbst die literarischen Abenteuer des victorianischen Superhirns wurden ja auf ihre Plausibilität schon lange abgeklopft. Hab da mal irgendso eine Studienarbeit gelesen, die sich mit dem Fall des gefleckten Bandes beschäftigte. Owei, da ist Sir Arthur Conan nicht so gut weggekommen.
Persönlich fand ich den Hund von Baskerville auch nie sonderlich plausibel, aber die Stimmung und die Schauplätze sind einfach genial.
Und außerdem, wir alle agieren auch nicht immer logisch im Leben. Sind ja keine Maschinen.

Count Villain Offline




Beiträge: 4.318

17.12.2019 20:31
#22 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Zitat von Dr. Oberzohn im Beitrag #21
Und außerdem, wir alle agieren auch nicht immer logisch im Leben. Sind ja keine Maschinen.


Wobei letzteres gerade bei Sherlock Holmes regelmäßig bezweifelt wird.

brutus Offline




Beiträge: 12.980

19.12.2019 14:51
#23 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Die Abenteuer des Sherlock Holmes

Der Erfolg des Hundes von Baskerville veranlasste die 20th Century Fox unverzüglich einen Nachfolger zu produzieren, der dann auch in Rekordzeit abgedreht und noch im September 39 in die Kinos kam, gerade mal 6 Monate nach dem Hund. Äußerlich merkt man dem Film diese Eile allerdings nicht an: Ausstattung und Kulisse sind auf solidem Hollywood-Niveau und können mit dem Vorgängerfilm locker mithalten. Auch bei der Besetzung gibt es nichts zu beanstanden, neben dem Duo Rathbone und Bruce (sowie Mary Gordon als Holmessche Haushälterin Mrs. Hudson) sehen wir bekannte Hollywood-Darsteller wie Ida Lupino, Alan Marshal und George Zucco, letzterer als Prof. Moriaty, Holmes intellektuell durchaus gleichwertigem Gegenspieler. Beide liefern sich auch gleich zu Beginn ein fulminantes Rededuell bei einer gemeinsamen Kutschfahrt, das Appetit auf mehr macht. Bei dieser Fahrt kündigt Moriaty dann auch das ultimate Verbrechen an, welches den Rest der Handlung erklärt. Zur Ablenkung von diesem Verbrechen inszeniert er dann die Bedrohung der Geschwister Brandon (inklusive der Ermordung des Bruders), die Holmes dann auch prompt eine Weile auf Trab hält. Leider schleppt sich dieser Teil doch ein wenig dahin (trotz eines recht amüsanten Auftritts des als Sänger verkleideten Holmes bei einer abendlichen Gartenparty). Dazu entpuppt sich das Superverbrechen als popeliger Raub der Kronjuwelen aus dem Tower (mal wieder). Holmes durchschaut alle falschen Fährten natürlich rechtzeitig, um im passenden Moment zum finalen Showdown am Tatort aufzukreuzen. Dieser beginnt zwar mit eine stark gefilmten Treppenhausszene, in der die Licht- und Schattenspiele exzellent zur Geltung kommen, endet aber leider mit einem, für zwei solche Geistesgrößen eigentlich unwürdigen, profanen Faustkampf auf dem Dach mit dem schlechteren Ende für den Bösen (welch Überraschung ).

Detailreiches Ambiente und solide Darsteller machen den zweite Holmes-Streifen der 20th Century Fox zu einem schönen Ausstattungsfilm, die eigentliche Kriminalhandlung dümpelt aber relativ unspektakulär auf das erwartbare Ende hin. Im Summe gibt es dafür 3,5 Punkte

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

22.12.2019 08:45
#24 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Das sind doch generell recht positive Einschätzungen zu den "Abenteuern". Mir kam der Film ziemlich gedehnt vor und obwohl ich nicht allen angeblichen Logiklöchern zustimme, so ist die Frage, wie Moriarty mit den Juwelen aus dem Tower entkommen will, doch ein ziemliches Plothole, das zeigt, dass das Script doch recht oberflächlich "mit heißer Nadel" gestrickt wurde.

Zitat von brutus im Beitrag #23
... endet aber leider mit einem, für zwei solche Geistesgrößen eigentlich unwürdigen, profanen Faustkampf auf dem Dach

Hier muss ich doch zumindest formal einwenden, dass es sich um das beste Äquivalent zum berühmten Sturz von den Reichenbachfällen handelt, das man innerhalb des Tower of London hätte zimmern können. Überhaupt fällt bei den Rathbone-Filmen auf, dass bei allen drei Malen, bei denen Holmes gegen Moriarty antritt, der böse Professor am Ende durch einen Sturz ums Leben kommt (und trotzdem immer wieder auf[er]steht ). Das sind eigentlich ganz nette Reminiszenzen.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

22.12.2019 09:15
#25 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten



Die Stimme des Terrors (Sherlock Holmes and the Voice of Terror)

Kriminalfilm, USA 1942. Regie: John Rawlins. Drehbuch: Lynn Riggs, John Bright (Vorlage „His Last Bow“, 1917: Sir Arthur Conan Doyle). Mit: Basil Rathbone (Sherlock Holmes), Nigel Bruce (Dr. John Watson), Reginald Denny (Sir Evan Barham), Evelyn Ankers (Kitty), Thomas Gomez (Meade), Henry Daniell (Anthony Lloyd), Montagu Love (Genreal Jerome Lawford), Olaf Hytten (Admiral Fabian Prentiss), Leyland Hodgson (Captain Ronald Shore), Hillary Brooke (Chauffeurin Grandis) u.a. Uraufführung (USA): 18. September 1942. Erstsendung (BRD, Synchronisation): 16. August 1992. Eine Produktion von Universal Pictures.

Zitat von Die Stimme des Terrors
Sherlock Holmes, der sich in privaten Fällen immer wieder als brillanter Denker bewiesen hat, wird ob der Schwierigkeiten im Kampf gegen die deutschen Nationalsozialisten auch von der britischen Abwehr um Hilfe gebeten. Die Nazis wollen England mit einer Reihe von Anschlägen, begleitet von einer Radiosendung mit der selbsternannten „Stimme des Terrors“, destabilisieren. Holmes findet heraus, dass es sich um Aufzeichnungen aus Salzburg handelt und ein Doppelagent im Londoner Verteidigungsrat sitzen muss. Nicht nur setzen die Feinde Englands dem Detektiv und seinen Informanten mit rauen Methoden zu; auch werden ihre Vergeltungsschläge umso heftiger, je näher Holmes der schockierenden Lösung kommt ...


Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der gleiche Faktor, der weitere Holmes-Verfilmungen zwischen 1939 und 1942 verhindert hatte, nun für eine Rückkehr des Ermittlers bei Universal sorgte: Man schickte Holmes – jenes Symbolbild viktorianischer Gemütlichkeit und Rechtschaffenheit – in den Kampf gegen Nazis und ihre Schergen bzw. beauftragte ihn (wie man es diplomatischer in einer Texttafel nach dem Vorspann ausdrückte) mit „der Lösung bedeutender Probleme der Gegenwart“. Dass dieses Rezept funktioniert, ist überraschend und doch logisch zugleich: Schließlich hatte es bis zum damaligen Zeitpunkt mit Ausnahme der zwei historisch korrekten Fox-Filme nur tagesaktuelle Holmes-Filme gegeben – egal ob bei Eille Norwood, Clive Brook oder Arthur Wontner. Die große Ära der akkuraten Plüschadaptionen begann erst später. So kombiniert „Die Stimme des Terrors“ die Kriegsverbrechen wahnsinniger NS-Täter mit dem immerwährenden Nimbus des Meisterschnüfflers, dessen 221b-Quartier von der verzweifelten Weltenlage fast völlig verschont geblieben zu sein scheint. Bemerkenswert ist die Kontinuität, mit der die geliebten Insignien wiederkehren: Rathbone trägt den gleichen Morgenmantel wie drei Jahre zuvor und Mrs. Hudson wird ebenso freundlich wie zuvor von Mary Gordon verkörpert. Man achtete aber sehr genau darauf, eine klare Trennlinie zwischen der alten und neuen Holmes-Welt zu ziehen: Zu Hause schmaucht Rathbone eine Pfeife, unterwegs raucht er jedoch Zigaretten. Und als er beim Aufbrechen zum Deerstalker greift, wird er von Bruce ermahnt, diesen Anachronismus doch lieber an den Nagel zu hängen.

Durch die ungeschönt gezeigten Angriffe auf England gewinnt der Film eine ausgesprochen düstere Atmosphäre, die ihm eine weiterreichende Bedeutung verleiht als illustren privaten Mordangelegenheiten, ihn aber zugleich auch schwerer verdaulich und ungemütlicher macht. Ungewöhnliche Härten wie der größenwahnsinnige Traum des Verbrechers Meade oder das Ende der zweifelhaften Heldin Kitty tragen darüber hinaus zu einer bitteren Note bei. Sicher nimmt „Die Stimme des Terrors“ folglich bei kaum einem Holmes-Fan einen persönlichen Spitzenplatz ein. Einmal-Regisseur John Rawlins braucht sich aber keine Vorwürfe machen zu lassen: Er schildert nicht nur die zunehmende Verzweiflung sehr anschaulich, sondern verknüpft die noch junge Holmes-Reihe zudem mit den Stilmerkmalen des Film Noir, indem er auf starke Schwarzweißkontraste, sattes Nachtschwarz und extreme Nahaufnahmen mit Lichtblitzen in den Augen der Darsteller setzt.

Abstriche muss man bei einigen Glaubwürdigkeiten der Hintergründe bzw. der Holmes’schen Deduktionen machen, doch Rathbone trotzt selbst einigen kitschigen oder plumpen Dialogen. Evelyn Ankers setzt ein starkes Highlight unter den frühen Darstellerinnen, während Thomas Gomez als Meade im Stile der damaligen Propaganda den Bogen des guten Geschmacks mehrfach überspannt. Leider wird dem Zuschauer als Verdächtige nur ein recht gesichtsloser Haufen von Politikern und Admiralen angeboten, bei dem es letztlich egal ist, wer als „Maulwurf“ hinter der Stimme des Terrors steckt. Wichtiger als die Täterenthüllung ist folglich der kriegsmoralische Effekt, einen Schlag gegen die Feinde der Freiheit gelandet zu haben, was sich in einer bewegenden Ansprache am Ende des Films niederschlägt. Sie ist das verbindende Element zum originalen Holmes-Kanon, ist sie doch wörtlich der unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg spielenden Geschichte „Seine Abschiedsvorstellung“ entnommen.

„Die Stimme des Terrors“ stellt einen eindrücklichen und nicht unatmosphärischen Wiedereinstieg Rathbones in die Holmes-Rolle dar. Leider ist der Film eher politisch als kriminell, was die beiden anderen ähnlich gelagerten Folgefilme besser austarierten. Die dynamische Inszenierung und dramatische Schockmomente sind aber durchaus anerkennenswert.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 413

22.12.2019 11:35
#26 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Sherlock Holmes - Die Stimme des Terrors (1942)


Handlung:

Scheinbar muss es noch einen besonders mysteriösen Fall geben, der vor dem aktuell besprochenen liegt und mit Das Rätsel der Zeitmaschine betitelt werden kann. Hat Holmes bei seinem berühmten Zeitgenossen H.G. Wells Ermittlungen angestellt, ist dabei auf die Zeitmaschine im Keller gestoßen und der trottelige Dr. Watson hat aus Versehen den falschen Hebel gezogen ? Na, wie auch immer, jedenfalls tauchen die beiden plötzlich im London der frühen vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts auf, keine Minute zu spät, denn das britische Vater- oder bessergesagt Mutterland ist in höchster Gefahr. Großbritannien befindet sich im Krieg mit Nazi-Deutschland, und eine aufdringliche Radiosendung, "die Stimme des Terrors", besudelt den Äther mit ihrer antibritischen Propaganda und verkündet frohlockend den Erfolg aller möglichen Sabotageakte, die von unbekannten Schurken im deutschen Auftrag durchgeführt wurden. Das ist natürlich schlecht für die Moral des Volkes, und da der Geheimdienst mit seinen üblichen Methoden keinen Erfolg hat, muss man auf einen erfolgreichen Amateur wie Sherlock Holmes zurückgreifen (diese Praxis haben die Engländer im Krieg tatsächlich durchgeführt). Für Holmes und sein Anhängsel Watson, beide britische Patrioten vom Scheitel bis zur Sohle, ist es natürlich keine Frage, ob sie helfen wollen, trotz des Gegenwindes, der ihnen von verschiedenen Mitgliedern des Kriegskabinetts entgegenschlägt. Doch Sir Barham, ein hohes Mitglied des Kabinettes und ehemaliger Studienkollege von Watson, setzt sich durch. Holmes findet bald heraus, dass der Geheimsender in Österreich (oder zu dieser Zeit wohl Ostmark) mit in England besprochenen Tonträgern funkt, die auf konspirative Art von deutschen Flugzeugen übermittelt werden (Wozu diese umständliche Prozedur ? Keine Ahnung...). Nebenbei wird auch einer seiner Informanten vor seiner Haustür ermordet, nachdem er Nachforschungen im Eastend angestellt hatte. Holmes und Watson begeben sich selber in die Höhle des Löwen, und mit Hilfe der -überaus attraktiven- Freundin des Mordopfers, Kitty, gelingt es ihnen sogar, die anfangs feindselig eingestellten Bewohner von Limehouse mit auf die Seite der guten Sache zu ziehen. Weiterhin schleicht sich die nicht ganz ladyhafte Dame bei einem gewissen Meade ein, ein Kollaborateur auf Seiten der Nazis, der Holmes am Ende an einen verborgenen Ort in einer Ruine an der Küste führt, von wo aus die Bösewichter, alles fanatische Feinde und ihre Helfer, die bevorstehende Invasion Großbritanniens durch die deutsche Armee unterstützen wollen. Natürlich hat Holmes die (ziemlich lahmen) Tricks durchschaut und entlarvt auch noch ein führendes Mitglied der Verschwörer, das sich die ganze Zeit als Mitglied des Kabinetts getarnt hat... So kann die Weltgeschichte letzten Endes wie bekannt weiter verlaufen, und England bleibt nicht zuletzt dank der Hilfe seines berühmtesten Detektiv unbesetzt.


Bewertung:

Der Auftritt von Sherlock Holmes und Dr. Watson dient in diesem Film im Prinzip nur dazu, die beiden bekannten englischen Nationalfiguren für eimerweise ausgekübelte Kriegspropaganda zu ge- oder bessergesagt missbrauchen. Zum damaligen Zeitpunkt sicher nachvollziehbar und sinnvoll, doch heutzutage eher eine Peinlichkeit. "Die Stimme des Terrors" der Deutschen mag mit ihrer Mischung aus Drohung und Versprechung für die "dekadenten Angelsachsen" tatsächlich recht real dargestellt sein, doch die britische Propaganda des Films ist kaum besser.
Es hat nie ein gefährliches und erfolgreiches Netzwerk von Spionen und Nazi-Saboteuren auf den britischen Inseln gegeben, im Gegenteil, die Versuche der deutschen Abwehr, England mit Spionen zu infiltrieren, waren größtenteils geradezu erschreckend dilettantisch, so dass der britische Geheimdienst leichtes Spiel hatte und durch das Double-Cross-System das gesamte gegnerische Agentennetz kontrollierte und steuerte. Das konnte und wollte man selbstverständlich während der Kriegszeit nicht zugeben, wie überall auf der Welt wurde die Bevölkerung lieber in eine Spionagehysterie gestürzt. 1942, als der Film gedreht wurde, hatte die Wehrmacht in Russland und anderswo genug zu tun, als dass sie die von Hitler ohnehin nie ernsthaft in Erwägung gezogene Landung in England hätte realisieren können. Aber sicher, hinterher kann man natürlich immer philosophieren, damals wurde die Bedrohung bestimmt noch als sehr real empfunden.
Trotzdem, irgendwie macht es schon nachdenklich, dass es ausgerechnet die ärmlicheren und proletarischen Schichten sind, die durch den Film durch Kittys flammende Rede in der Eastend-Kneipe zum Kampf gegen den unmenschlichen Gegner motiviert werden (müssen). Hatte die britische Regierung etwa Zweifel an der restlosen Begeisterung ihrer Bevölkerung für ein bedingungsloses Niederkämpfen ihres Feindes, wie auch die meisten Deutschen ja trotz aller Goebbels-Phrasen zumindest im Stillen alles andere als froh über den "Waffengang" waren ? Denn dass der kleine Mann im Krieg die Hauptlast trägt und nie zu den Gewinnern gehört, war wohl hüben und drüben den meisten klar und noch vom letzten Gemetzel her geläufig. Denn auch Kitty muss schließlich am Ende ihr Leben lassen - Opfer müssen sein !
So hat man sich auch alle Mühe gegeben, die Deutschen als kriegstreiberische Bestien darzustellen, deren Helfershelfer davon träumen, durch Ströme von Blut zu waten und die am Ende des einen Krieges einen Spitzel in die gegnerische Regierung einschleusen, um für den nächsten schon Vorarbeit zu leisten. So sind sie halt, die Hunnen !
Dabei ist gerade das letztere, immer den richtigen Mann an der richtigen Stelle zu haben, doch eher eine Spezialität der jahrhundertelang erprobten englischen Gemeimdienstarbeit. Ebenso der im Film eigentlich recht plumpe Trick, durch die deutsche Hetzsendung den eigentlichen Ort der geplanten Invasion zu verschleiern. Diese Methode haben ja die Briten, natürlich viel raffinierter, aber genauso skrupellos, bei der Landung in der Normandie angewandt, als die deutschen Panzerkräfte an anderer Stelle vergeblich auf die Angreifer warteten.
Aber zumindest ist die Entlarvung des deutschen Meisterspions noch Bestandteil einer Holmes-Geschichte, die am Vorabend des ersten Weltkrieges spielt. Da war der Superdetektiv auch aus seinem bienenzüchtenden Ruhestand in den South Downs geholt wurden, der sonst nur durch die Aktivitäten von exotischen Meerestieren gestört wurde, die die Launen des Schicksals dorthin getrieben hatten.
Auch die abschließende Rede, die Holmes seinem andächtig lauschenden Famulus Dr. Watson hält, ist fast wortwörtlich aus der Geschichte Sein letzter Fall übernommen, über den Wind, der von Osten aufkommt, und dem besseren England, das am Ende übrigbleibt. Dabei war es spätestens nach dem zweiten Weltkrieg mit dem glorrreichen Empire endgültig vorbei, was Holmes so aber sicher nicht gemeint hat.
Welche Detektivarbeit leistet Holmes nun eigentlich ? Er schwadroniert ein bisschen über berühmte Messerwerfer aus Hamburg herum, vergleicht Tonbandaufnahmen von dem Thema angemessener düsterer Beethoven-Musik und schüttelt ansonsten sein Wissen einfach mal so aus dem Ärmel, wenn er am Ende den Finger auf den Hauptverschwörer in deutschem Solde richten kann, so bleibt offen, woher er seine Kenntnisse über dessen Vita hat, ebenso wird nicht erklärt, wieso er gleich zielgerichtet seine Agentin Kitty zur geheimen Wohnung von Meade schicken konnte. Und wenn dann zur Hebung der Moral nach der finalen Aushebung des abgelegenen Verschwörernests gleich in der nächsten Einstellung schon die alliierten Soldaten am dortigen Strand die Invasion auf dem europäischen Festland vorbereiten, ist die Logik endgültig im Eimer.
Die Darstellung von Dr. Watson ist wieder mal besonders ärgerlich, er, der bei jedem literarischen Abenteuer seinem Freund aufs Wort folgt, sich mehrfach in Lebensgefahr begibt und verletzt wird, ist hier nur ein zögernder und ängstlicher Wicht, der von seinem Kumpel stets energisch mitgezogen werden muss. Ansonsten hat der arme Doktor keine sichtbare Funktion.
Allerdings, die Geschichte an sich ist recht spannend und eindringlich erzählt, man merkt tatsächlich, dass es damals auch in der Wirklichkeit um Leben und Tod ging. Die Atmosphäre ist dunkel und bedrohlich, etwa die Szene, in der der bis dahin unbekannte Verschwörer Meade seine Pistole aus der Finsternis heraus auf seine Verfolger richtet und erst nach einiger Zeit heraustritt, ist durchaus innovativ. Die von Holmes häufig beschworene Bewahrung der (bürgerlichen) Freiheiten ist wohl für alle Zeiten gültig.

Der Film hätte durchaus Potenzial gehabt, doch die überreichlich verwendete Schwarz-Weiss-Kriegsrhetorik ist einfach zu viel, man kann den Streifen wohl besser als typisches Zeitdokument ansehen.

patrick Offline




Beiträge: 3.204

22.12.2019 12:49
#27 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Sherlock Holmes and the Voice of Terror (Die Stimme des Terrors, 1942)



Regie: John Rawlins

Produktion: Howard Benedict, Universal Pictures, USA 1942

Mit: Basil Rathbone, Nigel Bruce, Evelyn Ankers, Reginald Denny, Thomas Gomez, Henry Daniell, Montagu Love, Olaf Hytten, Leyland Hodgson, Mary Gordon, Harry Cording, Arthur Stenning


Handlung:

Man schreibt das Jahr 1942 und in England beunruhigt ein von den Nazis betriebener Piratensender aus Salzburg die Bevölkerung mit angekündigten Katastrophen, die sich unmittelbar danach auch tatsächlich ereignen. Der ratlose Geheimdienst wendet sich an Sherlock Holmes, der rasch erkennt, dass es sich bei der sogenannten "Stimme des Terrors" um eine Aufzeichung handelt, die in England aufgenommen wurde. Holmes sieht sich in Londons berüchtigtem Stadtteil Limehouse um, um Verbündete zu finden, die ihm helfen, sich jenen Deutschen, die sich in England eingeschlichen haben, auf die Fersen zu heften. Diese werden allerdings von ganz unerwarteter Seite unterstützt...

Anmerkungen:

Nach nunmehr 3 Jahren Pause hat sich die Universal des im Jahre 1939 mit Basil Rathbone in der Titelrolle gestarteten Sherlock-Holmes-Themas angenommen - und zwar mit einer ganz entscheidenden Veränderung. Die Geschichten spielen sich nun im zwanzigsten Jahrhundert, genau genommen in der damaligen Gegenwart der 40er-Jahre vor dem Hintergrund des Krieges, ab. Es wurde dabei nicht davor zurückgeschreckt, den von Sir Arthur Conan Doyle konzipierten Meisterdetektiv für offensichtliche Propagandazwecke zu missbrauchen und diesen gegen die damals verhassten Nazis antreten zu lassen. Holmes charakteristischer Deerstalker passt inzwischen nicht mehr so ganz in die Zeit und der Meisterdetektiv trägt zeitgemäße Kleidung und einen gewöhnlichen Hut. Seine berühmte Kopfbedeckung hängt allerdings an einem Kleiderhaken und veranlasst Watson, als Holmes danach greift, zu einem "No,no, no, no, no, Holmes, you promised". Dies sollte, wenn auch sehr verhalten, dem optischen Wiedererkennungswert dienen und erinnert etwas an den 1962 entstandenen ersten Karl-May-Film "Der Schatz im Silbersee", wo Lex Barker den Hut, den er eigentlich laut Vorlage zu tragen hätte, am Sattel hängen hat. Etwas befremdlich (zumindest auf mich) wirkt Holmes sehr seltsame Frisur, die so aussieht, als hätte ihn eine Sturmbö von hinten erwischt und die ihn hier und in den beiden folgenden Filmen etwas gewöhnungsbedürftig aussehen lässt.

Was die Story selbst betrifft, handelt es sich zwar um unverblümte Propaganda, doch ist diese durchaus spannend inszeniert und lässt Holmes in gewohnter Weise in seinem vertrauten England ermitteln und seine logischen Deduktionen zum Besten geben. Seine Beziehungen zur Unterwelt, die er für Informationszwecke pflegt, werden ebenfalls eingebracht. Es entzieht sich zwar meiner Kenntnis, wie sehr dies mit den Romanen übereinstimmt, doch haben diese fehlenden Berührungsängste mit Informanten aus zwielichtigen Kreisen auch andere Verfilmungen immer wieder zum Inhalt. Recht gelungen umgesetzt wurde die düstere Atmosphäre in dem verarmten und durch Kriminalität berüchtigten Londoner Stadtteil Limehouse. Die Idee mit dem Spion in den eigenen Reihen, der schon vor Jahrzehnten die Identität eines anderen übernommen hat, sorgt dann auch noch für eine äußerst reizvolle Auflösung. Dass die Nazis in einer abgelegenen Gegend in England in voller SS-Montur schalten und walten, hat allerdings einen fast schon parodistischen Charakter.

Gern gesehene Nebendarsteller sind die aus vielen Gruselfilmen der 40er-Jahre als "Queen of the Screamers" bekannte Evelyn Ankers (1918-1985), die 1949 auch bei Lex Barkers Tarzan-Einstand dabei war, und der in zahlreichen Filmklassikern auftretende Henry Daniell (1894-1963)

Fazit:

Sherlock Holmes darf sich durch diesen Film nun mit sämtlichen Helden, wie Superman, Tarzan, etc. in eine Reihe stellen und durch Propaganda in die Gefühlswelt der Bevölkerung einwirken. Eigentlich hätte der Kampf gegen die Nazis in der Welt der fiktiven Helden nichts verloren. Diesbezüglich war aber wohl dem Zeitgeist nicht zu entkommen und das Publikum hat diese Tendenzen nicht nur honoriert, sondern womöglich sogar eingefordert. Heute wirkt das ganze im Rückblick natürlich etwas befremdlich, doch ist die Geschichte selbst recht flott und spannend inszeniert und hat eine sehr phantasievolle Auflösung auf Lager. 4 von 5 Punkten.

Old Rascal Offline



Beiträge: 72

22.12.2019 19:44
#28 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Am Propaganda kam man bei zeitgemäßen Filmen dieser Jahre kaum vorbei. Trotzdem bieten sie einen anständigen Unterhaltungswert. Rathbones perfekte Holmes Verkörperung lässt da einiges verzeihen.

brutus Offline




Beiträge: 12.980

23.12.2019 21:49
#29 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Die Stimme des Terrors

Der Neustart nach einer Pause von knapp 3 Jahren bedeutet eine Zäsur gleich in mehrerer Hinsicht. Der Wechsel der Produktionsfirma hin zur Universal geht einher mit dem Abstieg zum B-Film, was sich leider im Budget, der Besetzung und vor allem in der Laufzeit widerspiegelt. Des weiteren macht das Duo Holmes/Watson (samt Mrs. Hudson) einen Zeitsprung aus dem spätviktorianischen England in die Produktionsgegenwart. Letzteres ist natürlich unabdingbar für den eigentlichen Plot: der Feingeist Sherlock Holmes muss sich in die Niederungen kriegstreibender Propaganda begeben, die hier auch noch recht plump daher kommt, an so einem plakativen Schmonzes hätte ja Jupp Goebbels von Berufswegen vielleicht noch seine Freude gehabt (und hat ihn als Film-Fan unter Umständen sogar gesehen), so dick wird da aufgetragen. Auch die eigentliche Detektivgeschichte bleibt ein wenig unausgegoren: warum gerade Holmes sich in dunklen Kaschemmen darum bemüht Londons Halb- und Unterwelt an ihre patriotischen Pflichten zu erinnern bleibt das Geheimnis der Drehbuchautoren. Und am Ende schüttelt er dann auf alle Fragen die Lösungen aus dem Ärmel, ohne das man als Zuschauer die Möglichkeit hat der Detektivarbeit irgendwie beizuwohnen, Dialoge mit seinem Freund Dr. Watson, die ja in erster Linie dazu dienen Informationen an den Zuschauer zu bringen, fallen eher spärlich aus. Dagegen versucht man das Empörungslevel des Zuschauers durch immer wieder neue Terroranschläge (die es so ja nie gegeben hat) hochzuhalten. Dadurch wirkt der Film düster und bedrohlicher (wobei die Bedrohung brav immer vom angeblichen Feind ausgeht). Leider mangelt es dem Film bis auf wenige Ausnahmen (die Ausstattung von Holmes Wohnung z. B.) an dem klassische Ambiente, das die Vorgänger ausgezeichnet hat. Insofern eigentlich gut, das nach 1 Stunde alles vorbei ist (dann mussten die Jungs aus den Rekrutierungsständen im Kinofoyer auch nicht solange warten )

Die Stimme des Terrors ist gerade im Vergleich zu seinen Vorgängern ein veritabler Absturz und markiert zweifellos einen Tiefpunkt der Reihe, zu viel Propaganda und zu wenig Detektion (zum Glück kehrt schon im nächsten Film Prof. Moriaty, vom Tower-Boden abgekratzt, in die Holmes-Welt zurück): 2 Punkte

patrick Offline




Beiträge: 3.204

23.12.2019 22:15
#30 RE: Elementary, my dear Rathbone: US-Sherlock-Holmes-Filme (1939-46) Zitat · Antworten

Zitat von brutus im Beitrag #29

Die Stimme des Terrors ist gerade im Vergleich zu seinen Vorgängern ein veritabler Absturz und markiert zweifellos einen Tiefpunkt der Reihe, zu viel Propaganda und zu wenig Detektion (zum Glück kehrt schon im nächsten Film Prof. Moriaty, vom Tower-Boden abgekratzt, in die Holmes-Welt zurück): 2 Punkte


Ich kann verstehen, wenn es einem beim dargebotenen Propaganda aufstößt. Allerdings dürfte man diesbezüglich mit den beiden Folgefilmen auch keine Freude haben, trotz Moriarty.

Seiten 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | ... 11
 Sprung  
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen
Datenschutz