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Dieses Thema hat 251 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 380

26.07.2011 15:47
#76 RE: "Der Alte" - Die ersten 22 Folgen 1977/1978 Zitat · antworten

UM JEDEN PREIS
(Folge 128, 20. Mai 1988)

Betriebsspionage, die zwei Tötungsdelikte nach sich zieht, bildet das zentrale Thema dieser Folge. Dabei gelingt es Regisseur und Autor nicht ungeschickt zu verschleiern, dass die Grundidee der Geschichte ziemlich einfach ist und durch die chronologischen Abläufe auch die Auflösung keine wirklichen Überraschungen mehr bietet. Besonders die formale Gestaltung sorgt für eine angenehm ablenkende kammerspielartige Atmosphäre (ein Großteil spielt sich in und um das Firmengebäude ab), die durch den düster tiefwinterlichen Hintergrund – dauernd wirbeln Schneeflocken um die Fenster, stapfen die Beteiligten durch Dunkelheit und Kälte – und die gedeckte, oft seriöse, trotz moderner Maschinerie irgendwie zeitlose Umgebung fast etwas klassisch Unheimliches erhält. Trotzdem wirkt die Folge realitätsnah, was hauptsächlich ein Verdienst von Wolfgang Beckers kraftvoller Regie ist, die neben der phantasievollen Gestaltung gerade auch in manchen Dialogszenen (Kress/Sektretärin am Ende, Sekretärin/Chef) wirkliche Klasse beweist, trotz Vogelers gewohnt blutleeren Charakteristika Tiefe und Betroffenheit erzeugt.

Christine Buchegger als herbe, attraktive Sekretärin, nicht unschuldig in ein Gefühls- und dadurch auch kriminelles Chaos geschlittert und Karl Heinz Vosgerau, der elegante, grauhaarige Gentleman, in jeder Situation ruhig und gelassen, tragen das gewohnt sorgfältig besetzte Ensemble, weiters Hans Michael Rehberg als forscher, vielseitiger Sicherheitsexperte und Klaus Herm als zwielichtiger, etwas schmieriger Nachtwächter. Rolf Schimpf wirkt durch seine forsche Sturheit diesmal oft unsympathisch und unfreundlich.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 380

02.08.2011 09:44
#77 RE: "Der Alte" - Die ersten 22 Folgen 1977/1978 Zitat · antworten

BRIEF EINES TOTEN
(Folge 129, 24. Juni 1988)

Während der erste Teil der Geschichte von Adolf Schröder/Günter Gräwert (auch Regie) mit seiner einfallsreichen Machhart durchaus Spannung und kriminalistische Verwirrung erzeugt und die Beziehungen des vorgestellten Personals untereinander (ein Schriftsteller und seine elegante Frau in der Ehekrise, ein Geschwisterpaar, das mehr durch äußere Umstände denn eigenen Willen aneinandergeschweißt ist, ein zwielichtiger Platzwart) sowie das Geheimnis um die mysteriöse Explosion eines Campingwagens geschickt verschleiert, zerfällt die Folge im zweiten Teil leider in Vorhersehbarkeit und einige Krimi-Klischees, die wohl bereits vor mehr als zwanzig Jahren ausgelutscht waren. So bleibt ein zwiespältiger Eindruck, den man vielleicht mit etwas mehr Raffinesse bzw. den Verzicht auf manch unnötiges zusätzliches Krimiversatzstück hätte abmildern können, zumal auch die darstellerischen Leistungen (Udo Vioff, Sonja Sutter, Sven Eric Bechtolf) - oft von den Drehbuchklischees eingeengt - eher routiniert wirken. Sehr überzeugend Franziska Walser als junge Frau vor den Scherben ihres Lebens und Karl-Heinz von Hassel, der als unrasierter und zwielichtiger Campingwart hier „Urlaub“ von seiner Rolle als Tatort-Kommissar nimmt. Die trübe, feucht-winterliche Witterung bildet einen angemessen atmosphärischen Hintergrund.

Mr Keeney Offline




Beiträge: 1.326

08.08.2011 09:42
#78 RE: "Der Alte" - Die ersten 22 Folgen 1977/1978 Zitat · antworten

Folge 29: Nach Kanada (1979)

Nach Kanada kommt so schnell keiner der Protagonisten dieser Folge, soviel zum Einstieg. Kanada steht vielmehr stellvertretend für einen Wunschtraum, den ein am vorzeitigen Lebens-Abend danach Zerschlagener und Verlorener bewusst träumt und somit für einen relativ klar selbst wahrgenommenen und daher umso verzweifelteren Selbstbetrug, für eine Flucht, die sich eine Ortsveränderung zum Vorwand nimmt, um das zu ersetzen, was man weder hier noch dort „kann“… Auch wenn es dem Wortlaut nicht passen mag, verZWEIfeln kann man immer noch am Besten alleine. Und alleine ist er, dieser Leo Liobschütz (weder geliebt, noch gelobt, und schon gar nicht (amourös) treffsicher), mit grausamer Eindringlichkeit von Klaus Löwitsch gespielt, der hier eine seiner überzeugendsten Darbietungen überhaupt gibt, als Mensch, verstrickt in Schuld und Umständen. So tiefgreifend diese Charakterzeichnung ist mitsamt der Vorgeschichte (die Folge ergründet eigentlich „nur“ (und das ist gar nicht wenig!), wie aus einem Leben ein Schicksal wird), so sehr vermisst man solche Personalpastelle in heutigen 60-Minütern. Und beweist, dass es doch geht… Es ist eine Mischung aus unterdrückter Leidenschaft, falschen Anklagen und Machtlosigkeit, die in Abhängigkeiten und versteckte Gewalt und schlussendlich sogar Mord führt und sich in Utopien flüchtet. Und sich doch eine eisige Würde, ja sogar Frechheit bewahrt, zwar nicht todesmutig, aber mit dem Mute der Verzweiflung.
Auch die anderen Charaktere sind weitgehend schön durchwachsen und vielschichtig. Der Freund der jungen Studentin wirkt recht kalt und bei aller moralischen Überlegenheit doch recht unsympathisch, die tratschende beim Leichenschmaus hockende Dorfgesellschaft wie ein humushaltiger Nährboden für all die oben beschriebenen menschenfressenden Verschlingungen und Verstrickungen. Und Susanne Uhlen sieht in dieser Folge bezaubernd, wirklich extrem süß aus und wirkt noch dazu durchaus überzeugend, kann tatsächlich Löwitsch eine kongeniale Partnerin sein. Man sieht ihr förmlich eine gewisses sich selbst nicht ganz erklärbares Schuldempfinden an, nimmt ihr die mit einem Helfer-Komplex behaftete Psychologiestudentin, die so weich ist und doch notgedrungen hart (an der Reißleine) sein muss, völlig ab, und die letzte Szene zwischen Liobschütz und ihr verfolgte ich mit angehaltenem Atem und in Hochspannung ob des zunächst in Schwebe gehaltenen ungewissen Ausganges, auch wenn man weiß, wie derlei Affären meistens verlaufen und gar noch unter diesen Vorzeichen…dennoch!
Hier wird uns ein menschlicher Scherbenhaufen aufgetischt…und das ist eigentlich kein Krimi. Oder nur unter anderem…am Rande. Hier deshalb leichte Abstriche, wenn man den Fall als Krimi wertet. Aber längst nicht so viele, dass der Fall als Krimi nicht „funktionieren“ würde. Aufgrund des recht hintergründigen Kriminalfalls mag die Besprechung jetzt hier auch etwas kryptisch ausgefallen sein, hier scheinen mir die Details aber auch unerheblich. Hier geht es um dieTragweite menschlichen Handelns, weniger um Einzelheiten, die dann auch ausgerechnet nicht zu beweisen sind. Autor und Literat Leopold Ahlsen hat hier zum wiederholten Male ein grandioses Drehbuch (weitab von Reinecker) geschrieben und mir wurde beim Wiedersehen wieder einmal deutlich, dass „Der Alte“ mit Siegfried Lowitz in der frühen bis mittleren Phase tatsächlich und eindeutig meine allerliebste Lieblingsfreitagskrimiserie, deutlich vor Derrick und ne solide Nasenlänge vor dem Kommissar, ist. Daumen hoch!

Mr Keeney Offline




Beiträge: 1.326

23.08.2011 08:58
#79 RE: "Der Alte" - Die ersten 22 Folgen 1977/1978 Zitat · antworten

Folge 85: Das Ende vom Lied (1984)

Wieder einmal führt uns „Der Alte“ mit dieseer Folge so richtig in die drögen 80er und meine Erkenntnis verfestigt sich. So grandios und teilweise schlichtweg unübertrefflich Köster und seine Mannen in den späten 70ern aufzauberten, so ging ihnen in den 80ern teilweise böse die Luft aus. Ganz schlimm wird es m. E. wenn, wie hier, ein im Grunde durchschaubarer und de facto klarer Fall durch psychologische Überraschungseffekte und Spielereien aufgepeppt werden soll und die Akteure sowie das Drehbuch einfach nicht in der Lage, diesen Ansatz adäquat umzusetzen. Denn der Ansatz an sich, eine von den Fakten her stehende und klare Geschichte, die aber kaum beweisbar und eigentlich nur von den psychologischen Motivationen der handelnden Beteiligten her im Nachhinein zu klären ist, ist durchaus lobens- und begrüßenswert. Und Lowitz ist ja für derlei Psycho-Duelle immer schon gut gewesen. Diesmal leider ist Sand im Charakterge(t)riebe…

Auch wenn ich keinem Darsteller jetzt den schwarzen Peter zuspielen würde, finde ich doch, dass Helmut Lohner beispielsweise nur sehr wenig aus seiner doch eigentlich so überaus komplexen Rolle macht und auch Udo Vioff irgendwie halbherzig bleibt. Auch die Tochter des Opfers kommt (wohl aus dramturgischen Gründen) erst viel zu spät ins Spiel, um noch einige spielerische Farbtupfer und Akzente bezüglicher ihrer Verarbeitung der Ereignisse und wachsender Erkenntnis der wahren Hintergründe setzen zu können.
Trotz alledem würde ich die Tatsache, dass diese Folge in meinen Augen gescheitert ist, keinem der Darsteller direkt zuschreiben und anlasten, vielmehr wirkt einfach die Geschichte nicht überzeugend und die „Schlußpointe“ wirkt mehr wie ein verzweifelter Versuch, den Zuschauer noch etwas fürs Ausharren in einer ganz spannungsarmen Vorstellung als Belohnung mit zum Nachdenken auf den Nachhauseweg zu geben, und hat eigentlich nichts mit einem „Aha-Erlebnis“, dass den ganzen Fall im Nachhinein noch einmal anders belichtet und das NEGATIV in ein POSITIV umwandelt, zu tun. Auch Regisseur Theodor Grädler ist daher kein Vorwurf zu machen, immerhin fängt er immer mal wieder am Wegesrand ein paar schöne Münchner Straßen- und generell nette „Autofahrszenen“ ein. Der im Film vorkommende Selbstmord wiederum wird umgekehrt aber leider wiederum komplett spannungsleer und lieblos weggeschenkt.

So bleibt dies meiner Meinung nach eine der schwächsten Köster-Folgen, die ich nicht empfehlen kann. Vielleicht bin ich auch umso kritischer und enttäuschter, weil ich die frühen bis mittleren Folgen (der zweite Frühling des Alten sozusagen) so besonders liebe. Aber, keine Bange, der Herbst und vor allem der Winter des Alten hat auch seine schönen Seiten und Folgen, man muss nur besser und länger suchen… Mehr dazu demnächst!

Georg Offline




Beiträge: 2.784

23.08.2011 09:05
#80 Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Eine wunderbar stimmige Beschreibung dieser dank Volker Vogeler und Theodor Grädler völlig überflüssigen Episode!

Mr Keeney Offline




Beiträge: 1.326

23.08.2011 12:05
#81 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Vielen Dank für das Lob. Ich war bemüht, meine Unzufriedenheit mit dieser Folge möglichst sachlich (auch für mich selbst) zu ergründen. Und ich bin jetzt auch sehr beruhigt, dass ich mit meiner Sichtweise auf diese Folge nicht alleine stehe...

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.327

23.08.2011 12:28
#82 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Eine Vogeler/Grädler-, bzw. Vogeler/Brynych-Folge, die auch Georg gefällt, muss wohl noch erfunden werden. Gibt es da eigentlich überhaupt nichts, was Dir in irgendeiner Form zusagt?

Georg Offline




Beiträge: 2.784

23.08.2011 14:01
#83 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Au .... da muss ich schwer nachdenken ... und ich tu mir ehrlich gesagt schwer. Denn meistens ist es so, dass ein Vogeler-Buch durch Regie (Günter Gräwert z.B.) aufgewertet oder ein gutes Buch trotz Regie von Brynych oder Grädler die Folge akzeptabel werden ließ.
Eine Vogeler-Folge, die mir gefällt und spontan einfällt ist etwa "Alleingang" (76), da hat aber Helmuth Ashely Regie geführt.
Ganz akzeptabel ist das Brynych/Vogeler-Zusammenspiel etwa in "Das Attentat" (Folge 102), Vogeler/Grädler z.B. in "Kalt wie Diamant" (Folge 67).
Das Problem mit Vogeler habe ich deshalb, weil er über Jahrzehnte - mit Ausnahme seiner Gangstergeschichten, die besser funktionierten (Der Klassenkammerad, Der Neue z.B.) - immer die gleichen Geschichten erzählte, ganz arg in der späten Kress-Ära. Und dass ich kein deklarierter Brynych-Fan bin, dürfte ja auch schon klar sein, auch wenn es einige sehr gute Brynych-Arbeiten gibt, wie ich eingestehen muss (die 3 1987er-Derricks zB). Bei Grädler habe ich immer das Gefühl, dass er eine gediegene Langeweile in die Folgen gebracht hat, auch wenn es hier sehr gute Ausnahmen gibt ("Tod im Transit" beim Kommissar zB und auch mehrere Derricks).

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.327

23.08.2011 15:07
#84 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Danke, derartige Erörterungen hatte ich mir von Dir erhofft.

Vogelers eindimensionales Wirken in der späten Kress-Ära hatten wir an anderer Stelle schon einmal diskutiert. Ich habe die Liste der jeweiligen Buch/Regie-Kombinationen nicht im Kopf und bin deswegen noch einmal auf Deine Homepage gegangen. Tatsächlich sind da einige Vogeler/Grädler-Folgen dabei, die ich auch in eher schlechter Erinnerung habe. Namentlich "Die Ratte", "Der Zigeuner", "Teufelsküche", "Der rote Faden" und "Die Hellseherin". Augenblicklich schaue ich den "Alten" chronologisch auf DVD und bin jetzt bei Folge 34; ich hatte die Köster-Folgen aber bereits allesamt vor fünf Jahren bei 3Sat gesehen. "Kalt wie Diamant" hat mir außerordentlich gut gefallen. Die Vogeler/Brynych-Folgen "Tod am Sonntag" und "Der Sohn" mundeten mir ebenfalls.

Bei "Derrick" hat Grädler einige sehr starke Folgen abgeliefert, z.B. "Madeira" oder "Hoffmanns Höllenfahrt", allerdings war er wohl immer sehr abhängig von einer guten Vorlage. Gelungene Drehbücher hat er selten versaut, schwächere durch seinen Regiestil - im Gegesatz zu Vohrer, Gräwert oder Brynych - aber niemals aufpeppen können.

Georg Offline




Beiträge: 2.784

23.08.2011 16:06
#85 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Zitat von Marmstorfer
Gelungene Drehbücher hat er selten versaut, schwächere durch seinen Regiestil - im Gegesatz zu Vohrer, Gräwert oder Brynych - aber niemals aufpeppen können.


Du triffst den Nagel auf den Kopf, genau so sehe ich das auch.

Zitat
Die Vogeler/Brynych-Folgen "Tod am Sonntag" und "Der Sohn" mundeten mir ebenfalls.


Da sind wir unterschiedlicher Meinung. Beide empfinde ich als extreme Psycho-Folgen. Für Fans Brynychs natürlich ein Genuss, da er hier alle Register seiner "Kunst" auffährt :).

Zitat
Augenblicklich schaue ich den "Alten" chronologisch auf DVD und bin jetzt bei Folge 34


Ich habe vor zwei Jahren nochmals alle Folgen mit großer Freude geschaut und fand dann sogar die eine oder andere Vogeler-Geschichte oder Regiearbeit von Brynych und Grädler ganz brauchbar. Nur meine Präferenzen sind eindeutig anders: als Autoren vor allem Detlef Müller oder Bruno Hampel (und Herbert Rosendorfer!), als Regisseure vor allem Günter Gräwert aber auch Jürgen Goslar oder Dietrich Haugk (und natürlich Wolfgang Becker, der ja leider bei Köster nur zwei Mal aktiv war, dann aber bei Kress nochmals zurück kam)

Mr Keeney Offline




Beiträge: 1.326

23.08.2011 16:15
#86 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

"Tod am Sonntag" finde ich jetzt auch sehr stark, eine meiner liebsten Brynych-Arbeiten überhaupt (den ich nicht so verehre wie manche regelrechte Fans, aber trotzdem immer recht belebend finde). "Der Sohn" muss ich erst mal wieder sichten, gute Idee!

Die Vogeler Räuberpistole "Der Neue" mag ich auch, mit "Der Klassenkamerad" kann ich jetzt aber wiederum nicht sehr viel anfangen (wie beschrieben).

Mr Keeney Offline




Beiträge: 1.326

31.10.2011 12:57
#87 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Folge 42: „Sportpalastwalzer“ (1980)

Wer anders als Zbynek, der große Zeremonienmeister, kommt schon in Frage, wenn es um die Inszenierung eines „Sportpalastwalzers in Kriminalform“ geht?
Und Brynych spielt hier neben seinem Hang zu kleineren oder größeren Skurrilitäten sowie äußerst plakativen Musikeinsatz meines Erachtens seine zweite große Stärke, das vollständige und gleichsam mitziehende Eintauchen in „dreckige“ menschliche Milieus voll aus.
Die Folge atmet förmlich die miefige Kneipenluft einer typischen Ecksportkneipe (in denen die einstmaligen großen Sportträume nurmehr als Anlaß und Untermalung für ausgedehnte „Zech-Opern“ (Brynych sei Dank) dienen) und führt in die kleinbürgerliche Enge kaum oder nur mit Gewalt notdürftig kittbarer Beziehungen.
Und dies in einer Ausschließlichkeit und Breite (ja, der Alkohol !) wie eigentlich kaum eine andere Krimiserienfolge, die ich kenne. Es ist die düstere Atmosphäre der „Parkplatz-Hyänen“, einem schönen Beitrag des Regisseurs zur Reihe „Der Kommissar“, die hier ein Jahrzehnt später eindeutig noch kneipen- und alkoholfixierter rekapituliert und nun wieder zu kosten und aufzusuchen ist (derlei derb-deftige Schmankerl vermisse ich ja z. B. bei „Derrick“ ja ein wenig).
Nein, Paläste gibt es hier nirgends in Sichtweite, selbst die über lange Jahre gehegten und gepflegten Kronjuwelen in den heiligen Schreinen der Köpfe sind über den größten Teil der Spielzeit weitgehend geflutet, und der Walzer ist ein verzweifelt-frenetischer. Und Köster schafft selbst in der Nachspielzeit nicht den „Ausgleich“.

Auch die Darsteller, allen voran natürlich Klaus Löwitsch, der mir bereits in der ein Jahr zuvor ausgestrahlten Episode „Nach Kanada“ sehr gut gefiel, leisten Beeindruckendes. Löwitsch als frustriertes Rauhbein bis zur Besinnungslosigkeit zaubert unglaublich auf und fügt sich ideal in die Brynychsche Regie ein. Ähnlich wie Götz George bei seinem Kommissar-Auftritt bei Brynych beflügeln sich die beiden gegenseitig, überhaupt ist es frappierend, dass wir in Deutschland derartig hochbegabte geniale und einfühlsame Schauspieler wie Löwitsch oder George für die ja eigentlich nur mäßig subtile Sparte „Rabauke“ haben/hatten.
Elisabeth Wiedemann darf als säuerliche Wirtsfrau einmal etwas andere Zeichen setzen als in ihrer Paraderolle als bessere Hälfte des kleinen Ekels Alfred, und es gibt auch ein Wiedersehen mit Wallace-Veteran Herbert Fux, der als mäßig durchschaubar-schmieriger Gutmensch Fernando als einziger mit richtig festem Schritt durch die Kneipe stapft. Einzig Susanne Beck als Bedienung kommt meines Erachtens nicht immer glaubwürdig rüber, eignet sich aber andererseits doch recht gut als, naja, „Rangiergut“ zwischen Holger Petzold als ihrem schrecklich bieder-unsympathisch verleumderischen Gatten und eben Löwitsch als dessen großen Gegenpart.

Die Geschichte selbst ist dann auch noch, ohne hier zuviel preiszugeben, herrlich ambivalent, sarkastisch und zwar irgendwie erahnbar aber spannend bis zum Schluss und erlaubt sich eine unkonventionelle Erfolglosigkeit der Ermittler.

Meines Erachtens hat man hier mal wieder ein absolutes Meisterwerk abgeliefert. Ich habe wirklich überhaupt nichts zu bemängeln. Ist aber nur gut konsumierbar, wenn man Freude hat, am Abtauchen in Existenzfluchten. Wenn dies der Fall ist, lässt einen diese Folge aber sicher so bald nicht los.

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.327

31.10.2011 15:59
#88 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Mr. Keeney, ich danke dir für diese überaus treffende Rezension. "Sportpalastwalzer" ist eines jener 60-minütigen ZDF-Krimi-Kleinode, wie es sie heutzutage nicht mehr gibt. Wenn die alten Recken in der Kneipe über bereits Jahrzehnte zurückliegende Radsportveranstaltungen schwadronieren (auf denen man tatsächlich noch den "Sportpalastwalzer" spielte), dann vermag man die stickige Melange aus Rauch, Bier und Schweiß auch im heimischen Wohnzimmer wahrzunehmen. Der finale Widerhaken der Geschichte fügt sich bestens in den Gesamteindruck ein. Die Schlusssequenz kann man sich zehnmal hintereinander angucken; so brillant ist sie inszeniert. Der plötzliche Einsatz des "Wiener Praterleben" und die Art und Weise, wie hier sogar dem eigentlich obligatorischen Einblenden der Abspanntitel eine wesentliche dramaturgische Funktion zugestanden wird - einfach herausragend gut.

Georg Offline




Beiträge: 2.784

31.10.2011 17:20
#89 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Für Brynych-Fans ist diese Folge natürlich sicherlich ein Genuss, zumal er hier alle Register seines Könnens auffährt und unweigerlich stark seine typische Handschrift hinterlässt. Jedesmal, wenn ich den Film sehe, frage ich mich, ob der "Sportpalastwalzer" überhaupt im Buch stand oder ob Brynych, der ja gerne auf so "exzessive" Musik zurückgriff das Stück ausgewählt hat. Das Buch von Detlef Müller ist immerhin gewohnt stark, auch das Ende ist mal was anderes. Als Brynych-Skeptiker sage ich: es gibt Schlimmeres von ihm :-). Nein aber im Ernst: kann man sich ansehen!

Mr Keeney Offline




Beiträge: 1.326

12.12.2011 11:14
#90 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Folge 76: Alleingang (1984)


Jahreszeitlich momentan passend entführt uns diese Anfang Januar 1984 erstmals ausgestrahlte Episode in ein winterliches München. Wieder mal geht es im Kern um einen Überfall auf einen Geldtransport, dieses Sujet dürfte übrigens wohl Köster von allen Freitagabendermittlern am Meisten beschäftigt haben, so zumindest mein überschlägiger Eindruck.

Um hier gleich mal ein erstes ganz dickes Pfund zur Wertschätzung dieser zur Abwechslung mal wieder erfrischend klassischen „Räuberpistole“ auf die Waagschale zu wuchten: die winterlichen Stadt- und Landschaftsbilder sind herrlich und nehmen glücklicherweise auch ordentlich Raum ein.
Hervorgehoben sei als ein Beispiel von vielen nur die herrliche nächtliche Autofahrszene mit Köster und Heymann, in der eine zwischenzeitliche Stimmungseintrübung bzw. „Entzweiung“ (übrigens eine der vielen durchwegs richtigen und (wohl) intendierten Interpretationsmöglichkeiten des Folgentitels) ihren Lauf nimmt: nahezu perfekt die winterlich (und menschlich) kalten Bilder, die großartigen und an dieser Stelle auch wieder mal ausdrücklich zu lobenden Darsteller Lowitz und Ande die mit (oder vielleicht trotz) einigen absurden Dialogen so überaus überzeugend mit ihren (wohl) ganz alltäglichen Launen und Problemen „menscheln“. Gigantisch! Weiterhin möchte ich innerhalb der Darsteller-Riege, die im Übrigen durchwegs überzeugen kann, lediglich noch gesondert auf einen weiteren meiner persönlichen Lieblingsschauspieler Hans Brenner, der bravourös aufspielt, hinweisen.

Wirksam und eindrucksvoll kontrastiert und damit in der noch Wirkung bestärkt werden diese teilweise ganz leicht schneebeflockten Freiluft-Szenen dann von vielen Szenen innerhalb der überfallenen Firma und vielfach abgelaufenen Büro- bzw. Firmenfluren. Gerade in diesen zunächst recht ereignisarm wirkenden Szenen kommt dann auch die von mir als sehr stimmig und passend empfundene Musik von Peter Thomas sehr gut zur Geltung.
Wie auch immer: Ohne Übertreibung kann man sagen, dass man sich zur Abschreitung herrlich öder und dröger (also sehr gut getroffener!) Firmenflure ebenfalls sehr viel Zeit genommen hat und damit den Zuschauer mal wieder richtig mitnimmt in eine Welt, in ein Milieu.

Und dies ist dann wieder einer von mehreren Punkten, die mich diese Geschichte auch sehr gut einige Jahre zurück und in schwarz-weiß in die Hände von Kommissar-Keller verortet vorstellen lassen könnten. Auch das gemächliche, bedächtige aber irgendwie „seherisch-einzelgängerische“ Ermitteln des Alten erinnert mich hier schon sehr an Keller, und die Geschichte selbst wäre sicher in der Kommissar-Reihe auch sehr gut (und vielleicht auf den ersten Blick sogar noch publikumswirksamer) aufgehoben gewesen. Meine Kommissar-Assoziationen hier waren angesichts der Büro-Szenen und Rekonstruktionen wohl vor allem „Besuch bei Alberti“ oder „Das Komplott“, auch wenn die Geschichte hier in eine völlig andere (und dann doch wohl eher in eine zum „Alten“ passendere) Richtung geht.

Ich sehe diesen Kommissar-Aspekt hier jedenfalls ausschließlich als uneingeschränktes und ganz dickes Lob für diese Folge, die aus einer soliden Geschichte (die dem Titel wie bereits angedeutet auf verschiedene Weisen gerecht wird) mit einigen sehr hübschen Wendungen (die aber alle sehr gut vorbereitet und nie überhastet oder aus dem Hut gezaubert wirken) mal wieder ein echtes und doch auch irgendwie aufgrund einer für mich sehr umfassenden, ausgewogenen und stimmigen Erzählweise direkt ruhiges und zurückhaltendes Highlight zaubert.
Ohne dass dabei zuwenig Action zu bemängeln wäre, wohlgemerkt, es wird im Gegenteil eher überdurchschnittlich viel geballert und Verfolgungsfahrten gibt es auch. Aber, um nochmals einen Beleg für die von mir so gelobte ausgewogene und vielschichtige Erzählweise anzuführen: der finale „Showdown“, in der ein gekapertes Müllfahrzeug von der Polizei gestellt wird, wird beispielsweise kontrastiert durch zeitgleiche und ganz ruhige Szenen von Köster in der Firmenkantine, der bei dieser Aktion lediglich telefonisch mit von der Partie ist.

Fazit: Hier hat man noch ganz locker-flockig Mitte der 80er Jahre und in der (wie bei den meisten Serien) nicht immer ganz „astreinen“ Endphase der Köster – Ära ein schöne klassische Krimigeschichte, die bei mir keine Wünsche offen lässt, erzählt.
Ganz dicke Empfehlung!

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