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Dieses Thema hat 50 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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Gubanov Offline




Beiträge: 14.783

03.10.2017 14:00
#46 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten



Maigret kennt kein Erbarmen (Maigret et l’affaire Saint-Fiacre)

Kriminalfilm, FR / IT 1959. Regie: Jean Delannoy. Drehbuch: Jean Delannoy, Rodolphe-Maurice Arlaud (Buchvorlage, 1932: Georges Simenon). Mit: Jean Gabin (Kommissar Jules Maigret), Michel Auclair (Maurice de Saint-Fiacre), Robert Hirsch (Lucien Sabatier), Michel Vitold (Jodet, Priester), Valentine Tessier (Gräfin de Saint-Fiacre), Camille Guérini (Gaulthier), Serge Rousseau (Émile Gaulthier), Paul Frankeur (Dr. Bouchardon), Jacques Morel (Anwalt Mauléon), Jacques Marin (Albert, Chauffeur) u.a. Uraufführung (FR): 2. September 1959. Uraufführung (BRD): 16. Oktober 1964. Eine Produktion von Filmsonor / Intermondia / Cinetel Paris und Pretoria Film / Titanus Rom.

Zitat von Maigret kennt kein Erbarmen
Nach vielen Jahren kehrt Maigret in sein Geburtsdorf zurück. Die Gräfin von Saint-Fiacre, jenem Schloss, auf dem sein Vater Gutsverwalter war, wird anonym mit dem Tod bedroht und tatsächlich stirbt sie in der Aschermittwochsmesse. Maigret kommt bald dahinter, dass eine Zeitungsfehlmeldung, die den Selbstmord ihres Sohnes verkündet, in ihr Gesangbuch gelegt wurde – zuviel für das schwache Herz der Gräfin. Um das schmale Erbe und das dem Ausverkauf preisgegebene Schloss streiten sich nun der junge Graf und der nicht weniger leichtlebige Sekretär der Toten. Ist einer von ihnen der feige Mörder?


Klamm kriecht die Februarkälte an den Schauspielern hoch – das spürt man förmlich, wenn man „Maigret kennt kein Erbarmen“ schaut und Simenons Pfeife rauchender Ermittler das zentralgeheizte Paris gen zentralfranzösische Provinz verlässt. Mäntel werden ganz gern auch in den Zimmern des Schlosses Saint-Fiacre getragen und in der Dorfkirche wärmt Maigret sich am Ofen, der nahe der letzten Sitzbankreihe aufgestellt ist. Gespiegelt wird diese unwirtliche Witterung in den Charakteren, die die Geschichte als Verdächtige bevölkern und die ganz den maigret-typischen Merkmalen hedonistischer Ekelpakete entsprechen. Insbesondere Michel Auclair als Sohn der Toten und Robert Hirsch als ihr Privatsekretär zeichnen üble parasitäre Porträts seelenkalter Profiteurstypen, die Maigrets Kindheitsfreundin ausnahmen wie eine Weihnachtsgans. Man traut ihnen folglich alles zu – dem labil-kindlichen Lucien Sabatier nicht weniger als dem großspurigen Maurice.

Was für den Ermittler mit dem Treffen mit der liebenswürdigen Gräfin als anrührender Ausflug in die eigene Vergangenheit beginnt, offenbart bald Schattenseiten, da der Verfall der ehemaligen Pracht unverkennbar ist. Die kahlen Räume des Schlosses, deren Schätze bereits ebenso wie umliegende Ländereien an verschiedenste Antiquitätenhändler und Bodenspekulanten verhökert wurden, sprechen eine triste Sprache, die sich mit den ohnehin einfachen ländlichen Dekors in der Kirche, dem Dorfladen oder dem Verwalterhäuschen zu einer wirkungsvollen Atmosphäre ergänzt. Vor ihr brilliert Jean Gabin als latent enttäuschter Maigret, der am Ende über die Hinterlist des Täters in nachvollziehbare Rage gerät und in diesem Zuge nochmal ganz starke schauspielerische Akzente setzt.

Im Gegensatz zum Vorgängerfilm, der sehenden Auges in eine vorangekündigte Tragödie mündet, handelt es sich bei „Maigret kennt kein Erbarmen“ um einen veritablen Whodunit, der erst in den letzten Minuten seine Auflösung im Rahmen einer fast schon christie-esken Versammlung aller Verdächtigen erfährt. Bis dahin setzt Maigrets verbissene Suche nach Spuren – obwohl er offiziell gar nicht zuständig ist und es sich ohnehin nur seiner Auffassung nach um einen Mord handelt – das Spannungskonstrukt betont langsam, aber unaufhörlich aus verschiedenen Puzzlestücken zusammen, was der Katholische Filmdienst nicht unrichtig als „anregende[n] kriminalistische[n] Denksport“ und als „Musterbeispiel eines filmisch erzählten Kriminalromans alten Stils“ bezeichnete (Quelle).

Vor dem Hintergrund der erstarkenden nouvelle vague mag „Maigret kennt kein Erbarmen“ vergleichsweise altmodisch wirken, doch gereicht dies dem Film, bei dem es sich schließlich um die Adaption eines Romans von 1932 handelt, in gewissem Maße zur Ehre. Die starke Dialoglastigkeit der Delannoy-Inszenierung wird den Simenon’schen Qualitäten durchaus gerecht, sodass man auch hier von einer geglückten Umsetzung sprechen kann.

Noch stimmungsvoller als sein Vorgängerfilm, wenngleich vielleicht etwas konservativer und psychologisch unwahrscheinlicher begleitet der zweite Gabin-Maigret seinen Hauptdarsteller auf sehr persönlichen Pfaden, die Vergänglichkeit und Verlust verdeutlichen. Erneut arbeitet sich Gabin an einigen stark gespielten Widersachern ab, deren Dreidimensionalität weit über durchschnittlicher Krimikost anzusiedeln ist.

(4 von 5 Punkten)

Gubanov Offline




Beiträge: 14.783

14.10.2017 21:30
#47 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten



Fahrstuhl zum Schafott (Ascenseur pour l’échafaud)

Kriminalfilm, FR 1957. Regie: Louis Malle. Drehbuch: Roger Nimier, Louis Malle (Buchvorlage: Noël Calef). Mit: Jeanne Moreau (Florence Carala), Maurice Ronet (Julien Tavernier), Georges Poujouly (Louis), Yori Bertin (Véronique), Jean Wall (Simon Carala), Lino Ventura (Commissaire Cherrier), Charles Denner (Assistent von Commissaire Cherrier), Iván Petrovich (Horst Bencker), Elga Andersen (Frieda Bencker), Félix Marten (Christian Subervie) u.a. Uraufführung (FR): 29. Januar 1958. Uraufführung (BRD): 29. August 1958. Eine Produktion von Nouvelles Éditions de Films für Lux Compagnie Cinématographique.

Zitat von Fahrstuhl zum Schafott
Der ehemalige Soldat und Fremdenlegionär Julien Tavernier unterhält eine Affäre mit Florence, der Frau seines Chefs Carala. Gemeinsam planen Julien und Florence, den Mann, der zwischen ihnen steht, zu ermorden. Julien steigt heimlich über den Balkon in Caralas Büro in der obersten Etage des Firmengebäudes ein und erschießt ihn. Auf dem Rückweg vergisst er ein belastendes Indiz, sodass er nach Geschäftsschluss noch einmal zurückkehren muss. Weil der Pförtner den Strom abschaltet, bleibt Julien, bevor er die Spuren verwischen kann, im Fahrstuhl stecken, während Florence denkt, er hätte sie versetzt. Ein Pärchen, das zu allem Überfluss Juliens Auto stiehlt, gerät in Schwierigkeiten und nutzt seine Identität für einen weiteren Doppelmord ...


Die Verwandtschaft dieses Werks mit Beiträgen zur amerikanischen Film noir-Reihe ist unverkennbar. Das Liebesdreieck blieb seit Billy Wilders „Double Indemnity“ von 1944 das gleiche und natürlich gestattet auch Louis Malle seinen verbrecherischen Turteltauben kein Happy End. Der Titel weist bereits darauf hin – er führt den unbedarften Zuschauer aber auch in die Irre, denn leider halten sich die Szenen mit Julien Taviernier in seinem bedrückenden Fahrstuhl-Gefängnis in engen Grenzen, während die Kamera immer wieder auf das Umfeld anderer Protagonisten ausweicht, um scheinbar interessantere Erlebnisse festzuhalten. Das führt dazu, dass der Film nie eine klaustrophobische Verzweiflungsstimmung im Sinne eines Psychothrillers entwickelt – vielmehr steht ein vielschichtiger, auf Verwechslungen, Identitäten und das Dazwischenfunken der Realität in lupenrein ausgearbeitete Pläne fokussierter Krimiplot im Mittelpunkt. Malle beschreitet damit keine neuen Wege, sondern verlässt sich inhaltlich auf Altbewährtes; seine Arbeit mit überraschenden Plot-Wendungen und einer zunehmenden Komplexität der Handlungsabläufe überzeugt durch saubere, nüchterne Umsetzung.

Doch das Drumherum, das ist durchaus neu: Das Paris in „Fahrstuhl zum Schafott“ ist kein neblig-nostalgischer Fantasieort, sondern fest im Hier und Jetzt der Produktionszeit verankert. Der Film besticht durch uneitlen Realismus – sowohl was die Auswahl alltäglicher Schauplätze und Ausleuchtungen angeht als auch die Schauspieler und ihr Make-up. Scheinbar zufällig dringt dann auch von Zeit zu Zeit die Jazzmusik von Miles Davis ans Ohr des Zuschauers. Während Filmzuschauer, die Jazzimprovisationen mögen oder gern bekannte Namen in Vorspännen lesen, diesen ungewöhnlichen Touch hoch anrechnen werden, hätte in besonders spannenden oder dynamischen Momenten (z.B. während der Ausführung des Mordes, bei der Verfolgungsjagd auf der Autobahn oder am bizarren Abend von Louis und Véronique im Motel) eine konservativere Untermalung für mehr Tempo und Würze gesorgt.

Absolutes Herzstück des Werks sind die Darbietungen der Liebhaber durch Jeanne Moreau und Maurice Ronet. Dass es gelingt, deren Affäre und ihr daraus resultierendes Verhalten so zwingend erscheinen zu lassen, ist ein wahres Kabinettstück, wenn man bedenkt, dass ihnen eine gemeinsame Szene vor der Kamera nie zugestanden wird. Zu Beginn tauschen sie am Telefon Liebesschwüre aus, am Ende erhascht der Zuschauer ein Blick auf ihr verlorenes Glück in Form von Fotografien. Diese Unmöglichkeit des Zusammenseins verleiht dem Film Druck und deutet zugleich das Scheitern des Befreiung versprechenden Mordplans an. Beide, sowohl Florence als auch Julien, wirken gleichzeitig kalt-rational und doch heiß verliebt, denn sie leisten sich inmitten ihres Plans beide empfindliche Momente der Schwäche bzw. der Unvorsicht. Dennoch glaubt man Florence unbesehen, wenn sie in Gedanken, die aus dem Off eingesprochen werden, sich und die gemeinsame Beziehung als etwas Besonderes darstellt, im Vergleich zu dem die Hundeliebe der Blumenverkäuferin zu ihrem halbstarken Autodieb etwas außerordentlich Profanes an sich hat. Vielleicht auch weil die Kamera den jungen Leuten in unschmeichelhaften Momenten nahekommt, wohingegen Florence und Julien ausgiebig und heroisch leiden dürfen.

Lino Ventura übernimmt eine größere Nebenrolle als Polizist, der sich im letzten Drittel des Films klärend in die Vorgänge des fatalen Wochenendes einschaltet. Mit ironischen Spitzen stattet er „Fahrstuhl zum Schafott“ mit einer gewissen Leichtigkeit aus, die dem Film sehr gut tut, wenngleich die schon regelrecht surreal wirkende Szene im Verhörraum der Polizeistation nicht so recht zum naturalistischen Rest-Look des Films passen möchte. Hier zeigt sich die zuweilen noch ungeschliffene Handschrift eines Debütregisseurs, der Wagnisse einzugehen bereit war und die Früchte in Form eines Filmprodukts erntete, das noch heute als Klassiker und Wegbereiter moderner französischer Filmkunst angesehen wird.

Ein klassischer Noir-Krimi im zeitgemäßen Gewand, der auch anspruchsvolles Publikum zu erfreuen weiß. Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“ erweckt den Pariser Zeitgeist von 1957 zum Leben, inklusiver eleganter Schwarzweißbilder und engagierter Auftritte junger Schauspielgrößen.

(4 von 5 Punkten)

Gubanov Offline




Beiträge: 14.783

15.10.2017 14:45
#48 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten



Wenn es Nacht wird in Paris (Touchez pas au grisbi)

Gangsterdrama, FR / IT 1953. Regie: Jacques Becker. Drehbuch: Jacques Becker, Albert Simonin, Maurice Griffe (Buchvorlage: Albert Simonin). Mit: Jean Gabin (Max, genannt Der Lügner), René Dary (Henri Ducros, genannt Riton), Jeanne Moreau (Josy), Dora Doll (Lola), Michel Jourdan (Marco), Paul Frankeur (Pierrot), Lino Ventura (Angelo Fraiser), Vittorio Sanipoli (Ramon), Marilyn Buferd (Betty), Denise Clair (Madame Bouche) u.a. Uraufführung (FR): 17. März 1954. Uraufführung (BRD): 23. Dezember 1954. Eine Produktion von Del Duca Films und Antares Produzione für Les Films Corona.

Zitat von Wenn es Nacht wird in Paris
Es sollte sein letzter großer Coup werden: Der Ganovenkönig Max erbeutet Goldbarren im Wert von 50 Millionen Francs. Mit diesem Geld will er sich zur Ruhe setzen, denn das unstete Leben zwischen Nachtclubs und Schießereien ermüdet ihn zusehends. Doch kurz bevor die 96 Kilo Edelmetall zu Scheinen gemacht werden können, wird Max’ langjähriger Kompagnon Riton von der rivalisierenden Gaunerbande um den Drogenbaron Angelo entführt. Dessen Forderung ist simpel: Riton kommt nur wieder frei, wenn Max die Goldbarren herüberwachsen lässt ...


Von französischen Gangsterfilmen ist man bissigen Realismus gewöhnt. Jaques Beckers „Wenn es Nacht wird in Paris“ beschreitet andere Pfade, denn hier zeigt sich das wahre Gesicht des Verbrechens zunächst nur im Verborgenen. Max und seine Clique werden nicht bei kriminellen Aktivitäten begleitet, sondern porträtiert, als handele es sich bei ihnen um herkömmliche Geschäftsmänner, die sich zu strategischen Besprechungen und Hinterzimmer-Absprachen treffen. Seriös mögen sie mit ihrem Treffen in dem vertrauten Café, das alsbald in ein Nachtlokal verlegt wird, und ihren Weibergeschichten mit Strip-Tänzerinnen zwar nicht unbedingt wirken; davon abgesehen sind Max, Riton und Marco aber keineswegs abgefeimte Galgenvögel. Nadelstreifenanzüge, schicke Zweitwohnungen und ein selbstverständlicher Ehrenkodex sind Elemente, mit denen der Film sich von der Radikalität seiner Buchvorlage – einem politisch offenbar höchst inkorrekten französischen Hardboiled-Verschnitt – distanziert, was ihn allerdings bis weit hinein ins zweite Drittel der Laufzeit recht betulich wirken lässt.

Erst kurz vor knapp greift Becker in die Zauberkiste expliziter Härten und präsentiert dem Zuschauer ein umso schockierenderes Finale, das die alte Moral vom sich nicht auszahlenden Verbrechen in beeindruckenden Nachtaufnahmen einer mulmigen Löse-„Geld“- und Geisel-Übergabe untermauert. Es sind diese Szenen und die, die Ritons Entführung folgen, in welchen in Jean Gabins und René Darys Spiel eine tiefe Verbundenheit über den verbrecherischen Beruf hinaus spürbar wird. „Wenn es Nacht wird in Paris“ erwirbt sich durch dieses Porträt einer langjährigen Männerfreundschaft deutlich stärkere Meriten als etwa durch Spannungsaufbau oder Actionanteile, die beide eher mäßig ausfallen.

Jeanne Moreau, die mit „Fahrstuhl zum Schafott“ ihren endgültigen Durchbruch feierte, ist hier in einem noch vier Jahre weiter zurückliegenden Auftritt zu sehen, in dem sie allerdings noch kaum bleibenden Eindruck hinterlässt und zudem optisch recht unvorteilhaft daherkommt. Als interessanter erweist sich Lino Venturas Filmdebüt: Der Italiener gibt den machthungrigen Gegenspieler Jean Gabins sehr engagiert. Während Gabins Max sich mit der Beute zur Ruhe setzen und seine Karriere beenden will, ist Venturas Angelo ein emporstrebender Jungganove. Der Generationsunterschied macht sich einerseits in den Organisationsstrukturen der jeweils den Bossen zugehörigen Banden bemerkbar, andererseits aber auch in den Schicksalen, die das Drehbuch den beiden Figuren angedeihen lässt. Es ist klar, mit welcher der beiden Schattenfiguren das Publikum – in Ermangelung jedweder Lichtgestalt – mitfiebern soll.

Vielleicht ist genau diese positive Konnotation des Charakters Max auch der Grund, weshalb Becker dem Publikum den so naheliegenden Einstieg mit dem Goldraub vorenthält. Dabei wäre es hochspannend gewesen und hätte der Erzählstruktur des Films zweifellos gut getan, wenn diese zentrale Szene anstelle der überlangen Barsequenzen zu Beginn verbildlicht worden wäre. Die ein nahes Unheil ankündigende Musikuntermalung (eine markante Komposition von Jean Wiener) hätte dann auch gleich noch zwingendere Berechtigung gehabt.

Jacques Beckers Annäherung an eine frankophile Hardboiled-Story gleicht eher einem Freundschaftsdrama als einem vollumfänglichen Kriminalfilm. Herausragende Darstellerleistungen der miteinander in Konkurrenz tretenden Kampfhähne erhalten dem stimmungsvoll pessimistischen Film das Prädikat „sehenswert für Geduldige“.

(3,5 von 5 Punkten)

Gubanov Offline




Beiträge: 14.783

21.10.2017 21:35
#49 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten



Angst über der Stadt (Peur sur la ville)

Polizeithriller, FR / IT 1974. Regie und Drehbuch: Henri Verneuil. Mit: Jean-Paul Belmondo (Commissaire Jean Le Tellier), Charles Denner (Inspecteur Moissac), Adalberto Maria Merli (Pierre Waldeck), Catherine Morin (Hélène Grammont), Rosy Varte (Germaine Doizon), Lea Massari (Nora Elmer), Giovanni Cianfriglia (Marcucci), Jean Martin (Kriminaldirektor Sabin), Roland Dubillard (Psychologe), Germana Carnacina (Pamela Sweet) u.a. Uraufführung (FR): 9. April 1975. Uraufführung (BRD): 5. September 1975. Eine Produktion von Cerito Films und Mondial Televisione Film für A.L.M.F.

Zitat von Angst über der Stadt
Commissaire Le Tellier hat den Fall des brutalen Bankräubers Marcucci noch nicht abgeschlossen, als er die Ermittlungen zu einer Mordserie an leichtlebigen Frauen übertragen bekommt. Ein Wahnsinniger, der sich als moralische Instanz gebärdet und unter dem Decknamen Minos ein Katz-und-Maus-Spiel mit Le Tellier aufnimmt, steckt hinter den Taten. Zunächst heftet sich Le Tellier wegen der Doppelbelastung nur halbherzig an Minos’ Fersen, doch als die Situation zu eskalieren droht, beweist er – ebenso wie im Kampf gegen Marcucci – unerschrockenen Einsatz!


In den großen Reißern des heutigen Popcorn-Kinos kann das Publikum auf monumentale Actionsequenzen vertrauen. Doch die Freude über die sogenannten Special Effects wird dadurch getrübt, dass sie eben nur das sind, was in ihrem Namen steckt: Effekte. Manch ein Filmemacher – und manch ein Hauptdarsteller – sollte sich eine dicke Scheibe von „Angst über der Stadt“ abschneiden, der als ein Musterbeispiel des abenteuerlichen Polizeifilms der Siebzigerjahre gelten darf. Im Gegensatz zu den italienischen Poliziotteschi, in denen die Ermittler übermächtigen Filz- und Mafiastrukturen weitgehend machtlos gegenüberstanden, porträtiert Jean-Paul Belmondi in Henri Verneuils Streifen einen mit allen Wassern gewaschenen Cop mit selbstverständlicher Erfolgsgarantie. Er ermittelt nicht im Büro mit grauen Zellen und Indizienbeweisen, sondern erklimmt Hausfassaden, schießt prinzipiell als Erster und seilt sich wo nötig auch aus Hubschraubern ab. Verfolgungsjagden über Hausdächer zählen zu Le Telliers leichtesten Übungen; wenn er sich einmal warmgesprintet hat, schreckt er auch vor den Dächern fahrender Metro-Züge nicht zurück – ob in Tunneln oder auf Seine-Brücken. Diese Szenen verleihen der „Angst über der Stadt“ eine unglaubliche Dynamik und erzeugen beim Zuschauer echtes Mitfiebern – weil man eben sieht, wie alle gefährlichen Stunts ohne Netz und doppelten Boden gedreht und hochwertig fotografiert wurden.

Zu Beginn der zweistündigen Sause könnte man sich fast in einem Bava- oder Argento-Giallo wähnen, so stilsicher inszeniert Verneuil die nächtliche Bedrohung der Nora Elmer per Telefon. Ein Strudel der Angst reißt das Publikum binnen weniger Minuten mit. Das moderne Hochhausset, die Lichter der Großstadt unter den Hochhäusern von La Défence und die aufreibende Musik von Ennio Morricone gehen mit dem klassischen Frauenmörder-Plot eine stimmige Verbindung ein, die konsequent von gelegentlichen, gut abgestimmten Momenten schwarzen Humors durchzogen wird. Nora Elmers Fenstersturz, die Einführung des Killers Minos in persona und die Nebenhandlung um den brandgefährlichen Bankräuber werden in ebenso rapider Abfolge inszeniert wie der Rest des inhaltlich simplen, aber absolut stringent aufgebauten Films.

Der Film ist eindeutig auf Star Belmondo als Lichtgestalt mit den 70er-Jahre-typischen Macken ausgerichtet. Obwohl Le Tellier im Wesentlichen das Spatzenhirn mit Riesenmuskeln gibt, gern auch einmal seine großspurige, zuweilen sogar sadistische Ader heraushängen lässt und sich zeitweise genervt vom Fortgang der Ermittlungen präsentiert, überwiegt doch der Sympathiefaktor, den seine unkonventionellen Methoden und flotten Sprüche garantieren. Gänzlich anders sah das zur Premiere 1975 die Wochenzeitung Die Zeit, deren offensichtlich obrigkeitsskeptischer Filmkorrespondent nicht verstand, dass Verneuils Film in einer unterhaltsamen Fantasiewelt spielt und keinen Anspruch auf Realitätssinn erhebt:

Zitat von Filmtips. In: Die Zeit 38/1975, 12. September 1975, Quelle
Angst über der Stadt von Henri Verneuil ist ein zynisches Plädoyer für den totalen Polizeistaat. In der ersten Polizistenrolle seiner Karriere jagt Jean-Paul Belmondo mit heroisch verklärter Brutalität einen geisteskranken Frauenmörder, der mit Mitteln, wie man sie aus dem faschistischen Kino kennt, als bestialischer Untermensch denunziert wird. Verneuil [...] heizt bürgerliche Aggressionen mit dem Ruf nach uniformiertem Terror auf [...], da wird ideologisch der Boden bereitet für rechtsradikale Putschisten.


Sowohl die Figur des kernigen Bankräubers als auch die des eigentlich feinsinnigen, doch durch mentale Beeinträchtigung immer wieder zum Killer werdenden Minos bereichern „Angst in der Stadt“ um formidable Gegner für Belmondos starken Protagonisten. Die Maske verlieh Adalberto Maria Merli ein stellenweise richtig schauerliches Aussehen, das seinen Auftritten einen dezenten Gruselfaktor verleiht (insbesondere hervorzuheben ist der Mord an der Krankenschwester Hélène, der im Spiegel an einer hin- und herschwingenden Spindtür eingefangen wird). Dass Krimis und Schauergeschichten sich über das pragmatische Prinzip „einem Killer sieht man sein schmutziges Handwerk nicht an“ hinwegsetzten, ist auch keinesfalls eine Erfindung faschistischer Untermenschen-Rhetorik, wie Die Zeit ihren Lesern weismachen wollte, sondern zeigt sich auch schon in unverfänglichen Klassikern wie Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“, Shelleys „Frankenstein“ oder Wallace’ „Die toten Augen von London“.

„Angst über der Stadt“ entführt den geneigten Zuschauer auf eine Abenteuerreise durch das von stilsicheren Verbrechen erschütterte Paris der bunten 1970er Jahre. Der testosterongesteuerte Belmondo überzeugt als raubeiniger Bulle im Zweikampf gegen einen rachsüchtigen Mörder, dessen Taten und Tathintergründe stark an italienische Gialli erinnern. Gewürzt wird die Mischung mit atemberaubenden Stunt-Einlagen.

(4,5 von 5 Punkten)

Gubanov Offline




Beiträge: 14.783

22.10.2017 19:30
#50 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten



Der Bulle (Le pacha)

Polizeithriller, FR / IT 1967. Regie: Georges Lautner. Drehbuch: Michel Audiard, Georges Lautner, Albert Simonin (Romanvorlage „Pouce“: Jean Laborde). Mit: Jean Gabin (Commissaire Joss), Dany Carrel (Nathalie Villar), André Pousse (Quinquin), Henri Déus (Léon), André Weber (Émile), Robert Dalban (Inspecteur Gouvion), Jean Gaven (Marc), Maurice Garrel (Brunet), Louis Seigner (Polizeidirektor), Pierre Koulak (Marcel, der Koreaner) u.a. Uraufführung (FR): 14. März 1968. Uraufführung (BRD): 23. Juli 1968. Eine Produktion von Les Films Gafer und Rizzoli Film für Gaumont.

Zitat von Der Bulle
Der Tod von Inspecteur Albert Gouvion könnte Unfall oder Selbstmord sein. Doch sein langjähriger Freund und Kollege Commissaire Joss glaubt an Mord: Zu auffällig ist die Querverbindung von Alberts Ableben zu einem Juwelenraub, für den die Bande um den Meisterverbrecher Quinquin verantwortlich zeichnet. Quinquin hatte nach dem Coup alle Mitwisser ohne mit der Wimper zu zucken erschossen – auch das jüngste Bandenmitglied Léon, dessen Schwester Nathalie Alberts Freundin war. Nachdem Quinquin seine Hand weiterhin locker am Abzug der Pistole hat, beschließt Commissaire Joss, den rücksichtslosen Schurken persönlich zur Strecke zu bringen und seinen Mitarbeiter zu rächen ...


Wer mit dem Feuer spielt, verbrennt sich daran. Diese Weisheit könnte sowohl dem Inspecteur in seinem zweiten Frühling als auch den naiven Gangstern, die sich mit Quinquin einließen, im Moment ihres Todes durch den Kopf geschossen sein. Georges Lautners Film ist voll von Figuren, die die Konsequenzen ihrer Entscheidungen nicht absehen können oder wollen, aber auch von solchen, die sich diese Schwäche zunutze machen. Vor diesem Hintergrund hätte der Gangsterboss Quinquin eine schier übermenschliche Verbrecherfigur sein können – ein eiskalter Richter, der sich über jegliche Moralvorstellungen hinweggesetzt hat. Seiner Verkörperung durch André Pousse fehlt jede Spur dieses ehrfürchtigen Anstrichs; wie sein eigener Assistent wirkt der Ganovendarsteller, der sich nur durch seine Knarre, nicht aber durch seine Persönlichkeit Respekt verschafft.

Und so verkommt „Der Bulle“ nach dem sehr sehenswerten Einstieg mit der Entführung und dem Aufbruch des üppig befüllten Panzerwagens zu einem stupiden Ballerfilm ohne wirklich clevere oder ergreifende Handlung, da sich das Drehbuch nie um Twists oder tiefgründige Figurenzeichnungen bemüht. Weder wird dem Zuschauer je ein Blick auf die Beute ermöglicht noch einem von Quinquins Ex-Verbündeten wirkliche Gelegenheit zum Aufmucken zugestanden. Auch die großteils arg hektisch inszenierten Mordszenen vermitteln ausschließlich Brutalität statt künstlerischer Qualität – ausgenommen den Tod des jungen Léon, der in seinem Auto erschossen und anschließend zu Tönen von Brigitte Bardots „Harley Davidson“ in einem winterlich-zugefrorenen See versenkt wird. Wie Quinquin sein eigenes Autoradio einstellt, nachdem das in Léons Wagen eindringende kalte Nass die Sängerin mitten im Song abwürgt – das hat schon ’was!

Im Vorbeigehen adressiert Lautner auch das Thema Selbstjustiz, indem er den von Quinquins regelrechtem Amoklauf entnervten Commissaire Joss am Ende gegen die Buchstaben des Gesetzes handeln lässt. Trotz dieses letzten Freundschaftsdiensts kommt die Beziehung zwischen ihm und Albert Gouvion nicht an die ähnlich gelagerte zwischen den Hauptfiguren im Gabin-Drama „Wenn es Nacht wird in Paris“ heran, der mit weniger dauerhaftem Waffeneinsatz ungleich drastischere Akzente zu setzen wusste. Das liegt auch einfach daran, dass Gabin und Filmpartner Dalban im hier vorliegenden Film leider kaum gemeinsame Szenen haben, in denen ihre enge Verbindung über ein paar Off-Kommentare hinaus greifbar gemacht wird. Überhaupt spult Jean Gabin nicht mehr als sein Standardprogramm als bärbeißiger Polizeiroutinier ab, wobei sein Commissaire Joss den Tod der Nathalie Villar zugunsten eines zweifelhaften Täuschungsmanövers billigend in Kauf nimmt.

Was „Der Bulle“ dennoch sehenswert macht, sind die unprätentiöse Fotografie von Maurice Fellous, die vor allem Gabin und Carrel fotogene Großaufnahmen widmet, sowie die stimmige, zeitgeistige Musikuntermalung von Serge Gainsbourg. Der Kult-Künstler tritt in einem Cameo-Auftritt sogar selbst in einem Musikstudio, in dem ein Verhör durchgeführt wird, auf; seine coole Nummer „Requiem pour un con“ kann indes nicht davon ablenken, dass sie ebenso wie die Hippie-Tänze im Mittelteil als Füllmaterial für die selbst für 81 Minuten verdächtig schwachbrüstige Story herhalten muss.

„Der Bulle“ wartet mit dem erprobten Jean Gabin, einem Juwelenraub, einer skrupellosen Mordserie und einer gesunden Portion bissiger Schwarzmalerei auf. Dennoch kann der Film es kaum mit anspruchsvolleren oder unterhaltsameren Vertretern des französischen Kinos aufnehmen; dafür ist er zu prosaisch und höhepunktslos.

(2,5 von 5 Punkten)

Ray Offline



Beiträge: 732

22.10.2017 19:47
#51 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #49

„Angst über der Stadt“ entführt den geneigten Zuschauer auf eine Abenteuerreise durch das von stilsicheren Verbrechen erschütterte Paris der bunten 1970er Jahre. Der testosterongesteuerte Belmondo überzeugt als raubeiniger Bulle im Zweikampf gegen einen rachsüchtigen Mörder, dessen Taten und Tathintergründe stark an italienische Gialli erinnern. Gewürzt wird die Mischung mit atemberaubenden Stunt-Einlagen.



Habe den Film vor etwa einem Jahr erstmals gesehen und würde ihn aus dem Kopf im Ergebnis genauso bewerten wie du. Hat mir persönlich besser gefallen als etwa "Der Profi". Parallelen zu "Dirty Harry" sind natürlich vorhanden. Letzterer wäre für dich vielleicht perspektivisch auch eine Option, wenn er dir noch nicht bekannt ist und dir "Angst über der Stadt" gut gefallen hat.

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