Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 143 Antworten
und wurde 17.030 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker international
Seiten 1 | ... 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Ray Offline



Beiträge: 1.528

21.04.2020 13:16
#106 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten

Außer Atem (À bout de souffle, F 1960)

Regie: Jean-Luc Godard

Darsteller: Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Daniel Boulanger u.a.



Auf der Flucht vor einer Verkehrskontrolle erschießt der junge Michel einen Polizisten und macht sich mit seinem gestohlenen Wagen aus dem Staub. In Paris sucht er die amerikanische Studentin Patricia auf, die er schon einige Male getroffen und in die er sich verliebt hat. Die beiden verbringen den Großteil der folgenden Stunden, während Michel nebenher die Flucht nach Italien (mit Patricia) plant...

Wer von „Außer Atem“ einen üblichen Kriminalfilm erwartet, wird bitter enttäuscht werden. Der Film von Jean-Luc Godard gilt als Meilenstein der Nouvelle Vague und funktioniert wie z.B. der Jahre später in Deutschland produzierte „Zur Sache, Schätzchen“ vor allem als Zeitgeistfilm. Godard nimmt den Betrachter mit in das Paris von 1959: Man spaziert mit Belmondo und Seberg über die Champs-Élysées, sieht Cafés, Kinos und Zeitungshändler. Michel und Patricia werden dem Publikum als ungleiches Paar präsentiert. Auf der einen Seite der rastlose Michel, der „nur“ eine Mittlere Reife hat, auf der anderen Seite die amerikanische Studentin, die den Wunsch nach einem bürgerlichen Leben offenbar noch nicht ganz aufgegeben hat. Die Unterschiede zwischen beiden zeigen sich vor allem in einer langen Szene in Patricias Wohnung gegen Mitte des Films, in deren Rahmen sie permanent aneinander vorbeireden. Seine Meriten hat der Film vor allem auch durch den Einsatz damals ungebräuchlicher filmischer Mittel. Godard arbeitet mit Handkamera, filmt „heimlich“ aus Taxis oder durch geöffnete Fenster von Wohnungen heraus. Besonders charakteristisch sind die „Jump Cuts“, die Godard eigentlich aus Verlegenheit einbaute, weil sein Film in der ersten Fassung viel zu lang war, und die anschließend zu einem zentralen Stilmittel der Nouvelle Vague werden sollten. Auch wegen dieser „Jump Cuts“ erfordert der Film mitunter erhöhte Konzentration. Bei angepasster Erwartungshaltung ist „Außer Atem“ ein kurzweiliger Film mit tollen Hauptdarstellern, in dem man wohl auch nach wiederholter Sichtung immer wieder neue Details wird ausmachen können.


Sehenswerter Zeitgeist-Film mit einem charismatischen Leinwandpaar. 4,5 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.528

25.04.2020 10:20
#107 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten

Mord in Barcelona (Un papillon sur l'épaule, F 1978)

Regie: Jacques Deray

Darsteller: Lino Ventura, Claudine Auger, Nicole Garcia u.a.



Seemann Roland Fériaud macht vor einer weiteren Reise Halt in Barcelona, um dort seine Frau zu treffen. Doch der Aufenthalt verläuft anders als geplant: Er wird im Hotel niedergeschlagen und wacht in einem seltsamen Krankenhaus auf. Fériaud ist fest überzeugt, Zeuge eines Mordes gewesen zu sein, der behandelnde Arzt versichert ihm jedoch, es handle sich lediglich um Halluzinationen. Nach seiner Entlassung überschlagen sich die Ereignisse: Er findet einen zweiten Toten im Hotelzimmer und kurz darauf wird seine Frau entführt. Die Entführer verlangen Herausgabe eines Handkoffers, von dessen Existenz Fériaud gar nichts weiß...

„Mord in Barcelona“ erzählt eine Geschichte, wie sie Alfred Hitchcock so gerne auf die Leinwand gebracht hat: Ein unbescholtener Durchschnittsbürger gerät unfreiwillig und ohne Schuld in ein Komplott. Der Film gibt der Hauptfigur und dem Zuschauer eine Menge Rätsel auf. Was ist das für eine Klinik, in der Fériaud nach Entdeckung der ersten Leiche aufwacht? Was führt die von Claudine Auger gespielte Frau im Schilde, die Fériaud zunächst helfen zu wollen scheint, sich dann allerdings ausgesprochen merkwürdig verhält? Die ruhige Erzählweise, der unverbrauchte Schauplatz Barcelona, ein überzeugender Lino Ventura – all diese Aspekte sorgen über weite Strecken für atmosphärische Thriller-Unterhaltung. Leider betreibt der Film zugunsten eines Gefühls der Unsicherheit keinerlei Aufklärung, weswegen der Betrachter am Ende ungefähr so schlau ist wie nach zehn Minuten. „Mord in Barcelona“ vermittelt die beunruhigende Botschaft, dass ein jeder in eine solch unbegreifliche Situation geraten kann, ohne die berechtigte Hoffnung, über die Hintergründe aufgeklärt zu werden. Für den durchschnittlichen Zuseher des Mediums Film dürfte dies aber einigermaßen unbefriedigend sein.


„Mord in Barcelona“ hinterlässt einen insgesamt zwiespältigen Eindruck: Der Film bietet über weite Strecken sehr ordentliche Thriller-Kost, verweigert sich jedoch am Ende jedweder Aufklärung und wird so viele Zuschauer unbefriedigt zurücklassen. 3,5 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.528

26.04.2020 13:11
#108 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten

Rififi (Du rififi chez les hommes, F 1955)

Regie: Jules Dassin

Darsteller: Jean Servais, Carl Möhner, Robert Manuel, Magali Noel, Robert Hossein u.a.



Der soeben aus der Haft entlassene Tony landet mit drei weiteren Gangstern einen großen Coup in einem Juweliergeschäft. Doch infolge einer Leichtsinnigkeit eines Bandenmitglieds fliegen die vier Ganoven in der Unterwelt auf. Eine verfeindete Bande hat es in der Folge auf die Beute abgesehen...

„Rififi“ gilt als Meilenstein des Heist-Movies. Der Titel wurde zum geflügelten Wort („Methode Rififi“, „á la Rififi) und zu Vermarktungszwecken gerne in (deutsche) Titel oder Untertitel späterer Filme integriert („Das Millionending - Rififi in Berlin“, „Rififi in Paris“, „Rififi an Karfreitag“). In der Politik wurde seinerzeit über ein Verbot diskutiert, aus Angst, der Film liefere potentiellen Nachahmern eine Anleitung für ähnliche Taten. Grund ist die inzwischen legendäre Einbruchssequenz, die über eine halbe Stunde dauert und ohne Musik und Dialog auskommt, was zugleich Stärke, jedoch auch ein wenig Schwäche der Szene ist, weil sie dem Betrachter selbst ein hohes Maß an Konzentration abverlangt. Anders als bei vergleichbaren Filmen ereignet sich der Raub nicht im letzten Drittel, sondern gegen Mitte des Films. Im Anschluss folgt die mindestens ebenso spannende Auseinandersetzung zwischen den Dieben und der anderen Gangsterbande.

Im Falle von „Rififi“ sitzt der Star auf dem Regiestuhl: Jules Dassin hatte mit „Zelle R 17“, „Die Ratte von Soho“ und „Stadt ohne Maske“ einige bedeutende Film Noirs abgeliefert, sah sich jedoch Ermittlungen des Komitees unamerikanischer Umtriebe ausgesetzt und verlegte seine Arbeit daher nach Europa. Jean Servais in der Rolle des Tony ist keineswegs der später oft beinahe glorifizierte „Gentleman-Ganove“, sondern ein vom Leben enttäuschter, wortkarger Ganove, der die Ex-Geliebte zu Anfang des Films auspeitscht, weil sie sich während seines Gefägnisaufenthalts einem anderen Mann zugewandt hat. Derlei Momente stellen die Sympathien des Publikums zu einem frühen Zeitpunkt auf eine Zerreißprobe, unterstreichen aber zugleich ein weiteres Mal den auf Realismus angelegten Ansatz, den Dassin auch in „Rififi“ verfolgte. Auch wenn der Film ohne die ganz großen Stars auskommen muss – in einer weiteren Hauptrolle ist der österreichische Schauspieler Carl Möhner („Dynamit in grüner Seide“) zu sehen – weiß er trotz einer Lauflänge von fast zwei Stunden sehr gut zu unterhalten. Hervorzuheben ist noch eine ausgesprochen gelungene Nachtclubszene mit Magali Noel („Mörderspiel“, „Das Todesauge von Ceylon“), von der sich manche deutsche Produktion eine Scheibe hätte abschneiden können.

Die DVD von Universum bietet ein solides Bild und enthält die deutsche Kinofassung sowie die ungekürzte Originalfassung.


Der Klassiker des Heist-Movies unterhält das Publikum nicht nur mit der detaillierten Darstellung eines Raubes, sondern hält die Spannung auch im Anschluss aufrecht, wenn sich die Diebe mit einer anderen Bande um die Beute streiten. 4,5 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.528

29.04.2020 14:16
#109 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten

Der Außenseiter (Le Marginal, F 1983)

Regie: Jacques Deray

Darsteller: Jean-Paul Belmondo, Henry Silva, Pierre Vernier u.a.



Kommissar Jordan wird von Paris von Marseille beordert, um die dortige Polizei im Kampf gegen das Drogenproblem zu unterstützen. Mit seinen eigenwilligen Methoden eckt er jedoch schnell an und wird zur Sittenpolizei strafversetzt. Doch das hält Jourdan nicht davon ab, weitere Ermittlungen gegen den Drogenboss Meccacci und seine Handlanger anzustellen...

Spätestens durch den Erfolg mit „Der Profi“ war Jean-Paul Belmondo auf ruppige Kriminalfilme gebucht. Insofern bietet „Der Außenseiter“ grundsätzlich alles, was man von einem Bébel-Streifen dieser Zeit erwartet. Eine schlicht gestrickte Kriminalstory und einen (höchst) selbstbewussten Hauptdarsteller, der sich mit losem Mundwerk und flinken Fäusten durch die Handlung bewegt. Wie schon beim „Profi“ wird der Film zudem von einem eingängigen und hochwertigen Soundtrack Ennio Morricones veredelt. Trotzdem bleibt „Der Außenseiter“ qualitativ hinter dem „Profi“, „Profi 2“ oder dem „Windhund“ zurück. Das liegt zum einen daran, dass sich Jordan mitunter arg im Ton vergreift, was die Sympathiewerte der Figur nicht unwesentlich schwinden lässt. Zum anderen wird das dramaturgische Potential aus einem Duell zwischen Belmondo und Henry Silva weitgehend verschenkt. In Jürgen Rolands „Zinksärge für die Goldjungen“ konnte man beispielhaft sehen, dass Silva nicht nur wegen seines Aussehens für Gangsterfiguren besonders geeignet ist. Hier taucht er aber nach den ersten Minuten kaum auf, stattdessen muss sich Belmondo mit einer Reihe von Handlangern rumschlagen, ohne dass das Publikum zumindest mit Szenen versorgt wird, in denen es erfährt, wie Silva auf die Handlungen Jordans reagiert. Die finale Konfrontation fällt dann eher knapp und enttäuschend aus.

Die DVD von e-m-s ist schon lange vom Markt und auch gebraucht nicht gerade günstig. Sie bietet aber ein gutes Bild und ein recht informatives Booklet. Der Film läuft aber auch regelmäßig im Fernsehen.


„Der Außenseiter“ ist ein weiterer unterhaltsamer Krimi-Reißer mit Jean-Paul Belmondo. Allerdings ist die Figur, die Bébel verkörpert, nicht übermäßig sympathisch. Außerdem wird das dramaturgische Potential, das sich aus dem Duell mit dem von Henry Silva verkörperten Gangster ergibt, nicht genutzt. 3,5 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.528

30.04.2020 18:53
#110 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten

Die Affäre Dominici (L'affaire Dominici, F/I/ESP 1973)

Regie: Claude Bernard-Aubert

Darsteller: Jean Gabin, Victor Lanoux, Geneviève Fontanel, Gerard Depardieu u.a.



Eine britische Kleinfamilie wird auf einem Campingurlaub in der Provence brutal ermordet. Die Ermittlungen konzentrieren sich bald auf die Großfamilie Dominici, deren Haus in der Nähe des Tatorts liegt. Männliche Vertreter der Familie belasten sich gegenseitig schwer. Angeklagt wird letztlich das alte Familienoberhaupt Gaston...

„Der Fall Dominici“ basiert auf einem wahren und bis heute ungeklärten Fall. Aus diesem Grunde bekommt der Zuschauer zwar ein Ende zu sehen, aber keine echte Auflösung, womit man angesichts der Umstände aber leben kann. In seine rund 100 Minuten Laufzeit packt der Film eine Menge Stoff, die eine heutige Produktion wahrscheinlich auf über zwei Stunden ausgedehnt hätte. Nach kurzer Exposition widmet sich der Film ausführlich den Ermittlungen der Polizei, die zunächst zum jungen Gustave Dominici führen, der aber nur wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt wird und schnell wieder aus der Haft entlassen ist. Gegen Mitte des Films kommt dann Vater Gaston ins Fadenkreuz der Ermittler und gibt alsbald ein Geständnis ab. Man fragt sich in diesen Momenten, ob dieses Geständnis glaubhaft ist oder ob sich der Alte für jemand anders aus der Familie „aufopfert“. Es schließt sich ein recht knackig inszenierter Prozess an, in dem sich die Familienangehörigen gegenseitig beschuldigen und sich die Frage aufdrängt, für wen sich Gaston aufgeopfert hat, wenn er dies denn überhaupt für jemanden getan hat. Eher unnötig ist die Einschaltung des echten Verteidigers von Dominici in der letzten Szene, der eine sehr emotionale Ansprache an den Zuschauer richtet, wodurch der Film ein Stück weit die Sachlichkeit, die ihn zuvor ausgezeichnet hat, verliert. Die weiteren Vorgänge hätte man besser wie üblich in Form von Texttafeln präsentiert. Zu bemerken ist noch, dass Jean Gabin in einem seiner letzten Filme stark aufspielt, die musikalische Untermalung vorzüglich ist und der junge Gerard Depardieu eine kleine Rolle übernahm.

Die DVD von Pidax, die aktuell als „Restposten“ günstig im Shop des Labels angeboten wird, präsentiert den Film in solider Qualität.


Über weite Strecken überzeugende Darstellung eines echten Kriminalfalles mit einem starken Jean Gabin in der Hauptrolle. 4 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.528

01.05.2020 19:40
#111 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten

Wie ein Bumerang (Comme un Bumerang F/I 1976)

Regie: José Giovanni

Darsteller: Alain Delon, Carla Gravina, Dora Doll, Reinhard Kolldehoff u.a.



Der 17-jährige Sohn des wohlhabenden Industriellen Jacques Batkin erschießt nach Drogenkonsum auf einer Party ohne Absicht einen Polizisten. Sein Vater setzt alle Hebel in Bewegung, um mildernde Umstände hervorzuheben. Jedoch hat auch er eine kriminelle Vergangenheit, die von der Boulevardpresse nur allzu gerne hervorgekramt wird, um den Fall medial weiter aufzubauschen. Jacques glaubt nicht mehr an ein gutes Ende für seinen Sohn und plant eine spektakuläre Befreiung...

„Wie ein Bumerang“ basiert auf einer Vorlage von José Giovanni, der auch die Regie übernahm und mit Hauptdarsteller Alain Delon das Drehbuch verfasste. Giovanni lässt Polizei und Justiz ein weiteres Mal nicht im besten Licht erstrahlen. Anders als andere Kriminalfilme konzentriert sich der Film nach der schnellen Verhaftung des jungen Batkin nicht auf eine spätere Gerichtsverhandlung, sondern die Zeit in Untersuchungshaft. Zentrale Figur ist auch nicht der junge Batkin, sondern sein Vater Jacques, der erleben muss, wie ihn durch den Vorfall seine eigene Vergangenheit einholt. Dies wird sicher auch damit zu tun haben, dass der Film auf seinen Star Alain Delon ausgerichtet ist. Trotzdem hätte es dem Vater-Sohn-Drama sicher nicht geschadet, wenn man dem Sohn mehr Raum zur Entfaltung gegeben hätte. Demgegenüber kann das Finale inklusive Befreiung und spektakulärer Flucht durch die Berge und Wälder nahe der italienischen Grenze mit spektakulären Schauwerten aufwarten. Delon zementiert auch in diesem Film sein Image als „eiskalter Engel“, der anspruchsvoller daherkommt als mancher Streifen, an dem er in den 1980er-Jahren mitgewirkt hat. Die Musik von Georges Delerue ist erstklassig. In einer kleinen Rolle ist auch Reinhard Kolldehoff zu sehen. Wird seine Mitwirkung im Vorspann noch besonders hervorgehoben, beschränkt sich sein Part aber letzten Endes auf eine kurze Szene.

Die vor wenigen Monaten veröffentlichte DVD von Pidax zeigt den Film in guter Qualität.


Polizei- und justizkritischer Thriller verpackt in ein Vater-Sohn-Drama, das sich etwas stark auf die von Alain Delon gespielte Vaterfigur konzentriert, jedoch mit einem spektakulären Finale und einem hörenswerten Score aufwarten kann. 4 von 5 Punkten.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

03.05.2020 16:45
#112 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten



Lautlos wie die Nacht (Mélodie en sous-sol)

Kriminalfilm, FR / IT 1962/63. Regie: Henri Verneuil. Drehbuch: Michel Audiard, Albert Simonin (Romanvorlage „The Big Grab“, 1959: John Trinian (d.i. Zekial Marko)). Mit: Jean Gabin (Charles), Alain Delon (Francis Verlot), Maurice Biraud (Louis Naudin), Viviane Romance (Ginette), Carla Marlier (Brigitte), Rita Cadillac (Liliane), Henri Virlojeux (Mario), Dominique Davray (Léone), José Luis de Vilallonga (Monsieur Grimp), Claude Cerval (Polizeikommissar) u.a. Uraufführung (FR): 19. März 1963. Uraufführung (BRD): 23. August 1963. Eine Produktion von C.I.P.R.A. Paris, Cité Films Paris und Compagnia Cinematografica Mondiale Rom.

Zitat von Lautlos wie die Nacht
Charles ist kaum aus dem Gefängnis entlassen und ins traute Heim seiner Gattin Ginette eingeflogen, da treibt ihn schon wieder das Verlangen nach einem großen Coup um: Es soll eine todsichere Sache sein, die genug Geld bringt, um sich in Australien zur Ruhe setzen zu können. Von seinem Komplizen Mario erhält er Pläne, um in den Tresorraum eines Casinos in Cannes einzubrechen. Zur Umsetzung des Raubzugs benötigt Charles nur noch einen waghalsigen, sportlichen, jungen Partner. Seine Wahl fällt auf den Tagedieb Francis, der sich in Cannes in einen „Sohn aus gutem Hause“ verwandeln soll. Hat Charles die Rechnung ohne den Wirt gemacht?


Vom großspurigen Anfang über die präzise Ausführung bis hin zum naturgemäß ernüchternden Ende verfolgt man in „Lautlos wie die Nacht“ den Raub von Casino-Einnahmen in Höhe von einer Milliarde Francs. Das Heist Movie von Henri Verneuil kleckert nicht, sondern klotzt – und das in jeder Beziehung. Große Stars, elegante Schauplätze und eine wahrhaft ausladende Laufzeit sind nur die wichtigsten Superlative, mit denen der Krimi aufwarten kann. Unter anderem mit einem Golden Globe als „bester fremdsprachiger Film 1963“ ausgezeichnet, fand er entsprechend wohlwollenden Widerhall dies- und jenseits des großen Teiches:

Zitat von Bosley Crowther: Slick Crime Melodrama Set in Cannes. In: The New York Times, 9. Oktober 1963, Quelle
One of the nicest things about it is that it was shot in Cannes, in and around the casino and along the sparkling Croisette, the beautiful palm-fringed avenue that arcs around the bay. As a consequence, it has the true appearance, the dazzling, freshly scrubbed look of the lovely resort, with its mountains looming majestically behind. It also has the tangy flavor of the gaming halls, the air of anxiety of its patrons, the glitter of the casino’s big night club, the crispness of the swimming pools at seaside, the elegance of the luxury hotels. And it has enough girls in brief bikinis and night-club dancers in long black tights to fill the air with their vibrations and let you know you’re in no other place.


Bei allem Dekorationsjubel, den der Rezensent der New York Times anstimmt, darf versichert werden, dass „Lautlos wie die Nacht“ auf der anderen Seite auch das Wesentliche nicht aus den Augen verliert. Kontinuierlich wird auf den großen Schlag hingearbeitet, wobei natürlich der den Ton angebende Jean Gabin die Zügel fest in der Hand hält. Gabin spielt im Grunde die gleiche Rolle, die er immer wieder in Beiträgen dieses Genres wiederholte, aber er tut es mit der üblichen abgebrühten Professionalität. Ihm zur Seite stehen ein hasenfüßiger Maurice Biraud und natürlich in erster Linie ein abenteuerlustiger Alain Delon. Delon darf hier zwar oberflächlich einen jungen Gentleman von Format mimen, lässt jedoch die proletenhafte, überhebliche Herkunft seiner Filmfigur Francis immer wieder durchschimmern. Oft erscheint er eher am momentanen Vergnügen als am großen Ganzen interessiert, aber wenn er erst in der hervorragend gefilmten Einbruchs- und Überfallsequenz artistische Glanzeinlagen und kaltblütige Gangsterqualitäten abliefert, ist man dann doch ganz auf seiner Seite. Bezeichnenderweise kehrt die Dummheit von Francis nach dem geglückten Raub schnell wieder zurück ...

Es könnte alles so schön sein. Leider leistet sich der Streifen zwei große Fehler: Erstens verwendet er zu viel Zeit auf die Einführung der Figuren und der Geschichte. Erst nach einer reichlichen halben Stunde verlegt sich die Handlung nach Cannes; was bis dahin passiert ist, hätte man auch in fünf Minuten schildern können. Selbst in der Küstenstadt angekommen, dauern die Vorbereitungen noch eine allzu lange Weile an. Die übliche Trias aus Planung – Umsetzung – Flucht, die das Heist-Genre auszeichnet, wurde hier massiv zugunsten des ersten und zulasten des letzten Teils verschoben. Zweitens hilft die ausführliche Exposition kaum dabei, eine persönliche Beziehung zu Gabin oder Delon aufzubauen. Würde man zumindest mit einem der beiden Herren mitfiebern, wäre die Spannung im am besten gelungenen Teil der Produktion noch fesselnder. Leider wird eine Identifikation mit Charles oder Francis dadurch verhindert, dass sie sich „verboten cool“ geben, wie die Zeitschrift Cinema es formulierte. Man könnte es weniger freundlich auch mit den Worten quittieren, dass das Interesse des Publikums an den Protagonisten wie an einer Teflonbeschichtung abperlt. So kommt die ironische Klatsche, die sich die zwei Gauner am Ende holen und die von einer beinah triumphalen Musik untermalt wird, wie gerufen; einen erfolgreichen Ritt in den Sonnenuntergang hätte man ihnen beim besten Willen nicht gegönnt.

Hochkarätiges Räuberstück mit Vorzeigebesetzung, schönsten Bildern und einem exzellent in Szene gesetzten Bruch. Einige Tempoprobleme sowie der mangelnde Sympathiefaktor werfen den A-Klasse-Film allerdings stellenweise etwas aus der Bahn.

(4 von 5 Punkten)

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

06.05.2020 06:30
#113 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten



Der Coup (Le casse)

Kriminalfilm, FR / IT 1971. Regie: Henri Verneuil. Drehbuch: Henri Verneuil, Vahé Katcha (Romanvorlage „The Burglar“, 1953: David Goodis). Mit: Jean-Paul Belmondo (Azad), Omar Sharif (Abel Zacharia), Robert Hossein (Ralph), Renato Salvatori (Renzi), Dyan Cannon (Lena), Nicole Calfan (Hélène), José Luis de Vilallonga (Monsieur Tasco), Myriam Colombi (Isabelle Tasco), Raoul Delfosse (Tascos Hausmeister), Marc Arian (Restaurantbesitzer) u.a. Uraufführung (FR): 27. Oktober 1971. Uraufführung (BRD): 16. Dezember 1971. Eine Produktion von Columbia Films Paris und Vides Cinematografica Rom.

Zitat von Der Coup
Der Gangster Azad, seine Freundin Hélène sowie die Komplizen Ralph und Renzi brechen den Tresor des Industriellen Tasco auf und rauben dessen unschätzbar wertvolle Smaragde. Dummerweise wird Azad am Tatort von Kommissar Zacharia wiedererkannt. Obwohl den Verbrechern der Coup zunächst gelingt und sie die Beute sicher verstecken können, entbrennt zwischen Zacharia und der Bande schnell ein gewaltvoller Kleinkrieg. Der Polizist – selbst korrupt und fest entschlossen, die Steine an sich zu bringen – schreckt auch vor Mord nicht zurück. Eiskalt lächelnd bringt er den erfinderischen Azad in eine Klemme nach der anderen ...


Nicht in Paris oder Rom spielt diese französisch-italienische Koproduktion, sondern in Athen, wo sich das Drehteam für zwei Monate im Hilton-Hotel einmietete, um einen teuer aussehenden Actionfilm nach einer Buchvorlage zu realisieren, die eigentlich im amerikanischen Philadelphia angesiedelt ist. Neben Jean-Paul Belmondo, Star des französischen Kinos, ist der in Ägypten geborene Omar Sharif in einer zweiten Hauptrolle zu sehen. Es geht also international zu – und dieses Rahmens erweist sich der minutiös durchgeführte, titelgebende Raub, der die erste knappe halbe Stunde von „Der Coup“ einnimmt, als durchaus würdig. Henri Verneuil schafft es, in der Auftaktsequenz eine enorme Anspannung zu erzeugen, die sich einerseits aus dem konzentrierten Arbeiten von Azad, den Störungen durch die Polizei und dem ungewöhnlichen technischen Werkzeug ergibt, das hier Verwendung findet. Azads Bande bedient sich einer Methode, die Safebesitzer weltweit aufhören lassen dürfte, denn im Wunderköfferchen der Ganoven befinden sich ein Gerät, mit dem durch die Stahlbetontür hindurchgeleuchtet werden kann, ein Seriennummernverzeichnis und außerdem gleich die passende Schlüsselfräse. Sauber!

Was man an Azads Vorgehen bereits erahnen kann, etabliert sich noch deutlicher später im Laufe des Films: „Der Coup“ ist kein ganz ernstzunehmender Thriller, sondern enthält persiflierende Elemente, die sich vor allem auch in den Gesprächen zwischen Azad und Kommissar Zacharia bemerkbar machen. Deren Katz-und-Maus-Spiel ist dermaßen überpointiert und schwarzhumorig, dass Fragen nach der Glaubwürdigkeit gar nicht erst gestellt werden. „Der Coup“ ist ganz sicher keine Komödie, aber er nimmt Klischees des Genres auf die Schulter und schlachtet sie gleichzeitig mit effektvoller Härte aus. Das erfahren zum Beispiel die Handlanger Ralph und Renzi am eigenen Leib – einer verliert sofort sein Leben, als Zacharia austickt; der andere wird immerhin angeschossen.

Folglich sind die Rollen, die Belmondo und Sharif zum Besten geben, platt wie das griechische Mittelmeer und darstellerisch total anspruchslos. Aber sie profilieren sich durch aufwendige Kämpfe und Verfolgungsjagden, die dem „Coup“ einen wirklich unterhaltsamen Stempel aufdrücken. Vor allem Belmondo setzte – wie üblich ohne Stunt-Double agierend – mehrfach seine Gesundheit für beeindruckende Bilder aufs Spiel; ob er nun von außen an einem fahrenden Bus hängt, aus einem Kipplader eine steile Deponiehalde herunterstürzt oder sich einen blutigen Faustkampf am Swimming Pool liefert. Immerhin saßen er und Sharif bei der atemberaubenden Autohatz nicht selbst am Steuer, die sich fast unmittelbar an den anfänglichen Raub anschließt.

Da der Plot äußerst simpel ist, kann man von „Hirn aus, Action an“-Unterhaltung sprechen. Diese trägt durch ihre Professionalität meist sehr gut; nur gen Ende hin drängen sich streckenweise die faden Damen, denen Belmondo zwangsläufig nachhängen muss, arg tempomindernd in den Vordergrund. Auch etwas enttäuscht dürfte derjenige werden, der sich ob des mediterranen Schauplatzes wohlige Sonnenatmosphäre erhofft – die Aufnahmen fanden zwischen Februar und April 1971 statt und wirken oft etwas trist; viele Schauplätze sind eher schäbig und abgewrackt. Dafür hilft der Soundtrack von Ennio Morricone über manche Unebenheit hinweg; er fällt wieder sehr einprägsam, wenn auch in Anbetracht der Filmwirkung vielleicht etwas getragen aus.

Ungewöhnliches Auge-um-Auge-Duell zwischen einem sympathischen Gangster und einem gerissenen Cop. „Der Coup“ ist ein versierter Verneuil-Großfilm, aber inhaltlich schwächer als andere seiner Thriller. Die Wirkung des Films speist sich vor allem aus Jean-Paul Belmondos artistischen Einlagen und der satirischen Boshaftigkeit von Omar Sharif.

(3,5 von 5 Punkten)

Docca Offline



Beiträge: 4

06.05.2020 13:47
#114 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten

Hallo Alle,

mich hat es hierher verschlagen, weil ich seit Jahren einen Film suche, den ich in meiner Kindheit gesehen habe. Bisher habe ich nicht geschafft ihn zu identifizieren und hoffe nun, ihr könnt mir da weiterhelfen. Denn eigentlich denke ich, der Film müsste recht bekannt sein, da er ein sehr effektvolles Ende(?) hat.
Dieses Ende ist genau das, was mir nicht aus dem Kopf geht, was ich aber in noch keiner Filmbeschreibung irgendwo gelesen habe. Das kann natürlich gute Gründe haben, in Foren z.B., Stichwort Spoiler. Daher auch meine bitte: sollte mir jemand von euch weiterhelfen können, gerne eine PN an mich.
So verderben wir denen, die den Film noch nicht gesehen habe, das Ende nicht (denn sie können es keinem Film zuordnen).

Hier mal das, was ich dazu noch im Kopf habe: grob gesagt, Polizist (ich denke da immer an Lino Ventura, bin mir aber nicht sicher) stellt Gangster (Delon?) in einem abgelegenem Haus. Der Polizist geht einen (langen) Weg auf das Haus zu, sie kommunizieren miteinander, der Gangster schiesst (aus dem 2/3. Stock) auf den Kommissar und trifft ihn auch immer wieder.
der Kommissar geht trotzdem immer weiter und erreicht schliesslich die Tür des Hauses. Öffnet sie, und dahinter steht der Gangster der keine Kugeln mehr hat, und lässt sich die Handschellen anlegen.

Ich bin mir ziemlich sicher, das es ein französischer Film ist. Ich würde ihn in die 70er Jahre verorten. Aber auch da bin ich mir nicht sicher.

Also, wer mir hier helfen kann, ist mein Held des Tages! Ich brauche einfach nur den Filmnamen!!!

Beste und hoffnungsvolle Grüße an die Gemeinschaft hier!
Docca

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

07.05.2020 16:52
#115 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten

Tut mir leid – da kann ich als relativer unerfahrener Seher in diesem Genre nicht weiterhelfen. Nur insofern als du hier eine Liste aller Filme einsehen kannst, in denen Delon und Ventura zusammen spielten. Aber vielleicht waren es ja auch andere Schauspieler als in deiner Erinnerung.

Oder haben andere Mitstreiter einen konkreten Verdacht?

Docca Offline



Beiträge: 4

08.05.2020 13:51
#116 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten

Kein Problem. Dein Link schliesst zumindest aus, das Beide an dem Film beteiligt waren, denn das sehe ich bei den dort gelisteten Filmen nicht wirklich.
Vielleicht weiß ja noch jemand was. Ich hab das ja schliesslich nicht geträumt!

Ray Offline



Beiträge: 1.528

09.05.2020 17:18
#117 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten

Mir sagt die Beschreibung leider auch nichts.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

10.05.2020 09:15
#118 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten



Der Uhrmacher von St. Paul / Der Vollstrecker (L’horloger de Saint-Paul)

Kriminalfilm, FR 1973. Regie: Bertrand Tavernier. Drehbuch: Jean Aurenche, Pierre Bost, Bertrand Tavernier (Romanvorlage „L’horloger d’Everton“, 1954: Georges Simenon). Mit: Philippe Noiret (Michel Descombes), Jean Rochefort (Commissaire Guilboud), Sylvain Rougerie (Bernard Descombes), Jacques Denis (Antoine), Yves Afonso (Kriminalassistent Bricard), Andrée Tainsy (Madeleine Fourmet), Christine Pascal (Liliane Torrini), William Sabatier (Bernards Anwalt), Cécile Vassort (Martine), Clotilde Joano (Janine Boitard) u.a. Uraufführung (FR): 16. Januar 1974. Uraufführung (BRD): 7. April 1975. Eine Produktion von Lira Films Paris.

Zitat von Der Uhrmacher von St. Paul
Die Mitteilung der Polizei, dass sein Sohn Bernard mutmaßlich einen Mord begangen hat, reißt den Uhrmacher Michel Descombes aus seinem geregelten Leben heraus. Bernard wird verdächtigt, einen Arbeitskollegen seiner Freundin Liliane erschossen zu haben und dann gemeinsam mit dem Mädchen geflüchtet zu sein – einem Mädchen, von dem der alleinerziehende Vater bislang kein Wort gehört hatte. Michel stellt mit jeder neuen Entwicklung des Falles fest, dass ihm Bernard in vielen Dingen überraschend fremd ist und seine Motive im Dunkeln liegen. Erst als der Flüchtige gefangen wird und vor Gericht steht, flammt die Solidarität zwischen Vater und Sohn wieder auf ...


Maigret-Autor Georges Simenon bürgte in seinen allermeisten Arbeiten nicht nur für ein solides Mordrätsel, sondern vor allem für feine Charakterstudien der melancholischen Art. Auch im vorliegenden Film kommt das Augenmerk des Schriftstellers zum Tragen, der einen recht offensichtlichen Mord an einem Fabrikarbeiter dahingehend nutzte, die Gefühle zu sezieren, die den Vater des Mörders umtreiben. Der Fall mit seiner starken psychologischen Schlagseite ist überaus gewillt, das Kriminalistische zugunsten der Figurenentwicklung zurückzustellen – das Verbrechen ist bei Filmbeginn bereits geschehen (nur ein brennendes Auto kündet noch davon) und das langsame, aber sehr einnehmende Drama kann seinen Lauf nehmen ...

Zitat von RealReel: What Makes Herr D tick? IMDb: L’horloger de Saint-Paul, 24. November 2003, Quelle
Mainstream moviegoers find The Clockmaker boring and anticlimactic. They’re used to seeing crime flicks with action and plot twists. Here, they know the identity of the murderer from the start, they never see a dead body or an exciting arrest, and 90% of the focus is on the criminal’s father. What they’re left with is an hour and a half of wayward wanderings [...]. One almost gets the sense that this was the very reason that Tavernier chose to bring Georges Simenon’s book to the screen: Its structure is a full inversion of what audiences are used to.


Das große Engagement von Philippe Noiret in der Hauptrolle sowie stimmige Stichwortgeber in Form des schwatzhaften Kommissars (Jean Rochefort) und des verstockten Sohnes (Sylvain Rougerie) sorgen dafür, dass der Film trotz der langsamen Erzählführung eine unwiderstehliche Faszination entwickelt. Simenon hat dem Uhrmacher genug charakterliches Fleisch auf die Rippen gehängt, um für 100 Minuten filmisch davon zehren zu können; Noiret verwandelte die Steilvorlage zunächst mit glaubhafter Fassungslosigkeit, dann mit Ratlosigkeit, Verbitterung und schließlich einer entschlossenen Verzweiflung. Da man intensiv seinen Blickwinkel auskostet, ist es nur nachvollziehbar, dass der Film die wahren Beweggründe hinter der Tat seines Sohnes nur schemenhaft anreißt und das Verbrechen bis zum Schluss wie einen eigentlich völlig sinnlosen Mord erscheinen lässt. Auch hier zeigt sich, dass „Der Uhrmacher von St. Paul“ kein typischer Krimi ist: Er ist weniger an der Lösung als vielmehr am Weg, am Prozess der sich anschließenden Geschehnisse interessiert.

Bertrand Tavernier gelang es, diese Odyssee auf fast hypnotische Weise zu inszenieren. Neben den Genreeinflüssen finden sich auch politische und gesellschaftliche Aussagen – teilweise ganz offen, teilweise gut versteckt. Es wird fleißig über Gleichgültigkeit, über die leichte Instrumentalisierung einer Handlung für parteiliche Zwecke und über die Vorverurteilung von Menschen spekuliert; und obwohl Hauptfigur Michel ein oft stoischer Fels und manchmal gar ein Opfer solcher Vorgänge ist, beteiligt er sich doch gelegentlich auch selbst an ihnen. Stellenweise lässt er sich sogar zu kurzen, impulsiven Ausbrüchen hinreißen, die man ihm seiner Ausnahmesituation wegen gern nachsieht. Solche Aha-Momente verleihen dem Film eine hohe Zeitrelevanz und beachtliche Tiefe – sie zeigen, dass es auch „anders“ geht, ebenso wie die verträumten Außenaufnahmen im sommerlichen Lyon eine ansehnliche Abwechslung zum Paris- oder Riviera-Einerlei der französischen Standardware bieten. Schließlich erlag der französische Krimi trotz seines hohen Anspruchs hin und wieder selbst den Klischees von flotten Gangstern, überzeichneten Reißbrettpuzzles oder publikumswirksamen Gewaltorgien – Dinge, von denen „Der Uhrmacher von St. Paul“ nichts wissen will.

In diesem stillen Vater-Sohn-Melodram wird der Mord nicht als feine Kunst zelebriert, sondern als bloßer Anlass zum Nachzeichnen einer komplizierten Beziehung und eines authentischen Zeitbildes herangezogen. Klasse gespielt und mit Feinsinn erzählt, trägt der Film das Qualitätssiegel „écrit par Simenon“.

(4,5 von 5 Punkten)

Docca Offline



Beiträge: 4

10.05.2020 13:07
#119 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten

Zitat von Ray im Beitrag #117
Mir sagt die Beschreibung leider auch nichts.

Ok. Danke. Mist. Dann muss ich wohl weiterziehen...

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

13.05.2020 06:30
#120 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · Antworten



Der Tag bricht an (Le jour se lève)

Kriminaldrama, FR 1939. Regie: Marcel Carné. Drehbuch: Jacques Viot, Jacques Prévert. Mit: Jean Gabin (François), Jacqueline Laurent (Françoise), Jules Berry (Monsieur Valentin), Arletty (Clara), Bernard Blier (Gaston), Marcel Pérès (Paulo), Mady Berry (Pförtnerin), René Génin (Pförtner), Arthur Devère (Monsieur Gerbois), Jacques Baumer (Kommissar) u.a. Uraufführung (FR): 9. Juni 1939. Uraufführung (BRD): 11. November 1955. Eine Produktion von Productions Sigma Paris für Les Films V.O.G. Paris.

Zitat von Der Tag bricht an
Durch das ganze Treppenhaus hallen die Schüsse; wenige Minuten später stürzt der Leichnam eines Mannes die Stufen herunter. Sein Mörder, der junge Arbeiter François, der von den anderen Mietern als freundlich und zuvorkommend beschrieben wird, verbarrikadiert sich in der Tatwohnung direkt unterm Dach. Er nutzt die sich anschließende Nacht, um sich noch einmal alle Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen, die ihn dazu bewogen, den Varietékünstler Valentin zu töten. Er erinnert sich an Françoise, die er liebt und die Valentin ihm streitig gemacht hatte. Welche Unverfrorenheit seines Konkurrenten hat das Fass zum Überlaufen gebracht?


Der Bericht enthält Spoiler!

Als Poetischen Realismus bezeichnet man eine französische Filmströmung in den 1930er und 1940er Jahren, die wohl am ehesten mit dem Film Noir zu vergleichen und ebenso vielschichtig wie ihr US-amerikanisches Pendant ist, aber oftmals feinfühliger ausfällt und weniger harten Figurenstereotypen nachhängt. Zur Eingrenzung formuliert das Lexikon der Filmbegriffe der Universität Kiel:

Zitat von Jörg Türschmann: Poetischer Realismus. Universität Kiel: Lexikon der Filmbegriffe, 12. Oktober 2012, Quelle
Gemeinsam sind den Filmen Themen wie die düstere Alltagswelt volkstümlicher Helden und die Vergeblichkeit der Liebe. [...] Die Wortkargheit der Figuren, die übersteigerte Bedeutung einzelner Objekte, das nächtliche Ambiente und das statuarische Auftreten der Schauspieler lassen an den Film Noir denken. Der Pessimismus wird zum Identifikationsangebot für den Zuschauer in Form einer Melancholie, die sogar den Tod des Helden am Filmende zur Lösung macht.


Diese Beschreibung passt wie angegossen auf den Film „Der Tag bricht an“, den der Filmkritiker Tom Charity als Meisterwerk des betreffenden Genres bezeichnete. Im Zentrum des Films steht eine Vierecksgeschichte, die man aus den Augen des tragisch zum Mörder gewordenen François betrachtet – eine Position, die Milde und Unverständnis gleichermaßen im Zuschauer hervorruft. François, ein einfacher Arbeiter mit rauer Schale, aber ehrlichem Glauben an eine aufrichtige Liebe, präsentiert sich in den verschiedenen Zeitebenen des Films einerseits als sanfter Liebhaber, der mit widrigen Umständen zu kämpfen hat, und andererseits als verzweifeltes, in die Enge getriebenes Tier. Hauptinteresse des Films ist es, zu zeigen, wie sich diese Zustandsänderung ergeben hat. In dieser Form ist „Der Tag bricht an“ von Vornherein als aristotelisches Drama mit Katastrophe im 5. Akt angelegt; eine Konzeption, die nur deshalb aufgeht, weil dem Publikum das Schicksal der Protagonisten nahegeht.

Warum das funktioniert? Natürlich in erster Linie aufgrund des famosen Schauspiels von Jean Gabin als François. Der spätere „harte Hund“ Gabin ist hier in noch eher jungen Jahren zu sehen; die Bodenständigkeit und das Schicksal seiner Figur machen ihn leicht zugänglich und die tragische Wucht der Rolle bietet ihm die Gelegenheit, sein fachliches Können unter Beweis zu stellen. Besonderen Ruhm verdiente sich Gabin durch seine Wutrede am Fenster im letzten Drittel des Films, die er ohne jede Zurückhaltung darbot. Auch die anderen Akteure sind treffend besetzt: Jacqueline Laurent und Arletty bilden ein reizendes Damen-Duo aus blonder Unschuld und schwarzem Vamp, wobei beide Mitleid und Bewunderung verdienen. Gabin und Laurent haben ihre stärkste gemeinsame Szene im Gewächshaus; die von Arletty verkörperte Clara verbirgt sich zunächst hinter einem koketten Schutzpanzer, der aber später zerbricht, als sie die fiebrige Françoise pflegt. Ein besonderes Gustostück ist auch der Auftritt von Jules Berry als sprunghafter Monsieur Valentin, der als zerstörerisches Element des Films stellenweise eine wahrhaft diabolische Wirkung entfaltet. Die Entwicklung der Figuren deutet an, wie nah extreme Zu- und Abneigung beieinanderliegen und sich oftmals gegenseitig bedingen. Der dadurch in Gang gesetzte niederschmetternde Strudel der Ereignisse zeichnet den Film als besonders engagiertes und auch spannendes Kriminaldrama aus, erschien in Frankreich 1939/40 aber allzu demoralisierend, sodass er wenige Monate nach seiner Uraufführung verboten wurde.

Dass der Film diesen Rückschlag und auch die versuchte Vernichtung aller Kopien im Zuge des US-Remakes von Anatole Litvak („The Long Night“, 1947) überlebte, ist ein großer Glücksfall, denn nicht nur inhaltlich und darstellerisch, sondern auch formell beweist „Der Tag bricht an“ große Klasse. Regisseur Marcel Carné brachte den Realismus ironischerweise gerade deshalb so überzeugend zum Tragen, weil er den Film praktisch ausschließlich in Studiokulissen drehte. Sie verdeutlichen die bedrückende Umgebung der Industriestadt und die Einsamkeit des Protagonisten in seinem Dachgeschosszimmer eines Hauses, das weit über die Nachbarbebauung hinausragt. Ein aufwendiger Schwenk durch das gesamte Treppenhaus darf ebenso als Pionierleistung von Carné und seinen Kameramännern angesehen werden wie die Einbindung von Rückblenden, welche sich durch langsame Überblendungen ankündigen. Beide Ideen waren damals stilprägend; hinzu kommen das klassische, weich ausgeleuchtete Schwarzweiß und die dichte Atmosphäre, die von den überzeugenden Kulissen von Alexandre Trauner geschaffen wird.

„Der Tag bricht an“ wird in jeder Hinsicht heute zurecht als Grundpfeiler des französischen Kinos erachtet, lohnt sich aber auch einfach als rührend bittere Kriminalromanze mit faszinierender Konsequenz. Tatsächlich poetisch realistischen Darstellungen von Jean Gabin, Jacqueline Laurent und Arletty steht ein überzeugend bösartiger Jules Berry gegenüber.

(5 von 5 Punkten)

PS: Pflichtlektüre zum Film ist wieder einmal der Artikel auf Der-Film-Noir.de, wo „Der Tag bricht an“ verdientermaßen die seltene 5-Sterne-Bewertung erhält.

Seiten 1 | ... 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
 Sprung  
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen
Datenschutz