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Dieses Thema hat 50 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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Mark Paxton Offline




Beiträge: 341

25.07.2012 11:07
#16 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

@Janek: Mir hat dieser Film beim ersten Mal sehr gut gefallen, besonders natürlich durch die Musik von Ennio Morricone. Vor ca. einem Jahr sah ich ihn wieder und war enttäuscht. Eigentlich nur Durchschnitt, der durch die Actionszenen und die Musik aufgepeppt wird. Vor allem das Ende hat mich enttäuscht. Ich stimme aber auch Deinen Kritikpunkten zu.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

19.08.2012 12:20
#17 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

UNTER FALSCHEM VERDACHT
(Frankreich 1947, Original: Quai des Orfèvres)


Das Paris der unmittelbaren Nachkriegszeit, das Paris der kleinen Leute, der Künstler, Gaukler und Artisten bildet den plastischen Hintergrund dieses stimmungsvollen Kriminaldramas mit optimistischem Unterton, das weniger seiner Geschichte wegen überzeugt, sondern durch die liebevolle Skizzierung der Personen, die mit einer Mischung aus gebührendem Ernst und augenzwinkernd subtilem Humor lebendig werden. Man erlebt sie mit ihren Sorgen, Nöten und Ängsten, ihren Freuden und Leidenschaften, den kleinen Nischen des Glücks, aber auch ihren Abgründen, ihrer Verzweiflung, ihrer Brutalität. Und durch diese fein gezeichnete Charakterisierung, die einem Leben und Schicksal der Protagonisten auf eine spezielle Weise nahe bringt, wird auch dem profanen Kriminalfall eine besondere Note verliehen, wird er fast seiner Alltäglichkeit und trostlosen, ja abstoßenden Begleitumstände beraubt. Ein alter Lüstling, der sich die Gesellschaft von hübschen jungen Frauen mit Geld und Versprechungen erkauft, wird in seiner Villa ermordet. In Verdacht geraten eine Varietesängerin (Suzy Delair mit stimmgewaltiger Attraktivität und süßer, lolitahafter Naivität) und deren dicklicher Ehemann (Bernard Blier, gebeutelt von unbeholfener Eifersucht und Impulsivität), aber auch eine attraktive Fotografin in deren Bekanntenkreis (Simone Renant besticht mit eleganter Selbständigkeit, hinter deren Fassade ungewöhnliche Gefühle stecken) sowie ein kleiner Autodieb. Die Ermittlungen leitet ein „alter Hase“ (Louis Jouvet kreiert einen bärbeißig sympathischen Inspektortyp), der seine Anteilnahme und sein Mitgefühl unter Abgebrühtheit und Schroffheit, scheinbar nutzloser Geschäftigkeit und Schlamperei versteckt und der – ein außergewöhnlicher Handlungskniff, sehr ungewöhnlich und trotzdem glaubwürdig - einen farbigen Jungen adoptiert hat, um den er sich mit liebevoller Zärtlichkeit kümmert. Clouzot überrascht mich, der ich nur seine düsteren, kompromisslosen Thriller „Die Teuflischen“ und „Lohn der Angst“ kenne, bei diesem Werk mit einer angenehmen Leichtigkeit in seiner Inszenierung, die eine gelungene Mischung aus Kriminalfilm und Zeitbild schafft, Noir-Elemente mit stimmungsvollen Bildern aus Pariser Wohnungen, heruntergekommenen Hinterhöfen und verrauchten Nachtclubs und Varietes kombiniert.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

22.08.2012 16:48
#18 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

DIE ROTE HERBERGE
(Frankreich 1951, Original: L'auberge rouge)


Eine rabenschwarze, hintergründige Kriminalkomödie, die mit augenzwinkerndem Humor eine wüste Geschichte um mörderische Wegelagerer erzählt, dabei – angesiedelt irgendwann im frühen 19. Jahrhundert in einer verschneiten, fast irrealen Bergwelt - den wohligen, romantischen, unwirklichen Grusel eines Märchens ausstrahlt. Eine skrupellose Sippe lauert in der titelgebenden Herberge auf wohlhabende Durchreisende, erleichtert sie um Leben und Gut, doch in einer kalten Winternacht scheint sich ihr Treiben dem Ende zuzuneigen. Noch mit ihrem letzten Gast, einem Leierkastenmann und dessen Äffchen (ich rätsle immer noch, wer oder was da in dem Fell steckte) beschäftigt, tauchen bereits neue potentielle Opfer auf, eine elegante, adelige Reisegesellschaft in einer Kutsche. Zugleich stranden auch ein Mönch und ein Novize in der einsamen Unterkunft, und die Wirtin ist so unvorsichtig, bei dem Gottesmann eine Beichte abzulegen … In der Rolle des spitzbübischen Ordensmannes glänzt der sympathische Fernandel, darf hier bereits für seine Paraderolle als Don Camillo üben, hat sich vielleicht mit diesem Auftritt sogar dafür angeboten. Wie ein Wirbelwind – eine Art wildgewordener Pater Brown - hetzt er durch die Geschichte, immer herumlavierend zwischen seinem Gelübde, den allzu menschlichen Versuchungen und dem Bemühen, den hochnäsigen Mitreisenden das Leben zu retten und die Mörder der gerechten Strafe zuzuführen, zugleich noch in der Not, seinen Novizen von den Verlockungen des weiblichen Fleisches, das dem in Form der hübschen Wirtstochter gehörig einheizt, zu erlösen. Julien Carette, der den Herbergswirt spielt, erinnert in seinem Habitus und Auftreten an Louis de Funes, Francoise Rosay glänzt als Herbergsmutter, beide scheinen ob ihrer Taten wenig moralische Bedenken zu quälen, wirken in ihrer Darstellung erschreckend normal und natürlich. Gelegentlich macht sich etwas zu viel Turbulenz bzw. leichter Klamauk breit, was der grundlegenden Stimmung ein bisschen schadet, aber viele köstliche kleine Einfälle und das bitterböse Ende entschädigen voll und ganz für diese Ausrutscher.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.783

22.08.2012 19:46
#19 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

Ein Remake zu "Die rote Herberge" entstand 2007 in Frankreich. In Deutschland kam es unter dem Titel "Das Gasthaus an der ...", pardon: "Das Gasthaus des Schreckens" heraus.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 379

22.08.2012 22:18
#20 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #19
Ein Remake zu "Die rote Herberge" entstand 2007 in Frankreich. In Deutschland kam es unter dem Titel "Das Gasthaus an der ...", pardon: "Das Gasthaus des Schreckens" heraus.

Danke für den Hinweise, ich hab die "rote" oder alternativ auch "unheimliche Herberge" nach vielen Jahren wiedergesehen und erst durch Wikipedia mitbekommen, dass es von der Geschichte nach einer Vorlage von Honoré de Balzac inzwischen schon vier Verfilmungen geben soll.

Cora Ann Milton Offline




Beiträge: 5.110

09.02.2013 11:53
#21 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

"Kommissar Maigret stellt eine Falle"
(“Maigret tend un piege”)


Frankreich / Italien 1958

Regie: Jean Delannoy

Drehbuch: Jean Delannoy, Michel Audiard (basierend auf dem gleichnamigen Roman von Georges Simenon)

Musik: Paul Misraki

Kamera: Louis Page

Darsteller: Jean Gabin (Kommissar Jules Maigret), Jean Desailly (Marcel Maurin), Annie Girardot (Yvonne Maurin), Olivier Hussenot (Inspektor Lagrume), Jeann Boitel (Louise Maigret), Lucienne Bogaert (Adèle Maurin), Paulette Duboust (Mauricette Barberot), Alfred Adam (Emile Barberot) Lino Ventura (Inspektor Torrence), Andrè Valmy (Inspektor Lucas), Gèrard Sety (Georges “Jojo” Vacher), Guy Decomble (Mazet)


“Kinder, die jetzt gerade aufwachen. Ein Mann, der nichts mehr versteht. Ein Dreckskerl, der gut schläft. So sieht es aus ...” (Kommissar Jules Maigret)

“Ich muß sagen, du hast doch was unter deinen Lockenwicklern. Du hattest nämlich recht. Er freut sich diebisch. Fünf Minuten nach der Tat läßt er mir Bescheid sagen.” (Kommissar Jules Maigret)

“Ich habe noch nie so wenig in der Hand gehabt wie diesmal, aber ich muß mich furchtbar beeilen. Zum ersten Mal hat der Typ am 1. Mai gemordet, dann wieder am 20. Juni, 10. Juli und am 2. August. Die Abstände werden immer kürzer ...” (Kommissar Jules Maigret)

“Der Mann, den wir da zu jagen versuchen, entspricht nämlich absolut nicht der Norm. Wenn er keinen Anfall hat, ist er ein völlig normaler Mensch, aber dann hakt es plötzlich aus bei ihm und er muß unbedingt töten.” (Kommissar Jules Maigret)

“Ich weiß nicht, wonach Sie suchen, Herr Kommissar, aber Sie suchen sehr gründlich ...” (Marcel Maurin)

“Jetzt sagen Sie schon die Wahrheit. Ich frage das in Ihrem Interesse! Deshalb war ich doch bei Ihnen. Irgendwann erfahre ich die Wahrheit, doch wenn ich sie von Ihnen erfahre, erscheint das vielleicht akzeptabler.” (Kommissar Jules Maigret)

“Reden Sie! Erleichtern Sie Ihr Gewissen! Sie werden befreit sein, geheilt. Sie gehen schlafen, und es wird zu Ende sein. Sie sollen mir doch alles sagen. Sie haben das Bedürfnis, im Grunde sehnen Sie sich danach.” (Kommissar Jules Maigret)


Seit vier Monaten lebt die unter drückender Sommerhitze leidende französische Hauptstadt in Angst. Bereits drei junge Frauen sind im vierten Arrondissement von Paris, dem Maraisviertel, zu nächtlicher Stunde von einem Unbekannten mit mehreren Messerstichen ermordet worden.

Mit den Worten “Sagen Sie freundlicherweise Moniseur Maigret, dass der Mörder im Marais ein neues Opfer gefunden hat ...” alarmiert von der Notrufsäule 28 am Quai des Celestines ein Unbekannter die Polizei. Da er dieses Telefonat unmittelbar nach dem Verbrechen und nur sechshundert Meter vom Tatort entfernt führt, muß es sich um den Mörder handeln. So wird Kommissar Jules Maigret zum vierten Opfer gerufen, der Musikerin Marguerite Juteau.

Der Kommissar, der zunächst gegenüber seiner Frau Louise über Amtsmüdigkeit geklagt hat und dabei den Wunsch geäußert hat, zum Angeln zu fahren und sogar seinen vorzeitigem Ruhestand in seinem Haus in La Rochelle in Erwägung zieht, fühlt sich durch den Affront des Mörders, der ihm später sogar einen anonymen Brief mit der Nachricht “Nein, Moniseur Maigret, der Mörder der Huren aus dem Marais ist kein Irrer!” zusendet, persönlich herausgefordert.

Kommissar Maigret läßt den kleinen Ganoven Mazet als vermeintlichen Serienmörder in Gewahrsam nehmen, um so den wirklichen Täter zu einem neuen Verbrechen zu provozieren. Gleichzeitig stellt er ihm eine Falle, in dem er Polizistinnen, die dem Typ der bisherigen Opfer ähneln (brünett, klein und wohlproportioniert) als Lockvögel agieren läßt.

Gleichzeitig nimmt Lagrume, der für den vierten Bezirk zuständige Polizeiinspektor, eine andere Spur auf, die ihn und Kommissar Maigret zu dem Ehepaar Marcel und Yvonne Maurin führt ...

Der Film entführt den Zuschauer in wunderbar atmosphärischen Schwarz-Weiß-Bildern in das Paris der Fünfziger Jahre.
Ein melancholisches Chanson hallt durch nächtliche Straßen, gemütliche Gendarmen sitzen beim Damespiel auf der Polizeiwache, brave Bürger trinken im Bistro ihren Wein. Doch die scheinbare Idylle ist brüchig und an der nächsten Straßenecke lauert bereits der Tod in Gestalt eines Serienmörders.

Jean Gabin (1904 - 1976), das Monument des französischen Films, verkörpert mit seiner massigen Statur und dem offenen, vertrauenerweckenden Gesicht Kommissar Maigret als einen lebensklugen Patriarchen, dessen Erfahrung und Autorität außer Frage steht. Eine respekteinflößende und dennoch verständnisvolle Persönlichkeit, deren Auftreten zwischen kontemplativen Momenten und heftigen Gefühlsausbrüchen wechselt. Gabins Maigret ist ein einfacher Mann, der im Büro häufig das Jackett auszieht, dabei die Hosenträger über seinem Hemd präsentiert, den Gürtel seiner Hose nicht korrekt geschlossen hat und zu Hause sogar barfuß der Sommerhitze trotzt. Er lebt nicht anders als der Durchschnitt seiner Landsleute. Wenn er sich, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, die Pfeife im Mundwinkel, unter sie mischt, ist er bei Seinesgleichen. Was ihn besonders macht, ist sein gesunder Menschenverstand. Ein Mann dem nichts menschliches fremd ist und der daher um die Abgründe der menschlichen Seele weiß.

Nach diesem Film spielte Jean Gabin noch zwei weitere Male die Rolle des Kommissar Maigret: “Maigret kennt kein Erbarmen” (1959) wieder unter der Regie von Jean Delannoy sowie in “Kommissar Maigret sieht rot” (1963), inszeniert von Gilles Grangier. Darüber hinaus trat der Schauspieler noch in zahlreichen weiteren Verfilmungen von Romanen von Georges Simenon auf, zu denen unter anderem “Die Katze” zählt, für den er 1971 den Silbernen Bären als bester Darsteller bei den Berliner Filmfestspielen erhielt.

Jean Desailly (1920 - 2008) agiert als Marcel Maurin, ein erfolgreicher Innenarchitekt, der das Leben leicht zu nehmen scheint. Doch allein schon sein mitunter merkwürdig flackernder Blick, der an ein gehetztes wildes Tier erinnert, verrät, dass der scheinbar unbescholtene und liebenswürdige Mann seine wahre Natur hinter einer Fassade verbirgt, die von Kommissar Maigret am Ende vollständig zerstört wird. Jean Desailly und Jean Gabin haben noch zwei weitere Filme mit einander gedreht: “Die großen Familien” (1958) und “Ein Herr ohne Kleingeld” (1960). Der Letzere basiert ebenfalls auf einer Vorlage von Georges Simenon und wurde erneut von Jean Delannoy inszeniert. Jean Desailly hat 1961 mit “Die Nacht hat dunkle Schatten” in einer weiteren Verfilmung eines Romans von Georges Simenon mitgewirkt. Seine Rolle als Stephane Blanchon weist einige Parallelen zu der des Marcel Maurin in “Kommissar Maigret stellt eine Falle” auf. Seine wohl bedeutendste Rolle verkörpert er als der leichtfertige, mit seinem Ehebruch eine Tragödie heraufbeschwörende Literaturkritiker Pierre Lachenay in Francois Truffauts “Die süße Haut” aus dem Jahre 1964, obwohl der Schauspieler diesen Film zeitlebens verabscheute.

Annie Girardot (1931 - 2011) verkörpert als Yvonne Maurin eine für die Entstehungszeit des Filmes erstaunlich emanzipierte und selbstsichere Frau. Doch die junge, charmante Frau (etwa im Gegensatz zu der mit Lockenwicklern auftretenden Madame Maigret, die jedoch dafür den gesunden Menschenverstand repräsentiert) verbirgt hinter äußerlicher Attraktivität dunkle Abgründe. Annie Girardot avancierte im Laufe ihrer Karriere zu einer der bedeutendsten französischen Charakterdarstellerinnen. Sie spielte unter anderem in “Rocco und seine Brüder” (1960) von Luchino Visconti. Große Popularität brachten ihr einige Komödien mit Philippe Noiret als Partner, so unter anderem 1971 “Das späte Mädchen” und 1977 “Ein verrücktes Huhn”.

Stroheim Offline




Beiträge: 154

30.06.2013 15:37
#22 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

Zitat von elvis im Beitrag #5
Hier hat @Joachim Kramp endlich einmal ein interessantes Thema aufgemacht, wo man ein paar Hundert Filme besprechen könnte, die in der Mehrzahl alle den Edgar-Wallace-Filmen überlegen sind.

Zwar erlebte der Kriminalfilm insbesondere in den 60er und frühen 70er Jahren in Frankreich eine Hochblüte (ähnlich dem Italo-Western bei unseren südeuropäischen Nachbarn), doch auch bereits in den 30er-, 40er- und 50er Jahren gab's einige bemerkenswerte stilistische Vorläufer.

Manche Chronisten listen diese Werke in der Rubrik France Film Noir. Nicht zuletzt deshalb, weil viele Streifen - mit Parallelen zu den besten und düstersten amerikanischen Filmen der sogenannten Schwarzen Serie in den 40er und 50er Jahren - oft eine ziemlich ungeschminkte Weltsicht und pessimistische Atmosphäre zeigen und selten mit einem Happy End aufwarten.

Konträr zu vielen recht formelhaften deutschen Film- und Fernsehkrimis überleben die Hauptfiguren hier vergleichsweise selten. Und falls doch, dann sind sie meist für immer gezeichnet. Auch handeln die Vertreter der Polizei im Film Noir und Französischen Gangsterfilm nicht immer moralisch einwandfrei; die Charaktere sind hier häufig vielschichtiger und unberechenbarer angelegt, die Ermittler bleiben für mancherlei Überraschungen gut und haben zuweilen Dreck am Stecken.

Der schwäbische Film-Noir-Liebhaber Matthias Merkelbach hat bislang auf seiner Seite in einer Unterrubrik rund 50 französische Kriminalfilme aus vier Jahrzehnten alphabetisch gelistet (nach deutschen Titeln), die er im weiteren Sinne dem 'Film Noir France' zurechnet: http://der-film-noir.de/v1/filme/france-noir

schwarzseher Offline



Beiträge: 332

30.06.2013 20:13
#23 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

Ich kann leider mit den meisten französischen Kriminalfilmen nicht sehr viel anfangen. Im Vergleich zu den Wallace-Filmen unterhalten mich diese Krimis meist deutlich weniger. Auch die oft "pessimistische Atmosphäre" und "besonderen" Charaktere langweilen doch relativ schnell. (So wie heute z.B. kein Tatort ohne Ermittler mit persönlichen Problemen / Familientragödien / Macken / besondere Ansichten usw. auskommt).

Auch die Maigret-Filme mit Jean Gabin sind sicher nicht schlecht, aber auch nicht die besten. Naja, wohl Geschmackssache eben.

Stroheim Offline




Beiträge: 154

30.06.2013 20:52
#24 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

Im Endeffekt ist und bleibt alles Geschmacks- und Ansichtssache, wie auch in der Kunst, Musik und Literatur.

Ich will hier keinesfalls eine Besser- / Schlechter-Diskussion anzetteln. Wen der französische Kriminalfilm, der amerikanische und internationale Film-Noir interessiert, der kann bei Bedarf gerne einen Blick über die Landesgrenzen werfen und die eine oder andere Empfehlung testen.

Und wer bereits die Vorkriegsfilme von Marcel Carné ('Hafen im Nebel' & 'Hotel du Nord', 1938), Julien Duviviers ('Pépé le Moko – Im Dunkel von Algier', 1937), Henri-Georges Clouzots 'Der Rabe' (1943), 'Unter falschem Verdacht' (1947), 'Die Teuflischen' (1955) sowie die meisten Nachkriegsfilme von Jean-Pierre Melville gesehen hat, jedoch den Werken von Alfred Vohrer und Harald Reinl deutlich mehr abgewinnen kann, der sollte meine Vorschläge und Tipps unbedingt ignorieren ...

schwarzseher Offline



Beiträge: 332

30.06.2013 21:51
#25 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

Ich wollte auch nur kurz mitteilen, was mich warum unterhält und was weniger. Was natürlich nicht im geringsten eine allgemein gültige künstlerische Einstufung oder gar Beurteilung des französischen Kriminalfilms meinerseits darstellen sollte.

Ich glaube auch, dass es besser / schlechter in Musik und Kunst nicht gibt, sondern nur gefällt oder gefällt nicht (jedem persönlich).

Stroheim Offline




Beiträge: 154

30.06.2013 22:13
#26 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

Hier der Original-Trailer von Clouzots 'Quai des Orfèvres' ('Unter falschem Verdacht', 1947):


... und von 'Hafen im Nebel' ('Le Quai des brumes'), Regie: Marcel Carné (1938):

Peter Offline




Beiträge: 2.780

15.07.2013 19:44
#27 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

Zitat von Stroheim im Beitrag #22
Der schwäbische Film Noir-Liebhaber Matthias Merkelbach hat bislang auf seiner Seite in einer Unterrubrik rund 50 französische Kriminalfilme aus vier Jahrzehnten alphabetisch gelistet (nach deutschen Titeln), die er im weiteren Sinne dem 'Film Noir France' zurechnet: http://der-film-noir.de/v1/filme/france-noir

Allein die Auflistung zu lesen ist schon ein Genuß. Ich kenne die allermeisten Filme davon und und schätze sie sehr. Doch sollte auch betont werden (ja, bitte gern noch ein weiteres Mal), dass unter Filmliebhabern die in diesem Thread angeklungene "Vereinsmeierei" fehl am Platze ist, weil den Filmkünstlern selbst ja traditionell sture Ortsgebundenheit und starre Ideologien abgehen. Es sollte in jedem Zuschauer Offenheit und Raum (für den Nachholbedarf) zur Begeisterung für viele verschiedene Filmstile, Genres, Themen, Umsetzungen - und Kultserien gewahrt bleiben. Qualitätsdebatten, da sie meist doch nur unzureichende Geschmacksdebatten sind, führen zu nichts. Und die ebenso populären wie unnötigen Vergleiche von Nicht-Vergleichbarem stören nur die Kommunikation über das Wesentliche ... Ja, ich weiß, Schluß jetzt ...

Stroheim Offline




Beiträge: 154

13.08.2013 20:35
#28 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

Drei empfehlenswerte Werke vom Franzosen Mathieu Kassovitz aus den 90er Jahren, die gemeinhin auch zur Palette der sogenannten 'Neo Noirs' gerechnet werden:

'Hass' (1995)
'Assassin(s)' (1997)
'Die Purpurnen Flüsse' (2000)

'Hass' (FSK 12) und 'Purpurne Flüsse' (FSK 16) wurden synchronisiert und liefen hierzulande auch im Kino.

'Assassin(s)' gibt es nur als 128-minütige FSK-18-Originalfassung (französischer Ton mit dt. UT). Altstar Michel Serrault spielt darin einen betagten und kompromisslosen Profikiller, der den Ehrgeiz besitzt, kurz vor dem Rentenalter noch einen Jungspund in der Kunst der lukrativen Auftragsmorde auszubilden. Kein Streifen für unterhaltsame Stunden. Die Gewalt ist zwar spärlich dosiert, wirkt jedoch verstörender und eindringlicher als in vielen anderen Genrefilmen, wie US-Kritiker James Travers in einer Besprechung bereits 1999 feststellte:

Zitat von James Travers: 'Assassin(s)' review, Quelle
It is certainly a very uncomfortable piece of cinema and its entertainment value is all but eroded by the amount of violence that the viewer is subjected to ... the violence in this film is not intended to entertain. It is strange, that as a result, Assassin(s) appears more disturbing than most films of that genre ...


'Assassin(s)' bietet neben einem Einblick in die technischen Aspekte und Sachfragen des Metiers (Welche Waffe für welches Opfer?, Kopf- oder Nackenschuss?, Auftrag alleine ausführen oder als Duo?, Die Zielperson zunächst unauffällig kidnappen und später anderswo killen?, Oder gleich an Ort und Stelle umlegen?, Vorsicht vor dem kritischen "10 Sekunden-Loch"!) auch Medienkritik und thematisiert die Reizüberflutung jugendlicher Fernsehgucker & Schulschwänzer in der Großstadt Mitte der 90er Jahre.

Im 3er-Pack ist 'Assassin(s)' als Arthaus Edition erhältlich - mit den ebenfalls sehenswerten Kassovitz-Titeln 'Hass' (1995) und dem fröhlicheren Frühwerk 'Lola liebt's schwarzweiß' (1993). Alle drei DVDs komplett im Kombipaket aktuell bei JPC für 9,99 Euronen im Angebot:

https://www.jpc.de/jpcng/movie/detail/-/...Up/hnum/4917392

Stroheim Offline




Beiträge: 154

16.08.2013 22:01
#29 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

Der Originaltrailer des oben erwähnten Neo Noirs Hass ('La Haine') von Mathieu Kassovitz sowie zwei kurze Ausschnitte aus Assassin(s):


Vergleichbar Kühnes findet sich im Hollywoodland, in deutschen Produktionen und im sonstigen europäischen Kino der vergangenen Jahrzehnte kaum ...

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.397

29.09.2013 15:24
#30 RE: Französische Kriminal- und Gangsterfilme Zitat · antworten

BEWERTET: "Der Rabe" (Le Corbeau) (Frankreich 1942)
mit Pierre Fresnay, Ginette Leclerc, Micheline Francey, Héléna Manson, Jeanne Fusier-Gir Sylvie, Liliane Maigné, Pierre Larquey, Bernard Lancret u.a. | Drehbuch: Henri-Georges Clouzot und Louis Chavance | Regie: Henri-Georges Clouzot

Dr. Germain praktiziert seit kurzer Zeit in der französischen Kleinstadt Saint Robin. Plötzlich kursieren anonyme Briefe, in denen er beschuldigt wird, ein Verhältnis mit der Frau eines befreundeten Arztes zu haben. Auch die anderen Bewohner der Stadt erhalten Briefe, die irgendein geheimes Laster des Empfängers ans Licht bringen. In der aufgeheizten Stimmung verdächtigt jeder jeden, aber vor allem Dr. Germain wird als Ursache des Übels gesehen. Als Morphium-Ampullen aus der Krankenhausapotheke verschwinden und ein Mann Selbstmord verübt, schaltet sich der Arzt selbst in die Ermittlungen ein und stellt dem Briefeschreiber eine Falle....



Pierre Fresnay spielt den Gehirnchirurgen Dr. Rémy Germain, der seit drei Jahren als Frauenarzt in der französischen Provinz arbeitet und diese wenig prestigeträchtige Stellung zweifellos angenommen hat, um seiner Vergangenheit zu entfliehen. Die Abgeschiedenheit des ländlichen Raums, wo keine Verfehlung lange unentdeckt bleibt, bereitet den Boden für den Auftritt des "Raben", der die Bevölkerung mit spitzer Feder verbal attackiert und in seinen Briefen pikante Geheimnisse ausplaudert. Das Sprichwort "Kein Rauch ohne Feuer" greift auch hier und wiegelt die Menschen gegeneinander auf, wobei besonders jene in Verdacht geraten, die man schon immer für seltsam hielt.

Zitat von Die Chronik des Films, Bechtermünz im Weltbild Verlag 1996, S. 192
Im März 1945 wurde in der französischen Nationalen Kommission der Säuberungsaktion die Filmsektion gegründet. 161 im Filmwesen beschäftigte Personen wurden der Kollaboration mit den deutschen Besatzern für schuldig befunden und in der Regel durch öffentliche Aushänge gerügt. Henri-Georges Clouzot und Louis Chavance wurden wegen des Films "Der Rabe" mit einem Berufsverbot belegt, das allerdings nach zwei Jahren wieder aufgehoben wurde.


Hauptdarsteller Pierre Fresnay, der 1934 in Alfred Hitchcocks "The Man know knew too much" zu sehen war, musste nach der Befreiung Frankreichs wegen seiner Mitwirkung an dem als antifranzösischer Propaganda eingestuften Film für sechs Wochen ins Gefängnis.

Wenn man den Film Noir heute unvoreingenommen betrachtet, fallen vor allem seine naturalistische Bildsprache, sowie der Kontrast zwischen den Weiten der Landschaft und den Engen der Gassen und Wohnstuben auf. Das angeblich wenig schmeichelhafte Zeugnis, das der Film Denunzianten ausstellt, könnte sich überall und jederzeit wiederholen, liegt es doch in der Natur des Menschen, offen für Klatsch und Geheimnisse zu sein und von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, indem man Fehler oder Schuld anderswo sucht. So ist auch der Freidenker Germain, dem überragende Intelligenz, aber wenig Nachsicht gegenüber dem Leben bescheinigt werden, nicht frei von Vorurteilen. Gut und Böse, Schwarz oder Weiß werden zu Kategorien, die Wegweiser für den Umgang mit seiner Umgebung darstellen. Er wird von zwei Frauen umworben, Laura Vorzet und Denise Saillens. Während Madame Vorzet mit blonder Gretchenfrisur und fragenden Augen dem Ideal der deutschen NS-Frau entspricht, steht Mademoiselle Saillens für das Laster. Ihr erster Auftritt zeigt sie in aufreizender Aufmachung im Bett, dem Ort, den man mit ihrer Figur in Verbindung bringt. Durch eine Verletzung hinkt sie und hält sich deshalb zumeist zuhause auf, während die Arztfrau Laura Besuche an Krankenbetten und in der Kirche macht. Der Zuseher kommt nicht umhin, eigene Vorurteile zu bemühen. Er billigt die platonische Romanze mit der edlen Madame Vorzet (die mit einem weitaus älteren, schrulligen Bartträger verheiratet ist), während er Germains Beziehung zu Denise ungern zur Kenntnis nimmt. Insofern erteilt Clouzot seinem Publikum eine Lektion, wenn er es als ebenso voreingenommen entlarvt, wie die Bewohner seines Filmschauplatzes. Am Ende muss der Zuschauer erkennen, dass er sich geirrt hat und er sich durch Äußerlichkeiten und Rang hat täuschen lassen.

Ein weiteres Gegenargument für die These, der Film sei wegen seiner Produktionsbedingungen voll dumpfer Nazi-Botschaften, ist die Tatsache, dass die Identifikationsfigur, Dr. Rémy Germain, kein Halbgott in Weiß ist, sondern ein Gegner der NS-Doktrin, eine Frau sei nur in ihrer Funktion als Mutter wertvoll. Dr. Germain entscheidet sich im Notfall für das Leben der Frau und versucht nicht um jeden Preis jenes des Ungeborenen zu retten, was ihm innerhalb der gottesfürchtigen Gemeinde den Ruf eines "Engelmachers" beschert. Sein Umgang mit Kindern ist pragmatisch und von keinen Gefühlsduseleien getrübt. Er schätzt Offenheit und erwartet klare Antworten.

Ein vielschichtiger Film, der neben seinem Hauptthema, dem klassischen Verwirrspiel um einen Täter im Hinterhalt, aufschlussreiche Charakterstudien und nachhaltige Bilder liefert.

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