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Dieses Thema hat 189 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Offline




Beiträge: 16.042

25.08.2019 12:59
#181 RE: Bewertet: „Das Kriminalmuseum“ / „Das Kriminalmuseum erzählt“ (1963-70) Zitat · Antworten

Hmm, das finde ich jetzt doch einen gewissen Let-Down, aber man hätte es natürlich ahnen können, weil du ja sehr stark auf die Prominenz der Schauspieler achtest. Der Fall, die Settings und die Art des Kriminalkommissars sind in "Der Schlüssel" in meinen Augen aber trotz Traum-Cast deutlich unterdurchschnittlich.

Ray Offline



Beiträge: 1.266

26.08.2019 10:42
#182 RE: Bewertet: „Das Kriminalmuseum“ / „Das Kriminalmuseum erzählt“ (1963-70) Zitat · Antworten

Mit der folgenden Bewertung wirst du vielleicht besser leben können...


Folge 13: Tödliches Schach


Im Nachgang an eine Partie Schach wird Robert Bräuning tot aufgefunden. Ermittlungen ergeben, dass er vor seinem Tod sowohl von seinem Gegner Matz als auch von seinem hoch verschuldeten Neffen, der Bräunings Alleinerbe ist, besucht wurde. Kurze Zeit später geschieht ein zweiter Mord...

Nach der Vorgänger-Episode "Der Schlüssel" ist Helmuth Ashley abermals ein sehr guter Beitrag für das "Kriminalmuseum" gelungen. Wie zuletzt setzt er den Titel der Folge geschickt leitmotivisch ein (Schachbrettartiges Muster des Fußbodens, Schachpartien "on screen"). Allgemein ist das Schachspieler-Milieu ein reizvolles, das noch recht unverbraucht daherkommt. Mit Günther Neutze, Jan Hendriks und Reinhard Kolldehoff kann die Folge zudem profilierte Akteure unter den Verdächtigen vorweisen. Und auch das Ermittler-Duo Riebauer/Weiss erscheint keineswegs blass. Vielmehr bilden der "Hüne" Riebauer, zwar grundsätzlich eher auf zweifelhafte Figuren gebucht, aber immerhin mit Ermittler-Lorbeeren aus dem "Würger von Schloss Blackmoor" ausgestattet, und Cotton-Assistent Weiss ein sympathisches und ausgesprochen gleichberechtigtes Duo ab. Eine reizvolle Abwechslung zu den sonstigen hierarchisch angelegten Ermittler-Pärchen. Kleinere Längen werden durch eine überraschende und recht stimmige Auflösung weithin kompensiert.


Interessante Episode aus dem unverbrauchten Schach-Milieu mit einem sympathischen Ermittler-Duo und profilierten Akteuren in den Rollen der Verdächtigen. 4,5 von 5 Punkten.

Jan Offline




Beiträge: 1.418

26.08.2019 23:12
#183 RE: Bewertet: „Das Kriminalmuseum“ / „Das Kriminalmuseum erzählt“ (1963-70) Zitat · Antworten

Für mich zählt "Der Schlüssel" auch zu den absoluten Vorzeige-Episoden der Reihe. Selbstredend ist das Aufgebot an namhaften Darstellern geradezu verschwenderisch. Die Episode ist ja bis in die kleinste Nebenrolle äußerst prominent besetzt. Das ist aber für mich gar nicht das alleinige Pfund, mit dem "Der Schlüssel" zu wuchern vermag. Es sind ebenso die zum Teil herausragenden Dialoge und die ausgesucht erstklassige Darstellung nahezu aller Akteure.

Verfasst hat die Dialoge ein gewisser Georg Struck, der gem. IMDb exakt nur diese eine Episode verantwortet und sonst gar nichts, sodass sich der Verdacht aufdrängt, dass sich hinter diesem Namen ein anderer verbergen könnte - Georg Struck also nur ein Pseudonym sein könnte. Es fällt zumindest schwer, daran zu glauben, dass ein "Einzeltäter" auf Anhieb (und dann nie wieder) eine solch' dichte Atmosphäre zu schaffen vermag, deren Texte nicht nur modern, sondern auch eindringlich sind. Die auftretenden Figuren sind ausnahmslos hervorragend entworfen. Nicht nur die Hauptcharaktere, auch die Nebenfiguren können überzeugen. Beispielsweise zeigt die elegante Olga von Togni eine herrlich abgeklärte Besserverdienergattin, die sich mit ihrem Schicksal nicht einfach abgefunden hat, sondern geschickt ihren eigenen Vorteil daraus zieht und es sich in ihrer Rolle bestens eingerichtet hat. Nicht minder überzeugend die beiden Rivalinnen und Schwestern Gisela Uhlen und Grit Böttcher. Selten waren beide besser. Die Uhlen, Prototyp der Grande Dame, hier aber neben der eleganten Fassade angesiedelt zwischen Entsetzen, Verzweiflung, Wut und Rachegelüsten. Die junge Grit Böttcher hingegen mit dreister Bissigkeit, mal gewissenlos, dann wieder zweifelnd, letztlich bekehrt. Nicht zu vergessen natürlich der gar nicht so honorige Peter Pasetti. Sicher, ähnlich gelagerte Rollen kennt man von ihm. Das Ausmaß an Kontrollzwang, Gewissen- und Rücksichtslosigkeit jedoch, das er hier zeigt, hat eine gewisse Erwähnung als Alleinstellung dann schon verdient. Pasetti bringt es fertig, seiner Figur letztlich gar noch etwas Bedauerliches beizumischen, nachdem ihm eine um die andere Frau von der Fahne geht, um sich nicht länger kontrollieren und drangsalieren zu lassen. Dieses charakterliche Spektrum sucht in einem sechzigminütigen Krimi dann schon ihresgleichen.

Bizarrerweise hatte ich die Episode, die ich lange nicht gesehen habe und erst heute wiederentdeckte, in der Erinnerung immer Wolfgang Becker zugeschrieben. Betrachtet man die Inszenierung genau, so könnte man auch meinen, es habe Becker die Hand im Spiel gehabt. Nicht zuletzt die gelungene Verbindung aus Spiel und Musik (wirklich hervorragend: Roland Kovac) scheint dies zunächst nahe zu legen. Dass es tatsächlich doch Helmuth Ashley ist, der hier eine ähnliche Sternstunde hatte wie im Falle "Mörderspiel", verwundert dann fast ein bisschen. Die Inszenierung legt den Fokus auf die Akteure, lässt detaillierte Polizeiarbeit links liegen und beschränkt sich insgesamt bei der Dartellung der eigentlichen Mördersuche auf das Notwendigste. Das mag man einem Krimi zwar ankreiden können, jedoch funktioniert diese Vorgehensweise im vorliegenden Fall aufgrund der bereits erwähnten Dialog- und Darstellqualitäten vollauf. Ashleys Verdienst: Im Meer der zahlreichen Stars dieser Episode räumt er jedem einzelnen seinen bestens ausgesuchten Platz ein, vergisst keinen der Darsteller oder bietet einem zu viel Raum. Spannung erzeugt Ashley nicht durch den lapidar enthaltenen Whodunit. Spannung erzielt Ashley durch die Frage, wann welcher Getreuer des selbstverliebten Peter Pasetti diesem den Rücken kehrt.


Achtung, Spoiler, nur weiterlesen, wer den Film schon kennt!
Etwas Kritik ist bei so viel Lobhudelei dann aber auch noch erlaubt: Es gibt sicherlich kriminalistische Plots, die deutlicher überzeugen können als es "Der Schlüssel" kann. Vor allem die in letzter Konsequenz dann doch nicht besonders hochintelligente Vorgehensweise Pasettis im Beiseiteschaffen der belastenden Unterlagen, die er, der hemmungslose Egomane und überlegene Taktiker, seinem Liebchen zur Aufbewahrung in die Hand gedrückt hat, darf etwas Stirnrunzeln hervorrufen. Die Mappe mit den Unterlagen wäre dann entweder doch besser vernichtet worde oder hätten einen besseren Platz in einem Schließfach bei der Bank gefunden. Auch kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, was den labilen und wenig trinkfesten Günther Schramm nun dazu bewogen haben mag, den verhassten Bruder sowie dessen Partner einigermaßen selbstsicher zu decken. Die Aussicht auf den Job in Südafrika kann es ja nun nicht gewesen sein, denn dort geht er nur unwillig hin. So bleibt hier nur die Abhängigkeit zu seinem Bruder als Erklärung, die dafür jedoch zu sehr am Rande thematisiert wird und erst zum Schluss wieder deutlicher wird.


Hochkarätig besetzter Krimileckerbissen mit vortrefflichen Dialogen und eingänglicher Atmosphäre, brillant gespielt und konsequent inszeniert. 5 von 5 Punkten schlagen da selbsredend auch bei mir bei der Schlussabrechnung zu Buche.

Ray Offline



Beiträge: 1.266

27.08.2019 13:38
#184 RE: Bewertet: „Das Kriminalmuseum“ / „Das Kriminalmuseum erzählt“ (1963-70) Zitat · Antworten

Vielen Dank für deine ausführliche und tatkräftige Unterszützung bezüglich "Der Schlüssel", Jan! Darüber, ob es sich bei Georg Struck um ein Pseudonym handelt, hatte ich auch nachgedacht.


Das Hoch hält auch im Falle von "Der Brief" einstweilen an...


Folge 14: Der Brief

Die Polizei fahndet nach einem Mann, der bereits zwei junge Mädchen in einem Park belästigt hat. Kurz darauf scheint der Gesuchte im Falle der 18-jährigen Monika Lenz ein weiteres Mal zugeschlagen zu haben. Verdächtiger ist Werner Barth, der die junge Frau auf dem Rückweg von einer Geburtstagsfeier mitgenommen hatte...

Auch bei mir ist die Assoziation zu der ersten Derrick-Folge "Waldweg" erzeugt worden, während ich Wolfgang Kieling bei seiner Darbietung des Werner Barth in dieser von Jürgen Goslar inszenierten Episode des "Kriminalmuseums" zusehen durfte. Man begleitet einen Mann, der vom bevorstehenden Sprung auf der Karriereleiter - Herr Ahlers stellt Barth am Rande der Geburtstagsfeier seiner Tochter eine Beförderung in Aussicht - ins völlige Nichts zu stürzen droht. Im Übermut macht er sich auf der Party an die schüchterne Monika (Monika Peitsch) heran und wird, nachdem sie auf sein Angebot, sie nach Hause zu fahren, eingegangen ist, auf der Rückfahrt im Übermut zudringlich. Doch hat er anschließend wirklich versucht, Monika zu vergewaltigen und steckt er überdies hinter den vorangegangen Taten oder wird Barth vielmehr übel mitgespielt? Diese Fragen drängen sich dem Zuschauer zwangsläufig auf, während er Erik Ode als Oberinspektor Gareis mitsamt seinem Assistenten Wolfgang Völz bei den Ermittlungen über die Schulter guckt. Wie schon geschrieben wurde, steckt in Gareis bereits eine gute Portion Keller, lediglich auf ein väterliches "Du" gegenüber seinem Assistenten verzichtet Gareis. Erik Ode trifft hier auf seine "Entdeckung" Monika Peitsch, die er einst zu einer Schauspielausbildung ermutigte. Die Szenen zwischen den beiden sind äußerst intensiv. Peitsch gelingt es, obwohl seinerzeit bereits Ende zwanzig, die erst 18-jährige Monika glaubwürdig zu spielen. Zusammen mit der grandiosen Vorstellung Wolfgang Kielings bleiben auf schauspielerischer Ebene keine Wünsche übrig. Einziges Manko ist tatsächlich ein wenig das offene Ende. Zwar bietet es einerseits etwas Abwechslung, kommt andererseits aber doch sehr abrupt.


Dank eines exzellenten Ensembles, aus dem Wolfgang Kieling als Verdächtiger heraussticht, ist Jürgen Goslar trotz des seinerzeit schwierigen Themas eine reizvolle Episode gelungen, bei der lediglich das offene Ende für leichte Abzüge sorgt. 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.042

07.09.2019 09:30
#185 RE: Bewertet: „Das Kriminalmuseum“ / „Das Kriminalmuseum erzählt“ (1963-70) Zitat · Antworten

Ich fahre mit den Folgen aus der zweiten Box fort. Diese gilt ja gemeinhin als weniger gelungen als die erste. Dennoch enthält sie einige Höhepunkte, zu denen die erste Folge aber noch nicht unbedingt zählt.



Das Kriminalmuseum: Das Feuerzeug

Episode 17 der TV-Kriminalserie, BRD 1965. Regie: Joachim Hess. Drehbuch: Udo Wolter. Mit: Klaus Höhne (Kriminaloberinspektor Helmut Brandt), Alexander Allerson (Kriminalinspektor Egon Feltmann), Ernst Stankovski (Gregor Schimanski), Rosemarie Fendel (Maria Lohnert), Verena Hallau (Irene Lohnert), Klaus Schwarzkopf (Herbert Zibulka), Hans Martin (Werner Dorf), Paul Bös (Sepp Erdl), Eduard Linkers (Polizeiobermeister Bartels), Willi Anders (Polizeihauptwachtmeister Plattner) u.a. Erstsendung: 15. Oktober 1965. Eine Produktion der InterTel fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Das Kriminalmuseum (17): Das Feuerzeug
Auf einer engen oberbayrischen Passstraße kollidieren zwei Lastwagen. Einer von ihnen stürzt mitsamt seiner wertvollen Pelzfracht ins Tal und brennt aus – der Fahrer kann sich durch Abspringen aus dem Unfallwagen gerade noch retten. Alles wirkt wie ein authentischer Unfall und die Versicherung begleicht den Schaden. Nur durch die vage Erinnerung des Polizeiobermeisters, dass es einen ganz ähnlichen Fall vor ein paar Jahren bereits gegeben hatte, wird ein großer Schwindel aufgedeckt. Hinter ihm steht der Fuhrunternehmer Gregor Schimanski, der das ergaunerte Geld allzu gern am Spieltisch wieder verzockt. Um weiterhin alle täuschen zu können, ist Schimanski auf seine Geliebte und Helferin Maria Lohnert angewiesen ...


Drehbuchautor Udo Wolter erdachte für sein „Kriminalmuseum“-Gastspiel eine interessante Ausgangslage. Die Masche mit den fingierten Unfällen auf malerischen Bergstraßen entführt den Zuschauer in ein wohlig-winterliches Wunderland, in dem die Uhren nicht nur für die gemütlichen Dorfpolizisten noch anders zu gehen scheinen. Natürlich durchschaut man den Versicherungsbetrug, den Klaus Schwarzkopf und Hans Martin als ausführende Hände des Hintermanns Ernst Stankovski begehen, äußerst schnell – da „Das Feuerzeug“ aber nicht als Tätersuche angelegt ist, sondern mit offenen Karten spielt, erweist sich das nicht weiter als Nachteil. Andererseits kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Episode insgesamt vermutlich deutlich spannungsgeladener verlaufen wäre, wenn sie nicht alle Rätsel von Anfang an preisgegeben hätte. Gerade um die Figur des gierigen Spediteurs besteht infolgedessen keinerlei Mysterium mehr, was sie trotz fachkundiger Darstellung ebenso wie die Kriminalisten ein wenig banal wirken lässt.

Getrieben wird der (ausgerechnet Schimanski genannte) Verbrecher von seiner unstillbaren Raffgier, die ihn letztlich – getreu dem Motto, dass der Krug solange zum Brunnen geht, bis er bricht – zu Fall bringt. Mit seinem späteren WDR-„Tatort“-Namensvetter verbindet ihn sein (gelinde gesprochen) unkonventionelles Verhalten: Er spielt, trinkt, nimmt seine Komplizen aus, hat mehrere Frauen und stößt Freundin Maria vor den Kopf, ohne rot zu werden. Kurzum: ein echtes Ekelpaket! Leider nutzt Einmal-Regisseur Joachim Hess diese Antipathie gegenüber der Stankovski-Rolle nicht aus, um seinen Ermittlern einen Startvorteil zu schenken. Klaus Höhne und insbesondere der hölzerne Alexander Allerson (der nur besetzt worden zu sein scheint, weil es in anderen Folgen auch Assistenten gab und um den Ausruf „Sauber!“ unzählige Male zu wiederholen) bleiben fade Randerscheinungen. Selbst die von Eduard Linkers und Willi Anders (dankenswerterweise einmal nicht Walter Sedlmayr) dargestellten Landwachtmeister gewinnen mehr Profil als die nominellen leading men.

Interesse weckt „Das Feuerzeug“ in erster Linie durch die Parts von Klaus Schwarzkopf als mit peanuts abgespeistem Helfershelfer sowie von Rosemarie Fendel, die nach „Die Mütze“ erneut als Ganovenliebchen firmiert, den entsprechenden Part aber diesmal zur Hauptrolle ausbauen darf. Mit der ihr eigenen Selbstvergessenheit und Unsicherheit zeichnet sie das Porträt einer zerrissenen Frau, die sowohl mit der Vernachlässigung durch Stankovski als auch mit ihrem schlechten Gewissen zu kämpfen hat. Passend dazu verzichtet Hess auf das Einstreuen plakativen Humors, was der Folge prinzipiell gut tut, sie aber auch ein wenig spröde im Vergleich zu ihrer Konkurrenz wirken lässt. Allzu lange trägt die Nostalgie der Anfangsminuten nämlich nicht.

Schwache Inspektoren und ein weitgehend überraschungsloser Ablauf verhindern, dass „Das Feuerzeug“ trotz interessanter (mordfreier) Grundidee, schöner Außenaufnahmen und guter Leistungen von Ernst Stankovski, Klaus Schwarzkopf und Rosemarie Fendel aus dem Serienmittelfeld ausbricht. 3,5 von 5 Feuerzeugen.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.042

08.09.2019 12:30
#186 RE: Bewertet: „Das Kriminalmuseum“ / „Das Kriminalmuseum erzählt“ (1963-70) Zitat · Antworten



Das Kriminalmuseum: Die Ansichtskarte

Episode 18 der TV-Kriminalserie, BRD 1965. Regie: Gedeon Kovács. Drehbuch: Maria Matray, Answald Krüger. Mit: Paul Dahlke (Kriminaloberamtmann Kulmay), Dieter Kirchlechner (Kriminalinspektor Imhoff), Xenia Pörtner (Angelika Tessner), Erik Schumann (Markus Renn), Paula Denk (Frau Schirrwind), Michael Hinz (Werner Kranzmüller), Peter Thom (Paul Dengel), Anna Vankowa (Frau Trankowa), Ursula Barlen (Frau Wiegand), Thomas Reiner (Gerichtsmediziner) u.a. Erstsendung: 23. November 1965. Eine Produktion der InterTel fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Das Kriminalmuseum (18): Die Ansichtskarte
Am Abend, nachdem sie sich mit ihrem Begleiter Markus Renn gestritten hat, begeht die Fernsehschauspielerin Angelika Tessner in ihrer Wohnung Selbstmord. Zumindest wird das wegen eines Abschiedsbriefs vorübergehend angenommen – bis die Gerichtsmedizin feststellt, dass die Tessner unmöglich durch Eigenverschulden gestorben sein kann. Es liegt also ein kaltblütiger Mord vor. Renn gerät ebenso unter Verdacht wie die Reinemachfrau Schirrwind und der Tankwart Werner Kranzmüller, dem die Verstorbene ihren Wagen zur Durchsicht anvertraut hatte. Sie alle verfügten über einen Schlüssel zur Tatwohnung ...


Schön, reich und arglos – als Angelika Tessner stellt Xenia Pörtner das prädestinierte Mordopfer dar und darf, nachdem sie in einer ruppigen Exposition ihre Krallen gen Erik Schumann ausfahren durfte, alsbald das Zeitliche segnen. Es schließt sich ein Kriminalfall an, der einerseits mustergültig aufgebaut ist (charismatische Ermittler und zahlreiche Verdächtige, die nacheinander „abgearbeitet“ werden), aber auch wichtige Plotelemente aus früheren „Kriminalmuseum“-Folgen übernimmt. Dementsprechend wirkt das Drehbuch von Matray und Krüger zwar grundsätzlich kompetent, aber nicht übermäßig einfallsreich – man kann sich des Gefühls nicht erwehren, das Gesehene (etwa aus „Der Fahrplan“ oder „Akte Dr. W.“) bereits zu kennen.

Gleichzeitig ein weiteres Anzeichen mangelnder Innovationskraft und eine gute Ablenkung von diesem Manko stellt der in „Gesucht: Reisebegleiter“ ebenfalls bereits hinlänglich erprobte Kommissar Paul Dahlke dar. Hier in seinem zweiten von drei „KM“-Auftritten ist er mit dem interessanten Dienstrang „Oberamtmann“ ausgestattet, gibt erneut mit großem Sympathiefaktor einen väterlichen Kriminaler und wird dabei vom jungen Dieter Kirchlechner auf ebenso angenehme Weise unterstützt. Bezüglich dieser beiden Hauptdarsteller hat „Die Ansichtskarte“ wirklich einen Stein im Brett. Die Folge weiß darum, bietet dem Zuschauer nach der Exposition kaum mehr eine Szene ohne Polizeipräsenz an und erlaubt sogar wieder einen der beliebten nostalgischen Kantineneinblicke. Im Dickicht der Verdächtigen erweisen sich Kulmay und Imhoff zwar als erstaunlich ahnungslos und erst eine zufällige Entdeckung kurz vor Episodenende führt sie auf die richtige Spur – aber gerade diese verworrene Konstellation verdeutlicht die schwierige Aufgabe der Kriminalisten noch anschaulicher als eine zielstrebig gerade Schneise, die direkt auf den Täter zuführt. Auch der Zuschauer darf sich zwischenzeitlich hinters Licht geführt fühlen.

Beim Schaulaufen der möglichen Starlet-Mörder hätte man Erik Schumann eine größere, präsentere Rolle gewünscht. Als egoistischer und aufbrausender Freund der Toten spielt er seine stärksten Trumpfkarten zu Beginn der Folge, bevor er dann weitgehend von der Bildfläche verschwindet und daher in der zweiten Hälfte auch nicht mehr wirklich als Täter infrage kommt. Darüber hinaus jongliert der eher unerfahrene Regisseur Gedeon Kovács aber auf recht gelungene Weise eine Besetzung aus Alt- und Jungdarstellern, ohne dabei eine der beiden Gruppen unfair in den Vordergrund zu rücken. Die Altbewährten überzeugen durch präzise Auftritte von Charakterköpfen wie Paula Denk oder Hans Epskamp, während sich die junge Garde in Gestalt von Michael Hinz und Peter Thom in zeittypischer Manier aus Leichtsinn immer weiter in Widersprüche verstrickt, aufgrund derer man automatisch mit ihnen mitfiebert.

Auch hier gelang dem „Kriminalmuseum“ ein zwar nicht übermäßig temporeicher, aber durchaus liebenswerter und klassisch gestrickter Fall, der die Kombinationsgabe der Identifikationsfigur Paul Dahlke ebenso wie die des Zuschauers auf eine ordentliche Probe stellt. Zwar sind die Gastdarsteller nicht übermäßig prominent, aber alle in ihren jeweiligen Parts glaubhaft besetzt. 4 von 5 Ansichtskarten.

Ray Offline



Beiträge: 1.266

10.09.2019 22:26
#187 RE: Bewertet: „Das Kriminalmuseum“ / „Das Kriminalmuseum erzählt“ (1963-70) Zitat · Antworten

Folge 15: Die Mütze


Die Münchener Polizei ist auf der Suche nach dem Mörder eines Taxifahrers. Eine erste Spur führt zu einem US-Soldaten...

„Die Mütze“ bedeutet nach den vorangegangenen qualitativ hochwertigen Folgen einen Abstieg. Dass man im Hinblick auf die Identität des Täters früh die Katze aus dem Sack lässt, wäre weniger ein Problem, wenn man dies entsprechend zu kompensieren wüsste. Doch dies gelingt nur auf dem Papier. Denn dort wird aus dem „Whodunit“ ein „Howcatchem“. Allerdings sieht Peter Kuiper gerade im direkten Vergleich mit der reizvollen Darstellung von Wolfgang Kieling in der vorherigen Episode schlecht aus. Sein Karl Bednar ist arg grobschlächtig und wird vom Publikum daher schnell in eine Schublade verfrachtet, aus der er nicht mehr herauskommt. In der Folge hält sich das Interesse an seiner Verfolgung eher in Grenzen. Heinz Engelmann kann anders als bei seinem ersten Einsatz im „Kriminalmuseum“ der Folge ebenfalls nicht seinen Stempel aufdrücken, Reinhard Glemnitz erscheint völlig verschenkt. So bleiben dem tapferen Betrachter atmosphärische nächtliche Aufnahmen, vor allem jene in den Straßenbahnen und vordergründige Spannung, die aber nicht recht herüberkommt. Alles in allem eine der schwächeren Folgen bisher.

Nur bedingt mitreißender „Howcatchem“ mit wenig charismatischem Täter. Heinz Engelmann und Reinhard Glemnitz werden in den Ermittlerrollen verschenkt. 2,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.042

11.09.2019 20:15
#188 RE: Bewertet: „Das Kriminalmuseum“ / „Das Kriminalmuseum erzählt“ (1963-70) Zitat · Antworten

@Ray: Dann sind wir doch gen Ende der ersten Box noch ziemlich unterschiedlicher Meinungen. Einen wirklichen Grund für den wertenden Direktvergleich zwischen Kieling und Kuiper sehe ich nicht; die Charaktere sind doch insgesamt recht verschieden. Ich muss aber anmerken, dass ich bei meiner Erstsichtung der „Mütze“ ebenfalls nur 2,5 Punkte vergeben hatte. Diesmal empfand ich die Sichtung aber als sehr positive Überraschung.

Hier nun nach „Der Brief“ die zweite Folge, die mir bisher völlig unbekannt war:



Das Kriminalmuseum: Die Brille

Episode 19 der TV-Kriminalserie, BRD 1965. Regie: Dieter Lemmel. Drehbuch: Bruno Hampel. Mit: Alfred Schieske (Kriminalkommissar Huberty), Heinz Schubert (Kriminalkommissar Weber), Eduard Linkers (Kriminalkommissar Fürbringer), Josef Fröhlich (Walter Murdock), Karin Kernke (Carla Stepanek), Detlof Krüger (Erwin Spindler), Monika Greving (Trude Spindler), Lisa Helwig (Oma Spindler), Doris Kiesow (Frau Patzeck), Heidy Forster (Fräulein Honig) u.a. Erstsendung: 14. Dezember 1965. Eine Produktion der InterTel fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Das Kriminalmuseum (19): Die Brille
Auf dem Weg zum Wandern in die Dolomiten gerät der Berliner Steuerberater Erwin Spindler an einen verbrecherischen Anhalter, der ihn in einem Waldgebiet erschießt, um sich in den Besitz der Reisekasse zu bringen. Das Auto mit Spindlers Leichnam im Kofferraum findet die Polizei am Tegernsee und staunt dann nicht schlecht, als Augenzeugen berichten, den Wagen mehrere hundert Kilometer entfernt im Schwäbischen gesehen zu haben. Mithilfe zahlreicher Befragungen gelingt es einem Dreigestirn von Beamten aus Berlin, München und Stuttgart, die Tat zu rekonstruieren und den Mörder, einen Studenten, ausfindig zu machen ...


Nachdem ein Ausflug von München nach Wien bislang der größte Auswuchs von Reiselust für das fest in Oberbayern verankerte „Kriminalmuseum“ war, wirkt das Überschreiten des Weißwurstäquators in Richtung Berlin zu Beginn von „Die Brille“ regelrecht revolutionär. Begrüßt vom Berliner Dialekt, dem Funkturm und Warnungen vor der Transitstrecke durch die DDR, verströmt diese Episode zumindest zu Beginn einen frischen Atem, auch wenn sich der Mord schließlich wieder in vertrauten südlichen ZDF-Gefilden abspielt. Ein neuer Name auf dem „KM“-Regiestuhl ist auch Dieter Lemmel, der mit „Der Barockengel“ und „Das Amulett“ noch zwei weitere Beiträge zur Reihe lieferte. Lemmel haftet oftmals der Makel an, zu bedächtig oder gar schleppend zu inszenieren und damit Spannung und Interesse am Kriminalfall zu verschleppen. Auch wenn „Die Brille“ alles andere als hektisch inszeniert ist und gelegentlich Lemmels Unfähigkeit durchblitzt, illustrierende Ausschmückungen zugunsten wichtiger Plotelemente zurückzufahren, so kann diesmal doch weitgehend Entwarnung gegeben und dem Regisseur ein ordentliches Arbeiten attestiert werden.

Das starke dokumentarische Element kommt Lemmel entgegen; sein Regiestil grenzt sich klar gegenüber den verspielteren Frühfolgen ab. Damit geht auch einher, dass Spannungsszenen nicht mehr überspitzt, sondern sehr nüchtern dargestellt werden – sowohl der Überfall des Anhalters auf den Steuerberater als auch das Auffinden der Leiche entbehren jeglicher Schauerromantik. Das ist alles völlig in Ordnung; Probleme bereitet dieser Folge vielmehr das halbgare Drehbuch von Bruno Hampel. Es lässt den Mord einigermaßen lapidar wirken, kostet den dramatischen Verlust, der sich dadurch für die Familie Spindler ergibt, kaum aus, zeigt den Mörder von Anfang an, belässt dessen Charakter und Motivation dennoch einigermaßen im Unklaren und verärgert durch einige unnötig vereinfachte Zwischenschritte zur Überführung (die Aussparung der Frage nach der Tatwaffe, der regelrecht perfekte, sich in keinem Punkt irrende Augenzeuge oder der Umstand, dass Murdock am Ende prompt in Gegenwart der Polizei bei seiner Freundin auftaucht). Darüber hinaus verwundert es, im Abspann den Namen des renommierten Komponisten Hans-Martin Majewski zu lesen, der jedoch nur beliebiges Gedudel zuwege brachte – womöglich ein Versuch, die durchgängige Autothematik der Folge auf Radiomusik-Niveau aufzugreifen?

Die Darsteller erweisen sich weitgehend als passend, mit der Ausnahme dass gerade Josef Fröhlich als Mörder blass bleibt und stellenweise unfreiwillig komisch wirkt (z.B. als er ohne Vorwarnung beginnt, mit spanischen Maracas herumzuspielen). Hier hätte ein unheimlicherer Darsteller in Kombination mit einer weniger alltäglichen Inszenierung und düstererer Instrumentierung vielleicht für den nötigen Chill-Effekt sorgen können, der der „Brille“ einfach fehlt. Walter Murdock wäre dann zu einem ebenbürtigeren Gegner für das örtlich und personell breit aufgestellte Ermittlerteam geworden, das von Alfred Schieske charismatisch und routiniert zugleich geleitet wird. Einen besonders schönen Auftritt verbucht Karin Kernke, die diesmal nicht als „Freundin eines Verräters“, sondern als Freundin des Haupttäters agieren darf. Sie bringt das Bedrückende ihrer am Ende regelrecht skurrilen Situation sehr gekonnt auf den Punkt. Sonst ist „Die Brille“ eher eine Folge der kleinen Gastauftritte, da der ruhelose Fall auf keinem der Gesichter länger verweilt, sondern eher beiläufige Streiflichter auf einzelne, meist zufällig involvierte Personen wirft.

Nimm keinen Anhalter mit, es könnte tödlich enden. Diese in den 1960er Jahren in Fernsehkrimis gern und häufig verbreitete Botschaft bildet einen insgesamt stimmigen Rahmen für Dieter Lemmels ersten „Kriminalmuseum“-Fall. Insgesamt erweist sich die Folge vor allem aufgrund des Drehbuchs als etwas zu flüchtig und oberflächlich, um wirklich große Stärken ausspielen zu können. Dabei ist darstellerisch wieder einmal wenig zu bemängeln. 3,5 von 5 Brillen.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.042

17.09.2019 17:50
#189 RE: Bewertet: „Das Kriminalmuseum“ / „Das Kriminalmuseum erzählt“ (1963-70) Zitat · Antworten

Zitat von Marmstorfer im Beitrag Noch lebende Wallace Stars
Herzlichen Glückwunsch! Es gibt sogar einen informariven DPA-Artikel: https://www.n-tv.de/leute/Derrick-Regiss...le21267425.html

Auch an dieser Stelle sei an Helmuth Ashleys 100. Geburtstag und den sehr schönen Artikel über ihn und sein Schaffen erinnert. Gratulation und weiterhin viel Gesundheit für die nächsten Jahre! Zu diesem Anlass mache ich prompt mit einer weiteren, sehr ordentlichen Ashley-Arbeit weiter:



Das Kriminalmuseum: Das Nummernschild

Episode 20 der TV-Kriminalserie, BRD 1965. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Günter Rudorf. Mit: Hermann Lenschau (Kommissariatsleiter Dr. Jung), Werner Bruhns (Wilm Flaaten), Gunther Malzacher (Charles Balieu), Horst Michael Neutze (Marcel Rolland), Ernst Dietz (Oberkommissar Grosser), Alfons Höckmann (Kommissar Zillig), Ruth Maria Kubitschek (Leni Möller), Marion Jacob (Helga Weißdörfer), Paul Albert Krumm (Matrose Charlie), Gert Kunath (Taxifahrer im Wagen 2780) u.a. Erstsendung: 21. Dezember 1965. Eine Produktion der InterTel fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Das Kriminalmuseum (20): Das Nummernschild
Matrose Charlie kommt von großer Fahrt zurück und gibt in einer Kneipe in Duisburg damit an, einige Maschinenpistolen mitgebracht und verkauft zu haben. Die Polizei bekommt den Hinweis durch einen Mittelsmann zugespielt und bereitet sich auf einen baldigen Überfall durch ein Expertentrio vor, das bereits auch in Mailand und Marseille zugeschlagen hat. Tatsächlich treffen sich kurz darauf drei sinistre Herren an verschiedenen Plätzen in Düsseldorf und Oberhausen, um einen Millionencoup vorzubereiten. Mit eiskalter Präzision treffen sie ihre Vorbereitungen – nichtsahnend, dass ihnen die Polizei bereits vor der Tat auf der Schliche ist ...


Unter Helmuth Ashleys Regie wickelt sich in „Das Nummernschild“ ein durchaus faszinierender Fall ab, der die typische „zuerst Verbrechen, dann Ermittlung“-Struktur des „Kriminalmuseums“ völlig umkrempelt. Vielmehr im Stil eines Heist-Thrillers angelegt, begleitet das Publikum die drei Herren Flaaten, Balieu und Rolland bei der Entwicklung und Präzisierung ihres Raubüberfalls auf ein Düsseldorfer Juweliergeschäft, was nicht zuletzt auch dazu führt, dass sich die Verbrecher in Gestalt von Werner Bruhns, Gunther Malzacher und Horst Michael Neutze wesentlich stärker profilieren als die gelegentlich „dazwischengeschnittenen“ Polizeibeamten. Die Geschichte von Günter Rudorf verläuft absolut geradlinig ohne jedwede Schnörkel oder Unnötigkeiten; sie erscheint dadurch enorm simplifiziert und fordert dem blassen Ermittlerteam um Hermann Lenschau entsprechend auch keine geistigen Höchstleistungen ab. Während die Herren Gangster versuchen, möglichst kunstvoll und fehlerfrei die Gesetzesbuchstaben zu umgehen, erweist sich die Beamtenarbeit als völlig unkünstlerische, mühsame und nicht besonders prestigeträchtige Fleißaufgabe. Es kommt nicht auf versponnene Meisterdeduktionen alter Schule an, sondern auf das harte Brot von Spitzeldiensten, Verhören und Verfolgungsjagden.

Während die Handlung in Ashleys Händen beständig, aber auch etwas gemächlich dem Höhepunkt entgegenstrebt (Wolfgang Becker wäre für eine Episode dieser Art vielleicht auch ein passender Mann gewesen), lernen wir die Figuren von Bruhns, Malzacher und Neutze mittels verhalten eingestreuter Charakterisierung kennen. Man wird sich bis zum Ende nicht ganz darüber klar, ob nun Flaaten oder Balieu die tonangebende Kraft hinter dem Coup ist. Beide zeichnen sich durch strukturiertes Denken und klare Ansagen aus, sodass man ihnen tatsächlich die saubere Umsetzung eines Raubüberfalls zutraut. Rolland wirkt dagegen wie das fünfte Rad am Wagen, wird eher mitgezogen und zieht in typisch griesgrämiger Neutze-Art hin und wieder einige Schmunzler auf sich. Was man an Ashleys Regie auf jeden Fall loben muss, ist, dass sie sich Zeit für die Charaktere nimmt, diese glaubhaft und durchaus sympathisch ans Publikum bringt (sodass die eigentliche Überfallsequenz dadurch umso schockierender wirkt) und dass sie bewusst die Reize öffentlicher Plätze und moderner Nachkriegsarchitektur einsetzt, um einen authentischen Eindruck zu erzeugen. Die Städte im Rheinischen und im Ruhrgebiet bieten sich zu diesem Zweck durchaus an und geben einige erfrischende Motive her.

Natürlich kann man sich fragen, ob die einzelnen Handlungsteile nicht doch etwas unausgewogen erscheinen und man die Tat vielleicht etwas zeitiger im Folgengerüst hätte einbauen sollen. Es wirft jedenfalls kein schmeichelhaftes Licht auf die Täter, wie schnell und ahnungslos sie letztlich aufgespürt und überrumpelt werden. Eventuell hätte man hier zugunsten einer noch ausgeglicheneren Verfolgung einige Szenen mit Matrose Charlie oder mit der Modistin Leni kürzen können, wenngleich die Gastauftritte des unkreditierten Paul Albert Krumm und der amüsant naiven Ruth Maria Kubitschek durchaus Spaß machen. Letztere geben sogar Anlass für Martin Böttcher, endlich selbst wieder einmal ein paar Takte Tanzmusik zur Reihe beizusteuern, die eindeutig über dem akustischen Serienschnitt liegen.

Schmucklose Gaunergeschichte mit Heist-Charakter, die stellenweise stark an die Event-Machart später „Stahlnetz“-Folgen erinnert. Auch hier geht es eher ums authentische Dabei-Gefühl als um inhaltliche Finessen; Helmuth Ashley hätte diesbezüglich die Spannungsschraube noch etwas straffer andrehen können. Stimmiges Verbrechertrio. Lenschau kämpft nach Kräften gegen die Anonymität seiner Kommissarsrolle an. 4 von 5 Nummernschildern.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.042

21.09.2019 21:15
#190 RE: Bewertet: „Das Kriminalmuseum“ / „Das Kriminalmuseum erzählt“ (1963-70) Zitat · Antworten



Das Kriminalmuseum: Der Koffer

Episode 21 der TV-Kriminalserie, BRD 1966. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Walter Forster. Mit: Kurt Meisel (Kriminaloberinspektor Neuwagen), Willy Semmelrogge (Kriminalassistent Goetz), Jürgen Clausen (Erwin Wermund), Gudrun Thielemann (Vera Vogel), Krikor Melikyan (Kurt Scholle), Ernst Dietz (Dr. Paul Wermund), Melanie de Graaf (Margot Wermund), Klaramaria Skala (Paula), Horst Sachtleben (Psychiater), Friedrich Karl Grund (Schüler Linke) u.a. Erstsendung: 28. Januar 1966. Eine Produktion der InterTel fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Das Kriminalmuseum (21): Der Koffer
Nach dem Mord an einem Nachtwächter kann die Zeugin Vera Vogel eine genaue Beschreibung des Täters, eines etwa 20-jährigen schlanken Mannes, machen. Die Polizei identifiziert diesen als Erwin Wermund, Schüler und Sohn eines bekannten Fabrikanten. Erwin schwärmt für Schusswaffen und hat eine schwierige Beziehung zu seinen Eltern. Als er dann auch noch ein Geständnis ablegt, scheint das Bild eines krankhaften Mörders perfekt zu sein. Doch was, wenn der Junge nicht die Wahrheit sagte, sondern nur dem guten Ruf seiner Familie schaden wollte? Für die Tat gibt es noch eine andere Erklärung ...


Was mit einem recht plumpen Verlegenheitsmord bei einem Raubüberfall beginnt, wächst sich unter der etwas spröden Regie von Theodor Grädler zu einem regelrechten Musterbeispiel für Polizeiermittlungen in die falsche Richtung aus. „Der Koffer“ ist eine Folge, die deutlich weniger als andere „Kriminalmuseum“-Beiträge die Kombinationsgabe und den Sachverstand der Beamten beansprucht und vielmehr aus einer Charakterstudie des Mannes besteht, der lange für den Täter gehalten wird, aber eigentlich mit dem Verbrechen nichts zu tun hat. So muss man sich als Zuschauer fragen, ob es sich wirklich lohnt, das sich stellenweise recht deutlich in die Länge ziehende Geschehen aufmerksam zu verfolgen, wenn am Ende doch ein anderer – aufgrund einer Rahmenhandlung wenig überraschend – als Todesschütze entlarvt wird. Das Drehbuch erleichtert die Beantwortung nicht, stützt es sich doch ganz auf das Fehlverhalten des sturen Jugendlichen Erwin Wermund. Es schlägt damit die Brücke zwischen den zurückliegenden Halbstarkenfilmen und dem kommenden, belehrenden Duktus eines „kommissarischen“ Herbert Reinecker. Gymnasiasten als Waffennarren und geständige Mörder – Kommissar Keller, ick hör’ dir trapsen ...

„Der Koffer“ fällt vor allem deshalb nicht krass gegenüber seinen „KM“-Geschwistern ab, weil Jürgen Clausen in der grünschnabeligen und reichlich zwiespältigen Hauptrolle durchaus beachtliches Talent unter Beweis stellt. Als Rebell gegen elterliche Unterdrückung (Vater) bzw. Vernachlässigung (Mutter) fällt ihm ein facettenreicher Part zu, der auch das Glück hat, im Gegensatz zu vergleichbaren Figuren bei „Kommissar“ oder „Derrick“ nicht unter Reineckers gestelzten Dialogen zu leiden. Diese findet man eher bei den gewollt menschelnd agierenden Kommissaren, die mit Kurt Meisel und Willy Semmelrogge indes ausnehmend unfreundlich besetzt wurden. So kommt es zu einer deutlichen Schere zwischen Darstellerwahl und vorgehängter Fassade, was die Szenen auf dem Revier etwas mühsam macht.

Mit nächtlichen Hinterhöfen, einer Schule, dem engen Elternhaus (Gereut-Villa), dem Polizeipräsidium und einigen zwielichtigen Lokalen begibt sich die Produktion schauplatztechnisch gerade nicht auf ungewohnte Pfade, sodass ihr insgesamt eine ziemlich unaufregende Aura anhaftet, gegen die auch die sonst so verheißungsvolle Gudrun Thielemann diesmal wenig auszurichten vermag. Im Duo mit einem ungehobelten Krikor Melikyan hat sie eine undankbare Rolle erwischt, die auch der versierte Darsteller-Regisseur Grädler nicht zu einem Schmuckstück polieren kann. Letzteres hätte vielleicht mit den Wermund-Eltern passieren können, wenn man für diese Charaktere einprägsamere Schauspieler als Ernst Dietz und Melanie de Graaf gewählt hätte. Als Ausgleich hat „Der Koffer“ einen ohrwurmigen Jazz-Soundtrack zu bieten, dessen Komponist im Abspann allerdings keine Erwähnung findet.

Schüler gesteht aus Trotz einen Mord; der wahre Täter bleibt lange im Dunkeln. Ein einfaches Rezept in nicht besonders ausgefallener Umsetzung – insgesamt haben wir schon zu einladenderen „Türen eines der Kriminalmuseen hineingehen“ dürfen. Noch 3 von 5 Koffern.

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