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Dieses Thema hat 176 Antworten
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 Filmbewertungen
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Giacco Offline



Beiträge: 2.536

18.11.2018 13:44
#136 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Ein Auszug aus der Film-Echo-Kritik (März 1960):

Nachdem "Der Frosch mit der Maske" über Erwarten starken Anklang fand, konnte man getrost einen weiteren Wallace-Roman verfilmen. Hier ist er: spannend, verwirrend und in puncto Logik sehr generös. "Der rote Kreis" mordet munter drauf los. Flotte Erpressungen sind das mindeste, was er bietet. Jürgen Rolands Inszenierung bescheinigt ihm ein beachtliches Talent, Atmosphäre zu schaffen und Darsteller zu führen. Seine auf ernsthafte Reportage mit fotografischen Grusel-Effekten (Kamera: Heinz Pehlke) angelegte Regie kann zwar die dramaturgischen Schwächen des Stoffes nicht verhehlen, hält aber den Besucher bis zum letzten Moment in Spannung. Rolands gute Zusammenarbeit mit seinem Team wird im Spiel der jungen Kräfte besonders deutlich. Renate Ewert (recht nuanciert), Erica Beer (Knapp und sicher), Klausjürgen Wussow (ein Schimmer von Zwielicht), Thomas Alder ( sympathischer Playboy mit vielleicht doppeltem Boden) und Eddi Arent (nett näselndes Britentum, doch in diesem Rahmen etwas zu stark karikiert) sind hervorzuheben. Karl Saebisch wird vom Drehbuch so arg in die Klemme manövriert, dass seine darstellerischen Mittel nicht ganz ausreichen, um den bis dato supererfolgreichen Kommissar glaubhaft ins Bild zu bringen. In kleinen markanten Rollen: Fritz Rasp, Alfred Schlageter, Ulrich Beiger und eine erblondete Edith Mill.
Das Publikum amüsiert sich bis zum Schluß über die eigenen "Fehldiagnosen". Soweit es zu übersehen ist, zieht "Der rote Kreis" weite Kreise.

Film-Echo-Note: 3,1 (58 Meldungen) Erstnote: 2,4

In Frankreich kam "Der rote Kreis" nach dem "Rächer" und vor dem "Frosch" am 21.3.1962 in die Kinos und erreichte insgesamt 572.509 Besucher (Paris: 98.422)

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.519

18.11.2018 20:29
#137 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Der zweite Film ist geschafft - und schon jetzt lässt sich festhalten, dass die Idee der konzertierten Filmsichtungen eine der besten in Gubis an brillanten Einfällen nicht gerade armen Forums-Karriere war. Mit großem Interesse habe ich die zahlreichen Kommentare zum "Frosch" gelesen. Hoffen wir mal, dass alle bis zum Ende durchhalten. Der "Kreis" jedenfalls motiviert zum Weitergucken, hat Jürgen Roland doch einen wahrhaft exzellenten Krimi gedreht, der qualitativ allerhöchsten Ansprüchen genügt. Was war das gestern am späten Nachmittag für ein herrliches Vergnügen, sich bei einer Tasse Tee diesen wunderbaren Film anzugucken, der ob seiner nicht ganz so prominenten Besetzung wohl immer ein wenig unterschätzt wird. Am Anfang gibt es einen kurzen "Stahlnetz"-Moment, wenn der Off-Kommentator nach der missglückten Hinrichtung Lightmans mitteilt: "Dieser Nagel kostete acht Jahre später 25 Menschen das Leben". Aber in einem Fernsehfilm wähnt man sich zu keiner Sekunde. Roland und seinem Kameramann Heinz Pehlke gelingen atmosphärische Bilder, auch bedingt durch den ungemütlichen Kopenhagener Spätherbst, wie beispielsweise in jener Szene, wenn Thalia in der Nähe des Hafens zum "Kreis" ins Auto steigt. Aber auch der erste Wallace-Einsatz des Londoner Nebels sticht bzgl. der Bildgestaltung hervor.

Positiv fallen auch die größtenteils wirklich hervorragenden Dialoge auf - hier macht sich wohl der Einfluss von Wolfgang Menge bemerkbar. Die Darsteller passen mal wieder perfekt in ihre Rollen - auch wenn die oben geäußerte Kritik, dass Wussow wohl etwas zu jung ist, nicht von der Hand zu weisen ist. Aber seiner exzellente Leistung schmälert das nicht. Renate Ewert hat natürlich einen dankbaren Part, aber sie macht das allerbeste daraus, und es ist höchst bedauerlich, dass sie nie wieder in einem Wallace besetzt wurde. Auch Saebisch - als ältester Hauptermittler der gesamten Serie (von Schürenberg im "Hund" mal abgesehen) - trumpft hier groß auf. Im Nebencast profilieren sich die Stammdarsteller Rasp, Beiger und Arent, der hier seine ernsteste Assistenten-Rolle spielt. Die paar Albernheiten, wie die Verkleidung als Landstreicher, hätte es gar nicht gebraucht.

Zitat von greaves im Beitrag #5

Wo das Schloss vom alten Beardmore steht, habe ich bisher noch nicht herausgefunden.
Ob es in Deutschland oder Dänemark steht, ist mir noch ein Rätsel.



Wurde nicht auch der "Kreis" komplett in Dänemark gedreht?

Eine kleine Sache, die mir gestern das erste Mal aufgefallen ist: Felix Marl kommt am Bahnhof in Crimsonfield an. Und wie lautet der Originaltitel der Romanvorlage?

brutus Offline




Beiträge: 13.030

19.11.2018 12:48
#138 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Auch ich habe das Wochenende genutzt um mir ganz entspannt den zweiten Film der Edgar Wallace Reihe anzuschauen. Um gleich die Eingangs gestellten Fragen zu beantworten: Der rote Kreis gefällt mir ausgezeichnet und er hält das Niveau des "Frosches" mühelos.

Drehbuchautor Egon Eis, der ja auch schon für den "Frosch" verantwortlich zeichnet, erliegt zum Glück nicht der Versuchung die Erfolgselemente des Frosches einfach zu kopieren. Zwar bleibt das Wallace-typische Grundmotiv: Scotland Yard vs. Gangsterbande angeführt vom großem Unbekannten, aber Eis variiert geschickt und verzichtet z. B. beim charismatischen Oberschurken auf eine am Rande der Albernheit balancierende Maske, die Bedrohung wird hier nicht optisch dargestellt sondern akustisch, durch sein charakteristisches, hämisch-überlegenes Lachen. Dazu gibt Eis dem roten Kreis eine Tarnidentität, die so in den anderen Wallace-Filmen nicht vorkommt. Zum anderen verzichtet Eis fast völlig auf die klassische Wallace-Romanze (strahlender Held rettet bedrohte Unschuld aus den Klauen des Schurken und trägt sie davon. Abspann), statt dessen inszeniert Eis ein Dreiecksverhältnis, bei dem es bis zum Schluss offen bleibt für wen sich Thalia Drummond (die weder bedroht noch unschuldig ist) letztlich entscheidet, wenn überhaupt.

Jürgen Roland setzt dieses Drehbuch perfekt um. Er verzichtet mit seinem semidokumentarisch angehauchten Stil meist auf Action und unnötige Brutalitäten, ohne dabei auf die Wallace-typische Mordvielfalt zu verzichten (Erhängen, Erwürgen, Erschießen, Erstechen, Vergiften, Überfahren) und ohne dabei zu sehr ins Detail zu gehen. Roland erzählt die Geschichte stringent, lässt unnötige Gimmicks meist außen vor und fügt auch vermeintlich unnötige Nebenhandlungen geschickt ins Gesamtmosaik ein. Sein Tempo ist nicht hoch aber konstant. Anders als im Frosch, wo es am Ende doch Holterdipolter fast zu schnell geht, greift Roland hier zum Detektivfilm: Der Inspektor versammelt die restlichen Verdächtigen am Tatort (hier: im Lagerhaus), präsentiert seine Überlegungen und entlarvt den wahren Täter. Aber nicht die Handschellen klicken, sondern das Türschloss, der Entlarvte kann vermeintlich entkommen, der Regisseur (in einem Cameo-Auftritt) selbst öffnet die Tür, greift aber ein weiteres mal in die Krimi-Kunstkniff-Kiste: ein Toter steht wieder auf. Sicherlich eine der stärksten Szenen des ganzen Films. Aber immer noch nicht Schluss, der Inspektor steht vor einer weiteren Enttarnung: Thalia Drummond entpuppt sich als eine seiner besonderen Vollmachten, Happy End, Schluss mit Kuss? Nein, die letzte Szene gehört Henry Charles Lightman und damit schließt sich für den roten Kreis derselbe, er steht wieder (und wohl zum letzten Mal) vor seiner Hinrichtung, diesmal sind alle nüchtern. Aber wer weiß, vielleicht reißt der Strick wirklich?


Die Besetzung mag nur semiprominent sein, passt aber in diesen unglamourösen Streifen umso besser. Renate Ewert darf hier gegen das Frauenbild der 50er Jahre anspielen und nutzt diese Gelegenheit grandios, eine der besten weiblichen Rollen in der gesamten Wallace-Reihe überhaupt. Das Ewert nie wieder in einem Wallace-Streifen auftreten durfte mag man bedauern, aber andererseits hätte es danach nur abwärts gehen können. Dafür ist Klausjürgen Wussow das beste Beispiel, hier ist er als Derrick Yale ein großer Pluspunkt, als Inspektor Featherstone ist er eigentlich nur ein Mitläufer (die Bösen haben es im Krimi eh immer besser, die dürfen so richtig die Sau rauslassen). Karl Georg Saebisch nimmt man die 40-jährige (ja gut, nur 39 Jahre, 11 Monate...) Diensterfahrung seines Chefinspektors anstandslos ab. Ähnlich wie sein Vorgänger Elk weiß er mehr als er sagt (obwohl er Beamter ist) und lässt sich auch vom drohenden Ruhestand nicht aus der Ruhe bringen. Thomas Alder als nichtsnutziger Neffe, der seinen Platz im Leben noch nicht gefunden hat (wobei er klare Vorstellungen davon hat, wer ihm diesen Platz zuweisen soll) und Fritz Rasp (der hier dankenswerterweise mehr Screentime und Dialog hat als im Frosch) sind klare Pluspunkte, ebenso wie Richard Lauffen, Ulrich Beiger oder auch Edith Mill. Letztere wird aber, wie auch Erica Beer wieder in die Moral der 50er Jahre gepresst, beide spielen Frauen, die für ihre außerehelichen Amouren einen hohen Preis zu zahlen haben (Lady Dorringham wird erwürgt, Mrs. Carlisle muss um das Leben ihrer entführten Tochter bangen). Im Gedächtnis haften bleiben auch noch Karl-Heinz Peters, der im alkoholisierten Überschwang die Handlung des Filmes eigentlich erst herbeinagelt, sowie Panos Papadopulos, der die alte Heinz-Erhardt-Weisheit bestätigt, das das Leben von Strolchen meist in Zellen endet (hier auch noch Nr. 13). Eddi Arent darf sich zwar häufiger zeigen als im Frosch, versucht auch genauso trocken rüberzukommen, hat aber leide auch Szene, die man als suboptimal bezeichnen könnte. Die einzige Rolle, die aus dem Frosch übernommen wurde ist die des Yard-Chef Sir Archibald, wieder besetzt mit Ernst Fritz Fürbringer, dar aber im Vergleich zum Vorfilm weder auf- noch abfällt.


Wieder in Dänemark produzierter Streifen, was man zum Beispiel daran erkennt, das die Brabazon Bank jetzt in dem Gebäude residiert, in welchem im "Frosch" noch die Hambroes Bank Limited ihre Bleibe hatte (die ist anscheinend nach dem Raubzug des Frosches in Konkurs gegangen, wohl nicht limited genug).
Relativ wenig London-Einblendungen, was aber gar nicht mal stört, vom Konzept und der Ausführung könnte der Film strenggenommen in jeder x-beliebigen Metropole spielen. Schöne, Wallace-typische Außenkulissen (dunkle Lagerhäuser, schlossähnliche Villen), ein Bürohaus mit Paternoster (der auch dramaturgisch geschickt in die Handlung eingebunden ist), auch einige Eisenbahnszenen werden geboten (bei genauem Hinsehen fällt einem aber auf, das einer der Waggons des durchfahrenden Zuges eigentlich schon aus den Gleis gesprungen ist).

Da Roland einen doch recht trockenen Erzählstil bevorzugt ist den Humor doch etwas retardiert und eher subtil (und liegt zum Glück nicht ausschließlich in Eddi Arents Händen): gleich zu Beginn feiert der Scharfrichter noch vor Sonnenaufgang im Schatten der Guillotine mit seinen Kollegen Geburtstag, nach dem alten Motto: erst das Vergnügen und dann die (mangelhafte) Arbeit, die Bahnstation hat Christoph ja schon erwähnt, das Restaurant, in dem mehrere Protagonisten zu Mittag essen, liegt in der Mill-Street, es gibt so Brüller-Dialoge wie: "Eine Fahrkarte nach Toulouse" "In Frankreich?" "Gibt's sonstwo noch eins?". Meine Lieblings-Zeitungsschlagzeile (im Zug): Essen Sie Ihren Hut Chefinspektor Parr (worauf dieser ihn auch prompt abnimmt).

Der Film ist sicherlich dialoglastiger als manch anderer Wallace-Film, aber (ich möchte Christoph da ausdrücklich zustimmen) was gesagt wird hat eben Hand und Fuß, es macht Spaß zuzuhören. Die Musikunterstützung gefällt mit auch. Positiv erwähnt werden muss noch, das es ein kluger Schachzug der Produzenten war, den roten Kreis (ähnlich wie beim Frosch auch) synchronisieren zu lassen, sonst wäre bei den vielen Dialogen die Katze einfach zu früh aus dem Sack.


Der rote Kreis kann die vom Vorgängerfilm hoch gelegte Messlatte durchaus überspringen. Roland inszeniert der Kreis eher als klassischen Krimi, verzichtet weitgehend auf Wallace-typische Gimmicks aber eben auch auf Wallace-typische Logik-Löcher. Sehr gute Dialoge bieten allen Darstellern Gelegenheiten sich zu zeigen. Roland kann das Spannungsniveau von Anfang an hochhalten und damit auf spektakuläre Einzelszenen zwischendurch verzichten. Renate Ewert darf als selbstbewusste Thalia Drummond aus den Rollenklischees der späten 50er ausbrechen und gleich mehrere Männer an der Leine zappeln lassen. Die Enttarnung des Schurken gehört zu den größten Überraschungen im Wallace-Kosmos und wird bewusst in Stile klassischer Detektivfilme zelebriert.
Auch wenn sich "Der rote Kreis" dadurch doch ein wenig vom Rest der Wallace-Filme unterscheidet, gerät ihm das weder in Form noch in Inhalt zum Nachteil.
Da man auch beim x-ten Sehen immer noch top unterhalten wird gibt es auch hier wieder


5 von 5 Punkten

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.519

19.11.2018 17:45
#139 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #3
Eine Produktion der Rialto-Film Preben Philipsen Kopenhagen im Constantin-Filmverleih München.


War der Kreis nicht noch ein Prisma-Film?

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

19.11.2018 20:02
#140 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Patrick und ich stellen euch nur auf die Probe und bauen jede Woche einen Fehler in unsere Berichte ein. Der "Elk der Woche" ging letztes Mal an @TV-1967, diesmal bist du es, @Marmstorfer, der zum "Ehren-Parr" ernannt wird.

Count Villain Offline




Beiträge: 4.617

19.11.2018 23:03
#141 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Frauen und Kinder sind die gefährlichsten Fallstricke für einen Mann

An diesen Satz einer gewissen vermummten Amphibie muss wohl auch Chefinspektor Parr gedacht haben, als er seine außerordentlichen Vollmachten in Anspruch nahm. Und es gibt wieder Verbrecher, die sich die Worte nicht zu Herzen genommen haben. Weder der echte rote Kreis, der die Gefahr, die von von Thalia Drummond ausgeht, nicht bemerkt hat, noch der falsche rote Kreis, der am Ende im Lagerhaus angesichts des vermeintlich anwesenden Mädchens einknickt.

Im Stahlnetz des roten Kreises

Rolands nüchtern-hanseatischer Krimistil ist eine Abwechslung zu den Action- und Thrill-Elementen Reinls. Und nicht nur die Regie, eigentlich fast alles in diesem Film bricht mit den Konventionen des Erstlings. Der jugendliche Held ist nicht, was er vorgibt zu sein und die - nicht zu rettende - Schönheit hebt sich von beiden Frauenrollen des Vorgängers ab. In diesem Fall ist es leider der Erstling, der sich als stilprägender für die Reihe erweist. So wird der lebensrettende Einbruch bei dem geliebten Menschen in der Gräfin zum Beispiel wieder klassisch von dem Mann begangen. Eigentlich ist es erst wieder Peggy Ward im Banne des Unheimlichen, die eine ähnliche eigene Tatkraft entwickelt wie Thalia Drummond. Schade. Das hätte für Abwechslung gesorgt. Auch der Typus des alterfahrenen, reifen, etwas kauzigen, hintergründig aber sehr gewitzten Chefinspektors wird innerhalb der Reihe leider wieder verloren gehen. Umso mehr wissen wir was wir an den beiden ersten Filmen, den Wallace-Krimi-Experimenten haben.

Dafür kann man allerdings im Kreis für den Bruchteil einer Sekunde schon den Giallo aufblitzen sehen, als die schwarz behandschuhten Hände nach Lady Doringhams Hals greifen und die Kamera zur Perspektive des Mörders wechselt.

Anstatt gewisse dramatische Highlights zu setzen, wird hier das Tempo in der Tat besser über den Film verteilt, was ihn noch runder wirken lässt als den Frosch. Und wie ebenfalls schon von Vorrednern erwähnt: Die Dialoge sind wirklich klasse und voller versteckter Andeutungen ("Muss das gleich sein, Papi?" oder dass Parr weiß, dass man nur mit Handschuhen Bogen schießt, von wem wohl?). Macht Spaß, zuzuhören und sagt mir mehr zu als die übertriebene Komik mancher Nachfolger. Humor aus den Charakteren heraus, statt als Pflichtaufgabe innerhalb der Erfolgsformel. Lobenswert.

Die Schattenseiten Londons

Ja, auch ich spiele mal ein bisschen Logikpolizei.

Wie hat zum Beispiel der rote Kreis den roten Kreis unter den Teller des Seemanns bekommen?
Warum schaut Yale in Thalias Tasche, in dessen Folge Brabazon hochgeht? Und warum versteckt der rote Kreis ihn dann in Beardmores Lagerhaus?
Wieso gibt der Gefängnisdirektor einfach so Originale an die vermeintliche Presse?
Warum lachen der falsche und der echte rote Kreis genau gleich?

Und überhaupt der falsche rote Kreis. Den hätte man sich komplett sparen können. Hatte man kein Vertrauen zum Roman? Während man im Frosch noch zugunsten der Logik geändert hat (Beleuchter!), erfindet man hier stattdessen neu, anstatt prekäre Punkte der Vorlage sorgsam anzupassen. So ist Osborne für mich leider ein störender Fremdkörper innerhalb des Films, kein wirklicher "Wallace-Type" wie zum Beispiel ein Froyant oder Marl. Immerhin, der doppelte rote Kreis ist sauber aufgelöst und nicht so verwirrend wie der doppelte schwarze Abt und das Finale ist gelungen inszeniert und gespielt.

Bei Technikfragen...

Wie hat man eigentlich die Einstellung gemacht, in der der LKW in die Fässer hineinfährt und man Brabazon eindeutig dazwischen hocken sieht? Das sieht so echt aus!
Und wie aufwendig wäre es wohl in unserem Digitalzeitalter, das Symbol des roten Kreises tatsächlich in jeder Einstellung rot einzufärben, wie es die Wunschidee Jürgen Rolands war? Wäre das genauso aufwendig wie damals?

Archibald Finch Offline




Beiträge: 30

20.11.2018 08:27
#142 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Ich habe mir den Film auch angesehen gestern Abend. Ich war etwas überrascht, hatte ich den Roten Kreis ewig nicht gesehen. Es ist nicht der Wallace der bei mir oft in den DVD Player fliegt. Ich war doch sehr positiv überrascht hatte ich den Film doch etwas lahm und verwirrend in Erinnerung. Er ist natürlich komplett anders inziniert als der Frosch. Aber sehenswert es lädt ein zum miträtseln Wer hinter dem roten Kreis steckt. Habe auch eigentlich fast nichts zu bemängeln ausser eben das man sich das mit dem doppelten Roten Kreis hätte sparen können. Warum versteckt der falsche Rote Kreis das kleine Mädchen in dem selben Lagerhaus wie der echte Rote Kreis den Bankier. Da London ja so gross ist. Was ist das für ein Zufall? Und warum versteckt er den Bankier überhaupt? Ansonsten ein sehr ansprechender und sehenswerter Film. Würde nach der bewertung 3,5 von 5 Punkten geben. Gegen den Frosch fällt er doch etwas ab. Die Rolle der Thalia Drummond ist herrlich undurchsichtig. Das Ende hatte ich gar nicht mehr so im Kopf.

Josh Offline




Beiträge: 7.928

20.11.2018 22:15
#143 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Ich habe mir den roten Kreis am Wochenende seit Ewigkeiten mal wieder angeguckt, der Film hat nichts von seiner Klasse verloren. Größter Pluspunkt ist für mich Renate Ewert, die eine, für die damalige Zeit, ungewöhnliche Frauenrolle spielt und Eddi Arent, der mir hier richtig gut gefällt, im Frosch hat er mich genervt. Wenn man das Ende nicht kennt, sind die Rollen von Saebisch und Wussow ähnlich angelegt wie Lowitz und Blacky im Frosch, der alte Ermittler, der mehr weiß, als er zugibt, und der junge forsche Detektiv, das ähnelt doch sehr. Insgesamt ein starker BEitrag der Reihe mit Logiklöchern, die Vergiftung im Knast wirft Fragen auf, und das nur Marl Lightman erkennt, ist auch nicht sehr glaubhaft, gab es damals keine Fahndungsfotos? Aber das interessiert bei sehr unterhaltsamen Filmen eigentlich niemanden, mich zumindest nicht, da hier Wertungen vorgenommen werden, 3,5 von 5, der Film ist klasse, aber es kommen noch erheblich bessere Beiträge.

Dr.Mangrove Offline




Beiträge: 107

20.11.2018 23:03
#144 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Der rote Kreis gehört für mich zu den besten Filmen der Reihe - nicht unbedingt nur wegen der guten Story mit überraschendem Ende und der durchaus straffen Inszenierung von Roland, sondern hauptsächlich wegen der starken Besetzung, allen voran Renate Ewert. Wie schon oben geschrieben wurde, spielte sie eben nicht das typische 50er-Jahre-Frauchen sondern eine selbstbewusste Frau mit Sinn für Ironie. Auch wenn Karin Dor optisch meine Favoritin ist, hat mich doch ihr vergleichsweise etwas biederes Frauenbild, das sie in den Filmen darstellte etwas gestört. Es ist wirklich schade, dass Renate Ewert so früh von uns gegangen ist - eine weitere tolle Rolle spielte sie übrigens in der Komödie "Die verpfuschte Hochzeitsnacht" mit Grethe Weiser, Dietmar Schönherr, Rudolf Vogel und Claus Biederstaedt (leider bisher nie auf DVD erschienen).

Aber auch Ulrich Beiger spielt wie immer überzeugend den verschlagenen Charakter, genauso wie Richard Lauffen. Fritz Rasp ist eh unersetzlich, Fürbringer spielt den Sir Archibald zwar unauffällig - aber Schürenberg als Sir John war mir immer eine Spur zu trottelig. Karl Georg Saebisch ist als Chefinspektor ebenfalls eine hervorragende Wahl, Eddi Arent immerhin nicht ganz so nervig wie in späteren Filmen...

Mit Wussow und seinen schauspielerischen Leistungen habe ich persönlich schon eher ein Problem, aber das ist wohl Geschmackssache - ich mochte ihn einfach nie.

Insgesamt ein handwerklich hervorragender Film. 4 / 5 Punkte

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 646

21.11.2018 14:11
#145 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Wie von einigen Forenkollegen schon angemerkt, erscheint der Rote Kreis im Film eher wie ein Einzeltäter, als dass er sich auf eine große rücksichtslose Organisation stützen könnte, wie es z.B. beim Frosch mit der Maske der Fall ist. Genaugenommen hält sich der Film hier aber an die Romanvorlage. Auch hier sind, genau wie im Film, die einzigen namentlich bekannten Mitglieder des Kreises der untreue Bankier Brabazon und die undurchsichtige Thalia Drummond. Einmal wird eine Dame in Diensten der Organisation erwähnt, die den „Lockvogel“ Thalia mit einem leichtlebigen Politiker bekanntmacht. Bei dieser Gelegenheit erfährt man beiläufig, dass zu den „hundert“ Mitgliedern des Roten Kreises unter anderem auch Buchhalter, Hotelchefs sowie ein Eisenbahndirektor gehören. Nur der Chef kennt sie alle, ansonsten erscheinen sie eher schemenhaft im Hintergrund und anonym, obwohl sie sich sogar alle einmal in der Dunkelheit einer abgelegenen Kirche treffen. Doch ihre Tätigkeit für den Obersten beschränkt sich meist nur auf Handlangerdienste, die einen gewissen gesellschaftlichen Einfluss voraussetzen. Die Verbrechen und speziell Morde und werden vom Chef selber begangen oder von dafür angeheuerten, sozial tief stehenden Gestalten (mit denen es immer ein schlechtes Ende nimmt), die aber nicht direkt zum Kreis gehören.
Das ist tatsächlich ein Unterschied zum Frosch, der sich zahlreicher Unterführer mit großen Handlungsbefugnissen (etwa Nummer Sieben) bedient und dessen Organisation zum großen Teil aus Landstreichern und Gewohnheitsverbrechern der Unterschicht besteht.
Offenbar ist der Rote Kreis da „intellektueller“ veranlagt. Tatsächlich hat er ja auch gewisse übersinnliche Begabungen.
Auch im Buch erkennt man den Roten Kreis eher als energiegeladene Einzelperson, mit der alles steht und fällt.
So gibt es auch im Film als gezeigtes Bandenmitglied außer dem unglückseligen Bankier und der schönen Thalia nur noch einen namenlosen jungen Burschen in Dienstuniform, welcher dem ahnungslosen Harvey Froyant im Zug vergifteten Tee verkauft. Seltsamerweise erstreckt sich die Macht des Roten Kreises sogar bis in ein französisches Zuchthaus, aus welchem Informationen über Froyants Besuch herausgeschmuggelt werden. Wer hat das eigentlich organisiert?

Wenn man es vergleicht, dann ist der Frosch die romangetreuere Adaptation. Schade, dass das beim Kreis nicht so ganz der Fall ist. Einige Handlungsstücke aus dem Buch wurden übernommen, etwa natürlich der Prolog mit dem Nagel in der Guillotine, Beardmores Bedrohung und spätere Ermordung, Thalia Drummonds Arbeit bei Froyant und ihre Einführung beim Roten Kreis, Felix Marls als Lightmans ehemaliger Mittäter, Derrick Yales Betäubung und der Gelddiebstahl in seinem Büro, der Seemann Sibly und seine Vergiftung in der Zelle, Brabazon als Geldwäscher und sein Versteck am Flusshaus, Froyants Reise nach Frankreich ins Zuchthaus von Touluse usw. usw. Einzelne Dinge wurden geschickt variiert, etwa der Einsatz von Pfeil und Bogen als Mordwaffe, Marls Mordversuch an Derrick Yale (wobei man denken soll, der Rote Kreis hätte es getan), auch die Ermordung von Felix Marl im Paternoster ist recht effektvoll in Szene gesetzt, desgleichen der Mord an Brabazon, der doch ziemlich brutal ist.
Aber leider hat der Regisseur besonders zum Schluss hin viele Änderungen an der Geschichte vorgenommen, die meines Erachtens nach nicht sehr vorteilhaft sind. Das Buch hätte z.B. mit Froyants Ermordung in seinem Arbeitszimmer mitten unter den Augen der Polizei, mit der versuchten Erpressung der englischen Regierung sowie dem Mordversuch an einem Kabinettsmitglied sowie Thalias anschließender Flucht durchaus noch passablen Stoff für den Film abgeben können. Statt dessen hat der Filmschaffende mit dem vielzitierten "falschen" Roten Kreis ein vollkommen unnützes Element in die Handlung gebracht. Einige Nebenpersonen aus dem Buch wurden weggelassen, etwa das Gaunerpärchen Flush Barnet und Millie Macroy, oder die Figuren wurden umgeschrieben, wie Sergeant Haggit, dessen Name im Roman für einen zweifelhaften Anwalt steht. Dazu kommt die erfundene Lady Doringham (es muss ja auch wenigstens ein weibliches Opfer geben). Das ist ja auch in Ordnung, aber der von Ulrich Beiger gespielte Mr. Osborne ist irgendwie überflüssig, der Schauspieler hätte viel besser den lüsternen Parlamentarier Mr. Willings aus dem Buch spielen sollen. Offenbar wollte Jürgen Roland in die ganze Geschichte ein klassisches Element bringen, familiäre Verstrickungen, die die altmodische Auflösung zum Schluss rechtfertigen sollen. Da gibt es den verdächtigen Neffen, der ein Millionenerbe geworden ist, dann das uneheliche Kind mit der heimlichen Geliebten, deren Bild sogar in unfreiwilligem Brabazons Schlupfwinkel steht, und weitere falsche Spuren, die zu der eigentlichen Story des rücksichtslosen wahllosen Erpressers überhaupt nicht dazupassen.

Und dann die Logik… Einige meiner Vorredner haben ja auch schon auf die schlimmsten Fauxpas‘ hingewiesen, etwa wenn Derrick Yale Thalias Handtasche durchsucht und damit die Polizei auf die Spur von Brabazon bringt, den er erst kürzlich unter großem Aufwand in den Kreis aufgenommen hatte. Ansonsten wäre auch , wie schon erwähnt, der rote Kreis unter dem Teller des vergifteten Gefangenen anzumerken. (Ähnlich sinnwidrig war auch die literarische Vorlage, wo ein roter Kreis aus Papier im Trinknapf des Opfers schwamm, welchen es da wohl kaum ausgetrunken hätte.)
Auch dass die Handlung schon bei 19 Opfern des Verbrechers einsetzt, muss man erst mal schlucken. Was haben die Polizisten eigentlich da die ganze Zeit bisher gemacht, und wieso ist Chefinspektor Parr noch im Amt? Hat der Erpresser überhaupt schon Geld eingenommen, oder bisher nur Morde verübt und Ausgaben gehabt?
Aber der falsche Rote Kreis setzt allem die Krone auf. Nicht nur, dass er genauso lacht und sich sonst verhält wie das Original, er bringt auch die entführte Dorothy in das Lagerhaus, das auch vom echten Gangster als Versteck für Brabazon benutzt wird. Wer hat den nun eigentlich umgebracht ? Der „falsche“ Kreis, weil er einen Zeugen beseitigen wollte, oder der „richtige“ Kreis, weil sich Brabazon entgegen seinen Anweisungen aus dem Lagerhaus entfernt hat ? Gibt es da überhaupt irgendeinen Sinn?
Naja, das gibt irgendwie schon deutlichen Punktabzug.

Aber im Grunde ist es ein schöner altmodischer Krimi. Mein persönliches Highlight ist hier Eddi Arent, dessen süffisant-hintergründige Sticheleien gegen seine Vorgesetzten im Allgemeinen und gegen Sir Archibald im Besonderen einfach zeitlos köstlich sind. Auch die anderen Schauspieler verdienen diese Bezeichnung, es wabert schöner Nebel durch Schwarzweiss-„London“, die Geschichte ist trotz ihrer Unlogik straff erzählt.
Vielleicht ist der Film eher weniger wegen des Nichtauftretens eines bekannteren Helden (Fuchsberger, Lowitz, Dor) verhältnismäßig unbekannt als wegen des Fehlens einer wirklich markanten Verbrechergestalt mit bizarrem Aussehen (Froschmaske, Galgenhand, Bogenschützenuniform, Blinder Jake, …). Der schwarzvermummte Geselle mit Hut und Handschuhen sieht zwar schon gruselig aus, aber bleibt nicht so im Gedächtnis haften wie andere Figuren aus dem Wallace-Kosmos.

Persönliche Wertung: 3,5 von 5 Punkten

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

21.11.2018 23:55
#146 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Du deckst die logischen Schwächen des „roten Kreises“ schonungslos auf und es fällt schwer, aus Sicht eines Befürworters des Films dagegenzuargumentieren. Roland, Eis und Menge hätten hier wohl wirklich mehr auf Stringenz als auf den dramaturgischen Verwirrungseffekt setzen sollen.

Ich muss dennoch sagen, dass mich die eventuellen logischen Unebenheiten des Films bei der aktuellen Sichtung nicht mehr so stark gestört haben. Ähnlich wie beim „Frosch“ haben wir es hier in den allermeisten Fällen eher mit Unwahrscheinlichkeiten oder unausgesprochenen Details als mit dezidierten Fehlern im Sinne einer faktischen Unmöglichkeit zu tun. Völlig unglaubwürdig ist nichtmal der vielkritisierte Subplot um den „falschen roten Kreis“. Als Mieter in Mr. Beardmores Geschäftshaus ist es für Mr. Osborne völlig legitim, sich aus Zufall ebenfalls das Beardmore’sche Lagerhaus an der Themse als Unterschlupf für das entführte Kind auszusuchen. Auch sein mit dem Kreis fast identisches Auftreten ist akzeptabel, denn – wie du richtig schreibst – der rote Kreis verfügt ja nicht gerade über eine ausgefallene Maskerade. Wenn man unerkannt bleiben will, sich eine dunkle Maske überzieht und einen Hut aufsetzt, sieht man nunmal so ähnlich aus. Wer genau hinschaut, erkennt die Unterschiede zwischen dem echten und dem falschen Kreis: Mr. Osborne wurde, wenn ich es richtig gehört habe, nicht von Friedrich Schütter nachsynchronisiert und fährt außerdem einen anderen Wagen. Mit Ausnahme des am Ende der Lösegeldübergabe eingespielten (und dann doch von Schütter stammenden) Lachens ist da nichts, was nicht zumindest im Bereich des Möglichen liegt. Und aus dem einen Lachen – einem Moment von eins, zwei Sekunden – möchte ich nicht dem ganzen Film einen Strick drehen.

Am unausgewogensten ist wohl wirklich die Figur von Brabazon, mit der der Film nicht das meiste anzufangen weiß. Sein Tod wird nicht wirklich geklärt, aber das bedeutet nicht, dass der echte rote Kreis damit nicht einen sinnvollen Plan verfolgt haben mag. Osborne kann nicht für den Tod von Brabazon verantwortlich sein, da dieser unmittelbar nach seiner kompromittierenden Beobachtung überfahren wird und Osborne vorher keinen Grund und hinterher keine Chance gehabt hätte, das einzufädeln.

PS: Die Szene aus dem Roman, in der sich die Mitglieder der Kreis-Bande in der nächtlichen Kirche treffen, ist mir als ungemein stimmig in Erinnerung geblieben. Schade, dass weder der Film noch das Europa-Hörspiel diese Szene nutzten und es im Rahmen der Hörplanet-Wallace-Serie nicht mehr zu einer Adaption des „roten Kreises“ gekommen ist. Generell könnte man aus der Romanvorlage sogar den Stoff für einen Mehrteiler herausholen.

Ray Offline



Beiträge: 1.933

21.11.2018 23:59
#147 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Auch von mir nach frischer Sichtung wieder ein paar Gedanken.


Am liebsten sind mir solche Auflösungen, die aus dem Rahmen fallen, auf die ich bei der Erstsichtung aber trotzdem gekommen bin: so geschehen bei "Der rote Kreis" und "Zimmer 13". Diese kleinen persönlichen "Triumphe" haben dazu geführt, dass ich beide Filme nach der Erstsichtung im Vergleich zu anderen Filmen, die ich schon weit häufiger gesehen hatte, besser eingeschätzt habe, als ich es nunmehr tue, nachdem ich sämtliche Wallace-Filme ein paar Mal gesichtet habe. Alles in allem würde ich "Der rote Kreis" wie schon den "Froch" als sehr guten deutschen Kriminalfilm bezeichnen, der unter den Wallace-Filmen aber nicht zu den aller besten zählt.

Bei der Figurenkonstellation bleibt man sich auf Männerseite auf den ersten Blick weitgehend treu: einem erfahrenen, im konkreten Fall aber - um es vorsichtig zu formulieren - bislang "glücklosen" Inspektor wird ein junger, dynamischer Privatschnüffler an die Seite gestellt, um einen gerissenen, in der Art der Verbrechen "flexiblen" Gauner dingfest zu machen, der am Tatort regelmäßig ein Zeichen, nämlich einen roten Kreis hinterlässt. Aus dramaturgischen Gründen fällt Klausjürgen Wussow, der den Privatdetktiv Yale gibt, für das romantische Ende weg, ihn vertritt daher eine zwischendurch eher untertauchende Figur, verkörpert von Thomas Alder. Eine "Doppelfunktion" kommt diesmal auch der weiblichen Hauptfigur zu: sie ist nicht nur diejenige, die am Ende "lebenslänglich" bekommt, sondern auch "undercover" für die Polizei unterwegs. Von den diese Rollen bekleidenden Darstellern ist Renate Ewert hervorzuheben, die aus einer für Genre-Verhältnisse dankbaren Rolle sehr viel herausholt. Man nimmt ihr das "Früchtchen", das sie über weite Strecken des Films spielt, sofort ab und nimmt daher den ein oder anderen Wink mit dem Zaunpfahl ihre Figur betreffend kaum wahr. Ich meine, dass ich bei der Erstsichtung über die auf sie bezogene "Auflösung" tatsächlich überrascht war. Da man die Thalia Parr kaum wirklich kennt, ist man sich unschlüssig, ob sie und Beardmore wirklich ein gutes Paar abgeben. Karl Georg Saebisch macht seine Sache als reflektierter, mit hintergründigem Witz ausgestatteter Yard-Ermittler recht gut, wenngleich seine Darbietung in der Gesamtwürdigung der Reihe doch einen Ticken zu unspektakulär ausfällt. Da haben viele seiner Nachfolger ganz andere Duftmarken setzen können. Dadurch, dass vergleichbare Rollen fehlten und es in anderen Sparten bessere Besetzungen gab, war für Saebisch schon nach dem folgenden Film Schluss. Klausjürgen Wussow ist formal zunächst als Ersatz für Joachim Fuchsberger zu betrachten, muss seinen Derrick Yale aber noch mit etwas anderen Attributen ausstatten. Neben dem bodenständigen Parr ist der selbstbewusste Yale der richtige Gegenpart, der von Wussow glaubwürdig dargestellt wird, weshalb er sich für weitere Auftritte empfehlen konnte. Eddi Arent darf den Kriminalassistenten geben, der abgesehen von seinem maskierten Auftritt gegen Mitte des Films vor allem durch spitze Bemerkungen auftrumpfen darf. Inwieweit es normalerweise in seinen Aufgabenbereich fällt, einem Gefangenen seine Mahlzeit zu bringen, darf allerdings bezweifelt werden. Thomas Alder steht der Heimat- und Schlagerfilm ins Gesicht geschrieben, im Ensemble fällt er als eher schauspielerisches Leichtgewicht etwas aus dem Rahmen. Mit Filmpartnerin Ewert eint ihn ein früher Tod. Von den übrigen Nebendarstellern sind Fritz Rasp, dessen Koteletten schon eine Prise 1970er-Charme versprühen, und Ulrich Beiger zu nennen, der hier schon herrlich durch und durch versnobt auftritt - Mimik und Ausdruck sind ein Gedicht!

Inszenatorisch fällt als Parallele auf, dass man auch im "roten Kreis" durch schnelle Szenenwechsel unterschwelligen Verdacht schüren will. So wird nach einem plötzlichen Schnitt groß Beardmore eingeblendet, wie er aufällig lacht, für einen kleinen Moment scheint sogar die "Lache" des synchronisierten roten Kreises hiningeschnitten zu sein. Anschließend darf sich der Zuseher ausgiebig von den Bogenschießkünsten seines Neffen machen, wenig später wird der alte Beardmore durch einen Pfeil getötet. Wie schon geschrieben wurde, gelingt eine finale Zuspitzung der Spannung nicht wirklich, vielmehr bewegt sie sich nahezu durchgängig auf mittlerem Niveau, wobei sich gleichzeitig auch keine Durchhänger einschleichen. Der an "Stahlnetz" erinnernde Kommentar aus dem Off zu Anfang des Films wirkt immer wieder befremdlich. Geglückt ist demgegenüber wie schon angedeutet der Umgang mit Humor, der sich ähnlich wie später in den "toten Augen von London" vor allem aus Dialogwitz speist ("Wir brauchen Männer, die lachen können." - "Da werden Sie hier in Scotland Yard nicht viele finden.") Die Auflösung gehört mit zu den besten der Reihe. Logiklöcher sind vorhanden (vor allem der hier schon mehrfach angesprochene Teller), stören das Vergnügen aber kaum. Der titelgebende Täter wirkt durch seine dezente Maskerade noch ein ganzes Stück bedrohlicher als sein Vorgänger und die meisten seiner Nachfolger. Die Auftritte, in denen er plötzlich auf der Rückbank auftaucht und dann stimmig synchronisiert "loslegt", fallen ausgenommen effektvoll aus. Aus diesen Gründen sowie der Besetzung, die ausgenommen von Arent an vorderster Front weitgehend ohne "Wiederholungstäter" auskommt, geben dem "roten Kreis" eine gewisse Sonderstellung, weswegen seine Sichtung immer wieder aufs Neue lohnt. Summa summarum bewegt er sich mit dem Vorgänger auf gleichem Niveau, daher wiederum 4,5 von 5 Punkten.

brutus Offline




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22.11.2018 07:07
#148 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Mal eine Frage an die Experten: der Mann, der in der Restaurant-Szene hinter Richard Laufen am Nachbartisch sitzt, ähnelt doch verdammt Friedrich Schütter.
Könnte er es sogar selber sein ?

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

22.11.2018 08:58
#149 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Zitat von Ray im Beitrag #17
Aus dramaturgischen Gründen fällt Klausjürgen Wussow, der den Privatdetktiv Yale gibt, für das romantische Ende weg, ihn vertritt daher eine zwischendurch eher untertauchende Figur, verkörpert von Thomas Alder.

Und das ist genau der Punkt: Formal ist die Auflösung sooo überraschend, wie manche sie nennen, eigentlich gar nicht. Klar kam sie auch für mich bei der Erstsichtung unvermittelt, aber das lag eher daran, dass ich den "Kreis" in jugendlichem Alter und mit recht wenig sonstiger Krimi-Erfahrung kennengelernt habe. Wer sich mit den Konventionen des Genres auskennt, sollte aber immer mehr als misstrauisch werden, wenn eine solche Dreieckskonstellation auftaucht. Sobald sich der Heldin zwei Männer anbieten, ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich bei demjenigen, der nicht der romantic lead ist (und als solcher empfiehlt sich eindeutig der treuherzig-naive Thomas Alder in der niedlichen Bogenschießen-Szene), um den Schurken handelt. Auch bleibt Wussow bis auf wenige Ausnahmen relativ uninteressiert (= nur beruflich interessiert) an Thalia Drummond - ein eindeutiges Indiz dafür, dass etwas mit ihm "nicht stimmen" kann. Es wäre vergleichsweise noch überraschender gewesen, Jack Beardmore als "Kreis" zu entlarven, weil man diese Regel dann zumindest variiert hätte. Aber in Anbetracht der ohnehin schon vorgenommenen Änderungen an der Romanvorlage und der - wie schon beschrieben - eher überschaubaren schauspielerischen Fähigkeiten Thomas Alders ist es wohl besser, dass man auf einen solchen Taschenspielertrick verzichtet hat.
Zitat von brutus im Beitrag #18
Mal eine Frage an die Experten: der Mann, der in der Restaurant-Szene hinter Richard Laufen am Nachbartisch sitzt, ähnelt doch verdammt Friedrich Schütter. Könnte er es sogar selber sein?

Ich sehe, wen du meinst. Hier mal ein paar Vergleichsbilder - eins aus der genannten Szene im "roten Kreis" (links im Bild) und zwei aus "Stahlnetz"-Folgen von 1958: zuerst aus "Das zwölfte Messer" (rechts) und dann aus "Sechs unter Verdacht" (links, mit blondierten Haaren). Für meine Begriffe liegt zwar eine Ähnlichkeit vor, aber es scheint mir nicht Schütter selbst zu sein. Dessen Augenbrauen waren markanter und der Gesichtsausdruck ernster, weniger flapsig. Es wäre zwar ein netter Insider-Gag gewesen, Schütter in eine der Szenen in natura hineinzusetzen, aber darauf wird die Produktion aus Kostengründen wohl verzichtet haben, denn warum sollte man Schütter für so eine Cameo nach Dänemark kommen lassen, wenn er für die Nachsynchronisation der "Kreis"-Szenen vermutlich nur in Deutschland beschäftigt war?

BTW: An die Synchronprofis: Weiß man, in welchen Studios genau die nötigen Nachsynchronisationen bei einzelnen Wallace-Filmen vorgenommen wurden?

Angefügte Bilder:
004.png   035.png   Kreis.png  
brutus Offline




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22.11.2018 11:05
#150 RE: Wallace der Woche (02): Der rote Kreis (1959/60) Zitat · Antworten

Gerade Roland traut man so einen Insider-Gag ohne weiteres zu. Zumal sich beide aus Hamburg sicher kannten (nicht zuletzt wg. Schütters Stahlnetz-Auftritten).
Irgendeiner muss ja auch dafür verantwortlich gewesen sein, gerade Schütter für die Nachsynchro zu engagieren. Und Schütter könnte ja auch aus anderen Gründen zufällig vor Ort gewesen sein (von Hamburg nach Kopenhagen ist ja nicht gerade eine Weltreise). Das wär ja nicht der erste Film mit spontanen Cameo-Auftritten .

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